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Raphaels Schatten - Teil 13 bis 16

13

„Gabriel, erzählen sie uns ein bisschen von sich. Zwar weiß jeder Fan wer Raphael ist, doch sie kennt man nur als Geliebten und Bassisten. Was sollten die Fans über den Mann hinter der Maske wissen?“, fragte Klaus gerade, als Markus wieder in der Tür erschien und mit einem kurzen Blick verschaffte er sich Übersicht über die aktuelle Lage. Daniel wirkte noch entspannt. Das war gut.

Steffan zierte sich ein wenig, aber wer ihn kannte, wusste, dass es nur Show war. „Die Musik und Raphael sind mein Leben. Es ist nicht anders wie bei meinem Schatz. Ich mache seit meiner frühen Kindheit Musik und hatte seit dem immer eine Band. Aber unseren Fans dürfte es neu sein, dass ich nicht nur Bass spiele, sondern auch singe.“

Das war allerdings nicht nur den Fans neu sondern auch Daniel und Markus. Und während sich Markus ungeniert überrascht geben durfte, allerdings ohne das Interview zu stören, musste Daniel das überspielen. Was sollte das denn jetzt? Steffan und singen? Irgendetwas schmeckte ihm daran nicht, doch er konnte noch nicht sagen was. Denn er konnte sich nicht vorstellen, dass man ihn gegen Gabriel austauschen würde.

„Darf man denn dann mal auf ein Duett von euch hoffen?“, fragte Tobias und noch ehe Raphael etwas herum rudern konnte, sagte Steffan offen: „Sicher, auf dem nächsten Album.“

„Das ist ja eine Sensation und wir sind ehrlich gespannt.“ Tobias jubelte innerlich. Mit so etwas hatte er nicht gerechnet. Diese Information konnte man gewinnbringend verkaufen.

„Ja, das können sie auch“, erklärte Steffan selbstgefällig und nahm einen Schluck von seinem Cocktail. Er war zufrieden mit der Wirkung, nur der Schock auf dem Gesicht seines Lieblings war ihm ein bisschen zu gering ausgefallen. Doch er wusste, dass Raphael ein guter Schauspieler war. Er dürfte seine Wirkung auch bei ihm nicht verpasst haben. Die Singdrossel sollte ruhig wissen, dass er nicht unersetzbar war und schneller als ihm lieb war von der Bühne verdrängt werden konnte. Was der Kerl konnte, brachte Steffan doch allemal zusammen.

„Raphael, freuen sie sich schon darauf, endlich mit ihrem Freund zusammen singen zu dürfen?“, wollte Klaus wissen und Daniel konnte nur unterkühlt lächeln und nicken. „Natürlich“, versicherte er und hätte sich am liebsten die Zunge abgebissen.

Was hatte sich der Idiot nur dabei gedacht, so etwas rauszuposaunen? Wo wollte Steffan denn den Song hernehmen? Selber bekam er doch keine zwei Zeilen zustande. Aber Daniel ließ sich seine Gedanken nicht anmerken, sondern suchte kurz Markus’ Blick. Aber der zuckte auch nur mit den Schultern, damit Daniel wusste, dass er genauso überrascht war. Sie mussten das im Auge behalten. Das durfte nicht dazu führen, dass Steffan anfing Raphael den Rang abzulaufen, denn wenn er nicht einmal mehr singen durfte, dann war das alles sinnlos.

„Wollen wir nicht die Örtlichkeiten wechseln und sie zeigen uns ein bisschen die Wohnung?“, schlug Tobias vor und griff sich seine Kamera, er wollte gern ein paar Bilder machen.

„Sicher doch, dann folgen sie mir doch bitte.“ Daniel erhob sich und war froh, Gabriel für ein paar Augenblicke entkommen zu können.

Als erstes ging er vor in die Küche und erklärte, dass er hier, so oft es ging, für seinen Schatz und sich kochte. Nichts Großartiges, aber durchaus lecker. Während Gabriel erzählte, machte Tobias Fotos und bat Raphael immer mal wieder das eine oder andere zu tun, damit er es ablichten konnte. Er war begeistert, wie natürlich sich der junge Mann vor der Kamera benahm. Während Gabriel immer mal den Kontakt zur Linse suchte, war Raphael mit seiner Umwelt verschmolzen.

„Auch einen Kaffee?“, fragte Raphael und stellte schon Tassen auf den Tisch, für sich und Gabriel offen, die für die anderen vor der Kamera verborgen.

„Ja, gerne. Vielen Dank.“ Tobias und Klaus nickten lächelnd. Sie hatten nicht gewusst, was sie hier erwartete und hatten sich schon auf ein durchgeknalltes Musikerpärchen eingestellt. Sie waren überrascht, dass es hier so ruhig und zivilisiert zuging und Raphael ein angenehmer Gesprächspartner war. Da hatten sie schon ganz anderes erlebt und waren manchmal nur knapp mit heiler Haut davongekommen, als ihre Gesprächspartner ausflippten. Aber privat schien Raphael ebenso zurückhaltend zu sein wie auf der Bühne oder in Pressekonferenzen.

Daniel und Klaus setzten sich an den Tisch, während Tobias noch ein paar Bilder machte, ein paar Details ablichtete und auch Gabriel immer wieder zu seinem Motiv machte, der anfing mit der Kamera zu spielen. Irgendwie hatte er das Konzept Homestory noch nicht verstanden. Aber nun gut.

Jetzt wo Steffan nicht mehr so dicht auf Daniel hockte, konnte der ein wenig durchatmen und sich entspannen. Aus den Augenwinkeln beobachtete er den Bassisten, wie er versuchte immer wieder die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. „Sollen wir weitergehen?“, bot Daniel an, als sie den Kaffee ausgetrunken hatten und Klaus nickte. „Aber unbedingt. Ich bin schon auf die restlichen Räume gespannt.“

Aus der Küche führte der Weg ins Schlafzimmer, eigentlich hatte sich Daniel darum drücken wollen, doch es war einfach der nächste Raum. Die Mannschaft erst ins Bad zu locken wäre einer Flucht gleichgekommen und so betrat er den Raum und ging dann langsam rückwärts. „Den Raum bekommen Fremde eigentlich nicht zu sehen“, erklärte Daniel und so war es auch. Abgesehen von Markus und Jessie war dort noch niemand drinnen gewesen.

Na gut, Steffan jetzt auch, aber das hatte er nicht freiwillig erlaubt. Weil Tobias das gerne sehen wollte, setzte Daniel sich auf das Bett und hätte beinahe die Augen verdreht, als Steffan sofort neben ihm war. Aber ganz in seiner Rolle lächelte er seinen Liebling an und lehnte sich leicht an ihn.

„Das Liebesnest, hm?“, fragte Klaus und lachte verhalten, um Daniel seine Scheu zu nehmen. Es war unglaublich wie zurückhalten dieser Star war. Dates mit ihm wurden im hohen fünfstelligen Euro-Bereich gehandelt. Werbemacher rissen sich um ihn, lockten mit Summen von denen andere Stars nur träumen konnten. Doch Raphael blieb sich treu und verkaufte seinen Namen nicht für irgendeine Marke. Er war zu einer eigenen Marke geworden und dabei bodenständig geblieben, sehr angenehm.

„Sozusagen“, grinste Daniel schief, zum Glück hatte er die peinlichen Kondome noch verschwinden lassen, als er sich umgezogen hatte.

„Unser Lieblingsraum“, warf Steffan ein und küsste Daniel. Das wurde sofort aufgenommen und Daniel stöhnte innerlich. War ja klar, dass so etwas hatte kommen müssen. Fehlte nur noch, dass die Fotografen mehr Fotos von ihnen zusammen haben wollten. Das war sogar wahrscheinlich, denn so etwas wollten die Fans sehen. Allerdings waren Klaus und Tobias vom Fach und hielten nicht drauf wie Paparazzi, sondern warteten dezent, bis Steffan den Kuss löste, als er den Auslöser nicht mehr hörte.

„Raphael, wenn sie vielleicht ans Kopfende rücken würde und Gabriel sich auf ihre Beine legt? Das würde ein schönes Bild abgeben, glaube ich“, schlug Tobias vor, während Klaus noch ein paar Fragen stellte und sich weiter umsah.

Daniel tat wie geheißen und lehnte sich ans schmiedeeiserne Kopfende.

Er legte seine Hand auf Steffans Schulter, als dieser sich richtig auf ihm drapiert hatte und lächelte in die Kamera. Begeistert von dem Bild, das sie abgaben schoss Tobias ein Foto nach dem anderen. Auch als Steffan mal wieder einen Alleingang plante. Er drehte sich zu Daniel um und zog ihn zu einem Kuss zu sich. Das was sie bisher gezeigt hatten, war ihm einfach zu lahm.

Markus hinter der Kamera ballte die Fäuste. Was bildete der Kerl sich eigentlich ein. Daniel versuchte eine gute Story zu machen, seriös und informativ und der Kerl kannte immer nur ein Thema: ihr Sexualleben. Das war doch krank wie verzweifelt der Kerl versuchte, an Raphael vorbei auf die Titelblätter zu kommen.

Nach gebührender Zeit löste sich Daniel und holte tief Luft, ehe er Klaus entschuldigend ansah und der nutzte seine Chance, noch ein paar Fragen zu stellen, die die Fans interessieren dürften. Neue Touren, neue Platten, neue Videos. Er wollte Fakten nach denen sich die Leser die Finger leckten. Zwar sollte die Homestory zusammen mit ein paar anderen noch geplanten Fotostrecken als Bildband erscheinen, doch Klaus und Tobias hatten Achims Zusage, dass sie einen Artikel aus dem Material machen durften als Vorab-Leckerbissen.

Und diese Story ließ sich bestimmt prima verkaufen. Raphael hatte viel erzählt und auch gezeigt. Jetzt wollte er auch noch den Rest der Wohnung sehen, wenn es auch nur noch das Badezimmer war. Erst dann war ihre erste Fotostrecke komplett. Sie mussten dann nachher nur noch die weitere Fotosession besprechen und einen Termin dafür finden.

„Das Bad ist nicht sehr groß“, erklärte Raphael, als er vom Bett aufstand und langsam vorging, um auch den letzten Raum seiner Wohnung noch der Öffentlichkeit zu zeigen. „Aber für uns reicht es.“ Und wehe, Gabriel gab jetzt einen blöden Kommentar ab, der noch alles kippte. Bisher war alles gut gelaufen und am Ende noch ein Patzer war das letzte, was ihre Geschichte gebrauchen konnte.

Aber erstaunlicherweise hielt Steffan seine Klappe. Er war gerade ziemlich zufrieden, dass er sich in den Vordergrund gespielt hatte. „Klein aber sehr hübsch“, meinte Klaus, als er sich im Bad umguckte. Es war hell und freundlich und darum bat er Raphael sich vor den Spiegel zu stellen und so zu tun, als wenn er sein Make-up überprüfen musste. Also griff er sich einen Kajalstift und beugte sich zum Spiegel, schließlich wusste er theoretisch, wie es ging. Er hatte Markus oft genug dabei zugesehen und ein sanftes Lächeln huschte über sein Gesicht, als seiner und Markus’ Blick sich kurz im Spiegel trafen.

Ein letztes Bild, wie Raphael so tat, als würde er anfangen, sich auszuziehen, und die Session war abgeschlossen. Daniel war froh darüber, denn so konnte er sich für ein paar Augenblicke erholend auf die Couch fallen lassen, während Achim und Klaus sich ebenfalls setzten. Steffan blieb im Türrahmen stehen und betrachtete die anderen. Mal sehen, wie Raphael es vor Publikum aufnahm, dass Achim noch ein paar Fotostrecken geplant hatte? Vor allem die Aktaufnahmen. Er grinste.

„Ich danke ihnen für diese wirklich gelungene Arbeit. Raphael, ich muss ihnen wirklich ein Kompliment aussprechen, sie sind sehr natürlich vor der Kamera. Das war sehr professionell. Ich freue mich schon auf unseren nächsten Termin in den nächsten Wochen.“ Klaus lächelte Daniel an und Markus horchte auf.

Was für ein weiterer Termin? Davon wusste er gar nichts. Was hatte Achim da wieder angeleiert?

Und exakt die gleichen Fragen stellte sich auch Daniel, doch durfte er fragen? Stellte er Achim damit nicht als zweitklassigen Manager bloß? Doch dann entschloss er sich dazu, schließlich war er ein viel beschäftigter Mann, da konnte einem sicherlich auch einmal etwas durchgehen.

„Ich habe in den folgenden Wochen noch einige Termine, an welchen davon werde ich die Freude haben, noch einmal mit ihnen arbeiten zu dürfen?“, fragte er also und ignorierte Achim und Steffan absichtlich. Egal wie sie jetzt guckten oder was sie dachten, Daniel wollte es nicht wissen.

Klaus war allerdings nicht irritiert, sondern amüsiert. „Sie müssen wirklich sehr beschäftigt sein, wenn sie einen Termin vergessen, bei dem Aktfotos von ihnen gemacht werden sollen“, lachte der Fotograf. So was hatte er auch noch nicht erlebt.

Innerlich fiel Daniel die Kinnlade herunter, doch er konnte sich keine Blöße geben, wenn er sein Bild bei dem Reporter nicht zerstören wollte. Er war sich sicher, dass Achim bewusst kein Wort gesagt hatte, damit die Bombe jetzt platzte und Raphael sich nicht wehren konnte. „Auch so was kann vorkommen. Andere vergessen ihren eigenen Geburtstag“, sagte er aber lächelnd und versuchte die Ruhe zu bewahren – Aktbilder! Das durfte doch nicht wahr sein. Er war Sänger, verdammt noch mal, kein Pin up.

Er konnte Markus zwar nicht sehen, aber er wusste, dass sein Freund jetzt mit geballten Fäusten da stand und versuchte ruhig zu bleiben. Was Achim da machte, war eine Frechheit und so langsam hatte Daniel den Drang, allen zu sagen, was hier wirklich los war. Aber stattdessen lächelte er und sah Klaus entschuldigend an. „Jetzt werde ich ihn bestimmt nicht mehr vergessen.“

„Das hört man gern, wir sehen uns also sobald ich mich mit ihrem Management auf einen Termin und eine Lokalität einigen konnte. Schließlich sollen die Bilder der Hit werden, nicht wahr?“ Dabei sah Klaus zu Gabriel, der sicherlich auch reges Interesse daran hatte, dass sein Liebling ins perfekte Licht gerückt wurde. „Ich finde es sowieso sehr tolerant, dass es ihnen gar nichts ausmacht, ihren Liebsten in seiner verletzlichen Nacktheit mit all den Fans zu teilen.“

„Mein Schatz ist einfach zu wundervoll und einmalig, um ihn für mich allein zu beanspruchen. Ich habe nichts dagegen, wenn andere ihn sich von der Ferne ansehen, denn ich bin derjenige, der ihn abends in den Arm nehmen und lieben darf.“

Markus bekam bei den Worten fast das Kotzen. Steffan war so ein heuchlerisches Arschloch, aber eins, das wusste, wann er den liebevollen Liebhaber spielen musste. Und es wirkte, denn Klaus nickte verstehend.

„Ich kann also davon ausgehen, dass auch sie dem Shooting beiwohnen werden, Gabriel?“, fragte der Reporter und Steffan nickte heftig. Na so weit kam es noch, wenn es darum ging Bilder zu machen, Raphael den Ruhm allein zukommen zu lassen. Der Kerl war doch nicht einmal sehenswert. Sah aus wie ein Weib, keine Muskeln, mehr Tussi als Kerl. Wenn die Fans einen richtigen Mann sehen wollten, dann mussten sie ihn ansehen. Der direkte Vergleich würde einige zum Umdenken bewegen, so hoffte Steffan. „Natürlich“, sagte er lachend und goss Daniel mit diesem einen Wort Eiswasser über den Kopf.

„Das ist ja toll“, rang Daniel sich ab und hoffte, dass es nicht so klang, wie er es meinte. Aktfotos waren schon schlimm, aber Aktfotos mit Steffan waren die Hölle.

„Na das ist doch eine tolle Idee“, meldete Achim sich zu Wort. Er hatte sich bisher herausgehalten, weil er wissen wollte, wie Daniel sich verhielt. „Wir werden bestimmt einen Termin finden, an dem unser Paar gemeinsam teilnehmen kann.“

„Vergessen sie nicht die Fotostrecke mit Raphael im Bühnenoutfit. Wir haben dafür schon eine Ruine am Stadtrand aufgetan, unten im Grunewald. Sie wird perfekt passen, wenn die Lichtverhältnisse gut sind. Deswegen würde ich den Termin gern kurzfristig machen, wenn ich weiß, wie das Wetter wird. Spricht da etwas dagegen?“ Klaus sah zwischen Daniel und Achim hin und her.

„Nein, nein, gar kein Problem. Rufen sie mich an und ich mache es möglich“, beeilte Achim sich zu sagen, bevor Daniel Bedenken anmeldete. Der Sänger war in den letzten Tagen so komisch drauf, dass er ihm das zutraute.

Markus musste sich wegdrehen, damit Achim nicht mitbekam, wie wütend er war. Es war einfach unglaublich, wie Daniel hier einfach wie eine Ware behandelt wurde und er noch nicht einmal gefragt wurde, was er von der Sache hielt.

„Sehr gut, dann sind wir für heute fertig. Ich wünsche ihnen noch einen schönen Tag. Wir müssen uns leider ausklinken.“ Klaus erhob sich und Tobias packte schon sein Equipment ein. Er würde ja nichts sagen, aber er hatte sich die Bleibe zweier solcher Stars luxuriöser vorgestellt. Die Jungs mussten doch Unmengen von Geld verdienen, so oft wie Raphael in den Medien war. Aber es zeichnete sie aus, dass sie bescheiden geblieben waren.

Klaus und sein Kollege reichten allen die Hand und packten ihre Sachen zusammen. Daniel saß auf der Couch und wirkte ein wenig abwesend, darum setzte sich Markus zu ihm, als Achim die Fotografen an der Tür verabschiedete. „Alles klar“, fragte er vorsichtig, denn eigentlich wusste er, dass nicht alles klar war, so wie dieser Tag abgelaufen war.

Kurz sah Daniel Markus an, doch als er hinter diesem Steffan sah, der nur darauf zu lauern schien, dass Daniel etwas sagte, über das er herfallen konnte, ließ er den Blick wieder sinken. „Klar, warum nicht“, entgegnete er und Markus war der einzige, der wusste, dass Daniel das nur sagte, wenn er nicht anders konnte. Nichts war klar – verdammt, gar nichts!

Nacktfotos – er wurde immer noch nicht fertig darüber. Wie konnte Achim so was zulassen? Das war entwürdigend. Und wieder kam der Zweifel, war es das wirklich wert.

Es tat Markus in der Seele weh, seinen Freund so zu sehen, aber er verzichtete darauf, Steffan anzufahren, denn das wäre Daniel bestimmt nicht recht. Er wollte gerade aufstehen, als Achim wieder ins Wohnzimmer kam. Er war recht gut gelaunt, weil alles prima geklappt hatte mit den Aufnahmen, was aber nicht hieß, dass er seinen Sänger vom Haken ließ. „So lange Steffan hier wohnt, wirst du immer im Kostüm und geschminkt rumlaufen“, stellte er darum gleich klar.

Daniel sah auf, doch er hatte nicht die Kraft, sich dagegen noch zu wehren. Er wollte, wirklich! Jede Faser seines Körpers versuchte Daniel vor Raphael zu schützen, doch ihm fehlte die Kraft. Das waren zu viele Erniedrigungen gewesen. Er konnte nicht mehr. Wortlos erhob er sich und verschwand im Schlafzimmer.

Markus lief ihm nicht sofort hinterher, denn er wusste, dass Daniel jetzt einfach etwas Zeit für sich allein brauchte. Er konnte aber auch nicht bei Achim und Steffan bleiben, denn die warteten nur darauf, dass er etwas sagte und sie einen Grund hatten, ihn rauszuwerfen. Darum ging er in die Küche und räumte, um sich zu beschäftigen, die gebrauchten Tassen in die Spülmaschine.

Grinsend sah ihm Steffan nach und zog Achim zu sich. Markus wusste sowieso, dass sie beide ein Paar waren, warum sollte er sich da noch verstecken? Und der würde schon seine Gründe haben, warum er es Daniel noch nicht erzählt hatte. „Lief doch besser als geplant“, flüsterte er seinem Freund ins Ohr. „Je mehr wir den Fratzenmaler anschießen, um so gehorsamer wird die Singdrossel. Nach den Nacktbildern wird er Wachs in unseren Händen sein, damit wir ihn endlich in Ruhe lassen. Doch der wird sich umgucken.“

„Ja, das wird er.“ Achim zog Steffan für einen harschen Kuss zu sich. Der Tag war zwar nicht ganz so verlaufen wie sie gedacht hatten, aber im Allgemeinen hatten sie erreicht, was sie wollten. „Du wirst ihn jetzt die nächsten Tage mürbe machen und dann ist er nach den Fotos reif. Ich habe da auch noch das eine oder andere, was ihm nicht schmecken wird.“

„Du bist genauso eine Ratte wie ich“, lachte Steffan und küsste Achim wieder. Daniel war erst einmal ruhig gestellt. Der hockte jetzt in seinem Schlafzimmer und versuchte zu begreifen, was alles passiert war. So schnell sahen sie den hier nicht wieder und so machte es sich Steffan bequem, griff nach der Fernbedienung und gönnte sich eine Auszeit. „Schade nur, dass er so ein Schauspieler ist, ich hätte sonst was für sein blödes Gesicht gegeben, als er erfuhr, dass er Nacktfotos machen wird, die veröffentlicht werden.“

„Ja, das war wirklich schade und auch dass sich der Pinselschwinger sich nicht dazu hinreißen lässt sich zu beschweren.“ Achim griff sich Steffans Cocktail und nahm einen genießenden Schluck. Man merkte gar nicht, dass da kein Alkohol drinnen war. Das Zeug schmeckte wirklich lecker. Es war noch nicht aller Tage Abend und mit ein wenig Geschick bekamen sie, was sie wollten, was bedeutete, dass sie viel Geld verdienten.

„Du weißt doch, Babe, das Glück kommt zu dem, der warten kann und wir warten einfach. Der Tag wird kommen, an dem Markus explodiert. Daniel ist zäh. Ich glaube, den kriegen wir so schnell nicht klein. Wir müssen jetzt an Markus ran und das soll Luzifer übernehmen. Soll er sich was einfallen lassen, wie er den Kettenhund in die Raserei treibt.“ Das war nicht ihr Problem und die Finger machten sie sich an dem Spinner schon gar nicht dreckig. Geld sorgte dafür, dass das andere übernahmen.

„Psst, nicht hier.“ Achim sah sich um und schüttelte den Kopf. „Ja, das mache ich gleich morgen früh“, flüsterte er. Achim wollte Luzifer nicht von hier aus anrufen, da war es zu gefährlich, dass einer davon mitbekam. Das konnte alle ihre Pläne vernichten. Wenn Markus das mitbekam, würde er sich wohl nicht mehr zurückhalten und sie anzeigen. Sie durften dem Kerl nicht in die Finger spielen, das hatte er schon bewiesen.

„Wetten, dass der gerade vor der Schlafzimmertür lauert, dass er rein gelassen wird? Daniel lässt den doch ohne es zu merken am ausgestreckten Arm verhungern. Wie blöd muss man eigentlich sein, um einem Mann nachzulaufen, der einen nicht will? Na ja, Raphael ist ja nun nicht wirklich ein Mann!“ Steffan lachte und griff Achim zwischen die Beine, drückte kurz zu. „So muss sich ein Kerl anfühlen.“

„Hng.“ Steffan hatte Achim überrascht, was aber nicht hieß, dass er es nicht genoss. Darum hielt er auch Steffans Hand fest, als der sie wieder wegnehmen wollte. „So läuft das nicht, mich erst anfixen und dann aufhören“, knurrte er leise und legte die Hand seines Freundes wieder dort hin, wo er sie haben wollte.

„Ich würde einen grünen Schein dafür geben, Raphaels blödes Gesicht zu sehen, wenn ich dir einen runter hole auf seiner Couch“, knurrte Steffan, „doch es wäre besser, er weiß noch nichts von uns. Das macht einiges einfacher.“ Zumindest sah das Steffan so, doch das hielt ihn nicht davon ab, seinen Freund geschickt und flink vor sich her zu treiben.

Markus sah sie auf seinem Weg ins Schlafzimmer und verzog angewidert das Gesicht. Aber sollten die sich ruhig vergnügen, Daniel war jetzt wichtiger. Er klopfte kurz an die Schlafzimmertür und trat ein. Daniel saß auf seinem Bett und wirkte völlig apathisch. Das war nicht gut. „Komm, geh dich duschen und dann zieh dir deine Laufklamotten an. Ich brauch Bewegung und du bestimmt auch.“

Völlig irritiert von einem Satz, mit dem er in dieser Situation nicht gerechnet hatte, sah Daniel auf und musterte Markus. Eigentlich hatte er im Moment andere Sorgen, doch plötzlich war ihm klar, dass Markus Recht hatte. Reden konnten sie hier nicht ohne Zuhörer, sich frei bewegen konnte sich Daniel auch nicht, ohne jedes Mal Steffan zu sehen, der nur auf Krawall gebürstet war. Und geändert bekam er an seiner Situation im Augenblick auch nichts. Also war es das Beste, den Kopf frei zu laufen. „Okay.“ Daniel erhob sich und holte seine Klamotten aus dem Schrank. „Ich muss hier wirklich raus, sonst kotz ich.“ Und das schmerzte, denn das hier war doch seine Wohnung, sein kleines Reich, dort wo er sich sicher fühlen sollte.

Markus war erleichtert, dass Daniel auf seinen Vorschlag eingegangen war und suchte sich selber auch etwas zusammen. Da war es schon praktisch, dass er fast immer hierher kam nach dem Joggen. So hatte er alles, was er brauchte, hier und musste nicht noch runter gehen. Während Daniel duschte, zog er sich um und wartete auf seinen Freund.

„Hab ich nicht vor ein paar Minuten was über Haare und Klamotten und Make up gesagt?“, schnauzte Achim, als Daniel aus der Dusche kam, denn darauf hatte er nur gewartet. Doch der ignorierte ihn. Er ging zurück ins Schlafzimmer, schmiss Perücke und Kostüm auf das Bett und schlüpfte in die Schuhe. Wortlos verließ er die Wohnung zusammen mit Markus, während Steffan irritiert auf die Tür guckte.

„Dich brech ich noch, du kleiner schmieriger Wichser. Dein Arsch ist schon verkauft.“

Er achtete aber darauf, dass der Sänger ihn nicht hören konnte. So konnten Daniel und Markus unbehelligt ihre Runde beginnen und ihren Kopf frei bekommen.


14

Die nächsten drei Tage waren Daniels persönliche Hölle gewesen. Steffan entpuppte sich wie erwartet als Haustyrann, dazu leider noch als absolutes Dreckschwein. Er ließ sein Zeug überall liegen, kleckerte ohne Rücksicht auf Verluste und machte sich in Daniels Bett breit, sodass der auf die Couch ins Wohnzimmer umgezogen war. Rücksichtslos fraß er den Kühlschrank leer, so dass Daniel, wenn er vom Training oder von Terminen kam, schon gar nicht mehr rein guckte, sondern außer Haus aß. Einmal – am Donnerstag – hatte er sich etwas bestellt, was Steffan ihm hemmungslos weggefressen hatte, während Daniel in der Dusche gewesen war und so war er das erste Mal in seinem Leben dankbar über Außentermine. Dann musste er die Peinlichkeit auf zwei Füßen nicht ertragen.

Der saß nämlich in Schlabberhose und Shirt auf der Couch und stopfte Chips in sich hinein. Für ihn galt nämlich nicht, dass er geschminkt und gestylt herumlaufen musste. Das war nur für Daniel zwingend erforderlich. Aber am meisten erschreckt hatte ihn Achims Forderung, dass Jessie exklusiv für ihn Designs erstellen sollte und er sie dazu zu überreden hatte.

Das musste man sich auf der Zunge zergehen lassen, bis heute hatte er keines der Kostüme bezahlt, die schneiderte Jessica in ihrer Freizeit und weil sie Daniel als Model geradezu ideal fand. Es war ihrer Güte zu verdanken und Daniels schlechtem Gewissen, der ihr immer mal wenigstens das Material bezahlte. Und dann kam dieser Kerl und verlangte, dass Daniel seine Freundin ausnutzte, sie verpflichtete für diesen Mann exklusiv zu arbeiten?

Das bedeutete nämlich nicht nur, dass Jessie weitermachte wie bisher, nein, Achim hatte größeres vor. Er wollte die Rechte an den Schnitten und sie in einer Ladenkette wie H&M an die Fans verscherbeln. Getreu dem Motto: sei wie Raphael, wir helfen dir dabei.

Daniel hatte es bisher noch nicht übers Herz gebracht, dies ernsthaft anzugehen, er hatte es angedeutet und sie gebeten, nicht ans Telefon zu gehen, wenn von seiner Nummer aus angerufen wurde, denn das hatte Achim schon versucht, als Daniel beteuert hatte, Jessica nicht erreicht zu haben.

Alles in allem hatte er nur an allen Ecken und Enden Kompromisse gemacht, um wenigstens ein wenig seine Ruhe zu haben, aber langsam war sein Limit erreicht. Daniel war am Ende seiner Kräfte und zu allem Überfluss hatte er nicht einmal Markus hier, an den er sich anlehnen konnte. Achim hatte bestimmt, dass der Stylist die Wohnung nur noch zum schminken betreten durfte. Das schlimme daran war, dass Markus sich Daniel zuliebe daran hielt, auch wenn er spürte, wie sehr sein Freund unter dem aktuellen Zustand litt. Doch der Kerl hatte nun einmal seinen Arbeitsvertrag in der Hand und so lange er in Daniels Nähe bleiben wollte, durfte er den nicht gefährden. Es war ein Teufelskreis, den nur Daniel selbst durchbrechen konnte, doch der kuschte immer mehr.

Heute war Samstag und seit fast drei Stunden hockte Daniel in seinem Schlafzimmer, hatte sich eingeschlossen und traute seinen Augen nicht, was er da in Händen hielt.

Ein Fotobuch – so wie man es überall bei Drogeriemärkten mit seinen eigenen Fotos drucken lassen konnte. Doch dieses Buch war nicht wirklich – konnte nicht wirklich sein. Es zeigte ihn und Luzifer. Auf jeder Seite! Innig umarmend, sich küssend, schmusend – auf jeder verdammten Seite! Doch damit nicht genug. Der Irre hatte angefangen sich auszumalen wie es bei ihnen wäre, wie sie sich kennen gelernt hatten, wie sich Raphael in ihn verliebt hatte.

Es war beängstigend, wie sehr sich der Irre in die Sache verrannte.

Das war so krank!

Daniel blätterte eine Seite weiter und schauderte unwillkürlich. Auf dem Foto guckte Daniel verliebt auf Luzifer. Er wusste, dass es eine Montage war, denn er kannte das Bild. Es war auf einem ihrer Konzerte aufgenommen worden und da gab es nur einen, den er für die Show so ansah.

Steffan.

Aber wie war der Kerl da dran gekommen?

Daniel schüttelte den Kopf, denn diese Gedanken beschäftigten ihn schon seit Stunden und er kam nicht weiter. Viele der Fotos, die hier für die Retuschierung und Montage benutzt wurden, waren keine offiziellen Fotos, die auf den Fanseiten ausgestellt worden waren. Und für private Schnappschüsse waren sie einfach zu gut und zu scharf. Man hätte schon ein Teleobjektiv haben müssen und die waren aus Gründen des Urheberrechts bei Konzerten grundsätzlich verboten.

Vielleicht kannte der Mistkerl jemanden vom Stuff, der ihn versorgte, doch das traute er den Leuten nicht zu. Zwar kannte er die wenigsten persönlich, aber dass sie einen Irren mit Futter versorgten, konnte er nicht glauben.

Aber wie war er dann an die Fotos gekommen? Daniel raufte sich die Haare und ließ sich nach hinten auf das Bett fallen. Er fand einfach keine Lösung. Das war zum verrückt werden. Dieses Album war beängstigend, aber beängstigender war für Daniel, dass Luzifer wohl mehr über ihn wusste, als er bisher gedacht hatte. Wie kam er an seine Informationen?

Woher wusste er, wie Raphael mit richtigem Namen hieß? Woher wusste er, wo Daniel wohnte? Woher wusste er, dass er mit Markus’ Wagen unterwegs war, um in der Tiefgarage am richtigen Auto zu lehnen? Der Kerl war beängstigend. Und seit der Kerl die Telefonnummern hatte, hatte Daniel seine Anschlüsse lahm gelegt. Das Festnetz war ausgesteckt, das Handy tot. Markus hatte ihm ein Neues besorgt, dessen Nummer nur seine Eltern, Jessie und Markus kannten. Es war sein letzter Draht zur Außenwelt aus diesem Knast.

Wenn er dann mal hier war. Eigentlich war Daniel ständig unterwegs. Achim hatte ihn mit Terminen und Training und Proben zugepflastert. Wobei Training und Proben noch das angenehmste war, denn dann konnte er singen und Markus bei sich haben. Wenn das nicht gewesen wäre, hätte er wohl schon lange durchgedreht, denn vierundzwanzig Stunden nur Steffan und Achim um sich zu heben war die Hölle. Das ging locker als eine der biblischen Plagen durch, die Moses über den Pharao hatte kommen lassen.

„Idiot“, knurrte Daniel und schüttelte über sich selbst den Kopf. Wütend schmiss er das blöde Fotobuch in eine Ecke und ließ sich nach hinten sinken. Markus hatte zu tun, Jessie war im Urlaub und selbst der Weg in die Küche geriet zum Spießrutenlaufen, weil Steffan sich auf der Couch vor dem Fernseher in seinem eigenen Dreck suhlte. So verwarf Daniel die Idee, sich einen Tee zu machen und zog die Flasche Wasser neben seinem Bett zu sich. Sie war noch nicht angebrochen, sonst hätte er wohl die Finger davon gelassen weil er Steffan alles zutraute, auch in die Flaschen zu spucken oder schlimmeres.

Er hatte gerade den Deckel von der Flasche entfernt, als es gegen die Schlafzimmertür bollerte. „Ey, du Schwachmat“, brüllte Steffan durch die Tür. „Achim kommt gleich. Komm aus dem Schlafzimmer, mach was zu essen und räum den Saustall hier auf. Ist ja ekelhaft, wie das hier aussieht.“

Daniel ließ die Flasche wieder sinken und versuchte zu begreifen, was er eben gehört hatte. Das war doch jetzt ein schlechter Scherz, oder? Er war doch nicht Steffans Putze und räumte dem den Dreck nach? Und wenn der noch so sehr an die Tür hämmerte, dazu ließ sich Daniel nicht herab. Er hatte es zwei Tage lang gemacht und keinerlei Resonanz bekommen, ebenso wenig Hilfe. Jetzt sollte Achim sich doch in den Dreck setzen, den sein Lieblingsmusiker gemacht hatte.

Immer lauter bollerte Steffan gegen die Tür, weil Daniel sich nicht zuckte und das ärgerte ihn. „Komm da raus, du Spinner oder möchtest du, dass ich Achim so einiges erzähle. Er wird bestimmt nicht begeistert sein, dass du dich weigerst mitzuarbeiten. Irgendwann hat er die Schnauze voll und schmeißt dich aus der Band. Mir soll es nur Recht sein, wenn du Versager endlich weg bist. Deine mickrige Stimme hat doch bisher verhindert, dass wir endlich so berühmt werden, wie es sein sollte.“

Er schien erreicht zu haben, was er wollte, denn Daniel schoss hoch. Das musste er sich nicht bieten lassen! Irgendwann war auch sein Limit erreicht. Es war das eine, ihn als Haussklaven zu halten, doch es war etwas anderes, ihm die Schuld zu geben, dass die Band nicht vorwärts kam. Wie denn, wenn es kaum noch Konzerte gab? Daniel brodelte vor Wut, es war, als wäre ein Schalter in seinem Kopf umgefallen und die Nebel vor seinen Augen lichteten sich. Verdammt, er war nicht der Grund! Er hatte sein Bestes gegeben und die Leute liebten ihn!

Er musste zu Markus – jetzt! Er musste mit ihm reden!

Also zog sich Daniel die Schuhe an und öffnete die Tür. Steffan, der selbstzufrieden davor stand und sich freute, dass er wieder den richtigen Schalter gefunden zu haben schien, um Daniel zu lenken, sah die Faust nicht kommen, die ihm die Nase plättete. Dann war Daniel aus der Wohnungstür.

Er rannte die Treppenstufen runter und schellte wenige Augenblicke später an Markus’ Tür. Der sah überrascht auf, als er die Schelle hörte und ging zur Tür, um sie zu öffnen. „Daniel“, rief er überrascht, als er seinen Freund sah, der sich auch gleich an ihm vorbei in seine Wohnung schlängelte. Markus konnte ihm nur hinterher sehen und dann hinterher laufen. Irgendwas musste passiert sein, denn normalerweise würde sein Freund nicht einfach unaufgefordert in seine Wohnung gehen. „Was ist passiert?“, fragte er Daniel und hielt ihn am Arm fest.

„Ich... ich!“ Daniel zitterte und ließ sich in die Küche schieben, wo Markus erst einmal die Tür hinter ihnen zu machte. Das war knapp gewesen, denn die Tür zu seinem Arbeitszimmer stand weit offen. „Ich“, versuchte es Daniel wieder und setzte sich, holte dabei tief Luft und versuchte sich zu beruhigen. „Steffan, ich habe ihm eine auf die Nase gehauen und bin weggelaufen!“

„Du hast ihm…?“ Markus` Augen wurden riesengroß. „Warum? Was hat das Arschloch gemacht, dass du das gemacht hast?“ Markus setzte sich zu Daniel und sah ihn neugierig an. Er machte sich Sorgen, denn dass Steffan sich das nicht gefallen ließ, war klar. Auf Daniel kam eine schwere Zeit zu.

„Er wollte mich aus der Band schmeißen, nur weil ich nicht seinen Dreck weggeräumt habe und Achim gleich kommt. Das geht so nicht!“ Daniel war aufgebracht und so schoss er hoch und lief wie ein Tiger im Käfig durch die Küche. Er hatte noch nicht einmal ein Auge für das, was ihn schon seit einer ganzen Weile interessierte und worum Markus immer so ein Geheimnis gemacht hatte. „Den ganzen Tag scheucht er mich wie einen Sklaven, vertreibt mich aus meinem Bett, saut alles ein, frisst den Kühlschrank leer und ich mache und tue ohne mich zu wehren. Aber mir dann noch zu drohen, dass ich die Band verlassen muss, wo er eh sagt, dass er selber singen will...“ Daniel sah Markus verschreckt an. „Das ging zu weit, das war zu viel.“ Seine Augen wurden feucht, denn er hatte das Ende seiner Karriere vor Augen.

Markus war sofort bei ihm und zog Daniel in eine feste Umarmung. „Steffan ist so ein Arsch“, knurrte er leise und war hin und her gerissen. Einerseits hatte er sich gewünscht, dass sein Freund sich endlich wehrte, aber dass er dafür so sehr in die Enge getrieben worden war, hätte nicht sein müssen.

„Der ist mehr als nur ein Arsch und wenn er Achim jetzt den Floh ins Ohr setzt, dass ich aussteigen soll, damit er endlich singen kann – das ist eine Katastrophe. Warum musste ich auch so austicken? Ein bisschen aufräumen wäre doch gar nicht schlimm gewesen“, machte Daniel einen Rückzieher, als ihm die Tragweite dessen, was passiert war, endlich vollends bewusst wurde. Er konnte das Zittern nicht verhindern, selbst wenn er wollte.

„Nein, Daniel.“ Markus nahm Daniels Gesicht zwischen seine Hände und sah ihn eindringlich an. „Du hast genau das Richtige gemacht. Achim wird dich nicht rauswerfen. Denn wenn er das tut, macht er kein Geld mehr. Er und Steffan bescheißen dich und die anderen schon seitdem die Band gegründet wurde. Sie brauchen dich, denn du bist der Grund für den Erfolg der Band.“

„Das sagst du jedes Mal, aber wenn es so wäre, wären sie nicht so blöd und würden mir mit dem Rausschmiss drohen. Das wäre doch völlig hirnrissig“, sagte Daniel und biss die Zähne zusammen. Er spürte Wut und wusste nicht auf wen. Auf sich selbst, weil er die Kontrolle verloren hatte oder auf Steffan, der ihn dazu getrieben hatte? Auf Achim, der ihn nicht mehr verschnaufen ließ oder Markus, der immer wieder versuchte, ihm einzureden, ohne ihn wäre die Band nicht so erfolgreich. Das war Schwachsinn, denn dann würde man anders mit ihm umgehen. Ganz sicher.

Markus seufzte. Wie sollte er Daniel erklären, warum Achim das machte, ohne sich selber zu verraten? War sein Freund schon so weit, die Wahrheit zu verkraften? Er sah Daniel an und fällte einen Entschluss. „Daniel, ich habe Beweise für das, was ich sage und die werde ich dir zeigen, aber vorher muss ich dir noch einiges erklären, was mir nicht besonders leicht fällt.“ Er setzte Daniel wieder auf einen Stuhl und füllte Wasser in den Wasserkocher. Dabei überlegte er sich, wie er anfangen sollte.

„Beweise?“, fragte Daniel etwas irritiert und sah Markus forschend an, warum drehte sein Freund ihm jetzt den Rücken zu und was wollte der ihm sagen, das ihm nicht leicht fiel? Daniel rechnete schon automatisch mit dem Schlimmsten und stand auf, drückte sich an die Wand. „Gehörst du auch zu ihnen? Sollst du auf mich aufpassen, wenn die beiden nicht in Reichweite sind, ist es das?“ Seine Stimme war lauernd ruhig, denn seine Welt brach gerade in Trümmer.

Markus wirbelte herum und sah Daniel entsetzt an. „Nein“, rief er schnell und schüttelte heftig den Kopf. „Ich würde mit diesen Verbrechern nie gemeinsame Sache machen. Ich habe bei jeder sich bietenden Gelegenheit versucht, ihnen die Suppe zu versalzen.“ Markus machte einen Schritt auf Daniel zu. „Das, was ich dir sagen muss, hat nur mit dir und mir zu tun. Oder besser, nur mit mir.“ Er wischte sich mit einer Hand über das Gesicht und ließ den Kopf hängen. „Es gibt da eine Menge, was du über mich nicht weißt.“

„Und was?“, fragte Daniel lauernd, drückte sich aber an den Kühlschrank. Sein Atem ging schnell und hektisch. Er wusste langsam nicht mehr, wer Freund oder Feind war und er wusste auch nicht, was Markus ihm bis heute verborgen hatte. Sein Freund hatte Geheimnisse, das sollte so nicht sein. Sie sollten keine Geheimnisse haben – nicht vor einander. „Wirst du mich verlassen, wenn ich aus der Band geflogen bin, weil du einen Vertrag mit Achim hast? Verdammt rede und schweig mich nicht so an!“ Daniel war außer sich, er wusste nicht, wo ihm der Kopf stand.

„Daniel.“ Markus sah seinen Freund erschrocken an, denn er konnte spüren, dass der Sänger völlig verunsichert war. Er musste etwas tun, damit Daniel nicht vor ihm weglief. „Ich bin dein Freund und ich werde dich nie alleine lassen, wenn du das nicht möchtest. Bitte vertrau mir noch einmal und lass mich dir erklären und zeigen, was ich dir verschwiegen habe.“ Markus griff sich Daniels Hand und zog leicht. Er musste seinem Freund zeigen, was sich in seinem Arbeitszimmer befand. Allerdings folgte Daniel nur widerwillig, als er vom Kühlschrank weg durch die Küche gezogen wurde. Es wurde auch nicht besser, als Markus die Tür öffnete und Daniel mit sanftem Druck über den Flur zog und in einen Raum, dessen eine Wand aus Monitoren bestand. Neun Stück im Quadrat zusammengesetzt. Davor ein großer Schreibtisch mit verschiedenen Tastaturen und Technikzeug, was Daniel noch nie gesehen hatte.

„Das ist... Steffan!“, sagte Daniel, „in meinem Wohnzimmer!“ Die Erkenntnis kam wie ein Hammerschlag und ließ Daniel zurücktaumeln. Was ging hier vor?


15

Markus griff fester zu und verhinderte so, dass Daniel wieder aus dem Raum ging. Er drückte seinen Freund in den Sessel vor dem Schreibtisch und holte tief Luft. Wo sollte er anfangen? Vielleicht am besten ganz am Anfang. „Kannst du dich noch daran erinnern, wie wir uns das erste mal begegnet sind?“, fragte er darum und lehnte sich an ein Regal. „Du bist in mich rein gelaufen und ich wollte dich eigentlich gerade anschreien, dass du besser aufpassen sollst, als du mich angesehen und gelächelt hast. Es hat mich wie ein Blitz durchzuckt und ich wollte von diesem Moment an nichts anderes, als es immer wieder zu sehen. Ich habe mich mit dir angefreundet und dich beschützt, so weit ich das konnte. Ich wollte keins deiner Lächeln verpassen. Nach der Schule haben wir uns aus den Augen verloren, was daran lag, dass ich nach Amerika gegangen bin, aber dich konnte ich nie vergessen.“

Dann herrschte eine Weile Stille. Daniel versuchte zu verstehen, was das Gesagte mit dem zu tun hatte, was er sah. „Das erklärt mir aber noch lange nicht, warum in deiner Wohnung Monitore hängen, auf denen zu sehen ist, was in meinem Wohnzimmer passiert“, sagte er verdächtig leise. Er versuchte zu verstehen, doch es machte keinen Sinn, zumindest keinen, in dem Markus gut weg kam.

„Wie gesagt, ich konnte dich nie vergessen. Du wurdest zu einer fixen Idee in meinem Kopf. Als ich aus Amerika zurückkam, habe ich versucht dich zu finden, aber ich war erfolglos. Und dann, eines Tages, bist du hier eingezogen. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Endlich hatte ich dich wieder. Ich habe mich nur als Choreograph bei der Band beworben, weil du dort gesungen hast. Der Rest interessierte mich nicht. Steffan und Achim konnte ich von Anfang an nicht leiden, aber erst später habe ich herausbekommen, was sie treiben.“

Bis hierhin, war es ja noch einfach, Daniel alles zu erklären, aber nun musste er erzählen, warum er die ganze Technik hatte. Dabei konnte er seinem Freund nicht in die Augen sehen. „Luzifer und ich haben etwas gemeinsam. Du bist unsere Obsession, das Wichtigste in unserem Leben. Nur haben wir beide vollkommen andere Beweggründe. Luzifer will dich besitzen wie eine Trophäe und beherrschen. Du sollst ihm gehören, um jeden Preis und sei es mit Gewalt und Psychoterror.“ Markus sah vom Boden auf und grinste schief.

„Ich bin auch völlig auf dich fixiert, ich beobachte dich aber aus einem ganz anderen Grund. Ich liebe dich, seit unserer ersten Begegnung.“

„Was?“ Daniel piepste nur noch. Das wurde immer verwirrender, was Markus da erzählte. „Was meinst du mit: du liebst mich, ich liebe dich auch, das weißt du“, entgegnete er, schließlich sagten sie sich das ständig. „Aber es hat doch nichts mit Liebe zu tun, wenn du meine Bude verwanzt und mich beobachtest. Das ist krank, krank!“ Daniel kam sich vor wie im falschen Film, das durfte doch jetzt alles nicht wahr sein. Er wollte erwachen in seinem Bett und alles war wie vorher.

Das hatte Markus befürchtet. Was sollte er nur machen, um Daniel verständlich zu machen, was er empfand? „Ich weiß, dass das krank ist, aber ich konnte nicht anders. Ich habe die Mikrofone und Kameras in deiner Wohnung nicht angebracht, um mir hier in meiner Wohnung einen runterzuholen oder mir auszumalen, was ich alles mit dir anstellen will, während ich dich beobachte. Das habe ich nie gemacht. Ich weiß nicht, ob du dir vorstellen kannst, wie es in einem aussieht, wenn man ungefähr zehn Jahre in jemanden verliebt ist, ohne dass man glaubt, dass diese Liebe je erwidert wird? Ich wollte einfach nur wissen, wie es dir geht und was du machst. So hatte ich das Gefühl, ein Teil deines Lebens zu sein.“

Daniel sah ihn fassungslos an. Auf diese Ideen, die Markus da aufgezählt hatte, wäre er noch nicht einmal gekommen. Doch jetzt waren die Bilder in seinem Kopf. Zum verrückt werden! „Du wolltest ein Teil von meinem Leben sein? Das warst du doch, Markus“, sagte Daniel und versuchte sich zu beruhigen. Er zwang sich, die Monitore in seinem Rücken nicht anzusehen. „Wir waren doch ständig zusammen, warum dann noch dieses Zeug? Wozu brauchst du das alles und wo sind eigentlich deine Beweise, hm?“

Er wollte Markus so gern glauben, denn wenn ihm sein Freund auch noch wegbrach, dann war Daniel allein. Er klammerte sich an Markus und war bereit, zu übersehen, was dort gelaufen war.

Markus seufzte. Daniel hatte nicht verstanden, was er ihm sagen wollte. Es war wohl alles etwas viel. Er stieß sich von dem Regal ab und kam zu seinem Freund rüber. Vor dem Sessel hockte er sich hin, damit er Daniel in die Augen sehen konnte. „Wir waren hoffentlich nicht nur befreundet, sondern sind es immer noch. Ich bin ein Teil deines Lebens, aber ich möchte mehr. Ich möchte dein Partner sein, dein Lebensgefährte, dein Liebhaber, der Mensch, den du liebst und mit dem du dein Leben verbringen möchtest.“

„Du“, setzte Daniel an und schluckte. Markus war ihm nicht das erste Mal so nah, aber in seinem angespannten Zustand nahm er es intensiver wahr. „Du meinst das so richtig ernst, oder?“, nahm er all seinen Mut zusammen und fragte. Er sah auf die Hände, die Markus ihm auf seine Knie gelegt hatte und blickte dann seinem Freund wieder ins Gesicht. „Was soll ich jetzt machen?“ Er wusste es nicht. Alles, was er wusste, war, dass er Markus für nichts auf der Welt verlieren wollte, er war sein Halt in diesem erbärmlichen Leben.

„Ja, das meine ich vollkommen ernst.“ Markus lächelte und drückte Daniels Hand kurz. „Du musst jetzt gar nichts machen und auch nichts entscheiden. Ich habe dir das alles gesagt, weil ich wollte, dass du das hier verstehst.“ Er deutete mit der Hand durch das Zimmer. „Und weißt, dass ich dich nie verraten würde, sondern auf dich aufpasse.“

„Aber hättest du mir das nicht schon früher sagen können? Ich hätte dir in die Kamera winken können oder so was.“ Daniel versuchte krampfhaft, Markus diese Spionage nicht übel zu nehmen. Seine Absichten mögen die besten gewesen sein aber zu wissen, dass Markus ihn jederzeit hatte sehen können, auch in Momenten, die vielleicht besser keiner gesehen hätte, das schmeckte Daniel immer noch nicht. Er musste sich an diesen Gedanken erst gewöhnen.

Ein kurzer Blick auf den Monitor zeigte, dass Steffan immer noch telefonierte. Sicherlich wieder auf Daniels Rechnung, wie sich das gehörte. Der Eisakku auf der Nase stand ihm gut, wie Daniel fand.

„Kleiner Spinner“, lachte Markus erleichtert. Daniel hatte sein Geständnis besser verkraftet, als er gehofft hatte. „Na ja, ich wollte dich nicht noch mehr belasten und ehrlich gesagt, hatte ich Angst, dass du mich nicht mehr sehen willst, wenn du das alles weißt.“ Markus stand auf und zog Daniel mit hoch. Er umarmte ihn kurz und hielt ihn dann etwas von sich weg. Sein Freund war noch immer auf Raphael gestylt und das musste geändert werden. „Was hältst du davon, Raphael abzuwaschen und dann zeige ich dir, was ich für Beweise habe. Du bekommst was Bequemes zum anziehen und eine Tasse Tee.“

„Vielleicht noch was zu essen?“, fragte Daniel und hob entschuldigend die Schultern. Er hatte heute noch nichts zwischen die Zähne bekommen, weil er sich nicht in die Küche gewagt hatte. Er hatte heute Morgen eine unachtsame Sekunde von Steffan im Bad genutzt und hatte sich im Schlafzimmer verschanzt. Seit dem war er dort nicht mehr rausgekommen.

Noch ein Blick auf Steffan auf der Couch und dann verließ er das Zimmer. Markus zeigte ihm das Bad und ließ ihn allein mit seinen Gedanken.

Der Tee und ein paar Brote waren fertig, als Daniel aus dem Bad kam und warteten auf ihn im Arbeitszimmer. Markus hatte noch einen zweiten Stuhl geholt, damit er Daniel zeigen konnte, was er über Achim und Steffan herausgefunden hatte. Er lächelte als endlich wieder Daniel vor ihm stand und nicht mehr Raphael. „Komm her“, bat er und deutete auf den Stuhl neben sich.

Daniel kam näher und sah sich das erste Mal, seit er hier war, richtig um. „Ziemlich viel Technik, alles nur für meine Aufsicht? Wenn du was machst, dann richtig, hm?“ Er setzte sich auf den Stuhl und sein Magen knurrte begeistert, als er den Berg Brote sah. Beherzt griff er zu und zog die Füße auf den Stuhl. Dabei beobachtete er Steffan, der gerade aus dem Bild verschwand und auf einem neuen Monitor erschien – das war die Küche. Er suchte im leeren Kühlschrank und Daniel grinste gehässig, das hatte der Arsch verdient.

„Für dich ist mir nichts zu aufwendig und zu teuer“, lachte Markus, aber schüttelte den Kopf. „Die Monitore und ein paar andere Dinge, sind für dich, aber einen großen Teil der Technik hier, brauche ich für meinen Zweitjob, mit dem ich den Großteil meines Geldes verdiene. Bevor du fragst, ich arbeite nicht im Theater, das habe ich erfunden, damit ich das hier machen konnte, ohne dass du fragst, was ich hier mache.“

„Wie bitte?“, fragte Daniel und wurde schon wieder etwas steifer im Nacken. „Du hast mich die ganze Zeit belogen? Und Thom gibt es gar nicht? Was zum Teufel machst du denn mit dem ganzen Zeug hier?“ Er konnte sich da keinen Reim drauf machen und angesäuert war er auch. Was gab es denn noch alles, was er über seinen angeblichen Freund nicht wusste. Im Augenblick schien es, als würde er nur aus Geheimnissen bestehen.

Markus guckte Daniel entschuldigend an. „Glaub mir, ich habe dich wirklich nicht gerne ständig angelogen und ich werde dir alles erzählen, wenn du das möchtest. Was und warum ich hier mache, ist etwas kompliziert. Aber eine Antwort ist ganz einfach. Thom gibt es wirklich. Er ist auch in mich verschossen, nur dass er kein Schauspieler ist, sondern ein Computerspezialist, der für einen multinationalen Konzern arbeitet und da komme ich ins Spiel. Ich teste die Sicherheitseinrichtungen dieser Firma und suche Lücken, durch die Hacker eindringen können und biete Lösungen an, um das zu unterbinden.“

„Du... bitte was?“ Daniel kam langsam nicht mehr hinterher. Er sah über das Equipment und dann wieder zur Markus. Mal davon abgesehen, dass dieser Thom wirklich in Markus verschossen war, was Daniel schon ein bisschen an die Substanz ging, traute er seinem Freund ehrlich gesagt nicht zu, dass er Sicherheitslöcher entdecken konnte. „Wie kommt man bitte an solch einen Job? Werden da Stellen über das Arbeitsamt ausgeschrieben oder was?“

„Nee, nicht über das Arbeitsamt. Eher über das F.B.I.“ Markus ließ Daniel gar keine Zeit, überraschte Zwischenfragen zu stellen, sondern redete schnell weiter. „Also, ich hab dir doch erzählt, dass ich in Amerika war. Ich habe dort Informatik studiert. Mit einem Stipendium war ich in Harvard. Ich war gut und wenn man das weiß, will man wissen, was man alles schafft. Du hast vielleicht mitbekommen, das man in Amerika einen Hacker mit Namen Ghost gesucht und schließlich gefunden hat.“ Markus machte eine kleine Pause und grinste schief. „Er sitzt neben dir.“

„Du? Hacker?“ Daniel guckte entgeistert und ließ seine Tasse sinken. Er beguckte sich Markus und versuchte zu ergründen, ob der ihn gerade auf den Arm nahm und dann „reingefallen“ brüllte oder ob er das wirklich ernst meinte. Allerdings war das gerade nicht die Zeit für Scherze. „Ha’m die dich erwischt, oder?“ Skeptisch hob er eine Braue und versuchte Markus zu lesen.

„Japp, haben sie, wenn auch nur, weil ich einmal etwas unaufmerksam war.“ Markus nahm seine Tasse und trank einen Schluck. „Tja, die amerikanischen Behörden sind nicht zimperlich, wenn sie einen Hacker erwischen. Es war der absolute Horror mit endlosen Verhören, wenig Schlaf und sehr viel Angst. Das einzige, was für mich sprach, war, dass ich immer nur in die Systeme eingedrungen war und nie etwas zerstört oder gestohlen hatte. Ich habe nur immer eine Nachricht hinterlassen, dass ich es geschafft hatte. Darum sitze ich jetzt auch nicht im Gefängnis. Das F.B.I. bot mir einen Deal an. Ich musste aufhören zu studieren und für sie arbeiten. Ich wurde also so etwas wie ein externer Tester.“

„Das klingt wie das Drehbuch eines Agentenfilms“, murmelte Daniel und konnte das nicht fassen. „Und du als Hacker. Ich dachte immer, du kannst ein Handy nicht von einem Fax unterscheiden und dann so was.“ Er schüttelte den Kopf und griff sich noch ein Brot.

„Na ja, Tarnung ist alles.“ Markus lachte leise und nahm sich ebenfalls ein Brot. „Ich hoffe, du bist jetzt nicht zu sehr geschockt. Du musst mir glauben, dass ich dir wirklich gerne alles erzählt hätte, aber das ging leider nicht. Ich habe mich fürchterlich dabei gefühlt, dich immer wieder zu belügen.“

„Passiert ist passiert, es nutzt nichts, über verschüttete Milch zu heulen“, sagte Daniel. Sein Blick heftete sich schon wieder auf Steffan. Er konnte sich daran gewöhnen zu sehen, was der Spinner während seiner Abwesenheit trieb, doch das würde er nicht zugeben. „Sag mir lieber, was du über Achim weißt und was dich so sicher macht, dass er mich betrügt.“ Daniel war bereit zu glauben. Der Knoten war geplatzt und jetzt wollte er alles wissen. Sie sollten sehen, wie weit sie mit Gabriel als Sänger kamen, wenn sie Daniel wirklich vor die Tür setzen wollten.

„Also, als erstes einmal, Achim und Steffan sind ein Paar und machen gemeinsame Sache.“ Markus zog die Tastatur zu sich und drückte ein paar Knöpfe. Einer der Bildschirme wurde zum Computer-Monitor. Er rief eine Datei auf, wo er Bilder von den beiden gespeichert hatte. So konnte er Daniel am besten zeigen, was dieser noch nicht wusste. „Achim erzählt auch ständig, dass ihr wenig Gewinne macht. Das ist gelogen. Ihr verkauft massenhaft CDs aber den Großteil des Geldes streicht er sich ein.“

Und zum Beweis ratterten Abrechnungen über einen anderen Bildschirm. Daniel wusste gar nicht, wo er als erstes hinsehen sollte. Paralysiert starrte er auf Achim und Steffan auf seiner Couch. Den Klamotten nach zu urteilen war das nach der Homestory. Und wo hatte Steffan bitte seine Hand? Was machte der denn in Achims Hose? Und warum küssten die sich jetzt?

„Das glaub ich nicht“, flüsterte Daniel. Es ging ihn eigentlich nichts an und es war deren Sache, was sie trieben und mit wem. Aber trotzdem war er wütend darüber, dass solche Dinge hinter seinem Rücken in seiner Wohnung liefen.

„Und um wie viel Geld bescheißt uns die Ratte?“, zischte er leise und seine Augen wurden schmal. Hinter Daniels Stirn ratterte es auf Hochtouren. Wie blind war er denn gewesen, verdammt noch mal?!

„So alles in allem bisher ungefähr 2,5 Millionen Euro und es werden ständig mehr, denn alles, was durch die Fotoshootings und die ganzen Merchandising Artikel reinkommt, geht komplett auf sein Konto, ohne, dass ihr was abbekommt.“ Markus rief das Konto auf, damit Daniel sich davon überzeugen konnte. Es hatte Achim nichts genutzt, seine Einnahmen zu verschieben. Markus wusste immer, wo sich das Geld befand.

„Zweikommafünf Millionen“, flüsterte Daniel und konnte es nicht glauben, doch als er die Kontenbewegungen sah, musste er es wohl. „Und da jammert er immer, es wäre mit uns kein Geld zu verdienen. Will dein Gehalt sparen, wenn ich auf ein Shooting verzichte und dann habe ich noch nicht einmal was, von den Erlösen aus den Bildern? Das ist doch alles nur ein schlechter Scherz, oder?“ Daniels Augen huschten über den Bildschirm, er wollte sich so viel wie nur möglich merken, um Achim damit zu konfrontieren. Der Mistkerl hatte ihn die längste Zeit an der Nase herum geführt.

„Leider nicht. Achim und Steffan bescheißen euch, wo sie nur können. Dich hat er immer gefügig gehalten, indem er dir gedroht hat, dass du nicht mehr singen darfst und seit neuestem damit, dass er mich rauswirft. Das will er übrigens wirklich, weil ich ihm gedroht habe, dass ich sie auffliegen lasse, wenn du nicht ohne Flügel trainieren darfst, als du es im Rücken hattest.“

„Ach du Scheiße. Freilich sagst du mir davon auch kein Wort, ne?“ Daniel sah seinen Freund an und hatte den Drang Markus durch die Haare zu streichen. Das hatte er öfter getan, warum bedurfte das jetzt einer bewussten Entscheidung? Markus liebte ihn und mochte es sicher, von Daniel angefasst zu werden. Doch was war mit ihm? Aber dann ließ Daniel die Gedanken fallen und tat was er immer tat.

„Aber irgendwas müssen wir unternehmen, das kann so nicht weiter gehen. Wenn ich einfach aufhöre, hat er das Geld und ein süßes Leben. Ich will, dass er keinen Cent davon genießen kann, dieser Bastard.“ Wieder landete sein Blick auf den Zahlen.

Markus hatte die Augen genießend geschlossen, als er Daniels Finger in seinen Haaren spürte. Jetzt öffnete er sie wieder und sah seinen Freund frech grinsend an. „Wer sagt denn, dass er es genießen kann?“ Markus wippte mit den Augenbrauen. „Ich bin Ghost. Die beiden Arschlöcher werden keinen Cent von diesem Geld sehen, dafür habe ich schon gesorgt.“

„Ich will sie heulen sehen, wenn sie das heraus finden“, grinste Daniel und wirkte zufrieden. Irgendwie hatte er nichts anderes von Markus erwartet. Er rutschte näher und lehnte sich an ihn. „Scheiße, guck mal da. Achim ist gerade gekommen. Kann man da auch was hören oder nur sehen?“ Daniel deutete auf den Bildschirm der seinen Flur zeigte.

Markus genoss es unwahrscheinlich, dass Daniel sich nicht vor ihm zurückzog und sich immer noch an ihn lehnte. „Sicher kannst du Ton haben, wenn du möchtest. Ich habe ihn eigentlich nie an, denn auch wenn ich dich beobachtet habe, wollte ich dir doch etwas Privatsphäre lassen.“ Er sah zu Daniel rüber und grinste schief. „Ist schräg, ich weiß, aber…“

Daniel schüttelte nur schief grinsend den Kopf und holte den Teller mit den restlichen Broten zu sich auf den Stuhl. Er hatte sich in die Decke gekuschelt, mit der der Stuhl ausgeschalgen war und starrte nun Achim an. Hass sprühte aus seinen Augen.


16

>>Wie siehst du denn aus?<<, hörte er Achim lachen, als er Steffan an sich zog und küsste. Der zischte, weil die Nase immer noch schmerzte.

„Das hast du verdient, du Arschloch. Ich hätte dir noch in ganz andere Regionen schlagen sollen“, knurrte Daniel leise, doch sein Blick klebte an den beiden.

„Oh ja, das hat er verdient.“ Markus legte einen Arm um Daniel und lehnte seinen Kopf an dessen Schulter.

>>Das war diese kleine Laus. Wenn ich ihn in die Finger kriege, dann kann der was erleben<<, brummte Steffan. >>Schmeiß diese Hupfdohle endlich raus, damit diese singende Pissnelke endlich gebrochen wird, oder ich bin hier weg und du kannst zusehen, wer ihn überwacht.<< Steffan war sauer, das war deutlich zu hören.

„Ach so haben sie sich das gedacht“, knurrte Daniel und auch wenn man sagte, ihm wäre ein Licht aufgegangen so war das gelogen, das war ein ganzer Kronleuchter, der anfing zu strahlen.

>>Beruhig dich, mein Schatz<<, sagte Achim nur beschwichtigend und dirigierte seinen Liebling zur Couch, wo er ihn ein bisschen verwöhnen wollte. Als er allerdings das Chaos sah, hob er seine Brauen. >>Wer war das denn? Und wo ist unser Goldkehlchen eigentlich?<<

Steffan sah Achim giftig an, aber er ließ sich noch einmal zu seinem Kuss heranziehen. >>Woher soll ich das wissen? Er hat mir eine reingehauen und ist dann aus der Wohnung<< Er schob alles, was auf der Couch lag, einfach auf den Boden und ließ sich dann drauf fallen. >>Soll ihn der Teufel holen. Mir ist es echt gleich.<<

>>Babe, du hast keinen Ehrgeiz, hm?<< Achim amüsierte sich köstlich, doch dann wurde er wieder ernst. >>Allerdings haben wir jetzt auch ein Problem. Ich glaube, wir haben ihn etwas zu intensiv getriezt, wenn er plötzlich zuschlägt. Bedenke bitte, dass wir ihn jetzt noch nicht loswerden können. Erst müssen die Fans dich als Sänger akzeptieren, ehe wir ihn absägen können. Wenn wir den Idioten von heute auf morgen ihren Liebling wegnehmen, wird dich keiner für voll nehmen.<<

„Das hat die Ratte also wirklich vor, ich pack es nicht.“ Daniel schüttelte den Kopf, etwas nur zu ahnen war noch etwas anderes als es wirklich zu hören. Die wollten Gabriel als Sänger aufbauen? Wie denn bitte? Der Vogel konnte keinen Ton halten. Schlimmer aber war noch, dass sie die Fans manipulieren wollten dafür. Das ging zu weit. Das konnte er doch nicht zulassen! Für Markus war das, was er hörte nicht neu, aber er konnte sich vorstellen, wie Daniel sich fühlte. Darum drückte er ihn kurz an sich.

>>Und was bitte, willst du machen? Ihn von der Leine lassen?<< Diese Vorstellung gefiel Steffan überhaupt nicht, genauso wenig, dass er warten musste, bis er endlich der Sänger von ARK wurde.

>> Als erstes wirst du hier wieder ausziehen. Das hat ihm am meisten zugesetzt. Soll er glauben, dass er gewonnen hat.<< Achim lächelte fies und setzte sich neben seinen Freund.

>>Nichts lieber als das, das kann ich dir sagen. Der Spinner hat sich ja nur noch verzogen, wenn er mal hier war und dass er nicht oft hier war, dafür hast du ja gesorgt.<< Steffan lachte und hielt sich schmerzverzerrt die Nase, denn das tat höllisch weh. >>Und wenn bei meiner Nase irgendwas zurück bleibt, was mich daran hindert, Sänger zu werden, bring ich die kleine Ratte um.<<

Daniel griff sich instinktiv an den Hals und schauerte. Das meinte der Spinner doch nicht ernst, oder? Das war ein Alptraum, in dem er hier steckte.

>>Schatz<<, tadelte ihn Achim lachend. >>Natürlich wirst du das nicht tun, denn es wird nichts zurückbleiben. Du packst jetzt deine Sachen und dann fahr ich dich zum Krankenhaus, damit die sich das dort mal ansehen<< Der Manager strich seinem Freund durch die Haare und küsste ihn sanft.

>>Eine Anzeige wäre nicht das schlechteste. Der Spinner soll sich nämlich gar nicht erst angewöhnen, die Hand gegen mich zu erheben<<, knurrte Steffan, erhob sich aber. Er tat nichts lieber als hier zu verschwinden. Seine Bässe und der andere Kram, den er hier nicht wirklich brauchte, war schon wieder abgeholt worden. So brauchte er nur ein paar Klamotten in seine Tasche zu werfen und konnte ungesehen verschwinden.

>>Babe, du wirst nichts dergleichen tun, denn das letzte was wir für ARK gebrauchen können ist eine Anzeige unter Liebenden oder gar einer von euch in U-Haft. Du hast ihn provoziert, er hat dir eine gepflastert. Ihr seid quitt und deinen Frust darfst du heute Nacht an mir auslassen, ist das ein Deal?<< Achim grinste dreckig. Er tat das nicht für Daniel. Wenn es nach ihm ginge, dürfte der im Bau sitzen für lange Jahre, doch er brauchte den Kerl noch. So lange war er nicht anzutasten.

>>Worauf du dich verlassen kannst<< Steffan schmiss sich die Tasche über die Schulter und drückte Achim für einen harten Kuss an die Wand. >>Lass uns dieses Drecksloch verlassen.<< Dass er Daniels Wohnung höchstpersönlich dazu gemacht hatte, erwähnte er natürlich nicht.

Markus knirschte mit den Zähnen. Die zwei sollten leiden und das würden sie auch, wenn er mit ihnen fertig war. Doch Rache war ein Gericht, das kalt serviert wurde. Er musste also noch etwas warten. Vor allem konnte er nicht riskieren, dass Daniel in die ganze Sache hineingezogen wurde. Er musste seinen Freund erst aus diesem Knast befreien, ehe er den Knopf drücken konnte, um das zu aktivieren, was er schon seit Wochen vorbereitet hatte.

„Arschloch. Dreckt alles ein und verschwindet.“ Doch so böse war er auch nicht, denn er war endlich Steffan los! Schneller als erwartet noch dazu.

„Was hast du von einem wie ihm erwartet? Steffan ist eine faule Sau.“ Markus sah Daniel an, weil er wissen wollte, was in ihm vorging. Daniel sah nicht sehr geschockt aus. Sogar ziemlich ruhig und irgendwie viel selbstsicherer.

„Es wird so kommen, dass ich nicht mehr in der Band singe, oder?“, fragte Daniel, denn dafür musste man kein Genie sein, um sich das an drei Fingern abzählen zu können. „Aber da die beiden mich über kurz oder lang sowieso abservieren werden, möchte ich den Zeitpunkt dafür bestimmen.“, legte Daniel fest und zog die Decke um sich fester. Er hatte für sich eine Entscheidung getroffen, es war vorbei damit, auf sich herum trampeln zu lassen und mit allem, was er hatte, an der Band festzuhalten. Nicht unter diesen Umständen.

„Nein das wirst du nicht. Aber du wirst singen, da bin ich mir sicher. Du wirst eine eigene Band haben und endlich das singen dürfen, was dir gefällt.“ Markus war sich sicher, dass Daniel das schaffen würde. „Komm, lass uns rüber ins Wohnzimmer gehen. Da ist es bequemer.“

Daniel sah noch einmal auf den Sauhaufen, der einmal sein Wohnzimmer war. Doch das konnte auch bis morgen warten. Morgen war Sonntag und Achim sollte Gott gnädig sein, wenn er sich kurzentschlossen noch etwas überlegte. Einmal davon abgesehen, dass er dank Luzifers Penetranz seinen Schützling nicht mehr einfach so erreichen konnte, sondern vorbei kommen musste. „Gut, siedeln wir um“, stimmte Daniel zu und erhob sich mit seiner Decke, die hatte er gerade so schön warm gekuschelt.

Markus folgte Daniel ein wenig langsamer, denn er wollte sehen, wie sein Freund auf seine Wohnung reagierte. Schließlich hatte er sie noch nie gesehen. Er ließ sich Daniel also umsehen und holte währenddessen ein Flasche guten Rotwein. Den hatten sie sich wirklich verdient. Schließlich war es ja nicht alltäglich, dass man dem Mann, den man liebte, seine Liebe gestand, wenn auch nicht mit dem erhofften Ergebnis. Aber er hatte die stille Hoffung, dass in dem ganzen anderen Chaos, was heute über Daniel zusammengebrochen war, sein Geständnis ein bisschen untergegangen war und Daniel anfing nachzudenken, wenn die Anspannung von ihm abfiel – wie zum Beispiel bei einer Flasche Rotwein.

„Du hast einen völlig anderen Stil“, stellte Daniel fest, als er sich im Wohnzimmer etwas umsah. Es war spartanisch eingerichtet aber dafür edel. Auf dem dunklen Parkett stand eine riesige Couch mit zwei Schenkeln. An der Wand hing ein Flachbildschirm von Kinoausmaßen und die wenigen Regale trugen nur ausgewählte Stücke. Es sah aus wie aus einem Katalog und dafür, dass Markus nicht mit Besuch gerechnet hatte, war es hier erschreckend ordentlich. Man hatte den Drang Pantoffeln anzuziehen um nichts dreckig zu machen. „Man bist du ordentlich, da bekommt man ja Angst.“

„Man macht ein Zimmer nicht dreckig, wenn es nicht benutzt wird. Ich verbringe praktisch meine ganze Zeit im Arbeitszimmer.“ Markus grinste schief und entkorkte den Wein. „Möchtest du noch ein paar Häppchen dazu essen? Ich habe Käse und Salami da und eingelegtes Gemüse.“

„Willst du mich aus Trotz mästen?“, lachte Daniel und schlich um die Couch herum. Man wagte es gar nicht, sich auf den hellen Stoff zu setzen. „Schläfst du eigentlich auch irgendwann oder machst du das auch im Arbeitszimmer, du Workaholic?“ Weil er nach der dritten Umrundung der Couch sich immer noch nicht setzte, bekam er von Markus einen Schubs, damit er auf die Polster fiel und nicht wie in einem Museum ehrfürchtig herum schlich. Daniel sollte sich wohl fühlen und dem Raum Leben einhauchen. Gern nackt auf der Couch, aber Markus war nicht gierig, er gab sich auch mit einem in eine Decke gekuschelten Daniel zufrieden.

„Find es heraus“, flüsterte er Daniel ins Ohr und lachte dann. Er griff kurz unter die Decke und kitzelte seinen Freund. Es war befreiend, dass Daniel endlich Bescheid wusste und noch immer mit ihm befreundet sein wollte. Er ließ sich ebenfalls auf die Couch fallen und füllte zwei Gläser mit Wein.

„Du fütterst mich rund, damit ich Montag aus dem Kostüm quelle, oder?“, stichelte Daniel weiter. Er wusste selbst nicht warum. Aber die leise Stimme dicht an seinem Ohr hatte ihn beben lassen. Dabei war es doch nicht das erste Mal, dass Markus ihm etwas in Ohr flüsterte. Das hatte er schon so oft getan, aber heute war alles anders. Daniel bewertete es anders und er reagierte anders.

„Nein, so etwas würde ich nicht tun, obwohl ich der Meinung bin, dass du ganz alleine über deinen Körper bestimmen solltest.“ Ihm selber würde Daniel bestimmt gut mit ein paar Pfund mehr gefallen, aber das sagte er nicht. Daniel sollte nicht glauben, dass er ihm so nicht gefiel, denn das stimmte nicht.

„Gut, dann entscheide ich mich für Salami und saures Gemüse“, lachte Daniel und ließ sich von seinem Freund umschubsen, aber erst nachdem er das Rotweinglas auf dem Couchtisch abgestellt hatte. Nicht dass er der erste war, der Flecken auf die Couch machte. „Und irgendwann mal wieder eine Massage“, denn auf die hatte er verzichten müssen, seit Steffan sich bei ihm eingenistet hatte. „Was gibt denn die Glotze so her?“

„Wir sind heute aber anspruchsvoll“, lachte Markus und wuschelte Daniel durch die Haare. „Ich habe keine Ahnung, was in der Glotze kommt. Tatz dich durch und guck, was kommt.“ Er war schon auf dem Weg in die Küche und dort richtete er alles zusammen, was sie gerne aßen. Salami, Käse, Gemüse und Cracker. Mit den Schalen kam er zurück und stellte alles auf dem Tisch ab. „Na, was gefunden?“ Er setzte sich neben Daniel und stieß ihn an.

„Nicht wirklich. Du hast siebzig Programme und alle bringen nur Mist. Wie kann das denn sein? Kannst du dir nicht ordentliche Programme zulegen“, maulte Daniel und rollte sich samt Decke fester zusammen. Doch er zappte und zappte und zappte und wenn er vorn angekommen war, ging es wieder los. Irgendwann musste doch mal was kommen. Nun hatte er schon mal die Chance, auf einem solch großen Fernseher zu gucken und dann kam nichts, das war doch zum heulen!

Er kam aber nicht dazu, eine weitere Runde zu zappen, denn eine Hand legte sich über seine. „Daniel bitte“, sagte Markus etwas gequält. Wenn er etwas nicht haben konnte, dann war es immer nur Millisekunden eines Programms zu sehen, ohne dass er die Chance hatte, zu entscheiden, ob das was war, was er sehen wollte. „Wenn du möchtest, such dir einen Film aus. Da hinten im Regal.“

„Wenn’s sein muss“, knurrte Daniel und kroch von der Couch, denn so konnte das ja nicht bleiben. In seine Kuscheldecke geflauscht ging er zum Regal und las sich durch die Titel. „Wie wär’s mit der Mumie. Der Kerl ist doch ansehnlich“, murmelte Daniel und schlug sich die Hand vor den Mund. Was war denn heute mit ihm los? Seit wann achtete er auf so was?

Er kam also mit seiner Beute zurück auf die Couch und präsentierte sie zur Gütekontrolle.

„Ja, eine gute Wahl. Der Kerl ist ganz ansehnlich.“ Markus war ein wenig amüsiert und dass Daniel ein wenig rot um die Nase war, ließ ihn seine sonstige Zurückhaltung vergessen. „Aber nicht halb so lecker wie die Deckenfüllung neben mir.“ Er nahm den Film, stand auf und legte ihn ein, dann kam er zur Couch zurück und zog Daniel samt Decke in seine Arme.

„Meinst du das eigentlich ernst?“, fragte Daniel nach einer Weile, als der Vorspann lief. Er hatte Markus beobachtete, wie er den Film in den Recorder gestopft hatte, hatte ihn beim Laufen und beim Setzen beobachtet. Jetzt sah er ihm von unten ins Gesicht, weil sein Kopf halb auf dessen Schoß lag. „Was du eben gesagt hast, dass er nicht halb so lecker ist wie ich, meine ich“, flüsterte er unsicher mit zitternder Stimme. Er wusste nicht, warum er das wissen wollte, aber es interessierte ihn brennend.

„Vollkommen ernst.“ Markus strich lächelnd mit einem Finger über Daniels Wange. „Wäre ja auch komisch, wenn ich dir zehn Jahre hinterher schmachte und dich nicht unwahrscheinlich anziehend finden würde.“ Markus versuchte nicht zu zeigen, dass er nervös war. Er wusste immer noch nicht, was jetzt werden sollte. Daniel hatte sich noch überhaupt nicht zu seinem Geständnis geäußert, doch im Augenblick schien er auch dazu noch nicht in der Lage. Sicher, Tausende junger Mädchen himmelten ihn an, fanden ihn noch ganz andere Sachen als lecker, doch das waren Schwärmereien ohne Gefühl. Bei Markus war das anders. Seit der Schule hatte er nur ein Ziel gehabt. Wie mochte es sein, seinem Ziel dann so nah zu sein und es für sich behalten zu müssen?

Vorsichtig hob Daniel eine Hand und strich damit Markus über die Wange. Der Film war uninteressant geworden. „Ob ich dich so liebe wie du mich, weiß ich nicht. Aber mir ein Leben ohne dich vorstellen zu müssen, ist die Hölle und als die eine Deko-Tante an dir herumgebaggert hat, war ich ziemlich sauer.“

Markus schloss die Augen und genoss das sanfte Streicheln. „Das ist mehr, als ich bisher gehofft hatte. Ich möchte nicht, dass du dich von mir unter Druck gesetzt fühlst, nur weil ich dir gesagt habe, was ich empfinde. Du musst das nicht jetzt entscheiden. Wenn du nicht das gleiche für mich empfindest, dann ist das eben so und wir bleiben Freunde wie bisher.“

„Kannst du das?“, fragte Daniel sinnierend und strich gedankenverloren weiter durch die Haare und den Hals entlang. „Ich glaube, ich könnte das nicht. Jemanden, den ich begehre, anfassen zu können, ohne das zu bekommen, was ich gern hätte. Dazu gehört schon ein ganzes Stück Selbstbeherrschung.“ Er schloss die Augen und schmiegte sich dichter. Er wusste, dass es vielleicht nicht fair war, doch er brauchte Markus’ Nähe.

„Es ist die Hölle, aber was soll ich machen. Weggehen und dich nie mehr wieder sehen?“ Markus zog Daniel höher, so dass er sich nur vorbeugen brauchte, um Daniel zu küssen. Sanft begann er das Streicheln zu erwidern und beugte sich schließlich vor, um seinen Freund ganz sanft zu küssen. „Ich kann dich nicht alleine lassen. Das würde ich nicht über‘s Herz bringen.“

„Und ich würde dir das nie verzeihen“, murmelte Daniel. Seine Finger stoppten, als sich Markus’ Lippen auf seine legten. Er war aufgeregt, weil er nicht wusste, wie er reagieren sollte. Markus etwas vorspielen wäre nicht fair gewesen, ihn abblitzen zu lassen auch nicht, also entschied sich Daniel den Kopf frei zu machen und seinen Körper entscheiden zu lassen. Es gab eben Dinge, wo der Kopf nur störte.

Daniel zuckte nicht weg, darum löste Markus den Kuss nicht gleich wieder, sondern strich weiter sanft über die weichen Lippen und knabberte vorsichtig daran. Wie oft hatte er sich das gewünscht? Markus konnte es wirklich nicht sagen, aber es war wohl kein Tag vergangen, an dem er sich ihren ersten Kuss vorgestellt hatte und es war so viel besser, als erhofft. Und als auch das sanfte Kraulen der Finger wieder einsetzte wusste Markus, dass es nicht ganz falsch war, ein Stückchen nach vorn zu preschen.

Fasziniert von der Intensität dieser sanften Berührungen ließ sich Daniel einfach treiben. Es war unglaublich, wie schnell er alles um sich herum vergessen konnte.

Markus lächelte leicht in ihren Kuss und löste ihn dann. Er sah in das geliebte Gesicht und streichelte Daniel über die Wange. „Dich muss man doch einfach lieben“, murmelte er leise und küsste seinen Freund gleich noch einmal. Er wollte es nicht, aber es war einfach zu verlockend, auszunutzen, was ihm geboten wurde und so lange Daniel ihn nicht würgte, keine röchelnde Geräusche machte oder auf ihn einschlug, nahm er das mal großzügig als Zustimmung an.

So verging der Film ohne sie, auch die Gläser waren noch unberührt, denn immer wieder fanden sich ihre Lippen zu sanften Liebkosungen zusammen. Es war schön und bequem, denn sie hatten ihre Position geändert. Markus lag auf dem Rücken und hatte seinen eingekuschelten Freund bequem auf sich gezogen.

Imhotep war schon groß, der kam ohne sie klar.