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Raphaels Schatten - Teil 23 bis 24

23

„Komm, ich hab Hunger.“ Achim war alles in allem ziemlich zufrieden mit dem Tag. Die Bilder, die gemacht worden waren, schienen überraschend gut. Wenn Jason erst einmal die Bildbearbeitung durchlaufen ließ, dann dürften ihm die Fans die Bilder aus der Hand reißen. Eines musste man der Singdrossel lassen, er wusste sich zu bewegen. Von ihm hätte Steffan noch lernen können, wenn der kleine Bastard nicht so aufsässig geworden wäre. Er hatte sein Schicksal selbst besiegelt, der Idiot.

Es war zwar schade, dass jetzt einige schon eingeplante Einnahmen ausblieben, aber das konnten sie bestimmt ausgleichen. Darüber wollte Achim sich aber keine Gedanken machen, denn er musste sich um Steffan kümmern. Sein Schatz war noch immer ein wenig verstimmt, dass er schon wieder einmal einen Schlag abbekommen hatte. Darum legte er jetzt einen Arm um Steffan und zog ihn zu einem Kuss zu sich.

„Ach, und jetzt Schönwetter machen, hm?“, knurrte Steffan, er wollte sich nicht so leicht milde stimmen lassen. Er war es leid, ständig eine durchgereicht zu bekommen. Es wurde Zeit, dass der Spinner mit seinem idiotischen Göttergatten endlich verschwand. Er ließ sich mit einem Kuss ködern, dann grinste er. „Hätte nicht gedacht, dass der Spinner so viel Schneid hat, wirklich zu heiraten. Und dann noch so einen!“ Nicht dass er Markus beneidete, aber wenn so einer erste Wahl war?

„Tja.“ Achim zuckte mit den Schultern. „Vor allen Dingen frag ich mich, seit wann die zusammen sind. Die haben uns ganz schön verarscht.“ Der Manager war ziemlich angepisst darüber, dass er das nicht gewusst hatte, aber jetzt war es eh egal. Er zog Steffan mit sich zum Lift und stieg ein. Er hatte einen Tisch beim Italiener reserviert, als kleine Entschädigung für Steffan. Anschließend wollten sie sich für den Rest der Nacht die Suite gönnen, schließlich war sie bis morgen gebucht worden, weil ein Hotel dieser Preisklasse die Zimmer nicht stundenweise vermietete.

„Ich kann mir echt nicht vorstellen, dass den jemand freiwillig anpackt. Aber mir soll's egal sein. Ich frage mich, ob Luzifer ihn sich geholt hat. Er hat noch gar kein Zeichen gegeben.“ Steffan ließ sein Handy wieder in der Hose verschwinden und trat mit seinem Schatz in die Lobby. Sie strebten zu Achims Wagen, es reichte, wenn sie mit einem fuhren.

Achim hatte gerade den Öffner betätigt, als er von einer Stimme aufgehalten wurde, die seinen Namen rief. Er sah sich um und sah Markus auf sich zukommen. „Achim, wo ist Daniel?“, fragte der Stylist und kam zu ihm und Steffan.

„Daniel?“ Steffan hob geringschätzig eine Augenbraue. „Scheint ja die große Liebe zu sein, wenn er dich schon so kurz nach der Hochzeit nicht mehr beachtet. Er ist schon vor einer Stunde gegangen.“ Es war ihm anzusehen, dass es ihm Spaß machte, Markus eine reinzuwürgen. Noch mehr als sich dessen Gesicht verzog, weil er diese Antwort nicht einzuordnen wusste. Daniel war gegangen? Er hatte das Haus doch nicht verlassen! Er hätte niemals den Bus genommen und er wäre nicht einfach verschwunden, ohne anzurufen. „Was habt ihr mit ihm gemacht?“, fragte er also unterkühlt, dieses widerliche Grinsen in Steffans Gesicht ließ nichts Gutes vermuten. Doch er musste Ruhe bewahren. Informationen sammeln und seine Wut schlucken – Daniel stand an erster Stelle und er durfte ihn nicht mehr in Gefahr bringen.

„Gar nichts haben wir mit ihm gemacht! Pass auf, was du sagst. Wenn dir dein Liebchen abhanden kommt, ist das doch nicht unser Problem.“ Steffan wurde langsam wieder sauer, wo er Markus vor sich hatte. „Wir haben die Fotosession vor einer Stunde beendet und er ist gegangen. Das war’s und jetzt verzieh dich.“ Steffan hatte genug und drehte sich zum Wagen. Er stieg einfach ein und ließ Markus stehen. War doch nicht sein Problem, wenn der sein Betthäschen nicht im Griff hatte. „Idiot“, knurrte er noch und zog die Tür zu. Markus blieb allein zurück. Er konnte dem roten Sportwagen nur irritiert hinterher blicken, doch dann kam plötzlich Leben in ihn. Daniel war schon gegangen – wenn er nicht bei Markus war konnte das nur eines bedeuten und das war das Schlimmste, was er sich vorstellen konnte. Noch im Laufen wählte er Daniels Handynummer, wissend, dass das keinen Sinn machen dürfte.

„So eine Scheiße!“, fluchte er und schwang sich in seinen Wagen.

Jetzt war er froh, dass Daniel nicht darauf bestanden hatte, seine Wanzen zu entfernen. Er fuhr seinen Laptop hoch und öffnete das Programm, mit dem er die Sender orten konnte. Es dauerte auch nicht lange und auf dem Monitor blinkte ein Licht, dass sich in südlicher Richtung aus der Stadt bewegte. „Scheiße“, fluchte er laut und startete den Wagen. Daniel war schon aus der Stadt und hatte einen großen Vorsprung. Und irgendwie hatte Markus das Gefühl, dass Daniel diesen Weg nicht freiwillig angetreten war. Wenn er heraus bekam, dass die beiden Galgenvögel etwas damit zu tun hatten, dann wusste er nicht, was er tun würde.

Der Laptop landete auf dem Beifahrersitz. Schnell war das Kabel an seine Anlage im Wagen angeschlossen und endlich offenbarte der alte Passat, was wirklich in ihm steckte. Zum Beispiel in der speziellen Windschutzscheibe, die mittels Flüssigkristallen dafür sorgte, dass das Bild vom Monitor transparent auf der Scheibe erschien und Markus so die Signale immer im Auge hatte.

Er gab Gas und holte das äußerste aus seinem Wagen raus, aber mitten in der Stadt nutzten ihm seine zusätzlichen PS nichts, wenn er an jeder Ampel anhalten musste. „Verschwindet, ich hab es eilig“, schimpfte er laut und drückte auf die Hupe, nur dass es nichts brachte. Daniel entfernte sich immer weiter von ihm und er musste tatenlos zusehen.

+++

Als er langsam die Augen öffnete, sah Daniel nur verschwommen. Doch er merkte selbst in seinem Dämmerzustand, dass er sich nicht bewegen konnte. Er zuckte und zerrte, doch er konnte sich weder aufsetzen, noch konnte er seine Hände hinter dem Rücken vorziehen. Was war denn hier los? Wo war Markus?

Hektisch ließ er seine Blicke schweifen. Es sah aus, als läge er auf der Rückbank eines Wagens. Wessen Wagen? Sein Blick ging zum Rückspiegel.

Von seiner Position konnte er nicht viel sehen, aber als er sich etwas bewegte, sah er zwei Augen im Rückspiegel und zuckte zusammen. Die Augen kannte er und es lief ihm kalt den Rücken runter.

„Na mein Engel, wieder wach?“, fragte Luzifer und lächelte. „Entschuldige, dass ich dir die Hände zusammen binden musste, aber ich befürchte, du verletzt dich sonst selbst. Das kann ich doch nicht zulassen.“

Daniel wollte etwas entgegnen, dem Mistkerl sagen, dass er ihn gehen lassen sollte, doch er konnte nicht. Erst jetzt bemerkte er den Klebestreifen auf seinem Mund, dieser Bastard hatte aber auch an alles gedacht. Er zog an seinen Fesseln, versuchte gegen den Sitz zu treten, doch er war verschnürt wie ein Paket und hatte keine Chance. Seine Gedanken gingen zu Markus. Ob er auf ihn wartete? Ihn suchte? Er musste nur den Wanzen folgen, oder?

Markus würde ihn retten, da war er sich sicher. Er funkelte Luzifer über den Rückspiegel an, aber der lachte nur.

„So wild Engelchen? Endlich konnte ich dich von all den falschen Männern befreien, die dich nur ausnutzen. Besonders dieser Kerl, der dich gezwungen hat, ihn zu heiraten. Er ist der Schlimmste. Er hat dich verwanzt, aber das Problem habe ich erledigt.“

Daniel traute seinen Ohren nicht. Bedeuteten die Worte das, was er befürchtete? Panik stieg ihm den Rücken hoch, er begann zu frösteln, ohne etwas dagegen tun zu können. Er versuchte zu schreien, zerrte an seinen Fesseln. Es schnitt in den Gelenken, doch er konnte hier nicht tatenlos zusehen, wie dieser Bastard sich zwischen ihn und Markus stellte. Er wand sich hin und her, er musste hier weg. Wo war Markus jetzt? War ihm etwas passiert? Hatte der Spinner ihn ausgeschalten?

Es machte Daniel verrückt, dass er nicht wusste, was mit Markus war. Ihm durfte nichts passiert sein. Immer verbissener wehrte er sich gegen seine Fesseln, bis Luzifer eingriff. „Engelchen, wenn du nicht aufhörst dich zu verletzen, muss ich eingreifen und dich wieder einschlafen lassen. Du bist noch zu verwirrt, um zu verstehen, dass ich dich gerettet habe, aber das kommt noch, das verspreche ich dir.“

Stocksteif lag Daniel da. Nein, alles nur keine Drogen. Er wollte nicht wieder ohnmächtig sein und nicht wissen, was der Irre mit ihm anstellte. Er wusste ja nicht einmal, wo sie hier waren oder wo sie hin wollten. Sie schienen auf einer Landstraße zu fahren, denn für die Stadt hielten sie an entschieden zu wenigen Ampeln. Er zitterte, konnte sich nicht beruhigen und so schloss er die Augen, ehe er verrückt wurde. Er musste klar im Kopf werden und nachdenken. Er konnte sich unmöglich in sein Schicksal fügen – nicht in dieses!

Nur, was sollte er tun? Er wollte nicht glauben, dass Markus ihn nicht retten kam. Das war sein Anker, der ihn davor bewahrte völlig durchzudrehen. Markus rettete ihn, so wie er es schon so viele Male versprochen hatte. Luzifer würde ihn nicht bekommen, das schwor er sich im Stillen und beobachte seinen Entführer so genau wie er konnte. Er brauchte Fakten, um Luzifer eventuell zu überwältigen, wenn er die Chance hatte.

„Na, mein Engel? Hast du es endlich eingesehen? Das ist gut.“ Luzifer suchte den Blick seines Lieblings und war nicht amüsiert, dass der sich einfach abwendete. Was hatte er nicht alles auf sich genommen, um ihn zu befreien und das war der Dank? Luzifer biss die Zähne zusammen, er musste Geduld haben. Wenn sie erst einmal auf dem Boot waren, konnte ihnen keiner mehr unbemerkt folgen. Jetzt zu halten und sich Raphael zu nähern, barg zu viele Gefahren. Ihm war klar, dass er Markus nicht ewig hinters Licht führen konnte. Der Kerl war clever und somit lästig.

Es war eigentlich mehr Zufall gewesen, dass er die Wanzen gefunden hatte, die Markus an Daniel platziert hatte und da er sich mit diesen Dingen auskannte, wusste er sofort, dass Daniels Ehemann ihm gefährlich werden konnte. Damit beschäftigte er sich aber erst später, wenn er auf dem Boot war. Dort hatte er alles, was er brauchte, um Nachforschungen anzustellen. Der Kerl musste doch Dreck am Stecken haben. Wenn man ihn loswerden wollte – auf die elegante Art – musste man seine Leichen im Keller finden und der Polizei zuspielen. Dann konnten die sich um den Spinner kümmern, während er Raphael endlich zeigen konnte, dass nur ein gefallener Engel wie Luzifer seiner Liebe wert war.

Raphael lag still, das Gesicht abgewandt. Er konnte das dämliche Grinsen in Luzifers Gesicht nicht ertragen. Wie hatte er nur so unvorsichtig sein können. Jeden Schritt hatten sie geplant und dann lief er blind in eine solch billige Falle. Er war auf sich selbst wütend, die Wut begann, die anfängliche Angst zu übersteigen. Luzifer würde ihn nicht töten, so viel stand fest, es blieb nur zu hoffen, dass er sich nicht einfach nahm, von dem er glaubte, es stünde ihm zu.

Auf jeden Fall würde Daniel erbittert Widerstand leisten, wenn es ihm nur möglich war. Er war zwar nicht sehr muskulös, aber durch das ständige Training auch nicht schwach. Zudem war er wendig und gelenkig, das musste sich doch nutzen lassen. Um auf alles vorbereitet zu sein, spielte Daniel einige Szenen in seinem Kopf durch. Das war gut, denn so war er beschäftigt und lief nicht Gefahr, wieder von Angst übermannt zu werden.

„Du bist so still, mein Engel“, rief sich Luzifer wieder in Erinnerung. Er mochte es gar nicht, dass sein Engel ihn so offensichtlich ignorierte. Sicher war der mit seinen Gedanken bei diesem komischen Typen mit den Wanzen und das schmeckte ihm gar nicht. Raphael sollte nur noch seinen Namen kennen und alles andere vergessen. Er wollte sein vorheriges Leben auslöschen und mit ihm neu beginnen. „Keine Sorge, wenn wir erst einmal auf dem Boot sind, wirst du frei sein. Nur wir beide. Freust du dich?“ Er suchte Daniels Blick im Rückspiegel.

Wenn er gekonnte hätte, hätte Daniel gelacht. Sicher war er still, schließlich war sein Mund zugeklebt. Da redete es sich äußerst schwierig. Darum drehte er sich auch zu Luzifer um und funkelte ihn über den Spiegel an. Sollte der Kerl ruhig merken, was er von dessen Worten hielt. Das konnte er auch gleich sehen, denn die Augenbrauen seines Entführers zogen sich kurz verärgert zusammen.

„Ach Engelchen, was hat das Show-Bizz nur aus dir gemacht. Aber keine Sorge, weitab von allen werden wir ein ruhiges Leben führen. Du wirst schnell merken, dass ich alles bin, was du in deinem Leben noch brauchst.“ Und was du in deinem Leben noch bekommst, fügte Luzifer in Gedanken an, doch er sprach es noch nicht aus. Mit Speck fing man Mäuse, nicht mit leeren Fallen. Erst musste Raphael sich an ihn gewöhnen, dann würde der Rest von ganz allein kommen. Doch zu lange würde er seinem Engelchen auch nicht Zeit geben – er war ungeduldig und heiß.

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Erschrocken zuckte Markus zusammen, als sein Handy klingelte. Er war so aufs Fahren konzentriert, dass er alles andere ausgeblendet hatte. Er nahm sich noch nicht einmal die Zeit zu gucken, wer ihn da anrief, denn Daniel war es nicht, das konnte er am Klingelton hören. Darum meldete er sich nur mit einem kurzen: „Ja?“ und überholte dabei das Auto vor sich.

„Kannst du mir mal sagen, was du da gerade machst?“, knurrte die Stimme aus dem Lautsprecher des Radios und Leons Bild erschien auf der Scheibe des Beifahrersitzes. Markus zuckte mit den Brauen. „Uns setzt du seit Tagen auf die Fährte von diesem Spinner und selber machst du dich auf den Weg nach Süden? Macht das irgendeinen Sinn?“ Leon und sein Partner Stuart waren vom F.B.I. abgestellt worden, um Markus zu helfen. Seit ein paar Tagen wichen sie der Zielperson nicht von der Seite, und jetzt wo der Spinner sich das zu schützende Objekt gegriffen hat, düste Markus Richtung Österreich, anstatt dem Wagen zu folgen. Sie hatten sich das eine Weile via GPS angesehen, doch jetzt brauchten sie Infos.

„Was soll das heißen? Wo seid ihr und wo ist Daniel?“ In Markus’ Kopf überschlug sich gerade alles. Wenn Leon anrief, lief gerade etwas gewaltig schief und er fuhr gerade dem falschen Signal hinterher. „Gebt mir eure Position durch, ich komme so schnell zu euch, wie ich kann.“ Ohne wirklich darauf zu achten, hatte Markus schon den Blinker gesetzt, um von der Autobahn abzufahren.

„Stell die Peilung auf meine Marke ein. Wir haben Sichtkontakt mit der Zielperson. Wir sind immer noch in Berlin, er fährt Richtung Wannsee“, erklärte Leon und schien zu begreifen. Die Peilsender, von denen Markus gesprochen hatte, schien der Stalker Daniel abgenommen und an ein anderes Auto geklebt zu haben. Nicht blöd, das musste man ihm lassen. Leider. „Das zu schützende Objekt liegt auf der Rückbank. Wir können im Moment nicht eingreifen, ohne Passanten oder das zu schützende Objekt zu gefährden.“

„Verdammt“, fluchte Markus unterdrückt und war froh, dass er das F.B.I. eingeschaltet hatte. Nicht auszudenken, wenn er noch länger dem falschen Signal gefolgt wäre. „Bleibt an ihm dran, ich komme so schnell ich kann. Verhindert auf jeden Fall, dass er Daniel etwas antut.“ Mit quietschenden Reifen bremste er nach der Ausfahrt und fuhr an den Rand. Er musste die Peilung umstellen und das konnte er nicht beim Fahren.

+++

„Wir sind da, mein Engel.“ Luzifer hatte gebremst und den Wagen geparkt. Daniel hob den Kopf, versuchte etwas zu sehen, doch das war nicht so leicht, denn die hinteren Scheiben waren verdunkelt. Vorn konnte er in seiner Lage nicht viel erkennen, außer den Himmel. Was geschah jetzt? Wo waren sie? Wie lange waren sie unterwegs gewesen? Was hatte der Irre mit ihm vor?

Daniel schluckte, Panik stieg in ihm auf, kratzte ihm über das Rückgrat und schnürte ihm die Kehle zu. Er konnte gar nichts dagegen tun.

„Wir werden umsteigen, mein Schöner.“

Plötzlich öffnete sich die hintere Tür, Luzifer sah in den Wagen und grinste Daniel zufrieden an.

„Wir werden ein schönes Leben haben, das wirst du sehen. Nur wir beide.“ Luzifer beugte sich in den Wagen und strich Daniel über die Wange. Endlich durfte er seinen Engel berühren. „Komm, gehen wir auf das Boot. Dort kann uns niemand stören.“ Er beugte sich noch ein wenig weiter vor und griff nach Daniels Bein. „Ich werde jetzt deine Fußfesseln lösen, benimm dich, sonst muss ich dich betäuben.“

Daniel nickte. Das war seine Chance. Wenn er die Beine benutzen konnte, dann konnte er weglaufen! Egal ob seine Hände gebunden waren oder nicht. Er musste es versuchen. Jemand musste ihm doch helfen, irgendjemand! Sein Herz schlug ihm bis zum Hals, als er das Messer sah, das Luzifer zog. Der Spinner hatte das am Körper getragen – wie paranoid war der denn? Daniel wurde schlagartig klar, dass er bei Luzifer mit allem rechnen musste.

Geschickt schnitt Luzifer die Fessel durch und zog Daniel mit festem Griff aus dem Wagen. „Tut mir leid, Engelchen, du bist noch zu verblendet, um zu wissen, was gut für dich ist“, murmelte er und hielt Daniel ein mit Chloroform getränktes Tuch gegen die Nase. Er wollte Daniel nicht vollkommen betäuben, sondern nur etwas benommen machen, damit er ihn besser bis zum Boot bekam. Und wie erwartet sackte ihm sein Liebling in die Arme. Daniel versuchte sich dagegen zu wehren, doch seine Beine gehorchten ihm einfach nicht. Er wollte schreien, treten, sich endlich frei machen, doch er konnte einfach nicht. Er war so erbärmlich! Er hatte nicht einmal einen Blick für sein Umfeld, alles verschwamm vor seinen Augen.

Er hatte keinen Schimmer, wo er hier eigentlich war.

Er wirkte wie betrunken, als er neben Luzifer herstolperte, der ihn untergehakt hatte und zu einem Bootsanleger brachte. Luzifer hatte ein Boot gemietet, weil er damit hoffte, ungesehen aus Berlin herauszukommen. Wenn erst einmal bemerkt wurde, dass der Sänger von ARK entführt worden war, dann wurden alle Straßen schnell überwacht, aber die Verbindung vom Wannsee, über Kanäle zum Meer wurde oft übersehen. Wenn er schnell genug war, war er schon weg, ehe die Schnarchnasen überhaupt Wind bekamen. Der einzige, der Ärger machen konnte, war dieser Markus, doch der war auf der falschen Fährte und würde noch früh genug merken, dass etwas nicht stimmte. Von Steffan und Achim hatte er nichts zu befürchten. Luzifer lächelte zufrieden, als er Raphael unter Deck brachte und die Türen verschloss. Sein Engelchen sollte doch nicht aus Versehen über Bord gehen!

Raphael war noch genug betäubt, so dass Luzifer zurück zum Auto laufen und es leer räumen konnte. Er wollte so wenig Spuren wie möglich hinterlassen. „Bin wieder da, mein Engel“, rief er laut, als er zurück auf dem Boot war und küsste Raphael, der auf einer Bank lag. „Es geht gleich los. Ich hoffe, du wirst nicht seekrank.“

Am liebsten hätte sich Daniel über die Lippen gewischt, denn er hatte sehr wohl gemerkt, dass die feuchten Lippen nicht die seines Mannes waren. Zwar spürte er seine Glieder kaum und sah nur verschwommen, konnte sich weder regen noch sprechen, doch sein Unterbewusstsein ließ sich nicht betrügen. Er schloss die Augen und versuchte sich unsichtbar zu machen, hoffend, dass Luzifer die Finger von ihm ließ. Das war seine größte Angst.

Aber erst einmal musste er davor keine Angst haben, denn Luzifer startete den Motor und machte das Boot los. Er wollte von der Anlegestelle weg, allerdings noch nicht sehr weit. Die Nachricht von Steffan war zu überraschend gekommen, um alles perfekt zu planen, darum musste er jetzt improvisieren. Er brauchte einen ruhigen Liegeplatz, wo sie relativ ungestört waren und dann die Route planen.

Er wusste, dass der Kanal, auf dem er schipperte, zum Wannsee führte und er über ein Netz aus Kanälen bis an die Nordsee kam, doch er hatte nicht im Kopf wie und wo. Zu viele kleine Seitenarme führten in tote Gewässer und zu Naherholungsgebieten, die er im Augenblick wirklich nicht gebrauchen konnte. Also suchte er sich ein Eckchen, wo er nicht auffiel, wenn er anlegte. Hauptsache er war weit genug weg von seinem Wagen.


24

„Junge, wo steckst du?“ Leon lehnte auf dem Lenkrad und hätte am liebsten reingebissen. An die Wasserstraßen hatte er nicht gedacht. Jetzt hieß es auch für sie improvisieren, denn nicht überall führten Straßen direkt am Kanal entlang. Oft mussten sie Umwege fahren und als sie gerade eine Stelle gefunden hatten, wo sie wieder auf den Kanal getroffen wären, mussten sie feststelle, dass der Mistkerl einfach halt gemacht hatte, an einer Stelle, die mit dem Wagen unmöglich zu erreichen war.

Zumindest konnten sie das Boot von hier aus im Auge behalten. „Ich ruf wohl besser Markus an und gebe ihm einen Überblick über die Situation.“ Gerne machte er das nicht, denn Markus dürfte nicht erfreut sein, dass sein Liebling auf einem Boot gefangen gehalten wurde, an das sie nur mit Tauchern oder einem anderen Boot herankamen. „Stuart ruf an und fordere Kampftaucher an und zwar Pronto“, bat er seinen Kollegen und wählte schon Markus’ Nummer.

„Ja!“, knurrte Markus ins Telefon. Er ahnte, dass Leon nicht anrufen würde, wenn es nicht wichtig wäre. Er war gerade wieder in die Stadt hinein gefahren, denn er hatte noch immer Leons Transponder auf seinem Navi und hatte bemerkt, dass sie hielten. „Was ist los, rede schon!“ Er war aufgeregt und sein Herz schlug ihm unter dem Hals. Er wusste, egal was er jetzt hören würde, es würde ihm nicht gefallen.

„Sie sind auf einem Boot, wir kommen nicht ran“, sagte Leon und holte tief Luft. „Wir haben aber schon Kampftaucher angefordert und wir haben das Boot im Auge. Er ist in der Kajüte, Daniel wohl weiter unten unter Deck.“

„So ein Mist“, fluchte Markus. Das war das schlechteste aller möglichen Szenarien, das man sich vorstellen konnte. „Wie gehen wir weiter vor. Ich brauche im Minimum noch eine halbe Stunde um bei euch zu sein.“ Es fiel ihm schwer, aber Markus musste sich jetzt auf Leon verlassen.

Der hatte auch gleich einen Vorschlag. „Versuch ein Boot zu organisieren. In unserer Nähe ist eine Anlegestelle, da müsstest du eins kriegen. Wir beobachten weiter und wenn er losfährt, bleib ich hier und du holst mich ab. Stuart wird ihn weiterverfolgen und hält uns auf dem Laufenden.“

Man merkte am Knurren, dass Markus von der Idee, Daniel nicht gleich zu folgen, absolut nicht begeistert war.

„Hör zu, Markus, du wolltest eine Chance, mit Daniel neu anzufangen. Das wäre die Gelegenheit, eure alten Identitäten sterben zu lassen. Gib uns Zeit für Vorbereitungen“, sagte Leon eindringlich, um Markus ruhig zu stellen. Er konnte seinen Kollegen verstehen, doch sie brauchten jetzt nicht nur einen klaren Kopf, sondern auch einen Plan. Und Markus machte nicht den Eindruck, als hätte er einen.

Immer noch knurrend sah Markus ein, dass man jetzt nicht unüberlegt handeln sollte und die Jungs vom F.B.I. hatten mit Situationen wie diesen mehr Erfahrung als er.

„Ich melde mich, wenn ich das Boot habe“, beendete Markus das Gespräch und Leon sah ein wenig überrascht auf sein Handy. Er wusste jetzt nicht, ob er beruhigt oder beunruhigt sein sollte, weil Markus so schnell nachgegeben hatte. Blieb nur zu hoffen, dass er nichts Unüberlegtes tat.

„Die Taucher können in ungefähr 10 Stunden hier sein“, erstattete Stuart Bericht. Er hatte sein Gespräch beendet und war recht zufrieden, dass alles reibungslos verlief. Manchmal war es eben doch von Vorteil, wenn man von gewissen Leuten die Handynummer hatte. Es lohnte sich eben doch, ab und an mal den richtigen Leuten einen Gefallen getan zu haben. Er grinste und hob einen Daumen, doch dann wandte auch er seinen Blick wieder dem Boot zu.

„Was macht der Kerl da?“, murmelte Leon und holte wieder das Fernglas heraus. Die Dämmerung brach langsam herein, aber für das Nachtsichtgerät war noch viel zu viel Licht. Also musste er mit dem arbeiten, was er hatte. Seine Sorge galt der Geisel, denn eines war klar, wenn sie das vergeigten, waren sie Markus los. Es stand mehr auf dem Spiel als ein Leben.

„Sieht aus, als wenn er am Laptop sitzt.“ Stuart zuckte mit den Schultern. Genau konnte er es nicht sagen, aber das war die einzig logische Erklärung dafür, dass dieser Luzifer jetzt schon eine ganze Weile saß und angestrengt vor sich guckte. Nur war ihm nicht klar, warum er das machte. „Mist, wenn Markus hier wäre, könnte er sich bei ihm einhacken und rausfinden, was er vorhat.“

Leon starrte weiter auf das Boot, als sich plötzlich etwas regte. „Nicht gut, gar nicht gut“, murmelte er, als er sah, wie Luzifer sich erhob. Doch er ging nicht wie befürchtet nach unten, wo Leon Daniel vermutete, sondern machte sich auf zum Ruderhaus. „Der wird doch nicht noch losfahren? Bei Nacht. Das ist gefährlich.“ Doch es bewahrheitete sich, was er vermutete, als die Motoren des Bootes anfingen zu blubbern. „Du folgst, ich warte auf Markus.“ Jetzt musste er raus in die Kälte, das schmeckte ihm noch weniger.

„Alles klar, Boss.“ Stuart stieg aus dem Wagen und lief zur Fahrerseite. „Los hopp, alter Mann“, trieb er Leon an und der knurrte.

„Das nächste Mal gehst du in die Kälte.“ Entgegen seiner brummigen Worte schlug er Stuart lächelnd auf die Schulter. „Verlier ihn bloß nicht. Markus wird dich vierteilen, wenn das passiert.“

„Ich werd mein möglichstes tun.“ Dann hatte sich Stuart schon in Gang gesetzt. Leon sah ihm nach, hatte dann seine Augen aber wieder auf dem Boot und folgte ihm mit seinem Blick, bis es hinter einer Biegung verschunden war. „Mach keinen Scheiß, Alter. Markus wird deine Leiche fleddern, wenn du seinem Mann auch nur ein Haar krümmst.“ Und wo war der Kerl eigentlich? Leon verschränkte die Arme und lief auf und ab. Auf seinem Navi hatte er Markus’ Signal, das sich ihm langsam näherte. Er war noch nicht auf dem Wasser, also hatte er auch noch kein Boot.

„Das kann doch nicht so schwer sein“, brummte Leon und zog den Kragen seiner Jacke zusammen. Warum hatte er heute Morgen auch unbedingt einen Anzug anziehen müssen? Nun fror er sich hier alles ab. War nur zu hoffen, dass dieser Luzifer sich bald einen Ankerplatz für die Nacht suchte. Um wenigstens ein wenig warm zu werden, lief Leon auf und ab und kontrollierte sein Navi. „Na endlich, mach hin, ich frier.“ Markus schien auf dem Wasser zu sein. Langsam ging Leon zum Ufer und sah lauernd in die Richtung, aus der Markus kommen musste. Das war der Vorteil von GPS, es gab selten Überraschungen. Da kam das Boot auch schon um die Ecke und wurde langsamer. Ob Markus einen Bootsführerschein hatte? Egal, er hatte das Gefährt bekommen, alles andere spielte keine Rolle.

Er schloss aber lieber die Augen, als Markus mit dem Boot näher kam. Er wollte lieber nicht als Zeuge auftreten müssen, wenn das Gefährt Macken abbekam. Allerdings riss ihn ein lautes: „Spring rein, verdammt“, aus seiner Starre und ohne nachzudenken sprang er ins Boot, neben Markus. „Sie sind noch nicht lange weg und Stuart hat sie noch im Blick. Er wird uns auf dem Laufenden halten.“ Leon griff sich dankend die Jacke, die an Bord in einer Kiste gelagert wurde, denn die Kälte war auf die Dauer nicht förderlich.

„Und kriech ihm nicht auf die Pelle verdammt. Wenn er dich sieht, kann es sein, dass Daniel noch mehr in Gefahr ist.“ Es war ja nicht so, als könnte er Markus’ Sorge nicht verstehen, aber den Kopf zu verlieren war nicht förderlich. „Brems dich“, knurrte er also, als Markus am Gashebel spielte.

„Wir müssen doch etwas unternehmen. Wer weiß, was der Perverse mit Daniel macht“, widersprach Markus heftig, aber nahm Gas weg. Er wusste ja, dass Leon Recht hatte und sich bei Geiselnahmen besser auskannte, aber sein Herz sagte ihm, dass er Daniel sofort befreien musste. Er wurde fast verrückt vor Sorge. Warum hatte das jetzt passieren müssen?

„Markus, solange sich das Boot bewegt, solange steht der Spinner am Ruder und am Steuer, solange wird er keinen Finger an deinen Mann legen können und so lange er sich sicher fühlt und er uns nicht sieht, solange wird er nicht in Bedrängnis kommen und er wird zaghaft vorgehen. Das ändert sich erst, wenn wir ihn in die Ecke treiben.“ Leon rollte den Kopf und sah gebannt auf das Wasser „Fahr ran“, knurrte er, denn sie hatte das Boot fast eingeholt.

„Ab…“, fing Markus an, machte aber, was Leon ihm sagte. Er atmete tief durch und lenkte das Boot vorsichtig näher an das Ufer. So langsam kam er besser mit ihrem fahrbaren Untersatz zurecht. In seiner Jugend war er ab und zu im Urlaub Boot gefahren und nach und nach erinnerte er sich wieder, was er tun musste.

„Nichts aber“, sagte Leon leise und war mit ihrem Unterschlupf zufrieden. „Was willst du denn machen? Ranfahren und rüber hüpfen? Ehe du hüpfen kannst, hat er dich gesehen und nimmt Daniel als Geisel. Ich fresse einen Besen, wenn der Spinner unbewaffnet ist. Und was Laien in Stresssituationen mit Waffen anrichten füllt Leichenhallen. Also, verlass dich bitte auf uns. Daniel wird nichts passieren.“ Er machte vollmundige Versprechen, doch er würde sein Leben dafür geben, es zu halten.

„Was ist denn jetzt eigentlich geplant?“ Markus konnte nicht einfach untätig hier warten. „Du hast vorhin etwas von Tauchern gesagt. Wo kommen die her und wann sind sie hier?“ Er brauchte Informationen, um zu entscheiden, ob er nicht doch besser selber eingreifen sollte. Nervös drehte er seinen Ring und betete dabei im Stillen, dass Daniel nur nichts passierte.

„Die Jungs kommen mit der Flugbereitschaft aus New York. Das war jetzt das kleinste Übel. Die deutschen Behörden mit reinzuziehen bringt die ganze Sache zu früh ans Licht. Du wolltest einen Abgang für Raphael, den wirst du kriegen.“ Leon setzte sch auf einen der Sitze und suchte in seiner Tasche nach Kaugummi. Dabei sah er Markus an. „Deine Rolle wird es sein, den Lockvogel zu spielen, wenn die Jungs hier und im Wasser sind. Während du dich zu erkennen gibst, wird sich der Spinner um dich kümmern. Derweil kann einer der Taucher Daniel holen und der andere das Boot sprengen.“ Er grinste, als Markus skeptisch die Brauen hob. „Wir sorgen schon dafür, dass dir nichts passiert, aber wir machen gute Bilder von eurem Ende. Dann seid ihr frei und unser Deal ist gelaufen.“

„Wenn es doch nur schon so weit wäre.“ Markus nickte und seufzte leise. So wie Leon das darstellte, war alles ja ganz easy, aber er glaubte noch nicht daran. Erst wenn Daniel wieder unbeschadet bei ihm war. Dabei realisierte er erst, was sein Freund über die Taucher gesagt hatte. „Die kommen aus New York? Wann sind die denn hier? Du willst doch nicht etwa bis morgen warten, um Daniel zu befreien?“ Man sah Markus an, dass er überhaupt nicht damit einverstanden war.

Leon zuckte die Schultern. „Mach einen Vorschlag“, sagte er offen. Er war für jede Idee dankbar, die es beschleunigte und ihnen leichter machte. Also sah er Markus forschend an.

„Ich weiß doch auch nicht“, antwortete Markus heftig und ein wenig lauter. Die Sorge um Daniel zerrte an seinen Nerven. „Sorry, aber alles in mir schreit danach, einfach dieses Boot zu entern und Daniel zu befreien. Ich werde noch ganz kirre, wenn ich nur daran denke, was dieses Arschloch mit meinem Mann dort anstellen kann. Dass Daniel leiden muss oder Todesangst hat.“ Unruhig lief Markus hin und her, so weit es ging und drehte seinen Ring. Das machte er immer, wenn er nervös war.

Leon drückte ihm das Fernglas in die Hand, was er noch immer bei sich trug. „Kannst gucken, was los ist“, schlug er vor, aber er war sich ziemlich sicher, dass Luzifer noch nicht den Nerv hatte, sich seine Trophäe zu greifen. Er war noch nicht weit genug weg und bei Nacht zu fahren wagt selbst Luzifer nicht. Was der dann die ganze Nacht tat, darüber wollte Leon nicht nachdenken, aber sollte es zum Äußersten kommen, mussten sie kurzfristig eingreifen.

Markus nahm das Fernglas, aber sah nicht hindurch, sondern drehte es nur zwischen seinen Händen und starrte blicklos in die Richtung des anderen Bootes. „Wie stehen die Chancen, dass wir Daniel heil da raus bekommen?“, fragte er leise. „Und bitte sag die Wahrheit.“

„Ziemlich gut und dabei muss ich dich nicht anlügen. Ich bin der Profiler von uns beiden und ich hatte in den letzten Tagen genügend Zeit, ihn zu studieren.“ Leon sah sich ebenfalls ein bisschen um, doch sie waren durch ein paar Bäume am Ufer gut verborgen. Auch Luzifer hatte zwischenzeitlich festgemacht und schien sich auf die Nacht vorzubereiten. „Er verehrt Daniel, er würde nichts tun, was ihm schadet. Wenn es uns also gelingt, blitzartig zuzuschlagen und die beiden zu trennen, dann wird Daniel nass, mehr nicht.“

„Ihm darf nichts passieren. Jetzt, wo ich ihn endlich so lieben darf, wie ich es mir schon seit Jahren wünsche, darf man ihn mir nicht wieder wegnehmen. Das geht einfach nicht. Ich will ihn wiederhaben.“ Markus stellte das Fernglas neben das Ruder und drehte sich weg. Er konnte es einfach nicht mehr ertragen, zu sehen, dass Daniel so nah und doch unerreichbar für ihn war.



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„Hallo mein Engel, wieder wach?“ Luzifer saß in der Kajüte am Tisch und beobachtete Raphael einfach. Er konnte sich an ihm nicht satt sehen. Selbst ohne sein Make-up war er unwiderstehlich und wenn sie erst außer Reichweite waren und Raphael sich an ihn gewöhnt hatte, dann würden sie das Leben führen, was er für sie beide geplant hatte.

Daniel saß auf einem Bett, immer noch an den Händen gefesselt. Der Klebestreifen vom Mund war weg, doch das hieß noch lange nicht, dass Daniel mit dem Spinner reden musste. Er hatte es vor einer halben Stunde versucht und war nicht durchgedrungen. Es hatte keinen Sinn, sich die kranken Wirrungen noch einmal zu geben. So starrte er nur an die Wand hinter Luzifer.

„So unnahbar?“, seufzte Luzifer und lehnte sich an die Wand. So konnte er Daniel besser beobachten. Sein Engel konnte nicht entkommen, denn die Tür der Kabine war abgeschlossen und das Fenster selbst für Daniel zu schmal. Deswegen war er auch nur noch an den Händen gefesselt. „Möchtest du etwas trinken oder essen?“

In erster Intension war es Daniel danach, Luzifer zu erklären, dass er ihn mal konnte. Doch es bestand die Gefahr, dass der Spinner das als Aufforderung sah. Bei dem wusste man doch nie. Also versuchte er neutral zu bleiben und Luzifer nicht zu reizen. Er schüttelte also den Kopf, als Zeichen des Willens zur minimalen Kommunikation. Er hatte schon Hunger, doch er hatte Angst, wieder betäubt zu werden. Also nahm er lieber nichts zu sich, wenn er nicht musste.

„Ganz wie du möchtest, mein Engel.“ Luzifer blieb sitzen, wie er war, und schüttete sich selber ein Glas Wasser ein. „Was findest du eigentlich an diesem Typen? Er nutzt dich doch nur aus. Glaubst du, er hat dir Wanzen untergeschoben, weil er dich liebt? Mach die Augen auf und sieh es so wie es ist. Er ist nur hinter dir her, weil du berühmt bist. Alles andere ist ihm doch völlig egal.“

Luzifer hatte einen kleinen Teilerfolg, denn Daniels Blick schoss zu ihm und er sah sein Gegenüber aus geschlitzten Augen an. Doch er konnte sich gerade noch auf die Lippen beißen, nichts zu erwidern. Er hatte keine Lust auf eine Diskussion, in der Luzifer nur darauf lauerte, Markus durch den Dreck zu ziehen. Es war doch ein sinnloses Unterfangen, zu erklären, wer hier wem Wanzen untergeschoben hatte und wer hier wen ausnutzte, nur weil Daniel berühmt war. Der Spinner würde sich doch einen Dreck darum scheren, wenn Daniel nur Pizzabote wäre. Aber er schwieg, schüttelte nur den Kopf.

Luzifer gefiel Raphaels Reaktion nicht, aber er ließ sich nichts anmerken. Er lächelte nur und schüttelte den Kopf. „Er hat dich wirklich nicht verdient. Er nutzt dich aus und du willst es einfach nicht sehen. Warte noch ein wenig, dann werde ich dir zeigen, wie er wirklich ist. Ich habe Material über ihn gesammelt, das dir die Augen öffnen wird.“ Vorsichtig strich Luzifer über Daniels Bein.

„Lass deine Finger von mir. Du bist kein bisschen anders als Gabriel. Der hat mich auch angepackt, obwohl ich das nicht wollte“, sagte Daniel trocken. Auf die Redereien über Markus ging er nicht ein. Er wusste, dass Luzifer nur Lügen verbreitete. Er hatte mit seinem Fotobuch doch selber dafür gesorgt, dass man allem, was er vorlegte, nur noch misstraute, weil es manipuliert war. Er versuchte lieber, Luzifers Ego zu packen. Er hatte doch immer die großen Reden geschwungen, Gabriel hätte ihn nicht verdient. Luzifer sollte einsehen, dass er mit seiner Art auf der gleichen Stufe stand.

„Gabriel? Ich bin wie Gabriel?“, brauste Luzifer auf, hatte sich aber schnell wieder im Griff und lächelte. „Mir war sofort klar, dass du nie etwas mit so einem Tier haben könntest. Allein, wie er immer versucht hat, sich bei allem in den Vordergrund zu drängen. Abartig. Dein widerlicher Manager passt doch viel besser zu ihm und sie haben sich beide mehr als nur verdient.“

Doch darauf ging Daniel nicht ein. Er hatte zum einen keine Lust auf eine Diskussion über Gabriel, zum anderen hatte er keine Lust auf ein Gespräch mit Luzifer. Er hatte Angst, dass der ihn einlullte. Also sah er wieder zur Seite und starrte aus dem Fenster auf das schwarz der hereinbrechenden Nacht. Hoffentlich kam der Idiot nicht auf die Idee, mit ihm das Bett teilen zu wollen.

„Ach Engelchen“, seufzte Luzifer. Raphael war wirklich nicht leicht zu überzeugen. „Du wirst noch merken, dass ich der einzige bin, dem du vertrauen kannst. Ich habe dir all diese Speichellecker vom Hals geschafft. Bald wirst du verstehen, das ich dir einen großen Gefallen getan habe.“

„Du willst doch auch nur das gleiche wie Gabriel“, stichelte Daniel weiter. Er musste erreichen, dass Luzifer ihm das Gegenteil beweisen wollte. Denn dann hatte er vielleicht eine ruhige Nacht. Sicher, es war wohl kaum an Schlaf zu denken, doch er wollte die Augen schließen, ohne Angst haben zu müssen, dass Luzifer sich auf ihn warf. Markus fehlte ihm, er wollte endlich wieder bei ihm sein – nur bei ihm. Seine Augen wurden traurig.

Aber instinktiv hatte er wohl die richtigen Worte gefunden, um erst einmal sicher zu sein. Etwas, das Luzifer bestimmt nicht wollte, war mit Steffan verglichen zu werden. Er wusste, wie sehr Raphael den Bassisten verabscheute, darum stand er auf und ließ Daniel allein. Er musste noch vorsichtiger vorgehen, um seinen Engel zu überzeugen, dass er nur mit Luzifer glücklich werden konnte.



***



„Er geht raus“, informierte Leon, weil Markus sich immer noch weigerte, durch das Fernglas zu sehen. Er hoffte, Markus so ein bisschen die Unruhe nehmen zu können. Er hatte von Stuart vor einer Stunde die Meldung bekommen, dass die Maschine mit den Kampftauchern in der Luft war. Er wollte nicht wissen, was der Einsatz kostete, doch Markus zu verlieren bedeutete einen noch größeren finanziellen Schaden.

„Verlässt er das Boot?“ Mit zwei Schritten war Markus bei Leon, der aber nur den Kopf schüttelte. „Nein, er ist noch auf dem Boot. Er ist nur aus der Kabine gekommen, in der Daniel ist. Ich glaube auch nicht, dass er jetzt an Land geht.“, Leon beobachtete Luzifer weiter mit dem Fernglas, aber viel konnte er nicht mehr erkennen, denn es wurde langsam dunkel.

„Na, ihr Spanner?“, hörten sie plötzlich Stuarts Stimme. Er hatte eine Brücke gefunden und das Ufer gewechselt. Wohlweislich hatte er noch einen Pizza-Laden überfallen und jetzt schleppte er seine Beute auf das kleine Boot. „Hat sich schon was getan?“, wollte er wissen und stellte die heißen Kartons ab. In einer Tüte klapperten Dosen.

„Nicht viel“, knurrte Leon und starrte gierig auf das Essen. Das war eine sehr gute Idee gewesen.

„Daniel ist in der Kajüte und Luzifer oben“, brachte Markus Stuart auf den neuesten Stand. Er nahm Leon das Fernglas aus der Hand, damit der was essen konnte. Er selber bekam jetzt nichts runter. Er sah zum anderen Boot rüber und knirschte mit den Zähnen. Er wollte etwas tun. Hier zu warten, machte ihn wahnsinnig, aber Leon hatte Recht, wenn er jetzt einfach losstürmte, brachte er Daniel noch mehr in Gefahr.

„Die Jungs geben Bescheid, sobald sie gelandet sind und machen sich dann zu meiner Peilung auf“, erklärte Stuart, was ausgemacht war. Wenn sie im Wasser sind, muss alles klappen. Wir haben nur einen Versuch. Markus, du wirst ihnen mit dem Boot folgen und zwar so, dass sie dich noch nicht bemerken. Auf unser Zeichen wirst du dich nähern, und zwar mit Krach. Luzifer soll dich bemerken. Während er versucht zu flüchten, wird sich einer der beiden Taucher aufs Boot schleichen, Daniel holen und Leon macht von allem Fotos.“

„Nee, nur davon, wie Markus seinen Gatten retten will und das Boot explodiert“, korrigierte Leon grinsend und Stuart verdrehte die Augen.

„Ja sicher nur davon, die Presse muss glauben, ihr seid tot. Ihr werdet sofort mit den Tauchern zurückfliegen, unser Chef will dich sprechen.“ Dabei sah er Markus eindringlich an.

„Wenn wir Daniel haben, soll es mir Recht sein.“ Markus hatte zu dem Ablauf der Befreiungsaktion genickt. Er musste sich auf die Erfahrung der beiden Agenten verlassen. Und da er Leon und auch Stuart kannte, wusste er, dass sie den Job schon einige Jahre machten. „Ich soll also die Aufmerksamkeit auf mich lenken? Gut. Wann wird es los gehen? Wann sind die Taucher hier?“

Stuart sah auf die Uhr und rechnete nach. „Morgen früh gegen sieben. Wenn wir Pech haben, hat sich der Spinner dann schon wieder aufgemacht, aber das soll uns entgegen kommen. Ein paar Duzend Kilometer weiter kommt ein See, ideal für unsere Show.“ Stuart hatte die Karten studiert und alles durchgerechnet. Wenn nichts dazwischen kam, sollte es klappen. „Also, nutz die Zeit und ruh dich ein bisschen aus, Markus, ich will nicht, dass dir morgen was passiert, wenn das Boot explodiert.“

„Um sieben.“ Markus gefiel das gar nicht. Daniel musste also die ganze Nacht dort drüben alleine bleiben und in der Angst leben, dass Luzifer sich einfach nahm, was er wollte. Das war doch die Hölle. „So eine Scheiße“, fluchte er unterdrückt und ballte die Fäuste. „Geht es wirklich nicht anders? Ich werde noch verrückt vor Sorge. Können wir drei nicht was improvisieren?“ Eigentlich kannte Markus die Antwort, aber er wollte es wenigstens versucht haben.

„Versuch es“, bot Leon an. Sicher konnte er Markus verstehen, aber dann hatte Daniel wieder seinen Manager am Hals, er wurde Luzifer nicht los und das ganze ging von vorn los. „Ihr werdet keine Ruhe finden. Aber du hast Recht: ziehen wir es durch. Komm.“ Er hatte keinen Schimmer wie, aber sie mussten eben improvisieren.

„Schon gut, Leon, ich hab verstanden. Wir werden warten, bis die Taucher da sind.“ Markus setzte sich an den Tisch. „Ich werde nerven und fluchen, aber wir werden warten. Ich brauche nur einfach das Gefühl, dass ich alles versucht habe, falls…“ Markus brach ab, denn das konnte er nicht aussprechen. Daniel passierte nichts. Es durfte einfach nicht sein.

„Ihm wird nichts passieren. Luzifer will ihn nicht besitzen, er will ihn erobern. Er ist der Typ Stalker, der glaubt, wenn er alles von seinem Ziel fern hält, wird es irgendwann einsehen, dass er alles ist, was man braucht. So lange er also nicht das Gefühl haben muss, Daniel würde ihm weggenommen, so lange wird er ihn gut behandeln. Es wird alles gut, glaub einfach daran.“ Leon schüttelte innerlich den Kopf. Er hatte gut reden. Es war ja nicht sein Schatz, der da drüben gefangen gehalten wurde und er wollte sich auch nicht vorstellen, wie es wäre, wenn Claudia an Daniels Stelle wäre.

„Es ist so schwer, einfach abzuwarten. Ich war noch nie gut darin.“ Markus stand wieder auf und lief in der Kabine auf und ab. Er konnte nicht still sitzen. Immer wieder ging sein Blick rüber zum anderen Boot, aber dort war nichts mehr zu erkennen, denn mittlerweile war es dunkel. Luzifer wollte wohl keine Aufmerksamkeit erregen und hatte die Lichter ausgeschaltet.

„Falls du gucken willst“, sagte Stuart und schob das Nachtsichtgerät zu Markus, ließ ihn aber weiter hin und her laufen. Er packte eine Karte aus, legte das Handy neben sich, falls die Taucher sie kontaktieren wollten und griff sich noch eine Dose Cola. Er machte auch drei Kreuze, wenn das hier vorbei war. Leon löschte auch bei ihnen das Licht, damit sie nicht doch noch auffielen. Es gab hier nicht viele Anwohner, doch wenn einer die Polizei rief, hatten sie ein Problem.

Markus nahm das Nachtsichtgerät und ging hinaus an Deck. Es war kalt, aber die frische Luft tat ihm gut. „Alles wird gut, Sweetheart. Wir werden dich befreien und dann fangen wir in Amerika neu an. Mir ist egal, wo wir dort leben werden, Hauptsache du bist bei mir“, murmelte er leise und guckte noch einmal rüber zum anderen Boot, dann wandte er sich ab und ging wieder hinein. Er musste noch einiges in die Wege leiten, wozu er morgen keine Zeit hatte.