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Alles was zählt - Teil 65 bis 68

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„Was ist das?“, wollte JJ wissen, als Endre ein Geschirr für Katzen mit in den Einkaufswagen warf. Einen Vorteil hatten ja große Supermärkte, man bekam so gut wie alles.

„Das ist für Rudi, damit wir ihn mit auf den Spielplatz nehmen können, wenn wir raus gehen, hm? Dann muss er nicht in meiner kleinen Wohnung hocken und auf uns warten.“ Das hatte sich Endre spontan überlegt, als er diese Geschirre im Regal hatte hängen sehen. Dass Leif und JJ zurück ins Apartment zogen, war so gut wie ausgeschlossen, aber der kleine Rudi war es gewohnt, sich in großen Bahnen zu bewegen. Die Wohnung hier war nur so lange interessant, wie jemand da war, der ihn bespaßte oder er noch nicht alles erkundet hatte. Endre fand es nicht fair, den kleinen Kater in seinen paar Quadratmetern einzusperren, während sie spielen gingen. So wollte er es wenigstens versuchen, auch wenn sich Rudi wohl erst einmal wie ein Aal winden dürfte, wenn man ihm plötzlich das Geschirr umschnallen wollte.

„Ach so!“ JJ nickte verstehend und fand die Idee gleich richtig klasse, Rudi mit sich nehmen zu können. Er hing an dem Tier.

Ohne einen wirklichen Plan strichen Endre und der Kleine durch den Supermarkt. Langsam ging es ihm wieder besser, doch er hatte keine Lust, kistenweise das Zeug nach Hause zu schleppen, denn er war froh, dass er sich selber auf den Beinen halten konnte. Die Leiste zog noch immer. Zwar hatte der Schmerz schon nachgelassen, doch ganz abgeklungen war es noch nicht. Von seinem Gesicht einmal gänzlich abgesehen.

Die Platzwunde an der Lippe, das sich langsam verfärbende Auge.

Ein Hingucker für jeden, der ihm entgegen kam. Endre konnte es nicht vermeiden und so versuchte er es zu ignorieren. Im Gegensatz zu JJ, der sehr wohl mitbekam, dass man über Endre schlecht redete. So erklärte er nämlich einem älteren Paar, dass die nicht so gucken müssten. Endre würde nur so aussehen, weil er ihn vor Vik-ror gerettet hätte. Und dann stapfte der Kleine wütend weiter. Endre wusste gar nicht, was er sagen sollte. Zum einen weil JJ plötzlich wildfremde Leute angesprochen hatte, um die er eigentlich sonst nur einen großen Bogen machte und sich hinter Endre versteckte, zum anderen, weil der Kleine mehr zu begreifen schien, als Endre gedacht hatte. Der Kurze war clever, er begriff Zusammenhänge ziemlich flink.

„’Tschuldigung“, nuschelte er in Richtung des Paares, das JJ perplex hinterher guckte und beeilte sich, dem Kleinen zu folgen. Sie hatten zumindest das im Wagen, was für die nächsten Tage wichtig sein konnte und wenn Leif mit dem Wagen wieder da war, konnte ja Endre vielleicht noch einmal fahren, um die schweren Sachen zu kaufen.

Die Warteschlangen an den Kassen waren überraschend kurz und so dauerte es nicht allzu lange, bis sie bezahlt hatten. Nun ging es darum, die Einkäufe zu verräumen und da hielt JJ nun seinen Rucksack hin, denn er wollte auch was tragen, schon allein weil Endre ja verletzt war. So packte Endre grinsend alle leichten Sachen in den Kinderrucksack, damit er schön voll aussah, der Kleine das aber bequem tragen konnte.

Der Rest landete in seinem großen Rucksack. Die trugen sich über weite Strecken am besten, weswegen sich das bei Endre sowieso eingebürgert hatte, mit Rucksäcken einkaufen zu gehen. Er hatte davon sogar mehrere Exemplare, alle aus derbem Leinenstoff, ohne viel Schmuck und Schnörkel, aber mit reichlich kleinen Taschen rings herum, für zerbrechliche Sachen oder kleine Dinge, die nicht verloren gehen sollten.

So stromerten die beiden also zurück zu Endres Wohnung und überlegten schon, wie Rudi sich aufführen würde, wenn sie ihn in das schöne, rote Geschirr stecken wollten. Während Endre ahnte, dass das nicht gut ging, weil sich der Kleine seiner Freiheit beraubt fühlte, war JJ fest davon überzeugt, wenn man ihm sagte, dass er dann mit ihnen spielen gehen darf, würde Rudi das von ganz allein anziehen, wie JJ auch, der seine Schuhe schon allein anziehen konnte.

Endre lachte leise und erwischte sich dabei, dass er sich fragte, ob Leif als Kind auch so süß gewesen war. „Depp“, flüsterte er zu sich selbst und schüttelte den Kopf. Was ging denn jetzt los? Teenager-Schwärmereien oder was? Doch er konnte auch nicht anders. Dieser Kerl hatte ihm den Kopf verdreht, auch wenn Endre das immer hatte vermeiden wollen. Es ging nicht. Leif war so charmant und aufmerksam, man hatte doch gar keine andere Chance, als sich zu verlieben. Und wie es schien, ging es Leif auch nicht anders. Es war ein merkwürdiges Gefühl.

Und das schlimmste dabei war, dass er Leif begehrte wie verrückt, aber mit JJ im Bett ging das einfach nicht. Und den Kurzen allein auf die Couch schicken kam nicht in Frage, genauso wie es nicht in Frage kam, dass der Kleine allein im Bett schlief und die beiden Männer auf die Couch umzogen – es reichte, wenn JJ nachts mal musste, um sie zu erwischen – nein. JJ brauchte ein eigenes Zimmer ganz für sich allein und so lange er das nicht hatte, solange musste sich Endre eben zurückhalten, egal wie sehr er diesen Körper begehrte, der nachts nun neben ihm lag.

In erster Linie war er JJs Kindermädchen, also stand das Wohl des Kleinen auch an erster Stelle. Da mussten seine und Leifs Bedürfnisse schlicht zurückstehen. Für eine kurze Sekunde der Lust bereute Endre, dass es gekommen war, wie es gekommen war und er nicht mehr sein eigenes kleines Eckchen bei Leif in der Wohnung hatte, wo er sich mit seinem Gespielen hätte zurückziehen können, wenn der Kleine friedlich in seinem Bettchen schlummerte.

Doch dann musste er sich auch vor Augen halten, dass er Leif nicht für sich haben könnte, wenn sie noch zusammen mit Viktor wohnen würden. Nein, es war schon gut so, wie es war und den Rest bekamen sie auch noch irgendwie in den Griff.

„En-re!“ JJ klang ziemlich gereizt, denn er rief sein Kindermädchen jetzt schon zum dritten Mal und der reagierte gar nicht, deswegen wirkte der Kurze ziemlich zufrieden, als Endre endlich zu ihm runter guckte.

„Was denn?“, wollte er wissen und blieb stehen, weil JJ an seiner Hand in die andere Richtung zog. So erklärte ihm JJ, dass er glaube, sie wären an Endres Tür vorbei gegangen.

„Wie kommst du darauf?“, fragte Endre und sah sich um. Der Kleine hatte Recht. Woher wusste der das denn?

Doch JJ erzählte ihm stolz, dass er sich die Tür gut gemerkt hätte und auch die Kringel auf der Tür – Endre begriff schnell, dass er damit die Zahlen der Hausnummer meinte – und die Kringel, die JJ sich gemerkt hätte, die waren da hinten auf der Tür.

„Hey, du bist gut!“, lobte Endre und strich dem Kleinen über den Kopf, der stolz strahlte und Endre an seiner Hand zurück zu der richtigen Tür zerrte. Vielleicht sollte Endre ihn ab und an mal selber machen lassen, um zu sehen, was JJ schon alles konnte, ohne das jemand es gemerkt hatte. Schließlich sollte er ab Montag in den Kindergarten, da war es bestimmt von Vorteil, wenn er seinen Erzieher ein bisschen beeindrucken konnte. Nicht zuletzt für das kleine Ego.

Endlich oben angekommen machte sich Endre daran die Einkäufe auszupacken, während JJ gleich mit dem Geschirr auf Rudi zu lief und ihm erklärte, was jetzt passieren sollte. Seine kleinen Finger hatten ziemliche Schwierigkeiten mit den winzigen Schnallen an dem Geschirr, doch er wollte sich partout nicht helfen lassen. So ließ Endre ihn machen, stand aber dabei, falls er eingreifen musste, wenn Rudi alles zu bunt wurde und er anfing zu kratzen oder zu beißen. Doch sehr zu seinem Erstaunen schien sich Rudi alles gefallen zu lassen, was JJ mit ihm anstellte. Auch als der etwas rabiat wurde, weil er die kleinen Schnallen ebenso wenig zu bekam, wie er sie aufbekommen hatte, hielt der Kater still und erduldete alles.

„Na kommt, Jungs, wenn wir Rudi schon in das Ding gezwängt haben, müssen wir ihn auch belohnen und mit ihm raus gehen“, sagte Endre. Hier hatten sie sowieso nicht viel zu tun. Außerdem wurde er noch irre hier, wenn er sich nicht ablenkte. Ständig fragte er sich, wie das wohl im Büro gelaufen war, ob Leif mit heiler Haut aus allem raus kam und vor allem, wie das wohl lief, wenn er wieder auf Viktor traf?

Würde Leif standhaft bleiben und die Trennung durchziehen oder wurde er weich, weil man 12 Jahre nicht einfach so auf den Müll warf? Endre war unsicher, er konnte Leif nicht einschätzen. Und genau deswegen wollte er nicht darüber nachdenken. Das heute Morgen war vielleicht nur ein bisschen Geilheit gewesen. Schließlich arbeitete Leif in der Sex-Branche und hatte sich an seinen regelmäßigen Sex gewöhnt. Vielleicht war es sogar egal mit wem?

„Bist du blöd?“, fragte er sich nach diesem Gedanken allen Ernstes selbst, denn das konnte er selber nicht glauben. So war Leif nicht! Und selbst wenn der es vorzog, doch zu seinem Verlobten zurück zu kehren, so war es dessen Entscheidung, denn Endre war nur das Kindermädchen – mehr nicht. Das musste er sich vor Augen halten. Und um sich nicht völlig verrückt zu machen, musste er sich jetzt ablenken, da waren JJ und Rudi genau die richtigen. Die standen nämlich schon wartend an der Tür, während Endre noch Jacke und Schuhe anziehen musste.

„Du darfst die Leine nicht loslassen, JJ. Wenn Rudi auf die Straße läuft, dann fahren die Autos ihn tot. Also, ganz doll festhalten, ja?“, sagte er dem Jungen eindringlich und der nickte.

Nein, das wollte er nicht, dass die Autos Rudi tot fuhren! Also machte er seine kleine Faust ganz fest, klammerte sich um die Leine und zeigte Endre, wie fest er sie hielt. Endre lächelte und strich ihm über den Kopf, zog JJ aber instinktiv zu sich, als die Tür sich öffnete.

„Hoppla“, lachte Leif, als er das Empfangskomitee an der Tür sah und küsste Endre, so wie er es immer tat. Es war nicht nur Gewohnheit, es war eine Art der Vorfreude, weil sie sich wieder sahen. „Wo wollen meine Hübschen denn hin?“

Natürlich erklärte JJ sofort, was sie gekauft hatten und was sie vor hatten und dass er das gut festhalten müsste, damit Rudi nicht tot gefahren würde.

„Ich habe da was gefunden, wo er nicht tot gefahren wird. Sollen wir da mal hin fahren?“, fragte er und hob JJ hoch. Endre beeilte sich, Rudi hochzuheben, damit die kurze Leine dem Kater nicht den Magen drückte.

„Was hast du vor?“, fragte Endre neugierig und schlüpfte in seine Schuhe. Es war ihm unangenehm, als Leif ihn eine Weile nur stumm ansah und ihn dann auf die Platzwunde an der Lippe küsste.

„Dich bitten, diese Wohnung aufzugeben und mit mir an den Stadtrand zu ziehen“, sagte er leise und in einem Ton, der es Endre durch und durch gehen ließ. Sein Magen flimmerte. Seine Nackenhaare stellten sich auf. Leif wollte bitte was?

Endre musste ziemlich seltsam gucken, denn nun wirkte auch Leif nicht mehr ganz so zuversichtlich.

„Tut mir leid, war nur eine Idee gewesen, weil der Weg bis raus von hier aus ziemlich weit sein dürfte. Dann bist du jeden Tag ziemlich lange auf der...“

„Hab ich nein gesagt?“, fragte Endre und grinste. Er wusste noch nicht, ob Leif nur fragte, weil er ihn weiter als Kindermädchen haben wollte oder ob nicht doch mehr möglich wäre. Auch wenn Endre sich stark gab, er war es nicht. Er war unsicher. „Lass uns gehen, Rudi hat vom gehalten werden die Nase voll“, sagte er also, um abzulenken und öffnete die Tür. JJ wollte auch wieder runter gelassen werden, denn er wollte ja mit Rudi spazieren gehen.

„Wir müssen aber ein Stück fahren“, erklärte Leif, damit JJ nicht gleich los lief, sondern am Wagen wartete. Die beiden fegten also die Treppe runter, doch JJ wusste, dass er an der Haustür zu warten hatte. So war das immer gewesen – auch im Hotel, wenn sie mal die Treppe benutzt hatten. Auf die Straße durfte er nicht allein, das wusste er sehr gut, deswegen hastete Endre auch nicht gleich hinterher, sondern schloss die Wohnung in Ruhe ab.

„Du musst deine Wohnung nicht aufgeben, Endre, es war nur eine Idee. Ich dachte, du würdest vielleicht... so wie ich... und da dachte ich, du würdest vielleicht mit mir zusammen... aber…“ Leif kam sich so lächerlich vor. Hatte er Endre völlig falsch verstanden? Empfand er denn gar nichts für ihn?

Das Bedauern in der Stimme fiel auch Endre auf und wenn der Euro auch nur centweise fiel, so fiel er doch und Endre lächelte. Er zog Leif dichter zu sich und küsste ihn kurz. „Ich komme mit, Schatz“, sagte er leise und sein Magen war wie ein Schwarm Schmetterlinge. Es kribbelte und surrte und das waren ganz bestimmt keine Nachwirkungen der Schlägerei. Das hier war besser, viel besser. Schon allein weil Leif ihn nun auch verstehend angrinste und ihn sacht gegen die Wand drückte, um ihn intensiver zu küssen. Doch es kam nicht dazu, weil JJ von unten nörgelte, wie lange man denn bitte für zwei Etagen Treppen brauchen konnte.

„Er taut wirklich langsam auf“, lachte Endre, tippte schnell noch mit seinen gegen Leifs Lippen, dann zog er ihn guten Mutes hinter sich her die Treppe hinab. Rudi und JJ standen schon in den Startlöchern und warteten nur darauf, endlich vor die Tür gehen zu dürfen. Endre nickte und schon rollten die beiden sich über den Rasen im Vorgarten. Leif ließ es geschehen und ging mit Endre im Arm vor zum Wagen. Erst als es ihm zu lang wurde und die beiden auf dem Gras kein Ende fanden, rief er sie zu sich. JJ wurde in seinen Kindersitz gepackt, Rudi lag neben ihm auf der Rückbank. Er fuhr ja nicht zum ersten Mal Auto und so rollte er sich zusammen.

„Wohin geht’s eigentlich?“, fragte Endre nun neugierig, denn er wusste noch immer nicht, was Leif eigentlich vorhatte. Sie wollten zusammen ziehen – gut. Aber wo?

„Es gibt da eine alte Villa, die steht schon seit vielen Jahren leer. Ich wollte sie immer haben und dort einziehen, aber Viktor wollte aus dem Penthouse nicht raus. Muss er auch nicht, aber jetzt habe ich endlich das Haus gekauft, was ich immer haben wollte. Es ist ein bisschen vernachlässigt, es muss einiges gemacht werden, aber die Handwerker sind schon vor Ort, um sich umzusehen. Wir werden sie gleich treffen.“

Endre sah seinen Freund entgeistert an. „Du hast allen Ernstes eben mal ein Haus gekauft?“

„Hey, ich kenne es inn- und auswendig. Es war nur noch nicht verkauft, weil ich darum gebeten hatte. Ich wusste, ich werde es kaufen, ich wusste nur nicht wann. Ich...“ Leif grinste schief. „Jetzt gehört es eben mir, so!“

Endre lachte und schüttelte den Kopf. Das würde ihm wohl nie passieren, dass man mal so nebenbei eben ein Haus kaufte. Eine alte Villa auch noch. „Wo liegt sie denn?“

„In der Schützallee, draußen in Zehlendorf“, klärte Leif verträumt auf und fing an zu erzählen, wie das Haus aussah, welche Zimmer es hatte und wie Leif sich das vorgestellt hatte.

„Außerdem war ich noch schnell im Penthouse, weil Vik ja arbeiten war und mir nicht folgen konnte, und habe Bilder von allen Gegenständen gemacht, die mir gehören, damit eine Lieferfirma sie abholen kann, sobald die Zimmer in der Villa hergerichtet sind. Du hängst doch so an der großen Küche“, klärte Leif weiter auf. Die Küche und JJs Möbel waren neben den Möbeln in Endres Séparée alles, was er mitnehmen wollte.

Wohnzimmer, Bad, Schlafzimmer, das durfte Viktor gern alles behalten. Die Erinnerungen an vieles davon wollte er nicht mitnehmen, die gehörten in ein Leben, das Leif hinter sich lassen wollte, auch wenn es schöne Zeiten gegeben hatte – viele schöne Zeiten. Aber diese Zeiten waren vorbei, egal wie sehr sich Viktor daran klammerte.

In der Küche allerdings hatte er neue Erinnerungen gefunden, solche, die er gern mitnehmen wollte.

„Außerdem ist der Kindergarten näher“, brachte er nun noch ein Argument, von dem er wusste, dass Endre da nicht einfach so drüber wischen konnte und deswegen grinste er auch frech. Endre schüttelte gespielt den Kopf, doch dann lachte auch er. Irgendwie war es, als würde ihr Leben neu beginnen – ganz neu. In einer ruhigen Minute musste er vielleicht mal seine Brüder anrufen und ihnen sagen, was bevorstand.

Der Weg von Spandau nach Zehlendorf war keine Weltreise, doch es dauerte seine Zeit, in der JJ leise, aber wirklich nur ganz leise, quengelte, wie lange das noch dauern würde und Leif ihm versicherte, dass es nicht mehr weit wäre.

Als sie in die Schützallee einbogen, schlug Leifs Herz vor Aufregung schneller. Ob Endre die Villa auch mochte? Ob er sie als sein Heim ansehen würde, so wie Leif? Hoffentlich gefiel sie ihm!

„Da wären wir – willkommen in unserem neuen Heim“, sagte er, als er die Auffahrt hoch fuhr und den Wagen parkte. Auf der Straße standen schon die Wagen der Handwerker, die drinnen eine Bestandsaufnahme machten. Sie sollten gucken, was saniert werden musste, was nur renoviert. Leif wollte das gleich mit ihnen durchsprechen.

„Wow, nicht übel“, musste Endre zugeben. Eine weiße Stadtvilla im klassizistisch schlichten Baustil. Der dreieckige Giebelverbau mit einer altgriechischen Szene, darunter ein Balkon und Dekorsäulen. Die kleinen Türmchen gehörten sicher zu den oberen Zimmern. Während Endre sich langsam aus dem Wagen schälte und sich das Haus betrachtete, waren JJ und Rudi eigentlich nur von dem riesigen Garten begeistert. Doch Leif dämpfte ihren Entdeckerdrang, weil er noch nicht wusste, welche Gefahren im hohen Gras lauerten. „Bleib erst mal hier, Süßer“, sagte er sanft zu dem Jungen und JJ fügte sich. Was aber mehr daran lag, dass er auch recht neugierig war und Leif ihn ins Haus führte. „Komm, Schönheit!“, sagte er lächelnd zu Endre und hielt ihm die Hand hin, nickte ihm zu, als der sie ergriff. So sollte es sein – genau so.

Der Polier nahm sie gleich in Empfang und erklärte, was sie schon festgestellt hatten. So ging er mit der jungen Familie durch das ganze Haus, erklärte wozu die Räume wohl früher gedient hatten und nach und nach machten sie Bestandsaufnahme.

Endre war dafür, zumindest im Wohnzimmer und im Salon die herrlichen Kachelöfen stehen zu lassen. Er liebte sie und so beschloss Leif, dass sie in allen Räumen bleiben sollten. Ein Teil würde wieder instand gesetzt und benutzt werden, wie zum Beispiel im Schwimmbad im Keller, wo die gemauerten Öfen oft auch als Ruhestätte dienten. Ein anderer Teil blieb nur zur Dekoration, wurde aber durch moderne Heizkörper ergänzt.

JJ und Endre stromerten mit Rudi weiter in den Garten, während sich Leif mit dem Polier und dem hinzu gekommenen Architekten über die Pläne hermachte. Ab und an wurde Endre hinzugerufen, wenn es darum ging, nicht-tragende Wände einzureißen, um Zimmer zu vergrößern.

Als es langsam dunkel wurde, hatten sie den Plan für die nächsten Tage. Die Männer wussten, was zu tun war.

„Ich kann verstehen, dass du sie unbedingt haben wolltest“, sagte Endre leise, der vor dem Südgiebel stand und nach oben sah. Leif hatte die Arme von hinten um ihn geschlungen und sein Kinn lag auf Endres Schulter.

„Ich bin froh, dass sie dir auch gefällt und dass du mir meinen Wunsch erfüllst, mit mir hier her zu ziehen.“ Sacht knabberte er sich über Endres Hals und lachte leise, weil der nicht anders konnte, als wohlig zu knurren. Ob er Endre sagen sollte, dass er die Arbeiten so schnell vorantrieb, weil er ihn endlich für sich haben wollte? Mit einem eigenen Schlafzimmer, wo er mit Endre all die Dinge tun konnte, die ihm seine Fantasie vorschlug? Vielleicht später. Er lachte leise und rief nach JJ, der immer noch mit Rudi durch den Garten tobte. Der Kurze schlief heute Nacht bestimmt wie ein Stein.


-66-

Die Fahrt zurück zum Brunsbütteler Damm, wo Endres Wohnung lag, verlief eigentlich ohne Probleme. Zumindest anfangs. Sie waren vielleicht zehn Minuten unterwegs gewesen, da piepste Leifs Handy und erklärte ihm damit, dass eine SMS eingegangen war. „Schatz, schau mal bitte, wer da was von mir will“, sagte Leif, weil er eigentlich keine Informationen mehr erwartete. Aber vielleicht war es der Architekt, dem noch etwas eingefallen war, was sie nicht geklärt hatten.

Endre tat wie gefordert und hob eine Braue. „Ist von Viktor“, sagte er und wusste nicht, wie er damit umgehen sollte.

„Dann lösch den Dreck. Von dem kommt eh nur Mist“, knurrte Leif. Wie schaffte es der Kerl nur immer wieder, ihm auch die schönste Laune zu verderben, ohne überhaupt anwesend zu sein?

„Glaubst du, nach gestern und heute meldet er sich nur, um etwas Sinnloses von sich zu geben?“, fragte Endre und starrte immer noch auf den Namen. „Vielleicht ist es wichtig?“ Doch wollte er überhaupt wissen, was dieser Kerl Leif noch zu sagen hatte? Eigentlich ja nicht. Am liebsten wäre es ihm, man könnte diesen Mann aus ihrer aller Leben streichen und zwar so, dass keine Folgeschäden auftreten würden.

Leif verdrehte die Augen. Er konnte sich nicht vorstellen, dass es noch etwas gab, was dieser Kerl ihm zu sagen hatte. Sie waren durch miteinander, wenn auch nicht auf die beste aller Arten. Oder fingen seine perfiden Spielchen um die Macht schon an? Das war schnell. Normalerweise gönnte sich Viktor immer ein paar Tage Ruhe, um zu planen, aber hier war das wohl nicht nötig. „Guck halt rein und dann lösch den Mist“, knurrte er und war kurz versucht, rechts ran zu fahren und selber zu gucken. Doch er zügelte seine Neugier. Ihm war es wichtiger, nach Hause zu Endre zu kommen und sich mit ihm entspannt auf die Couch vor den Fernseher zu werfen, um ein bisschen abzuschalten. Vielleicht dort weiter zu machen, wo JJ heute Morgen gestört hatte.

„Ach du heilige Sch...“ Endre biss die Zähne zusammen und verspannte sich. Damit machte er Leif so neugierig, dass er doch die Warnblinkanlage anmachte und sich an den Straßenrand bewegte, wo er den Wagen zum Halten brachte. Dass Endre nichts sagte, machte ihm Sorge. Was hatte dieser Mistkerl sich schon wieder einfallen lassen? So nahm er das Handy an sich und schluckte. Das durfte doch nicht wahr sein. Fotos – Viktor hatte ihm Fotos geschickt. Eines, als Leif Endre im Arm hatte und aus der Haustür zum Wagen ging, eines, als er mit Endre im Garten der Villa stand und ihn von hinten umarmte und eines von Leifs Mietwagen. Sein Kopf schoss herum. War der Kerl noch irgendwo dort?

„Scheißtyp. Diese neugierige Ratte. Dieser...“

„Leif, mäßige dich. Egal wie unschön das hier ist, JJ muss dein Vokabular nicht übernehmen“, knurrte Endre und schüttelte den Kopf. Was wollte ihnen der Kerl damit sagen? Ich finde euch überall, verstecken hat keinen Sinn? Oder: ich wusste, dass ihr mich betrügt, ich werde mich rächen, ihr werdet niemals Ruhe vor mir haben? Doch es war egal. Sie konnten nur warten, bis Viktor den nächsten Zug machte. Im Augenblick waren sie mit dem Rücken an der Wand. „Komm, fahr. Adle den Spinner nicht noch damit, dass du anfängst ihn zu suchen. Das ist es, was er will.“

„Du hast leicht reden! Das war eine Nachricht an mich, Endre. Sie bedeutet: ich weiß, dass du mich belogen hast. Und ich weiß genau, wie Viktor darauf reagiert, wenn er belogen wird.“ Doch er tat, was Endre sagte und startete wieder den Wagen. Was brachte es schon, zu wissen, wo Viktor jetzt war?

„Was meinst du mit belogen?“ Endre verstand nicht, wovon Leif eigentlich redete. Fragend sah er seinen Freund an und ein wenig Sorge schwang auch mit, er wusste aber nicht warum. Er wusste nur, dass er ein merkwürdiges Gefühl im Magen hatte.

„Er lag mir ständig in den Ohren, ich würde ihn nur verlassen, um mit dir zusammen zu sein. Ich meine, okay – das war einer der Punkte, aber nicht der Hauptgrund. Der Hauptgrund war, dass JJ bei ihm nie sicher sein wird.“ Leif kam sich elend vor, als er Endre ansah. Er hatte ihn verleugnet. Ob Endre ihm das übel nahm? Aber ungewöhnliche Zeiten erforderten ungewöhnliche Maßnahmen und Viktor offen ins Gesicht zu sagen, dass Endre der Grund war, das wäre eine Katastrophe geworden. Aber was hatte er damit gekonnt? Gar nichts. Wie hatte ihn der Kerl überhaupt überall finden können? War er ihnen die ganze Zeit gefolgt oder hatte er einen Peilsender an den Wagen gepackt? Zuzutrauen wäre es dem Kerl.

„Ach so.“ Endre wusste auch nicht so richtig, warum er jetzt schon wieder so geknickt war. Doch es fühlte sich schal an. Ob sich Leif schämte, mit einem Habenichts zusammen zu sein? War Sex alles, was Leif von ihm erwartete? Unsicher sah er neben sich, lächelte aber, als Leif ihm eine Hand aufs Knie legte. „Mach dir keine Gedanken. Es wird nicht leicht werden, aber wir werden das schon schaffen.“

Sie wussten beide nur zu gut, dass sie jetzt im Vorhof der Hölle standen. Wenn Viktor erst einmal anfing, dann fand er kein Ende bis die Beute tot am Boden lag – ob nur bildlich gesprochen oder wortwörtlich, das wussten sie beide nicht zu sagen. Endre hatte gespürt, zu was der Mann in seiner Raserei fähig war. Ob er das nächste Mal noch ein Ende fand, war fraglich.

Leif gab ihm das Handy wieder in die Hand und schaltete, um sich erneut in den fließenden Verkehr einzugliedern. „Lösch den Mist“, forderte er. Doch Endre schüttelte den Kopf. Man wusste nie, wann man diese Bilder noch einmal brauchte. So steckte er das Handy einfach weg und sah wieder aus dem Fenster. Ihn ließen die Bilder nicht mehr los. Einmal abgesehen davon, wer sie gemacht und geschickt hatte und welche Botschaft sie haben sollten, so hatten sie Endre doch auch ein angenehmes Kribbeln beschert. Sie waren zusammen auf diesen Bildern – sie beide. Innig umarmt. Zumindest musste ihre Zuneigung so sichtbar sein, dass Viktor davon eifersüchtig geworden war. Gut, das hatte nichts zu heißen. Der war schon eifersüchtig, wenn Endre und Leif auf der gleichen Insel waren. Er grinste in sich hinein.

„Woran denkst du?“, fragte Leif, der ihn immer mal wieder aus dem Augenwinkel beobachtete.

„An Mahé“, gestand Endre und wandte sich wieder zu seinem Freund um.

„Ich hätte dort gern mehr Zeit für euch gehabt und Pierre war ziemlich angetan von dir. Ich war eifersüchtig“, gab Leif offen zu und entwaffnete Endre damit.

Er konnte ihn nur anstarren und schluckte dabei leise. „Echt?“

„Ja, echt. Ich war schon hin und weg von dir, als du durch meine Tür im Büro gekommen bist. Dass JJ von dir mindestens so begeistert war wie ich, fand ich gut.“ Sie lachten beide und nun mischte sich auch JJ ein, der erklärte, dass er En-re sehr wohl sehr klasse finden würde und was es eigentlich zum Essen gäbe, weil er Hunger hatte. So war das Thema Viktor vom Tisch und es wurde der Rest des Abends geplant.

Kaum dass sie die Wohnung erreicht hatten, verschwand Endre in der Küche und Leif mit dem Kurzen im Bad. Nur Rudi hatte seine Ruhe und als er das Geschirr wieder abgenommen bekommen hatte, rollte er sich zufrieden auf dem Teppich.

Zum Abendessen gab es Spiegeleier auf Toast und natürlich reichlich Gemüse. Da achtete Endre schon drauf. Die Küche war für drei Leute ziemlich eng, genauso wie die ganze Wohnung, doch bald würde er sie aufgeben und mit Leif zusammen in die Villa ziehen. Er konnte das noch gar nicht fassen. Das alte Schwimmbad im Keller war wunderschön, die Räume großzügig bemessen und so gut verteilt, dass man JJ, wenn er größer war, dort oben vielleicht ein eigenes Reich schaffen konnte. Endre lachte leise, wie weit er schon wieder dachte.

Die Zeit verging und als er zusammen mit dem Abwasch in der Küche leise rumorte, lag JJ schon im Bett und ließ sich von Leif etwas vorlesen. Zum Glück hatten sie an die Kinderbücher gedacht.



„Er schläft“, sagte Leif, als er in die Küche kam. Wie ein Schatten glitt er hinter Endre, der noch immer in der Küche hantierte und legte locker die Arme um ihn, um den zarten Hals zu küssen. Seine Finger schoben sich auf den Bund von Endres Jeans. Es war die, die Leif ihm auf dem Flughafen gekauft hatte und die er besonders gern an Endre sah, weil sie so schön eng saß und keine Geheimnisse vor ihm zuließ. „Ich hoffe, die Bauarbeiten gehen schnell voran. Ich will dich endlich nachts für mich allein“, murmelte er leise und küsste sich über den Nacken. Endres Geruch machte ihn wahnsinnig, er wusste selbst nicht genau warum.

„Ja, wenn er erst mal sein eigenes Zimmer hat“, murmelte Endre und stützte sich auf der Spüle auf, weil seine Beine anfingen, ihm den Dienst zu versagen. „Und wir unser eigenes Schlafzimmer.“ Der Gedanke war berauschend. Nicht jede Nacht die Angst, JJ könnte jederzeit aus dem Bett gewuselt kommen, weil er noch einmal ins Bad wollte und dabei Dinge sah, die er besser noch in zehn Jahren nicht sah. „Aber so lange sollten wir uns beherrschen“, keuchte Endre, denn so leicht, wie er das gern hätte, war das mit dem beherrschen gar nicht. Leifs Lippen auf seiner Haut, dessen Finger auf seinem Bauch – das war Wahnsinn! Jede Zelle funkte Impulse zum Großhirn und eine Explosion nach der anderen nahm Endre fast die Sinne. Um sich abzulenken wand sich Endre in der sanften Umarmung, damit er Leif küssen konnte und keuchte erschrocken, als Leif ihn anhob und auf die Spüle setzte. Zum Glück war sie stabil.

„Lass uns anständig sein“, nuschelte er gegen Leifs Lippen, der ihn absichtlich nicht verstand. Er konnte doch auch nichts dafür, dass er diesen Mann begehrte wie nichts anderes auf dieser Welt. Es war leicht gesagt: anständig bleiben. Doch es war ein komplexer Vorgang, der damit begann, dass sein Hirn ihm klar machte, dass es besser wäre, weil Kinder in der Wohnung waren.

„Leif“, protestierte Endre halbherzig, als der seine Hände hinten unter den Hosenbund schob und seine Fingerspitzen die festen Rundungen erkundeten, so gut es ging. Sie spielten mit dem Feuer!

Und Rudi spielte mit Leif - denn der grub seine Krallen in den festen Stoff der Hose und trieb eine kleine Schmerzwelle durch Leifs gesamten Körper. Er zuckte und sah sich um, als wäre er aus einem Traum erwacht. Er guckte Rudi an - der guckte ihn an. Leif grinste schief. „Ja, ich habe deinen Hinweis verstanden“, nuschelte er, küsste Endre aber noch einmal abschließend, ehe er sich einen Schritt zurückzog. Endre blieb sitzen und sah Leif an. Er war Versuchung pur. Die schwarzen Haare mit den blonden Spitzen standen völlig verwuschelt, weil Endre seine Hände darinnen vergraben hatte. Das Shirt hing schlampig aus der Hose, weil Endre es ungeduldig herausgezogen hatte. Er war zum anbeißen.

„Was würde ich jetzt für in eigenes Schlafzimmer geben“, nuschelte Endre leise und glitt von der Spüle. Er spürte in seiner Hitze nur zu gut, wie sehr sein Körper auf diese Zuwendungen angesprungen war. Er konnte die Erregung nicht verbergen und als Leif sich bei diesem Anblick die Lippen leckte, lief es Endre heiß und kalt den Rücken hinab. Er wollte Leif – jetzt! Auf der Stelle! Doch er konnte doch nicht einfach für seine Gier JJ aufs Spiel setzen. Sie wussten genau, dass der Kleine nicht durchschlief, sondern immer mal ins Bad stromerte. Das Risiko war einfach zu groß.

„Sobald die oberen Zimmer fertig sind, ziehen wir um!“ Leif musste sich wirklich zusammenreißen, sich nicht wieder Endre zu greifen und zu küssen. Es war wie eine Sucht und seine Finger zitterten. Er hatte alle Symptome einer Sucht, denn jedes Mal, wenn er von Endre eine Gunstbekundung bekommen hatte, brauchte er das nächste Mal eine größere Dosis. Mehr, immer mehr!

Endre sah über die Schulter zurück in die jetzt dunkle Küche und lachte leise. „Komm, sehen wir noch etwas fern und versuchen unsere Gemüter zu kühlen.“



So war es dann auch. Endre lag auf der Couch, Leif in einem Sessel und als ihnen die Augen zu fielen und sie glaubten, zu müde zu sein, um noch einmal hoch zu touren, verschwanden auch sie im Bett. Erst einmal musste JJ zurück auf seine Ecke geschoben werden, denn er hatte sich zusammen mit Gustav über das ganze Bett ausgebreitet. Endre legte sich wieder in die Mitte und Leif rutschte an die Wand. Doch da lag er nicht lange.

Immer wieder wanderten seine Finger über Endres Körper, doch er küsste ihn, damit kein Laut über dessen Lippen kam. Er wusste selbst nur zu gut, dass er sie beide quälte, doch er konnte nicht anders. Er musste diese Haut spüren, die Seufzer trinken, sich am Knurren und Stöhnen selber puschen. Er begehrte Endre zu sehr, um die Finger von ihm lassen zu können.

„Leif!“, quietschte Endre leise, als der sich über ihn brachte und sich langsam tiefer küsste. Die Decke verhüllte ihn völlig. Nur eine Hand blickte noch unter der sich bewegende Decke hervor, die Endres Zunge beschäftigte. Immer wieder tauchten Leifs Finger abwechselnd zwischen die heißen Lippen, lockten die Zunge zu einem unfairen Duell. Er lenkte Endre erfolgreich ab und erst als es zu spät war, begriff Endre, was mit ihm passierte. Den Stoff seiner Shorts spürte er auf den Schenkeln und im gleichen Augenblick glühende Lippen und eine feuchte Zunge um sein Glied. „Leif!“, forderte er ihn noch einmal auf, doch es brachte nichts. Das war zu gut! Viel zu gut.

„Der Junge!“, stöhnte Endre immer wieder ungehalten, doch er konnte sich nicht wehren. Sein Körper tankte diese Zärtlichkeiten, sog sie auf wie ein Schwamm. Seine Beine hätten sich weiter geöffnet, wenn der Stoff sie nicht daran gehindert hätte. Verdammt, Leif verstand sein Handwerk aber wirklich!

„Nicht“, keuchte Endre immer wieder atemlos, doch es brachte nichts. Anstatt von ihm abzulassen, forderte Leif ihn noch mehr. Nun waren nicht mehr nur die harte Erregung Teil seines Spieles, auch die Hoden und die sensiblen Innenseiten der Schenkel. Leif war wie im Rausch. Er konnte nicht von Endre ablassen und es war ihm scheißegal, ob JJ sie sah oder nicht. Er konnte nicht länger warten – er wollte, dass Endre ihn liebte. Die Luft unter der Decke war schwanger von Endres Duft. Leif konnte kaum noch an sich halten. Seiner Finger fuhren über die heiße Haut, wo er sie nur erreichen konnte und so dauerte es zwei Sekunden des Erkennens, als die Decke von ihm gezerrt wurde und Endre ihn keuchend ansah. Hatte er einen Fehler gemacht?

Drei Herzschläge lang sahen sie sich nur an. Man sah deutlich, was der andere dachte. Und doch überraschte es Leif, als Endre ihn an den Schultern schubste und von sich drückte. Leif schluckte. War er wirklich zu weit gegangen? „Es tut...“, begann er leise, doch Endre zischte, er sollte die Klappe halte. Eilig griff er nach links, wo er wusste, was dort versteckt war und schubste Leif dann vom Bett. Er schob ihn harsch gegen die Tür und küsste ihn wieder ausgehungert. Dass er dabei seine Shorts zu Boden gehen ließ war Absicht. Gierig rieb sein Schoß über Leifs Shorts und die feste Beule und seine Finger hielten sich nicht lange damit auf, den Stoff sanft über die festen Rundungen zu schieben.

„Idiot“, keuchte Endre ungehalten und öffnete die Tür, beeilte sich, Leif hindurch zu schieben, ohne dass er nach hinten fiel und schloss sie wieder. Kaum waren sie ihm Wohnzimmer, griff er sich Leif und drückte ihn gegen die Wand, küsste ihn wieder gierig. Er konnte nicht mehr warten. Leif war zu weit gegangen, es gab kein zurück mehr. „Ich will dich!“, knurrte er in einer Tonlage, die es Leif kalt den Rücken hinabkratzen ließ. Herrisch und dominant und keinen Widerstand duldend. „Und zwar ganz!“, schob er noch erklärend nach, nur für den Fall, dass Leif ihn nicht verstanden haben sollte.

Doch der hatte sehr wohl verstanden und grinste zufrieden. Natürlich von Endre unbemerkt. Er hatte sein Ziel erreicht, wenn auch nicht ganz mit legalen Mitteln.

Immer noch in wilde Zungenküsse vertieft, näherten sie sich langsam der Couch. Leif staunte nicht schlecht, als Endre die Zeit bereits nutzte, ihn mit feuchten Fingern vorzubereiten. Also, wenn er Endre erst einmal heiß gemacht hatte, dann ließ der aber wirklich keine Zeit verstreichen. Der Kerl war wirklich Wahnsinn! Es steigerte seine Lust auf diesen Mann noch mehr und so strichen seine Hände wie wild über Endres Körper und verdrängten Endres Finger, als der sich selbst den Gummi überziehen wollte. Nichts da! Das war sein Revier und jeder der hier wilderte, wurde vertrieben.

Zufrieden stellte Leif fest, dass Endre ziemlich schnell lernte und so waren nun zwei wissende Hände damit beschäftig, seine Kehrseite zu präparieren. Die Luft zwischen ihnen war aufgeladen, sie knisterte bei jeder noch so kleinen Bewegung. Ob Leif die Lichtblitze wirklich sah oder sie sich nur einbildete, wusste er selber nicht zu sagen, doch als er nach einem intensiven Kuss flink gedrehte wurde und spürte, wie sich Endre in ihn drängte, noch ehe sie die Couch erreicht hatten, stöhnte er zufrieden. Das war gut!

Doch sie ließen sich auf die Couch sinken, damit Leif sich abstützen konnte und das war wirklich nötig. Endres Leidenschaft war unbeschreiblich – kraftvoll und schnell trieb er sich in den geliebten Körper. Seine Zunge leckte gierig über den verschwitzten Rücken und nahm den salzigen Geschmack auf. Wie ein Tier, das Fährte aufgenommen hatte. Einer seiner Hände sorgte dafür, dass Leif ebenfalls nicht zu kurz kam, die andere bog vorsichtig dessen Kopf so, dass er ihn schlussendlich wieder küssen konnte. Es war eine Sucht, er konnte nicht genug davon bekommen. Er wollte Leif mit jeder Zelle seines Körpers zeigen, wie sehr er ihn begehrte.

„Liebe dich“, nuschelte er gegen die heißen Lippen und spürte das Lächeln kaum, als Leif: „Ich dich auch“, hauchte. Doch es war, als hätten diese zarten Worte eine Sicherung gelöst. Endre konnte nicht mehr an sich halten – harsch und immer schneller trieb er sich in den glühenden Leib, genoss es, wie sich Leif mit dem Oberkörper auf der Couch wand und versuchte, ihm so viel Genuss wie nur möglich zukommen zu lassen.

Viel zu schnell war alles vorbei und sie lagen keuchend auf der Couch. Ihr Atem ging stockend, aber im Einklang. Verliebt küsste sich Endre über Leifs Schultern und der strich ihm durch die verschwitzten Haare so gut es ging. „Besser?“, lachte er leise und versuchte ihm in die Augen zu sehen. Das Zimmer war nicht ganz dunkel, denn der Schein der Straßenlaternen erhellte das Zimmer ein wenig.

„Definitiv besser“, lachte Endre leise und schüttelte über sich selbst den Kopf. Langsam zog er sich zurück und entsorgte den Gummi, während Leif sich langsam auf der Couch aufsetzte. Er zog Endre, der immer noch vor der Couch kniete, zwischen seine geöffneten Beine und grinste ihn an. Seine Stirn sank langsam gegen die seines Freundes. „Danke, Schatz, ich liebe dich auch“, nuschelte er leise und suchte – immer noch nach Atem ringend – einen sanften Kuss.

„Lass uns duschen und ins Bett gehen“, murmelte Leif und schlang seine Arme um Endre, strich ihm dabei zärtlich mit den Fingerspitzen über den Nacken. Fühlte sich so Glück an?

-67-

„Komm, Maus, die Kinder warten doch schon alle auf dich.“ Endre war gerade dabei, für JJ eine Frühstücksbox zusammenzustellen mit Dingen, die der Kurze besonders gerne mochte. Heute sollte nämlich der Ernst des Lebens beginnen und der erste Kindergartentag war angesagt. Wirklich begeistert war JJ von der Idee nicht gewesen, andere Kinder zu treffen. Zum einen, weil er Sorge hatte, dass jeder ihm Gustav wegnehmen wollte, zum anderen, weil er keinen von denen kannte. Also trödelte er absichtlich ein bisschen und linste immer wieder zu Endre, ob der nicht doch ein Einsehen hatte und ihn lieber hier ließ.

„JJ, du hast ja immer noch nur Unterwäsche an.“ Endre zog eine Braue hoch, grinste aber. „Das wird ganz schön kalt auf der Straße.“

„Will da nicht hin und Dustav auch nicht!“, erklärte er und ließ sich einfach im Flur fallen. Da saß er nun und wurde von Leif übersehen, der gerade mit einem Handtuch um die Hüften aus dem Bad kam und ins Schlafzimmer wollte.

Alles staute sich im Flur. Die Enge hatte den Vorteil, dass Leif sich zufrieden grinsend über JJs Kopf hinweg einen Kuss stehlen konnte und lachend im Schlafzimmer bei seinen Klamotten verschwand. Er hatte heute ein paar Termine für die Stiftung. Zum Glück war mittlerweile sein Wagen hier her gebracht worden, so dass er seinen geliebten SLK wieder hatte und Endre und JJ den Passat nehmen konnten. Den hatte Leif mittlerweile auch ausgelöst, weil sich Endre schon an den Wagen gewöhnt hatte. Nun gehörte er ihm – das wusste Endre nur noch nicht. Leif lachte leise, weil er wusste, was sein Geliebter sagen würde.

„Na, zu viel Hektik im Flur?“ Leif strich Rudi über den Rücken, der eben ins Schlafzimmer gestromert kam. Heute musste das Katerchen alleine bleiben, hoffentlich ging das gut. Leif war nicht vor Mittag fertig mit den ersten Terminen und Endre blieb bei JJ im Kindergarten, um zu sehen, wie das ging, ob er sich eingewöhnen ließ und ob er die anderen Kinder überhaupt an sich heran ließ. Es war nicht leicht gewesen, einen Kindergarten mit männlichem Personal zu finden.

„Wir gehen eine Runde, wenn ich wieder da bin, hm?“, schlug Leif vor, als er sich zu Rudi beugte, um ihn zu beschmusen, guckte aber nicht schlecht, als er plötzlich einen frechen Zeh spürte, der unter dem Handtuch seine Pofalte nachzog. Er zuckte hoch und guckte Endre forschend an. Der lachte leise. „Siehst du, ich musste dir nicht mal sagen, dass du im Weg sitzt, das hast du von ganz allein gemerkt.“

Leif wusste nicht, was er sagen sollte, der Kerl machte ihn wahnsinnig und das mit voller Absicht. „Biest“, grinste er und forderte von Endre noch einen Kuss Zoll für den freigegeben Weg zum Schrank. Doch als JJ in der Tür stand, der allen Ernstes erklärte, dass er Gustav ja auch noch anziehen müsse, weil der doch nicht nackt mit in den Kindergarten konnte, schloss Endre ergeben die Augen.

„Eine Familie, aber wirklich“, knurrte er Leif leise ins Ohr und versuchte JJ zu erklären, dass Gustav doch gar nicht mit in den Kindergarten gehen wollte, sondern hier bleiben. Aber JJ wusste das besser. Er zerrte das Schaf zu sich heran und fragte es, ob es denn mitkommen wolle. Natürlich nickte Gustav mit Leidenschaft und Hingabe, dafür sorgten JJs kleine Hände.

„Maus, der wird doch dreckig, wenn die anderen Kinder den alle anfassen!“ Doch damit kam er bei JJ nicht weiter, er hatte beschlossen, dass sein bester Freund ihn begleiten würde und gut.

„Nimm mit das Vieh, das Auto ist doch groß genug. Heißt ja noch nicht, dass du ihn mit rein nehmen musst.“ Leif schlüpfte gerade in seine Klamotten, denn auch er war etwas spät dran. So war das, wenn man sich die halbe Nacht auf der Couch vergnügte.

Den Sonntag hatten sie hauptsächlich draußen in der Villa verbracht, hatten sich umgesehen, die Räume geplant – im Groben. JJ hatte sich Zimmer ausgesucht und viel im Garten getobt. Deswegen hatte er abends auch wieder geschlafen wie ein Stein – sehr zur Freude seiner beiden Ersatzväter.

„Dass Drieschners immer ihren Kopf durchsetzen müssen“, knurrte Endre, als er JJ allen Ernstes mit dem Plüschie im Wohnzimmer verschwinden sah. Er war wohl gerade überstimmt worden. Gut, heute würde er das durchgehen lassen und es nach und nach unterbinden. Vielleicht war es nicht verkehrt, wenn JJ bei all dem Neuen auch etwas Vertrautes bei sich hatte, was ihm Schutz bot.

Seit die Sache mit dem Schaf geklärt war, wusste JJ plötzlich wieder, wie man sich allein anzog und stand fertig zum Gehen vor der Tür, als Leif und Endre aus dem Schlafzimmer kamen. Mit einem: 'Mann, seid ihr euch ähnlich' Blick zu Leif schüttelte Endre den Kopf. Selbst wenn man nicht wusste, dass das Neffe und Onkel waren, die Zusammengehörigkeit konnten sie nicht verleugnen.

„Na, Maus, wieder wartet alles nur auf Endre, hm? Der hat sich noch nicht mal umgezogen“, sagte Leif spitzbübisch zu seinem Neffen und guckte zu Endre. Doch dann verabschiedete er sich. Er musste los, wenn er nicht zu spät kommen wollte. Er strich JJ über die Haare, drückte Gustav den Plüschhuf und zog Endre noch einmal zu einem Kuss zu sich. „Meldet euch, wenn was ist. Ich habe das Handy zwar lautlos, aber ich merk's ja, wenn’s zappelt.“ Dann war er weg und Endre mit JJ und Gustav allein. Und beide guckten ihn sehr erwartungsvoll an. Also beeilte er sich auch das Shirt, was er trug, gegen ein gutes Hemd einzutauschen, damit er keinen schlampigen Eindruck machte.

JJ spielte schon an der Türklinke, öffnete aber nicht, weil er das nicht durfte. Daran hielt er sich, wenn auch knurrend. „Los doch“, murmelte er zu Endre und der schüttelte wieder den Kopf. JJ taute wirklich auf, hoffentlich war das im Kindergarten nachher auch so. Er hatte Sorge, dass zu viel Neues JJ vielleicht wieder zurück in sein Schneckenhaus trieb. Doch das Risiko mussten sie eingehen. JJ brauchte gleichaltrige Kinder, mit denen er sich vergleichen und messen konnte.

„Na los!“ Endre nahm noch die Schlüssel und die Brotbüchse, dann ging es los. Er selber war auch ein bisschen nervös. Zwar war abgesprochen worden, dass er bleiben und alles beobachten würde, die Institution wusste auch um JJs Vergangenheit, aber das konnte Endre nicht die Anspannung nehmen. Er schnallte JJ an, setzte Gustav neben ihn und dann ging es los. Sie waren eine Weile mit dem Wagen unterwegs, bis sie die Kindertagesstätte endlich erreicht hatten. Vor der Tür herrschte reger Verkehr. Sicher wurden gerade alle Kinder gebracht, ehe die Eltern zur Arbeit gingen. Als der unbekannte Wagen hielt, sahen sich ein paar neugierig um. Endre holte tief Luft, ehe er ausstieg und höflich grüßte. Er wusste, dass ein paar ihn anstarrten, weil er noch immer etwas lädiert im Gesicht war. Doch daran störte er sich nicht, er konnte es ja doch nicht ändern. Lieber schnallte er JJ ab, der schon mit der Nase am Fenster klebte und guckte, was hier so los war.

„Komm, Maus, den lassen wir erst mal da“, sagte Endre leise, als JJ schon wieder Gustav von der Rückbank zerrte und der Kleine guckte ihn forschend an. Ein bisschen wie Leif, wenn er versuchte rauszufinden, ob Endre das eben ernst gemeint hatte. „Wir gucken erst mal alleine und dann holst du ihn und kannst ihm alles zeigen, ja Maus? Machen wir das so?“

Skeptisch sah JJ zwischen Endre und Gustav hin und her, doch dann gab er sich vorerst geschlagen. Gut, er guckte, was da drinnen los war und dann holte er Gustav. Schließlich wollte der das auch wissen. „Na gut“, sagte JJ und ließ Gustav, wo er war. Lieber beguckte er die anderen Kinder, die ihn schon entdeckt hatten und ungeniert beobachteten.

Endre schloss den Wagen ab und nahm JJ an die Hand, als sie in den Kindergarten gingen. Von außen wirkte er etwas trist, gerade mal ein paar bunte Bilder an den Scheiben der Türen – doch kaum war man durch die Tür getreten, war man wie in einer anderen Welt.

Die Wände waren mit Märchenszenen bemalt und beklebt. Es waren keine Bilder, es waren Reliefs. Die Stämme der Bäume waren aus echter Rinde, das Gras aus Kunstrasen. Die Kleider von Rotkäppchen aus richtigem Stoff und das Fell vom Wolf war weicher Plüsch. „Guck mal, Maus.“ Endre blieb mit JJ stehen und zeigte ihm das, hob ihn auch hoch, damit er den Wolf mal streicheln konnte.

„Guten Morgen“, hörte er plötzlich eine nette Stimme neben sich, die eindeutig mit den zwei Neuen sprach. Endre wandte sich um, behielt JJ aber auf dem Arm, damit er dem Fremden auf Augenhöhe entgegen treten konnte. „Sie sind sicherlich Herr Bergmann mit dem kleinen Jan Joseph.“ Der junge Mann hinter ihnen wirkte sehr sympathisch. Ein bisschen rundlich, gutmütig. Das volle Gesicht machte ihn freundlich.

„Ja, ich bin mit JJ da, der ab heute hier mit den Kindern spielen möchte. Das möchtest du doch, Maus, oder?“, fragte er JJ und der versteckte sich ein bisschen. Es war nicht die große Begeisterungswelle, die da über Endre zusammenschlug.

„Ich bin Florian und der Betreuer der Häschengruppe. Kommen sie doch einfach mit und schauen sich erst einmal alles an. Davor sind Garderoben, da können sie ablegen. Hausschuhe finden sich auch für die Begleiter. Hat Jan Joseph welche mit?“

Endre schlug sich innerlich vor den Kopf. An so was hatte er freilich nicht gedacht. Wie typisch.

„Nein“, gestand er etwas zerknirscht, doch Florian lächelte.

„Ach, das macht nichts. Wir haben Fußbodenheizung. Er holt sich bestimmt nichts, wenn er heute mal ausnahmsweise in Socken durch die Gegend läuft. Außerdem haben wir überall Teppich.“ Er sah das nicht so dramatisch. „Hier lang.“

Endre setzte JJ auf den Boden und ging mit ihm zu den Garderoben. Kleine für die Kinder und eine große für die Erwachsenen. Florian war schon vorgegangen, weil er schließlich noch fünf andere Kinder hatte, um die er sich kümmerte. Endre und JJ folgten langsamer, was wohl auch daran lag, dass JJ sich an Endres Bein klammerte. Er fühlte sich hier nicht wohl, so viel war klar. Aber vielleicht kam das noch.

Aus einem Raum kam eine junge Frau mit langen Haaren, grüßte freundlich, doch als sie sich zu JJ beugte, verschwand der ganz hinter Endre. Er klammerte sich noch fester und murmelte immer wieder: „Weg“.

Es war Endre etwas peinlich, weil die junge Frau wirklich sehr nett war, aber aus irgendeinem Grund reagierte JJ allein auf das optische Erscheinungsbild.

Erst hatten sie gedacht, das wären die langen Haare bei Frauen, dass er damit etwas verband, doch das konnte nicht sein, denn Leif hatte bis vor kurzem ja selbst noch lange Haare gehabt und auf den hatte JJ nicht so reagiert. Endre entschuldigte sich, doch sie lächelte nur.

„Die neuen Kinder sind immer etwas schüchtern“, sagte sie gut gelaunt und ging weiter ihres Weges, während Florian gerade suchend den Kopf aus der Tür des Hasenzimmers steckte.

„Wir kommen.“ Endre und JJ beeilten sich und als sie in den Raum traten, saßen an einem kindgerechten Tisch schon drei Mädchen und zwei Jungen, die JJ neugierig anguckten. Sie sagten höflich guten Morgen, als die beiden Neuen eintraten. Endre grüßte, JJ drückte sich schämig gegen ihn. So kam er auf JJs Höhe hinab und lächelte ihn an. „Die Kinder haben guten Morgen gesagt, was sagt man da, Maus?“

JJ nuschelte leise einen Gruß und klammerte sich nun um Endres Hals. So leicht würde es wohl nicht werden. Endre setzte sich kurzerhand auf den Boden und JJ auf seinen Schoß, während Florian erzählte, dass Jan Joseph ab heute mit ihnen lernen würde und spielen. Die Kinder stellten sich vor, aber JJ war dazu nicht zu bewegen. Auch an den Tisch wollte er sich nicht setzen, er wich Endre nicht von der Seite. Das war ihm alles nicht geheuer. „Dusdav“, murmelte er immer wieder. Erst versuchte Endre es zu ignorieren, doch dann ging es nicht mehr.

„Wartest du hier auf mich, Maus? Dann hole ich Gustav“, schlug Endre vor, doch das fand JJ nicht gut – gar nicht gut!

Hier?

Allein?

Nein!

Energisch schüttelte er den Kopf.

Florian hatte sie beobachtet und fragte nach, ob er helfen könnte. Doch Endre lehnte lächelnd ab. Er erklärte schnell, was los war und ging mit JJ auf dem Arm zur Garderobe. Schnell schlüpfte er in seine Schuhe, sie holten das Schaf und waren nach zwei Minuten zurück.

Natürlich wurden nun die anderen Fünf neugierig auf das große Plüschtier und kamen auf JJ zu gelaufen. Das war von dem Kleinen so sicher nicht geplant gewesen, denn er machte große Augen und raffte seinen Gustav an sich. „En-re!“, murmelte er wimmernd. Was wollten die alle von ihm?

Doch da griff Florian ein und erklärte seinen Schützlingen, dass JJ Angst hätte und sie ihn nicht so bestürmen dürften. Sie wollten etwas spielen und er hoffte heimlich darauf, dass das Spiel JJ dazu brachte, dass er neugierig wurde und mitmachen wollte. Vorerst saß er aber neben Endre auf dem Boden, raffte Gustav an sich und sah sich forschend um.

Immer wieder erhob sich Endre und ging zu Florian, um etwas mit ihm zu besprechen, aber eigentlich wollte er nur, dass JJ allein blieb, ohne ihm zu folgen. Dass tat er auch und die Phasen, in denen er allein auf dem Boden saß, wurden immer länger. Auch Endre war klar, dass er nicht gleich morgen JJ allein hier lassen konnte, doch er war guter Dinge, dass es nicht aussichtslos war.

Die nächste Stunde verging eigentlich damit, dass Endre JJ immer wieder einmal dazu bewegte, auch mitzumachen. Freilich ließ er sich dazu nur breitschlagen, wenn auch Endre mitmachte und so hatte Florian, ehe er sich versah, eben sieben Kinder zu betreuen. Sie machten Fingerspiele und sangen Lieder.

Zum Frühstück musste sich JJ mit an den Tisch setzen, das war nicht so leicht, wie erwartet. Für Gustav war nämlich nicht – wie in Leifs großer Küche – auch ein Stuhl bereitgestellt worden und JJ war mitten in einer mittelschweren Krise. Erst als Endre das Schaf hinter JJs Stuhl setzte und es ihm über die Schulter gucken konnte, war wieder alles im grünen Bereich. Es war wie eine Art Schutzschild, den JJ brauchte. Endre erinnerte sich noch an Leifs Erzählungen, wie das mit der kleinen Tiara gelaufen war. Die war frech genug gewesen, sich einfach Gustav zu krallen. Seit dem spielten die beiden gern zusammen, wenn Jochen mit der Kleinen vorbei kam.

Nach dem Essen ging es vor die Tür. Die fünf anderen zogen sich an, JJ brauchte etwas länger, denn so wie heute Morgen merkte Endre deutlich, dass er eigentlich keine Lust hatte. Er wusste ganz genau, dass Gustav nicht mit raus durfte, weil er dreckig wurde, doch er versuchte es trotzdem. Endre aber blieb da eisern. Er erklärte dem Kleinen, dass er Gustav jetzt entweder mit raus nehmen konnte oder heute Abend mit ins Bett. Denn ein schmutziges Schaf käme nicht mit ins Bett.

JJ versuchte es damit, dass man den doch auch duschen könnte, so wie JJ auch. Endre ließ nicht mit sich verhandeln. Bis zur Tür dürfte er Gustav gern mitnehmen – aber nicht auf die Wiese, wo die Kinder gerade mit einem großen Ball spielen. Man merkte deutlich, dass JJ das auch gern wollte, doch er stand mit seinem Schaf in der Tür und guckte nur zu.

Einer der Jungen, ein verstrubbelter Feuerkopf, kam auf sie zugelaufen und wollte JJ dazu bewegen mitzuspielen – schließlich spielten sie Mädchen gegen Jungen und 3:2 war echt unfair. JJ schüttelte gleich den Kopf, doch der Junge ließ nicht locker. Er zog an JJs Arm, versuchte ihn zu schieben und weil JJ das große Plüschie im Arm hatte, konnte er sich auch nicht an Endre klammern. Da saß er nun in seiner Zwickmühle. Außerdem sah es lustig aus, was die Kinder da machten. Also drückte er stumm Endre das Schaf in die Hand und verschwand mit dem Feuerkopf. Endre lachte leise.

Zwar sah sich JJ immer wieder zu ihm um, doch er spielte mit den anderen – wenn das kein Fortschritt war.

Er zuckte, als sein Telefon leise piepste. „Ja?“, antwortete er und grinste, als er Leif erkannte.

>Und? Wie läuft es?<, wollte er wissen, weil er gerade ein bisschen Luft hatte und er an nichts anderes denken konnte.

„Ganz gut. Ich hüte gerade Gustav, während JJ mit den anderen Ball spielt. Ich glaube, das wird ganz gut.“ Da war sich Endre ziemlich sicher.

>Echt?< Leif klang ungläubig, lachte dann aber erleichtert.

„Ja, echt. Florian ist nett und die Kinder auch. Ich glaube, er wird sich hier wohl fühlen, wenn er sich erst mal richtig eingelebt hat und morgen bleibt das dicke Schaf zu Hause. Ich habe keine Lust, das Vieh immer durch die Gegend zu schleppen“, klagte er lachend sein Leid, verdrehte aber die Augen, als Leif nachfragte, ob dieser Florian hübsch wäre und Konkurrenz.

„Blödmann. Als ob es für dich Konkurrenz gäbe“, lachte Endre und es fühlte sich gut an, zu wissen, dass Leif – wenn auch nur gespielt – eifersüchtig war.

>Sag mal, Schatz. Was ich überlegt habe. Ich habe nachher noch einen Termin und den Rest des Tages frei. Was hältst du davon, wenn wir uns bei IKEA treffen und mal gucken, was es so für Möbel gibt für den Kurzen. Wir müssen ja gucken, wie wir das Zimmer gestalten wollen und wie das mit den Wänden wird. Ob das Zimmer größer oder kleiner werden soll. Ob er ein getrenntes Schlafzimmer bekommt und eines zum Spielen und später für die Schulaufgaben und so weiter. Wir sollten vorher wissen, was für Möbel rein sollen, ehe die Handwerker die Zimmer fertig machen.<

Endre lachte leise, so wie Leif das ohne zu atmen vortrug, schien er lange darüber nachgedacht zu haben, was er Endre alles an logischen Schlüssen vortragen musste, um ihn von seiner Idee zu überzeugen – dabei wussten sie beide, dass er eigentlich nur dort essen gehen wollte. Und das machte er ihm auch klar: „Ja, du bekommst deine 15 Köttbullar“, lachte er und lachte noch lauter, als Leif ertappt schwieg.

Sie verabschiedeten sich mit einem kleinen Kuss und dann war Endre wieder mit Gustav allein, weil JJ gerade lachend über die Wiese lief und dem Ball folgte. Er schien glücklich zu sein und Endre lächelte.


-68-

„Sag, mal, Gerrit“, lachte Michael und lehnte sich auf seinem Stuhl in der Küche zurück. „Kannst du auch mal aufhören, unseren Großen mit indiskreten Fragen zu löchern? Das ist ja peinlich?“ Er nahm sich noch etwas von dem frischen Brot, das Endre mitgebracht hatte und beobachtete seinen Geliebten aufmerksam. Doch der grinste nur und zuckte die Schultern.

„Meine Güte, unser großer Bruder ist mit einer Pornoberühmtheit zusammen, da wird man doch mal fragen dürfen, ob der Sex gut ist.“ Er sah da jetzt nicht so sehr das Problem. Es war schließlich eine Woche vergangen, seit sie ihren Bruder gefunden hatten und eine Lawine ins Rollen gekommen war. Viel war passiert.

„Du weißt doch, Gerrit. Der Gentleman genießt und schweigt.“ Endre ließ sich von seinem Bruder nicht aus der Reserve locken, sehr zu dessen Leidwesen. Also widmete sich auch Gerrit wieder dem Essen. Es war Freitag und sie hatten schon die ganze Woche gehofft, dass Endre sich endlich einmal sehen ließ. Die Blutergüsse auf der Wange waren noch immer nicht ganz verschwunden, doch ihr großer Bruder wirkte zufriedener. Das war doch das wichtigste.

„Hast du deine Drieschners guten Gewissens allein zu Hause gelassen?“, fragte Michael, denn ihn interessierte – im Gegensatz zu seinem Zwilling – mehr als nur der Sex.

„Ja, zur Abwechslung dürfen sich die beiden heute mal allein bespaßen. Mal sehen, ob der Kurze schon im Bett ist, wenn ich heim komme oder ob er Leif auf der Nase herum tanzt.“ Seit JJ in den Kindergarten ging, war er aufgeblüht. Das große Schaf hatte er nur noch zwei Tage gebraucht, dann war Gustav mehr ein Hindernis und wurde nicht mehr mitgenommen. Dafür fegte JJ nun immer mit den anderen Jungs durch die Gänge, machte Spiele und fing auch an, mehr zu sprechen. Selbst mit den Mädchen, bei denen er anfangs noch Berührungsängste gehabt hatte, war er jetzt ein gern gesehner Gast. Er durfte Sandkuchen mit bauen und Endre war – wie Gustav auch – ziemlich abgeschrieben. Diese Woche war er noch da geblieben, um einzugreifen, sollte JJ ihn doch noch vermissen, doch am Montag ging der Kurze dann allein. Endre würde ihn nur bis an die Tür bringen, schließlich war er ja schon ein großer junge.

„Hast du keine Sorge, dass die dir die Bude auseinander nehmen?“, stichelte Gerrit weiter und lümmelte sich in die Sitzecke in der Küche. Der Tag war lang und hart gewesen und ein bisschen Entspannung konnte nicht schaden.

„Und selbst wenn sie mir die Bude abreißen. Wir ziehen doch sowieso um“, lachte Endre und amüsierte sich über Gerrits Gesicht, der ihn ein weiteres Mal nicht ärgern konnte. Das war doch frustrierend.

„Ach ja, die Villa in Zehlendorf, die dein Liebchen mal eben aus der lockeren Hand gekauft hat.“

„Gerrit, ich habe dir erklärt, wie lange er schon um die Villa geschlichen ist, weil sie ihm gefällt. Er hat also nicht die Katze im Sack gekauft, sondern wusste sehr wohl, auf was er sich einließ. Er brauchte nur einen Anlass und einen...“ Endre druckste und so beendete Michael nüchtern für ihn den Satz: „Einen Geliebten, der mit ihm dort raus zieht, ich verstehe schon. Wie weit seid ihr denn?“ Endre grinste schief. Genau das hatte er auch sagen wollen, doch es irgendwie nicht gewagt, er wusste auch nicht warum.

„Na, die Küche unten ist schon fertig und zum Benutzen freigegeben. Das war gleich der erste Raum. Er hat ihn an die Küche aus dem Penthouse anpassen lassen und dann die Einbauküche dort abgeholt und neu aufgebaut. Ebenso die Möbel aus JJs Zimmer. Die stehen allerdings noch nicht in seinen Räumen, weil dort noch nicht alles fertig ist“, erzählte Endre. Die Baumaßnahmen waren erstaunlich weit fortgeschritten. Im Augenblick kümmerte sich der Fliesenleger um das untere Bad – ein Traum, wie Endre gestehen musste. Groß und hell, geräumige, verglaste Dusche mit beheizter gemauerter Sitzbank, eine normalgroße Eckbadewanne für alle Tage und ein beheizter Minipool für die romantischen Stunden zu zweit. Endre grinste dreckig und weigerte sich, Gerrit zu erklären, was es zu grinsen gäbe.

„Wie sieht’s eigentlich mit dem Schlafzimmer aus? Nimmst du dann dein Bett mit?“ Es konnte ja nicht angehen, dass Gerrit keine indiskreten Fragen mehr stellte und Michael schüttelte resignierend den Kopf. Den bekam er wohl nicht mehr groß.

„Nein, das nehme ich nicht mit. Leif hat eins bestellt“, sagte Endre und bekam rote Schatten, erklärte aber freimütig, dass das Ding drei mal drei Meter wäre und man sich nachts auch aus dem Weg gehen konnte, sofern man das wollte.

„Und schon willst du das, hä?“, lachte Gerrit.

„Fassen wir zusammen – mit dem Haus geht’s gut voran und mit eurer Beziehung stimmt es auch. JJ geht es gut. Was will man mehr.“ Michael nickte zufrieden. Nach all den Querelen am Anfang hatte Endre ein bisschen Ruhe und Geborgenheit einfach verdient. Nicht zu vergessen der Reinfall mit Jack, der seinem großen Bruder tiefer in den Knochen gesessen hatte, als der hatte zugeben wollen.

„Und dieser Ex?“, wollte Michael gern noch wissen, denn er hatte immer noch Endres Gesicht vor Augen, als er ihn abgeholt hatte. „Lässt er euch in Ruhe?“

Endre seufzte und holte tief Luft. Er hatte nach ein bisschen Kurzgebratenem greifen wollen, was die Zwillinge extra für ihn gemacht hatten, doch er stoppte. „Na ja. Sagen wir es mal so. Es ist verdächtig ruhig geworden. Letztes Wochenende hat er uns wohl beobachtet. Zumindest hat er Leif MMS mit Bildern geschickt, die mich und ihn innig umarmt zeigen. Er muss im Parkhaus gelauert haben, das meinem Wohnblock gegenüber steht. Doch als ich Leif darum gebeten hatte, darauf nicht zu reagieren, weil der Kerl das nur wollte, war Ruhe. Genau genommen eine beängstigende Ruhe.“ Dieser Punkt machte Endre schon die ganze Woche Probleme. Er hatte Viktor nicht so eingeschätzt, dass der einfach aufgab. Doch er rief nicht an, schickte keine Botschaften. Selbst wenn Leif in der Firma war, um das eine oder andere auszuhelfen und zu klären, hatte sich Viktor nur auf das Geschäft konzentriert. Nicht gestichelt, nicht gespottet. Gar nichts. Das war untypisch. Das musste sogar Leif zugeben und Endre hatte den unguten Verdacht, dass der Mistkerl etwas plante.

„Ach so, na dann seid mal wachsam“, murmelte Gerrit kauend und beobachtete seinen Bruder nachdenklich. In was hatte der sich da nur rein manövriert? Doch wo die Liebe hin fiel. Noch wohnten sie in seiner Nähe, denn die Borkumer Straße, in der die Zwillinge lebten, war keine zehn Minuten von Endres Wohnblock entfernt. Doch wenn er nach Zehlendorf zog, sah das anders aus. Außerdem überlegten auch sie selbst, ob sie nicht umziehen sollten. Zwar liebten sie ihre Altbauwohnung hier in Spandau, doch täglich das Gefahre durch die Stadt bis zu ihrer Werkstatt ging auf die Nerven und ins Geld.

Endre setzte gerade an, noch etwas zu sagen, als sein Handy piepste. Gerrit grinste schon wieder. „Na? Hat dein Liebster Druck?“

„Idiot“, murmelte Endre und las die SMS. „Komm schnell!“ Mehr war nicht zu lesen. Keine Erklärung, kein Smilie – nichts. Was hatte das zu bedeuten? Es war Leifs Nummer, keine Frage, doch solch nüchterne Worte verschickte sein Freund normalerweise nicht. Nicht an Endre. „Ich muss los, irgendwas stimmt nicht“, murmelte Endre und war schon hochgeschossen, damit alarmierte er auch seine Brüder.

„Sollen wir mitkommen? Ist was passiert? Rede doch.“

„Ich weiß es nicht. Aber wenn Leif nur 'Komm schnell!' schreibt, dann habe ich ein ungutes Gefühl.“ Endre schob das Handy zurück in die Hosentasche. Ehe er jetzt eine Antwort getippt hatte, war er auch schnell nach Hause gelaufen. Er bedankte sich für den Abend und das Essen, versprach Revanche und hastete das Treppenhaus hinab und auf die Straße. Eilig lief er die Häuserfronten entlang.

Tausende Dinge gingen ihm durch den Kopf. Ob der Kleine sich verletzt hatte? Waren die Reinigungsmittel unzugänglich verschlossen? War etwas mit dem Kater? Endres Puls wurde immer schneller. Ihm schlug das Herz schon im Hals.

Noch eine Querstraße. Endre wurde noch schneller, denn die Gedanken, die er sich machte, wurden immer unschöner.

Endlich schob er den Schlüssel ins Schloss und raste die Treppen hinauf. Er war ja schon froh, dass weder Notarztwagen noch Feuerwehr vor dem Haus standen, so riss er seine Wohnungstür auf und rief nach Leif und JJ. Doch der einzige, der ihm entgegen kam, war Rudi. Schnell wurde er einmal gestreichelt, während Endre die Tür hinter sich mit dem Fuß ins Schloss trat und die Schuhe von den Füßen streifte. „Leif? JJ?“, rief er noch einmal. Die Wohnung lag dunkel und leer. Was war denn hier los? Hastig schlug seine Hand auf den Lichtschalter im Wohnzimmer und er zuckte zusammen, als er Leif apathisch auf dem Sessel hocken sah. Neben ihm eine leere Flasche Wodka, die er sicher vom Hängeboden im Flur gefischt hatte. Dort lagerte Endre alles, was gefährlich für den Kleinen hätte sein können.

„Leif“, sagte Endre ungläubig und kam näher. Er musste sich nicht einmal zu ihm beugen, um die Fahne zu reichen. Er rümpfte die Nase und ging vor seinem Freund in die Knie, seine Hände legten sich dabei auf Leifs Schenkel.

„JJ?“, rief er ins Schlafzimmer, doch es blieb still.

„Er ist weg“, sagte Leif leise und blickte Endre nun das erste Mal an. Die Augen waren rot, als hätte er geweint.

„Wie bitte? Er ist weg?“ Endre glaubte sich verhört zu haben? War JJ weggelaufen? Hatte Leif ihn irgendwo vergessen? „Rede!“ Völlig nervös kneteten seine Finger Leifs Schenkel.

„Sie haben ihn einfach mitgenommen, haben gesagt, ich sollte kein Aufsehen machen und es wäre das Beste für JJ. Hier dürfte er nicht länger bleiben.“ Dafür, dass er eine Flasche Wodka konsumiert hatte, sprach Leif ziemlich klar und deutlich, doch das registrierte Endre nur am Rande. Der Inhalt der Worte war wichtiger.

„Wer hat JJ mitgenommen?“ Das durfte doch alles nicht wahr sein.

„Zwei vom Amt waren mit der Polizei da“, sagte Leif und schluchzte, er konnte es nicht unterdrücken. Plötzlich und überraschend hoben sich seine Hände und er warf sich seinem Freund um den Hals, klammerte sich an ihn. „Es war so schrecklich, wie sie ihn weggezerrt haben. Er hat geschrien, geweint. Ich wollte ihn nicht gehen lassen, wirklich. Doch sie haben gedroht, mich gleich noch einzusperren, wenn ich mich den Behörden in den Weg stelle.“ Das alles noch einmal im Kopf durchlaufen zu müssen, war grausam für Leif.

JJs weit aufgerissene Augen. Er hatte nicht verstanden, was los war und warum er von seinem Onkel weggeholt worden war. Nichts hatte er mitnehmen dürfen. Nicht einmal seinen Gustav. Der Kleine hatte geschrien, als die eine der beiden Frauen ihn gegen seinen Willen auf den Arm genommen hatte und das, wo der Kleine doch solche Panik vor Frauen hatte. Wie konnte jemand nur so unsensibel sein.

„Sie haben mir nicht einmal gesagt, wo sie ihn hinbringen und wann ich ihn wieder sehen kann. Sie haben nur den Zettel hier da gelassen von wegen Anzeige wegen Kindesmisshandlung. Endre!“ Leif brach zusammen. Er weinte hemmungslos. „Kindesmisshandlung. Ich habe ihm doch nie etwas getan. Ich…“ Leifs Stimme wurde immer schneller und brüchiger. Heftiges Schluchzen schüttelte seinen Körper und Endre schloss die Augen. Das war ein Alptraum. Überhastetes Handeln hatte jetzt keinen Sinn. Er musste überlegen, was zu tun war. Doch im Augenblick musste er Leif erst einmal den Trost spenden, den er brauchte.

„Keine Sorge, Schatz. Diese Vorwürfe sind haltlos. Wir bekommen ihn schon wieder.“ Er versuchte seinen Worten Zuversicht zu geben, doch so sicher war er sich da auch nicht. Was, wenn das Amt endlich dahinter gekommen war, womit Leif sein Geld verdiente? Und dass er schwul war? Gelinde gesagt, sah es nicht gut aus, doch das hieß noch lange nicht, dass sie aufgeben würden. JJ war ihm ans Herz gewachsen und er wollte den Kleinen mindestens so intensiv zurück wie Leif auch. Der Kleine war doch Leifs Leben.

„Wir werden ihn zurückholen, Leif, keine Sorge“, murmelte er immer wieder und strich seinem Liebling durch die schwarzen Haare. Nur im Augenwinkel sah er auf das Blatt Papier, von dem Leif gesprochen hatte. Gefährdung des Kindeswohls, Kindesmisshandlung. Wie kamen die nur auf diese hirnrissigen Ideen? Das leise Piepsen von Leifs Handy auf dem Couchtisch ließ ihn aufhorchen und er angelte kurz danach – aus dem unguten Gefühl heraus, dass es die Lösung bringen könnte.

Und so war es auch – eine MMS von Viktor. Bilder, wie das letzte Mal schon. Sie zeigten, wie Endre aus dem Haus ging, wie die Polizei vor fuhr, wie der weinende JJ aus dem Haus getragen wurde, wie Leif aufgelöst in der Tür stand und wie Endre wieder zurück kam. Alles wie das letzte Mal schon vom Parkhaus aus fotografiert. „Dieser Scheißkerl“, knurrte Endre und legte das Handy beiseite. Nur gut, dass Leif nichts bemerkt hatte. Er sagte es ihm auch nicht, doch die Bilder ließ er zum Beweis, wo sie waren. Die konnten vielleicht noch einmal gute Dienste leisten.

„Einfach mitgenommen. Dabei habe ich ihm doch nie wehgetan“, murmelte Leif. Er beruhigte sich nur langsam und der Schock saß noch viel zu tief. Endre vergrub sein Gesicht in Leifs Haaren und zog ihn noch fester an sich. 'Warte nur, du Scheißkerl!', dachte er bei sich. Diesem Viktor musste man das Handwerk legen. Doch wie? Er saß am längeren Hebel. Dadurch, dass Leif nicht von Anfang an die Karten auf den Tisch gelegt hatte, hielt Viktor die Trümpfe in der Hand. Das war definitiv nicht gut.

Endre sah auf die Uhr. Es war sechs durch. Ob er da im Amt noch jemanden erreichte? Er musste es versuchen, denn tatenlos sitzen und warten, dass die Zeit verging und das Schicksal ihnen den Jungen zurückbrachte, konnte er nicht. Er war zu oft vom Schicksal enttäuscht worden, als dass er sich darauf verlassen konnte.

„Warte mal, Schatz. Ich rufe bei den zuständigen Betreuern für JJ an. Vielleicht erklären die mir, was los ist und was zu machen ist oder wo der Kleine ist und wann wir ihn sehen können. Wäre doch gelacht, wenn wir nichts in Erfahrung bringen könnten.“ Doch er ließ Leif dabei nicht los, strich seinem Schatz immer wieder über den Rücken, der sich nun Vorwürfe machte, weil er nichts getan hatte.

„Was hättest du tun wollen? Dich dem ganzen entgegen stellen und riskieren, verhaftet zu werden? Damit du den Jungen vielleicht nie wieder bekommst. Es war schon richtig so, sich dem nicht in den Weg zu stellen. Wir müssen das klären auf sachlicher Basis.“ Auch wenn Endre noch keinen Schimmer hatte wie. Erst einmal wählte er die gespeicherte Nummer. Er hatte zwar nicht viel Hoffnung, Frau Krüger oder Frau Glose noch anzutreffen, doch wer nicht wagte, der nicht gewann. Er ließ es wählen und mit jedem Freizeichen, das ihm ins Ohr tutete, wurde Endre nervöser. Er wollte gerade resigniert aufgeben, als jemand abnahm.

„Frau Krüger, gut dass sie noch da sind.“ Endre redete gleich los und verspannte sich, sodass Leif auch bemerkte, dass etwas vor sich ging und sich zurückzog, damit Endre reden konnte.

>Herr Bergmann, ich habe schon auf ihren Anruf gewartet<, gab sie zu und klang ein bisschen traurig.

„Ich war ja nicht da, als es passiert ist und Herr Drieschner steht noch unter Schock. Können sie mir sagen, was genau los ist? Und wo JJ ist?“, platzte Endre gleich mit dem wichtigsten heraus. Keine Zeit für Small Talk.

>Es ist eine anonyme Anzeige eingegangen, dass der Junge bei ihnen in größter Gefahr wäre. Außerdem hat man uns Material zugespielt, wie Herr Drieschner sein Geld verdient. Man kann doch nicht allen Ernstes erwarten, dass dies die geeignete Umgebung für ein Kind ist.<

Endre schluckte – also doch! Deswegen war es die Woche so still um Viktor gewesen. Er wusste, dass er seine Rache bekam. Er hätte es nicht nötig gehabt, sich noch aufzublasen. „Hat man ihnen auch gesagt, dass dies bereits geändert wurde und Herr Drieschner nicht nur seinen Job gekündigt hat, sondern auch aus der Firma ausgestiegen ist? Nur für den Jungen... was soll das heißen, das kann ja jeder erzählen. Wo ist JJ? Ich will den Jungen sehen.“

>Hören sie zu, Herr Bergmann, wir werden alles prüfen. Aber wenn der Vorwurf einer Kindesmisshandlung im Raum steht, können wir nicht einfach die Hände in den Schoß legen, sondern müssen reagieren. Fakt ist nun einmal, dass Herr Drieschner sich die Vormundschaft für den Jungen unter Vortäuschung falscher Tatsachen erworben hat und die neu geprüft werden muss.<

Darauf konnte Endre nichts sagen, denn er wusste nicht, wie das damals gelaufen war. Und Leif jetzt ans Telefon zu holen, hatte keinen Sinn. Das würde alles nur noch schlimmer machen.

„Ich möchte den Kleinen trotzdem sehen“, versuchte es Endre noch einmal, doch er musste sich erklären lassen, dass er als Angestellter des Onkels dazu kein Recht hätte. Auch den Aufenthaltsort des Kindes erfuhr er nicht, weil man wohl Angst hatte, sie würden JJ einfach mit Gewalt zurückholen. Endre hatte also – abgesehen von der Tatsache, dass er nun wusste, welche Vorwürfe im Raum standen, nichts erreicht. Er bedankte sich trotzdem für das Gespräch und legte auf.

„Und?“, hörte er es neben sich und schreckte zu Leif herum. „Es ist wegen mir oder?“, fragte er. „Vik, der Scheißkerl, hat denen gesteckt, dass ich ein Pornodarsteller bin oder?“ Leif ließ den Kopf sinken. Er konnte gar nicht in Worte fassen, was im Augenblick alles durch ihn hindurch ging. Wut, Verzweiflung, Angst, aber auch eine Portion Hass, die langsam an Substanz gewann und immer größer wurde. Größer und größer und drohte, alles auszufüllen. „Dafür wird der Drecksack bezahlen.“

„Leif!“ Endre legte wieder die Arme um ihn. „Lass den Spinner aus dem Spiel. Das will er doch nur, dass du zu ihm zurückkommst. Er will dich aus der Reserve locken und dir wieder nahe sein. Du triffst ihn am ehesten, wenn du nicht reagierst. Unser Problem ist nicht dieser Jansen, sondern JJ und wir sollten zusehen, dass wir alles so machen, wie die vom Amt das wollen, damit der Kleine schnell wieder zu uns kommst. Sie werden schnell merken, dass an dem Vorwurf der Misshandlung nichts dran ist und alles andere mit den Pornos und deiner Homosexualität, das klären wir auch noch irgendwie.“ Endre hatte keinen Schimmer wie, doch er würde nicht aufgeben – JJ gehörte zu ihnen!

Langsam sah Endre sich um. Auf dem Sessel hockte noch Gustav, als würde auch er auf JJ warten. Die Wohnung war so still und leer, dass man es schmerzlich fühlen konnte. Wie ein Eisregen auf der Haut. Es tat weh. Allein die Vorstellung, dass der Kleine jetzt ganz allein in einem fremden Bett lag, dass er von fremden Leuten umgeben war. Doch im Augenblick konnten sie nicht viel tun.

„Hast du schon gegessen?“, fragte Endre leise und strich seinem Schatz wieder durch die Haare, die an seinem Hals kitzelten.

Leif schüttelte den Kopf, erklärte aber auch, dass er nichts essen wolle. „Und wenn wir die Heime abklappern? Irgendwo müssen sie den Süßen doch hingebracht haben“, sagte Leif. Die Vorstellung, hier zu sitzen und nichts tun zu können, war die Hölle.

„Schatz, die haben ihre Order. Wenn wir dort einreiten und den Kleinen mitnehmen, dann sehen wir ihn nie wieder. Wir können nur versuchen, über die Ämter etwas zu erreichen.“ Das nun gerade das Wochenende vor der Tür stand war freilich das letzte, aber sicher von Viktor so beabsichtigt. Morgen arbeitete keiner. Da mussten sie sich keine Illusion machen. Endre musste leider zugeben, dass der Kerl wirklich an alles gedacht hatte. Er hatte alles getan, um Leif den größtmöglichen Schmerz zuzufügen, was für ein kranker Charakter.

Leif in seinen Armen wirkte erschöpft und so schlug Endre vor, sich hinzulegen. Wieder fiel sein Blick auf Gustav und auch Rudi schien seinen Spielkameraden zu suchen, denn er stromerte durch die Wohnung ohne Unterlass, während er sonst eigentlich nur dösend herum lag. Jeder vermisste JJ.

Doch ins Bett wollte Leif nicht. Dort hatte er JJ Geschichten vorgelesen, zugesehen, wie sein Kleiner schlief. Das konnte er nicht. So klappte Endre hastig die Couch auf und richtete sie her, während er Leif ins Bad geschickt hatte. Die Zeit nutzte er auch, um die Kinderärztin anzurufen. Er entschuldigte sich gleich, dass er sie privat stören würde, als sie erfuhr, was passiert war, war diese Störung gleich vergessen. Schließlich wusste sie am besten, dass dies unmöglich stimmen konnte, zumindest was den Vorwurf der Misshandlung anging, vom Rest erfuhr sie nichts. JJ war ja vorgestern noch bei ihr gewesen, weil eine der Impfungen fällig war und sie hatte ihn noch einmal untersucht. Keine Blessuren, keine Wunden, gar nichts. Ein aufgeweckter, pfiffiger, kleiner Junge. Sie bot an, Endre ein Gutachten zu erstellen und zu ihren Gunsten auszusagen und auch dass man sie sofort benachrichtigen sollte, wenn sich etwas Neues ergab.

„Danke“, sagte Endre leise und legte auf, als Leif gerade aus der Dusche kam.

„Hast du mit der Ärztin gesprochen?“, fragte er und rubbelte sich die Haare trocken. Doch er sah müde aus.

„Ja, ich wollte zumindest den Vorwurf der Misshandlung geklärt haben, an dem anderen müssen wir arbeiten“, sagte Endre leise und ging auch ins Bad. Während er duschte, klingelte das Telefon. Weil Endre sich nicht gemeldet hatte, waren auch Gerrit und Michael in Sorge gewesen, so erklärte Leif in kurzem Abriss, was passiert war. Als Endre aus dem Bad wieder kam, war er schon fast eingeschlafen. Er spürte nur noch, wie sich jemand neben ihn legte und ihn in den Arm nahm. Doch im Gegensatz zu Leif, dem der Wodka Schlaf schenkte, lag Endre noch lange wach.

Das war eine Katastrophe und er wusste noch nicht, wie er sie abwenden konnte.