Du befindest Dich hier: Geschichten > Geschichten frei bis 16 > Fich > Alles was zählt > Alles was zählt - Teil 45 bis 48

Alles was zählt - Teil 45 bis 48

-45-

Der Fahrstuhl in Leifs Penthouse lief wie am Fließband. Erst kamen JJ und Endre von der Fahrschule nach Hause, Minuten später öffneten sich die Türen schon wieder und Leif trat in sein Heim.

„Na, ihr Hübschen?", rief er schon, noch ehe er sich die Schuhe von den Füßen streifte und kam auf die beiden zu. Gustav in seinem Rucksack, der wieder mit von der Partie sein musste, hing lässig in Endres Rücken und grinste vor sich hin. Wohl weil er nicht laufen musste, während JJ auf Leif zugelaufen kam und sich hochheben ließ. Der blonde Mann lächelte und Endre nickte ihm zu. Es war gut zu sehen, dass JJ und Leif ein Band zueinander knüpften, auch wenn sie sich nicht so oft sahen, wie Endre und JJ. Doch es zeigte Endre auch, dass JJ seinen Onkel sehr mochte.

„Hab ein Bild für dich de-malt!", erklärte JJ und zappelte gleich, weil er wieder auf den Boden gesetzt werden wollte, um das Bild zu suchen. Das verwahrte nämlich Gustav in seinem Rucksack und an den wollte JJ nun ran. Geschäftig fing er an, mit den kleinen Fingern den Knoten aufzufummeln, doch es ging ihm einfach nicht schnell genug. Endre grinste, als er den kleinen, ungeduldigen Kerl beobachtete und wurde auch gleich angeknurrt.

„En-re! Mach mal!", forderte JJ, setzte aber noch ein: „Bitte“, dahinter, weil Endre ihn strafend ansah. Doch er half ihm und so konnte JJ sein Werk präsentieren. Er erklärte Leif, was man darauf sah und wenn man es erst mal wusste, konnte man das auch erahnen.

Weil Leif die Bilder von JJ in einer Schublade in der Küche aufbewahrte, weil er noch keinen Platz dafür gefunden hatte, hatte Endre ein paar Magneten gekauft. So konnten sie die Bilder an den Kühlschrank pinnen, wo man sie immer sah.

„Wie läuft es in der Fahrschule, kommst du mit?", fragte Leif und griff sich endlich Endre um die Hüfte, küsste ihn kurz auf den Hals und folgte dann JJ, der Gustav hinter sich her in die Küche zerrte. Endre wusste, dass er etwas dagegen sagen sollte, doch er konnte nicht. Er würde es Gerrit und Michael wohl nie sagen, aber so im Arm gehalten zu werden, so selbstverständlich umarmt und gewürdigt zu werden, war ein viel zu gutes Gefühl, als dass Endre es einfach so aufgeben konnte.

Er durfte nur den Blick auf die Realität nicht verlieren. Und die Realität hieß: Leif ist Viktors Verlobter. Auch wenn der Stinkstiefel einen wie Leif eigentlich nicht verdient hatte, doch es lag nicht in Endres Ermessen, das zu bestimmen. Also folgte er den beiden Blonden in die Küche, wo sie schon die anderen Bilder von JJ aus der Schublade geholt hatten und sie nun am großen Kühlschrank sortierten. Dabei lachten sie und stritten und einigten sich auch wieder. Es war schön, ihnen zuzusehen.

„Wann kommt Viktor eigentlich?", fragte Endre, als er sich auf die Anrichte gesetzt hatte.

„Weiß nicht genau. Er führt die neue Sekretärin noch rum, dann wird er auch heim kommen. Das kann ja wieder was werden", murmelte Leif leise, doch nicht leise genug, denn Endre konnte ihn hören.

„Dann geh doch mal wieder mit ihm weg. Du hältst ihn immer nur hin. Aber eigentlich drückst du ihn an den Rand für den Kurzen. Klar, dass er sauer ist. Jede freie Minute, die du findest, steckst du in JJ. Ich pass auf den Süßen auf, geht ihr mal wieder essen oder tanzen. Kann doch nicht sein, dass ihr jeden Abend daheim hockt", sagte Endre, auch wenn es ihm schwer fiel. Leif zurück in Viktors Arme zu treiben, schien für ihn und sein Herz nicht richtig, sein Magen wehrte sich dagegen, doch so musste es wohl sein. Leif sah ihn nur fragend an.

„Was soll das denn jetzt?", wollte der Blonde wissen, während JJ heimlich noch mal ein paar Bilder umhängte, weil sie in seinen Augen dort, wo sie jetzt hingen viel besser aussahen.

„Na, du regst dich immer auf, er unterstützt dich nicht. Komm ihm entgegen, zeig ihm, wie es mit Kind auch sein kann und bestrafe ihn nicht immer nur, weil es nicht nach deinem Kopf geht", sagte Endre offen und hoffte, dass er ein so gutes Verhältnis zu seinem Chef hatte, dass der diese Wahrheit ertragen konnte. Endre sah deutlich, wie Leif schon wieder Luft holte, um etwas zu sagen, doch dann schien er nachzudenken, denn er nickte.

„Vielleicht hast du wirklich Recht." Sein Blick wanderte zu JJ, der mit seinem Arrangement immer noch nicht zufrieden war und noch mal neu sortierte, und lächelte. Leif lachte leise und kam näher auf Endre zu. „Ich weiß, dass du Recht hast. Ich weiß, dass ich an der Beziehung arbeiten muss. Er ist mein Mann, ich liebe ihn. Aber wenn er wieder so stur ist, da kann ich auch nicht anders."

„Du nimmst dir da aber auch nicht viel", schoss Endre zurück und ging zum Schrank, um Tee zu kochen. Er musste etwas tun und sich bewegen, nicht dass Leif auf die Idee kam, ihn wieder in den Arm zu nehmen. Endre wusste nicht, wie lange er dem noch widerstehen konnte, ohne weich zu werden und sich ihm anzubieten.

„Ich weiß", knurrte Leif und suchte sich ein Wasser aus dem Kühlschrank. So musste JJ aufhören die Bilder zu sortieren und hatte ziemlich schnell das Interesse verloren. Jetzt zerrte er wieder Gustav durch die Küche rüber zur Couch. Endre sah ihm grinsend hinterher.

„Maus, hast du keinen Hunger?", rief er zu JJ rüber, weil sie heute nur Brote gegessen hatten, die sie sich heute Morgen geschmiert hatten. Doch JJ schüttelte nur den Kopf.

„Na gut", Endre zuckt die Schultern. Er würde sich schon melden, wenn der Hunger groß genug war.

„Und du", wandte er sich wieder an Leif, „nimmst erst mal ein Glas, sonst bist du dem Kurzen nämlich kein großes Vorbild und dann gehst du mit Viktor essen. Du verpasst hier zu Hause nichts. Auch wenn du das immer glaubst."

Leif seufzte bei den Worten, denn Endre hatte den Nagel irgendwie auf den Kopf getroffen. Er hatte wirklich das Gefühl etwas zu verpassen, wenn er nicht bei JJ war. Es gab so vieles, was der Kleine noch lernen musste und was er lernen konnte, was er entdecken konnte, was er finden konnte. Leif wollte dabei sein, auch wenn er wusste, dass das nicht immer möglich war.

„Ist doch nun mal so", sagte Endre und lehnte sich mit der Hüfte gegen die Anrichte. „Du erwartest, dass er dir entgegen kommt. Geh ihm auch entgegen. Auch wenn ich es dir nicht gern sage, aber er hat durchaus das Recht zu sagen: ich will das nicht. Er hat auch das Recht zu sagen: das gefällt mir nicht. Zeig ihm, dass er wenige Abstriche machen muss, zeig ihm, dass es sich lohnen wird, den Jungen zu mögen. Männer sind wie Hunde, belohne sie für das, was sie lernen", lachte Endre und Leif grinste ihn an.

„Wie Hunde, ja? Du auch?", fragte er und Endre legte den Kopf schief. Herausfordernd sah er Endre an. „Wackelst du mit dem Schwanz, wenn ich dich streichle? Hm?"

Endre wollte gerade zurück schießen und rot anlaufen, doch dann wandte er sich nur frech grinsend um.

„Du bist nicht derjenige, der das heraus finden wird", erklärte er und ahnte, dass er Leif damit neugieriger machte. Vielleicht war es sogar Absicht gewesen, er wusste es selbst nicht genau. Dahin war der gute Vorsatz. Das war nicht gut.

Und als hätte der Himmel ein Einsehen mit ihm gehabt, gab der Fahrstuhl ein Zeichen, dass jemand nach oben kommen würde. Und da es nur noch einen gab - abgesehen von Frank, der sich jetzt sicher nicht hier blicken lassen würde, weil er zu tun hatte - der das sein konnte, spitzte Endre auch die Ohren.

Viktor trat aus dem Fahrstuhl und das erste, was er sah, war der Junge und das blöde Plüschtier auf der Couch. Er verdrehte schon wieder die Augen, doch er sagte nichts. Um sich erst einmal wieder zu beruhigen und seinen Angriff auf Leif zu planen, wollte er sich ins Schlafzimmer zurückziehen, doch da war Leif schon aus der Küche gekommen, während JJ unauffällig versuchte, sich samt Gustav in die Küche zu Endre zurück zu ziehen.

„Hey, Schatz, da bist du ja schon. Was hältst du von spanisch. Ich war lange nicht bei Yosoy", sagte Leif und Viktor sah ihn etwas irritiert an, weil er nicht gleich verstand, doch er konnte ein unangebrachtes: „Hä", gerade noch unterdrücken.

„Du hast doch heute endlich mal wieder einen Abend frei. Wenn du magst, gehen wir beide essen", erklärte Leif, weil er Viktors Gesicht lesen konnte wie ein Buch und der hob eine Braue.

„Ach, wirklich?", fragte er, doch es klang nicht ironisch, sondern wirklich verblüfft. „Klar, gern. Ich dusch mich nur und zieh mir was Frisches an. Dann können wir los." Viktor freute sich, anders konnte man das nicht sagen. Er freute sich darüber, dass Leif von selbst auf diese Idee gekommen war. Eine kleine Stimme in seinem Kopf erklärte, dass vielleicht auch die Straßenratte da seine Finger mit ihm Spiel hatte, doch das war Viktor im Augenblick herzlich egal, denn so lange er und Leif allein waren, konnte sich Leif auch nicht mit anderen Dingen befassen. Viktor hatte sich vorgenommen, die beiden brisanten Themen auszuklammern. So konnte das doch nur ein toller Abend werden.

„Mach das, Schatz, ich geh auch fix duschen", erklärte Leif und sah kurz zurück in die Küche, doch Endre interessierte sich gar nicht für ihn. Was erwartete er auch? Würde Leif irgendwann einmal begreifen, dass Endre wirklich nur das Kindermädchen war? Es war schwer bei diesem Mann, es war schwer, wenn man es gewohnt war, dass man bekam, was man wollte. Doch Endre bekam er nicht - Endre stellte sich ihm entgegen, er war ein Freund, er war ehrlich. Aber mehr auch nicht. Leif war nicht sein Typ, das hatte Endre deutlich gesagt und wieder einmal, wie öfter in den letzten Tagen, dachte Leif allen Ernstes darüber nach, sich zu verändern, sich ein wenig mehr diesem schmierigen Steward anzupassen, der offensichtlich Endres Geschmack gewesen war.

Das würde heißen, die langen, blonden Haare gegen kurze Schwarze zu tauschen. Sein Regisseur dürfte die Hände über dem Kopf zusammen schlagen. Leif grinste schief. Er hatte ja sowieso nicht den Mut dazu. So ging er ins Bad und sprang unter die Dusche, mit den Gedanken dort, wo sie nicht hin gehörten. Und eine halbe Stunde später, in der JJ und Endre schon in ihr Reich abgezogen waren und sich was zu essen bereiteten, war Leif auch endlich fertig. Viktor stand schon mitten in dem riesigen Wohnzimmer und richtete sich die Weste, während er seinem Verlobten entgegen sah.

„Atemberaubend wie immer", lächelte er Leif zu und der drehte sich einmal, verbot sich den Blick nach oben, ob man JJ oder Endre sehen konnte.

„Dann lass uns gehen - macht's gut ihr beiden!", rief er nach oben und Viktor ließ ihn sich einhaken, ehe sie in den Fahrstuhl traten. Leif gönnte sich doch einen letzten Blick, aber von seinen beiden Jungs war nichts zu sehen.

„Auf geht’s", lächelte er, lehnte sich gegen seinen Mann. Vielleicht sollte er wirklich mal wieder den Kopf frei bekommen, denn es war schon krankhaft, wie sich alles um Endre drehte, Endre und den Jungen.

Es brannte Viktor unter den Nägeln zu fragen, wie Leif plötzlich darauf kam, aus dem Haus zu gehen, doch er ahnte, dass wieder etwas gesagt werden würde, was ihm nicht gefiel, dass Namen fallen würden, die er nicht hören wollte, also schwieg er sich aus.

Dafür fing Leif an zu reden. Unverfänglich über Birgit. „Was hast du für einen Eindruck von ihr?", wollte er wissen, weil Viktor sich da sehr zurückhaltend gegeben hatte, genaugenommen auch etwas angebrannt.

„Sie ist nett und sie versteht was vom ihrem Handwerk. Das kann uns nur von Nutzen sein und wenn sich Frank wieder besser auf seine Sachen konzentrieren kann und du nicht die Hälfte seiner Arbeit mit machen musst, weil wir sonst nicht fertig werden zu den gesetzten Terminen, ist das doch perfekt."

Leif sah ihn skeptisch an, als sie aus dem Fahrstuhl traten. „Ich will wissen, was du von ihr persönlich hältst. Dass sie qualifiziert ist, weiß ich selber", fragte Leif, weil es ihn einfach interessierte.

Viktor grinste ihn an, als er sich auf den Sitz seines Carrera fallen ließ und zuckte die Schultern. „Schatz, sie ist gerade mal eine Stunde im Büro, wie soll ich dir sagen, wie ich sie finde? Auf den ersten Blick ganz nett, weltoffen und nicht verklemmt. Mehr kann ich dir erst sagen, wenn ich länger mit ihr gearbeitet habe", lachte Viktor und fuhr los. Bis zum Yosoy war es ein ganzes Stück und gelinde gesagt, hatte er schon ziemlichen Hunger. Mittag war heute mal wieder ausgefallen, auch wenn er wusste, dass das auf die Dauer nicht gesund war. Doch jetzt freute er sich auf sein Steak und auf einen geruhsamen Abend.

Er hatte gemerkt, dass der Sex allein sie nicht zusammen hielt, es fehlte etwas anderes und Viktor hatte vor es zu finden und zu erhalten. Deswegen stellte er sich eine Frage, sich und Leif auch. „Meinst du nicht, dass wir mal Urlaub machen sollten? Nur wir beide? Ich weiß!", schob er gleich hinterher, als Leif etwas sagen wollte. „Ich weiß, dass das mit JJ noch nicht wirklich geht, dass wir ihn so lange allein lassen. Ich will ja auch nicht gleich heute fahren, ich will nur die Möglichkeit dazu nicht ganz ausschließen."

Leif schloss den Mund wieder, denn Viktor hatte ohne ein Wort von ihm erklärt, wo Leif die Mankos sah. Er sah Viktor an, der sich auf den Verkehr konzentrierte und lächelte. „Ja, vielleicht sollten wir das wirklich machen. Ein paar Tage nur für uns allein", lenkte er ein und diese Worte kamen auch vom Herzen. Endre hatte wohl recht gehabt: Stehen zu bleiben und zu warten, dass Viktor zu ihm kam, war nicht die Lösung. Ihm entgegenzugehen versprach mehr Erfolg. Er sollte das Endre vielleicht sagen - doch er sollte für den Rest des Abends Endre aus seinem Kopf bekommen. Dieser Abend gehörte Viktor und den hatte sich sein Verlobter wirklich verdient.

„Hast du dir schon mal Gedanken darüber gemacht, wo es hin gehen soll?" Das Thema war Leif ganz lieb, es war unverfänglich.

„Nein, eigentlich nicht", gab Viktor zu. „Nächste Woche sind wir ja schon auf einer netten, kleinen Insel in der Sonne. Vielleicht mal ein Kontrastprogramm. Lappland, Island", lachte er, doch es war nur ein Scherz. Er wusste genau, dass Leif die Kälte nicht mochte und er lieber in der Sonne lag. Seine Hand legte sich auf Leifs Knie, als Zeichen, dass er es besser wusste als er es gesagt hatte. „Darüber können wir uns ja auch Gedanken machen, wenn die Zeit ran ist, wenn Birgit sich eingearbeitet hat und wenn du auch wieder ein bisschen mehr Luft zum Atmen hast."

Wieder sah Leif seinen Verlobten nur an. Was war mit dem passiert? Er war wie ausgewechselt. Hatte jemand mit ihm gesprochen oder was war passiert? Der Blonde konnte sich das nicht erklären, also fragte er nach, auch auf die Gefahr hin, die Stimmung zu versauen. Doch er musste das wissen. „Vik, ich erkenne dich kaum wieder. Was ist passiert?", fragte er mit leiser, unsicherer Stimme und Viktor zuckte kurz, doch er straffte sich wieder.

„Das vorhin, dass du eine Sekretärin suchst, ohne dass ich etwas davon weiß, und als du mir gesagt hast, ich will eh nur hören was ich hören will, der Rest wird ignoriert. Das hat mir zu denken gegeben. Es läuft nicht mehr so zwischen uns wie vorher und es kann nicht nur an dem Jungen liegen", fing Viktor leise an und setzte den Blinker, weil er in eine Seitenstraße einbiegen wollte. Während er redete, sah er sich immer wieder um, denn die Straßen waren dicht befahren.

„Wir haben uns so verbissen, dass jeder anfing den anderen auszuschließen. Ich bin stur, du bist stur. Wenn nicht einer den ersten Schritt macht, dann wären wir nie wieder aufeinander zugegangen. Ich muss begreifen, dass der Junge zu deinem Leben gehört. Leicht ist es nicht, aber es geht und deswegen habe ich mich gefreut, dass du mich zum Essen eingeladen hast", gestand er und drückte Leifs Knie, lächelte ihn kurz an.

Leif seufzte, grinste aber dabei. „War wohl Gedankenübertragung", sagte er, jetzt zu erwähnen, dass Endre ihm so was auch gesagt hatte, wäre der Stimmungskiller Nummer eins gewesen. Warum nicht ein bisschen flunkern, wenn Viktor sich dann besser fühlte. „Konfrontation tut uns nicht gut, ich liebe dich, Vik, und ich will nicht, dass du mich wieder so enttäuscht ansiehst, nur weil ich meinen Kopf durchgesetzt habe. Ich weiß auch, dass ich dir schon länger verspreche, dass es wieder besser wird, aber dazu muss ich eben erst einiges anleiern", sagte er nachdenklich und Viktor drückte wieder dessen Knie.

„Ich weiß, Schatz", sagte Viktor nur und lächelte.

Manchmal musste man eben auch etwas geben, wenn man etwas bekommen wollte.

Alles war vergessen, als das Lokal endlich in Sicht kam und wie auf Kommando Viktors Magen anfing zu knurren. Leif lachte leise und legte seinem Verlobten die Hand auf den Bauch. „Du sollst nicht immer den ganzen Tag hungern", sagte er mahnend, küsste Viktor aber kurz, ehe sie ausstiegen. Sie hatten nicht reserviert, aber weil sie gute Kunden waren, war es für sie eigentlich fast immer möglich, noch einen kleinen Tisch für zwei in einer ruhigen Ecke zu bekommen.

Heute war es nicht anders. Der Kellner geleitete sie in ein kleines Séparée und brachte das Übliche. Die Speisekarte war lang und erlesen, aber sie beide hatten etwas gefunden, was sie liebten - daran gab es nicht mehr viel zu rütteln. Die Qual der Wahl ließ einen sowieso meistens wieder bei alt Bekanntem landen, wenn man wusste, wie gut das war.

Der Abend wurde wirklich schon.

Sie sahen sich tief in die Augen, erinnerten sich an gemeinsam durchgemachtes und kamen zu dem Schluss, dass ein Kind sie nicht trennen konnte. Wenn Viktor sich mit dem Jungen auch noch schwer tat und sicher nicht von heute auf morgen dessen bester Freund sein würde, so waren sie doch überein gekommen es zu versuchen. Es ließ sich nicht vermeiden, dass auch über Endres Einzug gesprochen wurde und über einen Umbau der Wohnung, während sie auf den Seychellen waren.

Viktor kam es sehr entgegen, dass die obere Tür ins Treppenhaus und zum Hotelaufzug führte. Es war also nicht nötig, dass Endre dann noch durch den Aufzug für das Penthouse kam. Ihm wäre es auch lieb, der obere Flur, von dem die Zimmer abgingen, würde verkleidet werden, so dass dort oben eine zweite Wohnung entstand. Zwar waren die Türen nicht abgeschlossen, aber sie konnten geschlossen werden.

Erst war Leif damit nicht einverstanden gewesen, doch auch er musste einsehen, dass Endre kein Klosterbruder war. Wenn der jemanden mit hier her bringen wollte, dann wollte Viktor diese Fremden nicht in seiner Wohnung. Dort oben durfte Endre gern machen, was er wollte. Viktor würde auch dafür sorgen, dass die Umbaumaßnahmen schnell erfolgten, so dass keiner von ihnen davon etwas mit bekam oder sich gestört fühlte. Es ginge ja nur darum, Endre dort sein eigenes Reich zu schaffen. Dem konnte sich Leif nicht entziehen, denn je wohler sich Endre fühlte, umso länger blieb er vielleicht.

Doch dann kümmerten sich die beiden Männer wieder nur um sich, als sie sich das Essen schmecken ließen und dann bezahlten, um in einer kleinen Bar noch einen Absacker zu nehmen und ins Bett zu fallen - einfach nur kuscheln, das hatten sie lange nicht mehr gemacht.



-46-

Die nächsten Tage liefen in überraschender Harmonie. Endre und Viktor gingen sich aus dem Weg wo es nur ging, Endre machte seine Fahrstunden und JJ begleitete ihn, malte Bilder für Leif und die wurden dann täglich am Kühlschrank neu sortiert. Leif selbst übte sich im Spagat zwischen JJ und Viktor und hatte eine recht gute Lösung gefunden. So lange wie JJ wach war, war er mit ihm zusammen, sie spielten, malten oder gingen ein bisschen durch die Stadt. Mal mit, mal ohne Endre. Und wenn der Junge schlief, ging er abends noch mit Viktor auf ein Glas Wein oder einen Tee, um den Abend ausklingen zu lassen. Es lief überraschend gut und Viktors Launen wurden wieder erträglich. Leif hatte auch nicht das Gefühl, JJ zu vernachlässigen. Nur sein Schlaf kam etwas zu kurz, doch das war für ihn das geringste Übel.

Birgit arbeitete sich überraschend gut ein und Frank und sie kamen sehr gut miteinander aus. Was nicht leicht war, denn Frank war in der Wahl derer, die seine Gunst bekamen, ziemlich wählerisch. Aber Birgit gelang es fast auf Anhieb. Schon weil sie es schaffte, innerhalb von nur drei Stunden den riesigen Berg Papier so aufzuarbeiten, dass Rechnungen, Belege, Kostenvoranschläge und sonstiges schön sortiert in Hefter wanderte und was nicht gebraucht wurde in der Tonne verschwand. Schon allein deswegen war Birgit Franks neue Heldin. Sie hatte Qualitäten, die die Domina wirklich zu schätzen wusste.

Telefonieren, gleichzeitig tippen oder gar Steno Briefe aufnehmen, Frank kam aus dem Staunen gar nicht mehr raus. So blieb ihm mehr Zeit dafür, sich um den Schnitt und die Nachbearbeitung der Filme zu kümmern, seine nächsten Drehs zu planen und was die Ideenvielfalt von Birgit anging, hatte man sie wirklich unterschätzt. Es schien fast, als hätte Frank eine neue beste Freundin gefunden, denn die beiden steckten oft die Köpfe zusammen.

Das nächste Highlight der vergangenen Tage war Endres Theorie-Prüfung, die er mit sage und schreibe Null Fehlern bestanden hatte und deren Ergebnis er seinen kleinen Brüdern hatte unbedingt unter die Nase reiben müssen. Sie waren nämlich damals nur mit Ach und Krach und maximal tolerierter Fehlerzahl durchgekommen. Da war es Endre eine Genugtuung gewesen, ihnen zu zeigen, dass er doch konnte, wenn er nur wollte.

Mit Günni war er übereingekommen, nach dem Aufenthalt auf den Seychellen gleich mit dem Fahren anzufangen, hatte für die ersten Stunden aber um eine Partie über Land gebeten, denn auch wenn Endre es nie zugeben würde, der Innenstadt-Verkehr von Berlin machte ihm Angst. Was er täglich als Fußgänger erlebte, wie oft es knallte, wie oft es quietschte, hupte oder geschimpft wurde, das war kein entspanntes fahren, das war Kleinkrieg auf Rädern. Dafür fühlte er sich eigentlich noch nicht gewappnet.

Seine Brüder hatten freilich drauf bestanden, dass er nur die Pflichtstunden nahm, den Rest wollten sie ihm beibringen. Sie hatten einen großen Hof, da konnte Endre immer schön im Kreis fahren, Kurven üben, einparken und allerlei Spielchen und da es privates Gelände war, war es sogar legal, solange Endre das Gelände nicht verließ und ohne Führerschein auf öffentlichen Straßen herum gurkte.

Selbst das Argument, dass er doch sowieso eine Pauschale bezahlte, egal wie lange er Stunden nehmen müsste, wollten die beiden nicht gelten lassen - es war ihre Aufgabe, wie sie sagten und die würden sie auch erfüllen. Das wollten sie schon mal sehen. Endre hatte nur gelacht und war dann Richtung Heimat getrabt, denn er hatte noch Wäsche zu machen. Übermorgen ging der Flug und er wollte noch die letzten Klamotten, die mit mussten, in den Trockner werfen, damit er am Freitag packen konnte.

Doch so weit war er noch nicht. Im Augenblick war er mit JJ dabei, etwas zum Mittag zu zaubern. Unten in der großen Küche, denn Leif und sein Verlobter waren ausgeflogen. Viktor und Birgit überwachten die Zusammenstellung der Ladung, kontrollierten die Listen mit den Kisten, die dann zum Hangar in Tempelhof gebracht wurden, denn dort wollte Pierre mit seiner Maschine ankommen und wieder weg fliegen.

Der kleine, selten genutzte Flughafen war perfekt. Mit der Bahn von allen gut zu erreichen, klein und übersichtlich. Während die beiden sich also mit den Jungs im Lager um die Bestückung des Transporters kümmerten, hockten Frank und Leif im Büro und gingen die Drehbücher noch einmal durch. Zwar standen die Szenen und die Pläne, aber sie mussten einen Ausweichplan erstellen, falls das Wetter nicht so wollte oder sie aus anderen Gründen nicht so schnell vorankamen, wie sie das gern gehabt hätten. Die Szenen, die zur Not auch in Deutschland gedreht werden konnten, wurden markiert. Die wurden dann als letztes gedreht.

Es war ja nicht so, als würde Pierre sie wieder raus werfen, ehe sie fertig waren, doch es war Leif lieber, die Gutmütigkeit ihres Fans nicht auszunutzen. 14 Leute zu verköstigen und unterzubringen war nicht billig. Er hatte auch darauf bestanden Pierre dafür eine Pauschale zu geben, weil er sich ungern etwas schenken ließ. Außerdem war das Zimmer für Endre und JJ nur für eine Woche angemietet.

„Bei euch eigentlich alles wieder im grünen Bereich?", wollte Frank so unvermittelt und aus dem Zusammenhang gerissen wissen, dass Leif erst nicht wusste, was gemeint war. Man sah es seinem irritierten Blick auch an und Frank verdrehte die Augen. „Du und Vik, man hört euch gar nicht mehr zoffen. Hat er sich abgefunden?"

„Ach so, Vik", sagte Leif und nickte, schüttelte dann aber den Kopf. „Nicht wirklich, aber er macht gute Miene zum bösen Spiel und ich versuche auch, ihm alles so recht wie nur möglich zu machen, ohne JJ zu vernachlässigen. Leicht ist es nicht, aber es geht und es funktioniert ganz gut." Leif zuckte die Schultern und strich gerade eine Szene an, dann blätterte er um, sah Frank dabei aber an, weil der noch nicht zufrieden wirkte. Er war es auch nicht.

„Also habt ihr nur einen Kompromiss geschlossen, das eigentliche Problem ist noch nicht geklärt?", fragte er deswegen und Leif schüttelte den Kopf.

„Nein, er mag keine Kinder und ich halte die beiden von einander fern, so gut es nur geht", bestätigte Leif und Frank nickte, er dachte sich lieber seinen Teil. Leif machte sich doch was vor, wenn er glaubte, das könnte so weiter gehen.

„Aber mal was anderes", sagte Frank deswegen, um das Thema zu wechseln. „Viktor hat vorhin mit Handwerkern telefoniert. Wollt ihr umbauen?", fragte er und Leif grinste schief.

„Einer der Kompromisse", sagte er und dieses Mal war es Frank, der nicht verstand.

„Hä", machte er ziemlich intelligent und legte das Drehbuch weg. Er war durch. Dabei streckte er sich und griff sich seinen Kaffee, auch wenn der schon langsam kalt war, eklig schmeckte und Pelz auf der Zunge machte. Frank war das gewohnt.

„Ganz einfach." Auch Leif war durch und wirkte sichtlich zufrieden, als er den Stapel Papier von sich schieben konnte. „Ich habe Vik erklärt, dass Endre bei uns einziehen wird, damit er für JJ da sein kann. Da war Vik nicht begeistert. Ich kann es auch verstehen. Doch da die Räume von Endre ganz am Ende des Flures liegen, auch sein Bad und so, hat Viktor gesagt, wir ziehen eine Mauer mit Tür ein. So dass Endre eine eigene kleine Wohnung hat. Dort kann er machen, was er will. Durch den Ausgang hinten am Flur kommt er ja ins Hotel und in den Fahrstuhl. Er ist dort also völlig für sich und uns keine Rechenschaft schuldig."

Dass Leif diese Idee nicht wirklich gefiel, weil sie ihn so mehr von Endre trennte, als sie zusammen gefügt wurden, sagte er nicht. Aber so war es. Die Vorstellung, dass der die Tür hinter sich zu machte und Leif aussperrte, war gar nicht nach dem Geschmack des Blonden.

„Oh", machte Frank und hob eine Braue. Die kamen aber auch auf Ideen. „Was sagt euer Kindermädchen denn dazu?"

„Ihm wäre es ganz recht. Er stimmte da mit Vik überein, dass es ganz gut wäre, eine eigene Rückzugsmöglichkeit zu haben. Auch von dem Argument, sollte er jemanden mitbringen, der nichts in meiner Wohnung verloren hätte, weil die privat wäre, war er sehr angetan. Ich werde das Gefühl nicht los, die freunden sich irgendwann noch an."

Leif knurrte ohne es zu merken. Der Gedanke gefiel ihm nicht - überhaupt nicht. Endre gehörte ihm, nur ihm! Und dass der auf Schwarzhaarige stand, so wie Viktor einer war und Leif selber blond war, passte ihm noch viel weniger. Die Vorstellung, dass die beiden irgendwann zueinander fanden und Leif außen vor blieb, schmeckte ihm nicht.

„Sei doch froh, dass die beiden einen Weg finden, mit dem sie klar kommen und du dich nicht verbiegen musst. Da brauchst du nicht zu knurren. Außerdem betonst du ja immer wieder, dass Endre nur das Kindermädchen sei. Also", sagte Frank und in Leifs Gesicht sah er nur zu deutlich, dass er da den wunden Punkt getroffen hatte.

Endre war nicht nur das Kindermädchen - zumindest nicht für Leif. Für den war der junge Mann ein Knochen, an dem er sich die Zähne ausbiss. Endre war einer der wenigen, die nicht auf Leif ansprangen, die ihn links liegen ließen auf eine höflich dezente Art. Und das stachelte den Blonden ungemein auf. Sein Ego verkraftete das nicht. Allerdings wusste Frank nicht, ob das wirklich nur ein Spiel fürs Ego war oder nicht doch mehr mitspielte.

„Frank", knurrte Leif und blitzte seinen Freund an, doch der grinste nur. Ihm konnte Leif keine Angst machen und das wusste der auch.

„Ja, ja, ich weiß. Deine Sache, ich wollte dich nur daran erinnern, wer dein Verlobter ist und wer nur dein Angestellter. Manchmal machst du den Eindruck als würdest du diese Relation vergessen."

Leif schüttelte nur den Kopf und packte die Papiere weg. „Ich muss dann eh los, muss noch packen und vorher die Tickets und Endre und JJ holen... Frank, keinen Kommentar. Endre hat den Jungen mit zu sich genommen, weil er selber auch packen muss. Dort hole ich sie jetzt ab. Mehr nicht!" Dass er das auch tat, um Endres Wohnung zu sehen, weil es ihn brennend interessierte, wie der junge Mann wohnte, musste er nicht sagen.

Frank las es in seinen Augen und ließ Leif diese Tatsache auch mit einem Grinsen wissen. So erklärte sich auch, warum nicht der SLK vor der Tür stand, sondern der gemietete Passat mit Kindersitz.

„Idiot", knurrte Leif, als er alles zusammen packte. „Wenn noch was ist, ruf an."

Frank aber winkte nur ab. Viel war nicht mehr zu machen, dank Birgit waren sie gut vorangekommen. Sie blieb dann die Woche über auch hier und hielt das Büro offen, kümmerte sich um eingehende Anfragen und Bestellungen und leitete dann wichtige Sachen weiter. So war das geplant und Frank hatte keinen Zweifel, dass das auch klappen würde.

Leif indes machte sich auf zum Wagen, warf alles rein, was wichtig war und fädelte sich dann auch schon in den Verkehr. Er musste einmal quer durch Berlin nach Tegel, wo die Tickets lagen. Vier Plätze erster Klasse nach Frankfurt und weiter nach Mahé. Vier Plätze waren es, weil JJ nicht einsehen wollte, dass Gustav vielleicht auch in Pierres Maschine mitfliegen konnte. Der Kleine hatte nicht vor, seinen besten Freund einfach allein zu lassen. Und in den Gepäckraum durfte Gustav auch nicht. Deswegen hatte das Schaf - wohl als einziges Plüschschaf auf dieser Welt - einen First Class Sitz auf dem Flug auf die Seychellen.

Allein wenn er sich die Gesichter der Leute um sie herum vorstellte, musste Leif grinsen, aber so war er nun einmal. Geld war nicht seine Sorge. Er hatte genug davon und wenn es darum ging, seinem Kleinen einen Wunsch zu erfüllen, war ihm sowieso nichts kostspielig genug. Endre schlug ihm zwar ab und an verbal auf die Finger, doch das brachte nicht viel. Leif grinste nur und zuckte die Schultern, während Endre die Augen verdrehte und den Kopf schüttelte.

So lief es eigentlich immer.

Von Tegel ging es dann nach Spandau, wo Endre gerade JJ seine Wohnung zeigte. Sie war nicht sonderlich groß, aber für einen allein ausreichend. Er hatte eine kleine, niedliche Küche, mehr als eine Küchenzeile und Hängeschränke passte da nicht rein. Das Bad sah nicht anders aus. Dusche und Wanne waren eins, dazu ein Klo und ein Waschbecken gleich daneben. Wenn er in der Mitte des Raumes stand konnte er fast jede Wand berühren. Aber für ihn allein war es ausreichend.

Das Schlafzimmer betrat man von der Stirnseite her und am anderen Ende des kleinen Raumes war das Fenster. Abgesehen von einem schmalen Gang füllte das Doppelbett den Raum. Einen Vorteil hatte die Sache: man fiel weder links noch rechts aus dem Bett, musste aber immer über das Bett laufen, wenn man zum Fenster wollte. Einen Schrank in dem Sinne hatte er nicht. Nur rechts und links neben der Tür verkleidete Regale bis zur Decke, wo er seine Klamotten lagerte.

Sein ganzer Stolz war eigentlich das Wohnzimmer. Eine große, bequeme Eckcouch, auf der man auch gut schlafen konnte, weil sie sehr breit war. Dazu eine Regalkombination, in der seine Bücher und Filme standen. Ein großer Fernseher. Das Zimmer war spartanisch bestückt, aber mit ausgesuchten Möbelstücken. Ihm gefiel es gut. Wenn die anderen Räume schon so eng waren, wollte er hier wenigstens etwas Platz haben.

JJ und Gustav tobten gerade auf dem Bett, wo Endre damit beschäftigt war, sich Klamotten zu suchen. JJ war von der großen Spielwiese ziemlich angetan. Viel besser als sein kleines Kinderbett, wo nicht einmal Gustav mit hinein passte.

Gerade versteckte er sich unter der Decke, weil Gustav ihn suchen sollte, da klingelte es an der Haustür und ließ den Jungen aufsehen.

„Wird nur dein Onkel Leif sein", sagte Endre und ging zur Tür, grinste, als es wirklich Leif war. „Bist du geflogen oder was? Komm rein, ich bin noch nicht fertig", sagte er und ging gleich wieder ins Schlafzimmer.

„Ja, Direktflug Tegel Spandau mit Punktlandung vor deiner Tür", lachte Leif und schloss die Tür hinter sich, um Endre zu folgen, dabei sah er sich um. Ziemlich klein. Das war das erste, was ihm auffiel. Kleiner als das hier würde die Wohnung, die in seinem Apartment entstand, auch nicht sein. So war seine Sorge, ob sich Endre dann nicht wie in einem Schuhkarton fühlen würde, unbegründet.

„Na Kurzer", rief er JJ zu, den er in Endres Bett entdeckt hatte und der gerade Gustav versuchte, eine von Endres Shorts anzuziehen. Endre beobachtete ihn ziemlich skeptisch und grinste, weil JJ einsehen musste, das Gustavs Hintern einfach zu dick war. „Das wär’s auch noch, wenn dem dicken Schaf meine Unterhosen passen würden", lachte er und griff den Stoff wieder, während sich Leifs Augen darauf fest gepinnt hatten.

So etwas Leckeres trug Endre drunter? Wieder wanderte Leifs Blick auf das Bett. Hier schlief Endre also. Dabei könnte man da so vieles mehr machen als nur zu schlafen. „Ich such mir 'n Wasser", brachte er brüchig hervor, als er wieder zurück ins Wohnzimmer ging. Seine Fantasien nahmen langsam überhand. Das war nicht gut! Nicht viel und er hätte sich Endre gegriffen und hätte ihn mit sich auf das Bett gezerrt, um sich an ihm zu reiben. Er hätte sogar in Kauf genommen, dass JJ ihnen zusah!

Das war doch verrückt.

„Im Kühlschrank oder im Schrank ganz hinten ganz unten", rief Endre ihm nur nach. Er hatte von den Pheromonen im Zimmer nichts gespürt. Dafür hatte er endlich alles zusammen, was er brauchte und packte alles in eine Tasche, die er mit einem Schloss verschließen konnte. Das war ihm bei Flugreisen immer das sicherste. Dann scheuchte er JJ und Gustav zu Leif, damit er das Bett noch mal machen konnte und ging anschließend mit seiner Tasche in den Flur.

„Keinen Stress. Muss noch die Blumen gießen!", erklärte er, als Leif, der auf der Couch gesessen und sich weiter umgesehen hatte, hoch schoss. Auf der einen Seite war er ganz froh, dass Endre ihn kaum beachtete, auf der anderen Seite störte es ihn. Immer wieder kam Endres Stimme in seinen Kopf, die ihm erklärte, Leif wäre doch gar nicht dessen Geschmack. Er konnte das einfach nicht verstehen. Da hatte er sich extra für sein Kindermädchen in eine enge Hose gezwängt und ein enges Shirt drüber gezogen, aber Endre hatte ihn noch nicht einmal richtig angesehen. Er hatte das wohl gar nicht bemerkt.

Und warum?

Weil es ihn nicht interessierte. Das war deprimierend!

JJ und Gustav liefen gerade durch das Wohnzimmer. Was bedeutete, dass JJ sein Schaf am Hals unter den Arm geklemmt hatte und der Rest hinterher schleifte. Sie liefen einfach Endre nach, der durch seine Wohnung ging und Wasser an die Bedürftigen verteilte.

„Wenn du willst, können wir jetzt los", sagte er, als er alles verräumt hatte und mit einer Tasche und seiner Jacke im Flur stand. JJ und Gustav sahen Leif auch schon erwartungsvoll an und so erhob sich der Blonde wieder.

„Viel Stress gehabt?", wollte Endre plötzlich sanft wissen und sah Leif forschend an.

„Ging so", wehrte der ab. Er wollte kein Mitleid, verdammt noch mal. Er wollte begehrt werden, er wollte der Mittelpunkt in Endres Leben sein. Warum begriff der Mann das denn nicht? „Sollen wir unterwegs was essen oder was mitnehmen? Ich habe keine Lust auf kochen und morgen früh müssen wir eh weg. Noch groß einzukaufen lohnt sich nicht."

„Ja, okay. Holen wir unterwegs was", stimmte Endre zu und JJ wusste schon was das hieß und seine Augen leuchteten. Es war ja nicht so, als wäre das, was Endre kochte, nicht lecker. Aber wenn sie mal was unterwegs kauften, war das auch sehr gut. Er mochte es.

„War mir klar, dass du gleich wieder leuchtende Augen kriegst", lachte Endre und wuschelte JJ durch die Haare, ehe sie langsam die zwei Stufen runter gingen. Leif hatte Gustav übernommen, damit das Vieh nicht noch im Dreck schleifte und deswegen nicht mehr mit ins Bett durfte. Auf diese Diskussion hatte er keine Lust.

Lieber deckten sie sich bei einer Pizzeria mit allem ein, was sie so brauchten. Auch Viktor wurde nicht vergessen, der später kommen wollte, weil noch einiges zu klären war. Die drei aßen also allein, was keinen wirklich störte und während Leif auch seine Klamotten zusammen packte, die privaten und die Kostüme für die Drehs, landeten Endre und JJ in der Badewanne. Allein der Gedanke an Endres nackten Leib, bedeckt von kleinen Inseln zarten Schaums machte Leif ganz kirre. So ließ er den Fernseher laufen, suchte einen englischen Sender und zwang sich, alles zu verstehen, so kam er nicht dazu, sich wieder in seine nicht jugendfreien Fantasien zu flüchten. Langsam nahm das wirklich überhand.


-47-

Hinweis: wer den Flughafen Tegel kennt wird merken, das sich ihn ein bisschen umgebaut habe, um ihn an meine und die Bedürfnisse der Jungs anzupassen – ein hoffentlich verzeihlicher Kunstgriff :o)

---

Es war noch früh am Morgen, als Leif sich vorsichtig aus Viktors Umarmung schälte. Sein Verlobter konnte noch ein paar Stunden schlafen, denn er flog mit Pierres Privatmaschine direkt von Berlin auf die Insel Mahé, die einzige der Seychellen mit einem internationalen Flughafen. Dieses Glück hatte Leif leider nicht. Ihr Flug ging von Berlin nach Frankfurt Main und dann weiter nach Mahé. Nicht nur, dass sie einen Umweg flogen, sie waren dadurch auch länger unterwegs, flogen früher los, kamen später an. Doch all das konnte Leif nicht die Petersilie verhageln, denn je länger es dauerte, um so länger war er allein mit Endre und JJ zusammen und konnte sich in seiner kranken Fantasie ausmalen, dass sie eine kleine, glückliche Familie wären.

Er küsste Viktor sanft und rollte sich dann aus dem Bett, ohne die Matratze unnötig in Schwingungen zu versetzen. An der Tür sah er noch einmal zurück und schloss sie dann leise hinter sich. Seine Klamotten für heute lagen schon im Bad und während Leif und Endre mit JJ und Gustav dann schon am Flughafen herum lungern würden, kümmerte sich Viktor noch um die Bau-Firma, die ein paar Trockenmauern einziehen wollte.

Birgit hatte sich bereit erklärt, das alles etwas zu beaufsichtigen, weil sie gut verstehen konnte, dass es Viktor nicht geheuer war, wenn in seiner Abwesenheit Fremde in seiner privaten Wohnung herum gingen. Was nicht hieß, dass er grundlegend jedem misstraute, aber Vorsicht war besser als Nachsorge. Man wusste nie, wann jemand was mitgehen ließ und es dann bei ebay meistbietend an Fans versteigert wurde. Man mochte ihn paranoid nennen, so wie Leif das ab und an tat, doch er traute keinem Fremden und war damit immer ziemlich gut gefahren.

Kurz lauschte Leif nach oben, doch er konnte nicht mitbekommen, was dort los war, wenn schon etwas los war. Er beschloss also, sich zu beeilen, damit er JJ und Endre vielleicht noch wecken konnte. Grinsend stellte er sich vor, wie er Dornröschen mit einem Kuss aus dem Schlaf erlöste, doch er wusste so gut wie Endre, dass der definitiv schon wach war. Im Gegensatz zu Leif war Endre ein geborener Frühaufsteher und so war es nicht verwunderlich, dass plötzlich Endres Zimmertür aufging und der nur in Shorts rüber ins Bad wollte.

Leif blieb stehen und starrte nach oben, während Endre mehr aus Reflex zur Seite sah, weil er im Augenwinkel etwas bemerkt hatte, was sich bewegte. Er hob eine Braue, was Leif auf die Distanz nicht so richtig sehen konnte, und grinste. „Morgen", rief er runter zu dem nackten Blonden, der nur zurück grinste. Er schämte sich seiner Nacktheit nicht, warum auch. Damit hatte er sein Geld verdient und das nicht zu knapp.

„Morgen", rief Leif zurück und verkniff sich jeglichen Kommentar in Richtung: 'Hübscher', oder: 'mein Schöner', denn das Schlafzimmer, in dem der eifersüchtige Viktor lag, war ihm noch zu dicht. Schallisoliert oder nicht. Was man nicht hören sollte, das hörte man garantiert!

Weil sie nicht die Zeit hatten, die nächste Stunde damit zuzubringen, sich nackt beziehungsweise halb nackt anzugaffen, wandte sich Endre ab und ging ins Bad. Er musste fertig werden, denn JJ wollte ja auch noch reisefertig gemacht werden. Wach war er schon, denn gerade als Endre in seinem Bad verschwand, kam der mit Gustav im Schlepptau über den Flur gehuscht, rief natürlich nach seinem Kindermädchen und Leif machte, dass er ins Bad kam, weil er nicht wollte, dass JJ ihn so sah.

Er wusste, dass das Jugendamt ein Auge auf den Jungen haben würde. Wenn die Verantwortlichen JJ mal fragten, wie Leif mit ihm umging, musste es ja nicht sein, dass JJ erklärte, der Onkel würde immer nackt herum laufen. Das gefährdete bestimmt das Kindeswohl, daran war Leif nicht interessiert. Lieber war er jetzt ein bisschen neidisch auf den Kleinen, der zu Endre ins Bad gehen durfte.

Manchmal, da wünschte sich Leif, dass er mit JJ tauschen konnte, nur für ein paar Minuten.

Weil er gerade merkte, wie sein wild gewordener Körper anfing auf diese Gedanken zu reagieren, schreckte er seine Körpermitte mit kaltem Wasser und biss dabei die Zähne zusammen. Er musste aufhören, sich in diese Illusionen zu flüchten. Eines Tages würden sie ihm wohl mehr Ärger machen, als er sich im Augenblick vorstellen konnte. Hastig wusch er sich die Haare und trocknete sich dann ab, zog sich mit einer Hand so gut es ging an, während er mit der anderen die Haare föhnte.

Oben lief es ähnlich. Während Gustav auf den Flur verbannt worden war, damit der nicht noch nass wurde und nicht mit fliegen konnte und JJ dann in Gram und Sorge zerfloss, hatte sich Endre schnell geduscht. Er machte sich gerade die Haare und JJ hüpfte nun unter dem Wasserstrahl herum und freute sich, weil sein Schwamm im Strudel des Abflusses immer im Kreis fuhr. „Komm, JJ, mach. Wir haben es doch heute eilig!", sagte Endre und wusch den Jungen fix, damit er ihn abtrocknen und anziehen konnte. Wirklich begeistert war JJ davon nicht, doch er fügte sich. Schließlich durfte er heute ganz neue Sachen anziehen, das war cool.

Als sie endlich fertig waren, hatte Leif schon Frühstück bestellt, hockte oben in der kleinen Küche und trank seinen Kaffee, während er die Zeitung las. „Ah, da seid ihr ja!", rief er die beiden Jungs, als sie an ihm vorbei runter in die große Küche wollten.

„Leif!", rief JJ gleich und warf sich seinem Onkel in die Arme, während Endre ihn angrinste und Gustav auf einen Stuhl setzte. Das Schaf bekam heute Morgen nichts, nicht dass dem noch übel wurde im Flugzeug. Das erklärte er auch JJ, der so fragend auf Endre und Gustav guckte und Leif kicherte. „Gustav ist schon mal geflogen, von Düsseldorf nach Berlin. Hat er wunderbar vertragen", sagte Leif und lachte leise, weil Endre die Augen verdrehte.

„Er bleibt trotzdem da hinten sitzen, ich habe keine Lust, noch Marmelade aus dem Plüsch zu waschen, nur weil er sich nicht zurückhalten konnte!"

Damit mussten die Drieschners leben und so wurde dann gefrühstückt.

„Wann fliegen die anderen eigentlich?", wollte Endre wissen. Dass ihr Flug kurz nach neun ging, wusste er und auch dass sie dann in Frankfurt gleich ihren Anschluss bekamen und sich nicht um das Gepäck kümmern mussten. Aber wie das mit der Crew war, hatte ihn bis heute eigentlich nicht interessiert. Tat es ehrlich gesagt auch jetzt noch nicht, aber das Schweigen am Tisch machte ihn nervös und ließ seine Gedanken in Richtungen abschweifen, die nicht gut waren und für die seine beiden Brüder ihm vielleicht ein paar hinter die Ohren hauen würden.

„Die fliegen erst am Mittag. Pierre ist ja in Deutschland, weil er Einkäufe machen muss. Da müssen sie sich leider an die Ladenöffnungszeiten halten und dann kann es losgehen", sagte Leif und legte die Zeitung weg. Stand ja sowieso nichts Spannendes drinnen und außerdem war es doch viel attraktiver, Endre anzusehen als das Papier. Selbst in einem Shirt und einer Jeans sah der Kerl noch heiß aus. Das gehörte doch verboten.

Wieder mal rief er sich in Erinnerung, was Endre ihm über diesen Jack - seinen Ex - erzählt hatte. Endre wäre nicht hübsch genug für einen wie ihn. Das konnte Leif wirklich nicht verstehen. Er hatte Jack gesehen. Der schönste war der Kerl wirklich nicht gewesen. Einen Mann wie Endre an seiner Seite zu haben war doch nur eine Bereicherung für so einen. Aber das sollte Leif doch egal sein. Ihm konnte es nur recht sein, wenn Endre Single war. So konnte er sich selbst einbilden, dass er vielleicht eines Tages... Leif schüttelte den Kopf. War er denn noch zu retten?

Zum Glück war wohl keinem aufgefallen, wie seltsam er sich benahm, denn Endre widmete sich gerade wieder nur JJ, schnitt ihm das Brot klein, was JJ sich vorher hatte schmieren lassen. So aßen sie schweigend, bis Endre auf die Uhr sah. „Wir sollten los, wenn wir nicht in Stress verfallen wollen! Bis Tegel ist es ein Stück und mit der Bahn wird das noch..."

„Auto, Endre!", sagte Leif und grinste. Auch wenn Endre jetzt ein theoretischer Autofahrer war, gehörten diese Fortbewegungsmittel noch nicht wirklich in sein alltägliches Leben. „Ich lass den Wagen dann einfach dort stehen und wir haben einen Wagen, wenn wir zurückkommen und müssen nicht mit Bus und Bahn quer durch die Stadt!"

„Aber…", wollte Endre intervenieren, doch dann nickte er nur. Ihm sollte das recht sein. Wieder mit Gustav durch den Berliner Untergrund, darauf hatte er keine gesteigerte Lust. Er fragte sich sowieso, wie sie das Vieh durch das Röntgengerät für die Taschen schieben sollten, weil der ja nicht als Gepäck aufgegeben worden war, sondern seinen eigenen Sitz hatte - First Class. Das hatte Endre sowieso erst einmal verdauen müssen. Doch ihm war es egal. Wenn Leif das Geld hatte und es dafür ausgeben wollte, ging das Endre nichts an und JJ würde sich wohl auch besser fühlen, wenn sein Gustav bei ihm war und er mit dem zusammen runter auf die Welt gucken konnte.

„Nichts aber." Leif räumte seinen Teller zurück auf das Tablett, genauso wie seine Tasse. JJ war auch fertig und flitzte schon wieder aufgeregt durch den Flur, während sich Endre noch ein paar Brötchen für unterwegs schmieren wollte. Leif beobachtete ihn amüsiert. „Das Stichwort First Class sagt dir was?", fragte er belustigt und Endre knurrte ihn an, weil er selber merkte, dass es überflüssig war. Doch weil er stur war und sich nicht geschlagen geben wollte, schmierte er doch ein Brötchen.

„Man weiß ja nie, was man da alles bekommt. Vielleicht mag einer von uns das Zeug nicht und so muss er nicht verhungern." Er dachte da besonders an JJ. Der war zwar nicht sehr mäklig, aber er hatte vieles auch noch nicht probiert.

Als Leif ihn im Genick packte und ihm einen schnellen Kuss auf die Lippen drückte, konnte Endre gar nicht so schnell reagieren, wie er gern gewollt hätte. Davon einmal abgesehen, dass er nicht wusste, wie er reagiert hätte. So sah er Leif nur skeptisch an, als der sich erhob. „Mach, was du für richtig hältst", sagte der Blonde grinsend und leckte sich die Lippen, ehe er über die Wendeltreppe in der Küche nach unten verschwand. „Beeilt euch. In fünf Minuten sollten wir wirklich los."

Endre holte tief Luft und nickte, doch er wirkte perplex. Sie spielten mit dem Feuer und je öfter sie das taten, umso intensiver hatte Endre den Wunsch, diesem Spiel zu erliegen, Leif ganz für sich allein zu gewinnen. Doch er wusste zu gut, dass Leif nur flirtete. Er liebte das und Endre war alt genug, darauf nicht reinzufallen. Zumindest hoffte er das.

„Na komm, JJ, machen wir uns fertig!" Auch er erhob sich, während Gustav schon wieder durch die Gegend gezottelt wurde. JJ war gerade dabei, dem Schaf seinen eigenen Rucksack aufzubinden, weil er glaubte, dann müsste er ihn ja nicht tragen, wenn Gustav das tat. Endre lachte leise. Ausgebuffte kleine Zwecke. Sie zogen sich ihre Jacken an, griffen sich die Taschen und dann waren sie alle fertig und am Fahrstuhl, bereit zum Aufbruch.

„Ich sag schnell Vik noch tschüss!", rief Leif rüber, als er noch einmal zum Schlafzimmer zurückging. Leise öffnete er die Tür und verschwand darinnen, während Endre nun Taschen sortierte und verteilte. Sie schafften schon einmal alles in den Fahrstuhl und als er so auf den Berg Taschen sah, war es ihm wirklich lieber, dass sie mit dem Auto fahren konnten und nicht alles mit Bus und Bahn fortbringen mussten.

„Vik, wir sind dann weg. Wir sehen uns heute Nachmittag, guten Flug, Schatz", sagte Leif leise, als er Viktor noch einmal kurz auf die Lippen küsste. Der war nur im Halbschlaf und griff sich Leif im Nacken, zog ihn fester gegen sich, um ihn ausgelassen zu küssen.

„Ja, dir auch", nuschelte Viktor, dann drehte er sich wieder in die Kissen und schlief weiter. Leif grinste leise, doch beeilte er sich nach draußen zu kommen.

Unten wurden JJ und Gustav wieder auf die Rückbank gebunden, während die Taschen im Kofferraum verschwanden. Dann ging es los. Samstagmorgen war auf den Straßen zum Glück noch nicht so viel los, deswegen kamen sie ziemlich gut durch. Als sie auf den Hof des achteckigen Gebäudes fuhren, setzte Leif seine Jungs und das Gepäck aus, ehe er den Wagen dann in die Tiefgarage bringen wollte.

Sie hatten verabredet, sich am Gate zu treffen und so machte sich Endre auf den Weg einen Kofferkuli zu besorgen, während er JJ immer im Auge hatte. Doch der Junge blieb brav stehen, lief nicht auf die Straße und Gustav zerrte er auch nicht herum, weil er begriffen hatte, dass das Tier sonst nur schmutzig wurde. Also wartete er brav und lächelte Endre zu, als der mit einem Rollwagen wieder kam. Er half - eher schlecht als recht - die Taschen aufzuladen, packte zum Schluss seinen eigenen kleinen Rucksack und das Schaf oben auf den Berg und sah Endre dann bettelnd an, trat immer von einem Bein auf das andere und der lachte leise.

„Willst du auch oben drauf sitzen?", fragte er also das offensichtliche und JJ nickte ganz begeistert. Also wurde umstrukturiert. Die Taschen bildeten unten eine gute Basis, damit JJ nicht abkippen konnte, dann wurde der Junge drauf gesetzt und er hielt Gustav zwischen seinen Beinen umklammert. Jetzt konnte es losgehen. Endre lachte leise, genauso wie die Passanten, die dem ganzen zugesehen hatten.

JJ sah sehr glücklich aus und Endre schob langsam los, wich allen Kanten aus, allen Unebenheiten, damit JJ nicht doch noch runter fiel. So gingen sie langsam durch das ganze Gebäude, bis sie endlich da ankamen, wo sie sich mit Leif treffen wollten. Wie erwartet war der noch nicht da, denn es dauerte sicher eine Weile, ehe man den Wagen in der Tiefgarage untergebracht hatte und dann wieder hier oben war. So gingen die beiden noch ein bisschen weiter und guckten sich alles an. Nebenbei erregten sie ziemliches Aufsehen und ein paar andere Kinder, die selber laufen mussten und nicht geschoben wurden, fingen an zu quengeln. Vom Neid auf das riesige Plüschtier einmal ganz zu schweigen.

„Da seid ihr ja", flüsterte Leif plötzlich Endre ins Ohr und der zuckte kurz zusammen, weil er dessen Arm um seine Taille spürte und er sehen konnte, wie bei ein paar Passanten, die JJ und Endre beobachtet hatten, eine Braue nach oben wanderte, manchmal auch beide. Doch ihm war das ziemlich egal. „Komm, lass uns das Gepäck aufgeben und dann schlendern wir noch etwas durch den Duty-Free Shop", schlug Leif vor, der nun aber wieder gesittet neben Endre ging und der stimmte ihm nickend zu.

Es war wirklich gut, wenn sie erst einmal ihre Taschen loswurden. Also stellten sie sich an der kurzen Schlange an, die für ihren Flug vorgesehen war. Der Schalter wurde gerade erst besetzt.

Während Leif mit den Taschen also wartete, entsorgte Endre den Kofferkuli und so rückten sie Schritt für Schritt die Reihe nach vorn. JJ wuselte dabei immer mal etwas herum, untersuchte das eine oder andere, sang ein bisschen vor sich hin und erntete immer wieder heimliche Blicke von den anderen, die den Kleinen wirklich süß fanden.

Als es dann allerdings daran ging, die Taschen aufzugeben, war er wieder bei Endre und ließ sich auf den Arm heben, während Leif die Taschen eine nach der anderen auf das Band verfrachtete. Die junge Dame am Schalter checkte die Papiere, die Tickets und sah auf die drei, als sie die vier Tickets sah.

„Warten sie noch auf jemanden?", fragte sie und Leif grinste.

„Nein, wir sind vollzählig. Der vierte Platz ist für Gustav, der da!", sagte er und zeigte auf das Schaf, das er auf den geschlossenen Schalter nebenan gesetzt hatte, damit es nicht dreckig wurde.

Etwas ungläubig sah die junge Frau auf das große Plüschtier und konnte sich ein Grinsen dann doch nicht mehr verkneifen, egal wie sehr sie sich beherrschte.

„Okay. Hat das Schaf Papiere", konnte sie sich nicht zurückhalten und kicherte.

Endre ging darauf ein und erklärte, dass ein junges Schaf unter vierzehn Jahren in Begleitung seiner Betreuer glaubwürdig genug erscheinen würde und sich deswegen nicht ausweisen müsse, zeigte aber sicherheitshalber noch das Schildchen vor, was an dem Tier dran war und mit viel Fantasie als ID durchgehen konnte.

Geimpft war Gustav übrigens auch, erklärte JJ aufgeregt, da war er ja schließlich dabei gewesen. Hinter ihnen wurde leise getuschelt und gelacht, als die junge Frau sie durch winkte.

Damit war der Weg der dummen Gesichter aber noch lange nicht beendet, denn kaum waren sie mit ihrem Handgepäck durch die Tür und standen vor der Durchleuchtung, sahen sie die Nächsten fragend an. „Das Plüschtier ist als Handgepäck aber zu groß", sagte ein älterer Herr und JJ sah ihn gleich giftig an. Er begriff zwar nicht, was Handgepäck war, aber dass der ihm seinen Gustav wegnehmen wollte, das begriff der Kleine sehr gut.

„Das ist kein Handgepäck. Das Schaf hat sein eigenes Ticket", erklärte Leif und lachte leise, als er die vier Tickets vorlegte.

„Oh", machte der Mann und man sah ihm an, was er dachte, aber nicht aussprach. Die Damen am Röntgengerät lachten leise.

„Na los, dann durchleuchten wir es mal, nicht dass es heimlich Waffen schmuggelt in seinem dicken Fell!"

„Passt das da durch?", fragte Endre etwas zweifelnd, doch die Damen nickten.

„Klar doch!" Sie winkten ab. Da machten sie sich wenig Sorgen. „Willst du mal gucken, wie dein Schaf von innen aussieht?", fragten sie JJ, der etwas schämig auf Leifs Arm hockte. Er wechselte einen Blick mit seinem Onkel, doch dann ließ er sich auf den Boden setzen und flitzte dorthin, wo der Monitor war, freilich durch die Sicherheitsschleuse und erschrak sich, als die piepste. Das war das letzte Mal nicht passiert.

Hilfesuchend sah er sich um und Endre nahm ihm schnell den Gürtel ab, dann wurde er noch einmal durchgeschickt. Nur zögerlich ging JJ auf das seltsame Gerüst zu, steckte erst den Kopf durch, dann eine Hand und schritt dann ganz durch, wirkte sichtlich erleichtert, als es nicht wieder Krach gemacht hatte.

Mit seinem Gürtel in der Hand wartete er dann also darauf, dass Gustav endlich durchleuchtet wurde und sah interessiert dabei zu, wie er durch das Gerät fuhr. Währendessen gingen auch Endre und Leif durch die Schleuse, ließen noch das Handgepäck checken und dann waren sie fertig.

Endre nahm Gustav an sich, der nun wusste, dass er keine Tumore hatte und zu 100 Prozent aus flauschig weicher Wattefüllung bestand und Leif hatte die Taschen, während JJ ganz aufgekratzt wieder vorneweg flitzte. Das war alles so neu und spannend, dass er total vergaß, dass er eigentlich schüchtern und zurückhaltend war.

So durchstöberten sie noch ein wenig die Geschäfte. JJ staubte noch einen Schokoriegel ab, an dem er zufrieden knabberte, während Leif und Endre sich noch einen Tee gönnten. Sie hatten noch eine halbe Stunde Zeit, bis ihr Flug überhaupt aufgerufen wurde, sie konnten also gelassen an den Tag heran gehen.

Allerdings schlug das bei Endre in dem Augenblick um, als er Jack erblickte, wie er mit seinem Trolley und einer neuen Uniform, weil er ja die Airline gewechselt hatte, an ihnen vorbei ging. Wie versteinert saß der Mann da und starrte seinem Ex hinterher, der ihn nicht einmal bemerkt hatte. Sein Blick folgte Jack und weil Endre Leif nicht mehr antwortete, folgte dessen Blick Endres Blick. Er knurrte, als er den Kerl erkannte und als der auch noch an ihrem Gate stehen blieb, murmelte er nur noch leise: „Ach du Scheiße!"

Mit diesem Steward dürfte das ein herrlicher Flug werden.



-48-

„Das kann doch jetzt nicht wahr sein!" Endre stöhnte knurrend auf. Was hatte er verbrochen, dass er mit einem wie Jack gestraft wurde? Sie hatten sich getrennt, er war aus seinem Leben getreten. Was machte dieser britische Clown jetzt als Angestellter von Air Berlin auf ausgerechnet seinem Flug nach Frankfurt? Zum Glück hatte der geschäftige Steward sie noch nicht bemerkt, so setzte sich Endre etwas unauffälliger, gerade so, dass er Jack nicht ansehen musste, denn wenn für Endre etwas beendet war, dann war es das wirklich. Es interessierte ihn nicht, ob der Kerl jetzt mit jemand anderem flirtete oder ihn ansah, erkannte und wie er dann reagierte. Jack war Geschichte.

Im Gegensatz zu Leif, der den selbst ernannten Schönling, für den Endre nicht kleidsam genug war, musterte. „Na der hat hier gerade noch gefehlt", murmelte er leise. Wenn er Endre wieder anging, dann bekam er wohl ein Problem. Mit Leif.

„Ach stimmt ja, du hast ihn ja auch schon gesehen." Endre hatte jetzt überlegt, was Leif eigentlich meinte, ob sie von dem gleichen redeten, aber Leif und JJ hatten ihn und Jack ja letztens im Eiscafé gesehen und hinterher hatte er mit Leif ausführlich über alles geredet. Das war am Sonntag gewesen, nachdem Jack ihn einfach wegen Unattraktivität vor die Tür gesetzt hatte. Nicht dass es Endre wirklich tangierte, aber Jack heute wieder nur in seinem lässigen Look entgegen zu treten, störte ihn doch ein wenig. Ein einziges Mal hätte er Jack gern die Augen aus dem Kopf fallen lassen, weil der Endre völlig unterschätzt hatte.

„Na und ob ich den Vogel kenne und ich würde ihm nur zu gern mal so richtig eine rein würgen", sagte Leif leise und wischte JJ die Schoko-Finger sauber, ehe der Kleine sie in Gustavs Fell packte und dann aus dem wolligen Schaf ein Oster-Schoko-Lämmchen wurde.

„Na frag mal: Wer noch", knurrte Endre. Er fühlte sich plötzlich - hier auf Jacks Präsentierteller - gar nicht mehr wohl. „Komm ein Stück hier rüber, bitte. Ich kann den Spinner nicht ertragen. Der regt sich eh nur wieder über die labbrige Jeans und das einfallslose T-Shirt auf!", knurrte Endre. Ganz kalt ließ es ihn wohl doch nicht, denn Jack war ihm ziemlich gegen das Ego getreten. Dass er mit seinem Äußeren nicht zu einem Schnösel wie Jack passen sollte, war doch wohl einfach nur eine Frechheit. Selber war Jack auch keine Schönheit. Ob der sich morgens schon mal im Spiegel gesehen hatte? Die ledrige Haut durch das viele Bräunen im Solarium, die Augenränder. Ohne Make-up war Jack auch nicht gerade ansehnlich. Aber da konnte man sich ja drüber hinwegsetzen, wenn man nur jemanden an seiner Seite hatte, der einen selbst nicht überstrahlte.

Endre leerte seine Teetasse und erhob sich. Das diabolische Grinsen in Leifs Gesicht allerdings ließ ihn dann doch stocken. „Was?", wollte er wissen.

„Da vorne gab es einen Szene-Laden mit geilen Klamotten, wir haben noch 25 Minuten. Los!" Auch Leif stürzte den restlichen Tee hinter und erhob sich, JJ und Gustav wuselten sowieso schon wieder zum Entzücken der anderen Gäste durch das Lokal und erklärten sich wohl gegenseitig, was sie sahen. „Hey, kleine Maus!", rief Leif und JJ sah sich um. „Komm, wir wollen noch mal in einen Laden. Endre rausputzen!" Ein paar der Gäste zählten wohl eins und eins zusammen, sahen die beiden jungen Männer etwas irritiert an, doch als JJ voller Begeisterung mit den beiden verschwand, waren sie auch schon wieder vergessen.

„Leif, was soll das werden?", fragte Endre etwas unsicher. „Wir haben keine Zeit. Nicht dass der Flieger ohne uns abhebt. Die Tickets waren doch sicher teuer. Ich muss..."

„Endre", sagte Leif und sah sein Kindermädchen offen an, „ich hab da schon was im Auge. Du ziehst es nur an, wenn's passt, wird es gekauft. Das dauert keine zehn Minuten und jetzt los, gönn mir meine Rache!" Leif packte Endres Hand und zerrte ihn zu dem Laden, während er in der anderen Hand Gustav hatte, damit JJ schneller laufen konnte. Doch der ließ die Pfote seines Freundes nicht los, so ging auch JJ nicht verloren.

Endre sagte erst einmal nichts mehr dazu. Er fragte sich zwar, welche Rache Leif denn an Jack auszuleben hätte, doch er fragte lieber nicht nach. Er wollte es wohl nicht hören. Lieber ließ er sich ziehen und schieben. Er wurde gleich in die Umkleidekabine bugsiert, JJ und Gustav quetschten sich freilich auch noch mit rein und ließen die Verkäuferin schmunzeln.

Leif holte schnell die Klamotten. Eine Hüfthose aus verwaschenem Jeansstoff mit vielen Taschen, in die Leif nur zu gern seine Hände schieben würde, wenn Endre diese Hose trug. Dazu ein schlichtes Hemd aus weißem Leinen. Klassisch geschnitten, ein bisschen auf Taille gearbeitet und schon von der Knopfleiste her dafür vorgesehen, nur zwei Knöpfe über der Brust zu schließen.

„Hier!", sagte er und reichte die Klamotten an Endre weiter, während er Gustav davon überzeugte, die Kabine zu verlassen, weil sich Endre im Augenblick nämlich nicht bewegen konnte. Natürlich musste auch JJ bei seinem Freund bleiben und so konnte sich Endre in Ruhe ausziehen und in die neuen Klamotten steigen.

Das erste, was ihn faszinierte, war die Tatsache, dass Leif einfach so gegriffen und die richtige Größe erwischt hatte. Entweder war das jetzt unwahrscheinlicher Zufall gewesen oder Leif hatte ihn so gut beobachtet, dass er wusste, in welche Größe dieser Körper passte und wenn Endre dann auch noch ehrlich zu sich selber war, wäre ihm Variante zwei wirklich die liebere gewesen. Er grinste, als er die Hose schloss und sah sich im Spiegel an.

Holla!

Die saß ja wie angegossen. Kein Stückchen Stoff zu viel oder zu wenig. Der kleine, runde Hintern war gut verpackt, vorne konnte man auch nicht meckern. Eng aber bequem. Die Hose saß verlockend tief. Warum hatte er selber so was nie getragen? Vielleicht wäre er so mehr Jacks Kragenweite gewesen und hätte ihn halten können. Doch dann schüttelte Endre den Kopf. Nein, er hatte Jack nicht halten wollen. Durch Leif hatte er erst einsehen müssen, was Jack für ein oberflächlicher Spinner war. Den wollte er nicht mehr geschenkt haben - nur seine entgleisten Gesichtszüge, die wollte er gern noch haben.

Schnell warf er sich noch das leichte Hemd über und richtete es ein bisschen. Auch dies saß wie eine zweite Haut.

„Passt es?", hörte er Leif vor dem Vorhang etwas ungeduldig. Er hibbelte hin und her und hätte zu gern mal den Vorhang beiseite geschoben, als Endre noch nicht fertig gewesen war. Nur um den herrlichen Körper wieder halb nackt zu sehen. Er konnte immer noch nicht verstehen, wie Jack solch ein Bild von Mann in die Wüste schicken konnte. Wäre dieser Mann sein, er würde ihn auf einen Altar heben und ihm huldigen. Doch Endre war nicht sein Mann, das musste er langsam begreifen.

JJ war da weniger genant wie sein Onkel. Er war neugierig und wollte was sehen, also zog er den Vorhang auf und guckte. Leif blieb nur der Mund offen stehen. Er hatte sich wohl gerade sein eigenes Grab ausgehoben. Er hätte sich zwar denken können, dass Endre in diesen Klamotten lecker sein dürfte, aber so lecker? Nach dem sah sich doch jetzt jeder um! Mehr noch als vorher. Und er selbst musste von dieser Verlockung die Finger lassen - das Leben war echt ungerecht!

„Nicht gut?", fragte Endre etwas irritiert, weil er Leifs Schweigen nicht so recht deuten konnte. Doch der schüttelte nur den Kopf.

„Lecker!", brachte er fast tonlos zustande und holte tief Luft. „Sieht verdammt heiß aus." Doch dann grinste er Endre an. „Los, ich zahle und du führst dann vor."

„Aber ich...", wollte Endre erklären, dass er schon noch in der Lage war, seine Klamotten selber zu bezahlen, doch Leif schnitt ihm einfach das Wort ab.

„Nimm Geschenke an, als das, was sie sind. So oft passiert das auch nicht!" Leif war da weniger kleinlich, wenn er von einem wirklich genug hatte, dann war das Geld.

Endre verzog kurz den Mund, grinste aber. Also packte er seine alten Klamotten zusammen. Hier lassen wollte er die ja nicht. An der Kasse ließ er sich die Schilder entfernen und bekam für seine Hose und sein Shirt eine kleine Tüte, damit er sie in die Tasche stopfen konnte. Draußen legte ihm Leif einfach den Arm um die Hüfte, zog so absichtlich oder nicht das Hemd noch weiter auf. Er wollte mit Endre ein bisschen angeben. So hatte er Endre in der einen, Gustav in der anderen Hand und so trotteten sie wieder mit JJ im Gänsemarsch zurück.

Vor dem Boarding-Counter hatten sich schon ein paar Menschen versammelt und auch zu Jack waren noch zwei Kolleginnen gestoßen. Es war Leif eine Genugtuung, als er sah, wie eine der Damen ihre Kollegin anstieß und sie ihn und Endre anstarrten. Ihr Blick zeigte, dass das nicht gerade Ablehnung war, was er in den Augen las, sondern etwas, was er zu verhindern wüsste, wenn die sich wirklich auf Endre und ihn stürzen wollten.

„Warum sind die schönsten Männer immer schwul!", lachte eine leise und die andere nickte zurückhaltend. Das wiederum lockte Jacks Interesse, der gerade am PC gesessen und die Daten des Fluges gecheckt hatte, damit die Passagiere dann eingelassen werden konnten. Er grinste und sah auf, wollte etwas sagen, doch als er die Blicke der Damen nicht auf sich gerichtet sah, war ihm klar, dass er nicht gemeint sein konnte. Also folgte er und erstarrte. Langsam wurden seine Augen immer größer und ließen Leifs Ego schwellen.

Ebenso das von Endre. Der schmiegte sich noch etwas an Leif, der das natürlich genoss und hatte nun JJ auf dem Arm, der sich zwischen all den Beinen nicht so wohl fühlte.

„Süße, kleine Familie!", lachte die blonde Frau und kümmerte sich wieder um die Vorbereitung, während Jack wie versteinert da stand. War das der, von dem er glaubte, dass er es war? Das war doch niemals Endre. In solche Klamotten hätte man Endre doch nicht rein bekommen! Der hatte doch immer nur die klassischen Jeans und Schlabbershirts drüber. War der blonde Schnösel da etwa sein Neuer? Von wegen Kindermädchen. Der Mistkerl hatte ihn doch... Moment! Das Gesicht des Blonden kannte er doch! Nur woher? Es wurmte Jack ungemein, dass ihm nicht einfallen wollte, woher er diesen Mann kannte. Er war so familiär, so als würde er ihn schon ewig kennen, so als hätte er ihn schon oft gesehen.

Nur wo?

„Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert!", lachte Leif leise und lächelte Jack besonders freundlich zu. Es war ein Genuss zu sehen, wie der sich irritiert die Haare richtete und versuchte, Endres Blick zu kreuzen.

Doch der war stur, er sah einfach nicht hin. Er drehte sich nur in die richtige Position, damit Jack sehen konnte, was besonders ansehnlich war und zeigte JJ das eine oder andere, während Leif seine Hand nun in die Hosentasche vorn geschoben hatte. Es kostete ihn eine Menge Selbstkontrolle, sich zu beherrschen und die Hand nicht suchend tiefer zu schieben. Aber er konnte das. Im Augenblick reichte ihm das dumme Gesicht von Jack für seine Befriedigung.

„Sieht er schockiert aus? Ich will den Arsch nicht angucken!", zischte Endre leise, als er sich dicht zu Leif drehte. Allerdings ging JJ dazwischen, weil sich Endre bitte mit ihm und nicht mit seinem Onkel befassen sollte. Endre lachte leise. „Ja, Maus. Gleich sind wir drinnen. Das wird dann aufregend." Er legte seine Stirn gegen JJs und lachte, weil Leif eifersüchtig schmollte und ihn so wieder dichter neben sich zog.

„Ja, er gafft uns immer noch an!"

Sie sortierten sich in die Reihe, weil das Boarding begann. Wie es sich gehörte wurde die erste Klasse auch zuerst bedient.

Als sich sein Ex auch noch in dieser Reihe anstellte, gingen Jack fast die Augen über. Was war dessen Neuer für einer? Für den warf sich Endre in so sexy Klamotten. Das war doch alles nicht wahr.

„Verkaufst dich ja ganz schön über Preis!", zischte er leise und versuchte sich zu fassen. Schließlich war er für die erste Klasse zuständig. Also machte er gute Miene zum bösen Spiel und fing an, die Passagiere um ihre Tickets zu bitten und diese zu entwerten. Wenn auch mit zusammengebissenen Zähnen wünschte er einen guten Tag, suchte immer wieder Endres Blickkontakt und dass der so gar nicht darauf reagierte, ihn noch nicht einmal ansah, machte Jack wütend. Aber er durfte das nicht zeigen. Er war Profi! Er ließ sich doch von seinem dahergelaufenen Ex nicht vorführen.

„Von wegen Kindermädchen, hm?", knurrte er Endre nur an, als dieser mit JJ auf dem Arm an ihnen vorüber ging und Leif der netten Stewardess erklärte, warum sie drei Leute waren und vier Tickets hatten und Gustav lächelte freundlich, damit er mit dazu gezählt wurde.

Als er allerdings Jacks Kommentar hörte, schloss er zu seinen beiden Jungs auf. „Wie war das eben?", sagte er laut und deutlich. Durfte ruhig jeder hören, dass dieser Steward sich im Ton vergriffen hatte. Private Querelen waren das eine, Höflichkeit dem zahlenden Gast gegenüber etwas anderes.

„Komm, Schatz, lass. Der ist den Ärger echt nicht wert!", sagte Endre und winkte ab. Eigentlich ließ sich Leif ja nicht bei so etwas stoppen, nicht wenn er gerade Blut geleckt hatte, aber so wie ihn Endre gerade tituliert hatte, das ließ ihn alles um sich herum vergessen. Schatz. Das klang so... so... Leif würdigte den unverschämten Steward keines Blickes mehr und folgte mit Gustav seinen beiden Jungs.

„So darfst du mich ruhig öfter nennen", grinste er zufrieden und schob seine Hand wieder in Endres Hosentasche. Der sah beschämt zu Boden.

„Tut mir leid, das ist mir nur so raus gerutscht", erklärte er leise, doch Leif lachte nur.

„Lass es öfter rausrutschen."

„Dein Verlobter dreht uns beiden den Hals um!"

„Lass Vik mal meine Sorge sein!" Leif wollte sich seine gute Laune jetzt nicht von der Nebensächlichkeit zerstören lassen, dass er verlobt war. Der Augenblick war doch viel zu schön. Wie hieß es bei Goethes Faust?

Werd ich zum Augenblicke sagen:

Verweile doch! Du bist so schön!

Dann magst du mich in Fesseln schlagen,

dann will ich gern zugrunde geh'n!

Er sah sich nicht einmal mehr nach Jack um, der immer noch den beiden hinterher sah und sich fragen lassen musste, was er gegen die beiden hätte und warum er nicht bei der Sache wäre. Doch er konnte ja schlecht sagen, dass das da sein Ex mit seinem Neuen war und es ihn schwarz ärgerte, diesen Kerl jetzt so zu sehen. Aber dass er es nicht wert wäre - das war ja wohl die Frechheit schlechthin. Jack schnaubte, ehe er versuchte, zurück in seinen Job zu finden.

Im Flugzeug hingegen war JJ gerade dabei, darum zu betteln zu Boden gelassen zu werden. Das war ja alles so neu und aufregend und er musste das jetzt untersuchen. Als er das letzte Mal geflogen war, hatte er ja kaum etwas mitbekommen. Er war müde gewesen und erschöpft und ängstlich. Jetzt war das ja ganz anders.

„Maus, nicht so weit vor, wir sitzen hier!", rief Leif ihm hinterher. Zwei Sitze links, zwei Sitze rechts. Das ging gut auf. Weil er wusste, dass JJ sich nicht von Gustav trennen wollte, setzte er den Jungen und sein Plüschie auf die eine und sich selbst und Endre auf die andere Seite. Das war doch perfekt.

Leif wollte gerade alles einrichten, verstaute die Taschen, da setzte sich Endre neben JJ und Leif hatte den ungesprächigen, aber wollig weichen Gustav neben sich hocken. Was sollte das denn? Also sah er fragend zu seinem Kindermädchen, doch Endre grinste. „Nur für den Start. Dann tausch ich mit Gustav", sagte er lachend, weil er Leifs wirsches Gesicht genau hatte deuten können und es gab ein warmes Gefühl im Bauch. Leif wollte ihn bei sich haben, er wollte nicht zulassen, dass ein Gang sie trennte.

Es war so schwer, sich dagegen zu wehren und zu sagen: es ist nur ein Job. Denn das war es leider für Endre schon lange nicht mehr. Deswegen wehrte er sich auch nicht dagegen, nach dem Dreh auf den Seychellen bei Leif einzuziehen. Selbst der Transporter für die wichtigsten Dinge, die Endre unbedingt in seinem neuen Reich brauchte, war schon bestellt. Waschmaschine und Trockner zum Beispiel.

Endre grinste, als er neben JJ saß und der beobachtete gerade, was alles in den dicken Flugzeugbauch geräumt wurde. Er wurde ja gar nicht fertig darüber, was alles mit musste. So plapperte er und hielt Endre auf dem Laufenden, während Leif nur auf der anderen Seite des Ganges hockte und seinem Kindermädchen auf den leckeren, nackten Bauch starrte. Da jetzt die Finger drüberstreichen zu lassen, das wäre verlockend. Doch Leif hielt sich zurück.

Nach und nach füllten sich auch die anderen Plätze und als eine Mutter mit Kind an Gustav vorbei ging, sah die kleine Rothaarige schon etwas neidisch auf das große Schaf in seinem bequemen Sitz. Verstohlen sah sie Leif an, der ihr entgegen lächelte und zum Glück merkte JJ gar nicht, dass sein Schaf schon wieder kurz vor einem Sheep-napping gestanden hatte.

Und dann ging es los. Der Kapitän hieß sie herzlich willkommen, auf den Bildschirmen startete die Securety-Show und Endre schnallte sich und JJ fest, während Leif es da nicht so leicht hatte. Gustav war nämlich ziemlich kräftig um die Hüften und da musste er erst noch den Gurt anpassen, ehe auch dem Schaf nichts mehr passieren konnte. Natürlich hatte JJ das alles von seinem Platz aus auch beobachtet, doch als er noch etwas sagen wollte, ging es los.

Sie bewegten sich und das war so aufregend, dass JJ alles andere um sich herum vergaß. Er quietschte freudig, als das Flugzeug immer schneller wurde und dann auch noch abhob. Das konnte JJ alles gar nicht so richtig fassen und hibbelte nun in seinem Sitz herum. Erst als das leise Bing zeigte, dass man die Gurte lösen könnte und plötzlich anstelle von Endre Gustav neben ihm saß, sah er wieder rüber. Kurz musterte er Leifs zufriedenes Gesicht und dann sah er wieder aus dem Fenster.

Kaum in der Luft wurde schon serviert - und wie das Schicksal so spielte, war es wegen Personalmangel ebenfalls Jacks Job, sich um das wohl der Passagiere hier zu kümmern. Er hatte noch tauschen wollen, doch das war nicht zulässig gewesen. Also schob er nun den Wagen und bediente freundlich, stellte wieder und wieder die gleichen Fragen und als er neben Leif stand, weil Endre am Fenster saß, holte er tief Luft. Er bediente flink, doch als Endre ihn immer noch ignorierte und lieber aus dem Fenster sah, platzte ihm doch ein bisschen der Kragen.

„Hast dich ja schnell getröstet", knurrte er leise. Musste ja nicht jeder hören. Schließlich wusste bei seinem Job keiner, dass er schwul war.

„Lass mich in Ruhe", sagte Endre nur und widmete sich wieder ganz JJ, der gerade seinen Saft entgegen nahm und versuchte, sich nicht zu bekleckern.

„Na, ist der hier besser als ich? Lässt er mehr springen?", konnte sich Jack dann doch nicht verkneifen, denn diese Gleichgültigkeit, nachdem Endre ihm früher immer seine Liebe beschworen hatte, kratzte sein Ego ungemein.

Leif, der zwischen den beiden saß, hatte allerdings ziemlich schnell die Nase voll. „Pass mal auf, du Saftschubse", erklärte er genervt, „ich kann es auf den Tod nicht haben, wenn Personal so mit meinem Freund redet. Dass er dein Ex ist, ist deine Entscheidung gewesen, nicht seine. Noch so ein Spruch und ich sorge dafür, dass du ab morgen Möhren schälst, klar?", fragte er und sein Blick sagte deutlich, dass er keine Erwiderung mehr hören wollte.

Jack wusste für den Moment gar nicht, was er sagen sollte, doch dann schob er stumm seinen Wagen weiter und nahm seine Tätigkeit wieder auf.

Leif sah ihm wütend nach und Endre holte tief Luft, doch dann musste er grinsen. Jacks blödes Gesicht war nicht mit Gold aufzuwiegen.

„Hat er verdient, arrogantes Arschloch", murmelte er leise und machte sich an sein Brötchen, genauso wie JJ. Leif half ihm über den Gang ab und an dabei, wenn es gar nicht ging, aber der fühlte sich wie ein Großer, weil er ganz allein saß und ganz allein aß.

So verging die Stunde bis Frankfurt wortwörtlich wie im Fluge und bei der Landung verabschiedeten sie sich noch freundlich von Jack, das hatte sich Endre dann doch nicht nehmen können. Kurz beugte er sich zu Jack und flüsterte ihm zu: „Im Bett ist er definitiv besser als du", dann ging er lachend weiter. Dabei ignorierte er auch Leif, der nun wissen wollte, was Endre gesagt hatte. Aber das konnte er in dessen Gegenwart ja nun wirklich nicht wiederholen.