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Alles was zählt - Teil 49 bis 52

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Der Flugzeugwechsel lief ziemlich reibungslos. Sie hatten zwei Stunden Aufenthalt. Ihr Gepäck wurde gleich weiter verstaut und so saßen sie nun zu dritt - oder viert, wie man das gern sehen wollte - im Abflugbereich und JJ drückte sich die Nase platt, weil vor ihm ein guter Blick auf Rollfeld und andere Gates lagen und er sich kaum satt sehen konnte.

Endre stand mit ihm am Fenster und guckte mit, während Leif eigentlich nur damit beschäftigt war, Endre in seinen neuen Klamotten zu bewundern. Wie es übrigens ein paar andere auch taten.

Eine Horde junger Damen auf dem Weg in den Urlaub saß da und kicherte, deuteten immer wieder auf JJ und Endre, kicherten lauter, wenn Endre sich bückte, um JJ näher zu sein. So lange, bis Endre es bemerkte und sich irritiert umblickte. Sie grinsten ihn an, winkten ihm. Eine stand sogar auf und kam rüber, um ein bisschen mit dem offensichtlichen jungen Vater zu flirten.

Leif betrachtete dieses Bild und es gefiel ihm nicht. Es war zu perfekt. Vater, Mutter und Kind. So sollte es sein und genau so würde es bei ihm nie sein. Er hatte in den letzten Tagen auch Anrufe vom Jugendamt gehabt, die sich nach JJs Wohlbefinden erkundigten und er hatte ihnen erklärt, wie es dem Jungen ging, dass sie gerade einen Kindergarten für ihn suchten, damit er andere Kinder kennen lernen konnte. Das sie beim Arzt gewesen waren und er geimpft wurde, sonst nichts festgestellt werden konnte.

Und man war verblieben, dass man sich noch einmal melden würde, weil ein Besuch in der Wohnung unabdingbar war. Leif hatte erklärt, dass er die nächsten Tage nicht da wäre, weil ihn seine Arbeit ins Ausland führen würde. JJ und sein Kindermädchen würden ihn begleiten.

Er wusste selbst nicht warum, aber damit hatte sich die Dame am anderen Ende der Leitung vorerst zufrieden geben. Er hatte auch Endres Handynummer hinterlassen, falls die Dame vom Amt gern noch mit JJ reden wollte. Doch als er mit Endre gesprochen hatte, war der nur überrascht gewesen. Bei ihm hatte sich niemand gemeldet, der mit JJ hatte reden wollen. So war dies erst einmal wieder in Vergessenheit geraten, doch jetzt - bei diesem Bild - kam es ihm wieder ins Bewusstsein, was die Dame vom Amt eigentlich erwartete.

Mutter, Vater und Kind.

So wie Gott und der Staat es erwarteten. Doch das konnte er schlecht bieten. Vielleicht sollte er mal mit Birgit reden. Vielleicht hatte die eine Idee, wie man das Amt, trotz des Umstandes, dass JJ nur von Männern umgeben war, milde stimmen konnte. Von Leifs Job mal ganz abgesehen. Aber nach dem Dreh auf den Seychellen wollte er sich aus dem aktiven Film sowieso zurückziehen.

Dann waren die offenen Produktionen abgeschlossen und er konnte anfangen, sich für JJ ein anderes Leben aufzubauen. Er wusste nur noch nicht wie und womit. Eigentlich hatte er das Rampenlicht immer genossen, doch für JJ würde er das gern aufgeben. Er konnte sich mit seinem Vermögen eigentlich auch gänzlich zur Ruhe setzen und nur noch für den Jungen da sein. Doch das würde ihn selbst nicht ausfüllen, das wusste Leif jetzt schon.

Außerdem würde dann Endres Job überflüssig und seine Notwendigkeit wäre nicht mehr gegeben. Er würde Leif verlassen und sich etwas anderes suchen und das konnte Leif einfach nicht ertragen. Allein der Gedanke, dass Endre ihm eines Tages den Rücken zudrehen würde und einfach ging, den konnte Leif kaum zu Ende führen. Schon allein deswegen musste er sich eine Beschäftigung suchen. Nachdenklich kraulte er dem Schaf das Fell und nun war auch er im Interesse der kichernden Damen. Eine fragte, ob sie nicht mit dem Schaf mal die Plätze tauschen dürfte und Leif lachte nur leise. „Junge Dame, dafür sind sie leider etwas zu schlank und etwas zu unbehaart!", lachte Leif zurück und zwinkerte ihr zu. Sie sah ihn kurz an und lachte laut, denn solch eine Art Kompliment hatte sie wirklich noch nicht bekommen.

Allerdings hatte das Wort 'Schaf' JJ auf den Plan gerufen, der sich schon wieder von bösartigen Sheep-nappern umgeben sah und flitzte zu seinem Gustav, riss ihn an sich und funkelte jeden an, der Gustav schief anguckte. Erst knurrte er leise, dann schleifte er das wehrlose Plüschie hinter sich her zu Endre rüber, damit keiner auf die Idee kam, hinter seinem Rücken Gustav an sich zu bringen.

Außerdem wollte auch das Schaf die Flugzeuge angucken, hatte es gesagt. Hatte JJ ganz genau gehört, zumindest erklärte er das Endre. „Hey Maus!", rief Leif seinem Kleinen noch hinterher, doch der sah sich nur um, gerade so, als hätte er befürchtet, Leif würde wirklich seinen geliebten Gustav gegen eine Dame eintauschen.

„Tja, da geht sie hin, die Liebe meines Lebens!", murmelte er und die Dame, die langsam eins und eins zusammen zählte, seufzte. Die beiden Hübschen und das Kind gehörten wohl irgendwie zusammen. Na ja, man hätte es sich ja fast denken können - die schönsten Männer waren nun einmal schwul.

„Treuloses Schaf!", lachte die junge Frau und so kamen Leif und sie noch etwas ins Gespräch, bis ihr Flug aufgerufen wurde und das Boarding beginnen konnte. Schade eigentlich, dass Jack nicht auch für diese Airline arbeitete. Denn so hätten sie den überkandidelten Spinner noch ein bisschen ärgern und scheuchen können, Endre hätte ihn wieder Schatz nennen können und vielleicht hätte er auch die Chance bekommen, den freiliegenden Bauch seines Kindermädchens ein bisschen zu streicheln, um Jack zu ärgern - nur aus diesem Grund und nicht, wie seine Libido behauptete, zum eigenen Lustgewinn und der Befriedigung von sexuellen Spannungen.

„Na, was habt ihr gesehen?", fragte Leif und fing JJ auf, der zu ihm gelaufen kam und heftig nickte. Endre kam mit Gustav hinterher und wieder mussten sie erklären, warum vier Tickets da waren und nur drei Leute. Wieder machte Gustav ein nettes Gesicht und durfte an Bord und so war es eigentlich wie beim letzten Mal.

Während des Starts hatte sich Endre zu JJ rüber gesetzt, damit er angeschnallt blieb und Leif musste sich mit Gustav abquälen. Doch als sie oben waren, wurde er damit belohnt, dass Endre wieder zu ihm kam. Er redete sich ein, dass es keine Absicht gewesen war, dass seine Nase Endres Hintern berührte, als der sich vor ihm auf den Fensterplatz schieben wollte. Doch er kannte sich selbst besser. Es war pure Absicht gewesen, weil er sich selber so weit getrieben hatte, dass er sich selbst kaum noch unter Kontrolle hatte. Da half es nicht, sich selbst zu rügen. Da half es auch nicht, es damit zu entschuldigen, dass er eh gleich wieder bei Viktor war und so was dann nicht mehr passieren konnte.

Endre selbst war auch zusammengezuckt und saß nun etwas unsicher neben Leif. Doch keiner sagte ein Wort. Leif nicht, weil er nicht wusste, ob Endre es wirklich bemerkt hatte und Endre nicht, weil er nicht wusste, ob es wirklich Absicht oder nicht doch nur ein Zufall gewesen war. Was machte er sich darüber auch noch Gedanken? Verdammt noch mal - das war sein Chef. Ging das in seinen Kopf nicht rein?

Da saßen sie also. Leif versuchte zu schlafen und so seiner Libido zu entkommen. Er versuchte sich gerade auszumalen, wie das werden würde, wenn er nicht mehr regelmäßig Sex vor der Kamera hatte. Er hatte gern Sex und er hatte gern viel davon. Wenn er das alles kompensieren sollte, musste er sich was einfallen lassen, denn seine Libido war nicht so leicht zu überlisten wie sein Kopf!

Somit war der Flug nicht ganz so entspannend wie erhofft, doch auch der ging zu Ende. Sie hatten sich ein bisschen unterhalten, gegessen, einen Saft dazu getrunken und waren nun gestärkt. Kaum hatten sie den Flieger verlassen, schaltete Leif das Handy an, was Pierre ihm dagelassen hatte. Es war billiger als sich in das deutsche Netz zu buchen. Wie erwartet, hatte er auch schon die ersten Nachrichten. Er rief sie also nacheinander ab, während Endre und JJ sich etwas genauer umsahen.

Endre hatte sich den Kleinen auf die Hüfte gesetzt und der hielt Gustav umklammert. Nein, zu übersehen waren die drei wirklich nicht. „Vik holt uns ab!", sagte Leif trocken. Das schmeckte ihm gar nicht. Wehe sein Verlobter vergriff sich wieder im Ton Endre gegenüber. Zwar waren die letzten Tage sehr harmonisch verlaufen und Leif hatte hart daran gearbeitet, auch Viktor zufrieden zu stellen, doch das hieß ja noch lange nicht, dass Viktor nicht doch klar stellte, zu wem Leif gehörte - so wie immer.

„Na ja, ist klasse. Müssen wir doch wenigstens nicht laufen. Wo werden wir eigentlich wohnen? Ich hoffe weit weg vom Set", sagte Endre leise, als sie zur Gepäckausgabe gingen. Am Band tat sich noch nichts. Also setzte er sich mit JJ auf eine der Bänke.

„Soweit ich das verstanden habe, bekommt ihr auf dem Anwesen eine kleine Hütte unten am Strand. Pierre hatte noch ein paar Bilder geschickt. Ich bin neidisch", lachte Leif leise. Und das war nicht gelogen. Sich dort einfach mit Endre einzunisten wäre der Himmel auf Erden gewesen. Kein Job, keine Crew, kein eifersüchtiger Verlobter. Nur sie beide, der Strand, die Sonne und das Meer. „Hey", rief er sich selber zur Vernunft und legte den Kopf schief, weil Endre ihn so komisch ansah.

„Na, so lange uns nicht den ganzen Tag poppende Nackte über den Weg laufen, ist es mir egal. Ich mach mir nur Sorgen um den Kurzen. Der muss das wirklich noch nicht mitbekommen." Besagter Kurzer hing langsam nur noch in seinen Armen, denn JJ war müde.

Auch wenn er nur im Flugzeug gesessen und nicht viel getobt hatte, war er von der Reise ziemlich geschafft. So rollte er sich auf der Bank zusammen, kuschelte sich an sein Schaf, während Leif und Endre Ausschau nach dem Gepäck hielten. Auch sie waren langsam etwas kaputt und sich fallen zu lassen und sich nicht mehr bewegen zu müssen, war eine traumhafte Vorstellung, das mussten Leif und Endre wirklich zugeben. Und wenn es dann noch die Chance gegeben hätte sich an einander zu kuscheln...

„Das Gepäckband bewegt sich", riss Endre Leif aus seinen Fantasien und nickte in Richtung der Massen, die sich auf das Band zu bewegten. „Ich kümmere mich drum, passt du auf die kleine Maus auf?" Schon hatte sich Endre erhoben und war losgelaufen, um sich in die Riege der Wartenden einzureihen.

Leif seufzte leise und sah ihm nur nach, setzte sich aber neben JJ und zog den Jungen dichter gegen sich. Das Handgepäck hatte er um sich geschart, damit nichts weg kam und nun hieß es warten. Dabei konnte er noch ein wenig Endre beobachten und die junge Dame, die noch einmal ihr Glück bei ihm probierte, auch wenn sie nun wohl alle wussten, dass die beiden schmucken Jungs eigentlich zusammen gehörten. Aber das hieß ja noch lange nicht, dass man einen guten Flirt einfach so ziehen ließ.

Sie lachten beide und Leif knurrte, doch das interessierte eigentlich niemanden. Nicht einmal Gustav, der schlief nämlich auch schon. Leif war ganz froh, weil Pierre es möglich gemacht hatte, das Endre und JJ mit auf dem Anwesen wohnten und nicht in einem Hotel. Denn so wie Endre schon auf dem Flughafen angebaggert wurde, konnte Leif sich bildlich vorstellen, wie das werden würde, wenn der stattliche Körper nur in einer Badehose steckte und jeder einzelne Muskel so richtig schön zur Geltung kam. Nein, diesen Anblick gönnte er geizig nur sich selbst und niemand anderem. Zum Glück war JJ noch so klein und noch keine Konkurrenz. Außerdem hatte der ja in Tiara eine Freundin gefunden, mit der er sich gern um sein Schaf balgte.

Wenn sie wieder Zuhause waren, mussten sie sich wirklich nach einem Kindergarten umsehen. JJ sollte ihn antesten und wenn es ihm dort gefiel, dann wollten sie ihn gern dorthin schicken. Bis dahin konnte Endre vielleicht auch schon Auto fahren. Sie mussten also nicht darauf achten, dass der Kindergarten unbedingt in der Nähe lag. Wichtiger war, dass dort gut auf JJ geachtet wurde und er sich mit den Kindern verstand. Es wurde Zeit, dass er nicht mehr nur Gustav als seinen Freund ansah. Von der Tatsache abgesehen, dass es nervte, das Vieh mit sich herum zu tragen und man überall nur auffiel, tat es JJ sicher auch nicht gut. Er brauchte kleine Freunde zum Spielen.

Während Leif seinem Jungen durch die Haare strich, hatte Endre die Taschen zusammengesammelt. Mit einem Kofferkuli kam er zurück und Leif lächelte ihn an. „Hey, kleine Maus!", weckte er JJ, damit der Kleine wieder zu sich kam. Verschlafen rieb der sich die Augen und gähnte verhalten.

„Magst du dich wieder drauf setzen, hm?", lockte Endre und JJ nickte, aber nur ziemlich träge. So streckte er die Arme nach Endre aus, damit der ihn auf den Berg Taschen heben konnte. Während Endre schob, lehnte sich JJ gegen Leif, der ihn und das Schaf fest hielt. So gingen sie zum Ausgang. „Mal sehen, was Vik gleich von sich geben wird", murmelte Leif leise für sich, aber Endre hatte ihn gehört.

„Dann rück mir nicht so auf die Pelle, Leif. Du weißt, wie er reagieren wird", riet er leise, doch Leif schüttelte den Kopf. „Soll ich den Kurzen fallen lassen oder was?" Leif wusste auch, dass Endre Recht hatte, doch er suchte Rechtfertigungen für die Nähe.

Sie fädelten sich durch den Zoll und durch die Tür und schon suchte Leif mit den Augen. Er musste nicht lange suchen. Ein Mann wie Viktor fiel einfach auf, ob er wollte oder nicht. Abseits stand er in einem leichten Anzug, die Haare wie immer streng zurück in einem Pferdschwanz gefasst und eine Sonnenbrille hoch oben auf der Stirn. Als er Leif erblickte, leuchteten seine Augen kurz auf, aber als er sah, wie dicht ihm schon wieder diese Straßenratte auf den Pelz gekrochen war und in was für sexy Klamotten sich der Kerl geworfen hatte, verfinsterte sich seine Miene.

„Ich hab's dir gesagt, Leif", murmelte Endre leise und seufzte. Er hatte genau das vorausgesehen. „Nimm den Kleinen auf den Arm, ich komme mit dem Gepäck nach", sagte er mit fester Stimme, einer Stimme, die keinen Widerstand duldete, egal ob er sich da viel zu viel raus nahm oder nicht. Am Ende war er wieder der Blitzableiter oder schlimmer noch: JJ hatte wieder die Arschkarte und somit Viktors schlechte Laune. Ohne Wiederrede nahm Leif den Kleinen hoch und lächelte Viktor an, als er auf ihn zukam.

„Hey, Schatz, da bist du ja!", sagte er und ließ es zu, dass Viktor ihn besitzergreifend um die Taille griff und ihn zu sich zog, egal ob JJ dabei war oder nicht.

„Wo bleibt ihr denn! Ich dachte schon, ihr kommt heute gar nicht mehr", knurrte er leise und küsste Leif kurz aber unauffällig. Das Publikum hier war ihm zu neugierig. Endre ignorierte er einfach, der Kerl war für ihn einfach nicht diskutabel. Schließlich war der doch der Grund, warum sein Schatz mit einer Linienmaschine geflogen war.

„Pierre und der Rest wartet schon auf dich. Wir wollten heute Abend noch ein bisschen grillen und nett zusammen sitzen, ehe es morgen losgeht!" Mit Leif an seiner Seite ging er eilig durch die Halle und zu den Fahrstühlen, die in die Hochgaragen führten. Endre hatte seine liebe Not mit dem ganzen Gepäck hinterher zu kommen. Das ging auch Leif auf, weil JJ wegen seinem Schaf quengelte, das langsam immer kleiner wurde, weil Endre mit den Koffern immer weiter zurück blieb.

„Renn nicht so, Endre kommt doch mit dem Gepäck nicht hinterher!", knurrte Leif. Er ärgerte sich, dass er das selber gar nicht bemerkt hatte und ging zurück, doch Viktor hielt ihn fest.

„Das wird er ja wohl packen. Meine Güte, der Kerl ist doch nicht aus Zucker!" Was sollte das denn jetzt? War der Kerl nicht dafür da, damit er Leif unterstützte? Da wird der sich ja wohl um die Taschen kümmern können. Doch noch ehe Leif etwas erwidern konnte, hatte Endre endlich aufgeschlossen.

Es wurde kein Wort mehr verloren und so betraten sie alle zusammen den großen Fahrstuhl. Um keinerlei Zweifel an der Zugehörigkeit aufkommen zu lassen, hatte Viktor immer noch seinen Arm Besitz ergreifend um Leif gelegt, dem das gar nicht schmeckte. Doch er wollte sich auch nicht dagegen wehren. Er hatte jetzt keinen Nerv für Streitereien, denn er war geschafft.

„Ich will nur noch was essen und ins Bett fallen. Ich wusste nicht, das mitfliegen so anstrengend ist." Er lehnte seinen Kopf nun doch auf Viktors Schulter. Warum auch nicht. Nur weil seine Libido ihn kurzzeitig geil auf seinen Angestellten hatte werden lassen, hieß das doch noch lange nicht, dass er seinen Verlobten verleugnete.

„Pierre grillt. Er hat Schwein und Huhn und Langusten auf den Grill geworfen. Ich hoffe, die verfressene Bande lässt uns noch was übrig. Für euch hat er auch was in den Kühlschrank getan", wandte er sich gleich an Endre, ehe sein Verlobter noch auf die hirnrissige Idee kam, die beiden auch noch mit in die Crew zu schleppen. Reichte schon, dass das Gör und die Straßenratte überhaupt da waren.

„Okay!", sagte Endre nur. Er hatte den Hinweis und die Ausgrenzung zwischen den Zeilen durchaus gelesen, doch er war nicht in der Stimmung, zurück zu schießen. Ihm war es auch ganz lieb, weil er keinen Schimmer hatte, ob nicht auch Alkohol floss und die Jungs Dinge ansprachen oder taten, die JJ echt nicht sehen musste.

„Aber sie können doch..."

„Danke", lächelnd unterbrach Endre gleich den Einwurf, den er von Leif erwartet hatte, „aber ich bin knülle. Ich werd dem Kurzen noch was machen und dann werden wir ins Bett fallen", sagte er und machte einfach gute Miene zum bösen Spiel. Viktor sollte nicht glauben, dass es Endre etwas ausmachte, wenn er ihn ausgrenzte. Viktor ging ihn nichts an und dieser Mann interessierte ihn nicht die Bohne. Er stand auf einer Stufe mit Jack. Da war er wirklich in guter Gesellschaft.

JJ, der sich in Viktors Nähe gar nicht wohl fühlte, drängelte langsam, damit man ihn auf den Boden setzte und schon verkroch er sich wieder bei Endre. Hinter dem Berg Taschen hoffte er wohl, dass Viktor ihn nicht sah. Endre konnte sich ein amüsiertes Grinsen über den Kleinen wirklich nicht verkneifen.

Viktor passte es gar nicht, dass Leif versucht hatte, Endre mit zur Feier zu zerren. Es schmeckte ihm ebenso wenig, dass der Kerl das so locker nahm. Was bildete der sich ein? Schließlich war der zum arbeiten hier und das Kind hatte bei den Erwachsenen nichts verloren - somit das Kindermädchen ebenso wenig.

Der Weg zum Anwesen war nicht weit, denn so groß war die Insel nicht. Und doch war es abgelegen und gut gesichert. Da konnte keiner rein, den Pierre nicht haben wollte. Selbst der Strand war hunderte Meter ins Wasser hinein gesichert. Da hatte wohl jemand schlechte Erfahrungen gemacht.

Als sie da waren, nahm Pierre sie gleich in Empfang und betrachtete sich Endre etwas eindringlicher. „Denk nicht mal dran", flüsterte ihm Jochen heimlich zu, der auch gekommen war, um Leif und Endre und den Kleinen zu begrüßen. Als JJ das bekannte Gesicht sah, lächelte er und wirkte nicht mehr ganz so verschüchtert.

„Los, kommt ihr beiden, ich zeig euch gleich mal euer Hüttchen. Liegt gleich neben meinem. Ich wohne auch außerhalb", erklärte er und nahm Endre und JJ mit sich. Die beiden waren da ganz bestimmt nicht böse drüber. Nur dass Pierre Endre so hinterher gaffte, gefiel Leif gar nicht, doch er hatte Viktor neben sich, er konnte nichts sagen.

So trennten sich ihre Wege ohne einen Gruß für diesen Tag, denn Leif schlief im Haupthaus bei Viktor. Und dass der es zulassen würde, dass Leif unter dem Vorwand, JJ eine gute Nacht wünschen zu wollen, allein runter in die Hütte lief, das konnte Leif sich abschminken.



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„Und? Wie war der Flug?" Wie selbstverständlich hatte sich Jochen eine der Taschen gegriffen und trug sie zusammen mit Endre den kleinen, gepflasterten Weg hinab zum Strand. Sie waren zur schönsten Stunde des Tages gekommen, denn gerade ging die Sonne über dem Meer unter und tauchte den Himmel und das Wasser in verschwenderische Farben.

„Anstrengend, aber ruhig", entgegnete Endre und war Jochen dankbar, dass er selbst nicht zweimal laufen musste, um alles zum Strand zu tragen. Hinter sich hatte er wahrgenommen, dass der Gastgeber ihm hatte helfen wollen, doch Viktors Stimme hatte ihn zurück zum Lagerfeuer komplimentiert. Leifs Verlobter nutzte wirklich jede Chance, ihm gegen das Schienbein zu treten, doch Endre hatte sich vorgenommen, sich davon nicht aus der Bahn bringen zu lassen. Eigentlich war es dessen gutes Recht, denn Endre war ein Angestellter, kein Freund. Nur weil Leif das oft vergaß und Endre das Gefühl gab, begehrlich zu sein, hieß das noch lange nicht, dass er sich das zu Kopf steigen lassen sollte.

„Soll ich nicht vielleicht noch Gustav tragen?", lachte Jochen, weil Endre ziemlich unglücklich mit dem völlig übermüdeten Plüschtier kämpfte. Er hatte die Tasche in der einen Hand, JJ auf dem anderen Arm und Gustav hockte auf seinem Rücken und wurde an einer Pfote zwischen Endres Schulter und Kinn festgeklemmt.

„Wenn das ginge", lachte Endre leise und war froh, als er seinen Kopf wieder gerade aufrichten konnte. Mit einem geraden Gesichtsfeld lief es sich gleich viel angenehmer. „Wie lange seid ihr denn schon hier?"

„Eigentlich noch gar nicht so lange." Jochen war insgeheim sehr froh darüber, dass Leif sich durchgesetzt und sein Kindermädchen mitgebracht hatte, denn neben den beiden Firmeninhabern war er einer der wenigen Normalen, die noch andere Themen interessierten als die Filme. Ein Großteil der jungen Schauspieler dachte an nichts anderes und dementsprechend waren Dialoge ziemlich einsilbig gestrickt. Man konnte es ihnen nicht verübeln. Mit Vincenzo und Lazlo vor der Kamera zu stehen war ein ziemlicher Sprung in ihrer Karriere.

Frank war eigentlich nur ein reines Nervenbündel, weil er den Haufen zusammenhalten musste und hatte jetzt schon Sorge, dass man ihnen auf die Schliche kam. Die Zollbestimmungen hier auf den Seychellen waren nicht von schlechten Eltern. Pornografisches Material durfte weder ins Land noch aus dem Land gebracht werden. Er schien in ständiger Angst zu leben, man würde sie erwischen. Dabei hatte Pierre ihm mehr als einmal erklärt, dass er mit dem Zoll keine Probleme hatte.

Jochen war wirklich froh, sich aus diesem Kreis einmal ausklinken zu können.

„Viktor meinte, ihr müsstet erst noch umsteigen. Echt?"

Langsam gingen sie der untergehenden Sonne entgegen, zu den kleinen Hütten, die sich wie auf einer Postkarte aus der Südsee nur noch als schwarze Silhouetten gegen den glutroten Himmel abzeichneten. Die Palmen und ihre langen Schatten rundeten das Bild auf malerische Art ab. Derartiges hatte Endre noch nie gesehen - schon gar nicht in Natur. Jack hatte zwar immer große Töne gespuckt, von wegen Urlaub, Verreisen und Bonusmeilen, doch dabei war es geblieben.

„Ist das schön", murmelte er leise und hatte Jochens Frage völlig vergessen. Doch der nahm ihm das nicht übel. Ihm selbst war es auch so gegangen, als er sich den beiden kleinen Hütten am Strand genähert hatte. Von außen sahen sie traditionell aus, doch sie hatten jeglichen Luxus. Dusche, Kühlschrank, Strom und Aircondition.

„Ja, nicht übel", nickte Jochen und lachte, als man JJ ganz leise schnarchen hörte. Der schlief wohl schon tief und fest. „Ich glaube, den Kleinen wirst du nur noch hinlegen und zudecken, an mehr wird er nicht mehr teilnehmen."

„Ja, ich glaube auch", grinste Endre und war froh, als sie auf der kleinen Terrasse ihrer Hütte standen. Eingesäumt von Kokosnusspalmen stand dort ein weißes Hüttchen. Das Dach war aus Palmenblättern gedeckt und zur Dekoration waren Holzelemente in Geländern und Rahmen verarbeitet worden.

„Huch!" Endre hatte sich erschrocken, als etwas fauchend beiseite sprang und im Licht der Terrassenbeleuchtung erkannte er eine kleine Katze mit Halsband. Sie war grau getigert, hatte weiße Pfoten und einen weißen Latz und sah Endre irgendwie pikiert an. Jochen lachte.

„Ach, keine Angst. Das ist nur Rudi, der kleine Kater gehört mit zu Pierres Hausstand. Seine Katze hatte geworfen. Die drei Katzen sind schon verkauft, von dem kleinen Hübschen konnte er sich allerdings nur schwer trennen. Allerdings wird der Hauskater oben jetzt langsam rabiat und verteidigt sein Gebiet. Deswegen stromert der Kleine hier unten herum", erklärte Jochen und kniete schon vor dem kleinen Herzensbrecher und kraulte ihn. Das ließ sich Rudi gefallen und war auch mit Endre wieder versöhnt.

„Süßes Vieh", lachte er und öffnete endlich die Tür, weil der Schlüssel steckte. Er wollte JJ endlich ins Bett bringen. Der Kleine schlief so fest, dass er gar nichts um sich herum wahrnahm und so musste Zähneputzen heute ausnahmsweise einmal ausfallen, das hatte keinen Sinn mehr.

Endre wusch dem Kleinen nur noch das Gesicht, steckte ihn in einen Schlafanzug und ins Bett. Es gab hier nur ein großes Doppelbett, doch das störte Endre wenig. „Gib ihm mal noch Gustav. Nicht dass er wach wird und sein Schaf ist weg, dann ist Halligalli."

Also wurde Gustav noch platziert. Keiner merkte, dass Rudi sich mit unter die Decke schummelte und dann saßen die beiden Männer noch ein wenig auf der Terrasse. Endre wollte noch etwas runterkommen und es war ihm ganz lieb, dass er nicht völlig allein war. Im Kühlschrank hatte er alles gefunden, was man brauchte. Ein paar Häppchen waren auch schon vorbereitet worden und so saßen sie im Schein der Kerzen und blickten auf das tiefschwarze Wasser.

„Sag mal", begann Jochen nach einer ganzen Weile, in der sie beide schweigend vor sich hin gestarrt hatten, „ich werde das Gefühl nicht los, dass Leif und du etwas mehr als nur ein Arbeitsverhältnis habt." Er hatte lange überlegt, ob er fragen sollte, doch es interessierte ihn. Leif war einer seiner besten Freunde. Sie kannten sich schon lange und ihm war aufgefallen, dass Leif sich verändert hatte. Ob zum Guten oder zum Schlechten, das konnte er noch nicht sagen - er wollte erst die Ursachen dafür kennen, ehe er sich ein ganzes Bild machte.

Leif war schon immer verbohrt gewesen und Jochen war auch jemand, der ihn in dem Gedanken, JJ zu sich zu nehmen und zu behalten bestärkte, doch wie intensiv er versuchte Endre ständig in seiner Nähe zu haben, das war nicht normal. So intensiv wie Endre integriert war in Leifs Tagesablauf, das war kein Angestellter mehr und wenn es Jochen auffiel, war das auch Viktor aufgefallen.

Auch das Verhältnis zwischen Viktor und Endre war nicht normal. Es war eisig und abweisend von der einen Seite und desinteressiert von Endres Seite aus. Dort entwickelte sich etwas sehr Ungesundes und dass der Kleine da mittendrin stand, gefiel Jochen ganz und gar nicht.

Fragend sah Endre ihn an. „Auf was willst du hinaus?", fragte er, doch es klang nicht lauernd oder aggressiv. Er wollte lediglich wissen, in welche Richtung Jochens Frage abzielte.

„Als wir zum Essen bei euch waren, hatte ich ein bisschen Zeit, euch zu beobachten", sagte Jochen und trank einen Schluck. Sie hatten sich einen Weißwein aufgemacht und ließen ihn sich schmecken. „Ihr geht so vertraut miteinander um, dass ich das Gefühl habe, ihr kennt euch schon seit ihr auf dieser Welt seid. Versteh mich nicht falsch", wiegelte Jochen gleich ab, weil er sich selbst neugierig fühlte, doch Endre winkte ab.

„Schon okay, ich kann mir denken, auf was du hinaus willst. Aber da bist du auf der falschen Richtung. Ich weiß, dass Leif gern flirtet und ich lass ihn machen, wenn er das möchte. Ich weiß, wo die Grenzen sind und was mein Job ist. Ich weiß, dass Leif verlobt ist und seinen Mann liebt. Ich bin für JJs Wohlergehen da, nicht für Leifs", erklärte Endre und schüttelte innerlich den Kopf. Glaubte er den Mist, den er da erzählte? Sie beide waren schon lange nicht mehr Arbeitgeber und Angestellter. Da mussten sie sich nichts vormachen. Sie spielten mit dem Feuer und das nicht zu knapp.

Selbst im Schein der Kerzen sah Endre deutlich, dass Jochen ihn intensiv musterte und man merkte, dass er, wie Endre selbst, diese Ausreden nicht glaubte. „Es geht mich nichts an", sagte er und Endre verstand die Botschaft zwischen den Zeilen. Sie lautete: „Sag mir, wenn ich zu weit gehe, aber lüg mich nicht an.“ Aus irgendeinem Grund fühlte sich Endre dabei nicht wohl. Er mochte Jochen. Er war Realist, er war nett und er war jemand, mit dem man offen reden sollte. Es war, als hätte er einen sechsten Sinn.

„Tut mir leid", sagte Endre leise und griff ebenfalls sein Glas. Er fühlte sich nicht wohl, er war nervös und so holte er erst tief Luft, ehe er begann.

„Du hast schon Recht", gestand er leise, „ich habe auch das Gefühl, dass mehr zwischen uns ist als nur ein reines Arbeitsverhältnis. Ich weiß aber auch nicht warum. Ich versuche ja so gut es geht, seinen Flirts auszuweichen. Ich versuche es wirklich. Aber er ist so selbstverständlich und charmant, er ist genau das, was ich immer gesucht habe. Verdammt, ich bin auch nur ein Kerl, mehr als abweisen und weggehen kann ich auch nicht. Doch ich liebe diesen Job. Ich will nicht kündigen. Ich mag JJ und ich glaube, er braucht jemanden wie mich, wenn er Viktor Jansen gegen sich hat."

Hastig leerte Endre sein Glas und stellte es auf den Tisch und seine Hände strichen nervös durch die verschwitzten Haare.

Jochen beobachtete Endre genau und er wusste nicht, was er von dem halten sollte, was er gehört hatte. „Etwas in der Art hatte ich mir schon gedacht. Du bist ganz genau sein Typ. Ich habe Sorge, dass er sich auf dich einschießt. Wenn das passiert, ist die Hölle los", sagte er leise.

„Er soll sich aber nicht auf mich einschießen. Er soll meine Arbeit in Anspruch nehmen und für alles andere soll Viktor da sein." Endre klang bockig und man hörte, dass er das nur sagte, weil sich das so gehörte. Er fühlte so nicht. Er erwischte sich immer öfter dabei, wie er sich vorstellte, Viktors Platz an Leifs Seite einzunehmen - das war nicht gut. Überhaupt nicht! Er kam in Teufels Küche, wenn er auch nur eine Sekunde vergaß, wo sein Platz war. Aber Leif machte es ihm so leicht, es zu vergessen. Das war nicht fair.

„Ich kenne Leif und ich kann dir sagen, dass das nicht passieren wird. Du bist das, was er sucht", sagte Jochen, auch wenn er Endre damit die Beine weg schlug. Dem Mann mussten die Augen geöffnet werden und er sollte begreifen, wo er sich grade befand und welche Rolle er innehatte.

„Was soll das denn heißen?", wollte Endre wissen und schenkte sich nach.

„Das soll heißen, dass du ein hübscher Kerl bist, der Kinder mag. Das soll heißen, dass du ihm den Kopf gerade rückst, wenn er gerade wieder in die Wolken abhebt. Hast du einen Schimmer, wie oft in einem Gespräch dein Name fällt? Endre sagt dies, Endre macht das. Endre hatte diese Idee, Endre hat jenes vorgeschlagen. Du hast einen Status bei ihm, der ungesund wird und Viktor ist nicht dumm."

Endre senkte den Kopf. Etwas in derart hatte er erwartet. In seinen Träumen war das eigentlich ein tolles Gefühl, solch eine Position in Leifs Leben zu bekleiden, aber nicht mit dem Rattenschwanz an Problemen, die das nach sich ziehen würde.

„Und für Viktor bist du ein rotes Tuch, wollte ich dir nur sagen", fuhr Jochen leise fort, doch er wusste, dass er da nichts Neues erzählte und Endres Blick bestätigte ihn.

„Ja, ja. Er ist von der Idee, dass ich da bin, nicht begeistert. Denn so lange ich da bin, hat Leif jemanden, der ihn in seinem Kinderwunsch bestärkt und das passt dem Herrn nicht. Ich mag diesen Kerl nicht und er mich nicht. Da stehen wir uns in nichts nach. Leif hat mich eingestellt, da kann sich Viktor auf die Hinterfüße stellen, er kündigt mir nicht. Ich weiß auch, dass ich in seinen Augen die Wurzel allen Übels bin. Wenn ich nicht da bin, dann gibt Leif vielleicht den Jungen weg und Viktor bekommt sein schönes, bequemes Leben wieder."

Endre konnte nicht vermeiden, dass seine Stimme abfällig klang und Jochen entging das nicht. Er hatte zwar damit gerechnet, dass zwischen den beiden Männern in Leifs Leben die Schwingungen nicht stimmten, doch dass die Fronten auch von Endres Seite aus so verhärtet waren, schockierte ihn ein wenig. Aber er ließ sich das nicht anmerken.

„Wenn der Spinner nur ein bisschen mehr Verständnis für seinen Verlobten hätte und ihn bei JJ unterstützen würde, dann hätte Leif mich gar nicht einstellen müssen. Was für mich schade wäre, denn der Job ist toll. Aber da Viktor nur sich selbst sieht und gar nicht versucht, Leif und seine Liebe zu dem Jungen zu verstehen... da... da… " Endre schnaubte und Jochen sah ihn mit gehobener Braue an. Was passierte hier? Warum reagierte Endre so emotional auf etwas, was ihn, gelinde gesagt, nichts anging?

„’Tschuldigung", nuschelte Endre leise, er spürte, dass er langsam zu weit ging. Er maßte sich Urteile an, die ihm nicht zustanden. Man konnte niemand dazu zwingen, Kinder zu mögen. Das war eine reine Herzensangelegenheit.

„Schon okay." Jochen wiegelte ab. Es hatte ihm Einblicke gegeben, die er innerlich schon befürchtet hatte - die Fronten zwischen Viktor und Endre waren klar. Wobei es von beiden Seiten unterschiedliche Gründe gab. Viktor spuckte Gift, weil Leif so viel Interesse und Zeit auf Endre verschwendete und Endre war auf Abwehrhaltung, weil er Sorgen um den Jungen hatte. Und dazwischen standen die beiden Drieschners, die vielleicht noch gar nicht ahnten, was sich aus einer Warmfront und einer Kaltfront für ein Wirbelsturm biblischen Ausmaßes entwickeln konnte.

„Wenn es so läuft zwischen dir und Viktor, warum ziehst du dann zu ihnen? Das verstehe ich nicht", gestand Jochen, denn das war der eigentliche Grund, warum er so neugierig war. Zu wissen, dass Leif sein Kindermädchen mit in die Wohnung holte, während Viktor fast die Wände hoch ging. Jochen hatte wissen wollen, ob es Kalkül der beiden war, um sich noch näher zu sein oder ob es dafür andere Gründe gab. Es war nicht so, als würde er Leif zutrauen Viktor einfach aus seinem Leben drängen zu wollen, dafür liebte er ihn viel zu sehr, doch im Augenblick war Viktor in einer unangenehmen Situation und er machte gute Miene zum bösen Spiel.

„Soweit ich weiß, war es Viktors Idee im Flur oben eine Trennwand zu ziehen und meine Räume vom übrigen Teil der Wohnung zu trennen. Mir soll das recht sein und dorthin ziehen werde ich, weil ich so rund um die Uhr für den Jungen da sein kann und Leif und Viktor so abends wieder weggehen können. Vielleicht pendelt sich das endlich ein und der Spagat, den Leif versucht, wird langsam möglich."

Endre rollte die Schultern und lümmelte sich in seinem Stuhl bequemer. Auch an ihm zerrte die Müdigkeit, doch das Gefühl, endlich einmal reden zu können, war wichtiger als Schlaf. Jochen kannte Leif und Viktor und er konnte einordnen, was Endre bewegte. Mit seinen Brüdern hatte das wenig Sinn. Sie sahen in Leif nur den unvergleichlichen Helden ihrer Pornos. Sie sahen nicht die ganze Geschichte und Endre wollte ihnen auch nicht alles erzählen. Sie hatten ihren Standpunkt klar gemacht, was passierte, wenn Endre sich in seinen Chef verlieben würde und was sie davon hielten. Es war besser, er fütterte sie nicht noch weiter.

„Aha, sie bauen um." Jochen nickte. Die Idee dahinter war gar nicht übel, doch meistens war die Theorie löblicher als die Praxis. Es blieb zu hoffen, dass die beiden Männer sich in einer Wohnung aus dem Weg gehen konnten und JJ nicht zwischen die Gewitterfronten geriet und vom Blitz getroffen wurde.

„Ja, soweit ich das mitbekommen habe sind die Handwerker jetzt in der Wohnung, während wir hier sind. Birgit wollte sich darum kümmern." Endre nickte nachdenklich. So überzeugt war er allerdings nicht, denn sonst würde er seine Wohnung aufgeben und sie nicht als Zuflucht für alle Eventualitäten doch noch als letzte Rückzugsmöglichkeit weiter finanzieren.

„Dann drück ich euch mal die Daumen, dass sich das wirklich langsam einpegelt. Wie sieht's eigentlich mit einem Kindergarten aus?", wechselte Jochen das Thema. Da war Endre nicht böse drüber und so war in der nächsten Stunde JJ der Inhalt ihrer Gespräche. Sie tauschten sich aus und auch Jochen gab vieles über die Zeit mit Tiara Preis, als sie noch kleiner gewesen war. Er war guter Hoffnung, dass es mit JJ auch nicht viele Probleme machen würde.

Es ging auf elf Uhr zu, als sie sich verabschiedeten. Frühstücken würden sie nicht gemeinsam, denn Jochens Tag würde früh beginnen. Die Crew wollte den Sonnenaufgang für ein paar Einstellungen am andern Teil des Strandes nutzen, da mussten die Jungs vorher noch hergerichtet werden. Doch sie verabredeten sich für das Mittag, Endre wollte kochen, wenn sich etwas finden ließ, was sich dafür eignete.

Als er nach einer erholsamen Dusche ins Bett kriechen wollte, musste er sich Platz machen, denn JJ und Gustav hatten das gesamte Bett okkupiert. Und am Fußende machte Rudi klar, wie er es fand, wenn er mit Füßen getreten wurde. Noch weitere fünf Minuten sortierten er und Endre sich so lange, bis man sich nicht mehr in die Quere kam und dann war endlich Ruhe.

Mit schweren Gedanken schlief Endre langsam ein.


-51-

Der Morgen war noch keine fünf Stunden alt, da war für Leif schon die Nacht zu Ende. Schließlich waren sie hier nicht im Urlaub, sondern wollten arbeiten, auch wenn man das in dem idyllischen Ambiente gern einmal vergaß. Das nervende Klingeln seines Handys riss ihn aus dem Schlaf - eben so wie Viktor, der seine Arme locker um seinen Verlobten geschlungen hatte. Zum Glück hatte die Klimaanlage das Schlafen erträglich gemacht, sodass sie ausgeruht in den Morgen starten konnten - so ausgeruht, wie man nach fünf Stunden Schlaf eben sein konnte.

Sie hatten gestern noch eine ganze Weile zusammen am Feuer gesessen und Leif würde lügen, wenn er nicht heimlich darauf gehofft hätte, dass Jochen und Endre noch zu ihnen nach oben kommen würden. Doch dafür war Endre viel zu sehr in seinem Job aufgegangen, als dass er den Kleinen in einem fremden Land allein in einer Hütte lassen würde. Das würde Endre nicht einmal in Deutschland machen, dass er JJ allein im Penthouse zurück ließ, wenn er Besorgungen machen musste, noch weniger für sein Vergnügen. Endre war einfach zu korrekt.

Eigentlich sollte Leif froh darüber sein, dass Endre sich so mit Hingabe um den Kleinen kümmerte. Es war nicht fair, JJ sein Kindermädchen streitig machen zu wollen und doch konnte Leif nicht anders. Noch weniger, seit er gemerkt hatte, dass Pierre an dem hübschen jungen Mann reges Interesse hatte. Noch hatte er es nicht offen gezeigt, nur ab und an nachgefragt, wenn Endres Name fiel, was dank Viktor in der Runde nicht sehr oft passierte.

„Knurr nicht, steh auf", lachte Viktor neben ihm, der seinen Schatz eine ganze Weile beobachtet hatte. Leif verzog gern das Gesicht, legte die Stirn in Falten und zog die Nase kraus, wenn er über etwas nachdachte, was ihm nicht gefiel. Er selbst merkte das nicht einmal, doch Viktor entging das nicht. Er klapste seinem Verlobten auf den Hintern und erhob sich, zog das dünne Laken vom Bett und genoss für ein paar Augenblicke Leifs Anblick. Sein Körper hob sich im dämmrigen Licht des Morgengrauens gegen das weiße Laken ab und Viktor grinste. Heute würde er diesen Leib mehr als einmal besitzen dürfen und wurde auch noch dafür bezahlt. Einen besseren Job konnte er doch wirklich nicht haben. Er würde Leif die Freuden schenken, die er brauchte. Der sollte sich dreimal überlegen, ob er diesen Job wirklich aufgeben wollte nach diesem Film.

„Komm schon, Leif, Jochen wartet." Dann verließ Viktor das Zimmer und verschwand rüber an den Set, um sich die Klamotten zu holen, für die er heute vorgesehen war. Er wollte wissen, welche Szenen als erstes geplant waren und ob er beim Duschen darauf achten sollte, die Haare nicht nass zu machen. Er suchte sich gleich noch Leifs erste Szenen raus und verschwand wieder zu ihm, während Jochen schon damit beschäftigt war, drei der Jungs herzurichten. Dank ihres Typs kamen sie wunderbar für die Rollen der Eingeborenen für den Film in Frage, dementsprechend mussten sie noch mit Kostümen ausgestattet werden.

Neben ihm saß Pierre und beobachtete alles. Er hatte sich schon immer für mehr als nur die puren Bilder interessiert. Pornos waren nicht schlecht, was ihn wirklich faszinierte, war die Tatsache, dass die Darsteller so nüchtern damit umgehen konnten. Für sie war es ein Job wie jeder andere auch. Sie waren da nicht mit Lust, Gier und Leidenschaft bei der Sache. Pierre hatte es probeweise oft versucht, auch einmal nüchtern an den Sex zu gehen, doch so wie Leif und Viktor gelang es ihm nicht. Er verlor sich immer im Rausch des Augenblicks. Irgendwann regierte der Instinkt, Regieanweisungen waren nicht mehr umzusetzen, nein, seit dem Tag war ihm bewusst, dass der Job als Darsteller mehr war als bloße Rammelei vor der Kamera, sondern ein verdammt harter Broterwerb.

„Wie sind die Hütten?", fragte er und Jochen sah kurz auf von seinem Werk einer rituellen Stammesbemalung. „Sie sind toll", lächelte er und malte weiter, suchte im Spiegel aber immer wieder Pierres Blick.

„Hat es Endre auch gefallen?", fragte Pierre weiter und Jochen senkte grinsend den Kopf. Aha, daher wehte der Wind. Man wollte bei Leifs Kindermädchen einen guten Eindruck machen. Ob Pierre ahnte, dass es vergebliche Liebesmüh war, weil Endre sich eigentlich schon lange entschieden hatte? Auch wenn er das nicht zugeben wollte? Aber warum sollte Pierre nicht sein Glück versuchen? Vielleicht konnte er Endre ein bisschen ablenken und er rutschte nicht noch weiter zwischen die Fronten. Wenn er seine Finger von Leif ließ und Viktor sicher war, dass Endre anderweitig beschäftigt war, wurden die Eifersuchtsattacken vielleicht weniger und die Situation entspannte sich. Der Gedanke war nicht von der Hand zu weisen.

„Soweit ich das gestern Abend mitbekommen habe, war er sehr begeistert. Was der Kleine davon hielt, kann ich dir nicht sagen. Der hat nur geschlafen", gab Jochen also bereitwillig Auskunft.

Pierre stutzte und nickte dann. „Ach ja, der Junge."

Jochen konnte nur den Kopf schütteln. Irgendwie vergaß hier jeder, warum Endre eigentlich mit war. Nur einer vergaß das nie und das war Endre selbst, denn für den war JJ sein Ein und Alles. Und dass er den Job hauptsächlich nur wegen JJ behalten wollte und nicht wegen Leif, das glaubte ihm Jochen sogar.

„War das Essen okay? Und der Wein? Ich meine, ich kann auch was anderes runter bringen lassen oder ihr kommt zum Essen nach oben." Pierre ließ nicht locker, doch Jochen würgte diese Idee gleich ab.

„Dass Endre mit JJ hier auf dem Gelände wohnt, ist nur unter der Bedingung passiert, dass der Kleine von den ganzen Filmereien und so weiter nichts mitbekommt. Ich glaube also nicht, dass er mit dem Kurzen hier hoch kommt. Wir sind ja nicht zum Urlaub hier, sondern zum arbeiten und in der Woche müssen wir so viel an Filmen packen wie es geht. Da wird nicht viel Zeit sein." Jochen sah, wie Pierre ein wenig die Gesichtszüge einfroren, also schob er hinterher: „Aber es hindert dich keiner daran, die beiden dort unten zu besuchen, während wir hier oben arbeiten."

Das lockte ein Grinsen auf Pierres Züge. Er war sich nicht sicher gewesen, ob er sich Endre einfach so aufdrängen sollte. „Du hattest gestern zu mir gesagt: denk nicht mal dran. Was hast du damit gemeint?", wollte er wissen und Jochen holte tief Luft. Was sollte er jetzt sagen? Mit Pierre allein hätte er vielleicht ein paar Andeutungen machen können, doch er hatte hier noch ein paar Darsteller sitzen, von denen sich selbst jeder ein bisschen zu wichtig nahm. Die tratschten gern und wenn etwas nicht weiter getragen werden durfte, dann dass Leif sich diesen netten, jungen Mann irgendwie als Beute ausgesucht hatte, ohne es zu merken - dem kam man vielleicht besser nicht in die Quere.

„Ach nur so", wiegelte er also ab, doch Pierre gab sich damit noch nicht zufrieden. „Hat er einen Freund oder so was?", forschte er weiter.

„Das kann ich dir gar nicht sagen, so gut bin ich über ihn nicht informiert", sagte Jochen, auch wenn das gelogen war. Er wusste, dass Endre wieder solo war und er wusste seit gestern Abend auch, was auf dem Flug passiert war. Doch das hatte ihm Endre im Vertrauen erzählt und das blieb auch bei Jochen. Das ging keinen etwas an.

„Na, der muss sich ja nicht so anstellen", murmelte der Darsteller, der gerade geschminkt wurde und Jochen sah ihm in die Augen.

„Was soll das denn heißen, Muhal?"

„Macht jetzt einen auf prüde und keinen Sex, dabei hat er sich doch selber als Darsteller beworben. Der wollte doch eigentlich auch vor die Kamera und nicht nur Kindermädchen spielen. Da soll er sich jetzt wegen ein bisschen nackter Haut nicht so aufführen."

Pierre wurde hellhörig und Jochen schüttelte den Kopf. Was war das denn für ein Spruch. „Glaube mir, gegen nackte Haut hat er nichts. Aber er kümmert sich um Leifs Jungen und für den ist das definitiv noch nichts. Das hat mit Endres Einstellung nichts zu tun", knurrte Jochen. Er wusste schon, warum er Muhal nicht mochte. Es gab eigentlich wenige der jungen Darsteller, die er wirklich mochte, denn sie waren ziemlich überheblich und brachten sich selbst gern ins rechte Licht. Muhal hatte gestern Abend schon ein Auge auf Pierre geworfen und dass der sich nun für das Kindermädchen interessierte, passte ihm nicht.

„Wirklich? Endre hat auch vor die Kamera gewollt? Ich hätte ihn gern mal gesehen", griff nun auch Pierre die Idee auf und grinste lasziv. Doch als Jochen ihn ansah, hob er eine Braue.

„Es ist ganz allein Leifs Entscheidung, für was er ihn eingestellt hat. Wenn er sich um den Jungen kümmern soll, wird er das tun. Vor die Kamera wird Leif ihn nicht lassen."

„Ja, kann ich verstehen, so einen würde ich auch nicht teilen", lachte Hitori und schlüpfte in sein Kostüm. Sie hatten noch eine halbe Stunde bis zum Dreh und sie hatten nur eine Chance, denn die Sonne ging nur einmal am Tag auf und war für eine Wiederholung sicherlich nicht zu begeistern.

„Was hat denn das damit zu tun?" Jochen schüttelte den Kopf. Das zog ja größere Kreise, als er geahnt hatte. Sonst zerriss man sich ja nicht das Maul über den Chef, aber da es hier nicht direkt um Leif ging, sondern um dessen Angestellten, war man wohl nicht so und plauderte frei von der Leber weg. Kein Wunder, dass Viktor so emotional auf Endre reagierte, wenn so was die Runde in der Firma machte. Er musste mit Leif darüber reden, denn wie es schien, gingen dessen Pläne einer Beruhigung nicht auf.

„Laber nicht, zieh dich an", knurrte Jochen. Vielleicht war es wirklich das Beste, wenn sich Endre anderweitig umsah, damit der Tratsch sich langsam legte. Passend zu diesem Gedanken nickte sich gerade Pierre selber zu und erklärte, dass er Frühstück für Endre und den Jungen herrichten lassen wolle. Jeder im Raum wusste, dass Pierre es sich nicht nehmen lassen würde, dieses Frühstück eigenhändig hinunter in die Hütte zu tragen.

„Pack noch eine Dose Katzenfutter dazu, Rudi hat sich nämlich da unten schon häuslich eingerichtet", schob Jochen noch hinterher, während er Hitori in die Tracht aus Palmenblättern und bunten Federn half. Frank würde ihnen die Köpfe abreißen, wenn er die Szene auf morgen verschieben musste.

Nach weiteren zehn Minuten - Pierre war schon gegangen - waren die Darsteller endlich fertig. Leif und Viktor waren nur kurz zur Kontrolle vorbei gekommen, ob die Schminke und die Frisuren saßen. Mittlerweile konnten die beiden das auch schon ganz gut allein. Viel war jetzt in der ersten Szene sowieso nicht zu sehen, denn sie war bewusst im Halbdunkel angelegt. Das sollte das Verbotene der Liaison zwischen dem Stammeshäuptling und dem schiffbrüchigen Weißen noch mehr betonen. Da verließen sie sich völlig auf Frank, seinen Job als Regisseur machte er eigentlich immer mit Perfektion. Seit er Birgit hatte, die sich um den ganzen anderen Quatsch kümmerte, hatte er auch endlich die Chance, sich ganz um seine eigentliche Aufgabe zu kümmern.

Mit einem kleinen Buggy fuhren sie an eine andere Stelle des Strandes. Eine kleine, malerische Bucht, gesäumt von winzigen runden Hüttchen und riesigen Palmen. Eben genau das, was man sich klischeebehaftet unter der Südsee vorstellte. Die Kameras und die Crew waren in Position und freilich war Frank schon wieder wie eine Furie dabei, Leute zu scheuchen. Doch jeder war seine Art zu arbeiten gewohnt, man wunderte sich nicht, sondern gehorchte. Lange zu diskutieren hat keinen Sinn - Frank hatte meistens Recht, weil er ein Auge für den richtigen Kameraausschnitt hatte. Seine Arrangements waren erstklassig, selbst Leif und Viktor ließen es also zu, dass man sie scheuchte und kommandierte.

Schnell hatten Häuptling Viktor und Schiffbrüchiger Leif ihre Positionen eingenommen, denn es war das Privileg des Häuptlings, sich zu nehmen, was ihm zustand. So wurde Leif nackt bäuchlings an einer Palme angebunden, während die Kamera so positioniert wurde, dass das sich liebende Paar in wenigen Minuten direkt von der Sonne hinterleuchtet war und ihre Silhouetten sich schwarz gegen den blutroten Himmel abheben sollten. Der Rest des Filmes konnte dann auch im prallen Licht der Sonne gedreht werden.

Keiner wagte zu atmen oder sich zu bewegen, nur um die Szene nicht zu stören. Leif und Viktor waren in ihre Rollen geschlüpft und leisteten ihre Szene mit Bravour ab. Nur ihr lustvolles Stöhnen und die beschwörenden Formeln der Inbesitznahme durch den Häuptling erfüllten die kleine Bucht. Mit zittrigen Händen lauerte Jochen auf das: „Cut", um zu wissen, dass die Szene im Kasten war, dann schoss er noch ein paar Fotos von der Szene, denn das Arrangement gefiel ihm sehr. Vielleicht ließ sich daraus ein schönes Poster machen.

Für die nächste Szene wurde Leif losgebunden und durfte sich mit seinem Häuptling in den Wellen wälzen. Es war die Kunst, es wie Sex aussehen zu lassen, aber keinen zu haben, denn das Salzwasser würde nicht nur das Gleitmittel abspülen, sondern in feinsten Rissen in der Haut brennen wie die Hölle. Das musste nicht sein, wenn man den Hauptdarsteller gleich in der ersten Szene lahm legte und er für den Rest des Filmes ausfiel! Aber die beiden Männer hatten ihre Tricks und Kniffe und mit einer geschickten Kameraführung und ein paar später eingeschnittenen Großaufnahmen, bekam das Publikum, was es sehen wollte.

So waren vor dem Frühstück bereits die ersten vier Szenen im Kasten und langsam wurde Frank ruhiger, denn sie lagen mehr als gut in der Zeit. Jetzt durften sich auch die Neuen versuchen und hatten sogar das Anrecht, Szenen zu versauen und noch einmal zu drehen, weil Leif und Viktor gut rausgearbeitet hatten.

„Okay, Leif. Du kannst duschen gehen. Den Herrn Häuptling brauche ich noch für zwei Szenen", stellte Frank klar und strich in seinem Regieheft herum, während er Leif in Richtung des Strandbuggys scheuchte. Der ließ sich das nicht zweimal sagen. Langsam hatte er nämlich Hunger. Wenn Viktor nicht da war und ihn überwachte, würde er sich zu Endre und JJ gesellen und mit ihnen frühstücken, das würde sicher schön werden. Also hastete Leif nur in sein Zimmer, wusch sich das Salz von der Haut und aus den Haaren und schlüpfte in eine Kombination aus weißem, schweren Leinen. Eine weite Hose und eine Weste. Dann war er schon auf dem Weg nach unten.

Pierre hatte ja erklärt, dass die Kühlschränke gut gefüllt und täglich bestückt wurden. Endre würde also schon etwas finden, was er für sie drei herrichten konnte. Und falls nicht, konnte Leif immer noch nach oben laufen und etwas holen. Doch erst wollte er Endre sehen und für einen kurzen Kuss in die Arme schließen.

Barfuß lief er den Asphalt hinab und lächelte, als er JJ schon durch den Sand flitzen sah - nackt wie Gott ihn geschaffen hatte. Hinter ihm lief eine Katze und die beiden schienen Spaß zu haben.

„JJ, komm schon, zieh wenigstens eine Hose an!", rief Endre ihm nach und Leif lachte leise, sicher saß Endre beim Frühstück auf der Terrasse, die im Schatten der Palmen lag und ließ den Jungen nicht aus den Augen.

„Guten Morgen, mein...", rief Leif, als er um das Haus lief und auf die Terrasse kam, stockte aber, als er Pierre dort sitzen sah - direkt neben Endre. Für einen kurzen Augenblick verfinsterten sich seine Augen, doch dann begrüßte er auch den Gastgeber.

Was wollte der Kerl hier? Der hatte gestern schon sinnlos nach Endre gefragt. Er sollte ja nicht auf die Idee kommen, Endre den Hof zu machen.

„Hey, Leif. Da bist du ja." Endre lächelte ihn an wie immer und in der kurzen Hose und dem leichten weißen Hemd, was sowieso offen war, sah er atemberaubend aus. Auf dem dritten Stuhl saß wie üblich Gustav. Das war ein Kompromiss mit JJ, der Gustav eigentlich mit in den Sand hatte nehmen wollen. Doch Endre hatte ihm erklärt, dass das Plüschie da dreckig würde und nicht mit ins Bett durfte, das fand JJ doof. Dreckiger Gustav war nicht akzeptabel. Schweren Herzens hatte er seinen Freund also zurückgelassen, doch Rudi lenkte ihn von seinem Verlust ab.

Es war, als wären die beiden schon immer zusammen gewesen. Sie jagten sich, sie beschmusten sich, sie futterten zusammen. Sogar unter die Dusche war der Kater heute Morgen geklettert. Dabei dachte Endre immer, Katzen wären wasserscheu - aber vielleicht keine, die am Strand aufwuchsen.

„JJ, nicht so dicht ans Wasser, da gehen wir nachher hin", rief Endre und quartierte Gustav auf die bequeme Rattan-Couch um, damit Leif Platz nehmen konnte. Der Junge sah sich kurz um und erblickte Leif, gleich wendete er und flitzte auf seinen Onkel zu, hüpfte ihm nackt in die Arme und fing sofort an zu erzählen. Lachend ließ sich Leif in den Stuhl fallen und hörte seinem Kleinen zu, während Endre ihm wie selbstverständlich ein Brötchen schmierte, weil Leif mit dem Jungen auf seinem Schoß nicht an den Tisch heran reichte.

Pierre beobachtete die beiden und irgendwie schien es zu klingeln: das hatte Jochen gemeint!

Endre war doch nicht nur das Kindermädchen für den Jungen, das konnte ihm keiner erzählen! Doch er sagte nichts. Warum auch? Er mochte Leif, er bewunderte ihn. Doch das hieß noch lange nicht, dass Pierre sich einen Leckerbissen wie Endre entgehen ließ. Es konnte keiner von ihm verlangen, dass er sein Glück nicht wenigstens versuchte. Wenn Endre ihn ablehnte, dann war das Pech - aber unversucht würde er es nicht lassen.

„Und? Frank schon glücklich gemacht?", lachte Endre und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Es war keine Absicht, dass er sich für Leif in Position brachte und der die tief sitzende Hose verwünschte, weil sie überhaupt da war und die leckersten Stellen verhüllte.

„Ja, ja. Domina ist glücklich. Seine Sonnenaufgangs-Szene hat er im Kasten, morgen dürfen wir etwas länger schlafen." Sie begannen ein belangloses Gespräch, hörten aber immer wieder JJ zu, wie toll der das hier fand.

Pierre grinste, guckte aber nicht schlecht, als Rudi Endre auf den Schoß sprang. Eigentlich war der kleine Kater nicht so zutraulich. Vor allem seit Pascha, der Hofkater, ihn jagte und vertrieb.

„Na, wenn es euch hier gefällt, bin ich doch zufrieden", sagte er und beschloss, den Rest des Tages bei Endre zu bleiben und ihm ein bisschen auf den Zahn zu fühlen, während Leif vor der Kamera gebraucht wurde.

Als würde Leif es ahnen sah er Pierre kurz undeutbar an, lächelte dann aber - es schien, als wäre der Kampf eröffnet.


-52-

Für ein paar Augenblicke herrschte Ruhe am Tisch, denn auch JJ, der reden konnte wie ein Wasserfall, hatte von Endre noch ein Stück Brötchen zwischen die Zähne geschoben bekommen. Sein Frühstück heute Morgen war etwas kläglich ausgefallen, denn ihn hatten der Strand, das Wasser und der kleine Kater gelockt. Endre hatte es gar nicht gern gesehen, dass JJ sein Frühstück fast unangetastet liegen gelassen hatte und nackt über den Strand geflitzt war. Doch er hatte es dem Kleinen durchgehen lassen. Er war viel zu aufgeregt. Alles war neu, alles prasselte auf ihn ein. Jetzt aber kuschelte er sich zufrieden an Leif, hatte Gustav auf seiner Rattan-Couch im Auge und kaute.

Genauso wie Rudi, der träge auf den Tisch guckte und vielleicht überlegte, ob er sich nicht auch etwas holen sollte. Doch er war zu faul und lieber ließ er sich kraulen und beschmusen. Das war schön und er schnurrte laut und genießend. „Du bist ja ein kleines, gerissenes Vieh", lachte Endre leise und streichelte weiter das weiche Fell. Er hatte auch immer gern ein Haustier gewollt, sich aber nie zu etwas entschließen können.

„Mich wundert's, dass er dir so verfallen ist", lachte Pierre, „aber eigentlich wundert es mich auch nicht. Wer würde dir nicht verfallen", schob er mit einem charmanten Lächeln hinterher und sein Blick streifte kurz Leif, der ihn mit zu Schlitzen zusammengezogenen Augen musterte. Doch nur für ein paar Augenblicke - aber lange genug, um es Pierre merken zu lassen. Allerdings zeigte der sich nicht sonderlich beeindruckt. Soweit er es in Erfahrung gebracht hatte, war Endre nur das Kindermädchen - mehr nicht. Da sollte Leif nicht glauben, dass er hier Ansprüche anmelden konnte.

„Charmeur", sagte Endre verlegen und wusste nicht so recht, was er eigentlich sagen sollte. Auf der einen Seite war es ein unbeschreibliches Gefühl, umworben zu werden, zugedeckt mit Komplimenten und Pierre war ja nun wirklich nicht gerade hässlich! Auf der anderen Seite war es ihm unangenehm, weil Leif neben ihnen saß und daran teilhatte. Endre wusste selber nicht warum, doch er wollte nicht, dass Leif mitbekam, wie er mit einem anderen Mann flirtete. Dabei hatten sie beide bis auf ein Arbeitsverhältnis nichts, was sie verband - zumindest hatte er gestern versucht, Jochen und sich selbst genau das einzureden und war gescheitert. Es war zum aus der Haut fahren!

„Warum Charmeur", machte Pierre weiter, ohne zu merken, in welche Bedrängnis er Endre damit brachte. „Du bist hübsch, du bist nett. Warum sollte man sich nicht wohl bei dir fühlen?" Um nicht plump zu wirken, verkniff er sich den Satz, dass er gern mit dem kleinen Kater tauschen würde, um sich auch den Bauch reiben zu lassen, aber es war wohl nicht schwer zu erraten, denn Leif musterte ihn eindringlich, während Endre sich gänzlich auf den kleinen Kater versteifte. Was sollte er auch machen? Gern hätte er ein wenig mit Pierre geflirtet, doch er verbot es sich. Und alles nur, weil er wollte, dass Leif ihn als einen potenziellen Kandidaten als Viktor-Ersatz sah. Das war krank, definitiv!

„Der kleine Kerl fühlt sich wohl. Ich suche noch ein Zuhause für ihn, weil mein alter Kater ihn immer vermöbelt? Ihr habt nicht zufällig ein Plätzchen?", fragte Pierre und Endre sah überrascht auf. Sein Blick wanderte weiter zu Leif, was hielt der von der Idee?

„Ein Haustier?", fragte Leif und musste sich in seinem Kopf erst einmal auf den abrupten Themenwechsel einstellen. Er sah Pierre überrascht an. „Ist das dein Ernst? Dein Gärtner Phillipe meinte, du hängst an dem kleinen Kerl", fragte er und Pierre nickte.

„Klar hänge ich an ihm, aber Pascha vermöbelt ihn ständig. Der Kleine geht nur noch stromern und kommt kaum noch nach Hause. Da ist es mir lieber, er kommt weit weg in liebevolle Hände, als dass mein alter Kater ihn ständig vertrimmt und da er Endre zu mögen scheint, wäre das doch ideal. Von JJ mal völlig abgesehen. Das Bett teilen sie ja schon", lachte Pierre und nun mischte sich auch JJ wieder ein, der begriffen hatte, dass die Chance bestand, den kleinen Kater behalten zu können.

„So leicht ist die Einfuhr von Tieren aus dem Ausland nach Deutschland aber nicht!", überlegte Endre, besah sich aber Rudi, der sich aalte und schnurrte.

„Ich weiß, was zu machen ist und welche Stempel er braucht. Das wäre kein Problem, das könnte ich erledigen, bis ihr abreist. Mir ist es nur wichtig, dass er in gute Hände kommt", sagte Pierre und seine Augen verrieten, dass er das völlig ernst meinte und das nicht nur sagte, weil er Endre imponieren wollte. „Wenn Leif eh zu arbeiten hat, könnten wir ja die Tierärzte und den Amtstierarzt abklappern und den Kleinen vorstellen", schlug er vor und Leif verengte erneut die Augen.

Aus der Richtung wehte der Wind! Pierre suchte Gelegenheiten, mit Endre allein zu sein. Das war definitiv nicht fair und Leif war noch nicht einmal in der Position, etwas dagegen zu sagen. Er war hier Gast.

„Klar, warum nicht. Wenn Leif nichts dagegen hat, dass ich eine Katze halte, würde ich den Süßen schon gern mitnehmen", gestand Endre und sah Leif bittend an.

Was sollte der schon sagen? Er war nicht der Typ Mann, der Endre etwas abschlagen konnte. „Klar, so kommt noch ein bisschen mehr Leben in die Bude. Aber er soll sich ja von den teuren Möbeln fern halten. Wenn die Kratzer haben, dann dreht Viktor durch", gab er zu bedenken, kam aber mit keiner Silbe auf die Idee, dass er seinen Verlobten einmal fragen sollte, ob ihm ein Haustier recht wäre. Aber zur Not konnte der kleine Kater auch bei Endre in der Wohnung bleiben, wenn Viktor da war. Da würde sich schon ein Weg finden.

„Gut, dann machen wir das so. Ihr nehmt den Kleinen mit, dann kann Pascha ihm nicht mehr das kleine, gestreifte Fell über die Ohren ziehen", nickte Pierre zufrieden, „und wir werden dann im Laufe der Tage mal zum Tierarzt fahren. Impfungen hat er alle schon im Pass. Er müsste nur noch einmal gecheckt werden und gechipt und so weiter." Pierre strahlte, im Gegensatz zu Leif.

Dessen Laune sank noch etwas tiefer, als er Frank wutschnaubend die Treppe zu den kleinen Hütten am Strand hinabgelaufen kam. Er hatte wohl seinen Einsatz ein bisschen verpasst. „Ich glaube, ich muss los", sagte er Zähne knirschend, doch er konnte es nicht verschieben. Noch immer waren sie zum Arbeiten hier und nicht zum Vergnügen. Aber Endre mit Pierre allein zu lassen schmeckte ihm nicht.

Gar nicht!

Überhaupt nicht!

Absolut nicht!

„Dann mal los. Nicht dass die Domina noch böse auf dich ist", lachte Pierre und Leif sah ihn mit einem warnenden Blick an, als er JJ auf den Boden setzte und der gleich auf Leifs Stuhl krabbelte, um Rudi, der immer noch auf Endres Schoß lag, zu streicheln.

„Wann bist du fertig?", fragte Endre und sah seinem Chef hinterher, der schon von der Terrasse gegangen war, um Frank entgegen zu gehen. Er hatte keine gesteigerte Lust darauf, dass Frank ihm vor Pierre und Endre eine Szene machte.

„Weiß nicht, Frank hat gedroht, so viele Szenen zu machen, wie wir packen. Er arbeitet momentan in zwei Teams. Ein Team macht die Innenszenen oben in der Villa und das andere arbeitet alles ab, was am Strand zu machen ist", erklärte er und dann war er auch schon weg.



„Verdammt, Leif, ich sagte doch, dass wir einen straffen Plan haben!", knurrte Frank, als Leif mit ihm zusammen wieder nach oben ging. Er war wütend, denn normalerweise war Leif nicht so unzuverlässig. Eigentlich war er ein Musterbeispiel für einen Schauspieler, aber dieses Mal war er eine Katastrophe. „Soll das jetzt jeden Tag so gehen, dass ich dich dann immer bei Endre suche?"

Leif knurrte. Was sollte das denn jetzt? Was hatte denn Endre damit zu tun?

„Was soll das?", murmelte er und beeilte sich, nach oben zum Strandbuggy zu kommen.

„Was das soll? Das kann ich dir sagen. Dir quillt die Geilheit nach diesem Kerl aus den Augen, Leif! Wer das nicht sieht, ist blind oder will es nicht sehen. Reiß dich zusammen, wir sind zum Arbeiten hier!", erklärte Frank. Bei so was war er ja kein Feiner. Was ausgesprochen werden musste, musste eben ausgesprochen werden. Da brachte es nichts, sanft drum herum zu reden. Dafür war gar nicht die Zeit.

„Das ist doch Blödsinn. Ich war gucken, wie es dem Jungen geht!", sagte Leif und sah Frank neben sich an.

Doch der murmelte nur: „Ja, ja. Ist klar." Der Regisseur schüttelte den Kopf und holte tief Luft. „Lüg dich an, wenn es dir besser geht. Aber wenn du willst, dass die Filme ein Erfolg werden, fick den Kerl endlich. Deine Sabberspur verrät dich nämlich."

„Ach halt die Klappe und steig ein!" Leif hatte auf diese Form der Unterhaltung keine gesteigerte Lust. Darüber wollte er nicht nachdenken, denn Sex mit Endre war tabu. Und zwar für jeden! Hoffentlich begriff das auch Pierre und warum ging Endre eigentlich auf dieses Süßholzgeraspel ein? Leif wurde noch verrückt, deswegen gab er Gas und wollte sich wieder in die Arbeit stürzen.

Zurück blieben Pierre und Endre, die den beiden Männern nachgesehen hatten. „Liebst du ihn?", fragte Pierre. Er sah immer noch nach oben und wagte nicht, Endre ins Gesicht zu sehen. Doch die Frage brannte ihm auf den Nägeln, er hatte Endre und Leif beobachtet. So wie sie miteinander umgingen, mit dieser Selbstverständlichkeit, das waren definitiv nicht Chef und Angestellter.

„Wie bitte?" Endre glaubte sich verhört zu haben - jetzt kamen seine Gespräche schon das zweite Mal auf diese Frage. Gestern Abend Jochen, heute Pierre. Sollte er langsam einmal darüber nachdenken? War es zu auffällig?

Doch was war zu auffällig? Woran merkten sie, dass Endre und Leif... dass sie... Endre zuckte die Schultern.

„Na ja." Verlegen sah sich Pierre wieder zu Endre um und biss sich auf die Lippen. Warum hatte er jetzt damit anfangen müssen? Hätte er nicht einfach weiter mit Endre flirten können und ihn so von Leif ablenken? Hatte er gleich mit der Tür ins Haus fallen müssen. „Wenn ich sehe, wie selbstverständlich ihr miteinander umgeht, wenn man euch sieht, hat man das Gefühl, dass ihr euch ohne Worte versteht, dass eine Menge Gefühle und Emotionen im Spiel sind", versuchte Pierre sich zu retten.

Doch im Gegensatz zu Jochen, der einer von Leifs besten Freunden war, wollte Endre Pierre nicht gestehen, was wirklich los war, also wiegelte er nur grinsend ab. „Nein. Auch wenn das so aussehen sollte. Leif liebt seinen Verlobten. Wir haben nur so viel zusammen zu tun, weil ich JJ hüte und Leif den Jungen mehr liebt als sein Leben. Glaubst du, Viktor würde mich noch in Leifs Nähe dulden, wenn da etwas wäre?" Endre grinste frech und verschwieg, dass Viktor nach ihm schnappte, wo sie sich nur trafen. Gestern Abend war ihr Verhältnis schließlich auch nicht gerade herzlich gewesen.

„Also wäre es okay, wenn ich versuchen würde, dir den Hof zu machen?", fragte Pierre. Er war sowieso schon mit der Tür ins Haus gefallen und lag auf dem Holz mitten auf dem Boden des Flurs. Da war es egal, wenn er gleich noch eine Tür einriss.

Verlegen sah Endre ihn an. „Was soll ich dazu denn jetzt sagen?", fragte er und seine Wangen färbten sich ein wenig. Es fühlte sich gut an, umworben zu werden. Es war wie ein Kompliment, dass Pierre fragte, ob er es wagen dürfte. Endre fühlte sich wertvoll und wichtig und es war ein tolles Gefühl. „Versprechen kann ich dir nichts, aber ich sage auch nicht nein", versuchte er es diplomatisch. Ihm war jede Ablenkung von Leif willkommen, denn wenn es bereits auffiel, wie eng sie zusammen hingen, musste etwas passieren - was war dazu besser geeignet als ein anderer Mann?

„Schön", sagte Pierre und nickte zufrieden, schenkte sich noch einmal Kaffee nach. Lächelnd sah er Endre an. „Wie wäre es, wenn ich dir und JJ erst einmal die Villa zeige. Du warst ja noch nicht oben und dann vielleicht mal die Insel. Sie hat herrliche Ecken", schwärmte Pierre.

JJ, den das eigentlich auch betraf, war schon wieder im Sand verschwunden und er grub sich flink wie ein kleines Wiesel durch den lockeren Sand. Eine Sisyphosarbeit, denn der lockere Sand rutschte immer wieder in das gegrabene Loch.

„Wird in der Villa gedreht?", fragte Endre und sah nach oben, wo man das Haus hinter dem Grün der Palmenwedel erahnen konnte.

„Ja, warum?" Pierre verstand die Frage nicht so ganz. Wollte Endre zusehen? Oder wollte er es nicht sehen? Er hatte die Gespräche heute Morgen in der Maske nicht ganz verstanden.

„Dann lassen wir die Villa lieber aus", sagte Endre und hatte die Dose mit Katzenfutter entdeckt, die Pierre mitgebracht hatte. Kaum hatte er sie geöffnet, drehte sich Rudi auf seinem Schoß und stand nun auf allen vieren. Er kannte das Zischen des Vakuums wohl schon und kaum hatte Endre das Näpfchen auf den Boden gestellt, war er den kleinen Kater auch schon los. Endre lachte leise.

Als er aufsah, blickte Pierre ihm fragend entgegen und so erklärte ihm Endre: „Ich habe keine Lust, dass JJ auf nackte Kerle trifft. Noch weniger habe ich Lust, deren Gossensprache zu vernehmen." Endre zeigte offen, dass er von den meisten Jungs in der Agentur nicht viel hielt, weil es dort mit dem Intellekt nicht weit her war. „JJ schnappt vieles auf. Ich habe keine Lust, dass er zotiges Zeug von sich gibt, wenn die Damen vom Jugendamt da sind. Und ich habe keine Lust, dass Leif wegen angeblicher Gefährdung des Kindeswohles den Kleinen weggenommen bekommt, nur weil er von nackten Kerlen im ganzen Haus erzählt. Leifs Herz hängt an dem Kleinen und ich bin verantwortlich. Deswegen will ich nicht, dass der Kleine auch nur in die nähe der Drehorte kommt. Verstehst du?" Endre hoffte, dass Pierre verstand, denn er wollte es sich nicht gleich mit dem blonden Mann verscherzen.

„Hm", machte Pierre nachdenklich und musste gestehen, dass er so weit nicht gedacht hatte. Er hatte eben noch nie Kinder aufgezogen und deswegen keinerlei Blick dafür. „Dann bleiben wir eben am Strand", schlug er vor.

„Hast du nicht gesagt, die Insel hat schöne Ecken? Dann zeig uns doch ein paar Ecken. Da werden ja keine Nackten herumflitzen, hoffe ich", lachte Endre. Denn er wollte sich schon gern etwas angucken. Wann würde er je wieder auf Mahé kommen?

Vielleicht öfter, wenn er es mit Pierre richtig anstellte, erklärte ihm sein Hirn, doch dann schüttelte Endre den Kopf. Das wäre nicht fair. Er mochte Pierre, aber das Kribbeln und das Flimmern, was ihn durchfuhr, wenn er Leif sah, das fehlte bei Pierre einfach. Es wäre nur, dass er den Mann ausnutzte, um sich von Leif abzulenken und das hatte Pierre irgendwie nicht verdient.

„Meinst du, das wäre Leif recht, wenn wir einfach verschwinden, mit seinem Jungen?", fragte Pierre, doch er wirkte zufrieden, dass Endre gern die Zeit mit ihm verbringen wollte und er selbst sich dem jungen Mann nicht aufdrängen musste, nur um in dessen Nähe zu ein.

„Wir melden uns oben ab, ich mache einen Zettel hier an die Tür. Ich glaube nicht, dass er etwas dagegen hat, wenn wir uns die Insel ein wenig ansehen", überlegte Endre. Er kraulte noch immer durch Rudis Fell, der neben seinem Stuhl hockte und fraß. Sein Blick aber wanderte zu JJ, der gerade frustriert sein Loch wieder zu schob, weil immer Sand nachgerutscht war und er nie tiefer kam als bis zum Ellenbogen. „Maus, komm mal her!", rief er zu dem Jungen rüber, der gerade eine neue Stelle zum graben suchte und sich fragend nach Endre umsah. Doch er gehorchte und kam angelaufen.

„En-re!", rief er quietschend und warf sich seinem Kindermädchen in die Arme.

„Sag mal, Maus. Wollen wir uns was Hübsches anziehen und ein bisschen herum fahren? Mal die Insel angucken und vielleicht sehen wir auch Tiere und dann machen wir ein paar Bilder für Leif, hm?", fragte er und JJ verzog das Gesicht. Anziehen fand er doof. Hier ohne Kleider herumlaufen zu dürfen fand er ganz toll und deswegen muckerte er auch leise.

„Aber JJ, ich habe dir doch gesagt, dass du nicht so lange in die Sonne kannst, weil du dann Sonnenbrand bekommst und das tut ganz dolle weh. Wie wäre es, wir fahren jetzt ein bisschen herum und wenn es später ist, dann gehen wir noch mal an den Strand und ins Wasser, ja? Wir nehmen dein Schwimmtier mit und planschen. Wollen wir das so machen?" Endre versuchte JJ zu überreden, denn ihn zwingen wollte er nicht.

Allerdings war JJ zwar vom Planschen überzeugt, aber nicht davon, dass er bis nachher warten sollte. Also mopperte er leise weiter, weil er später doof fand. Pierre lachte leise. Der Kleine war aber auch goldig. Er konnte gut verstehen, dass Leif an den Jungen sein Herz verloren hatte und alles dafür tat, dass er bei ihm bleiben konnte.

„Wir haben hier Schildkröten, die sind so groß wie du. Auf denen dürfen Kinder reiten!", sagte Pierre und bekam das, was Endre vergeblich versucht hatte: Aufmerksamkeit und reges Interesse.

„Echt?", wollte der Kleine skeptisch wissen. Er wusste zwar, was eine Schildkröte war, doch er wusste auch, dass die klein waren. Das wollte er dem blonden Mann jetzt nicht glauben. „Zeig her!", forderte er also und verschränkte die Arme vor der schmalen Brust.

„Aber Schildkröten sind doch ganz langsam. Ehe die hier ist, ist dein Urlaub schon vorbei. Da müssen wir hin fahren", erklärte Pierre und lachte, weil Endre die Augen verdrehte. Der Kleine ließ sich wirklich nicht die Butter vom Brot klauen.

„Na los!", sagte JJ und sprang auf, war schon auf dem Weg die Treppen nach oben.

„Wo willst du denn ihn, du Nacktfrosch?", rief Endre und schlug sich innerlich die Hand vor dem Kopf.

„Na Schü-Schül-kröte!", erklärte JJ und wedelte mit den Armen, weil ihm wieder alles zu langsam ging. Warum saßen die Männer denn noch?

„Was hält der junge Herr von einer Hose und einem Hemd?", fragte Endre amüsiert, weil JJ nun aufgeregt im Sand herum hüpfte. Anziehen war nämlich mindestens so doof wie später und ein dreckiger Gustav, der nicht mit ins Bett darf. Er war in einer ziemlichen Zwickmühle gefangen. „Komm, Maus. Wir ziehen dir was an. Nicht dass die Schildkröte dir noch deinen kleinen Pullermann abbeißt!"

Na das wollte JJ ja nun wirklich nicht! Er quietschte entsetzt auf und hielt sich alles zu, damit keine Schildkröte, die vielleicht auf einem Baum lauerte, sich auf ihn warf und ihm seinen kleinen Pullermann abbiss. Schreiend lief er ins Haus, so schnell konnte Endre gar nicht gucken. Also erhob er sich, um JJ wenigstens etwas anzuziehen. Dreckig war der Kleine ja vom Spielen im Sand nicht.

Flink wurde der ängstliche Junge in seine Kleider gesteckt und erst als er eine Hose anhatte, fühlte sich JJ besser und sicher. Jetzt konnten sie zur Schildkröte fahren, ohne dass die ihm seinen kleinen Pullermann abbiss.

„Wir wären dann soweit", lachte Endre, als er wieder vor die Tür trat. Mittlerweile lag Rudi schlafend auf seinem Stuhl und Pierre streichelte ihn. Er hatte schon das Geschirr zusammengeräumt, die Reste vom Frühstück in den Kühlschrank gebracht und um den Abwasch würden sich seine Bediensteten kümmern. Genauso wie um Handtücher und frische Laken für die Nacht.

Endre heftete den Zettel für Leif gut sichtbar an die Tür und strich dem schlafenden Kater noch mal über das Fell. Gustav war nach drinnen verbannt worden, nicht dass der sich langweilte und auf eigene Faust verschwand. Dann mussten sie die ganze Insel und das Meer nach dem Schaf absuchen, das wollte Endre gern vermeiden.

„Na dann mal los - auf zur Schildkröte", lachte Pierre und führte seine Gäste nach oben, wo er schon einen seiner Geländewagen hatte bereitstellen lassen. Es war ein Automatikwagen, deswegen waren die Vordersitze eine durchgehende Bank. JJ konnte in der Mitte sitzen und nicht rausfallen. Das war perfekt. Sie verabschiedeten sich noch und ließen der Crew ausrichten, dass sie ein paar Stunden nicht auf dem Grundstück wären und dann waren sie auch schon weg.



Leider hatte man Leif nicht ausgerichtet, dass Endre und JJ zusammen mit Pierre die Insel erkunden wollten. Das erfuhr er erst, als er freudestrahlend in seiner Mittagspause schnell nach seinen beiden Hübschen sehen konnte. Bei jeder Szene waren seine Gedanken nur noch bei Endre gewesen. In seinem Hirn hatte er sich sogar ausgemalt, wie es wäre, wenn nicht Viktor es war, der ihn liebte, sondern Endre. Er musste mit ihm reden - das durfte so nicht weiter gehen. Vielleicht hatte Frank wirklich Recht und sie beide mussten die Spannungen, die sich aufgebaut hatten, kanalisieren und sich das Hirn frei poppen. Doch zu all dem kam er nicht, denn Endre war mit Pierre unterwegs.

„Mistkerl!", knurrte Leif und riss den Zettel wütend ab, knüllte ihn zusammen und warf ihn auf den Boden. Ob er Endre meinte oder Pierre, wusste Leif selber noch nicht. War er wütend auf Pierre, weil der sich in sein Territorium wagte oder auf Endre, der auf die Avancen des Mannes einging?

Er musste mit Endre reden - jetzt mehr noch als zuvor.