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Raphaels Schatten - Teil 25 + Epilog

25

„Sie sind gelandet“, flüsterte Stuart, der soeben eine SMS von den Tauchern bekommen hatte. Es war noch dämmerig und auf dem Boot vor ihnen tat sich noch nichts. Er flüsterte nur mit seinem Kollegen, denn Markus war endlich etwas eingedöst. Die halbe Nacht hatte er auf das andere Boot gestarrt, doch irgendwann hatten die Augen so sehr gebrannt, dass er sie hatte schließen müssen vor Schmerz. Dabei war er eingeschlafen.

Stuart griff nach einem kalten Stück Pizza, was noch von gestern Abend übrig war. Nicht gerade das leckerste aller Frühstücke, doch es war nichts anderes da.

„Gut, dann sind sie wohl spätestens in einer Stunde hier.“ Leon streckte sich und stand vorsichtig auf. Bisher lief alles nach Plan. Vielleicht hatten sie weiter Glück und Luzifer war ein Frühaufsteher und wollte los. Wenn nicht, mussten sie die Befreiung hier durchführen, was nicht so günstig war. Es konnten Unbeteiligte zu Schaden kommen.

Leons erster Weg führte zum Fenster und er sah hinüber, doch er konnte nicht viel erkennen. Die Sonne machte gerade die ersten Versuche, über den Horizont zu spitzen. Die Lichtverhältnisse waren also noch nicht die besten.

„Er ist wach“, knurrte Leon plötzlich, als er Luzifer an Deck erblickte. Er ließ sich zu Boden sinken, falls der Kerl in ihre Richtung guckte. Er durfte den Braten noch nicht wittern.

„Gut, dann geht es wohl bald los.“ Stuart rüttelte vorsichtig an Markus’ Schulter, trotzdem schreckte der Stylist auf. „Scht, alles okay. Es ist Morgen und Luzifer ist gerade wach geworden. Die Taucher sind bald hier und wir sollten uns bereit machen.“ Stuart lächelte und Markus ließ sich wieder nach hinten fallen.

Er hatte wirres Zeug geträumt und sein Herz klopfte vor Schreck bis zum Hals. „Daniel?“, fragte er, aber der Agent schüttelte den Kopf.

„Den haben wir noch nicht gesehen.“ Es war nicht leicht, das zu gestehen, denn Leon ahnte, was der Satz in Markus auslöste. Sicherlich hatte er jetzt Hunderte von abwegigen Gedanken. „Es ist bald überstanden“, lächelte Leon deswegen und griff sich noch eine Cola, gab sie aber an Markus weiter. „Gleich kommt es auf dich an. Mach eine gute Figur, die Bilder werden durch die Presse gehen.“ Er versuchte Markus etwas aufzuheitern.

„Na super! Und meine Haare sehen furchtbar aus“, ging Markus auf den Scherz ein und lächelte schief. Er wollte gar nicht daran denken, was dort drüben alles passiert sein konnte. Er schüttelte den Kopf. Daniel ging es gut. Was anderes wollte er gar nicht denken und da war ihm jede Ablenkung recht.

„Du warst doch noch nie fotogen. Ich erinnere mich an das Foto in deiner Polizeiakte. Also, schön ist anders.“ Leon knuffte ihm gegen die Schulter und suchte sich durch die leeren Pizzakartons. Doch da war nichts mehr zu machen. Wenn sie hier durch waren und im Flugzeug Richtung Heimat saßen, würde er sich durch alles futtern was an Bord war. Und er konnte nur hoffen, dass die Stewardessen aufgestockt hatten.

„Was glaubst du, wie du aussiehst mit Todesangst und Schlafentzug. Deine Frau würde sich sofort scheiden lassen.“ Markus lachte leise und nahm einen Schluck Cola. Er fühlte sich steif, darum bewegte er seine Arme und Beine, um sie zu lockern. Eine Nacht im Sitzen war nicht sehr angenehm am nächsten Morgen.

„Das glaube ich nicht. Claudia hat mich nicht nur wegen meines makellosen Aussehens geheiratet“, erklärte Leon lapidar und konnte sich nicht verkneifen zu erklären, dass er nach Verhören entschieden frischer aussehen würde.

„Ich hab sie auf der Karte“, sagte plötzlich Stuart, der seinen Palm aktiviert hatte. Die Zeichen der GPS-Sender der beiden Taucher blinkten auf einer Straße. „Noch dreißig Kilometer und bei Ians Fahrstil dauert das keine Viertelstunde.“

Markus, der erst flapsig hatte antworten wollen, schluckte und drückte nervös die Dose zusammen. „Es geht los“, murmelte er leise und sein Blick ging rüber zum anderen Boot. „Er will ablegen“, rief er plötzlich und zeigte raus. Luzifer zog den Anker ein. „Was machen wir jetzt? Hinterher? Aber wie kommen dann die Taucher an ihn ran?“

„Ganz ruhig. Hier muss er langsam fahren. Er wird uns also nicht gleich davon flitzen.“ Leon drückte Markus auf den Sitz und holte selber tief Luft. Es gefiel ihm gar nicht, Markus jetzt alleine auf dem Boot zu lassen. Also disponierte er im Kopf um. Er würde Markus begleiten, sie würden Luzifer folgen und über das GPS fanden ihre Kollegen sie schon. Die Jungs waren Profis, darum machte er sich keine Gedanken. Und wenn sie am Ufer waren, konnte er immer noch aussteigen oder abspringen. „Stuart nimmt den Wagen. Ich komme mit dir, bis die Taucher in der Nähe sind. Dann werde ich umsteigen und die Show geht los.“

„Yes, Sir.“ Stuart nahm seine Jacke und machte sich gleich auf den Weg. Der Wagen stand ein wenig weiter weg, da es keinen Weg zum Kanal gab. Leon sah ihm nach und winkte dann Markus zu sich. „Mach schon mal die Leinen los. Lassen wir ihm so weit Vorsprung, dass er nicht mehr mitkriegt, dass wir losfahren. Die Taucher treffen wir dann auf dem See. Sie kommen mit einem Schlauchboot so weit es geht an ihn ran und werden den Rest schwimmen.“

„Ich vertraue darauf, dass die Jungs wissen, was sie tun, hm?“ Markus war angespannt. Dem Mann Vorsprung zu geben, bis sie ihn nicht mehr sahen, schmeckte ihm nicht. Doch er sagte sich, dass der mit seinem Boot ja schlecht unvorhergesehen abbiegen konnte. Er war verrückt vor Sorge, das war ihm klar und auch, dass es ihn daran hinderte, klar zu denken. Doch er musste jetzt funktionieren – es kam auch auf ihn an!

„Sie sind die Besten.“ Leon machte sich bereit, den Motor zu starten. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Luzifer und somit auch Daniel, verschwanden aus ihrem Sichtfeld und er drehte den Zündschlüssel. Der Diesel sprang blubbernd an und Markus machte sie los, damit sie ablegen konnten. Er sprang hastig auf das Boot und schlug Leon dann auf die Schulter, das Zeichen, dass er loslegen konnte. Also strebte der Agent in die Mitte des Kanals und somit die Fahrrinne an und sah zu, dass er nur so dicht heran fuhr, wie nötig. Sein Blick klebte auch immer am Ufer, ob er seine Kollegen sehen konnte. Das GPS in seinem Palm immer in der Hand, um zu wissen, wo sie waren.

Darum übernahm Markus wieder das Steuer. Das lenkte ihn ein wenig ab, denn er musste sich darauf konzentrieren, für Luzifer noch nicht sichtbar zu sein. Er durfte sich erst zeigen, wenn er das Okay von den Tauchern hatte. „Wo sind die Taucher jetzt?“, fragte er zwischendurch und drosselte den Motor. Sie kamen näher an den Zufluss zum See.

Leon sah auf seinen Palm. „Sie sind am rechten Seeufer. Ich geh davon aus, sie machen das Schlauchboot klar und die Ausrüstung. „Stuart?“, suchte er den Kontakt zu seinem Kollegen. Mittlerweile hatten sie auf Headset umgestellt, damit hatten sie ständigen Kontakt und die Hände frei. Auch Markus bekam eben eines verpasst.

„Lass dich auf meinen Koordinaten absetzen. Ich bin bei Ian und Mike.“

„Okay.“ Leon gab Markus ein Zeichen, sich wieder in Bewegung zu setzen. Sie fuhren jetzt erst einmal in eine andere Richtung als Luzifer, da konnten sie Gas geben. Solange der Kidnapper nicht merkte, dass Markus das Boot steuerte, war alles in Ordnung. Leon lotste Markus zu Stuart und nach fünf Minuten Fahrt konnte er seinen Kollegen sehen. Die Taucher waren schon unterwegs.

Eilig sprang Leon an Land, damit sie keine Zeit verloren. Er griff sich die Kamera, während Stuart erklärte, wie das jetzt laufen sollte. „Als erstes manipulieren die beiden den Antrieb. Keine Sorge, sie blockieren nur die Schraube, da passiert nichts mit Daniel“, schob er gleich erklärend hinterher, weil er Markus’ Gesicht sah. „Sobald sie es dir sagen... Ian, sag mal was...“

Der Taucher begrüßte Markus kurz und der nickte, dass er ihn verstehen konnte.

„Wenn du also hörst, dass die beiden den ersten Job erledigt haben und Luzifer uns nicht entwischen kann, wirst du Gas geben. Mach Krach, gib dich zu erkennen, auf dem See wird euch kaum jemand hören. Wichtig ist nur, dass er weiß, wer ihm folgt.“

Markus nahm das alles schweigend auf und nickte immer nur, damit Leon wusste, dass er verstanden hatte. Er konnte einfach nicht reden, denn die Sorge um Daniel und die Aufregung, dass es endlich losging, schnürten ihm die Kehle zu. Immer wieder sagte er sich, dass er seinen Liebling bald wieder in die Arme schließen konnte und dass es ihm gut ging. „Die Taucher gehen ins Wasser“, gab Leon durch und Markus fuhr langsam los.

„Mach jetzt nur keinen Scheiß, bleib im Plan. Wir brauchen euch alle gesund wieder“, erklärte Leon und griff sich die Kamera. Wenn sie das Ende von ARKs Sänger und seinem liebenden Gatten gut verkaufen wollten, mussten Bilder her. Natürlich achtete er darauf, dass nur die beiden Boote ins Visier kamen und nicht etwa das Schlauboot seiner Kollegen. Er wollte nicht den kleinsten Anschein erwecken, dass etwas nicht mit rechten Dingen zuging.

„Ja“, sagte Markus knapp und wartete nur darauf, dass Ian ihm sagte, dass die Schraube blockiert war. Bis dahin fuhr er nicht direkt in Luzifers Richtung. Er erschreckte sich ein wenig, als er endlich die Stimme des Tauchers in seinem Headset hörte und gab reflexartig Gas. Er steuerte jetzt auf das andere Boot zu und schrie immer wieder nach Luzifer. Anfangs tat sich gar nichts, doch als er sich dem anderen Boot näherte, konnte er Luzifer hinter dem Steuer erkennen.

„Lass Daniel frei, du falsche Ratte!“, brüllte er und gab noch mehr Gas. Mit Genugtuung merkte er, dass Luzifer wie ein Irrer am Gashebel rüttelte und sich nichts tat. Das Boot tuckerte vor sich hin. Markus prüfte mit einem Blick alle Fenster, die er einsehen konnte, doch hinter keinem war Daniel zu sehen. Hoffentlich hatten die Taucher mehr Erfolg.

„Nicht so dicht, deine Schraube bringt die Taucher in Gefahr!“, knurrte Leon in sein Headset.

„Verstanden, auf welcher Seite des Bootes seid ihr?“, fragte Markus die Taucher. Wenn er jetzt auf Abstand blieb, merkte Luzifer noch etwas, deshalb musste er wissen, wo er an das andere Boot ran konnte. Er gab wieder Gas, als er von Ian die Information, die er brauchte, bekommen hatte. Die Taucher waren links am hinteren Teil des Bootes, weil sie dort die beste Möglichkeit zum Einstieg hatten. Darum fuhr Markus das andere Boot von vorne an, damit Luzifer von ihnen abgelenkt wurde.

Natürlich machte sich das auch auf den Bildern ziemlich gut, wie sich Markus heroisch dem Entführer seines Lieblings in den Weg stellte. „Du Mistkerl wirst Daniel nie bekommen. Lass ihn endlich frei!“ Markus kam dem anderen Boot so dicht, dass sie sich fast berührten, doch ehe er das Boot beschädigte, bevor Daniel von Bord war, entfernte sich Markus lieber wieder, trotzdem hielt er Luzifer in seinen Blick gezwungen. Sein überhebliches Grinsen war ihm vergangen, wie Markus mit Genugtuung feststellte.

Luzifer wirkte sogar ziemlich panisch und er betätigte hektisch den Gashebel, aber die Taucher hatten ganze Arbeit geleistet. Der Motor heulte auf, es tat sich jedoch nichts.

„Ja, lass nur den Motor heulen, dann kriegst du nicht mit, dass man dir gerade Daniel vom Boot holt“, murmelte er und fuhr nach einer Runde wieder auf das Boot zu. „Du feiger Scheißkerl, Daniel gehört zu mir. Gib ihn raus“, schrie Markus ihn an und machte Luzifer noch hektischer.

„Vergiss es. Mit dir will er doch gar nichts mehr zu tun haben. Deswegen ist er doch mit mir mitgekommen – begreife endlich, dass ich der einzige für Raphael bin!“ Luzifer war versucht nach hinten zu gehen und Raphael an sich zu reißen, sich zu versichern, dass stimmte, was er sagte. Doch er kam hier nicht weg. Dieser verdammte Kahn gehorchte einfach nicht mehr. Er hätte das blöde Dinge besser checken müssen, ehe er es für ihre Flucht gemietet hatte. „Hau endlich ab, dich will hier keiner!“, brüllte er und machte eine hastige Wende. Er wollte diesen lästigen Idioten nur noch loswerden.

„Das ist filmreif“, murmelte Leon, er war mit Markus ziemlich zufrieden.

„Du hast ihn entführt. Er würde nie freiwillig mit dir mitkommen. Er verabscheut dich.“ Markus musste nicht spielen, dass er wütend war, denn das war er wirklich. Er rammte Luzifers Boot leicht, damit der mit seiner Fahrweise nicht noch die Taucher und somit auch Daniel gefährdete. Der war nämlich gerade im Wasser und wurde von Ian und Mike zum Schlauchboot gebracht. Jetzt hielt Markus nichts mehr. Damit Luzifer nicht auf die Idee kam, aufs Wasser zu sehen, fuhr er längsseits und kletterte dann, so schnell er konnte, auf das andere Boot.

Endlich konnte er das tun, was er schon seit Stunden wollte – seit Achim und Steffan ihm gesagt hatten, Daniel hätte das Gebäude schon lange verlassen. Die angestaute Wut war kaum noch zu beherrschen und so riss er mit übermenschlicher Kraft die Tür zum Steuerraum auf und seine Faust traf Luzifer mitten ins Gesicht.

„Hör auf zu spielen – in einer Minute fliegt alles in die Luft! Komm zurück!“, hörte er Leon in seinem Headset brüllen, doch die Wut war übermächtig.

„Wenn du ihm was getan hast, dann gnade dir Gott“, schrie er Luzifer an und verpasste ihm noch eine.

„Markus, verdammt, verschwinde da, oder Daniel ist gleich Witwer“, schrie Leon ihm leicht panisch ins Ohr und das brachte Markus zur Besinnung.

„Verrecke“, zischte er Luzifer zu und sprang mit einem großen Satz von Bord zurück auf sein Boot. Er wollte nur noch zu Daniel und ihn endlich wieder in die Arme schließen.

Mit Schwung wendete er das Boot und machte, dass er weg kam. Luzifer hatte nicht mehr die Zeit, sich zu wundern, warum der Kerl endlich aufgab und ihn mit Daniel wieder allein ließ. Ein ohrenbetäubender Knall erschütterte den ruhigen See und die Druckwelle schleuderte selbst Markus in seinem Boot von den Füßen. Kurz verlor er die Orientierung, doch als er spürte, dass er noch am Leben war, hielt ihn nichts mehr. Den Gashebel am Anschlag hielt er auf die kleine Gruppe zu, die von ein paar Bäumen geschützt, sich zum Aufbruch rüstete. Und da! Daniel!

Er stand in eine Decke gehüllt am Ufer und sah ihm entgegen. Markus fuhr so weit ans Ufer, wie er konnte und sprang dann einfach in den See. Er musste zu Daniel und darum pflügte er so schnell er konnte durch das Wasser. Ein paar mal stolperte er, aber das hielt ihn nicht auf, er lief immer weiter, bis er seinen Liebsten endlich in die Arme schließen konnte. „Daniel endlich“, schluchzte er und ließ seinen Gefühlen und seiner Angst, die er bisher unterdrückt hatte, freien Lauf.

Ian und Mike grinsten, verstauten ihre Utensilien aber wieder im Transporter. Es würde nicht lange dauern und die Polizei war hier, dann sollten sie bereits in der Luft sein.

Leon und Stuart hatten den gleichen Gedanken, deswegen schoben sie die beiden einfach auf die Rückbank der Limousine. Sollten sie sich gegenseitig Halt geben, so lange sie nur schnell hier weg kamen.

„Er hat gesagt, du liebst mich nicht. Du würdest mich nicht retten. Das stimmt nicht, das wusste ich“, murmelte Daniel und ließ sich küssen. Immer wieder und wieder und wieder. Seine Arme klammerten sich fest um Markus, so fest, dass es weh tat, doch was war der Schmerz schon gegen die Angst des Verlustes. Ein Witz.

„Er hat gelogen. Ich habe Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um dich zu befreien. Ich brauche dich und werde dich immer lieben und beschützen, solange du das willst.“ Markus klammerte sich genauso an Daniel, wie der sich an ihn. Er brauchte einfach die körperliche Bestätigung, dass seinem Liebling nichts passiert war. „Ich hatte solche Angst um dich.“

„Ich auch. Er war plötzlich einfach da. Ich bin in den Fahrstuhl und wollte nur noch mit dir essen gehen und da war er einfach da.“ Daniel wollte sich daran nicht mehr erinnern. Der Mistkerl war endlich weg. Durch die Heckscheibe sah er noch immer das Flammenmeer auf dem See, doch er spürte kein Mitleid. Er ließ sein Leben jetzt hinter sich. Alles, was er noch brauchte, hielt er in seinen Armen.

Leon und Stuart mischten sich nicht ein. Während Stuart fuhr, machte sich Leon daran, das Filmmaterial zu digitalisieren.

„Hat er...?“, fing Markus an und konnte seine Frage nicht zu Ende bringen. „Hat er dir…“, begann er noch einmal, aber wieder musste er abbrechen, weil es ihm die Kehle zudrückte. Er musste es wissen, aber hatte gleichzeitig Angst vor der Antwort. Was sollte er machen, wenn dieses Schwein wirklich Hand an Daniel gelegt hatte?

Doch Daniel schüttelte nur den Kopf. „Ich hab ihm gesagt, dass er kein bisschen besser wäre als Gabriel, der mich auch einfach angepackt hat und das schien sein Ego gekränkt zu haben. Dann hatte ich Ruhe“, flüsterte Daniel zwischen Küssen. Er konnte sich nicht von Markus lösen. Die Vorstellung, ihn nie wieder sehen zu dürfen, hatte ihn fast wahnsinnig werden lassen.

Man sah Markus seine Erleichterung an und seine Arme zerquetschten Daniel fast. „Jetzt ist alles wieder gut, wir sind zusammen und wir steigen gleich ins Flugzeug nach Amerika.“ Immer wieder küsste er seinen Liebling, denn noch immer brauchte er die Bestätigung, dass er nicht träumte. „Ich liebe dich“, murmelte er immer wieder und langsam ließ sein Zittern nach, das ihn ergriffen hatte.

Erst jetzt bemerkte Daniel die beiden Männer auf den Vordersitzen und betrachtete sie, schmiegte sich dabei aber immer noch fest an seinen Mann. Er zitterte, die nassen Klamotten musste er demnächst wirklich loswerden. „Ich hab mich bei euch noch gar nicht bedankt. Ich kenn zwar eure Namen nicht, aber ich danke euch für meine Befreiung“, erklärte er und suchte Stuarts Blick im Rückspiegel.

Stuart drehte sich um und lächelte. „Ich bin Stuart und das ist Leon. Die Taucher heißen Ian und Mike.“ Er deutete auf Markus. „Bedank dich bei dem da, er hat uns angeheuert, dass wir dich nicht aus den Augen lassen. Das war auch wirklich Glück, denn sonst wäre er nicht hier, denn eigentlich war er auf dem Weg nach Wien, wohin deine Wanzen unterwegs sind.“ Er freute sich, dass alles so reibungslos geklappt hatte und Markus seinen Liebling wieder hatte. Denn wenn es Daniel gut ging, ging es Markus gut und wenn es Markus gut ging, kümmerte er sich um die Sicherheit der finanzkräftigen Firmen. Dann waren alle glücklich.

„Ihr seid nicht zufällig vom F.B.I.?“, fragte Daniel und machte große Augen, als Stuart nur die Schultern zuckte und grinste. „Aha.“ Daniel nickte verstehend und zog die Decke fester. Markus hielt ihn noch immer fest umschlungen und Daniel schloss kurz die Augen. Er hatte die Nacht kaum geschlafen.

Und jetzt, wo er zur Ruhe kam, holte sein Körper sich sein Recht, darum lehnte er seinen Kopf an Markus’ Schulter und seufzte zufrieden. Er fühlte sich sicher und geborgen. Nur sein Mann konnte ihm dieses Gefühl geben.

„Schlaf, Liebling“, murmelte Markus und küsste Daniel auf die Stirn. „Jetzt fängt unser neues Leben an. Offiziell sind wir tot.“

„Hm“, war alles, was Daniel noch von sich geben konnte. Er war kaputt. Alles in ihm schrie nach Schlaf, er konnte sich nicht mehr dagegen wehren.

Stuart machte das Radio an und suchte sich die Frequenz des Polizeifunks. Er wollte wissen, wann die deutschen Behörden aktiv wurden. Sie hatten noch eine halbe Stunde bis zum Start. Bis dahin durfte ihnen nichts mehr in die Quere kommen.

Markus hielt Daniel fest und strich ihm beruhigend durch die Haare, dabei lauschte er dem Funk. Die Explosion auf dem See war nicht unbemerkt geblieben und gerade waren Feuerwehr, Polizei und DLRG auf dem Weg zur Unfallstelle, um zu sehen, was passiert war. Viel würden sie nicht mehr finden, denn die Taucher hatten genug Sprengstoff angebracht, um das Boot praktisch zu pulverisieren.

„Wie weit bist du mit dem Material für die Presse?“, wollte Stuart wissen und sah zu Leon, der gerade die Verbindung zum Satelliten suchte.

„Hetz mich nicht, sonst gibt es zweitklassige Wunder“, knurrte Leon. Er hatte den Film auf zwei Minuten Material zusammengeschnitten, ein paar Schadstellen eingebaut und ein paar Wackler, damit es nicht so professionell aussah. Jetzt kam das Material noch auf einen fragwürdigen Server irgendwo im Mittleren Osten. Die Spur sollte verwischt genug sein. Freilich hatte auch Daniel einen kurzen Gastauftritt, immer noch mit der Perücke, die Luzifer ihm nicht abgenommen hatte und ohne den Taucher, der ihn befreit hatte.

„Alles klar“, meldete Leon schließlich und hielt Markus den Daumen hoch. So, sie hatten jetzt alles getan, um der Presse und den Behörden genug Material zu geben, um denen glaubhaft zu machen, dass Raphael und sein Gatte bei der Explosion ums Leben gekommen waren. „Das Flugzeug wartet auf euch. Dort könnt ihr euch umziehen und ausruhen, bis ihr in New York seid. Dort werdet ihr abgeholt.“

„Und ihr?“, fragte Markus, der eigentlich gedacht hatte, die beiden würden mit ihnen zusammen zurückkehren. Doch wie es schien, hatten sie in Deutschland noch ein bisschen mehr zu erledigen als erwartet.

„Wir kommen, wenn Chefchen mit dir fertig ist, um deine Überreste aufzukehren“, grinste Leon. „Nein, im Ernst. Wir bleiben doch noch ein paar Tage. Ich will noch ein paar Sachen von deinen Vorbereitungen abschließen, damit das Geld dort hinkommt, wo es gerade... Na da schau her.“ Leon hörte auf zu reden. Durch einen Zufall, weil er sich gerade bei Reuter eingeloggt hatte, um eine Nachricht über den Link mit den Informationen zu hinterlassen, sprang ihm eine Nachricht ins Auge: Sänger von ARK entführt.

Er las sich die Nachricht durch und verzog das Gesicht. „Was ist das denn für eine gequirlte Scheiße“, schimpfte er. Achim und Steffan hatten wohl eine Pressekonferenz abgehalten und kräftig auf die Tränendrüse gedrückt. Wie sehr sie doch geschockt wären, als sie von der Entführung erfahren hatten und wie Gabriel doch Angst um seinen Verlobten hätte. Er klickte den Link, hinter dem kurz in das Interview reingesehen werden konnte und Leon verzog das Gesicht. Ebenso wie Markus, der von seinem Platz aus ebenfalls auf den Bildschirm blicken konnte.

„Gib her, das Teil“, knurrte er und hielt die Hand nach vorn. Er wollte den Laptop, denn er hatte alles vorbereitet, um Achim das Handwerk zu legen. Auf einem externen Server lagerte Material über seine Machenschaften, angefangen über die Gespräche, dass der Sänger ersetzt werden sollte, bis hin zu Verkaufzahlen und Zahlungsmoral. Er hatte noch ein paar andere Mitschnitte, die für die Fans interessant sein dürften, wie zum Beispiel die Verbindung zwischen Achim und Luzifer oder Daniels Heiratsurkunde. Als Leon ihm wiederwillig seinen PC gab, rief Markus den Link zu den Daten auf.

„Hier, den kannste gleich mit weiterreichen.“ Und schon hatte Leon das Gerät wieder.

Leon fragte nicht nach, was er mitschickte, denn er konnte sich denken, was es war, so grimmig wie Markus guckte. Der Manager von ARK sah wohl keiner rosigen Zukunft mehr entgegen und er würde sich dem bestimmt nicht entgegen stellen. Wer Menschen so behandelte, musste einfach die Konsequenzen tragen. „Ihr könnt echt froh sein, dass ihr die beiden los seid.“

„Lange Geschichte, reden wir mal bei einem schlechten, amerikanischen Bier drüber“, sagte Markus, denn er wollte nicht vor Daniel darüber reden, wie lange er auf seinen Mann eingeredet hatte und wie viel es gekostet hatte, bis der Groschen endlich gefallen war. Es war Daniels Entscheidung gewesen, die Markus nicht in Frage stellte. „Allerdings will ich alle fiesen, kleinen Einzelheiten seines Unterganges mitbekommen, also wenn ihr noch eine Weile in Deutschland seid, zeichnet auf, was ihr bekommen könnt und bringt es mir mit.“ Allen war klar, dass Markus sich seine Infos aus dem Netz saugen würde, doch Leon versprach es grinsend.

Sie unterhielten sich ein wenig, denn Markus wollte nicht schlafen. Er wollte Daniel halten und sich jede Sekunde sicher sein, dass es ihm gut ging. Sie fuhren nicht mehr sehr lange, bis sie am Flughafen ankamen. Vorsichtig strich Markus Daniel über die Wange und weckte ihn. „Wir sind da, Sweetheart. Gleich kannst du dich umziehen und weiterschlafen.“

„Hm“, nuschelte Daniel und sah sich träge um. Er fühlte sich erschlagen. Ihm war noch nicht ganz bewusst, dass jetzt alles vorbei sein sollte. Das würde sicherlich noch eine Weile dauern, wenn er morgens ausschlafen konnte, wenn er nicht zu Terminen gescheucht wurde und wenn er nicht täglich zum Training musste. Es würde ihm fehlen, sicher, doch Wehmut kam nicht dabei auf.

Sie krochen aus dem Wagen und Daniel in seiner Decke wurde gleich zum Flugzeug geschoben. Er konnte sich gerade noch von den beiden Agenten verabschieden, da schob Markus ihn schon nach oben, denn der Wind hatte aufgefrischt und Daniel war immer noch nass.

Im Flugzeug war es angenehm warm und Kleidung zum umziehen lag bereit, genauso wie warme Getränke und etwas zu essen. Leon hatte schon dafür gesorgt, dass sie gut versorgt wurden. Markus schälte seinen müden Schatz aus den nassen Sachen und rubbelte ihn dann mit den weichen Handtüchern trocken und warm. Anschließend half er ihm sich anzuziehen und erst dann zog er sich selber um.

Ian und Mike verstauten ihre Ausrüstung in der Ladeluke, ehe auch sie an Bord kamen. Dann waren sie startklar.

Die Stewardess schloss die Tür, an der Daniel stand und Leon und Stuart winkten, Markus hielt ihn dabei immer noch im Arm. Erst jetzt, als er die Hand zum winken hob, fiel ihm etwas auf und er erschrak: „Mein Ring – er ist weg!“, sagte Daniel leise und es war ein Stich ins Herz. Wo war er? Hatte er ihn verloren? Hatte Luzifer ihn abgezogen?

Er sah so unglücklich aus, dass Markus ihn tröstend küsste. „Tut mir leid, Schatz. Aber wir finden neue Ringe für uns und wir werden unseren Bund erneuern.“ Er wusste nicht, wie er Daniel trösten sollte, denn er konnte ihn verstehen. Der Ring war ein Symbol ihrer Liebe und er selber war traurig, dass er weg war.

„Ich kann gar nichts richtig machen. Das wäre alles nicht passiert, wenn ich nicht so leichtfertig in den Aufzug gestiegen wäre.“ Daniel senkte den Kopf, lächelte aber Leon noch einmal zu, ehe die Stewardess sie zu ihren Plätzen scheuchte, damit sie sich für den Start anschnallen konnten.

Markus wartete, bis Daniel sich angeschnallt hatte, dann nahm er dessen Gesicht in seine Hände und küsste ihn. „Schatz, du hast doch keine Schuld daran, dass dieser Verrückte dir aufgelauert hat. Wenn jemand die Schuld hat, dann ich, weil ich dich allein gelassen habe. Wenn ich mich besser beherrscht hätte, hätte Achim mich nicht rausgeworfen.“ Markus lächelte und strich seinem Schatz mit den Daumen über die Wangen. „Das mit dem Ring ist schade, aber er ist nur ein Symbol. Unsere Liebe ist das Wichtigste und das wir nun zusammen sein können.“

„Ja“, sagte Daniel leise und lehnte sich in die Berührung. „Raphael ist tot, er wird mich nicht mehr nerven“, sagte er leise und sollte eigentlich erleichtert sein, aber er war noch angespannt und konnte sicherlich erst in ein paar Tagen begreifen, was in den letzten Stunden eigentlich passiert war.

Als das Flugzeug abhob, sah er seinen Mann an und grinste. „Guten Tag, ich bin Daniel Foster, freut mich, ihre Bekanntschaft zu machen.“

„Sehr erfreut, mein Name ist Mark Harper. Ich freue mich ebenfalls, sie kennen zu lernen.“ Markus ließ Daniels Gesicht los und lächelte. „Würden sie mir die Ehre erweisen, ihr Leben mit mir zu verbringen? Ich möchte sie lieben und ihnen zeigen, wie schön das Leben sein kann.“

„Ich hab grad nichts anderes vor“, lächelte Daniel und ließ sich gegen Markus sinken – egal wohin ihr Weg sie führen würde, es wäre ihr gemeinsamer. Alles andere war nicht mehr wichtig. „Ich liebe dich – in guten wie in schlechten Zeiten“, flüsterte er und suchte schüchtern die Lippen seines Mannes zu einem ersten Kuss in ihrem neuen Leben.







Epilog



„Daniel!“ Mark fing seinen nervös rumtigernden Schatz ein und küsste ihn. „Du wirst ein tolles Konzert geben. Deine Fans da draußen lieben deine Musik und ich kann es verstehen. Du bist fantastisch.“ Mark kannte das schon. Noch immer hatte Daniel Panik vor jedem Konzert, seitdem er vor einem halben Jahr das erste gegeben hatte. Es war so gut angekommen, dass er jetzt regelmäßig in diesem Club spielte.

Der Weg hier her war nicht leicht gewesen, das letzte Jahr im Allgemeinen hatte viel Neues für sie beide gebracht. Mark hatte seinen Gedanken verworfen, sein Studium fortzusetzen. Dafür schickte er seinen Mann jetzt zur Universität. Geheiratet hatten sie noch in der ersten Woche. Das war in den USA nicht so leicht gewesen, wie gehofft, doch sie hatten einen Weg gefunden. Von da an war alles viel einfacher, zumindest bildete sich Daniel das ein.

„Ja, ich weiß. Aber ich kann nicht anders. Ich bin so nervös! Ich muss da alleine durch und kann mich nicht hinter einem anderen Charakter verstecken!“ Die blonden Haare standen wild verstubbelt ab und die Jeans, die er trug, hatte schon bessere Zeiten gesehen. Doch seinen Fans gefiel der abgegriffene Look.

„Du musst dich auch nicht verstecken. Sie wollen dich, weil du ihre Herzen berührst mit deiner Musik.“ Mark küsste Daniel und strich ihm über die Wange. „Mir geht es nicht anders. Ich kriege jedes Mal eine Gänsehaut, wenn du singst.“ Das hatte er bei Raphael nie gehabt. „Los, geh raus und bring den Saal zum kochen.“

„Ja, treib mich nur vor die geifernde Masse“, lachte Daniel und gönnte sich noch einen zarten Kuss, genoss es, wie Marks Hände in die Schlitze seiner kaputten Hose glitten und seine Beine liebkosten. Seit einem Jahr lebten sie jetzt zusammen, verbrachten jede freie Minute gemeinsam und anstatt sich satt zu haben, waren sie noch intensiver am jeweils anderen interessiert. Sie hatten ein hübsches Loft in einer alten Fabrikhalle gefunden, in der Daniel für die Uni büffelte, in der Mark sein Equipment aufgebaut hatte und in einer Etage weiter unten konnte Daniel mit seiner Band proben. Sie spielten Rock, mal hart, mal sanft und heute würden sie es wieder tun.

Daniel verließ die Gardarobe und das Jubeln der Zuschauer sagte Mark, dass es wieder ein tolles Konzert werden würde. Er selber blieb in der Garderobe. Nicht ganz freiwillig, aber er wollte seinen Schatz nicht wieder vollkommen verlegen machen, weil er jubelte und pfiff, sobald Daniel auf der Bühne stand. Er konnte sich da einfach nicht zurück halten. Viel zu glücklich war er darüber, dass die Band schon eine recht große Fangemeinde hatte und Daniel mit seiner Musik begeisterte. Ihnen ging es mittlerweile richtig gut. Als sie amerikanischen Boden betreten hatten, war eine Last von ihnen abgefallen und auch die Nachrichten aus Deutschland hatten ihnen geholfen, mit der Vergangenheit abzuschließen.

Eine der große Klatschzeitungen titelte in dicken Lettern: „Die große Lüge um Raphael von ARK: Schwuler Sänger war verheiratet, krimineller Manager heuerte Entführer an – alle Hintergründe nur bei uns.“ Das hatte doch schon einmal ziemlich gut angefangen – besser war es gewesen, als die Polizei bei Achim und Steffan auf der Matte gestanden hatte. Mark hatte dafür gesorgt, dass sie auch an die internen Berichte gekommen waren und wenn die nicht in die richtige Richtung gingen, hatte Mark mit ein paar Tipps weitergeholfen.

Schlussendlich waren beide im Knast gelandet, nicht für lange – die größte Genugtuung war sowieso gewesen, dass sie nicht einen Heller mehr von den ARK-Millionen gesehen hatten. Mark hatte das Geld gerecht unter den drei restlichen Mitgliedern der Band aufgeteilt und nachdem ein wenig Gras über die Sache gewachsen war, hatten sie wieder Kontakt mit Jessie und Daniels Eltern aufgenommen. Sie wussten zwar, dass sie nicht tot waren, aber doch waren sie erst beruhigt, als sie Daniels Stimme gehört hatten. Mittlerweile waren sie auch schon hier gewesen und hatten sich davon überzeugt, dass Daniel einen anständigen Kerl geheiratet hatte und kein Lotterleben führte. Jessie hingegen war öfter hier, weil sie mit dem Gedanken spielte, das nächste Semester hier in New York zu machen, schließlich waren Auslandssemester vorgeschrieben – was war da besser geeignet, als sich bei Mark und Daniel einzunisten und weiter für ihr Lieblingsmodell zu schneidern?

Daniel und Mark freuten sich darauf.

Lächelnd horchte er auf, als die Zuschauer jubelten und klatschten. Daniel hatte sein Publikum wieder in den Bann gezogen und sie wollten mehr hören. Er wusste noch wie heute, als Daniel auf die Jungs der Band gestoßen war. Durch einen dummen Zufall. Daniel hatte Musik auf seinem MP3-Player gehört und wie so oft mitgesungen. Sie hatten ihn sofort gefragt, ob er mitmachen wollte. So was konnte einem nur in der U-Bahn von New York passieren. Etwas skeptisch hatte Daniel nicht gleich begriffen, was sie meinten, doch er war zusammen mit Mark zum Termin erschienen, um vorzusingen. Daniel hatte gar nicht so schnell gucken können, wie er engagiert gewesen war. Mark konnte sich heute noch an das verdutzte Gesicht erinnern, als er den Vertrag gelesen hatte. Von wegen Manager, die Jungs promoteten sich allein. Der Gewinn ging zu gleichen Teilen und es gab weder Kleiderordnung noch Stilzwang – es war wie der sprichwörtliche Goldkrümel im reißenden Flussbett gewesen.

Seit diesem Tag war Daniel immer mehr aufgeblüht und auf einmal fiel es ihm nicht mehr schwer, Freunde zu finden. Mittlerweile hatten sie einige gute Freunde, mit denen sie sich öfter trafen und etwas unternahmen. Ihr Leben lief gerade richtig rund und Mark würde alles dafür tun, das es auch so blieb.

„Na, du Träumer?“, lachte eine weibliche Stimme neben Mark und jemand stupste ihm in die Seite. „Sabberst du wieder, während dein Göttergatte sich die Seele aus dem Leib singt?“ Jessie war vor zwei Stunden gelandet. Weder Mark noch Daniel wussten davon, dass sie sie besuchen wollte und deswegen hatte sie sich erst einmal ein Hotelzimmer genommen. Man wusste ja nie, was die beiden geplant hatten. Doch sie wusste es und beugte vor. Denn jedes Mal, wenn Daniel gepuscht von der Bühne kam, brannte hinterher im Schlafzimmer die Luft. Da wollte sie nicht stören. Außerdem hatte sie noch ein paar Kontakte zu reaktivieren, ehe sie in drei Wochen umziehen wollte.

„Jessie!“ Mark sprang auf und umarmte die junge Frau. Er freute sich, sie zu sehen und drehte sich mit ihr. „Er ist doch einfach anbetungswürdig, was soll ich da anderes machen, als zu sabbern? Mein Schatz ist heiß wie die Sünde und ahnt noch nicht einmal was davon.“ Er ließ Jessie los und lachte. „Wie lange bleibst du hier?“

„Etwa eine Woche. Nächsten Sonntag fliege ich zurück. Ich muss noch ein paar Sachen im Immatrikulationssamt regeln und meine Koffer packen. Ein paar Sachen habe ich schon mitgebracht und wollte sie bei euch unterstellen – aber erst morgen.“ Sie zwinkerte frech und setzte sich neben Mark auf den Tisch. Von hier aus konnte man gut auf die Bühne sehen – Backstage versteht sich.

„Das ist toll, dann können wir ja zusammen die Möbel für dein Zimmer aussuchen. Der Raum ist soweit fertig.“ Ihr Loft hatte ein bisher noch ungenutztes Zimmer und das hatten sie spontan ihrer Freundin angeboten. Sie konnte so lange bei ihnen bleiben, wie sie mochte. „Er sieht glücklich aus“, seufzte sie und Mark legte einen Arm um sie. So hörten sie Daniel zu und Jessie winkte ihm grinsend, als er in der Pause zu ihnen kam.

„Einmal nicht aufgepasst und schon spannt mir die Untermieterin den Mann aus“, lachte er und schloss seine Freundin in die Arme. Auch er war überrascht, freute sich aber nicht minder. Die Heimlichtuerin hatte nicht ein Wort gesagt. Nebenbei nahm er das Handtuch entgegen, das Mark ihm reichte und wischte sich über das Gesicht, ehe er seinen Mann zu einem Kuss zu sich zog, sicher um ihm zu beweisen, warum er es vorziehen sollte, doch lieber bei Daniel zu bleiben und nicht fremdzugehen.

„Wow.“ Mark hatte glasige Augen und ein seliges Lächeln, als Daniel sich von ihm löste und Jessie kicherte. Die zwei waren aber auch furchtbar. Darum hielt sie auch ihre Hand vor Marks Mund, als Daniel sich schon wieder vorbeugen wollte. „Hallo, ihr seid nicht allein“, maulte sie, aber dann nahm sie die Hand doch weg. Wenn sich jemand Küsse und Glück verdient hatte, dann diese zwei.

„Ich hab nicht ewig Pause, Süße, ich muss noch ein bisschen Energie tanken, sonst breche ich auf der Bühne zusammen und die Leute wollen ihr Geld zurück. Ich werde Pleite sein, muss unter die Brücke ziehen und du wirst keine Bleibe haben – also.“ Er sah seine Freundin frech grinsend an und drückte sich wieder an seinen Mann. Der Rest der Band kannte das schon. Anfangs hatten sie sich darüber noch gewundert, mittlerweile war es egal, was Daniel machte, wenn er nicht für die Band sang – und vor allen Dingen mit wem.

„Ich habe verstanden“, lachte Jessie und sprang vom Tisch. „Ich geh nach vorne und sehe mir die Show an.“ Sie blickte noch einmal von der Tür zurück, aber sie wurde schon nicht mehr beachtet. Daniel und Mark küssten sich und waren vollkommen in ihre eigene Welt versunken. Eine Welt, für die sie sogar gestorben waren. Da konnte man gar nicht anders, als sich mit ihnen zu freuen.

Leise schloss sie die Tür. Sie war sich sicher, Schatten aus der Vergangenheit hatten keine Chancen mehr. Dazu strahlte das Licht ihrer Liebe viel zu hell.



ENDE

Danke fürs Lesen