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Alles was zählt - Teil 53 bis 56

-53-

Es war bereits nach fünf, als Endre und Pierre mit JJ zurück auf das Anwesen kamen. Es war ein schöner - wenn auch sehr warmer - Tag gewesen. Erst hatte Pierre sie einmal um die ganze Insel gefahren, was nicht so lange dauerte, wie man glauben wollte, denn Mahé war nicht gerade das größte Eiland der Welt. An manchen Stellen hatten sie verharrt und aufs Meer oder ins Tal gesehen. Auch wenn die Insel nur klein war, so hatte sie eine Vielzahl sehr schöner Ecken. Endre konnte verstehen, dass es Pierre hier hergezogen hatte, um sein Leben in Ruhe und Frieden zu verbringen.

JJ war schon mit seinem Bild von der Schildkröte auf dem Weg runter zur Hütte, um es Gustav zu zeigen, der ja leider nicht hatte mit dabei sein können. Jetzt musste ihm das haarklein erzählt werden. Endre wollte ihm folgen, weil er es ungern sah, wenn JJ, der noch nicht schwimmen konnte, in der Nähe des Wassers allein war.

„Endre!", rief Pierre, als auch der sich bedankte und JJ nachsetzen wollte und Endre sah sich zu ihm um. „Danke, dass du mich begleitet hast", sagte Pierre leise und lächelte. Doch dann wagte er es und zog JJs Kindermädchen noch einmal zu sich, um ihm einen sanften Kuss auf die Lippen zu drücken. Wer nicht wagte, der nicht gewann.

Endre war überrascht, doch er ließ es geschehen. So wie er es bei Leif auch immer zuließ. Komischerweise fühlte sich das bei Pierre völlig anders als. Gerade so, als würde einer seiner Brüder ihm einen Kuss aufdrücken. Kein Kribbeln, kein Flimmern, keine weichen Knie - das war komisch. Dabei war Pierre doch wirklich ein netter Mann, in den man sich verlieben könnte, wenn da nicht Leif wäre. „Es war schön, ich habe zu danken", entgegnete Endre, um nicht auf den Kuss eingehen zu müssen. Dann lief auch er los. Seine Ausrede war JJ, doch eigentlich war es fast eine Flucht. Er wollte nicht, dass Pierre sich Hoffnungen machte, wo keine angebracht waren.

Langsamer als JJ ging auch Endre hinab zum Strand. Er wollte endlich mit JJ baden gehen, darauf freute sich der Kleine schon den ganzen Tag. Zwar war auf einer Schildkröte sitzen und andere Tiere angucken ganz toll gewesen, doch JJ hatte sich im Auto ziemlich schnell gelangweilt, weil er mit Landschaft nicht so viel anfangen konnte wie Endre. Deswegen hatten sie ihre Fahrt auch abgebrochen, weil der Kurze angefangen hatte zu quengeln. Er wollte endlich sein neues Schwimmtier ausprobieren und ins Wasser gehen.

„JJ?", rief Endre, als er bei der kleinen Hütte angekommen war. Ein kurzer Blick zu Jochens Domizil, doch der war noch nicht daheim. Wenn die Crew lange drehte, wurde auch lange jemand gebraucht, der immer wieder das Make-up auffrischte und die Jungs herrichtete, als kämen sie ganz frisch aus einem klimatisierten Raum. Das war bestimmt eine Kunst, den Jungs die Hitze und die Anstrengung wegzuschminken.

Kaum kam Endre auf die Terrasse, zerrte JJ schon wieder Gustav durch die Gegend. Der hatte nämlich die Nase voll, einfach in der Hütte hocken zu müssen. Zumindest erklärte JJ, Gustav hätte ihm das gesagt. Endre ließ ihn machen und lachte leise, setzte aber erst einmal eine Kanne Tee für sie beide an, der abkühlen durfte, damit sie ihn dann trinken konnten.

„Baden!", forderte JJ und war schon dabei, sich seine Klamotten vom Leib zu reißen. Ihn störte die Hitze und vor allem, dass er so schwitzte. Er wollte keine Kleider anziehen, ohne war doch viel schöner. Vorhin hatte er sich ja auch nur zum Schutz seines niedlichen Körperteils dazu durchringen können, sich etwas anzuziehen und jetzt, wo keine Gefahr mehr bestand, dass eine Schildkröte kam und ihm den Pullermann abbiss, konnte JJ auch wieder alles von sich werfen - schneller als Endre gucken konnte.

„Hier geblieben!", rief Endre, als JJ schon wieder auf dem Weg zum Strand war. Er griff sich den Kleinen sanft im Genick, damit er nicht gleich wieder flüchten konnte. „Erst mal schaffst du deine Sachen rein aufs Bett und dann schmiere ich dich mit Sonnencreme ein. Dann pusten wir deine Schwimmhilfen auf und DANN gehen wir runter ans Wasser", klärte er den Kurzen auf.

Natürlich murrte JJ ungemein. Jede Verzögerung war eigentlich seinerseits nicht hinzunehmen, aber er wusste, dass Endre nicht so nachgiebig war wie sein Onkel. Leif ließ sich oft breitschlagen, wenn JJ ihn groß und bettelnd ansah. Bei Endre war das irgendwie anders. Vor sich hin schimpfend trug er also seine Kleider ins Haus, während sich Endre aus den Klamotten schälte und in eine knappe, schwarze Badehose stieg. Er selber kam gut ohne Sonnencreme klar, bei JJ aber war er nicht so nachlässig. Der Kurze wurde schnell von oben bis unten eingestrichen, während er hektisch seine Schwimmflügel und den Schwimmring mit dem Löwenkopf suchte. Aus Gummi war eine Art Hose eingelassen, wo er die Beine durchstecken konnte, damit er den Ring auch bei einer Welle nicht verlieren konnte und unterging.

Kaum hatte Endre den Ring aufgepustet, stieg JJ hinein und lief runter zum Wasser. Endre durfte ihm gern noch seine Schwimmflügel hinterher tragen. Während die Menschen die Hütte verließen, kam Rudi gähnend um die Ecke, maunzte kurz zur Begrüßung und verschwand auch schon in der gekühlten Hütte. Endre lachte leise und schloss die Tür. Der kleine Kater würde schon eine Ecke finden, wo er wieder raus kam, wenn er wollte. Als er die Tür ins Schloss zog, fiel sein Blick auf den zerknüllten Zettel auf dem Boden und er hob ihn auf, erkannte schnell seine Handschrift und seine Worte für Leif. Warum lagen sie zerknüllt auf dem Boden?

Ob Leif sauer war, weil sie weggefahren waren? Endre kratzte sich am Kopf. Er war nicht ganz sicher. Er musste mit seinem Chef reden, wenn er fertig mit drehen war. Das durfte er nicht vergessen. Eigentlich hatte er geglaubt, es wäre Leif recht, wenn JJ und Endre nicht nur blöd herum saßen, sondern sich die Gegend ein bisschen ansahen. Aber so wie der Zettel behandelt worden war, war das vielleicht ein Irrglaube gewesen.

Kurz war Endre versucht, Leif zu suchen und zu fragen, doch dann erklärte er sich selbst, dass es keinen Sinn hatte. Wenn Leif nicht hier war, dann drehte er gerade und da würde Endre nur stören - davon abgesehen, dass er Viktor über den Weg laufen würde, worauf beide keinen Wert legten. Er nicht und Viktor Jansen sicher noch weniger. Also legte Endre den Zettel auf den Tisch zurück und folgte JJ, der schon nach ihm rief, weil er begriffen hatte, dass er ohne Endre nicht in das Wasser durfte. Dreist wie der Kleine war, stand er schon mit den Füßen im Wasser und ließ sie sich umspülen, doch weiter wagte er sich besser nicht, wenn er nicht von Endre geschimpft werden wollte.

„En-re!" Langsam wurde JJ ungeduldig. Er hopste auf und ab und kaum dass Endre bei ihm war, tigerte er ins Wasser. Dass es ziemlich kalt war störte ihn nicht und er quietschte begeistert bei jeder Welle, die ihm kühl gegen den Bauch schwappte. Endre folgte ihm und hatte ein waches Auge. Sie fingen an zu planschen und zu toben, JJ versuchte mit Hundepaddeln gegen die Wellen anzukommen und Endre versuchte ihm ein paar Schwimmzüge beizubringen. Doch der Kleine schluckte immer Salzwasser und hustete und spuckte, so dass Endre kurz davor war, Pierres Angebot anzunehmen, im eigenen Pool baden zu gehen. Nicht nur, dass es kein Salzwasser war. Es war auch ruhig genug, um dem Kleinen Schwimmen beizubringen.

JJ hatte von den Wellen dann erst einmal die Nase voll und so saß er keuchend am Strand und ruhte sich aus, während Endre sich neben ihn auf den Bauch legte. Er konnte noch ein bisschen Farbe gebrauchen und das kühle Wasser, das seine Füße umspülte, war sehr angenehm.

Während der Kleine anfing, im feuchten Sand ein Loch zu buddeln und schnell feststellte, dass es besser ging als im lockeren Sand vor der Hütte, hing Endre seinen Gedanken nach. Er saß zwischen den Stühlen und zwischen zwei Männern. Während einer alles für ihn tun würde und er nur ja sagen müsste, war der andere für ihn tabu. Doch er begriff das einfach nicht - sein Kopf weigerte sich. Sein Körper weigerte sich mindestens genauso! Er musste nur an Leif denken, da setzte alles aus. Ihm wurde heiß, seine Finger kribbelten unangenehm und sein Magen ballte sich zusammen. Es war die Hölle. Egal was er tat, er landete immer bei der krankhaften Vorstellung, diesen Mann besitzen zu wollen, sich ihn eigen zu machen. Er wollte ihn spüren, ihn schmecken. Leif hatte ihn heute noch nicht einmal geküsst. Sicher weil er heute Morgen nicht gewollt hatte, dass Pierre noch dümmere Gedanken bekam, als er sie schon zu haben schien - wenn man seine Fragen bedachte.

„Ach Mist", knurrte er leise und legte die Arme unter das Kinn, damit er den wühlenden JJ besser beobachten konnte. Doch irgendwann hatte die Hitze ihn für wenige Augenblick wegdämmern lassen, denn als er wieder zu sich kam, weil er seinen Namen gehört hatte, war es, als würde er einem Nebel entsteigen. Sofort sah er sich nach JJ um, doch der hing nun bis zur Hälfte in einem Loch und warf mit Sand um sich, fluchte, weil nun sein schönes Loch mit Wasser voll lief.

„Endre, da seid ihr ja wieder."

Endre sah auf und blickte Leif in die Augen. Er spürte genau, dass sein Chef irgendwie sauer war, auch wenn Endre nicht ganz klar war warum. „Tut mir leid!", sagte er aber sofort und erhob sich. Sein Bauch war voll Sand, als er auf Leif zuging, der an einer Palme unweit des Strandes lehnte und Endre beobachtete. „Ich dachte, es wäre okay, dass ich mit JJ ein bisschen die Gegend erkunde. Aber wenn dir das nicht passt, ist das auch okay. Ich muss das nur wissen, dann bleiben wir hier", sagte er eilig, denn der Gedanke, dass Leif mit ihm verärgert war und Endre selbst daran schuld sein konnte, gefiel ihm nicht.

Aber Leif hörte ihm kaum zu. Er starre Endre einfach nur an. War der Kerl denn verrückt, in solch einer engen Badehose herumzuspringen? Wie sollte man sich denn dabei noch auf etwas anderes konzentrieren als auf den gut gefüllten Schritt? Leif schluckte, als Endre vor ihm stand. Es war ein Reflex, dass er ihm über den Bauch strich und den Sand langsam abwischte. Er war schon getrocknet und fiel leicht ab, doch das hielt Leif nicht davon ab, weiter über Endres Bauch zu streichen.

Und der blieb stehen und ließ es geschehen - es war unbeschreiblich, Leifs Finger auf der eigenen Haut zu spüren.

„Endre, ich ertrage das nicht", sagte Leif leise und zwang sich zur Ruhe. Er durfte sich jetzt nicht vergessen, denn dann war alles vorbei. Nur ein kleines Signal von Endre und Leif würde alles über Bord werfen.

„Was habe ich gemacht?", fragte Endre leise. Seine Stimme zitterte dabei. Nicht nur, weil er nicht begriff, was Leif meinte, auch weil die Finger auf seiner Haut ihm den Mund trocken werden ließen. Das war berauschend - besser als in seiner Vorstellung. Am liebsten hätte er Leifs Hand gegriffen und sie tiefer geschoben, doch er zwang sich, sie im Nacken zu verschränken, um keinen Blödsinn zu machen. Dumm nur, dass er damit seinen Bauch straffte und sich jeder einzelne Muskel unter der Haut deutlich abzeichnete.

„Endre, ich kann nicht mehr. Das macht mich wahnsinnig", flüsterte Leif fast tonlos. Was tat dieser Mistkerl mit ihm?

„Was habe ich gemacht? Ist es, weil ich JJ mitgenommen habe? Ich dachte…"

„Halt die Klappe, Endre. Es geht nicht um JJ. Ich werde wahnsinnig, wenn ich sehe, dass ein anderer Mann dich umwirbt. Ich ertrage das nicht. Niemand soll dich haben. Ich will dich haben!" Leifs Stimme zitterte. Er schluckte und blickte Endre an, dabei sah er dessen fassungsloses Gesicht. „Ich werde noch verrückt, Endre. Ich muss dich nur sehen und das Denken setzt aus. So was wie mit dir hatte ich noch nie und das macht mir Angst. Ich will das nicht. Ich verliere die Kontrolle über mich. Ich erkenne mich kaum wieder. Das macht mich schier blöd im Kopf. Ich..." Leif zuckte die Schultern und ging einen Schritt zurück, doch er konnte sich von Endres Anblick nicht lösen. Wie das sprichwörtliche Kaninchen vor der Schlange. Er versuchte zu widerstehen.

Doch Leif wusste, dass er verloren hatte, als er seine Hand in Endres Nacken legte und ihn zu sich zog, um ihn harsch zu küssen. Er war besiegt und doch fühlte es sich so verdammt gut an! Blitze schossen durch seinen Körper - Gedanken, Gefühle und der Drang, immer mehr davon spüren zu wollen. Er stand unter Strom. Er zog Endre noch dichter, als er merkte, dass der sich nicht wehrte und drückte ihn mit dem nackten Rücken gegen den Stamm der Palme.

Endre war für eine Sekunde perplex. Den Ansatz eines Gedankens, der ihn daran hindern wollte, sich weiter küssen zu lassen, drängte er zurück.

Er wollte nicht vernünftig sein.

Er wollte der Mann sein, der Leif verrückt machte, dem dieser Prachtkerl nicht widerstehen konnte. Sein Ego trieb ihn weiter, denn er genoss Leifs Verzweiflung wie einen guten, schweren Wein, ließ ihn seine Kehle hinab rinnen und wollte mehr von dem Prickeln und den Kribbeln, was er bei seinem Weg durch seinen Körper auslöste.

„Mehr!", knurrte Endre ungehalten. Er fühlte sich so verdammt gut!

Ihre Zungen fochten ein atemberaubendes Duell, in dem keiner von ihnen unterliegen wollte. Sie brachten sich gegenseitig in kürzester Zeit um den Verstand. Dabei ging es Endre nicht anders als Leif. Sie wussten ganz genau, dass sie mit dem Feuer spielten und wie dünn das Eis war, auf dem sie ihre Strohfeuer entfachten - doch sie konnten sich nicht mehr zurückhalten. Sie waren wie unwiderstehliche Köder füreinander, wie das Licht für die Motte.

Die Hitze im Inneren trieb sie immer weiter. Hände wanderten über Leiber und Leifs Finger strichen immer wieder über Endres Seiten - auf und ab, auf und ab. So lange, bis er nicht mehr an sich halten konnte und sie tiefer schob. Während sie kaum noch atmen konnten und der fehlende Sauerstoff sie halluzinieren ließ, schoben sich seine Finger in die enge Badehose und er trank das kehlige Stöhnen, als er Endres harte Männlichkeit in seine Hand nahm, um sie zu massieren.

Er konnte nicht mehr zurück. Zu wissen, dass nur ein einziger Kuss ausgereicht hatte, um Endre so reagieren zu lassen, gereichte Leif zu wahnwitzigen Höhenflügen. Sein Puls raste, sein Herz klopfte wie wild. Nichts um sich herum nahm er noch war. Er wollte nur noch Endre hören - wie er stöhnte, wie er keuchte, wollte spüren, wie sich der begehrliche Leib dichter an ihn presste und um Erlösung bettelte. ER hatte Endre in der Hand - nur ER!

Endres Finger gruben sich hart in Leifs Hintern. Die dünne Leinenhose, die der Blonde trug, verhüllte kaum das Wesentliche. So rutschten seine Hände schnell tiefer und zwischen die Beine und Endre stöhnte ungehalten, als seine Finger ihm deutlich klar machten, dass Leif nichts drunter trug.

Der Kerl hatte das hier vorausgeahnt, er hatte es provoziert!

Es war ein Rausch, in den Endre sich selber trieb. Zu wissen, dass Leif ihm nicht widerstehen konnte, machte ihn trunken. Harsch griffen seine Hände zu, während er seinen Gespielen immer wilder küsste. Um Atem zu schöpfen lösten sie sich für Augenblicke, sahen sich an und schon fanden sich ihre Lippen erneut.

Endre öffnete seine Beine weiter, denn die Hand, die ihn so wissend massierte, raubte ihm den letzten klaren Gedanken. Er ließ sich in Leifs Arme fallen und ergab sich ihm. Leif sollte ihn erlösen, ihm einen Höhepunkt schenken, wie Endre ihn lange nicht gehabt hatte.

„Seid ihr noch ganz dicht?", brüllte plötzlich jemand ganz nah an ihrer beider Ohren und einen Augenblick später war Endre allein. Die wissende Hand um seine glühende Härte war verschwunden, genauso wie die heiße Zunge, die ihm den Verstand hatte rauben wollen.

„Ich glaube das ja nicht!", brüllte die Stimme wieder und es dauerte noch genau drei Wimpernschläge, bis Endre begriff, dass es Jochen war, der wutentbrannt neben ihnen stand und JJ auf dem Arm hatte. Endre, der immer noch erschöpft am Stamm der Palme lehnte, versuchte wieder zu Atem zu kommen und zu begreifen, wo er war. Die Hitze in seiner Körpermitte machte es ihm nicht leichter, sich zu konzentrieren. Und als er laut keuchend einen Blick mit Leif wechselte, machte das ihm klar, dass es um den nicht besser stand.

„Jo, was ist?", murmelte Leif, ein Zeichen dafür, dass er noch immer in seiner Lust gefangen war. Nichtsdestotrotz reizte er Jochen damit zu einem Knurren. „Ihr beiden seid ja wohl echt das Letzte? Nicht nur, dass euch außer mir so ziemlich jeder hätte sehen können und hier dann die Hölle los wäre. Das wäre mir, gelinde gesagt, ziemlich egal. Eurer Sexleben geht mich nichts an. Aber was ich euch übel nehme ist, dass ihr den Jungen allein im Wasser lasst und nicht ein Auge auf ihn habt!"

Endre wurde blass und sein Blick lag auf JJ. Er suchte den kleinen Körper unauffällig ab, doch er schien keine Schäden davon getragen zu haben. Doch das erleichterte Endre nicht wirklich, denn Jochen hatte Recht. Was hätte alles passieren können, wenn der nicht gekommen wäre?

Ohne Leif noch eines Blickes zu würdigen nahm Endre Jochen den Kleinen vom Arm und ging hastig mit ihm zurück zur Hütte. Als Leif den beiden folgen wollte, griff ihn sein Freund im Nacken. „Das halte ich für keine gute Idee, Leif", sagte er und sah ihn offen an. „Beruhige du dich erst einmal wieder." Dabei deutete Jochen auf das Zelt in Leifs weiter Leinenhose, das deutlich dessen glühende Leidenschaft für sein Kindermädchen verriet.

„Ich", fing Leif an, doch Jochen schüttelte den Kopf. „Du bist verlobt. Lass ihn in Ruhe. Du hast schon mehr angerichtet, als gut für euch beide ist und wenn er dir etwas bedeutet, dann lässt du ihn in Ruhe", sagte Jochen leise und ließ Leif wieder los. Im ersten Reflex wollte der Endre nachlaufen, doch als die Worte seines Freundes in ihm nachwirkten, musste er nicken.

Es stimmte. Er hatte Endre ziemlich aus der Bahn geworfen. „Ich kann nicht anders. Ich werde wahnsinnig, wenn er mit einem anderen Mann redet. Es macht mich verrückt, wenn er nicht bei mir ist. Ich muss ihn nur sehen und alles setzt aus." Leif klang resigniert und er lehnte sich an die Palme. Endre und JJ waren schon in ihrer Hütte verschwunden und die Tür war zu.

„Finde deinen Weg, Leif. Aber so wie im Augenblick kann das nicht weiter gehen. Du machst nicht nur ihn fertig, du leidest doch auch. Entweder bist du bereit alles wegzuwerfen, was du mit Viktor hast, und neu anzufangen oder du bleibst bei dem, was du hast und lässt die Finger von Endre. Aber für ein Tête-à-Tête ist er einfach zu schade." Jochen strich seinem Freund über die Schulter und lehnte sich an einer anderen Stelle gegen die Palme. So sahen sie sich zwar nicht mehr, aber das war nicht schlimm. Er kannte Leif gut genug, um zu wissen, wie es ihm ging, wenn er nur dessen Stimme hörte.

„Ich liebe Viktor, keine Frage. Ich bin eben nur sauer, weil er mich mit JJ so gar nicht unterstützt. Ich kann ihn nicht einfach so verlassen und das will ich auch nicht. Aber Endre will ich auch. Der Kerl macht mich an. Ich will ihn küssen, ihn spüren. Ich will, dass er nur mir gehört. Es ist wie ein Rauschmittel." Leif wusste nicht, wie er seine Gier nach seinem Kindermädchen erklären sollte.

„Er sagte mir mal, ich wäre so gar nicht sein Typ. Das hat meinen Ehrgeiz angestachelt und jetzt kann ich nicht mehr zurück. Ich muss ihn haben." Leif strich sich über die Augen und ließ die Hände sinken. Resigniert klemmte er sich seine Härte zwischen die Beine. Wer ihn so sah, dachte noch das Falsche und die Gerüchteküche brodelte. Das musste nicht sein.

„Leif, du kannst nicht beides haben. Nicht diese beiden Männer", sagte Jochen klipp und klar. Es war ja nicht so, als wäre sich Leif dessen nicht bewusst, doch das hieß noch lange nicht, dass er das auch einsah.

„Ich bin verrückt nach ihm", murmelte Leif, „und keiner kann mit JJ so gut umgehen wie er."

„Behältst du ihn wegen JJ oder wegen dir? Damit du ihn im Auge hast und er keinem anderen Mann unter die Finger kommt, hm?", fragte Jochen und hatte in ein Wespennest gestochen, ohne es zu wollen.

Leif schoss hoch und sah Jochen vorwurfsvoll an. „Was soll das heißen? Nur wegen JJ natürlich", sagte er gleich, doch dann revidierte er leise: „Wenn ich nicht weiß, wo er mit wem ist, macht mich das wahnsinnig. Er war heute den ganzen Tag mit Pierre weg und der ist scharf auf ihn. Ich stelle ihn mir schon im Bett vor. Ich..." Leif zuckte die Schultern.

Jochen stöhnte. Das war ja schlimmer als erwartet! Die beiden spielten nicht nur mit dem Feuer, die Idioten brannten schon lichterloh.

Beide!

Na wenn das mal gut ging. Diese Liebe stand unter keinem guten Stern - wirklich nicht. Der Himmel verdunkelte sich.



-54-

Zusammen mit JJ hatte sich Endre in die Hütte zurückgezogen. Er war durcheinander und so war es ihm ganz lieb, dass er sich weder mit Jochen noch mit Leif näher befassen musste. Er musste für sich selbst erst einmal klar stellen, was eigentlich passiert war. War er denn lebensmüde gewesen, sich auf Leif einzulassen? Welcher Teufel hatte ihn geritten, sich nicht dagegen zu wehren? Endre gab sich alle Mühe, das wohlige Gefühl im Bauch beiseite zu schieben, das ihn bei Leifs Worten durchzogen hatte.

Er könne es nicht ertragen, wenn Endre mit anderen Männern flirten würde und er wolle ihn für sich. Es war schon ein kleiner Kick für Endres Ego gewesen, er konnte das nicht leugnen und er wollte das auch gar nicht. Aber warum auch immer er sich gut gefühlt hatte, es hätte nicht passieren dürfe. Nicht der Kuss, nicht die geschickten Finger, die Endres Lust umschlungen hatten.

Noch bei der Erinnerung daran stellten sich Endre im Nacken die Härchen auf. Der Kerl machte ihn wahnsinnig. Was an sich nichts Schlechtes war, im Gegenteil - ganz natürlich bei einem so gutaussehenden Mann. Doch Leif war sein Boss, sein verlobter Boss mit einem rasend eifersüchtigen Verlobten! Jochen hatte Recht gehabt - es war Glück gewesen, dass nur er sie gesehen hatte. Wäre es Viktor gewesen, hätte das mit einer gebrochenen Nase enden können, wenn nicht noch schlimmer. Es war ein Zeichen des Schicksals, das ihnen noch eine Chance geben wollte, unbeschadet aus der Sache raus zu kommen und die sollten sie beide wirklich nutzen! Solch eine Chance bekam man nicht zweimal.

„Ah!" Endre schrie erschrocken auf, weil es plötzlich kalt wurde und als er JJ mit in die Seiten gestemmten Fäustchen neben dem Wasserhahn der Dusche stehen sah, wusste Endre auch wieder wo er war.

„En-re!", knurrte der Kleine und sah ziemlich wütend aus. Sicher hatte er seinem Kindermädchen eine Frage gestellt und keine Antwort bekommen. Aber der Kleine hatte sich zu helfen gewusst und das Wasser der Dusche auf kalt gestellt, um Endre auf sich aufmerksam zu machen. Endre hatte das Wasser schon abgestellt und ging vor JJ grinsend in die Hocke. Der Kleine war richtig clever, das musste man ihm lassen. „Was denn los, kleiner Nacktfrosch", lachte Endre und piekste JJ sanft in den Bauch.

Der zuckte und knurrte, dass keiner mit ihm reden würde und Endre gar nichts sagte. Doch er ließ sich versöhnend in ein Handtuch wickeln und plapperte munter drauf los und hatte schon vergessen, dass er eben noch wütend gewesen war. Es war niedlich mit anzusehen, wie JJ immer wieder versuchte die Augen offen zu halten, doch der lange Tag und das Toben hatten von dem Kleinen einen Tribut gefordert.

Im Wohnraum lag Rudi schon träge auf der Rattan-Couch. Er lag auf dem Rücken, hatte alle Fünfe von sich gestreckt und öffnete nur prüfend ein Auge. Aber niemand kam mit Futter, da lohnte es sich auch nicht, sich zu erheben. Endre lacht leise, der kleine Kater war wirklich klasse und sich vorzustellen, ihn behalten zu dürfen, war schön. Er musste da mit Leif noch in Ruhe reden, der hatte heute Morgen etwas überfallen gewirkt. Und zu aller Not würde eben nur Endre den Kleinen mitnehmen und bei sich behalten. „Faules Mau", lachte Endre, als er mit JJ auf die Terrasse ging, weil sie zu Abend essen wollten, dann konnte der Kurze schlafen gehen.

Sicher war er sowieso wieder zeitig wach und Endre hatte ihm vorhin noch einmal eingeschärft, dass JJ nie allein ins Wasser gehen durfte. Es schien, als hätte der Kleine verstanden, denn er hatte genickt, sehr ernst.

Für das Abendessen hatte Pierre frisches Obst bringen lassen und ein paar Scheiben kalten Braten und frisches Brot. Damit war JJ immer zufrieden und Endre war auch nicht sonderlich wählerisch. Schnell war alles gerichtet und der Duft lockte sogar Rudi. Wie selbstverständlich hockte der sich auf einen freien Platz und wartete darauf, dass man ihn auch bedachte. Und tatsächlich war eine in feine Happen geschnittene Scheibe rohen Fleisches dabei. Die bekam er dann und wirkte sehr zufrieden.

Der Kleine kam nicht einmal mehr dazu, seine Mangoscheiben aufzuessen, da hing JJ schon in seinem Korbstuhl und schlief. Endre lachte leise, doch er brachte den Kleinen erst ins Bett, ehe er selbst in Ruhe zu Ende aß. Er kuschelte den kleinen Nacktfrosch an sein Schaf, küsste ihn zur guten Nacht und ließ die Tür einen Spalt offen, ehe er zurück auf die Terrasse ging. Die Sonne senkte sich auch allmählich dem Horizont entgegen und so lehnte er sich in seinem Stuhl zurück und ließ seine Gedanken schweifen. Doch weit kam er nicht, denn Jochen schien nur darauf gewartet zu haben, dass JJ im Bett war. Er stand plötzlich vor Endre, als der wieder die Augen öffnete und sah ihn undeutbar an.

„Nimm Platz", sagte Endre und deutete auf den leeren Stuhl, auf dem JJ gesessen hatte, denn Rudi hatte sich auf seinem zusammengerollt und schlief friedlich.

„Und wie geht’s so?", fing Jochen an zu plänkeln, weil er nicht richtig wusste, wie er anfangen sollte. Er wollte nicht mit der Tür ins Haus fallen, aber neugierig war er doch, was eigentlich passiert war.

„Wie soll's schon gehen?", sagte Endre, weil er zwar wusste, über was Jochen reden wollte, aber selber keinen Schimmer hatte, was es da noch zu erklären gab. So saßen sie sich gegenüber und sahen sich an.

„Wegen vorhin", fing Jochen nun doch an, „ich weiß nicht, was da... so... ich meine…" Er zuckte die Schultern und nahm sich von dem Obst, was JJ liegen gelassen hatte vor Erschöpfung.

„Jochen, es ist einfach passiert. Er hat mich gegriffen und geküsst und ich konnte mich nicht widersetzen." Endre hob die Hand, weil Jochen wohl etwas einwerfen wollte. „Ich wollte mich nicht wehren, ich wollte von ihm so berührt werden", stellte er klar, damit keine Missverständnisse aufkamen.

Jochen sah ihn groß an und zog dann die Stirn kraus. „Er kommt hier her und küsst dich einfach so? Hat er gar nichts gesagt? Ich pack's nicht." Er war immer leiser geworden, gerade so, als spreche er nur noch zu sich selbst.

„Na ja, gesagt hat er schon was. Nämlich, dass er das nicht ertragen würde oder so und ich dachte er meint, dass ich mit JJ zusammen mit Pierre auf der Insel unterwegs war. Ich bin ihm entgegen gegangen, weil JJ ja gerade im Sand gewühlt hatte und ich dachte, er wird nicht gleich zurück zum Wasser laufen und da sagte er eben, dass er das nicht meint. Leif, meine ich." Endre zuckte die Schultern. Das klang in seinen Ohren ziemlich bescheuert, aber so war das nun mal gewesen.

„Und was war es nun, was er nicht ertragen konnte?", fragte Jochen, dabei glaubte er die Lösung ja eigentlich schon zu kennen. Er fühlte sich bestätigt, als Endre erneut ansetzt.

„Na ja, er sagte mir, dass er es nicht ertragen könne, wenn ich mit anderen flirte und dass er mich nur für sich allein will", gestand Endre leise und wusste nicht, was er davon halten sollte.

„Scheiße. Also, doch!" Jochen senkte den Kopf, das war schlimmer, als er befürchtet hatte. Leif spielte nicht nur ein bisschen und flirtete, weil er nicht der Typ Mann war, auf den sein Kindermädchen stand. Er hatte sich diesen Kerl in den Kopf gesetzt, er hatte sich verrannt. Das konnte nicht gut ausgehen. „Und jetzt?", wollte er deswegen wissen und Endre zuckte nur die Schultern. Was sollte er auch sagen?

„Wirst du den Job kündigen?", fragte Jochen ganz direkt, was er als beste Lösung sah.

„Hör auf, ihm Flöhe in den Kopf zu setzen, Jo!", knurrte Leif, der gerade um die Ecke kam. „Lass uns bitte allein, ich muss mit Endre reden." Der Blonde lehnte von außen über das Geländer und sah die beiden jungen Männer an.

Jochen legte den Kopf schief, während Endres Herz wild zu schlagen anfing. Und dabei war es gar nicht gut, dass sein Körper ihm erklärte, wie verdammt leidenschaftlich dieser Kerl küssen konnte. Doch Jochen erhob sich und nickte. „Aber Jungs, reißt euch bitte zusammen." Er wechselte mit jedem noch einen langen Blick, denn ihm war nicht wohl dabei, die beiden zusammen allein zu lassen. „Ich beobachte euch!", drohte er, grinste aber.

Er ging an Leif vorbei, der auf die Veranda kam und sich in den Stuhl fallen ließ, auf dem Jochen eben gesessen hatte. Auf die Idee, Rudi aus seinem Stuhl zu scheuchen und sich neben Endre zu setzen, kam Leif wohl nicht. Aus welchem Grund auch immer. „Und? Wirst du?", fragte er und lehnte sich zurück. Doch Leif wirkte lange nicht so entspannt, wie er sich gern gegeben hätte. Er war ein guter Schauspieler, aber auch ihm hatte das, was passiert war, zugesetzt.

„Was werde ich?", fragte Endre, weil er nicht gleich verstand und Leif verdrehte die Augen.

„Aufhören, wie Jochen gesagt hat. Wirst du?"

Endre zuckte die Schultern. Was sollte er denn darauf sagen? Natürlich wollte er das nicht, auch wenn er noch nicht zu einhundert Prozent beschwören konnte, welches der eigentliche Grund dafür war. „Wenn du mich nicht rausschmeißt, sicher nicht", sagte er also und sah irgendwie mit Genugtuung, dass Leif innerlich erleichtert aufatmete.

Er wirkte gleich etwas entspannter und griff nun ebenfalls nach dem kleingeschnittenen Obst. „Ich weiß nicht", fing der Blonde leise an, „ob ich mich entschuldigen soll. Auf der einen Seite war es nicht in Ordnung, dass ich so über dich hergefallen bin, auf der anderen Seite bereue ich es nicht. Ich…" Leif brach ab und wollte wissen, was Endre dazu sagte, doch der grinste nur schief. Eine Hilfe war er wirklich nicht.

„Du weißt so gut wie ich, dass das nie wieder passieren darf, Leif. Deswegen würde ich dich bitten, mich als das zu sehen, was ich bin." Das, was jetzt folgte, fiel Endre nicht leicht. Er musste Leif darum bitten, sich ihm nicht mehr zu nähern, dabei war es toll gewesen. Von ihm angesehen, von ihm berührt, wenn auch nur unverfänglich, von ihm geküsst, wie selbstverständlich. Das alles durfte nicht mehr passieren, wenn das nicht wieder so eskalieren sollte wie vorhin.

„Ich weiß", sagte Leif und schloss die Augen. Doch nur weil er das wusste, hieß das noch lange nicht, dass er sich daran halten konnte. Dieser Kerl machte ihn wahnsinnig, mehr noch, seit er wusste, wie gut Endre aussah. Nur in der engen, schwarzen Badehose vorhin war er zum anbeißen gewesen. Das nicht besitzen oder berühren zu dürfen war Folter. Schlimmer war es, dass Leif nun wusste, wie reichlich Endre bestückt war. Es war, als könnte er die weiche Haut und die harte Länge immer noch unter seinen Fingerspitzen fühlen. Es war wie ein Wahn.

„Unsere Beziehung sollte sich nur noch auf JJ belaufen. Du wirst mich nicht mehr küssen, nicht mehr anfassen", sagte Endre mit entschlossenem Ton und es schmerzte, als Leif ihn fast panisch ansah. „Du hast doch vorhin gesehen", schob Endre deswegen erklärend nach, „dass wir beide nicht in der Lage sind, uns zu beherrschen. Du hast gesehen, was aus einem Kuss werden kann. Das darf nie wieder passieren, Leif. Egal wie gut es war." Endre hätte sich für den Nachsatz ohrfeigen können, denn Leif grinste ihn lüstern an.

„War gut, ne?", lachte er leise und Endre senkte den Blick, nur gut, dass man im Schein der untergehenden Sonne nicht mehr sah, dass er rot wurde. Ja, verdammt, es war gut gewesen und wenn nicht so viel dagegen sprechen würde, würde er sich Leif jetzt greifen und mit ihm vögeln, bis der Arzt kam, doch das ging nicht.

„Dein Verlobter bringt mich um, wenn er von dem, was passiert ist, erfährt. Deswegen darf es nie wieder geschehen", sagte Endre entschieden. Er wollte Leif nicht die Chance geben, sich in dem, was passiert war, zu sonnen.

„Lass Vik nur meine Sorge sein", wollte Leif dagegen halten, doch Endre schüttelte entschieden den Kopf.

„Das kann ich nicht, weil er das nicht zulässt. Ich bin sein rotes Tuch und er findet seine Reibungspunkte. Du wirst nicht immer da sein, wenn ich mit dem Mann und JJ allein in der Wohnung bin. Ich lege keinen Wert darauf, dass der mir das Leben zur Hölle macht, weil er glaubt, ich will mit seinem Verlobten ins Bett. Also Leif, ich sag…"

„Und? Willst du?", schob Leif einfach dazwischen. Es interessierte ihn nicht, was Endre noch zu sagen hatte. Das war nur gespickt mit Logik und Dingen, die Leif vor Augen führten, dass es wirklich besser war, von dem Mann die Finger zu lassen - doch das wollte er nicht.

„Leif, das spielt keine Rolle. Es geht nicht und es wird nie wieder passieren, da ist es egal, ob ich wollen würde oder nicht." Endre mogelte sich um eine Antwort, weil er selbst Angst davor hatte. Wollte er?

„Du weichst mir aus." Leif ließ sich nicht beirren.

„Was nutzt es dir, Leif? Was nutzt es, wenn ich dir sagen würde, dass ich dich gern mal bewusstlos vögeln würde? Geht es dir dann besser? Macht es alles leichter? Ich glaube nicht." Endre schüttelte den Kopf, Leif wollte es einfach nicht begreifen, also musste er den Schlussstrich ziehen. „Ich will nicht mit dir ins Bett. Ich fand es schmeichelhaft, dass ich dich reize, aber wie ich schon einmal sagte…"

„Ich bin nicht dein Typ, ich weiß", sagte Leif gereizt und Endre zuckte etwas in seinem Stuhl zurück. War das jetzt ein Fehler gewesen? „Aber warum wirst du in 10 Sekunden hart, wenn ich dich nur küsse, Endre? Passiert dir das bei jedem, der nicht dein Typ ist?" Leif musste es wissen. Er konnte nicht einfach sagen: okay, ich nehme es hin. Dieser Mann reizte ihn wie kein anderer. Um keinen würde er je so kämpfen wie um Endre. Nicht einmal um Viktor.

„Meine Güte, Leif. Ich habe seit ein paar Wochen gedarbt. Das mit Jack war nicht gerade erfüllend gewesen. Da kann das schon mal passieren. Bilde dir doch nicht auf alles etwas ein", knurrte Endre. Er fühlte sich in die Enge getrieben. Doch als Leif nickte, sah er ihn verwundert an. Warum gab der jetzt auf? Endre konnte ja nicht wissen, dass Leif sehr wohl spürte, dass Endre log. Es musste einen Grund haben, warum sich Endre dies alles verbot und langsam begriff der Blonde, dass er vielleicht auch etwas einlenken sollte. Wenn er Endre weiter so bedrängte, dann passierte das, was Jochen vorgeschlagen hatte: Endre ging einfach und Leif würde ihn nie wieder sehen. Das war die Hölle. Allein die Vorstellung!

Wenn er ihn weiter dazu trieb, Leif unbedingt beweisen zu müssen, dass das mit ihnen nichts werden konnte, dann warf er sich vielleicht noch in Pierres Arme! Dann blieb Endre vielleicht noch hier! All diese Gedanken machten Leif bald wahnsinnig.

„Ich weiß, dass ich dir nichts vorschreiben kann, weil du nur mein Angestellter bist", sagte er leise, um sich zu erklären. Vielleicht war er das Endre endlich einmal schuldig. „Aber du bist ein toller Mann. Nicht nur, weil du gut aussiehst. Du bist clever, du liebst den Jungen, du kümmerst dich und du redest mir nicht zu Munde. Vielleicht ist es das, dass du dich so von den anderen um mich herum abhebst, dass ich dich einfach besitzen will. Nein, besitzen ist falsch. Ich möchte dich behalten. Mit dir ist vieles so viel leichter." Leif zuckte die Schultern und fing an, nervös über die Armlehnen seines Stuhles zu streichen. Er suchte Endres Blick, doch der lag nur starr auf ihm. Was sagte Leif da?

„Da oben reden mir alle zu Munde. Hinter meinem Rücken lästern sie wegen JJ. Was soll ich mit denen?" Es war kein Geheimnis, dass die anderen Darsteller und auch die Filmcrew mit seinem Drang nach dem Jungen nichts anfangen konnten. Sie sahen nur, dass mit Leifs geplantem Ausscheiden ihre Jobs auf dem Spiel standen. Dementsprechend war JJ - und damit auch Endre - ein rotes Tuch. Sie redeten nicht besonders gut über den jungen Mann, der lieber Kinder hütete. Heimlich hatten sie ihm schon weibliche Namen gegeben und wenn von Emma die Rede war, wusste Leif, wer gemeint war. Auch wenn der Rest keinen Schimmer hatte, dass der Boss es wusste. Sollten sie sich sicher fühlen. Die waren einen Streit nicht wert. Frank und Jochen waren die einzigen, bei denen es Leif wichtig war, dass sie seine Beweggründe verstanden.

„Ich brauche dich einfach, Endre. Verlass mich nicht. Und wenn ich dafür schwören muss, dich nie wieder anzufassen, dann werde ich das tun. Aber bitte, verlass mich nicht." Bittend sah er sein Gegenüber an und Endre schluckte hart. Man konnte es in der Stille des Sonnenunterganges deutlich hören.

„Leif, ich…", setzte er an und wusste nicht, was er sagen sollte. Endre strich sich nachdenklich durch die Haare. Von der Warte hatte er das noch nie gesehen und dass Leif sogar bereit war, ihn nie wieder anzufassen, wenn Endre nur blieb, das machte ihn nachdenklich. Endre hatte nicht eine Sekunde mit dem Gedanken gespielt aufzuhören - doch es musste etwas passieren. Sie waren beide zu fasziniert vom anderen.

„Okay. Machen wir das so. Versuchen wir miteinander umzugehen wie Arbeitskollegen", stimmte er nickend zu und sein Blick dabei war schmerzlich. Nie wieder von Leif in den Arm genommen? Nie wieder die sanften Küsse, wenn sich ihre Wege trennten? Es war ein schaler Beigeschmack in diesem Deal, das mussten sie beide zugeben - doch es ging nicht anders. Wenn sie ihre Grenzen nicht einhalten konnten, dann mussten sie härter und schärfer gezogen werden.

Auch wenn es Leif schwer fiel, er nickte dazu. „Können wir morgen damit anfangen?", fragte er leise und legte seine Hand weit auf den Tisch in Richtung Endre. „Heute möchte ich dich noch einmal zum Abschied küssen und ich möchte dir über die Wange streichen dürfen", sagte er sanft und seine leisen Worte schnitten Endre ins Herz, schärfer als jede Klinge, denn sie sprachen ihm aus der Seele.

„Ja, fangen wir morgen damit an", sagt er leise und seine Hand legte sich auf Leifs. Er konnte nicht anders. Dieser Mann würde eines Tages sein Verderben sein - egal wie oft sie sich versprachen, sich nicht mehr zu begehren. Sie konnten es nicht, sie wussten das beide und suchten Wege, einander behalten zu dürfen.

Weil Leif keine Anstalten machte etwas zu tun, war es Endre, der die Hand zu sich zog und Leif zwang aufzustehen, sich über den Tisch zu beugen und Endres Lippen mit seinen zu berühren. Ein kurzer Kuss, der länger wurde, ehe sie sich ohne ein Wort trennten und Leif zurück in seine Welt ging.

Endre blieb allein zurück und verwirrter denn je.


-55-

Die nächsten Tage gaben Leif und Endre eigentlich kaum noch die Gelegenheit, ein paar Augenblicke der Zweisamkeit zu genießen.

Pierre war immer damit beschäftigt Endre - und somit auch JJ - die Gegend zu zeigen und sie dem jungen Mann schmackhaft zu machen.

Wenn man wusste, was Pierres Ziel war, konnte man merken, wie viel Energie er darauf verwendete, Endre das Inselchen ans Herz zu legen und ihn dafür zu entflammen, damit er noch etwas blieb und sie allein sein konnten. Endre war auch ein höflicher Gast, er zeigte Interesse, flirtete ein wenig, doch er machte zu Pierres Leidwesen auch gleich seine Grenzen deutlich klar.

Es war ja nicht so, dass er Pierre nicht mochte, doch wenn er sich auf ihn einlassen würde, wäre der Mann nur Mittel zum Zweck - nämlich das Mittel, um Leif etwas zu vergessen und das war nicht leicht. Eigentlich war Endre seinem Gastgeber dankbar dafür, dass er ihn ablenkte und vom Anwesen fern hielt. Umso geringer war die Versuchung, sich zu sehen und es wieder ausarten zu lassen. Jochen hatte Recht gehabt: sie hatten wirklich von Glück sprechen können, dass nur er sie entdeckt hatte. Wäre das einer von der Crew gewesen oder gar Viktor, sie wären beide ihres Lebens nicht mehr froh geworden.

Und schon war Endre wieder bei dem Thema, was ihm die meisten Bauchschmerzen bereitete: Leif und Viktor. Er wusste noch nicht, was er davon halten sollte. Allein der Gedanke, dass Leif immer wieder zu Viktor zurückging, dass sie sich vor und hinter der Kamera liebten, machte ihn auf eine seltsam unangenehme Art wütend. Endre war bewusst, dass ihm das nicht zustand und dass er nicht der Mann war, der Leif das Leben bieten konnte, wie Viktor es konnte und wie Leif es gewohnt war. Er war eben wirklich nur eine arme Straßenratte.

Doch dann fing sich Endre ziemlich schnell wieder, machte sich klar, dass Leif eh nicht sein Typ war - auch wenn sie beide mittlerweile wussten, dass das gelogen war und er sehr intensiv auf diesen Mann reagierte. Ob es Endre gefiel oder nicht: der Abend vor ein paar Tagen hatte sein Leben irgendwie über den Haufen geworfen. Alles, an was er noch denken konnte, war Leif und wenn er es tat, dann wurde er wütend auf sich selbst. Er hatte professionell sein wollen, er hatte sich nur um den Jungen kümmern wollen und nicht noch mit dem Arbeitgeber anbändeln. Doch es ging nicht. Schon allein, weil Leif eine Art hatte, die Endre glauben ließ, dass er der wichtigste Mensch auf dieser Welt war. Er hatte dieses Gefühl lange nicht mehr gehabt und nun, wo er es genossen hatte, war er süchtig danach. Er wollte wichtig sein - aber nicht für irgendjemanden, denn für Pierre war er schließlich auch sehr wichtig. Doch das Gefühl, was er dabei bekam, wenn der Mann ihm beim Arm nahm, ihn anlächelte oder kurz an sich drückte, war nicht das, was Endre durchmaß, wenn Leif in seiner Nähe war. Das war eine Anziehung, gegen die sie beide nichts machen konnten. Sie mussten sich nur sehen und es setzte aus.

Endre war nicht der einzige, der das wusste, auch Frank war das nicht entgangen, deswegen sorgte er nun so oft es nur ging dafür, dass Leif beschäftigt war. Er konnte sich immer gut damit herausreden, dass sie schließlich zum arbeiten hier waren und er die Hauptfigur in dem Film war. Er wollte mit aller Macht, die er ausüben konnte, vermeiden, dass Leif und Endre wieder Zeit füreinander hatten. Zwar hatte er - weil Jochen wirklich den Mund gehalten hatte - keinen Schimmer davon, was bereits passiert war, doch er hatte so seine Befürchtungen. Schon allein, weil Viktor immer gereizt war und das Arbeiten mit ihm schwer wurde, wenn sich Leif nach unten an die Strandhütten abgesetzt hatte - offiziell, um nach JJ zu sehen, doch es war wohl jedem klar, dass der Junge manchmal auch nur Mittel zum Zweck war. Wenn das Kindermädchen so gut war, wie Leif immer sagte, dann musste man nicht jede Stunde ein Auge auf den Kleinen haben, dann konnte man auch mal vertrauen. Schlimmer war, dass mittlerweile Gerüchte die Runde machten und auch die anderen Darsteller darüber spekulierten, warum Leif zusammen mit Endre und dem Jungen separat geflogen war, wozu Bordtoiletten da waren und lauter Dingen, die Viktors Laune auch nicht gerade begünstigten.

Es war an Frank, ab und an lenkend einzugreifen, denn er war der Regisseur. Es war an ihm, dafür zu sorgen, dass die Jungs vor der Kamera ihr bestes gaben und dafür war es notwenig, dass sie zufrieden waren. Und da Viktor nur zufrieden war, wenn Leif sich nicht am Strand bei seinem Kindermädchen herum drückte, sorgte er eben mit Hunderten von Fragen und Einstellungen und Überlegungen dafür, dass er keine Zeit hatte.

Es war ja nicht so, als wäre das Leif noch nicht aufgefallen, doch was sollte er sagen? Mach deinen Mist selber, ich muss mal an den Strand? Das ging nicht. Er war durch und durch Profi und er wusste, dass manchmal das Privatleben einfach zurückstehen musste, wenn man im Job vorwärts kommen wollte. Also biss er die Zähne zusammen, versuchte das Bild von einem lustgetränkten Endre in einer knappen, schwarzen Badehose aus seinem Kopf zu vertreiben und sich dann wieder seiner Arbeit zu widmen - er sagte sich immer: Je schneller er fertig war, desto schneller kam er an den Strand. Doch es war wie beim Zauberer, der immer neue Kaninchen aus dem Hut holte, Frank wurde mit ihm einfach nicht fertig. Wenn Leif dann endlich Zeit hatte, nach unten zu gehen, schlief JJ meistens schon und Endre war auch nie allein. Mal saß Pierre noch mit einem Glas Wein bei ihm, was Leif die Wut in die Adern trieb, mal hatte sich Jochen für einen Plausch angesagt. Sie waren nie allein.

Er wusste so gut wie Endre, dass es besser war, wenn man sie nicht mehr allein ließ, doch es gab Augenblicke, da wollte Leif nicht vernünftig sein. Dann wollte er sich mit Endre über die Laken rollen, den Kerl bewusstlos küssen und sich an seiner Lust aufgeilen - primitiv und animalisch. Manchmal zweifelte er an sich selbst. Nun hatte er die letzte Woche mehr Sex, als er sonst hatte und doch war sein Körper nicht zufrieden - er hatte nicht das bekommen, was er wollte. Endre war für ihn und seine Libido fast unerreichbar. Auch jetzt, während er mit Frank ein paar Szenen des Tages durchging und sie sich Gedanken darüber machten, was an der einen oder anderen Sache noch nicht stimmig war.

Sie waren so vertieft in die Bänder und das Storybook, dass ihnen gar nicht auffiel, dass Viktor sich abgesetzt hatte.

Es war schon dunkel draußen und die laue Luft war mittlerweile wieder erträglich.

Endre hatte JJ vor einer Weile ins Bett gebracht. Der Junge war todmüde in die Kissen gesunken, denn sie waren heute den ganzen Tag am Meer gewesen und Wasserratte JJ hatte getobt wie verrückt. Umso besser schlief er jetzt. Endre saß wie jeden Abend vor der Hütte und wollte den Abend ausklingen lassen. Heute allein und ohne Wein. Er hatte die Füße hochgelegt und sah durch das lichte Blätterdach der Palmen in die Sterne. Es war wirklich zauberhaft hier und er konnte verstehen, warum es Pierre hierher gezogen hatte. Doch auf die Dauer wäre das nichts für Endre. Zum Erholen war es hier geradezu ideal - paradiesisch, doch Endre war ein Großstadtkind. Er brauchte Trubel und Hektik, Menschenmassen und Autoverkehr. Er brauchte die Lichter der Stadt und die Möglichkeit, Tag und Nacht Leben um sich zu haben. Er war kein Mensch für die Ruhe.

„Hey, Straßenratte. Ist Leif hier?", hörte er es plötzlich und schon allein wenn er die Stimme nicht erkannt hätte, hätte er gewusst, wer ihn da unverschämt von der Seite anquatschte. Er beschloss also, auf diese Bosheiten nicht zu reagieren. Er schloss die Augen und legte den Kopf nach hinten. Er wusste, dass er Viktor damit provozierte, doch so lange der sich nicht an die Grundformen der Höflichkeit halten konnte, solange hatte Endre kein gesteigertes Verlangen, dem Kerl Auskunft zu geben.

„Hey, Straßenratte", knurrte Viktor, ungehalten, weil er deutlich sah, dass Endre ihn gehört hatte und aus Absicht nicht reagierte. Er kam langsam näher und betrat die Terrasse. Mit einem Knie stupste er Endre gegen den Schenkel. „Ich rede mit dir."

„Hier ist niemand, der diesen Namen im Ausweis stehen hat, deswegen antwortet dir auch keiner", klärte Endre auf, die Augen immer noch geschlossen. Das war riskant, das wusste er selbst. Wenn Viktor zuschlagen sollte, würde er das nicht kommen sehen.

„Werd nicht noch frech, Straßenratte. Ich will wissen, wo Leif ist!" Viktor schubste Endres Füße von dem Stuhl und setzte sich selbst dem Mann gegenüber. Sie wollten schon sehen, wer hier am längeren Hebel saß.

Überrascht von der plötzlichen Veränderung öffnete Endre doch die Augen und sah sein Gegenüber wütend an. „Was soll das?"

„Bist du jetzt bereit, mir zu sagen, wo Leif ist?" Viktor hatte sich wieder gefasst und versuchte nun einen Hauch von Gelassenheit an den Tag zu legen. Von dieser Ratte ließ er sich doch nicht provozieren.

„Siehst du ihn hier irgendwo? Vielleicht unter dem Tisch? Hinter der Palme?" Endre wusste selbst, dass die Suche nach Leif nur ein Vorwand war. Ihm war schon aufgegangen, dass Viktor immer wusste, wo Leif war, schon weil er seinem Verlobten misstraute und ständig in dem Irrglauben lebte, betrogen zu werden. Warum Leif sich das täglich aufs Neue antat verstand Endre sowieso nicht. Doch das war keine Entscheidung, die Endre zu treffen hatte.

„Werd nicht frech. Ich habe dir eine Frage gestellt. Bist du nicht in der Lage die zu beantworten?" Viktors Augen funkelten, Endre fühlte sich unbehaglich dabei. Er spürte ganz genau, dass der Kerl was im Schilde führte, nur was?

„Meine Güte, Viktor", sagte Endre und setzte sich gerade in den großen Korbstuhl, „du weißt doch so gut wie ich, dass Leif nicht hier ist, sondern oben arbeitet. Machen wir uns also nichts vor, was willst du wirklich?" Endre nickte sich selbst unmerklich zu, als er sah, wie Viktors Gesichtszüge sich kurz änderten, ehe er wieder souverän wirkte.

„Gut, umso besser. Das macht es mir leichter." Viktor hatte seine Worte noch nicht beendet, da schoss er auch schon hoch und auf Endre zu. Der konnte weder flüchten noch sich wehren, da spürte er schon ein Knie auf seinem Schritt und stöhnte leise, das tat nämlich ziemlich weh. Doch er kam nicht dazu, zu fragen, was der Blödsinn denn jetzt schon wieder sollte, denn mit einem festen Griff hatte Viktor sich seines Kiefers bemächtigt. Mit kräftigen Fingern drückte er zu und so kam Endre gar nicht dazu etwas zu sagen, weil er seinen Kiefer nicht bewegen konnte.

„Was ist?", grinste Viktor. Er wirkte irgendwie zufrieden und das machte Endre doch Angst. Was wollte der Spinner von ihm? Hatte Viktor doch erfahren, was passiert war und brauchte jetzt seine kleine Rache für sein kleines Ego? Oder was sollte das werden? „Und jetzt mal Tacheles, mein Lieber. Ich muss hier wohl mal etwas grundlegend feststellen." Viktor kam immer näher.

Endre konnte seinen heißen Atem schon auf seinen Lippen spüren - das war doch jetzt alles nicht wahr! Endre riss die Augen auf, als er dessen Lippen harsch auf seine gedrückt spürte und glaubte sich im falschen Film. Mit einem festen Druck auf die Kiefer zwang Viktor Endre dazu, seine Lippen für ihn zu öffnen. Endre wusste gar nicht, wie er sich wehren sollte. Er versuchte seine Kiefer zu schließen, doch das ging nicht.

Doch plötzlich ließ Viktor ab von ihm, hielt ihn aber mit seinem Knie noch immer in Schach. „Hör zu. Wir wissen beide, dass der Junge nicht der Grund ist, warum du den Job angenommen hast, aber eines will ich dir sagen. Leif steht nicht auf devote Bottom. Er braucht einen richtigen Mann im Bett. Erliege also nicht der Illusion, du könntest mich bei ihm ausbooten."

Das alles was so schnell passiert, dass Endre nicht gleich reagieren konnte, doch als erstes wischte er sich einmal demonstrativ über die Lippen. Er ging auf den Blödsinn, den Viktor gesagt hatte, nicht ein. Das war ihm zu billig. Lieber bemerkte er, dass er sich die Männer, die ihn küssen durften, immer noch selber aussuchen würde. Doch da lachte Viktor nur.

„Sicher, deswegen hast du dich auch als Darsteller beworben, nicht wahr? Weil man sich da ja auch immer aussuchen darf, wer einen fickt. Alles, was du wolltest, war Leif. Und wenn du ihn nicht vor der Kamera vögeln darfst, versuchst du es jetzt über den Jungen? Kleiner, du bist eine armselige Straßenratte. So was wie dich würde Leif nicht mit der Kneifzange anfassen. Der ist doch nur nett zu dir, weil er wie ein Blöder in den Jungen vernarrt ist. Glaube nicht, dass du nicht austauschbar bist."

So überheblich wie Viktor bei seinen Worten grinste, war die Versuchung bei Endre groß, dem Idioten zu sagen, wie heiß Leif auf sein Kindermädchen war und dass er durchaus auch dominant sein konnte. Er wollte ihm gern in jeder noch so kleinen Einzelheit schildern, was sie erlebt hatten, wie sie sich begehrten - doch das würde für Leif nur jede Menge Ärger bedeuten, denn es ging diesen Kerl hier nichts an.

Verlobter hin oder her, er war nicht der richtige Mann für Leif, das war Endre mit einem Schlag klar. Leif hatte etwas Besseres verdient und egal wie größenwahnsinnig es sein mochte, er fühlte sich als dieses Bessere. Er hatte vielleicht nicht die Summen an Geld auf der Kante wie Viktor, nicht den Berühmtheitenstatus in der Szene, aber er konnte Leif mit einem Blick heiß machen und sie hatten so viele Gemeinsamkeiten.

Wenn er sich bis heute auch noch zurückgenommen hatte, weil es sich - auch wenn man noch so heiß auf den anderen war - nicht gehörte, sich in eine funktionierende Beziehung zu mischen, so war genau dies der Augenblick, in dem ihm klar wurde, dass diese Beziehung doch gar nicht funktionierte. Wegen diesem Idioten hatte er Leif immer wieder abgewiesen, ihn zurück in diese besitzergreifenden, einengenden Arme getrieben.

War es das wert?

„Viktor, ich weiß nicht, wie viele schlechte Drehbücher du schon gelesen hast, um solchen Mist zu spinnen. Vorgestellt als Darsteller habe ich mich nicht wegen Leif, sondern wegen der Kohle. Der Kerl ist nicht mein Typ. Frag ihn, er kennt meinen Freund. Er weiß von Jack. Ich bin nicht interessiert an blonden Typen mit langen Haaren. Er ist nett, aber alles, was uns verbindet, ist der Junge!"

Endre wusste selbst nicht, warum er das sagte, warum er Jack aus der Versenkung holte und warum er sich rechtfertigte. Doch es war besser für Leif. Er wusste nur zu gut, dass Viktor ihm eine Szene machen würde, die sich gewaschen hatte, wenn auch nur ein Wort fiel, das den Hauch von Zuneigung hatte.

„Red doch keinen Scheiß. Du willst Leif, das sieht man doch. Warum fliegt ihr denn sonst alleine? Das war doch sicher deine Idee. Hast wieder den Jungen vorgeschoben, hm?" Viktor ließ einfach nicht locker. Immer wieder versuchte er Endre Worte in den Mund zu legen und lauerte darauf, dass der einen Fehler machte.

„Sag mal, Viktor, willst du deinen Verlobten loswerden oder warum bietest du ihn hier an wie sauer Bier?", fragte Endre, dem das hier langsam auf den Nerv ging. Er hatte nur seinen Abend in Ruhe ausklingen lassen wollen und nicht mehr. War das denn zu viel verlangt gewesen?

„Ich will ihn nicht loswerden. Ich will, dass du deine gierigen Pfoten von ihm lässt", zischte Viktor und drückte sein Knie fester in Endres Schritt.

Der riss die Augen auf, konnte sich das schmerzverzerrte Stöhnen aber verkneifen. Er wollte keine Schwäche zeigen, nicht dem Idioten gegenüber. Vielleicht auch nur, weil er nicht wollte, dass Leif erfuhr, dass er vielleicht ein Waschlappen war, egal wie dämlich das klang.

„Vik-tor", sagte Endre gezogen, „reicht es dir nicht, wenn man erklärt, dass Leif nicht in mein Beuteschema passt? Musst du so lange reden, bis ich doch noch Interesse bekomme? Ich verstehe echt dein Ziel nicht."

„Ach halt die Schnauze, lass einfach deine Pfoten von ihm. Sollte ich dich je dabei erwischen, wie du ihn anmachst, breche ich dir das Genick, ist das klar?" Viktor drückte sein Knie noch einmal tiefer, dann erhob er sich und schnickte Endre mit einem Finger gegen die Stirn. Ohne ein weiteres Wort ging er und Endre war wütend auf sich selbst, dass er sich nicht besser hatte wehren können. Dieser Überfall hatte ihn so überraschend erwischt, dass er gar nicht richtig hatte argumentieren können. Jetzt, wo die Anspannung von ihm fiel, kamen ihm hunderte Argumente und Spitzen, die er hätte anbringen können, doch nun war es zu spät.

„So ein Arschloch!" Endre saß noch immer in seinem Stuhl und schüttelte über so viel Unverfrorenheit nur den Kopf. Was sollte er jetzt machen?

Er konnte ja schlecht zu Leif gehen und sich beschweren - wie sah das denn aus? Sie waren erwachsene Männer, das mussten sie beide klären - ohne Leif. Außerdem weigerte sich sein Ego zuzugeben, dass er sich von Viktor hatte überrumpeln lassen.

„Was findest du an dem Arschloch, dass du bei ihm bleibst, Leif, was?", fragte er leise, doch es war keiner da, der ihm diese Frage hätte beantworten können. Diese beiden Männer verband doch nicht mehr viel - die Arbeit und der Sex. Zumindest hatte Leif das in einem schwachen Augenblick mal gesagt, als er sich über Viktor geärgert hatte, weil der wieder Streit wegen des Jungens angefangen hatte. Doch wenn es so war, warum trennte sich Leif dann nicht einfach?

Nicht um sich dann mit Endre zu vergnügen, das war nicht der Grund - zumindest nicht der Hauptgrund - warum sich Endre dies fragte. Aber wenn man sich nur noch aus Gewohnheit zusammengehörig fühlte und kaum noch Tangentialpunkte hatte, die ihre Leben verbanden, war es dann nicht besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende zu machen?

Leifs Leben hatte sich geändert, er hatte einen neuen Inhalt gefunden und nach diesem Dreh hier auf der Insel und dem abgeschlossenen Film wollte sich Leif völlig zurückziehen. Sein Ziel war der Junge und dass es JJ gut ging; Viktors Ziel hingegen - zumindest schien es Endre so, der ihn ja nun auch schon eine Weile kennen gelernt hatte - war das unabhängige Leben, Partys, Geld und wichtig sein.

Der Mann weigerte sich zu altern oder sesshaft zu werden. Vielleicht wehrte er sich auch so sehr gegen JJ, weil ein Kind bedeutete, dass man einen neuen Abschnitt in seinem Leben beginnen musste und einen alten hinter sich lassen. Das wollte Viktor nicht. Er wollte Highlife mit seinem Verlobten, ihn heiraten, an sich binden und Filme machen, bis ins hohe Alter.

Dass die meisten keine alten Männer sehen wollten, hatte Viktor wohl noch nicht verinnerlicht. Gut, Endre musste ihm zugute halten, dass Viktor für seine 35 Jahre noch sehr knackig war, trainiert und jugendlich, doch das war kein Kapital, mit dem er ewig punkten konnte und was kam dann?

Leif wollte jetzt den Absprung - er wollte die Filme hinter sich lassen und seinem Leben einen neuen Sinn geben und dabei würde Endre ihn unterstützen, wo er nur konnte. Alles was bedeutete, dass er sich von Viktor innerlich entfernte, war ein Schritt in die richtige Richtung.

Weg von Viktor - hin zu Endre.

Der Schmerz in seinem Schritt hatte nachgelassen und so erhob sich Endre, um noch einmal nach JJ zu sehen, doch der schlief schon, hatte Gustav an sich gedrückt und Rudi erstreckte sich in seiner ganzen Länge über Endres Seite des Bettes. Der junge Mann grinste. Ob Viktor schon wusste, dass der kleine Kater mit kam? Lächelnd strich Endre den beiden über den Kopf und verließ die Hütte wieder. Er wollte noch etwas am Strand entlang laufen, denn morgen ging es leider zurück.

Vielleicht wollte er auch einfach nicht da sein, wenn Leif doch noch nach ihnen sehen kam. Er wusste im Augenblick nicht, wie er ihm begegnen sollte. Er musste seinen Plan erst noch durchdenken, ehe er handeln konnte.



-56-

„Warum hetzt du dich so? Pierres Flieger wird schon nicht ohne dich gehen?" Viktor stand schon seit ein paar Minuten in der Tür vom Badezimmer. Er mochte es gar nicht, wenn der Morgen mit Stress und Hektik begann, so wie Leif sie gerade verbreitete. Während er selbst noch im Bademantel durch das Zimmer ging, war sein Verlobter schon fertig gekleidet und stopfte eben noch die letzten Klamotten in seine Tasche, eine Unart, die Leif normalerweise nicht an den Tag legte. Viktor konnte sich ziemlich gut denken, warum sein Verlobter so hetzte, doch er weigerte sich, das zuzulassen.

„Ich weiß selber, dass Pierres Maschine nicht ohne mich fliegen wird, aber ich habe in den letzten Tagen kaum Zeit gehabt nach JJ zu sehen und das werde ich jetzt tun. Ich werde mit meinem Kleinen frühstücken, ob dir das passt oder nicht", erklärte Leif und warf noch seine letzte Shorts in die Tasche, ehe er den Reißverschluss zu zog. Ihm war klar, dass Viktor das nicht passte und er sah es in dessen Augen, als er sich umwandte, doch Leif war da stur.

„Geht das schon wieder los? Dieser Kinderkult? Erkläre mir bitte noch einmal im Detail, welche Aufgabe die Straßenratte hat, wenn du dich immer selber um das Gör kümmern musst. Dann kannst du den Vogel auch wieder rausschmeißen." Viktor wusste nur zu gut, dass Leif das nie tun würde und das gefiel ihm noch viel weniger als Leifs Kinderkult.

„Vik, du ödest mich an mit deinem ständigen Gerede. Ich habe dir gesagt, was sein Job ist und ich habe dir auch gesagt, dass ich nicht möchte, dass der Junge sich von mir wieder entfremdet. Ich weiß ebenso, dass dir genau dies ganz lieb wäre und dass du es am liebsten sehen würdest, wenn das Jugendamt den Kleinen wieder mitnimmt, aber den Gefallen werde ich dir nicht tun, Viktor." Leif sprach leise und ruhig. Er wusste, dass es keinen Sinn machte, sich künstlich aufzuregen. Dann sagte er meistens Dinge, die Viktor gern gegen ihn verwendete, diese Angriffsfläche wollte Leif ihm nicht geben.

Er wusste ganz genau, was Viktor davon hielt, dass Leif mit diesem letzten Dreheinsatz den Filmen den Rücken kehren wollte und sich aus der Firma zurückziehen, doch Leifs Entschluss stand fest. Er hatte das nicht einfach in einer wirren Minute übers Knie gebrochen, sondern lange darüber nachgedacht und es für sich abgewägt. Er war kein Illusionist. Er wusste, dass er nicht ewig weiter vor der Kamera stehen konnte. Irgendwann wollte ihn keiner mehr sehen und hieß es nicht immer: Man solle aufhören, wenn es am schönsten ist? Jetzt verkauften sich seine Filme noch gut. Jetzt lagen ihm seine Fans noch zu Füßen.

Für ein oder zwei weitere Jahre in Ruhm und Ehre wollte er aber die einmalige Chance auf ein Kind nicht einfach wegwerfen. Sein Entschluss stand fest. Er würde sich im Hintergrund und im Büro weiter um die Geschäfte kümmern, bis sich jemand eingearbeitet hatte, aber vor der Kamera würde er nicht mehr in Erscheinung treten. Er hatte auch seinen Vertrag mit der Firma durchgesehen, die Konventionalstrafe, wenn er bis zum Ende des Vertrages nicht mehr vor die Kamera trat, war bereits überwiesen an die Firma. Sein Vertrag lief sowieso zum Jahresende aus und würde dann eben neu geschrieben werden. Vielleicht war er aber zum Jahresende auch schon so weit, dass er dann gänzlich ausgestiegen war.

Die Firma gehörte ihm und Viktor zu gleichen Teilen. Leif hatte also die Option, die Anteile an einen Fremden zu verkaufen, was er Viktor nicht antun wollte oder sie an Viktor zu verkaufen, was aber auch nicht gerade billig war. Darüber hatte Leif noch nicht nachgedacht und das wollte er in diesem Moment auch nicht tun. Er wollte noch einmal runter an den Strand, er wollte mit JJ spielen und Endre sehen. Er musste sich nichts vormachen - sie wussten es beide.

Heute hatten sie nicht die Chance, mit einem Linienflug ohne die Crew zu reisen, denn ein paar der Darsteller hatten beschlossen, noch eine Woche Urlaub dran zu hängen. Da in den nächsten Tagen sowieso nur die Schneider und Regieangestellten benötigt wurden, hatte niemand etwas dagegen. Aber nun waren Plätze in der Maschine frei, sogar noch einer für Gustav. Leif hatte die Tickets für den Rückflug also stornieren müssen und damit auch seine Hoffnung auf ein paar nette Stunden mit seinem Kindermädchen.

Ein Blick zurück zeigte Leif, das Viktor ihn stumm anfunkelte. Er wusste, dass das nichts Gutes zu bedeuten hatte, doch darüber wollte er jetzt einfach nicht nachdenken. Ihn zog es zum Strand. Also schloss er die Tür hinter sich und eilte den schmalen Weg zu den kleinen Hütten hinunter. Schon von Weitem versuchte er zu ergründen, ob JJ im Sand spielte, aber sicher würden er und Endre auch schon packen und noch das letzte zusammenräumen. Rudi musste in seiner Tragetasche verstaut werden. Pierre hatte erzählt, dass Endre immer Taschentraining mit dem kleinen Kater gemacht hätte und wie JJ dann eine Stunde vor der Tasche gesessen und mit dem Kater gespielt hätte. Leif war traurig gewesen, dass er das nicht gesehen hatte. Pierre hatte Erinnerungen eingeheimst, um die Leif ihn beneidete und von denen er irgendwie das Gefühl hatte, dass sie ihm zustünden.

Deswegen dämpfte es auch Leifs Freude ziemlich, als er Pierres Stimme hörte. Er wirkte aufgeregt und als Leif um die Ecke kam, war es, als würde er gegen eine Wand laufen. Endre stand mit dem Rücken an der Hauswand auf der Terrasse und Pierre hielt sein Gesicht in Händen. Beide sahen sich zu ihm um, als sie den Schatten im Augenwinkel bemerkten. Endre erstarrte und Pierre wirkte auch nicht gerade erfreut darüber, dass sie nicht mehr allein waren. Was ging denn hier ab? Pierre keines Blickes würdigend kam Leif näher und suchte Blickkontakt zu Endre. Was tat er hier mit Pierre? Warum fasste der ihn an?

Stille herrschte, ehe Pierre ein: „Guten Morgen", in Richtung Leif schickte und der sich langsam wieder fing. Jetzt fiel auch ihm auf, was Pierre so aufgebracht hatte, denn der Mann hatte Endres Gesicht losgelassen. Ein blauer Fleck auf der Wange.

„Was hast du gemacht? Hat das Schaf dich des Nachts getreten?", fragte Leif und kam näher. Nun hatte auch er einen Grund, Endre zu berühren und tat es mit Genuss. Zart strichen seine Finger über Endres Wange und der hielt still, schloss kurz die Augen.

Doch dann straffte er sich, weil ihm aufging, dass sie nicht allein waren. Also ging er einen Schritt beiseite und sah Leif dabei an. „Ich weiß auch nicht, was passiert ist. Bin ich wohl irgendwo dagegen gelaufen", sagte Endre und es schmerzte, Leif jetzt anlügen zu müssen. Doch was sollte er tun? Vor Zeugen erklären, was wirklich passiert war? Das konnte er Leif nicht antun!

„Klar, irgendwo dagegen gelaufen. Machst du ja auch ständig", knurrte Leif, der ganz genau spürte, dass er gerade verladen werden sollte. Hatte der Fleck etwas mit Pierre zu tun? Misstrauisch sah er seinen Gastgeber an, doch dann schüttelte er den Kopf. Pierre war nicht der Mann dafür, mit Gewalt zu nehmen, was er nicht bekam.

Endre schluckte. Das war nicht gut - er war aufgeflogen und konnte das nicht einmal richtig stellen. Er wollte nicht, dass Leif glaubte, er würde ihn einfach so anlügen. Das konnte er gar nicht. Es war wirklich nicht leicht. Doch so lange Pierre hier war, konnte er nicht sagen, wie das gestern gelaufen war. Beim besten Willen nicht. Stumm betete Endre, dass Pierre gehen möge, doch auch der blieb. Schließlich hatte er das Frühstück hier runter bestellt.

„War es einer von den Jungs? Die lästerten so komisch, wie ich hörte. Hat dir einer von denen eine verpasst?" Leif gab nicht auf, er griff sich wieder Endres Kinn, um sich den Fleck zu betrachten. Es war Zufall, dass er dabei den Fleck auf der anderen Seite mit erwischte und langsam dämmerte es ihm, weil Endre kurz zurückzuckte. Es musste wohl wehtun. Jemand musste ihn mit viel Kraft festgehalten haben. Jemand, gegen den sich Endre nicht einfach wehrte und da kamen nicht viele in Frage. Leif hörte auf zu bohren, denn er ahnte, was passiert war.

Erschrocken stellte Endre fest, dass er bereits aufgeflogen war. Er konnte in Leifs Augen sehen was in dessen Kopf vor ging und dass sein Geheimnis nicht länger eines war.

„Wo ist denn der Kurze überhaupt?", lenkte Leif ab und ging an Pierre und Endre vorbei.

„Der sitzt auf dem Bett und redet auf Rudi ein, freiwillig in seine Tasche zu kriechen", sagte Endre und seine Augen strahlten wieder, froh über den Themenwechsel.

Pierre hatte den beiden nur zugesehen und ließ die Schultern hängen. Egal was die beiden zugaben oder nicht, sie verband etwas, was mehr war als ein Arbeitsverhältnis. Sie verstanden sich ohne Worte. So was kam nicht, wenn man nur ein Angestellter war. Eine Woche lang hatte er versucht, Endre für sich zu gewinnen, doch jetzt musste er einsehen, dass er diesen Mann nicht haben konnte - er war bereits vergeben.

„Ich sehe mal nach dem Frühstück", sagte er und ging von der Terrasse in Richtung Haupthaus. Erst hatte er hier bleiben wollen - schon aus Trotz, doch er sah ein, wenn er verloren hatte und er war ein fairer Verlierer. Endre war eben einfach nicht für ihn bestimmt - das kam vor.

Kaum war Pierre außer Sichtweite, verschwand auch Endre in der Hütte und schloss die Tür hinter sich. Er lehnte mit dem Rücken dagegen und Leif sah sich zu ihm um. Vergessen war JJ, der kniete nämlich, zusammen mit Gustav, immer noch auf dem Bett und redete auf den kleinen Kater ein, der irgendwo unter der Decke stecken musste. Er hatte seinen Onkel noch gar nicht bemerkt.

Bei Endre angekommen nahm Leif dessen Gesicht sanft in seine Hände und strich über die Male. Wie stark muss der Griff gewesen sein, wenn er Blutergüsse hinterließ.

„Der Mistkerl ist zu weit gegangen, was hat er dir noch angetan?", fragte er leise und küsste zart über Endres Lippen. Er konnte die Vorstellung kaum ertragen, dass Endre hatte Schmerzen ausstehen müssen und er selbst war der Grund dafür. „Warum hast du dich nicht gewehrt?" Wieder küsste er Endre sanft, doch damit waren sie beide nicht zufrieden, das spürten sie. So wurde der Kuss schnell harscher und leidenschaftlicher. Wie selbstverständlich legten sich Endres Hände auf Leifs Hintern und der schlang seine Arme um Endres Taille.

„Er hätte dir Ärger gemacht", keuchte Endre, als er sich langsam Leifs Kinnlinie entlang küsste. „So schlimm war es nicht. Aber der Kerl ist nicht gut für dich!" Wieder und wieder leckte er sich gierig über Leifs Haut, doch er schmeckte nicht so wie erwartet. Er schmeckte nur nach Seife, denn er war frisch geduscht. Also suchte sich Endre wieder Leifs Lippen, dort konnte er noch den untrüglichen Geschmack finden. Seine Hände griffen fester, drängten Leif gegen sich. Er spürte nur zu deutlich, dass sie sich nicht mehr lange nur mit Küssen zufrieden geben konnten. Sie schürten Feuer, die nach mehr verlangten.

„En-re!", quietschte es plötzlich und ließ die beiden Männer auseinander fahren. Ihr panischer Blick glitt zu JJ, der etwas verwirrt auf dem Bett stand und eigentlich nur hatte zeigen wollen, dass Rudi in der Tasche saß.

„Na, Maus, hast du ihn überredet?", ging Endre gleich darauf ein und schob Leif sanft beiseite, nicht aber ohne ihm noch einmal wie beiläufig über den Hintern zu streichen.

Leif seufzte. Wurde er wirklich gerade eifersüchtig auf seinen kleinen Neffen? Er lachte leise, das durfte doch nicht wahr sein. Um keine Fragen aufzuwerfen, öffnete er die Tür wieder und setzte sich in einen der Rattansessel auf der Terrasse. Er fühlte sich ein bisschen besser, weil er Endres Geschmack noch auf der Zunge hatte, doch er hatte nun wieder diese Unruhe in sich.

Er wusste, dass er mehr wollte und auch mehr brauchte. Komischerweise war der Sex mit Viktor nicht mehr so erfüllend, wie Leif ihn früher empfunden hatte. Lag es daran, dass er sich seit Wochen nur noch über seinen Verlobten ärgerte oder lag es daran, dass es wirklich langsam nachließ und abstumpfte? Sex vor der Kamera, Sex daheim - immer mit dem gleichen Kerl - war er Viktor wirklich langsam überdrüssig?

Oder suchte er nur Gründe, ihn abzuschießen? Energisch schüttelte Leif den Kopf. Nein, so war das nicht. Er würde Viktor nicht einfach so abschießen. Auch wenn er noch zickte, so war er doch der Meinung, dass der Tag kommen würde, wo auch Viktor merkte, wie lieb JJ war und dass er ein Segen sein konnte. Was gab es Tolleres als ein Kind aufwachsen zu sehen? Leif konnte sich da nichts vorstellen und Viktor würde das noch begreifen. Diese Illusion wollte er noch nicht aufgeben - nur wie Endre in sein eigenes Gefühlschaos passte, das wusste Leif noch nicht.

Eines stand fest: er konnte diesen Mann nicht mehr gehen lassen. Er wollte ihn haben, ihn besitzen. Kein anderer sollte diesen Mann je sein eigen nennen!

Nur: wie stellte er das an, wenn er offiziell mit Viktor verlobt war und auch bei ihm bleiben wollte. Endre war zu schade für eine Affäre, das wusste Leif auch. Er hatte mehr verdient. Doch seine Gier nach diesem Mann ließ es nicht zu, ihn freizugeben. Auch wenn Leif es nicht zugeben wollte, es würde am Ende darauf hinauslaufen, dass er sich für einen der beiden Männer entscheiden musste. Doch für welchen? Für seinen langjährigen Begleiter und Geliebten? Der Mann, der mit ihm durch Höhen und Tiefen gegangen war oder ein Strohfeuer, das ihm den Verstand raubte und vielleicht in einem Jahr erloschen war, was sich Leif allerdings kaum vorstellen konnte.

Leif lachte leise, als Rudi plötzlich aus der Tür schoss und JJ ihm nachsetzte. Der kleine Kater hatte seine Reisetasche wohl doch nicht so verlockend gefunden wie den Strand. Ob der Kleine ahnte, dass er hier weg sollte und nie wieder kommen würde? Dass er dann nicht mehr am Strand stromern konnte, sondern nur noch in einer Wohnung? Vielleicht wäre es gar nicht verkehrt - nicht nur für den Kater, auch für JJ, der Platz brauchte - die moderne Wohnung in der bevölkerten Stadtmitte aufzugeben und sich was Ruhiges im Grünen zu suchen? Ein Häuschen mit Garten.

„Da spielt Vik nie mit!", murmelte er zu sich selbst und blickte auf, als er eine Hand in seinem Nacken spürte.

„Wo spielt der nie mit?", fragte Endre und räumte Geschirr auf den Tisch. Schließlich hatte Pierre Frühstück angekündigt.

„Ach nichts, ich habe nur darüber nachgedacht umzuziehen, raus aufs Land oder so. Wenn du dann deinen Führerschein hast, bist du ja unabhängig und…" Leif verstummte, weil Pierre und ein Angestellter mit Tabletts kamen.

Endre fragte auch nicht weiter, sondern sortierte Tassen und Teller auf dem Tisch. „JJ!", rief er nach dem Jungen, der immer noch mit Rudi über den Sand flitzte. Der Kater schlug Haken, JJ kriegte meistens die Kurve nicht und wenn er unbeweglich wie ein Maikäfer auf dem Rücken lag, warf sich der getigerte Jäger auf seine Beute.

„Das wird ihnen fehlen", sagte Endre leise und machte noch ein Foto. Er klang wehmütig, denn ihm selbst ging es nicht besser.

„Endre, ein Anruf genügt", sagte Pierre und stellte das Tablett ab. Er nickte dankend, als sein Angestellter wieder verschwand. „Ich bin regelmäßig in Deutschland, dass weißt du. Ein Wort und auf dem Rückweg wird ein Platz für dich frei sein. Auch gern für euch alle. Ihr müsst nur Bescheid sagen." Er meinte das von Herzen und nicht allein mit dem Hintergedanken, Endre mal ganz allein zu erwischen und dann auf ihn einwirken zu können, Leif vielleicht doch für ihn aufzugeben. Er wusste, wann er verloren hatte. Doch das hieß noch lange nicht, dass man einen tollen Mann wie Endre nicht wenigstens eine Freundschaft anbieten konnte.

„Vielleicht komme ich da wirklich mal drauf zurück. Ein paar Tage ausspannen, wenn es in Deutschland ekliges, matschiges Wetter ist. Da ist es doch beruhigend, wenn man weiß, dass irgendwo in der Sonne ein Plätzchen mit meinem Namen drauf auf mich wartet", lachte er und schenkte Kaffee ein.

„JJ, jetzt komm essen!", rief er noch einmal und wenn auch JJ nicht gleich hörte, Rudi hatte schon begriffen, was essen bedeutete. Er kam angeflitzt, wurde aber von Leif gleich im gestreckten Galopp gegriffen und erst einmal großflächig entsandete, ehe er dem Tisch zu nahe kam. Nicht dass Rudi das wirklich mochte, doch er hatte begriffen, dass seine Chancen auf Futter stiegen, wenn er das über sich ergehen ließ.

JJ kam hinterher getrottet und wurde von Endre erst einmal gründlich entsandet. „Du wirst noch mal duschen, ehe wir losfahren", erklärte er JJ, der gleich wieder die Backen aufblies.

„Muss das sein?", wollte er wissen und guckte Leif an, ob der ihn vielleicht retten würde, doch der sah lieber weg.

Es war hart, der Puffer zwischen Endre und JJ zu sein, weil ihm beide sehr am Herzen lagen. Doch wenn JJ immer so guckte, war es auch nicht leicht, ihm zu widerstehen. Auf der anderen Seite hatte Endre Erfahrung und er wusste, dass man Kindern nicht alles durchgehen lassen durfte. Deswegen erklärte er leise: „Hast Endre doch gehört, Süßer."

Das war nicht das, was JJ hatte hören wollen, doch er fügte sich. Es hatte ja doch keinen Sinn. Musste er eben noch einmal duschen. Als Kompromiss bekam er jetzt Rudi mit auf seinen Stuhl, dann konnten sie sich gegenseitig eindrecken, dann lohnte sich das duschen wenigstens.

„War schön, euch hier zu haben. Seid ihr mit allen Szenen durch?", begann Pierre ein Gespräch. Es war das letzte, was sie führen würden, denn er hatte beschlossen, nicht mit nach Deutschland zu fliegen. Die Maschine würde nur die Passagiere abliefern, die bereitgestellten Waren holen und zurückkommen. Es war keine Zeit, noch in die Stadt zu gehen. Und nur im Flugzeug zu sitzen war auch nichts für ihn. Lieber ging er nachher etwas am Strand entlang.

Leif ging auf die Plauderei ein und so aßen sie in Ruhe und tauschten noch ein paar Informationen aus. Auch Pierre fand es schade, dass es nun der letzte Film mit Leif sein würde, der auf den Markt kam, doch er freute sich auch schon darauf, weil nun Tausende von Männern sein Anwesen sehen und bestaunen konnten. Außerdem hatte er etwas, was die anderen nicht hatten - die Erinnerung daran, diese Szenen live gesehen zu haben.

Sie waren gerade fertig mit Essen, da kam die Domina den schmalen Weg hinab. Sicherlich waren oben schon alle fertig und warteten nur noch auf die Nachzügler. So machten sie sich schweren Herzens daran. Leif packte die Klamotten zusammen, Pierre packte Rudi in seine Tasche, Endre entsandete JJ, der grinsend feststellte, das keine Zeit mehr für die Dusche war und eine Viertelstunde später kamen auch sie wieder auf den Hof, wo ein paar Wagen bereit standen, um die Crew zum Flughafen zu bringen.

Der Abschied war herzlich, aber nicht für immer - das wusste sie alle. Sie würden sich wiedersehen.