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Starkoch im Pas de deux - Teil 1 bis 4

Starkoch im Pas de deux

Original [NC-16]

[lime]

Inhalt:
Ole hat für seinen Regenwurm eine ganz besondere Geburtstagsüberraschung, doch schlussendlich wird damit jemand ganz anderes glücklich gemacht.

Teile: 13

Challenge-Antwort auf: Ballett-Tänzer

Danksagung: unseren unermüdlichen Betas !!!




Starkoch im Pas de deux

1

„Jan!", knurrte Mario leise und strich sich über die platinblonden Stoppeln, die seine Frisur waren. Schon wieder verschwand sein Liebling im Bad und Mario guckte auf die Uhr. Eigentlich hätten sie schon vor fünf Minuten los gemusst, aber Jan kämpfte mit seiner Frisur. Schließlich wollte er perfekt aussehen, wenn Felix zwanzig wurde, was zufällig heute war.

„Scha-hatz, die kleine Feierlichkeit passiert gleich ohne uns", erklärte er und lehnte mit dem Rücken an der Badtür, trommelte in unstetem Rhythmus dagegen und lauschte. Sein Babe war perfekt, was hatte der nur wieder an sich herum zu zupfen?

„Ja, gleich“, rief Jan aus dem Bad zurück und stand ratlos vor dem Spiegel. Seine Haare lagen überhaupt nicht und das ausgerechnet heute. Immer wieder zupfte er an einzelnen Strähnen und war so vertieft, dass er sich ziemlich erschreckte, als sein Handy klingelte. Das konnte nur einer sein, denn er hatte jedem seiner Freunde eine eigene Melodie zugeteilt. „Hallo Ronny“, rief er gleich, als er das Gespräch annahm und sich bequem gegen das Waschbecken lehnte. So musste er wenigstens nicht die ganze Zeit seine missratene Frisur sehen.

„Na, du treulose Tomate?", lachte Ronny. „Mir war so, als hätte mir letzte Woche jemand eine SMS geschickt, er wolle sich im Laufe der Woche mal melden. Hast du den zufällig irgendwo in deiner Wohnung gesehen? Dann sag ihm mal, die Woche ist fast um." Er konnte es immer noch nicht lassen, Jan zu ärgern.

„Oh…“ Schlagartig bekam Jan ein schlechtes Gewissen, denn Ronny hatte Recht. „Tut mir leid, Süßer, auch wenn es sich wie eine Ausrede anhört, die letzte Woche war wirklich viel los. Ich musste ein Referat vorbereiten und dann hatten wir auch noch zusätzliche Kurse an der Uni. Ich habe zwar an dich gedacht, aber dann doch vergessen, mich zu melden.“

„Das war sicher am Mittwoch, als ich Schluckauf hatte", lachte Ronny. Er nahm es Jan nicht krumm, warum auch? Sie waren Freunde, doch jeder hatte sein eigenes Leben. Auch Ronny hatte schon Strecken gehabt, wo er auf dem Zahnfleisch gekrochen war und für nichts anderes außer seinen Job mehr Zeit gefunden hatte. Selbst Essen und Schlafen war in dieser Zeit zu kurz gekommen. In sofern wusste er genau, was Stress hieß.

„Ja-han! Telefoniere im Wagen. Wir sind zu spät!", knurrte Mario vor der Tür, der nicht glauben konnte, dass sein Babe sich gerade auf ein längeres Telefonat einlassen wollte.

„Ja, Schatz“, rief Jan zurück und stieß sich vom Waschbecken ab. An seinen Haaren konnte er jetzt eh nichts mehr machen. Musste er eben als Wischmopp zu der Feier gehen. Er öffnete die Badezimmertür und wurde von Mario gleich aus der Wohnung gezogen.

„Was ist denn bei euch los?“, fragte Ronny, der sich aus Marios Gegrummel keinen Reim machen konnte.

„Felix hat doch heute Geburtstag und sein Babe hat heute zu einer Überraschungsparty geladen. Wir sollten eigentlich jetzt dort ankommen, aber meine Frisur sieht scheiße aus und da hat es eben länger gedauert“, erklärte Jan und Mario verdrehte die Augen. Jan sah klasse aus. Warum glaubte der das denn nicht?

„Ach stimmt ja, der kleine Rotschopf wird zwanzig junge Lenze. Meine Güte, waren das noch Zeiten, als ich zwanzig geworden bin", lachte Ronny laut genug, dass es auch Mario nicht entging und der leise knurrte, ob das zu der Zeit gewesen wäre, als man noch auf Dinosauriern zur Arbeit geritten wäre.

„Was du an diesem vorlauten Trottel findest, habe ich bis heute noch nicht verstanden", erklärte Ronny lapidar. Sie beide triezten sich, wann sie konnten, aber nie bösartig. Sie hatten ihren Frieden, seit Jan und Mario ein Paar waren.

„Ich liebe ihn halt“, lachte Jan und damit war wirklich alles erklärt. „Süßer, ich muss leider auflegen, wir müssen los. Ich melde mich nächste Woche, versprochen. Dann komm ich zu dir und wir machen uns einen schönen Abend. Was hältst du davon?“ Jan tat es wirklich leid, dass er Ronny jetzt so abwürgen musste, aber ihnen lief wirklich die Zeit davon.

„Geht doch morgen Abend mal wieder essen?! Ich bin eh arbeiten", schlug Mario vor und er wusste, dass Jan eigentlich noch nichts vorhatte, außer sich in der Badewanne zu wälzen und dann dröge vor dem Fernseher herum zu lungern. So kam er unter Leute.

„Warum nicht", sagte auch Ronny, wartete aber, ob Jan zustimmte.

„Ja, machen wir das.“ Jan strahlte seinen Schatz an und gab ihm einen schnellen Kuss dafür, dass er diese tolle Idee gehabt hatte. „Dann sehen wir uns morgen, Süßer. Wohin wir gehen, knobeln wir aus, wenn wir uns sehen, oder?“ Das machten sie immer so, denn sie konnten jetzt ja noch nicht wissen, worauf sie morgen Hunger hatten.

Und weil es selten genug war, dass Ronny mal ein Wochenende frei hatte, kam es ihnen noch mehr entgegen. So verabschiedeten sie sich, während Mario den Wagen startete. Das Sauwetter nach Neujahr hatte ihn dazu gezwungen, jetzt regelmäßig mit Jans Wagen zu fahren und seine geliebte Maschine in der Garage zu lassen. Denn bei den unsicheren Witterungsverhältnissen, gepaart mit der Unfähigkeit der Autofahrer im Pott, sich Witterungen anzupassen, hatte er von Jan Bike-Verbot.

„Los, fahren wir zu Felix. Warum trödelst du denn so?“, lachte Jan und Mario knurrte. Als wenn er stundenlang im Bad verbracht hätte, ohne dass es wirklich nötig war. Ein schneller Kuss von Jan versöhnte ihn aber wieder und auch die Hand, die sich streichelnd auf seinen Oberschenkel legte, tat ihr übriges.

„Ich werde allen sagen, warum wir zu spät sind", erklärte Mario, zeigte sich aber dank der kleinen Tricks seines Lieblings wieder versöhnt, als er endlich startete und sich in den fließenden Verkehr einfädelte. Jetzt kamen sie sowieso zu spät, da musste er auch nicht hetzen oder ans Limit gehen.

„Ich bin bedauernswert, werde ich sagen und alle werden fragen warum und dann werde ich erzählen, was für einen eitlen Freund ich habe. Ja, das werde ich tun."

„Ey.“ Jan machte große Augen. Das würde Mario doch nicht wirklich tun, oder? Misstrauisch sah er seinen Freund an. Mario brachte so was fertig, dass wusste er, also musste er ihn davon abbringen. „Wenn du das nicht machst, Schatz, dann lass ich mir was ganz Besonderes einfallen, um dich zu verwöhnen“, schnurrte er leise und seine Finger streichelten sich ein wenig höher.

Mario - eigentlich schon überzeugt davon, das nicht zu tun - wollte noch etwas Pokern und so hob er nur eine Braue. „Liebling, wir sind jetzt schon ein paar Monate zusammen. Glaubst du allen Ernstes, du hast noch etwas in petto, was ich noch nicht kenne?", fragte er frech und brachte sie auf die Schnellstraße Richtung Margarethenhöhe, denn gegessen wurde heute bei Ole.

„Da musst du dich schon überraschen lassen“, lachte Jan und grinste verschmitzt und legte seinen Kopf auf Marios Schulter. „Hab ich dich bisher jemals enttäuscht, wenn ich dir etwas Besonderes versprochen habe?“, raunte er und strich einmal kurz mit seiner Zungenspitze über Marios Hals.

Aber der wollte sich noch nicht geschlagen geben. „Das kann ja wohl nicht wahr sein", murmelte er gespielt entsetzt. „Da gehe ich jede Nacht mit dir ins Bett, erkläre dir täglich, wie sehr ich dich liebe und mein Liebling? Wie dankt er es mir? Er hat Geheimnisse vor mir. Hält Dinge zurück, die mir zustünden. Ich kann das nicht glauben. So muss ich es erfahren!"

Jan lachte leise und hob seinen Kopf, damit er seinen Schatz ansehen konnte. „Das hat doch nichts damit zu tun, dass ich dich liebe, denn das tu ich wirklich.“ Er küsste Mario auf die Wange und legte seinen Kopf wieder zurück. „Kleine Geheimnisse halten die Beziehung frisch, das sagte schon meine Oma. So hast du immer etwas, worauf du dich freuen kannst.“

„Oder wovor ich mich fürchten sollte", murmelte Mario leise, denn es schmeckte ihm gar nicht, dass er seinem geschickt taktierenden Liebling einmal mehr unterlegen war. Es kratzte ziemlich an seinem männlichen Ego, das auch gern mal der Gewinner gewesen wäre. Beim nächsten Mal.

„Na endlich", murmelte er, als sie in die Straße bogen, in der Ole wohnte.

„Vor meiner Fantasie und meinen Geheimnissen musst du dich nie fürchten, denn die sind einzig und allein dazu da, dich zu erfreuen, dich zu lieben und dir zu zeigen, dass du alles für mich bist.“ Jan meinte das vollkommen ernst, denn Mario war sein Leben. Nur sagte er das nicht immer ganz so deutlich, wie jetzt. Er setzte sich wieder auf und zog sein Shirt gerade, das verrutscht war. Sich durch die Haare zu fahren ließ er lieber, die waren sowieso eine Katastrophe heute.

„Ich weiß, Schatz", lächelte Mario, als er den Wagen geparkt hatte und zog seinen Liebling noch zu einem letzten Kuss und konnte nicht widerstehen, ihm durch die Haare zu fahren. Dann musste er allerdings zusehen, dass er fluchtartig das Auto verließ und an der Klingel um Asyl bettelte.

„Du“, knurrte Jan und setzte Mario hinterher, aber um sich zu rächen hatte er keine Zeit, denn die Tür wurde geöffnet und ein strahlender Felix sprang aus der Wohnungstür. „Herzlichen Glückwunsch, Mauseplautz“, rief Jan lachend und sprintete die wenigen Stufen hoch, um seinen Freund in die Arme zu schließen.

„Hallo! Schön dass ihr doch noch kommen konntet", rief Felix völlig von den Socken und flitzte im Hausflur herum. Er war total aufgelöst, denn Ole hatte sich etwas Einmaliges einfallen lassen: in dessen Küche hantierte ein Sternekoch mit Stickstoff und Kalzitlösung, um ein Menü á la Molekularküche zu zaubern. Felix zerrte seine Freunde gleich hinter sich her, denn er wollte keinen Handgriff verpassen. Das war ja so aufregend!

So kam Mario erst in der Wohnung dazu, Felix zu gratulieren und hatte dabei das Gefühl, dass er im Weg stand, denn Felix guckte um ihn herum. Darum gesellte er sich zu Ole, der wohl auch schon aus dem Weg gegangen war, denn er stand etwas abseits und beobachtete lächelnd Felix, der gerade Jan mit sich zerrte, um ihm zu zeigen, was auf der großen Kochinsel alles passierte.

„Herr Murakawa", rief Felix aufgeregt und amüsierte den Koch hinter der Insel, der durch seine rahmenlose Brille aufsah, um die neuen Gäste ebenfalls zu begrüßen. Jan hob eine Braue, der Kerl war ziemlich lecker. So groß wie Felix und eindeutig Asiat, zumindest zur Hälfte. Die Haare waren - wie es viele junge Männer trugen - im Sinne von Beckham zu einem Iro zusammengeschoben und mit Gel in Form gehalten. Die mandelförmigen Augen waren größer als bei reinen Japanern und guckten frech in die Welt.

Hübscher Kerl.

Jan nickte grüßend und hielt Felix fest, der dem Koch schon wieder auf die Pelle rücken wollte. „Mauseplautz, wenn du irgendwann etwas Leckeres essen möchtest, dann lass Herrn Murakawa etwas Platz“, lachte er und der Koch musste unwillkürlich grinsen. Es war immer spannend, wenn er in eine Wohnung kam, um zu kochen, denn er wusste nie, was er dort vorfand. Der heutige Job war wirklich ein Glücksfall, denn die Küche war nicht nur groß, so dass er sich ausbreiten konnte, sondern auch mit allem, was er brauchte, ausgestattet.

„Ja, aber", murmelte Felix und zappelte ein bisschen.

„Gib es auf, ich hab's auch schon versucht", erklärte Ole, der in die Küche kam, um etwas zu trinken für die neuen Gäste zu holen. Mario nutzte die Chance, den Meister des Abends ebenfalls zu begrüßen und zu gucken, was der so machte, doch dann wurde er von Jan zurück ins Wohnzimmer geschoben. Der Meister brauchte Ruhe und keine Gaffer.

„Kommen sie ruhig näher. Es macht mir nichts aus“, erklärte Satoshi und lachte, weil Mario maulte und Felix jammerte. Er konnte nichts mehr sehen, weil Ole ihn festhielt und darum wand und zappelte er wieder, damit er loskam. Eigentlich mochte er es ja, die Arme seines Freundes um sich zu haben, aber nicht jetzt. Da hinderten sie ihn daran zu sehen, was er sehen wollte.

„Da hörst du es!", murmelte Felix und wand sich wie der Regenwurm, mit dem er oft verglichen worden war und Mario warnte.

„Lass ihn lieber laufen, ehe er anfängt zu beißen!" Er hätte nicht gedacht, wie schnell er im Fokus des Regenwurms stand, der ihn anknurrte, es wäre verabredet worden, dass diese alte Geschichte niemals wieder vorgekaut werden sollte. Außerdem hätte er nur ein einziges Mal gebissen und das wäre Notwehr gewesen, weil er seines Hotdogs hatte beraubt werden sollen - außerdem war er da erst sieben gewesen!

„Na und, einmal bissig, immer bissig“, erklärte Mario lapidar, suchte dann aber doch lieber hinter seinem Schatz Schutz, so wie Felix ihn gerade anfunkelte. Jan zog Mario auch gleich in die Arme und küsste ihn beruhigend. Satoshi besah sich die Szene und musste einfach den Kopf schütteln. Da war er ja in einen ziemlichen Chaotenhaufen geraten, aber sie waren ihm sehr sympathisch.

„Ich hab Geburtstag, da geht man mit mir nicht so um. Heute bin ich Bestimmer und wer frech ist, fliegt raus. Dann bleiben mehr Leckerchen für mich!" Felix pumpte sich auf, doch das änderte nichts daran, dass Mario ihn gar nicht für voll nahm. Lieber sah er sich im Wohnzimmer um, wo seit dem letzten Besuch seinerseits ein paar Fotoposter dazugekommen waren.

„Süßer Hintern", lachte er beim ersten Bild, das Inga und Felix kopfüber im Schnee zeigte, dass nur noch die Bürzel rausguckten. „Aber der vom Elch ist um einiges ansehnlicher."

„Ja, findest du? Ich nicht.“ Ole hatte sich neben Mario gestellt, dann kam er nicht in Versuchung, seinen Schatz wieder festzuhalten. „Inga hatte so viel Schwung drauf, als sie Felix über den zugefrorenen See geschoben hat, dass sie nicht mehr bremsen konnte und beide im Schnee gelandet sind. Hat sie mit mir übrigens auch gemacht, aber davon gibt es zum Glück kein Bild.“ Damit Mario sich vorstellen konnte, wie das gewesen war, zeigte er auf ein anderes Poster, das zeigte, wie Felix über den See geschoben wurde.

„Was für ein anstrengendes Haustier", lachte Mario und Jan kam zu ihnen, weil er es aufgegeben hatte, den bedauernswerten Koch vom Geburtstagskind zu befreien.

„Wer? Der Elch? Die ist doch süß", sagte er und sah Mario forschend an, der den Kopf schüttelte.

„Nicht die hübsche Lady, der Wald- und Wiesenmauseplautz." Dabei grinste er, weil der ihn zum Glück nicht gehört hatte. Den hörte man nur ehrfürchtige: „Oh"s und: „Ah"s in der Küche verteilen unter Satoshis Lachen.

Felix durfte nämlich mithelfen, nachdem Satoshi gemerkt hatte, dass das Geburtstagskind das gerne wollte. Wie sollte man das auch verweigern, wenn ihn große, graue Augen bittend ansahen. Das war zwar nicht unbedingt üblich, aber ein normaler Job war das hier sowieso nicht. Es war bisher ja auch noch nie vorgekommen, dass er für zwei schwule Pärchen kochte.

„Wie hast du es eigentlich geschafft, dass er den Elch nicht mit hier her bringen wollte? Ich glaube, er war davon überzeugt, dass deine Wohnung für einen Elch groß genug wäre", forschte Mario weiter und beguckte sich das dritte Poster der Trilogie: Elch und Felix platt auf dem See. Ihr Mauseplautz brachte sogar einem wilden Tier nur Blödsinn bei.

„Das war nicht einfach und hat vollen körperlichen Einsatz gebraucht“, lachte Ole und Mario hielt sich die Ohren zu. Das wollte er nicht hören, denn dazu hatte er viel zu viel Fantasie. „Sie durfte nur in Schweden bleiben, weil ich ihm versprochen habe, dass wir sie so oft es geht besuchen. Die zwei waren das absolute Dreamteam. Man hat sie praktisch nur im Doppelpack angetroffen. Sie hat sich für ihn auf den Rücken gelegt, damit er ihr den Bauch krault. So was machen Elche sonst nie.“

„Er hat wohl ungeahnte Fähigkeiten", grinste auch Jan und hob den Kopf, als Felix aus der Küche guckte und sie zu sich lockte.

„Wir haben einen Cocktail gezaubert, als Aperitif", erklärte er, warum er stolz wie Oscar grinste. Freilich war das kein normaler Drink und er freute sich schon, zu sehen, was die anderen zu ihrer Kreation sagten. Aufgeregt lief er zwischen Tresen und Tür hin und her, bis auch der letzte in der Küche war.

Auf der Kochinsel standen vier Cocktailgläser und alle guckten etwas komisch, weil der Inhalt leuchtend lila war. „Das kann man trinken?“, fragte Mario misstrauisch, als er ein Glas in die Hand gedrückt bekam. In der Flüssigkeit schwammen kleine, gelbe Kugeln. Das sah irgendwie lustig aus. Er schnupperte vorsichtig, aber außer, dass es fruchtig roch, konnte er nichts Spezielles ausmachen.

Ole war da schon mutiger und hob, ohne zu zögern, sein Glas. Sein Babe brachte ihn schon nicht um. „Auf unseren Geburtstags-Felix. Der nun endlich kein Teenager mehr ist“, brachte er einen Toast aus.

Doch anstatt zu jubeln, sah Felix ihn an, als hätte er Schmerzen. „Musstest du das jetzt sagen?", fragte er und wirkte etwas geknickt.

Da ging Mario ein Licht auf und er musste unwillkürlich grinsen. „Unser Regenwurm hat gerade begriffen, dass er jetzt ein Twen ist und auf die Rente zugeht. Da guckt mal, Krähenfüße an den Augen und sicherlich hat er auch schon Falten am Hintern." Er konnte es nicht lassen.

„Lass dich nicht ärgern, Schatz. Das stimmt doch alles gar nicht. Ich liebe dich, so wie du bist und alles andere ist doch vollkommen egal.“ Ole zog Felix in seine Arme und küsste ihn. Er konnte gar nicht verstehen, warum Felix es so schlimm fand, dass er jetzt in den Zwanzigern war.

„Er hat doch nur Sorge, dass er sich ab heute anständig benehmen muss, weil es nicht mehr als Teenie-Blödsinn durch geht. Der erwachsene Herr Mauseplautz - Prost", lachte Mario und sie ließen die Gläser klirren. Es gab ja sowieso kein Zurück mehr. Lieber wollte er das schräge Zeug im Glas kosten und stellte überrascht fest, dass er einen völlig anderen Geschmack erwartet hatte. Es war herb und leicht bitter und wenn die gelben Perlen auf der Zunge zerplatzten, flutete fruchtige Süße alle Sinne. „Unglaublich!"

Alle rissen überrascht die Augen auf und Ole nahm gleich noch einen zweiten Schluck. „Das ist super“, rief er begeistert und nickte dem Koch anerkennend zu. Wenn das Essen genauso umwerfend war wie dieser Drink, dann war auch klar, warum Satoshi Murakawa einen Stern sein eigen nannte.

„Die Perlen hat Herr Kaminski gemacht“, gab Satoshi sich bescheiden, aber er freute sich über das Lob.

„Unser Mauseplautz? Wie das denn?", fragte Mario skeptisch und Felix gab sich gleich überlegen und stellte klar, dass er doch ganz bestimmt keine Geheimnisse verraten würde. Lieber nahm er noch einen Schluck und freute sich, weil Jan sich sein Glas gerade nachfüllen ließ. Sowohl von dem gefärbten Fruchtsaft als auch von dem Maracuja-Kaviar war noch etwas da.

Darum nahmen alle noch etwas und ließen Felix hochleben. Jetzt waren alle furchtbar gespannt, was es zu Essen gab und darum wuselte Felix auch gleich wieder zum Herd und scheuchte alle aus der Küche.

Es gab zur Vorspeise Lachstatar, das nur recht sparsam gewürzt war, denn darauf kam eine Kugel, die mit flüssigen Kräutern und Gewürzen gefüllt war und ähnlich hergestellt wurde, wie der Kaviar gerade. Satoshi und er hatten die Kräuter dafür erst püriert und dann ausgepresst, was ziemlich anstrengend war.

Sie richteten die Vorspeise auf den Tellern an. Jeder bekam drei Löffel voll mit Tatar und darauf jeweils eine grüne Kugel.

„Ach steht da doch nicht so herum und starrt dem Elch auf den Hintern. Setzt euch, wir wollen anfangen!" Felix scheuchte seine Gäste alle an den Tisch, dann konnten er und Satoshi die Teller auftragen und er war wieder einmal stolz wie Oscar, weil er der einzige war, der wusste, um was es sich beim ersten Gang handelte. Doch dieses Mal überließ er es dem Meister selbst, die Kreation zu erklären.

„Lachstatar mit grüner Überraschung“, sagte Satoshi aber nur, denn er wollte nicht zu viel verraten. Je unbefangener die Gäste an die ungewöhnlichen Gerichte gingen, umso empfänglicher waren sie für die Geschmackskomponenten. Er verbeugte sich leicht und ließ die vier alleine. Das Hauptgericht kochte sich nicht alleine.

Nach der Überraschung mit dem Cocktail war Mario der erste, der sich an die Vorspeise heran wagte. Er tippte vorsichtig mit der Gabel auf das grüne Gebilde und das waberte leicht auf und ab. „Flüssig also", murmelte er und wusste nicht, ob er es kaputt machen durfte oder einen Strohhalm verlangen sollte.

„Alles zusammen auf einen Löffel und dann essen“, erklärte Felix und machte es vor. Er hatte es selber noch nicht probiert und war gespannt. Erst schmeckte er nur den Fisch, aber als die Geleekugel an seinem Gaumen zerplatzte, stöhnte er begeistert. In seinem Mund mischte sich der Geschmack des Lachses mit den Kräutern und das war einfach sensationell. So etwas hatte er noch nie gegessen.

Allerdings amüsierten seine Geräusche Mario ungemein und ehe der jetzt etwas sagte, was Felix den puren Genuss verdarb, weil er brüskiert den Lachs über den Tisch spuckte, stieß Jan seinem Schatz in die Rippen, noch ehe er den ersten Buchstaben hätte artikulieren können. Lieber aßen sie und genossen die Geschmacksexplosion auf den Sinnen. Eines musste man dem Koch lassen - er hatte raus, was zusammen passte und wie man es ungewöhnlich servierte.

Satoshi lauschte ein wenig ins Wohnzimmer und als er Felix so genüsslich stöhnen hörte, musste er grinsen. Das Geburtstagskind war so herrlich natürlich. Es war wirklich erfrischend, mal jemanden zu treffen, bei dem man sicher sein konnte, dass er keine Hintergedanken hatte und grundehrlich war. Er konnte sich wirklich ehrlich über etwas freuen und darum machte es Spaß, ihn zu bekochen.

Nach der Vorspeise flitzte Felix nicht gleich wieder in die Küche, denn beim Hauptgang würde er wohl nicht helfen können. Lieber blieb er bei seinen Freunden und dem Glas Weißwein, den Ole eingeschenkt hatte. Sie unterhielten sich ein wenig und Jan drängte zu wissen, wie das mit Henning im Augenblick lief. Er wusste ja, dass gleich nach Neujahr ein heftiger Schlagabtausch in der Teeküche stattgefunden hatte, in den auch zufällig Hennings Vater gekommen war, der beide zum Gespräch gebeten hatte. Henning hatte den Kopf gerade gerückt bekommen und nun wollte Jan wissen, wie es lief.

„Na ja.“ Felix druckste ein wenig herum. Er mochte es nicht gern, darüber zu reden, darum war er ganz froh, als Ole das für ihn übernahm.

„Es geht so. Henning musste seinem Vater versprechen, dass er Felix das Leben nicht schwer macht, sondern ihn als Lehrling wie jeden anderen behandelt. Es klappt wohl auch ganz gut und ich hoffe, das bleibt auch so. Ich habe auch noch mal mit Henning geredet und ich hoffe, er hat endlich verstanden, warum ich mich von ihm getrennt hatte und dass ich auf keinen Fall zu ihm zurückkomme.“

„Er wird clever genug sein zu wissen, dass er nicht gewinnen kann und aufgeben", sagte Mario. Seit er Henning im ‘Twighlight‘ gesehen hatte, war ihm der aufdringliche, von sich selbst überzeugte Kerl ziemlich zu wider.

„Warum wart ihr eigentlich zu spät?", lenkte Felix einfach ab und grinste nun Mario und Jan an. Vielleicht gab es ja noch ein paar schmutzige Details auszuwerten.

Mario lachte leise. „Tja Schatz, warum sind wir zu spät?"

Jan blitzte ihn aus zusammengekniffenen Augen an und somit war auch gleich die Schuldfrage geklärt. Das dumme war nur, dass Jan seinem Schatz die versprochene Belohnung für sein Schweigen jetzt nicht versagen konnte, denn Mario hatte ja nichts gesagt. Jan hatte sich selbst verraten. „Meine Haare“, nuschelte er darum schnell und dann noch in sein Glas. Vielleicht verstand ihn ja keiner und fragte auch nicht nach.

„Deine Haare also, aha!" Felix hatte immer noch die jüngsten Ohren von allen und damit auch die besten. Das hatte er doch gar nicht überhören können. Doch in seinem Grinsen bemerkte er das Geschenk, was noch unbeachtet in einem Beutel an der Wand lehnte und nun fixierte er es neugierig. Ob das für ihn war? Er war ja schließlich das Geburtstagskind.

Jan bemerkte seinen Blick und sprang auf. Das hatte er ja vollkommen vergessen. Sie hatten doch noch ein Geschenk für Mauseplautz und das war eine gute Gelegenheit, von sich und seinen Haaren abzulenken. Er holte den Beutel und gab ihn mit einem Grinsen an Felix weiter. „Von Mario und mir. Ich hoffe, dass es dir gefällt.“

„Ui", machte Felix und hatte nun den Beutel in der Hand, befingerte das Päckchen und versuchte zu ergründen, was es sein könnte. Doch es war hart. Keine Chance, etwas zu ertasten. Er musste es also öffnen, wenn er wissen wollte, was drinnen war.

„Du wirst es schon auspacken müssen", stichelte Mario, der Felix schon zu gut kannte und der verzog den Mund, weil er sich ertappt fühlte. Doch dann fetzte er das Papier weg und zog den Inhalt heraus - bedruckte Bettwäsche mit Fotos von Inga. Felix' Augen leuchteten.

„Danke!" Dankend fiel er seinen Freunden um die Hälse.

Dass seine Freunde sich so viel Arbeit gemacht hatten, freute ihn sehr und dann hatte die Bettwäsche auch noch Übergröße, so dass auch Oles Füße nicht unten herausguckten. Ole nickte lachend. Er hatte sich schon gefragt, warum ihre Freunde so viele Bilder von Inga haben wollten, denn sie waren ja eigentlich keine Elchfans, wie er und Felix.

„Die muss ich das nächste Mal unbedingt Inga zeigen!", lachte Felix und faltete alles wieder ordentlich zusammen, damit es nicht schmutzig werden konnte. Denn eben guckte der Meister aus der Tür, sicherlich um zu sehen, ob er den nächsten Gang auftragen konnte. Also beeilte sich Felix, denn er war gespannt wie ein Flitzebogen, legte die Bettwäsche aber nicht zu weit weg, weil er sie später noch einmal ausgiebig betrachten wollte.

Satoshi holte die benutzten Teller und servierte dann den Zwischengang. Es gab mit Steinpilzen gefüllte Ravioli mit Guckloch, die von einem leichten Trüffelschaum begleitet wurden und dazu eine Suppe. Die bestand aus einer klaren Kalbsessenz mit Petersilienspagetthinis. An den großen Augen seiner Gäste konnte er sehen, dass sie ziemlich überrascht waren und sich darauf freuten, seine Kreation zu probieren. Darum wünschte er nur noch guten Appetit und zog sich wieder zurück.

„Wie neckisch", lachte Mario, als er in den Ravioli rein gucken konnte. Er kam sich fast vor wie ein Spanner, weil sie so unbedarft ihr Innerstes offenbarte. Felix hingegen fand die Petersilienspaghettinis am interessantesten. Sie waren im gleichen Prinzip entstanden wie der Maracuja-Kaviar, nur viel länger und so angelte er eine davon und ließ sie auf der Zunge platzen.

Ole war echt überrascht, was ihnen hier vorgesetzt wurde. Er wusste zwar, dass Satoshi nicht umsonst einen Stern hatte, aber das Essen hier war vollkommen anders, als in seinem Restaurant. Dort gab es mehr die traditionelle japanische Küche. Auch alles auf dem höchsten Niveau und sehr lecker.

Ole hatte dort schon ein paar Mal gegessen und so auch mitbekommen, dass man den Koch mieten konnte. Aber hier übertraf er nicht nur sich, sondern vor allem die Erwartungen seiner Gäste.

„Das ist der Hammer", murmelte Jan und kostete jeden Bissen aus. Etwas Derartiges hatte er noch nie versucht. Er hatte bis vor kurzem noch nicht einmal gewusst, dass es derart Ausgefallenes gab. So aßen sie und redeten dabei und Felix bereute es ein bisschen, dass sie im Wohnzimmer am Tisch saßen und nicht an der Theke in der Küche, wo er dem Meister weiter hätte über die Schulter gucken können.



02

Begeistert erzählte Felix, wie Ole ihn mit dem Koch überrascht hatte, der schon in der Wohnung gewesen war, als sein Schatz ihn von der Arbeit abgeholt hatte. Zuerst war Felix noch schüchtern gewesen, aber Satoshis offene und freundliche Art hatte ihn schnell aufgetaut und auch die kleine Praline in Form eines Elches, die er geschenkt bekommen hatte. Das war etwas, was der Koch immer machte. Er fragte danach, was der Beschenkte besonders gern mochte und da war eben nur ein Elch in Frage gekommen.

Freilich holte Felix die Schokoladen-Inga gleich aus dem Kühlschrank und Mario stöhnte. Das war so typisch Felix. Es war wohl wieder daran gescheitert, dass er es nicht gewagt hatte, dem Elch den Kopf abzubeißen. Das übliche eben. Und nachdem jeder die Praline bestaunt hatte, wanderte sie zurück in ihre Tupperdose und in den Kühlschrank. Wahrscheinlich würde der kleine Elch die nächsten Jahre in dieser Dose verbringen.

Nach diesem Gang waren alle gespannt, was es als nächstes gab, bis auf Ole, der wusste, was kam, denn er hatte es bestellt. Sie brauchten etwas zum satt werden, denn sie alle waren gute Esser und nach einem Dinner noch hungrig zu sein, war keine Option. Darum leckte er sich auch schon vor lauter Vorfreude die Lippen, als sie jeder das große Kobe-Steak serviert bekamen. Das sah so lecker aus mit den Kartoffeln und dem Gemüse als Beilage, dass ihm das Wasser im Mund zusammenlief.

„Richtiges Fleisch", murmelte Mario und Jan lachte. Sein Liebling hatte wohl schon einen Lammschaum oder Geflügelkaviar erwartet. Mario war so leicht zu lesen! Doch auch er musste zugeben, dass die Spielereien drum herum ganz nett gewesen waren, aber für den Hunger ihm dieses delikate Stück Fleisch lieber war. Und es war verdammt gut!

Genießend und sich dabei leise unterhaltend brachten sie auch den Hauptgang hinter sich und nun warteten sie gespannt auf das Dessert, bei dem Felix wieder mitmischen durfte.

Diesmal wurde nicht mit Kalzitlösung gearbeitet, sondern mit Stickstoff. Darum musste Felix auch eine Schutzbrille aufsetzen und dicke Handschuhe anziehen. In den Stickstoff kamen verschiedene Fruchtpürees oder Massen, aus denen sonst auf konventionelle Art Eis hergestellt wurden. So formte er unter Satoshis Anleitung, kleine Kugeln, die innen hohl waren. Sie mussten schnell zu den Gästen, die die Kugeln an ihren Gaumen zerdrücken sollten. Sie mussten alle lachen, denn Stickstoffschwaden kamen aus ihren Nasen und sahen ziemlich lustig aus. Aber der Geschmack, der sich in ihrem Mund ausbreitete, war einfach köstlich.

„Ich bin dafür, zum Abschluss noch einen Cocktail zu nehmen und den Meister ein bisschen zu uns zu laden, wenn er noch Zeit hat", schlug Felix vor, denn er hatte sich mit Satoshi ein bisschen angefreundet und geredet. „Ich habe in seiner Probe-Mappe, die er dabei hatte, einen Leckeren gesehen und der war schön bunt", sagte Felix und leckte sich über die Lippen. Er hatte sich lange nicht so rund herum wohl gefühlt.

„Na dann los, Schatz, frag ihn, ob er noch etwas mit uns trinken möchte. Ist ja deine Party.“ Ole küsste Felix gut gelaunt und war einfach nur froh, dass es allen gefallen hatte. Wie erwartet, flitzte Felix auch gleich los und kam kurz vor Satoshi zum stehen.

Der war ein wenig verwundert über das Angebot, denn das war nicht üblich, aber er freute sich. „Gerne. Danke für das Angebot“, sagte er darum und schmunzelte, weil Felix gleich strahlte wie eine kleine Sonne. „Sollen wir die Drinks schnell zusammen mixen?“, fragte er, denn das ließ sich der Rothaarige bestimmt nicht nehmen.

„Ja sicher und ich habe auch schon einen im Auge! Darf ich?" Er deutete auf die Mappe, die Satoshi ihm gezeigt hatte und blätterte hastig durch die Folien. „Der da", sagte er und deutete auf ein Glas voll mit bunten Perlen in einer klaren Flüssigkeit, im Rezept stand Wodka und die Kugeln bestanden aus verschiedenen Siruparten und Fruchtsäften.

„Ah, die Liebesperlen“, lachte Satoshi und nickte. Den mochte er auch sehr gerne. Besonders lecker wurde es, wenn man nicht einfach normalen Wodka, sondern die fruchtigen von Absolut nahm. Sein Favorit war da Himbeere und den hatte er dabei. Zusammen mit Felix, stellten sie die fruchtigen Kugeln her und es sah wirklich ein wenig nach Liebesperlen aus, das musste Felix zugeben.

„Wie cool!" Er klatschte in die Hände, als der erste Drink fertig war. Satoshi hatte das Glas zu einem drittel gefüllt und Felix verteilte die bunten Perlen, so dass der Wodka sie gerade noch bedeckte. Schnell waren fünf Gläser gefüllt und sie brachten sie zum Tisch. „Applaus für den Meister!", forderte Felix, als er Satoshi einen Platz anbot und die Gläser verteilte.

„Und für meinen talentierten Assistenten“, gab Satoshi das Lob bescheiden weiter. Der Abend hatte ihm unwahrscheinlich Spaß gemacht, darum hatte er die Einladung auch angenommen. Er setzte sich und sah lächelnd in die Runde. „Bitte, sagen sie Satoshi. Ich finde, das steife Herr Murakawa passt nicht hierher“, bat er und hob sein Glas.

So stellten sie sich alle vor und kamen noch etwas ins Gespräch. Mario wollte wissen, wie man auf die Idee kommt, derartiges zu kochen, Jan wiederum interessierte es, ob man das lernen könnte und Felix wirkte sehr zufrieden mit seinem Drink. Er hatte sich einen Löffel organisiert und holte sich jede Perle einzeln, um den Geschmack zu genießen.

Satoshi beantwortete die Fragen bereitwillig und freute sich, dass Mario hellhörig wurde, als er hörte, dass man Kurse bei Satoshi belegen konnte. Sie kamen ins Plaudern und irgendwann, nach dem zweiten Drink, rutschte es dem Japaner raus, dass er es toll fand, für zwei schwule Pärchen zu kochen, weil das seinen Neigungen doch entgegen kam. Als er merkte, was er da gesagt hatte, wurde er verlegen und senkte den Kopf. Was mussten die anderen jetzt nur von ihm denken?

Doch der Rest dachte eigentlich gar nichts, zumindest nichts Spezielles. Felix kicherte nur, weil er schon genug Alkohol bekommen hatte, um schmusig zu sein und Mario hob eine Braue. „Wer braucht schon Frauen?", lachte er und zwinkerte dem Koch zu.

„Ich auf jeden Fall nicht“, lachte Satoshi zurück und wirkte sehr erleichtert. Aber jetzt hatte er Jans Neugierde geweckt, der auch gleich fragte, ob es denn jemanden gab, dem der schnucklige Satoshi sein Herz geschenkt hatte. Der seufzte nur leise und schüttelte den Kopf.

„Nein, da gibt es niemanden, der auf mich wartet. Ich habe einfach nicht die Zeit dazu, auf die Suche zu gehen. Aber…“ Er hielt inne und sein Gesicht bekam einen schwärmenden Ausdruck. „Ich war letztens im Theater und da war ein Schauspieler und Tänzer, der mir gefallen könnte. Der hat es nach langer Zeit geschafft, dass es in mir gekribbelt hat. Es war so ein kleiner Kerl, mit langen gesträhnten Haaren. Auf den ersten Blick wirkte er fast wie eine Frau, aber auch nur auf den ersten Blick, denn er hat nichts Weibliches an sich. Der wäre was für mich.“ Satoshi geriet richtig ins Schwärmen, als er an diesen Tänzer dachte. „Er hieß Ronny, Ronny Coltrain.“

Jan war der erste, der breit anfing zu grinsen. So, so. Ein kleiner Kerl mit langen Haaren, der den Namen Ronny Coltrain trug. Als auch bei Mario der Groschen fiel, weil das nämlich nicht Ronnys richtiger Name war, sondern nur der, unter dem er auf Plakaten geführt wurde und unter dem er seine Tanzschule führte, grinste er ebenfalls. Da hatte die Hupfdohle also einen heimlichen Verehrer. Gucke an.

„Ein Tänzer also“, murmelte Jan und in dem Moment fiel auch bei Felix der Groschen.

„Ja aber das ist doch…“, setzte er an und bekam gleich zwei Tritte gleichzeitig von Mario und Jan. Er war zwar ein wenig betrunken, aber dass er jetzt die Klappe halten sollte wusste er. Diese Tritte hatte er schon öfter gekriegt und darauf war er konditioniert. „Toll“, beendete er darum seinen Satz und grinste zufrieden. Da hatte er noch einmal elegant die Kurve gekriegt.

„Was war denn das für ein Stück? Schon lange her? Ich war ja schon ewig nicht mehr im Theater. Vielleicht sollten wir auch mal wieder gehen, hm, Schatz?" Jan sah Mario an, der nur hoffen konnte, dass seine nickende Antwort jetzt nicht verbindlich war. Theater war einfach nichts für ihn. Aber eigentlich wollte Jan nur noch ein bisschen mehr wissen und dann entscheiden, wie weiter zu verfahren war.

Denn dass der junge Asiat Ronnys Kragenweite sein konnte, das war ihm schon klar. So gut kannte er seinen Freund.

„Das war vor zwei Wochen. Ich habe die Karte von meinem Team zu Weihnachten geschenkt bekommen, weil sie der Meinung waren, dass ich mich mal einen Abend entspannen sollte. Ich mag Theater, besonders Tanztheater. Es war auch wirklich ein toller Abend. Ich habe mich lange nicht mehr so amüsiert.“ Satoshis Augen leuchteten richtig, als er daran zurückdachte und dass er dort dieses Leckerchen entdeckt hatte, war noch so das Sahnehäubchen auf einem tollen Abend gewesen.

Er hatte versucht noch einmal Karten für die Show zu bekommen, doch es war ihm nicht vergönnt gewesen. Ausverkauft.

Dass er ein bisschen eigene Forschung angestellt hatte, erzählte er lieber nicht, sonst hielten ihn die jungen Männer noch für einen verrückten Stalker. Das wollte er nicht. Aber zumindest wusste er, dass dieser Ronny Coltrain eine Tanzschule in der Stadt leitete.

„Also gibt es leider kein Happy End“, murmelte er leise und grinste schief. Aber dann straffte er sich wieder. Er war auf einer Geburtstagsfeier und da ziemte es sich nicht, über sein nicht vorhandenes Liebesleben zu jammern. „Wie habt ihr euch denn kennen gelernt?“, fragte er stattdessen, denn das interessierte ihn wirklich.

„Also, der da" - Mario deutete auf Jan - „hat mich mit Dreck beworfen, als ich das erste mal aus dem Fenster geguckt habe und den da" - sein Finger zeigte auf Felix - „mussten wir immer im Handwagen mit uns herum zerren, weil seine Mom arbeiten war", erklärte Mario, wie die drei aus dem Viertel sich kennen gelernt hatten. „Und der nette junge Herr da drüben war zur falschen Zeit am falschen Ort, ihm fiel der Mauseplautz vor die Füße und aus Mitleid hat er in behalten. Selber schuld!" Mario lachte.

„Er fiel mir in die Arme“, korrigierte Ole lachend und sah verliebt zu Felix. Für ihn war es ganz bestimmt kein Fehler gewesen, dass er Felix behalten hatte.

„Aus“, rief Mario und wedelte mit den Händen. „Frisch verliebt. Erst seit drei Wochen zusammen“, erklärte er Satoshi, der etwas verwirrt wirkte und nun lachen musste.

„Alles klar“, nickte er dann und stand auf. Ihre Gläser waren leer und er wollte sie wieder füllen. Er wollte mal was Neues ausprobieren und was Aufgeschäumtes machen. Erst letztens hatte er sich an einem geschäumten Tequila Sunrise versucht und sein Team war ziemlich begeistert gewesen. Er hatte ihn zwar noch nicht in sein reguläres Programm aufgenommen, doch das hinderte ihn nicht daran, es jetzt spontan zu tun.

Er brachte die Gläser zum Tisch und erntete Lob für sein Werk.

Doch auch der schönste Abend ging einmal dem Ende zu, denn im Restaurant warteten sie sicherlich auf ihn. Zwar hatte er heute keinen Dienst, aber auch dann sah er nach dem Rechten.

Ole bestellte ihm ein Taxi. Das machte Satoshi immer, denn nach solch einem Job mochte er nicht mehr fahren und er konnte sich ein wenig entspannen. Sein Equipment passte in einen Koffer, so dass er es problemlos verstauen konnte.

Er verabschiedete sich und spontan zog er alle in eine kurze Umarmung. „Ich würde mich freuen, mal wieder was von euch zu hören und wenn ihr einen Tisch in meinem Restaurant möchtet, ruft einfach an, ich organisiere das schon.“ Er gab jedem eine seiner privaten Visitenkarten, wo seine Handynummer draufstand. Das zeigte, dass er es ernst meinte, denn die bekam nicht jeder.

Felix sah ihm noch am Fenster hinterher, dann fing er an zu lachen. „Der steht auf Ronny, ich pack's nicht", kicherte er und auch Mario konnte diesbezüglich nicht an sich halten, dass die Hupfdohle Aufsehen erregt hatte. „Und vielleicht war Aufsehen nicht alles, was er erregt hat", schoss er einmal mehr einen seiner dreckigen Witze und wurde dafür von Jan in die Rippen geknufft. Keine Ronny-Witze unterhalb der Gürtellinie.

„Ihr kennt diesen Ronny?“, fragte Ole verwirrt und verstand endlich, warum Felix und die anderen vorhin so merkwürdig geguckt hatten. „Woher kennt ihr ihn und warum habt ihr das Satoshi nicht gesagt? Ist dieser Ronny nicht schwul und ihr wolltet ihm eine Enttäuschung ersparen?“ Er sah seine Freunde an und zog Felix zu sich. Der war den ganzen Abend viel zu weit weg gewesen.

„Oh doch, die Hupfdohle... Aua!" Mario sah seinen Schatz strafend an, doch als er dessen Blick sah, zog er den Kopf ein und Jan machte weiter.

„Ronny ist sehr wohl schwul. Mein Liebling hat jahrelang geglaubt, ich hätte was mit ihm laufen. Aber warum wir nichts gesagt haben", Jan strich sich durch die Haare, „ich will morgen gucken, wie er reagiert. Ich werde Ronny in das Restaurant schleppen und hoffen, dass der Herr Koch nicht außer Haus ist, sondern hinter seinem Herd und dann will ich sehen, was Ronny zu ihm sagt. Satoshi Hoffnungen machen, wenn Ronny sie nicht erfüllen kann oder will, wäre nicht fair gewesen."

„Ah“, machte Ole verstehend und man sah ihm an, dass er solche Geschichten mochte.

„Ronny ist Jans bester Freund und der, von dem wir dir erzählt haben. Der, der ihn immer trösten musste, wenn Mario fies zu ihm war“, setzte Felix noch erklärend hinterher und Ole riss die Augen auf.

„Das war Ronny?“, fragte er ungläubig und lachte dann. „Das Leben ist manchmal wirklich seltsam.“

„Ja, vor allen Dingen dann, wenn hier behauptet wird, ich wäre fies zu Jan gewesen. Wer hat mich denn ständig zur Sau gemacht und durch den Kakao gezogen? Das war doch mal nicht ich, das war Specki!", knurrte Mario und rückte ab, um nicht gleich wieder drangsaliert zu werden. Er hatte bald blaue Flecken, wenn das so weiter ging.

„Specki?“, knurrte Jan und blitzte Mario an, aber dann lachte er und zog seinen Schatz zu einem Kuss zu sich. „Hast ja Recht, Liebling. Ich hab dich ständig niedergemacht und habe mir eingebildet, dass du mich hasst und fett findest. Ronny musste das trotzdem ausbaden.“ Er wollte eigentlich nicht an diese Zeit zurück denken, denn da hatte er sich nicht gerade mit Ruhm bekleckert.

„Es war jedenfalls nie langweilig, wenn wir beide zu einer Fete eingeladen hatten. Fernseher waren dann völlig überflüssig. Wozu Videospiele, wenn man Jan und Mario hatte", kicherte Felix und fing gleich an zu protestieren, als Mario damit drohte, den Pralinenelch im Kühlschrank als Geisel zu nehmen und langsam und qualvoll zu schmelzen, wenn Herr Mauseplautz nicht endlich die Klappe hielt.

„Ole, lass das nicht zu“, jammerte Felix und der konnte gar nicht anders, als das zu versprechen. Jan und Mario verdrehten unisono die Augen. Seit Felix Ole hatte, wurde er immer frecher, weil er wusste, dass sein Schatz ihn beschützte.

So war der Plage kaum noch Herr zu werden. Nur wenn er bei Mario und Jan war und Ole arbeiten musste, konnten sie Mauseplautz noch Herr werden. Aber so war es ihnen eigentlich lieber. Felix war glücklich und zufrieden.

„In diesen vier Wänden und in meinen eigenen wird niemals einem Elch Leid zugefügt - und auch keiner Motte!", sah er seinen Schatz an, dem man sein Vorhaben, Motti zu entsorgen, schon wieder ansehen konnte. Er und Motti - das war keine Liebe. Aber nach so einem eindeutigen Verbot musste Ole wohl darauf hoffen, dass sich das Mottenproblem irgendwann einmal von selbst erledigte. Da jetzt noch was zu unternehmen, wenn auch heimlich, kam nicht mehr in Frage. So nickte Ole ergeben und küsste seinen Schatz.

„Weichei“, stichelte Mario, bekam aber gleich wieder einen Dämpfer von Jan.

„So, jetzt aber mal wieder zu Ronny“, wechselte der das Thema und sah in die Runde. „Ich finde, Satoshi könnte zu ihm passen.“

„Das sollten wir den beiden überlassen, Schatz", sagte Mario und meinte das genau so. Wenn sich Jan da zu sehr rein steigerte und Ronny mit dem jungen Koch nichts anfangen konnte, hing bei den beiden vielleicht dann der Haussegen schief. Darauf legte er keinen Wert. „Geh morgen mit ihm essen, bestellt den Koch an den Tisch, wenn er da ist und dann lass den Zauber des Augenblicks wirken. Entweder beißt er an oder nicht." Mario hielt von Kuppelei nicht viel, das gab meistens nur Ärger.

„Ja ich weiß, Schatz. Aber Ronny ist jetzt schon so lange allein. Er hat jemanden verdient, der ihn liebt.“ Jan konnte einfach nicht aus seiner Haut, er wollte, dass seine Freunde glücklich waren, so wie er. „Machen wir das so und sehen, was sich daraus entwickelt. Auf jeden Fall bin ich auf Satoshis Gesicht gespannt, wenn er Ronny sieht.“

„Und ich hoffe, er ist nicht sauer, dass wir ihm das nicht gesagt haben", sagte Felix leise, denn wenn er sich überlegte, das hätte einer mit ihm gemacht, er würde sich vorgeführt vorkommen. „Ruf morgen Abend ja an, wenn du wieder daheim bist. Ich will alles wissen!" Sollte noch mal einer sagen, Regenwürmer wären nicht neugierig.

„Ja sicher melde ich mich, sonst terrorisierst du mich ja mit Anrufen, weil du neugierig bist“, lachte Jan und Felix wollte schon protestieren, allerdings wurde er von Ole mit einem Kuss daran gehindert. Sie alle wussten, dass Jan Recht hatte und darum war es müßig, jetzt darüber zu diskutieren. „Lasst uns schlafen gehen“, schlug Ole darum vor. Es war spät und alle ein wenig angetrunken.

Sie mussten für Jan und Mario noch die Couch ausklappen, denn das Geburtstagskind hatte nicht eingesehen, dass er ausgerechnet heute das Bett räumen sollte. Das kam ja gar nicht in die Tüte. Während Ole und Mario die schwere Arbeit machten, wollte Felix ins Schlafzimmer, um Bettwäsche zu holen und übersah eine Rolle am Boden, verlor das Gleichgewicht und mit einem dumpfen Aufschlag bremste die Wand seinen Flug.

Erschrocken ließ Ole alles fallen und lief sofort zu seinem Schatz, der auf dem Boden saß und sich jammernd den Kopf hielt. „Was ist passiert, Schatz?“, fragte Ole besorgt und zog Felix auf seinen Schoß, damit er nachsehen konnte, ob er sich verletzt hatte. Jan und Mario saßen daneben und guckten ebenfalls besorgt. Vorsichtig tastete Ole über die rote Stelle an der Stirn und hauchte schließlich einen Kuss drauf. Es schien nicht viel passiert zu sein, aber trotzdem würde er ein Auge auf Felix haben. Man wusste ja nie.

Allerdings war der Schreck wohl das größte gewesen und dann kam Mario auch der Übeltäter ins Blickfeld. „Mensch, die haben wir ja völlig vergessen!" Eilig griff er sich die Rolle, in der sie das Bild transportierten und reichte sie Ole, ehe der Regenwurm noch mal drauf trat. Man wusste ja nie! Mit den Lerneffekten war es bei denen ja bekanntlich nicht weit her.

„Das war für dich als Dankeschön, dass wir uns hier für ein paar Tage ein schönes Leben machen konnten mit einer Menge Entspannung."

Ole nahm die Rolle entgegen und sah Mario groß an. „Für mich?“, fragte er und wirkte völlig überrascht. „Das wäre doch nicht nötig gewesen. Ich habe euch die Wohnung wirklich gern überlassen und euch verwöhnt, schließlich habt ihr es geschafft, dass ich Felix bekommen habe.“ Ole meinte das wirklich so, aber er freute sich über das Geschenk. Vorsichtig packte er das Bild aus und entrollte es. „Wow“, rief er begeistert, als er den Druck sah. Es zeigte eine Kohlezeichnung eines männlichen Oberkörpers. Es war ein wirklich tolles Bild, darum strich er vorsichtig über das Papier, dann sah er strahlend auf. „Danke! Ihr seid echt verrückt: Das ist ein Bild von Tizian. Das ist doch viel zu teuer.“

„Es ist eine Replik, das Original hätte unseren Geldbeutel umgebracht", erklärte Mario und kratzte sich verlegen am Kopf. Derweil strich Felix um das Bild und murmelte leise. Mussten seine Freunde seinem Liebling das Bild eines durchtrainierten Kerls schenken, während Ole nur einen mickrigen Regenwurm im Bett hatte? Er wurde immer kleiner, je intensiver er das Bild betrachtete.

„Danke. Ich freu mich darüber.“ Ole sah noch einmal auf das Bild und dabei bemerkte er, dass Felix nicht gerade glücklich aussah. „Was ist los, Schatz? Geht es dir nicht gut? Ist dir schlecht?“, fragte er gleich besorgt und legte das Bild weg. Er strich Felix über die Stirn und befürchtete, dass sein Schatz sich doch mehr verletzt hatte, als er dachte.

Doch der schielte weiter auf das Bild und sah Jan vorwurfsvoll an, dann schüttelte er den Kopf. „Nein, nein, keine Sorge. Mir geht’s gut. Hab einen harten Schädel. Ich hol das Bettzeug." Und schon war er aufgestanden und Richtung Pax verschwunden, in dem Ole alles lagerte. Schnell war die Leiter heran gezogen und Felix nach ganz oben geklettert.

Jan beugte sich zu Ole, der etwas irritiert guckte und flüsterte leise: „Zeig ihm, dass er nicht so aussehen muss, damit du ihn liebst.“ Er kannte seinen Mauseplautz schon lange genug, um dessen Blick zu deuten. Felix war immer noch unsicher und hatte Schwierigkeiten zu glauben, dass Ole ihn liebte, so wie er war.

Der sah Jan kurz fragend an, aber dann verstand er und nickte. „Mach ich“, versprach er. „Das Bild hänge ich aber trotzdem auf, denn es wäre zu schade, das nicht zu tun.“

„Darauf sollst du auch nicht verzichten. Aber Felix ist sensibel. Doch du machst das schon." Jan klopfte Ole auf die Schulter und half seinem Liebling dabei, ein Laken über die Couch zu ziehen. Es war ein schöner Abend gewesen, doch auch ihn lockte die Vorstellung, die Augen zuzumachen und zu schlafen. Der Tag war lang gewesen.

Darum dauerte es auch nicht mehr allzu lange, bis in den Zimmern die Lichter ausgingen und die vier Freunde ins Bett gingen. Ole löste in dieser Nacht auch noch sein Versprechen ein, das er Jan gegeben hatte, und zeigte Felix, dass er derjenige war, den Ole begehrte und dass er seinen Schatz so liebte, wie er war.


03

„Ihr habt auch schon bessere Musik gehabt", murmelte Ronny frustriert. Seit einer viertel Stunde nervte der Regionalsender im Autoradio mit Zeug, was früher als Körperverletzung bezeichnet worden wäre. Ja, er wurde wohl langsam alt. Lachend schüttelte er den Kopf und gab seinem BMW die Sporen, um rasch noch einen Spurwechsel zu machen, ehe hinter ihm die Kolonne ran war.

Er freute sich darauf, endlich mal wieder was mit Jan zu unternehmen. Seit der umgezogen war, sahen sie sich nicht mehr so oft, wie sie beide gern gewollt hätten.

Da konnte Jan nicht mal eben rüberkommen, wenn er kein Training hatte und Ronny nicht arbeiten musste. Darum war es mittlerweile etwas besonderes, wenn sie sich sahen und das zelebrierten sie auch so. Sie suchten sich nicht alltägliche Restaurants oder Clubs, in die sie gingen und ratschten die ganze Zeit. Schließlich hatten sie sich viel zu erzählen. Denn ihrer Freundschaft hatte es keinen Abbruch getan, dass sie sich nicht mehr so oft sahen.

Manchmal half der Chat, wenn sie sich zufällig trafen, manchmal auch das Telefon, wenn man zum Tippen keine Lust hatte. Es gab Wochen, da hielten sie sich nur mit einer: „Ich lebe noch"-SMS über Wasser. Aber das hatte nichts daran geändert, dass sie einander viel bedeuteten. Deswegen gab Ronny auch ein bisschen mehr Gas als erlaubt, so hatte er noch ein paar wertvolle Minuten mit Jan gewonnen, als er endlich vor dessen Haustür stand und lachend die Tür öffnete, denn Jan stand schon in der Haustür.

Da es mal wieder ziemlich kalt war, blieb er im Auto, was aber nicht hieß, dass sie sich nicht ordentlich begrüßten. Ronny zog Jan in seine Arme und drückte ihn fest und dann holte er sich seinen Begrüßungskuss. Den hatte Mario ihnen nämlich erlaubt und das nutzte Ronny auch aus. Schließlich hatte er schon längere Rechte an seiner Prinzessin.

„Ich freu mich auch, dich zu sehen“, lachte Jan nach dem Kuss und schnallte sich an, damit sie los konnten.

„Das hoffe ich doch, Prinzessin", lachte Ronny und machte das nervende Radio wieder aus. Es wurde ja sowieso nicht besser. Lieber bombardierte er Jan gleich mit Fragen, als erstes, wo Mario denn heute wäre und wie es gestern gewesen wäre und wo es denn hin gehen sollte, denn Jan hatte festgelegt, dass er heute aussuchte, wo es hin ging.

Den Weg zu Satoshis Restaurant hatte er in Marios Navi programmiert, das er Ronny gerade an die Scheibe klebte.

Der guckte etwas pikiert. Hoffentlich nahm ihm Ludger - sein eigenes Navi - es nicht übel, dass er gerade fremd navigierte. Aber es geschah unter Zwang!

Nachdem er das Navi gestartet hatte, beantwortete Jan Ronnys Fragen und erzählte ihm, dass Mario arbeiten war und dass sie gestern einen schönen Abend gehabt hatten. Wo sie jetzt hinfuhren verriet er allerdings nicht. Das sollte Ronny erst sehen, wenn sie da waren. Er war nämlich gespannt, was sein Freund dazu sagte, dass sie in ein Sternerestaurant gingen.

„Und? Liebe noch frisch oder langweilt dich dein Proll langsam?", fragte Ronny, obwohl er es besser wusste. Mario war Jans Leben und umgekehrt war es nicht anders. Das hinderte Ronny aber nicht daran, Jan zu ärgern. Er folgte dem Navi und versuchte zu ergründen, wo seine Prinzessin ihn hin bringen wollte.

„Alles bestens“, lachte Jan, der wusste, dass Ronny ihn nur ärgern wollte. Der Tänzer war ja froh darüber, denn sonst müsste er seine Prinzessin ja wieder trösten. Darauf hatte er gar keine Lust. Ein Drama reichte für ein ganzes Leben. „Und was macht dein Liebesleben? Jemand in Aussicht oder was in der Art?“

„Was in der Art?", lachte Ronny und schüttelte den Kopf. „Der einsame Wolf wird langsam grau und verteidigt trotzdem tapfer sein Revier." Ronny hatte gar nicht die Zeit auf die Piste zu gehen. Wenn er ausging, war er meistens mit Jan unterwegs und sonst pendelte er zwischen Aufführung und Tanzschule. Er brauchte schon entweder einen viel beschäftigten oder sehr toleranten Mann und das waren die wenigsten.

„Ah ja. Du hast graue Haare?“, fragte Jan frech und lachte laut. Selbst wenn es so wäre, würde die niemand zu sehen bekommen. Dazu war Ronny viel zu eitel. Aber ansonsten beruhigte ihn die Aussage, dass sein Freund nichts am Laufen hatte. Da gab es doch durchaus eine Chance für Satoshi.

„Meine Prinzessin hat es doch vorgezogen, sich mit einem Proll einzulassen. Da muss ich allein und ungeliebt durch die Welt streifen, bis meine Zeit abgelaufen ist." Er machte es besonders theatralisch und wollte die Stille auf Jan wirken lassen, doch der falsche Ludger krähte: „Nach 200 Metern links abbiegen."

Darum war Jan auch nicht beeindruckt oder betroffen, sondern kicherte. Aber nicht lange. Er strich Ronny über die Wange und lächelte liebevoll. „Deine Prinzessin liebt dich und das wird sie auch immer tun“, sagte er und seufzte. Kurz dachte er darüber nach, ob aus ihnen was geworden wäre, wenn es Mario nicht geben würde. Er schüttelte die Gedanken schnell wieder ab, denn es war müßig, sich darüber den Kopf zu zerbrechen.

„Gut gerettet", grinste Ronny frech und hob eine Braue, als der falsche Ludger dreist behauptete, sie hätten ihr Ziel erreicht. Ronny sah sich um und machte große Augen - sah Jan an - sah den falschen Ludger an - sah wieder auf das Restaurant. „Haben wir was zu feiern oder warum landen wir heute in einem Sterne-Schuppen?" Doch er suchte erst einmal einen Parkplatz und in der Nähe ein weiteres Lokal, das der falsche Ludger vielleicht gemeint haben konnte. Doch da war nichts.

„Nein, nichts zu feiern. Ich hatte einfach Lust darauf. Wir haben uns ein wenig Luxus verdient und das Essen hier soll wirklich erstklassig sein. Ole war schon hier und meinte, dass die Portionen hier auch nicht übersichtlich sind, sondern durchaus satt machen.“ Das war Jan wichtig, denn viel Geld für Essen zu bezahlen und nachher noch hungrig sein, kam für ihn nicht in Frage.

Dann konnte er gleich zu seiner Lieblings-Imbissbude fahren.

„Na dann will ich mal sehen, was dieser Ole empfohlen hat", sagte Ronny. Er kannte den großen Schweden, den sich Felix geangelt hatte, nur vom Hörensagen. Sie stiegen aus und Ronny sah sich den Laden noch einmal an. Ein japanisches Restaurant mit einem guten Ruf über die Grenzen der Stadt hinaus. Der Chef - ein junger Halbjapaner - kochte hier noch selber. So viel wusste er über das Murakawa schon mal.

Sie schlenderten zum Eingang des Restaurants. Die Fassade war schlicht und edel. Da hatte Satoshi wirklich Geschmack bewiesen. Sie öffneten die Tür und wurden sofort freundlich begrüßt. „Ich habe einen Tisch bestellt, auf den Namen Grüning“, sagte Jan freundlich und der Kellner nickte auch sofort. Anscheinend hatte er die Reservierungen im Kopf.

„Wenn Sie mir bitte ihre Garderobe reichen würden. Ein Kellner bringt sie dann zu ihrem Tisch.“

„Wie nobel", flüsterte Ronny, als der junge Mann die Jacken wegbrachte und ein anderer sie zu einem kleinen Tisch in einer Nische führte. Räumlich ein wenig separiert durch Pflanzen und einen Zimmerbrunnen. Alles sehr hübsch. Im Inneren dominierten allgemein viel helles Holz und die für Japan typischen Reispapierwände. Neugierig sah Ronny sich um, vor allem, weil neben ihrem Tisch eine heiße Platte stand, die er aus Filmen kannte: darauf wurde Kurzgebratenes zubereitet.

Ole hatte wirklich nicht zu viel versprochen, als er von der Einrichtung geschwärmt hatte. Beim Essen hatte Jan keine Bedenken, denn nach gestern war er sich sicher, dass es hier nur gut sein konnte. Diese heiße Platte fand er auch sehr spannend, darum gesellte er sich zu Ronny an den Tisch, damit er sie in Augenschein nehmen konnte.

Der junge Kellner von eben kam mit Speisekarten zurück und stellte Wasser und zwei Gläser auf den Tisch, dann ließ er seine Gäste vorläufig wieder allein und so konnte Ronny sich noch ein bisschen umsehen. „Sieht lecker aus, was die da drüben haben", sagte er und versuchte nicht zu sehr auf die Teller der anderen zu starren. Das gehörte sich nämlich nicht.

„Ja, das stimmt, aber ich glaube, ich möchte etwas von dieser heißen Platte. Ich hab das mal im Fernsehen gesehen. Das war echt eine Supershow.“ Jan guckte zwar in die Karte, aber für ihn war klar, was er wollte. Er goss ihnen Wasser ein und sah sich nach einem Kellner um und entdeckte Satoshi, der auf ihn zukam. Das klappte ja besser, als er gehofft hatte. Jan hatte sich schon den Kopf zerbrochen, wie er den Koch an seinen Tisch bekam.

„Ich glaube, das werde ich auch probieren", erklärte Ronny und vergrub sich derweil auf der Dessertseite der Karte und war so fast hinter den Seiten verschwunden. Vielleicht zum Glück, denn so kam Satoshi unbefangen an den Tisch und begrüßte Jan, verkniff sich im Beisein der Begleitung aber diskret die Frage nach Mario. Man wusste ja nie.

„So schnell sieht man sich wieder“, lachte Satoshi und riskierte einen Blick auf Jans Begleitung. Erkennen konnte er fast nichts, denn die große Speisekarte verdeckte fast alles. Irgendwie hatte er ein vertrautes Gefühl, aber er konnte es nicht fassen und damit er nicht starrte, wandte er sich wieder an Jan. „Weißt du schon, was du möchtest?“ fragte er und lächelte, als der auf die heiße Platte blickte.

„Japp - spontan entschlossen, mir hier was brutzeln zu lassen. Kannst du da was empfehlen?", fragte Jan und hatte eigentlich die Nase voll davon, dass Ronny in seiner Karte verschwunden war. „Und du?", rief er also leise zu ihm hinüber, damit der aus seinem Dessert-Dream auftauchte.

„Hä?", machte Ronny, weil er das Gefühl hatte, angesprochen worden zu sein und sah auf, nickte dem Kellner zu und sah Jan fragend an.

Satoshi wollte gerade etwas sagen, als Ronny hochblickte und hatte das Gefühl, dass ihm die Luft wegblieb. Es hatte ihn vollkommen unvorbereitet erwischt, darum hatte er auch kurze Zeit seine Gefühle nicht unter Kontrolle. Er starrte mit weit aufgerissenen Augen auf seinen Schwarm, der ihn allerdings gar nicht beachtete, sondern etwas von Jan wollte. Es dauerte ein paar Herzschläge, bis er sich wieder im Griff hatte und eine halbwegs gelassene Miene aufsetzen konnte.

„Was war?", fragte Ronny noch einmal, weil Jan es gar nicht für nötig hielt, zu wiederholen, was er eben gesagt hatte. Allerdings verdrehte der leicht die Augen, weil das gerade nicht ganz so gelaufen war, wie erhofft. Ronny hatte den Koch noch nicht einmal beachtet. Hatte er ihn überhaupt angesehen? Wie sich Satoshi wohl gerade fühlte?

„Was willst du essen?", fragte er seinen Freund und der legte grinsend den Kopf schief.

„Alzheimer?"

„Häh?“ Jan wusste wirklich einen Moment nicht, was los war, aber dann fiel es ihm wieder ein. „Ja sicher, die heiße Platte. Hatte ich grade nicht dran gedacht.“ Jan plapperte erst einmal, weil er sich was einfallen lassen musste, damit Ronny den Koch beachtete. Die größten Chancen hatte er wohl, wenn er sie einander vorstellte. „Ach übrigens, das ist Satoshi Murakawa, der Besitzer des Restaurants. Er hat gestern bei Ole und Felix gekocht und weil das wirklich superlecker war, habe ich mir gedacht, dass wir heute mal hier her kommen.“

Wie erwartet sah Ronny auf und lächelte dem jungen Mann zu. Dabei gönnte er sich einen genaueren Blick und begrüßte Satoshi höflich, stellte sich dabei selber vor. Allerdings nicht mit seinem Künstlernamen, sondern mit Ronny Stiller, dem Namen, der an seinem Klingelschild stand. „Hübsches Lokal", sagte er noch, denn so war es wirklich. Das Ambiente gefiel ihm sehr.

„Danke.“ Satoshi war noch immer ein wenig im Schockzustand, aber er fing sich wieder, denn er war Profi und Jan und Ronny waren seine Gäste. Darum kam er auf Jans Frage zurück, was er empfehlen konnte. „Für die heiße Platte eignet sich alles, was man kurz brät. Da wir ein japanisches Restaurant sind, überwiegend Fisch und Meerestiere. Ich kann euch gerne eine Auswahl zusammenstellen und zubereiten. Gibt es etwas, das ihr gar nicht mögt?“

„Ich bin Allesfresser", erklärte Ronny und grinste breit. „Außerdem neugierig. Ich glaube also nicht, dass man mich mit etwas schocken könnte. Ich vertraue da völlig auf ihren Geschmack." Er lehnte sich zurück und sah Satoshi forschend an. Hübscher Kerl. „Wenn sie uns dann noch Getränke dazu empfehlen würden, wäre das geradezu perfekt." Er schenkte Satoshi noch ein Lächeln, er wusste selbst nicht warum.

Dieses Lächeln ging Satoshi durch und durch, darum musste er sich erst einmal wieder fangen, bevor er antwortete. Dieser Ronny war aus der Nähe noch viel umwerfender und das machte ihn leicht nervös. „Also traditionell gibt es dazu Sake, der ist allerdings nicht jedermanns Sache. Ich empfehle meinen Gästen, die sich damit nicht anfreunden können, Wasser oder einen leichten, nicht zu süßen Weißwein. Das verfälscht den Geschmack der Speisen am wenigsten.“

„Na perfekt." Ronny nickte zufrieden. „Versuchen wir beides?", sah er Jan fragend an und der nickte. Warum nicht. „Also, Sake und Weißwein - bitte", fügte er der Höflichkeit halber noch an und klappte die Karte zu, legte sie aber so neben sich, dass klar wurde, dass er mit der noch nicht fertig war. Ohne ein Dessert ging er hier nicht raus.

„Gut. Ich bringe euch gleich die Getränke und dann stelle ich das Essen für euch zusammen.“ Satoshi nickte zu der Entscheidung und wollte gerade gehen, als ihm etwas einfiel. „Möchtet ihr Liebesperlen, um die Wartezeit etwas zu verkürzen?“, fragte er lächelnd. Wenn er sich recht erinnerte, war der Drink gestern ziemlich gut angekommen. Die Gläser waren zumindest ziemlich schnell leer gewesen.

„Wie bitte?", fragte Ronny etwas irritiert, weil er mit vielem gerechnet hatte, aber nicht damit.

„Ja, mach mal!", sagte Jan hastig und winkte Ronny nur ab. Der sollte sich überraschen lassen und so ging Satoshi und Ronny sah ihm etwas länger als nötig hinterher.

„Liebesperlen, hm?", sagte er und sah Jan fragend an. „Was lief da gestern, hm? Massenorgie mit Liebesperlen?"

„Vielleicht?“, grinste Jan, verriet aber nichts weiter. Sollte der Herr Stiller ruhig ein wenig neugierig werden. Im Allgemeinen war er mit der ersten Begegnung der beiden durchaus zufrieden. Ronny hatte gelächelt – mehr als einmal und nicht so geschäftsmäßig unverbindlich. Das war gut, denn das bedeutete, dass sein Freund Satoshi zumindest sympathisch fand.

„Meine Güte. Was ist nur aus meiner anständigen, jungfräulichen Prinzessin geworden? Seit du diesen Proll am Bein hast, muss man bei dir ja mit allem rechnen", lachte er leise und trank einen Schluck, sah sich dabei weiter um. „Und der" - Ronny deute mit der Hand in die Richtung, in die Satoshi verschwunden war - „hat gestern gekocht? Da hat aber jemand für seinen Felix tief in die Tasche gegriffen, hm?"

„Sag nicht immer Proll“, brummte Jan, wusste aber, dass das Ronny nicht davon abhielt, seinen Schatz weiter so zu nennen. „Japp, ich nehme mal an, dass Ole einiges dafür hingeblättert hat. Erst einmal ist Satoshi ein Sternekoch, dann hat er ganz abgefahrene Sachen aus der Molekularküche gezaubert, aber der absolute Kracher war das Hauptgericht. Es gab echtes Kobe Fleisch und nicht nur so ein bisschen, sondern ein richtig großes Steak, zum satt werden. Ich sag dir, ein besseres Steak habe ich noch nie gegessen.“

Langsam hob Ronny eine Braue und sah sich suchend um. Dieser Satoshi schien ja ein richtiger Tausendsassa zu sein. „Molekularküche? So was kann der?", fragte er und man wusste nicht genau, ob das jetzt Neugier oder Neid war, der ihn fragen ließ. Er nahm sich noch einmal die Karte, um zu sehen, ob er etwas in der Art darinnen finden konnte.

„Tja, so was macht der nur, wenn man ihn mietet“, konnte Jan sich nicht verkneifen, denn ein wenig sollte Ronny für den Proll bestraft werden. Satoshi hatte ja erzählt, dass es so was in seinem Restaurant nicht gab. „Aber vielleicht auch, wenn man ihn nett und höflich darum bittet. Der Lachstatar mit der Kräuterkugel war wirklich fantastisch.“

Mit gesenkten Brauen sah Ronny kurz über die Karte zu Jan, doch er ließ sich nicht ärgern. Er selbst mochte nicht sehr groß sein, aber sein Stolz war es und der verbot ihm zu fragen, zu bitten oder gar sich unterkriegen zu lassen. Also klappte er die Karte zu, verzichtete und wechselte das Thema. „Und? Die Uni?"

„Läuft“, war die genauso knappe Antwort, aber dann musste Jan grinsen. So lief das zwischen ihnen immer. Erst wurden kurze Fragen gestellt und beantwortet und erst danach fingen sie richtig an zu reden. Er wollte gerade weitermachen, da kam Satoshi mit den Getränken. Darum wartete er noch kurz und beobachtete Ronny, der die Liebesperlen misstrauisch beäugte.

„Und das ist genau... was?", fragte er gedehnt, besah sich aber das Glas, das vor ihm abgestellt worden war, ziemlich interessiert. Er griff sich eine der Perlen mit dem Cocktail-Löffel und besah sie sich skeptisch, während andere Gäste neugierig zu ihnen sahen.

„Wodka mit Fruchtsaftperlen“, erklärte Satoshi, der nicht verhindern konnte, dass sein Blick an dem Löffel mit der Perle klebte, der sich langsam den sinnlichen Lippen näherte. Dieser Ronny war unwahrscheinlich erotisch in seiner ganzen Art und wahrscheinlich wusste er das noch nicht einmal, denn es wirkte vollkommen natürlich und das machte den Koch unwahrscheinlich an.

„Auf Ideen kommen die Leute", lachte Ronny leise und fischte mit seinen Lippen die Perle vom Löffel, um sie zu lutschen, schüttelte sich aber überrascht, als sie aus Versehen zerplatzte und er begriff, dass die Perlen nicht fest, sondern flüssig waren. „Cool", lachte er und holte sich gleich einen ganzen Löffel voll davon in den Mund. Das machte Spaß.

Die Perlen zerplatzten in seinem Mund und vermischten sich dort mit dem Wodka. Das war absolut grandios. Ronny grinste zufrieden und nahm gleich noch einen Löffel.

„Scheint gut anzukommen“, lachte Jan und Satoshi nickte abwesend. Er war vollkommen von diesem Schauspiel gefangen.

„Und das gab es gestern auch?", fragte Ronny und hatte schon wieder einen Löffel voll Perlen gefischt, um das Schauspiel zu wiederholen. Viel zu schnell war sein Glas leer und so schielte er gierig auf Jans Glas. Der hatte doch selber gesagt, dass er das gestern schon versucht hatte. Da konnte er seine Anteile doch sicherlich entbehren.

„Du musst fahren“, grummelte Jan, schob sein Glas dann aber doch zu Ronny rüber. Wenn der so einen Spaß daran hatte. Einen Löffel voll nahm er sich jedoch, denn das Zeug war wirklich lecker. „Lass dir das patentieren, Satoshi. Damit kannst du echt Geld verdienen“, lachte er dem Koch zu, aber der winkte ab.

„Ach was, ich finde es nur wichtig, dass man es mag.“

„Ich mag es jedenfalls", sagte Ronny und schob seine Hand in die enge Hosentasche. Dabei musste er sich etwas biegen und wenden, bot Satoshi so unabsichtlich noch eine gute Show und hatte dann den Autoschlüssel in der Hand. „Schatz, du fährst. Ich brauche den Wagen morgen nicht", legte er fest und bestellte sich noch solch einen lustigen Drink.

Schatz? Satoshi sah Jan an und es war ihm anzusehen, dass er verwirrt war. Gestern hatte er gedacht, dass Jan mit Mario zusammen und sehr glücklich wäre. Was für eine Beziehung hatte er zu Ronny und warum hatte er ihn her gebracht? Ihm war klar, dass er mit der Beschreibung seines Schwarms, Jan darauf gebracht hatte, in wen er sich verguckt hatte. Aber das konnte er jetzt nicht fragen, darum lächelte er zu Ronny und verbeugte sich leicht. „Sehr gerne.“


04

„Und ich verschwinde mal schnell im Lieblingsraum", sagte Ronny fast aufs Stichwort und verstand Jans erleichterten Blick nicht. „Was denn? Soll ich deins gleich mitnehmen?", lachte er laut und verschwand, denn es drückte doch ein wenig.

Satoshi sah ihm nach und Jan holte tief Luft. „Mein bester Freund und meistens nennt er mich Prinzessin", gestand er leise, um Satoshi hier nicht das Gefühl zu geben, Jan hätte ihn vorführen wollen.

Satoshi antwortete nicht gleich, denn er sah Ronny hinterher. Der Tänzer bewegte sich unwahrscheinlich geschmeidig. Es war einfach herrlich, ihm einfach beim Laufen zuzusehen. „Du hast sofort gewusst, dass ich ihn gemeint habe?“, fragte er leise, als Ronny um eine Ecke verschwunden war. „Warum hast du nicht gesagt, dass du ihn kennst? Und vor allen Dingen, warum hast du ihn her gebracht?“ Satoshi wusste nicht, was er davon halten sollte. Wollte Jan ihm zeigen, dass er keine Chance hatte?

„Gesagt habe ich nichts, weil ich nicht wollte, dass du dir Hoffnungen machst, die dann vielleicht nicht fruchten und hergebracht habe ich ihn, weil ich sehen will, wie er auf dich reagiert. So einfach", erklärte Jan seine Gedanken. „Ich will hier weder kuppeln noch bremsen. Ich wollte nur ein zweites Treffen machen, wenn die Show doch ausverkauft war."

Nickend sah der Koch ihn an. Das konnte er glauben. Jan sah nicht aus wie jemand, der Spielchen spielte. „Du meinst also, wenn ich es geschickt anstelle, kann es sein, dass ich Erfolg habe?“, fragte er aber lieber noch einmal nach. Nicht dass er es doch falsch verstanden hatte. Damit konnte er arbeiten. Er hatte einen ganzen Abend Zeit, Ronny von sich zu überzeugen.

„Ich liefere dir nur eine Basis. Was du daraus machst, ist dann dein Ding", sagte Jan und so war es auch. Er würde weder lenken noch leiten. Ronny war alt genug und er war wählerisch. Doch die Ansätze waren doch nicht schlecht. Er lächelte, er war beeindruckt - das war mehr, als alle anderen in den letzten Monaten geschafft hatten. „Und deine Liebesperlen bleiben definitiv im Gedächtnis." Jan lachte.

„Das ist doch ein Anfang“, lachte Satoshi leise und er konnte nicht verhindern, dass Jans Worte in seinem Kopf etwas ganz anderes assoziierten. Prompt wurde er verlegen, denn eine leichte Röte breitete sich auf seinem Gesicht aus. Das war peinlich! Was sollte Jan von ihm denken? Das er schon so notgeil war, dass schon einfachste Bemerkungen ihn geil werden ließen? „Dann sorge ich wohl besser für Nachschub“, murmelte er leise und machte auf dem Absatz kehrt.

Gerade rechtzeitig, dass er auf dem Weg zurück in die Küche auf Ronny traf, der sich ein bisschen im Lokal umgesehen hatte und ihm nun lächelnd entgegen kann. Ihre Blicke trafen sich und dann war Ronny auch schon an ihm vorbei, die Blicke von einigen Gästen auf sich wissend. Viele überlegten bei seinem Anblick, war er Mann oder Frau, doch das war vielleicht auch ein bisschen Absicht. Ronny spielte gern und er provozierte gern. Es war seine Art.

„Na, Süßer. Besser?“, fragte Jan, als Ronny sich wieder zu ihm setzte. Sein Freund hatte richtig gute Laune und er hatte ein leichtes Glitzern in den Augen. „Also, dass er die Molekularküche beherrscht, weißt du jetzt“, brachte er das Gespräch wieder auf Satoshi. Wenn er auch nicht kuppelte, so war ein wenig Anstupsen doch erlaubt.

„Ja, das weiß ich", grinste Ronny und hörte die Nachtigall trapsen. „Und dass der Kerl so eine Sahneschnitte ist, ist nicht zufällig der Grund, warum wir heute hier essen sind?" Er war da weniger schämig, er fiel gleich mit der Tür ins Haus und plumpste auf den Läufer im Flur. „Was sollte ich denn noch über ihn wissen, was er beherrscht, hm?" Er hob sein Glas Wasser und prostete Jan zu, zog die Liebesperlen aber dichter zu sich.

„Tja, ich weiß nur, dass er ein wirklich erstklassiger Koch ist, der gerne ins Tanztheater geht. Bei allem anderen kann ich dir nicht weiterhelfen, da musst du schon Eigeninitiative zeigen.“ Jan fühlte sich ein wenig ertappt, aber da Ronny lächelte, war er ihm wohl nicht böse. „Und wir sind hier, weil ich weiß, was diese Sahneschnitte am Herd zaubern kann.“

„Aha!" Ronny lehnte sich zufrieden in seinem Stuhl zurück und griff sich Jans Glas mit den leckeren Kügelchen. Er ließ ein paar davon in seinem Mund zerplatzen und wirkte dabei wieder sehr zufrieden. „Du weißt, dass ich für einen Mann keine Zeit habe", sagte er leise, aber nicht ablehnend. Allerdings wusste Jan auch, dass das immer Ronnys erstes Argument war.

„Glaubst du, er hat die? Er hat ein Restaurant. Er ist Mietkoch. Er gibt Kurse. Glaubst du, da hat er viel Zeit?“ Jan sah Ronny mit hochgezogener Augenbraue an. Das war es doch immer, was Ronny gefordert hatte. Ein Mann, der genauso beschäftigt war, wie er selbst. „Das ist für dich doch perfekt. Du müsstest dir keine Gedanken machen, dass er sich vernachlässigt fühlt oder sich ohne dich langweilt.“

„Hör bloß auf, ihn mir schmackhaft zu machen", knurrte Ronny leise und sah Jan forschend an. Seine Prinzessin wusste doch wieder mehr als er zugeben wollte! Das sah er deutlich. Sicher, der Kerl war ansehnlich und stand auf eigenen Beinen, konnte sich beschäftigen und ab und an würden sich vielleicht sogar ihre Interessen kreuzen. Aber das war kein Mann für einen schnellen Flirt, das war nicht das, was Ronny normalerweise suchte, um sich abzureagieren.

„Ronny, ich will ihn dir nicht schmackhaft machen. Es ist nur so, dass du immer deine Arbeit vorschiebst. Ich wollte nur, dass du ihn kennen lernst, weil er wirklich ein sehr netter und angenehmer Mensch ist. Es ist ein völlig unverbindliches Treffen.“ Jan legte eine Hand auf Ronnys und lächelte. „Du entscheidest. Wenn du nicht willst, dann ist das okay. Ich bin der letzte, der dich zu etwas überreden möchte. Dazu bist du mir zu wichtig.“

„Verdammt, Jan", knurrte Ronny leise und grinste schief. „Überrede mich! Alleine läuft das so wie immer, aber der Kerl ist... lecker." Er wirkte auf unbekannte Art unbeholfen und Jan wusste im ersten Augenblick nicht, was er sagen sollte. Ronny holte tief Luft, denn wenn er sich darauf einließ, betrat er Neuland. „Es soll nicht wie immer laufen." Wurde Ronny etwa gerade verlegen?

„Schnapp ihn dir, Tigerchen.“ Jan musste einfach grinsen und er zog Ronny in eine Umarmung. Mit vielem hatte er gerechnet, nur nicht damit, dass sein Freund zugab, dass er Hilfe brauchte. „Er wird sich wohl nicht wehren. Zerr ihn nicht gleich in dein Bett, sondern lern ihn kennen. Gib dir und ihm Zeit herauszufinden, ob es funktionieren könnte und wenn es das nicht tut, dann kannst du ihn immer noch vernaschen.“

Ronny, der gerade noch etwas Freches entgegnen wollte, verkroch sich hinter seinem - genaugenommen Jans - leerem Cocktail-Glas, als Satoshi mit seiner Bestellung kam. Aus dem Augenwinkel bemerkte er, dass andere Gäste ebenfalls danach fragten und der Künstler nun in Erklärungsnot kam. Er redete sich mit einem speziellen Geburtstagswunsch heraus und beeilte sich, Ronny seine Liebesperlen zu bringen.

Da gerade einer seiner Kellner mit dem Fleisch und dem Fisch für die heiße Platte kam, blieb Satoshi gleich am Tisch und stellte einen Paravent auf, damit sie ein wenig ungestörter waren. Die Show, die gleich kam, konnte sonst die anderen Gäste stören und auch Jan und Ronny wollten bestimmt nicht ständig beobachtet werden. Er bereitete alles vor und stellte sich an die Platte, damit er anfangen konnte.

Dabei wurde er die ganze Zeit von Ronny beobachtet, der sich den Luxus gönnte, Satoshi einmal komplett von Kopf bis Fuß zu mustern. Er blieb bei seiner ersten Einschätzung, der Koch war ansehnlich und so zurückhaltend, wie er sich gab, sicherlich ein angenehmer Charakter.

„Mach doch was!", flüsterte Jan tonlos, denn die Stille müsste nicht sein. Wie wollte Ronny den Koch kennen und bewerten lernen, wenn er nicht redete?

„Wo", setzte Ronny an und holte tief Luft, „wo hast du das denn gelernt?", fragte er also und schwenkte das Glas mit den Saftperlen.

Überrascht, dass er angesprochen wurde, sah Satoshi von seinen Vorbereitungen auf und lächelte, als er Ronny mit dem Glas sah. „Ich habe ein paar Jahre im Ausland gearbeitet und in dem Hotel, wo ich war, gab es auch einen Koch, der sich mit der Molekularküche beschäftigte. Das fand ich interessant und da habe ich angefangen, damit zu experimentieren. Man könnte sagen, das es mein Hobby ist“, erklärte er bereitwillig und kontrollierte dabei, ob auch alles, was sie brauchten, da war.

„Manche Leute haben wirklich interessante Hobbys", sagte Ronny, doch seine Stimme machte klar, dass er das nicht ironisch, sondern sehr ernst meinte. Er konnte da mit seinem vor-dem-Fernseher-rumlungern nicht mithalten, also schwieg er sich lieber dazu aus. „Bist du schon viel rumgekommen?", versuchte er das Gespräch weiter in Gang zu halten, nicht dass Jan ihn noch unter dem Tisch trat.

„Ein wenig. In meinem Beruf ist es immer ganz gut, wenn man ein paar erstklassige Restaurants oder Hotels vorweisen kann.“ Während er erzählte, belegte er die heiße Platte und ein köstlicher Duft breitete sich aus. „Ich habe das ungefähr zehn Jahre gemacht. Unter anderem in New York, Dubai, Barcelona und den Bahamas.“

„Wow", konnte sich Ronny nicht verkneifen. Er selbst war noch nicht wirklich rausgekommen. Zwar hatte er sich zweimal ein exotisches Urlaubsziel ausgesucht, aber das war es dann auch schon gewesen. Der Junge spielte doch in einer ganz anderen Liga und gerade fühlte sich Ronny ziemlich klein, das Gefühl war neu und es machte ihn unsicher.

„Klingt spannender, als es wirklich war. Die Küchen auf aller Welt sehen sich ziemlich ähnlich und sind austauschbar. Von den jeweiligen Ländern habe ich nicht viel gesehen. Wie auch, wenn man im Durchschnitte vierzehn Stunden arbeitet.“ Satoshi sah das realistisch. Als junger Koch, der lernen und sich weiterbilden wollte, hatte man praktisch keine Freizeit. „Darum wollte ich auch unbedingt wieder hierher nach Essen. Hier bin ich geboren und zuhause.“

„Ach, du bist hier geboren?", fragte Ronny schon wieder neugieriger. Ob es nun Absicht gewesen war oder nicht, Satoshis Einschätzung und die Tatsache, dass er seine Besuche in den großen Küchen der Welt nicht so weit hoch hängte, machte ihn nur noch sympathischer. „Ehrlich gesagt, hätte ich gedacht, dass du nicht von hier bist", gestand Ronny offen. Seine Augen aber lagen nur auf Satoshis flinken Fingern. Nur gut, dass hier keiner Gedanken lesen konnte!

„Wie kommst du nur darauf?“, lachte Satoshi. „Mein Vater ist Japaner und meine Mutter kommt aus dem Ruhrgebiet. Sie haben sich nach ihrer Hochzeit in Essen niedergelassen, weil sie das Lokal hier mieten konnten. Tja und weil sie sich sehr liebten und es auch immer noch tun, wurde dann auch bald Klein-Satoshi geboren. Ich bin also eine waschechte Ruhrpottpflanze.“

„Dafür ist dein Deutsch aber mal echt sauber", lachte Ronny. „Jedes Mal wenn ich meine Eltern im Norden besuche, werde ich grammatikalisch verbessert, bis mir die Ohren bluten. Meine Güte", plauderte er aus dem Nähkästchen und merkte nicht einmal, wie Jan eine Braue hob. Eigentlich sprach Ronny nie über seine Eltern. Nicht weil er sie verbergen wollte, sondern weil das für ihn völlig privat war und Fremde nichts anging.

„Mir passiert das auch. Wenn ich privat unterwegs bin, merkt man, wo ich herkomme.“ Satoshi zwinkerte Ronny gut gelaunt zu und machte eine kleine Show daraus, das erste Essen auf zwei Teller zu bekommen. Darum sprach er nicht sofort weiter, sondern servierte erst einmal. Als die Teller vor seinen Gästen standen, redete er wieder weiter. „Wenn ich im Restaurant bin oder anderswie geschäftlich unterwegs, achte ich auf meine Aussprache.“

„Nur gut, dass ich in meinem Job nicht so oft den Mund aufmachen muss." Ronny lachte leise und leckte sich dann über die Lippen, denn das Essen vor ihm sah einladend aus. Fisch, naturell gebraten und etwas kurz gebratenes Gemüse. Kaum Gewürze und trotzdem roch es unglaublich. „Entschuldige, aber ich muss erst mal kosten", sagte er zu Satoshi, damit der nicht dachte, das Gespräch wäre beendet. Irgendwie lauerte er noch auf die richtige Stelle, nach einer Telefonnummer zu fragen. Doch wie stellte man so was an?

„Musst du auch nicht. Wenn du tanzt, sind keine Worte notwendig. Du bist fantastisch“, sagte Satoshi, ohne groß darüber nachzudenken. Er hatte den Abend im Theater nicht nur genossen, weil Ronny ihm gefiel, sondern weil er auch ein erstklassiger Tänzer war. Erst als Jan ihn etwas amüsiert ansah, merkte der Koch, was er gesagt hatte und senkte den Kopf. „Mach das. Lass es dir schmecken“, murmelte er dabei und tat fürchterlich beschäftigt.

Doch seine Worte hielten Ronny vorerst einmal davon ab zu essen. Er sah den Koch forschend an. „Du weißt, was ich mache?", fragte er. Hatte Jan ihm da irgendetwas vorenthalten? Er sah seinen Freund kurz an und dann wieder zu Satoshi. Er fühlte sich geschmeichelt bei dem Lob, doch es interessierte ihn schon, wann der Koch ihn gesehen hatte. Hoffentlich an einem Tag, wo er besonders gut in Form gewesen war.

„Ja, ich habe dich Anfang des Jahres in einer Vorstellung gesehen. Habe ich zu Weihnachten geschenkt bekommen.“ Satoshi war ziemlich peinlich, was ihm rausgerutscht war, aber dann straffte er sich. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt, sagte er sich in Gedanken. Darum lächelte er wieder, als er aufsah. „Darum bist du wohl auch heute hier. Ich habe gestern nämlich von dir geschwärmt.“

„Hast du?", fragte Ronny, doch an der Betonung hörte Satoshi deutlich, dass diese Frage nicht an ihn gegangen war, sondern an Jan, der pfeifend in die Weltgeschichte guckte und sich geschäftig mit dem Muster des Reispapiers beschäftigte.

„Prinzessin?“, fragte Ronny noch einmal nach und Jan sah zu ihm.

„Ja?“, fragte er gedehnt und sah seinen Freund unschuldig und fragend an. „Was ist denn?“

„Ist der Grund, warum du heute hier essen wolltest, zufällig der, dass Satoshi gestern begeistert von meiner Darbietung gesprochen hat?", fragte Ronny und fixierte seinen Freund mit einem frechen Grinsen im Gesicht. Langsam ergab alles ein Bild.

„Äh… pf…“, machte Jan mit unschuldigem Gesicht, das so komisch aussah, dass Ronny und Satoshi lachen mussten.

„Egal, warum du hier bist. Ich bin wirklich froh, dass du es bist. Dann muss ich nicht mehr aus der Ferne an dich denken und mir wünschen, dass wir uns kennen lernen.“ Jetzt war sowieso schon alles egal. Nun konnte Satoshi auch aufs Ganze gehen.

„Vielleicht sollten wir zur Strafe die Prinzessin in die Küche zum Spülen schicken und wir machen es uns hier gemütlich", murmelte Ronny, dem endlich aufgegangen war, dass er nur mit der halben Wahrheit gefüttert worden war, doch er meinte das nicht ernst. „Wir sollten uns vielleicht mal ohne Job treffen", sagte er also zu Satoshi. Es lag jetzt in dessen Hand, einem Date zuzustimmen. Und Ronnys Herz schlug wie wild. Er war aufgeregt und dass er zitterte, merkte man nur am leisen Klirren des Bestecks auf seinem Teller, dass er fest umklammert hatte.

„Ja, das sollten wir wirklich. Sehr gerne.“ Satoshi strahlte und auf einmal wurde ihm klar, was hier passierte. Ronny wollte sich mit ihm treffen. Er war also an ihm interessiert. Zumindest so viel, dass sie zusammen etwas unternahmen. „Aber das klären wir gleich. Euer Essen wird kalt. Das wäre zu schade. Wenn man satt ist, unterhält es sich besser.“

„Und so hektisch wie die Süße da hinten auf dich zu gelaufen kommt, brennt deine Küche", mutmaßte Ronny, denn die junge Dame wirkte nicht sehr froh. Hastig sagte sie etwas auf Japanisch, zumindest glaubte Ronny, dass es so klang und widmete sich seinem Essen und seiner Prinzessin, der Kupplerkönigin!

Seufzend hörte Satoshi ihr zu und antwortete knapp, aber nicht unfreundlich. Das war nicht sein Stil. Eigentlich konnte er sich auf seine Crew verlassen, aber manchmal war es wie verhext. Das Problem konnte sein Stellvertreter auch lösen und das sagte er auch. Er gab Pierre freie Hand, denn Nichts und Niemand konnten ihn jetzt von diesem Tisch wegholen. Wie sah das denn aus, wenn er jetzt ging und seine Gäste auf ihr Essen warten mussten. Und dass das nicht der einzige Grund war und ein ganz kleines bisschen persönliche Interessen mit rein spielten, verdrängte er nach hinten. Das wäre ja völlig unprofessionell und das war er nicht.

„Probleme?", fragte Ronny und merkte sofort, dass die Frage falsch gewählt gewesen war. Probleme zuzugeben bedeutete Unprofessionalität und das Gespräch abzuwürgen bedeutete Unhöflichkeit. Er hatte Satoshi unbeabsichtigt in eine unschöne Situation gebracht und wechselte deswegen das Thema. „Ging es gestern gesittet zu oder wieder eine Orgie, so wie sonst?"

Satoshi war dankbar für den Themenwechsel. „Nein, keine Orgie. Zumindest nicht so lange ich da war. Es war ein sehr schöner Abend. Felix hat mir oft beim Kochen geholfen. Er hat sich auch die Liebesperlen ausgesucht und gemacht. Sie sind gestern ähnlich gut angekommen, wie heute bei dir.“

„Ach, die Orgie ging sicherlich los, nachdem du die Tür hinter dir zu gemacht hast. Da bin ich mir ziemlich sicher", lachte Ronny. Ein bisschen Strafe hatte seine Kupplerkönigin schon verdient. Außerdem wusste Ronny nicht, über was man noch Belangloses sprechen konnte, ohne zu privat zu werden. Er war so unbeholfen in diesen Dingen!

Satoshi kicherte mit, denn Jan guckte ein wenig empört. „Wir feiern keine Orgien. Keiner außer mir fasst Mario an und mich auch nicht. Bei Felix und Ole ist es nicht anders. Der Wikinger bewacht unseren Mauseplautz wie seinen Augapfel. Die einzige, die eine Chance hat, ist Inga und die ist weit weg. Ole hat sogar bei minus zwanzig Grad im Elchstall übernachtet, weil Felix sie nicht alleine lassen wollte.“

„Hä?", machte Ronny wenig intelligent und sah Jan fragend an, denn er hatte weniger als die Hälfte verstanden. „Im Elchstall?", fragte er also und wollte das doch gern etwas ausgekleidet haben. Jan hatte zwar erzählt, dass der kleine Rotschopf sich bei IKEA einen Sicherheitsole geleistet hätte, aber dass der auch Elchdealer war, war ihm neu. „Komische Haustiere haben die Leute."

„Ja, ein Elch. Oles Großeltern in Schweden haben ein kleines Elchkalb gerettet, dessen Mutter gestorben war, und es großgezogen. Felix kam, sah und war verliebt. Die zwei müssen unzertrennlich gewesen sein. Gemeinsam haben sie Ole geärgert.“ Jan musste grinsen, als er daran dachte, wie Felix’ Augen geleuchtet hatten, als er ihm von seinem Urlaub erzählt hatte. „Erinnere mich mal dran, wenn du bei uns bist. Ich habe ganz viele Bilder davon.“

„Das hätte ich ja zu gern gesehen. Der kleine Rotschopf und der Elch. Ich weiß nicht, was ich machen würde, wenn mich mein Freund für einen Elch verlassen würde", sagte er leise und ohne zu überlegen, sah er Satoshi an, der sich bereits um die Fleischgerichte kümmerte, denn die Vorspeise hatten Jan und Ronny mit Begeisterung verdrückt.

„Was würdest du machen?", wollte er von dem Koch wissen und biss sich auf die Lippen. War er denn bescheuert?

„Da hätten wir einen Elch und einen Koch. Was denkst du, was ich tun würde?“, grinste Satoshi und zerschnitt dabei so ganz nebenbei ein Stück Fleisch in dünne Scheiben. Es war nicht ernst gemeint, denn so etwas würde er nie übers Herz bringen. „Nein, einem Elch würde ich das vielleicht erlauben, aber keinem Menschen. Ich bin nicht sonderlich eifersüchtig, aber ich erwarte Treue.“

Es schien wie ein Hinweis in Ronnys Richtung und er nahm es auf, nickte. Sollte er zugeben, dass er es mit Treue noch nie versucht hatte, weil er sich noch nie den Luxus einer festen Bindung gegönnt hatte? Bisher hatte ihn das Argument der wenigen Zeit immer gerettet, doch langsam wollte auch er sesshaft werden. Doch konnte er Satoshi gleich auf den Kopf zu sagen, dass er kein leichter Brocken sein würde? Nein, beim besten Willen nicht.

„Wir sollten Felix nicht hören lassen, was seiner Inga blühen könnte", lachte er und trank einen Schluck Weißwein, den ein Kellner vorhin gebracht hatte.

„Nein, das sollten wir wirklich nicht. Ich habe die Bilder von ihr gesehen, sie ist wirklich niedlich.“ Satoshi servierte das Fleisch und sah unauffällig seine Gäste an. Er wollte wissen, ob es ihnen schmeckte. Schließlich hatte er das übliche Rindfleisch gegen das hochwertige Kobe Fleisch ausgetauscht. Es Ronny zu servieren, erschien ihm eine gute Idee. Liebe ging doch oft durch den Magen.

„Ich finde ja Elche immer etwas struppig und unförmig", gestand Ronny. Das hieß nicht, dass er sie nicht mochte oder sie hässlich fand, aber sie waren nicht das, was er erwarten würde, wenn er im Duden "niedlich" nachschlug. Er lachte leise, denn er kannte von Jan die Elchophilie des Rotschopfs. Schließlich hatten sie wochenlang das Internet nach einer Elchmütze durchforstet. Das war ein Drama gewesen!