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Starkoch im Pas de deux - Teil 5 bis 8

05

Doch er verdrängte Felix völlig und widmete sich dem verführerisch duftenden Teller. Allein der Anblick war ein Gedicht und das Messer glitt durch das Fleisch wie durch weiche Butter. Zart und weich. Und es zerging förmlich auf der Zunge. Satoshi konnte sehen, dass es Ronny schmeckte. Wie der Tänzer dort mit geschlossenen Augen saß und das Fleisch sichtlich genoss, war ein Anblick, der den Koch unwahrscheinlich freute. Ihm wurde klar, dass Ronny ihm nicht nur vom Aussehen gefiel, sondern von seiner ganzen Art her.

Er war sehr natürlich und unbefangen. Er hatte weder die befürchteten Starallüren, noch sonst eine Eigenart, die ihn abschreckte.

„Ist das von diesen Kühen, die Bier trinken und gestreichelt werden?“, wollte Ronny wissen und sah Satoshi forschend an. „Ich hätte nicht gedacht, dass so was widerwärtiges wie Bier etwas derartig veredeln kann“, musste er gestehen und schnitt sich noch ein Stück ab.

„Sie hören auch noch Musik“, lachte Satoshi. Eigentlich war er ein Anhänger regionaler Produkte, soweit es ging, aber bei diesem Fleisch machte er eine Ausnahme und bestellte es in Japan. Es gab einfach nichts Vergleichbares. Darum wurde es bei ihm auch häufig bestellt. Gäste, die es einmal probierten, wollten es auch gerne wieder haben.

Da spielte der Preis keine Rolle. Man gönnte es sich ja schließlich nicht täglich und ein bisschen Luxus brauchte jeder dann und wann.

„Musik, das will ich glauben“, murmelte Ronny. „Man hört beim Kauen die Engel singen.“ Und wieder wanderte ein Stück des Hochgenusses in seinen Mund. Jan ging es ähnlich, doch während seines Hochgenusses amüsierte er sich leise über die ersten ungeschickten Flirtversuche von Ronny. Wer hätte gedacht, dass er das noch einmal erleben durfte.

„Das hört ein Koch doch gerne.“ Wieder landete ein perfekt gebratenes Stück Fleisch auf Ronnys Teller und Jan machte große Augen. Sein Teller war auch leer, aber bei ihm wurde nicht gleich nachgelegt. Er musste erst ein wenig winken, bis Satoshi merkte, was er wollte. Aber dafür wurde der Koch wenigstens rot. Das entschädigte ein wenig.

Und es machte Jan ein klein wenig Hoffnung, dass Satoshi genau das sein könnte, was Ronny suchte. Er musste das unbedingt beobachten und zum Schluss darauf drängen, dass Satoshi noch eine seiner Visitenkarten da ließ, sonst musste Jan Ronny seine überlassen. Das durfte so nicht enden. Und er beobachtete intensiv, damit er Mario nachher haarklein berichten konnte. Ob es auffiel, wenn er mit dem Handy Bilder machte?

Den Gedanken verwarf er gleich wieder, denn er selber mochte es auch nicht, wenn jemand immer und überall mit dem Handy spielte. Mussten seine Freunde sich mit dem zufrieden geben, was er ihnen erzählte. Und da gab es einiges. Zum Beispiel einen Ronny, der eine Haarsträhne zwischen seinen Fingern zwirbelte, was er nur machte, wenn er unsicher war.

Denn bei seinen Haaren war Ronny ziemlich eitel und ihre Spitzen so leichtfertig zu ruinieren war ein Zeichen von absoluter Unsicherheit. Genauso wie der schüchterne Blick von unten. Das war nicht Ronnys Art. Er trug den Kopf eigentlich immer etwas zu hoch als zu tief und wirkte dadurch arrogant. Aber nicht jetzt, jetzt versuchte er Satoshi ununterbrochen anzusehen und dabei zu essen.

Das wirkte schon ein wenig komisch, so hatte er Ronny noch nie gesehen. Darum fischte er jetzt doch sein Handy raus. Mario glaubte ihm das sonst nicht. Heimlich, damit sein Freund es nicht merkte, machte Jan ein paar Fotos. Es war nur zu hoffen, dass Ronny nicht enttäuscht wurde, wenn er sich endlich einmal dafür öffnete, jemanden in sein Leben zu lassen.

Und während Jan sich weiter seinem Essen widmete, versuchten Satoshi und Ronny ziemlich steif und gehemmt noch etwas Konversation. Jan entschied, dass dies hier ganz entschieden die falsche Atmosphäre war. Nicht nur weil hier dutzende Augenpaare auf den Sterne-Koch gerichtet waren, auch wenn der Paravent etwas Deckung bot, auch sein Personal, dass ihn besser kannte als seine Gäste, beobachtete das merkwürdige Treiben. Sie brauchten eine zweite Chance – ganz klar.

Ein Treffen auf neutralem Boden, damit beide die Chance hatten, sich ungestört zu unterhalten, ganz ohne Druck. Ihm kam zugute, dass beide wohl nicht die geübtesten Flirter waren. Die Unterhaltung plätscherte so dahin und als sie beim Dessert angekommen waren, ergriff Jan die Initiative und fragte ganz einfach, ob Satoshi Ronny nicht eine Visitenkarte geben wolle, man könne ja mal telefonieren.

So erfreut wie der Koch guckte und auch gleich in seine Tasche griff, hatte er selber daran noch gar nicht gedacht.

„Ich hab keine dabei“, musste Ronny gestehen und seine Nummer hatte er auch nicht im Kopf. „Aber ich rufe dich morgen auf jeden Fall an, versprochen!“, sagte er hastig und drehte die Karte in seinen Fingern. Nervös bog er sie und steckte sie dann gut weg, in seine Hosentasche.

Er legte genügend Geld für das Essen und ein gutes Trinkgeld auf den Tisch und sah Satoshi noch einmal lächelnd an. Es fiel ihm schwer, jetzt zu gehen, doch der Koch war im Dienst. Er hatte noch mehr Gäste, die seine Aufmerksamkeit wollten. Ihn zu beanspruchen – nur für sich – war egoistisch.

„Ja, bitte mach das. Es macht auch nichts, wenn es spät wird. Ich bin immer lange auf.“ Satoshi war zu Ronny getreten und lächelte. „Ich bin froh, dass wir uns getroffen haben.“ Er wusste nicht, was er machen sollte oder durfte, darum zog er den Tänzer nur kurz an sich und machte das gleiche mit Jan. „Grüßt die anderen bitte von mir.“

„Natürlich“, sagte Jan und nickte eifrig. Das würde er auf jeden Fall tun, denn der junge Koch hatte bei allen einen sehr angenehmen Eindruck hinterlassen. „Tschüss dann“, sagte er und wandte sich zum gehen und so sah er nur aus dem Augenwinkel, wie Ronny dem erstarrten Koch einen Kuss auf die Wange drückte und dann wie ein geölter Blitz abrauschte. Jan konnte ihm kaum folgen.

„Jetzt warte doch mal“, rief er Ronny hinterher, konnte ihn aber erst am Wagen einholen. „Was war das denn?“, fragte er grinsend und freute sich schon auf die Erklärung. Ronny war da ziemlich erfinderisch.

Doch dieses Mal wurde Jan enttäuscht, denn Ronny erklärte nicht, sondern knurrte: „Halt die Klappe und steig ein und wenn irgendjemand davon erfährt, Prinzessin, haben wir ein Tänzchen.“ Er sah Jan dabei nicht an, doch der Tonfall machte klar, dass er das nicht so ernst meinte, wie er es sagte, sondern schlicht und ergreifend nervös bis in die Haarspitzen war. Er sank also auf den Beifahrersitz und holte tief Luft.

„Ich werde davon schon nichts erzählen, Süßer.“ Jan hatte sich auf den Fahrersitz gesetzt und sah seinen Freund lächelnd an. „Satoshi ist nett, oder? Er gefällt dir.“ Das war eine rein rhetorische Frage, denn wenn das nicht so wäre, würden sie jetzt nicht hier so sitzen.

„Prinzessin!“, knurrte Ronny leise und drückte sich weiter in den Sitz. Er war völlig durcheinander und kam erst allmählich wieder zu sich. Was hatte er da eigentlich eben getan? „Nein, er gefällt mir nicht. Deswegen führe ich mich auch auf die ein bekloppter Idiot.“ Und wieder holte er tief Luft, um klar im Kopf zu werden. Was musste der Koch nur von ihm denken? Für ganz dicht hielt der ihn bestimmt nicht – eher das Gegenteil.

„Ach Süßer. Du hast dich nicht wie ein Idiot benommen.“ Jan strich Ronny durch die Haare und zog ihn an sich. „Satoshi hast du gefallen und er wird sich über den Kuss gefreut haben.“ Als Ronny wieder nur knurrte, lachte er. „Süßer, er hat dich auf der Bühne gesehen und war hin und weg und das ist er immer noch. Du hast ihn nicht abgeschreckt, denn schließlich will er sich mit dir verabreden.“

„Wie ein pubertierender Teenie“, murmelte Ronny und lehnte sich in seinem Sitz zurück. Das war doch wirklich die peinlichste Show, die er je abgezogen hatte. Und dann ausgerechnet bei einem Mann, der ihm wichtig gewesen wäre. „Drück ich dem da einen Kuss vor allen drauf. Ich kann von Glück reden, wenn er mich nicht wegen Rufschädigung verklagt!“ Ronny holte tief Luft und versuchte sich wieder zu fassen. Er musste nachdenken und wagte nicht, zurück zum Restaurant zu sehen.

„Süßer, jetzt ist aber gut.“ Jan klopfte Ronny mit dem Fingerknöchel gegen die Stirn. Wenn Ronny jetzt nicht aufhörte, machte er nämlich einen Rückzieher. Das war keine Option. „Ruf ihn morgen an und dann wirst du sehen, dass er dir nicht böse ist. Satoshi ist nett und er wird verstehen, dass du ein wenig von der Rolle warst. Gib dir und ihm eine Chance.“

„Ich mach mich nicht zweimal zum Deppen“, sagte Ronny leise. Er konnte die Panik, die langsam in ihm hoch kam, einfach nicht zurückdrängen. Es mochte ja sein, dass Satoshi von im begeistern gewesen war, als er ihn hatte tanzen sehen – aber nach der Show?

„Komm fahr, ich möchte die Gelegenheit nutzen, mich heute Abend ausgiebigst zu betrinken.“ Nur gut, dass er genügend Vorräte hatte und morgen keinen Auftritt.

„Du hast dich nicht zum Deppen gemacht. Betrink dich meinetwegen, aber du rufst ihn morgen an, Süßer, dafür werde ich sorgen. Und gnade dir Gott, wenn du es nicht tun wirst.“ Jan startete den Wagen und sah noch einmal zu Ronny rüber, der sich in seinem Sitz vergraben hatte. Eigentlich war es sonst umgekehrt und Ronny las Jan die Leviten. Aber heute war es eben mal anders herum.

„Ja, ja“, nuschelte Ronny und schloss die Augen, als er sich anschnallte. So Gott gnädig war, sorgte er dafür, dass er morgen nicht erwachte und er erst am Montag kurz vor der Arbeit wieder zu sich kam, denn er malte sich gerade aus, wie das wäre, wenn er anrufen würde. Was sollte er sagen? Wie das von eben erklären? Das war nicht zu erklären.

Während Ronny sich gerade selber geißelte, stand Satoshi noch immer dort, wo Ronny sich von ihm verabschiedet hatte und strich sich über die Wange. Ronny hatte schon Recht, er hatte ihn mit dem Kuss überrascht, aber er war nicht verärgert, sondern hellauf begeistert. „Er hat mich geküsst“, murmelte er leise und fing an zu lächeln.

„Küche“, flüsterte ihm einer seiner Kellner zu, denn Satoshi erregte Aufmerksamkeit und zog alle Blicke auf sich. Aber nicht in der Form, wie er das eigentlich wollte. So kümmerte sich Gerrit um die Reinigung der Platte und räumte den Tisch ab, während Satoshi langsam und ohne Hast zurück in seine Küche ging. Dabei ließ er den Abend noch einmal Revue passieren. Wie hatte er sich erschrocken, als er Ronny neben Jan erkannt hatte. Ihm war fast das Herz stehen geblieben. Ganz entgegen seiner Befürchtung hatte der Abend sich aber wunderbar entwickelt und Ronny hatte seine Karte angenommen und dann noch dieser Kuss! Satoshi lächelte wieder und blieb dann abrupt stehen.

Das hatte er ja vollkommen vergessen!

Er war ja ab Morgen eine ganze Woche nicht da. Er war ja für einen Event in London gebucht.

„Mist!“, knurrte er und versuchte sich zu fassen. Jetzt war es ärgerlich, dass er Ronnys Nummer nicht hatte, um ihn zu informieren. Er war jetzt völlig darauf angewiesen, dass Ronny sich meldete. Und wenn er es nicht tat, dann... Nein, so weit wollte Satoshi nicht denken! Ronny schien ihn nicht ganz abstoßend zu finden. Also meldete er sich bestimmt. „Ganz ruhig, das wird schon“, machte er sich selber Mut und guckte irritiert auf, als Sasuke, sein Sushi-Meister, ihn vorsichtig antippte.

Aber dann merkte er, was los war und ging aus dem Weg. Hatte er doch, vollkommen in Gedanken, mitten im Weg gestanden. Er hatte ja noch nicht einmal mitbekommen, dass es in seiner Küche hektisch zuging und er schüttelte über sich selbst den Kopf. Ronny hatte ihn wirklich vollkommen aus dem Konzept gebracht. Sich wieder straffend ging er durch die Küche und verschaffte sich einen Überblick. Seine Hilfe wurde immer gebraucht, darum war er auch schon nach ein paar Minuten wieder ganz in seinem Element. Ein Koch konnte eben nicht aus seiner Haut.
 

06

„Versuch siebenundzwanzig gescheitert“, murmelte Ronny, als er den Hörer aufknallte, noch ehe er die letzte Ziffer der Telefonnummer gewählt hatte. Seit geschlagenen drei Stunden versuchte er eine simple Nummer zu wählen. Es waren nur sieben Ziffern, er brauchte ja nicht einmal eine Vorwahl! Er konnte die Folge auswendig, er musste nicht mehr auf die Visitenkarte gucken und jedes Mal, wenn er wieder Mut gefasst hatte und hastig tippte, um sich selbst zu überlisten, war der innere Schweinehund schneller.

Ronny hatte Schweini schon einen Namen gegeben, damit er wusste, auf wen er es schieben konnte.

Sich zu betrinken hatte gar nichts gebracht, außer einem dicken Kopf heute Morgen. Der hatte ihn aber leider nicht daran gehindert, dass es in seinem Kopf rotierte, wie dämlich er sich gestern benommen hatte. Das war ohne Kater schon schwer zu ertragen, mit war es die reine Hölle. „Verdammt“, knurrte Ronny und nahm das Telefon wieder zur Hand. Jetzt musste es aber klappen. Das war doch lächerlich, wie er sich aufführte. Und Jans regelmäßige Kontrollanrufe, ob er sich schon bei Satoshi gemeldet hatte, machten es auch nicht leichter.

Ronny lief noch einmal durch den Flur zum Bad und wieder zurück, straffte sich und wählte und dieses Mal hatte er Schweini überlistet, der sich wahrscheinlich irgendwo im Flur verlaufen hatte, denn Ronny legte nicht auf und das Freizeichen hallte ihm ins Ohr.

Es dauerte ein wenig, bis sich am anderen Ende jemand meldete. „Murakawa“, sagte eine männliche Stimme und Ronny wurde sofort nervös. Jetzt würde sich zeigen, ob Satoshi noch etwas mit ihm zutun haben wollte.

„Hallo Satoshi, ich bin’s“, sagte er und schlug sich gegen die Stirn. Ich bin’s – damit konnte Satoshi sicherlich sehr viel anfangen. „Ronny“, schob er also noch erklärend hinterher und hielt den Atem an.

„Hallo Ronny“, kam es fröhlich aus dem Hörer. Da war nichts von Verärgerung zu merken, sondern einfach nur freundliches Interesse. „Da hast du aber Glück. Ich bin gerade zur Tür rein. Schön, dass du anrufst.“

„Nach der Nummer gestern war ich mir nicht ganz sicher, ob ich anrufen sollte“, gestand Ronny, holte aber tief Luft. Der erste Schritt war gemacht. Hastig sah er sich um und ließ sich dann auf die Couch fallen. „War schön gestern.“ Nein, seine Coolness hatte er noch nicht wieder gewonnen, aber er war auf dem Weg zu einer halbwegs brauchbaren Konversation.

„Ach was. Ich sehe keinen Grund, warum du nicht anrufen solltest. Ich freue mich auf jeden Fall.“ Die Stimme am anderen Ende lachte leise und warm und ließ Ronny leichter ums Herz werden. Anscheinend hatte Satoshi ihm den Kuss nicht übel genommen.

„Dann habe ich bei deiner Nachsichtigkeit ja noch einmal Glück gehabt.“ Ronny wirkte sehr erleichtert. „Das Essen gestern war wirklich unglaublich. Deinen Stern hast du dir wirklich verdient.“ Er fing einfach an zu reden und sagte, was ihm gerade in den Sinn kam, denn Ronny konnte diese peinliche Stille nicht ertragen, die vielleicht eintrat, wenn Satoshi nichts weiter sagen wollte. „Stör ich?“, fragte er vorsorglich, nicht dass Satoshi gerade etwas anderes vorhatte.

„Nein, du störst überhaupt nicht. Nur nicht wundern, wenn ich gleich vielleicht ein wenig abgelenkt wirke. Ich mach mir nur gerade einen Tee und etwas zu essen warm.“ Man hörte Wasser rauschen und dann eine Kühlschranktür. „Was hat dir gestern denn besonders gut gefallen? Das sollte ich mir vielleicht merken.“

Ronny überlegte kurz, doch dann war sein Mundwerk schneller als er hätte zensieren können. „Dass du da warst“, hatte er gesagt und nun wurde er rot, nur dass das keiner sah. „Die Liebesperlen waren der Hammer. Ich hätte noch Tausende davon verdrücken können“, lenkte er gleich ab und hoffte, dass Satoshi nur mit halbem Ohr zugehört hatte.

Aber da hatte er wohl kein Glück. „Uih. Ich habe schon lange nicht mehr auf einer Speisekarte gestanden“, kam es leise und warm lachend aus dem Hörer. „Aber ich kann nicht sagen, dass ich etwas dagegen hätte und bei den Liebesperlen muss ich dir zustimmen. Die mag ich auch sehr gern.“

Ertappt lachte Ronny leise. „Vielleicht sollten wir uns treffen und einen ganzen Eimer davon herstellen. Dann lungern wir ein bisschen herum, schlürfen sie und unterhalten uns. Gestern war die Atmosphäre ja doch etwas förmlich und meine Prinzessin lauerte ja nur darauf, wie wir miteinander umgehen.“ Das fiel ihm gerade ein, weil er es im Hörer klopfen hörte und im Moment gab es nur einen, von dem er wusste, dass er ihn erreichen wollte. Doch Ronny legte nicht auf – nicht jetzt. Jan würde sich das schon denken können.

„Oh nein, dann sind wir betrunken und das will ich nicht.“ Wieder hörte man Lachen und wie jemand in eine Tasse pustete, um sie etwas abzukühlen. „Treffen möchte ich dich schon gerne, aber ich habe das Prinzip, bei den ersten Verabredungen keinen Alkohol zu trinken und auch nicht zu kochen. Ich möchte mein Gegenüber mit unbenebelten Sinnen kennen lernen. Kochen und trinken lenkt dabei nur ab. Ich hoffe, dass du dich dann trotzdem noch mit mir treffen möchtest.“

„Ja sicher“, sagte Ronny hastig. Er konnte das ja irgendwie verstehen. Er ging auch ungern mit einer Verabredung ins Tanztheater oder gar tanzen. Nicht dass er es nicht gern tat. Aber es gab mehr als das, um sich zu amüsieren und zum Kennen lernen besser geeignetes. „Wann hättest du denn Zeit?“, fühlte Ronny mal vorsichtig vor und verschwieg lieber, dass er sofort loslaufen würde, wenn Satoshi schnipste.

„Bereit, wenn du es bist“, war die prompte Antwort und dann hörte man wieder leises Lachen. „Wirklich, ich habe dieses Wochenende nichts vor. Wenn du also Lust hast, dann können wir uns gerne treffen. Ich bin jetzt richtig neugierig, dich näher kennen zu lernen. Weit weg vom Restaurant und deiner Prinzessin.“

„Ehrlich?“, platzte es aus Ronny heraus und er war schon aufgesprungen. Jetzt ärgerte er sich, dass er sich noch nicht geduscht hatte, sondern Stunde um Stunde sinnlos um das Telefon geschlichen war. „Was dagegen, wenn ich vorbei komme?“, fragte er also und war schon im Bad. Mit einer Hand zog er sich aus und mit der anderen ruderte er, um das Telefon nicht fallen zu lassen.

„Nein, komm vorbei. Meine Adresse hast du ja?“ An der Stimme konnte Ronny hören, dass Satoshi es ehrlich meinte und sich auch wirklich freute. „Wann kann ich denn mit dir rechnen? Ich sollte mich noch frisch machen, denn ich komme von der Arbeit.“

„Ich muss auch noch unter die Dusche und mich dann in den Wagen schwingen. Vielleicht in einer Stunde oder wäre das zu früh?“, fragte Ronny und stand schon unter der Dusche, hatte das Wasser aber noch nicht angestellt. Er lauerte auf Satoshis Antwort und hoffte, dass er nicht zu aufdringlich war. Er konnte sich im Augenblick nur ganz schlecht einschätzen. Das machte ihn verrückt. Bei jedem Satz musste er austesten, wie weit er gehen konnte und wann es zu weit gewesen war. Wie auf rohen Eiern lief er.

„Perfekt“, war die knappe Antwort und man hörte auch, wie Satoshi durch die Wohnung lief und wohl ins Bad ging, denn es hallte ein wenig. „Wir sehen uns dann in einer Stunde. Dann habe ich mich und die Wohnung ein wenig hergerichtet. Sonst läufst du ja gleich wieder weg und das wäre nicht in meinem Sinne. Also legen wir jetzt auf und machen uns nass.“

„Okay. Bis gleich!“ Dann hatte Ronny aufgelegt und das Wasser angedreht, da klingelte das Telefon wieder. Er kannte die Nummer, die versuchte ihn zu erreichen und so hob er ab und erklärte: „Ja, ich habe telefoniert, ja ich fahre jetzt zu ihm und nein, ich bin noch nicht geduscht, deswegen mach ich das gerade“, lachte Ronny und wirkte ziemlich erleichtert.

„Gut, dann stör ich nicht länger. Bin stolz auf dich, Süßer. Viel Spaß“, lachte Jan und hatte auch schon aufgelegt. Ronny brachte es fertig und duschte sein Telefon gleich mit in seinem jetzigen Zustand. Da war nur zu hoffen, dass sein Freund sich wieder fing, wenn er erst einmal bei Satoshi war und ihm zeigen konnte, dass er eine gute Partie war.

Das Telefon landete auf dem Stapel Handtücher und Ronny machte, dass er fertig wurde. Schnell waren die Haare gewaschen und er hatte sich mit Duschgel bearbeitet. Mit einem Handtuch um den Kopf hüpfte er aus der Dusche, mit fliegendem Wechsel in den Bademantel und dann war er auch schon in seinem Kleiderschrank verschwunden – Hosen flogen, Shirts flogen. Das gleiche Problem wie immer. Nichts anzuziehen. Doch er hatte keine Zeit für lange Divenzusammenbrüche. Wahllos griff er eine schwarze Hose und ein schwarzes Hemd, dann summte auch schon der Fön um seinen Kopf herum. Sein Blick ging immer wieder zur Uhr und weil er sowieso keine Ruhe hatte, mussten die Haare eben an der Luft fertig trocknen. Er wollte los!

Er griff sich noch seinen Schlüssel, Jacke und die Geldbörse, dann war er schon auf dem Weg nach unten. Er musste ja noch das Navi programmieren. Das kostete auch wieder ein paar Minuten. Allerdings konnte er dann auch sicher sein, dass er pünktlich ankam. Ludger war da sehr zuverlässig.

„So, mein Herz, und jetzt mach keinen Scheiß!“, knurrte er sein Navi an und dann war er auch schon unterwegs, genervt von Hutfahrern, die den Wagen bei dem schönen Winterwetter aus der Garage gelassen hatten, damit er etwas Luft schnappen konnte.

War ja klar, dass solche Wagen dann nicht gehetzt werden durften – klar aber auch, dass Ronny diese Schleicherei die Nerven raubte.

So gab es ein oder zwei riskante Überholmanöver.

Nur gut, dass niemand hören konnte, wie Ronny schimpfte, zeterte und Drohungen ausstieß. Er war in Eile, denn wenn er die Vorgabe von einer Stunde einhalten wollte, durfte er jetzt nicht aufgehalten werden. Jetzt, wo er wusste, dass Satoshi ihn nicht für völlig plemplem hielt, war es wieder aufregend, sich mit ihm zu treffen.

„Gas geben, du Arsch!“ Ronny wurde hinter dem Steuer noch wahnsinnig. Wozu hatte er eine 3-Liter-Maschine unter der Haube, wenn er sie nicht ausfahren konnte? Ständig krochen Schnecken vor ihm her und drängten sich frech in den Sicherheitsabstand, nur um dann fast einzuschlafen – es war zum aus der Haut fahren.

Dass er es doch noch in der vorgegebenen Zeit schaffte, war wohl einfach Glück und Ronny hinterfragte das auch erst gar nicht. Für ihn zählte nur das Ergebnis. Darum wurde Ludger auch kurz getätschelt, dann war er aus dem Wagen. Vor der Haustür wurde er wieder nervös, aber sein Finger landete auf der Klingel, bevor er kneifen konnte. Denn sonst wäre all der Ärger um sonst gewesen, wenn er jetzt noch drei Stunden vor der Tür herum lungerte und sich wieder nicht traute.

Ohne eine Nachfrage wurde die Tür geöffnet und so flitzte Ronny die Treppen hoch. Da er nicht wusste, in welcher Etage Satoshi wohnte, musste er sich durch jede Etage lesen, bis sich eine Tür öffnete.

Ein dunkler Wuschelkopf mit noch etwas feuchten Haaren guckte heraus und sah Ronny entgegen. Dunkle Augen hinter einer randlosen Brille musterten ihn kurz und dann huschte ein Lächeln über das Gesicht. Das die Augen den Tänzer so neugierig musterten hatte einen Grund. Einer, den Ronny noch nicht wissen sollte. In der Tür stand nämlich nicht Satoshi Murakawa, sondern sein Zwillingsbruder Hitomi. Der hatte sich gewundert, als Ronny ihn angerufen hatte, aber dann einfach mitgespielt, denn er war neugierig auf den Mann, der sich für seinen Bruder zu interessieren schien. „Hallo Ronny“, grüßte er und gab die Tür frei, damit sein Gast eintreten konnte. Nun konnte es beginnen und Hitomi freute sich darauf.

„Hallo“, sagte Ronny und erst jetzt, als er die Hand zum Gruß reichte, fiel ihm auf, dass er nicht einmal ein Gastgeschenk mitgebracht hatte. Er war so verbissen gewesen, Satoshi wieder zu sehen, dass er an die Grundzüge der Höflichkeit nicht gedacht hatte. Aber trotzdem fiel ihm etwas an Satoshi auf. Die Frisur war anders, weil Satoshi sich noch nicht die Haare gefönt hatte, aber das entstellte ihn nicht – ganz im Gegenteil.

Sein Gastgeber allerdings sah das nicht so verbissen. Er freute sich einfach, dass Ronny da war. Sein Blick huschte über die kleine Gestalt und er nickte wohl wollend. Schnuckelig, das musste er zugeben. Er nahm Ronny die Jacke ab und führte ihn ins Wohnzimmer. „Möchtest du einen Tee? Oder lieber was anderes?“, fragte er nach, um ein Gespräch anzufangen.

„Tee ist okay. Vielleicht nicht gerade Hagebutte, mit allem anderen kann ich gut leben“, sagte Ronny und sah sich neugierig um, aber nicht zu auffällig. Noch standen sie in einem Flur, eher dunkel. Ein großer Einbauschrank schien eine Menge Stauraum zu bieten. Vom Flur gingen ein paar Türen ab und durch eine verschwand Satoshi. Nach zwei Schritten, die Ronny ihm folgte, war klar, dass es in eine kleine Küche ging. Sie war hell und zweckmäßig eingerichtet, aber Ronny musste zugeben, dass er von einem Sterne-Koch etwas anderes erwartet hatte.

„Komm ruhig rein“, kam es aus der Küche und Hitomi hantierte schon mit dem Wasserkocher. „Geht auch grüner Tee? Den trinke ich am liebsten. Da kann ich wohl meine asiatische Hälfte nicht verleugnen. Nur mögen Europäer den Geschmack oft nicht so gerne.“ Er sah Ronny fragend an und holte dabei die Teekanne aus dem Schrank. „Ich bin auch nicht böse, wenn du etwas anderes möchtest.“

„Nein, schon okay“, wiegelte Ronny ab. Er mochte ihn zwar nicht am liebsten, aber er hatte auch nichts gegen den herben Geschmack. Lieber kam er näher und beobachtete Satoshi. Er konnte es noch nicht in Worte fassen, aber irgendwas war anders. Vielleicht, weil der Druck von gestern weg war. Ronny hatte das Gefühl, sich entspannen zu können, der erste Schock war überstanden und so lehnte er neben Satoshi an der Arbeitsplatte und beobachtete ihn.

Da war er wohl nicht der einzige, denn auch Hitomi blickte immer wieder zu ihm rüber und irgendwann fing der Asiate an zu kichern. „Kann es sein, dass wir beide neugierig auf den anderen sind?“, fragte er schließlich und lehnte sich gegen die Arbeitsplatte, nachdem er das heiße Wasser aufgegossen hatte. „Also, ich habe mich gefreut, dass du angerufen hast und würde gerne etwas mehr über dich erfahren. Bisher weiß ich ja noch nicht viel.“

„Was würde dich denn interessieren?“, fragte Ronny schelmisch und verschränkte die Arme vor der Brust. Er stellte sich so, dass er Satoshi direkt ansehen konnte und studierte das Gesicht des jungen Mannes. Dafür hatte er sich gestern keine Zeit genommen.

„Alles?“, war die prompte Antwort und die dunklen Augen blitzten schalkhaft. So gefiel ihm das. Er mochte dieses steife Rumgehampel nicht. Mit Humor ging meistens alles leichter und lockerer. Ronny schien dafür genau der richtige zu sein.

„Alles begann vor circa fünfunddreißig Jahren. Ein junger Straßenbahnfahrer und eine junge Bürokraft trafen sich und lernten sich lieben“, fing Ronny lachend an, seine Lebensgeschichte in der Urgeschichte zu beginnen. „Das war damals, als Twix noch Raider hieß. Die gute, alte Zeit. Wie alt bist du eigentlich?“ wollte er wissen, weil er das bei Satoshi unmöglich einschätzen konnte. Er sah aus wie Anfang zwanzig, aber jemand so junges hatte keinen Stern!

Hitomi lachte. „Damals! Ich verstehe. In der guten, alten Zeit. Wenn das vor fünfunddreißig Jahren war, dann war ein anderes Liebespaar schon weiter. Es war schon verheiratet und zwei Jahre später wurde ihr Glück perfekt. Da bekamen sie ein goldiges, herzallerliebstes Baby.“ Mit einer großen Geste breitete er die Arme aus. „Moi!“

„Alter Sack“, lachte Ronny und strich sich durch die Haare. „So viele Sommer hab ich noch nicht gesehen. Ich bin noch ein knackiger Twen. Das dauert noch ein paar Jahre, bis ich eine drei vor der Null stehen haben werde.“ Dass das auch nur noch anderthalb Jahre waren, musste ja nicht verraten werden. Frech grinste er Satoshi an.

„Baby“, schnaubte Hitomi und verzog geringschätzig das Gesicht. Aber das konnte er nicht lange aufrechterhalten und er prustete los. Sie waren albern, aber es machte Spaß. So hatte er schon einiges über Ronny herausgefunden. Er hatte Humor und war schlagfertig. „Gut, wo das jetzt geklärt ist, ist ja klar, wer hier der Boss ist.“

„Immer der jüngere und dynamischere. Das weiß man doch.“ Ronny ließ sich nicht beirren und schon gar nicht die Butter vom Brot stehlen. Interessiert sah er Satoshi zu, wie er den Tee aufgoss und Deckel auf die Schalen legte. So was hatte er noch nicht gesehen. „Wie bist du eigentlich Koch geworden?“, wollte er wissen und sah Satoshi ernst an.

„Hah, jetzt weiß ich, warum du hier bist. Du willst mein Geheimnis wissen.“ Hitomi sah Ronny an und machte ein grimmiges Gesicht. Dabei richtete er die Tassen auf einem Tablett mit ein paar Keksen an. „Es war irgendwie schon von klein auf vorbestimmt. Klein Satoshi, war immer in der Küche zu finden und experimentierte. Als er dann größer wurde, durfte er im Restaurant seines Vaters erste Erfahrungen sammeln.“ Hitomi blieb gewollt neutral bei seinen Antworten, aber er sagte die Wahrheit, nur dass er nicht über sich sprach.

„Aha“, machte Ronny und nickte. Seine Eltern waren mit seiner Berufswahl anfangs gar nicht einverstanden. Brotlose Kunst hatten sie immer gesagt. Doch mittlerweile waren sie auf das, was er erreicht hatte, ziemlich stolz. „Nenn mir einen anderen Grund, warum ich hier sein sollte“, sagte er frech und war auf die Antwort gespannt. Sein Herz schlug schneller, weil er nicht wusste, was er provozierte.

„Ich“, kam die selbstbewusste Antwort, die aber von einem aufrichtigen Lächeln begleitet wurde. „Und du, weil ich neugierig auf dich bin und diese Neugierde ist noch größer geworden, seit du hier bist. Du bist ungewöhnlich, im positiven Sinn und das gefällt mir.“

Verblüfft, weil Satoshi ihn wohl auf eigenem Terrain geschlagen hatte, grinste Ronny schief. „Touché“, erklärte er und gab sich geschlagen. „Anfangs war ich ziemlich sauer auf Jan, dass er mich ins Restaurant geschleppt hat, aber zwischenzeitlich kann ich ihm verzeihen. Mir wäre ein interessanter Mann entgangen“, gestand er offen. Warum sollte er sich verstellen? Satoshi durfte ruhig wissen, dass er Ronny bewegte.

„Sagen wir einfach, dass hier zwei interessante Kerle aufeinander getroffen sind.“ Hitomi wiegte den Kopf hin und her und nahm das Tablett auf. Die Küche war für eine Unterhaltung einfach nicht sein Ding. Das ging besser entspannt auf dem Sofa. „Man musste dich in das Restaurant schleppen? Da bin ich aber beleidigt.“

„Man hielt es doch gar nicht für notwendig, mich darüber zu informieren, was bei Felix’ Essen besprochen worden war und dass ich zum Gesprächsinhalt gemacht worden war. Ich war also völlig ohne Arg, als Jan vorschlug, ins Murakawa zu gehen. Erst nach und nach ist er mit der Sprache rausgerückt.“ So war das nämlich gewesen. Grinsend folgte er Satoshi und ließ sich in einen Sessel sinken.

„Du wurdest getäuscht?“ Hitomi schüttelte den Kopf und machte ein betroffenes Gesicht. „Da glaubt man, man hat Freunde und dann das. Man wird getäuscht und vorgeführt. Ich fühle mit dir.“ Er reichte Ronny eine Tasse Tee und grinste. „Aber dann kam der Held mit den scharfen Messern und hat den Schurken in die Schranken verwiesen. Gerechtigkeit.“

Ronny hob eine Braue und grinste. „Ich kann mich nicht daran erinnern, dass Jan in irgendwas gewiesen worden wäre, aber der Held mit den scharfen Messern und den Liebesperlen hat mir trotzdem den Abend gerettet.“ Er lächelte und wurde wieder nervös. Was erwartete Satoshi wohl von ihm? Erwartete er überhaupt was? Und was erwartete Ronny selber - er wusste es nicht.

„Das wollte ich hören.“ Der Asiate lachte leise und war mit der Antwort wirklich zufrieden.

Auch wenn sein Bruder wohl mal wieder die falsche Visitenkarte herausgegeben hatte, wie er das schon ein paar mal getan hatte, so schien er an Ronny wirklich interessiert zu sein, denn sonst hätte er keine Karte bekommen. Dass Ronny Satoshi als seinen Held bezeichnete, machte ihn froh, denn so wie es aussah, hatte sein Bruder gute Chancen.

„So war es doch auch gewesen“, sagte Ronny und hob langsam den Deckel seiner Tasse und der Duft des Tees breitete sich aus. „Jan meinte, meine Vorstellung hat ziemlichen Eindruck bei dir hinterlassen. Was genau?“ Das wollte er eigentlich schon gestern Abend wissen. Was war es, was Satoshi beeindruckt hatte. So sehr, dass er seinen Kunden davon erzählte?

Ups! Da hatte Hitomi aber ein Problem. Vorstellung! Vorstellung! In Hitomis Kopf ratterte es und um die Zeit zu überbrücken, redete er einfach drauf los. „Nee, nee, wenn ich jetzt anfange zu schwärmen, dann wirst du nur eingebildet und das will ich nicht. Deine Vorstellung war einfach toll. Mehr wirst du von mir nicht erfahren.“

Ronny lehnte sich zurück und sah sein Gegenüber forschend an. „Du weichst mir aus, Satoshi“, sagte er und wusste nicht, was er davon halten sollte. Satoshi wirkte wie ein anderer Mensch. „Aber du hast Recht. Ich sollte dich nicht drängen. Dir wird schon etwas gefallen haben, wenn du Jan davon erzählt hast.“ Er musste sich damit wohl zufrieden geben. Schade.

Hitomi tat es leid, dass er Ronny wohl enttäuscht hatte und genau in dem Moment fiel ihm ein, was dieser wissen wollte. Ronny musste Künstler sein und der einzige Künstler der letzten Zeit, der seinen Bruder beeindruckt hatte, war ein Tänzer. Satoshi hatte ihm von einem Tanztheater erzählt und jetzt pokerte er einfach. Wenn er falsch lag, musste er wohl Farbe bekennen. „Ein Tänzer, kraftvoll und elegant. Der fast über die Bühne zu schweben scheint und mit seinem Körper und seinen Gesten ganze Geschichten erzählen kann, ohne dass es Worte braucht“, wiederholte er das, was sein Bruder ihm immer wieder vorgeschwärmt hatte.

Ronnys Gesicht erhellte sich und er wirkte sehr zufrieden. Weniger wegen des Lobs, das hatte er irgendwie fast erwartet, sondern weil Satoshi doch noch mit der Sprache rausgerückt war. „Danke.“ Er lächelte und nippte an seinem Tee. Eigentlich hatte er etwas mehr Intensität erwartet, als er her gekommen war, doch Satoshis distanzierte Art erinnerte ihn daran, dass er in ihm mehr sehen wollte als eine heiße Nacht. Er sollte es ruhig angehen, ihn beschnuppern und Gemeinsamkeiten suchen.

„Ehre, wem Ehre gebührt.“ Innerlich atmete Hitomi auf. Anscheinend hatte er richtig gelegen. Er tat es Ronny gleich und nippte an seinem Tee. So langsam konnte er wirklich verstehen, warum sein Bruder den Tänzer näher kennen lernen wollte. Ronny war nett und herrlich erfrischend in seiner Art und zum Glück nichts für ihn, denn seinem Bruder Konkurrenz machen, wollte er ganz bestimmt nicht.

Doch das hieß ja noch lange nicht, dass er Ronny nicht etwas besser kennen lernen konnte. Satoshi war doch sowieso nicht da und so lange konnte Hitomi ihn auch ein wenig bespaßen und hoffen, dass er nicht aufflog und Satoshi ihm das hier nicht übel nahm.

„Nimmt dich das Kochen eigentlich komplett in Anspruch oder hast du ab und an noch Zeit für ein Hobby?“, fragte Ronny, denn er wollte so viel wie möglich über Satoshi wissen.

Endlich kamen sie wieder auf bekanntes Terrain, denn zu seinem Bruder konnte er Ronny jede Menge erzählen. Schließlich kannte er den schon seit dreiunddreißig Jahren. „Das Restaurant nimmt schon viel Zeit in Anspruch. Darum versuche ich zumindest im Sommer etwas Bewegung zu bekommen und fahre oft mit dem Rad zur Arbeit. Eine Leidenschaft von mir ist japanische Kalligraphie. Ich habe das schon als kleiner Junge bei meinem Großvater bewundert. Er war ein Meister darin. Ich bin nicht so gut, aber es macht mir sehr viel Spaß.“

„Kalligraphie. Wow.“ Ronny war beeindruckt und gab sich auch keine Mühe, das zu verbergen. Alles was mit zeichnen zu tun hatte, war bei ihm hoffnungslos verschwendete Liebesmüh. Er hatte kein Talent dafür. „Kann ich mal etwas sehen? Ich meine, arbeitest du ausschließlich mit Schriftzeichen oder auch ab und an Bilder mit Tusche?“

„Sicher kannst du etwas sehen.“ Hitomi strahlte und stand auf. Zum Glück hatte er selbst auch ein Faible für dieses Hobby, wenn auch nur passiv. Satoshi hatte ihm viele wunderschöne Zeichnungen überlassen, die er jetzt ohne Skrupel hervorholte. Er schmückte sich ja nicht mit fremden Federn, denn Ronny glaubte ja, er wäre Satoshi. „Bilder auch, aber da eher kleinere. Ich übe noch.“

Neugierig kam Ronny näher, als Satoshi die Bilder auf dem Schreibtisch im Wohnzimmer ausbreitete. Er beugte sich tiefer, um Satoshi näher zu sein und betrachtete sich die kleinen Meisterwerke. Sie zeugten von Liebe zum Detail und viel Talent, einer ruhigen Hand und Geduld. „Kannst du mir auch mal so was malen?“, fragte er.

„Du magst es?“ Hitomi war wirklich angenehm überrascht. Europäer sahen oft keinen Sinn in diesen Kalligraphien. „Sicher. Ich mal dir gerne etwas. Es wäre mir eine Ehre.“ Dass Satoshi das genauso sah, war er sich ziemlich sicher. Sein Bruder freute sich immer, wenn jemand sich für sein Hobby interessierte und wenn es dann noch dieser Mann war, war er sicherlich mit doppeltem Eifer dabei.

„Ich find so was cool. Bin leider kein Typ für so was”, sagte Ronny und nutzte die Chance, Satoshi näher zu kommen, bis sie sich berührten. Er sog seinen Duft ein, seine Nähe – doch irgendetwas vermisste er. Er konnte nicht sagen was.

Hitomi bemerkte das, unternahm aber nichts dagegen. Er mochte Ronny, auch wenn er keine romantischen Gefühle ihm gegenüber hegte. „Wenn du möchtest, kannst du dir schon einmal eins von diesen aussuchen. So schon einmal als Übergang, bis ich dir eins gemalt habe.“

„Ehrlich?“, fragte Ronny und wandte den Kopf. So kamen seine Lippen Satoshis sehr nahe. Sollte er es wagen? Er suchte fragend Satoshis Blick, doch den konnte er nicht lesen. So ließ Ronny es frustriert bleiben und wandte sich wieder den Kunstwerken auf dem Tisch zu. Hatte er sich in dem Koch so getäuscht? Ronny wurde unsicher.

„Lass es uns langsam angehen. Ich will es richtig machen“, flüsterte Hitomi, der die Unsicherheit in Ronny spüren konnte. Nicht dass der Tänzer glaubte, dass er nichts von ihm wollte und Satoshi nicht mehr sehen wollte. Er wollte seinen Bruder ein wenig ärgern, aber ihm auf keinen Fall eine mögliche, glückliche Beziehung versauen.

„Okay“, murmelte Ronny leise und holte tief Luft. Das war nicht so leicht, wie er anfangs geglaubt hatte. Normalerweise verliefen seine Bekanntschaften völlig anders, mehr anfassen, weniger reden. Er war es nicht gewohnt, um jemanden zu werben oder sich intensiv kennen zu lernen. Doch er lächelte. Es war zumindest keine Abfuhr gewesen. So sahen sie durch die Zeichnungen und Ronny ließ sich die Zeichen erklären.

Sie verstanden sich prima und lachten viel. Den ganzen Abend redeten sie über Gott und die Welt. Es war für beide ungewöhnlich, aber sie hatten Spaß daran. Darum verabredeten sie sich auch gleich wieder für den nächsten Tag. Sie konnten sich zwar nicht sehen, aber sie wollten telefonieren.


07

Schlussendlich war die ganze Woche so gelaufen. Satoshi hatte viel zu tun und Ronny war auch bis spät in der Tanzschule. Ihr tägliches Telefonat hatten sie sich aber nicht nehmen lassen. Meist war es Ronny, der den Kontakt gesucht hatte. Einmal hatte auch Satoshi angerufen, weil Ronny etwas spät dran war.

Grinsend lag Ronny nun auf seinem Bett und rollte sich zur Seite. Er hatte eben aufgelegt, weil Satoshi morgen zeitig zum Großmarkt musste und da sollte er ausgeschlafen sein. Wieder ging sein Blick zur Uhr – Freitagabend, kurz vor elf. Sollte er es noch wagen und Jan anrufen? Er musste mit jemandem darüber reden.

Er war völlig durcheinander und das gab den Ausschlag. Man sollte zwar nicht Gleiches mit Gleichem vergelten, aber schließlich war er Tag und Nacht für Jan da gewesen. Darum wählte er auch schon die Nummer seines Freundes und lauschte dem Freizeichen. Es dauerte auch nicht lange, bis Jan sich meldete.

„Hallo Ronny, wie geht’s? Was gibt’s Neues?“, waren gleich die ersten Fragen. Schließlich wollte er informiert sein, wie es Ronny ging.

Doch als erstes kam nur ein nichts Sagendes: „Hm“, weil Ronny selber noch nicht wusste, wie er das in Worte fassen sollte. Er konnte es selber nicht greifen. Da war irgendetwas. „So la la halt“, versuchte er es enger zu fassen, doch wirklich geglückt war ihm das nicht, als er Jan leise seufzen hörte.

„So la la?“, war auch gleich die nächste Frage. „Erzähl. Das hat doch so gut angefangen im Restaurant. Was hat sich geändert seit dem? Ist er nicht nett? Oder nicht an dir interessiert?“ Jan setzte sich auf, denn solche Gespräche führte er nicht gern im liegen. Mario, der merkte, wer am Telefon war, zog es vor, sich in die Küche zu verziehen. Das konnte länger dauern, denn wenn Ronny mal anrief und reden wollte, dann musste er schon mit einem Bein in der Hölle stehen. Also machte Mario sich an einen Kaffee und einen kleinen Mitternachtssnack für sich und seinen Schatz und dann wollte er schlafen, denn seine Nacht endete morgen sehr früh – er war für eine Lieferung zur Flughafenfiliale in Düsseldorf vorgesehen.

„Ich weiß es nicht, Jan“, sagte Ronny und ließ sich auf seine Couch nach hinten fallen. „Er ist nett und freundlich, aber als wir uns gesehen haben, hat was gefehlt, verstehst du? Es war nicht wie im Restaurant. Es war auch schön, aber...“

„Es fehlt etwas?“ Jan wurde nicht ganz schlau aus Ronnys Worten, aber dann ging ihm ein Licht auf. „Du meinst, die Schmetterlinge und das Kribbeln fehlen?“, fragte er. Das war merkwürdig. Er hatte es deutlich bei beiden gesehen, als sie im Restaurant gewesen waren. „Ist er denn anders?“ Jan brauchte mehr Informationen und von Ronny bekam er die nicht ohne Nachfragen, das merkte er schon.

„Ich weiß nicht“, sagte Ronny wieder und zog sich die Decke heran, die er immer herum liegen hatte. Er dachte an letzten Sonntag zurück – an den Samstag davor. Da waren sie das erste Mal aufeinander getroffen und es war wie ein Hammerschlag gewesen. Hatte er sich selbst von einem zweiten Treffen zu viel erhofft und von Satoshi zu viel erwartet? War es das?

„Süßer, du musst mir schon in paar Infos geben“, lachte Jan. „Ihr habt euch also getroffen? Wie ist es da gelaufen? Hat er sich gefreut, dich zu sehen? Hat er dir unsittliche Angebote gemacht. Hat er dich begrapscht?“

„Schön wäre das gewesen“, knurrte Ronny und fühlte sich einmal mehr daran erinnert, dass Satoshi es langsam angehen wollte. Okay, damit konnte Ronny leben – hatte er zumindest gedacht, aber das hier ging ihm einfach zu langsam! „Er hat mich weder angefasst noch geküsst und hätte ich nicht beim Betrachten von Bildern dicht neben ihm gestanden, hätten wir uns gar nicht berührt.“ Das war so frustrierend.

„Er ist dir zu zurückhaltend?“ Jan konnte sich das richtig vorstellen, dass Ronny damit ein Problem hatte, denn normalerweise nahm er sich, was er wollte. „Ich habe da so im Kopf, dass Asiaten, besonders Japaner, doch sehr zurückhaltend sind, was das Zeigen von Gefühlen betrifft. Darüber sollte man sich im Klaren sein, wenn man sich für einen interessiert. Ich weiß ja nicht, ob das auch auf Satoshi zutrifft, denn er ist ja nur zur Hälfte Japaner.“

„Jan, ich habe keinen Schimmer“, seufzte Ronny. Je länger er darüber nachdachte, umso weniger Sinn machte das alles für ihn. Er mochte Satoshi, keine Frage – aber diese Gangart war ihm zu wenig. „Ich weiß auch nicht, woran ich bei ihm bin. Versteh mich nicht falsch, er wäre mir das Warten schon wert, aber wenn ich nicht weiß, ob das irgendwann mal besser wird oder immer so bleiben wird, das macht mich völlig wahnsinnig. Das kann ich nicht.“

„Das weiß ich, Süßer. Du warst noch nie gut darin, auf etwas zu warten.“ Jan musste lachen, denn dieses Thema hatten sie schon öfter gehabt. „Dass du es jetzt schon eine Woche tust, zeigt, dass du wirklich an ihm interessiert bist. Darum würde ich sagen, rede mit ihm darüber, was dich wahnsinnig macht. Wenn er dafür kein Verständnis hat oder nichts ändern will, dann solltest du ihm sagen, dass er nichts für dich ist.“

„Ich weiß nicht, ob ich das kann“, sagte Ronny offen, denn so war es auch. „Vielleicht am Telefon, aber ganz bestimmt nicht Face to Face.“ Er stellte sich gerade vor, Satoshi zu sagen, dass mehr laufen muss oder sie sich nicht mehr sahen. Was hatte er dann nur für ein Bild von ihm? Dass er notgeil war? Es war zum Verzweifeln.

„Du sollst ja auch nicht gleich Schluss machen und wenn du es am Telefon besser kannst, dann ist das okay. Erklär ihm, was dir Bauchschmerzen macht. Vielleicht geht es ihm ja ähnlich und er traut sich nur nicht, dich anzufassen. Das kann doch durchaus sein.“ Jan wollte Ronny Mut zusprechen. Sein Freund hatte sich ein wenig Glück verdient.

„Na ja. Er hat mir deutlich ein paar Dinge zu verstehen gegeben, als wir uns gesehen haben. Er will mich nicht bekochen und er will es langsam angehen. Das muss ich entweder respektieren oder meine Konsequenz ziehen.“ Ronny kam sich gerade erbärmlich vor. Wenn man seine Worte zusammen fasste hieß das ja: entweder Sex oder ich bin weg. Es war zum Verzweifeln. Er war noch nie in der Verlegenheit gewesen, sich so derart gedulden zu müssen und selbst eine Unterhaltung hatte er erst wieder ganz neu lernen müssen.

„Ronny, jetzt mal doch nicht alles so schwarz. Das mit dem Kochen kann ich verstehen, aber es langsam angehen heißt ja nicht, dass du gar nichts machen darfst.“ Jan konnte Ronny ja verstehen. Untätig abzuwarten, weil man nichts verkehrt machen wollte, war die reine Hölle. „Du sollst dich ja nicht gleich auf ihn werfen und ihn nieder knutschen, aber eine Berührung hier und da ist bestimmt erlaubt.“

„Hm“, machte Ronny einsilbig. Er war kein Mensch für Kompromisse. Er tat Dinge ganz oder gar nicht und der Eiertanz mit Satoshi ging ihm an die Substanz. Dabei störte es ihn nicht, dass der Koch nicht für ihn kochen wollte, sondern die Klarstellung gleich am Anfang. Er hatte sich damals schon vor den Kopf geschlagen gefühlt. Dass sie sich seitdem nur gesprochen und nicht gesehen hatten, war hauptsächlich Ronnys Schuld gewesen, der seine Arbeit bis spät in den Abend vorgeschoben hatte, wenn Satoshi angeboten hatte, sich nach dem Dienst noch auf einen Kaffee zu treffen.

„Ach Süßer. Gib noch nicht auf. Ihr kennt euch jetzt seit einer Woche. Triff dich noch einmal mit ihm und dann probier aus, wie er darauf reagiert, wenn du ihn berührst.“ Jan sprach sehr eindringlich, damit Ronny in der Stimmung, in der er jetzt war, nicht einfach alles hinschmiss. „Danach kannst du immer noch entscheiden, was du tun willst.“

„Wir wollen uns morgen wieder sehen. Er hat vormittags frei und muss erst mittags in den Laden und ich habe auch erst abends eine Vorstellung. Mal sehen.“ Ronny strich sich über die Augen und hielt das Telefon etwas nachlässig, aber gerade so, dass er Jan noch verstehen konnte. Wäre er ehrlich zu sich und Jan, würde er zugeben, dass er vor dem Treffen morgen Angst hatte. Er wusste nicht, über was sie reden sollten, wenn sie bei einander waren. Am Telefon ging das gut, keine Frage, aber Auge in Auge war etwas anderes.

„Bitte Ronny, tu das nicht. Lass ihn nicht einfach so im Regen stehen.“ Jan wurde selten so eindringlich, weil er niemandem was vorschreiben wollte, aber das hier fand er zu wichtig. Darum hob auch Mario verwundert eine Augenbraue, als er mit einem kleinen Imbiss ins Wohnzimmer kam.

„Was“, formten seine Lippen und eilig stellte er die Sandwichs und den Kaffee ab, um sich neben Jan an den Hörer zu klemmen.

„Wenn wir dann wieder von einem Thema zum anderen rudern wie letzten Samstag, das macht mich ganz kirre. Wenn wir telefonieren geht das ganz gut, da hat man weniger Erwartungen. Aber wenn man zusammen in der gleichen Wohnung ist, dann sind Erwartungen da, die man erfüllt wissen will oder erfüllen will. Das... Ach Mist, ich kann das nicht erklären. Es ist einfach blöd und es fehlt was.“ Es war nicht so, dass Ronny stur war, er war nur völlig neben dem Gleis, weil er die Situation nicht im Griff hatte.

Jan setzte sich so, dass Mario mithören konnte und seufzte lautlos. So hatte er Ronny eigentlich noch nie gesehen. Sein Freund sollte glücklich sein und keine schweren Gedanken haben. „Gib ihm morgen noch einmal eine Chance und wenn du immer noch das Gefühl hast, dass etwas fehlt, dann beende es.“

Ronny nickte, auch wenn ihm klar war, dass Jan das nicht sehen konnte. Doch er hatte die Worte gehört, die er hatte hören wollen – er hatte seine Absolution, das morgen zu beenden, wenn es nicht ging. Sicher, es wäre schön gewesen, nicht mehr allein zu sein, doch irgendwie fanden sie nur schwer Gemeinsamkeiten und bei der wenigen Zeit, die sie beide hatten, war es tödlich, dann auch noch interessenmäßig getrennte Wege zu gehen. Was blieb denn dann noch übrig?

Jan war sich klar, dass Ronny das von ihm hatte hören wollen und er hatte ein wenig Bauchschmerzen dabei. Aber was sollte er machen. Ronny ging es nicht gut und vielleicht hatte es wirklich nicht sein sollen. Lieber jetzt ein Ende, als wenn es sich noch ewig hinzog. „Du machst das schon, Ronny, und wenn du morgen noch vorbeikommen willst, bevor du arbeiten gehst, dann komm einfach.“

„Ja, danke. Ich hoffe, dass es nicht so weit kommen wird“, sagte Ronny und Jan konnte hören, dass er sich erhob, denn er stöhnte leise. Er schlief in letzter Zeit nicht sehr gut und war verspannt. Noch wirkte sich das nicht auf seinen Job aus, doch viel fehlte nicht mehr. „Pack dich hin, dein Lieblings-Proll will mir sicher schon den Kopf abreißen, weil er trocken liegt“, versuchte er zu scherzen und sich wieder auf bekanntes Terrain zu begeben.

„Blöde Hupfdohle“, knurrte Mario und rückte ein wenig ab. Was jetzt kam, musste er nicht mehr hören. Das war nur noch das übliche Verabschiedungsritual der beiden Freunde. Und wie erwartet und insgeheim von ihm gehofft, verteidigte Jan ihn auch gleich lachend. „Ronny, nenn ihn nicht immer so.“

„Ich weiß, wie er mich nennt“, konterte Ronny lachend und war froh, dass er das wieder konnte. „Also habe ich auch das Recht, ihm das eine oder andere zu verpassen.“ Sie wussten beide, wo die Grenze war und beschimpften einander nicht, doch sie schenkten sich auch nichts. „Aber solange er gute Seiten hat und dich glücklich macht, kann er ja nicht ganz verkehrt sein, hm?“

„Er ist perfekt für mich.“ Eine andere Antwort hatte Ronny auch nicht erwartet. „Ich bin sehr glücklich.“ Jan hatte es aufgegeben, Ronny von den Vorzügen Marios vorzuschwärmen. „Also, Süßer, ich drücke dir für morgen alle Daumen.“ Sie waren alle müde und sollten schlafen.

„Ja, bis morgen“, hörte Jan noch, dann war aufgelegt worden.

Neben ihm saß Mario und kaute an einem Schinkenbrot. Dabei sah er Jan forschend an, grinste. „Sehr glücklich, so, so. Das hört man gern. Ich verausgabe mich ja auch regelmäßig dafür“, grinste er und lehnte am Kopfende des Bettes. „Was ist nun eigentlich los? Will Satoshi jetzt doch nicht, oder was?“ Mario hatte ja von all dem keinen blassen Schimmer. Er wusste gerade noch, dass Jan seinen Freund den ganzen Sonntagvormittag damit terrorisiert hatte, anzurufen und Ronny dann dort gewesen war. Was weiter gelaufen war, wusste er nicht. Aber es konnte ja nicht so berauchend gewesen sein, wie sich das eben angehört hatte.

„Glücklicher ginge gar nicht.“ Jan krabbelte zu Mario und lehnte seinen Kopf auf dessen Schulter. Er angelte sich ein Brot und brachte Mario, während er aß, auf den neuesten Stand. „Ich versteh das irgendwie nicht. Als wir im Restaurant waren, hatte ich den Eindruck, dass Satoshi sehr gerne engeren körperlichen Kontakt mit Ronny gehabt hätte. Ich habe mich doch noch nie so furchtbar getäuscht.“

„Vielleicht hat sich die Hupfdohle auch nur etwas baselig angestellt?“, vermutete Mario, meinte das aber gar nicht abwertend. Auch er wusste, dass Ronny von Bekanntschaften meistens nicht viel erwartete, außer guten Sex. Jetzt an jemanden geraten zu sein, der das Gegenteil tat, war sicher frustrierend. „Warten wir morgen ab und sehen dann weiter“, schlug er vor, denn sich jetzt den Kopf zu zerbrechen machte wenig Sinn.

Jan nickte. Das war wohl wirklich das Beste. Er drehte sich, so dass er sich besser an Mario schmiegen konnte. „Bist du sehr müde?“, fragte er dunkel und blitzte seinen Schatz durch den Pony an. Er war zwar jetzt satt, aber ein anderer Hunger war noch lange nicht gestillt.

Das Bild, was sich ihm gerade bot, war Gold wert: Mario, der eben abgebissen hatte und die Backen, die nun wie bei einem Hamster gefüllt waren, versuchte so schnell wie nur möglich zu schlucken, um etwas zu entgegnen, erstickte fast und schüttelte den hochroten Kopf. Scheiß drauf, dass er dann nur zwei oder drei Stunden Schlaf bekam – zu Jan hatte er noch nie nein sagen können.

„Gut“, schnurrte Jan und schon gingen seine Finger auf Wanderschaft. Noch immer liebte er es, über Marios Brust zu streichen. Er wartete, bis sein Liebling runtergeschluckt hatte, dann plünderte er dessen Mund und krabbelte auf ihn. Er wusste, dass er bekam, was er wollte.



08

Ziemlich müde war Mario noch, als sein Handy ihm erklärte, für ihn wäre die Nacht zu ende. Er beeilte sich, den kleinen Störenfried zum Schweigen zu bringen, damit er Jan nicht weckte. Sein Schatz konnte heute ausschlafen und das sollte er auch tun. Weil er heute nicht arbeiten musste, hatte Mario die Schicht getauscht. Anstatt also den Nachmittag und Abend damit zu verbringen, für seinen Imbiss Lieferfahrten zu machen, fuhr er heute Morgen nach Düsseldorf, um dort vorbereitete Speisen für eine große Feier zu holen.

Nur schnell duschen, anziehen und einen Happen essen. Das dauerte gerade einmal eine Viertelstunde, dann war er bereit, loszufahren. Aber nicht, ohne sich von seinem schlafenden Schatz mit einem Kuss auf die Schulter zu verabschieden. Soviel Zeit musste sein. Ein weiterer Vorteil der Fahrt nach Düsseldorf waren die Flugzeuge, die er ganz nebenbei beobachten konnte.

Sie hatten eher selten das Geld in den Urlaub zu fliegen und so waren sie auch selten an Flughäfen. Aber Mario war von der Technik fasziniert und nutzte eigentlich jede Gelegenheit. So war es auch verständlich, warum er ein bisschen schneller als erlaubt unterwegs war. Schnell war der Wagen im Bereich für Lieferanten geparkt und mit seiner Bescheinigung und einem Wagen für die Kisten, machte er sich auf den Weg zur Küche der Filiale.

Er hatte noch genug Zeit, darum schlenderte er durch die Ankunftshalle und sah sich um. Die großen Panoramafenster zogen ihn magisch an und so war es nicht verwunderlich, dass er erst einmal dort hin ging und auf das Rollfeld und die Maschinen blickte, die an den Gates standen.

Der Flugbetrieb hatte gerade erst begonnen und die ersten Maschinen waren gelandet. Zuverlässig wie eh und je begann das Ballett der Wagen und Gefährte rings um den Airbus wie Bienen um ihre Königin. Mario grinste bei dem albernen Vergleich, aber so war es – jedes einzelne trug dazu bei, dass es der Königin an nichts fehlte.

„London Heathrow“, las er, woher der Vogel kam und seufzte leise.

London wollte er schon immer mal sehen und er hatte sich vorgenommen, einmal wenigstens für ein paar Tage mit seinem Schatz dort hin zu fahren. Er stieß sich von der Scheibe ab und sah noch einmal zu dem Flieger. Er sollte wohl besser los, sonst vergaß er noch vor lauter Träumen, warum er eigentlich hier war.

Fest griff er den Wagen und schob ihn vor sich her zur Filiale, das war nicht so leicht, wie er sich das vorgestellt hatte. Sein Chef hatte ihm zwar einen Lageplan mitgegeben – handgemalt – doch der passte nicht ein bisschen mit dem Lageplan des Terminals überein. So musste Mario suchen und wäre fast noch in einen roten Koffer hinein gefahren, der unachtsam seinen Weg gekreuzt hatte.

„Mensch, kann...“, fluchte er leise und zuckte, als der andere sich umsah. „Satoshi? Wo willst du denn hin?“ Wollte der sich nicht heute mit Ronny treffen? War da einer auf der Flucht?

Der Asiate sah den Mann an, der ihn gerammt hatte und es dauerte etwas, bis er das Gesicht vor sich zuordnen konnte. Er war hundemüde, denn nach dem Event war er gleich ins Flugzeug gestiegen. Geschlafen hatte er so gut wie gar nicht. „Mario? Was machst du denn hier? Ich will nach Hause? Wie man das so macht, wenn man von einer Reise zurückkommt.“

Marios Verwirrung hätte nicht größer sein können. „Von einer... Entschuldigung!“ Hastig ging er beiseite, weil er den Passagieren mitten im Weg stand. „Von einer Reise zurück kommt?“, fragte er noch einmal, weil Satoshi ihm gefolgt war. Ronny hatte nichts davon erzählt, dass der Koch verreist gewesen wäre. Zumindest hatte das Jan nicht erwähnt. Oder hatte er und Mario hatte das überhört? War auch möglich.

„Ich war eine Woche in London. Ich bin letzten Sonntag ganz früh abgereist. Ich war zu einem Event eingeladen.“ Satoshi war ein wenig verwirrt, weil er sich nicht erklären konnte, warum das Mario so sehr verblüffte.

„Du bist Sonntag geflogen?“, fragte er noch einmal und besah sich Satoshi – also, einer log! Entweder der Koch oder Ronny und Mario wusste nicht, wem er es eher zutrauen würde. „Ronny hat erzählt, er wäre Sonntag bei dir gewesen“, ließ er also die Bombe platzen und beobachtete Satoshi ganz genau. Er würde schon herausfinden, wer hier nicht mit offenen Karten spielte.

„Was?“ Satoshis Kopf ruckte hoch und seine Augen waren weit aufgerissen. „Bei mir? Ronny? Ja aber wie… wo?“, stammelte er und man sah ihm an, dass er nicht verstand, was Mario meinte. „Ich habe Ronny meine Telefonnummer gegeben und ich konnte ihn nicht anrufen, weil ich seine Nummer nicht weiß und er hat nicht angerufen, also konnte ich ihm nicht sagen, dass ich eine Woche nicht da bin. Was ist hier los?“, haspelte Satoshi los und in seinem Kopf drehte sich alles. So müde, wie er war, konnte er das alles nicht verstehen.

„Komm“, sagte Mario, der Mitleid mit dem jungen Mann hatte. Er wusste zwar selber noch nicht, was hier gespielt wurde, aber dass Satoshi einen Kaffee gebrauchen konnte, das sah ein Blinder. So schob er den verwirrten Koch sanft vor sich her in die Filiale und nickte Karin zu. Sie hatten sich schon ab und an gesehen, denn, wie Mario auch, war sie oft Springer und machte, was gerade nötig war. „Hallo Zaubermaus, machst du uns zwei starke Kaffee?“, bat er und sie nickte.

„Ich weiß nicht, was los war. Ich kann dir die Infos nur aus zweiter Hand geben, weil ich das weiß, was Jan von Ronny weiß und dem hat er erzählt, dass ihr jeden Abend telefoniert habt und dass er Sonntag bei dir war und ihr euch heute wieder seht.“

Satoshi sah Mario an und konnte nicht glauben, was dieser sagte. „Ich versteh das nicht. Ich war doch gar nicht da? Mit wem hat Ronny sich denn dann getroffen?“ Der Koch nahm seine Brille ab und rieb sich mit den Fingern über die Augen. Das Denken fiel ihm schwer. Er nickte der jungen Frau zu, die ihnen den Kaffee brachte und zuckte hoch. Auf einmal war er hellwach. „Hitomi“, zischte er und knurrte leise.

„Bitte?“, fragte Mario irritiert, weil er nicht wusste, ob das Wort ein Name oder ein Fluch war. Schließlich sprach Satoshi sicherlich auch japanisch.

„Mein Bruder! Oder besser mein Zwillingsbruder“, erklärte Satoshi und versuchte das Durcheinander in seinem Kopf zu ordnen. Dabei nippte er an seinem Kaffee und weil Mario immer noch ziemlich verwirrt guckte, sprach er weiter. „Er muss sich mit Ronny getroffen haben. Aber wie…?“

„Er hatte nur deine Visitenkarte“, sagte Mario, der sich gerade im falschen Film wähnte. Las man das nicht in schlechten Büchern, dass Zwillinge mal eben den Platz der eigentlich erwarteten Person ersetzen? Allerdings würde es das erklären, was Jan gestern am Telefon mit Ronny besprochen hatte, dass dem etwas fehlte – er schien gespürt zu haben, dass das nicht Satoshi gewesen war.

„Ja, die habe ich ihm gegeben, damit er mich anrufen kann.“ Satoshi war zwar nicht mehr müde, aber sein Hirn funktionierte noch nicht richtig und so dauerte es ein wenig, bis ihm ein Licht aufging und er sich mit der flachen Hand vor die Stirn schlug. „Oh Mann! Ich Depp!“ Der Koch konnte gar nicht glauben, dass ihm das schon wieder passiert war. „Ich muss Ronny aus Versehen die Karte meines Bruders gegeben haben.“

„Warum das denn?“, fragte Mario. War es denn so schwer, seine Visitenkarten im Zaum zu halten? Doch er grinste, damit Satoshi es nicht als Schelte auffasste. „Jedenfalls hat dein Bruder Ronny die Woche über gut unterhalten“, sagte er und beeilte sich gleich zu erklären, dass da gar nichts gelaufen war. Absolut nichts, nicht mal anfassen. „Ich glaube, er spürt, dass du das nicht warst.“

„Das will ich ihm auch geraten haben. Ronny ist seit langem der erste Mann, der mir Magenflattern beschert hat.“ Jetzt, wo Satoshi wusste, was passiert war, in der letzten Woche, wurde er hibbelig. Er wollte zu Ronny. „Weißt du, wann sie sich treffen wollten und wo?“

„Mo-ment!“ Mario guckte auf die Uhr. Jan war vielleicht noch nicht ganz wach, aber im Dämmerzustand und das hier war ein Notfall. Er zückte also sein Handy und klingelte seinen Liebling aus den Kissen, entschuldigte sich gleich zutiefst, ehe Jan ihm den Kopf abriss und fasste in drei Sätzen die Situation zusammen. „Wann will sich Ronny heute mit... dem anderen Satoshi treffen.“

Jan hatte nicht wirklich alles verstanden, aber wenn Mario so eindringlich redete, war es wichtig. „Um elf Uhr bei Ronny“, murmelte er gähnend und schloss wieder seine Augen. Er hatte gerade so schön geträumt.

„Alles klar, Schatz. Danke. Schlaf weiter und träum von mir“, sagt er und legte auf. Er sah Satoshi an, der seinen Kaffee nervös in seinen Fingern drehte. „Um elf bei Ronny. Ich zeig dir, wo das ist. Hast du einen Wagen oder soll ich dich dort absetzen?“, fragte Mario. Für ihn war klar, dass er Satoshi mit zurück nach Essen nahm.

„Aber wenn du mich jetzt bei ihm absetzt, bin ich doch viel zu früh? Und wenn ich jetzt nach Hause fahre, werde ich wohl einschlafen, befürchte ich.“ Man sah Satoshi deutlich an, dass er nicht wusste, was er machen sollte. Er steckte in einer Zwickmühle und wusste keinen Ausweg.

„Folgender Vorschlag: ich bringe dich heim. Du duschst, ziehst dich um und dann werfe ich dich bei ihm raus. Ob du zu früh bist oder nicht, wird dann egal sein, wenn er merkt, was da schief gelaufen ist.“ Mario sah das etwas pragmatischer. „Ich bin nur gespannt auf das dumme Gesicht deines Bruders, wenn ihr euch bei ihm begegnet. Ich hoffe, das artet nicht aus.“ Aber er ging davon aus, dass die drei Männer das händeln konnten.

„Danke, Mario, das Angebot nehme ich gerne an.“ Satoshi war wirklich froh, dass Mario das in die Hand nahm. Er selber war im Moment nicht wirklich zurechnungsfähig. Bei dem Gedanken an Hitomi musste er lächeln. „Das hat er auch verdient, die elende Mistmade. Er hat noch nie eine Gelegenheit ausgelassen, mich zu ärgern. Er meint es aber nie böse, deshalb kann ich auch nicht böse auf ihn sein.“

„Aha“, machte Mario, weil er das noch nicht zu werten wusste. Weder warum dieser Hitomi sich für Satoshi ausgegeben hatte, noch warum Satoshi nicht sauer darüber war. Also, wenn er einen Bruder hätte, der sich an Jan ran gemacht hätte, dem hätte Mario wohl das Innerste nach Außen gedreht. Doch Asiaten waren ja nicht umsonst dafür bekannt zu lächeln und zu verzeihen. Blieb nur zu hoffen, dass Ronny diese Verarsche nicht übel nahm und stur die Tür zuknallte und die beiden Männer davor stehen ließ.

Seine Zweifel waren ihm anzusehen, darum lachte Satoshi leise. „Ich erkläre dir das gerne später einmal. Aber erst muss ich das mit Ronny hinbiegen.“ Er trank seine Tasse leer und schob sie von sich. „Können wir los?“

„Sicher. Ich muss nur schnell ein paar Sachen holen“, sagte Mario und hätte fast noch vergessen, warum er eigentlich hier war. Schnell leerte auch er seine Tasse, stellte sie zusammen mit dem Geld auf den Tresen und holte die Kisten mit den vorbereiteten Speisen. Sie wurden auf dem Wagen platziert und dann konnte es losgehen. „Hier lang.“

Am Wagen angekommen, luden sie die Speisen und Satoshis Koffer ein und Mario fuhr aus dem Parkhaus. Bis sie auf der Autobahn waren, redeten sie nicht viel, denn Mario musste sich konzentrieren, damit er sich nicht verfuhr.

„Das war aber auch ein Zufall, dass du über mich gestolpert bist. Ich habe dich nicht bemerkt“, fing Satoshi eine Unterhaltung an. Wenn er nicht redete, dann schlief er ein.

„Irgendjemand will, dass du und Ronny es noch einmal versuchen. Ich glaube, nur deswegen hat er gestern angerufen und mit Jan geredet.“ Es mochte merkwürdig klingen, aber das glaubte Mario wirklich gerade. Es waren zu viele Zufälle, die sich aneinander reihten.

„Gehst du mal bitte ran?“, sagte Mario, als das Handy in der Halterung klingelte. Er war sich ziemlich sicher, dass das Jan war.

„Oh ja, sicher.“ Satoshi fischte das kleine Telefon aus der Halterung und weil da ständig: „Jan“, blinkte, ging er ran. „Hallo Jan. Satoshi hier“, meldete er sich und musste lachen, weil er deutlich spüren konnte, dass der Anrufer stutzte.

„Ah – Hallo“, sagte Jan dann aber und zog die Decke höher, gerade so, als könnte Satoshi ihn sehen, wie er nackt im Bett lag. Das war Jan doch etwas unangenehm. „Eigentlich wollte ich, dass Mario mir noch mal ganz langsam die Sache mit dem Bruder erklärt. Aber da ich dich gerade am Rohr habe, kannst du das ja auch machen. Ronny wird jedenfalls ziemlich baff sein.“

„Ja, das denke ich auch. Aber hoffentlich nicht so baff, dass er uns beide vor die Tür setzt.“ Satoshi hatte wirklich ein wenig Angst davor und dann konnte Hitomi was erleben. „Ich habe einen Zwillingsbruder und mit dem hat Ronny sich wohl getroffen und telefoniert. Ich habe aus Versehen die falsche Visitenkarte raus gegeben. Hitomi ist Ikebana-Meister und hat ein eigenes Blumengeschäft, das auch Murakawa heißt. Wir fanden die Idee gut, wenn unsere Visitenkarten sich gleichen. War aber wohl 'ne Schnapsidee.“

„Na ja“, sagte Jan leise und schüttelte den Kopf. Da versuchte jeder, das seine Visitenkarte so individuell wie nur möglich war und die beiden? „Jedenfalls kennt Ronny jetzt schon einen Teil deiner Familie, ist ja auch was wert“, versuchte er zu scherzen und hoffte, dass sein Freund es ebenfalls so locker aufnahm, denn wenn Ronny merkte, dass er vorgeführt worden war, dann machte er dicht.

„Mehr wird er auch erst einmal wohl nicht kennen lernen. Meine Eltern sind in Japan und mit meiner deutschen Verwandtschaft haben wir keinen Kontakt mehr.“ Normalerweise erzählte Satoshi nicht viel über seine Familie, aber heute war ein Ausnahmezustand. Er musste wach bleiben. „Ich hoffe nur, Hitomi hat Ronny nicht verschreckt, so dass er mich gar nicht erst kennen lernen will.“

„Kann ich mir nicht vorstellen aber er scheint gemerkt zu haben, dass er nicht der richtige ist“, sagte Jan. Das durfte Satoshi ruhig wissen. Er würde zwar nicht weiter tragen, was Ronny über das Anfassen und Küssen oder gar Sex gesagt hatte, aber einen kleinen Schubs dahingehend, dass Ronny nicht abgeneigt gewesen war, durfte ja erlaubt sein.

„Du meinst also, ich könnte der Richtige sein?“, fragte Satoshi hoffnungsvoll. Jan kannte seinen Freund besser als er und wenn der dieser Meinung war, dann würde er nicht locker lassen und alles versuchen, um Ronny für sich zu gewinnen.

„Ich will Ronny da nicht vorgreifen und ich werde mich da auch nicht so tief einmischen. Ich weiß nur, dass Hitomi nicht das gewesen war, was er gesucht hat und dass er nach dem Besuch im Restaurant völlig neben der Spur war. Und das lag nicht daran, dass er sich ein paar Cocktails gegönnt hatte.“ Jan lachte leise und wäre zu gern dabei, wenn Ronny alles raus bekam.

„Da war er nicht der einzige. Der Kuss hat mich vollkommen umgehauen.“ Satoshi lachte leise und sein Gesicht bekam einen schwärmerischen Ausdruck. Jans Worte hatten ihn ein wenig beruhigt, aber trotzdem war er immer noch nervös.

„Ich würde sagen, lass es auf dich zukommen und nutze die Chance, ohne deinem Bruder zu erklären, was los ist. Wenn ihr da beide aufschlagt und auf ihn ein redet, dann wird er sauer. Wäre ich vielleicht auch. Ich drück mal die Daumen.“ Jan wirkte schon etwas zufriedener und auch beruhigter, jetzt konnte er noch ein oder zwei Stunden schlummern, bis sein Baby wieder zu Hause war.

„Danke, Jan. Schlaf noch ein wenig. Mario bringt mich nach Hause, damit ich duschen kann und setzt mich dann bei Ronny ab. Es dauert also noch ein wenig, bis du ihn wieder hast. Aber dafür garantiert unbeschädigt.“ Satoshi lachte. Er war etwas zuversichtlicher.

„Ich bitte darum. Es war nicht ganz so leicht, ihn zu bekommen, da würde ich ihn gern noch ein bisschen behalten“, lachte Jan und verabschiedete sich, ehe er auflegte.

„Na? Besser?“, fragte Mario und sah auf den Nebensitz. Es schien, als hätte sich Satoshis Gestalt schon etwas mehr gefestigt. Wäre doch gelacht, wenn man diese zwei Typen nicht unter einen Hut bekommen könnte.

„Ja, dein Schatz kann das sehr gut.“ Satoshi steckte das Handy wieder in die Halterung und atmete tief durch. Er musste noch etwas sagen, was ihm auf der Seele lag. „Egal, ob ich Ronny für mich gewinnen kann oder nicht. Ich werde nie vergessen, was ihr für mich gemacht habt.“

„Ach. Ich glaube, das hat Jan nicht nur für dich, sondern auch für Ronny gemacht. Ein bisschen Eigennutz war vielleicht sogar auch noch dabei.“ Mario flachste und so verging die Zeit bis Essen ziemlich schnell. Satoshi erzählte noch ein bisschen vom Restaurant und von der Messe, auf der er gekocht hatte und als sie an Marios Arbeitsstelle ankamen, räumte der schnell die Kisten aus. Chris, ein Mitarbeiter, ging ihm zur Hand, denn Mario wurde schon sehnlichst erwartet.

Derweil hatte Satoshi das Navi bekommen, um seine Adresse zu speichern, damit sie den kürzesten Weg fanden und keine Zeit verloren.

„Startbereit“, erklärte der Koch, als Mario sich wieder hinter das Steuer setzte. Das Navi lief schon und gab gerade kund, dass die Route berechnet sei. Sie mussten noch ein wenig fahren, denn Satoshi wohnte etwas außerhalb in einem Industriegebiet. Als Koch hatte er ein paar besondere Ansprüche an seine Wohnung.

Als Mario den Wagen parkte, wo Satoshi es ihm riet, sah er sich etwas überrascht um. „Ziemlich ungewöhnlich“, musste er zugeben, denn außer ein paar alten Industriehallen sah er nicht viel. Vor einer stand eine Metallskulptur und glänzte in der aufgehenden Wintersonne und Mario sah an der roten Backsteinfassade, vor der er stand, nach oben.

„Ja, das stimmt, aber genauso etwas wollte ich haben.“ Satoshi ging vor zur Tür und schloss sie auf. „Ich wollte etwas mit viel Platz und der Möglichkeit, es nach meinen Wünschen zu gestalten. Da bot sich eine alte Fabrikhalle praktisch an. Ein Freund von mir hat mir dabei geholfen. Er wohnt dort drüben, da wo die Metallskulptur ist. Er ist ein ziemlich bekannter Künstler hier aus Essen. Flame.“

„Flame“, sagte Mario und grinste. Wie sich doch die Kreise schlossen – das war doch nicht mehr zum aushalten! In dessen Galerie hatten sie den Druck für Ole gekauft. Und der wohnte also da drüben? „Der geile Audi, ist das seiner?“, fragte Mario, denn der Wagen funkelte, als die Sonne ihn streifte. Er sah sich noch einmal um. Sein Atem kondensierte und so machte er, dass er Satoshi folgte und kam in einer Art Vorraum, eher aber eine Wärmeschleuse, damit der beheizte Raum nicht zu sehr auskühlte, wenn die Tür offen war.

Dem Grinsen nach schien Mario Tristan zu kennen. „Nein, der gehört seinem Mann Raoul. Er selber fährt einen großen Pick Up.“ Satoshi zog seine Schuhe aus und schlüpfte in ein paar Schlappen, die bereit standen. Er wartete, bis Mario seine Schuhe ebenfalls abgestreift hatte und gab ihm dann ebenfalls welche. Sie waren noch verpackt und bekamen später Marios Namen, damit er sie beim nächsten Besuch wieder benutzen konnte. Er schob die Tür, die aussah wie aus Reispapier, auf und verbeugte sich leicht. „Willkommen in meinem Heim.“

Mario, der eben noch etwas hatte entgegnen wollen, stand geplättet in der Tür und starrte in den Raum. Ihn umfing das seichte Plätschern von Wasser, was daran lag, dass ein künstlicher Bachlauf den gesamten Raum durchzog. Doch war es nicht das, was ihn am meisten beeindruckte, sondern das Aquarium, das über die komplette Stirnwand ging und mit komplett meinte Mario auch wirklich komplett. Zehn Meter hoch und zehn Meter breit. Wie tief es in den Raum hinein ragte, konnte Mario von hier aus nicht sehen.

Satoshi kannte die Reaktion, wenn jemand seine Wohnung betrat und er freute sich jedes Mal darüber. Der große Raum war relativ spärlich möbliert, ausschließlich im japanischen Stil. Über den verschlungenen Bachlauf, auf dem Lotusblüten blühten, führten kleine Brücken, damit man nicht drüber springen musste. „Sieh dich ruhig um. Möchtest du etwas trinken?“

Er ging schon einmal vor und Mario machte zumindest zwei Schritte, um die Tür hinter sich zu schließen. Die Fußbodenheizung sorgte dafür, dass es dort warm war, wo es gebraucht wurde und durch die dünnen Schlappen spürte Mario die angenehme Wärme. Er löste sich und kam tiefer in den Raum, stieg über eine kleine Brücke und entdeckte plötzlich die Küche. Wenn er geglaubt hatte, Oles Küche sei groß, dann wurde er jetzt eines Besseren belehrt. Hier passte seine und Jans ganze Wohnung rein!

Aber was hatte er bei einem Sternekoch erwartet. Der hatte bestimmt keine Küche von der Stange. Satoshi hantierte mit dem Wasserkocher und sah zu Mario rüber. „Tee, Kaffee oder lieber was Kaltes?“ Er selber brauchte einen Tee und dann wollte er duschen. „Flame hat mir bei der Gestaltung der Wohnung geholfen und hat mein Badezimmer bemalt“, erzählte er dabei, weil er das Gefühl hatte, dass Mario sich dafür interessierte.

„Künstlerisch begabt, der Künstler, hm?“ Er grinste Satoshi an und kam in die Küche. Sie stand wie jede andere Einbauküche auch, nur dass ihr die begrenzenden Wände fehlten. Die Hängeschränke waren an einem umlaufenden Stahlträger befestigt und in der Mitte standen mehrere Inseln. Zwei hatten einen Herd und eine weitere eine Granitplatte. Die hatte er mal im Fernsehen gesehen, bei einem Bonbonmacher. Und bestückt war sie mit allen technischen Raffinessen, die Mario für Küchen kannte. Es fehlte nicht eines davon, nicht mal der elektrische Dosenöffner.

„Oh ja, er ist sehr begabt.“ Satoshi lachte und da Mario ihm nicht gesagt hatte, was er wollte, machte er ihm einfach auch einen Tee. „Ich habe ein paar seiner Skulpturen. Nur die kleineren. Eine steht in meinem Restaurant. Er hat sie selber geliefert und so haben wir uns kennen gelernt.“

„Wie kommt man eigentlich auf die Idee, sich solch ein Aquarium hier rein zu bauen?“, fragte Mario, als die Wand wieder in sein Blickfeld kam. Er ging langsam hinüber und überquerte erneut eine Brücke. Die mächtige Glasfassade zeigte eigentlich einen kompletten Querschnitt durch ein Riff. Oben die Korallen und die bunten Fische, unten am Grund eine völlig andere Welt. Es war der Hammer. „Wie hält man so was sauber?“ Dass Mario beeindruckt war, konnte er nicht verbergen.

„Ich wollte schon immer ein Aquarium haben und diese Halle bot sich einfach dafür an. Im Okinawa Aquarium haben sie ein riesengroßes Becken und als ich es gesehen habe, war klar, was ich wollte.“ Satoshi kam zu Mario rüber. „Ich muss zugeben, dass ich einen Profi beauftragt habe, sich darum zu kümmern. Mir fehlt leider die Zeit dazu. Aber wenn ich kann, helfe ich.“

„Na ja, solche Tiere gehören wohl auch in Profi-Hände.“ Mario stand davor und sah an der Wasserwand nach oben. Er konnte sich ausrechnen, welche Masse Wasser diese Wand und die Verankerungen halten mussten – es war enorm. Doch als sein Blick auf die Uhrzeit fiel, die mittels Projektion über die Decke huschte, sah er zu Satoshi. Es wurde langsam Zeit. Sie hatten noch zwei Stunden und ein Stückchen Weg vor sich.

Satoshi verstand den Blick und nickte. „Fühl dich wie Zuhause, ich gehe duschen.“ Er holte sich aus einem Schrank etwas zum Anziehen und verschwand hinter einer Tür. Eins war auf jeden Fall klar. Heute wurde nicht nur warm geduscht.

„Ja, danke.“ Mario sah die Tasse, die für ihn auf einer der Arbeitsplatten stand und kam langsam wieder in die Küche. Dabei sah er sich weiter um. Auf einer Art künstlichen Insel stand eine riesige Couchlandschaft, ausgerichtet auf einen Fernseher an der Wand. Ein unscheinbarer Schrank daneben enthielt sicherlich das ganze Elektro-Zubehör. Was er noch nicht gesehen hatte, war ein Bett oder eine Tür zu einem Schlafzimmer.

Langsam schlenderte er durch den großen Raum und dann wusste er, dass er die wohl auch nicht finden würde. Etwas abgetrennt durch einen Paravent lag ein typisch japanischer Futon auf dem Boden. Das sah nicht sehr bequem aus und Ronny würde schon dafür sorgen, dass da ein richtiges Bett hinkam.

Mario lachte leise, weil er wohl schon wieder einen Schritt voraus gegangen war. Erst wollte er mit seinem Handy ein paar Bilder für Jan machen, von der Wohnung, der Küche, dem Bachlauf oder dem Aquarium, doch dann fand er das nicht in Ordnung, weil er nicht wusste, was Satoshi davon hielt. Er würde Jan das also alles erzählen und ihn neugierig machen und darauf freute er sich schon. Denn wenn Jan etwas wissen wollte, konnte er sehr einfallsreich sein.

Damit er auch viel zu erzählen hatte, sah Mario sich weiter um. Satoshi hatte ja gesagt, dass er sich ruhig umsehen sollte. Der große Teil einer Wand war mit Reispapiertüren verkleidet. Dahinter befanden sich wohl die Schränke. Nach seiner Runde stand er wieder vor dem Aquarium und sah den Fischen zu, als Satoshi frisch gestylt aus dem Badezimmer kam. Er fühlte sich schon wesentlich besser. Die Dusche hatte wirklich gut getan.

„Sehr ansehnlich“, sagte Mario und nickte. Ein Blick auf die Uhr allerdings ließ ihn zur Eile mahnen. „Sollen wir an einem Drive Inn halten oder hoffen wir darauf, dass Ronny einen Brunch vorbereitet hat?“, fragte er und griff sich wieder seine Jacke. Die Latschen stellte er ordentlich neben die Tür und schlüpfte in seine Schuhe.

Satoshi kam zu ihm, nachdem er noch etwas aus einem Schrank genommen hatte. Es war immer besser, wenn er beweisen konnte, was er Ronny gleich erzählen wollte. „Nein, fahren wir gleich durch. Egal, ob er was zu essen hat oder nicht.“ Satoshi nahm Marios Latschen und schrieb fein säuberlich dessen Namen auf jeden Schuh. Dann legte er sie in das Regal mit den Besucherschuhen. Erst dann zog er sich selber Schuhe an und signalisierte Mario, dass sie los konnten.