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Alles was zählt - Teil 57 bis 60

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In einem kleinen Konvoi ging es von Pierres Anwesen zurück zum internationalen Flughafen, wo die Maschine schon auf sie wartete. Leif hatte darum gebeten, dass die Maschine in Tegel landete, weil dort noch sein Wagen stand. Zwar hatte ein Teil der Crew protestiert, weil ihre Wagen ja in Tempelhof standen, doch als Leif versprochen hatte, für die Unkosten für das Taxi aufzukommen, war wieder Ruhe gewesen. Auch Viktors Wagen stand noch dort, aber den konnten sie auch später holen. Schließlich würde er es sich sowieso nicht nehmen lassen, mit Leif nach Hause zu fahren. Er hatte ja jetzt schon auf dem Weg zum Flughafen darauf bestanden, dass Endre und der Kurze in einer anderen Limousine fuhren. Er hatte schlicht keine Lust, den beiden Männern mehr Zeit zusammen zu gönnen als unbedingt nötig war und wenn es nach ihm ging, war es gar nicht nötig.

Leif hatte sich natürlich darüber mokiert, wie Viktor erwartet hatte, doch Endre schaltete schnell und so hatte er JJ mit seinem Kater zu Jochen in den Wagen geschoben, wo auch Frank saß, damit sich Viktor und Leif nicht noch die Augen aushakten. Ihm war sowieso schon aufgefallen, dass Leif viel öfter auf Krawall gebürstet war, wenn es um JJ und vor allem um ihn selbst ging. Das war nicht gut. Wenn Viktor nicht ganz dumm war, wovon Endre ausging, dann hatte er bereits gecheckt, dass etwas im Gange war. Besser man ließ dem Kerl mal wieder eine Weile seinen Willen, das musste er Leif unbedingt noch sagen. Es war zwar ein wohlig warmes Gefühl, dass in Endre den Drang auslöste, sich Leif zu greifen und ihn leidenschaftlich zu küssen, doch förderlich war es für das ungewöhnliche Zusammenleben nicht. Wenn sie aufflogen, hatten sie mehr als ein Problem.

Endre gab sein bestes, um etwaigen Gerüchten vorzubeugen. Er sah Leif kaum an, er redete viel mit den anderen. Am liebsten mit Jochen, aber leider konnten sie jetzt nicht so, wie sie das gern gehabt hätten, denn Frank saß dabei und von dem wusste Endre nicht, was er von ihm halten sollte. Der Mann war nett, keine Frage – aber er machte den Eindruck, als wäre es ihm lieber, Endre wäre nicht hier, sondern irgendwo, wo die Crew – und damit Leif – nicht war. Es war ja nicht so, als könnte Endre das nicht irgendwie verstehen, aber es ging ihm doch ein bisschen gegen den Strich. Doch er versuchte sich nichts anmerken zu lassen, war nett und höflich, beantwortete ein paar Fragen, die unverfänglich waren und spielte herunter, wenn Frank direkter werden wollte. JJ neben ihm hatte die ganze Zeit die Fingerchen in der Tasche und kraulte Rudi, der das ziemlich blöd fand, in dem engen Ding hocken zu müssen. Das war er nicht gewohnt und er knurrte ab und an, doch er war zufrieden, wenn JJ mit ihm spielte und rollte sich in seiner Tasche hin und her, als würde er anstelle von JJs Hand mit einem Knäuel Wolle spielen.

„Und wie wird das jetzt werden, wenn du bei Leif einziehst?“, fragte Frank direkt, denn dass der Kerl seinen Fragen immer geschickt auswich, machte ihn fuchsig.

„Woher soll ich das wissen? Das werde ich ja sehen, wenn wir in die Wohnung kommen. Leif wird mir schon noch sagen, wie er sich das gedacht hat. So weit ich das mitbekommen habe, haben die Fahrstunden Vorrang. Ich werde als erstes die Fahrstunden und die Prüfung hinter mich bringen, dann kann ich immer noch alles zusammenpacken und umziehen.“ Endre schätzte es nicht, dass ein fast fremder Mann anfing, so in seinem Privatleben zu schnüffeln. Doch er wollte Frank nicht gleich gänzlich auf die Füße treten und ihm sagen, dass ihn das einen feuchten Dreck anging und er Leif fragen sollte, wenn er neugierig war, doch weil Frank und Viktor so dicke da waren, war das nicht ratsam. Man wusste nie, wer einem noch alles in die Suppe spucken konnte.

„Frank“, sagte Jochen und schüttelte den Kopf. „Leif wird dir schon erzählen, wie das laufen wird. In den letzten Tagen hast du Leif doch so oft beim Wickel gehabt, dass er gar keine Chance gehabt hatte, mit Endre etwas zu besprechen. Er weiß also genauso viel wie du.“

„Na dafür, dass Leif keine Zeit hatte, habe ich ihn aber ziemlich häufig da unten gesucht und gefunden“, knurrte Frank, der es nicht schätze, zurechtgewiesen zu werden.

Endre war einfach nur froh, als endlich die Terminals des Flughafens in Sicht kamen und er beschäftigte sich lieber mit JJ, der mittlerweile auch noch Gustavs Pfote mit in die Tasche zu Rudi gestopft hatte und der kleine Kater heldenhaft gegen das Riesenschaf kämpfte. „So Maus, gleich geht’s wieder in die Luft“, lachte Endre und JJ nickte schon begeistert. Fliegen war toll gewesen. Und nun plapperte er los, was er und Gustav alles erlebt hatten das letzte Mal und dass man ihn nicht wider untersuchen müsste.

Frank schwieg, Jochen grinste und fühlte sich ein paar Jahre zurückversetzt, als sie mit Tiara das erste Mal geflogen waren. Sie war auch ganz aufgeregt gewesen und war ständig den Piloten mit den schönen Uniformen hinterher gelaufen.

„So, da wären wir“, erklärte der Fahrer, als er vor dem Gebäude hielt. Sie stiegen aus, nahmen sich ihr Gepäck und sammelten sich alle nach und nach um ein paar Damen und Herren, die die Flugbegleiter für Pierres Gäste waren. Zusammen gingen sie zum Check In, wo Papiere und Gepäck kontrolliert wurden, aber nicht so streng wie man das sonst gewohnt war. Gustav wurde geglaubt, dass er in seinem dichten Fell nichts schmuggeln würde, er musste also nicht noch einmal durchleuchtet werden. Da war JJ ziemlich froh. Auch Rudis Papiere waren ohne Befund und so ging es nach und nach in das Flugzeug.

Leif hatte kaum die Chance auch nur einen Blick mit Endre zu wechseln, weil der ihm immer auswich. Er wusste ja, dass das richtig war und ihnen nur zugute kam, doch er fühlte sich auch ein wenig verlassen. Er mochte das nicht, wenn Endre ihn nicht beachtete. Gerade der sollte Leif nie aus den Augen lassen – doch wer ihn nie aus den Augen ließ, war Viktor. Egal wo Leif hin ging, Viktor folgte oder er war schon da. Leif ging das langsam auf die Nerven, weil er ganz genau wusste, dass Viktor das nicht aus Verliebtheit tat, sondern weil er Leif keinen Meter traute, den er nicht vorher selbst kontrolliert hatte und das war belastend.

„Wo willst du hin?“, hörte es Leif hinter sich, als er es doch wagte, zu der kleinen Gruppe rüber zu gehen, in der Endre und Jochen zusammen standen und JJ schon wieder Gustav durch die Gegend schleifte. Zum Glück lag hier Teppich, da konnte das Tier nicht dreckig werden.

„Zu JJ, wo hin denn sonst?“, fragte Leif provozierend, weil ihm langsam die Geduld mit dem Mann riss. Nichts gegen gesundes Misstrauen, aber das hier war krankhaft.

„Lass den Mist, wir sollen einsteigen, hast du doch selber eben gehört. Los!“ Ohne weiter zu fragen schob Viktor seinen Verlobten den Korridor entlang, der zum Flugzeug führte. Kurz war Leif versucht, sich darüber aufzuregen, doch es hatte keinen Sinn. Viktor würde nie begreifen, was ihm an dem Jungen lag – er würde immer wie ein bescheuerter Idiot auf ihn achten, damit er ja nicht weg rannte. Ein weiteres Mal konnte Leif nicht verhindern, dass er sich fragte, was passieren würde, wenn sich ihre Wege in naher Zukunft trennen würden. Er hielt diese Gängelei langsam nicht mehr aus. Er war Gefangener in seinem eigenen Leben – das war nicht zum aushalten.

Kaum im Flugzeug angekommen zerrte ihn Viktor gleich zu einem Tisch mit vier Plätzen, setzte Leif ans Fenster und sich selbst an den Gang. „Frank und Carsten werde hier mit sitzen“, offerierte Viktor und Leif schüttelte nur noch den Kopf. Was war nur in Viktor gefahren? Er hatte sich früher schon aufgeführt wie ein armer Irrer, aber im Augenblick war er unerträglich. „Mach doch“, sagte Leif also nur gleichgültig und schloss die Augen. Seine Träume konnte ihm keiner nehmen und zum Glück kam Viktor in denen kaum noch vor. Nur Endre – die breite Brust, die weichen Lippen, die sanften Augen, das freche Grinsen. Dieser Kerl war Versuchung pur und Leif war es leid, sich dagegen zu wehren. Er wollte diesen Mann mit Haut und Haaren und dies war der Grund, warum er darauf bestand, dass Endre noch nicht umzog. Vielleicht ergab sich noch das eine oder andere und diese Wohnung, die Endre ja dann aufgeben musste, würde noch einmal gebraucht.

„An was denkst du?“, hörte er Viktor, weil er dümmlich gegrinst hatte und Leif öffnete wütend die Augen.

„Geht dich einen Scheiß an, Vik, heute gehst du mir echt auf den Nerv. Such dir einen anderen, dem du auf den Sack gehen kannst. Ich will schlafen!“, erklärte Leif mit zischender Stimme und Viktor wusste schlagartig, dass er den Bogen gut überspannt hatte. Das allein war der Grund, warum er auf Leifs Worte nichts mehr erwiderte. Lieber traktierte er Endre mit seinen Blicken, als der lachend mit JJ auf dem Arm und dem Kater in der Hand in den Flieger stieg. Er musste an ihm vorbei und Viktor zischte ihm etwas zu, aber nur leise, sodass es weder Endre noch Leif verstehen konnten.

Weil ein paar der Jungs das Angebot angenommen hatten, noch ein paar Tage bei Pierre zu bleiben, waren nun mehr Sitzplätze frei und Gustav durfte wieder seinen eigenen Platz haben. Deswegen saßen Jochen, JJ, Gustav und Endre auch in einer Vierersitz-Kombination zusammen und kicherten, alberten, blödelten herum und würdigten Viktor und Leif keines Blickes. Leif saß sowieso so, dass er Endre nicht sehen konnte, weswegen der auch kaum noch die Augen öffnete. Es lohnte sich ja doch nicht.

Einmal noch sah Endre zu ihnen hinüber, was Viktor nicht entging und mit einem raubtierhaften Grinsen zog er Leif an sich, der nicht gleich wusste, was los war und die Augen öffnete. Als er sah, dass es wohl gegen Endre war, verdrehte er nur die Augen, schob Viktor gut sichtbar von sich und hoffte, das Endre verstanden hatte – das hatte er auch und er grinste Viktor feist an, ehe er sich wieder JJ und Jochen widmete.

„Man, hat Vik dich auf dem Kieker“, murmelte Jochen. Ihm war das vorher kaum aufgefallen, weil er Endre und Viktor nicht einmal zusammen gesehen hatte, doch jetzt wurden die Machtspielchen langsam für alle sichtbar.

„Ja, das hatte er aber schon von Anfang an. Ich weiß auch nicht warum. Kann ja nicht nur daran gelegen haben, dass sich ein Kerl bin“, sagte Endre. Er gab sich nicht die Mühe, leise zu reden, Viktor saß zu weit weg, er würde sie nicht hören und der Rest unterhielt sich schnatternd, die bekamen auch nichts mit. „Es war ja nicht so, dass Leif mich eingestellt hat, weil ich ihm vielleicht gefalle, sondern weil JJ mich mochte und ich an ihn ran durfte, ohne dass er Terror gemacht hat.“ Dabei strich er JJ über die Haare, der aber nur die Hand wegwedelte und sich weiter die Nase an der Scheibe platt drückte. Er beobachtete nämlich gerade das Bodenpersonal, wie es wie ein Haufen emsiger Ameisen um das Flugzeug herum wuselte.

„Viktor war schon immer so und als ich sah, wie Leif anfing dich in sein Leben zu zerren, wie du Entscheidungen mit zu tragen hast und wie seine Augen leuchten, wenn er von dir redet, da wusste ich, das etwas passieren wird.“ Jochen kannte seinen Freund viel zu gut. Lange ließ sich Leif nicht mehr so gängeln, schon gar nicht, wenn darunter der Kontakt zu seinem Jungen litt. JJ war sein Ein und Alles geworden, das war nicht mehr zu übersehen und dass er die Filme noch bis zum Ende gedreht hatte, war eine große Geste gewesen. Es wäre nur zu verständlich gewesen – zumindest für die, die Kinder haben und wollten – wenn er sofort seinen Job an den Nagel gehängt hatte. Doch Leif wusste um seine Verantwortung. Hoffentlich fiel ihm das nicht noch auf die Füße.

„Er sollte sich erst trennen, wenn er aus der Firma ausgestiegen ist und mit den Filmen nichts mehr am Hut hat. Sonst dreht Viktor ihm einen Strick daraus“, sagte Jochen leise und sah sich um, ob ihnen nicht doch noch jemand zuhörte.

„Jochen, wie weit denkst du denn schon?“ Endre war entsetzt, das sah man ihm deutlich an.

„So weit, wie Leif wohl auch denkt“, sagte Jochen und senkte die Stimme noch weiter. „Ich kenne ihn seit vielen Jahren und ich habe gelernt ihn zu lesen. Ich weiß, was er denkt, auch wenn er das Gegenteil sagt. Viktor hat den Bogen überspannt und lange dauert es nicht mehr. Ich glaube, Leif wartet nur noch auf einen Anlass.“

„Sag doch so was nicht!“ Endre schluckte hart und strich sich mit einer Hand über das Gesicht. „Das wäre die Hölle. Ich kann doch da nicht einziehen, wenn... ach du...“ Endre wirkte fassungslos.

„Deswegen hat er auch darauf bestanden, dass du nicht gleich umziehst, auch wenn die Räume fertig sind. Ich glaube, Leif führt etwas im Schilde und er wird dafür sorgen, dass du da mit heiler Haut raus kommst und nicht mit hineingezogen wirst. Keine Sorge. Er mag dich.“

Endre grinste schief. Dass Leif ihn mochte, das wusste er auch. Aber warum jetzt plötzlich so viel geschehen musste, von dem Endre keinen Schimmer hatte, das wusste er nicht. Warum weihte ihn Leif nicht ein? Traute er ihm nicht? Hatte er Sorge, Endre würde sich verplappern? Er musste mit Leif reden und zwar ziemlich bald.

Doch für die nächsten Stunden war das nicht möglich, denn immer wenn Endre – mehr durch Zufall, weil jemand aus der Richtung ihn rief oder er sich die Beine vertreten wollte – in Richtung Leif sah, war Viktor zur Stelle und zerrte seine Beute an sich heran. Es war widerlich, Leif so zur Schau gestellt zu sehen und schon allein dafür hasste Endre diesen Kerl. Er hatte einen Mann wie Leif doch gar nicht verdient.

Um sich abzulenken spielte er mit JJ und Gustav, die sich beide immer wieder nach Rudi umsahen, der in seiner Tasche lag und schlief. Zwar hatte der Kleine den Kater rausnehmen wollen, doch wenn der sich irgendwo verkroch und nicht wieder hervor kam, hatten sie ein Problem. JJ hatte das zwar nicht ganz begriffen, aber eingesehen, dass Rudi müde war und schlafen wollte.

So verging der Flug eher schleppend und irgendwie waren sie alle froh, als der Flug endlich einem Ende entgegen ging und sie in Tegel landeten. Nur eine Sache hatte sich geändert, denn Viktor wagte es nicht mehr, Leif an sich zu ziehen wie seinen Besitz. Sein Verlobter hatte ihm klipp und klar gesagt, dass sein machomäßiges Muskelspiel langsam lächerlich wurde und wenn er nicht vor hatte, Leif heute gänzlich auf die Palme zu treiben und die Rechnung dafür zu bekommen, dann sollte er jetzt seine Pfoten bei sich behalten und aufhören, sich wie ein durchgeknallter Irrer zu benehmen.

„Holst du den Wagen?“, fragte Leif und sah Viktor bewusst provozierend an, doch der dachte gar nicht daran. „Glaubst du, ich lasse dich mit dem da alleine? Der ist doch spitz auf dich wie ein läufiger Köter“, sagte Viktor, ohne sich Gedanken darüber zu machen, dass Endre hinter ihnen ging und den Wagen mit dem Gepäck schob, auf dem obenauf wieder JJ und Gustav saßen, ergänzt durch Rudi. Endre schüttelte nur den Kopf – ob Paranoia heilbar war? Nun, er musste zugeben, dass Viktor eigentlich gar nicht so falsch lag, doch glaubte er allen Ernstes, Leif und Endre würden sich hier vor aller Augen mitten ins Gesicht beißen? Was für schlechte Filme sah denn der Kerl?

„Vik, reiß dich zusammen!“ Leifs Stimme war nur noch ein Flüstern, doch je leiser Leif würde, umso näher war er am roten Bereich. „Noch ein Wort und ich vergesse mich.“ Sein Blick machte klar, dass Viktor jetzt entweder gehorchte und den Wagen holte oder ein Problem hatte. Doch Viktor hatte nicht vor, klein bei zu geben – nicht vor der Straßenratte. „Ich denk nicht dran!“

„Gut!“ Leif zuckte die Schultern. „Wie der Herr wünscht. Komm, Endre, holen wir den Wagen und fahren endlich heim. Der Herr Jansen hat sich gerade dazu entschieden den Bus zu nehmen, da will ich ihn nicht davon abhalten.“

Viktor guckte nicht schlecht und Endre wusste nicht, was er sagen sollte. Warum zog ihn Leif da jetzt mit rein?

„Leif, was soll diese Kinderei jetzt eigentlich? Nur weil ich den Wagen nicht hole? Warum holst du ihn nicht und ich warte hier mit dem da?“ Viktors Kinn nickte in Richtung Endre.

„Weil ich einen Bärbeißer wie dich definitiv nicht bei JJ lassen werde. Du hast schon genug angerichtet und ihm Angst gemacht, das reicht völlig.“ Leif hatte keine Lust auf Diskussionen und machte sich auf in die Garagen, wo sein Wagen stand. Mit einem letzten bitterbösen Blick auf Endre, folgte ihm Viktor und Endre hatte das latente Gefühl, dass sein Shirt und seine Jeans jetzt Löcher hatten, dort wo der vergiftete Blick ihn getroffen hatte.

„Arschloch“, konnte sich Endre einfach nicht verkneifen, auch wenn er vor dem Jungen nicht fluchen wollte. Doch zum Glück war JJ sowieso abgelenkt, weil Gustav UND Rudi halten ziemlich anstrengend war. Weil er nun mit JJ allein war, schob Endre den Wagen mit den Taschen vor die Tür und stellte dort alles ab, schaffte den Wagen weg, während JJ ein Auge auf alles hatte. Der Kleine war wohl der einzige, der ziemlich zufrieden mit sich und der Welt war. Endre hingegen war vollgefressen mit Wut und schlechter Laune, weil ihm der Typ langsam richtig auf den Nerv ging. Hoffentlich hatte Jochen Recht und Leif schickte den Idioten irgendwann in die Wüste. Und das er dann ganz nebenbei frei für Endre war, war doch ein schöner Nebeneffekt.

Es dauerte gar nicht lange, da brauste auch schon Leifs Mietwagen vor den Eingang. Viktor blieb auf dem Beifahrersitz hocken, während Leif ausstieg, um Endre mit den Taschen und dem Jungen zu helfen. JJ wurde in seinen Sitz geschnallt, Rudi wurde neben ihn gesetzt und Endre musste den dicken Gustav auf dem Schoß halten – so ging es schweigend durch Berlin zurück zum Potsdamer Platz.

Als Leif allerdings zusammen mit Endre und JJ den Aufzug benutzte, der zur Hintertür von Endres frisch entstandenem Separee führte, sah Viktor ihn fragend an. Aber Leif wandte sich ab. Er war wütend wie lange nicht und wenn er Viktor jetzt nicht für ein paar Minuten aus dem Weg ging, hatten sie gleich den schönsten Krach und anstelle von Worten würden Teller fliegen. Das konnte und wollte Leif JJ nicht antun und auch Endre sollte ihn in seinem Jähzorn nicht erleben – deswegen wollte er jetzt seine Ruhe.

„Ich komme dann runter, wenn wir Rudi ein bisschen eingewöhnt haben“, sagte Leif und Viktor knurrte nur noch darauf. Er ahnte, was die beiden Männer vor hatten und er konnte nichts dagegen tun. War ihm Leif wirklich entglitten? War dessen Rücken das einzige, was er von seinem Verlobten noch sehen würde? So hatte das nicht laufen sollen – wenn Viktor nicht bald das Ruder herum riss, war er seinen Geliebten los und die Straßenratte nahm seinen Platz ein, das konnte und wollte er nicht zulassen.

Ohne ein weiteres Wort gingen Endre, Leif und der Junge mit ihrem Gepäck in den Aufzug, während Viktor den für das Penthouse nahm. Hoffentlich wurde das nicht zur Gewohnheit.



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Als sich die Fahrstuhltüren hinter den beiden Männern und JJ schlossen, atmete Leif tief durch. „Warum muss er nur immer so zickig sein und mich wie einen Gegenstand behandeln.“ Er lehnte sich neben Endre gegen die Wand und sah ihn eindringlich an. Schon in dem Augenblick, als er in Endres Augen sah, war Viktor vergessen, genauso wie die Frage, warum Viktor ihn behandelte, wie er ihn behandelte. Es war schlichtweg egal. Seine Hand schob sich langsam über das kühle Metall zu Endre und legte sich um dessen Taille. Er war versucht, ihn zu sich zu ziehen, doch dieser Fahrstuhl war öffentlich. Auf jeder Etage hatten die Gäste des Hotels die Option zuzusteigen. Pornos hin oder her, von einer Kamera beobachtet zu werden, war noch etwas anderes als pikierten älteren Herrschaften gegenüber zu stehen, die dann mitleidig auf JJ sahen.

Der kniete schon wieder vor der Tasche mit der kleinen getigerten Katze und redete auf Rudi ein, dass sie ja gleich zu Hause wären und dann könnten sie spielen – ganz lange und ganz viel. Seine Fingerchen griffen immer durch das Gitter der Tasche und kraulten den kleinen Kater, der mürrisch in seiner Tasche lag. Er war noch nie so lange eingesperrt worden und fühlte sich im Augenblick gar nicht wohl.

„Ich würde heut Nacht gern bei dir bleiben, Endre, aber das gibt Ärger“, murmelte Leif, der sich doch etwas näher an sein Kindermädchen geschoben hatte und seinen Kopf auf dessen Schulter ruhte. Er brauchte diese Nähe. Sie war eine Art Energiequelle, an der er seine Tanks fluten konnte, ehe er wieder den Kampf mit Viktor aufnahm – mehr war es leider nicht mehr. Egal wie gut es ein paar Stunden oder Tage lief, Viktor gelang es immer, Endre mit hinein zu ziehen und sich wieder daran aufzubauen. Dann fing er an, sich wie ein Pascha aufzubauen und seinen Besitz – Leif – an sich zu raffen. Mit Liebe hatte das doch schon lange nichts mehr zu tun, ohne Endre wäre Leif das wohl nicht aufgefallen. Man hatte sich aneinander gewöhnt, an die Macken, an die lieben Eigenheiten, doch das Feuer, was im Bett noch loderte, war eigentlich schon erloschen. Mit Sex allein war das hier nicht mehr zu kitten – doch Leif hatte Angst vor dem endgültigen Ende. Das war wohl der Grund, warum er immer zwischen den beiden Männern pendelte.

Das leise Pling der sich öffnenden Türen ließ ihn sich wieder lösen, denn vor der Tür standen ein paar Leute, die mit dem Aufzug nach unten wollten. Sie rafften also Kind, Katze und Kegel und Leif dirigierte die kleine Truppe zum Treppenhaus. Der Fahrstuhl gehörte schließlich zum regulären Hotelbetrieb, deswegen fuhr er nur so weit, wie die Hotelgäste es benötigten. Die letzten Stufen bis hinauf ins Penthouse mussten gelaufen werden.

JJ bekam also Gustav auf den Rücken gesetzt, damit der Junge sein Plüschie nicht über den Boden schleifte und er es dann nicht mehr mit ins Bett nehmen durfte, während sich die Männer die Taschen teilten. „Den Schlüssel hast du am Schlüsselbund“, klärte Leif auf, als sie vor der verschlossenen Tür standen, „Ich kann aber auch hier ein Codeschloss einbauen lassen, wenn du willst.“

„Nein, nein, Schlüssel ist okay“, sagte Endre und suchte in seiner Tasche. Die Hose war etwas eng und so musste er sich biegen, bis er hatte, was er suchte. Grinsend schob er den Schlüssel ins Schloss und ließ die Tür aufschwingen. „Willkommen in meinem Reich“, lachte er dabei leise. JJ störte sich nicht daran, er zerrte Gustav und Rudi gleich mit sich in den Flur, den er zwar kannte, aber an die Wand konnte er sich nicht erinnern. Er blieb also stehen und sah sich irritiert um.

Währendessen schob Leif Endre etwas tiefer in den Flur, damit er die Tür hinter sich zumachen konnte, aber eigentlich auch, um ihm nahe sein zu können. Dicht an Endres Ohr flüsterte er: „Du hast so einen geilen Hintern, ich hätte reinbeißen wollen auf der Treppe!“ Er blies seinen heißen Atem über Endres Ohr und ließ ihn dann einfach stehen, weil er sich JJ widmete und ihm erklärte, was hier passiert war. Er öffnete die Tür in der neuen Wand und zeigte ihm, wo JJs Zimmer war und dass es nicht verloren gegangen war.

„Vik“, sagte er überrascht, als er die Tür aufgeschlossen hatte und JJ trat gleich den Rückzug an.

„Keine Sorge, ich komme schon nicht stören. Ich wollte mir nur angucken, ob sie ordentlich gearbeitet haben oder ob ich Reklamationen anmelden muss“, erklärte er und suchte Endre mit den Augen. Doch als der Viktors Namen gehört hatte, war der gleich mit Kegel und Kater in seinem Schlafzimmer verschwunden. JJ folgte auf dem Fuße, denn er wollte endlich wieder mit Rudi spielen.

Leif lehnte in der Tür und sah seinen Verlobten musternd an. Warum nur glaubte er Viktor nicht, dass er nur vor der Tür gestanden hatte, weil er sich die Arbeit der Handwerker hatte ansehen wollen? Vielleicht, weil er schon den ganzen Tag keine Möglichkeit ausgelassen hatte, Leif und Endre zu trennen? Leif war zwar versucht, den ersten Grund zu glauben, nämlich dass Viktor sich wirklich nur für die Arbeit der Firma interessierte, doch er konnte es nicht.

„Du hast die Besten engagiert. Birgit hat die Aufsicht gehabt. Glaubst du allen Ernstes, dass hier etwas nicht zu deiner Zufriedenheit gelaufen sein könnte?“, fragte er und war sich durchaus bewusst, dass er schnippisch wirkte. Auch Viktor entging das nicht. Aber um des lieben Friedens willen und weil er wusste, dass er den Bogen heute bereits überspannt hatte, schwieg er.

Eine Weile sahen sie sich an, aus dem Augenwinkel sah Viktor, wie JJ in Endres Schlafzimmertür lauerte und wohl hoffte, dass der Mann endlich weg ging. Er war versucht, der kleinen Plage diesen Gefallen nicht zu tun, doch als Leif fragte: „Ist noch was?“, konnte er nur den Kopf schütteln.

„Ich packe aus und fahre in die Firma“, sagte Viktor, denn hier würde er jetzt bestimmt nicht bleiben.

Sein Verlobter und dessen Neuer zusammen unter seinem Dach – das war doch echt das letzte. „Überlege dir gut, was du machst, Leif“, sagte Viktor, als er sich umwandte, die Tür hinter sich zu zog und ging. Hatte er allen Ernstes gegen eine Straßenratte verloren?

„Na endlich“, knurrte Leif und ließ sich gegen die neu gezogene Wand lehnen. Sie war relativ dick, man würde also auf der anderen Seite kaum hören, was hier passierte. Leif grinste anrüchig, weil er schon wieder die dreckigsten Gedanken hatte. Doch dann stieß er sich ab und ging zu Endre, der im Schlafzimmer die Zeit nutzte, um seine Tasche auszupacken. „Wirf das dreckige Zeug gleich in den Wäscheschacht unten im Bad.“ Er warf sich neben der Tasche auf Endres breites Bett und grinste ihn an, als er die Arme hinter dem Kopf verschränkte.

„Ich wasche zu Hause“, knurrte Endre, weil er sich immer noch weigerte, seine Klamotten von anderen waschen zu lassen. Auch wenn es sicher bequem war.

„Wann willst du das machen? Du bist von früh bis spät hier, machst die nächsten Wochen deinen Führerschein. Du wirst kaum zu Hause sein, wenn ich es verhindern kann“, grinste Leif und zwinkerte Endre zu. Der kniete immer noch vor dem Bett und sah auf seinen Chef hinab.

„Wenn du es also verhindern kannst, hm?“, sagte Endre und schüttelte den Kopf. „Du weißt genau, dass gerade dieses Verhalten dazu führt, dass dein Verlobter Achten läuft und auch wenn ich ihn nicht leiden kann, so kann ich ihn doch zumindest verstehen.“ Endre gab es nicht gern zu, aber auch ihm entging nicht, dass Leif seinen Verlobten mittlerweile nur zu gern provozierte. Er forderte Viktors Launen regelrecht heraus. Das war nicht ganz fair – vor allem aber, nicht ganz ungefährlich.

„Mir doch egal“, sagte Leif trotzig, dem es gar nicht gefiel, dass Endre sich jetzt auf die Seite seines Verlobten stellte. Er streckte eine Hand nach ihm aus und zog dessen Gesicht langsam zu sich, damit er ihn küssen konnte. Endre ließ es geschehen – doch er zögerte kurz. Nicht weil er es nicht wollte, sondern weil er es gern sah, wenn Leif sich energisch holte, was er wollte. Er genoss es, zu wissen, dass der Blonde einen Narren an ihm gefressen hatte, dass ein Blick von Endre genügte, ihn heiß zu machen und Endre sonnte sich darinnen. Nur manchmal ließ er die Worte seines Bruders in sich nachwirken, die ihn davor warnten, sich mit einem wie Leif einzulassen – das war eine andere Liga. Doch meistens schob Endre diese Bedenken beiseite. Ihm war egal, wer oder was Leif war. Ihm war es egal, ob der Mann zig Millionen auf seinen Konten hatte oder nur noch einen Zwanziger in der Hosentasche – Leif war Leif und er war ein begehrenswerter Mann, mit einer Art, die Endre wild machte.

„Es sollte dir nicht egal sein, wenn du den Jungen behalten willst“, flüsterte Endre leise, ehe er seine Lippen auf Leifs treffen ließ und ihn im Sturm eroberte. Er hatte diese Küsse vermisst. Sie waren so vertraut gewesen und erst als sie beide nicht mehr die Gelegenheit für die kleinen Zärtlichkeiten gehabt hatten, war Endre aufgefallen, wie sehr er sich an diese Vertrautheit schon gewöhnt hatte.

„Was meinst du?“, keuchte Leif, doch schon lagen seine Lippen wieder auf Endres. Er konnte von diesem Mann nicht lassen. Warum war der Kerl nicht ein paar Jahre früher in sein Leben getreten? Wo hatte der sich bis jetzt verkrochen? Gierig schoben sich seine Hände unter Endres Shirt, das er hastig aus dessen Hose gezerrt hatte. Ihm war es egal, wenn Viktor noch einmal hier her kam und sie erwischte – dann wusste er wenigstens endlich Bescheid, ohne dass Leif es ihm noch hätte erklären müssen. Fest griffen seine Hände um Endres Hintern und zogen denn Mann auf sich. Er wollte ihn spüren – mit jeder einzelnen Zelle, mit jeder Faser seines Körpers.

„Dustav!“, jammerte es dicht neben Leifs Ohr und er wusste ihm ersten Moment nicht, was los war. Doch da hatte sich Endre schon von ihm gelöst und zog Leif ein Stück nach oben, weil er nämlich auf JJs Liebling lag. Der Junge raffte das Schaf gleich an sich und funkelte seinen Onkel an, der gewagt hatte, Gustav platt zu liegen. „Demein!“, knurrte JJ und untersuchte – mitten auf Endres Bett – erst einmal sein Schaf auf Knochenbrüche und blaue Flecken. Es war sicher reichlich damit übersät. Endre schüttelte lachend den Kopf.

„Sich einfach auf wehrlose Schafe werfen, Leif. Wie nötig hast du es denn?“ Seine Augen blitzten dabei angriffslustig und er erhob sich eilig, ehe Leif noch etwas Übereiltes tat. Es musste nicht sein, dass JJ sie immer bei so was erwischte. In ein paar Tagen kamen die Damen vom Amt, die sich JJs Umfeld ansehen wollten. Wenn dann rauskam, dass der Hausherr was mit dem Kindermädchen hatte, dann war das vielleicht etwas, was negativ auffallen konnte und das konnten sie sich nicht leisten. Sie brauchten jeden Fürsprecher, den sie kriegen konnten und das Amt gegen sich aufzubringen war nicht gesund.

Man sah es sowieso nicht gern, wenn Homo-Paare Kinder aufzogen. Adoptionen waren so gut wie unmöglich. Das aufs Spiel zu setzen, war einfach nicht klug.

„Endre warte“, rief Leif und erhob sich, während JJ eingesehen hatte, dass Gustav noch mopsfidel war. Er wurde zugedeckt, bekam das Kissen aufgeschüttelt und schon war auch JJ den beiden Männern wieder hinterher. Leif wollte sich gerade wieder sein Kindermädchen greifen und ihn gegen die Wand gedrückt verschlingen, damit der nicht flüchten konnte, doch JJ war schneller. Er wollte endlich Rudi befreien und mit ihm spielen, weswegen er auch die Tasche öffnete und gar nicht so schnell gucken konnte, wie Rudi aus der Tasche schoss.

„Fang ihn, Leif!“, rief Endre und suchte die Tüte mit dem Katzenklo, was er schnell im Bad aufstellte und bestückte, damit Leif den Kater reinsetzen konnte.

„Lassen wir ihn erst mal auf dem Klo allein!“, sagte Endre und nahm JJ auf den Arm, der schon wieder neben Rudi Station gemacht hatte. „Wir essen was und dann kannst du mit ihm spielen, ja?“

Wirklich begeistert war JJ von der Idee nicht, aber jetzt, wo er daran erinnert wurde, dass er vielleicht Hunger haben könnte, bemerkte auch er das Loch im Bauch. Also stimmte er zu und zusammen gingen sie aus Endres Wohnung in die Küche, die er immer mit JJ benutzte. Das war der einzige Nachteil, dass man die Küche aufgrund des Grundrisses nicht mit in Endres Séparée hatte integrieren können, ohne JJs Bad mit abzuteilen. Aber weil Viktor sowieso nicht da war, war das egal.

„Was hast du vorhin eigentlich gemeint?“, fragte Leif nach einer Weile, in der er Endre dabei zusah, wie er schnell ein paar Sachen aus dem Tiefkühler gesucht hatte und daraus nun etwas zauberte. „Wegen dem Jungen, wenn ich ihn behalten will, meine ich.“

„Ich habe mit Jochen geredet und ich stimme ihm zu. Wenn du Viktor jetzt vor den Kopf schlägst und ihn so verärgerst, dass er in eurer Beziehung keinen Sinn mehr sieht, wird er sich rächen wollen und er weiß - dein wunder Punkt ist der Süße. Im Augenblick bist du noch in die Firma involviert, die letzten Filme sind gerade erst abgedreht. Bring erst Abstand zwischen dich und die Pornos und such dir einen neuen Job. Dann mach den Bruch. Sichere dich ab.“ Endre sah Leif ernst an und der Blonde war erschüttert, wie weit seine Freunde schon dachten. Es war wohl kein Geheimnis mehr, dass es zwischen ihm und Vik nicht mehr lief. Zumindest nicht bei denen.

„Und was soll ich machen? Mich wie ein Stück Vieh vorführen lassen, so wie heute im Flugzeug? Mir seine Hetztiraden gegen dich anhören? Mir anhören, dass der Junge mir sowieso weggenommen wird, weil ich keine Kinder erziehen kann? Ich will nicht!“ Bockig verschränkte Leif seine Arme vor der Brust und knurrte. Das war doch wohl bitte nicht Endres Ernst!

„Ja“, sagte der auch noch und ließ Leif große Augen machen.

„Wie bitte?!“

„Leif!“ Endre, zog die Fischstäbchen vom Feuer und schob sie in den Ofen, während er die kochenden Kartoffeln klein drehte. Das konnte er jetzt für eine Weile sich selbst überlassen. Deswegen dirigierte er Leif zurück in sein kleines Reich und JJ war sowieso schon wieder bei Rudi im Bad. „Setz dich“, sagte Endre und ließ sich neben Leif auf dich Couch in seinem Wohnzimmer fallen. „Du musst deine Prioritäten setzen. Und wenn deine Priorität JJ ist, dann wirst du auch mal die Zähne zusammen beißen müssen und schlucken. Ich weiß, dass das nicht leicht sein wird und ich weiß auch, dass du es nicht gewohnt bist zurückzustecken. Aber im Augenblick sitzt er am längeren Hebel und er kann dafür sorgen, dass du JJ nicht wiedersiehst. Sei nicht immer so provokant.“

„Ich bin provokant? Was soll das denn?“, begehrte Leif auf. Was musste er sich hier sagen lassen?

„Ja, bist du“, lachte Endre leise und strich ihm durch die Haare. „Reiz ihn nicht und bring dein Leben so schnell wie möglich weit weg von der Branche. Sonst ist JJ schneller weg, als du gucken kannst.“ Er küsste Leif auf die Schläfe und der seufzte leise. Er musste zugeben, dass Endre nicht Unrecht hatte. Jochen hatte derartiges auch schon angedeutet, doch Leif hatte es nicht hören wollen. Doch er musste der Tatsache ins Auge sehen.

„Es wird schwer werden, ich werde Motivation brauchen“, sagte Leif und sah Endre auffordernd an, prüfend, ob der begriff, was er als Motivation brauchte.

Doch Endre war nicht dumm. Er küsste Leif harsch und einnehmend, drückte ihn langsam auf der Couch tiefer und lag bald auf ihm.

„So was?“, fragte er frech und erhob sich dann wieder. Leif blieb liegen und legte sich die Hände aufs Gesicht.

„Biest!“, keuchte er und lachte dabei leise. Der Kerl war wirklich unglaublich.

„Ja und das will ich jedes Mal, wenn ich mich zusammengerissen habe!“, rief er hinterher und erhob sich ebenfalls. Als er aus der Tür wollte, stromerte gerade Rudi an ihm vorbei, der sein neues Reich in Augenschein nahm. „Na, Süßer? Könnte es dir hier gefallen? Auch ohne Sand und Meer?“ Rudis Blick war undeutbar, wirkte aber noch nicht wirklich zufrieden. Na ja, der kleine Kerl würde sich schon noch einleben. Und wenn Leif erst einmal das Penthouse gegen ein Häuschen mit Garten getauscht hatte, konnte der kleine Kerl auch wieder draußen rumstromern.

Natürlich bestand JJ darauf, nicht in der Küche zu essen, sondern bei Endre. Rudi durfte nämlich noch nicht hier raus. Er sollte sich erst langsam dran gewöhnen, ehe sie ihm die gefährliche Treppe zeigten und mit ihm übten. Auf dem Ding konnte auch eine Katze schnell ausrutschen und unglücklich stürzen. Das wollten sie nicht riskieren.

Das Essen zog sich ziemlich in die Länge, weil JJ ständig Rudi hinterher ging. Dann musste Endre ihn rufen, er aß wieder zwei Bissen und war erneut verschwunden. Leif ließ es ihm durchgehen, denn so hatte er etwas mehr Zeit mit Endre allein. Sie redeten darüber, wie es weiter gehen sollte und auch darüber, was in den nächsten Tagen passieren musste. Das wichtigste war ein Kindergarten und die Vorbereitung auf das Treffen mit den Damen vom Jugendamt. Er musste bis dahin das eine oder andere geregelt haben, denn sie würden wissen wollen, womit Leif sein Geld verdiente. Sie mussten in der Wohnung noch das eine oder andere machen, damit sie kindersicher wurde und sich bei Jochen noch ein paar Tipps holen, was man den Damen gegenüber vielleicht besser für sich behielt.

Das wichtigste aber war, dass er für seinen Verlobten einen auswärtigen Termin organisieren musste. Denn wenn Leif eines nicht gebrauchen konnte, dann war es Viktor, der ihm das Gespräch mit dem Jugendamt versaute! Mittlerweile traute er dem Kerl alles zu, damit er den Jungen loswurde. So weit, dass mit dem Jungen auch Leif aus seinem Leben verschwinden würde, dachte Viktor sicher nicht. Er war sich sicher, dass ohne den Jungen alles so werden würde wie früher und deswegen arbeitete er auch hart darauf hin.

„Übrigens hast du morgen auch deine erste Fahrstunde“, eröffnete Leif und Endre machte große Augen. Konnten sie damit nicht warten bis der ganze Stress sich etwas gelegt hatte? Nächste Woche oder so? „Ich habe doch gesagt, ich sorge dafür, dass du hier schlafen musst“, grinste er dreckig und Endre lachte leise. Der Kerl wusste, wie man sein Ziel verfolgte. Aber das war es wohl, was Endre so an dem Mann reizte – sie spielten ein Spiel, in dem nie vorher fest stand, wer der Sieger war. Es gab nichts Reizvolleres.

„Ein Etappensieg, mehr nicht“, stellte er klar und aß auf – die nächsten Tage würden es zeigen.


-59-

„Er fährt gerade auf den Hof? Alles klar. Danke, Herr Schneider.“ Leif lief aufgeregt durch seine Wohnung und telefonierte mit der Agentur, bei der Viktor heute einen Termin hatte. Leif hatte ihn extra auf heute gelegt, damit auch wirklich nichts Unvorhergesehenes passieren konnte, wenn die beiden Damen vom Jugendamt da waren. Nichts war schlimmer, als wenn Viktor anfing mit seiner miesen Laune alles zu verderben. Sollte er sich in München darum kümmern, dass der Rubel für die Firma rollte. Schließlich wollte Leif bald aussteigen, das musste alles vorbereitet werden. Noch glaubte Viktor nicht wirklich, dass Leif seine Drohung wahr machen könnte, weil er glaubte, dass sein Verlobter ohne den Trubel und die Filme doch gar nicht leben könne – doch er sollte noch sehen, wie ernst es Leif wirklich war.

„Ja, Herr Schneider, ich find's auch schade, dass ich dieses Mal nicht dem Treffen beiwohnen kann, aber ich habe hier in Berlin zu viel zu tun. Es ließ sich einfach nicht einrichten“, sagte Leif gerade, als Rudi mit seinem neuesten Spielzeug an ihm vorbei schoss. Ein Ball aus Fell mit einer Unwucht in seinem Inneren, die dafür sorgte, dass der Ball – einmal angeschoben – sich ständig weiter bewegte und nun schoss der kleine Kater ständig dem Ding hinterher, rollte sich damit über den Boden und kaute genüsslich darauf herum. Er hatte ziemlich schnell begriffen, wie die luftige Treppe zu nehmen war und wie man laufen musste, um nicht zwischen den Stufen durchzurutschen – seit dem fegte er durch die Wohnung wie ein geölter Blitz. Also an Auslauf dürfte es ihm wirklich nicht fehlen.

Natürlich war auch JJ nicht weit weg von Rudi, denn die beiden waren ein eingeschworenes Team. Langsam wurde es eng in JJs Bett, denn neben dem dicken Plüschschaf hatte sich auch Rudi ein Plätzchen am Fußende gesucht. Leif bereute bereits, dass er dem Kleinen ein kindgerechtes Bett gekauft hatte, in dem es nun so eng war. Er hätte vielleicht das große Doppelbett behalten sollen. So hätte der dicke Gustav wenigstens richtig Platz gehabt.

„JJ, komm bitte her, wir wollen dich doch umziehen. Gleich kommen die beiden Frauen, die mit dir reden wollen“, rief Endre gerade, denn der Junge verschwand zusammen mit Rudi unter dem Tisch in der Küche. Leif lachte leise. Nein, langweilig wurde es nie.

„Herr Schneider, ich muss jetzt leider Schluss machen. Ich erwarte noch Besuch. Ich wollte nur wissen, ob mein Verlobter sicher angekommen ist, denn die Staumeldungen im Radio haben mich böses ahnen lassen. Auf Wiederhören.“ Leif legte auf und grinste schief. Als ob er der Mensch war, der Radio hörte. Alles, was er hören wollte, war, dass Viktor in München war, weit weg von der Wohnung, wo er keinen Ärger machen konnte.

„Endre, lass ihn doch. Er hat seine Lieblingshose an und sein Lieblingsshirt. Darin fühlt er sich wohl. Wenn du ihn jetzt verkleidest, dann ist er vielleicht nur gehemmt. Sie sollen ihn so sehen, wie er ist. Er ist so schön aufgetaut.“ Leif kam seinem Kindermädchen hinterher und umfing ihn von hinten. Er genoss es sichtlich, wenn er sich nicht verstecken musste und mit Endre tun konnte, was er wollte. „Kümmere dich lieber noch ein bisschen um mich. Motiviere mich und beruhige mich, ich bin völlig neben dem Gleis!“, flüsterte er seinem Kindermädchen leise ins Ohr und seine Hände schoben sich unter das Shirt auf Endres Bauch. Die Fingerspitzen aber suchten sich ihren Weg tiefer, bis der Bund der tief sitzenden Jeans sie aufhielt.

„Leif“, knurrte Endre gutmütig, denn eigentlich hatte er gegen die Nähe nichts einzuwenden. Warum auch? Es fühlte sich gut an, es ließ ihm Hitze durch den ganzen Leib fahren – nur war es das, was er jetzt ganz bestimmt nicht gebrauchen konnte. „Leif, bitte, nicht jetzt. Lass uns den Termin erst einmal überstehen, ehe du anfängst, mir den Kopf zu verdrehen.“ Doch er ließ seinen Kopf auf die Schulter fallen, weil Leif begonnen hatte, sich über seinen Hals zu küssen. Das fühlte sich so verdammt gut an! Es wäre gelogen, zu sagen, Endre würde das jetzt nicht ausbauen wollen, doch die Zeit saß ihnen im Nacken. JJ robbte immer noch in einer völlig verknitterten Hose in Spiderman-Farben über den Boden der Küche und stritt sich mit dem kleinen Kater um die Fellkugel.

„Ich muss den Kurzen noch umziehen und wenigstens mal die Hände waschen. Er hat die ganze Zeit...“

„Komm schon, Endre, nur fünf Minuten. Ein bisschen Motivation tanken, damit ich das Verhör, was gleich kommen wird, überlebe“, murmelte Leif gegen Endres Haut. Es war wie ein Rausch. Wie die Motte, die das Licht suchte, obwohl dies ihr Tod sein konnte. Er war nicht in der Lage, die Hände von diesem begehrlichen Leib zu lassen. Sehenden Auges steuerte er auf eine mittelschwere Katastrophe zu - das wusste Leif auch. Doch er wollte das nicht wahr haben. Er bildete sich ein, beide Männer haben zu können, den einen für die Seele, den anderen aus Gewohnheit. Um nicht weiter darüber nachdenken zu müssen, drehte er den Mann in seinen Händen und küsste Endre ausgehungert. Er wollte nicht mehr nur knabbern und sich mit Happen zufrieden geben. Er brauchte jetzt eine Menge Kraft und die musste er erst noch tanken, denn die letzten Tage hatten an seinen Nerven gezerrt. Jeder redete nur auf ihn ein. Viktor hielt es für nötig, ihn täglich daran zu erinnern, dass er ohne das Business nicht leben könne, Frank redete auf ihn ein, dass er sich das mit dem Ausstieg noch einmal überlegen sollte. Selbst Jochen redete auf ihn ein, doch das war gerade, was Leif gern hörte. Sie hatten sich nämlich zusammen einen Kindergarten angeguckt und JJ hatte sich nicht gleich dagegen gewehrt. Zwar hatte er sich immer hinter seinem Endre versteckt, als die fremden Kinder auf ihn zugekommen waren, doch weil sie dort nicht nur weibliche Erzieher hatten, um die JJ gleich wieder einen Bogen machte, sondern auch zwei männliche Pädagogen, denen er zumindest die Hand gereicht hatte, war die Entscheidung gefallen.

Ab nächste Woche sollte der Kleine also halbtags erst einmal dort unterkommen. Billig war die Einrichtung nicht gerade, dafür war ihr Ruf umso besser. Allerdings bedeutete dies auch Stress für Endre, der nämlich nun seit ein paar Tagen seine Fahrstunden nahm. Günni lobte ihn über den grünen Klee, weil er ziemlich schnell begriff und sich auch etwas traute. Im Gegensatz zu vielen seiner Schüler, die erst einmal verklemmt hinter dem Steuer saßen. Wenn Endre Zeit hatte, fassten sie so viele Stunden zusammen wie es nur ging, denn wenn JJ die ersten Wochen im Kindergarten war, wussten sie alle, dass Endre da nicht einfach weg konnte. Er musste vorerst bleiben und sich integrieren, sich dann langsam zurückziehen, wenn JJ anfing, die anderen in der Einrichtung anzunehmen. Das war alles schon generalstabsmäßig durchgeplant. So hieß es dann, am Vormittag JJ betreuen, am Nachmittag Auto fahren. Endre würde die nächste Zeit nicht wirklich zur Ruhe kommen.

„En-re!“ Etwas missgestimmt zerrte JJ an der Hose seines Kindermädchens und guckte ihn vorwurfsvoll an. Endre sollte doch mit ihm spielen und nicht mit seinem Onkel!

Etwas übereilt löste sich Endre und wischte sich kurz über die Lippen, konnte es sich aber nicht verkneifen, noch einmal darüber zu lecken. Das war zu gut gewesen, aber auch ein großer Fehler. Eigentlich hatte JJ derartiges nicht mitbekommen sollen. Wie hatte sich Endre jetzt vor dem Jungen dazu hinreißen lassen können? Das war völlig unprofessionell. Deswegen widmete er sich auch sofort ganz und gar dem Kleinen, der gleich wieder sehr zufrieden wirkte und seinen Onkel frech angrinste. Es war, als hätte JJ genau das erreichen wollen.

„Ganz schön verschlagen“, murmelte Leif und richtete sich noch einmal das Hemd, was Endre mit seinen geschickten Fingern etwas aus der Form gebracht hatte. Keine Minute zu früh übrigens, denn gerade klingelte es. Alle drei zuckten zusammen und für einen kurzen Augenblick sahen sich die beiden Männer an. Jetzt galt es zu überzeugen.

Während Leif ging, um den Fahrstuhl freizugeben, erklärte Endre JJ noch einmal, was passieren würde und sammelte Gustav ein, der vor dem riesigen Panorama-Fenster im Wohnzimmer in der Sonne lag und sich den Bauch wärmen ließ. Schnell war er auf die Couch verfrachtet, Rudi kugelte sich noch einmal durchs Bild und dann öffneten sich auch schon die Fahrstuhltüren.

„Guten Tag“, wünschte sich ein jeder und Endre spürte, dass die Blicke gleich sofort auf ihm lagen. Es war schwer zu lesen, was in den Köpfen der beiden Frauen vorging. Es lief eigentlich wie immer, denn JJ versteckte sich wieder hinter Endre. Dort fühlte er sich immer noch am sichersten. Er lugte zwar hervor, weil er auch neugierig war, doch mehr als ein Ohr und ein Auge und ein paar blonde Haare waren von ihm nicht zu sehen.

„Kommen sie, setzen wir uns doch in die Küche“, lud Leif ein, weil Endre dort etwas Frühstück vorbereitet hatte, sofern die Damen das wollten. Kaffee aber wurde auf jeden Fall ausgeschenkt. So setzten sich alle erst einmal an den Tisch. JJ nicht wie üblich auf seinem Stuhl, sondern auf Endres Schoß, das war immer noch das sicherste. Die beiden Fremden ließ er dabei aber nicht aus den Augen.

„Darf ich fragen, wer sie sind?“, richtete sich die Neugier einer der beiden, die sich als Frau Krüger vorgestellt hatte, an Endre und der antwortete wahrheitsgemäß – das Kindermädchen.

„Dazu sollte ich erklären, dass ich es vorher mit drei Frauen probiert habe. JJ hat sich Endre allerdings selber ausgesucht. Vor den Frauen, die sich vorgestellt haben, ist er geflüchtet“, stellte Leif klar, damit keiner dachte, dass es Leifs Entscheidung gewesen war, den Mann anzustellen. Er war und blieb nur für JJ, auch wenn Leif das gern einmal vergaß.

„Er hat ihn sich ausgesucht?“, fragte sie misstrauisch und schon war sie bei Endre unten durch, auch wenn sein sanftes Lächeln darauf nicht schließen ließ.

„Ja“, bestätigte Leif. „Vor den drei jungen Damen hatte er sich unter den Tisch geflüchtet. Ihm ist er in die Arme gesprungen. Da war für mich alles klar. Er scheint ein Problem mit Frauen zu haben, ich weiß nicht warum. Seine Vorgeschichte kennen sie?“, fragte er und sah die andere der beiden Damen an. Frau Glose nickte langsam. „Ja, man hat uns darüber informiert, woher er kommt. Könnten wir uns getrennt unterhalten?“, fragte sie und deutete auf JJ. „Ich hätte es gern, dass meine Kollegin sich mit dem Jungen allein unterhalten kann.“

Leif wusste, dass das immer so war und man die Kinder gesondert befragte. Und doch fühlte es sich an, als hätte er etwas falsch gemacht und man wolle ihm auf die Schliche kommen. Aber er nickte. „Sie können es gern versuchen“, sagte er und erhob sich. Gehen wir doch so lange in den Wohnraum rüber. Vielleicht gehen sie mit dem Jungen in sein Zimmer?“, bot er an, auch wenn er wusste, dass JJ ohne Endre der fremden Frau nicht folgen würde.

„Sehr gern.“ Frau Krüger erhob sich und lächelte JJ an. „Kommst du mit mir?“, fragte sie, doch JJ schüttelte hastig den Kopf. Er wollte nicht mit der Frau mitgehen. Er klammerte sich an Endre, der dem Kleinen über den Kopf strich.

„Maus, dir passiert doch nichts. Die Tante möchte nur ein bisschen mit dir spielen. Zeig ihr doch mal dein Zimmer.“ Doch JJ blieb stur. Er wollte nicht. Nicht ohne Endre, dem das selbst etwas peinlich war, weil man am Gesicht der Frau ablesen konnte, was sie von der Fixierung des Jungen auf ihn hielt.

„Komm mit“, forderte JJ und guckte ihn aus großen Augen an.

Endre blutete das Herz. „Gut“, sagte er nach einer kurzen Überlegung, auch wenn die Frau das vielleicht nicht gut heißen konnte. Er erhob sich mit dem Jungen und nickte der Frau freundlich zu. Sollte sie denken, was sie wollte. Sie konnten es ja doch nicht beeinflussen. Er hatte schon verloren, als sie die Wohnung betreten hatten und gesehen hatten, dass er ein Mann war. Er musste sich also nicht mehr versuchen ins rechte Licht zu rücken, er stand schon im Abseits.

Zusammen gingen sie nach oben, während Frau Glose und Leif allein am Tisch zurückblieben. „Er hat ein Problem mit Frauen. Wir wissen leider nicht warum und es weiß auch keiner, was in der Sekte passiert ist. Man vermutet, sie hätten ihn misshandelt. Aber es gibt an seinem Körper dafür zum Glück keine Spuren“, fing Leif leise an. Er verdrängte JJs Herkunft gern, doch er konnte sie auch nicht schön reden. „Von einem Psychologen hatte man uns vorerst abgeraten, so lange der Kleine nicht auffällig wäre. Und das ist er nicht. Er reagiert eben nur etwas komisch auf Frauen. So wie jetzt ist er normal nicht. Er ist sehr lebhaft.“ Leif wusste nicht, ob es richtig war, das zu sagen, aber es war die Wahrheit.

„Im Kindergarten war es dasselbe“, wollte er weiter erklären, doch Frau Glose fragte kurz nach. Sie hatte sogar ein zufriedenes Nicken übrig. „Er geht in den Kindergarten?“

„Ja, ab nächste Woche. Wir haben lange nach einem Platz gesucht und endlich einen gefunden. Sie haben auch männliche Betreuer, was JJs Problem etwas entgegen kommt. Was jetzt nicht heißt, dass wir alle Frauen von ihm fern halten wollen. Gott bewahre“, schob Leif gleich hinterher, weil er das Gefühl hatte, dass es gerade so klang, als wäre das ihr Anliegen. „Aber er soll entscheiden, wann und wie oft er sich mit jedem einzelnen Menschen einlässt. So lange er wählen kann, liegt es in seinem Ermessen.“ Er war kein Pädagoge, er wusste nicht, ob das der richtige Weg war. Doch so lange JJ das bekam, was er wollte und was er brauchte, konnte das doch nicht ganz verkehrt sein.

„Nun, ich will ehrlich zu ihnen sein“, sagte die Frau plötzlich. „Wir haben Bedenken, weil sie ein Mann sind, der ohne Frau lebt und vorher noch keinerlei Erfahrung mit Kindern hatte. Als wir dann auch noch das Kindermädchen gesehen haben, hatte man seine Vorbehalte. Das will ich zugeben. Wir werden zusammen arbeiten müssen, für den Jungen, da sollten wir offen miteinander umgehen.“

„Sie hätten also ein Problem damit, wenn ich schwul wäre und den Jungen erziehen will? Ist es das, was sie mir sagen wollen?“, hakte Leif nach. Er wirkte ruhig, lächelte. Er war ein Schauspieler, denn in seinem Inneren tobte es. Was maßte diese Frau sich an? Waren schwule Männer schlechter als andere? Waren sie als Väter weniger wert?

„Was ich persönlich davon halte spielte keine Rolle, Herr Drieschner. Wichtig ist, wie es sich auf den Jungen auswirkt“, sagte sie und sie sagte es so, dass Leif zwischen den Zeilen ganz genau lesen konnte, dass sie bereits wusste, dass er schwul war. Das musste nicht mehr geklärt werden.

Er nickte also, dass auch er den stummen Satz verstanden hatte. „Es geht ihm gut hier. Was sollte ihm denn fehlen? Der Kinderarzt ist zufrieden, im Kindergarten freuen sie sich auf ihn. Und sein Kindermädchen ist nicht mit Gold aufzuwiegen.“ Leif spürte, dass ihm die Fäden aus der Hand genommen wurden. Das war ein komisches Gefühl. Er hatte sich das Gespräch anders vorgestellt – souveräner von seiner Seite. Doch das war er nicht.

„Wie sieht es den mit ihnen aus? Sind sie regelmäßig zu Hause, damit sie sich auch mit dem Jungen beschäftigen können oder ist dafür das Kindermädchen zuständig?“, fragte sie weiter und so erklärte Leif, dass er im Augenblick einen stressigen Job habe, aber jede freie Minute nutze und sich vor allem gerade nach einer neuen Beschäftigung umsehen würde.

Auf ihre Fragen hin erklärte er – wenn auch nur die Halbwahrheit – dass er Schauspieler sei, der große Durchbruch sei ihm aber noch nicht gelungen. Zumindest nicht in der Sparte, für die sich diese Frau interessieren dürfte. Doch das verschwieg er lieber.

„Wie stellen sie sich das vor in naher Zukunft?“, fragte sie direkt und Leif sah sie für eine Sekunde fragend an.

Er konnte mit der Frage an sich nichts anfangen. Wie stellte er sich was vor? Doch dann lächelte er wieder. „Wenn ich jetzt kündige, werde ich nicht sofort eine neue Anstellung haben. Am Geld wird es nicht scheitern, denn meine Finanzen habe ich dem Amt bereits offen gelegt. Es ist kein Problem für mich, die nächsten Jahre Zuhause bei dem Jungen zu sein, bis er älter ist und selbstständiger“, erklärte er. Er wusste nicht, ob es das war, was die Frau hören wollte, doch sie nickte.

Zu dem Thema sagte sie vorerst nichts mehr, denn es ging sie ja eigentlich auch nur so weit etwas an, als dass es ihre Sorge war, dass der Junge und sein Onkel sich nicht entfremdeten und nur noch über das Kindermädchen den Kontakt hatten. Sie wechselte also das Thema und ließ sich erzählen, wie JJ sich die letzten Wochen, seit er hier war, gemacht hatte.

Da war Leif in seinem Element, denn nun konnte er erzählen wie JJ aufgeblüht war, wie er angefangen hatte zu sprechen. So gut es ging hielt er Viktor aus seinen Erzählungen heraus, denn wenn die Sprache auf ihn kam, wollten die Damen vielleicht auch noch mit ihm sprechen und das wäre die totale Katastrophe.

Frau Glose gab ihm auch noch den einen oder anderen Hinweis, wie sie vielleicht versuchen konnten, JJs Angst vor Frauen in den Griff zu kriegen. Es war ja nicht so, dass er generell Furcht hatte. Seine Betreuerin, als Leif ihn aus Köln geholt hatte, schien JJ ja gemocht zu haben. Und Tiara mochte er auch sehr gern. Die beiden spielten viel zusammen, wenn sie die Chance dazu hatten. Irgendetwas an den meisten Frauen musste ihm Angst machen und sie wussten noch nicht, was es war.

Die Zeit verging und so sah Leif überrascht auf die Uhr, als JJ wieder in die Küche gelaufen kam. Endre und Frau Krüger folgten langsamer. Sie waren in ein Gespräch vertieft und Endre musste seinen ersten Eindruck von der Frau revidieren. Sie war sehr nett und verständnisvoll. Sie hatten sich gut unterhalten, mit JJ gespielt und nach und nach war der Kleine ein bisschen aufgetaut und hatte erzählt und auf die Fragen geantwortet. So war raus gekommen, dass er gern bei seinem Onkel war, dass er Endre mochte, dass er Rudi und Gustav auch mochte und dass er gern mit seinen Bausteinen spielte. Er war auch gern draußen und aß gern Eis. Dinge, die ein jedes Kind eben gern tat.

Auch ihr waren keine Auffälligkeiten untergekommen und so verabschiedeten sich die beiden Frauen kurz nach Mittag und versicherten, sich wieder melden zu wollen. Als die Tür des Fahrstuhles zu war, riss Leif plötzlich Endre an sich und küsste ihn ohne ein Wort der Warnung. Er musste jetzt irgendwie die Anspannung von sich abfallen lassen und für Sex reichte die Zeit nicht. Er grinste bei dem Gedanken dreckig und als er sich löste, um Luft zu holen, sah er Endre undeutbar an. „Mal sehen, ob sie mit uns zufrieden waren oder nicht“, murmelte er leise. JJ sauste schon wieder auf allen Vieren mit Rudi über das Parkett. Weswegen Leif es ausnutzte, dass er Endre ganz für sich hatte und seine Hände auf dessen Hintern unter den Stoff der Hose schob.

„Verlockende Anmache, aber ich muss zur Fahrschule. Du hast selber gesagt, je schneller ich den Lappen habe, desto besser“, lachte er frech, als er Leif noch einmal küsste. Endre liebte es, mit ihm zu spielen und das Feuer in den blauen Augen lodern zu sehen. „Na gut, noch einen zur Motivation“, grinste er und drückte Leif gegen die Türen des Fahrstuhls, um ihn ausgehungert zu küssen. Doch dann war es besser, dass sie sich trennten, sonst hätte JJ Dinge gesehen, die für sein Alter definitiv noch nicht geeignet gewesen wären.

Den Nachmittag verbrachte Endre also im Wagen quer durch Berlin, während JJ und Leif sich einen netten Tag im Aquarium machten. Dort war er schon lange nicht mehr gewesen. JJ hatte an den bunten Fischen seine helle Freude und meckerte nur noch manchmal, dass Endre nicht dabei war. Ein Eis tröstete über das schlimmste hinweg und als sie zurückkamen, war auch Endre schon da und wartete mit dem Abendessen.

Der Wechsel von Endre zu Viktor verlief fast fließend – so wie in Leifs Leben eben auch. Während sich Endre aus JJs Zimmer schlich und die Wohnung oben durch sein Separee verließ, weil er seine Brüder besuchen wollte, kam unten gerade Viktor aus dem Fahrstuhl.

Leif lächelte ihn an und tauchte zurück in sein altes Leben. Doch es fiel ihm nicht so leicht wie früher.


-60-

Es waren wieder ein paar Tage ins Land gegangen, in denen Leif den Spagat zwischen zwei Leben versuchte. Tagsüber war er in der Firma und bereitete mit seinem Anwalt und seinen Leuten alles dafür vor, dass sein Name aus der Firma verschwand. Dass er auch weiterhin gern zur Seite stand, wenn es darum ging, etwas zu klären oder zu besorgen, war keine Frage, doch vor der Kamera würde sein Gesicht nicht mehr zu sehen sein und mit ihm selbst sollte die Firma auch nicht mehr in Verbindung gebracht werden dürfen.

Ein Dokument für seinen Ausstieg wurde erarbeitet, doch er wollte vorerst stiller Teilhaber bleiben, weil er Viktor die ganze finanzielle Last nicht allein tragen lassen wollte. Doch wirklich dankbar zeigte sein Verlobter sich nicht. Noch weniger, wenn Leif tagsüber verschwand. Viktor wusste ganz genau wo hin, auch wenn er das seinem Verlobten nicht sagte. Er hatte seine Quellen und er wusste schon eine Weile, dass Leif und Endre sehr wohl mehr verband als ein Arbeitsverhältnis.

Doch er hatte noch nicht die Gelegenheit gehabt, sich diese Straßenratte noch einmal vorzunehmen. Die kleine Abreibung auf den Seychellen hatte der wohl nicht begriffen, dann musste Viktor eben andere Geschütze auffahren. Sie würden schon sehen, wer am längeren Hebel saß und wer demnächst wieder auf dem Arbeitsamt hockte.

Auch wenn Leif glaubte, er wäre schlau genug gewesen, damit Viktor nicht bemerkte, dass er ihn am Montag nur nach München geschickt hatte, damit er ihm nicht in das Gespräch mit dem Jugendamt platzte, Viktor hatte es sehr wohl gewusst. So war das eben, wenn man Zettel mit Terminen herum liegen ließ. Doch Viktor war gefahren, weil er dort bei Herrn Schneider sowieso noch etwas zu erledigen gehabt hatte. Zum anderen aber auch, weil er gewusst hatte, dass es eskalieren würde, sollte Viktor sich in diese Geschichte wirklich einmischen.

Im Moment hatte er auf Sand gebaut und mit jedem Schritt, den er machte, rutschte er mehr in sich zusammen. Leif war zickig wie noch nie und Viktor wusste genau warum. Das konnte nur diese Straßenratte sein, die über das vermaledeite Balg versuchte, Macht über Leif zu bekommen – er musste diese beiden endlich trennen! Ihn ärgerte es nur, dass ihm noch keine Idee gekommen war.

Selbst ins Krankenhaus zu den Kindern, wo er Viktor noch nicht einmal gefragt hatte, ob er auch Lust hätte, schleifte sein Verlobter nun die beiden Störenfriede mit sich. Es war ja nicht so, als hätte Viktor Wert darauf gelegt, dort mit hin geschleppt zu werden. Das war einfach nichts für ihn. Aber hier ging es ums Prinzip.

Heute war nun mittlerweile Freitag, der erste Tag in dieser Woche, an dem Viktor zeitig Feierabend machen konnte. Zwar hatte sich Leif mit den Worten abgemeldet, er würde noch einmal bei seinem Steuerberater vorbeisehen, doch Viktor glaubte ihm schon lange nicht mehr. Er ahnte ganz genau, wo sein Verlobter sich herumdrückte und heute hatte er vor, die beiden in flagranti zu erwischen.

Er wollte es mit eigenen Augen sehen, wie diese Straßenratte seine dreckigen Pfoten an Leif legte und ihn dann mit Genuss und Leidenschaft aus der Wohnung werfen, diesen verlogenen Bastard. Viktor malte sich das deutlich vor seinem inneren Auge aus, als er sich in den Wagen schwang und zurück nach Hause fuhr. Nach Hause – von wegen. Seit dieser Kerl bei ihnen eingezogen war, war doch nichts mehr, wie es war. Wann ließ sich Leif denn noch unten blicken? Er aß oben bei den beiden Störenfrieden, er spielte da oben mit dem Balg.

Und als würde das nicht reichen, hatten die auch noch so ein Vieh anschleppt, das nur aus Krallen und Zähnen bestand. Es machte von Tag zu Tag weniger Spaß noch nach Hause zu kommen.

Er fuhr im Fahrstuhl hoch und hatte den Klingelton ausgeschaltet, der anzeigte, wenn der Fahrstuhl die Wohnung erreicht hatte. Nichts sollte die beiden aufschrecken. Er wollte es sehen – endlich vor Augen haben.

Die Türen öffneten sich und er konnte gar nicht so schnell gucken, wie der Kater ihm wie üblich mit Zähnen und Krallen an der Hose hing und spielen wollte. Wütend schubste er das Tier beiseite und Rudi schlidderte über das glatte Parkett bis zur Wand. Womit Viktor nicht gerechnet hatte, dass der Junge es sehen und schreien würde. „Böser Mann!“, schrie er immer wieder und zerrte den taumeligen Rudi zu sich. Tränchen liefen über das kleine Gesicht und JJ wimmerte. Man spürte an seiner ganzen Gestalt, dass er Angst hatte in Viktors Nähe, doch er konnte Rudi auch nicht alleine lassen.

Alarmiert von JJs Schrei kam Endre aus der unteren Küche, wo er sich gerade über eine Inventur der Schränke hergemacht hatte und glaubte kaum, was er sah: JJ lehnte angstverzerrt mit dem Rücken an der Wand, hatte Rudi im Arm und schrie immer wieder, der böse Mann solle weg gehen.

Das ließ sich Viktor nicht sagen – nicht in seinem Haus. Dieser Bastard war hier nur Gast und hatte nicht zu entscheiden, wer ging und wer blieb. Das war sein Hausrecht, nicht das des Jungen. Wütend über so viel Unverfrorenheit hob er die Hand und ließ sie auf das kleine Gesicht niedersausen. JJs Kopf schlug gegen die Wand und im ersten Augenblick wusste der Junge gar nicht, was los war. Bis der Schmerz kam.

Endre hatte noch geschrien und war losgelaufen, doch er hatte es nicht verhindern können. Kaum war er am Ort des Geschehens angekommen, schubste er Viktor zurück und riss JJ an sich, kümmerte sich um den weinenden Jungen und ignorierte den Idioten. Das konnte doch jetzt alles nicht wahr sein. Er hatte derartiges vorhergesehen – doch dass es so schnell passieren würde, das war nicht gut.

„Halt du dich da raus, du Straßenratte!“, zischte Viktor, der es gar nicht gut haben konnte, dass der Kerl ihn einfach wie Luft behandelte. So war das aber nicht geplant gewesen. Er sollte ihn angreifen, damit Viktor sich wehren konnte. Er hatte so viel angestaute Energie, die sich entladen wollte – der Kerl sollte sich endlich wehren.

Doch er tat es nicht, er beugte sich tiefer zu JJ, um ihn an sich zu nehmen und mit ihm hoch zu gehen. Das konnte Viktor nicht zulassen. Er musste hier ein Exempel statuieren, eines, was der Mistkerl auch begriff. Also schubste er ihn gegen die Wand.

JJ machte sich gleich schüchtern ganz klein, doch Endre - der begriffen hatte, dass er selber auch nicht ohne Blessuren hier rauskommen würde - schickte ihn nach oben. „Los, Kleiner, ich komme gleich nach“, sagte er lächelnd und JJ nickte. Zusammen mit Rudi stromerte er flink die Treppe nach oben und man hörte die Tür zu seinem Zimmer hastig zuschlagen.

„Sag mal, schämst du dich gar nicht, dich an einem Kind zu vergreifen, nur weil du deinen Verlobten nicht mehr im Griff hast?“, fragte Endre gleich direkt. Warum noch lange um den heißen Brei herum reden? Sie wussten doch beide, dass JJ nur eine Art Ventil gewesen war, um Frust abzulassen, den Viktor eigentlich auf jemand ganz anderes hatte.

„Ich lass mir von dem kleinen Bastard doch nicht sagen, dass ich hier zu verschwinden hätte. Was bildet sich das Balg ein?“ Viktor sah gar nicht ein, dass er etwas falsch gemacht haben könnte. Das hier war und blieb seine Wohnung.

„Du hast ihm Angst gemacht. Wenn du etwas mehr Verständnis zeigen würdest, hätte er dich schon längst angenommen.“ Endre stieß sich von der Wand ab und wollte JJ folgen, aber Viktor drückte ihn zurück.

„Ich lege keinen Wert darauf, dass der mich annimmt. Der wird schneller hier wieder verschwunden sein, als er gucken kann. In mein Leben mischt man sich nämlich nicht einfach ungefragt ein.“ Viktors Augen funkelten angriffslustig und sein Atem ging auch schon schneller. Endre ahnte, dass das hier nicht gut enden würde. Er konnte nur hoffen, dass JJ oben blieb und den Schlüssel im Schloss drehte, so wie sie es geübt hatten.

„Du hast wirklich nichts begriffen. Glaubst du wirklich, es liegt an dem Jungen, dass Leif sich langsam aber sicher von dir ab...“, weiter kam Endre nicht, denn nun spürte er die kräftige Faust in seinem Gesicht und sein Kopf schlug gegen die Wand. Er spürte die Zähne hart aufeinander schlagen und brauchte ein paar Augenblicke, bis er wieder Bilder sah.

„Leif wendet sich nicht von mir ab. Er liebt mich so, wie ich ihn liebe. Daran wird sich auch nichts ändern. Wenn ich euch erst mal losgeworden bin, wird alles so sein wie früher!“ Viktor schrie. Was bildete der Kerl sich ein, ihm sagen zu wollen, Leif würde sich abwenden! Leif würde sich niemals von ihm abwenden! Wusste die Straßenratte das nicht?

„In was für einer Welt lebst du denn?“, zischte Endre und schüttelte den Kopf. Ihm hämmerte der Schädel, das war gar nicht gut. Er musste wieder zu sich kommen und klar sehen, sonst war er JJ keine große Hilfe. Im Augenblick traute er diesem Mistkerl nämlich einiges zu. „JJ ist der Mittelpunkt in seinem Leben geworden und wenn du das akzeptiert hättest, anstatt dich gegen ihn zu stellen, wäre jemand wie ich nicht nötig gewesen. Wenn du ihm die Zeit gelassen hättest, die er für JJ gebraucht hätte, dann...“

Wieder schlug sein Kopf hart gegen die Wand und Endre verfluchte sich dafür, dass er sich nicht wehren konnte. Es war immens, was der Kerl für eine Kraft hatte!

„Halts Maul!“ Viktors Aura war beängstigend. „Halt dein verlogenes Maul. Jeder weiß, dass du ihm nur schöne Augen machst. Das Balg spielt hier doch gar nicht die Rolle. Du willst nur Leif!“

Endre schüttelte innerlich den Kopf, denn um es tatsächlich zu tun, schmerzte der Schädel zu sehr. In was für einen Wahn hatte sich der Spinner denn da hineingezogen? Er wäre nur hier, um Leif zu bekommen? Nun, es war ja nicht ganz gelogen, dass auch er langsam dem Mann verfallen war und ihn besitzen wollte. Aber doch nicht um jeden Preis und schon gar nicht auf dem Rücken eines Kindes. Was war Viktor nur für ein Idiot?

Es war ein Reflex, sich kurz über die Lippe zu lecken. Er spürte das Brennen in den kleinen Wunden und der Geschmack nach Eisen auf der Zunge machte ihn klar, dass der Bastard Blut gefordert hatte.

„Du bist so ein armseliger Typ. Glaubst du allen Ernstes, Leif braucht eine Witzfigur an seiner Seite?“, presste Endre zwischen den Zähnen hervor. Ihm lag noch so viel auf der Zunge, doch Viktor gab ihm nicht die Zeit, ihm diese Worte noch ins Gesicht zu spucken. Wortlos zog er sein Knie hoch und Endre stöhnte schmerzverzerrt, als er, im Unterleib getroffen, langsam an der Wand zusammensank.

„Glaub, was du willst, Straßenratte!“, sagte Viktor nur, als er endlich sein Jackett auszog und in der Küche verschwand. Er konnte diesen Mistkerl nicht mehr ertragen.

Endre blieb erst einmal am Boden liegen. Vor seinen Augen tanzten die Sterne und zerplatzten einer nach dem anderen. Gleißend helles Licht gaben sie preis und ließen Endre die Augen zusammenkneifen. Sein Körper schmerzte an jeder Stelle, doch er musste sich erheben, er durfte jetzt nicht liegen bleiben. JJ war oben ganz allein. Das war nicht gut. Langsam rappelte er sich auf und störte sich auch nicht daran, dass er blutige Spuren an der Wand hinterließ. Er hatte Weißgott andere Sorgen. Er musste hier weg.

Zwar hatte er gestern endlich seine Fahrstunden alle hinter sich gebracht und gleich die Prüfung abgeschlossen, die er auch bestanden hatte – was Leif übrigens noch gar nicht wusste, weil kaum Zeit gewesen war, sich zu sehen – doch in seinem Zustand konnte er nicht fahren. Er würde JJ nur in Gefahr bringen. Doch an wen konnte er sich wenden? Leif hatte Termine. Die waren wichtig, damit er aus der Firma aussteigen konnte. Da konnte er jetzt unmöglich stören.

Es fiel ihm schwer, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Die Treppe vor seinen Augen war wie ein Berg, der unbezwingbar schien. Einen Arm um seinen Unterleib geschlungen stützte ihn der andere an der Wand. Es war gar nicht so leicht, ein Bein zu heben, wenn die Leiste brannte wie Feuer. Doch da kam JJ plötzlich auf leisen Sohlen die Treppe runter. Verschwörerisch sah er sich immer wieder um. Er hatte Gustav auf dem einen, Rudi auf dem anderen Arm und als er bei Endre angekommen war, flüsterte der Kleine, sie sollten verschwinden.

Endre hatte keinen Schimmer, wo JJ diese Idee her hatte, es war ihm auch egal. Er stimmte einfach zu und ging langsam rüber zum Fahrstuhl. Schuhe trugen sie beide schon, weil sie nach der Inventur eigentlich hatten einkaufen gehen wollen. Doch jetzt machte es ihnen die Flucht leichter. JJ hatte schon auf den Knopf gedrückt und verschwand in dem kleinen, sich bewegenden Raum, während Endre schmerzgeplagt langsamer folgte. Immer wieder sah der Kleine sich ängstlich um, starrte auf die Verbindung zur Küche, in der Viktor erschienen war und den beiden zusah.

„S-nell!“, kreischte JJ völlig aufgelöst und wusste in seiner Angst gar nicht, was er machen sollte. Doch Endre konnte nicht schneller. Er erreichte den Fahrstuhl und JJ drückte hastig auf die Knöpfe, die Leif immer drückte.

„Ja, verpisst euch. Euch vermisst hier keiner“, hörte er Viktor noch lachen, als sich die Türen schlossen. Allmählich verschwammen Endre die Bilder vor den Augen und ihm wurde schlecht. Das war nicht gut. Gar nicht gut. Da nutzte es auch nichts, dass JJ ihn immer wieder rief und sich an ihn klammerte. Er versuchte den Kleinen so gut es ging zu halten. Endlich unten angekommen ließ sich Endre vor dem Fahrstuhl gegen die Wand sinken und rutschte auf dem Bordstein zusammen. JJ stand mit seinen besten Freunden neben ihm und blickte ihn fragend an.

„Warte hier, kleine Maus“, sagte Endre leise. Die Sätze fielen ihm schwer, weil das Denken schmerzte. „Ich rufe jemanden an.“

Er zückte sein Handy und hatte schnell die Nummer seiner Brüder gewählt. Es dauerte auch gar nicht lange, da hörte er schon Gerrits gut gelaunte Stimme. >Na, du alte Pflaume?<

„Gerrit, kann einer mich abholen? In der Tiefgarage“, fragte Endre leise, weil es nicht anders ging und schlagartig verstummte Gerrits Lachen. Er war alarmiert.

>Großer, was ist passiert?<, wollte er wissen, doch Endre winkte ab, was sein Bruder aber nicht sehen konnte.

„Könnt ihr mich holen?“, fragte er erneut und hielt JJ im Arm, der sich ängstlich an ihn drückte. „Entweder bringt ihr einen Kindersitz mit oder ihr kommt beide und einer muss den Passat fahren. Der hat einen Kindersitz“, flüsterte Endre. Er fühlte sich so erbärmlich. Die Schmerzen in seinem Körper waren zu einem steten Summen verschmolzen und im Augenblick hatte er das ungute Gefühl, hier nie wieder aufstehen zu können.

>Du hast den Jungen dabei? Verdammte Scheiße, was ist passiert, Endre?< Gerrit war völlig von der Rolle. Das hörte man an dem Zittern in seiner Stimme.

„Kommt bitte einfach her. Ich erzähle euch dann alles“, sagte Endre zu und legte auf. Er wollte nicht länger diskutieren. Ihm fehlte die Kraft. Außerdem musste er selbst erst einmal verarbeiten, was wirklich passiert war. Er hätte Leif einen Zettel schreiben müssen, damit er wusste, wo JJ war. Sicher machte er sich Sorgen, wenn er heim kam. Er musste mit ihm reden, aber nicht jetzt. Vielleicht in einer Stunde oder zwei, wenn es ihm wieder besser ging. Im Augenblick... wurde alles schwarz vor Augen.

Kurze Zeit später kam Endre wieder zu sich, weil einer der Wachmänner ihn besorgt angestupst hatte. Sie kannten Endre und wussten, wo er hingehörte, genauso wie JJ. Deswegen jagte man ihn nicht weg, sondern bot ihm an, einen Arzt zu rufen. Das Blut in Endres Gesicht war langsam getrocknet und er sah furchtbar aus.

„Nein, danke der Mühe. Meine Brüder holen mich gleich ab. Könnten sie nur dafür sorgen, dass sie einfahren können?“, fragte er. Es kostete Unmengen Kraft und es war das erste Mal, dass Endre darüber nachdachte, wie selbstverständlich er vieles immer genommen hatte und wie schwer es ihm jetzt fiel. Laufen, sprechen, denken, bei Bewusstsein bleiben. Es war schwieriger als erwartet. Vor allem, wenn er zwei oder drei Dinge davon gleichzeitig versuchte.

„Sind sie sicher, dass sie keinen Arzt brauchen?“, fragte der Wachmann, doch diskret wie er war, fragte er nicht, was passiert war. Er wusste nur – nach der Anzahl der Wagen zu urteilen - dass Herr Drieschner nicht zu Hause zu sein schien.

„Danke, aber Michael und Gerrit holen mich gleich. Die heißen auch Bergmann, so wie ich, wenn sie sie bitte...“

„Ja, natürlich.“ Durch sein Funkgerät gab er die Daten der beiden jungen Männer an das Personal in der Einfahrt weiter und erklärte ihnen auch, dass jemand anderes auf Streife durch die Parkdecks gehen müsse, er würde bei einem Verletzten bleiben, bis Hilfe eintraf.

Endre nickte dankend und strich JJ über den Kopf. Er hatte Gustav neben sich gesetzt und Rudi stromerte ein bisschen um die Autos, kam aber immer wieder zurück, wenn er gerufen wurde. Auch er schien die Anspannung zu spüren und gehorchte lieber, was er sonst eigentlich nicht tat.

Immer wieder, wenn Endre drohte das Bewusstsein zu verlieren, hielt der Wachmann – der sich übrigens als Sylvio vorgestellt hatte – ihn wach. „Komm, nicht einschlafen“, murmelte er wieder, denn das hatte er in seinen Ersthelfer-Kursen auch gelernt. Die Person beschäftigen und wach halten, bis der Arzt kam.

Es dauerte noch einmal fünfzehn Minuten, bis endlich der Wagen der Zwillinge vor fuhr, doch ihre Gesichter waren versteinert und sprachen Bände.