Du befindest Dich hier: Geschichten > Geschichten frei bis 16 > Ira > Die Chaos-WG - Teil 1 - 4

Die Chaos-WG - Teil 1 - 4

Prolog
Bens Apartment (16.04. eine Woche vor den Frühlingsferien 14.03 Uhr)

>>Suche männliche Mitbewohner für eine WG.
Einzige Bedingung: 2 Wochen Zeit zur Probe.
Die Bewerber sollten zwischen 17 und 26 Jahren alt sein.
Die Kosten werden übernommen.
Interessenten melden sich bitte unter folgender Nummer: ...<<

Weiter las Ben erst gar nicht, sondern sprang auf und hatte schon die Nummer in sein Handy eingegeben. Ein festes Telefon konnte er sich nicht leisten, reichte sein Geld, das er sich neben der Schule verdiente, gerade so für die Miete seiner kleinen 2-Zimmer Wohnung und für das nötigste Essen.

Der Hinweis über die Kosten kam ihm zwar merkwürdig vor, doch der Kubaner wäre der Letzte, der sich deswegen aufregen würde. Wenn es klappen sollte, musste er nur noch seinen Chef überreden, mit der Schule wäre das überhaupt kein Problem, schließlich würden nächste Woche die Frühlingsferien beginnen.

“Hier bei Michaelis. Womit kann ich Ihnen dienen?“, riss eine freundliche Stimme den beinahe 18-Jährigen aus seinen Gedanken.

“Ich... Ähm“, stotterte Ben vor sich hin und setzte sich zur Beruhigung auf das breite Fensterbrett in seinem Wohnzimmer, in dem er zuvor schon die Anzeige auf der Couch gelesen hatte und blickte nun auf den Central Park hinunter.

“Ich rufe wegen der Anzeige in der Sunset an“, brachte der Schwarzhaarige schließlich heraus und atmete tief ein.

“Ah, natürlich. Wenn Sie mir Ihre Adresse geben, werde ich Ihnen die nötigen Unterlagen schicken“, sprach die Stimme am anderen Ende der Leitung und die Person schien eine Schublade oder so etwas aufzuziehen.

“Ähm... natürlich. Benaja Hunt, Central Park West, 82th Street, Manhattan“, sprach er in das Gerät und beobachtete von der fünften Etage aus, wie der Eisverkäufer, wie jeden Sonntag um diese Uhrzeit, seinen Posten am Westeingang des Parks bezog.

Es dauerte ein paar Minuten bis sich sein Gegenüber wieder meldete.

“Vielen Dank für Ihr Interesse. Ich werde Ihnen alles Nötige zuschicken und wenn Sie dennoch Fragen haben sollten, können Sie gerne noch einmal anrufen. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Sonntag.“ Ben konnte sich gerade noch bedanken und den Gruß erwidern, bevor der Mann aufgelegt hatte.

Was mache ich hier eigentlich? Warum habe ich jetzt auch noch zugesagt? Eigentlich... wollte ich doch meine Ferien genießen? Den ganzen Tag schlafen und keinen dieser Idioten aus der Klasse sehen. Schlafen...

Er seufzte leise auf und schaltete endlich sein Handy aus. Schließlich rutschte der Schüler von seinem Lieblingsplatz runter und ging schweren Herzens in sein kleines Schlafzimmer, um die restlichen Hausaufgaben zu erledigen.

Ben hatte noch nie verstanden, warum man kurz vor den Ferien noch Hausaufgaben aufbekam, wenn man doch die schriftlichen Prüfungen hinter sich und nur noch die mündlichen im Mai vor sich hatte. Dann wäre er endlich mit der High School fertig und müsste nie wieder diese Idioten von Klasse sehen.

Jetzt hatte er nur noch die drei mündlichen Prüfungen vor sich, von der eine Mathe war – das konnte er sogar aus dem FF, und die anderen beiden Spanisch und Biologie. Auch in den beiden Fächern machte Benaja sich keine Sorgen, hatte er in den Klausuren doch immer ein A oder ein B auf dem Blatt stehen.

Also beschäftigte sich Ben für die nächsten zwei Stunden mit mathematischen Formeln und Gleichungen, die allesamt in der Prüfung vorkommen könnten. Seine Mitschüler würden sich jetzt zwar wundern, wenn sie ihn so sehen würden, doch er war nicht, wie sie annahmen, ein Genie, sondern ihm fiel das Lernen einfach leicht.

***

Müde rieb er sich die Augen und schlug dann das Buch zu. Es waren nicht, wie zuerst geplant, zwei Stunden geworden, sondern fünf. Wie immer, wenn Ben am Lernen war, vergaß er vollkommen die Zeit um sich. Doch an sich war es egal, wartete doch niemand mit dem Essen auf ihn oder ein Freund.

Seit zwei Jahren schon wohnte er alleine in der Wohnung und war niemandem Rechenschaft schuldig, wohin er ging oder was er tat. Deswegen stand der 17-Jährige jetzt auch auf, streckte sich kurz und suchte aus seinem Kleiderschrank seine Trainingssachen heraus, um, wie jeden Tag, joggen zu gehen. Dabei konnte er sich immer am Besten entspannen und außerdem wiederholte er so jedes Mal das Gelernte.

Als er auf die Straße trat, atmete er tief durch und machte sich dann laufend auf den Weg zum Central Park, der nur wenige Meter von seiner Wohnung entfernt lag. Auch wenn die Wohnung und der Vermieter nicht so wirklich das Gelbe vom Ei waren, so machten die kurzen Wege zum Central Park, zum Museum über die Weltgeschichte und dem der Modernen Kunst alles wieder wett. Dort hatte der Schwarzhaarige schon viele Wochenenden verbracht und war erst nach Hause gegangen, wenn ihn die Wachmänner freundlich darum gebeten hatten.

Leicht lächelnd und der beruhigenden Musik lauschend, lief er den kiesbestreuten Weg entlang und ließ seinen Blick über die Wiesen gleiten, auf denen es sich Familien mit Kindern zum Picknick bequem gemacht hatten, oder verliebte Paare ein romantisches Essen zu zweit genossen. Hier und dort saßen auch Paare, die sich gegenseitig die Zunge in den Rachen schoben.

Im Prinzip hatte er nichts gegen solche Paare. Aber es machte ihn immer wieder darauf aufmerksam, dass er gerade niemanden hatte, mit dem er im Park picknicken oder dem er notfalls die Zunge ganz tief in den Rachen schieben konnte, wenn ihm wirklich einmal danach war, obwohl es nicht Bens Vorstellung von einem perfekten Kuss entsprach.

Schließlich konnte man niemanden zwingen, das andere Geschlecht zu lieben. Es hieß überall, dass die Menschen ach so gut damit umgehen konnten, doch davon hatte er bis jetzt noch nicht viel mitbekommen. Wieder fiel ihm ein, dass er ja morgen wieder in diese ach so soziale Klasse musste. Nur noch eine Woche und dann sind Ferien, tröstete er sich und seufzte lautlos auf.

Ben wollte lieber nicht wissen und schon gar nicht herausfinden, was sie sich diesmal für ihn ausgedacht hatten. Seit einem knappen Jahr schon hänselten sie ihn, wo sie nur konnten, und er konnte nichts daran ändern. Er war in gewissem Sinne auch selbst Schuld an der ganzen Sache, doch wer hätte wissen können, dass sie sein Tagebuch in die Hände bekommen würden? Dann hätte er es vermutlich nicht hineingeschrieben. Seit diesem Vorfall hatte er es tunlichst vermieden, ein neues anzufangen.

Kapitel 1
Bens Apartment (17.04. sechs Tage vor den Frühlingsferien 06.00 Uhr)

Genervt schlug der Junge mit den kubanischen Wurzeln auf das klingelnde Objekt ein und hörte erst auf, als das anhaltende Geräusch verstummt war. Benaja war versucht, sich einfach wieder umzudrehen und weiter zu schlafen, doch als ihm seine Klasse wieder einfiel, überlegte er es sich doch anders und schlug schließlich die Decke zurück, bevor er aufstand.

Kurz streckte er sich noch einmal und stieg dann in die Dusche. Glücklich nahm er das kalte Wasser in Empfang. Es war das Einzige, was ihn morgens wach machte, nicht einmal Kaffee half da viel. Mit immer noch kleinen Augen tastete Ben nach der Flasche mit dem Duschgel, das so lecker nach Kokosnuss duftete, verteilte es auf seinen Händen und begann sich einzuseifen.

Er hatte lange gebraucht, bis er endlich das richtige Shampoo und Duschgel für sich gefunden hatte. Meistens waren die anderen Düfte zu penetrant oder sie waren schlichtweg zu teuer und auf beides legte er mehr oder weniger freiwillig großen Wert. Benaja hatte sich schon lange keinen Luxus mehr leisten können, musste er doch jeden Dollar doppelt umdrehen, um damit über die Runden zu kommen.

Ob es wohl jemals besser werden würde? Zehn Jahre schon und kein bisschen Unterstützung von ihnen. War das überhaupt erlaubt?

Schnell schüttelte er den Kopf und verteilte geschwind das Shampoo in seinen feuchten Haaren, denn wenn er jetzt wieder darüber nachdenken würde, wäre er nicht rechtzeitig fertig und käme zu spät zur Schule.

Wie jeden Montagmorgen fiel sein Blick auf seine Handgelenke und auf die dünnen, langen Narben, die so erstaunlich genau über seine Pulsadern liefen. So wurde der Schüler jeden Montag daran erinnert, dass er die breiten Lederarmbänder aus dem Wohnzimmer holen musste. Für gewöhnlich schlief er sogar mit diesen Dingern, doch an den Wochenenden zog er sie immer aus.

Warum konnte er es nicht gleich richtig machen? Dann hätte ich das ganze jetzt hinter mir und müsste mir diese Klasse nicht mehr antun.

Leise seufzte er auf, packte seine Brote in die Schultasche, in der sich schon alles befand, was er für den heutigen Tag brauchen würde. Fünf Stunden Mathe bei seinem Lieblingslehrer, Wood.

Nathaniel Wood war Mitte 20 und war jetzt erst an seine Schule gekommen, nachdem er in Queens seine Ausbildung abgeschlossen hatte. Folglich wusste er auch nichts von dem ominösen Tagebuch und behandelte ihn ganz normal. Er war vermutlich auch der einzige Lehrer, der es nicht mitbekommen hatte und Gerüchten prinzipiell keinen Glauben schenkte.

Schnell flitzte Ben in das Wohnzimmer, schnappte sich dort seine Lederarmbänder und zog sie sich an. Dann holte er sich seine Tasche und ging mit ihr hinaus in den Flur, wo er die Taschen seines Ledermantels nach seiner Geldbörse durchsuchte und ihn sich anschließend überstreifte.

Zügig hatte er die Tür abgeschlossen, die Treppe hinter sich gebracht und stand keine fünf Minuten später unten auf der Straße. Von dort aus machte er sich schließlich auf den einstündigen Weg zu seiner Schule. Mit der U-Bahn hätte er wesendlich länger schlafen können, doch konnte er sie sich nicht leisten und musste so jeden Tag laufen.

Die frische Luft brachte ihn immer auf andere Gedanken und dass er heute zusammen mit seinem Mathelehrer in den Unterricht gehen konnte, ließ seine Laune noch einmal ansteigen. Benaja war froh, dass sein Lehrer nichts dagegen sagte, wenn sie gleichzeitig den Raum betraten, war er doch der einzige Lehrer, der das zuließ. Bei allen anderen musste er pünktlich an seinem Platz sitzen und war so dem Spott seiner Mitschüler ausgeliefert.

***

Ben sprang von der Mauer, schulterte seinen Rucksack erneut und folgte seinem Mathelehrer in Richtung Bau.

“Wie war Ihr Wochenende so, Mister Wood?“, fragte er und ließ seinen Blick an dem zweistöckigen, grauen Gebäude hinauf gleiten. Der Schwarzhaarige vergrub seine Hände tief in seinen Hosentaschen und wünschte sich am liebsten nach Hause in sein Bett. Das Schulgebäude sah so unpersönlich und baufällig aus, hatte es doch bestimmt diesen grauen Anstrich, seit es erbaut worden war.

“Sehr erholsam und das, obwohl ich angefangen habe, die mündlichen Prüfungen vorzubereiten. Ich hoffe doch, dass Sie die Prüfung mit Bravour hinter sich bringen.“, erwiderte der 25-Jährige und warf einen kurzen Seitenblick auf seinen Schüler.
“Und wie war Ihres, Hunt?“

Benaja war sich nicht sicher, ob es seinen Lehrer wirklich interessierte, doch beantwortete er brav die ihm gestellte Frage.
“Na ja, so wie immer. Voll gepackt mit mathematischen Formeln und viel Sport. Also nichts Außergewöhnliches.“

Der rothaarige Mann ging vor und hielt seinem Schüler die Tür auf.
“Sie haben es ja bald hinter sich. Diese Woche noch, zwei Wochen Ferien und dann noch bis zum 2 Mai. Am 12 dann sind die mündlichen Prüfungen. Und wenn Sie nicht studieren wollen, sind Sie die Schule für immer los, Hunt“, munterte er den Kleineren auf.

Natürlich wusste er um die Bemühungen seines Lehrers, warum er sich auch artig bei ihm bedankte. Zusammen betraten die beiden das Klassenzimmer im Erdgeschoss. Während der eine sich seinen Weg durch die ganzen Tische zu seinem in der letzten Reihe suchte und über einige gestellte Beine stolperte, ging der andere zu seinem Pult und legte seine Tasche darauf ab, bevor er die Klasse begrüßte.

“Ich hoffe, Sie hatten alle ein erholsames Wochenende und haben alle schon einmal damit begonnen den Stoff für die mündliche Prüfung zu sammeln. Schließlich will ich viele gute Noten in den mündlichen Prüfungen im Mai vergeben können“, sprach Mr. Wood, während er seine Unterlagen auf seinem Tisch verteilte und gleichzeitig überlegte, ob man eine sowieso eher miserable Klasse durch solche Ironie noch demotivieren konnte.

***

Geschwind packte Ben die Sachen in seinen Rucksack und war noch vor den Anderen aus dem Zimmer. Gerade hörte er noch, wie sein Mathelehrer den in Benajas Augen meist gefürchteten Schüler zu sich rief.

Cole Rush, ein 19-Jähriger, verwöhnter Bengel und Obermacho der Schule, hatte es sich wohl zur Lebensaufgabe gemacht, Benaja das Leben oder zumindest das letzte Schuljahr so schwer wie möglich zu machen. Zwar hatte er nicht das Tagebuch gefunden, das hatte sein bester Freund Daniel, aber seine Reaktion darauf war die Schlimmste. Er war auch dafür verantwortlich gewesen, dass es einen Tag später die ganze Schule gewusst hatte, was als Chefredakteur der Schülerzeitung nicht gerade die Mission Impossible gewesen war.

Besagter Artikel war auch der Grund gewesen, warum sich die Freunde, die Ben bis zu diesem Zeitpunkt gehabt hatte, von ihm abgewandt hatten und ihn nun mit Nichtbeachtung bestraften. Die Schmerzen und alle körperlichen Qualen, die vor allem von Cole ausgingen, hatte er irgendwann ohne eine Gefühlsregung weggesteckt, war dagegen immun geworden, doch noch immer schmerzte die Nichtbeachtung zu sehr.

Irgendjemand hatte mal gesagt, dass jeder Mensch es wert war zu leben, doch seine Mitschüler kannten den Satz wohl nicht, denn in ihren Augen war er nur noch überflüssig, nicht mehr wert als eine Krankheit. Nur noch eine Woche. Nur noch eine Woche, hatte er sich heute in den Stunden schon wieder mehrmals trösten müssen, als Mr. Wood ihn an die Tafel gerufen hatte, damit er eine Aufgaben lösen konnte und Daniel ihn einfach zur Seite geschupst und die Aufgabe selbst gelöst hatte. Eigentlich wunderte sich Ben, dass er dafür sein Gehirn ausgepresst hatte, denn sonst glänzte Daniel im Matheunterricht eher mit kreativen Ausreden als richtigen Hausaufgaben. Aber was tat man wohl nicht alles, um ihm auch die letzten Rückzugsgebiete zu nehmen und schließlich war Abschreiben zwar nervenaufreibend aber effektiv, wenn man nur das Ergebnis betrachtete.

Benaja hatte seinem Mathelehrer ganz genau angesehen, dass ihm etwas auf der Zunge lag, doch dieser hatte geschwiegen und ihm in einem unbeobachteten Augenblick ein aufmunterndes Lächeln geschenkt. Zwar schien er etwas zu vermuten, doch fragte er nicht danach.

Deswegen war er froh, dass sein Lehrer diesen Macho und damit auch dessen beiden besten Freunde aufhielt und er so unbehelligt von allen anderen den Schulhof verlassen und zwei Querstraßen weiter in den Menschenmassen verschwinden konnte. Die anderen quälten ihn ja nicht, das waren nur Rush und seine Freunde, dafür ignorierte der Rest ihn einfach, so als würde er gar nicht mehr existieren und als hätte er es auch nie.

Seufzend vergrub der Kubaner seine Hände in den Taschen seines langen Ledermantels und schlurfte mit hängenden Schultern nach Hause. Er war sich bewusst, dass dies noch der humanste Tag der Woche war und dass noch eine ganze Menge mehr auf ihn zu kommen würde. Aber er hatte das Jahr schon überstanden, dann würde er diese Tage locker schaffen und später würde er seine Exmitschüler bestenfalls noch auf der Straße oder in einem Geschäft sehen und da sie ihn ja eh behandelten, als würden sie ihn nicht kennen, musst Ben ja dann auch nicht mit ihnen reden.

Gut gelaunt kam er schneller zu Hause an als gedacht und beinahe hüpfte der Schüler die Treppen hinauf, so gut fühlte er sich durch seine innere Stimme, die noch immer versuchte, ihn aufzubauen. Das war der erste Tag nach einem Jahr, an dem er sich wieder so einigermaßen gut fühlte. Doch dieses Gefühl hörte schlagartig wieder auf, als er seine Haustür aufschloss und ihm die Stille, zu einer Wand verdichtet, entgegenschlug. So richtig hatte er sich nach all den Jahren noch immer nicht daran gewöhnt, dass er alleine lebte.

Mit düsterer Miene ließ der 17-Jährige die Tür ins Schloss fallen, war ihm in dem Moment herzlich egal, ob sich sein Vermieter wieder aufregen würde oder nicht, ließ alles an Ort und Stelle fallen und verschwand so schnell wie möglich im Schlafzimmer. Dort presste er das schwarze, kleine Kissen ganz fest an sich und rollte sich auf seinem Bett so klein, wie es ihm möglich war, zusammen.

Solche Phasen hatte er öfter und immer wünschte er sich jemanden, der ihn einfach mal in den Arm nahm und ihn tröstete. Doch dieses Wünschen und Hoffen war vergebens. Seine Eltern waren tot und seine Verwandten hatten sich von ihm abgewandt, Freunde hatte er ja, dank Rush, nicht mehr und eine Freundin besaß er auch nicht. Eine Freundin wäre wahrscheinlich auch die letzte Person, die ihm hätte helfen können. Obwohl, so fügte Ben selbstironisch an, wahrscheinlich würde eine Freundin Coles’ Artikel entkräften. Bloß, ob das noch viel hilft?

Durch das plötzliche Hämmern an seiner Tür zuckte der Schwarzhaarige zusammen und hob ängstlich den Kopf ein bisschen. Er konnte von seinem Schlafzimmer quer über den Flur auf die Wohnungstür sehen, die jetzt unter heftigen Schlägen erzitterte. “Ich habe Ihnen schon tausendmal gesagt, dass Sie die Tür nicht zuschlagen sollen. Wenn Sie es noch mal machen, können Sie sich eine neue Wohnung suchen.“

Erleichtert atmete er auf, als die meckernde Stimme seines Vermieters und das Zittern der Tür gleichzeitig erstarben und alles wieder ruhig war. Wie auf einem Friedhof, ging es Benaja durch den Kopf, als er sich die Decke über den Körper zog und die Augen schloss. Nur nichts mehr sehen und nichts mehr spüren.

Oft hatte er sich in solchen Situationen schon gewünscht, dass der andere vor knapp einem Jahr es doch durchgezogen hätte. Noch immer konnte er sich daran erinnern, wie es sich angefühlt hatte, als die Klinge in seine Haut eingedrungen war. Plötzlich erfüllte ihn eine Kälte von innen, die nicht mal eine Tasse heißen Tee vertreiben konnte, die er keine fünf Minuten später in der Hand hielt.

Lustlos ließ er sich auf die braune Couch in seinem Wohnzimmer fallen, nippte ab und an völlig abwesend an seinem Getränk und starte auf die Uhr, wie der Zeiger langsam weiter rückte, einen Zipfel des kleinen, schwarzen Kissens zwischen den Fingern drehend.

Der Beginn seiner Arbeitszeit rückte allmählich in greifbare Nähe und bewegte Ben endlich dazu, aufzustehen und damit aufzuhören, seine Uhr zu hypnotisieren. Neben der Schule verdiente er sich sein Geld als Kellner in einer der beliebtesten Discos um den Central Park.

Zwar war es nicht viel, was er verdiente, das Grundgehalt reichte gerade so für die alltäglichen Ausgaben des Lebens, doch ab und an bekam er etwas Trinkgeld von den Stammkunden zugesteckt, was er sich für schlechtere Zeiten in einem leeren Marmeladenglas ganz hinten in seinem Schrank aufbewahrte. Seufzend stand Ben auf, brachte seine Tasse in die Küche und begab sich dann in sein Schlafzimmer, um seine Arbeitsklamotten herauszusuchen.

Wie gut, dass er und seine Kollegen nur eine einfache schwarze Jeans und ein weißes Hemd tragen mussten. Von seinem Geld hätte er sich unmöglich auch noch Arbeitskleidung kaufen können. Schnell zog der Jugendliche sich um und ging dann in sein Bad, um seine widerspenstigen schwarzen Haare wenigstens ein bisschen mit Gel in Form zu bringen. Wie immer gelang ihm das nur mit mäßigem Erfolg, aber schließlich gab er sich damit zufrieden und trat hinaus auf den Flur.

Mit einem Blick auf die Uhr vergewisserte er sich, dass er genau in der Zeit lag, und zog sich wieder den Mantel an. Im März war es schlagartig kalt, wenn die Sonne unter ging. Mit besseren Gedanken als noch am Nachmittag griff er um 18.00 Uhr seinen Schlüssel und schloss hinter sich die Tür ab. Pfeifend brachte er das Treppenhaus hinter sich, hielt Miss Smith, die gerade mit Tüten beladen das Haus erreichte, noch die Tür auf und machte sich auf den Weg.

Schnell lief Ben an der Parkseite entlang, bis er zum Westeingang gelangte. Dort blieb er stehen und warf noch einen Blick zurück auf das Hochhaus, ließ seinen Blick an der unscheinbar gelben Tür an der 81. Straße entlang gleiten und schlug dann den kiesbestreuten Weg quer durch den Park ein.

Oft hatte er sich schon gefragt, was sich wohl hinter dieser gelben Tür verbergen mochte, doch es war kein Schild angebracht, das ihm irgendwie weiterhelfen konnte. Auf der Tür stand lediglich in verschnörkelten, schon leicht verblassten Buchstaben ’Inners’ geschrieben, doch konnte er mit dem Namen nichts anfangen und danach fragen konnte er auch niemanden.

Genauso oft hatte er schon mit dem Gedanken gespielt, einfach nachzusehen, was diese Tür versteckte, doch schon früher wollte ER nicht hinein und nun brachte der Schwarzhaarige nicht mehr den nötigen Mut auf, es selber herauszufinden. Schon wieder dachte er an IHN, dabei hatte er sich doch fest vorgenommen, nach der Sache vor zwölf Monaten, keinen Gedanken mehr an IHN zu verschwenden.

Wieder verfluchte er die Tatsache, dass er IHN vor zwei Jahren kennen gelernt und erst später gemerkt hatte, wie ER wirklich war. Da war es aber schon zu spät, da hatte er sich unmöglich von IHM lösen können. Schnell schüttelte Ben den Kopf, um die Erinnerungen zu vertreiben und beschleunigte seine Schritte, als er ein Pärchen knutschen sah.

Warum zum Teufel sah ausgerechnet immer er schwule Pärchen beim Knutschen! Nicht, dass er was gegen Schwule hatte, schließlich war er es doch selber, aber dass ihn das immer an seinen Ex erinnern musste, machte ihm schon zu schaffen. Deswegen war er auch froh, als er Erik auf halben Weg begegnete, einem seiner Arbeitskollegen. Dieser lenkte Benaja ein wenig von seinen trüben Gedanken ab, als er ihn über sein Wochenende ausquetschte und ihm erzählte, was sein kleines Töchterchen gemacht hatte.

Erik war bereits 30 und hatte eine Frau und eine zwölf Monate alte Tochter, die sein ganzer Stolz war. Benaja mochte Erik gerne. Er hatte immer etwas Lustiges zu erzählen und munterte ihn alleine mit einem Satz oder Wort wieder auf. Zwar konnte sein braunhaariger Arbeitskollege sich die Fahrt mit der U-Bahn leisten, außerdem besaß er sogar ein Auto, doch der lief lieber und genoss die Natur.

So unterhielten die beiden sich auf dem restlichen Weg über alles Mögliche, den Großteil der Zeit über die kleine Anna, aber auch darüber, wie es bei Ben in der Schule so lief. Natürlich hatte der Ältere dem anderen schon einige Vorschläge gemacht, was dieser nach dem Abschluss werden könnte, doch gefielen sie dem Schwarzhaarigen nicht wirklich.

Schreibtischjobs mochte er nicht, viel lieber arbeitete er mit anderen Menschen, außerdem hasste er diese Arbeitszeiten, die den ganzen Tag in Beschlag nahmen. Deswegen hatte er auch das Kellern im “70s Up“ übernommen, dort arbeitete er nachts und konnte so die Nachmittage genießen.

***

Geschmeidig beugte er sich über den schwarzen Marmortresen, als er die Bar erreicht hatte, und gab dem Barkeeper die Bestellung auf. Alles Hochprozentiges, doch solange die Gäste auch bezahlten, war ihm das egal. Geschwind angelte der Schwarzhaarige sich einen der weißen Blöcke und einen Stift, die neben den sauberen Gläsern lagen und notierte Tischnummer, Bestellung und Preis.

Benaja kannte die Gäste inzwischen gut genug, dass er wusste, dass es meistens nicht nur bei einer Runde bleiben würde und die beiden waren eh Stammgäste und er hatte schon öfters mit ihnen zu tun gehabt. Die beiden gehörten auch zu den Leuten, die sich sehr spendabel mit dem Trinkgeld zeigten. Nervös trommelte er mit seinen schlanken Fingern auf der polierten Theke herum und warf einen raschen Blick auf den Tisch, doch alle, bis auf eine Blonde mit falschen Fingernägeln, waren auf der Tanzfläche verschwunden.

Dankend nahm der Schüler inzwischen das volle Tablett entgegen und schlängelte sich durch den Strom, ohne einen der sechs Drinks zu verschütten. Inzwischen hatte er schon so viel Routine, dass alles glatt lief. Kurz darauf stellte er die Gläser auf den Tisch, schenkte der Blondine noch kurz ein Lächeln, die sich bei ihm bedankte, und war dann schon auf dem Weg zum nächsten Tisch, der gerade von ein paar Männern belagert wurde, die wohl von einer der oberen Tanzflächen heruntergekommen waren.

“Was kann ich Ihnen bringen?“, spulte der Jugendliche höflich den immer gleichen Text ab, er würde das doch heute sicher noch dreihundert weitere Male fragen, und wartete auf die Bestellung. Seine Verblüffung, als sie allesamt Cola mit Eiswürfeln bestellten, gut versteckend, bat er um einen Augenblick Geduld und machte sich sofort auf den Wag zur Bar, um die Bestellung bei Erik aufzugeben, der sich langsam wieder an den Stress und die Hektik gewöhnte.

So und so ähnlich verlief der ganze Abend, bis es schließlich kurz vor Mitternacht war und somit seine Schicht endete. Der Schüler machte es nichts aus, so spät ins Bett zu kommen. Es war egal, ob er seine acht Stunden Schlaf oder nur fünf bekam, der einzig helfende Wachmacher war ohnehin nur die kalte Dusche. Schnell brachte er noch seine letzte Bestellung an den richtigen Tisch, irgendwelche Spezialdrinks, mit denen er sich so oder so nichts auskannte, und trat dann seine Schicht an Zack ab, der jetzt bis morgens um vier arbeiten musste.

Es machte ihm nichts aus, eine Stunde länger als die anderen zu arbeiten, die ihre Schicht vor und nach ihm hatten, so saß er wenigstens eine Stunde weniger in der leeren Wohnung. Schnell verabschiedete er sich von Erik, der noch eine Stunde länger zu arbeiten hatte, legte die letzten Einnahmen in die Kasse und verließ dann das Haus.

Draußen füllte Benaja seine Lungen mit frischer Luft, der Zigarettengestank war ihm wirklich zuwider, verabschiedete sich schnell von den Securities und schlug den Weg durch den Park ein. Es war doch kälter als angenommen, weswegen er den Kragen seines Mantels hochschlug und ihn zuknöpfte. Er war zufrieden, 350 Dollar Trinkgeld am Abend war einer der besonders hoch dotierten Tage. Diese Typen warfen nur so mit dem Geld um sich, aber das konnte dem Schwarzhaarigen nur recht sein.

So war wenigstens seine Miete für den nächsten Monat mehr als gesichert, er konnte sich genügend zu essen kaufen und etwas davon wanderte auch noch in sein Marmeladenglas. Und das alles nach fünf Stunden Arbeit. Gut gelaunt schlenderte er nach Hause und verschwendete keinen Gedanken an seine Mitschüler, die ihn morgen wieder ärgern würden, weil sie die ersten Stunden bei seinem mürrischen Biologielehrer, bei dem er immer pünktlich am Platz sitzen musste, hatten und die Lästermäuler damit reichlich Gelegenheiten haben würden.

***

Gähnend und sich die Augen reibend schlurfte er hinüber in sein Schlafzimmer. Kurz warf der Kubaner noch einen Blick aus seinem Fenster auf den weißen Mond, der bald wieder in all seiner Pracht am Himmel stehen würde, und kroch schließlich in sein wartendes Bett. Den Rollladen hatte er noch nie geschlossen, es beruhigte ihn, wenn er den Mond und die Sterne von seinem Fenster aus sehen konnte und in den Häuserschluchten New Yorks schien einem morgens so gut wie nie die Sonne in die Augen.

Widerstrebend stellte er noch das blaue Ungetüm, das auf dem Nachttisch lauernd wartete und wickelte sich dann in die Decke ein, die wenigstens etwas Schutz und Geborgenheit versprach. Eine Weile blickte er noch aus dem Fenster, bis er schließlich die Augen schloss und einschlief.


Kapitel 2
Ben’s Apartment (21.04. Beginn der Frühlingsferien 17.23 Uhr)

Mit hängendem Kopf stand Benaja nun vor dem Hochhaus und blickte auf seine aufgeschürften Hände. Die hatte er Rush und seinen Freunden zu verdanken, die am Donnerstagmorgen nichts Besseres zu tun gehabt hatten, als den Weg über den Schulhof zu einem absoluten Spießrutenlauf auszubauen, der nach etlichen rabiaten Schulterstößen das Highlight auf dem groben Asphalt hatte. Natürlich hatte der Schwarzhaarige versucht sich abzufangen und sich die Hände aufgeschürft. Immerhin nicht das halbe Gesicht.

Mit zusammengebissenen Zähnen dachte er daran, wie weh die Gewalt in Kombination mit Ignoranz gestern getan hatte, und da hatte er nur sieben Stunden vor sich. Heute war es am schlimmsten gewesen, weil er zehn Stunden durchgängig schreiben musste. Die “Spezialisten“, so nannte er die drei für sich, das waren sie über das Schuljahr wirklich geworden, hatten noch einmal alle ihnen zu Verfügung stehen Register gezogen und die letzten Tage wirklich versüßt, um ihm einen Vorrat über die Ferien mitzugeben, falls er mal Sehnsucht nach Schikane verspüren sollte.

Müde suchte er seinen Hausschlüssel aus den Weiten seines Rucksackes, der Ledermantel hütete heute ausnahmsweise mal die Wohnung, da der Wetterbericht überraschenderweise 20 Grad versprochen und sie auch gehalten hatte. Dumpf drangen die Schmerzen durch seine verbundenen Hände in sein Bewusstsein und ließen ihn kurz innehalten, bevor er weiter suchte.

Seit Dienstag hatte er jeden Tag einen Blick in seinen Briefkasten geworfen, doch nie war der versprochene Brief drinnen gewesen. Genauer gesagt war nie ein Brief im Briefkasten, wer hätte ihm auch schon schreiben sollen?

Langsam glaubte er, dass die Sache mit der Anzeige nur ein Scherz gewesen war und stellte sich darauf ein, dass er die zwei Wochen in seiner öden Wohnung alleine verbringen musste.

Quietschend ließ sich die Tür des Briefkastens öffnen und im ersten Moment glaubte der Schüler schon, dass er den falschen Briefkasten erwischte hatte, weshalb er kurzerhand die Tür wieder schloss, aber der Namenszug verwandelte sich nicht plötzlich in einem kichernden Schmetterling, was auch äußerst verwunderlich war, weil sein Schlüssel ja nur in ein Schloss passte.

Vorsichtig öffnete er die Tür wieder und nahm einen großen, braunen Umschlag in die Hand. Unschlüssig drehte und wendete er das Etwas, doch außer seiner Adresse stand nichts darauf. Also zuckte Ben mit den Schultern und machte sich auf den Weg hinauf zu seiner Wohnung.

Erschöpfte ließ sich der baldige Exschüler auf seine braune Sitzgelegenheit fallen, nachdem er, entgegen der pedantischen Ordnung im Rest der Wohnung, seinen Rucksack und seine Schuhe einfach im Flur hatte liegen lassen. Die einzige Frage, die jetzt schon seit geschlagenen zehn Minuten in seinem Kopf herumsurrte, war:
Wer hatte ihm diesen Brief geschickt?

Zwischendurch lauschte er den leisen Klängen aus dem Schlafzimmer. Seit zwölf Monaten konnte er endlich wieder klassische Musik hören. IHM hatte es nicht gefallen. Im Nachhinein konnte der Schwarzhaarige immer noch nicht fassen, was er an IHM gefunden hatte.

Schnell schüttelte er den Kopf wie ein Hund, der Gedanken wie lästige Fliegen verscheuchte, ließ sich geschmeidig von der Fensterbank gleiten und brachte den geleerten Teller von seinem Mittagessen, das er sich warmgemacht hatte, in die Küche, wo er ihn schnell von Hand aufwusch und dann im Schlafzimmer verschwand, um die Anlage auszuschalten. Er hatte vor, in den Park zu gehen und die verpasste Sonne und Natur vom Nachmittag nachzuholen. Den Brief konnte er auch später noch lesen.

***

Ben lief leicht lächelnd den Gehweg entlang und bog den weißen Weg in den Park und seinen Ort der Zuflucht ein. Immer wenn ihn etwas zu stark bedrückte, zog er sich hierher zurück und er beobachtete die anderen Menschen oder starrte in Gedanken versunken auf den großen, weißen Springbrunnen.

Gut versteckt von ein paar Trauerweiden befand sich eine Art Lichtung, auf die sich nur sehr selten jemand verirrte. Nachts hatte man einen atemberaubenden Blick auf den Sternenhimmel, der trotz der vielen Lichter in New York gut erkennbar war. Seufzend ließ er sich auf der Wiese unweit des Brunnens sinken und blickte verträumt auf ihn.

Hoch war er, bestimmt zwei Meter, wobei die ersten Zentimeter der viereckige Sockel darstellte, auf dem eine Gestalt stand. Ganz aus weißem Marmor war der Brunnen gefertigt worden und es schien, als sei er aus einem Stück. Dort oben stand mit leicht wehendem Haar ein Engel, seine Flügel weit gespreizt, als wollte er jeden Augenblick abheben, mit einem sanften Lächeln auf den Lippen, so als wüsste er alles, was hier geschah.

Ben ließ sich nach hinten fallen und schloss die Augen, weil ihm das Sonnenlicht genau in das Gesicht fiel. Wie oft er schon hier gewesen war, konnte er gar nicht mehr richtig sagen. Irgendwann hatte er aufgehört mit Zählen und schließlich war er niemandem Rechenschaft schuldig, wohin er ging. Das war er seltsamerweise nicht einmal IHM gewesen, sie hatten sich doch immer nur in SEINER Wohnung getroffen. Warum, verstand der Schwarzhaarige nicht.

Jetzt dachte er schon wieder an IHN. Konnte ER ihn nicht endlich einmal in Ruhe lassen? Er war es leid, ständig an die Vergangenheit erinnert zu werden. Benaja lebte hier und jetzt! Langsam, aber mit viel Erfolg, verdrängte er sämtliche Gedanken und schaffte es wenig später, in einen leichten Dämmerschlaf zu gleiten.

Es war egal, ob er hier einschlief, heute musste er ohnehin nicht arbeiten. Er grinste mit geschlossenen Augen, als er daran dachte, wie skeptisch er den Brief betrachtet hatte und dann war das Erste, was er getan hatte, seinen Chef um zwei Wochen Urlaub zu bitten. Inzwischen hatte er, dank der spendablen Gäste der letzten zwei Tage, genügend Geld in seinem Marmeladenglas, so dass die zwei Wochen Ferien nichts anrichten konnten.

***

Abrupt riss Benaja die grünen Augen auf, als er etwas Nasses in seinem Gesicht spürte. Regen konnte es keiner sein, sonst wäre freilich sein ganzer Körper nass und seine Kleidung würde wie eine zweite Haut an ihm kleben. Außerdem hatte der Wetterbericht keinen Regen vorausgesagt. Und meistens trafen die Vorhersagen auch zu, es sei denn, er hätte die Voraussage für muffig riechende, nasse Waschlappen, die vom Himmel fielen, enthalten. Dann hätte er auch heute Recht behalten.

Müde rieb er sich mit der rechten Hand über die Augen und spürte dann erneut etwas Nasses, Raues an der linken Wange. Langsam rappelte er sich auf und blickte mit Erstaunen auf einen kleinen Hund, der mit schräg gelegtem Kopf zu ihm aufsah.

„Na, zu wem gehörst du denn?“, fragte der junge Mann sanft, während er vorsichtig seine linke Hand hob und den Hund daran schnuppern ließ.

Er mochte Hunde schon immer gerne und schloss schnell Freundschaft mit ihnen. Früher hatten seine Eltern ihm einen Eigenen verwehrt und in letzter Zeit hatte er nicht die Nerven dafür. Vielleicht nach den Prüfungen. Dann habe ich ja genügend Zeit, dachte er leicht lächelnd, als der schwarze Hund sanft mit seiner nassen Nase an seinen Handrücken stupste und um Zärtlichkeiten bettelte.

Wie in Zeitlupe, immer noch darauf bedacht, den Welpen nicht zu verschrecken, hob er die Hand noch ein Stück und kraulte ihn hinter den Ohren. Aus halb geschlossenen, braunen Augen blickte das Tier noch immer zu dem Menschen hoch und legte sich schließlich ins Gras.

Lächelnd beobachtete Ben ihn, wie er sich auf den Bauch drehte, um noch mehr Streicheleinheiten abzustauben.

Ich sollte mir wirklich einen Hund kaufen. Darauf bedacht, den Hund bloß nicht durch ein unvorsichtiges Geräusch zu verscheuchen, legte sich der Schwarzhaarige wieder zurück ins Gras und drehte sich auf die Seite, ohne das Kraulen abzubrechen.

Eine Weile beobachtete der Dunkelhaarige den kleinen Hund noch, bevor er sich wieder auf den Rücken legte und die Augen schloss. Wenig später spürte er etwas Schweres auf seiner Brust und als der Schwarzhaarige die Augen zu Schlitzen öffnete, blickte er auf den kleinen Hund, der es sich auf seiner Brust bequem gemacht hatte und die Sonne auf seinem Fell zu genießen schien.

Lächelnd legte er eine Hand auf das weiche Fell und schloss die Augen endgültig. So konnte er sich wenigstens eine heile Welt zusammenträumen. Nach ein paar Minuten fing er leise an, die Mondscheinsonate zu summen. Seine Mutter hatte es früher immer gespielt, wenn Ben sich nicht so gut gefühlt hatte. Das war jetzt auch schon wieder zehn Jahre her.

***

Ben bekam gar nicht mit, wie eine weitere Person auf die Lichtung trat und überrascht bei dem Schlafenden stehen blieb. Na, sieh an. Was haben wir denn hier?, fragte der Blonde sich leise und beobachtete die beiden noch einen Moment. Jetzt wohnte Cole schon seit 19 Jahren hier in der Gegend, aber den Schwarzhaarigen vor sich hatte er bis jetzt immer nur in der Schule getroffen.

Inzwischen wusste er schon gar nicht mehr, warum er den Kleineren so fertig gemacht hatte. Er hatte nur noch eine sehr verschwommene Ahnung eines Gefühls, das damals den Ausschlag gegeben hatte. Aber er konnte jetzt nicht mehr anders, denn wenn er sich plötzlich anders verhielt, wäre das wohl nicht gerade förderlich für seinen Ruf. Am Ende färbten die Gerüchte, die er selbst verbreitet hatte, auf ihn ab und dabei war Cole doch so froh, dass seine beiden besten Freunde nichts von seiner Neigung und der seines großen Bruders wussten.

Vielleicht sollte er bei Gelegenheit versuchen, die Angelegenheit wieder gerade zu biegen, auch wenn er nicht wusste, was das jetzt noch bringen sollte. Aber immerhin würde der Blonde damit guten Willen zeigen und die Anflüge seines schlechten Gewissens im Keim ersticken. Leise trat er neben den Liegenden und stutzte über die vertraute Geste, mit welcher der schwarze Hund es sich auf dem Jungen gemütlich gemacht hatte. Erleichtert atmete er auf und rieb sich den Nacken, sein großer Bruder hätte ihm den Kopf abgerissen, wenn er den Welpen verloren hätte.

Leise, um den anderen nicht all zu sehr zu stören, ließ Cole sich in das Gras fallen und streichelte den Hund hinter den Ohren.
„Du dummer, kleiner Hund, da gibt man dir den kleinen Finger und du Kaust mir den Arm ab“, flüsterte er sanft zu dem Tier und ein Lächeln schlich sich auf seine Lippen, als der Hund den Kopf hob und ihn aus seinen braunen Augen freudig ansah. Die Mondscheinsonate, ging es dem Blonden durch den Kopf. Das passt zu ihm. Träumer.

Der Grünäugige hatte die Anwesenheit des anderen schon längst registriert, hatte sich davon aber nicht stören lassen und weiter gesummt. Leicht zuckte er zusammen, als er die sanfte Stimme neben sich hörte. Werd bloß nicht paranoid, Ben! Was sollte Rush schon hier machen und außerdem wären dann seine beiden Freunde auch da.

“Ist das dein Hund?“, fragte er überflüssigerweise, weil er nicht wusste, was er sonst fragen sollte. Er ließ die Augen auch weiterhin geschlossen. Schon weil die Sonne blendete.

“Ja, das ist Bobby, ein Labrador. Er ist aber noch ziemlich klein, hinterhältig und überhaupt nicht folgsam. Na ja, eigentlich gehört er nicht mir, sondern meinem Bruder. Aber da er heute keine Zeit hatte, hab ich mich erbarmt“, erfuhr er von dem jungen Mann neben sich, dessen Name er noch nicht einmal kannte. Aber Ben machte das nichts aus, fühlte er sich ein kleines bisschen geborgen in der Anwesenheit des anderen. Das konnte nicht Rush sein, der würde anders reden.

“Er ist nicht hinterhältig“, hörte sich der 17-Jährige selbst sagen und grinste, als Bobby sich erhob, auf seiner Brust im Kreis lief und es sich dann wieder bequem machte.
“Ich glaube, er verwechselt mich mit seinem Hundekorb.“ Ein kurzes Kichern perlte von seinen Lippen, bevor er neugierig fragte: “Wohnst du hier in der Gegend? Ich sehe Bobby nämlich zum ersten Mal.“

Ben war ja fast jeden Tag im Park, es sei denn, er musste arbeiten und bisher hatte er den süßen Welpen wirklich noch nie gesehen. Aber der Park war ja auch so groß, da konnte man gar nicht jedem begegnen, fiel dem Kellner dann wieder ein. Ich glaub, in den nächsten zwei Wochen werde ich nur noch hier sein.

Der Blonde grinste leicht über die gestellte Frage. Offenbar hatte der Kleinere immer noch nicht gemerkt, dass er es war. Wahrscheinlich würde er sonst auch gleich aufspringen und flüchten. Was dann meine eigene Schuld ist. Ich hab es ja schließlich in der Schülerzeitung breit getreten. Eigentlich kann ich froh sein, dass niemand auf die Idee kommt, das bei mir abzuziehen.

Sein Blick auf die verbundene Hand, die ebenfalls auf dem schwarzen Fell ruhte. Das ist mein Werk, pure Machtdemonstration und niederste Egopflege, ging es ihm durch den Kopf, den er dann betrübt hängen ließ. Überrascht hob Cole den Kopf wieder und staunte, als sein Klassenkamerad grinste. Angesteckt musste er ebenfalls lachen, als er sah, was das kleine Tier dort tat. Als er das fröhliche Lachen hörte und auf die verführerischen Lippen sehen konnte, schluckte er mühsam. Verdammt, reiß dich zusammen, Rush. Tu nichts Unüberlegtes.

Schnell besann er sich auf die andere Frage, die Ben noch gestellt hatte und beantwortete sie wahrheitsgemäß.
“Ja. Kennst du das “70s Up“? Dort in der Nähe wohnen mein Bruder und ich. Unsere Eltern sind schon gestorben und er hat versucht, mich wenigstens etwas zu erziehen. Es hat wohl nicht so wirklich geklappt. Tut mir leid.“ Die Entschuldigung war ihm leichter über die Lippen gekommen, als er erwartet hatte. Nun ja, wenn er sich vorher bewusst machte, wie er ihn schikaniert hatte, war es nicht mehr schwierig, Mitleid zu haben. Aber dieses popelige: „Tut mir leid“, hallte höhnisch in seinem Kopf wieder, es klang so abgedroschen, dass er sich ernsthaft wundern musste, wenn Ben ihm das nicht postwendend um die Ohren hauen würde. Erneut ließ der Blonde den Kopf hängen. Gleich würde der andere erkennen, mit wem er hier saß und verschwinden.

“Klar kenn ich das “70s Up“. Dort arbeite ich abends. Irgendwie muss man sich ja den Lebensunterhalt verdienen. Du hast wenigstens noch einen Bruder. Ich hab zwar auch noch einen großen Bruder, aber den hab ich seit Jahren nicht mehr gesehen und meine Eltern sind bei einem Unfall ums Leben gekommen. Na ja, kann ich wohl nicht ändern. Ist eh schon zehn Jahre her, daran gewöhnt man sich“, erklärte Ben. Er war über sich selbst verwundert. Normalerweise erzählte er keinem Fremden sein halbes Leben. Plötzlich musste er stutzen, als sein Kopf den letzten Satz richtig verarbeitet hatte.
“Warum entschuldigst du dich dafür? In den fünf Minuten, die ich dich gerade kenne, hab ich von schlechter Erziehung wenig mitbekommen.“

Cole hatte das Gefühl, plötzlich Kies zwischen den Zähnen und Sand im Kopf zu haben. Das gab es nicht. Niemand durfte so unschuldig und so unverschämt naiv sein. Das war zum Heulen. Wer wusste, welche bleibenden Schäden seine Ego schützenden Schikanen bei diesem Schäfchen anrichteten, das zu allem Übel mindestens genauso allein war wie er selbst. Jetzt erkannte der Blonde, dass er eigentlich, im Vergleich zu Ben, der niemanden hatte, kein bisschen allein war.

Nun öffnete Ben die Augen und drehte den Kopf, doch im nächsten Moment wünschte er sich, er hätte es gelassen. Fast ängstlich blickte der Größere Ben an und konnte in seinen grünen Augen die Erkenntnis lesen. Sie sehen aus wie Malachite. Schnell schüttelte Cole den Kopf, um den Gedanken wieder loszuwerden.

Dort saß leibhaftig Cole Rush. Der Cole Rush, der jede Gelegenheit genutzt hatte, ihn fertig zu machen. Vorzugsweise, wenn die ganze Klasse anwesend war, notfalls tat es auch die halbe, das war immer noch genug Publikum für den Beschützer der Hetero und ausführendes Organ der Inquisition gegen widernatürliches Paarungsverhalten von Großstädtern. Der Cole Rush, der den Zeitungsartikel veröffentlicht und dafür gesorgt hatte, dass sich selbst die mühsam erkämpften Freunde mit verzogenem Gesicht von ihm abwandten, um sich ja nicht mit dem Gerücht anzustecken.

“Was willst du hier? Kommst du, um mir auch den Nachmittag zu verschönern? Kommt, machen wir alle Ben Hunt nieder. Er ist ja eine verdammte Schwuchtel und die haben es ja nicht anders verdient“, fauchte er verbittert und spürte sofort, wie seine Augen zu brennen begannen. Nein, bitte nicht auch das noch. Das wäre das Gesprächsthema Nummer eins nach den Ferien.

Trotz des gerechtfertigten Vorwurfs betrachte Cole bestürzt den aufgebrachten Dunkelhaarigen. Irgendetwas in ihm zog sich bei den Worten des Jüngeren zusammen und er bekam ein flaues Gefühl im Magen. Besorgt registrierte er die aufkommenden Tränen in den Augen des Anderen, die auf einmal eher dunkelgrün aussahen, als hellgrün, in denen sie sonst immer funkelten.

Nur am Rande bemerkte er, dass Bobby von seinem Platz verschwunden war und jetzt verwirrt zwischen den beiden jungen Männern hin und her sah. Gerade als er eine Hand hob und etwas sagen wollte, sprang Ben auf, was ihn erneut zusammenzucken ließ. Sein Gegenüber zitterte am ganzen Körper, doch Cole war zu verblüfft, um irgendwie darauf zu reagieren.

Ben war aufgesprungen und sah auf seinen Klassenkameraden hinab. Wie konnte ich Idiot eigentlich nicht bemerken, wer neben mir sitzt? Ich glaub, meine Prüfungen kann ich knicken. Ich kann mich doch nie wieder in der Schule blicken lassen.
“Und? Deine Sensationsneugier gestillt? Sie sind gestorben und dann wurde ich von einem Verwandten zum Nächsten abgeschoben, weil ich ihnen zu viel wurde. So als wäre ich ein Gegenstand, der von Anfang an unpraktisch war und den man nur aus Anstand so lange behalten hat, bis sich die günstige Gelegenheit ergeben hat, ihn weiterzuverschenken“, zischte er mit schneidend kalter Stimme. Wütend über den anderen und auch über sich selbst, wischte er sich mit dem Ärmel seines Mantels über die Augen und schrie dann: “Aber weißt du, es ist mir egal. Selbst Hass ist die reinste Energieverschwendung an euch alle, dich, meine Verwandten, meinen Ex!“ Damit drehte er sich um und rannte mit wehendem Mantel von der Lichtung und die Wege entlang zum Ausgang, so dass der Kies unter seinen Schuhen knirschte und zur Seite spritzte, als wäre er Wasser.

Cole war versucht, dem anderen hinterher zu rennen, ließ es aber dann bleiben. Zum einen, weil er nicht wusste, was er dem anderen dann sagen sollte und zum anderen, weil es das Ganze nur noch schlimmer machen würde. Doch er war mehr als überrascht über jeden der schmerzhaften Stiche in seiner Brust, die ihm jedes der hasserfüllt ausgespuckten Worte zufügten. Mühsam rappelte er sich auf und nahm den Labrador an die Leine, der ein paar Schritte hinter dem Schwarzhaarigen her getapst, aber dann doch stehen geblieben war.

***

Ohne einen Gruß trat er wenig später zum Sofa, nahm seinem Bruder das volle Glas Whiskey aus der Hand und leerte es mit einem Zug. Schließlich verließ er das Wohnzimmer und ließ sich in seinem Zimmer auf sein Bett fallen, um dort an die Decke zu starren. Der Tag war im Eimer.


Kapitel 3
Ben’s Apartment (22.04. Samstag 9.02 Uhr)

Bens Kopf war so leer wie noch nie. Im Nachhinein konnte er nicht mehr sagen, wie er heil nach Hause gekommen war. Als er am Samstagmorgen aufwachte, konnte er sich an nichts mehr nach dem Park und der Flucht erinnern. Mühsam kämpfte er sich aus seiner Decke und bemerkte, dass er sogar noch seine Sachen trug. Ein Umstand, den zu ändern gedachte

Nachlässig trocknete sich der 17-Jährige nach der Dusche ab und zog sich die Sachen an, ohne wahrzunehmen, dass er in die Gewohnheit zurück fiel, sich ganz in schwarz zu kleiden. Monate nach der Trennung von seinem Ex hatte er nur schwarz getragen, doch in letzter Zeit war es eigentlich besser geworden. Sein nächster Gang führte ihn in die Küche, wo Ben erstmal seine Kaffeemaschine bestückte und an der Theke gelehnt darauf wartete, bis er fertig wurde.

Der Schwarzhaarige hatte nur selten Kaffee getrunken und auch nur dann, wenn seine Freunde zu Besuch gewesen waren. Da das aber schon über ein Jahr her war, verzog er das Gesicht, als er von dem schwarzen Gebräu trank. Was fand nur alle Welt an dem Gesöff? Doch er trank ihn trotzdem. Als nächstes tapste er in das Wohnzimmer, wo er sich auf die Couch lümmelte. Erst jetzt dachte er wieder an den Brief und neugierig nahm er den Umschlag in die Hand.

Ein Schwall Blätter und ein einfacher Schlüssel fielen im entgegen, als er den Umschlag umdrehte. Mit einer hochgezogenen Augenbraue fischte der Schwarzhaarige sich eines der Papiere aus dem ganzen Stapel und begann es zu lesen.

Eine Antwort auf die Anzeige. Und dabei hatte er gar nicht mehr mit einer Antwort gerechnet. Jetzt erst recht. Irgendwie muss ich ja das Ganze mal für eine Weile hinter mir lassen.

***

Irgendwann war Cole dann erschöpft eingeschlafen, doch wann es ganz genau war, konnte er nicht sagen. Am nächsten Morgen schlurfte er nur in Boxershorts in die Küche und setzte erstmal Kaffee auf, ohne den er und sein Bruder morgens nie auskamen. Ich fühl mich einfach nur beschissen. So musste es Ben wohl ungefähr gegangen sein, als der Artikel herausgekommen war und sich alle von ihm abgewandt hatten. Stöhnend hielt er sich den Kopf und setzte sich.

“Tja, das kommt davon, wenn man trinkt“, neckte sein Bruder ihn, der gerade zur Tür herein kam und ihn ansah.
“Stress mit deinen besten Freunden?“, fragte er ihn redselig weiter aus, während er zwei Tassen aus dem Schrank nahm und die schwarze Flüssigkeit verteilte. Als der Jüngere noch immer schwieg, stellte er ihm die Tasse vor die Nase und meinte dann: “Du weißt, du kannst immer zu mir kommen. Egal, worum es geht. Ach, bevor ich es vergesse. Gestern kam ein Brief für dich. Ohne Absender. Schon merkwürdig.“

Noch bevor Cole in der Lage war, etwas auf den ganzen Wortschwall zu erwidern, war der Andere auch schon wieder aus dem Raum verschwunden. Vorsichtig nahm der Blonde einen Schluck von dem heißen Getränk und schlurfte dann ins Wohnzimmer, um sich den genannten Brief vom Schreibtisch zu holen.

Die Tasse wurde vorläufig auf den Nachttisch umquartiert, während er sich dem merkwürdigen Umschlag widmete. Seine Laune hob sich schlagartig um ein paar Grad, als er den Inhalt des braunen Umschlages begutachtet hatte. Na, das konnten ja recht interessante Ferien werden. “J.J.!“, rief er laut durch die Wohnung, “...wir müssen reden.“

***

Ben war versucht, jetzt schon seine Sachen zu packen, unterließ es aber doch, als sich sein Magen lautstark meldete. Mit einem vergnügten Lächeln stand er auf, schaltete seine Anlage im Schlafzimmer an und ging leise mitsummend in die Küche, um den Kühlschrank zu inspizieren.

Er war sich sicher, dass er nicht der Einzige sein würde, der in der Gratis-Wohnung wohnen durfte und darum fragte er sich die ganze Zeit, mit wem er wohl die zwei Wochen verbringen würde und wie er oder sie so sein würden.

Langsam freute er sich wirklich auf die zwei Wochen. Der Brief vertrieb die Geschehnisse vom Tag in die unendlichen Weiten seines Hinterkopfes. Den Rest des Wochenendes verbrachte er mit einem spannenden Buch mal wahlweise auf der Couch oder in seinem Bett, wo er sich besonders geborgen fühlte. Wenn er sich in diese vier Wände zurückzog, konnte ihm die Realität nichts mehr anhaben. Mochte es auch mal wieder so schlimm in der Schule gewesen sein, hier konnte der Kubaner es vergessen.


Kapitel 4
South Manhattan (23.04., Sonntag, 13.38 Uhr)

Mit offenem Mund stand Benaja vor dem schneeweißen Haus und ließ seinen Blick nun zum zweiten Mal daran auf- und abwandern. Mit zittrigen Fingern kramte er nach dem kleinen, unscheinbaren Stück Papier in seiner Manteltasche, auf dem die Adresse stand. Fahrig ließ er seine grünen Augen über die Zeilen streifen und blickte wieder auf das weiße Holzschild, das von einem Messingpfosten neben dem weißen Kiesweg baumelte.

Stimmte auffallend überein.

Obwohl die unglaubliche Ähnlichkeit der Buchstaben und Zahlen auf dem Zettel nicht mal ein Zufall war, war er sich sicher, dass es nicht richtig sein konnte. Das war definitiv das falsche Haus, um arme, wilde, junge Leute, die in den Augen sämtlicher Hausbesitzer auf Sex, Drugs and Rock standen, darin kostenlos wohnen zu lassen.

Aber, fügte der Kubaner ironisch an, vielleicht war es die Idee von Stiftung Warentest, die ausprobieren wollten, ob die hochwertigste Ausstattung einer zweiwöchigen Dauerparty von hundertachtzig Twens standhielt.

Schließlich atmete der Schwarzhaarige noch einmal tief durch, griff nach der Reisetasche, die er neben sich gestellt hatte, und machte einen unsicheren Schritt auf den Kiesweg. Als er das vertraute Knirschen unter seinen Schuhen hörte, wurde er merklich ruhiger und schritt schneller auf die weiße Eingangstür mit dem Glasstreifen in der Mitte zu. Angetrieben von dem einzelnen Schlüssel in seiner Manteltasche, der aus einem braunen Umschlag gekullert war und zurück zu seinem Schloss wollte.

“Hallo? Ist hier jemand?“, rief er unsicher in den Hausflur hinein. Seine Stimme stand leise vibrierend noch einen Moment im Raum, doch alles blieb still. Also stellte er erst einmal seine Tasche auf den Parkettboden und hängte, ordentlich wie es sich gehörte, um seinem angeblichen Sex/Drugs/Rock-Image sofort den Garaus zu machen und die Menschen hinter den zu gute versteckten Überwachungskameras zu enttäuschen, seinen Mantel an einen Haken, stellte seine Schuhe darunter. Dann folgte er dem kurzen Gang, der urplötzlich und ohne Vorwarnung im Wohnzimmer endete.

Weiß. Es war weiß. Und zwar alles. Rein, klar, kristallin.

Es war so rein weiß, dass er das Gefühl hatte, dass sich nichts bewegen durfte, es war alles eingefroren, fest und unverrückbar bis ans Ende aller Zeit. Und er fühlte sich nackt. Zu der Unsicherheit, allein in einem völlig fremden Haus zu stehen, wo hinter jeder Ecke ein großes, weißes Monster lauerte und farblich zur Einrichtung passte, gesellte sich die Empfindung, so ganz in schwarz total aus dem Bild herauszuknallen. Er war das einzige Negativ. Und der Mittelpunkt der kleinen schwarzen Kameraaugen, die ihn viel zu gut versteckt beobachteten. Sicherlich!

Er hörte gar nicht, wie ihm die Tasche aus den Händen glitt und zu Boden ging. Er wusste gar nicht, was er zuerst bestaunen sollte. Alles war gleichsam wichtig und unwichtig, ein Meer aus weißen Gegenständen, das ineinander verschmolz zu einer kompakten Einheit, die sich aus dem Boden hob.

Der Raum war so groß wie sein Wohn- und Schlafzimmer zusammen!

An den Wänden hingen Bilder einer Schneelandschaft. Um einen gläsernen Tisch waren drei Sessel und eine Ledercouch arrangiert worden. Gegenüber standen ein großer, schwarzer Fernseher und darunter ein DVD-Player, die sich in ihrer unerbittlichen Farbe aus dem weißen Meer herauszufressen schienen. Die dazugehörigen DVDs befanden sich sauber nach dem Alphabet geordnet in den Milchglasschränken links und rechts davon, wo sie sich den Platz mit einer Vielzahl von Büchern teilten.

Jetzt bemerkte Ben auch die vielen Lautsprecher und die Deckenfluter, die wohl ein Kinogefühl vermitteln sollten. Große und kleine Kästen mit schwarzen Mündern oder Augen. Er stieß seinen Atem durch die Zähne, als sein Blick auf den ebenfalls weißen Flügel und den weißen Hocker davor, die unter einem besonders schönen Bild eines Sonnenaufgangs am Strand standen, fiel. Zarte Pastelltöne schimmerten zwischen perlmutgleichen Wolken und auf dem schneeweißen Sand.
“Ich will nicht wissen, was das hier alles gekostet hat“, murmelte er und selbst das klang in der weißen Möbellandschaft noch unerhört laut und viel zu pragmatisch.

Als nächstes fiel sein Blick auf die Fensterfront, die sich vom Boden bis zur Decke erstreckte und hinaus auf die Terrasse und zum Garten führte. Vorsichtig schob er die rechte Schiebetür zur Seite und trat auf die Holzterrasse, die sich in ihrem natürlich warmen Braun seltsam warm unter seinen Füßen ausnahm. Dort waren geweißte Holzstühle um einen großen Tisch gruppiert und abgerundet wurde das Bild von einem naturweißen Sonnenschirm aus Holz, der im Moment noch zugeklappt wie ein Blütenknospe aussah, und einem aus hellgrauem Naturstein gemauerten Grill.

Seine Augen schweiften über den Rasen, zu den Rosenbüschen und trafen schließlich auf den Pool, um den ein paar Liegen standen und darauf warteten, benutzt zu werden.

Die weiße Perfektion, welche die natürlichen Farben aus sich heraus leuchten und strahlen ließ, schien unnatürlich und paradiesisch. Wie der Himmel für die Toten. Leise lachte er auf und ging zurück ins Haus.

Ohne die Tür zu schließen, wandte Benaja sich der Tür zu, die sich im Rücken der Ledergarnitur befand. Zwar hatte er sich vorgenommen, alles als gegeben zu betrachten, doch als er die Küche betrat, musste er tief durchatmen. Nach dem Wohnzimmer hatte er erwartet, eine ebenso unbeweglich-weiße Küche vorzufinden, wie es sie manchmal in einer Werbung für Reinigungsmittel gab.

Obwohl man ihn enttäuschte, war sie überhaupt nicht vergleichbar mit der Küche in seiner kleinen Wohnung.

Hier schien man sich auf Holz geeinigt zu haben, denn nirgendwo war etwas Weißes zu sehen. Oder nein, die weißen Details traten hier einfach völlig in den Hintergrund. Der Dielenboden strahlte Behaglichkeit aus, die über die schlichten Holztüren in lebendigem Karamell nach oben und durch den ganzen Raum kroch. Geöltes Olivenholz oder Nussbaum, ging es Ben durch den Kopf. Unbezahlbar.

Ein großes Fenster, genau über der Arbeitsfläche, ließ Sonnenlicht hinein. Hinter den Hängeschränken mit weißen Milchglastüren konnte man die Teller und Tassen, die Schüssel und Schalen, die dort verteilt worden waren, erahnen. Eine Theke mit Barhockern, entgegen ihrer sonstigen Natur völlig aus Holz und mit weißen und roten Sitzkissen, luden zum Sitzen und Verweilen ein und großes Interesse erweckte das Glas mit dem Schraubdeckel auf der Holzfläche. In dem schräg gestellten Glas tummelten sich verspielt bunt verpackte Bonbons und Schokolade.

Unter der Theke fanden sich, wie in einer Bar üblich, kleine, typisch amerikanische Kühlschränke für Flaschen. Als er einen Blick in den kleiderschrankgroßen Kühlschrank warf, staunte er nicht schlecht, als er ihn zwar übersichtlich aber variantenreich bis auf den letzten Zentimeter gefüllt vorfand.
“Alles was das Herz begehrt. Aber ich versteh einfach nicht, was das alles soll.“ Er wünschte brennend, jemanden zu kennen, den er in so einer Situation anrufen und mit sich vor Aufregung überschlagender Stimme alles genau berichten konnte. Doch es gab niemanden.

Ben tastete die Wände mit seinen Blicken ab, doch fand er keine Tür, die zum Rest des Hauses hätte führen können. Also verließ er die Küche wieder und schloss die Tür hinter sich. Als er wieder im Wohnzimmer stand, fiel sein Blick auf die Tasche, die noch immer neben der Tür oder eher dem Durchgang zum Flur stand und auf ihn wartete. Denn eine Tür gab es nicht, es war einfach ein Durchgang, der entstand, weil eine Wand sich abrupt weigerte, in das Wohnzimmer vorzudringen.

Langsam trat er zu seiner Tasche, nahm sie in die Hand und trat durch den Torbogen wieder in den Flur. Was er zuvor nicht bemerkt hatte, war die Türklinke, die keinen Meter rechts von ihm einfach in der Wand zu sein schien. Neugierig drückte er ganz behutsam die silberne Klinke nach unten und staunte nicht schlecht, als er hinter der vermeintlich stabilen Wand eine Wendeltreppe fand, die sowohl nach oben, als auch nach unten führte.
“Wie ein Geheimgang. Das würde mir keiner glauben, selbst wenn ich es jemandem erzählen könnte“, flüsterte der Grünäugige vergnügt.

Ben entschied sich erst einmal für den Weg nach unten. Also stieg er die Treppe hinunter und zuckte nicht einmal mehr überrascht zusammen, als das Licht im Gang, an dem die Treppe endete, von allein anging.
“Bewegungssensoren. Wie raffiniert.“ Ben tat zwei Schritte und fand sich zwei Türen gegenüber. Nach kurzem Zögern wählte er die rechte Tür und öffnete sie.

Sofort fand es sich in einem gut ausgerüsteten Fitnessraum wieder, der wirklich keine Wünsche offen ließ. Dort stand ein Laufband, genau zwischen einem Fahrradergometer und einem Regal mit Hanteln. In einer der Ecken hing ein Sandsack und an der Wand zwei Paar Handschuhe, passend in rot.

Alles hier war eher in rot und schwarz gehalten. Die Fitnesshölle, kicherte Ben amüsiert in Gedanken. In einem Kühlschrank neben der Tür befanden sich Wasserflaschen und eine Schale mit Obst stand auf einem merkwürdig unsportlich wirkenden Tisch in der Nähe des Ergometers.

Die nächste Tür hier befand sich links, wobei es jedoch, wie oben im Flur, ein Torbogen war. Dort standen in einem wasserblauen Raum bequeme Liegen mit jeweils einem Tischchen daneben. Der Ruheraum des höllischen Fitnessabteils, grinste Ben.

Schließlich verließ er das Zimmer wieder und wandte sich der anderen Tür zu. Als er sie öffnete, war zunächst alles dunkel, doch als er einen Schritt hineintat, flammten plötzlich erneut Deckenleuchten auf, die den Raum in sanftes Licht tauchten und sich von tausenden von Flächen wieder spiegelten.

Mit offenem Mund stand er in einem riesigen Bad. In den Mosaikfußoden in blau war in der Mitte eine wirklich überdimensionierte, runde Badewanne eingelassen, die sich bei näherem Hinsehen als Whirlpool entpuppte. Badewannenschaumparties, blubberte Ben.

Für die abgeschlafften Schaumpartyflüchtlinge gab es Liegen zwischen beinahe radioaktiv gesund strahlenden Pflanzen. Auf den Wänden waren Sonnenaufgänge, auf den Liegen lagen anschmiegsame, weiße Bademäntel. An den Wänden fand Benaja Bänke, die zu Massagen einluden. In einer kleinen, unscheinbaren Nische befanden sich eine Waschmaschine und ein Trockner. Ein weiterer Durchgang führte zu mehreren Duschen und hinter der anderen Tür befand sich doch tatsächlich eine Sauna. Mhm... eigentlich würde auch das Bad schon zum darin Wohnen reichen, dachte der Kellner so bei sich, obwohl es wohl eher Badelandschaft heißen musste.

Schließlich stieg der Schwarzhaarige mit seiner Tasche über der Schulter die Treppe hinauf.

Nun befand er sich in einem weißen Gang mit drei Türen, der nach all den Farben trotz des gelben Läufers wieder fast frostig wirkte. Ben zuckte einfach mit den Schultern und öffnete die, die sich genau gegenüber der Treppe befand.

Hinter dieser Tür befand sich ein großes, helles Zimmer. Das Bett war mit blauem Stoff bezogen worden und luftig-blaue Stoffe trennten es vom Rest des Zimmers. Auf dem Parkettboden lagen große Kissen in sämtlichen Blautönen, luden dazu ein, sich darauf zu legen und zu lesen oder zu schlafen. Direkt gegenüber des Bettes stand ein Spiegelschrank aus Eichenholz. Im Spiegel über die ganze Länge des Schranks konnte er einen kleinen Nachttisch erkennen. Unter der Decke war eine Lichterkette mit weißen Birnen angebracht.

Ein Schreibtisch aus Eiche unter dem Fenster und ein Holzstuhl mit blauem Polster vervollständigten das Bild. Gleich neben dem Schreibtisch erstreckte sich eine raumhohe Doppeltür, die auf einen Balkon mit breitem Sims führte.

Benaja stellte die Tasche auf das Bett, öffnete die beiden Fenster, so dass der Wind mit den himmelblauen Vorhängen spielen konnte und verließ das Zimmer. Hinter der anderen Tür befand sich dasselbe Zimmer, nur war es in Gelb- und Orangetönen gehalten.

Hinter der dritten Tür versteckte sich ein kleines Bad, das zwar nicht so pompös wie das Bad im Keller gestaltet war, aber trotzdem gemütlich aussah. Es besaß zwar nur eine Dusche, aber da es ja im Keller eine Badewanne gab, war das nicht wirklich schlimm.

Die Treppe hinauf befanden sich weitere drei Türen, von denen zwei Schlafzimmer wie seines waren, nur dass das eine in sanften Grün- und das andere in Rottönen gehalten waren. Eigentlich konnte Benaja Rot nicht leiden, doch in diesem Fall sah es sehr gemütlich aus. Das Bad war das Gleiche wie das in der Etage darunter. Wir sind also nur zu viert, folgerte Ben und atmete auf, als die zweiwöchige Massenparty als Grund für die Anzeige ausschied.

Nachdem Ben alles angesehen hatte, stieg er wieder in seine Etage hinab und machte sich daran, sämtliche Sachen in seinem Zimmer zu verteilen. Die Entdeckungstour hatte eine Menge Zeit in Anspruch genommen und so war es schon weit nach vier Uhr, als er in die Küche trat. Dort nahm er sich erst einmal etwas Cola und einen Apfel aus einem der Obstkörbe und machte es sich damit auf einem Hocker bequem.

Also, ich hab meine Ferien schon weitaus schlimmer verbracht, dachte er beruhigt, während er den Apfel aß. Schließlich nahm er sich die Flasche und sein Glas mit und machte es sich im Wohnzimmer bequem. Ben war versucht Fernzusehen, aber da um diese Uhrzeit nur Talk- und Gerichtsshows liefen, erhob er sich schließlich noch einmal und studierte die Rücken der DVDs.

Schließlich entschied er sich mit den beiden Men in Black für lockere Blödelei, um sein Filmgedächtnis aufzufrischen. Also legte er die DVD in das Gerät und hatte nach ein paar Versuchen auch herausbekommen, wie es funktionierte. Zwar besaß er selbst keinen Fernseher, doch früher hatte er oft bei seinen alten Freunden vor so einer Kiste gesessen und DVD-Abende gemacht.

Mit viereckigen Augen aß er Wurstbrote zum Abendbrot und kuschelte sich in sein neues Bett, wie er extra für sich genüsslich betonte. Über der letzten Seite von „In 80 Tagen um die Welt“ schlief er schließlich ein