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Alles was zählt - Teil 61 bis 64

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„Scheiße, Endre!“ Gerrit glitt vom Beifahrersitz. Türaufreißen und abschnallen war so schnell gegangen, dass man es kaum bemerkt hatte. Nun kniete er vor seinem großen Bruder und konnte kaum glauben, was er sah. Michael folgte ihm langsamer, auch er war in Sorge, doch dass der Junge hier so allein saß, konnte er nicht über sich bringen. Wenn sie jetzt beide um Endre herum wären, würde das ihren Großen sowieso nur verwirren. Also kümmerte er sich um JJ, der sich überraschend bereitwillig in den Arm nehmen ließ. Eigentlich fremdelte der Kleine bei jedem, doch die Situation ließ es wohl nicht zu.

„Hi“, sagte Endre träge und versuchte zu grinsen. Dabei spürte er deutlich, wie das getrocknete Blut um seine Lippen aufsprang und abbröckelte.

„Werden sie sich um ihn kümmern?“, fragte Sylvio, der Wachmann und erhob sich langsam, damit er seinen Dienst weiter versehen konnte. Michael nickte ihm zu und bedankte sich, während Gerrit wieder anfing auf seinen großen Bruder einzureden. Während der Wachmann sich verabschiedete, versuchte Endre sich langsam aufzurichten, doch das war gar nicht so leicht, wie er sich das gedacht hatte.

Nicht einfach hochdrücken und stehen, nein, nein. Selbst mit der Wand im Rücken war es ihm kaum möglich. Der Unterleib zog und der Rest seines Körpers war auch nicht kooperativer, egal wie sehr er sich auch zwang. Resigniert musste er also sitzen bleiben und auf die Hilfe seiner Brüder hoffen.

„Sagst du mir jetzt endlich, was passiert ist, verdammte Scheiße?“, knurrte Gerrit. Warum redete Endre denn nicht?

Doch der zischte nur, ob sich Gerrit nicht mäßigen könnte. Der Junge müsste diese Ausdrucksweise ganz bestimmt noch nicht lernen. Gerrit verdrehte die Augen, sein Bruder war von dem Kleinen ja völlig besessen!

„Das ist mir im Augenblick gelinde gesagt ziemlich egal! Ich will wissen, was passiert ist. War er das? Dieser komische Verlobte?“ Gerrit, eigentlich Lazlos ergebener Fan, hatte schon seit Endres erstem Besuch nach dessen Arbeitsantritt damit begonnen, diese beiden Darsteller mit anderen Augen zu sehen. Er hatte intensiver hingesehen und nicht nur die Erotik oder den Sex in den Streifen gesucht. Die Bilder verrieten mehr über die Darsteller, als sie das vielleicht beabsichtigt hatten und das Bild, was er im Augenblick von diesem Schwarzhaarigen hatte, war nicht das Beste.

„Ich geh da hoch und schlag ihm...“

„Gerrit!“ Michael, der mittlerweile JJ auf einem und Gustav auf dem andren Arm hatte, sah seinen Bruder wütend an. Konnte der sich nicht einfach mal zusammen nehmen? Im Gegensatz zu ihm konnte Michael nämlich ziemlich gut verstehen, dass Endre Sorge hatte, der Kleine würde das schnell übernehmen. Das war bei ihren Jüngsten damals doch auch nicht anders gewesen. Sven und Sören hatten auch alles nachgeplappert. Und wenn das bei JJ passierte, während das Jugendamt da war, konnten Leif und Endre ziemlichen Ärger bekommen. Und es war für Michael erschreckend natürlich, die beiden als Paar zu sehen - sie waren es wohl insgeheim schon, ohne es bewusst wahrgenommen zu haben. Endre konnte dagegen reden, wie er wollte, Michael wusste es besser. Er hatte auch immer versucht zu leugnen, dass er seinen Zwillingsbruder mehr liebte, als natürlich war – doch es hatte nichts gebracht.

„Gerrit, lass es.“ Endre versuchte sich wieder zu erheben und Gerrit half ihm dabei, hielt und stützte, wo es nötig war.

„Also war er es, ja? Dieser Vincenzo?“, bohrte Gerrit nach und Endre nickte. „Aber halt dich da bitte raus. Das geht nur drei Leute was an und wir werden das auch klären.“

„In deinem Zustand, ziemlich glaubwürdig“, ätzte Gerrit, der es nicht mochte, in seiner Raserei ausgebremst zu werden. „Weiß er es schon?“

„Wer?“, fragte Endre etwas irritiert, doch dann fiel der Groschen. „Nein, Leif hat keinen Schimmer. Ich werde ihn anrufen, wenn ich zuhause bin, damit er weiß, wo JJ ist und das es ihm gut geht.“ Zumindest hoffte Endre, dass es dem Kleinen gut ging, schließlich hatte er auch was abbekommen. Besorgt sah er sich um, doch JJ schien wohlauf. Die Wange war noch rot, vielleicht sollten sie doch ins Krankenhaus mit dem Kleinen? Aber wenn er selber dort auftauchte, dann war das Hallo groß und sie würden ihn wohlmöglich gleich dort behalten. Das ging nicht. Auch wenn der Kopf schmerzte, überlegte Endre weiter.

Leif.

Es führte kein Weg an ihm vorbei. Er war der Erziehungsberechtigte und er konnte mit dem Kleinen auch zum Arzt gehen. Am besten rief er ihn an. Sofort. Doch er kam nicht dazu, sein Handy zu zücken, denn Gerrit schob ihn schon in den Wagen der Zwillinge. Endre wehrte sich. „Nimm den Passat, da ist ein Kindersitz drinnen“, murmelte er und holte aus einer Tasche den Schlüssel.

Wieder verdrehte Gerrit die Augen, doch er gehorchte. „Sagst du mir endlich, was passiert ist?“, wollte er wissen, versuchte aber ruhiger zu werden. Er wusste, dass er Endre nicht weich bekam, wenn er weiter tobte, dafür war er schon viel zu sehr an die Macken seines jüngeren Bruders gewöhnt.

Michael kümmerte sich derweil um JJ, setzte ihn und sein Schaf in den Wagen, während Gerrit noch auf Antworten lauerte.

„Was willst du hören“, murmelte Endre, der selber noch nicht richtig begriffen hatte, wie es passiert war und wie eines zum anderen gekommen war. Alles hatte er ja auch nicht mitbekommen. „Dass wir uns in die Wolle gekriegt haben und er mir eine in die...“ Endre brach ab, denn seine Ausdrucksweise wäre jetzt auch nicht kindgerecht gewesen. „Und er mir eine verpasst hat?“, korrigierte er also und zuckte die Schultern. Schwerfällig ließ er sich auf den Beifahrersitz fallen, weil Michael schon klar gestellt hatte, dass Gerrit sich mit dem Passat quälen sollte und er mit dem eigenen Wagen folgen wollte.

„Warum, will ich wissen! Was ist passiert?“ Gerrit gab noch nicht auf, doch Michael schob ihn einfach um den Wagen und auf den Sitz. Feingefühl war etwas, was seinem Schatz wirklich fehlte. Das konnte in machen Situationen sehr nützlich sein. Im Augenblick machte es mehr Schaden als Nutzen. „Fahr ihn zu seiner Wohnung, ich folge“, sagte er, auch wenn ihm nicht wohl dabei war. Sicher würde Gerrit weiter bohren, doch das war ihm lieber, als wenn sein Bruder ausscherte und sich bei Leif blicken ließ. Schlimmer noch, zurück zu diesem Viktor fuhr und auf eigene Hand ärger machte. Michael hoffte, dass er nicht auf diese Ideen kam, wenn er den Wagen voller Leute hatte.

„Lass ihn in Ruhe und fahr“, knurrte Michael und Gerrit nickte, JJ auf seinem Kindersitz war ebenfalls still, klammerte sich nur an Gustav und noch ehe sie einfach losfahren konnten, rief er nach Rudi, der folgte und in den Fußraum der Rückbank sprang, ehe Michael die Tür zu warf. Gerrit guckte nicht schlecht. „Habt ihr 'ne Katze?“

„Ja, Rudi haben wir von den Seychellen mitgebracht. Er hat sich so sehr mit JJ angefreundet und auf dem Hof hat der große Kater ihm das Leben schwer gemacht. Deswegen ist er jetzt bei uns“, sagte Endre und ließ Gerrit knurren.

Da war sein Bruder freigiebig mit Informationen ohne Ende, aber bei den wichtigen Details hüllte er sich in Schweigen. Doch er fragte nicht mehr weiter nach, sondern ließ den großen, schweren Wagen an und folgte Michael. Schweigend fuhren sie zurück nach Spandau.



Während sich Gerrit darum kümmerte, dass Endre in seiner Wohnung auf die Couch gelegt wurde, war Michael über die Straßen in ein Tierfachgeschäft gelaufen und hatte ein paar Dinge gekauft, die Endre ihm aufgetragen hatte. Schnell war alles für Rudi hergerichtet, der schon in der Wohnung herum stromerte, während Endre mit geschlossenen Augen auf der Couch lag.

Gerrit war gerade dabei, ihm wenigstens das Blut vom Gesicht zu waschen, denn JJ traute sich gar nicht an ihn heran. Der saß mit seinem Schaf in einem Sessel und machte sich so klein, wie es nur ging.

„Maus, komm her“, bat Endre leise, der spüren konnte, wie elend der Kleine sich fühlte. Der kam auch langsam näher und kuschelte sich schluchzend an seinen Endre. Tröstend strich der ihm über die Haare und flüsterte, dass alles wieder gut werden würde. Endre hatte zwar noch keinen Schimmer wie das wieder gut werden sollte, doch er versprach es, weil er alles möglich machen wollte.

„Hat er den Jungen geschlagen?“, fragte Michael plötzlich auf den Kopf zu und Endre öffnete die Augen. Woher wusste Michael das? Doch er nickte, weil er nicht lügen wollte. „Ja, damit ging es los. Er hat dem Kleinen eine verpasst. Ich habe es nicht verhindern können, weil ich zu spät gemerkt habe, was eigentlich los ist und dann…“ Endre zuckte die Schultern und zog die Decke, die Gerrit über ihn gebreitet hatte, auch über JJ, der ängstlich an ihm klammerte. „Eins ergab das andere, ich habe ihn auch provoziert, das gebe ich zu. Aber der Kerl ist doch völlig besessen von dem Glauben, dass er nur den Jungen loswerden muss und alles wird wie früher. Er hat nicht begriffen, dass es so nicht mehr werden wird, weil Leif sich verändert hat.“

Michael hob eine Braue. Ob Endre bewusst war, wie er lächelte, wenn er von Leif sprach? „Und warum kannst du dich aus der Sache nicht einfach raushalten?“, fragte er und sah seinen Bruder herausfordernd an. Er wollte es hören! Endre sollte es ihm sagen.

„Ich bin für JJs Sicherheit verantwortlich.“ Endre verstand nicht, wie Michael solche dummen Fragen stellen konnte?

„Das meine ich nicht, Endre und das weißt du ganz genau. Was mischst du dich in die Sache zwischen Leif und Viktor? Das geht dich nichts an – du hast es doch selber gesagt.“ Er strich Gerrit liebevoll durch die Haare, der sich zu seinen Füßen zwischen seinen Beinen niedergelassen hatte und nun an ihm lehnte. Auch er wollte die Antwort hören, auch wenn die Zwillinge genau wussten, was los war. Endre sollte es nur endlich zugeben. Doch der weigerte sich.

„Er ist mein Chef und wenn es ihm nicht gut geht, dann…“

„Endre!“, knurrte Gerrit, der mit entschieden weniger Geduld beseelt war als sein Bruder.

„Was denn?“, schoss Endre zurück und versuchte sich ein wenig aufzusetzen. Doch sein ganzer Körper summte. Er weigerte sich, ihm zu gehorchen. „Was willst du hören?“, knurrte er also und konnte seinen Worten nicht so viel Nachdruck verleihen, wie er es gern getan hätte.

„Ich will, dass du mir ehrlich sagst, warum du dich wirklich eingemischt hast, Großer. Mehr will ich nicht“, sagte Michael und versuchte Gerrit ein bisschen zu beruhigen. Endre seufzte und schloss wieder die Augen.

„Ihr scheint es doch sowieso zu wissen. Was soll ich mir da noch die Mühe machen?“

„Weil ich wissen will, wo du stehst und wobei wir dich unterstützen müssen“, erklärte Michael. „Aber schlaf erst einmal. Wir werden deinen Chef...“, das Wort betonte er so unmöglich, dass spätestens jetzt jeder Zweifel am rein beruflichen Verhältnis hatte, „besuchen und ihm sagen, was los ist, wo er seinen Jungen holen kann.“

„Wie bitte? Ihr werdet da ganz bestimmt nicht hinfahren, schon gar nicht zu zweit. Ich kenn euch doch! Ihr redet auf ihn ein und redet es ihm aus!“ Endre riss panisch die Augen auf und sah seine Brüder forschend an.

„Was sollen wir ihm nicht ausreden, hm?“, fragte Gerrit und grinste frech.

„Arsch“, konnte sich Endre nicht verkneifen, auch wenn JJ neben ihm lag. Zum Glück schien der Junge durch die ganze Aufregung eingeschlafen zu sein und nun kam auch Rudi von seiner Wohnungsinspektion zurück und kuschelte sich am Fußende zusammen

„Wo die Liebe hinfällt“, lachte Michael nur und strich seinem großen Bruder durch die Haare. „Außerdem muss einer ihm ja zeigen, wo er lang fahren muss, um hier her zu kommen.“

„Leif ist nicht doof. Er weiß, wo ich wohne. Er war ja schon hier.“ Endre verdrehte die Augen, nun war doch sowieso alles zu spät. Die beiden wussten ganz genau, was los war.

„Er war schon hier?“, grinste Michael und schüttelte den Kopf, schob aber Gerrit vor sich her durch die Tür, damit der nicht noch weiter machte. Man sah ihm nämlich an, dass er tausendundeine Frage auf der Zunge hatte, die Endre jetzt unmöglich beantworten konnte oder wollte.



Endre gönnte sich endlich etwas Ruhe, doch die kreisenden Gedanken in seinem Hirn konnte er nicht stoppen. Er überlegte, wie gut es wäre, Leif vorzuwarnen, doch es war nicht so leicht, das Handy aus der Hosentasche zu wühlen, ohne JJ zu wecken. Er ließ es also und musste zugeben, dass JJ gerade nur ein Vorwand war. Er wusste einfach nicht, wie er Leif gegenüber treten sollte. War er zu weit gegangen, Viktor solche Dinge an den Kopf zu werfen? Es war nicht sein Recht gewesen. Es ging ihn nichts an – noch weniger war es sein Recht, sich in diese Beziehung zu hängen. Leif gehörte nun einmal zu Viktor! Ob Endre das nun passte oder nicht, es stand ihm nicht zu, Dinge zwischen sie zu stellen! Doch genau das hatte er getan. Würde Leif ihm das verzeihen können?



„Ich glaub's immer noch nicht“, knurrte Gerrit auf dem Beifahrersitz. „Der Kerl hat sich ja richtig verknallt. Er prügelt sich sogar für seinen Liebling.“ Er hatte ja nichts dagegen, dass Endre sich binden wollte, aber an so einen? Nicht das Leif hässlich wäre, doch er war ein Sack voller Probleme! Probleme, in die Endre unweigerlich mit hinein gezogen werden würde und genau dieser Gedanke war es, der ihm nicht gefiel. Er hatte irgendwie das ungute Gefühl, dass dies erst der Anfang war.

„Das war doch schon klar, als er das erste Mal von dem Kerl erzählt hat.“ Michael war weniger überrascht. Wie sein Geliebter auch, stand er der ganzen Angelegenheit skeptisch gegenüber, doch das lag mehr an dem Jungen, der involviert war und der noch eine harte Zerreißprobe für alle werden würde. Endre konnte gut mit Kindern, keine Frage. Er hatte sowohl bei ihnen als auch bei ihren Kleinen gute Arbeit geleistet. Doch bei diesem JJ lagen die Karten anders. Er war weder Endres Verwandter, noch war Leif der Vater. Ein Fingerschnippen konnte heutzutage reichen, jemanden zu denunzieren und den Kleinen als Druckmittel zu benutzen. So egal wie diesem Viktor das Seelenheil des Kleinen war, traute er das dem Kerl unweigerlich zu. Hoffentlich irrte er sich!

„Na ja, hässlich ist der Typ ja nicht. Ich kann’s verstehen“, nuschelte Gerrit und Michael verdrehte die Augen.

„War klar, Schatz.“

„Eifersüchtig?“, lachte Gerrit und sah seinen Bruder herausfordernd an.

„Nein, eigentlich nicht. Ich weiß, dass du nur mich liebst, egal wie geil die Kerle sind, die dir vor der Nase tanzen.“ Michael stieg auf das Spiel nicht ein. Er wusste, um ihre Anziehung aufeinander. Er wusste auch, dass Gerrit die Filme mit Lazlo auswendig kannte und er alle in seiner Sammlung hatte. Einen Körper anziehend zu finden war nicht das gleiche, wie ihn von Herzen zu begehren.

„Du bist gemein!“ Gerrit lachte. „Nie bist du eifersüchtig. Ich möchte, dass du mal um mich kämpfst wie ein Löwe!“

„Ich kann dich erlegen und wie ein Löwe in meine Höhle schleppen, wie wäre das?“, fragte er und war ganz froh, dass Gerrit sich so schnell ablenken ließ und nicht weiter über Endre spekulierte. So waren sie ziemlich schnell in der Leibnizstraße. Noch schneller hatten sie einen Parkplatz gefunden und waren auf dem Weg nach oben

Frank trat ihnen in den Weg, als die beiden groß gewachsenen Mechaniker in der Tür standen, doch Gerrit schob ihn einfach beiseite. „Mach jetzt keinen Fehler, Kleiner. Wir haben was mit deinem dahergelaufenen Chef zu klären. Keine Störungen, klar?“

„Und keinen Sicherheitsdienst, denn Leif wird es sehr interessant finden, was wir ihm zu sagen haben – es geht um JJ und Endre“, schob Michael noch erklärend hinterher und Frank, der eben noch voller Gegenwehr gewesen war, schwieg. Er wusste ganz genau, dass Leif bei diesem Thema immer zuhörte. Also gab er nach und wies den Zwillingen den Weg.

Leif, dessen Bürotür eh meistens offen stand, merkte erst nicht, dass jemand den Raum betrat. Frank ging hier aus und ein, suchte und sortierte, Leif hatte gelernt das auszublenden. Er saß am Tisch und arbeitete einen Vertrag aus, guckte aber nicht schlecht, als ihm plötzlich der Stift aus der Hand genommen wurde. „Ich darf doch mal“, sagte Michael, legte den Stift säuberlich ab, während Leif ihn fassungslos ansah.

„Was soll das und wer sind sie“, fragte er und erhob sich angesäuert.

„Die wichtigste Frage, mein lieber Leif, ist doch die: wo hättest du sein müssen, um eine Katastrophe zu vermeiden.“ Gerrit sah den blonden Mann wütend an, denn wegen dem sah sein großer Bruder jetzt aus wie ein geklopftes Schnitzel.

Leif starrte zurück und je länger er Gerrit ansah, umso mehr erkannte er die Ähnlichkeit – mit Endre! „Scheiße!“, brüllte er plötzlich, als alles einen Sinn ergab und Tausende von Szenarien auf ihn einstürzten. Er wollte sofort los, doch Michael drückte ihn über den Tisch hinweg in seinen Sessel zurück.

„Halt die Füße still“, knurrte er und Leif gehorchte, auch wenn er nicht wusste warum. „Der Junge und Endre sind in Endres Wohnung. Dein komischer Verlobter muss wohl ziemlich seinen Frust an ihnen ausgelassen haben – an Endre übrigens mehr als an dem Jungen. Auch wenn der nicht ungeschoren davon gekommen ist.“

Leif riss die Augen auf. Was sagte der Kerl denn da? Viktor hatte? Er hatte?

„Oh mein Gott!“, flüsterte er, als ihm die Tragweite dessen bewusst wurde. Er hatte den Jungen angefasst! Dass es eines Tages zwischen Endre und Viktor knallen würde, das war irgendwie abzusehen gewesen, aber JJ? „Wie geht es ihnen? Sind sie im Krankenhaus?“

„Nein, bei Endre. Hörst du mir nicht zu?“, knurrte Michael. Er konnte das Entsetzen ja verstehen, aber zuhören konnte ihm der Kerl ja trotzdem.

„Ich muss zu ihnen!“ Leif schoss wieder hoch, doch Gerrit drückte ihn wieder runter.

„Falsch. Du musst erst mal klar stellen, was hier los ist. Wir gucken nicht blind dabei zu, wie dieser Idiot sich immer wieder aufführt wie die Axt im Walde. Im Augenblick hast du es nur der Liebe zu meinem Bruder zu verdanken, dass ich deinen Stecher nicht auseinander genommen habe.“ Und dass er das nur zu gern getan hätte, sah man ihm deutlich an.

„Nicht jetzt, ich muss zu ihnen!“ Leif hatte auf derartiges jetzt wirklich keine Lust, schlicht und ergreifend, weil er selber keine Antwort darauf hatte. Er hatte blind darauf vertraut, dass schon alles gut werden würde, doch an der scheinbar verheilten Oberfläche war nun ein eiterndes Geschwür aufgebrochen – er musste handeln und wusste nicht wie.

„Doch, genau jetzt. Denn wenn der Junge zu diesem Kerl zurück in die Wohnung geht, sehe ich mich gezwungen, das Jugendamt einzuschalten.“ Michael spielte die einzige Karte von der er glaubte, dass es ein Trumpf sein könnte und er hatte Glück.

Leif sah ihn mit einer Fassungslosigkeit an, die ihresgleichen suchte. „Wie bitte?“

„Du hast mich ganz genau verstanden. Krieg dein Leben in den Griff und bring nicht unnötig andere in Gefahr. Wenn dir etwas an Endre liegt und du den Jungen behalten willst, mach einen Strich.“ Michael pokerte hoch. Es war gut möglich, dass er seinem Bruder gerade alles versaute, doch das Risiko musste er eingehen, denn Endre war viel zu verliebt. Sein Helfersyndrom war so intensiv ausgeprägt, dass er - um Leif zu schützen – alles auf sich nahm. Sein aktueller Zustand war doch das beste Beispiel.

Lauernd sah auch Gerrit ihn an. Er wartete darauf, dass Leif, wie Endre auch, es abstreiten würde. Da wäre nichts, er wäre nur sein Angestellter. Doch nichts dergleichen. Im Gegenteil. Leif sank in sich zusammen und holte tief Luft. „Ich werde mit JJ ausziehen. Vik darf nicht mehr die Chance haben, Endre etwas…“ Leif brach ab, als ihm bewusst wurde, was er sagte. Nervös sah er auf.

„Anständige Männer beenden eine Beziehung, ehe sie eine neue beginnen“, sagte Gerrit und erhob sich. Nach außen wirkte er gleichgültig, doch innerlich grinste er, weil Leif wie ein geprügelter Hund den Kopf senkte. Er stritt nichts ab! „Also doch“, murmelte Gerrit leise.

„Ihr habt Recht.“ Leif nickte langsam und schob die Papiere zusammen. Die konnten warten. Er musste erst sein Leben in den Griff bekommen. „Als erstes muss ich jetzt zu Endre und JJ. Und dann werde ich mit Vik reden müssen.“ Und dann sollte er sich vielleicht ein Zimmer im Hotel nehmen, denn mit einem Kerl wie Viktor konnte er nicht mehr unter einem Dach leben. Egal welche Gründe er bringen würde, Leif war das jetzt schon egal. Niemals durfte man so tief sinken, Kinder zu schlagen! Das war das letzte.

Er erhob sich. „Danke, dass ihr gekommen seid. Ich fahre zu Endre.“

Keiner wunderte sich, dass Leif nicht nach dem Weg fragte. Nur Gerrit grinste. „Er war ja schon mal da.“

Wieder senkte Leif den Kopf und schüttelte ihn. Was waren das denn für Typen?


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Die Fahrt vom Büro bis zu Endre war die Hölle. In Leifs Kopf kreisten Gedanken um Gedanken, denn er malte sich schon wieder die furchtbarsten Szenarien aus. Warum war Endre nicht gleich zum Arzt gegangen? Und vor allen Dingen: welche Folgen würde dieser Tag haben? Brachte Endre den Übergriff zur Anzeige? Wenn ja – wie würde Viktor reagieren? Was würde alles ans Licht gezerrt werden und welche Auswirkungen hatte das auf JJ? JJ – genau. Wie ging es dem Kleinen eigentlich?

Eines stand fest, auch ohne dass er mit Viktor geredet hatte, JJ und sein Verlobter würden nie wieder im gleichen Raum sein. Und wenn das bedeutete, dass Leif noch heute aus dem Apartment auszog, dann ging das nicht anders. Er hatte noch keinen Schimmer, wo er hin gehen sollte, aber noch viel mehr drängte sich ihm die Frage auf, was sich Viktor eigentlich bei dem ganzen gedacht hatte.

Zwar war auch Leif klar, dass es keine Entschuldigung auf dieser Welt geben würde, die es rechtfertigte, ein Kind zu schlagen – und doch war er neugierig, was in Viktors Kopf dabei vorgegangen war. Er musste doch selbst langsam begriffen haben, wie eng Leifs Leben mit dem des Jungen verbunden war. Wo der Junge war, war Leif und wenn es mit beiden zusammen nicht funktionierte, dass Leif seine Konsequenzen zog. Glaubte Viktor wirklich, dies blieb ohne Folgen? War der Mann wirklich so blind?

„Ach, Scheiße“, murmelte Leif leise und lenkte seinen Wagen auf die Abbiegerspur. Auch wenn er den Weg zu Endre noch nicht sehr oft gefahren war, er kannte ihn im Schlaf – weiß der Teufel warum. Vielleicht, weil er sich innerlich schon entschieden hatte. Vielleicht wusste sein Kopf, was sein Herz noch nicht begreifen wollte. Zwölf gemeinsame Jahre warf man nicht einfach so weg und doch gingen Leifs Gedanken im Augenblick genau in diese Richtung.

Er suchte eine Entschuldigung dafür, mit JJ zusammen Viktor zu verlassen. Er kam sich schäbig dabei vor, das nicht allein begriffen zu haben, noch schäbiger, dass es so weit erst hatte kommen müssen, dass jemand verletzt wurde. Doch nun hatte er keine Möglichkeit, es noch vor sich her zu schieben und zu behaupten, es würde schon alles wieder gut werden, wenn man nur Zeit hatte, sich an die neue Situation zu gewöhnen. Er musste der Tatsache ins Gesicht sehen: Das passierte nicht. Viktor wehrte sich mit jeder Faser seines Körpers gegen JJ und er war zerfressen von dem Gedanken, Leif würde mit Endre durchbrennen oder ihn mit dem Jüngeren betrügen. Dass er damit vielleicht nicht so falsch lag, wie Leif gern behaupten würde, musste Viktor nicht wissen.

„Idiot, warum musst du auch alles kaputt machen“, sagte Leif leise und holte tief Luft. Rote Ampeln, wie er diese Dinger hasste. Ständig stellten sie sich ihm in den Weg und glaubten, ihn mäßigen zu können. Wussten die Dinger nicht, dass sie ihn nur wütender machten und er dann noch mehr aufs Gas trat? Schließlich hatte er keinen Schimmer, was mit JJ und Endre los war.

Kaum dass die Ampel umschlug, gab er Gas. Die Zwillinge hatten ganz schön zu kämpfen, den schwarzen, schnittigen SLK im Gewühl nicht zu verlieren. Doch sie wussten, dass der Kerl sich bestimmt nicht verfahren würde, schließlich kannte er den Weg ohne auch nur einmal zu zögern. Sie hatten beide kein gutes Gefühl bei der Tatsache und ahnten, dass da noch Ärger im Schlepptau war.

Durch eine kleine Abkürzung waren die Zwillinge dann doch früher vor der Tür zu Endres Aufgang als Leif und erwarteten ihn, denn sie wollten gern dabei sein, wenn die beiden sich das erste Mal wieder sahen. Die Reaktionen würden sie verraten. Auch wenn es da vielleicht nicht mehr viel zu verraten gab, denn Endre hatte es doch gequält schon zugegeben. „Heißen Reifen, den du da fährst, Junge“, sagte Michael, als er ausstieg und den Wagen verriegeln ließ, denn Gerrit war mit dem Schlüssel schon zur Tür gelaufen.

„Junge?“ Skeptisch hob Leif eine Braue. Der Typ war, wenn er Endre richtig verstanden hatte, zwölf Jahre jünger. Doch er sagte nichts weiter. Er wollte nur noch nach oben und sehen, wie es seinen beiden ging, also folgte er Gerrit die Treppe nach oben und war schon durch die Wohnungstür, kaum dass Gerrit sie aufgeschlossen hatte. Routiniert streifte er sich die Schuhe von den Füßen und ging in das Wohnzimmer. Er wusste, dass er Endre weder in der Küche noch im Bad finden würde.

Der erste, über den er fast stolperte, war Rudi, der seinem Herrchen um die Beine strich, um ihn zu begrüßen. „Na, Süßer?“ Leif beugte sich zu ihm und strich ihm über das Fell, sein Blick aber suchte durch das Wohnzimmer. Auf der Couch sah er Endre liegen und auf dessen Brust schlummerte JJ. Ein Bild, was Leif durch und durch ging. So sollte es JJ gehen, geliebt, verstanden, gehalten – genau so!

„Endre?“, fragte er leise. Er wollte ihn ja nicht wecken, sollte er schlafen.

Doch Endre schlief nicht. Etwas irritiert öffnete er die Augen, als er Leifs Stimme hörte und sah ihn fragend an. „Was machst du denn hier?“, fragte er, doch er bekam im ersten Augenblick keine Antwort. Leif stand vor der Couch und starrte ihn an. Starrte auf die Schürfwunden, die Platzwunden und die Blutergüsse, die sich langsam bildeten.

„Ach du Scheiße!“, war alles, was er sagen konnte und er hatte Glück, dass JJ schlief, sonst hätte ihn Endre gleich wieder gemaßregelt. „Der Kerl ist doch nicht dicht!“ Leif ging neben der Couch in die Knie. Ohne nachzudenken küsste er Endre sanft auf die Lippen. Es lag noch ein metallsicher Hauch auf ihnen und ließ Leif erschauern. Er vergaß völlig, dass sie nicht allein waren, sondern die Zwillinge in der Wohnzimmertür standen und die beiden ganz genau beobachteten.

Langsam wurde der Kuss intensiver und eine von Leifs Händen strich Endre sanft die Seite auf und ab. Ab und an strich er auch JJ über den Kopf, doch der reagierte gar nicht. Er schlief wohl ziemlich fest. „Das hat er nicht umsonst gemacht“, flüsterte Leif und intensivierte den Kuss wieder. Endres Finger fuhren ihm durch die Haare und zog ihn dichter, bis ein Räuspern sie störte.

„Was dagegen, wenn wir erst einmal die eine oder andere Erklärung einfordern?“, fragte Michael. Er saß wie vorhin schon im Sessel neben der Couch, zu seinen Füßen Gerrit, der sich von seinem Schatz durch die Haare streichen ließ. Das mochte er zu gern. Außerdem freute er sich gerade diebisch darüber, wie Leif zusammenzuckte und sein großer Bruder auch.

„Was macht ihr denn noch hier?“, knurrte Endre, doch er konnte sich nicht aufsetzen, um seinen Brüdern ins Gesicht zu sehen, weil JJ ja auf seinem Bauch lag. Von Gustav einmal völlig abgesehen.

„Na entschuldige mal, wir haben dir schließlich dein Liebchen vorbeigebracht“, konnte sich Gerrit nicht verkneifen, während Endre nur die Augen rollte. Was sollte das denn jetzt schon wieder für ein Seitenhieb sein?

„Gerrit“, knurrte Endre also und als Leif merkte, dass Endre sich erheben wollte, nahm er den schlafenden JJ an sich und trug ihn rasch rüber ins Schlafzimmer, was Gerrit abermals mit einem Grinsen bedachte und sein Blick sagte deutlich: Der kennt sich hier ja richtig gut aus.

„Was wird jetzt passieren, Endre?“, fragte Michael, der im Augenblick keine Lust auf Flachserei oder Anspielungen hatte. Sie hatten größere Probleme.

„Gib ihm noch Gustav“, sagte Endre, als Leif aus dem Schlafzimmer zurückkam. Er richtete sich langsam auf, denn schnelle Bewegungen waren im Augenblick Gift für das Wohlbefinden, und reichte das Schaf rüber. Rudi war sowieso schon ins Schlafzimmer gestromert, er hatte schon raus, dass er dort noch am ungestörtesten schlafen konnte. „Was willst du jetzt hören, Michael?“, wendete er sich an seinen Bruder, als auch Leif sich zu ihm auf die Couch gesetzt hatte.

„Es geht nicht darum, was ich hören will, Endre. Es geht darum, was passieren soll“, sagt er noch einmal und hielt seinem Schatz den Mund zu, als der über das Pärchen auf der Couch schon wieder etwas bemerken wollte.

„Ich habe im Moment keinen Schimmer“, sagte also auch Endre unverfänglich, denn Denken tat im Augenblick ziemlich weh, er würde es gern so gut es ging vermeiden.

Das spürte Leif deutlich, denn er saß sehr dicht neben Endre und spürte immer wieder, wie dessen Körper zuckte. Ohne auf die Blicke der Brüder zu achten, drapierte er Endre also bequemer an sich und legte den Arm um ihn, damit er Endre stützen konnte.

„Es ist mein Job, eine Lösung zu finden und den ersten Schritt werde ich jetzt tun. Ich würde JJ gern noch so lange hier lassen, bis ich mit Viktor gesprochen habe, dann werde ich mit dem Kurzen in ein Hotel gehen.“

„Wirst du nicht“, knurrte Endre, denn er wusste ganz genau: wären seine neugierigen Brüder nicht hier, wäre Leif nie auf die Idee gekommen, in ein Hotel zu gehen. Er wäre wie selbstverständlich hier geblieben, so wie Endre das gern hätte. Deswegen erklärte er ihm auch, dass es wohl langsam reichte, JJ von einem Ort zum anderen zu zerren. Vorerst würde der Junge hier bleiben. Dass Leif das auch würde, sagte keiner, aber jeder wusste es. „Und diskutiere jetzt nicht mit mir, ich bin verletzt.“

Eigentlich hatte das nur ein Scherz sein sollen, doch als Endre sah, dass Leif den Kopf einzog und sich schuldig fühlte, sah er kurz seine Brüder an, knurrte warnend und zog Leif zu einem kurzen Kuss zu sich. Er hatte doch sowieso nichts mehr zu verlieren, seine Brüder wussten Bescheid. „Es war nicht deine Schuld“, sagte Endre leise, auch wenn er wusste, dass Leif ihm das nicht glaubte. Warum sollte er auch? Hätte er seine Grenzen vorher klarer gesteckt, hätte er nicht seine eigenen überschritten oder Viktor mit seinen Abneigungen ernster genommen, wäre das nicht passiert.

„Ich werde das jetzt gleich hinter mich bringen.“ Leif wirkte entschlossen und das war er auch. Es brachte nichts, das noch lange vor sich her zu schieben – es hatte schon zu viele Spannungen gegeben. Er musste jetzt einen Strich machen und sein Leben komplett neu beginnen. Er hatte noch geglaubt, Viktor in sein neues Leben integrieren zu können, doch der wehrte sich mit Händen und Füßen dagegen, also musste der Schnitt rigoros gemacht werden.

„Was hast du vor?“, fragte Endre, der kein gutes Gefühl hatte.

„Ich werde diese Beziehung beenden und ausziehen, noch ein paar Klamotten für den Kleinen holen und meinem Ex-Verlobten erklären, dass er entweder in zwei Wochen aus dem Apartment ausgezogen ist oder ab dann Miete zahlt, denn das Ding gehört alleine mir.“

„Harter Tobak“, murmelte Michael. Eines musste er ja sagen – wenn der Kerl was machte, dann wohl richtig und mit Stumpf und Stiel. „Aber hat er als Verlobter nicht ein paar mehr Rechte? Kannst du ihn einfach so auf die Straße setzen?“

„Ist mir egal, dann bekommt er eben die nötige Frist. Da soll sich mein Anwalt drum kümmern.“ Darüber wollte Leif jetzt wirklich nicht nachdenken! Seine Sorgen lagen ganz wo anders. Wenn er jetzt nicht ging, verließ ihn der Mut, deswegen küsste er Endre noch einmal und erhob sich langsam. „Bis dann“, sagte er leise und lächelte schief, als er ging.

Endre sah ihm nach. Hoffentlich ging das gut. Nicht einmal die Zwillinge wagten noch etwas zu sagen, als Leif die Tür hinter sich schloss.

Der Weg zu seinem Apartment war ihm noch nie so schwer vorgekommen. Jetzt kam er Leif endlos vor, weil er es gleich hinter sich haben wollte. Doch als er anfing sich auszumalen, was er sagen wollte, war der Weg nicht lang genug. Er rollte schon in die Tiefgarage und hatte noch immer keinen Schimmer, wie er das jetzt aufbauen wollte. Doch er verließ sich auf seinen Bauch und auf Viktor, der würde ihm schon die richtigen Schlagworte liefern.

Als Leif aus dem Aufzug stieg, kam Viktor gerade im Bademantel und sich die Haare trocknend aus dem Bad. Er lächelte. „Bist ja schon da“, doch als er Leifs Gesicht sah, verfinsterte sich auch das seine. „Hat das Weichei schon gepetzt? Bist du hier, um mich anzumachen? Dann kannst du gleich wieder gehen, darauf habe ich jetzt wirklich keinen Bock“, erklärte Viktor und vermied es, seinen Verlobten küssen zu wollen.

„Irrtum, Vik“, sagte Leif, ruhiger als er innerlich war, „du wirst gehen.“

Langsam wandte Viktor sich um. Was sagte sein Verlobter denn da? „Was soll das, Leif? Ich werde bestimmt nicht gehen? Das ist meine Wohnung, wenn einer geht, dann diese Straßenratte.“ Was hatte der Idiot denn seinem Schatz für Flausen in den Kopf gesetzt?

„Irrtum, Viktor. Dieses Apartment gehört allein mir. Ich stehe im Kaufvertrag und im Eigentümervertrag. Ich werde dir deinen Ring da lassen, ein paar Klamotten nehmen und gehen. Ich wünsche, dass du dir überlegst, ob du weiter hier wohnen möchtest, dann wirst du Miete zahlen wie jeder andere auch und wenn nicht, wirst du ausziehen und ich werde das Apartment verkaufen. Ich jedenfalls werde hier hin nicht mehr zurückkehren.“ Leif fühlte sich ein bisschen mulmig. Eigentlich wollte er doch ganz andre Dinge sagen, er wollte Viktor anschreien, ihm erklären, was für ein Arschloch er war. Er hatte doch alles aufs Spiel gesetzt mit seiner Sturheit und seiner ablehnenden Haltung. Er hatte weder JJ noch Endre eine Chance gegeben. Doch er konnte es nicht – nicht einfach so.

„Bist du noch ganz dicht? Nur weil du gerade einen jungen Hüpfer im Bett hast, drehst du jetzt völlig frei und wirfst alles weg?“ Viktor glaubte sich verhört zu haben und kam auf Leif zu, doch ehe er ihn greifen konnte, hob der abwehend die Hände und zischte, dass Viktor sich nicht einfallen lassen sollte, ihn anzufassen.

„Auch wenn es in dein krankes Hirn nicht rein geht, das hat mit Endre nichts zu tun. Hier geht es um JJ. Du hast deine Hand gegen den Jungen erhoben und das werde ich dir nicht verzeihen. Dass erwachsene Kerle sich prügeln, nun, das kommt vor. Dagegen kann ich nichts sagen, denn ihr seid alt genug. Aber den Jungen zu schlagen, nur weil du miese Laune hast, ist das letzte und mit solch einem Mann will ich nicht zusammen sein.“

„Schiebst du das Balg vor, um mich loszuwerden?“ Viktors Augen blitzten. Was redete sein Verlobter denn da für einen Mist? Und warum ging der jetzt ins Schlafzimmer? Viktor folgte.

„Vik, ich bin es leid zu reden, ohne dass du es verstehst. Du hast deine vorgefasste Meinung und du hast ein Bild von mir, bei dem ich mich frage, was du eigentlich noch an mir findest, wenn du sowieso glaubst, ich betrüge dich und suche Vorwände, dich zu verlassen. An solch einen Mann klammert man sich doch nicht mehr oder hast du schlicht Angst vor dem Alleinsein? Halt die Klappe, Viktor, jetzt rede ich, du hast deine Zeit gehabt“, fuhr Leif seinem Verlobten über den Mund. Jetzt hatte er endlich den Mut gefunden, das musste er ausnutzen.

„Deine Affenliebe kotzt mich schon lange an, Vik. Ständig dein Misstrauen gegen alles und jeden. Gegen Ian, gegen Endre. Egal welcher Mann in meine Nähe kam. Du musst mich ja für ein sexbesessenes Monster ohne eigenen Willen halten, wenn du in jedem Kerl potenzielle Konkurrenz siehst. Aber eigentlich interessiert es mich nicht mehr, Vik. Das mit uns war 'ne geile Zeit, keine Frage, aber diese Zeit ist vorbei.

Ich werde älter. Ich will nicht mit 40 abgehalftert von Disko zu Disko meiner verlorenen Jugend hinterher laufen, ich wollte ein neues Leben anfangen. Du hast dich geweigert, mich auf diesem Weg zu begleiten, hast immer wieder versucht, mich auf deinen alten Weg zu schubsen – aber jetzt reicht es.“ Wütend, weil erst seine eigenen Worte ihm klar gemacht hatten, was alles in ihm brodelte und vor allen Dingen, wie lange schon, warf er eine Reisetasche aufs Bett und warf seine Klamotten rein. Zumindest die, die er täglich brauchte. Ein paar Hosen, Unterwäsche, Shirts, ein paar der guten Anzüge. Die würde er brauchen, wenn er sich einen neuen Job suchte.

Fassungslos sah Viktor ihm dabei zu. Er konnte nicht begreifen, was Leif da sagte. Was hatte dieser Scheißkerl seinem Schatz alles an Giftigem in den Kopf gepflanzt? Leif würde doch nie so über ihn denken oder sprechen. Das musste dieser Endre gewesen sein, der würde sein Fett noch kriegen. War die Abreibung heute nicht genug gewesen?

„Ich lass dich nicht gehen, Leif, ich liebe dich. Wir gehören zusammen.“ Er kam näher und wollte Leif greifen, doch der wich warnend zurück.

„Du liebst mich nicht, Viktor, du liebst den Gedanken, dich mit mir zu zeigen und mich zu besitzen. Aber das ist nicht ganz dasselbe“. Leif durchsuchte seinen Nachtschrank und als Viktor sah, dass er auch die Utensilien für den Sex an sich nahm, sah er rot. Er warf Leif aufs Bett und brachte sich über ihn, doch so leichtes Spiel, wie er glaubte, hatte er mit seinem Verlobten nicht. Der zog geschickt ein Knie an und traf Viktor dort, wo es richtig wehtat. Stöhnend rollte er sich von Leif und krümmte sich zusammen. Verdammt! Was passierte hier?

Langsam erhob sich Leif und sah auf Viktor hinab. „Es tut mir leid, Vik, aber du hörst mir einfach nicht zu. Du hast nicht begriffen, was nein heißt und du hast auch nicht begriffen, dass mein Leben sich verändert hat. Ich hatte dir die Chance gegeben, mit mir zu kommen, doch du hast dich geweigert. Mach weiter deine Partys, geh tanzen und feiern. Ich habe einen anderen Inhalt für mein Leben gefunden. Viel Glück.“ Er wandte sich um und ging.

Es tat ihm in der Seele weh, Viktor mit Schmerzen zurücklassen zu müssen. Es war das erste Mal, dass er seinen Verlobten mit Tränen in den Augen sah und es zog ihm das Herz zusammen. Warum hatte es so weit kommen müssen? Warum, verdammt? Langsam streifte er den Ring vom Finger und legte ihn auf das Fußende des Bettes. Er konnte ihn nicht mehr tragen. Er war das Symbol einer anderen Zeit, doch die war vorbei.

„Du wirst es bereuen, mich zu verlassen“, keuchte Viktor und Leif sah sich doch noch einmal um. „Ich weiß“, sagte er mit einem Lächeln, das Viktor durch und durch ging. Doch es war nicht gelogen. „In deiner gekränkten Eitelkeit wirst du mir Ärger machen, wo du nur kannst, Vik. Ich kenne dich zu gut. Ich weiß, wie du tickst.“ Er wusste, wie rachsüchtig sein Ex-Verlobter war. Er wusste, dass er in den nächsten Wochen durch die Hölle gehen musste. Doch anders kam er aus dieser Situation nicht mehr raus.

In JJs Zimmer sammelte er noch das nötigste zusammen. Die Klamotten, die Plüschtiere, ein paar Spielsachen. In der Küche nahm er noch das kleine, rosa Schaf von der Theke, das er sich gekauft hatte – dann verließ er das Apartment. Unsicher, das richtige getan zu haben. Viktor würde so schnell keine Ruhe geben. Er würde ihn schneiden, wo es nur ging. Jetzt musste Leif zusehen, dass er so schnell wie möglich sauber wurde, denn wenn Endres Brüder schon mit dem Jugendamt drohten, dann konnte er sich denken, dass Viktor – wenn er begriffen hatte, dass Leifs Auftritt eben wirklich kein Scherz war – ihn dort packte, wo es Leif am meisten schmerzte und das war der Junge.

Tief durchatmend packte Leif die Taschen auf den Beifahrersitz seines Sportwagens und rauschte hinaus in den Abend. Doch er machte einen kleinen Umweg, ehe er zurück zu Endre fuhr. Der fehlende Ring an seinem Finger machte es Leif nicht deutlich genug – er brauchte einen richtigen Schnitt. Radikal.


-63-

Es waren bereits ein paar Minuten vergangen seit Leif die Tür hinter sich geschlossen hatte. Die drei Brüder saßen einfach nur im Wohnzimmer und sahen einander an.

„Und jetzt?“, fragte Michael noch einmal, weil er noch immer nicht wusste, was nun passieren sollte. Er machte sich Sorgen um seinen großen Bruder, denn so wie er aussah, war mit dem Verlobten von Leif nicht zu spaßen. Und auch wenn der Blonde glaubte, er könnte sich einfach trennen und dann weiter sehen – so zuversichtlich war Michael nicht.

„Fang bitte nicht schon wieder damit an, Micha. Ich kann dir jetzt auch nicht mehr Antworten geben als vorhin.“ Endre war es wirklich langsam leid. Es war ja nicht so, dass er seine Brüder aus allem raushalten wollte, weil er glaubte, es ginge sie nichts an. So war das wirklich nicht. Doch er wusste es doch auch nicht! Als er heute Morgen aufgestanden war, hätte er im Traum nicht gedacht, dass etwas in der Art passieren würde und er heute Abend mit JJ in seiner eigenen Wohnung landen würde.

„Habt ihr eigentlich schon?“, konnte sich Gerrit die Frage nicht verkneifen, die ihm eigentlich am meisten auf der Zunge brannte.

Endre, der nicht gleich verstand, auf was sein Bruder eigentlich hinaus wollte, sah ihn mit schief gelegtem Kopf an und zog die Brauen zusammen, denn nachdenken machte immer noch Kopfschmerzen. Das dumpfe Dröhnen hinter der Stirn war so schon kaum auszuhalten.

„Gerrit, halt die Klappe. Das geht dich nichts an“, knurrte Michael, der einmal mehr feststellen musste, dass sein Liebling wirklich auch in den merkwürdigsten Situationen nur eines im Kopf hatte. „Ich meine, Endre, er wird hier wohnen. Du hast es ihm angeboten. Wie soll das werden?“ Michael hatte da noch keine Vorstellungen.

„Wird er seine Firma von hier aus leiten? Und was ist mit den Filmen? Er wird seinem Verlobten doch gar nicht aus dem Weg gehen können. Und dann der Junge. Mal davon abgesehen, dass ich keinen Schimmer habe, wie ein Mann mit Leifs Vergangenheit und Job den Jungen zugesprochen bekommen hatte. Normalerweise werden doch die Kinder lieber ins Heim gegeben, als sie zwielichtigen...“

„Hey!“ Endre holte tief Luft, was redete Michael da für einen Mist? „Leif ist alles, aber definitiv nicht zwielichtig und außerdem hat er aufgehört zu drehen und steigt aus der Firma aus. Er lässt sich auszahlen und zieht seinen Namen zurück. Alles nur für JJ. Also wage es nicht, ihn als zwielichtig zu bezeichnen, denn etwas Besseres als Leif kann JJ doch gar nicht passieren. Und was er über Kindererziehung noch lernen muss, das lernt er von mir.“ Endre war erbost darüber, wie seine Brüder über Leif dachten. Das durfte doch nicht wahr sein. Sie kannten ihn kaum und maßten sich ein Urteil an.

„Endre, komm wieder runter von deiner Lobhuldigung“, sagte Michael unbeteiligt. Sein Bruder konnte gar nicht objektiv an alles heran gehen. Er war involviert und das nicht nur mit seiner Person, sondern mit dem Herzen. Die rosarote Brille, die er trug, war ziemlich gefährlich, denn es fehlte der Weitblick. „Es ist nun einmal so, dass Sex in dieser Gesellschaft nicht nur ungern toleriert wird, sondern es schlicht nicht schicklich ist. In der Branche zu arbeiten ist noch viel weniger schicklich und am unschicklichsten ist schwuler Sex, ob dir das nun passt oder nicht.

Ich gehe mal still davon aus, dass man bei der Recherche etwas nachlässig gewesen war und keiner in der Behörde einen Schimmer hat, was Leif eigentlich macht, um sein Geld zu verdienen. Die Leute juckt es nicht, ob er ein guter Mensch ist und alles für den Jungen tut. Diese Deppen sehen nur den Job und dann das Kindeswohl in Gefahr. Das eines kleinen Jungen vielleicht noch mehr als das eines Mädchens, wenn du...“

„Hör auf!“ Endre schoss hoch, doch er musste sich wieder fallen lassen. Er wollte sich diesen Mist nicht mehr anhören, doch er konnte auch nicht weglaufen. Sein Körper war vom vielen Liegen nicht mehr gewohnt, selbst das Gleichgewicht zu halten. „Hör auf, solch einen Mist zu reden!“, sagte er leise und zog die Decke wieder zu sich. Er war kleinlaut geworden, weil er ziemlich schnell – auch mit seinem hämmernden Schädel – begriff, dass Michael Recht hatte.

So lief es und so dachten diese Behörden. Sie hatten es doch selbst erlebt. Lieber gaben sie Kinder in intakte, scheinheilige Familien, die nach außen das Bild der guten deutschen Tradition vermitteln, aber wo die Mutter soff und der Vater prügelte wo es nur ging. Ihre beiden Jüngsten hatten doch genau dieses Schicksal durch – die Narben auf ihren Körpern erzählten Geschichten, die Endre in seinem Leben nicht vergessen konnte, weil er sie nicht hatte verhindern können. Wenn sie nicht wussten, wie verlogen dieser Staat und dessen Behörden waren, wer dann?

„So darf das nicht laufen. Er gibt doch alles auf. Er ändert sich, er steigt überall aus. Sie können ihm JJ nicht einfach wegnehmen. Sie müssen doch sehen, dass es dem Kleinen hier gut geht und wie er aufgetaut ist.“ Endre weigerte sich, so weit zu denken. Er hatte sich nicht nur an den Jungen gewöhnt, er hatte ihn ins Herz geschlossen. Schon allein die Vorstellung, dass das sensible Kerlchen wieder zu Fremden sollte, vielleicht in eine Familie wie Sven damals? Niemals. Das konnten sie doch nicht zulassen.

„Ich sage ja nicht, dass das so kommen wird, Endre“, sagte Michael und erhob sich. Er setzte sich neben seinen großen Bruder und zog ihn in seine Arme. Das war es nicht, was er bezweckt hatte. Er hatte ihm nur die Augen öffnen wollen für das, was noch kommen mochte. Doch Endre war schon lange nicht mehr objektiv. Er steckte da mit drinnen. Er war endlich dazu gekommen, sich eine kleine Welt zu bauen die er beschützen wollte. Und nun lag sie halb in Trümmern. Das war nicht gut.

„Ich sage nur, dass ich diesem Viktor einiges zutraue und unter anderem auch, dass er Leif dort treffen will, wo es ihm richtig weh tut. Das ist nun einmal, so wie du erzählt hast, der Kurze. Das wissen wir alle. Und eine Anzeige beim Amt reicht, um sie wühlen und schnüffeln zu lassen, peinliche Fragen zu stellen und so lange nach Dreck zu suchen, bis sie zufrieden sind. Und eines sage ich dir: bei einem schwulen Pornodarsteller werden sie nicht lange suchen müssen, bis sie die Nase rümpfen können und den Kleinen wieder in die Obhut des Staates holen. Rechne damit.“

Endre wusste nicht mehr, was er noch sagen sollte. Diese Gedanken hatte er sich selbst ja auch schon einmal gemacht, doch blind hatte er darauf vertraut, dass nichts passieren würde. Leif hatte Zeit, sich aus allem zurückzuziehen und sauber zu werden und dann war alles in Butter, doch nun hatte die Realität ihn eingeholt. Nichts war geklärt, Leif steckte noch bis über beide Ohren in allem mit drinnen. Sein Name stand im Handelsregister und ein Blick in die Akten reichte, um Bescheid zu wissen.

„Und nicht genug dessen, dass er Schmuddelfilmchen macht, er lebt mit einem Mann zusammen“, gab Michael weiterhin zu bedenken. „Und du weißt so gut wie ich, dass man das einem Kind ja angeblich nicht zumuten kann. In einem solchen Umfeld kann es sich doch nicht gesund entfalten. Wenn man nicht gerade berühmt ist, hat man als schwules Paar null Chance.“

Endre seufzte. Das waren keine erquickenden Aussichten.

Gerrit, der noch immer vor dem Sessel auf dem Boden saß, hatte die Chance, seinem großen Bruder ins Gesicht zu sehen und schüttelte den Kopf. Sicher, man sollte immer mit dem GAU rechnen, doch im Augenblick hatte Endre doch gar nicht den Kopf dafür.

„Lass ihn in Ruhe“, sagte er deswegen und robbte näher. „Ich glaube, dass er sich dessen sehr wohl bewusst ist. Doch im Augenblick hat er nicht den Nerv dafür. Außerdem ist das nicht allein sein Job, sondern auch der von Leif. Der muss sein Leben in geordnete Bahnen lenken und er muss es auch sein, der dem Amt glaubhaft machen kann, dass er das Beste ist, was dem Kleinen passieren kann.“ Dass es nicht nur dazu gehörte, aus der Branche auszusteigen, sondern vielleicht auch eine Frau ins Spiel kommen sollte, sagte er lieber nicht. Das dürfte seinem Bruder das Herz brechen.

Über ein weibliches Kindermädchen mussten sie nicht nachdenken, das wussten sie. JJ hatte immer noch keinen guten Draht zu Frauen. Wenn Endre nicht in der Nähe war, ging er ihnen aus dem Weg, wo er nur konnte. Selbst Birgit, die nun Franks rechte Hand war, hatte es nicht leicht, an ihn heran zu kommen. Das einzige weibliche Wesen, was sich dem Kleinen näher durfte, ohne dass er zitterte oder die Flucht ergriff, war Tiara.

„Er wird das schon hinkriegen. Der Typ ist ja nicht dumm.“ Michael zog seinen großen Bruder fester an sich und strich mit der Wange durch dessen Haare. Es war selten, dass Endre diese Schwäche bei sich selbst zuließ. Eigentlich war er immer der Große und der Starke, zeigte nie, wenn es ihm schlecht ging. Und im Augenblick geschah das wohl auch nur, weil er rasende Kopfschmerzen hatte, gegen die er nicht ankämpfen konnte.

Alle drei zuckten hoch, als die Tür aufging und JJ mit Gustav und Rudi im Schlepptau ins Wohnzimmer kam. Gleich machte sich Endre frei und streckte die Arme nach dem Kleinen aus. „Na, Maus?“ Er lächelte und dieses Lächeln ging seinen Brüdern durch und durch. Es war selten und gerade deswegen so wertvoll.

„En-re!“, murmelte JJ und sein Magen knurrte erklärend. Er kletterte seinem Kindermädchen auf den Schoß, eine Geste, die selbstverständlich war, doch für einen kurzen Augenblick sah Endre dies mit anderen Augen – so, wie man es ihm auch negativ auslegen konnte. Er schüttelte hastig den Kopf, denn er musste dieses Bild wieder loswerden.

„Tut dir was weh, JJ?“, fragte er stattdessen und strich JJ durch die Haare, auf der Suche nach einer Beule oder Schwellung. Doch JJ schüttelte nur den Kopf. „Maus, wenn dir was weh tut, dann musst du mir das sagen. Das ist wichtig, ja?“ Endre ließ nicht locker, doch JJ schüttelte wieder nur den Kopf und erklärte umständlich, dass schon alles gut wäre, er nur Hunger hätte.

Michael lachte leise und Gerrit konnte auch sehr gut verstehen, warum ihr großer Bruder so an dem Jungen hing, er war einfach süß und lieb. Gar nicht so wie man sich Kinder oft vorstellte.

„Am besten bestellen wir was“, überlegte Endre, denn sein Kühlschrank war leer. Vor der Reise auf die Seychellen hatte er alles aufgebraucht, was verderblich war und seit dem hatte er ja bei Leif gewohnt und deswegen hier auch keine Lager angelegt. Es würde zu lange dauern, jetzt einkaufen zu fahren und dann noch zu kochen. Liefern ging schneller.

Gerrit war schon aufgesprungen, um die ganzen Flyer zu holen. Sie bestellten noch zusammen, doch Michael hatte beschlossen, nur das Essen in Empfang zu nehmen und sich dann mit Gerrit zu verdrücken. Es dauerte sicher nicht mehr lange, bis Leif zurück war und da würden sie bestimmt nur stören. Gerrit wäre das vielleicht gar nicht so unlieb, schließlich war er neugierig auf Endre und den Pornostar, aber Michael ließ das nicht zu.



Während JJ also schon seinen Hunger stillte, verabschiedete Endre seine Brüder mit dem Versprechen, sich morgen wieder zu melden.

Es war ein fliegender Wechsel, denn unten in der Tür lief ihnen Leif bereits mit zwei großen Taschen über den Weg. Die Zwillinge guckten nicht schlecht, doch sie wussten gar nicht, was sie sagen sollten. Sie grüßten und verschwanden. Da mischten sie sich nicht mehr ein als nötig war, um Endre dort heil und wohlbehalten zu wissen.

Endre räumte gerade – noch etwas taumelig auf den Beinen – die Portion Pekingente für Leif in die Mikrowelle, damit sie es später nur aufwärmen brauchten, als es klingelte. Er hob kurz den Kopf und fragte sich, was seine vergesslichen Brüder noch wollten. Er riss also die Tür auf und wollte fragen, doch die Worte blieben ihm im Halse stecken. Der Mann vor der Tür war ihm bekannt und dann wieder nicht. Er hatte Leifs Gesichtszüge, doch er hatte schwarze, kurze Haare. Endre musste zweimal hinsehen und Leif grinste schief.

„Das hat sein müssen“, sagte er und hoffte, dass diese Erklärung vorerst reichen musste. Schnell huschte er durch die Tür in die Wohnung, ehe Rudi auf die Idee kam, das Treppenhaus zu erkunden. Er ließ die Taschen fallen und griff wortlos Endre. Er zog ihn an sich und küsste ihn, erst sanft, dann immer harscher und drückte ihn gegen die Wand im Flur. Der zischte unterdrückt und Leif ließ sofort wieder von ihm ab.

„Tut mir leid“, murmelte er leise und stand verlegen herum. JJ, der neugierig in den Flur gelaufen war, weil er Leifs Stimme gehört hatte, sah den Mann verwundert an. Leif ging in die Knie und streckte die Arme aus.

„Ja, Maus, ich weiß. Ich sehe anders aus. Aber das sind nur die Haare“, versicherte er und nach ein paar Sekunden Bedenkzeit glaubte ihm JJ das auch. Zusammen gingen sie wieder ins Wohnzimmer, wo Endres Essen noch unangetastet stand. JJ machte sich wieder über seine erbettelten Fischstäbchen mit Pommes her und wirkte ziemlich zufrieden, während Leif aussah wie ein Schluck Wasser in der Kurve.

„Was ist passiert?“, fragte Endre und er hasste sich selbst dafür, dass sein erster Blick auf Leifs Finger ging, an dem normalerweise der Verlobungsring getragen wurde. Er war nicht mehr da. Hatte Leif ihn nur abgenommen oder wirklich zurückgegeben und warum ging es Endre überhaupt etwas an?

„Ich bin wieder zu haben“, grinste Leif schief und strich sich durch die Haare. Es war ungewohnt, dass der Nacken plötzlich frei lag und es war kühl auf der sonst geschützten Haut.

„Idiot“, Endre grinste schief und ließ sich neben ihn auf die Couch fallen, während er JJ ermahnte, gefälligst nicht die Fischstäbchen an den Kater zu verfüttern. Als Leif ihn an sich ziehen wollte, wich Endre kurz zurück, doch als er die Enttäuschung in dessen Augen sah, ließ Endre es geschehen. Was sollten sie sich noch verstecken? Es war, wie es war.

„Ich muss nachher noch ein paar Telefonate führen. Ich will morgen früh um Acht die Papiere fertig haben, die besiegeln, dass ich aus der Firma scheide, mein Name gestrichen wird und ich aus dem Handelsregister verschwinde.

Des Weiteren will ich wissen, in welcher Form Viktor als zweiter Eigentümer der Firma mich auszahlen muss oder ob ich meine Anteile an der Firma veräußern kann. Außerdem werde ich mich nach einem Agenten umsehen, der sich nach geeigneten Jobs für mich umschaut und ich werde die Sache mit dem Apartment klären.“

Leif hatte beim Friseur viel Zeit zum Nachdenken gehabt. Als der erste Schock über dies alles gewichen war, war ihm ziemlich schnell klar geworden, dass die Zeit knapp wurde. Er musste seine Weste rein waschen, so schnell es nur irgendwie ging. Wenn es möglich war, einen Lebenswandel vom Pornostar zum Gouverneur in einem erzkonservativen, amerikanischen Bundesstaat zu machen und glaubwürdig dabei zu sein, sollte das doch hier auch möglich sein. Er brauchte so schnell wie möglich einen Job, etwas Solides.

„Ja, telefoniere. Ich werde dann so lange den Kurzen ins Bett bringen und ihm etwas vorlesen.“ Endre nickte zustimmend. Er wusste nicht warum, aber er war stolz, dass auch Leif schon so weit gedacht hatte, wie Michael Horrorszenarien aufgezeigt hatte. Leif war nicht einfach nur ein stupider Sexmaniac. Er war ein liebender Mann. „Hunger?“, fragte er aber, weil er Leifs neidischen Blick auf das Essen sah. Er grinste und erklärte, dass man ihn nicht vergessen hatte. Endre wollte sich erheben, doch Leif drückte ihn wieder auf die Couch.

„Bleib sitzen, Schatz“, sagte er wie selbstverständlich und ließ es Endre heiß und kalt den Rücken runter laufen.

Schatz - das klang gut. Wertvoll irgendwie. Endre lächelte. Wenn sie nur fest daran glaubten, dann musste einfach alles gut werden. Es musste!

„Was glaubst du?“, fragte Endre, als Leif wieder neben ihm saß, „wie viel Zeit wird er sich nehmen, ehe er anfangen wird.“ Er wusste nicht, wie er das formulieren sollte, weil er nicht wusste, wie viele Emotionen und Gefühle Leif für Viktor noch hatte. Nicht immer waren die Gefühle tot, nur weil man sich trennte. Oft waren Trennungen Vernunftentscheidungen. Leif konnte diese Angst spüren und zog Endre zu sich.

„Nicht mehr lange. Er hat meinen Ring zurück und ich habe ihm noch einmal zwischen die Beine getreten, als er mich im Bett überzeugen wollte. Aber für mich ist die Sache klar.“ Er küsste Endre auf die Schläfe und schloss die Augen. Eigentlich war aus seiner Verlobung schon lange die Luft rausgewesen. Sie hatten sich in verschiedene Richtungen entwickelt. Das war schon vor Jahren passiert.

Es war ja nicht so, dass Leif das nicht bemerkt hätte, doch er war zufrieden gewesen, wenn Viktor zufrieden gewesen war und der hatte sich schlicht daran gewöhnt, dass Leif ihn machen ließ und willig folgte. Das war so lange kein Problem gewesen, wie Leif keine Chance auf die Erfüllung seines Traumes gehabt hatte. Doch nun hatte er die Chance und er würde alles dafür geben – auch diese Beziehung ohne Zukunft. Nur dass es erst so weit hatte kommen müssen, dass fremdes Blut geflossen war, ehe er den Absprung aus diesem Trott gewagt hatte, verzieh sich Leif nicht so schnell. Vor allem, weil es das Blut derer gewesen war, die er am meisten liebte.

Liebte – es war so einfach, es zuzugeben. Er liebte Endre, er war nicht einfach nur verrückt nach dessen Arsch oder willig auf dessen Schwanz – er liebte ihn, weil er Endre war. Verständnisvoll, zielstrebig, ein gestandener Mann, der in seinem Leben schon viel zu viel Elend gesehen hatte. Doch Leif brachte die Worte nicht über die Lippen – sie wären an dem Tag, an dem er eine langwierige Beziehung beendet hatte, sicher wenig glaubhaft gewesen und eher eine Art Flucht in die nächste Bindung. Doch so war es nicht.

Er grinste, weil Endre ihn immer wieder ansah, sicher musste auch er sich erst an diese radikale Typveränderung gewöhnen. „Vik hat diese Haare immer geliebt und in meinen Filmen hatte ich immer diese Frisur. Ich wollte endlich einen Schnitt“, versuchte er seine Beweggründe zu erklären und schmollte, als Endre leise kicherte.

Immer einmal von kleinen Zärtlichkeiten unterbrochen aßen sie, während Rudi und JJ schon wieder zusammen über den Teppich rollten. Endre ließ sie noch eine Weile toben, ehe es für JJ Zeit war, sich bettfein zu machen. Leif telefonierte schon seit dem Essen und sprach mit seinem Anwalt alles durch, was ihm im Augenblick auf der Seele brannte, ließ auch die Sorge um den Jungen nicht aus. Endre lauschte nicht. Er wusste, dass Leif es ihm sagen würde, wenn es ihn etwas anging. So brachte er den Kleinen ins Bett, arrangierte auch Rudi und Gustav und schob alles so zusammen, dass auch Leif noch Platz finden würde, wenn er später zu ihm kam. Es war ein wohliges Gefühl im Bauch, sich vorzustellen, dass Leif sich zu ihm legen würde, sie sich berühren konnten, küssen, zusammen einschlafen.

Mehr würde nicht passieren, denn zum einen lag JJ direkt neben ihnen – zum anderen fühlte sich Endre immer noch furchtbar. Über seine Gedanken schlief auch er irgendwann ein und so merkte er nicht einmal, als Leif ins Bett gekrochen kam und sich an ihn kuschelte. Leif lächelte zufrieden, als er merkte, dass er doch noch nicht abgestumpft war. Er konnte das warme Gefühl im Körper noch spüren, was einen überkam, wenn man verliebt war.

Er genoss seit langen wieder die Nähe eines anderen Körpers. Einfach nur Nähe, keine Pflicht auf körperliche Leidenschaft, was nicht hieß, dass er Endre nicht begehrte. Doch diese Nähe, das Gefühl von Geborgenheit, war bei seiner Vergangenheit nicht mit Gold aufzuwiegen. Er wollte es genießen, so lange es nur ging, es aufsaugen wie ein Schwamm. Erst jetzt merkte er, wie sehr er diese eigentlich banalen Dinge vermisst hatte. Bei Viktor war alles was Nähe bedeutete, in Sex ausgeartet.

Hier war Nähe das, was sie war – Verbundenheit.



-64-

Es war ein ungewöhnliches Erwachen für Endre an diesem Morgen. Nicht nur die fremde Wärme an seiner nachtheißen Haut, auch die dünne Stimme, die schimpfend mit etwas zu kämpfen schien.

JJ, völlig unter dem Schlafschaf begraben, wollte eigentlich ein bisschen mit Rudi spielen, konnte sich aber des großen Gustavs nicht erwehren und konnte so nur dem Kater hinterher gucken, wie der aus dem Schlafzimmer verschwand. Als würde das nicht reichen, hatte er sich noch in der viel zu großen Decke verheddert und kam nicht vor und nicht zurück.

„Kurzer“, knurrte Endre, weil er noch ein oder zwei Minuten brauchte, um zu sich zu kommen. Er fühlte sich erschlagen und sein Kopf schmerzte noch immer. Nicht mehr so intensiv wie gestern Abend, doch gänzlich war der Schmerz noch nicht abgeklungen.

„Wasch’n?“, nuschelte es nun auf der anderen Seite von Endre und er sah sich irritiert um. Die schwarzen Haare auf seiner Schulter irritierten ihn, aber nach und nach kamen die Ereignisse des gestrigen Tages wieder.

„Leif?“, murmelte Endre leise, während er mit der anderen Hand JJ aus seiner misslichen Lage befreite und dann konnte er gar nicht so schnell gucken, wie der Kurze samt boykottierendem Schaf aus dem Bett verschwunden war und Rudi suchte.

„Morgen, Schatz“, nuschelte Leif und wirkte sehr zufrieden. Noch im Halbschlaf wickelte er sich fester um Endre und küsste sich langsam seinen Weg über dessen Schulter zum Hals und langsam höher. Zufrieden bemerkte er, wie Endre dabei erschauerte. Eine Gänsehaut schlich sich über Arme und Beine. Leif spürte es deutlich, denn er lag dicht an dicht mit diesem verlockenden Körper.

„W-was machst du?“ Endres Stimme zitterte, er konnte es nicht vermeiden. Noch nicht halb wach und schon Zärtlichkeiten dieser Art. Es war schön und erregend zugleich. Endre konnte es deutlich spüren und grollte dunkel. Er konnte sich gegen diese Liebkosungen einfach nicht wehren, auch wenn er wusste, dass es irgendwie nicht richtig war. „Leif“, versuchte er seine bebende Stimme noch einmal alibimäßig warnend klingen zu lassen, doch er scheiterte kläglich, denn Leifs Name war nur noch ein genießendes Hauchen.

„Ich wünsche dir einen guten Morgen – das mache ich“, grinste Leif, mittlerweile wacher und bestrebt, Endre in die höchsten Höhen zu treiben. Schon seit er dessen Bild das erste Mal in dem Stapel Bewerbungen gesehen hatte, war es Leifs Traum gewesen, diesen Mann in seiner leidenschaftlichen Ekstase zu erleben, egal was es kosten würde.

„JJ“, keuchte Endre und sein Rücken bog sich, als Leifs Hände suchend über seine Seiten strichen. Wild wand sich Endres Kopf auf dem Kissen – rechts – links – rechts – links – doch es wurde nicht besser. In ihm türmten sich Wellen, die er schon eine Weile nicht mehr erlebt hatte. Sie brandeten gegen seine Mauer der Willensstärke, stetig schlugen sie dagegen. Wieder und wieder und wieder.

„Der Kleine spielt mit dem Kater, Schatz“, murmelte Leif und dachte gar nicht daran, sich diesen Morgen verderben zu lassen. Mittlerweile war er über Endre gekommen. Kniete so, dass er ihn unter sich liebkosten konnte und damit sein Liebling keinerlei Einwände mehr machen konnte, verschloss er ihm den Mund mit seinen Lippen. Es war wie eine Sucht, als seine Zunge sofort suchend hervorschnellte und er feststellen musste, dass es Endre in seiner Gier nicht anders erging.

Die Berührung der fremden Zunge löste ein Feuerwerk aus, was die beiden Männer lustgetränkt aufstöhnen ließ.

Auch Endres Widerstand schien gebrochen, denn seine Hände strichen fahrig über Leifs Rücken, versuchte ihn tiefer und auf sich zu drücken, weil er ohne seine Decke zu frieren begann. Seine Füße stemmten sich in die Matratze und versuchten sein Becken höher zu drücken, damit er Leifs Schoß weit über sich berühren konnte. Er fragte sich auch nicht, warum er die Schmerzen plötzlich kaum noch spürte, sondern wollte nur noch genießen.

„En-re! JJ auch dnuddeln!“

Wie unter einem Stromstoß schoss Endre hoch und Leif rutschte von ihm, landete auf der Matratze und schüttelte sich kurz. Nur gut, dass sie beide noch etwas anhatten.

„Na komm her, Maus!“, streckte Endre die Arme aus und Leif knurrte, aber nur ganz leise. Langsam sank er wieder in die Laken und schloss die Augen. Das war der Hammer gewesen! Er hatte in seinem Leben schon so viel Sex gehabt, immer auf eine andere Spielart, doch das hier hatte ihn mehr erregt als alles andere zuvor.

Und weil es so war, warf Endre ihm mit einem missbilligenden Blick die Decke über den Schoß.

„Lustmolch“, murmelte er leise, grinste aber, denn ihm selber ging es nicht besser. Er konnte es nur besser verbergen. Doch wie Leif auch, musste er zugeben, dass dieses kurze Intermezzo gerade sehr erregend gewesen war. Für eine – aber wirklich nur für eine einzige – Sekunde hatte er sich gewünscht, JJ wäre nicht da und sie könnten den ganzen Weg bis zum Schluss gehen, sich ihrer Liebe versichern und sie sich einander beweisen. Doch der Gedanke war schnell von ihm abgefallen, denn JJ deswegen hergeben, das wollte er nicht.

„Maus, heute musst du mit mir einkaufen!“, sagte Endre und machte ein wichtiges Gesicht. Er wusste, dass JJ sich besonders groß fühlte, wenn er wichtige Sachen mit Endre machen durfte. Und Einkäufe tragen war für den Kleinen eine solche Sache. Deswegen nickte er gleich eifrig und hüpfte wieder vom Bett, weil er seinen Rucksack holen wollte, damit sie los konnten. Auf so unwichtige, lästige Unternehmungen wie Zähneputzen und Anziehen konnte man nämlich seiner Meinung nach auch mal verzichten, wenn so wichtige Dinge anstanden!

Endre lachte und rutschte langsam zum Fußende des Bettes, hielt aber inne, als er Leifs Arme um sich spürte und dessen Lippen in seinem Nacken.

„Ich hoffe, dass der Tag kommen wird, wenn JJ groß ist und ich nicht mehr nur die Nummer zwei für dich bin“, flüsterte Leif mit geschlossenen Augen und küsste sich sacht über die warme Haut.

Endre erschauerte und legte den Kopf auf die Seite. Er fühlte sich so begehrt, so wichtig wie noch nie in seinem Leben. Es war einfach nur schön – anders nicht zu beschreiben. Seine Hände legten sich auf Leifs und er lächelte, weil das jetzt kurze Haar an seinem Hals kitzelte.

„Du bist nicht nur die Nummer zwei, aber der Kleine braucht mich mehr als du“, sagte er und erhob sich, damit JJ sie nicht wieder so sah. Es war nicht so, als wollte er dies hier vor JJ geheim halten, doch das Jugendamt wäre sicher nicht erfreut darüber, wenn ein vierjähriger Junge über Dinge sprach, die ein Vierzehnjähriger laut Gesetz noch nicht einmal zu kennen hatte. Er löste sich langsam und stand auf, sah noch einmal auf Leif zurück, der auf der Matratze kniete und ihn ansah. Der Anblick war zu verlockend, einen Kuss stahl sich Endre noch, ehe er JJ beim Suchen half.

Leif sank langsam in sich zusammen und lächelte. So schlecht standen die Aktien also gar nicht? Vielleicht sollte er dafür sorgen, dass JJ ein eigenes Zimmer bekam, dann hatte er selbst Endre wenigstens in der Nacht für sich und das würde Leif für den Anfang vielleicht auch reichen. Er hatte da auch schon etwas im Auge – genau genommen seit sieben Jahren.

So lange stand die alte Villa am Stadtrand schon leer. Es würde viel daran gemacht werden müssen, doch sie hatte viele Zimmer, einen großen Garten, einen hohen Zaun und somit einen sicheren Spielplatz für den Kleinen. Leif nickte sich zu. Er bereute, dass er sich von Viktor das Haus immer hatte ausreden lassen, doch jetzt wollte er keine Zeit mehr vertrödeln.

Er griff sich das Telefon, was er auf die kleine Konsole über dem Bett gelegt hatte und suchte die Nummer des Maklers, während er grinsend JJ zuhörte, wie er mit Endre über Anziehen und Zähneputzen verhandelte.

Rudi kam zurück ins Schlafzimmer, leckte sich die Schnauze, weil er gefressen hatte und rollte sich neben Leif zusammen, der anfing den Kater zu kraulen. „Und du könntest dann auch draußen herumstromern, das wäre doch was, oder?“ Als würde er zustimmen wollen, schnurrte Rudi zufrieden.



Es dauerte noch eine halbe Stunde, bis alle drei frisch geduscht und angezogen waren. Bei Endre dauerte alles noch ein bisschen länger, doch es ging langsam wieder. Nur der Blick in den Spiegel machte ihm noch immer Sorgen. Blaue Flecken und Platzwunden. Es war jetzt schon klar, dass jeder ihn anstarren würde. Erst hatte er versucht mit Puder etwas abzumildern, doch das hatte keinen Sinn. So musste er sich eben seinem Schicksal stellen.

Leif nahm die beiden noch mit bis zum Supermarkt um die Ecke, dann fuhr er weiter zum Büro. Er wusste, dass Frank und Birgit auch am Samstag vor Ort sein würden, zumal die Filme auch noch fertig gemacht werden mussten und die Vorbestellungen bearbeitet. Außerdem hatte er seinen Anwalt zu acht Uhr bestellt, da machte es sich nicht gut, wenn er selbst zu spät kam. Er heizte also in dem schweren Wagen durch die Straßen und war pünktlich wie die Maurer im Büro.

„Leif?“, fragte Frank etwas irritiert und seine erschrockene Stimme lockte auch Birgit und Viktor an. Leif verstand nicht gleich, doch dann erinnerte er sich: seine neue Haarfarbe und die kurzen Haare. Kurz huschte sein Blick über alle drei und suchte die Reaktionen. Während Birgit anerkennend eine Braue hob und lächelte, verfinsterte sich Viktors Blick.

„Na? Steht dein neuer Stecher nicht auf lange, blonde Haare, ja?“, ätzte er, denn er hätte im Traum nicht gedacht, dass Leif sich je von seinem Markenzeichen trennen würde. Er schien seinem Ex also tatsächlich ernst zu sein.

„Neuer Stecher?“, fragte Frank und begriff nicht gleich. Was war denn hier abgegangen? Allerdings war er nicht der Adressat von Leifs Antwort, die richtete sich an Viktor.

„Du begreifst es einfach nicht, hm? Bist du erst zufrieden, wenn ich mit Endre im Bett war oder was? Ist bei dir eine normale Freundschaft zwischen zwei Männern nicht möglich, nein? Muss immer Sex im Spiel sein?“

„Endre?“, fragte Frank erneut, doch viel Hoffnung auf eine Antwort hatte er nicht. Die Atmosphäre im Raum war aufgeheizt und sie kochte immer höher. Birgit wollte ihn schon beiseite und aus dem Büro ziehen, doch Leif hielt sie an zu bleiben. „Bleibt, mein Anwalt wird auch gleich kommen. Das betrifft euch genauso, also hört es euch an.“ Er bot den beiden einen Platz auf der Couch in seinem Büro und setzt sich ebenfalls. Ob Viktor ihnen folgte, war ihm egal.

„Was mein Ex-Verlobter zu sagen versucht“, erklärte Leif nun und sah, wie Frank und Birgit schluckten, „ich habe mich gestern von ihm getrennt. Er bildet sich ein, das wäre, weil ich mit Endre durchbrennen will. Soll er glauben, was er will, ich kann es ja doch nicht beeinflussen. Ich glaube aber eher, dass es daran lag, dass er den Jungen geschlagen hat und Endre krankenhausreif geprügelt wurde.“ Nun ging sein Blick doch zu Viktor, doch der verzog nur verächtlich das Gesicht.

War doch nicht seine schuld, dass der Kerl nichts aushielt und sich nicht wehren konnte. Er hatte ja noch nicht einmal mit voller Kraft zugeschlagen.

„Du hast JJ geschlagen?“, fragte Birgit und man sah und hörte deutlich, dass sie dies missbilligte. Zwar glaubte auch sie, dass das nicht der einzige Grund für die Trennung war, doch das war die Sache der beiden Männer. Was den Jungen allerdings anging, das konnte sie nicht unkommentiert lassen.

„Das Gör hat mich provoziert!“, rechtfertigte sich Viktor. So weit kam es noch, dass er den Schwarzen Peter zugeschoben bekam.

„Wie kann dich ein dreijähriges Kind provozieren?“ Leif schüttelte den Kopf über so viel Unverfrorenheit und ignorierte seinen Ex wieder.

Doch der hatte nicht vor, das einfach so auf sich beruhen zu lassen, schließlich spiegelte Leif hier falsche Tatsachen vor, das wusste er genau. „Außerdem geht es hier nicht um das Balg, sondern um diese Straßenratte, die es dir jetzt besorgt. Ist er besser, ja? Ist es das?“ Viktor konnte einfach nicht aufhören. Es war schwer zu ertragen, dass die schönen blonden Haare, die er so geliebt hatte, nicht mehr da waren. Was hatte dieser Mistkerl nur aus seinem Leif gemacht?

„Auf dem Niveau diskutiere ich nicht mit dir, Viktor. Wenn du irgendwann wieder normal geworden bist und du noch an etwas anderes als Sex denken kannst, dann können wir reden, so nicht.“ Leif hatte im Augenblick wirklich andere Sorgen, als einen eifersüchtigen Ex und deswegen war er auch nicht hier. An Frank gewandt erklärte er, dass er ja schon mehrfach erklärt hatte, dass er sich zurückziehen würde und darüber hatten sie ja auch ausführlich gesprochen.

Die Unterlagen dafür hatten sie mit seinem Anwalt schon mehrfach durchgesprochen und ein paar kleine Änderungen waren noch zu machen gewesen. Heute wollten sie das fertig machen. Mit dem heutigen Tag sollte sein Name aus der Firma verschwinden. Sie hatten sich auch darauf geeinigt, dass die Gesellschafter ihn entweder auszahlten oder er selbst seine Anteile verkaufte.

Die Schätzungen des Vermögens liefen noch. Des Weiteren war beschlossen worden, dass Leif auch weiterhin anteilig an den Verkäufen beteiligt war. Zwar hatte er selber siebenstellige Beträge auf verschiedenen Konten liegen, doch das Geld der Verkäufe sollte auf ein separates Konto gehen, von dem Spendengelder finanziert wurden und anderes. Er selbst wollte von dem Geld nichts mehr. Er konnte mit dem, was er hatte, auch bis zum Lebensende gut leben.

Viktor warf immer einmal wieder unqualifizierte Kommentare Endre betreffend ein, bekam aber keine Antworten. Was sollte sich Leif wieder und wieder den Mund fusslig reden, Viktor hörte doch gar nicht richtig zu. Er versuchte nur zu provozieren, bis Leif endlich das sagte, was er hören wollte und er dann sagen konnte: wusste ich es doch.

„Dein Weggang kommt etwas plötzlich. Es wird schwer werden, deine Aufgaben mit zu übernehmen“, sagte Birgit leise und sah sich in dem Büro um.

„Tut mir leid, aber das war gestern schlicht zu viel und da ich leider weiß, wie rachsüchtig Viktor ist, vor allem, weil er sich Endre als Konkurrent im Bett in den Kopf gesetzt hat, muss ich saubere Grenzen schaffen. Ich weiß, dass er mir einen Strick nach dem anderen drehen wird, um mich zu vernichten. Er kann nicht verlieren, gegen nichts und niemanden. Er ist erst zufrieden, wenn er seine Gegner vernichtet hat. Ich rüste mich also nur dafür, dass der Kleine nicht auf der Strecke bleibt“, sagte Leif offen und sah Viktor an.

Der war für eine Sekunde sprachlos und wusste nicht, was er sagen sollte. Birgit und Frank hielten beide die Luft an – denn Leifs Einschätzung stimmte, nur hatte es noch nie jemand gewagt, es dem Mann einmal so deutlich zu sagen.

„Ich weiß, dass ich von ihm nichts mehr zu erwarten habe, ich weiß auch, dass er alles dafür tun wird, dass ich es bereue, ihn verlassen zu haben, und wir wissen alle, dass es nur einen Punkt gibt, an dem ich wirklich angreifbar bin.“ Leif musste JJs Namen nicht aussprechen – es war tatsächlich jedem klar.

„Viktor, du bist zu weit gegangen. Ich werde mich nicht für dich und gegen den Jungen entscheiden, nur weil du mir weiß machen willst, er hätte dich provoziert. Du bist der Erwachsene, du bist der Vernünftigere. Du hättest die Situation nicht eskalieren lassen dürfen. Doch du hast die Hand gegen den Kleinen erhoben, das zeigt mir, dass er dir nichts wert ist.“

„Na und? Was schleppst du diese Plage auch in unser Leben?“ Viktor musste erst einmal verdauen, was sein Leif für ein Bild von ihm hatte. Rachsüchtig. Sich gegen ihn rüsten. Den Gegner vernichten. Irgendwie war es entwaffnend, dies so klar ins Gesicht gesagt zu bekommen. Wenn er jetzt gegen seinen Ex vorging, würde er nur dessen Meinung von sich bestärken. Sie hatten eine Patt-Situation. Mit den Worten: „Ich habe noch zu tun“, verschwand er in seinem Zimmer und Leif holte tief Luft. Sein Anwalt war inzwischen auch eingetroffen und entschuldigte sich vielmals, zu spät zu sein. Doch den Stau am Samstag hatte er einfach nicht eingeplant.

So gingen sie die Papiere Stück für Stück durch, Frank und auch Viktor, der wieder dazugekommen war, waren mit den Formulierungen einverstanden, wenn Viktor das eine oder andere auch nicht unkommentiert lassen konnte. Um den Einkauf von unfähigen Leuten zu vermeiden, entschied man sich für die Variante, Leif auszuzahlen – sprich: Dessen Anteile an der Firma aufzukaufen. Die Summe war beachtlich, doch Leif war damit zufrieden, die Summe in Jahresraten zu bekommen, weil er die Firma schließlich nicht zugrunde richten wollte. Er brauchte das Geld nicht wirklich, doch er hatte auch nichts zu verschenken.

Viktor schluckte noch einmal, als ihm Rechtsanwalt Doktor Fillrich den Mietvertrag für das Penthouse vorlegte. Einbezogen wurde die Größe, die Lage und die Tatsache, dass es ein paar Interessenten dafür gab, diese Wohnung, in der ein paar der ersten Filme des Paares entstanden waren, zu kaufen. Fans waren bereit ein kleines Vermögen auszugeben und Viktor stand es frei, sich zu überlegen, was er machen wollte.

Um Birgit und Frank zu entlasten, erklärte sich Leif auch bereit, ehrenamtlich – also unentgeltlich – weiter helfend einzugreifen und so lange zu bleiben, bis ein Nachfolger in Sicht war. Das wäre ihm Ehrensache, wichtig war ihm nur, dass er mit der Firma offiziell nicht mehr in Verbindung gebracht werden konnte. Auch ihm war klar, dass er Viktor so in die Hände spielte, doch er konnte seine Leute so nicht hängen lassen. Die Firma war noch immer Leifs Baby, er hatte sie aus der Wiege gehoben und er wollte nicht zusehen, wie sie den Bach runter ging.

„Wo bist du jetzt eigentlich zu erreichen?“, fragte Birgit und machte Viktor noch einmal hellhörig. Er lauerte nur darauf zu hören, dass Leif bei Endre wohnte.

„Über das Handy immer und überall“, erwiderte sein Ex aber leider nur unbefriedigend und schob erklärend nach, dass er sich gleich eine Immobilie ansehen würde, die er kaufen und herrichten lassen wollte. Sobald er umgezogen war, bekamen sie die neue Adresse. So verblieben sie und als Leif ging, war ihm nicht ganz wohl. Er ließ nun sein altes Leben hinter sich, doch reichte das aus, um sauber genug zu sein, ein Kind erziehen zu dürfen?

Oder gab es noch mehr Stolpersteine in seinem Leben?