Du befindest Dich hier: Geschichten > Geschichten frei bis 16 > Ira > Die Chaos-WG - Teil 5 - 8

Die Chaos-WG - Teil 5 - 8

Kapitel 5
WG Haus (24.04., Montag, 10.00 Uhr)

Am nächsten Morgen wachte er erst recht spät auf. Ben tapste in Boxershorts ins Bad und nahm später den Weg zur Küche in Angriff, nicht zuletzt weil sein Magen nach etwas Essbarem verlangte. Dort stellte er überrascht fest, dass auf der Theke eine Tüte mit frischen Brötchen und ein kleiner, blauer Umschlag lagen. In aller Ruhe machte er sich erstmal eine warme Schokolade und suchte sich sein Frühstück aus den Schränken zusammen. Als er schließlich mit seiner Tasse am Tresen saß und sich das erste Brötchen geschmiert hatte, widmete er sich dem Brief.

~Lieber Benaja,
ich hoffe, Sie haben sich hier schon gut eingelebt und werden es die nächsten zwei Wochen aushalten können. Ich wollte Ihnen nur mitteilen, dass im Laufe des Tages ein neuer Mitbewohner eintreffen wird, doch wann das genau sein wird, kann ich Ihnen nicht sagen.
Ich möchte Sie bitten, das Haus doch in halbwegs gutem Zustand zu hinterlassen.
Einen schönen Tag noch.
Michaelis~

Hm, der Dunkelhaarige kratzte sich am Ohr. Genießen wir also unsere Ferien.

Um sich nicht wie gestern wie ein Loch im Bild zu fühlen, gewandete er sich heute passender. Eine weiche, weiße Hose und ein ebenso weißes Shirt, das sich in dekorativen Falten um seinen Körper legte und ihn damit mehr betonte, als es die engsten Klamotten je vermocht hätten. Schließlich kuschelte er sich auf eins der blauen Kissen und verkroch sich in ein neues Buch.

***

Quietschend hielt die blaue Kawasaki Ninja ZX 6R vor dem weißen Haus und wurde dort aufgebockt, bevor der Besitzer sich den Helm vom Kopf zog.
“Hübsches Häuschen. Nobel, nobel“, lächelte der Blonde arrogant. „Die Anzeige kann nur ein Irrer geschrieben haben.“ Langsam löste er seine Tasche und schritt mit ihr und dem Helm unter dem Arm auf das Haus zu.

Im Brief hatte gestanden, dass der erste Mitbewohner schon gestern eingetroffen war. Mal sehen, was das für einer ist, dachte der blonde junge Mann so vor sich hin, während er auf eine Regung im Haus wartete. Als alles still blieb, zog er schließlich den kleinen Schlüssel aus einer Tasche seiner Lederjacke und schloss auf.

Im Flur hängte er brav seine Jacke neben den Mantel und stellte seine Schuhe dazu ebenso wie seinen Helm, bevor er ins Wohnzimmer gelangte. Sieht von innen so nobel aus wie von außen, stellte er fest, als er sich genauer umsah und dann in die Küche ging. Dort fand er die ersten Anzeichen dafür, dass hier wirklich jemand wohnte, denn die Schuhe und die Jacke hätte ja jemand hier vergessen können. Klar doch, schalt er sich sarkastisch. Vergessen.

Irgendwo musste der ominöse Andere doch sein. Schließlich stieß er, wie Benaja am Tag zuvor, auf die versteckte Tür und pfiff anerkennend. Also nahm er sich seine Tasche, um den Rest zu erkunden. Als er einen Stock höher ankam, blieb er plötzlich wie versteinert stehen.

Die Tür direkt gegenüber der Treppe war weit offen und engelsgleich lag eine strahlend weiß gekleidete Person in einem blauen Kissenmeer. Die bloßen Füße wippten unschuldig auf und ab. Cole verfolgte die Bewegung wie gebannt, mit der sich die weiße Hose leicht bewegte und sich näher an den zierlich-athletischen Körper schmiegte.

Nur das leise Rascheln von Buchseiten untermalte die durchsichtige Stille.

Als fröhliches Lachen sich wellenförmig in der Stille ausbreitete, traf es den Neuankömmling wie ein Schlag.

Nein. Das durfte einfach nicht wahr sein.

Bitte, bitte nicht. Das darf mir niemand antun! Wie soll ich die zwei Wochen durchstehen? Gedanken fielen aus allen Richtungen übereinander her, während der Griff um den Träger seiner Tasche schlaff wurde und sie mit einem dumpfen Laut auf den Läufer aufschlug.

Benaja hatte extra seine Zimmertür offen gelassen, um auch ja das Eintreffen des nächsten Mitbewohners mitzubekommen. Doch war er, wie immer wenn er ein Buch las, in die Welt der Wörter untergetaucht und hatte weder das Quietschen der Reifen, noch das Klingen mitbekommen.

Erst als er einen dumpfen Aufprall hörte, zuckte er zusammen und fand wieder ins Hier und Jetzt. Schnell kam er auf die Füße und setzte schon zu einer Entschuldigung an, als er sich umdrehte.

Seine Bewegung erstarrte abrupt. Die Luft schien einen Moment lang einzufrieren und die Farben verloren ihren Glanz. Die Worte auf seiner Zunge verwandelten sich in Steine und kullerten in seinen Bauch zurück.

„Haben Sie solche Sehnsucht, dass Sie mich jetzt schon tagtäglich verfolgen? Poliert das Ihr nichtiges, kleines Ego ein bisschen auf?“ Ihn zu siezen war der reinste Hohn, jede kleine Höflichkeitsform schien sich wie Eiskristalle in Coles Haut zu bohren. Ben verschränkte die Arme vor der Brust und mauerte kilometerweise eisige Distanz als Schutzwall um sich herum.

Wieso musste Cole ihm durch seine Anwesenheit immer alles kaputtmachen?

Bens Blick suchte die Reisetasche. Wenn er sich wieder bewegen konnte, würde er sofort anfangen zu packen. Er wollte nicht die nächsten 302 Stunden am selben Ort wie Rush verbringen. Es war zwar schade, dass er diesen Luxuspalast so schnell wieder verlassen musste, aber das würde er in Kauf nehmen. Abwartend starrte er den Größeren vor sich an und zog eine Augenbraue nach oben.

“Scheiße“, fluchte Cole nur ungehalten, würdigte die schneidend kalte Provokation in Bens Augen viel zu wenig und ließ sich mitten auf den Läufer fallen. Dort saß er mit untergeschlagen Beinen und fuhr sich mit allen zehn Fingern durch die langen Haare.

“Nein, ich verfolge dich nicht“, antwortete er betont ruhig, in gemessenem Tonfall und bedeckte die Augen mit den langen, feingliedrigen Händen. Kein Angriff, kein Hinterhalt. Ben war erschrocken.

Cole öffnete langsam wieder die Augen, doch das Bild hatte sich nicht geändert. Da stand engelsgleich Ben Hunt, die weißen Sachen schienen von dem schlanken Körper, der jegliche Wärme des Raumes in Kälte zu verkehren schien, Abstand zu halten. Er sah nackt aus mit diesen kalten grünen Augen, die sich in seine Seele hineinfraßen und deren Ausdruck Cole insgeheim erzittern ließ.

“Ich hab die Anzeige in der Zeitung gelesen und mir gedacht, wer nichts wagt, der nicht gewinnt. Also hab ich angerufen und am Freitag die Adresse und den Schlüssel bekommen. Hätte ich gewusst, dass ich hier auf dich treffe, wäre ich zuhause geblieben“, antwortete Cole jovial und blickte dem Kleineren unruhig ins Gesicht, vorbei an den grausamen Augen.

Geschmeidig kam der Blonde schließlich wieder auf die Beine und fuhr sich hilflos noch mal mit seiner rechten Hand durch die Haare, während er mit der linken nach den Trägern seiner Tasche griff.
“Ich werd wohl besser wieder gehen. Ich kann meine Ferien auch in der Wohnung meines Bruders verbringen. Ich will dir deine nicht verderben.“

Ben verzog angewidert den Mund. Und wieder bestätigte der Größere es ihm. In den Augen anderer musste er nichts weiter als ein lästiges Insekt mit einer wahnsinnig ansteckenden Krankheit sein. Auf keinen Fall durfte man sich in seiner Nähe aufhalten und wenn man es dann auch noch gönnerhaft hinstellen und sein reines Gewissen bewahren konnte, war es natürlich umso besser. Obwohl, einer Krankheit auszuweichen tangierte das Gewissen ja nicht einmal.

Und das war mal mein bester Freund. Ben war am Boden.

Er beobachtete, wie Cole aufstand und samt Tasche nach unten verschwand. Er hörte das Geräusch der Lederjacke und das Klicken der geöffneten Tür. Cole schien tatsächlich zu gehen. War wohl auch wesentlich besser.

’Ich will dir deine nicht verderben’, hallte es immer wieder in seinem Kopf.

Das hieß nichts! Es hieß auf keinen Fall, dass Rush sich darum kümmerte, wie es einer kleinen Schwuchtel wie ihm ging. Genauso wenig, wie er sich am Freitag dafür interessiert hatte, was Ben ihm unvorsichtigerweise erzählt hatte.

Geräuschlos schlichen die bloßen Füße die Treppe hinunter, folgte dem großen Rätsel, das einmal sein bester Freund gewesen war.

Im Flur überlegten es sich seine Füße plötzlich anders und Ben fand sich auf dem Hocker vor dem Flügel wieder. Ehrfürchtig berührte er die makellosen Tasten und spielte langsam und zögerlich die ersten Töne der Mondscheinsonate. Die Melodie aus dem Gedächtnis auf die Klaviertasten zu übertragen war schwierig und verlangte seine ganze Konzentration.

Cole wurde durch die zögerlichen Töne in seiner Flucht gebremst. Er stand im Flur und lauschte, wie sich die Töne durch den weißen Raum tasteten und dabei weit mehr Emotionen vermittelten, als es auch die perfekteste Interpretation der Sonate je gekonnt hätte.

Er schloss die Tür geräuschlos und stellte seine Sachen wieder ab und betete, Ben dadurch nicht zu verscheuchen. Die Melodie hatte so viel Tiefe, dass Cole das Gefühl hatte, etwas Verbotenes zu beobachten, während er ihr lauschte und Ben mit seinen Blicken berührte. Das Sonnenlicht, das durch die Fenster herein fiel, brach sich in Bens Haaren und ließ sie wie Kaffee schimmern.

Cole wartete, bis die letzten Noten verklungen waren und der andere sich wieder regte. Der saß allerdings noch ein paar Minuten so da, noch immer die Finger auf den letzten Tasten, doch standen sie still und schienen die Noten nachfühlen zu wollen.

Beruhigt öffnete Ben die Augen und sah auf seine leicht gebräunten Finger, die so unerhört natürlich auf der glatten Klaviatur lagen.

„Ich hab wohl nicht das Recht, dich zu vertreiben, es ist ja auch nicht mein Haus“, sprach er emotionslos in die Stille hinein. „Bloß, weil du dich im selben Haus aufhältst, heißt das ja nicht, dass ich dich auch nur ein einziges Mal ansehen muss. Und du brauchst dann auch niemand erzählen, mit wem du deine Ferien verbringen musstest.“ Er sah Cole nicht an, er ertrug dieses Gesicht, das Gesicht seines einstigen besten Freundes, das ihn ständig verhöhnte und quälte, nicht.

Er konnte sich nicht erklären, warum er jemandem, den er so mied wie Cole, anbot, im selben Haus zu bleiben und ihn, wenn man es zynisch betrachtete, damit einlud, ihm Schmerz zuzufügen.

„Geh mir aus dem Weg!“ verlangte er kalt und nachdem der überrumpelte Cole tatsächlich einen Schritt zur Seite getan hatte, ging er in die Küche, um sich etwas zu essen zu machen.

Der Ältere war währenddessen immer noch damit beschäftigt, das Gehörte zu verarbeiten. Er dachte nicht zynisch über die Gnade der Erlaubnis, die Einladung der Anzeige wahrnehmen zu dürfen, so wie er es sonst wahrscheinlich getan hätte, sondern wunderte sich allen Ernstes, dass Ben ihm das Bleiben anbot, obwohl er seine Anwesenheit so offensichtlich nicht ertragen konnte.

Nach all der Demütigung, nach dem Ende ihrer langen Freundschaft hatte dieser schmächtige Junge immer noch die Kraft dazu. Cole bewunderte ihn im Stillen.

Der Blonde suchte den Blick der grünen Augen, wurde jedoch abgewehrt. Doch er sah, dass es schon weniger schroff passierte, als vorhin an der Treppe. Diesmal erkannte er auch Angst, Schmerz, Distanz und Verwirrung darin.

Benaja saß auf einem Küchenhocker und hatte den Kopf auf die Ellenbogen gestützt. Cole war ihm gefolgt und lehnte am Rahmen der Küchentür.
„Danke“, meinte er schlicht und hatte das Gefühl, dass Ben verstand, was alles hinter diesem einen Wort steckte. Es bedankte sich für die Energie, die Ben für dieses Angebot aufgebracht hatte, und für den Platz, den er ihm machte. Es bedankte sich für Bens Hoffnung, die beiden Wochen zu ertragen. Und er dankte für den Vertrauensvorschuss, der in keinster Weise begründet war, und für den Schatten des Wunsches, dass sich alles wieder einrenken und sie sich wieder vertragen konnten.

Abwartend blickte er den anderen an, der noch immer auf dem Hocker mehr hing als saß.

„Du kannst nicht erwarten, dass es mit einem einfachen Danke getan ist!“, zischte Ben, als er sich umdrehte und diesem kränkenden Blick begegnete, der eine Reaktion von ihm forderte. Es war nicht an ihm, zu reagieren. Nur Cole konnte an ihrer Beziehung etwas ändern.

„Ben...“, bat Cole flehendlich, weil er auf einmal das unstillbare Bedürfnis hatte, mit ihm zu reden. Er sah, dass der Kleinere auf den Spitznamen aus ihren besseren Tagen reagierte, nur ein ganz leichtes Zittern in seinem Gesicht verriet es. Hoffnung glomm sachte in ihm auf.

„Bitte, Ben“, wiederholte er sanft und sah, wie der Name Ben davon abhielt, aus der Küche zu stürmen. „Ich weiß, es ist viel zu spät und ich habe nicht mal mehr das Recht, deinen Namen zu benutzen, aber ich wollte mich bei dir entschuldigen. Für alles. Ich kann nicht verlangen, dass du mir verzeihst. Ich möchte einfach nur im selben Raum sein dürfen wie du.“

Ben schluckte hart. Nie hatte er erwartet, dass Cole zu so viel Einfühlungsvermögen fähig war. Er zitterte.
„Und jetzt willst du, dass ich dir das glaube, damit du es dir hier gut gehen lassen kannst und mir die Prüfungen dann noch mehr zur Hölle machst, als die letzten Wochen“, unterstellte er ihm verletzt und mit dem Misstrauen, das Cole ihm durch seine ständige Quälerei anerzogen hatte.

Cole schwieg.

Er schwieg hartnäckig, auch wenn er gern gegen den Vorwurf vorgegangen wäre, aber jedes Wort hätte nur das Gegenteil erreicht.

Auch Ben gab keine Antwort mehr, sondern floh aus der Küche. Aber Cole hatte auch keine erwartet. Darauf antwortete man nicht.

Bewegungslos hatte Cole noch eine Minute am Türrahmen verharrt, dann hatte er zu kochen begonnen. Weil sein Bruder zwei linke Hände hatte und sich damit so prasselig anstellte, dass er Angst haben musste, dass er sich bleibende Schäden zufügte, hielt Cole ihn immer aus der Küche fern und darum konnte er ganz gut kochen.

Er genoss den Duft des Reisgerichts und verzog sich mit seinem Teller ins Wohnzimmer. Keine zwei Minuten später hörte er das Tappen bloßer Füße auf dem Dielenboden der Küche. Ganz vorsichtig drehte er den Kopf.

Ben stand vor dem Herd und kostete gerade die Soße. Mit den weißen Sachen zwischen all dem Holz wirkte er fremd und wie ein scheues Tier.

Gerade rechtzeitig drehte Cole den Kopf, denn Ben sah in seine Richtung, häufte sich Reis und Soße, die Cole extra für ihn übrig gelassen hatte, auf einen Teller und verschwand in sein Zimmer.

Den Nachmittag über saß der Schwarzhaarige nachdenklich auf der breiten Brüstung seines Balkons und sah Cole manchmal draußen im Garten, wie er herumstromerte, das Wasser im Pool testete und ab und zu einen Blick zu ihm nach oben riskierte.

Noch immer war er misstrauisch, ob das nicht alles nur ein Trick war, doch der Teil, dem Coles Verhalten am meisten wehgetan hatte, hoffte, dass er es ernst meinte. Er wollte, dass es wieder wie früher wurde.

Spät am Abend hatte der Hunger Ben dazu bewegt, seine meditative Haltung auf dem Balkon doch mal aufzugeben und sich in die Küche zu trauen.

Cole, der gerade die Whiskey-Flasche in den Kühlschrank zurückstellte, war erstaunt, dass der Jüngere sich zwar vorsichtiger bewegte, als er ihn bemerkte, jedoch nicht sofort aus der Küche flüchtete. Er sah nur verblüfft das Whiskeyglas an und streifte kurz Coles’ blaue Augen.

„Hast du Appetit auf Tiefkühlpizza?“, durchbrach Cole plötzlich die Stille, Ben war fast erschrocken darüber, weil die Frage die vorher herrschende Stille so unterstrich.

„Ja“, antwortete er zaghaft. Cole lächelte erleichtert und ohne dass Ben es bemerkte, verzogen sich auch seine Mundwinkel zu einem leichten Lächeln.


Kapitel 6
WG Haus (25.04., Dienstag, 8.58 Uhr)

Auch beim Frühstück am nächsten Morgen liefen sie sich über den Weg. Wieder war Ben still, doch er flüchtete nicht mehr. Cole sah es als minimalen Fortschritt an. Ben schien es versuchen zu wollen.

Nachdem die Beiden sich das Essen hatten schmecken lassen und sich das Geschirr sauber an seinem Platz befand, hatten sich die beiden Jugendlichen zurückgezogen. Der Eine beschloss draußen auf der Terrasse in der Sonne ein Buch zu lesen, während der Andere beschloss, auf den Schreck erst einmal eine heiße Dusche zu nehmen. Ben musste sich eben noch daran gewöhnen Cole jetzt jeden Morgen zu sehen.

Mit einem weißen Handtuch um den Hüften und feuchten Haaren trat der Schwarzhaarige aus dem Bad, wo er zuvor eine halbe Stunde alles in warmen Dunst gehüllt hatte, um wenigstens so für kurze Zeit alles um sich herum zu vergessen.

Er stand schon vor seinem Zimmer und hatte die linke Hand auf der Klinke, als ein Klingeln durch das Haus hallte.

Heute sollte doch eigentlich niemand mehr kommen?

Neugier packte ihn. Laut rief er nach seinem momentanen Mitbewohner, den Namen wieder auszusprechen war verdammt seltsam, doch erhielt er keine Antwort.

Wenn das nicht unheimlich wichtig ist, dann..., dachte er seufzend und stolperte die Wendeltreppe hinunter. Erneut drang das Geräusch an seine Ohren und so beeilte er sich, so gut es die Situation zuließ, zur Tür zu kommen.

***

“Und du bist sicher, dass wir hier richtig sind?“, fragte der rothaarige Schotte mit den grünen Augen seinen Begleiter. Und zum zwölften Mal, seit die beiden aus der U-Bahn gestiegen waren, antwortete der Kleinere darauf: “Ja, bin ich. Wenn du mir nicht glaubst, dann kauf dir doch einen Stadtplan!“

Der Größere wehrte ab, denn die beherrschte Stimme war ein Zeichen dafür, dass sein Freund genervt war. Was er allerdings auch ohne diesen versteckten Hinweis herausgefunden hätte.
“Okay, dann will ich dir einfach mal glauben, Steve“, verkündete er gönnerhaft. Daniel ließ seinen Blick noch einmal an dem zweistöckigen Gebäude entlang gleiten, bevor er schließlich vor die Tür trat und klingelte.

“Und was machen wir, wenn er es nicht hört? Du weißt doch, was passiert, wenn Cole ein Buch in der Hand hält, das ihm gefällt“, warf der Kleinere dieses Mal skeptisch ein, als sich im Haus niemand rührte.

„Und was machen wir, wenn der Topf aber nun ein Loch hat?“, äffte er ihn mit lästerlicher Stimme nach. „Steve, stell dich doch mal nicht so an! Es gibt Hintertüren, Telefone, Rauchzeichen...“

„Ach ja? Wer stellt sich denn hier an?“, schoss Steve pikiert zurück. „Du würdest nicht mal den Weg bis zur nächsten U-Bahn-Station finden, wenn dich deine Eltern nicht immer zur Schule fahren würden.“

„Halts Maul!“, schnitt Daniel ihm kurzerhand das Wort ab, weil nach dem zweiten Klingeln jemand die Klinke bewegte.

“Was wollt ihr hier?“, stieß Ben geschockt und frostig wie ein Schneemann hervor.
Anzüglich ließ Daniel den Blick an dem Jüngeren auf und abwandern. „Na was haben wir denn da?“, meinte er plötzlich mit seidiger Stimme zu Steve. „Cole hält sich ein Haustier. Meinst du, er darf ihn nach den zwei Wochen mit nach Hause nehmen?“

„Würde er nicht. Wahrscheinlich würde es ihn anfallen, wenn er mal nicht hinsieht“, kommentierte Steve, bevor er sich dem beinahe nackten Ben, der mittlerweile nicht nur vor Kälte zitterte und mühsam um seine Beherrschung kämpfte, zuwandte.

“Wir wollten zu Cole. Ist er da?“

“Cole, deine Schoßhündchen sind da“, rief Ben über seine Schulter ins Haus. Als sich nichts rührte, drehte er sich ganz um und holte noch einmal tief Luft, bevor er schrie: “RUSH! KOMM. HIER. HER.“ Die Wut schien seine Stimme weit genug zu tragen, denn sie eiste Cole von den Buchseiten los, so dass er besorgt über den Tonfall wenig später im Flur aufkreuzte.

Über den Anblick von Bens schöner, fast nackter Rückseite hätte er das Alarmierende in dessen Tonfall beinahe wieder vergessen, doch als Ben sich umdrehte, rief ihm sein Gesichtsausdruck das Beben seiner Stimme schmerzhaft klar in Erinnerung.
„Was ist?“ fragte er verwirrt.

„Das ist.“ Ben spuckte die Worte förmlich aus, Abscheu, Wut, Verzweiflung und Schmerz, weil er so unsäglich dumm gewesen war und Cole hatte vertrauen wollen, mischten sich zu einem Klang, der sich in Coles Seele bohrte. Da der Jüngere zur Seite getreten war, erübrigte sich jede weitere Frage.

Ben glaubte, dass er sie angerufen hatte, weil er von Anfang an nur vorhatte, ihn in Sicherheit zu wiegen und dann fertig zu machen.
„Oder kam ein Vöglein geflogen und hat es ihnen gezwitschert?“, verlangte der Dunkelhaarige zu wissen. “Wahrscheinlich hast du gestern deinen Rekord gebrochen, indem du es den halben Tag ohne deine Lakaien ausgehalten hast. War der Entzug so schlimm, ja? Oder schaffst du es ohne Publikum einfach nicht, mich fertig zu machen? Müssen sie dir helfen, ja?“ Ben war immer lauter geworden und schrie den Blonden inzwischen an, schon damit er nicht endgültig in Tränen ausbrach.
„Wie konnte ich mir nur einbilden, dir glauben zu können?!“ Er stürzte an Cole vorbei nach oben und schmetterte etliche Türen ins Schloss, so dass der Krach überall zu hören war.

„Ui“, kommentierte Daniel grinsend. „Kleiner Ehekrach mit deinem neuen Haustier? Hat es dir vorher den Fußboden gewischt?“

„Halt dein verdammtes Maul!“, herrschte Cole ihn an und der Rothaarige verstummte tatsächlich abrupt. Bens Vorwürfe waren hart und gerechtfertigt, bis auf einen. Der Wesentliche war völlig falsch. Er hatte schon vor seinem Einzug mit Daniel und Steve ausgemacht, dass sie ihn am nächsten Tag besuchen würden, um sich das Ganze mal anzusehen.

Ohne seine Freunde noch eines Blickes zu würdigen holte er den Whiskey aus dem Kühlschrank und trank das erste Viertel auf Ex. Es brannte so herrlich, dass er für den Moment die unerklärlich schmerzhaften Stiche betäuben konnte. Er ließ sich auf die Couch fallen und nahm noch ein paar Schlucke.

Er hatte es wirklich versuchen wollen, stattdessen hatte er den letzten Rest Vertrauen, den Ben für ihn der alten Zeiten willen ausgegraben hatte, endgültig zerstört.

Es ist wohl wirklich besser, wenn ich gehe, folgerte er selbstmitleidig.

„Erst willst du von heute auf morgen, dass wir die kleine Schwuchtel fertig machen und jetzt, wo ich endlich meinen Spaß daran hatte, passt es dir nicht, wenn wir schon mal ohne dich anfangen?“, schnauzte Daniel, der Cole mit Steve ins Wohnzimmer gefolgt war, weil er die Tür offen gelassen hatte.

„Cole...“, warnend hob Daniel erneut die Stimme. „Kotz’ hier bloß nichts voll!“, schaltete sich Steve ein, der die halbleere Whiskeyflasche entdeckt hatte und vor dem weißen Raum gewisse Ehrfurchtsgefühle entwickelte.
„Seit wann stehst du auf so was, König der Biertrinker?“

Dass Cole harten Alkohol absolut nicht vertrug, wussten die beiden von diversen Partys, doch auch ohne diese Vorinformation wäre ihnen der Gedanke bei Coles unstetem, glasigem Blick gekommen.

„Und weißt du noch, warum ich wollte, dass wir ihn fertig machen?“, fragte Cole nuschelnd, weil er nicht schneller hinterherkam.

„Ähm... weil er schwul ist?“, versuchte es Steve.

„Ist ja ein ganz toller Grund!“ höhnte der Blonde.

„Wo ist jetzt eigentlich das Problem?“, beharrte Daniel auf seiner Frage.

„Wir müssen hier wohnen“, antwortete Rush undeutlich, „Weil wir beide auf die Anzeige geantwortet haben. Und weil ich nicht mehr wusste, warum ich ihn überhaupt fertig machen wollte, dachte ich, es reicht mal langsam. Außerdem muss ich hier ja keinen Ruf verteidigen.“

„Schön, dass dir das auffällt“, kommentierte Daniel gehässig. „Und?“

„Na, wir hatten Waffenstillstand.“

„Aha, und dann kamen wir und da hat er geglaubt, dass du ihn bloß verarscht hast, um ihn besser fertig machen zu können. Wart ihr nicht mal befreundet?“, vervollständigte der Schotte.

„Ja.“ Die Bewegung, mit der Cole nickte, verhieß nichts Gutes.

„Das war es doch aber noch nicht“, setzte der Rothaarige wieder an. „So wie du geguckt hast, als er halbnackt vor dir stand.“

„Och nö! Vergesst es, alle beide!“ Steve wedelte mit beiden Armen. „Du willst Cole doch nicht ernsthaft unterstellen, dass er genauso schwul ist wie die kleine Schwuchtel.“

„Hör’ auf mit diesem Kleine-Schwuchtel-Gelaber!“, forderte Cole.

„Trotzdem, Cole ist doch nicht schwul!“ Steve wandte sich an Daniel, weil mit dem noch wesentlich mehr anzufangen war.

„Doch“, behauptete Cole plötzlich kleinlaut.

„Quatsch, du bist hacke, sonst nichts!“

„Hör’ endlich auf damit!“ Der Blonde wurde nun endgültig laut und erhob sich mit einer ausholenden Armbewegung. Er schwankte unheilvoll.

Daniel stand auf, weil alles auf unsinnige Weise Sinn ergab.
„Cole setz’ dich hin! Du willst damit sagen, dass du Hunt fertig gemacht hast, weil du eifersüchtig auf diesen... warte, wie hieß der Typ aus dem Tagebuch... Kevin warst? Na das ist ja ganz groß!“

Cole stand immer noch und hielt Ausschau nach einer Tür.
„Steve!“ Alarmiert nickte Daniel zu ihrem betrunkenen Freund. Steve stand zwar auf, war aber nicht schnell genug für Cole, der auf die Küche zutaumelte, wo Ben angezogen gelauscht hatte.

Zwei Sekunden später hörten die beiden Freunde Würgegeräusche aus der Küche und verdrehten genervt die Augen.

Umso erstaunter waren sie, als sie die Szenerie in der Küche beobachteten. Cole stützte sich mit beiden Armen neben dem Spülbecken ab. Das war der gewöhnliche Teil, das kannten sie von diversen Partys, denn Cole hatte einen ziemlich unruhigen Magen, wenn es um Alkohol ging. Wesentlich erstaunlicher war, dass Ben ihm die Haare aus dem Gesicht hielt und beruhigend auf ihn einredete.

Ben war sauer nach oben stürmt, hatte sich die weißen Sachen von gestern angezogen und wollte ans Klavier, um sich abzulenken. Oder um joggen zu gehen, er hatte sich nicht entscheiden können, was besser gegen die grenzenlose Enttäuschung half. Dann hatte er die Unterhaltung gehört und war stehen geblieben. „Du hast sie also nicht geholt, nachdem du entdeckt hast, dass ich auch hier eingezogen bin?“

Cole schüttelte den Kopf, weil er gerade nicht reden konnte, sondern sich den Mund ausspülte.

„Du doofe, kleine Ratte hast gelauscht“, maulte er, ohne es ernst zu meinen. Vielmehr war er irgendwie erleichtert.
Die Fakten hatten Daniel und Steve davon überzeugt, dass er nicht ganz so war, wie sie gedacht hatten. Aber sie waren immer noch da. Und sie wandten sich nicht gegen ihn, so wie er sich gegen Ben gewandt hatte.

„Seit wann ist er hier?“ murmelte Steve verwirrt.

„Was hast du alles gehört?“ Coles’ Stimme war rau, angegriffen von der Magensäure und dem Alkohol.

„Nur den ersten Teil“, log Ben schnell, warum wusste er nicht genau, es war eine Kurzschlusshandlung. „Bis zu der Frage, ob wir mal Freunde waren.“

„Wo ist hier ein Klo?“, hängte sich Daniel dazwischen.
„Die Wandtreppe runter“, meinte Cole knapp. Er war immer noch ziemlich blass.

Daniel verschwand nach unten und setzte sich auf eine Stufe, um nachzudenken. Er hatte nichts dagegen, dass Cole vom anderen Ufer kam. Warum auch? Vielleicht war er ja auch gar nicht schwul und stand nur einfach auf Ben. Solche Menschen gab es. Ihnen ging es nicht um das Geschlecht, sondern einzig und alleine um den Menschen.

Aber er wusste nicht, ob es gut gehen würde und eigentlich hatte er nicht viel Hoffnung. Gerade weil die beiden früher befreundet gewesen waren, wogen der Verrat und die ständige Schikane noch viel schwerer und das konnte man niemandem so einfach verzeihen. Cole würde sich verdammt unglücklich machen, wenn er in der Nähe von Hunt blieb, das Gefühl unerwiderter Liebe kannte Daniel selber gut genug. Cole hatte wohl deshalb so lange weitergemacht, weil er sich selbst in diese Rolle gedrängt und keine Gelegenheit zum Ausstieg gehabt hatte.

Währenddessen hatte Steve Cole wieder auf die Couch verfrachtet und sah Ben misstrauisch dabei zu, wie er Aspirin und Vitamintabletten, die er in einer Schublade gefunden hatte, in einem Glas Wasser auflöste. Benaja war seinerseits misstrauisch wegen Steve, er traute dem Frieden verständlicherweise nicht mehr.
Daniel kam die Treppe hoch, als Steve das Vitamingebräu, das er Ben abgenommen hatte, vor dem langsam nüchterner werdenden Blonden abstellte. Und zwar mit dem ultimativen Plan in petto.

„Du gehst dich jetzt entschuldigen...“, säuselte er Cole schadenfroh ins Ohr. Dafür, dass ihm sein Ruf so lange wichtiger gewesen war als sein Schwarm, konnte er ruhig mal ein bisschen leiden.

Cole zog einen Schmollmund und der Rothaarige zog den Älteren auf die Beine, verpasste ihm einen Stoß, so dass er in Ben taumelte, der gerade den Rückzug antreten wollte. Beiden fielen auf den Boden und Ben hielt sich stöhnend den Kopf.

“Engel...“, setzte der Ältere der beiden privaten Seifenoper-Darsteller an, unterbrach sich aber hastig. „Nein, ähm... ich meine, Ben.“ Hilflos gestikulierend erinnerte er Ben an Johnny Depp als Jack Sparrow im Fluch der Karibik. Verzweifelt sah er sich nach Daniel um, der aber keine Anstalten machte, ihm irgendwie zu Hilfe zu eilen.

Ben sah abwartend und mit der Distanz, die man von ihm erwartete, weil er ja angeblich nicht alles gehört hatte, zu dem Blauäugigen auf, der sich gern für das Engel bestraft hätte. Noch immer saß er auf dem Boden, während Cole halb vor halb über ihm kniete.

Mit einer offensichtlich sehr zärtlichen Geste, die nur ein durch Alkohol ungehemmter Cole zustande brachte, half er Ben auf die Beine. Geistesgegenwärtig griff stattdessen der Dunkelhaarige zu, weil Cole dabei nach hinten umzufallen drohte. Vorsichtig bugsierte er ihn in den Sessel.
Gott, den hat es ja mehr erwischt, als ich dachte, kommentierte Daniel für sich, weil Cole sich kurz an Ben kuschelte und zartrosa anlief, was bei ihm einfach zu herrlich aussah.

Cole achtete darauf nicht, weil er zu beschäftigt damit war, den Gedanken, dass Ben gut roch und so schön warm war, aus seinem alkoholverseuchten Kopf zu verjagen. Der Dunkelhaarige wollte nun endgültig gehen, doch Cole hielt ihn am Ärmel fest.
„Was ich dir sagen wollte“, begann er mit ruhiger, leicht rauer Stimme. „Ich habe sie nicht wegen dir angerufen, das hab ich dir ja gesagt.“ Das ging mehr an Daniel. „Aber ich möchte, dass du weißt, dass es mir leid tut, dass sie auf dir herumgehackt haben. Und ich möchte immer noch Frieden schließen, falls du mir die Möglichkeit dazu noch einmal geben würdest.“ Gespannt warteten die drei „Spezialisten“, wie Ben sie genannt hatte, auf seine Reaktion. Zumindest zwei von ihnen hatten allerdings bemerkt, dass Ben sich so derartig untypisch verhielt, dass es nur daran liegen konnte, dass er vorhin gelogen und alles gehört hatte.

Ben streckte die Hand nach Coles Wange aus, als er sich der Bewegung bewusst wurde, zog er sie allerdings schnell zurück. Er seufzte, schluckte vernehmlich und antwortete: „Tut mir leid, dass du dich nicht schon vorhin rechtfertigen konntest, aber darauf konnte ich da nicht mehr warten. Bevor ich irgendetwas sagen kann, bitte sag’ mir, warum du mich so gehasst haben musst, dass du die beiden dazu überredest, mich permanent fertig zu machen? Und warum hast du plötzlich damit aufgehört?“

Cole sah erschrocken aus und presste die Lippen zusammen, dann wandte er betrübt den Kopf ab und starrte den weißen Boden an.
„Das kann ich nicht. Du würdest es nicht verstehen.“

Ben stand auf und Cole glaubte für einen Wimpernschlag ein wissendes Lächeln auf den Lippen seines Schwarms zu sehen. Auch die grünen Augen bekamen kurz einen sanften, ehrlich warmen Ausdruck, so dass Cole das Gefühl hatte, doch eine Antwort bekommen zu haben.

„Ich lasse euch dann mal allein, ich will eine Runde joggen“, verkündete er und verschwand in den Flur.

Daniel war ehrlich erstaunt über die Reaktion des Außenseiters, die er absolut nicht erwartet hatte, mal abgesehen davon, dass ihm klar war, was der Kleinere wusste. Aber immerhin war ihm aufgefallen, dass Ben sich darüber zu freuen schien, dass Cole so ernsthaft verknallt war, dass er nicht darüber reden konnte. Sprach ja auch eher für ihn.

„Nein!“ protestierte Cole, mit dem gerade niemand mehr gerechnet hatte. „Erst will ich deine Beule angucken!“
Ein dreifaches: „Hä?“, war die Antwort.

Wesentlich agiler als noch gerade eben stand Cole auf, lief fast ohne zu schwanken zu Ben und schnappte sich seinen Kopf.
Behutsam drehte er ihn so, dass er sehen konnte, wo ihre Köpfe vorhin zusammengestoßen waren.

„Ziemliches Horn“, meinte er leise zu dem Kleineren. „Ich erkläre es dir. Bald. Bitte versuch noch ein einziges Mal mir zu vertrauen“, bat er flüsternd, so dass die anderen Beiden es mit Sicherheit nicht hörten. Ben nickte beinahe unmerklich, nur Cole spürte es, weil er immer noch nicht losgelassen hatte.
„Jeder braucht wohl seine Geheimnisse. Wenigstens zeitweise.“

Einen Moment, der sich ins Endlose auszubreiten schien, sahen sie sich in die Augen, ohne dass es einer der Beiden so richtig registrierte.
„Darf ich jetzt laufen gehen?“, fragte Ben kleinlaut und grinste.
„Na gut...“, maulte Cole und ließ los, um sich dem Vitaminzeug zuzuwenden.

„Wie süß“, meine Daniel leise zu Steve und fotografierte das Bild mit seinem Handy. „Sieht viel verfänglicher aus, als es ist, oder?“, feixte er und zeigte dem anderen den Schnappschuss.
„Hunt?“, rief er in den Flur. „Hast du eigentlich ein Handy?“
„Warum sollte ich ausgerechnet dir meine Nummer geben?“
„Damit ich dich auf der nächsten Party rehabilitiere.“ Verlockendes Angebot, obwohl Ben keine Erfahrung mit Partys hatte. Als Antwort brüllte er eine Telefonnummer zurück, die er von seinem Walkmanhandy, der einzige Luxus, den er sich seit langem gegönnt hatte, ablas. Es war tatsächlich seine eigene.

***

Ben war eine Viertelstunde unterwegs, als sein Telefon klingelte.
„Ja?“
„Hier ist Daniel.“
„Was ist?“
„Du hast vorhin alles gehört, habe ich Recht? Warum hast du ihn auch noch danach gefragt?“
„Ich...“ Eine längere Pause entstand, „Ich denke, ich wollte es von ihm selbst hören.“
„Wehe, du tust ihm weh. Die Studienzeit ist verdammt lang.“ Die Drohung war mehr als nur unterschwellig und Ben erschauerte.
„Eine Beziehung zu jemandem aufzubauen ist verdammt schwierig!“, rechtfertigte sich Ben sofort. „Vor allem zu jemandem, der einen ein Jahr lang fertig gemacht hat. Hast du überhaupt eine Ahnung, was du da verlangst?“
„Natürlich!“, kam es provokant schnell aus dem Hörer. „Hey, komm schon! Ich verlange nicht, dass du sofort turtelnd an ihm hängst, ich will einfach, dass du ihm eine Chance gibst. Vielleicht gefällt es dir ja wirklich, mit ihm zusammen zu sein.“

„Ach? Jetzt muss ich ihm eine Chance geben?“, schrie Ben aufgebracht. „Wer hat mir denn hier keine gegeben?!“
„Dann beweis’ doch, dass du besser bist, als er“, konterte Daniel trocken.

Ben schluckte. Dagegen konnte er nichts sagen. Daniel redete derweil weiter.
„Wer weiß, vielleicht hängst du irgendwann den ganzen Tag mit ihm zusammen und fängst an, ihn zu vermissen, sobald er nur aufs Klo geht. Dann fängst du irgendwann an, auf jeden eifersüchtig zu werden, der ihm zu nahe kommt. Wenn du dich immer danach sehnst, ihm mehr zu geben, als du es bis jetzt tust, dann hat es auf jeden Fall funktioniert“, meinte Daniel.

Ben nickte, obwohl der Rothaarige das gar nicht sehen konnte. So war Liebe. Für den Dunkelhaarigen, der außer flüchtiger Bekanntschaft und der Beziehung eines kleinen Kindes zu seiner Mutter kaum feste Bindungen kannte und dessen erste, wirkliche Beziehung in so einem Desaster geendet hatte, war es schwierig gewesen, sich eine intakte Beziehung vorzustellen.

„Meine Nummer hast du ja jetzt“, ertönte die Stimme am anderen Ende noch einmal, gefolgt vom Klicken einer Taste. Ben starrte das stumme Handy noch einen Moment lang stirnrunzelnd an.

Der Tag war wirklich komisch.

***

“Salami oder Schinken?“, erreichte Benaja die Frage, bevor er überhaupt richtig den Flur betreten konnte.
“Ähm... Schinken?“, rief er zurück, zog sich seine Schuhe aus und steckte den Schlüssel in seine Jacke. Ein ’Strike’ ließ ihn überrascht in Richtung Wohnzimmer sehen, wo die anderen auf der weißen Ledercouch lümmelten. Sie saßen noch fast genauso da, wie sie der Schwarzhaarige vor zwei Stunden verlassen hatte.
“Was ist denn eigentlich los?“, fragte er und ließ sich in einen der Sessel fallen.

“Na ja, das ist so“, begann der Schotte und nahm die zwei DVDs, die auf dem Tisch lagen, in die Hand. “Wir konnten uns nicht entscheiden. Cole will unbedingt den sehen“, dabei hob er die Hand mit ’X-Men’ an. “Und Steve war für den hier“, nun wurde ’Ice Age’ angehoben. “Ich konnte mich nicht entscheiden und deswegen musstest du jetzt eben entscheiden.“

“Und welcher hat nun gewonnen?“, fragte der Jüngste in der Runde und blickte von Einem zum Anderen. Er beobachtete, wie Steve grinsend aufstand, Daniel die beiden Filme abnahm und damit vor den Fernseher trat.
“Ice Age hat gewonnen“, informierte der Blonde ihn und griff nach einer Tasse mit dampfendem Inhalt. Gleichzeitig zog er einen Schmollmund.

„Das heißt, es gibt nichts zu Essen?“, wollte Ben nun doch wissen, weil er das eigentlich nach dieser Frage erwartet hatte.

„Doch. Echte Pizza vom Pizzaservice“, grinste Daniel ihn triumphierend an. „Mit Schinken.“

***

Gegen zwei Uhr morgens tippt Cole vorsichtig den Dunkelhaarigen an, der sich um ein Kissen gerollt und leicht an ihn gelehnt hatte, damit er wieder aufwachte. Zu guter Letzt hatten sie sich erst Ice Age, dann X-Men und schließlich auch noch Bens Favorit „Auf brennendem Eis“ angesehen, wobei Ben als erster eingeschlafen war. Cole hatte ihn schlafen lassen und sich gewünscht, dass er sich doch mehr als nur so wenig ankuscheln würde.

Auch Daniel war es nicht entgangen, wie Cole sich in Bens unmittelbarer Gegenwart verhielt. Er wartete auf Ben, das sah man deutlich. Steve war immer noch etwas angeknackst von dem Disput am Nachmittag und wollte darum gar nicht wissen, ob Cole tatsächlich auf den Jüngsten in der Runde stand.

„Wo sollen die beiden schlafen?“, wollte Cole nun von Dornröschen wissen.
„Na, in meinem Bett“, murmelte Ben. „Auf keinen Fall in den beiden freien Zimmern. Hier auf der Couch schläft man sowieso viel schneller ein.“
„Dafür wärst du morgen total verkrampft. Schlaf du in deinem Bett, dann nehme ich die Couch und die anderen Chaoten kriegen das gelbe Zimmer.“
„Ach, du wohnst auch noch neben mir?“
„Was dagegen?“
„Weiß nicht. Aber ich will auf der Couch schlafen“, beharrte Ben plötzlich.
„Das wirst du ganz bestimmt nicht“, knurrte Cole dunkel und Ben machte sich ganz unwillkürlich etwas kleiner.
„Das sind meine Gäste und deswegen schlafen sie in meinem Bett und du schläfst in deinem Eigenen. Fang bloß nicht an, den Märtyrer zu spielen!“
„Übertreib’ mal nicht! Die Couch ist total bequem und ich werde bestimmt nicht alt und runzelig von einer Nacht im Wohnzimmer. Ich stehe sowieso eher auf als ihr“, versuchte er sich trotz des ruppigen Tons gegen den Größeren durchzusetzen.
„Cole, nun lass’ ihn doch, wenn er unbedingt will!“ Der Angesprochene seufzte resignierend.
„Wenn du unbedingt willst. Aber ich lache dich auf jeden Fall aus, wenn du morgen total verspannt bist.“
So viel zum Thema: „Cole macht sich Sorgen um mich“, dachte Ben grinsend, während er sich in die dicke, weiße Vliesdecke einwickelte und auf die Kissen der Couch kuschelte.
Komischer Tag...


Kapitel 7
WG Wohnzimmer (26.04., Mittwoch, 9.37 Uhr)

“Sh... seid doch leise! Er schläft doch noch und ich will nicht, dass er aufwacht“, flüsterte Cole leise zu seinen Freunden und trat mit diesen zu dem Sofa. Ein leichtes Lächeln breitete sich auf seinen Lippen aus, als er den Schwarzhaarigen friedlich eingekuschelt vorfand. Er leckt sich über die plötzlich trockenen Lippen, als er den freien, feingliedrigen Oberkörper betrachtete, da die Decke in der Nacht hinunter gerutscht war und nur noch alles ab den Hüften abwärts bedeckte.

Gewaltsam riss Cole sich vom Anblick der leicht geöffneten Lippen los, einem der sinnlichsten Bilder, das er je gesehen hatte. Er biss sich auf die Lippe, weil sich automatisch ein Szenario in seinem Kopf abspielte, das den Anblick nur noch quälender machte.

Daniel, der hinter ihm gestanden hatte, stieß ihm den Ellenbogen zwischen die Rippen.
„Hör’ auf zu sabbern und komm!“ zischte er leise.

Wie sie es in Coles Zimmer bestimmt hatten, schlossen sie leise die Tür und begannen damit, Frühstück für sie alle vier zu machen. Der Blonde schmunzelte in Erwartung seines Schwarms und stellte sich vor, wie er verpennt in die Küche kommen und genüsslich an seiner Tasse heißer Schokolade schnuppern würde. Aus den Tagen ihrer Freundschaft kannte er seine Vorliebe für Kakao und die Abneigung gegen Kaffee.

Zufrieden mit ihrem Werk betrachteten die Drei kurz den reich gedeckten Frühstückstisch. Kaffe und Kakao dampften verheißungsvoll vor sich hin.

Während Daniel und Steve die besten Plätze besetzten, überließen sie Cole die Aufgabe, den Schlafenden zu wecken, wobei Daniel sich grinsend die verschiedensten Szenarien ausmalte und Steve ihn dafür mit Sarkasmus überhäufte, weil er so blöd durch die Weltgeschichte grinste.

Ben war schon eine ganze Weile wach gewesen, bevor die drei ins Wohnzimmer gekommen waren und hatte sich darüber amüsiert, dass sie trotz Coles Ermahnung kein bisschen leise gewesen waren.
Ob das Frühstück für vier oder nur drei war? Genau hatte der Kubaner nicht verstanden, was in der Küche gesprochen worden war und deshalb einfach abgewartet.

Leise trat Rush an die Couch, blickte über ihre Lehne, bevor er das weiße Möbelstück umrundete und vor ihm in die Hocke ging.
“Hey, Dornröschen, aufwachen. Die Sonne scheint und du wolltest viel eher aufstehen als ich. Und das Frühstück ist fertig.“ Er konnte es nicht lassen und strich dem Kleineren sanft mit den Fingerspitzen über die Wange.

Ben blinzelte, als er die zärtliche Berührung spürte. Doch als Cole plötzlich in grüne Augen blickte, zuckte er zurück und meinte schnell: “Entschuldige. Du hast nur gerade so süß ausgesehen, als du geschlafen hast.“

Hastig stand er auf, stolperte einen Schritt zurück und beeilte sich, in die Küche zu kommen. Das hatte er gar nicht tun wollen. Verdammt, so ging alles viel zu schnell. Er hatte sich erst in Ruhe darüber klar werden und danach damit zu Ben kommen wollen. Er brauchte die Freundschaft zu ihm als Basis, sonst würde der ihn abweisen, da war er sich sicher. Stöhnend ließ er sich auf einen Hocker fallen.

Daniel fixierte ihn aufmerksam. Hat er jetzt eine deftige Abfuhr bekommen oder wie muss ich das verstehen?
Doch Ben kam kein bisschen bedrückt in die Küche, er schmunzelte sogar leicht, während er sich das Hemd zuknöpfte.
Hatte es ihm solchen Spaß gemacht, Cole eine zu scheuern? Eigentlich unwahrscheinlich.

Er murmelte einen Gruß und schnappte sich die letzte der vier Tassen, sog genüsslich den Duft der heißen Schokolade ein, so wie Cole es in Erinnerung hatte. Erst jetzt bemerkte er den scharfen Blick des Rothaarigen.
„Was?“ fragte er irritiert.
„Was hast du gemacht?“, schnappte Daniel zurück.
„Wie... was?“ Müde rieb Ben sich das Gesicht.
„Na das da. Warum zieht Cole so ein Gesicht?“
„Ich hab überhaupt nichts gemacht“, fuhr Ben auf. „Wieso soll ich ständig schuld sein, wenn Cole seine Tage oder sonst was hat?! Er kam rüber, hat mich geweckt, weil ich mich schlafend gestellt hatte und dann ist er plötzlich zurückgezuckt, als hätte er sich verbrannt.“ Es hörte sich eigentlich sehr nach der Zeit an, als sie Ben wie einen Aussätzigen behandelt hatten.
„Hört auf, über mich herzuziehen!“, verlangte Cole beleidigt. „Ich bin immer noch im Zimmer.“

„Wo ist schon wieder dein Problem?“, wandte Ben sich ausnahmsweise einmal direkt an Daniel. Jetzt, da er wusste, dass sie gar keine tief sitzende Antipathie gegen ihn hegten, war das möglich.
„Es gibt keins mehr“, murrte Daniel, dem klar geworden war, was es gewesen war. Cole hatte Ben berührt, wahrscheinlich gestreichelt oder so und dann Angst bekommen, dass er sich etwas vergeben könnte.
„Können wir dann vielleicht in Frieden frühstücken?“, verlangte Steve. „Diese ewige Streiterei, du bist doch nicht Coles Vormund!“

***

Anderthalb Stunden später verließen Daniel und Steve das Haus, um sich wieder zu Hause blicken zu lassen. Außerdem war mit Cole wenig anzufangen, weil er die riesigen Bücherregale mit jeder Menge interessanten Büchern ausfindig gemacht hatte und obwohl man es nicht erwartete, las er unheimlich gerne.

Auch Ben hatte eigentlich beschlossen zu lesen, doch er dachte nach. Über Daniels Verhalten. Über das, was er gesagt hatte und wie wenig davon auf seine Beziehung mit Kevin zugetroffen hatte. War das von Kevin nur Farce? Denn wenn es ’echt’ gewesen wäre, hätte er mich wenigstens im Krankenhaus besucht.

***

An der Küchentür traf Ben plötzlich wieder auf Cole. Er hatte abwaschen wollen, weil die anderen ja schon das Frühstück gemacht hatte. Ben war überrascht und wusste nicht, was er sagen sollte. So schwieg er und räumte die Reste des Frühstücks vom Tisch. Als Cole nach dem Wasserhahn griff, hielt der Dunkelhaarige ihn am Handgelenk fest.
„Ihr habt doch schon Frühstück gemacht. Also wasche ich ab.“
„Immer willst du alles machen!“, nörgelte Cole. „Damit alle ein schlechtes Gewissen bekommen!“ Er blickte von der Spüle zu Ben und wieder zurück.
„Du wäschst ab und ich trockne ab!“, ordnete er mit einem Ton an, der keine Widerrede mehr gelten ließ.

***

Ins Haus verkrümelt stießen sie erst erneut zusammen, als Ben sich auf die Suche nach dem Größeren gemacht hatte, weil er übers Essen beraten wollte.
Wir laufen uns nur über den Weg, wenn es Essen gibt. Das ist doch…!
„Was hältst du von… ähm ja, einfach Brot?“, fragte Ben nichts ahnend.
„Brot mit Spiegelei“, verbesserte der Blonde und kümmerte sich um die Eier, während Benaja Schnittchen machte.
„Was hast du noch gemacht?“, wollte Cole zur Beschäftigung wissen.
„Och…“, machte der Dunkelhaarige ausweichend, „ich hab gelesen und Mathe gelernt.“
„Jetzt?“ Cole war entsetzt. „Wir haben Ferien.“
„Wenn ich es nicht auffrische, hab ich bis zu den Prüfungen doch alles vergessen.“
„Du hast eindeutig viel zu viel Zeit. Apropos, was kommt heute eigentlich im Fernsehen?“
„Weiß nicht.“ Ben nahm das Brett mit den Broten mit ins Wohnzimmer, Cole folgte mit den Spiegeleiern.
“Es schmeckt bestimmt genauso gut wie es aussieht.“ Was war ihm denn da wieder aus dem Mund gekrochen?! Verdammt, er hatte sich doch vorgenommen, es langsam anzufangen, sonst würde Ben ihm weglaufen.
„Was kommt denn nun im Fernsehen?“, lenkte er schnell davon ab.

Ben beugte sich nach vorn und das Shirt rutschte nach oben und gab den Blick auf die schmale Hüfte frei. Cole sog scharf die Luft ein und machte die Augen zu, um nicht rot anzulaufen. Wenn das in der Schule so weiterging, konnte er sich ja auf eine unterhaltsame Woche gefasst machen.
“Heute kommt leider überhaupt nichts. Nur Serien oder TV-Schnulzen. Sieht so aus, als müssten wir uns an DVDs halten oder Langeweile schieben“, meinte der junge Mann neben ihm und legte das Heft schließlich wieder weg. Der 19-Jährige stöhnte genervt auf und starrte an die Decke.
“Und noch nicht mal eine gescheite Disco in der Nähe. Das darf doch nicht war sein.“
„Außer das ‚Velvet’. Das ist hier irgendwo.“ Zufrieden bemerkte Ben, dass Cole so aussah, als würden ihm Katzenohren wachsen.
„Ja?“
„Hey, es ist keine Schwulen-Disco!“, protestierte Ben, weil er den Blick wohl doch falsch gedeutet hatte.
Da wäre es wenigstens nicht aufgefallen, wenn ich mit dir getanzt hätte. Obwohl, wenn mich dort jemand sieht. Gott.

Ein Lächeln stahl sich auf seine Lippen, als Cole von der Couch sprang und meinte, er würde sich schnell umziehen gehen. Langsam stand Ben auf, brachte die leere Platte in die Küche, ging dann selber hoch in sein Zimmer und griff zielsicher in seinen Schrank. Aus genau diesem Grund war er auch schon fünf Minuten später fertig angezogen und musste sich jetzt nur noch um seine Haare kümmern.

Erst stand Cole einige Minuten sich die Haare raufend vor dem Kleiderschrank, völlig ahnungslos, was er anziehen sollte, da immer alles die falsche Botschaft vermittelte. Hey, reiß’ dich mal zusammen, du bist nicht schwul! Also hör auf, dich wie eine Schickse aufzuführen und zieh dich an!

Schließlich entschied sich der Blonde für seine Ausgehjeans, die sexy betonte, ohne zu dick aufzutragen, und ein weißes Hemd dazu. Schnell hatte er sich umgezogen und stand keine Minute später vor dem Bad, klopfte aber höflicherweise an und fragte: “Ben? Bist du da drin? Dann nehme ich das andere Bad.“ Er sah die Tür an wie ein Auto, als der Schwarzhaarige doch meinte, er bräuchte seine Hilfe und er könne rein kommen.

Ben sah viel zu gut aus. Er hatte schwarze Wildlederhosen ja immer für, im wahrsten Sinne, nicht tragbar gehalten, doch der Kleinere belehrte ihn eines Besseren. Es sah kein bisschen nuttig an ihm aus, obwohl es wirklich nichts versteckte. Das perfekte Understatement dazu bildete ein schwarzes Hemd, das den schmalen Körper umschmeichelte, ohne ihn einzuengen. Zwei breite Lederarmbänder rundeten das Bild ab.
Ein wenig unauffällige Schminke hatte der Jüngere ja noch ohne Schwierigkeiten allein hinbekommen, man glaubte es kaum, aber es machte ihm Spaß, sich ein wenig anzupinseln. Nur seine nicht vorhandene Frisur, in Kombination mit seinem Mangel an frisörtechnischer Kreativität, ärgerte ihn. Er sah einfach nur aus wie immer.

„Also, was hast du denn?“, fragte Cole mit der Stimme besorgter Tanten, die ihn an Helge Schneider erinnerte. Ben grinste und stieg darauf ein.

„Meine Frisuuuur!“, jammerte er theatralisch wie ein Luxus-Teenie auf Koks.

Der Blonde grinste, bekam dann ein zufriedenes Glitzern in den Augen und schnappte sich eine Tube Haargel. Sanft fuhr er ihm durch die Haare und verteilte die cremige Masse darin.

Bens Herz stolperte plötzlich, so dass er sicher war, gerade rot anzulaufen, was er allerdings nicht tat. Laut dem Spiegel. Aber was wusste der schon. Zum Beispiel wusste er nicht, dass ihm Coles Nähe plötzlich wesentlich mehr ausmachte als noch gestern Abend.

Es fühlte sich an, als ob Cole ihm einfach ein bisschen den Kopf streichelte und nur hier und da mal eine Strähne aus dem Gesicht zupfte. Doch als er in den Spiegel sah, lächelte er zufrieden.

Seine Haare waren verwuschelt und fielen leicht wellig, keine Spur vom Gel, das ihnen Halt gab, er sah ein bisschen aus wie die Typen von Mando Diao, natürlich, ungekünstelt und ein bisschen verführerisch.

Das Highlight lag auf seinen dunkel geschminkten Augen, die dadurch noch viel intensiver wirkten. Cole hatte es wirklich so hinbekommen, das es zu ihm passte.

“In Ordnung so? Ich geh mich auch noch schnell fertig machen und dann können wir los.“ Damit schnappte er sich seine Sachen von der Ablage, verließ das Bad und machte sich schnell im oberen fertig. Fünf Minuten später stand er fertig im Wohnzimmer und schloss noch schnell die Balkontür.

“Wie kommen wir eigentlich dort hin?“ Ben stand auf und blickte den Größeren abwartend an.

“Wir können uns ein Taxi rufen oder aber wir sparen das Geld und nehmen mein Bike. Dann werd ich heute eben nicht ganz so viel trinken“, erwiderte dieser und sah ihn entschieden an.

„Seit wann hast du das? Das wusste ich gar nicht.“

„Seit vier Monaten, da steckt mein Sparbuch von meiner Oma drin“, grinste Cole. „Oder hast du Angst, mit mir zu fahren?“
„Nein!“, erwiderte Ben sofort. Cole sollte bloß nicht auf die Idee kommen, dass er schon von seinen Gefühlen wusste. „Natürlich nicht“, meinte er leiser. Er war noch nie Motorrad gefahren.

Von oben schleppte der Größere einen zweiten Helm an, was Ben irgendwie erstaunte, weil er nicht wusste, wer sonst bei Cole hätte mitfahren sollen. Na ja, vielleicht falls er stürzt und sein Helm kaputt geht… oder so, versuchte er es sich zu erklären.

„Keine Angst“, meinte der Blonde draußen, als sie vor seiner Maschine standen und er den unsicheren Blick des Kleineren sah. „Ich passe schon auf, dass dir nichts passiert.“ Als sie keine Minute später auf der Kawasaki saßen und er spürte, wie Ben sich an seinen Rücken kuschelte, weil er Angst vorm Motorradfahren hatte, lächelte er. Nie wieder lasse ich dich mit einem Taxi fahren!

Er gab sachte Gas, zog die vordere Bremse an und drehte sich auf der Stelle. Es war so herrlich, zu spüren, wie sich Ben noch näher an ihn drückte, so dass er sich einbilden konnte, dass sie zusammen waren. Doch es versetzte ihm einen Stich und er ließ es lieber.

Mit einem kleinen schlechten Gewissen, weil er die Angst des Schwarzhaarigen ein wenig ausnutzte, fuhr er langsam los und ließ auch den ganzen Weg über seine Spielereien mit der Maschine.

Auch Ben dachte in eine ähnliche Richtung und hoffte, dass er dem Größeren durch die Nähe keine falschen Hoffnungen machte. Er wollte ihn nicht verletzen. Und die Fahrt durch die Dämmerung, in der die Lichter der Stadt in orangen Linien durch die blaue Luft zogen, gefiel ihm eigentlich recht gut.

***

Ein paar Minuten später hatte Ben es bereits hinter sich. Vorsichtig kletterte er von dem Motorrad, das nicht ganz die richtige Höhe für ihn hatte und schüttelte sich die Haare noch einmal aus, aber der Helm hatte ihnen nicht geschadet.
„Dann mal los, mir ist sowieso kalt“, meinte er fröhlich und schleifte den Älteren, der gerade noch Zeit hatte das Motorrad zu sichern, hinter sich her.

„Lange nicht gesehen, Amigo.“ Cole staunte nicht schlecht, als Ben plötzlich bei einem Hünen von Security stehen blieb und ihn anquatschte. Der grinste zurück und hob seine Sonnenbrille, die Cole im Dunkeln für absolut affig befand. Es enttäuschte seine Vorurteile gegen den Dunkelhaarigen auf zwei Arten: erstens hatte er schon befürchtet, den Türsteher bestechen zu müssen, damit sie den Kleinen hineinließen und andererseits hatte Ben den Eindruck gemacht, er wäre schrecklich schüchtern. Aber wenn dem offensichtlich nicht so war… Dann muss er eine Scheiß-Angst vor mir und den anderen entwickelt haben. Verdammt. Cole biss sich auf die Lippen, weil ihm wieder einmal bewusst wurde, was er dem Kleineren damit angetan hatte.

„Dein Freund?“, hörte er eben, als er sich wieder den beiden zuwandte. Schön wär’s!

Ben schüttelte den Kopf. „Nein, ich brauche eine Pause. Eine lange. Das ist mein Ex-Erzfeind.“ Der Blonde meinte einen Schimmer Traurigkeit in den grünen Augen zu erkennen. Er trauerte ihm nach? Cole war sofort eifersüchtig auf diesen Gedanken.

„Na, wenn du so mit deinen Feinden umgehst, haben es deine Freunde ja wirklich gut“, witzelte der Türsteher. „War schön, dich mal wieder gesehen zu haben.“ Er beugte sich zu Ben.
„Gut, dass du von diesem Kevin losgekommen bist. Der da würde dir viel besser stehen!“

„Quatsch!“ Fröhlich folgte Ben schließlich der Aufforderung, sich doch mal endlich rein zu bequemen und freute sich darüber, dass hier immer noch die gleichen Leute wie vor zwei Jahren arbeiteten, als er mit Kevin öfter hier gewesen war.

Erstaunt sah er sich um. Hier hatte sich doch einiges verändert, zum Positiven, wie er feststellte. Hatte es früher fast ein wenig billig ausgesehen, so strahlte der Laden nun Eleganz und Stil aus. Tango? Fragte er sich still, als er die Musik erkannte. Seit wann gibt es denn hier Tango-Nächte? Aber er passte hervorragend hierher.

Die perfekte Tango-Location, dachte auch Cole gerade.
„Hast du gewusst, was hier heute läuft?“, brüllte er durch die Musik.
„Nein.“ Ben hob hilflos die Schultern. „Als ich das letzte Mal hier war, gab es das noch nicht.“

„Kannst du Tango tanzen?“
„Ja. Aber ich bin sicher eingerostet, ich hab es bestimmt ein Jahr lang nicht mehr gemacht. Und du?“
Ein Jahr… also hatte er mit seinem Exfreund getanzt.

„Ich hatte mal eine Art Crashkurs. Wirklich viel kann ich nicht, aber ich hoffe, dass ich mich nicht völlig zum Obst mache.“
Der Jüngere zog ihn zu einem freien Tisch vor einer rot bezogenen Couch.

„Was mich schon die ganze Zeit beschäftigt… hat dein Freund wegen dem Tagebuch und der Zeitung mit dir Schluss gemacht?“, fragte Cole plötzlich schuldbewusst.
Benaja biss sich auf die Lippe.

„Nein, das war vorher… in den Sommerferien. Er war einfach weg.“ Traurig blickte Ben weg und griff sich, ohne es zu bemerken, an die breiten Lederbänder, als er eine warme Hand auf seiner spürte. Überrascht blickte er wieder auf, in Coles blaue Augen, die einen einfühlsamen Ausdruck angenommen hatten, obwohl sie noch eine Spur von etwas anderem enthielten, das Ben nicht deuten konnte.
„Du musst mir nicht mehr sagen, als du willst. Ein einfaches Nein hätte mir auch genügt.“

„Danke.“ Der Jüngere lächelte aufrichtig und wandte sich dem aus dem Nichts auftauchenden Kellner zu, den er in lupenreinem Spanisch zuquasselte. Der Kellner schien sich über das Wiedersehen zu freuen und sie unterhielten sich angeregt. Cole konnte nicht anders, als es mit einem Lächeln zu quittieren. Ben gefiel ihm noch wesentlich besser, wenn er keine Angst zu haben schien. Und was ihn wirklich erstaunte war, dass es Ben noch nicht aufgefallen zu sein schien, dass er seine Hand immer noch hielt und behutsam streichelte. Wie sollte er sie dort wieder wegbekommen, ohne einen peinlichen Moment zu provozieren? Vor allem, da es nicht im Mindesten sein Wunsch war. Am liebsten hätte er die kleinere Hand ganz behalten, obwohl er wusste, dass er sich nur etwas vormachte.

Nur hatte er gerade nicht den Eindruck, als Ben sich auch noch zu ihm vorbeugte.
„Geh doch üben, bei den vielen Leuten auf der Tanzfläche wäre es doch eine gute Gelegenheit.“

Rush sah von Ben zur Tanzfläche und wieder zurück. Interessant, was der DJ alles ausgegraben hatte, zu dem sich Tango tanzen ließ, hatte er gar nicht erwartet.
„Ja… kommst du mit, ich will mich nicht alleine zum Löffel machen und wenn du lange nicht getanzt hast, hab ich wenigstens Gesellschaft.“ Oh. Das war eindeutig eine Aufforderung zum Tanzen, die so gar nicht eingeplant gewesen war. Beim Tango Argentino war es keine Seltenheit, dass zwei Männer miteinander tanzten, zumal die Frau dort die Hauptrolle spielte. Die Männer mussten bis zur Perfektion aneinander üben und durften erst dann eine Frau auffordern.

„Och…“, hörte er Ben durch die leiser werdende Musik. „Eigentlich hab ich noch keine Lust. Lass mich noch ein bisschen hier sitzen und zusehen.“
„Du kannst gar nicht tanzen, hab ich Recht?“
Das hatte gesessen. Cole erkannte es am herausfordernden Glitzern in den Augen des Dunkelhaarigen.

„So? Kann ich also nicht?!“ Einen Wimpernschlag später war Ben zwischen den Tanzenden verschwunden. Cole blieb verwirrt zurück und kratzte sich am Kopf.
Nur eine Minute später kreuzte Ben wieder auf, als gerade ein neues Lied einsetzte. Ben hatte es bestellt, es war das Lied, zu dem er früher am liebsten getanzt hatte.

„Was soll das?“ Cole fand sich plötzlich auf der Tanzfläche wieder.
„Du hast es doch so gewollt.“ Ben grinste fies und nahm, wie die anderen Paare, die Grundstellung ein. Der Blonde musste führen und zog einen Schmollmund.
Das Lied begann schnell und Ben tanzte die erste Figur und obwohl es eine für die Frau war, gab es keine Fehler darin. Im Gegenteil. Der einzige Fehler war wahrscheinlich, dass Bens Gestik total ansteckend war. Herausgefordert konnte Cole nicht anders, als nun wirklich die Führung zu übernehmen und das tat er verblüffend gut, besser als er es sich zugetraut hatte.

Sie tanzten eng und hitzig. Der Gedanke des Tangos waren nicht die perfekten Schritte, es war eine Art Duell der Partner, die sich gegenseitig reizten, ohne dass sie nicht miteinander harmonierten. Nachdem Cole sich hineingefunden hatte, gelang es auch ihm, Ben zu verführen, sei es durch seinen Oberschenkel, der sich flüchtig an ihm rieb, seine Hände oder einer anderen Geste, denn nachdem sie einmal damit angefangen hatte, wurden sie verdammt erfinderisch und freuten sich über jeden Treffer, den der Andere mit einem Keuchen oder einer Veränderung in seinem Blick quittierte.

Bens Herz klopfte bis zum Hals, erregt von der Erotik des Tanzes.

Erst als Cole ihm das Ende des ewig scheinenden Tanzes signalisierte, sah Ben wieder auf etwas anderes als den Größeren und bemerkte errötend, dass sämtliche Gäste auf den Polstermöbeln saßen und ihnen zugesehen hatten. Beifall plätscherte in Wellen zu ihnen in die Mitte.

„Und? War wirklich schlecht, oder?“, meinte Ben ironisch als sie sich setzten und grinste.
„Grottenschlecht. Scher dich in die Tanzschule!“, lachte Cole und nahm einen Schluck von dem Cocktail, den er vorhin bestellt hatte. Der 19-Jährige ließ seine langen, schlanken Finger mit dem silbernen Etui spielen, das er sich aus der Hosentasche gezogen hatte. Schließlich fischte er einen Zigarillo heraus, zündete es mit einem Streichholz aus demselben Etui an und nahm genüsslich einen tiefen Zug, genoss das Vanillearoma.
„Ich wusste gar nicht, dass du rauchst“, meldete sich der Jüngere verblüfft wieder zu Wort.
„Du weißt vieles nicht“, konterte Cole doppeldeutig. „Nur manchmal, wenn ich wirklich zufrieden bin.“ Jetzt war er erschöpft, irgendwie glücklich und gleichzeitig aufgedreht. Aber von der Beanspruchung seiner Libido musste er sich wohl erstmal erholen, bevor er Ben wieder aufforderte.

***

Lachend schloss Benaja die Haustür auf. Inzwischen war es schon weit nach zwei Uhr Nachts und die beiden hatten noch viel Spaß im Velvet gehabt. Zwar hatten die beiden nicht mehr so nah beieinander getanzt – das wollte Ben dem Blonden auf keinen Fall ein zweites Mal antun – aber sie hatten doch noch eine Menge getanzt und sich über dieses und jenes unterhalten.

Der Schwarzhaarige wollte gerade zur Wendeltreppe gehen, als Cole meinte: “Warte kurz, ich bring dich noch nach Hause.“
Ben lachte leise und drehte sich wieder um: “Wir sind doch schon zu Hause. Wo willst du mich denn noch hinbringen?“

“Na, bis vor die Tür, wie es sich gehört. Nicht, dass du dich noch verläufst“, lachte der Blonde und schob die versteckte Tür in der Wand auf. Die Geste machte aus dem zwangslosen Abend im Nachhinein eine Verabredung, was Cole für einen gelungenen Anfang hielt. Ben schenkte dem Größeren ein Lächeln und ging in die erste Etage hinauf.

Dort blieb er an der Tür stehen und sah zu seinem Mitbewohner hoch, während er den Helm in den Fingern drehte.
“Danke für den schönen Abend“, sagte er leise und wollte noch etwas hinzufügen, das ihm aber nicht über die Lippen wollte. Er traute sich nicht, Cole in die Augen zusehen, weswegen er auf den blauen Helm in seinen Händen blickte.
„Gleichfalls“, antwortete Cole sanft. „Lass’ uns das wiederholen. Das heißt, falls du möchtest.“
Ben lächelte erfreut, weil es in etwa das gewesen war, was er nicht aussprechen konnte. Ihre Blicke verhakten sich ungewollt ineinander.
„Du bist süß, wenn du nervös bist.“

Ben errötete schweigend und brach schüchtern den Blickkontakt. Er küsste ihn flüchtig auf die Wange und verschwand in seinem Zimmer, bevor Cole darauf reagieren konnte.

Andächtig stand Cole vor der Zimmertür und legte eine Hand an das kühle Holz. Mit der Anderen berührte er die Stelle an seiner Wange, die Bens Lippen berührt hatten. Der ganze Tag kam ihm vor wie ein großes Geschenk, von dem er wusste, dass es ihn bestrafte, indem er es erhielt. Dadurch, dass er jede Minute mit Ben mehr zu schätzen wusste, wurde ihm immer stärker bewusst, was er getan hatte.

Er fühlte sich verändert. Er war nie so vorsichtig und sanft mit jemandem gewesen, von dem er sich angezogen gefühlt hatte. Er hatte nicht einmal gewusst, dass er sich so verhalten konnte. Ben veränderte ihn.

Ben lehnte von innen an der Zimmertür. Sein Herz klopfte wie verrückt und Coles Gesicht wollte einfach nicht mehr verschwinden. Wenn er ihn so ansah, zog sich irgendetwas in ihm ganz kurz zusammen, wie wenn er in der U-Bahn jemanden betrachtet hatte, der ihm gefiel, und der ihm dann plötzlich zulächelte.

Schade, dass er es nicht auf den Alkohol schieben konnte. Denn er hatte nichts getrunken. Schließlich wechselte er auf das Fensterbrett und starrte die Sterne an.

Die beiden Helme lagen wie übergroße Wassertropfen auf seinem Schreibtisch, von hinten durch den Mond beleuchtet, ein stummes Andenken an den Abend zu zweit. Nichts war mehr so, wie es gewesen war, als sie noch befreundet gewesen waren. Und nichts war mehr so, wie als sie noch Jäger und Gejagter gewesen waren. Schließlich setzte sich Cole auf das Fensterbrett und starrte die Sterne an.


Kapitel 8
South Manhattan (27.04., Donnerstag, 16.29 Uhr)

Benaja stand schwer atmend auf der Brücke ganz in der Nähe seines momentanen Zuhauses und versuchte seine schmerzenden Lungen mit dem benötigten Sauserstoff zu füllen. Cole und Ben waren am Morgen erst ziemlich spät aus ihren Zimmern gekommen und hatten gemütlich gefrühstückt und dann beratschlagt, was es zum Essen geben sollte. Irgendwie hatte man sich auf Sushi geeinigt und Ben hatte dem Blonden schließlich einen Einkaufszettel geschrieben, welchen dieser gerade im nah gelegenen Supermarkt abarbeitete. Der Schwarzhaarige hatte seinem Mitbewohner eine Nachricht hinterlassen und war joggen gegangen. Jetzt lehnte er sich auf das Geländer und beobachtete ein paar Kinder, die auf einer Wiese am Wasser Baseball spielten.

Er war so sehr darin vertieft, dass er die Motorengeräusche gar nicht wahrnahm. Erst als er eine tiefe Stimme hörte, drehte er sich um und fand sich einem roten Cabrio gegenüber. Der platinblonde Fahrer, der nur ein paar Jahre älter als er zu sein schien, schob seine Sonnenbrille in die Haare und wiederholte das Gesagte.
“Du hast hoffentlich nicht vor da runter zu springen. Das Wasser ist nämlich noch ziemlich kalt um diese Jahreszeit.“

Ein leichtes Lächeln schlich sich auf seine Lippen und er schüttelte den Kopf.
“Nein, ich hab nicht vor zu springen. Zumindest nicht im Moment“, setzte er leise dazu und ließ dann seinen Blick über den Wagen gleiten. “Haben Sie nur aus diesem Grund angehalten?“

„Natürlich. Ich suche schon die ganze Zeit nach der Gelegenheit, mich zum Helden zu machen, indem ich einen Selbstmord verhindere“, lächelte der Ältere, der nebenbei Besitzer des Inners und auf seinem ersten Freigang war.

„Ich bin hin- und hergerissen“, antwortete Ben. „Soll ich Ihnen nun viel Glück wünschen oder nicht? Schließlich will ich ja auch niemandem so viel Unglück wünschen, dass er darüber nachdenkt, sich umzubringen.“ Er wollte gerade weiterlaufen, als der Cabriofahrer noch eine Frage stellte.

„Ob ich mich hier auskenne? Schlecht, ich wohne auch erst vier Tagen hier. Und bin nach Ende der Ferien wieder weg. Tut mir leid. Versuchen Sie es doch beim Bäcker.“

***

„Na, du Zwerg, hast du wieder hergefunden?“, frotzelte Cole fröhlich, als er hörte, wie Ben seine Schuhe ordentlich in den Flur stellte. Der Kleine war aber auch pedantisch.
‚Nein, bin ich überhaupt nicht,’ konnte er sich an die Antwort erinnern, als er ihn gestern Abend mal darauf aufmerksam gemacht hatte. ‚Ich mag es bloß nicht, wenn was herumliegt.’

„Und, bist du wieder vom Motorrad gefallen?“, stichelte Ben zurück und grinste. „Ist wenigstens das Essen noch heil?“
„Nee, liegt alles im Straßengraben. Und du musst mich unbedingt verarzten.“
„Pah! Verblute doch!“
„Und wen schickst du dann demnächst zum Einkaufen?“
„Na, den nächsten Mitbewohner, der hier aufkreuzt.“
„Ich bin also ersetzlich?!“
„Tja, Cole, so ist das eben…“ Ben streckte den Kopf in die Küche und ertappte Cole bei einem fetten Schmollmund.
„Sag’, dass das nicht wahr ist!“, quengelte der Schmollmund.
„Oh, natürlich nicht. Du warst unersetzlich dafür, mir meinen Ruf und sämtliche Kontakte, die ich mühsam geknüpft habe, zunichte zu machen.“
Am getroffenen und verletzten Gesichtsausdruck des Blonden sah er, was er seit dem Aussprechen gewusst hatte. Das war die beschissenste Richtung, in die das Gespräch hatte gehen können. Schuldbewusst kam Ben ganz in die Küche und berührte Cole an der Wange.
„Tut mir leid, das ging echt zu weit.“

„Mein Verhalten das letzte Jahr lang doch auch. Ist doch nur gerecht, wenn du mich ewig dafür fertig machst“, verteidigte Rush ihn auch noch.
„Nein, dann wäre ich ja auch nicht besser als du. Außerdem hast du dich inzwischen bestimmt achthundert Mal entschuldigt und ich hab’s angenommen.“
Cole blickte auf und in die schönen grünen Augen.
„Auch ohne, dass ich dir den Grund erklärt hab?“
„Tust du es trotzdem noch?“
„Bald.“
„Hast du was zu Essen?“
„Nein, liegt alles im Straßengraben.“
„Co-hole!!!“, zeterte Ben los und zog an den langen blonden Haaren.
„Au, lass los!“, wimmerte Cole kläglich. „Sonst verbanne ich dich zum Essen in den Kühlschrank!“, drohte er noch und öffnete Bens geballte Faust, um seine Haare zu befreien. Die Berührung war zwar kräftig und zweckorientiert, aber seltsamerweise auch ziemlich sanft.
„Du Kind!“, schimpfte er.
„Ich geh dann mal duschen“, meinte Ben und drehte sich um, um zu verhindern, dass Cole ihn erröten sah.

***

„Mann Cole!“ Bens Augen blickten nicht mehr besonders freundlich drein. „Hör’ auf zu träumen und mach endlich die verdammte Tür auf! Ich hab mich schon mal fast nackt zum Löffel gemacht und das reicht mir auch!“

Der Ältere hatte tatsächlich geträumt. Davon, wie Ben unter der Dusche stand und so aussah wie jetzt. Vielleicht ohne den bösen Blick. Und ohne das Handtuch. Er konnte nicht anders, als ihn jetzt anzustarren. Gott, er war so hormonfixiert, dass es ihm peinlich wurde.

Jemand hämmerte mit der Faust gegen die Tür und Cole sprang eilig vor, um sie zu öffnen, bevor der Eindringling auf die Idee kam, sie einzutreten. Da bei Ben irgendwas falsch zu laufen schien, so dass seine Neugier stärker war als sein Schamgefühl, blieb er nur mit einem Handtuch um der Hüfte im Flur.

„Sag mal, läufst du prinzipiell nackt im Haus herum oder ist das nur zur Begrüßung?“, hörte Ben plötzlich eine vage bekannte Stimme. Der hellblonde Kerl mit dem Cabrio! Samt einer Reisetasche. Ein Mitbewohner.

„Er hat meine Sachen gefressen!“, schob er sofort alles auf Cole.
„Tolle Ausrede“, maulte der.
„Hallo erstmal.“
Cole gab dem Unbekannten die Hand, musterte ihn aber leicht misstrauisch. Er sah ja fast aus, als wäre er eifersüchtig, fand Benaja.

„Hallo, ich bin Ben“, meinte er und trat einen Schritt näher. „Das da ist Cole.“

„Kris“, gab der Kurzhaarige Auskunft. Welchen der beiden er wohl fragen musste, um sich die Kawasaki auszuleihen? Er würde zu gerne einmal damit fahren, aber sein Freund war so schreckhaft, dass er ihn sofort wieder davon herunterzerren würde, sollte er es in seiner Gegenwart versuchen.

Kris stiefelte gerade seine dritte Stufe auf der Wendeltreppe nach oben, als Cole nach einer ausgiebigen Betrachtung zu Ben meinte: „Noch eine einzige Veränderung und du kannst den ganzen Tag so bleiben.“

Noch bevor Ben überhaupt dazu kam, den Wortlaut richtig zu verarbeiten, hallte die schallende Ohrfeige sogar noch im Treppenhaus nach. Kris blieb verblüfft stehen.

„Du Arsch!“ zischte Ben zitternd vor Wut.
„Tut mir ja wahnsinnig leid, dass ich keine Frau bin!“ Damit stürmte er an dem Neuling vorbei nach oben und schlug die Tür hinter sich zu. Cole taumelte an die Wand hinter sich und ließ sich daran auf den Boden rutschen, während er sich die brennende Wange hielt. Was war denn das eben gewesen?

Wütend zerrte Ben sich das Shirt über den Kopf. So eine Frechheit! Erst zu behaupten, er würde ihn lieben und ihn sich dann als Frau zu wünschen, weil es ja ach so einfach war und gleich noch seine Vorliebe runtermachte!

„Was ist denn hier los?“, fragte Kris verwirrt den Blonden auf dem Flurfußboden.
„Wahrscheinlich ein deftiges Missverständnis“, antwortete der deprimiert, obwohl es ihm gegen den Strich ging, dass der Ältere schon nach zwei Minuten den Oberpapi spielen wollte. „Ich mache ihm ein Kompliment und er scheuert mir eine. Zugegeben, vielleicht war es ein etwas verkorkstes Kompliment, aber dass er es so falsch verstehen würde, konnte ich ja nicht wissen.“

„Soll ich mal mit ihm reden?“, bot Kris an, der sich als Barkeeper gerne in die Probleme anderer reinhängte. Wahrscheinlich hatte er doch den Beruf verfehlt und hätte Psychologe werden sollen.

„Wenn es dir Spaß macht, eine Abfuhr zu kriegen.“

Kris wollte gerade an jede einzelne Zimmertür klopfen, als ihm der Jüngere entgegenkam.
„Alles in Ordnung? Du warst so aufgebracht…?“
„Geht dich einen Scheißdreck an!“, fauchte Ben, der einfach nur seine Ruhe haben wollte, „Erst werd ich nicht mal mit dem Arsch angeguckt und plötzlich machen sich selbst wildfremde Leute Sorgen um meinen Gemütszustand.“

„Ok.“

Ben blinzelte. Einmal und noch einmal.

Er war in Streitlaune und wollte einfach nur jemandem anschreien, sich fetzen und dieser Typ sagte einfach nur: „Okay?“ War der Buddha oder was? Gegen so geballte Ruhe kam auch die Kratzbürstenlaune nicht an und verschwand langsam wieder.

„Ich gehe einkaufen“, meinte der Dunkelhaarige besänftigter. „Wir haben zu wenig geholt, weil wir nicht wussten, dass du kommst.“
„Dann fahre ich dich schnell.“
„Nein!“
„Cabrio…“ Verführerisch hing das Stichwort in der Luft. Er hatte Bens Blick auf der Brücke genau gesehen.
„Na gut.“
„Cole, wir gehen einkaufen“, rief Kris in die Küche.
‚Wir’? Er hörte wohl nicht richtig. Der dämliche Frisör schleppte Ben einfach ab. Kommentarlos ließ Cole die beiden loslaufen und setzte sich mit seinem neuen Freund Cola auf die Couch.

***

“Ach, was ich eigentlich noch wissen wollte“, begann Kris, während er um seinen Wagen ging und auf der Fahrerseite einstieg, „warum hast du mich vorhin zum Bäcker geschickt, wenn du doch hier wohnst?“

“Na ja, eigentlich wohne ich ja beim Central Park. Deswegen kenne ich mich nur bei den Fußwegen langsam aus. Hier rechts abbiegen. Außerdem wusste ich ja nicht, dass du zum Haus willst.“

“Wirklich?“, fragte er neugierig. “Ich wohne auch beim Central Park. Wahrscheinlich sind wir uns schon über den Weg gelaufen und haben es nicht gemerkt.“
Ben zuckte mit den Schultern.

***

„Was brauchen wir denn alles?“, fragte Kris, nachdem er mit dem Einkaufswagen zum dritten Mal einer dicken Frau in die Hacken gefahren war und sich überschwänglich entschuldigt hatte.

Der Schwarzhaarige rasselte im Kopf die Einkaufsliste herunter. „Kartoffeln, Grillzeug für morgen... Eigentlich alles noch mal. Brot auch.“ Er dirigierte Kris ans Ende der Warteschlange und ging Obst holen, während er eine SMS an Daniel tippte. >>Gollum, es gibt rohen Fisch. Ist zwar Reis dran, dafür keine Gräten mehr. Ihr könnt vorbeikommen, falls ihr nicht gerade dicht in der Ecke liegt. Wir haben zu viel eingekauft.<<

Gerade als Benaja wieder bei dem Hellhaarigen auftauchte, meldete sich dessen Handy. Er blickte Ben kurz entschuldigend an.

“Nun beruhig dich erst einmal, Martin“, versuchte er seinen Freund zu beruhigen, der ohne Punkt und Komma auf ihn einredete. “Soll ich kommen? Nein? Aber wenn es schlimmer wird, komme ich sofort nach Hause. Ich dich doch auch“, beendete er liebevoll. Das war wieder mal ein klasse Timing. Er seufzte tief auf und fuhr sich mit einer Hand über das Gesicht.

“Alles in Ordnung? Tschuldigung, war eine sinnlose Frage.“ Ben blinzelte entschuldigend.

“Die Mutter meines Freundes liegt im Krankenhaus. Sie hat Krebs. Anscheinend noch im Anfangsstadium, aber Martin hängt wahnsinnig an ihr.“ Er war selbst überrascht, dass er einem wildfremden Menschen seine Vorlieben auf die Nase band. Er wartete schon darauf, dass Ben jetzt ziemlich zugeknöpft reagieren würde, denn die Wenigsten waren besonders gut darauf zu sprechen.
Ach, er auch noch? Obwohl, war eigentlich klar bei der Haarfarbe. Was ist denn das für eine WG? Soll das doch eine Gruppenparty werden?

„Dann ruf ihn doch an und lad ihn zum Sushi-Essen ein, das muntert ihn sicher ein bisschen auf? Oder kann er rohen Fisch nicht leiden?“, schlug Ben nicht im Mindesten reserviert vor und bestellte an der Fischtheke so viele Zutaten, dass Kris mitbekommen musste, dass er keine Wahl mehr hatte.

„Los doch! Du hast ein Zimmer, ein ziemlich geräumiges Bett… wir haben zu viel zu essen und Coles Leute kommen auch.“

Gehorsam tippte Kris die Nummer so schnell ein, dass das über Jahre hinweg antrainiert sein musste. Während das Freizeichen ertönte, musterte er Ben noch einmal mit leicht verengten Augen. Man sah es zwar kaum, aber Kris hatte lange dafür geübt. Ben stand genauso auf Männer wie er selbst – und wie Cole auf den Kleinen.

Benaja packte die Sachen auf das Kassenband und wartete, dass die Tütenpacker es einpackten. Praktisch war, dass er nur seinen Schlüssel vorzeigen musste und der Einkauf wurde von Michaelis bezahlt.

Der Neuling erklärte inzwischen seinem Freund den Weg zur Villa. „Er kommt wirklich vorbei“, vermeldete er schließlich. „Lass’ uns einen Kaffee trinken gehen, ich will das Café da ausprobieren.“

Sie stellten den Einkauf im Kofferraum ab und bestellten im Café Latte Macchiato, zu dem Kris den Jüngeren überreden konnte, weil nur wenig Kaffee drin war.
„Cole hat nicht den Eindruck gemacht, als wäre die Ohrfeige verdient gewesen.“

Ben schnaubte.

„War sie aber definitiv. Auch wenn ich vorher noch niemanden geohrfeigt hab. Erst macht er seinen Freunden klar, dass er mich nicht hasst, obwohl er mir das ganze letzte Jahr zur Hölle gemacht hat, sondern das Gegenteil fühlt. Und wenn ihm wirklich etwas an mir liegt, braucht er mir nicht so was an den Kopf werfen. Also kann es nicht viel wert gewesen sein, was er zu ihnen gesagt hat.“

Kris zog die Brauen zusammen und man sah, wie die Zahnräder hinter seiner Stirn ratterten. Gott, wie konnte man das so in den falschen Hals bekommen?

„Ich glaub, du verstehst da was nicht…“

Ben sandte ihm einen empörten Blick.

„Cole hat nicht deine fehlenden Brüste, sondern dein Handtuch gemeint.“

Wenn Ben es unbedingt mit dem Holzhammer gemeißelt wollte, das konnte er haben…

Ben lief rot an.

„Das hat er gemeint?“ Dann hat er jetzt völlig zu Unrecht fünf Finger auf der Wange… Mist.

“Und was willst du jetzt wegen Cole machen? Willst du immer weiter so tun, als hättest du nie erfahren, dass er in dich verliebt ist?“ Kris sah ihn ernst an.
„Ich hab euch zwar bloß fünf Minuten zusammen gesehen, in denen ihr euch nicht besonders toll verstanden habt, aber… Auch wenn man nicht weiß, dass es so ist, man sieht, dass Cole ein Auge auf dich geworfen hat. Wenn du das noch eine ganze Weile weiter ignorierst, bis Cole sich zu sehr bemüht, als dass man es wegignorieren könnte, endet das in einem größeren Krach, als der, der euch als Freunde auseinander gebracht hat. Du solltest so schnell wie möglich klarstellen, wie du dazu stehst.“

„Und wenn ich genau das nicht weiß?“

Kris seufzte. „Das weiß man nie so genau. Aber ich glaube, ich irre mich nicht, wenn ich sage, dass es dir Leid tun würde, wenn er sich von dir abwenden würde.“
Ben zog skeptisch die Nase kraus.
„Und das soll reichen?“

„Es muss sich entwickeln. Du kannst nicht erwarten, dass ein Engelchen auf deiner Schulter einen Schalter umlegt und plötzlich auf den Ich-Bin-Hin-Und-Weg-Von-Cole-Modus umschaltet. Wenn es so ein bestimmtes…“ Kris gestikulierte hilflos mit den Händen in der Luft herum.
„Na ja, ein Knistern zwischen euch gibt. Hach, ich kann mich nicht ausdrücken. Spul noch mal zurück. Was ich sagen will ist, dass du nicht erwarten kannst, völlig verknallt in einen Typen zu sein, der dich ein Jahr lang schikaniert hat. Aber wenn es zwischen euch funkt, solltest du das nicht ignorieren.“

Ben dachte an die Szene, als Cole seine Beule am Kopf betrachtet hatte, als er ihn wecken gekommen war und den Abend, als sie miteinander getanzt hatten. Da hatte es so eine Art Schwingung zwischen ihnen gegeben, von seiner Seite aus zumindest. War es das, was Kris sagen wollte?

“Lass und nach Hause gehen und mit dem Essen anfangen. Sonst sind wir mit dem Sushi nie fertig.“ Damit winkte er einen der Kellner zu ihrem Tisch und kramte Geld aus seinem Mantel.

“Ich hab doch gesagt, ich lad dich ein“, meinte er, als Ben den Kellner rief. Schnell drückte Kris dem Angestellten zehn Dollar in die Hand, murmelte ein ’stimmt so’ und stand auf.

Ben war überrascht, dass sie auf Anhieb so miteinander redeten, als würden sie sich schon ein halbes Jahr kennen. Auch wenn er nicht besonders viel Erfahrung damit hatte, versprach das eine enge Freundschaft.

***

„Danke, vielleicht hilft mir das wirklich weiter“, meinte er, als sie die Tüten ins Haus brachten.

„Keine Ursache, dafür sind Barkeeper oder Freunde ja da.“

***

„Ich geh schon!“, rief Ben in die Küche, als es klingelte, weil er sowieso gerade ins Wohnzimmer hatte laufen wollen. Die anderen beiden hatten ihn konspirativ einfach aus der Küche verbannt. Obwohl, vielleicht doch nicht sooo konspirativ, denn teilweise hatten sie sich ziemlich angepflaumt, aber jetzt schien es friedlich zu sein. Draußen standen Daniel und Steve. Ben zuckte unwillkürlich zusammen.

„Wir sind’s nur, Kleiner und wir fressen dich nicht mehr“, beruhigte Daniel grinsend. Ben zuckte mit den Schultern und ließ sie in den Flur.

“Ihn hier haben wir draußen gefunden. Er war auf dem Weg zu euch.“ Damit ließ er den Fremden los und verschwand in Richtung Küche.
“Du bist Martin, oder? Ich bin Ben“, begrüßte er den stillen Fremdling.

„Kris, hier sucht jemand Anschluss!“ rief er in die Küche, schließlich wollte er den anderen das Ofensichtliche nicht auch noch unter die Nase reiben. Die Aufforderung war nicht mehr nötig gewesen, denn der Hellblonde fiel gerade seinem Freund um den Hals.

„Ich hab dich jetzt schon vermisst, obwohl wir uns doch heute früh noch gesehen haben. Geht’s dir ein wenig besser?“ Süßes Paar, die beiden… wie sie miteinander umgehen… so…

„Komm mit, ich zeig dir den Palast“, meinte Kris, den der Übermut in Gegenwart seines Liebsten zu packen schien und zog ihn hinter sich her, allerdings nur, um hinter der nächstbesten Ecke zu verschwinden und ihm eine leidenschaftlichere Begrüßung zu teil werden zu lassen. Sie waren weniger unbeobachtet, als Kris angenommen hatte, dem Gejohle nach zu urteilen.

“Ihr seid ja nur neidisch“, meinte er und streckte ihnen in einem Anflug von Albernheit die Zunge raus. “Ben? Danke, dass er herkommen konnte“, nuschelte er leise und schloss die Augen, genoss es, seinen Freund da zu haben.

Ben packte gerade ein bisschen der Neid. Es war nicht so, dass er das dem 26-Jährigen nicht gönnte, aber zu gern hätte er auch jemanden gehabt, bei dem er sich so ankuscheln konnte und der so liebevoll mit ihm umging. Aber der einzige Kandidat in Reichweite war Cole und bei Cole… stand immer noch eine Entschuldigung aus, wie er voller Unbehagen feststellen musste. Er seufzte leise.
“Was ist denn los?“, erreichte ihn die Stimme von Cole, doch er schüttelte nur den Kopf, schnappte sich dann aber doch seinen Arm und zog ihn ins Treppenhaus.

„Es tut mir leid, dass ich vorhin so ausgerastet bin“, meinte er, nachdem er tief Luft geholt hatte. „Ich weiß auch nicht, irgendwie hab ich…“

„Ist schon in Ordnung, es war zu doppeldeutig und ich hatte es eigentlich auch gar nicht sagen wollen. Mein Mundwerk geht einfach mit mir durch. Außerdem würdest du, wenn du die Wahl hättest zwischen Kompliment und Beleidigung, wahrscheinlich alles von mir erstmal als Beleidigung verstehen.“ Das war durchaus ein Angriff, zwar abschwächt durch den neutralen Tonfall, aber Ben hörte doch, dass es Cole nicht gefiel, dass er ihm ständig Rückfälle ins letzte Jahr unterstellte. Obwohl er sich wirklich Mühe gab.

Den Vorwurf musste Ben hinnehmen, wie er war, denn Cole hatte damit völlig Recht, er konnte nicht einfach vergessen, was alles passiert war.
„Tut’s noch weh?“ Fragend berührte Ben die Wange des Größeren.
„Nein. Aber mich wundert, dass du dich bisher kaum gewehrt hast, obwohl du ja nicht gerade einen kraftlosen Schlag hast.“
Ben bekam ein noch schlechteres Gewissen.
„Es tut mir wirklich leid.“
„Dafür hab ich mal einen Wunsch frei.“
Weil Ben sich wirklich schuldig fühlte, stimmte er zu.
„Mal was anderes. Ist es eigentlich klug, Daniel und Steve alleine bei unserem Abendessen zu lassen?“

***

Ben trug gerade Gläser zu dem großen Esstisch, der in einer Nische des Wohnzimmers stand, der Küchentisch war für die vielen Leute zu klein, als sein Handy klingelt.
„Kann mal jemand abnehmen, hab die Hände voll!“
„Hallo?... Nein.“ Kris nahm das Gespräch entgegen.
„Ja. Ben? So ein Kevin will dich sprechen.“

Ben zuckte zusammen. Die Luft schien einzufrieren und die Geräusche hingen erstarrt im Raum. Die auf dem Boden zersplitternden Gläser schienen beinahe stillzustehen, auch das Klirren drang nur langsam in sein Bewusstsein. Ben beobachtete, wie die Glassplitter sich auf dem Boden verteilten und hatte seine Handgelenke so fest mit den Händen umschlossen, dass die Knochen seiner Hände weiß hervortraten.

„Tut mir leid, der duscht. Soll ich was ausrichten?“ Kris hatte es plötzlich eilig, das Handy wieder aus den Händen zu bekommen, als hätte es auf einmal zu glühen angefangen. Er sprang auf, doch Cole war schneller und griff nach dem Dunkelhaarigen, der gerade gefährlich schwankte.

Der Blonde mit den langen Haaren schob Ben auf einen der Sessel und versuchte den Namen einzuordnen. Das Tagebuch!, fiel es ihm schließlich siedend heiß wieder ein. Sein Exfreund!

Schnell war der Älteste bei Ben und stellte besorgt fest, dass er mit seinen Nägeln über das Leder kratzte.
“Du bleibst sitzen, ich mach heiße Schokolade. Cole, pass’ auf, dass er nicht umkippt, Martin, bitte kehr die Scherben weg!“, delegierte Kris schnell und kam fünf Minuten mit einer dampfenden Tasse wieder zurück.

Er hockte sich vor Ben und löste behutsam Bens Finger von dessen Handgelenken, welche die Lederarmbänder so fest ins Fleisch drückten und drehten, dass allein das entstehende Geräusch schmerzhaft war.
„Hör’ auf damit, du verletzt dich noch!“, bat er leise und öffnete das erste der Armbänder. Eine lange weiß Narbe, die gerade so nicht unter dem Leder hervorgesehen hatte und tiefe Druckstellen kamen zum Vorschein. Sie sahen fast aus wie Schürfwunden.

Ben blickte apathisch auf sie herunter und Kris wickelte schließlich weiche Mullverbände darum, damit Ben es nicht mehr sehen musste. Das Weiß sah wie die Absolution aus. Oder so, als schwebten Bens Hände ein Stück vor seinen Armen im weißen Raum.

In Coles Augen stand pure Besorgnis und er tat Kris ein wenig leid, wie er da so auf dem Sessel hockte. Hatte der Kleine versucht sich umzubringen, weil Cole so fies zu ihm gewesen war? Oder wegen diesem Kevin?

Der Dunkelhaarige murmelte leise Fragen und sank weinend im Sessel zusammen. Kris hob ihn auf und setzte ihn sich auf den Schoß, wo der Weinende sich postwendend an den warmen Pullover schmiegte. Cole starrte den Barkeeper hasserfüllt an. Wie konnte er diese Situation ausnutzen, um ihm seinen Ben wegzuschnappen? Außerdem hatte er einen Freund.

Cole hatte das Gefühl, den Älteren mit jeder Berührung weniger leiden zu können. Wie er Ben über den Rücken strich… wie der Kleine das Gesicht an seinem Hals vergrub…

Bittere, gallige Eifersucht zog ihm den Magen zu einem schmerzhaft kleinen Klumpen zusammen. Wie sollte er ihm jemals näher kommen, wenn er ihn nicht einmal trösten durfte? Wie kam dieser blonde Lackaffe eigentlich dazu, ihm das wegzunehmen?

„Danke, dass du dir Sorgen machst. Das macht sonst eigentlich nie jemand“, meldete sich die Stimme des Jüngsten leise zurück.
Coles Gedanken bekriegten sich gegenseitig. ‚…dass du dir…’ Kris war doch nicht der Einzige! Cole bekam hier Magenkrämpfe, weil er keine Chance dazu bekam, ebenfalls zu zeigen, dass er sich um den Kleineren sorgte.

Martin stand am Durchgang zum Flur und traute sich keinen Schritt weiter, weil er sich nicht in etwas hineindrängen wollte, dass ihn nichts anging. Selbst Steve und Daniel hatten aufgehört, den anderen das Sushi wegzufressen und standen mit besorgter Miene hinter der Couch, dabei hatten sie den Weinenden vor ein paar Tagen noch mit viel Enthusiasmus schikaniert.

„Was sind denn das für Eltern?“, empörte sich da Kris und Cole hätte beinahe schadenfroh laut aufgelacht für diese seltendämliche Frage. Wie konnte man bloß so bescheuert sein? Obwohl, eigentlich hätte er dem Barkeeper noch lieber eine geknallt, dafür, dass er so taktlos war und sich trotzdem was auf seine Zuhörkunst einbildete.
„Fällt dir nichts Dämlicheres mehr ein?“, zischte er, weil er sich nicht unter Kontrolle hatte. Kris blickte auf und beobachtete, wie sich Zorn auf ihn und Sorge um Ben auf dem blond umrahmten Gesicht stritten.

„Gar keine. Buchstäblich. Du hast nichts gesagt?“, kam die verwunderte Stimme aus Kris’ Pullover.

“Ich kann auch Sachen für mich behalten, auch wenn du mir das nicht glaubst. Du hast mir das unfreiwillig erzählt und es ist allein deine Sache, wer das sonst noch erfährt. Außerdem kenne ich nur einen Teil der Geschichte. Und Kris kenn ich auch erst seit heute.“

Kris streichelte mitfühlend Bens Rücken und brachte das immer noch leicht schluchzende Bündel damit dazu, weiterzureden.

„Sie sind vor zehn Jahren bei einem Autounfall gestorben. Erst war ich bei Verwandten, die keine so bequemen Sofas hatten wie das hier. Ein paar Monate später kam ich in der Endstation Waisenhaus an. Mit 15 konnte ich dann in eine eigene Wohnung umziehen, weil ich den Job im “70s Up“ bekommen habe. Die Formalitäten hatte das Waisenhaus übernommen. Na ja, es hat sich eben lange niemand mehr ehrlich um mich gekümmert“, rechtfertigte er schüchtern seine Dankbarkeit.

„Keine Geschwister?“, fragte Kris, der das jetzt auch weiter durchziehen musste, auch wenn die Frage eben sein Image zerstört hatte. Aber der Tonfall war diesmal mehr als angemessen, das musste auch Cole widerstrebend zugeben.

„Ich hab einen Bruder, aber ihn hab ich nur zweimal gesehen, weil er in Europa lebt.“

Ohne, dass es jemand bemerkte, hatte Martin seinen Beobachtungsposten außerhalb des Zimmers aufgegeben. Erst als er Kris über die Schulter strich, blickte der überrascht auf und sein Freund wies mit den Augen auf Cole, der sich unbeobachtet fühlte und Blicke auf Kris abfeuerte, aus denen die Eifersucht beinahe in Messingbuchstaben heraussprang und scheppernd auf den Fußboden fiel. Deutlicher hätte er nur noch werden können, wenn er ein Transparent mit der Aufschrift: „Ich bin gerade wahnsinnig eifersüchtig“, hochgehalten hätte. Kris biss sich ob seiner Unachtsamkeit auf die Lippen. Wie hatte es ihm entgehen können, dass er schon die ganze Zeit von Blicken getötet wurde? Dass Martin da nicht eher ebenso eifersüchtig eingegriffen hatte, wunderte ihn.

„Bringst du ihn nach oben?“, fragte er und das Schuldbewusstsein auf seinem Gesicht war nicht zu übersehen.

Cole war sich unsicher, ob er ihm verzeihen oder ihn für einen Heuchler halten sollte.

Sie beobachteten, wie Cole den stillen Schwarzhaarigen aufhob und ihn so sanft auf den Armen hielt, als hätte er Angst, dass er sich in Luft auflösen würde. Mit der viel zu leichten Last ging Cole die Wendeltreppe nach oben zu Bens Zimmer.

Eine Zeitlang saß Cole einfach mit dem anderen auf dem Arm auf dessen Bett, streichelte ihn sanft und holte nach, was er vorhin nicht hatte geben können, auch wenn der Kleinere mittlerweile zu schlafen schien. Dann zog er ihn vorsichtig aus. Eigenartigerweise kam ihm gar nicht der Gedanke, die Situation ausnutzen zu wollen, dazu war es viel zu ernst und zu traurig. Außerdem hätte er sich nie wieder im Spiegel ansehen können. Behutsam legte er Ben, nur noch mit Shorts und einem T-Shirt, das Cole im Bett gefunden hatte, bekleidet, unter die Bettdecke. Federleicht hauchte er einen Kuss auf die von Tränen noch ganz leicht feuchte Wange und schloss geräuschlos die Tür hinter sich.

„Er schläft“, gab Cole Auskunft, als er in die Küche kam und Daniel gerade dabei war, einen Teller mit Sushi mit Frischhaltefolie zu umwickeln. Cole beteiligte sich am Decken des Esstischs, als Kris ihn auf die Terrasse winkte.

„Ich hätte ihn gar nicht erst auf den Arm nehmen dürfen, habe ich Recht?“

Cole nickte grimmig.

„Mein mühsam aufgebautes Image ist hin“, stellte Kris fest, um die Situation aufzulockern.
„Schön, dass du in solchen Momenten an deinen Ruf denkst“, konterte der Blonde giftig. „Vielleicht hättest du Politiker werden sollen.“
„Hey, es war ein Scherz. Okay, dann eben ganz ernst: Es tut mir leid, bitte hör auf, eifersüchtig zu sein. Ben ist zwar unglaublich niedlich und ich gönne ihn dir ganz bestimmt nicht, aber ich bin glücklich mit Martin und daran ändert sich nichts.“

„Er ist viel zu leicht“, stellte Cole fest. Mehr würde Kris als Absolution nicht bekommen, das war beiden klar.
„Die Gegend am Central Park ist nicht billig und im “70s Up“ sind die Löhne niedrig, weil man auf das Trinkgeld der Gäste baut. An manchen Abenden ist dort absolut tote Hose. Heizkosten muss man allerdings den ganzen Winter über bezahlen.“
„Wer war eigentlich am Telefon?“

„Sein Exfreund, die Narben sind von ihm. Ich bin mir sicher, wenn ich mich nicht dazwischengedrängt und die Sicht versperrt hätte, hätte er deine Sorge um ihn genauso gewürdigt.“

„Hoffentlich.“ Cole folgte Kris zum fertig gedeckten Esstisch.

Das Essen verlief eher trübsinnig. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach und obwohl es am Sushi nichts auszusetzen gab, schien es niemandem wirklich zu schmecken. Kris und sein Freund waren die Ersten, die sich zurückzogen. Daniel und Steve verbannten Cole in sein Zimmer und schliefen auf der Couch