Du befindest Dich hier: Geschichten > Geschichten frei bis 16 > Britta & Fich > Terra 3.0 > Terra 3.0 - Zyklus I - Teil 1 - 4

Terra 3.0 - Zyklus I - Teil 1 - 4

Zyklus 1 - Neo New York

01

Durch den Flur hallte lautes Lachen und man hörte wie zwei Gläser aneinander klirrten. „Cheers“, Bill prostete seinem Gegenüber zu und nahm einen Schluck aus seinem Glas. Ihre Schicht war vorbei und sein Freund Allan und er hatten sich - wie so oft nach dem Feierabend - getroffen, um ein wenig zu plaudern. Sie arbeiteten hart, da hatten sie sich das ab und zu verdient. Das Leben hier im Labor war nicht einfach, aber sie wussten, dass das Überleben der Kuppel von ihnen abhing und darum beklagten sie sich nicht, sondern arrangierten sich mit den teilweise langen Arbeitszeiten. Schließlich konnte man nicht einfach in einem wichtigen Experiment Feierabend machen.

Bill war der Genetiker und leitete sein Team. Er und seine Leute kümmerten sich um alles, was ins Erbgut eingriff. Allan arbeitete in einem anderen Labortrakt, er und die übrigen Biologen kümmerten sich um Züchtungen. Was genau sie machten, ahnte der jeweils andere nur, weil sie nicht über das sprechen durften, was hinter den dicken Panzertüren passierte. Doch das dämpfte nicht ihre Kommunikation. Regeln hin oder her, sie konnten nicht separat arbeiten. Bill brauchte die Biologen genauso wie der Genetiker ab und an die anderen Biologenteams unterstützen musste, wenn die Zucht der Masttiere für die Stallkuppeln zu Mutationen führten, die nicht erklärt werden konnten.

„Was sagt dein Gatte eigentlich, wenn du mit einer Fahne nach Hause kommst“, lachte Allan. Im Gegensatz zu ihm hatte sich Bill schon vor Jahren fest gebunden. Er und Kyle hatten sich im Labor kennen gelernt. Eigentlich waren beide nur auf etwas Körperliches ausgewesen, man hatte sie immer mal irgendwo erwischt. Doch mit der Zeit kam die Liebe.

Allan war anders, er konnte nicht treu sein, aber das war kein Geheimnis.

„Leider gar nichts, denn er ist nicht da. Wir haben im Moment entgegen gesetzte Schichten.“ Dass Bill davon nicht begeistert war, konnte man ihm deutlich ansehen. Er verzog das Gesicht und seufzte. Aber das ging auch wieder vorbei. So hatte er mal wieder Zeit für seine Freunde und das war auch nicht das Schlechteste. „Und was läuft bei dir so? Wie viele Herzen hast du in der letzten Zeit gebrochen? Los erzähl mir was. Wenn mein Sexleben zurzeit schon auf Eis liegt, dann will ich wenigstens was von deinem hören.“

„Nein, das willst du nicht!“, lachte Allan und schüttelte den Kopf. Was machte das denn für einen Eindruck, wenn er Bill wieder von Leander erzählte. Den Kerl hatte er schon seit vier Wochen beim Wickel und war ihn noch nicht über. Wenn das so weiter ging, bekam er noch den Ruf, er wäre sesshaft geworden, das hieß es um jeden Preis zu vermeiden. Leander trug zwar einen zarten Namen, doch er war nicht zu unterschätzen. Als Vertrauter des Prinzen befehligte er eigentlich die Wachen des Palastes, war aber seit zwei Monaten zur Bewachung der Labore abgestellt, denn der Prinz wusste hier gern Männern, denen er voll und ganz vertraute.

Ausdauer hatte der Kerl!

Einen Körper hatte der Kerl!

„Allan, sabbere nicht – rede“, knurrte Bill und trank noch einen Schluck. Sein Blick glitt zum Fenster, das direkt an die Kuppel grenzte. Draußen ging die sengende Sonne langsam unter und tauchte die verbrannte Erde in blutiges Rot.

Bill riss sich von dem Anblick los, denn er deprimierte ihn immer wieder. Lieber wandte er sich erneut seinem Freund zu und grinste. Allein, dass Allan nichts erzählen wollte, ließ ihn aufhorchen. Normalerweise zierte sein Freund sich nicht so. „Also los, spuck’s aus. Wer ist es? Kenn ich ihn?“

„Nein“, kam es hastiger als nötig und Allan grinste schief. „Kennst Leander doch schon und wehe du lachst jetzt oder sagst irgendwas über Häuslichkeit und Treue.“ Drohend hob er sein Glas und lachte dann laut. Doch Tumult aus Richtung seines Labors ließ ihn sich umwenden.

Was war denn jetzt schon wieder los?

Er sah kurz zu Bill, kam aber nicht mehr dazu etwas zu sagen, denn die Alarmsirenen gingen los. „Shit“, fluchte er und sprang auf.

Das war nicht gut.

Gar nicht gut.

Sie waren gerade in einer heiklen Phase eines neuen Experiments, das bisher ziemlich vielversprechend verlaufen war.

„Was machen die denn schon wieder?“, murmelte Allan und ließ den Kopf hängen. Das war doch zum verrückt werden. Anscheinend gönnte keiner seiner Leute ihm den Feierabend. Er hätte sich wirklich überlegen sollen, ob er den Posten als Laborleiter annahm. „Ade freie Zeit“, seufzte er und schlug auf seinen Pieper, der gerade losging.

„Du hast es doch nicht anders gewollt. Warte, ich komm mit.“ Auch Bill stellte sein Glas ab. Allein hier im Casino zu sitzen, hatte er keine Lust und sich allein daheim zu bespaßen war auch nicht gerade das, was man unter Spaß verstand. Da verstieß er doch lieber ein bisschen gegen die Verschwiegenheitsregel und betrat den Labortrakt von Allans Team, wo gerade zwei über einem Huhn hockten, das nur noch zuckte.

„Was ist?“, wollte er wissen, schwieg aber, als Allan ihn warnend ansah. Sie hatten immer noch ihre Territorien und wurden in dem des anderen nur geduldet. „Also, was ist?“, wollte nun Allan wissen und kam näher.

„Wir hatten zwei alte Rassen gekreuzt. Resistente Fleischrasse mit einer, die viele Eier legt. Die Vermehrung lief gut, die Brut auch. Aber nach drei Wochen fällt es jetzt halb tot von der Stange ohne Vorerkrankungen“, fasste Sean zusammen. Er war neu, noch nicht lange hier und dementsprechend hoch motiviert. Er war die Rückschläge noch nicht gewohnt.

„Einzelfall, oder noch weitere?“, Allan war bekannt dafür, dass er sich nicht mit langen Reden aufhielt, wenn er etwas wissen wollte. Seine Leute hatten sich darauf eingestellt und antworteten meist ebenfalls im Telegrammstil. „Einzelfall bisher. Die anderen scheinen okay.“

„Habt ihr was verändert? Futter? Wasser oder die Einstreu für die Ställe?“ Allan brauchte mehr Informationen. Das Huhn schien schlecht Luft zu bekommen.

„Die Einstreu war alle. Da haben wir die für die Schweine genommen“, gestand Sean und wusste, dass es ein Fehler gewesen war. Er senkte den Kopf und sah sich besorgt um. Die anderen saßen noch auf ihren Stangen und gackerten leise. „Ich werde das sofort rückgängig machen.“

„Sean, beruhige dich.“ Ken legte seinem jungen Kollegen die Hand auf die schmale Schulter. „Die Einstreu von den Feldern aus Kuppel P-0510 ist alle. Daran kannst du nichts ändern. Wir lassen das drinnen und gucken was passiert.“ Für ihn sah das Huhn aus, als hätte es Heuschnupfen, so unglaublich es klang. Konnten Hühner derartiges überhaupt bekommen? Schlug ihr Immunsystem auf Histamine an? Er musste das noch beobachten, ehe er mit Allan über seine Vermutung sprach. Doch wenn die Hühner anfingen, Allergien zu entwickeln, war das ein schlechtes Zeichen.

Allan nickte und zeigte seinen Kollegen somit, dass er mit der Vorgehensweise einverstanden war. Wenn das Huhn ein Einzelfall blieb, mussten sie nur noch herausfinden, was es hatte. „Isoliert es erst einmal. Gebt ihm das übliche Futter und Wasser, aber keine Einstreu. Wenn es sich erholt, wissen wir zumindest, wo wir ansetzen müssen.“

„Geht klar, machen wir.“ Ken holte Handschuhe aus seinem Kittel, griff sich das zitternde Tier und brachte es in eine Kammer, um es zu versorgen. Sean sah ihm nach und wirkte etwas verloren. So kam Bill zu ihm und sah ihn lächelnd an. „So was passiert eben. Dafür sind wir da“, erklärte er und wusste doch, dass er es nicht besser machen konnte. Seit zwei Jahren hatten sie hier auch einen Psychologen, der sich um seine Leute kümmerte. Denn ihre Experimente hatten teilweise mit Humanmaterial zu tun und wenn das schief ging, ging das nicht nur seinen Leuten an die Substanz. Doch sie retteten ihr Seelenheil mit der Aussicht, ihre Rasse zu retten.

Aber trotzdem war die Selbstmordrate in seinem Labor höher, als bei den anderen. Nach ein paar Jahren waren die meisten seiner Mitarbeiter ausgebrannt und so desillusioniert, dass sie ausgetauscht werden mussten. Kyle hatte er von sich aus in Allans Labor versetzen lassen. Er war zu egoistisch, um ihn deswegen zu verlieren. Wenn sie wenigstens ab und zu etwas mehr Erfolg hätten. Bill hoffte, dass sie jetzt auf dem richtigen Weg waren. In seinen Labortanks wuchsen viel versprechende Experimente heran.

Frauen zu Klonen hatte nicht den gewünschten Erfolg gehabt, sie lebten nicht lange genug. Also hatten sie die Tierwelt durchforstet und nach Spezies gesucht, in denen auch die Männchen die Kinder austrugen. Es war nicht das Ziel, dass der Mann die Kinder bekommen sollte, das hatten sie durch. Das funktionierte nicht. Es war noch weniger so, dass die Männer schwanger werden sollten.

Im Augenblick experimentierten sie mit den Genen von Seepferdchen. Sie brauchten lebende Brutkästen, die den Embryo versorgen konnten. Sie hatten die Einheiten angesetzt, Unit 1 reifte schon etwas länger. Es war der Prototyp gewesen. Die vier anderen waren jünger. Aber noch waren alle am Leben. Das sah gut aus.

Mit jedem Tag, den die Units überlebten, stieg ihre Chance, dass sie es endlich geschafft hatten. Wenn die Units überlebten und wirklich Embryonen austragen konnten, war das ihr Durchbruch. Auf Geheiß des Fürsten hielten sie das Experiment geheim. Die Bevölkerung sollte erst davon erfahren, wenn sicher war, dass sie ihr größtes Problem gelöst hatten.

Es war wirklich besser, wenn die Menschen in der Kuppel nicht wussten, was eigentlich hier passierte. Man hatte sie grob darüber informiert, dass die klügsten Köpfe an ihrem Problem arbeiten würden, alles andere wurde nicht nach außen getragen. Nicht einmal Bills Mann wusste, was Bill wirklich tat und er selbst versuchte die Wesen nur als Gegenstände zu sehen. Wenn man anfing, sie als fühlende Wesen zu sehen, ging man kaputt. Der Schmerz in den Augen, wenn sie einen verwirrt ansahen und nicht begriffen, was mit ihnen passierte, was sie getan hatten, um den Tod zu verdienen, war unerträglich.

Hastig riss Bill sich los und sah Sean an. Er holte tief Luft und lächelte wieder. „Langer Tag, hm? Mach langsam Schluss, die Spätschicht kommt eh gleich.“ Zu der gehörte auch Kyle, er kam wenn Bill ging, manchmal trafen sie sich an der Tür. Es wurde Zeit, dass die Dienstpläne sich wieder änderten.

Er drückte kurz Seans Schulter. „Na, was wird das denn?“, hörte er auch schon wie auf Kommando eine bekannte und geliebte Stimme. Lachend drehte Bill sich um und sah seinem Mann entgegen. Aber lange konnte er sich nicht freuen, denn Allan zog ihn am Arm aus dem Labor. „Bill verschwinde und lenk meine Mitarbeiter nicht ab“, knurrte er grinsend.

„Ach halt die Klappe, nur zufriedene Mitarbeiter sind gute Mitarbeiter, also“ Bill zog sich seinen Liebling noch einmal dicht heran für einen kurzen Kuss, für mehr war schon seit Wochen keine Zeit mehr gewesen. Aber ab dem Wochenende hatte Kyle wieder Schicht wie Bill, dann gehörten die Nächte ihnen. Das schworen sie sich jeden Morgen, jeden Abend und zwischendurch, wenn Zeit für eine kurze Nachricht war.

Zischend schlossen sich die Türen des Labors hinter Bill und Allan. „Sag mal, Bill, stimmt das Gerücht, dass der Prinz morgen zu euch ins Labor kommt?“, fragte der Tiermediziner, als sie wieder zurück ins Casino gingen. Das war ungewöhnlich, denn normalerweise schickte der Fürst einen seiner Bediensteten, um die Fortschritte in den Laboren zu begutachten. Also war entweder etwas in Gange oder man wollte ihnen genau auf die Finger sehen. Prinz Erdogan war nicht bekannt dafür, lange zu fackeln, wenn ihm etwas nicht passte. Schon einige hatten es bereut, ihm widersprochen zu haben, doch Leander hielt große Stücke auf seinen Chef, denn er war ein unglaublicher Kämpfer und ein treuer Freund.

„Weiß der Geier warum“, sagte Bill leise, „aber er hat sich wirklich angesagt. Ich habe jetzt schon keine Lust. Zwar laufen die Experimente im Augenblick ziemlich viel versprechend, doch wenn es wieder schief geht, werde ich zum Spielball seiner Ungeduld.“ Es war kein Geheimnis, dass Bill und der junge Prinz sich nicht mochten, aber sie respektierten sich.

„Viel versprechend?“ Allan wurde neugierig. Zwar wusste er, dass Bill ihm nicht erzählen durfte, was in seinem Labor vorging, aber das war auch nicht nötig. Wenn sein Freund ein Experiment viel versprechend nannte, dann waren sie an etwas Großem dran. „Dann hoffe ich, dass der Prinz zufrieden ist. Wäre auch langsam wirklich an der Zeit, dass mal etwas Positives passiert.“

„Wem sagst du das“, entgegnete Bill leise und hatte wieder Bilder vor Augen von Dingen, die nicht so zufriedenstellend gewesen waren. Er griff sich die Flasche, die auf dem Tisch stand und gönnte sich noch ein Glas. Gut, dass Kyle das nicht sah, er hatte Sorge um ihn, er könnte Alkoholiker werden. Also stellte er das Glas weit von sich und schnaubte. Er kam langsam selbst nicht mehr klar und das war nicht gut. Wenn er ausfiel, lag das Labor lahm. Keiner seiner Leute war in der Lage die Leitung zu übernehmen.

Bill wischte sich mit der Hand über das Gesicht. Er durfte nicht schlapp machen. Das wäre eine Katastrophe. Was ihn aber auch wieder zu einem lästigen Thema brachte. Er brauchte einen Vertreter und späteren Nachfolger. Aber das wollte er nicht heute entscheiden, dazu war er einfach zu erledigt. „Okay, damit ich den Prinzen morgen beeindrucken kann, sollte ich wohl schlafen gehen.“

„Mach das“, sagte Allan und griff sich die Flasche, um sie zurück in die Bar zu bringen. Der Kellner nickte nur bemerkend und widmete sich dann wieder den kleinen Gerichten, die er fertig machte, weil gleich Wachwechsel war und die Soldaten immer noch einkehrten, ehe sie sich in die Trainingsräume oder ihre Unterkünfte zurückzogen. „Ich warte auf Leander. Wir wollten noch ein bisschen Boxen.“ Auch Allan hatte vor ein paar Monaten mit Ausgleichssport begonnen, wobei er Leander erst kennen gelernt hatte, weil der sich als Trainer angeboten hatte.

„Viel Spaß.“ Bill drückte Allans Schulter und gähnte. Langsam schlenderte er zu seinem Quartier. Dabei plante er die Tour des Prinzen durch sein Labor. Es durfte keine Pannen geben, darum nahm er sich vor, morgen früher an seinem Arbeitsplatz zu sein und alles vorzubereiten.


02

„Junger Herr.“ Michael lief dem Prinzen hinterher. Es war zum aus der Haut fahren mit dem Mann! Er funktionierte wie ein Uhrwerk und erwartete das auch von jedem seiner Angestellten. Wenn er sagte, er wollte Punkt acht Uhr aufbrechen war davon auszugehen, dass um acht Uhr eins niemand mehr in den Gemächern war. Auch heute war der Prinz bereits auf dem Weg in die Tunnel, die die Hauptkuppel Neo New Yorks mit den umliegenden Versorgungstrakten verband. Ein gesicherter Tunnel führte auch ins Labor. Man konnte sie mit Mobilen befahren oder laufen. Doch das taten die wenigsten.

„Du kennst die Regeln: Wer zurückbleibt ist verloren, gewöhn dich dran, Mike.“ Erdogan sah sich noch nicht einmal zu seinem Assistenten um. Er hatte das lange, schwarze Haar in einem lockeren Zopf gebunden, der bei jedem Schritt über den breiten Rücken strich. Erdogan trug gern rot, die Farbe der Macht und er trug sie zu recht. Auch wenn er noch nicht der Regent war, so war er doch bereits die graue Eminenz, sein Wort war in vielen Bereichen Gesetz und sein Wille Gebot. Doch auch er hatte Gegenspieler.

Michael sparte sich die Antwort und schloss mit gesenktem Kopf zu seinem Herrn auf. Er hatte die Zurechtweisung verstanden und noch einmal passierte ihm so ein Faux Pas nicht mehr. Wenn man das Wohlwollen des Prinzen verspielt hatte, wurde das Leben nicht einfacher. „Der Wagen wartet dort drüben“, teilte Michael Erdogan mit und war froh, dass er sich darum schon früh genug gekümmert hatte. Nicht auszudenken, wenn der junge Prinz zu seinem Termin im Labor zu spät kam. Michael wäre seines Lebens nicht mehr froh geworden. Sicher wäre er seinem Vorgänger in Kuppel S-0129 gefolgt und würde jetzt dem Gras beim Wachsen zusehen. Das war ganz bestimmt nicht sein Ziel.

Wie selbstverständlich setzte sich Erdogan hinter das Steuer des Wagens. Dieser fuhr auf Schienen und zog dabei die Energie für den Antrieb aus dem aufgebauten Magnetfeld. So lief man nicht Gefahr, mitten im Tunnel stecken zu bleiben, weil die Batterie leer war. Man hatte aus früheren Fehlschlägen gelernt.

„Drei zwei eins“, zählte Erdogan in aller Seelenruhe runter und gab dann Gas. Nur gut, dass Michael schnell genug geschalten hatte und in den Wagen gesprungen war. Die Tür konnte man auch beim Anfahren schließen.

„Du lernst“, war der einzige, amüsierte Kommentar des Prinzen. Die Fahrt zu den Laboren dauerte nicht lange und auch wenn es aussah, als wenn der Prinz sich ausschließlich aufs Fahren konzentrierte, so hatte er doch alles im Blick und ihm fielen einige Dinge auf, um die sich gekümmert werden musste. Dort eine rostige Stelle, an den Stützstreben und da eine Zwischentür, die nicht ganz so arbeitete, wie sie sollte. Michael hatte schon sein Schreibpad gezückt, um die Beobachtungen des Prinzen gleich weiter zu geben, damit die Reparaturtrupps sich darum kümmern konnten. Erdogan ging auch ohne ein Wort sagen zu müssen davon aus, dass die Mängel behoben waren, wenn er sich auf den Rückweg machte.

An der ersten Sicherheitsschleuse mussten sie halten. Die Wachen checkten den Wagen und die Insassen. Ließen biometrische Scans der beiden Männer laufen und Erdogan ließ es über sich ergehen. Schließlich war es seine direkte Order, dass er wie jeder andere behandelt werden musste. Sicherheit ging immer vor. Nach erfolgreichem Abgleich öffneten sich die schweren Türen. Ein halber Meter Panzerstahl sollte die Stadt vor dem schützen, was immer aus dem Labor ausbrechen könnte. Michael schluckte. Er wollte sich nicht ausmalen, was das sein könnte.

Er fühlte sich in den Laboren nicht wohl. Es wurde so ein Geheimnis um die Aktivitäten in dieser Kuppel gemacht, dass man immer das Gefühl hatte, sich ab und zu umdrehen zu müssen, damit man nicht von hinten von etwas überrascht wurde. Hinter jeder Tür konnte etwas Tödliches lauern, stellte er sich vor und darum blieb er nahe bei Erdogan, denn nahe bei seinem Prinzen war für ihn der sicherste Platz.

Sie durchfuhren noch zwei weitere Schleusen, ehe sie vor dem Labor parkten, wo schon ein Mann mittleren Alters im weißen Kittel stand und auf sie zu warten schien. Er hatte die Hände in den Kitteltaschen und die kleine Nickelbrille in die wirren, braunen Haare geschoben. Wenn Michael sich richtig erinnerte, war das Bill Harper, der Leiter der Genetik. Er hatte den Mann erst einmal gesehen und dank seiner Arbeit, die er machte, mochte Michael ihn nicht. Er wusste, dass es nicht fair war, so über ihn zu urteilen, doch wer das machen konnte, was der Kerl tat, der hatte kein Herz – und da spielte es keine Rolle, ob er verheiratet war oder nicht.

Er beeilte sich mit Erdogan Schritt zu halten, als der direkt auf Bill Harper zuhielt. Beide blickten sich stoisch an. „Hallo“, grüßte Erdogan knapp. Er wollte das hier schnell hinter sich bringen.

„Mein Prinz.“ Bill verneigte sich knapp und ließ sich nicht anmerken, was er davon hielt, das Erdogan hier war. „Willkommen. Es ist alles vorbereitet. Wir können den Rundgang also beginnen.“ Bill deutete auf die Tür zum Labor und nickte den beiden Wachen zu, dass sie die Türen öffnen konnten.

„Dann los.“ Der Prinz folgte dem Wissenschaftler und nickte den Wachen zu. Er kannte jeden einzelnen persönlich, schließlich hatte er sie ausgesucht. „Was wird aktuell untersucht?“, wollte er wissen, schließlich war er der, dem die Verwaltung der Laboratorien unterstand. Er wollte wissen, wofür Kapazitäten verbraucht wurden und ob diese sinnvoll angelegt waren. Er selbst hielt nicht viel davon, Gott spielen zu wollen und der Evolution ins Handwerk zu pfuschen, doch es gab keinen anderen Weg ihre Art zu retten. Sie mussten also wohl oder übel diese Wahnsinnigen fördern.

„Wir haben im Moment ein paar vielversprechende Kreuzungen in unseren Tanks. Sie reifen noch und bisher läuft alles so, dass wir latente Hoffnung auf Erfolg haben.“ Bill wusste, dass Erdogan nichts von langen wissenschaftlichen Vorträgen hielt, darum gab er ihm eine Zusammenfassung der wichtigsten Daten. „Wir haben Genmaterial von Seepferdchen eingekreuzt.“

„Was genau was bezwecken soll“, hakte der Prinz nach, denn warum man Humanmaterial mit Seepferdchen kreuzte, die er nur aus alten Aufzeichnungen kannte, leuchtete ihm nicht ein. Mit geschultem Auge sah er sich in den Gängen und Räumen um, die sie durchschritten und deutete immer wieder auf etwas, was Michael notierte. „Was können die denn?“, fragte Erdogan noch einmal, weil Bill nicht gleich antwortete.

„Nun, Seepferdchen sind eine Spezies bei denen die Männchen die Jungen austragen. Sie werden nicht schwanger, sondern sie haben eine Bauchtasche, in die das Weibchen die befruchteten Eier ablegt.“ Bill lenkte ihren Weg zu den Aquarien, in denen einige Seepferdchen schwammen. So konnte er dem Prinz vielleicht eher erklären, was sie hier machten. „Wir erhoffen uns bei unseren Kreuzungen ähnliches. Die Units haben eine Bauchfalte, in der sie, wie wir hoffen, eine befruchtete Eizelle aufnehmen und ausbrüten können.“

„Wie werden die Embryonen ernährt“, wollte Erdogan wissen, denn er konnte sich das beim besten Willen nicht vorstellen. Nicht nur, dass er sich schon schlimmstes ausmalte, wenn man Menschen mit Fischen kreuzte, er wusste auch, dass Fischeier sich anders entwickelten als Menschen. Fischembryonen ernährten sich von dem, was sie ins Ei gegeben bekommen hatten. Da reichte die Bauchfalte für Schutz und Wärme. Doch Menschen brauchten Nährstoffe, Sauerstoff. Giftstoffe und Abbauprodukte mussten ausgetauscht werden.

„Das war etwas knifflig.“ Bill nahm von der Seite eine Futterdose und streute ein wenig daraus ins Wasser. „Unsere letzten Tests, haben gezeigt, dass sich in der Falte eine ähnliche Schleimhaut wie in den Gebärmuttern der Frauen bildet. Viel einfacher, aber ausreichend, damit sich das Ei dort einnisten und sich an den Kreislauf der Unit ankoppeln kann.“

„Und das funktioniert, obwohl die Bauchfalte vorn offen ist?“, fragte Erdogan skeptisch und betrachtete sich die kleinen Fische. Sie waren irgendwie ja niedlich, aber die Zukunft der Menschheit trugen sie sicherlich nicht in ihren Genen. Doch er wollte den Forscher nicht entmutigen. Er würde hinterher immer noch Gelegenheit haben festzustellen, dass die Liste der Fehlversuche wieder um einen länger geworden war.

„Haben sie Units bereits mit Eiern bestückt?“

„Das ist etwas, woran wir noch arbeiten.“ Bill hatte gewusst, dass Erdogan wieder genau den Schwachpunkt seiner Arbeit gefunden hatte. „Die Units sind noch nicht ausgereift. Unit 1 ist am weitesten entwickelt, aber noch lange nicht ausgereift. Erst wenn sie die Tanks verlassen haben, können wir mit weiteren Experimenten beginnen.“

„Sie gehen aber davon aus, dass es funktioniert. Sehr weise“, spottete Erdogan und sah Bill Harper das erste mal richtig an. Der Mann war einen halben Kopf kleiner als er selbst, wirkte etwas nervös und angespannt. „Wie lange dauert die Herstellung der Units eigentlich? Ist es effektiv?“ Denn das waren doch entscheidende Parameter. Sicher, wenn sie überhaupt einen Weg gefunden hatten, sich wieder zu vermehren, war das ein Quantensprung, aber wenn es zu lange dauerte, dann hatten sie nichts gewonnen.

Bill schluckte eine unwirsche Entgegnung runter und behielt sein neutrales Gesicht bei, auch wenn ihn der Prinz gerade zur Weißglut trieb. Machten sie nichts, waren sie in wenigen Generationen ausgestorben und Erdogan hatte keine Untertanen mehr, denen er den Tag versauen konnte. Aber ihm war schon klar gewesen, dass er den wohl undankbarsten Job in der Kuppel hatte, solange er nicht einen Weg fand, die Geburtenrate zu erhöhen. „Unit 1 ist seit ungefähr einem halbe Jahr im Tank und seine Entwicklung ist nahezu zu zwei Dritteln abgeschlossen.“

„Ich will sie sehen“, erklärte Erdogan. Er wollte sich selbst ein Bild machen. Gänge und eilig herum schwirrendes Personal hatte er jetzt genügend gesehen. Er hatte nicht vor, hier länger zu bleiben als wirklich notwendig. Er würde die aktuellen Ergebnisse einsehen, einen Bericht verfassen und darauf warten, dass die Rückschlagsmeldung kam – wie jedes Mal. Er sah zu Michael, der sich hier ziemlich unwohl zu fühlen schien. „Wenn du willst, kannst du hier warten“, bot er an, denn er wusste, dass nicht jeder dafür gemacht war, sich die Experimente anzusehen.

„Danke, ich bleibe dann hier.“ Michael sah seinen Prinzen dankbar an. Dieses Labor machte ihm eine Gänsehaut. Darum sah er Erdogan mit gemischten Gefühlen hinterher, als dieser mit Bill die Sicherheitsschleuse durchschritt. Der Raum dahinter war relativ schwach beleuchtet. Der Prinz sah Bill fragend an.

„Wir haben festgestellt, dass die Units sich bei gedämpftem Licht wohler fühlen. Sie sind ruhiger“, erklärte der Wissenschaftler.

„Aha“, sagte Erdogan kurz angebunden. Seit wann hatten unfertige Dinger Wünsche? Doch er fragte nicht nach, alles hatte eben seine Wachstumsbedingungen. Schnell gewöhnten sich seine Augen an das gedämpfte Licht und er sah sich neugierig um. Er sah Tanks, zylindrisch rund, vielleicht drei Meter hoch und anderthalb Meter im Durchmesser. Irgendetwas schien darinnen zu schwimmen und um es zu erkennen, musste er dichter heran.

Bill blieb bei ihm, damit er ihm eventuelle Fragen beantworten konnte. „Das ist Unit 3. Er ist vier Wochen jünger als Unit 1. Wir haben sie im Abstand von zwei Wochen gezüchtet.“ Bill ließ Erdogan Zeit, sich anzusehen, was in dem Tank schwamm. Unit 3 war äußerlich fast voll entwickelt und der Wissenschaftler war gespannt, was Erdogan davon hielt.

Der Prinz trat vor den Tank und blickte durch das Glas. Erst jetzt bemerkte er die Schläuche, die in der Decke des Tanks verschwanden und die Unit zu versorgen schienen. Das Ding sah relativ menschlich aus. Zwei Arme, zwei Beine – nicht wirklich fischig. Es hatte auch Ohren, nur etwas fransiger. Die Augen waren geschlossen und er trieb schwerelos im Wasser. Erdogan ging davon aus, dass das Zeug bestimmt kein Wasser war, aber er fragte nicht. Lieber ging er um den runden Tank herum.

„Wie viel Fischmerkmale haben sie?“, fragte er dabei, denn er wurde langsam neugierig. Diese Units waren ungewöhnlich.

„Sie haben Schwimmhäute zwischen den Fingern und den Zehen und sie haben noch zusätzlich eine lange Rückenflosse. Sie ist bei Unit 3 fast durchsichtig und noch nicht voll entwickelt. Bei Unit 1 ist sie besser zu erkennen. Sie zieht sich fast über den ganzen Rücken.“ Bill war erstaunt, normalerweise interessierten den Prinzen Einzelheiten nicht. Er erfragte nur die Aussichten auf Erfolg, alles andere tangierte ihn nicht einmal. Bill sah den fragenden Blick und schaltete schnell, deutete auf einen Tank am Ende des Raumes. Erdogan wollte Unit 1 sehen und deswegen ging er hinüber. Im Vergleich mit diesem fiel dem Prinzen auf, dass der von eben noch nicht ganz entwickelt war. Fasziniert stand er vor dem Glas, ließ sich sein Interesse aber nicht anmerken. Die Arme verschränkt sah er Unit 1 ins Gesicht.

Jetzt, wo er eine Vergleichsmöglichkeit hatte, sah er die Unterschiede. Die Gesichtszüge waren deutlicher gezeichnet und der Körper kräftiger und größer. Ihm fiel wieder ein, was Bill über die Rückenflosse gesagt hatte, darum ging er um den Tank herum und besah sich die Flosse. Sie bewegte sich leicht und man konnte gut erkennen, dass sie von mehreren spitzen Stacheln durchzogen war, die sich immer wieder leicht aufstellten. Die Haut zwischen den Stacheln war fast durchsichtig.

„Interessant“, sagte Erdogan, als er wieder neben Bill stand. Dabei sah er Unit 1 an und zuckte unmerklich zurück, als das Objekt die Augen öffnete. Es sah Erdogan eindringlich an, gerade so als könnte es ihm bis in die Seele blicken. Erdogan schluckte, doch er konnte sich von den dunklen Augen nicht losreißen.

Ohne es zu merken, kam Erdogan näher und konnte nun sehen, dass die Augen vollkommen schwarz waren. Es gab keine erkennbare Pupille oder Iris. „Interessant“, murmelte er leise und legte eine Hand an die Säule. Er ging einen Schritt zur Seite, weil er wissen wollte, ob das Wesen ihm mit den Augen folgte. Und wirklich schien Unit 1 zu verfolgen, was der Fremde tat. Bill hingegen stand nur daneben und beobachtete. Es war das erste Mal, dass das Objekt sich rührte. Reagierte es auf Erdogan?

Der Prinz machte noch einen Schritt und wieder wandte sich Unit 1 ein bisschen weiter zu ihm um. Seine Hand hob sich langsam und legte sich dort gegen das Glas, wo die des Prinzen lag. Was wollte es ihm sagen? Erdogan sah Unit 1 fragend an. Er bekam gar nicht mit, dass er auf einmal im Interesse der ganzen Wissenschaftler stand, die sich aber beobachtend im Hintergrund hielten.

Unit 1 legte den Kopf ein wenig schief und bewegte seine Hand etwas zur Seite. Es schien, als testete er aus, was für ein Wesen dort vor ihm stand. Durch die Bewegungen löste sich das bisher glatte Haar von seinen Schultern und vom Rücken und wiegte in blonden Schlieren um seinen Kopf. Doch es sah Erdogan immer noch an, stumm, fragend, auf Antworten hoffend.

„Was bist du?“, fragte Erdogan und bemerkte nicht einmal, dass Unit 1 in seinem Kopf eine Wandlung durchgemacht hatte. Vom Objekt zu einem Wesen mit Bewusstsein, etwas was man mit „du“ ansprach, nicht etwas – jemand.

Aber Unit 1 konnte ihm nicht antworten. Er sah zwar, dass sich die Lippen seines Gegenübers bewegten, aber er konnte nichts hören. Darum schüttelte Unit 1 den Kopf. Dieses Wesen war interessant, allein weil es sich durch die dunklen, langen Haare und die rote Kleidung von den anderen Wesen, die er bisher wahrgenommen hatte, abhob. Er wollte noch mehr wissen, aber es war anstrengend wach zu bleiben, darum fielen ihm immer wider die Augen zu. Und auch dabei beobachtete Erdogan es.

„Interessant“, sagte er noch einmal und löste seine Hand erst vom Glas, als Unit 1 seine sinken ließ. Als ihm bewusst wurde, was er getan hatte sah er sich hastig um und straffte sich wieder. Er sah Bill warnend an und der begriff. Ein Wort davon nach außen und es rollten Köpfe. „Ich habe genug gesehen“, erklärte er mit fester Stimme und verbot sich noch einmal zurück zu sehen.

„Ganz wie ihr wüscht, Hoheit.“ Bill verneigte sich kurz und begleitete Erdogan zum Ausgang.

„Ich möchte regelmäßige Berichte, über alle Units“, forderte er noch wie er es sonst auch gemacht hätte, auch wenn ihn bei diesem Experiment eigentlich nur eine Unit interessierte. Ohne noch einmal zu Bill zu sehen, ging er zum Wagen und stieg ein. Michael musste schnell reagieren, um ihm zu folgen und so war es wieder mehr ein aufspringen als ein einsteigen, doch er gewöhnte sich langsam an die Marotten seines Herrn.

Sie schwiegen, nichts Ungewöhnliches. Aber als Erdogan auf dem Rückweg nicht bemängelte, dass die Roststellen noch nicht in Bearbeitung waren und auch die Schäden an den Wänden noch zu sehen waren, wurde Michael aufmerksamer. Was war im Labor passiert?

Aber er traute sich nicht zu fragen. Der Prinz reagierte recht unwirsch, wenn er sich bedrängt fühlte und das konnte sehr unschön für den enden, der die Verärgerung verursacht hatte. Wenn Erdogan wollte, dass er wusste, was in dem Labor passiert war, dann würde er es Michael schon mitteilen. Doch im Augenblick machte er nicht annähernd den Eindruck. Stur sah er geradeaus, auch wenn Michael deutlich sehen konnte, dass es hinter dessen Stirn arbeitete.

„Du kannst spielen gehen“, ließ Erdogan seinen Bediensteten wissen, dass der Rest des Tages frei war, wenn er das wollte. Der Prinz jedenfalls brauchte ihn nicht. Er musste nachdenken und dafür brauchte er seine Ruhe. Ohne sich noch einmal nach Michael umzusehen, durchmaß er die Schleuse nach oben und ließ sich von einem anderen Wagen zu seinem Apartment bringen.

Dort angekommen tigerte der Prinz hin und her. Das machte er immer, wenn ihn etwas beschäftigte. Immer wieder sah er die dunklen Augen vor sich, die ihn so fragend angesehen hatten. Dieses Wesen wirkte zu menschlich, um es noch als eine Sache zu sehen und das machte ihm Angst. Nachdenklich sah er auf seine Hand, die auf dem Zylinder gelegen hatte.

War das wirklich der richtige Weg aus ihrer Misere? War es wirklich der einzige Weg, ihre Belange über die der Unterdrückten zu stellen? Eigentlich sollte es ihm ja egal sein. Es war ihm bei so vielen Experimenten egal gewesen – doch dieses Mal ging das nicht. Vielleicht wirklich, weil er ihm in die Augen gesehen hatte – da: ihm! Er konnte nicht einmal mehr von einem Ding denken, Unit 1 war personifiziert. „Du brauchst einen Namen“, sagte er plötzlich und wusste nicht einmal warum.

Erdogan ließ sich in einen Sessel fallen, sprang aber sofort wieder auf, weil er sich bewegen musste. Dieser Besuch im Labor hatte ihn mehr aufgewühlt, als er gedacht hatte. „Meodin“, zuckte es ihm plötzlich durch den Kopf und dazu sah er wieder Unit 1 vor sich. „Meodin“, murmelte er leise und ein kurzes Lächeln huschte über seine Lippen. Ja, das passte. „Du heißt Meodin und sollte der Frankenstein auf die Idee kommen, dir etwas antun zu wollen, wird er es mit mir zu tun bekommen“, knurrte Erdogan ohne sich der Tragweite seiner Worte bewusst zu sein. Doch alles, was er wusste, war: Meodin sollte nicht sterben. Er sollte nicht enden wie die anderen Experimente.

Sie brauchten einen anderen Weg der Vermehrung.

Und schon stand er wieder am Anfang.

Er war sich sicher, dass die Wissenschaftler zwar durchaus auf dem richtigen Weg waren, aber tief in sich wusste er, dass die Seepferdchen, so wie sie in den Tanks schwammen, keine Embryonen austragen konnten. Wieder einmal hatten sie wertvolle Ressourcen verschwendet. Ihnen lief die Zeit davon.

Vielleicht waren sie mit der ganzen Gen-Mixerei auf dem völlig falschen Weg. Vielleicht gab es einen viel einfacheren und sie hatten ihn nur noch nicht gefunden. Er musste sich kundig machen und so reaktivierte er Michael, den er vor einer halben Stunde erst sich selbst überlassen hatte.

Ein Druck auf das winzige Gerät hinter seinem Ohr und ein Headset fuhr aus. „Hör zu“, meldete sich Erdogan, er ging davon aus, dass Michael unterbrach, womit immer er gerade beschäftigt war. „Wir müssen einen anderen Weg finden. Ohne Frankenstein.“

„Ja, Hoheit, ich werde Erkundigungen einziehen“, hörte er seinen Assistenten sagen. Erdogan unterbrach die Verbindung und nahm seinen Weg wieder auf. Michael wusste, was er zu tun hatte. Es musste einfach etwas geben, was ihnen weiterhelfen konnte. In ihren Bibliotheken, hatten sie nichts gefunden und auch nicht in den elektronischen Aufzeichnungen ihrer Vorfahren. Doch das hielt ihn nicht davon ab, es noch einmal zu versuchen. Sie hatten etwas übersehen, da war er sich sicher. Vielleicht war er nachlässig gewesen, hatte zu schnell die Seiten geschlossen. Vielleicht war er übermüdet gewesen und hatte deswegen nicht die Bedeutung verstanden. Irgendetwas musste doch zu machen sein – Meodin durfte nicht nicht zu schaden kommen.

So ging Erdogan in sein Schlafzimmer und weiter ins Bad, er duschte und schaltete schon dort den Monitor ein, um die ersten Datensätze zu sichten. Doch das Wasser in den Augen machte es schwer zu lesen, so schaltete er auf vorlesen um, das war entspannender.

Erdogan duschte ausgiebig und folgte dabei den Ausführungen. Bisher hatte er noch keine neuen Erkenntnisse aus den Berichten gezogen, aber das war nicht schlimm. Es war nie verkehrt, bereits bekannte Dinge noch einmal zu verinnerlichen. Solange es Meodin nutzte, würde er sich die ganze Bibliothek noch einmal durchlesen. Dabei merkte er noch nicht einmal, wie ein Experiment, was ihn heute Morgen noch nicht interessierte, ihn gefangen hielt. Eigentlich wäre er jetzt beim Training und würde sich anschließend die Bilanzen der wenigen Fabriken der Kuppel ansehen. Er würde sich berichten lassen, wie es in den Versorgungskuppeln lief und die Statistiken der letzen Woche einfordern. Doch all das tat er nicht. Er lauschte und las, oft tat er es simultan, um schneller vorwärts zu kommen.

Stunde um Stunde verbrachte der Prinz mit seinen Studien, aber er kam nicht weiter. Bisher konnte er nichts finden, was ihm weitergeholfen hätte. Frustriert schlug er auf den Tisch und rieb sich über die Augen. Das brachte doch alles nichts. In diesen Schriften war nichts, was ihnen weiterhelfen konnte.

„Herr“, flüsterte Michael, der schon eine Weile neben der Tür stand und Erdogan dabei beobachtet hatte, wie er drei Artikel gleichzeitig bearbeitete. Was war nur in den Prinzen gefahren?

„Ihr habt euer Essen noch nicht einmal angerührt. Ihr müsst etwas essen“, erklärte er leise und zog den Kopf zwischen die Schultern aus Sorge, dass er ihn gleich los war.

Erdogan wirbelte zu ihm rum und seine Augen blitzten wütend. „Essen?“, knurrte er, nahm sich aber sofort wieder zurück. Michael hatte Recht, so wie gerade ging es nicht weiter. „Hast du etwas gefunden?“, fragte er stattdessen und griff sich eins der Sandwiches. Er hatte Hunger, das merkte er gerade.

„Nein, Herr. Noch nicht. Aber ich werde weiter suchen“, versicherte Michael, froh darüber, dass der erste Ärger des Prinzen wieder verraucht war. Trotzdem sorgte er sich um seinen Herrn, denn es war unüblich, dass er sein Training vernachlässigte. Er war wütend auf sich selbst, weil er Erdogan nicht in das Labor gefolgt war. Denn dann wüsste er jetzt, was seinem Prinzen so zugesetzt hatte, dass er von einer Sekunde auf die andere alles in Frage stellte. Wenn auch ungern, so hatte er doch bisher zugegeben, dass die Genforschung unabdingbar war – jetzt suchte er plötzlich Alternativen. Michael verstand einfach nicht.

Unschlüssig stand Michael noch immer in der Tür und wusste kurz nicht, was er machen sollte. Sein Gefühl sagte ihm, dass er Erdogan jetzt nicht alleine lassen sollte, aber er wusste, dass sein Prinz das nicht wollte. Darum machte er sich wieder daran, weiter zu forschen, was es für Alternativen zur Genetik gab. Wenn Erdogan ihn brauchte, würde er ihn rufen.

Derweil hatte sich der Prinz auf sein Bett fallen lassen. Den Teller mit den Speisen hatte er mitgenommen. Auf dem großen Bildschirm flackerten Berichte und Bilder, und die monotone Stimme des Erzählers las weiter vor. Doch Erdogan hörte gar nicht mehr zu, er war wieder im Labor, vor dem Tank, in dem Meodin ihm etwas hatte sagen wollen – was? Spürte er Wut, Ärger oder Hass darüber, dass man ihn so hielt?

Erdogan versuchte den Gedanken abzuschütteln, doch der biss sich fest. Und so schoss er hoch und zerrte Kleider zu sich ran. Er musste zurück. Er konnte hier nicht liegen und brüten. Das machte ihn wahnsinnig.

Er zog sich an und kaum dass er den letzten Knopf geschlossen hatte, spürte er kleine Krallen, die sich an ihm hocharbeiteten. „Nein, Sal, du bleibst hier“, grinste er, als sein Haustier auf seiner Schulter saß. „Ich gehe ins Labor, da kannst du nicht mit“, erklärte er dem kleinen Tier, das nicht begeistert fiepste. Er hasste es, zurückgelassen zu werden. Erdogan strich Salcedo über das Köpfchen und erinnerte sich an den Tag, als er ihn zum ersten Mal gesehen hatte. Auch er war eins der misslungenen Experimente gewesen und dazu verurteilt zu sterben. Nur war das kleine Tier den Wissenschaftlern ausgebüchst und hatte sich ausgerechnet bei Erdogan versteckt. Unbemerkt hatte er Sal mit sich genommen und erst als er sich abends ausgezogen hatte, um unter die Dusche zu gehen, war Sal quietschend davon gesprungen. Wasser mochte er gar nicht. Das hatte sich zwar geändert, doch Erdogans Haltung zu den Genetikern war damals schon festgefahren gewesen.

Alles, was nicht ihren Wünschen entsprach, hatte sterben müssen – diese Kerle spielten Gott und gefielen sich auch noch in der Rolle. Wenn sie auf die blöde Idee kamen, Meodin ebenfalls entsorgen zu wollen, weil er vielleicht nicht so funktionierte, wie erwartet, dann spielte Erdogan Gott und seine Rache würde grausam sein.

„Sal“, sagte er streng, als sein kleiner Liebling schon an der Tür auf ihn wartete und den Kopf schief legte. Doch als die Stimme seines Besitzers strenger wurde, zog Salcedo den Kopf ein und trollte sich. Erst einmal hatte Erdogan erfahren, was Salcedo wirklich war. Äußerlich eine Ratte lebte er fast ständig in den Kleidern seines Herrn, spürte er den Herzschlag ungesund hoch und den Adrenalinspiegel kochen, reagierte sein Körper. Er schlug seine Krallen in Erdogans Rücken und verschmolz mit ihm, aus der kleinen Ratte wurden riesige Flügel.

Erdogan wusste bis heute nicht, wie es funktionierte und er wollte es auch nicht wissen. Er wollte nur einen Weg diese Frankensteine endlich überflüssig zu machen. Sie hatten genug angerichtet.

Es war nicht so, dass er die Genetik grundsätzlich ablehnte, aber er hielt nichts mehr von dem Verschmelzen von verschiedenen Spezies. Sie hatten sich da in eine Richtung verrannt, die nicht funktionierte. Nur, solange sein Vater, der Fürst, nichts dagegen unternahm, waren ihm die Hände gebunden. Was aber nicht hieß, dass er nicht selber Wege suchte ihre Probleme zu lösen.

„Bin gleich wieder da“, erklärte er Sal lächelnd, der gerade mit hängenden Ohren unter der Bettdecke verschwand. Dann schlossen sich die Türen hinter Erdogan. Der Chip, der ihm implantiert worden war, kaum dass er das Licht der Welt erblickt hatte, sorgte dafür, dass keine Tür in den Kuppeln für ihn verschlossen blieb und so hielt nichts und niemand seinen Lauf auf. Selbst der Wagen zum Labor, der normalerweise nachts nicht benutzt werden durfte, startete mit seiner Kennung ohne Probleme. Und so gab er Gas, blickte nicht rechts und nicht links. Hätte er es nur getan.

Unbehelligt kam er durch die Tunnel und seine Gedanken waren schon bei Meodin. So hatte er zwar in seinem Hinterkopf kurz ein Gefühl, dass etwas ungewöhnlich war, aber es war zu schnell wieder weg, als dass er darüber nachdachte. Er hielt vor dem Labor und die Wachen öffneten sofort die Türen für ihn. Wenn sie erstaunt waren, ihn zu sehen, so ließen sie sich das nicht anmerken. Erdogan betrat das Labor und ging schnurstracks den Weg, den er vorhin auch gegangen war, bis einer der Weißkittel entsetzt bemerkte, dass sie nicht mehr allein waren. „Prinz Erdogan!“, rief er und eilte auf den jungen Herrn zu, während ein anderer wie eine aufgescheuchte Maus loslief um Bill zu wecken.

Was wollte der Kerl hier? Der war der letzte, den sie gerade gebrauchen konnten.

„Wie kann ich ihnen helfen?“, fragte Rodriguez und wollte sich dem Prinzen in den Weg stellen, ihn mit etwas Konversation davon ablenken, dass in den hinteren Räumen umgeräumt werden sollte.

„Gar nicht“, würgte Erdogan den Gesprächsversuch ab und ignorierte den Wissenschaftler sofort wieder und ging weiter, aber nach ein paar Schritten wirbelte er wieder herum und fixierte Rodriguez. „Wo ist Me… Unit 1“; verlangte er zu wissen. Der große Zylinder mit Meodin stand nicht mehr dort, wo er noch am Morgen gestanden hatte.

„Unit 1?“, fragte der Wissenschaftler und strich sich nervös das blonde Haar zurück. Mist, musste der Kerl ausgerechnet danach fragen? „Ich glaube nicht, dass ich ihnen Auskünfte geben kann ohne Herrn Harper. Er allein“, begann er zu stammeln und wusste nicht weiter. Er war das erste Mal Bills Vertretung und dann passierte so was. Das war ein Alptraum.

„Halt deine Klappe und bring mich zu Unit 1, sonst fehlt dir gleich ein Satz Ohren!“ Erdogan schwante nichts Gutes und kam einen bedrohlichen Schritt auf Rodriguez zu, als er Bills Stimme hinter sich hörte: „Darf ich erfahren, was sie zu solch später Stunde noch in das Hochsicherheitslabor führt?“

„Ich bin hier, dass ist alles, was du wissen musst und ich will wissen, wo Unit 1 ist.“ Erdogan wurde langsam wütend, als er sich zu Bill umdrehte. Er hatte das Gefühl, dass man ihm etwas verheimlichte und das war nicht akzeptabel. „Wo habt ihr ihn hingebracht?“

„Ihn?“, fragte Bill und hob eine Braue. Amateur, man personifizierte die Experimente nicht. Dann passierte nämlich genau das, was der Prinz gerade tat. Sie waren nur Versuche. Kein Grund für Sentimentalitäten. Doch das letzte, was er dem Kerl jetzt erklären würde, war, dass sie sich Unit 1 noch einmal vornehmen wollten, seit es heute Mittag auf den Prinzen reagiert hatte. Das hatte es noch nie getan und sie wollten wissen warum. Deswegen war er bereits umgebettet worden. „Versuch 1 wird weitere Tests durchlaufen, dort haben selbst sie keinen Zutritt. Anordnung ihres Vaters. Ich würde sie also bitten wieder zu gehen. Sie halten meine Leute von wichtigen Arbeiten ab.“

„Bitte?“ Erdogan glaubte sich verhört zu haben und seine Augen schlitzten sich. Sein Vater verwehrte ihm den Zugang zu einem Experiment? Was hatten die Wissenschaftler vor? Was hatten sie mit Meodin vor? Er setzte gerade an etwas zu sagen, als er laute Schreie und Schüsse hörte und er wirbelte herum. Schnell hatte er erfasst, was sich vor den Türen tat. „Wir werden angegriffen. Sichert die Experimente“, rief er und sprintete los.

Auch in Bill kam Leben, nachdem er im ersten Moment nicht begriff, was passierte. Er sah dem Prinzen hinterher und musste ihm eines lassen: er war Krieger, mit jeder Faser seines Körpers.

„Versiegelt alle Türen. Die Panzertüren werden unter allen Umständen verschlossen gehalten!“, gab er Order und lief in den Raum mit den Units. Die Arbeit von Monaten war in Gefahr. Immer wieder waren Schüsse zu hören, Schreie von Getroffenen. Verdammt noch mal, was war da los? Wer griff sie an? Sie unterstanden direkt der Krone. Wer würde das wagen?

Während er lief, zückte er sein Handy. Auch wenn die privaten Trakte der Wissenschaftler in einem völlig anderen Sektor der Laborkuppel lagen, wollte er wissen, was bei Kyle los war und als der verschlafen antwortete brüllte er ihn an: „Nimm dein Zeug und verschwinde über die Geheimgänge zur Hauptkuppel. Stell keine Fragen – bring dich in Sicherheit.“ Dann steckte er das Handy weg und lief.

Erdogan war zu den Wachen am Tor gelaufen und hatte sich einen Überblick verschafft. Roger, einer der Wachen am Tor, hatte ihm mit knappen Worten die Situation geschildert. Ihre Angreifer hatten sie wie aus dem Nichts angegriffen. Erst hatten sie geglaubt, dass eine Widerstandsgruppe sie angegriffen hatte, aber schnell hatten sie festgestellt, dass das nicht der Fall war. Die Angreifer mussten von Außerhalb kommen und somit hatten sie ein weiteres Problem. Die Kuppel musste beschädigt sein, denn ihre Instrumente zeigten an, dass die Strahlung anstieg.

Erdogan schlug auf einen der Alarmknöpfe, die überall in den Wänden verteilt waren und die bei Gefahr die Evakuierung der Kuppel veranlassten. Sie hatten es bis heute noch nicht getestet, jetzt war ein guter Zeitpunkt dafür. Ohrenbetäubender Lärm brach los, eine mechanische Stimme erklärte, was zu tun war. Der Prinz nickte und forderte über sein Headset Verstärkung. Egal was es war, was hier eingedrungen war: er wollte es haben und es durfte nicht entkommen. „Ich will sie, tot oder lebendig“, knurrte er seinen Leuten zu und ging mit ihnen tiefer in den langen Flur.

Schlagartig wurde es dunkel und still.

„Scheiße, der Strom ist weg“, fluchte Roger. Er wäre in seiner wilden Hatz fast gestolpert und lehnte jetzt tastend an der Wand.

Wütend knurrte Erdogan. „Harper, bring die Units von hier weg. Sofort!“, bellte er in sein Headset, erst dann kümmerte er sich um ihre derzeitige Situation. Eigentlich sollten Notstromaggregate anspringen, aber das passierte nicht. Zum Glück hatte man auch für diesen Fall vorgesorgt. In größeren Abständen waren kleine Notfallstationen eingerichtet worden, die Taschenlampen, Wasser und andere nützliche Dinge enthielten. Allerdings benötigten sie gerade weder Wasser noch Nahrung, sondern griffen sich nur die Leuchtmittel, steckten die kleinen Einheiten auf die Waffen und leuchteten sich dann den Weg aus.

„Da, was war das?“, rief Erdogan und rannte los. Er hatte Schatten gesehen. Merkwürdige Schatten, nicht aufrecht sondern auf allen vieren. Das konnte unmöglich sein oder hatten die Frankensteine noch Experimente laufen, von denen keiner etwas wusste und die getürmt waren? Hatten sie den ganzen Ärger hier etwa den Trotteln zu verdanken? Wütend lief er weiter, er musste wissen, was das war.

Ohne weiter auf Roger zu achten, lief Erdogan dem Wesen hinterher. Er schoss immer wieder, wenn er es kurz im Lichtkegel erkannte, aber er traf nicht, weil es Haken schlug. Dieses Wesen war flink und schnell. Der Prinz kam nicht so schnell hinterher, wie er es gerne hätte und lief Gefahr, dass er abgehängt wurde. Das war nicht akzeptabel. Darum schoss er immer wieder und endlich, schien er Erfolg zu haben. Anscheinend hatte er getroffen, denn vor ihm stürzte das Wesen und blieb liegen. Ohne zu denken lief Erdogan weiter. Die Neugier trieb ihn und er beging einen kapitalen Fehler, doch das merkte Erdogan erst, als er neben dem Ding kniete, das in sich zusammengesunken wirkte. Doch nicht vor Schmerz, wie er erwartet hatte, sondern vor Spannung. Der ganze haarige Leib war gespannt. Erdogan bemerkte seinen Fehler erst, als das Ding die Augen öffnete und die spitzen Fänge zeigte, als es grinste. Dann spürte er schon den Schlag gegen die Brust und er flog gegen die Wand in seinem Rücken. „Idiot“, erklärte ihm das Ding und kam nun zu Erdogan. Doch anstatt sich ihm noch einmal zu nähern, zog es nur ein Messer und rammte es dem keuchenden Prinzen bei seiner Flucht in die Seite.

Erdogan klappte in sich zusammen und spürte, wie sein Blut über seine Rüstung floss. Sie war es wohl auch, die ihm das Leben gerettet hatte, denn sie hatte den Stich von den lebenswichtigen Organen abgelenkt. Nichts desto trotz war er erheblich verletzt, was den Prinzen aber nicht daran hinderte, aufzuspringen und dem Wesen hinterherlaufen zu wollen. Aber eiserner Willen nutzte nichts, wenn der Körper schlapp machte. Erdogan schwankte und plötzlich spürte er spitze Krallen, die sich in seinen Rücken bohrten. Anscheinend hatte Salcedo sich doch nicht damit abgefunden, alleine Zuhause zu bleiben.

„Danke“, flüsterte er und schloss die Augen, er wusste dass sein kleiner, pelziger Freund ihn in Sicherheit brachte.

„Prinz Erdogan!“, hörte er einen seiner Getreuen hinter sich und Leander, alarmiert vom Tumult in der Kuppel, hatte sich zu seinem Herrn durchgeschlagen. Er duckte sich, als etwas auf ihn zugeschossen kam und traute seinen Augen nicht, als er die mächtigen Schwingen am Rücken seines Prinzen entdeckte. Er landete sanft im Türbereich und sank Leander in die Arme, dann verschwanden die Flügel wieder und eine kleine Ratte guckte aus dem Ausschnitt der Rüstung. „Sal“, grinste Leander, doch dann kümmerte er sich um den Prinzen.

„Sanitäter hier her!“, brüllte er.

Sie mussten so schnell wie möglich wieder ins Labor, denn dort waren sie vor der ständig ansteigenden Strahlung besser geschützt. Zwar sollten sie auch dort nicht allzu lange bleiben, aber zumindest hatten sie dort die Möglichkeit, den Prinzen fürs erste zu versorgen und ihn dann durch die Geheimgänge, wie den Rest der Belegschaft zu evakuieren. Leander überließ Erdogan den Sanitätern und kümmerte sich dann darum, dass die getöteten Angreifer für den Transport in Plastiksäcke verpackt wurden.

„Packt die Dinger in Castoren. Ich will kein Risiko eingehen, bis sie im Hochsicherheitstrakt der Hauptlabore sind“, knurrte Leander. Es schmeckte ihm gar nicht, dass die Dinger in die Hauptkuppel gebracht werden mussten, weil das einzige Labor gerade evakuiert wurde. Sie hätten für einen Fall wie diesen vorsorgen und eine zweite Einheit bauen müssen. Doch jetzt zu lamentieren brachte nichts. Sie mussten daraus lernen.

„Los Beeilung“, trieb er seine Leute an, als der Prinz an ihm vorbei getragen wurde. Die Strahlung stieg ständig und sie mussten die Labore abschotten, damit die Strahlung nicht die Haupt- und die Agrarkuppeln verseuchte. Einer nach dem anderen liefen seine Mitarbeiter in den Tunnel und Leander versiegelte ihn dann. Jetzt war nur zu hoffen, dass sie alles Wichtige hatten retten können.


03

„Sal, lass das!“ Michael schob die kleine Ratte beiseite und sah weiter auf den Prinzen. Seit gestern Nacht lag er hier. Doktor Denester hatte den Prinzen genäht, die Wunden desinfiziert und Bettruhe verordnet. Das war so lange machbar, wie der Prinz noch schlief, denn wenn er wach war, würde ihn sicherlich nichts daran hindern, den Vorkommnissen der Nacht auf die Spur zu kommen. Und so lange Salcedo seinem Herrn über die Brust flitzte bestand Gefahr, dass er aufwachte.

Das Haustier des Prinzen war nicht begeistert und fauchte leise, aber Sal setzte sich neben Erdogans Kopf. So konnte er seinen Herrn im Auge behalten und beschützen, wenn es nötig war. Michael atmete erleichtert auf, weil sein Prinz weiterschlief. So hatte sein Körper Zeit zu heilen. „Brav“, lobte er Sal und hielt ihm eine Traube hin. Solange die Ratte fraß, blieb sie da, wo sie war. Zum Glück war das kleine Vieh in gewissem Maße käuflich.

Die Türen öffneten sich und Leander trat in das Schlafzimmer des Prinzen. Hier war er noch nie gewesen und so sah er sich kurz um. Er war überrascht über die Schlichtheit, Erdogan prunkte nicht wie sein Vater, im Allgemeinen waren die beiden wie Feuer und Wasser. Selbst die Sorge des Fürsten um seinen verletzten Sohn hielt sich in Grenzen.

„Und?“, wollte er leise wissen und strich Sal über das Fell, der frustriert bei Leander Bespaßung suchte.

„Schläft noch“, sagte Michael, beeilte sich aber zu erklären, was der Arzt gesagt hatte, als er den Soldaten die Augen verdrehen sah über die offensichtlich überflüssige Auskunft. Darum hielt er wieder die Klappe und setzte sich wieder neben das Bett. „Was konntet ihr retten?“, fragte er Leander, denn das würde Erdogan wissen wollen, wenn er wach wurde. Hoffentlich war mit den Units nichts passiert, denn soviel hatte er seit gestern verstanden. Seinem Prinzen war dieses Experiment wichtig.

„Sorry, Mike, aber ich darf mit dir nicht darüber reden. Wenn er wach ist und Informationen will, soll er mich ansprechen, ich bin auf standby und komme gern vorbei.“ Leander drückte Michaels Schulter und setzte Salcedo wieder zurück aufs Bett. Wenn er hier nichts ausrichten konnte, dann ging er dorthin, wo er dringender gebraucht wurde. „Und sieh zu, dass er im Bett bleibt. Die Wunde sah scheußlich aus. Ich glaube nicht, dass die schon wieder verheilt ist.“ Dann war der Soldat weg.

„Na super, dann hättest du mir genügend Fesseln dalassen sollen“, brummte Michael und sah Leander hinterher.

„Wozu Fesseln?“, holte ihn Erdogans Stimme aus seinen Überlegungen und ließ ihn zusammenzucken.

„Mein Prinz“, rief er aufgeregt und sprang auf. „Wie geht es euch. Möchtet ihr etwas trinken?“, fragte er aufgeregt und hatte schon ein Glas mit Wasser in der Hand, um Erdogan behilflich zu sein. Mit Unglauben beobachtete er Erdogan dabei wie er sich aufsetzte und die Decke zurück schlug. Dabei schnalzte er nicht amüsiert mit der Zunge, als er den Verband quer über seinen Körper sah.

„Man kann das auch echt übertreiben, war doch nur ein Kratzer“, knurrte der Prinz und streichelte Sal, der einzige, der erbaut darüber war, dass der Prinz wach war und aufstehen wollte.

„Leander sagte, ihr sollt im Bett bleiben. Ich werde ihn rufen, damit er berichten kann. Aber bitte bleibt liegen.“ Michaels Stimme flehte.

„Lean, ach der – übertreibt ständig.“ Erdogan setzte sich auf die Bettkante.

„Ein Kratzer?“ Michael kam an Erdogans Seite. „Ihr habt viel Blut verloren und die Klinge hat nur knapp die Leber verfehlt.“ Wie zu erwarten, sah der Prinz ihn nur mit hochgezogener Augenbraue spöttisch an.

„Und? Sie hat die Leber nicht verletzt, also wo ist das Problem?“, fragte er und streichelte Sal. Schließlich hatte er sich noch gar nicht bei seinem kleinen Freund bedanken können.

„Ich werde Leander benachrichtigen, er wird euch informieren“, erklärte Michael hastig, denn er merkte, dass er bei Erdogan nicht weit kam. Der Kerl war ihm ständig überlegen und frotzelte, wo er nur konnte. Es war nicht leicht mit ihm und auch wenn es wie eine Flucht aussah, so war es Michael lieber, jemand war im Raum, auf den Erdogan auch nur ansatzweise hörte.

Leander war schnell informiert und es dauerte auch nicht lange, bis es an der Tür klopfte. „Mein Prinz“, grüßte der Soldat und neigte kurz den Kopf. Er hielt sich erst gar nicht damit auf, Erdogan darauf hinzuweisen, dass er liegen bleiben sollte, denn er wusste, dass es zwecklos war.

Sturschädel.

„Was ist mit den Units?“, wollte der als erstes wissen. „Hast du den ersten Bericht über den Überfall schon vorliegen? Was waren das für Dinger und wo kamen sie her? Habt ihr schon einen Verdacht? Sind es Züchtungen? Wie konnten sie draußen überleben. Meine Güte, Lean, sprich doch endlich mal!“ Erdogan rutschte auf der Bettkante herum und Michael hatte es aufgegeben, ihn wieder zum liegen bringen zu wollen. Er saß etwas abseits, verließ aber das Zimmer, als Leander ihn anwies.

„Wenn du mal Pause machst, kann ich dir antworten. Bist du fertig mit Fragen? Darf ich jetzt?“, grinste er amüsiert und ließ sich in einen Sessel fallen, der unweit des Bettes stand. Dabei aktivierte er den Monitor, der in die Wand integriert war.

Auf dem Bildschirm konnte Erdogan die fünf Behälter sehen, in denen die Units schwammen. Michael hatte Leander erzählt, dass sie dem Prinzen wichtig waren. Wenn er sie über den Bildschirm beobachten konnte, ließ er sich vielleicht einfacher dazu überreden, nicht gleich wieder aufzustehen. „Wie du siehst, haben wir alle Units hierher geschafft, allerdings gab es da ein Problem mit der Sauerstoffversorgung bei Unit 2 bis 5, als der Strom ausfiel. Es wird noch untersucht, ob es Schäden gegeben hat.“

„Und Unit 1?“, fragte Erdogan und starrte auf den Bildschirm. Verdammt, wo war Meodin? Hatten die Idioten ihn etwa drüben gelassen? „Ich muss ihn suchen, das geht doch nicht, dass er zurückgeblieben ist. Diese Blödmänner, nichts machen sie richtig!“ Und schon war er aus dem Bett und sackte kurz zusammen. Mist, die Wunde zog aber ordentlich!

Leander war augenblicklich an seiner Seite und dirigierte den Prinzen mit sanfter Gewalt wieder ins Bett. Dabei sah er ihn nachdenklich an. „Unit 1 ist hier. Er wurde nicht zurückgelassen.“ Leander drückte auf einen Knopf und das Bild wechselte. „Da ist er doch. Ihm geht es gut. Zu seinem Glück hatten sie ihn vor dem Angriff in einen anderen Raum gebracht und er hing an einem anderen Versorgungsstrang. Er war von dem Stromausfall nicht betroffen.“

Augenblicklich war Erdogan gefügig wie ein gut erzogener Hund und ließ sich nicht nur ins Bett stecken, sondern auch noch zudecken. In jeder anderen Situation hätte Leander dafür eine verpasst bekommen und einen blöden Spruch geerntet und genau diese Gefügigkeit machte den Soldaten stutzig. So, wie Erdogan auf Unit 1 blickte, hatte es etwas Irritierendes.

„Zum Glück, er scheint unversehrt. Ich will ihn sehen. Bring mich zu ihm“, sagte Erdogan und schoss wieder hoch, als er Bill Harper entdeckte, der sich an dem Zylinder zu schaffen machte. Wehe, Frankenstein machte die Tests, die vor dem Angriff geplant gewesen waren.

Leander fragte sich nur, seit wann sein Prinz seine Prioritäten so verschoben hatte. Kaum wusste er, wo die Units waren, interessierte ihn nichts mehr, nicht einmal die Angreifer oder die Schäden an der Kuppel.

„Erdogan?“, fragte er irritiert und versuchte den Prinzen zu beruhigen. „Ihm geht es soweit gut, aber es ist immer schwierig zu sagen, ob bei dem Transport nicht etwas passiert ist, darum wird untersucht, ob alles in Ordnung ist.“ Was er nicht erwartete hatte, war Erdogans Reaktion.

„Sie sollen die Finger von ihm lassen, sofort!“, verlangte er und stand wieder auf. Er musste zu Meodin und überwachen, dass ihm nichts passierte.

„Aber es muss festgestellt werden, ob...“

„Sofort!“, herrschte Erdogan seinen Freund an und der zuckte zurück. So kannte er Erdogan nicht und deswegen nickte er. Was war mit seinem Prinzen passiert? Was hatte es nur mit diesem Ding da auf sich? „Sag ihnen, sie sollen die Finger von ihm lassen, bis ich da bin und dann hilf mir in meine Uniform!“ Sein nächster Weg musste ins Labor führen. Alles andere konnte warten, dafür hatte er seine Leute, aber Doktor Frankenstein musste er selbst bremsen.

Er war schon dabei sich anzuziehen, als Leander wieder zu ihm kam und berichtete, dass er seinen Befehl ausgeführt hatte. Erst hatte Bill Harper aufbegehren wollen und auf den Befehl des Fürsten verwiesen, aber das hatte Leander richtig gestellt. Sie waren angegriffen worden und standen zurzeit unter Kriegsrecht, also hatte der Prinz, als Oberbefehlshaber der Armee, das Recht dazu, jeden Befehl seines Vaters außer Kraft zu setzen, wenn nötig. Zwar musste er sich dafür später bei seinem Vater rechtfertigen, aber das ging den Wissenschaftler nichts an. Er hatte nur zu gehorchen, denn er stand zu weit unten in der Hierarchie, als dass er diese Entscheidungen in Frage stellen durfte.

„Im Bad im Schrank liegen noch Schmerzblocker, bring mir vier“, verlangte Erdogan. Er nahm sie ungern, doch heute ging das nicht anders. Wenn er dort souverän auftreten wollte, konnte er nicht gebückt gehen wie ein Greis. „Ich weiß, aber es geht nicht anders, Lean“, knurrte er, als er den strengen Blick seines Freundes sah. „Und du“, er sah dabei Salcedo an, der auf dem Bett saß und wartete, „Rein hier.“ Er hielt sein Hemd kurz auf. „Aber verhalte dich still. Wenn Frankenstein dich findet, will er dich behalten.“

Die Ratte fiepste einmal kurz, als wenn sie genau verstanden hatte und schlüpfte in die Kleidung des Prinzen. Mit Leanders Hilfe kleidete Erdogan sich an und kaum, dass die letzte Schnalle geschossen war, gingen sie auch schon los. Die Schmerzblocker taten ihre Wirkung, so dass man Erdogan seine Verletzung nicht mehr ansah, als er das provisorische Labor betrat.

„Und?“, forderte er zu wissen ohne Gruß oder Umwege. Er sah sich um und erblickte die fünf Units. Zielstrebig ging er auf Meodin zu und betrachtete ihn eindringlich. Sah er anders aus? War er noch am Leben? Seine Hand legte sich wie von selbst gegen das Glas und er wartete auf ein Zeichen.

„Ich höre!“, forderte er Bill Harper noch einmal auf, wissend dass es in dem Genetiker kochte.

„Prinz Erdogan“, fing der Wissenschaftler auch gleich anklagend an, wurde aber von einem wütenden Blick unterbrochen. „Ich habe jedes Recht hier zu sein und ich wiederhole mich nicht noch einmal. Wie geht es den Units.“ Bill zuckte zusammen und schluckte schwer. „Unit 1 scheint den Transport unbeschadet überstanden zu haben“, erfüllte er darum wenn auch widerstrebend den Befehl. „Wir wollten das gerade überprüfen.“

„Was wird passieren bei der Überprüfung?“, wollte er wissen, denn er traute dem Kerl nicht über den Weg. Er brachte es fertig und brachte Meodin um, weil er nicht so geraten war wie erwartet. „Und ich warne dich, Doktor, tu nichts, was ihm schadet. Ich behalte dich im Auge und das Messer in meiner Tasche wird dich schneller richten als du Meo... als du die Unit ausschalten kannst.“

Bill wurde blass und ihm brach der Schweiß aus. Er kannte Erdogan gut genug, um zu wissen, dass der Prinz Drohungen immer wahr machte. „Wir überprüfen seine Vitalfunktionen und die Gehirnströme. Durch die Kabel können wir ihn an ein Diagnosegerät anschließen“, erkläre er darum, was er machte, um zu verhindern, dass der Prinz etwas missverstand. „Er selber wird davon nichts merken. Es ist vollkommen schmerzfrei.“

„Das will ich für dich hoffen“, knurrte Erdogan. Er hatte Bill Harper noch nicht einmal angesehen sondern beobachtete weiter Meodin.

Warum regte er sich nicht?

Warum reagierte er nicht?

Erdogan war in Sorge und sein Puls stieg. Er spürte schon Sals Krallen und rief sich zur Ordnung. „Alles in Ordnung, Kleiner“, flüsterte er und holte tief Luft.

„Fangt an, ich will wissen, wie es um sie steht.“

Das ließ sich Bill nicht zweimal sagen. Routiniert bediente er die Kontrollen und schrieb immer mal wieder etwas auf. Unit 1 ging es gut, was er Erdogan auch mitteilte. „Seine Vitalwerte sind im Normbereich. Der Umzug hat es etwas gestresst, aber das gibt sich bald wieder. Die Hirnströme sind ein wenig verändert zu den letzten Messungen vor einer Woche. Sein Gehirn ist aktiver. Das würde erklären, warum es gestern auf euch reagiert hat.“

„Warum reagiert er jetzt nicht? Fehlt ihm etwas oder ist er geschwächt?“, fragte Erdogan, immer noch die Hand gegen das Glas gelegt.

Leander beobachtete die merkwürdige Szene mit Abstand und hatte das Gefühl, einer schmalzigen Liebesszene beizuwohnen, das war doch absurd.

„Es schläft.“ Bill blinzelte irritiert und sah zu Leander rüber, als wenn dieser ihm erklären könne, warum Erdogan sich so seltsam benahm. „Das ist normal. Die Units schlafen ungefähr zehn Stunden am Tag, wie jeder andere auch. Dazwischen ist es wach, aber dann döst es normalerweise, ohne dass es an der Außenwelt teilnimmt. “

„Wie lange wird er noch schlafen?“, wollte Erdogan wissen und Leander erkannte seinen Prinzen kaum wieder. All seine Sorgen schienen nur diesem Experiment zu gelten. Leander wagte nicht ihn anzusprechen aus Sorge, er könnte ihn zusammenfalten in seinem aktuellen Zustand.

„Wach auf“, murmelte Erdogan leise genug, dass niemand ihn hören konnte. Er wollte noch einmal diese Augen sehen.

„Das ist schwer zu sagen. Es gibt da keinen bestimmten Rhythmus nach dem sie aufwachen.“ Bill wagte es ebenso wenig wie Leander zu fragen, was mit dem Prinzen los war, der nun ganz leicht mit dem Fingernagel des Zeigefingers gegen das Glas klopfte.

„Werd wach, Meo“, bat er leise, doch nichts geschah. „Wie lange wird er noch da drinnen bleiben und was passiert, wenn er gereift ist?“, wollte Erdogan wissen und wandte sich um. Bill Harper wurde ziemlich schnell klar, dass er jetzt nicht das falsche sagen durfte und er hatte keinen Schimmer, was alles falsch sein konnte, wenn der Prinz einen so ansah.

„Äh… also… wenn es weiter so schnell reift, dann vielleicht noch ungefähr zwei Wochen. Aber das ist schwierig zu sagen.“ Bill kam ein wenig näher und betrachtete mit Erdogan zusammen Unit 1. Was sah der Prinz in diesem Experiment? „Wenn die Reifung abgeschlossen ist, wird es von den Versorgungsleitungen abgekoppelt und aus dem Tank geholt. Dann wird sich zeigen, ob es lebensfähig ist, oder nicht.“

„Was soll das heißen, ob er lebensfähig ist oder nicht? Er lebt, das sehen wir doch“, knurrte der Prinz. Er glaubte sich verhört zu haben. „Komm nicht auf die Idee, ihn zu töten, nur weil er nicht so geraten ist, wie in eurem Lego-Baukasten erwartet. Alles, was mit ihm passiert, wird in meinem Beisein passieren, ist das klar.“ Er wandte Meodin den Rücken zu und trat dichter auf Bill Harper zu. Frankenstein sollte nicht auf blöde Ideen kommen. „Und versuche nicht meinen Vater einzuschalten, das würde dir nicht bekommen!“

Bill taumelte vor der Härte in Erdogans Stimme zurück und hob abwehrend die Hände. „Prinz Erdogan. Die Units werden zurzeit von Außen versorgt. Sie bekommen Sauerstoff und Nahrung. Es ist ähnlich wie bei einer Geburt, wenn wir ihn abkoppeln. Sein Körper muss dann alle Funktionen alleine übernehmen. Da kann es schon mal zu Problemen kommen. Natürlich tun wir, was wir können, damit unsere Experimente überleben.“

„Oh ja, du wirst alles tun, damit er überlebt, und wenn ich dich dazu überreden muss.“ Erdorgan wandte sich wieder um und Leander nahm sich vor, auf dem Rückweg mit seinem Prinzen zu sprechen. Das konnte so unmöglich weiter gehen. Das grenzte an Besessenheit. Was hatte dieses Ding mit dem Prinzen gemacht? Was meinte Harper, als er sagte, es hätte gestern auf Erdorgan reagiert? Er musste sich die Überwachungsbilder besorgen, denn Erdorgan konnte er nicht darauf ansprechen, er hing an seinem Leben.

Bill nickte nur und stand auf einmal alleine. Erdogan hatte sich wieder Meodin zugewandt und wartete darauf, dass er aufwachte. „Prüfen sie die anderen Units, ich bleibe hier.“ Der Prinz wedelte mit einer Hand und Bill zog verärgert die Augenbrauen zusammen. Er war der Laborleiter und kein Leibdiener, der nach dem Gutdünken des Prinzen springen musste. Doch er wusste, was gut für ihn war und so gehorchte er, wenn auch widerwillig. Es war zum aus der Haut fahren. Nachher konnte er sich nicht einmal mit Allan bequatschen, denn die anderen Forscherteams – und somit auch Kyle – waren in einem anderen Teil der Kuppel untergekommen. Er knirschte mit den Zähnen, als er ging.

Erdogan blieb bei Meodin und legte wieder die Hand auf den Tank. „Komm schon, zeig, dass es dir gut geht, wie Frankenstein behauptet hat“, sagte er leise und zuckte, als sich ihm eine Hand auf die Schulter legte.

„Mein Prinz, wir sollten gehen. Es gibt noch einiges, was wir prüfen müssen und auch unsere Tage haben nur 24 Stunden.“ So konnte das ja schlecht weiter gehen.

„Dann geh, ich bleibe noch hier, bis ich weiß, dass Unit 1 keinen Schaden erlitten hat.“ Erdogan schüttelte Leanders Hand ab, aber er milderte seine etwas harschen Worte mit einem leichten Lächeln. „Ich soll mich doch schonen. Wenn ich hier stehe und nichts machen, tue ich das genauso gut, als wenn ich im Bett liege.“

„Prinz Erdogan“, sagte Leander leise aber eindringlich. „Wir sollten reden. Du bist doch nicht mehr du selbst.“ Der Soldat konnte nicht mehr hinter dem Berg halten. Und das Erdogan jetzt auch noch mit dieser Ausrede gekommen war, schlug dem Fass den Boden aus. „Normalerweise wären wir drüben im Sicherheitsbereich, wo die Eindringlinge untersucht werden. Normalerweise wärst du in den Stollen, um zu sehen, wie sie reingekommen sind. Stattdessen stehst du hier und starrst auf ein Experiment, das vielleicht nie vollendet wird, das...“ Weiter kam er nicht denn die Hand seines Prinzen ließ ihn verstummen. Sie lag fest um seinen Hals und Leander erstarrte.

„Sag das nie wieder, wenn du weißt, was gut für dich ist“, zischte Erdogan. „Du wirst all diese Dinge für mich erledigen und mich auf dem Laufenden halten, bis ich mich selber darum kümmere.“ Erdogan war wütend, aber eigentlich weniger auf Leander, als auf sich selbst. Deshalb lebte der Soldat auch noch und Erdogan nahm seine Hand von Leanders Hals. „Ich folge dir, so bald ich kann.“

„Ich nehme dich beim Wort als Krieger, Prinz Erdogan“, erklärte Leander und wandte sich um. Er wagte es nicht, sich über den Hals zu streichen, solange der Prinz ihn noch sehen konnte. Er hatte nur die Chance, die Aufgaben so gut es ging zu erfüllen und Erdogan so daran zu erinnern, was seine eigentliche Aufgabe war. „Komm wieder zu dir, liebeskranker Kater“, knurrte er, als die Tür hinter ihm leise zu glitt. Er hatte kein gutes Gefühl bei der Sache.

Erdogan wusste, dass er sich irgendwann Leander erklären musste, aber nicht jetzt. Das hatte noch Zeit, bis er wusste, dass es Meodin gut ging. Sein Blick ging zu Bill, der gerade Unit 3 untersuchte. „Komm schon Meodin, öffne deine Augen“, bat er leise und ließ ihn nicht aus den Augen. Hatten nicht gerade die Lider ein wenig gezuckt?

„Ich verspreche dir, ich werde nicht zulassen dass du stirbst, aber du musst mir auch ein bisschen entgegen kommen“, flüsterte er gegen den Tank. Er legte auch die zweite Hand gegen das Glas und ignorierte, dass Bill Harper immer wieder fragend zu ihm sah. Seine Stirn lehnte sich gegen das Glas, denn die Wunde an seiner Seite fing an zu pulsieren.

Erschrocken zuckte er hoch, als sich eine Hand vor seinem Gesicht bewegte, als wenn sie ihm über die Stirn streichen wollte. Seine Augen suchten automatisch die von Meodin und er lächelte, als er den Blick der dunklen Augen auf sich fühlte. Seine Hände strichen sanft über das Glas und suchten Meodins Hand. „Ich werde nicht zulassen, dass dir etwas passiert“, wiederholte er seinen Schwur und wirkte plötzlich wie ausgewechselt. Seine Gereiztheit war verschwunden und eine angenehme Ruhe machte sich in seinem Inneren breit. Selbst der Schmerz, der eben aufgekeimt war, ebbte wieder ab.

Er war so gefangen von Meodin, dass er gar nicht bemerkte, wie Bill näher kam und Unit 1 wieder mit dem Diagnosegerät verband. Dabei ließ er die Szene nicht aus den Augen. Er wollte wissen, wie sein Experiment reagierte. Erkannte es Erdogan wieder? Es war auf jeden Fall schon mal ungewöhnlich, dass es schon wieder Kontakt suchte, indem es sich näher zur Scheibe bewegte. Warum reagierte es nicht auch auf ihn oder seine Mitarbeiter? Dabei hatten sie doch viel häufiger Kontakt. Es war ja nicht so, als hätte keiner von ihnen an den Tanks gestanden und die Units beobachtet. Was also hatte der Prinz gemacht, dass Unit 1 auf ihn reagierte? Das musste er untersuchen, denn Unit 1 folgte Erdogan, der langsam um den Tank ging, um Bill aus dem Weg zu gehen. Was glotzte Frankenstein so?

Er knurrte leise, hörte aber auf, als Meodin ihn fragend ansah und etwas auf Abstand ging. Erst da fiel Erdogan auf, dass er das Gesicht wütend verzogen hatte. „Nein, nein, nicht du“, flüsterte er sofort und lächelte. Er strich über die Finger, gegenüber seinen und nahm sich vor, seine Gefühle besser unter Kontrolle zu halten.

„Warst du nicht fertig mit ihm? Wolltest du dich nicht um die anderen kümmern, Bill Harper?“, erklärte er also laut genug, dass der Genetiker ihn hören musste. Der Kerl sollte sich wieder verziehen, er störte hier ganz gewaltig. Was hier passierte, ging Frankenstein nichts an. Er war wie ein Eindringling in dieser kleinen Welt.

Er wartete nur so lange, bis der Wissenschaftler sich zum gehen wandte, da sah er Meodin wieder lächelnd an. „Du musst nicht mehr lange hier drin bleiben und dann können wir uns endlich richtig unterhalten“, plauderte er ein wenig und lehnte sich bequem gegen die Röhre. „Kannst du mich überhaupt verstehen?“, fragte er nachdenklich, denn Meodin legte wieder fragend den Kopf schief.

Was hatte Frankenstein erklärt, sie wären wie menschliche Embryonen. Die konnten auch nicht gleich alles. Vielleicht musste Meodin das sprechen auch erst lernen? Doch dann nickte Meodin und Erdogan hob eine Braue. „Du verstehst mich wirklich?“, fragte er, weil er nicht wusste, ob das nicken die Antwort auf seine Frage war und Meodin nickte wieder.

Wie war das möglich? Vielleicht hatte er gelernt, als er die Mitarbeiter beobachtet hatte? Waren die Kerle doch zu etwas nütze gewesen?

„Du hast sie belauscht und so gelernt?“, fragte er leise und sah zu Bill rüber. Er wollte nicht, dass der Wissenschaftler das mitbekam. Er konnte aber ein Grinsen nicht unterdrücken, als Meodin wieder nickte. „Schlau“, musste er zugeben. Er hätte es wohl genauso gemacht. „Gefällt dir der Name, den ich dir gegeben habe?“

Wieder legte Meodin den Kopf schief und so sprach Erdogan den Namen noch einmal leise aus. Das Nicken im Tank ließ Erdogan lächeln. Er wünschte sich nichts sehnlicher als das Glas zu zerschlagen und Meodin an sich zu reißen. Doch das war nicht ratsam, die Folgen waren nicht kalkulierbar und das war nicht akzeptabel. Er hatte Meodin versprochen ihn zu beschützen.

„Ich werde dich jetzt jeden Tag besuchen kommen. Was muss ich tun, damit du weißt, dass ich da bin?“, fragte er und war gespannt, ob Meodin ihn wieder sehen wollte. Erst einmal passierte nichts, aber dann glitt er näher an die Scheibe und hob eine Hand. Leise tippte er gegen die Scheibe. Drei mal, eine kurze Pause und dann noch zweimal. Erdogan war auf einmal ganz aufgeregt. Er wieder holte die Reihenfolge und als Meodin nickte, strahlte er über das ganze Gesicht. „Ich darf dich also wecken, wenn du schläfst?“

Sacht nickte Meodin, schloss aber die Augen als er hinter Erdogan einen der Assistenten des Leiters erkannte. Er mochte die Männer nicht. Sie blickten auf ihn hinab. Ihnen fehlte die Wärme im Blick wie sie der junge Mann vor dem Glas in sich trug.

Erdogan verstand und trat zurück. „Denk dran, Bill Harper, alles, was mit ihm passiert, passiert nur in meinem Beisein. Einen schönen Tag noch.“ Und damit man sich daran hielt, aktivierte er einen kleinen Bildschirm in einer der Linsen die er trug und stellte ihn auf die Kamera von Meodins Raum. Nur ab und an wollte Erdogan einen Blick riskieren, er musste mit Lean reden – sofort.


04

Erhobenen Hauptes und forsch wie immer ging Erdogan aus dem Labor. Seine Seite brannte wie die Hölle, aber er ließ es sich nicht anmerken. Er brauchte noch welche von den Schmerzblockern, aber das ging nicht. Er hatte schon mehr genommen, als gut für ihn war. „Verdammt“, knurrte er leise und aktivierte sein Headset.

„Lean, ich bin auf dem Weg zu meinem Quartier, wir treffen uns dort in fünfzehn Minuten“, befahl er knapp und sprach dann kurz mit dem Arzt. Seine Seite fühlte sich feucht an, dass bedeutete bestimmt nichts Gutes. Besser er sah gar nicht erst nach. Es reichte, wenn er sich gleich den Anschiss abholte, denn Doktor Denester, der schnell zu ihm eilen wollte, war nicht erfreut über die Offenbarung, dass Erdogan erst noch aus dem Labor nach Hause müsse.

„Sal, das gibt gleich ein Donnerwetter“, knurrte er leise und hastete nach Hause. Schon früher war Doktor Denester der einzige, der Erdogan ungestraft die Ohren lang ziehen durfte und nur weil der Krieger ihn heute um zwei Köpfe überragte, hieß das noch lange nicht, dass er es unterließ.

Sal schien verstanden zu haben, denn wie schon am Tag zuvor, gruben sich die Krallen in Erdogans Rücken. Der Blutgeruch mit der erhöhten Herzfrequenz ließen das Tier gar nicht anders handeln. „Danke“, murmelte Erdogan und überließ sich seinem Beschützer. Darum war er auch eher Zuhause, als geplant und hatte schon die blutige Kleidung ausgezogen, als der Doktor in sein Zimmer stürmte.

„Junger Prinz“, erklärte dieser gleich mit vorwurfsvoller Stimme, als Erdogan gerade aus der Dusche kam. Die blutigen Kleider lagen immer noch auf den Fliesen neben der Tür. Dem Arzt war das nicht entgangen und so ließ er Michael, der stumm in einer Ecke stand und nicht wusste, was er noch machen sollte, Laken auf das Bett werfen, ehe er den Prinzen darauf drückte. „Habe ich nicht gesagt, strenge Bettruhe? Was genau war an meinen Worten nicht zu verstehen, Michael?“ Wütend sah er den Diener an und der wurde in seiner Ecke immer kleiner.

„Lassen sie ihn in Ruhe, Doktor, er wollte einfach nur überleben“, zischte Erdogan gequält, denn der Arzt machte sich gerade nicht besonders viel Mühe, rücksichtsvoll zu sein. Vielleicht wollte Doktor Denester ihm so zeigen, dass es besser war, im Bett zu bleiben. Der Prinz biss die Zähne zusammen und krallte die Finger in die Laken. „Ich kann nicht einfach im Bett bleiben. Ich habe viel zu erledigen“, versuchte er einen Deal herauszuschlagen.

„Wisst ihr was, junger Prinz? Es ist mir - gelinde gesagt - scheißegal, was ihr habt und was nicht. Die Verantwortung für eure Genesung liegt in meiner Hand und das ist meine Aufgabe. Wenn man mich daran hindert, werde ich ebenfalls ziemlich ungehalten. Ihre Vertrauten sind sicherlich in der Lage, ihren Job selber zu machen und zu berichten. Nutzen sie den Monitor. Wozu ist die ganze Kuppel mit einer Millionen Kameras zugepflastert.“ Doktor Denester seufzte und griff sich seine Tasche. Die Naht war gerissen. Er musste zu härteren Mitteln greifen.

„Hau ab“, fauchte er das Haustier an, das an der Wunde schnüffeln wollte. Das war das letzte, was er jetzt gebrauchen konnte.

„Und die Verantwortung für die Menschen in dieser Kuppel obliegt mir.“ Erdogan wusste, dass der Arzt das nicht gelten lassen würde, aber es war eine Verhandlungsbasis. Wenn der Arzt ihm auch alles verbat, er ließ sich nicht davon abhalten, Meodin zu sehen. Er hatte ihm versprochen, dass er ihn besuchen kam.

„Wenn mich das jetzt beeindrucken sollte, ist das nicht geglückt, junger Prinz. Und jetzt ruhig liegen bleiben.“ Doktor Denester betäubte die Operationsfläche lokal, säuberte dann die Wunde und versuchte es dieses Mal mit Kleben und Klammern. Vielleicht hielt das ja besser, denn im Stillen ahnte er, dass er gegen eine Wand redete.

„Doktor, ich werde meine Aktivitäten auf ein Minimum einschränken, versprochen“, knurrte Erdogan und knirschte mit den Zähnen. Er war noch nie so zu Kreuze gekrochen und das ließ sogar den Arzt innehalten, aber er durfte nicht gefährden, sich zumindest für seine Besuche im Labor frei bewegen zu können.

„Eine Stunde am Tag, nur leichte Bewegung und keine Anstrengungen – für eine Woche. Geben sie der Wunde wenigstens den Hauch einer Chance, wieder zusammenzuheilen.“ Sie hatten sich verstanden und so setzte er an, die Wunde zu schließen, während Michael und Salcedo lieber im Küchentrakt verschwanden und für das Abendessen sorgen wollten. Da konnten sie nicht viel falsch machen oder gar im Weg stehen.

Mehr Worte wurden zwischen ihnen nicht gewechselt. Doktor Denester hatte gerade den Verband vervollständigt, als Leander an die Tür klopfte. Er grüßte den Arzt und weil er nicht stören wollte, ging er in die Küche und erlöste Michael von Sal, der sich langweilte und den Assistenten seines Herrn ein wenig piesackte.

„Hab ich dir nicht schon mal gesagt, dass man Angestellte pfleglich behandelt, wenn sie den Schlüssel zur Futtertüte haben?“, sagte er lachend und ließ das kleine Tier in seinem Hemd verschwinden. „Und? Hat der Doc ihm wenigstens den Kopf abgerissen? Verdient hat es sich der Trottel“, sagte Leander und nahm kein Blatt vor den Mund. Erdogan wusste, was sein Freund von ihm dachte und dass er es aussprach und dass er sich heute nicht mit Ruhm bekleckert hatte, war dem Prinzen auch klar. Nur deswegen war er hier.

„War schon schlimmer. Der Prinz hat klein beigegeben.“ Michael wusste nicht, was er davon halten sollte, denn so kannte er Erdogan nicht. „Er will im Bett bleiben.“ Vorsichtig lugte er ins Schlafzimmer, aber dort redete der Arzt gerade mit dem Prinzen und er konnte es nicht verstehen. „Was ist da los? Seit er im Labor war, benimmt er sich merkwürdig.“

„Das musst du mir nicht sagen“, erklärte Leander und griff sich eine der eben gebratenen Fleischscheiben, die sahen so verlockend aus und dank des Boykotts seines Herrn war er heute noch nicht dazu gekommen, etwas zu essen. Die Zeit hatte einfach gefehlt. Und auch wenn es eigentlich nicht seine Art war zu tratschen, musste er mit jemandem darüber reden: „Im Labor stand er wie paralysiert vor einem der Experimente. Er hat alles andere um sich herum vergessen. Ich weiß im Augenblick nicht, was mit ihm los ist.“

„Die Units?“, fragte Michael und kaute auf seiner Unterlippe. „Was sind das für Experimente? Warum bringen sie ihn so aus der Fassung?“ Er reichte Leander einen Teller und Besteck. Er mochte es nicht, wenn der Soldat in seiner Gegenwart das Fleisch mit den Fingern aß. „Kann es sein, dass er nachgegeben hat, damit er wieder ins Labor kann?“, fragte Michael und linste wieder ins Schlafzimmer. Der Doktor war weg und der Prinz lag mit geschlossenen Augen einfach nur ruhig im Bett.

„Gut möglich. Im Augenblick kann ich ihn nicht einschätzen.“ Leander nahm den Teller und ging zurück ins Schlafzimmer. Er setzte sich auf den Sessel neben dem Bett und beobachtete Erdogan. Dabei betrachtete er auch das blutverschmierte Laken und er beschloss, dass die Schmerzblocker aus dem Apartment entfernt wurden. Noch solch eine Aktion würde er nicht gut heißen. Es war keinem geholfen, wenn der Prinz sich selbst zu Grunde richtete.

„Bist du wach?“, wollte er leise wissen. Wenn der Prinz schlafen wollte, so wollte er ihn nicht stören.

„Ja“, kam die prompte Antwort und Erdogan öffnete die Augen. Er war nicht müde, sondern nur ein wenig erschöpft. Dass die Wunde wieder aufgebrochen war, hatte ihn doch mehr geschwächt, als er gedacht hatte. „Was habt ihr über die Angreifer herausfinden können? Wisst ihr schon, was sie wollten?“ Der Prinz wusste, dass er seinem Freund noch Rede und Antwort stehen musste, aber erst einmal wollte er zumindest in gewissen Grenzen seine Aufgaben erfüllen.

„Bedaure, aber da wir nur tote Exemplare haben, ist uns ihre Absicht erst einmal völlig verborgen. Gelinde gesagt, ist mir das auch scheißegal. Wichtiger ist doch: Was auch immer sie sind, sie haben da draußen überlebt. Da draußen sind Dinger, denen es gelingt in unsere Kuppeln einzudringen. Im Gegensatz zu uns scheint denen die Strahlung nichts mehr auszumachen. Wir haben ein Problem.“ Leander rollte die Schultern und erinnerte sich an die Panik in den Augen seines Generals. „Pfitzer hat die Archivare an ihre Schreibtische geprügelt, sie sollen herausfinden, was das für welche sein könnten. Noch wissen wir nichts, außer dass sie biologisch sind und an sich – wenn auch etwas abgewandelt – menschliche Organe haben.“

Erdogan hatte sich das gedacht, wenn er auch gehofft hatte, dass es nicht so war. „Sie sind menschlich. Sie können reden. Mein Angreifer hat mich Idiot genannt.“ Erst jetzt wurde ihm die Tragweite richtig bewusst. „Mutationen“, murmelte er. „Menschliche Mutanten. Wie konnten sie dort draußen überleben?“

„Die Frage ist auch wie lange. Leben sie dort schon seit dem Kuppelbau und haben somit die späteren Atomangriffe überlebt oder…“ Leander ließ offen, was er noch dachte, nämlich dass sie missglückte Experimente waren. Was wussten sie denn schon, was in den Laboren alles passierte? Seit Hunderten von Jahren forschten die Genetiker, er wollte nicht wissen, was dabei schon aus Versehen alles rausgekommen war und vertuscht wurde.

„Das werden wir wohl nur herausbekommen, wenn wir einen von ihnen lebend fangen können.“ Erdogan setzte sich auf, denn er mochte es nicht, wenn er ständig zu Leander aufsehen musste. Vorsichtig lehnte er sich an das Bettende und verzog das Gesicht. „Wie schwer ist die Kuppel beschädigt? Kann sie repariert werden und wie verseucht ist sie?“ Wenn das Labor nicht mehr benutzbar war, war das ein herber Verlust.

„Pfitzer hat bereits die Biologen zu sich zitiert. Sie sitzen und brüten und überlegen. Er will raus und sie suchen. Die Anzüge schützen ja ziemlich gut, das ist nicht das Problem. Aber sie schützen eben nur eine bestimmte Zeit und damit ist der Aktivitätsradius beschränkt. Außerdem sind sie uns da draußen in allem voraus. Sie kennen das Gelände, kennen die Tücken und die Fallen.“ Leander gefiel die Idee nicht, doch es war ihre einzige Chance. „Und die Kuppel wird noch untersucht. Der Gang ist erst mal dicht. Danke.“ Er nickte Michael zu, der mit einem großen Tablett zu ihnen kam, die Speisen auf dem breiten Bett und dem kleinen Tisch abstellte und dann wieder verschwand. „Allerdings waren sie auch dort, die Videos der Überwachungskameras haben gezeigt, dass sie die Labore bis auf die Grundmauern zerstört haben. Da steht kein Stein mehr auf dem anderen, was folgern lässt, dass sie genau wissen, gegen was sie da vorgehen.“ Leander war immer leiser geworden und griff sich ein Bier. Das hatte er sich jetzt verdient.

„Verdammt“, knurrte Erdogan. Alles, was sie in den Laboren hatten zurücklassen müssen, war verloren. „Wie viel ist dort geblieben?“ Er musste wissen, wie hoch der Schaden war. Eine ihrer wertvollsten Ressourcen waren die eingefrorenen Genproben, die noch von ihren Vorfahren zusammengetragen worden waren. So konnten sie, wenn nötig, immer wieder auf gesundes und widerstandsfähiges Erbgut zurückgreifen.

„Wenn du die Genbank meinst, die scheinen sie nicht gefunden zu haben. Die Türen bekommen sie auch mit Gewalt nicht auf. Ohne Schlüsselcode läuft da gar nichts. Wenn klar ist, ob die Labore zumindest betreten werden können, ohne dass einem was auf die Birne fällt, werden die Kryobehälter geholt. Im Hauptlabor in der fünften Straße wird schon alles vorbereitet. Derweil haben wir jemanden an die Monitore gesetzt. Wenn sie noch einmal zurückkommen, will ich das wissen.“ Leanders Jagdtrieb war erwacht, das merkte auch Sal, der sich erst einmal geregelt zurückzog und seinen Gedanken verwarf, Leander zu beklauen.

„Gut“, Erdogan war zufrieden, dass auch ohne ihn alles zu seiner Zufriedenheit verlief. „Hat mein Vater eigentlich genehmigt, dass ein Trupp die Kuppel verlässt?“ Bisher hatte sein Vater so etwas immer verboten. Wenn er sein Verbot aufgehoben hatte, war das doch eventuell eine gute Gelegenheit, mehr über die Angreifer zu erfahren, wenn sie ihnen unbemerkt folgen konnten.

„Er berät noch“, sagte Leander und verzog das Gesicht. Es war kein Geheimnis, dass er den obersten Berater des Fürsten nicht mochte, das tat fast niemand – abgesehen von Fürst Antion. Der Kerl war schon alt, als der Fürst noch ein kleiner Junge gewesen war und Leander wusste, dass der Kerl mehr Dreck am Stecken hatte, als man sich vorstellen konnte. Doch mit seiner Stellung bei Hofe konnte man ihm nichts nachweisen und wenn der Kerl sich gegen eine Expedition sperrte, war klar warum: nicht die Sicherheit der Menschheit war sein Ziel, sondern sein eigener Hals. Vielleicht wusste er ganz genau, wer Neo New York angegriffen hatte.

Erdogan konnte den Soldaten nur zu gut verstehen. Er und der Berater des Fürsten waren auch keine Freunde. „Ich werde versuchen, meinen Vater dahingehend zu beeinflussen, dass er die Expedition zulässt. Er kann jetzt nicht mehr sagen, dass es draußen nichts zu erforschen gibt, weil dort nichts lebt.“ Der Prinz ließ sich ein wenig Fleisch von seinem Freund auf einen Teller tun.

„Wo wir gerade beim erforschen sind“, sagte Leander und lehnte sich in seinem Sessel bequemer. Er rutschte weit nach unten, bis er den Teller auf seinen Bauch stellen konnte, ohne dass er runter fiel. So lungerte er gern vor dem Fernseher und Allan nutzte das aus und drapierte sich auf ihm. Es gab unangenehmeres. Leander grinste und sah Erdogan forschend an. „Fängst du selber an oder muss ich fragen?“

Hatte er es doch gewusst, dass sein Freund die Vorkommnisse im Labor nicht auf sich beruhen lassen wollte. Aber Erdogan ließ sich nicht hetzen und kaute seinen Bissen gründlich, bevor er schluckte. „Frag, sonst erzähl ich dir noch was, was du gar nicht wissen möchtest.“ Der Prinz lächelte schmal, denn er fühlte sich gerade nicht sehr wohl in seiner Haut.

„Prinz Erdogan, du hast also allen Ernstes vor, mir etwas vorenthalten zu wollen? Ich bin leicht entsetzt. Du auch, Sal?“ Er sah die kleine Ratte an, die schon wieder um das Essen strich und sich erwischt fühlte, fiepte und verschwand, um auf eine bessere Gelegenheit zu warten. „Nein, im Ernst. Was ist das mit dir und diesem... dieser Einheit? Du gehst an die Decke, sobald es um das Experiment geht. Was ist so fesselnd, dass du deine Gesundheit aufs Spiel setzt und deine Aufgaben vernachlässigst. Ich erkenne dich nicht wieder.“ Leander wollte offen sein, denn er erwartete auch offene Antworten.

Erdogan wusste, dass Leander nicht um den Brei herum redete, aber das machte ihm die Antwort nicht leichter. Was sollte er zugeben und was lieber für sich behalten? Er sah seinen Freund forschend an und atmete tief durch. „Sein Name ist Meodin und ich mag ihn“, sagte er darum einfach und sprang ins kalte Wasser. „Frankenstein soll nicht wagen, sich an ihm zu vergreifen.“

„Japp, war nicht zu übersehen, wie du da am Tank gelungert und nach Zuwendung gebettelt hast“, sagte Leander und holte tief Luft. Er hatte es zwar erwartet aber eigentlich hatte er diese Worte nicht hören wollen. „Aber du weißt, dass er nur eine Züchtung ist und wenn seine Organe nicht funktionieren, wird er sterben. Dagegen kannst du nichts machen und auch Frankenstein nicht.“ Wäre es nicht besser gewesen, der Prinz hätte sich in einen weniger bizarren Mann verguckt?

„Ich habe nicht gebettelt“, knurrte Erdogan leise und seine Augen funkelten kurz wütend, aber er beruhigte sich schnell wieder. „Er ist ein lebendes Wesen und er hat ein Recht darauf zu leben, auch wenn er nicht so wie wir geboren wurde. Ich bin mir bewusst, dass die Möglichkeit besteht, dass er stirbt, wenn er aus dem Tank geholt wird. Was ich meinte, ist, dass Frankenstein es ja nicht wagen soll, ihn zu töten, nur weil er vielleicht nicht die Menschheit vor dem Aussterben retten kann.“ Der Prinz hatte sich richtig in Rage geredet und er hatte sich zu Leander vorgebeugt.

„Ich habe das sehr wohl verstanden, Prinz Erdogan“, sagte Leander ungerührt. Um ihn zu verschüchtern, bedurfte es schon ein bisschen mehr als einen knurrenden Prinzen in Sorge um seine Flamme. „Allerdings muss ich dir auch ein paar Dinge ganz klar sagen. Du bist der Prinz und der oberste Befehlshaber. Wir haben kriegsähnliche Zustände mit einem Gegner, der uns vernichten kann, wenn er will. Da hast du wo anders zu sein als im Labor. Werd gesund, du wirst gebraucht und wenn du weiter den Konflikt mit Frankenstein suchst, nur weil er seine Arbeit macht, dann wird es knallen. Du kennst deinen Vater gut genug.“ Leander beugte sich ebenfalls weiter zu seinem Prinzen.

„Ich werde meine Aufgaben nicht vernachlässigen, aber ich werde diesem Sack von einem Wissenschaftler auf die Finger sehen, damit er keinen Mist baut.“ Erdogan hatte eingesehen, dass er sich nicht gerade so benahm, wie es sich für den Kronprinzen geziemte, aber das war ihm egal. Er musste sich das alles von der Seele reden, denn nicht nur Leander war verwirrt, sondern Erdogan genauso.

„Wie soll es weiter gehen, Prinz?“, fragte Leander und griff sich wieder etwas von seinem Teller. „Angenommen es geht gut, er überlebt und dann? Er ist ja wohl aus einem bestimmten Grund gezüchtet worden. Das wirst du auch nicht verhindern können. Wie stellst du dir das vor?“ Er hatte keine Idee, nur eine Ahnung, die ihm nicht gefiel. Sie hatten gerade erst ein Labor verloren, sie konnten es sich nicht leisten, dass der Prinz das nächste zerlegte.

„Es wird nicht funktionieren, das kann ich dir garantieren. Vom Ansatz ist die Idee gar nicht mal schlecht, aber sie haben zu überhastet gezüchtet.“ Erdogan war sich da ziemlich sicher. „Und selbst wenn es funktionieren sollte. Ich bin der Prinz und meine Gene sind es wert weitergegeben zu werden.“

Leander hustete, weil er sich verschluckt hatte und setzte sich auf, um wieder frei atmen zu können. Sein Teller landete auf dem Bett. „Du denkst allen Ernstes daran, ihn dein Kind ausbrüten zu lassen?“ Er wusste nicht, ob er sich jetzt verarscht fühlen sollte oder nicht. „Ist das Kind der Grund oder er?“

Breit grinsend wartete Erdogan, bis sein Freund sich wieder beruhigte. Er schaffte es nicht oft, Leander so aus der Fassung zu bringen. „Wenn er ein Kind austragen kann und er das möchte, wäre das eine Option, die ich nicht ausschließen würde, aber das ist zweitrangig. Mir geht es um ihn.“ Sein Blick wurde etwas verträumt, als er sich an ihre erste Begegnung erinnerte. „Ich war neugierig, was Frankenstein da wieder fabriziert hatte. Er war für mich nicht mehr als ein weiteres fehlgeschlagenes Experiment, bis er mich angesehen hat. Ich konnte einfach nicht wegsehen, denn ich habe noch nie solche Augen gesehen.“

„Prinz Erdogan, du irritierst mich“, sagte Leander ganz offen. Im Moment wusste er dieses Geständnis nicht zu werten. Wenn er nicht diesen Krieger vor sich hätte sondern einen kleinen Jungen, würde er von pubertären Liebeleien sprechen. Doch Erdogan? Der stand mit beiden Beinen fest im Leben, dass Augen von einem Seepferdchen ihn so aus der Fassung bringen konnten, war unglaublich. „Angenommen er überlebt und er funktioniert nicht als Brutkasten. Was dann?“

„Tja dann? Ich weiß es nicht. Ich habe Meodin erst zweimal gesehen und ich weiß, dass er mich irgendwie mag, aber alles andere ist offen.“ Erdogan war Realist. „Er kann selber entscheiden, wie und mit wem er sein Leben verbringen will.“

„Aha.“ Mehr konnte Leander erst einmal nicht sagen. Er musste das beobachten und hoffen, dass Erdogan irgendwann wieder auf den Boden der Tatsachen kam. Sie hatten schließlich andere Sorgen. „Ich würde vorschlagen, dass du morgen mit deinem Vater wegen der Expedition redest. Wir haben keine Zeit zu verlieren. Ich werde mit den Männern reden und einen Trupp guter Männer zusammenstellen.“ Mit Unit 1 war er durch. Er und Erdogan sprachen da bestimmt nicht die gleiche Sprache.

Der Prinz war froh, als Leander das Thema erst einmal fallen ließ und er sich wieder auf das konzentrieren konnte, worin er ausgebildet war. „Das hatte ich vor und ich werde ihm auch vorschlagen, dass wir versuchen sollten, den Angreifern zu folgen, wenn sie wieder in der Kuppel gewesen sind. Aber vorher sollten wir so viele Männer wie möglich auf die Expedition vorbereiten. Sie müssen trainieren, sich mit den Anzügen zu bewegen.“

Und so lief der Rest des Abends eigentlich damit ab, Argumente für Fürst Antion zu sammeln, um seinen Berater auszustechen und das Wohl der Zivilisation in den Vordergrund zu drängen. Erdogan wollte wissen, woher die Angreifer kamen und warum sie sich als erstes die Labore ausgesucht hatten und nicht das Herzstück von Neo New York.

Ab und an aktivierte Erdogan den Monitor auf seiner Linse, doch als Leander ihn dabei erwischte schlug der vor, Meodin auf den großen Schirm zu bringen, so war der Prinz beruhigter und sie konnten ihren Einsatz vorbereiten.