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Terra 3.0 - Zyklus I - Neo New York - Teil 9 - 12

09

„Bin ich zu spät?“, japste Daniel und sah sich hektisch um.

„Nein, alles im grünen Bereich“, lachte Erdogan und schüttelte den Kopf. Das war typisch Daniel. Er hatte nie eine Uhr mit und hatte ständig Panik, zu spät zu sein. Es war ja nicht so, als hätte Linda nicht schon mehrfach versucht, ihrem Gatten eine Uhr zu schenken, doch er trug sie nie, weil sie zu wertvoll waren. Wenn er sie verlor oder kaputt machte, nicht auszudenken. Und so war er ständig auf der Flucht vor der Zeit und amüsierte sein Umfeld.

„Dann ist ja... oh, Hoheit. Ihr seit noch allein? Bin ich der erste?“ Das war Daniel jetzt doch etwas unangenehm, als er sich an dem großen, ovalen Tisch einen Platz suchte. Man sah ihm deutlich an, dass er abglich, wo er sitzen sollte. Nicht zu dicht, nicht zu vertraut, nicht zu weit weg, nicht zu distanziert. Er wählte also eine der langen Seiten und packte seine Unterlagen auf den polierten Holztisch, während er mit einer Hand die Brille zurück vor die Augen schob.

Erdogan beobachtete ihn dabei und hielt Salcedo fest, der den Neuankömmling neugierig begrüßen wollte. „Wie geht es deiner Frau und dem Kind“, fragte er mit wirklichem Interesse. Er hatte Linda einmal kennen gelernt und sie auf Anhieb sympathisch gefunden. Die beiden passten wirklich gut zusammen und liebten sich von ganzem Herzen.

„Lin schimpft immer noch über meine Schusseligkeit und Jason kommt zum Glück ganz nach seiner Mutter“, lachte Daniel und setzte sich. Er griff sich eines der Getränke vom Tisch, denn er war außer Puste und durstig. „Der Kleine kommt dieses Jahr in die Schule, na da bin ich ja mal gespannt, wie das wird.“ Jason war schon ganz aufgeregt, weil er ja dann kein Kindergartenkind mehr war sondern schon ein großer Junge. Und wer wollte nicht ein großer Junge sein?

„Dann ist er bestimmt schon ganz aufgeregt. Dauert ja nicht mehr lange.“ Man hatte erst überlegt, ob man die Schulen nicht abschaffen sollte, weil ja nur noch so wenige Kinder geboren wurden und es sich fast nicht mehr lohnte. Aber man hatte sich dagegen entschieden, die Kinder brauchten den Vergleich und den Kontakt mit Gleichaltrigen, den sie nicht mehr hätten, wenn sie über das Internet unterrichtet würden.

„Total“, nickte Daniel und sortierte nebenbei seine Unterlagen. „Darf ich denn schon einmal fragen, um was es gehen wird? Ich weiß, dass Thom auch kommen soll und da dachte ich, na ja, ich konnte mir nicht erklären, um was es gehen soll, und...“ Etwas ängstlich sah er Erdogan an. War er jetzt zu weit gegangen? Stand es ihm zu, so etwas zu erfragen? Er wurde unsicher.

„Sicher darfst du fragen. Es wäre doch unnatürlich, wenn man zu einer Besprechung eingeladen wird und nicht neugierig ist.“ Erdogan lächelte und hoffte so, Daniel die Unsicherheit nehmen zu können. „Du bekommst die gleiche Antwort wie dein Bruder, der auch schon gefragt hat. Wir wollen nach draußen.“ Erdogan war gespannt, ob die Nachricht Daniel genauso konfus und durcheinander brachte wie Thom.

„Nach draußen?“, fragte Daniel und stellte das Glas wieder ab, das er eben zum Mund geführt hatte. „Wie? Nach draußen? Vor die Tür? Nein, das würde keinen Sinn machen. Wie dann nach draußen?“ Und als die Erkenntnis kam, kam sie wie ein Hammerschlag und er machte große Augen und sein Mund stand offen.

„Ah Prinz, wie ich sehe, habt ihr ihm gesagt, was geplant ist“, lachte Thom, der mit einer Kiste elektronischem Spielzeug und dem Rekorder unter dem Arm zur Tür rein kam.

„Ja, hab ich. Im Gegensatz zu dir, der noch rudimentäre Sätze bilden konnte, ist er vollkommen sprachlos. Ich hoffe, das gibt sich wieder.“ Erdogan und Thom sahen sich an und lachten dann los. Daniel sah aber auch zu lustig auf, wie sich sein Mund bewegte, aber nichts herauskam. Als er merkte, dass über ihn gelacht wurde, wandte er sich beleidigt ab. „Das kriegst du wieder“, knurrte Daniel zu seinem Bruder, der sich eben neben ihm fallen ließ und sich gleich weiter mit seinem Gerät beschäftigte.

„Ach, wieso denn bitte ich? Er will doch nach draußen“, fragte Thom und deutete auf den Prinzen.

„Aber er ist der Prinz und dir kann ich eine rein hauen!“, knurrte Daniel zurück und holte tief Luft, er hatte sich wieder gefangen.

„Entschuldige“, wandte Erdogan sich an Daniel. Er hatte ihn wirklich nicht verärgern wollen. „Ich habe vor, eine Expedition nach draußen zu führen und wir hätten dich gerne mit dabei, genauso wie deinen Bruder. Du bist aber nicht gezwungen mitzukommen. Wenn du lieber bei deiner Familie bleiben möchtest, ist das okay, auch wenn es schade wäre.“

„Hm“, Daniel gab sich wieder versöhnt, was ihn aber nicht daran hinderte, seinen Bruder einmal zu knuffen. Der hätte ihn Weißgott vorwarnen können. „Hat der Fürst der Expedition schon zugestimmt, oder...“

„Wir würden nicht hier sitzen, wenn es nicht so wäre. Also, ja oder nein, Danny?“ Thom hatte keine gesteigerte Lust auf eine ellenlange hypothetische Diskussion. „Du warst bei den Autopsien der Fremden dabei, wir würden dich brauchen“, sagte Erdogan eindringlich und Thom fluchte leise, als er mit dem Werkzeug abrutschte und fast noch einen Tonkopf beschädigt hätte. Das Ding war ziemlich eingerostet. Hätte er nicht gedacht.

„Ja, das würden wir wirklich. Ich möchte ungern ohne einen qualifizierten Arzt nach draußen gehen. Du hast die Fremden gesehen und ich denke, wir müssen mehr über sie erfahren. Sie haben uns zwar angegriffen, aber das heißt nicht unbedingt, dass sie Feinde sind. Wir wissen rein gar nichts übereinander und das sollten wir ändern.“ Erdogan hatte sich Gedanken über die Fremden gemacht und Daniel war der erste, dem er sie erzählte.

„Was wollt ihr wissen?“, fragte Daniel offen, denn im Augenblick kannte er seine Rolle im Gefüge noch nicht. Sollte er aus dem Autopsiebericht vorlesen? Den kannte der Prinz sicherlich schon. Doch dann wusste er soviel wie Daniel auch.

„Warten wir auf den Rest, Hoheit“, schlug Thom vor, denn wenn alle da waren, musste Daniel sowieso noch einmal ansetzen. Das war doch jetzt vergeudete Liebesmüh.

„Ja, das ist vielleicht das Beste.“ Erdogan sah auf seine Uhr und runzelte ein wenig verstimmt die Stirn. Es war schon nach zwei und Jack Douglas war noch nicht da. Das fing ja schon gut an. Unpünktlichkeit machte den Geologen nicht gerade sympathischer und vor allen Dingen, wurden die Dinge bestätigt, die in seiner Personalakte standen. Doch als hätte Leander seine Gedanken gelesen, öffneten sich die Türen zum Beratungsraum. „Immer rein hier, nicht so schüchtern“, sagte der Soldat und schob einen mürrischen Mann mittleren Alters vor sich her.

„Ich kann alleine laufen“, knurrte der Mann, den Erdogan anhand der Daten, die er sich angesehen hatte, als Jack Douglas identifizierte.

„Ja, aber nicht schnell genug. Zwei Uhr war gesagt.“ Leander war ungerührt. Er suchte sich einen Platz und begrüßte die anderen Anwesenden.

„Hallo.“ Jack Douglas ließ sich mürrisch auf den nächst besten Stuhl fallen und sah sich um. Was sollte er hier? Er kannte alle Anwesenden, aber das machte es ihm nicht leichter, zu erraten, worum es bei dieser Besprechung ging.

Erdogan räusperte sich und alle Augen richteten sich auf ihn, als er alle noch einmal begrüßte. „Nun, da wir vollzählig sind, können wir anfangen. Wie wir ja alle wissen, ist unsere Wissenschaftskuppel vor zwei Tagen von Kreaturen überfallen worden, die außerhalb leben. Um es abzukürzen, wir wollen nach draußen und sehen, wo diese Wesen herkommen und was sie überhaupt sind.“ Dabei beobachtete er vor allen Dingen Jack, denn bei dem interessierte es den Prinzen am meisten, wie er reagierte. Und die fast unmerklich gehobene Braue schien zumindest ein latentes Zeichen von Interesse zu sein. Das war doch ein guter Anfang.

„Und da Doktor O’Rayley der einzige von uns ist, der den Kreaturen näher gekommen ist, würde ich ihn bitten, uns die Autopsieberichte kurz zusammenzufassen. Sind sie menschlich? Wie intelligent werden sie sein. Fakten die wir gebrauchen können, wenn wir draußen sind, denn jeder sollte wissen, was ihn erwarten wird, ehe er sich entscheidet, ob er uns begleitet.“

So in den Mittelpunkt gehoben, zuckte Daniel kurz zusammen. „Ja…äh…also“, sagte er unsicher, fing sich aber schnell. Er schob sich die Brille gerade und räusperte sich. „Diese Wesen sind definitiv einmal menschlich gewesen. Allerdings ist das wohl schon viele Generationen her. Wir gehen davon aus, dass sie Nachkommen von Menschen sind, die die Katastrophe außerhalb der Kuppeln überlebt haben. Es kam zu Mutationen und einer Anpassung an die Strahlung, so dass sie sich ungehindert draußen bewegen können.“

„Das heißt, sie sind durchaus intelligent und bestimmen ihr Handeln mit ihrem Geist und nicht durch Instinkte, das macht es für uns nicht einfacher“, sagte Leander und blickte auf das Hologramm eines Bildschirmes, der sich vor ihm aufbaute. Der Bericht und Fotos der Autopsie erschienen, während Daniel etwas mehr ins Detail ging. Er deutete die Organe und die Nutzung verschiedener Körperteile.

„Maniküre kennen sie jedenfalls nicht“, knurrte Thom, der eigentlich mit seinem Abspielgerät beschäftigt war, aber immer mal einen Blick auf den Bildschirm vor seinem Bruder riskierte.

„Warum auch?“, konterte Daniel. Er war in seinem Element und wurde lockerer. „Sie graben damit. Die Krallen sind also wichtig für sie.“

„Heißt das, sie müssen nicht zwangsläufig an der Oberfläche leben sondern können auch in Tunneln im Untergrund leben?“, fragte Leander, das warf ein völlig neues Licht auf die Sache. Der Feind konnte also wirklich überall sein.

Jetzt zeigte Jack Douglas schon mehr Interesse und beugte sich näher zu dem Hologramm, um besser sehen zu können. „Die Hände wirken fast ein wenig wie bei Maulwürfen“, murmelte er. „Sie sind nicht so groß, im Verhältnis zur Körpergröße, aber kräftig. Graben müsste damit wirklich gut möglich sein.“

Erdogan schmunzelte in sich hinein, er hätte nicht gedacht, dass die harte Nuss so schnell anbiss. Doch als Jack merkte, was er gesagt hatte, lehnte er sich wieder zurück, zuckte die Schulter und spielte den Unbeteiligten.

„Sie können auch Ohren und Nase gut verschließen, was mich noch mehr zu der Annahme bringt, dass sie viel unter der Erde arbeiten“, erklärte Daniel und vergrößerte Fotos auf seinem Bildschirm, was auf den Bildschirmen der anderen ebenfalls erfolgte.

„Wir kommen also immer weiter zu der Erkenntnis, dass sie in Gängen leben. Ich wundere mich nur, warum man seit Jahrhunderten nichts von ihnen weiß und warum sie ausgerechnet jetzt angreifen und ausgerechnet das Labor.“ Leander studierte die Bilder eindringlicher. „Und trotzdem benutzen sie Waffen, die Wunde des Prinzen war eindeutig ein Schnitt, kein Riss von Krallen oder Zähnen.“

„Es war ein Messer – definitiv. Nichts Primitives. Es war geschmiedet. Sie sprechen wohl auch unsere Sprache, aber das will ich nicht beschwören. Nur weil der, der mich verletzt hat, mich Idiot nannte, heißt das noch gar nichts.“ Erdogan mischte sich wieder in die Unterhaltung ein. „Darum wollen wir nach draußen, um herauszufinden, warum sie angegriffen haben und warum es das Labor war.“

„Menschen mit Maulwurfshänden, die sich durch die Erde wühlen, greifen ein Genlabor an. Ein Schelm, der böses dabei denkt oder gar Zusammenhänge sucht“, frotzelte Jack und dann tat er wieder unbeteiligt, doch Leader nickte, denn der Mann sprach ihm aus der Seele. Auch er hatte den Verdacht, dass die Kreaturen Rache wollten. Wären sie auf den Tod aus gewesen, sie hätten die Hauptkuppel geöffnet und verseucht. Wären sie auf Nahrung aus gewesen, sie hätten die Versorgungskuppeln erobert. Doch das haben sie nicht getan und der Soldat war sich sicher, sie hätten es gekonnt.

„Was wollen sie mit dem Labor? Gut, es ist verseucht und sie könnten sich dort aufhalten, aber sie können damit doch nichts anfangen. Sie wissen doch bestimmt, dass wir sie daran hindern würden.“ Thom legte den Schraubenzieher weg und konzentrierte sich auf die Besprechung. Das hier war interessanter, als er gedacht hatte. „Ich sehe in der ganzen Aktion keinen Sinn und dass sie dumm sind, kann ich nach dem, was ich bisher gehört habe, nicht glauben.“

„Spontan würden mir zwei Gründe einfallen“, mischte sich Leander wieder ein und betrachtete dabei weiter die Bilder. „Angenommen unser Freund Jack“ – dabei sah er den Geologen an, der pikiert zurück blickte, anscheinend suchte er sich seine Freunde lieber selber aus – „hat Recht und sie stammen aus Laboren. Dann wäre es eine Möglichkeit, dass sie uns an weiteren Experimenten ihrer Art hindern wollen. Angenommen sie stammen nicht aus Laboren, könnten aber Dinge gebrauchen, die es nur da gibt. Wozu auch immer...“

„Sie haben aber nichts mitgenommen“, sagte Erdogan gleich, denn das war das erste, was man gecheckt hatte. Es fehlte nichts.

„Richtig, Prinz. Es fehlt nichts. Warum sich damit abschleppen so lange wir noch da sind. Jetzt, wo die Strahlung eingedrungen ist und keiner von uns mehr rein kann, haben sie doch leichtes Spiel. Wie gesagt, sie sind clever das macht mir Angst.“

„Wenn wir deinen Gedanken folgen, dann sollten wir wirklich Angst haben.“ Erdogan sah in die Runde und wie es schien, hatten alle die gleichen Gedanken. „Dann war das nur die Vorhut und sie kommen zahlreicher zurück, um zu holen, was sie wollen. Und genau da, kommen wir ins Spiel. Wir lassen sie plündern. Was jetzt noch in den Laboren ist, ist für uns wertlos. Sollen sie es mitnehmen, aber wir werden ihnen folgen.“

„Ja, aber wir sollten vorbereitet sein, um ihnen dann auch wirklich folgen zu können. Ein paar von uns sollten fit werden. Sie sollten mit Waffen umgehen und sich verteidigen können, sie müssen mit den schweren Anzügen laufen können. Es sollte sich also jeder jetzt entscheiden, ob er dabei sein will oder nicht. Uns rennt die Zeit weg.“ Leander redete nicht lange herum, sie mussten klare Fakten schaffen.

„Bin dabei“, kam es augenblicklich von Thom und er stieß seinen Bruder mit dem Ellenbogen an. „Mach schon, Danny. So eine Chance kriegen wir nie wieder. Stell dir nur einmal vor, was wir dort alles entdecken können. Alte unbekannte Technik.“ Thom geriet direkt ins Schwärmen, aber verzog entschuldigend das Gesicht, als sein Bruder ihn entnervt ansah. „Ja, ja, ich weiß, da hast du keinen Sinn für. Aber für dich muss das doch auch ein Glücksfall sein. Es gibt andere Wesen zu erforschen.“ Er wippte mit den Augenbrauen. „Lebend!“, fügte er noch an und Daniel holte tief Luft.

„Wie bring ich das Linda nur bei?“, nuschelte er leise, konnte seine Neugier aber auch nicht verbergen. Und einen Arzt würde die Truppe brauchen, da führte kein Weg dran vorbei.

„Sag ihr, dass ihr Mann als Held sterben wird“, schlug Jack vor und sah in die Runde, als er missbilligende Blicke erntete. „Was denn?“, fragte er. „Wir werden sterben, das sollte uns klar sein.“ Das war seine Art einer Zusage, mehr würde selbst der Prinz nicht bekommen. Er war versucht gewesen abzulehnen, doch das war seine Chance, die Theorien, die er hatte, zu beweisen.

„Fein, dann haben wir unsere wissenschaftlichen Teilnehmer zusammen. Die Soldaten werden auch bald rekrutiert sein.“ Erdogan wirkte zufrieden, dass sie die richtigen Männer ausgewählt hatten, wobei sich das bei Jack Douglas noch zeigen musste. „Ich würde sagen, jeder regelt seine Angelegenheiten und wir treffen uns Übermorgen um uns mit den Anzügen vertraut zu machen und die Ausrüstung zusammenzustellen.“

Der erste, der sich erhob, war Jack. Mit einem kurzen Nicken zum Prinzen verschwand er auch schon wieder und der Rest sah ihm forschend nach.

„Hab ja gesagt, ist ein komischer Vogel. Mit dem werden wir noch viel Spaß haben“, murmelte Thom und widmete sich wieder seinem Abspielgerät, schließlich war er dem Prinzen noch das Abspielen der Kassette schuldig.

„Das glaube ich allerdings auch“, sagte Leander. Er hatte bei dem Kerl kein gutes Gefühl und mehr wussten sie über den Mann jetzt auch nicht. Er sah Erdogan an. Der zuckte mit den Schultern.

„Wir werden sehen. Wenn er sich nicht anpasst, werden wir ihn austauschen. Das sollten wir ihm wohl auch klarmachen – so schnell wie möglich.“ Erdogan grinste Leander an und der fluchte leise. War ja klar, dass das wieder an ihm hängen blieb. Aber so konnte er eventuell etwas mehr über den Geologen herausfinden.

„Okay, wir sehen uns dann in zwei Tagen.“ Erdogan erhob sich und ging zu Thom hinüber. „Wie weit bist du mit dem Rekorder?“

„So gut wie...“, knurrte Thom. Er konzentrierte sich, weil er einen kleinen Kontakt überbrücken musste. Selbst Daniel, der sich für den ganzen technischen Kram seines Bruders nicht begeistern konnte, war gespannt, was nun auf dem Ding eigentlich zu hören war. Also blieb auch er. Linda konnte er auch später noch informieren.

„Jetzt da noch... Danny, gib mir mal den... nein, daneben.“ Er wedelte mit einer Hand zu seiner Kiste, bis Daniel das richtige gegriffen hatte.

„Geht doch“, murmelte Thom und endlich konnte er den Kontakt überbrücken. „Fertig“, strahlte er. „Jetzt können wir die Kassette abspielen – wenn sie noch intakt ist.“ Mit sich zufrieden und breit grinsend sah der Techniker den Prinzen an. Zumindest hatte er schon einmal unter Beweis gestellt, dass er nützlich war.

Das war nie verkehrt.


10

„Dann rein damit und los.“ Der Prinz wirkte aufgeregt und schlich um Thom herum, immer von links nach rechts, von rechts nach links, als könnte er so mehr sehen. „Nun mach doch“, murmelte er und amüsierte die Brüder und auch Leander, der seinen sonst so beherrschten Prinzen selten so zu sehen bekam.

Thom schob die Kassette in die Vorrichtung und drückte Play, dabei drückte er die Daumen, dass das Ding nicht das Band fraß. Das war schon mehrfach passiert und beschädigte die wertvollen Tondokumente.

Erst einmal hörte man gar nichts, außer einem Kratzen. Erdogan kam näher. „Ist es kaputt?“, fragte er, aber Thom schüttelte den Kopf. „Nein, das ist oft so am Anfang. Es funktioniert, so wie es sollte.“ Er drehte an einem kleinen Rädchen an der Seite. „…onder 482“, konnten sie plötzlich hören und alle beugten sich automatisch näher, um nichts zu verpassen. „Auf Great Captain Island wurde heute das modernste und geheimste Genforschungslabor eingeweiht. Mein Name ist Dr. Edgar Hirter und ich bin der Leiter dieser Anlage. Die Aufnahmen sollen dokumentieren, wozu dieses Labor gebaut wurde.“

Thom stoppte und Erdogan sah ihn fragend an. „Lass laufen“, forderte er, weil er wissen wollte, was noch kam und der Techniker nickte.

„Gleich“, nuschelte er und suchte ein paar Kabel aus seiner Wunderkiste, die er an Anschlüsse im Tisch stöpselte. Dann tippte er auf Daniels Bildschirm, spulte das Band zurück und startete noch einmal. So sah Erdogan, was Thom gemacht hatte: die Sprachaufzeichnung wurde in lesbaren Text übersetzt und gespeichert.

„Gute Idee“, lobte Leander. So konnten sie wichtige Fakten immer wieder abgleichen und die Suchroutinen laufen lassen.

Wieder einmal bestätigte sich, dass sie eine gute Wahl getroffen hatten mit der Auswahl ihrer Mitstreiter. Erdogan hatte wieder angefangen, hin und her zu laufen. Er hörte die Wiederholung nur mit einem Ohr und horchte erst wieder auf, als es weiterging. „Wir haben heute den 24. August 1986 und endlich gibt es für die Genforschung einen Ort, an dem sie ungestört ihren Forschungen nachgehen kann. Offiziell ist diese Anlage ein Hochsicherheitslabor der Virenforschung, aber das ist nur Tarnung, damit die Gentechnik Gegner getäuscht werden.“

Alle am Tisch sahen sich an und jeder dachte sich seinen Teil.

„Ich kann gar nicht erklären, wie stolz ich bin, dass ich das Labor leiten darf und ich werde mein Bestes geben, um Bonder 482 zu einem absoluten Erfolg... Ed spinnst du“ – die zweite Stimme klang weiter weg als die erste, die sicherlich direkt vor dem Aufnahmegerät gestanden hatte – „Lass den Scheiß. Lösch es. Wenn dich einer erwischt, dass du Aufzeichnungen machst, bist du schneller hier raus, als dir lieb ist. Keine Spuren! ... Ist ja gut!“ Ed klang resigniert.

Danach knackte es und man hörte nur noch ein Rauschen. „Das war es wohl“, meinte Thom, ließ das Band aber trotzdem noch weiterlaufen. Vielleicht kam später noch etwas.

„Great Captain Island“, murmelte Leander. Der Name sagte ihm gar nichts. Es schien eine Insel zu sein, aber wo lag sie? „Wir brauchen Karten aus der Zeit um 1986, damit wir rausfinden können, wo dieses Labor gelegen hat.“

„Das ist über tausend Jahre her. Ich bin gespannt, ob es darüber überhaupt noch etwas gibt“, murmelte Leander weiter und beobachtete Thom, der an einem anderen Monitor schon wieder auf diverse Schaltflächen drückte. Dabei murmelte er leise und amüsierte den Soldaten.

„Blöder Verein“, knurrte der Techniker und nach einer Weile sah er angesäuert auf. „Es gibt nichts Digitalisiertes aus der Zeit. Dabei bin ich mir sicher, dass es zu der Zeit schon die Technik dafür gab.“ Es kratzte an seinem Ego, mehr als Thom zugeben wollte.

„Tja, da werden wir wohl in der Bibliothek suchen müssen.“ Erdogan war nicht sehr begeistert, denn der Vormittag hatte ihn ziemlich gelangweilt. Er wollte sich endlich wieder bewegen, aber wegen seiner Verletzung musste er sich noch schonen. „Geht schon mal vor, ich gehe kurz ins Labor und komme dann nach.“ Er wollte noch Meodin besuchen. Wenn sie erst einmal suchten, dann kam er bestimmt nicht mehr dazu.

„Grüß ihn schön“, konnte sich Leander nicht vergreifen, weil er dem Prinzen auf dem Gesicht ansehen konnte, wohin er noch wollte. Doch er gönnte es ihm. Wenn er auf Allan verzichten sollte, war der Gedanke auch nicht zu berauschend. Also sah er Erdogan nach, der das Zimmer verließ, während der Soldat mit den O’Rayleys zurück blieb. Daniel durchpflügte immer noch seine Unterlagen, während Thom versuchte, den digitalen Archiven noch etwas zu entreißen. Es wäre doch gelacht, wenn es nichts geben würde über die umliegenden Inseln der alten Stadt New York.

„Nun mach schon, blödes Ding“, brummte Thom und klopfte gegen den Bildschirm. „Hah“, rief er schließlich laut und alle sahen ihn erschrocken an. „Wusste ich es doch. Dass es digitale Aufzeichnungen geben muss.“ Vor sich auf dem Bildschirm hatte er die Erde und er zoomte sie heran, damit er sich die Küste vor New York ansehen konnte. Seine Augen suchten sich über die zerklüftete Küstenlinie, doch nichts sah auch nur im entferntesten nach Great Captain Island aus. Er fand viele Namen, doch den, den er suchte, nicht.

„Hm-mh“, räusperte sich Leander, der hinter den Techniker getreten war, um zu sehen, was er entdeckt hatte und deutete unauffällig auf die Jahreszahl, aus der der digitalisierte Globus stammte. Thom korrigierte leicht pikiert. Wie hatte ihm nur solch ein Fehler unterlaufen können? Jetzt hatte er das richtige Jahr und er suchte sich weiter über die Küste. „Mannhattan, Queens, Port Cheaster ... Bingo! Bitte rufen sie nicht mehr an, wir haben einen Sieger!“ Sehr zufrieden zoomte Thom noch weiter, bis er die kleine Insel inmitten einer Gruppe 30 Kilometer vor Manhattan entdeckte.

„Da waren Inseln?“, fragte Daniel, der ebenfalls näher gekommen war. Heute gab es da gar nichts mehr, außer einer weiten Wasserfläche. „So ein Mist, das ist wohl eine Sackgasse. Die Insel ist untergegangen und das Labor wohl mit ihm zusammen.“ Leander war frustriert. Da hatten sie endlich etwas Interessantes gefunden und gleich stellte es sich als Sackgasse heraus.

„Werden wir noch sehen“, nuschelte Thom. Er hatte Blut geleckt und tippte wie ein Verrückter auf dem Bildschirm herum. Zumindest sah es für die Außenstehenden verrückt aus, wie er tippte, den Kopf schüttelte, die Zunge zwischen die Zähne klemmte und dabei unverständlich fluchte. Nur der Tonfall deutete sein Missfallen an.

„Lass mich da rein, du blödes Ding“, knurrte er und versuchte es erneut. Er tippte und drückte, spielte mit den Kabeln unter dem Tisch, tippte wieder, fluchte – er amüsierte Daniel sehr.

„Ha!“, machte er wieder und sein Bruder wäre fast hinten über gekippt, weil er sich auf den Bildschirm konzentriert und dabei etwas gekippelt hatte. Daniel krallte am Tisch, während Leander wieder näher kam. Beide sahen, was Thom hatte erreichen wollen.

Einen Zeitraffer.

Er hatte den Ausschnitt des Globus’ auf die Insel und die nähere Umgebung fixiert und nun zeigten sich die Veränderungen von Jahr zu Jahr zu Jahr. Schon damals war das Militär gerade zu paranoid gewesen, was Aufzeichnungen anging.

Gespannt sahen alle drei auf den Bildschirm. Lange veränderte sich das Bild auf dem Bildschirm nicht sehr. Ein paar Gebäude kamen hinzu und andere wurden abgerissen. Aber so, wie es aussah, war das Labor über viele Jahrzehnte in Benutzung. „Stopp“, rief Leander plötzlich und ging näher ran. „Die bauen eine Kuppel“, rief er aufgeregt und signalisierte Thom weiterzumachen. Der hielt den Zeitraffer an und schaltete jetzt einzeln von Jahr zu Jahr. Sie beobachteten, wie im Jahre 2162 eine Kuppel über alle wichtigen Gebäude gezogen wurde. Ein paar alte Versorgungstrakts schienen aufgegeben zu sein, denn sie wurden sich selbst überlassen.

„Interessant, dass ein Labor über zweihundert Jahre betrieben wird“, nuschelte Leander. Er kannte derartige Zeiträume nicht. Wenn ein Labor hundert Jahre betrieben wurde, war das lange. Ein altes Labor zu modernisieren war nämlich teurer als es abzureißen und komplett neu zu bauen.

„Wie haben die eigentlich die Leute und das Material auf die Insel bekommen?“, fragte Daniel plötzlich und sein Bruder und Leander sahen ihn fragend an. „Man hat nicht einmal gesehen, dass Schiffe angelegt haben, oder das Hubschrauber oder wie die Dinger heißen gelandet wären“, erklärte der Arzt etwas verlegen. „Die müssen doch irgendwie hin und her gekommen sein.“

„Der Einwurf ist berechtigt“, sagte Thom und sah sich die Bilder noch einmal genau an. Ein Hafen war nicht zu sehen und die Gegend war für Landungen zu uneben. „Wenn man oben nichts sieht, kann es ja nur von unten gekommen sein“, schlussfolgerte er und sah sich noch einmal die Bilder genauer an. Doch es änderte sich nichts.

„Wenn das Ding so geheim war, hatten sie vielleicht Tunnel.“ Leander grübelte, denn für eine geheime Basis stand das Ding verdächtig dicht am Ufer. Das hätte man doch sehen müssen. Es ergab keinen Sinn.

„Aber wo würde dieser Tunnel enden?“ Unaufgefordert erweiterte Thom den Blickwinkel nach Leanders Einwurf und tippte auf den Bildschirm. „Das logischste wäre irgendwo von hier“, murmelte er und zeigte auf einen Ort, der sich Port Chester nannte. „Wenn wir Glück haben, liegt der Eingang irgendwo da. Wir müssen ihn nur noch finden.“

„Ich versuche mal was“, nuschelte Thom und er ging in seiner Aufgabe auf. Er war völlig in seinem Element und nahm die anderen beiden nur nebenbei wahr. So nutzte Leander eine kurze Sekunde, um zu sehen, ob Erdogan schon im Labor war, und wie erwartet stand er am Tank und strahlte. Dem ging es also gut, so konnte sich der Soldat wieder dem eigentlichen Problem widmen.

„Was wird das?“, wollte Leander wissen, als Thom Bilder übereinander schob, etwas veränderte, anpasste, wieder schob.

„Ich versuche die Karte von heute und die von damals deckungsgleich zu machen. Ein Teil ist zwar abgesoffen, aber die geologische Formation an sich hat sich nicht verschoben. Wenn wir das in den gleichen Maßstab kriegen, sehen wir, ob in der Nähe eine Kuppel ist, in der wir weiter suchen könnten.“

Leander signalisierte zwar, dass er verstanden hatte, was Thom versuchte, aber er fragte nicht weiter, denn er wollte den Techniker nicht ablenken. Immer wieder veränderte Thom den Maßstab und prüfte anhand zweier Messpunkte, ob er Deckungsgleich war. Er brauchte einige Anläufe, aber schließlich passte alles. Jetzt hatten sie die Karten deckungsgleich und Thom schnalzte mit der Zunge. „Eine alte Versorgungskuppel ist nicht sehr weit entfernt.“

„P-0061“, murmelte Leander und sah sich die Karte noch einmal an. Ihre Nummer ließ darauf schließen, dass sie schon lange aufgegeben worden war. Sie war eine der ersten Versorgungskuppeln gewesen. „Und genau wie Bonder 482 müsste sie zumindest teilweise vom Wasser umspült sein. Ganz dürfte sie nicht versunken sein.“ Jetzt mussten sie handeln und zwar zügig.

„Prinz, wenn du fertig bist, komm bitte wieder vorbei!“, suchte er den Kontakt zu Erdogan und wartete nicht auf die Antwort. Er wusste, dass der Prinz seine Aufgabe ernst nahm. Denn er wusste ja jetzt, dass es seinem Seepferdchen gut ging.

„Lad mir die Karten und die Deckung auf meinen Port. Ich kontaktiere derweil Jack. Morgen früh werden wir zu P-0061 aufbrechen und uns alles ansehen. Probleme damit?“ Dabei sah er besonders Daniel an, der seine Frau erst einmal einweihen musste.

„Nein, kein Problem“, antwortete Thom für seinen Bruder. „Ich werde es meiner Schwägerin schon beibringen und ihn freikaufen“, lachte er und Daniel knuffte ihn in die Seite.

„Ich schaff das schon alleine, aber wenn du mitkommen möchtest, dann hab ich nix dagegen, Lin ist dann zahmer.“ Er wedelte schief grinsend mit der Hand und alle verstanden, was er damit sagen wollte.

„Okay, Daniel. Wenn du willst, kannst du schon gehen. Thom, dich würde ich bitten noch zu warten, bis der Prinz wieder da ist. Ich möchte ihn noch auf den aktuellen Stand bringen.“ Mit einem Blick auf die Überwachungsschirme sah Leander zufrieden, dass der Prinz schon wieder auf dem Rückweg war, da konnte er auch Jack kontaktieren. Über die Kameras konnte er ihn und den Prinzen gleichzeitig auf den aktuellen Stand bringen, sofern Jack den Anruf annahm.

Thom blieb einfach sitzen und verabschiedete seinen Bruder mit dem Versprechen, nachher vorbei zu kommen. Er war ja schon froh, dass der Geologe sich meldete, da störte der Soldat sich nicht an der etwas ruppigen Frage. was er denn schon wieder wolle. „Komm in den Besprechungsraum. Wir haben etwas entdeckt, bei dem wir dich brauchen“, ließ der Soldat sich nicht abschrecken.

„Und das fiel euch nicht früher ein?“, knurrte Jack, konnte aber ein gewisses Glitzern in seinen Augen nur schwer verbergen. Das allein war es, was Leander ruhig bleiben ließ. „Doch“, entgegnete er trocken, „aber es macht viel mehr Spaß, dich mehrfach zu stören.“ Er wusste, dass er den Geologen am Haken hatte, als der nur knurrte, er wäre dann irgendwann da, ehe das Bild verschwand.

„Hab dich“, lachte Leander und lehnte sich zufrieden auf seinem Stuhl zurück.

Thom grinste ihn an. „Ich denke, es wird deine Aufgabe werden, dich um unseren Griesgram zu kümmern“, lachte er und war ganz froh, wenn er so wenig wie möglich auf Jack traf. Allerdings ging das schlecht, wenn sie unterwegs waren. „Wir sollen wirklich schon morgen los? Glaubst du, dass wir das alles schaffen bis dahin?“

„Alles, was ich will, ist mich in der Kuppel umsehen“, erklärte Leander. „Wenn wir den Eingang finden sollten, können wir uns immer noch die Zeit nehmen, die wir brauchen. Wenn nicht, müssen wir weiter suchen. Uns rennt die Zeit weg, Thom.“ Wenn er hier fertig war, wollte er mit Zag und Christian reden. Er hatte sich die beiden aus seiner Truppe ausgesucht, damit sie die Expedition begleiteten.

„Na ja, wenn sie nicht mehr dicht ist, dann wird es nicht einfach nur ein Spaziergang.“ Thom hatte da so seine Bedenken. Die Tunnel und Verbindungen existierten zwar noch, aber sie wurden nur in großen Intervallen gewartet, um sie nicht verrotten zu lassen. Allerdings wurde nur sporadisch geprüft, ob es Beschädigungen an der Kuppel gab. Sie mussten einfach hoffen, dass sie noch stabil war. Wirklich gewartet wurden nur die verbindenden Gänge zu den Kuppeln weiter draußen und das war der einzige Grund, warum die alten Kuppeln nicht ganz aufgegeben wurden. Es war preiswerter sie zu erhalten als komplett neu zu bauen. Außerdem boten sie sich an, als Ausweichquartiere genutzt zu werden für die, die von der Hauptkuppel die Nase voll hatten, für die, die die Ruhe suchten. Jack Douglas war schließlich einer von ihnen, auch er lebte in einer solchen Kuppel.

„Such die Wartungsprotokolle, dann wissen wir, wie aktuell die Angaben sind und wie viele Gummistiefel wir brauchen werden.“ Leander grinste, doch er nickte auch, weil er es schätzte, dass Thom mitachte. Er war wirklich eine gute Wahl gewesen. Der Mann kniete sich völlig rein.

„Guter Plan.“ Thom machte sich gleich an die Arbeit. Da hätte er auch selber drauf kommen können. Er bekam nur am Rande mit, dass der Prinz wieder in den Raum kam und sich von Leander auf den neuesten Stand bringen ließ. Erdogan war damit einverstanden, dass sie morgen gleich aufbrachen. Dann musste er allerdings noch einmal kurz zu Meodin, um ihm zu sagen, dass er die nächsten Tage wohl nicht kommen konnte.

Während Thom die Protokolle quer checkte und immer zufriedener grinste, tauchte Jack wieder auf. Die kurzen Haare tief ins Gesicht gekämmt und den Blick abweisend. „Was gibt es so spannendes, dass ich hier noch einmal antraben darf? Macht eure Hausaufgaben gleich, dann ersparen wir uns in Zukunft so was“, muffelte er, kam aber eilig zu den Monitoren. Seine Neugier konnte er eben doch nicht verbergen und deswegen wies ihn Leander nicht zurecht. Doch ständig würde Jack damit nicht durchkommen.

„Was hast du da?“, fragte er Thom und brummte verstehend, als er erkannte, was der Techniker auf seinem Bildschirm hatte und Thom ihm eine kurze Übersicht gab. „Da wollt ihr hin und ich soll wohl nach dem Tunnel suchen? Gut, dann weiß ich, was ich mitnehmen muss. Ich werde nachher mal die Tunnel überprüfen, ob dort alles in Ordnung ist und wir keine Überraschungen auf dem Weg zu P-0061 erleben.“

„Ich werde dich nicht davon abhalten“, sagte Leander und nickte. Es war ihm ganz recht, dass Jack sein Wissen gewinnbringend nutzte. „Kannst ja einen kurzen Lagebericht geben, wenn wir doch unerwarteter Weise auf Schwierigkeiten beim Weg stoßen sollten.“ Die Kuppeln waren untereinander nicht nur mit Tunneln verbunden, teilweise auch oberirdisch. Zwischen den Kuppeln zogen sich Glastunnel wie Röhren, nach allen Richtungen abgeschlossen und mit Schleusen an den Eintrittsstellen zu den Kuppeln gesichert. Meistens aber nutzte man die Tunnel, denn die Öde außerhalb des Glases machte jeden depressiv. Sie waren Gefangene in goldenen Käfigen.

„Mach ich“, brummte Jack und ging ohne weiteren Kommentar einfach wieder. Stirnrunzelnd sah Erdogan ihm hinterher. „Na, das kann ja noch was mit dem werden“, brummte er unzufrieden. Leander zuckte mit den Schultern. „Wir werden sehen. Lange kommt er damit nicht mehr durch. Dann muss er sich entscheiden, was ihm wichtiger ist.“

„Der muss erst mal lernen mit Menschen umzugehen. Er bekommt nicht so oft Besuch, warum hat man ja gesehen“, knurrte Thom und checkte auch die Kameras am Weg, den sie morgen nehmen wollten. Zumindest so weit, wie sie noch intakt waren.

„Thom, rede nicht so über ihn“, tadelte Daniel, der sich zum Aufbruch rüstete. Er wusste, was er wissen musste. Jetzt hatte er noch ein Gespräch mit seiner Frau vor sich.

„Is doch wahr.“ Der Techniker ließ sich nicht beeindrucken. Mit Jack wurde er nicht warm.

„Braucht ihr uns noch?“, fragte Daniel Erdogan und als der den Kopf schüttelte zog er Thom am Arm. „Komm mit. Wir werden nicht mehr gebraucht und du wolltest Lin beruhigen.“ Dem Arzt schwirrte ein wenig der Kopf von all dem, was er heute gehört hatte und er wollte die Sache noch einmal in Ruhe mit seinem Bruder durchsprechen.

„Kannst du das nicht alleine?“, knurrte Thom. „Sie wird dir den Kopf schon nicht abreißen und wenn doch, was soll’s? Du bist Arzt. Näh dir einen neuen – aua!“ Thom guckte nicht schlecht, als sein Bruder ihm die Nägel in den Arm krallte und ihn warnend ansah. Schnell hatte Thom vergessen, dass er noch etwas hier bleiben und herum suchen wollte und ließ sich ziehen. „Bis morgen dann“, rief er noch, dann waren die O’Rayleys durch die Tür. Leander sah ihnen nach und lockte Sal zu sich. „Merkwürdiges Gespann, aber sympathisch.“

„Ja, da kann ich dir nur zustimmen. Unsere ganze Truppe ist sehr ungewöhnlich.“ Erdogan sah zu, wie sein Freund mit Sal spielte und setzte sich hin. Er merkte, dass er heute viel unterwegs gewesen war, denn seine Wunde schmerzte ein wenig. Er sagte aber nichts, denn Leander brachte es fertig und petzte. Dann konnte er vergessen, morgen mitzugehen. Allerdings hatte er nicht damit gerechnet, dass Leander ihn schon zu gut kannte und ihn deswegen strafend ansah. „Gehst du alleine ins Bett oder soll ich Michael Bescheid sagen, wie viel du heute gelaufen bist?“, fragte er deswegen ketzerisch und grinste. Er wusste ganz genau, dass Erdogan noch nicht ins Bett konnte, weil er seinem Seepferdchen noch nicht Bericht erstattet hatte, dass er morgen nicht kommen konnte. Ohne es zu wissen, hatte Meodin den Prinzen völlig in der Hand.

„Arsch“, brummte Erdogan leise, nickte aber, so dass Leander wusste, dass er sich fügen würde. „Ich werde gleich zurückgehen nach einem kleinen Umweg.“ Der Prinz wusste, dass er nicht näher erklären musste, wo er noch hin wollte. Darum verabschiedeten sie sich auch nach ein paar Minuten, denn auch Leander hatte noch einiges vor.


11



„Herr“, brachte sich Michael in Erinnerung. Er wusste nur zu gut, was der Prinz vorhatte und er wusste ebenso gut, wenn er es kampflos zuließ, machte ihn der Doktor einen Kopf kürzer. Erdogan war gerade dabei, den Verband zu wechseln und sich anzuziehen. Er hatte gut geschlafen, hatte die Kamera im Labor noch so lange beobachtet, bis er müde geworden war. Meodin hatte es schlussendlich hingenommen, dass Erdogan nicht kommen würde und der Prinz musste zugeben, dass es ihn freute, dass Meodin ihn nur ungern hatte gehen lassen.

„Michael, halt die Klappe. Ich werde nicht hier bleiben, nur weil ich diesen Kratzer in der Seite habe.“ Mit blitzenden Augen drehte er sich zu seinem Assistenten um und der zuckte erschrocken zusammen.

„Ja, aber…“, fing der an, aber eine herrische Geste ließ ihn verstummen. Wenn Erdogan so drauf war, sollte man vorsichtig sein, wenn man seinen Kopf behalten wollte.

Langsam war es sowieso egal, wer ihm die Rübe von den Schultern schlug. Also zog sich Michael zurück und bereitete das Frühstück. Er wusste, dass sein Herr nicht ohne aus dem Haus ging. Zumindest nicht freiwillig. Er hielt also die Klappe und machte sich daran zu kochen.

Erdogan zuckte, als Sal ihn zwickte und in der Küche verschwand. Er fand wohl, dass es nicht in Ordnung gewesen war, wie der Prinz sich eben verhalten hatte. Erdogan zuckte mit den Schultern und zog sich an. Michael war zäh, der überlebte es schon, wenn er sich die Standpauke von Doktor Denester anhören musste. Als Assistent des Prinzen musste er solche Dinge verkraften können, sonst war es nicht der richtige Job für ihn.

Schnell war das Frühstück gerichtet und Michael kümmerte sich um das Schlafzimmer, während Erdogan aß. Er hatte sich noch einmal die Kamera im Labor geholt, um Meodin so lange nahe zu sein, wie es nur ging. Spät in der Nacht hatte sich Jack noch einmal gemeldet und berichtet, dass die Tunnel so weit frei waren, zumindest waren sie zu befahren oder zu begehen. Was der Geologe damit meinte, würden sie noch früh genug heraus finden. Sie wollten sich an der Schleuse treffen, die in den ersten Ring der Versorgungskuppeln führte und wenn er sich nicht sputete, war er der letzte, der eintraf.

„Ich melde mich zwischendurch“, milderte Erdogan sein Verhalten von vorher ab. Das war das Höchste an Entschuldigung, zu dem er bereit war. Er musste los, darum wartete er erst gar nicht auf Michaels Erwiderung. Der Prinz war ein wenig aufgeregt, denn heute war der erste Schritt für ihre Expedition nach draußen.

Er wusste, dass er unter Beobachtung stand. Sein Vater würde es sich nicht nehmen lassen, ihren Weg zu verfolgen, so lange es ihm möglich war. Er sollte sehen, dass sie souverän und unerschrocken waren, dazu gut organisiert. Sie wollten dem Fürsten schon zeigen, dass keinerlei Sorge bestand.

Hastig griff er seinen Rucksack, in den er das nötigste gestopft hatte. Sie wollten zwar versuchen mit einem Wagen so weit wie möglich vorzustoßen, doch wenn es nicht anders ging, mussten sie laufen.

Bis zur Schleuse konnte Erdogan fahren und erfreut stellte er fest, dass er nicht der letzte war, denn an ihrem Treffpunkt war nur Leander zu sehen. Er hatte ebenfalls einen Rucksack wie Erdogan dabei. „Morgen“, grüßte er den Soldaten und stellte sich neben ihn.

„Was hat dein Wachhund gesagt?“, fragte Leander nach einer Begrüßung, denn er freute sich, Erdogan ärgern zu können. Er hatte einfach zu selten die Gelegenheit. Er stupste Salcedo, der zur Begrüßung fiepte und beleidigt wieder in Erdogans Hemd verschwand. Absichtlich stand dieser mit dem Rücken zur Schleuse. Hinaus durch das Glas zu sehen, machte ihn trübe und so war er froh, dass die Sonne außen nur langsam aufging.

„Laut und anhaltend gebellt“, knurrte Erdogan, grinste aber schief. Er nahm es Michael nicht übel, dass er versuchte, sich durchzusetzen, denn genau das brauchte er bei seinem Assistenten. Er musste sich in jeder Situation auf ihn verlassen können. „Er hält Zuhause die Stellung und wird für uns die Verbindung zu meinem Vater sein, wenn wir etwas gefunden haben.“

„Der Kurze ist gar nicht so übel. Anfangs dachte ich noch, der geht sang- und klanglos unter. Doch ich sehe, deine Sturheit kitzelt seinen Ehrgeiz.“ Leander wirkte zufrieden. So wusste er seinen Prinzen in guten Händen, während er Dienst im Labor schob. Lange würde es nicht mehr dauern, dann war wieder Einheitswechsel. Es hatte gutes und schlechtes, denn dann sah er Allan nicht mehr so oft, wie er gern wollte und vor allem wusste er nicht, wie sich das auf ihre Beziehung auswirkte. Doch das gehörte jetzt nicht hier her.

„Pff.“ Erdogan zeigte seinem Freund einen Vogel, enthielt sich aber jeden weiteren Kommentars. Er wollte Leander nicht noch mehr Stoff geben, um ihn aufzuziehen. Er sah lieber Daniel und Thom entgegen, die gerade ihre Rucksäcke schulterten und zu ihnen rüber kamen. „Wie es aussieht hat Daniel frei bekommen.“

„Oder er ist seit gestern Abend geschieden“, witzelte Leander, wusste aber, dass es nicht an dem war. Schließlich hatte er gestern alle noch einmal kontaktiert, über die Erkenntnisse von Jack aufgeklärt und eine Uhrzeit bekannt gegeben. Nun fehlte nach einer kurzen Begrüßung nur noch der Geologe. Dass der es sich anders überlegt hatte, konnte keiner von ihnen glauben, eher befürchteten sie, dass der Kerl den großen Auftritt brauchte.

Sie waren alle ziemlich überrascht, dass sich die Schleuse hinter ihnen auf einmal öffnete. „Alle da?“, fragte Jack, der den Kopf herausstreckte. Er war schon seit Stunden hier und hatte noch einmal alles überprüft, damit sie los konnten. Einige Abschnitte waren etwas heikel, weil die Tunnelwände porös wurden.

„Großer Auftritt“, knurrte Leander leise, grüßte aber gleich, damit es nicht auffiel. Bei dem Kerl mussten sie wirklich mit allem rechnen.

„Wir nehmen zwei Wagen.“ Jack hatte sich schon wieder umgewand und deutete auf die beiden Vehikel älteren Datums. Doch sie schienen gut in Schuss und gewartet. Leander beschloss, dass er mit Jack fahren würde, er kam von ihnen allen am besten mit dem Wunderling klar. So stiegen Erdogan und die O’Rayleys in den zweiten Wagen. Es schien, als hätte Jack die Führung übernommen.

Die ersten Kilometer kamen sie gut voran. Der Tunnel war geräumt, aber nach der zweiten Schleuse wurde der Weg schlechter. Immer wieder mussten sie kleinen Schlaglöchern ausweichen, oder um Betonstücke fahren, die aus den Wänden und der Decke gebrochen waren. Erdogan fühlte sich unwohl und er notierte sich, dass der Tunnel in den nächsten Tagen repariert werden musste, egal, ob sie etwas fanden oder nicht.

„Nach der vierten Schleuse kommen wir in den ersten Versorgungsring. Dort sollten wir eine Pause machen, etwas trinken und die Wagen checken.“ Jack hatte die Tour bereits heute Nacht gemacht und er wusste, dass nach dem dritten Versorgungsring nichts mehr ging und sie laufen mussten. Zu viele Trümmer lagen in den Gängen. Es würde zu lange dauern, sie alle wegzuräumen. Sie kamen zu Fuß dann schneller voran.

Alle nickten. Erdogan brauchte die Pause nicht unbedingt, aber die O’Rayley Brüder. Sie waren es nicht gewohnt, sich in den Tunneln zu bewegen. Auf manche Menschen wirkten sie bedrückend. An der dritten Schleuse stiegen alle aus, ohne sich groß aufzuhalten und checkten noch einmal ihre Ausrüstung. Zwar funktionierten die meisten Lampen noch, aber ab und zu brauchten sie die Handlampen.

Schweigend ließen sie die Wasserflaschen kreisen und nach ein paar Schritten im Tageslicht setzten sie sich wieder in Bewegung, verschwanden erneut unter der Erde, um den ersten Versorgungsring hinter sich zu lassen. Sie verfuhren ähnlich beim zweiten und dritten. Dann kamen die Trümmer, die von den brüchigen Decken herabgestürzt waren.

„Wie vertrauenserweckend“, murmelte Daniel, dem die Enge am meisten zusetzte.

„Ist stabil genug. Hab’s geprüft“, erklärte Jack wortkarg und klopfte gegen den Beton. Dabei wurde er nicht einen Schritt langsamer. Wenn die anderen nicht mitkamen, war das nicht sein Problem. Ohne große Anstrengung kletterte er über die Betonbrocken. Er war es gewohnt, aber Daniel schnaufte schon nach ein paar Minuten.

„Ich weiß, wir haben es eilig, Jack, aber können wir etwas langsamer gehen?“ Leander hatte Mühe, die Truppe zusammen zu halten. Während Jack den Weg wie seine Westentasche zu kennen schien und Erdogan der Forscherdrang gepackt hatte, waren die beiden untrainierten O'Rayleys weit zurückgefallen. Das war keine gute Idee. Noch immer hatte er die Bilder vom Angriff auf das Labor im Kopf. Das konnte jederzeit und überall wieder passieren. Sie mussten vorsichtiger sein. Zag und Christian sicherten den Rückzug, falls nötig.

Jack sah sich brummig um, aber nickte schließlich. Er stellte seinen Rucksack ab und lehnte sich an einen der größeren Brocken. Er hatte ja gewusst, dass diese beiden sie nur aufhielten. „Wir sollten aber trotzdem zügig weitergehen. Ich will mit meinen Messungen anfangen.“

„Geduld und Vorfreude sind definitiv nicht deine hervorstechendsten Eigenschaften“, sagte Leander und sah Jack offen an, der die Augen verschmälerte und etwas entgegnen wollte. Doch er ließ es bleiben. Das brachte nur Unfrieden und sie kamen nicht weiter. Das war nicht akzeptabel. So warteten sie auf die Nachzügler und gönnten sich einen guten Schluck, ehe sie weiter gingen. Das Ziel war bald erreicht. Ein langer Tunnel trennte sie noch von der alten Kuppel.

„Wenn ich das richtig verstanden habe, haben wir nicht ewig Zeit“, brummte Jack nur noch leise, so dass ihn nur Leander verstehen konnte und schulterte seinen Rucksack wieder. Um nicht wieder aufgehalten zu werden, mäßigte er sein Tempo soweit, dass alle mitkamen. Darum dauerte es nicht mehr nur eine halbe Stunde, bis sie da waren, sondern eine ganze.

„Hier war aber schon länger keiner mehr“, knurrte Daniel, als er sich auf einen Stein sinken ließ, der gleich neben dem Ausgang des Tunnels lag und seinen Namen zu tragen schien. Thom beobachtete ihn und lachte leise, Daniel war eben kein Landkind sondern lungerte den ganzen Tag in Büros und Praxen herum.

„Jetzt sind wir da. Und wie weiter?“, wollte Zag wissen. Er öffnete die Jacke der Uniform ein wenig, denn ihm war warm. Dabei sah er sich in der trostlosen Kuppel um. Das Gras war geschossen, keiner hatte es geschnitten. Bäume waren geschossen. Weit konnte man nicht sehen.

„Zag, Christian, ihr kümmert euch um eine Unterkunft.“ In der Kuppel gab es einige Gebäude, da gab es bestimmt einen Raum, in dem sie schlafen konnten. Wahrscheinlich blieben sie über Nacht hier. Wenn sie heute noch zurück wollten, hatten sie kaum Zeit für ihre Suche und dafür waren sie ja extra hier her gekommen.

„Ay, Sir.“ Zag nickte und hob die Brauen, als Thom ihn fest hielt und ihm ein kleines Orientierungsgerät in die Hand drückte. „Die Karte der Kuppel, kurz bevor sie aufgegeben wurde. Die Siedlung liegt hinter dem Wald“, erklärte er und Zag nickte. Er musste Leander Recht geben, der Technik-Freak war richtig nützlich. Eigentlich wäre es ihre Aufgabe gewesen, sich vorzubereiten, was sie auch getan hatten mit Proviant und allem, was sie brauchten.

„Wenn wir Erfolg haben und hier länger bleiben, müssen wir versorgt werden“, überlegte Leander. Um heim zu fahren und Nachschub zu holen war der Weg zu weit. Wasser gab es in der Kuppel, doch Lebensmittel waren rar.

„Das kriegen wir organisiert.“ Erdogan hatte schon ausprobiert, ob sie eine Funkverbindung zur Hauptkuppel hatten. Wenn sie etwas gefunden hatten, lief die Maschinerie an und sie bekamen regelmäßige Lieferungen von allen Dingen, die sie benötigten. Zag und Christian würden erst einmal checken, was da war und es benutzbar machen.

„Davon geh ich aus“, sagte Leander und sah sich ebenfalls etwas um. Die Landschaft war ungewohnt. Normalerweise waren die Kuppeln aufgeräumt und übersichtlich. „Keiner geht alleine“, ordnete er an und Jack, der schon anfing, sein Equipment auszupacken, sah ihn angewidert an. Wenn jetzt noch jemand auf die Idee kam, mit ihm Gruppenkuscheln machen zu wollen, dann war das Limit erreicht. Ihm gingen die ganzen Leute auf den Nerv, deswegen hatte er vor sich abzusetzen und endlich mit seinen Untersuchungen zu beginnen.

„Ich bleibe bei Thom und Daniel“, sagte Erdogan, denn Leander kam wohl am besten mit Jack klar. Solange die beiden nach dem Tunnel suchten, wollte der Prinz ebenfalls zu den Gebäuden. Dort gab es bestimmt genug Technik, mit der er Thom beschäftigen konnte und er selber wollte die Gebäude sichten. Dabei konnten die Brüder ihn begleiten.

„Okay, teilen wir uns auf.“ Leander aktivierte die Sprechgarnitur hinter seinem Ohr, so hatte er ununterbrochen Kontakt zu Erdogan. Der hörte nun jedes Wort, was der Soldat sprach und war sozusagen live dabei, wenn etwas gefunden wurde. „Macht es uns heimelig, Prinz“, lachte er und griff sich wieder seinen Rucksack, denn Jack hatte schon das Signal zum Aufbruch gegeben.

Er hatte schon ein Gerät im Anschlag und lief langsam geradeaus. Leander folgte ihm und sah ihm immer mal wieder über die Schulter. Leider konnte er nicht viel erkennen. Er sah verschiedenfarbige Schichten, die sich immer wieder verschoben. Wie Jack daraus etwas erkennen konnte, was sich unter ihnen befand, war ihm schleierhaft.

„Was machst du da?“, fragte er irgendwann, als es ihm zu öde wurde, nur neben dem Geologen her zu laufen. Doch er bekam keine Antwort, nur ein Knurren, was Leander aber nicht davon abhielt, es noch einmal zu versuchen, denn er langweilte sich gerade ziemlich.

„Ich brüte Orangen aus“, zischte Jack, dem die Nerverei ziemlich auf den Keks ging und er blieb stehen, sah Leander dabei wütend an, doch der ließ sich nicht aus der Fassung bringen. Warum auch? Er war an den Kerl gebunden, da wollte er auch wissen, was passierte.

„Mann, nerv nicht“, knurrte Jack und Leander zog eine Augenbraue hoch.

„Ich nerve dich so lange, bis ich eine Antwort habe“, antwortete der Soldat ungerührt. Wenn Jack nicht langsam begriff, dass er hier kein Einzelkämpfer war, sondern sich ins Team zu fügen hatte, dann konnte er gleich morgen wieder gehen. Diese Gedanken sah man seinem Gesicht wohl an, darum lenkte Jack ein. „Ich suche nach dem Tunnel“, brummte er, aber nicht mehr ganz so abweisend.

„Ehrlich?“, fragte Leander, weil er sich verarscht vorkam. „Und dafür brauchst du bunte Bildchen auf deinem Display?“ Er bekam seine Antwort schon noch, da war der Soldat sich sicher. Er hatte in seinem Leben schon einiges gelernt, eines davon war Ausdauer. Und wenn die nicht reichte, folgte Penetranz.

Jack verdrehte genervt die Augen und fluchte unterdrückt. „Nein, brauch ich nicht, aber ich mag es bunt“, kam es sarkastisch von ihm. „Sicher brauch ich das, sonst würde ich nicht damit rumlaufen. Die verschiedenen Farben sagen mir, wie der Boden unter mir aussieht. Ob es dort Felsen, Lehm oder andere Bodensorten, Beton oder Hohlräume gibt.“

„Na geht doch“, sagte Leander, wirkte aber zufrieden. Auch wenn Jack nicht gerade der angenehmste Gesprächspartner war, so war er doch bereit sich anzupassen. „Und? Wie sieht es unter uns aus? Fest oder zerklüftet?“ Er wusste, dass die Kuppel teilweise von Wasser umspült wurde, deswegen war sie damals aufgegeben worden. Noch lag sie nicht ganz unter Wasser, wie es anderen Kuppeln passiert war.

„Hier ist es ganz okay. Wie es weiter außen, näher am Wasser aussieht, weiß ich noch nicht. Das werden wir sehen, wenn wir da sind.“ Jack hatte sich wieder in Bewegung gesetzt und versuchte eine möglichst gerade Linie zu laufen. „Die Betonbodenplatte ist nicht mehr ganz intakt. Ich schätze die Wurzeln der Bäume haben was damit zu tun.“

„Das heißt auch, dass Wasser eindringen kann. Das ist freilich nicht gut.“ Leander sah sich die Werte auf der Anzeige ebenfalls an und versuchte sie zu verstehen. Das war nicht so schwer. Je heller das Bild desto fester die Struktur und je weiter sie liefen, umso klarer wurde das Bild des Bodens, den sie bereits untersucht hatten. Man sah die Risse im Beton deutlich, doch sie waren nicht groß genug für einen Tunnel.

„Wir wollen hier ja nicht einziehen. Die Risse in der Größe, gibt es in jeder Kuppel. Die Materialien arbeiten, das lässt sich nach Jahrhunderten Abnutzung nicht vermeiden.“ Jack war in keinster Weise beunruhigt. Da hatte er schon Schlimmeres gesehen. Langsam zogen sie ihre Bahnen, bis der Geologe plötzlich stehen blieb und sein Messgerät genauer betrachtete.

„Was Interessantes gefunden?“, wollte Leander wissen und sah sich um. Die Gegend sah unscheinbar aus. Hohes Gras wie überall, Bäume und sonst nichts. Auch Leander wagte einen Blick auf die Anzeigen, doch er konnte sie nicht deuten.

„Hm.“ Jack lief ein wenig herum und antwortete nicht gleich auf Leanders Frage, aber er kam wieder zu ihm zurück und deutete auf den Bildschirm. „Hier ist ein Hohlraum. Er liegt etwa drei Meter unter uns. Jetzt müssen wir nur noch herausfinden, ob das eine Höhle oder ein Tunnel ist.“

„Das heißt wir gehen jetzt von dieser Stelle aus in alle Richtungen und gucken, was passiert?“, fragte Leander, schien mit dem Vorgehen aber zufrieden. Er hätte nicht gedacht, dass sie so schnell Erfolg haben würden, doch es blieb zu hoffen, dass es nicht nur ein natürlicher Hohlraum war.

„Korrekt.“ Jack sah Leander kurz anerkennend an. Der Soldat dachte mit, aber das war schnell wieder vergessen, denn der Geologe war jetzt in seinem Element und vergaß vollkommen, dass er nicht alleine war. Routiniert suchte er die Gegend ab und machte sich immer wieder Notizen. Er machte auch immer wieder Positionsmessungen, damit sie nachher vergleichen konnten, ob der Tunnel, den sie offensichtlich gefunden hatten, auch derjenige war, den sie suchten.

Während Jack hastig hin und her und für Leander sinnlos kreuz und quer herum lief, hatte der Soldat die Anzeige mit dem Speicher in der Hand und versuchte nicht im Weg zu stehen. Erst nach und nach erschloss sich ihm, warum Jack kreuz und quer lief, denn auf der Anzeige bildeten sich Verläufe ab. „Versuch mal mehr links“, rief Leander und starrte weiter auf das Bild. Es sah fast so aus, als ginge der Hohlraum dort weiter.

„Okay.“ Jack lief so, wie Leander es vorgeschlagen hatte und nickte. Ja, das sah viel versprechend aus. „Es ist auf alle Fälle ein Tunnel. Lass ihn uns noch ein wenig ablaufen und dann brauch ich einen Rechner, um zu sehen, ob er passt.“ Für seine Verhältnisse redete Jack relativ viel, das machte er, wenn er aufgeregt war und das war er jetzt definitiv. Er hatte etwas gefunden von dem Hunderte von Jahren keiner etwas wusste.

Leander derweil versuchte die Ergebnisse der Messung auf seinen Palm mit der Karten zu überspielen, doch er stellte sich dabei nicht sonderlich geschickt an. Also suchte er den Kontakt zu Thom und erklärte ihm sein Problem. Wie erwartet bekam er eine Step by Step Anleitung und schon hatte er die Überlagerung auf seinem Palm.

„Zeig mal her.“ Jack nahm Leander den Palm aus der Hand und tippte darauf herum. Offensichtlich kannte er sich mit dem Gerät besser aus, als Leander. „Hm“, brummte er leise und murmelte vor sich hin. Immer wieder sah er zwischen dem Bildschirm und dem Boden hin und her. Ohne weiter auf Leander zu achten, ging er los und verglich die Karte auf dem Palm mit seinem Messgerät. Leander folgte seiner Technik und beäugte neugierig, wie es weiter ging. Jetzt lief Jack nicht mehr kreuz und quer sondern folgte dem Weg Richtung Kuppelrand auf dem kürzesten Weg Richtung Great Captain Island. Zufrieden grinste er immer wieder, weil der Hohlraum so lief, wie sie erwartet hatten. Wenn das nicht der Tunnel war, den sie suchten, dann wusste er auch nicht.

„Strike“, murmelte Jack und sah hinaus auf das Wasser. Unglaublich, dass da hinten mal eine Insel gewesen war. Es war überhaupt nichts mehr davon zu sehen. „Ich denke, wir haben ihn, Jetzt muss er nur noch stabil sein und wir können rüber.“ Der Geologe war mit sich zufrieden. Dass sie den Tunnel so schnell finden würden, hatte er selber nicht gedacht.

„Und wie kriegen wir raus, ob er stabil ist... Erdogan, ganz ruhig!“ Leander musste erst einmal den Prinzen beruhigen, der die ganze Zeit zugehört hatte und nun wissen wollte, was eigentlich los war und warum ihn keiner aufklärte. So erledigte Leander das in zwei Sätzen, wollte dann von Jack aber noch einmal wissen, wie sie den Tunnel testen sollten, ohne selber in Gefahr zu geraten. Was wenn er voll Wasser war? Was wenn die Strahlung sich ausgebreitet hatte?

„Wir werden eine Probebohrung machen und mit einer kleinen Kamera nachgucken, wie es da unten aussieht. Wenn soweit alles in Ordnung ist, werden wir das Loch so weit erweitern, bis ich durch passe. Dann werde ich runtergehen und den Tunnel prüfen. Wenn ich grünes Licht gebe, könnte ihr auch runter.“ Jack ließ sich da auch nicht reinreden. Das hier war sein Spezialgebiet und er war für die Sicherheit der Gruppe zuständig. Ganz zufrieden war Leander mit der Vorgehensweise nicht. Auch Erdogan redete dagegen, doch Jack ließ sich nicht beeindrucken.

„Von euch kann es keiner!“, stellte er trocken klar, wogegen Leander erst einmal nichts sagen konnte. Jack war wirklich der einzige, der dort unten die Beschaffenheit und das Gefahrenpotential bewerten konnte. Zähneknirschend stimmte er zu.

„Geht doch“, gab Jack Leander seinen Spruch von vorhin wieder zurück. „Wir brauchen Geräte. Kann der Prinz die besorgen? Ich mach ihm ’ne Liste, was wir alles brauchen.“ Jack war schon eine Runde weiter und er plante im Kopf bereits den ganzen Ablauf. Sie könnten einen Bagger gebrauchen, aber den bekamen sie wohl nicht durch die Tunnel.

„Sicher. Er hat die Funkverbindung herstellen können. Dann sollte es kein Problem sein, wenn wir morgen das Werkzeug da haben. Sollen sie gleich noch Proviant für ein paar Tage mitschicken, dann haben wir genügend Zeit. ... hörst du mit Prinz?“ Leander schwieg und nickte zufrieden, als er von Erdogan eine positive Antwort bekam. Wenn die Verbindung zur Kuppel stand, konnten sie Realtime alles weitergeben.

„Fein.“ Jack gab auch gleich durch, was er brauchte. Er beschränkte sich auf das wirklich wichtige, trotzdem war es nicht gerade wenig, was sie brauchten. Vor allen Dingen waren die Geräte schwer und unhandlich und mussten den letzten Teil des Weges getragen werden.

Ein Trupp Soldaten würde die benötigten Gerätschaften zu ihnen bringen, auch wenn die Männer davon nicht begeistert waren. Doch es stand etwas mehr auf dem Spiel als die gute Laune von ein paar Soldaten. Erdogan kannte da kein Pardon. Sie hatten zu tun, was von ihnen erwartet wurde. Leander konnte hören, wie der Prinz die Order weiter gab und auch keine Diskussion aufkommen ließ, als es daran ging, wann die Utensilien geliefert werden sollten.

„Morgen früh will ich das Zeug hier haben. Wie ihr das macht, ist mir relativ egal!“ Dann trennte der Prinz die Verbindung zur Kuppel.

Leander grinste.

Das war eben Erdogan.

„Mit schlechter Laune, möchte ich ihn auch nicht erleben“, murmelte Jack. Da behauptete man, er wäre brummig. Der Prinz schlug ihn um Längen. „Los, Soldat, gucken wir nach, ob wir was Brauchbares finden, um ein wenig mehr Platz für die Bohrung zu schaffen.“ Zum Glück gab es keine großen Bäume in der Nähe des Tunnels, aber reichlich Gestrüpp.

„Ich bin Soldat, kein Landschaftsgärtner“, knurrte Leander, doch er ließ sich davon überzeugen, dass man das Gelände schon einmal vorbereiten konnte. Sie fingen also an kleine Büsche zu rupfen und etwas Gras niederzutrampeln, weil es sich nicht ausreißen ließ. Das Wurzelgeflecht war zu dicht. Ein Gespräch kam nicht wirklich auf und nur der Prinz gab seinem Soldaten gute Tipps, wenn der schimpfend die Materie verfluchte. „Komm her und mach mit“, knurrte Leander ziemlich außer Atem.

„Geht nicht, ich bin verletzt. Mein Arzt hat mir körperliche Anstrengung verboten“, war die lapidare, leicht spöttische Antwort. „Macht eine Pause, ich schick euch Zag und Christian, um euch abzulösen. Sie werden euch erklären, wo wir unser Lager aufgeschlagen haben.“

„Ach? Plötzlich erinnerst du dich daran, dass du dich schonen sollst. Deine Wahrnehmung ist aber auch ziemlich selektiv“, knurrte Leander, war aber zufrieden, dass der Prinz sich daran erinnerte. Nicht auszudenken, wenn ihm hier etwas passierte. Zwar hatten sie für diese Fälle Daniel dabei, aber steril ging anders.

„Jack, mach ’ne Pause, du wirst noch gebraucht!“, rief er zu dem Geologen hinüber und wischte sich selbst über die Stirn.

„Wurde auch langsam Zeit.“ Jack war nicht weniger erschöpft, als der Soldat, aber er hätte nicht eher aufgehört, bis sie den Platz vorbereitet hatten. Er war wie eine Bulldogge, wenn er sich in etwas verbissen hatte und das hatte er ganz bestimmt. Wann bekam man schon mal die Gelegenheit so weit in die Vergangenheit zurück zu kehren. Jahrelang hatte er versucht Bohrgenehmigungen zu bekommen, jedes Mal vergebens aus Sorge um die Kuppel und die Sicherheit der Bevölkerung. Doch hier, weit ab von allem hinter Schleusen, die die übrigen Kuppeln absichern konnten, kam seine ganze Technik und sein Wissen endlich zum Einsatz.

Eigentlich musste er diesen Maulwürfen dankbar für ihren Angriff sein, denn sonst würde er immer noch heimlich in seiner ausgemusterten Kuppel ein bisschen buddeln und hoffen, dass es keiner merkte. Bisher hatte er Glück gehabt. Man ließ ihn in seiner Kuppel in Frieden, was auch gut war, denn sonst hätte er jetzt nicht das Wissen, was er brauchte, um diesen Tunnel zu erreichen.

Es dauerte nicht lange, bis die beiden Soldaten kamen und sie ablösten. „Ich könnte was zu essen vertragen“, brummte Jack auf dem Weg zu ihrer Unterkunft und war schon wieder mit Leanders Palm beschäftigt. Der Besitzer lief nebenher und hoffte, dass der Geologe nichts kaputt machte. Schließlich wurde das kleine Gerät noch gebraucht. Er führte für die nächsten Tage schließlich eine Fernbeziehung!



12



Sie kamen nur langsam voran, doch als sie die ersten Häuser sahen, war Leander froh. Er war zwar ein Soldat, aber auch seine Batterien liefen nicht ewig. „Hoffentlich hat die Herbergsmutter was zu essen im Haus“, knurrte er, als er Erdogan gerade im hohen Gras herumstromern sah.

„Wäre besser, ich werde brummig, wenn ich hungern muss.“ Jack sah hoch und maß den Prinz mit einem kurzen Blick, kümmerte sich aber nicht weiter um ihn. Er musste seine Messungen auswerten und den günstigsten Punkt für ihre Grabung bestimmen. Sie brauchten einen Platz, ohne allzu viele dicke Wurzeln. Die würden ihre Grabung nur aufhalten. Also lief er ins Haus, sah sich noch nicht einmal um, sondern griff sich nur eines der Pakete auf dem Tisch und verschwand in einem ruhigen Zimmer.

Daniel und Thom, die das Haus inspizierten und versuchten, das eine oder andere wieder in Gang zu bringen, sahen ihm erst nach und sich dann gegenseitig fragend an. Doch sie zuckten die Schultern und machten weiter.

Derweil griff sich Leander ebenfalls etwas für den Magen und ging wieder nach draußen. „Was wird das, wenn’s fertig ist?“, wollte er von Erdogan wissen.

„Was?“, fragte Erdogan und lockte Salcedo zu sich, der durch das Gras flitzte. „Ich mache nichts, was schlecht für meine Gesundheit ist“, verteidigte sich der Prinz sofort und das ließ Leander aufhorchen. Das machte Erdogan nämlich nur, wenn er wirklich etwas getan hatte, was er nicht sollte. Also kam der Soldat näher und beguckte sich den Prinzen noch einmal eindringlich. „Gehört lügen auch dazu, Prinz?“, fragte Leander eindringlich. So wie der Kerl versuchte, unschuldig zu wirken, machte er sich noch verdächtiger. „Also? Was machst du gerade? Oder muss ich Mike anrufen?“

„Lügen?“ Ärgerlich zog Erdogan die Augenbrauen zusammen, entspannte sich aber gleich wieder. „Ich lüge nicht. Meodin beobachten ist nicht anstrengend“, grinste er. „Es dient eher dazu, meine Laune zu verbessern und dafür solltet ihr dankbar sein.“

„Ich hätte es wissen müssen, dass du jede freie Minute darauf verwendest, das niedliche Seepferdchen zu beobachten. Meine Güte, Prinz. Du bist völlig verknallt!“ Leander war immer wieder fasziniert darüber, wie intensiv sich Erdogan plötzlich auf einen einzigen Mann einschießen konnte. Eigentlich hatte er keinerlei Interesse gehabt sich zu binden, nicht mit einer Frau, nicht mit einem Mann. Und dann tauchte das Seepferdchen auf und alles wurde anders.

„Tja, so wird es wohl sein.“ Erdogan zuckte mit den Schultern. Er konnte es ja selber nicht begreifen. Wieder schweiften seine Gedanken zu dem Tag, als er Meodin das erste Mal gesehen hatte, oder besser: als er das erste Mal in diese schwarzen Augen geblickt hatte. „Ich bin in dieses Labor gegangen, um mir einen weiteren Fehlschlag der Wissenschaftler anzusehen und diese Idioten ein wenig aufzumischen, aber als ich vor ihm stand und er mich angesehen hat, war er für mich nicht mehr ein Ding.“ Erdogan sah Leander an und man sah ihm an, dass er selber darüber ziemlich verwirrt war, weil ihm so etwas noch nie passiert war. „Ich wollte ihn für mich.“

„Du weißt, dass das nicht geht. Er ist ein Experiment. Ob dir das gefällt oder nicht und in erster Linie dazu da, unsere Art zu erhalten.“ Es schmeckte Leander nicht, das sagen zu müssen, doch Erdogan – auch wenn er der Prinz war – musste der Wahrheit ins Auge sehen. „Er gehört dem Labor und sie werden ihn untersuchen und testen. Schlag es dir aus dem Kopf.“ Wohl wissend, dass gleich eine Hand vorschnellen und ihn packen würde, trat der Soldat zurück.

„Ich werde ihn nicht Frankenstein überlassen“, schrie Erdogan auch gleich und, wie erwartet, schoss sein Arm vor, um Leander zu packen. Der Soldat kannte ihn einfach schon zu gut. „Sie werden ihn nicht bekommen. Meodin ist kein Ding, wie sie immer behaupten. Er ist intelligent und er ist menschlich.“

„Prinz, das ändert nichts an der Tatsache, dass er Eigentum des Labors ist.“ Leander wurde nicht müde, seinem Freund die Flausen aus dem Kopf zu treiben. Er hatte keine Lust, den Prinzen später abführen lassen zu müssen, weil er Frankenstein das Labor in Trümmer geschlagen hatte. Der Prinz mochte beherrscht sein, doch es gab Augenblicke, in denen die geballte Wut aus ihm heraus brach und dann wollte selbst Leander nicht in der Nähe sein. Lieber trat er noch einen Schritt zurück, strauchelte und fiel über einen umgestürzten Baum.

Und genau das holte Erdogan aus seiner Wut. Es sah aber auch zu witzig aus, wie Leander mit den Armen ruderte und versuchte das Gleichgewicht zu halten. Der Prinz kam zu ihm rüber und bot ihm eine Hand an.

„Sollen sie ihn testen und untersuchen, aber ich werde dabei sein. Er wird nicht dazu zu gebrauchen sein, unsere Rasse zu retten und wenn sie das festgestellt haben, gehört er mir.“

Leander grinste schief. Er wollte gar nicht wissen, was für ein Bild er abgab und ließ sich aufhelfen. Mürrisch klopfte er sich trockenes Gras von der Hose und rollte die Schultern. Er vermied es, zu erwähnen, was passierte, wenn sich herausstellte, dass Meodin doch geeignet war, als Brutkasten zu dienen. Erdogan hatte sich so sehr in die Sache reingesteigert, dass er nicht objektiv handeln konnte. „Bespann ihn weiter, ich check die Umgebung.“

„Ich komme mit. Keiner sollte alleine durch die Gegend laufen.“ Jetzt wo Leander wusste, was er gerade gemacht hatte, konnte Erdogan nicht einfach damit fortfahren, das machte er nachher, wenn er wieder ein wenig Freiraum hatte. Allerdings arbeiteten die Worte seines Freundes in ihm und er wusste, dass Leander Recht hatte, aber er würde einen Weg finden, Meodin davor zu bewahren, getötet und seziert zu werden.

So entfernten sie sich allmählich vom Haus, aber nie weit weg, denn im Haus waren nur die drei Zivilisten und die waren ohne die Soldaten schutzlos. Leander war fasziniert, wie die Natur die Kuppel erobert hatte. Von den asphaltierten Straßen war nichts mehr zu sehen und abgesehen von ein wenig zugewachsener Bebauung waren die Spuren der Menschen verschwunden. Als hätte es sie nie gegeben. „Achtzig Jahre“, nuschelte er leise, denn so lange waren die Kuppeln, die langsam überspült wurden schon aufgegeben worden.

„Ja, es ist erschreckend, aber noch erschreckender finde ich es, dass es da draußen nichts gibt. Seit tausend Jahren wächst dort nichts mehr.“ Erdogan zupfte einen Grashalm ab und zerpflückte ihn. „Wir können nicht ewig in diesen Kuppeln bleiben, aber dann ist die Menschheit dem Untergang geweiht, weil wir da draußen nicht leben können.“

„Daran sollten sie arbeiten“, murmelte Leander, denn auch er träumte immer wieder davon, wie es wäre, endlich so weit laufen zu können, wie er wollte, nicht bis das Glas ihn hinderte. Oft hatte er dort gestanden und auf die Öde gesehen – das konnte doch nicht alles sein. Die Angreifer hatten bewiesen, dass man draußen leben konnte. Vielleicht sollten sie sie wirklich nicht gleich bekämpfen, sondern, wie der Prinz schon sagte, versuchen von ihnen zu lernen. „Wir haben die letzten Jahrzehnte die Forschung da draußen völlig abgeschrieben und uns zurückgezogen. Wir müssen da raus, Prinz“, sagte er leise und atmete tief durch.

„Mein reden. Seit Jahren versuche ich, meinen Vater davon zu überzeugen, aber ich erreiche nichts, weil dieser senile Sack von Berater ihn immer wieder beeinflusst.“ Erdogan trat frustriert gegen einen Stein und schoss ihn so im hohen Bogen weg. „Noch nicht einmal das Auftauchen dieser Fremden hat ihn umstimmen können. Meine Mutter hat ihn dazu gebracht, uns die Erlaubnis zu geben.“

„Ich würde gern wissen, warum er nur auf diesen einen Mann solch große Stücke hält. Der ist doch schon total verkalkt und was die anderen Minister der Ressorts zu sagen haben, interessiert ihn noch nicht einmal.“ Auch Leander wurde immer frustrierter, je länger er darüber nachdachte. Doch er milderte seine Worte gleich ab. „Ich respektiere unseren Fürsten, gar keine Frage, und ich akzeptiere seine Entscheidungen. Doch ich halte sie trotzdem für falsch und wir brauchen einen Weg, ihm das klar zu machen.“ Er sah Erdogan an und wusste, dass er offene Türen einrannte. Sie waren sich einig und schon deswegen musste ihre Mission ein Erfolg werden. Sie wussten zu wenig, um überleben zu können.

„Mag sein, das Jefferson meinem Vater früher gute Ratschläge gegeben hat, aber mittlerweile glaube ich, dass es ihm nur noch darum geht, seine eigene Macht zu vergrößern. Mein Vater vertraut ihm und so hat er leichtes Spiel. Das erste, was ich mache, wenn ich einmal der Fürst bin, ist Jefferson einen Tritt zu geben, wenn er dann noch lebt.“ Nicht dass Erdogan hoffte, dass sein Vater bald abdankte, aber manchmal wünschte er sich doch, dass es bald passierte. Denn ihr erster Plan, den Berater und den Fürsten zu entzweien, hatten sie schnell aufgeben müssen, denn sie waren ins Leere gelaufen.

„Komm, wir gehen zurück“, sagte Leander. „Lassen wir uns von Jack den Verlauf erklären und worauf wir gefasst sein müssen. Alles andere bringt uns jetzt nicht weiter.“ Es war ja nicht so, dass er nicht auch gern seinen Frust über die sinnlosen Fesseln freien Lauf ließ, doch Wut im Bauch war ein schlechter Berater.

„Ja.“ Erdogan folgte Leander. „Ich bin gespannt, was wir finden werden. Viel wird es wohl nicht sein, wenn das Labor schon seit der Katastrophe aufgegeben ist. Wenn wir überhaupt bis dahin kommen.“ Der Prinz wollte nicht zu optimistisch sein, aber es fiel ihm schwer. Sie brauchten diesen Erfolg, um dem Fürsten zu zeigen, dass sie nach draußen mussten, um weiter zu forschen.

Sie wussten nichts mehr über ihre Vergangenheit. Vieles war im Laufe der Jahrhunderte verloren gegangen, Wissen, das ihnen vielleicht aus ihrer Misere hätte helfen können. Antion musste sehen, dass seine Haltung falsch gewesen war.

Leander suchte noch einmal den Kontakt zu seinen Soldaten und gab ihnen den Auftrag, zurückzukehren, wenn auch sie nicht mehr weiter konnten. Sie sollten den Platz nur so weit vorbereiten, dass mit Gerätschaften morgen gegraben werden konnte.

Sie trafen zur gleichen Zeit beim Gebäude ein, wie Zag und Christian. Leander gesellte sich zu ihnen, weil er noch die Wacheinteilung mit ihnen besprechen wollte. Auch wenn ihnen hier wohl keine Gefahr drohte, so war es nie verkehrt, vorsichtig zu sein. Erdogan suchte die beiden Brüder, weil er wissen wollte, ob Thom etwas gefunden hatte, was ihnen nutzen konnte.

„Die Solareinheiten sind völlig hinüber“, grummelte der Techniker, der immer noch auf dem Dach hockte und schraubte. Daniel sah – wie Erdogan auch – durch eine Luke zu ihm und assistierte. „Wenn die Lieferung noch nicht gestartet ist, sollen sie noch eine mobile Elektrizitätseinheit dazu packen. Hier ist nicht mehr viel zu retten. Teile der Kabel sind noch intakt aber marode. Die Zeit nagt eben an allem, was nicht gewartet wird.“ Dabei wischte sich Thom über das Gesicht. Seine Erkenntnisse waren unbefriedigend.

„Wird gemacht. Brauchst du sonst noch etwas?“ Erdogan nahm Kontakt auf und als Thom mit dem Kopf schüttelte, gab er dessen Bestellung durch. Wahrscheinlich würde sich erst nach und nach zeigen, was sie alles noch brauchten. Das konnte dann mit den normalen Versorgungslieferungen gebracht werden. „Ist sonst noch irgendetwas brauchbar?“

„Es ist schon viel wert, dass nach all den Jahren die Häuser noch bewohnbar sind“, sagte Thom. Die Kuppel hatte alles, was sich in ihr barg, gut geschützt. Die Witterung wurde geregelt, es regnete nicht mehr so häufig wie früher, aber die Wettereinheit funktionierte noch. Das allein war erstaunlich. Wenn sie Zeit hatten, wollte sich Thom das genauer ansehen – im Augenblick aber kam er nicht dazu.

„Wir haben ein Dach über dem Kopf und Türen, die wir zu machen können. Viel mehr Luxus gibt es erst einmal nicht.“ Denn selbst das fließende Wasser funktionierte nicht mehr. Die Leitungen waren marode und so blieb nur der Regen oder die regelmäßige Versorgung mit Wasser. Es sei denn es gelang ihnen, die Leitungen in den Tunneln zu reaktivieren. Doch das ging nicht von heute auf morgen, weil alte Kuppeln von der Versorgung getrennt wurden, um die Ressourcen zu schonen.

„Na wenigstens etwas.“ Zufrieden war Erdogan nicht, aber er hatte damit gerechnet. Mussten sie sich die nächsten Tage eben ein wenig einschränken. Das war aber nichts, was bedenklich war. Alles lief so, wie es sollte und Thom hatte alles im Griff, deshalb brauchte Erdogan sich nicht weiter darum kümmern. „Daniel könntest du dir nachher meine Wunde ansehen? Ich spüre zwar nichts Ungewöhnliches, aber ich habe mich heute viel bewegt und ich habe meinem Arzt versprochen, dass ich mich untersuchen lasse“, fragte er den Arzt.

„Ja, sicher.“ Daniel war froh, dass der Prinz das Thema selber angesprochen hatte. Er hatte schon überlegt, wie er ihn hätte dazu bewegen sollen, sich untersuchen zu lassen, denn diesen Auftrag hatte Doktor Denester ihm mit auf den Weg gegeben und Daniel dafür verantwortlich gemacht, dass keine Schäden zurück blieben.

„Erdogan!“, rief Leander durch das Haus, denn was Jack zu erzählen hatte, sollte sich auch der Prinz anhören.

„Komme.“ Erdogan nickte Daniel zu und machte sich wieder auf den Weg nach unten. „Was gibt es denn?“, fragte er, als er Leander gefunden hatte. „Hat Jack den Tunnel wirklich gefunden?“ Leander nickte und grinste.

„Wenn der Tunnel hier nicht irgendwo eine unerwartete Biegung macht, führt er genau zu Great Captains Island.“

„Na das hört man doch gern.“ Neugierig kam Erdogan näher und war positiv überrascht, wie gesprächig Jack werden konnte, wenn er nur das richtige Thema hatte. Hastig erklärte er dem Prinzen das, was er Leander heute schon beigebracht hatte, damit der Prinz die Bilder auf dem Schirm deuten konnte.

„Hier ist überall massives Gestein unter dem Beton“, erklärte Jack, „das hier ist der Hohlraum. Wir sind extra weit davon abgegangen um sicher zu gehen ,dass wir nicht aus Versehen auf ein Höhlensystem gestoßen sind, aber der Hohlraum ist der einzige und er ist schmal und lang – er führt in die Richtung, in der die Insel liegen muss, wenn die alte Karte stimmt. Wir sind unserem Ziel also ein ganzes Stück näher und müssen wohl auch nicht schwimmen.“

„Gut gemacht.“ Erdogan klopfte Jack auf die Schulter. Jetzt wo er wusste, dass sie ihrem Ziel ziemlich nah waren, wurde er ungeduldig und er verfluchte den Umstand, dass sie bis morgen warten mussten, bis sie mit dem Graben anfangen konnten. Er war noch nie sehr geduldig gewesen und hier wurde er gerade auf eine große Probe gestellt.

„Sollen wir schon mal ein bisschen mit den Händen buddeln?“, konnte sich Leander deswegen auch nicht verkneifen und ging wieder auf Abstand, lachte aber leise, weil Jack ebenfalls grinste. Sie hatten den Prinzen schon lange durchschaut und so war das eben, wenn man Schwächen zeigte: Sie wurden hemmungslos ausgenutzt.

„Idiot“, knurrte Erdogan, grinste aber. Leander hatte ihn von Anfang an schnell durchschaut. Deswegen waren sie wohl auch Freunde geworden. Erdogan konnte ihm nichts vormachen und da war es besser den Soldaten zum Freund, als zum Feind zu haben. Später, wenn er nicht mehr der Prinz, sondern der Fürst war, bekam Leander wohl die Rolle des Beraters.

„Wir können auch Stöcke nehmen, das schont die Nägel“, schlug Leander lachend vor und duckte sich, als eine Faust in seine Richtung geschossen kam. Jack beäugte die beiden nur nebenbei, er war immer noch dabei, seine Daten auszuwerten. „Ich geh noch mal zurück“, sagte er und erhob sich. Leander sah ihn fragend an und ehe der Soldat ihm wieder auf die Nerven ging, gab Jack bereitwillig Auskunft: „Vielleicht liegt der Eingang zum Tunnel hier in der Kuppel und wir müssen nicht graben. Es macht keinen Sinn die Labore zu überkuppeln und dann den Eingang draußen zu lassen. Das macht einfach keinen Sinn!“

Interessiert sah Erdogan ihn an und ließ sogar Leander los, den er in den Schwitzkasten genommen hatte. „Da könnte was dran sein“, murmelte er grinsend und zog Leander mit sich hinter Jack her. Das wollte und konnte er sich nicht entgehen lassen. Wenn der Eingang wirklich hier war, fanden sie ihn auch. „Wie willst du ihn finden?“, fragte er neugierig.

„Was soll denn diese Frage?“, knurrte Jack. Das war wieder der Jack, den sie kannten.

„Mach es nicht so spannend“, sagte Leander ungerührt, „sonst fange ich wieder an zu nerven und du weißt, wie gut ich darin bin.“ Er rieb sich ein bisschen den Hals und gab Zag und Christian die Aufgabe, auf die Brüder aufzupassen, während sie sich noch einmal auf die Spur machten.

„Ich werde zu der Stelle gehen, wo wir den Tunnel gefunden haben und mich dann vom Wasser weg bewegen. So einfach.“ Jack zuckte die Schultern. Blöde Frage.

„Oh…äh…ja logisch“, murmelte Erdogan und kam sich gerade ein wenig dämlich vor. Da hätte er auch selber drauf kommen können. Leander schien das auch zu finden, denn er lachte leise. Erdogan verkniff es sich, ihn böse anzugucken, denn das würde seinen Freund noch mehr dazu bringen ihn aufzuziehen. „Gut, dann machen wir das so und hoffen, dass es den Eingang hier auch gibt.“

Sie packten noch etwas Proviant zusammen, griffen sich die Technik und riefen den beiden Brüdern auf dem Dach noch einen Gruß zu, ehe sie sich wieder auf den Weg machten. Sie bewegten sich schon relativ sicher durch die Bäume und Sträucher und hatten die Stelle, die sie gemeinsam bereinigt hatten, schnell gefunden. „Dort geht es zum Wasser“, erklärte Jack, ehe noch jemand dumm fragte, warum er jetzt genau in die andere Richtung arbeiten wollte. Sie hielten es wie vorhin: er lief seinem Instinkt folgend und Leander kontrollierte auf dem Monitor die Anzeige.

Erdogan kam sich ein wenig überflüssig vor, aber er sagte nichts und folgte den beiden einfach nur. Anscheinend waren Jack und Leander ein recht gutes Team, so wie sie zusammenarbeiteten. Sie liefen eine Weile und Erdogan wurde unruhig. Das Ende der Kuppel war nicht mehr allzu weit entfernt. Wenn der Eingang nicht bald kam, dann war der Eingang draußen.

Noch hundert Schritte.

Noch achtzig Schritte.

Noch vierzig.

Auch Jack wurde langsam unruhig, denn er begriff, was passierte. „So eine Scheiße, verdammte!“, fluchte er und blieb stehen. Es waren noch zehn Schritte bis zur Wand, zu wenig um einen Eingang zu verbergen, doch er ging auch die letzten Schritte noch. Hatten sie unterwegs einen Abzweig übersehen? Lag der Eingang verwinkelt?

Aber das wäre ihm aufgefallen. Trotzdem ging er noch einmal zurück und überprüfte noch einmal den Tunnelverlauf. Erdogan und Leander folgten ihm schweigend. Sie hofften, dass sie etwas fanden, aber im Grunde wussten sie, dass es da keinen Abzweig gab.

„Müssen wir morgen eben graben“, bestimmte Erdogan, als sie wieder an ihrem Ausgangspunkt waren. Sie hatten einen Rückschlag erlitten, aber davon ließen sie sich nicht aufhalten. Es hatte aber den Vorteil gebracht, dass sie sich die Zeit vertrieben hatten, jetzt genau wussten, dass draußen der Eingang zum Tunnel war und sie ihn vielleicht als Ausgang benutzen konnten, wenn sie nach draußen gingen. Denn eine andere Kuppel zu öffnen, kam nicht in Frage. So war es eigentlich nicht ganz so niederschmetternd. Sie konnten diese Kuppel als Stützpunkt ausbauen. Das war viel wert.

„Ich schlage vor, wir essen noch etwas und ruhen uns dann aus“, sagte Leander. Er wusste, dass sowohl Jack als auch der Prinz sofort anfangen wollten, wenn die Geräte da waren. So wie der Konvoi vorankam, hatten sie noch acht Stunden - er würde mitten in der Nacht die Kuppel erreichen.

Erdogan und Jack nickten und nachdem Jack ihnen von seiner Idee mit dem Ausbau der Kuppel erzählt hatte, planten er und der Prinz, was zu machen war. Als erstes mussten sie den Weg hierher wieder in Schuss bringen, um die Kuppel einfacher erreichen und mit Material versorgen zu können. Gerade diskutierten sie, wie sie dabei vorgehen sollten, denn das fiel eindeutig in das Gebiet des Geologen, was den Prinzen aber nicht daran hinderte, seine Meinung dazu zu sagen.

„Ich habe die Zusage meines Vaters, mit der Kuppel zu machen, was ich für richtig halte.“ Erdogan hatte vorhin schon einen kurzen Anruf getätigt, um zu berichten, was sie herausgefunden hatten. Antion wusste noch nichts von dem Tunnel und war deswegen leichtfertig davon überzeugt gewesen, dass es eine Sackgasse war und es war ihm leicht gefallen, Erdogan da ein paar Zugeständnisse zu machen. Erdogan zu unterschätzen, war ein Fehler gewesen, doch das konnten der Fürst und vor allem sein Berater nicht wissen.

„Sobald der Transport morgen da ist, bekommen sie von mir die Order für den Tunnelausbau. Wir brauchen Wasser aus dem Ringsystem und wir benötigen Energie. Alles andere ist nebensächlich.“

„Das wird erledigt.“ Erdogan nickte zu den Forderungen. Der Geologe redete nicht lange drum herum, sondern kam gleich auf den Punkt. „Irgendwelche Vorschläge, wer sich um die Tunnel kümmern soll. Ich fordere ihn dann gleich an.“ Leander hatte die Aufgabe bekommen, Thom beizubringen, dass er sich um das Energieproblem kümmern musste. Da war er der Beste, den sie kriegen konnten. Er hatte die Freiheiten bekommen zu bestellen, was immer sie brauchten und wer auch immer dafür der beste war. Er sollte sich dabei auf den Prinzen berufen.

„Als erstes müssen die Tiefbauer in die Verbindungstunnel. Räumen, ausbessern, befahrbar machen. Dann die Wassertechniker. Sie müssen die Rohre neu legen und die Elektriker müssen sich um die Kabel kümmern. Die sollen sich selber koordinieren. Dafür haben wir keine Zeit. Sie sollen nur dafür sorgen, dass der Tunnel in vier Tagen einsatzbereit ist.“ Jack wusste, dass das nicht machbar war, doch das hieß ja noch lange nicht, dass man es nicht fordern konnte. Wenn man zu wenig verlangte, bekam man auch zu wenig.

Jetzt, wo alles langsam in Gang kam, war Erdogan zufriedener. Ihr Projekt lief an und es wurde greifbarer für ihn. Momentan konnten sie nichts weiter tun, darum machten sie das, was sie gerade beschlossen hatten. Sie aßen noch etwas und ruhten sich aus. Selbst Jack verzichtete darauf, weiter an seinem Laptop zu sitzen und schlief, schließlich lag die Verantwortung für die Bohrung morgen bei ihm.

Daniel hatte aus mitgebrachten Decken und Gras ein Lager gerichtet. Es war nicht viel, aber besser als der blanke Boden allemal. Sie hatten Glück, dass es nicht kalt war, so reichte, was sie hatten und sie brauchten kein Feuer im alten Kamin zu machen. Denn keiner wusste, ob der Abzug noch intakt war.

Nach und nach fielen sie auf das Lager und ein paar träge Gespräche schlossen den Abend, während Erdogan noch ein bisschen auf Meodin aufpasste.