Du befindest Dich hier: Geschichten > Geschichten frei bis 16 > Britta & Fich > Terra 3.0 > Terra 3.0 - Zyklus I - Neo New York - Teil 5 - 8

Terra 3.0 - Zyklus I - Neo New York - Teil 5 - 8

05

Aufmerksam beobachtete Meodin die Wissenschaftler aus halb geschlossenen Augenlidern, wie sie vor seiner Röhre hin und her liefen. Man sah ihm das nicht an und sie wussten nicht, dass er sie studierte, sondern glaubten, dass er nur schlief oder vor sich hin döste. Er war eben nur ein Ding, das sie nicht verstehen konnte, aber da irrten sie sich gewaltig. Er hatte seine Zeit genutzt zu lernen.

Anfangs war es nicht leicht gewesen zu begreifen, was die Laute bedeuteten, die sie von sich gaben. Aber nach und nach machten sie Sinn und Meodin hatte sich ihre Bedeutung erschlossen und somit den Schlüssel zur Kommunikation. Er verstand nicht alles, vieles machte für ihn keinen Sinn, am wenigsten warum er und seinesgleichen hier waren. Er wusste nur, dass er das Alpha-Männchen nicht mochte. Es sah ihn so komisch an und dessen gierige Augen machten ihm Angst. Deswegen stellte er sich oft dösend, damit der Mann nicht vor dem Tank stehen blieb und ihn ansah. Das stellte ihm die Rückenflosse auf. Und warum hatte der Kerl davor eigentlich keine?

Er hatte schnell herausgefunden, dass er sie anlockte, wenn er sich bewegte und dann holten sie oft irgendwelche Apparaturen und piesackten ihn damit. Sie jagten manchmal Blitze durch seinen Körper, dass es schmerzte oder stellten andere unangenehme Dinge mit ihm an. Auch dass die Schläuche, die am Rücken in seinen Körper führten nicht nur Gutes bedeuteten, hatte er schon erfahren, doch er konnte sie nicht entfernen, ohne sich selbst Schmerz zuzuführen. Es war ja nicht so, als hätte Meodin das nicht schon versucht.

Da, schon wieder einer. Was hastete der denn so hektisch durch den Raum? Eigentlich ging es hier immer ziemlich ruhig zu, aber heute hatte der Schwarzhaarige einen roten Kopf und rannte wie ein Hase. Das machte Meodin neugierig und er öffnete die Augen etwas weiter, um besser sehen zu können.

Er folgte dem Mann mit dem Blick und konnte sehen, wie alle um einen der anderen Tanks herumstanden. Viel konnte er nicht sehen, denn sie versperrten ihm den Blick auf das Innere des Tanks. Das Alpha-Männchen gestikulierte wild und Meodin beschlich ein komisches Gefühl. So, wie sich alle benahmen, lief etwas schief.

Unauffällig ließ er sich dichter an das Glas treiben und er stieg etwas auf, doch er konnte noch immer nicht viel sehen. Dann lief einer der Männer zu einem zweiten Tank. Was war mit seinen Artgenossen? Meodin beschlich Angst. Die Panik übertrug sich auf ihn. Seine Finger legten sich gegen das Glas, er riss die Augen weit auf. Und niemand interessierte sich für ihn, auch als sie ihn am Glas bemerkten.

Das war noch nie passiert.

Mittlerweile standen Männer vor allen Tanks und gestikulierten heftig, nur nicht vor seinem. Aber jetzt konnte Meodin endlich etwas sehen und das ließ ihn panisch werden. Zwei seiner Artgenossen zuckten in ihren Behältern. Das war ungewöhnlich, denn normalerweise bewegten sich die anderen kaum, besonders, seit man sie hierher gebracht hatte. Was war da los? Meodin stieg auf und ab, stieß sich vom Glas weg und kam wieder näher.

Verdammt, was war da los?!

Waren die verrückt?

Warum öffneten die den Tank!

Das Wasser schlug den Wissenschaftlern entgegen und keinen schien das zu stören. Sonst war schon großes Hallo, wenn ihnen etwas auf den Kittel kleckerte und jetzt waren sie nass von oben bis unten und keiner störte sich daran. Doch auch Meodin war das schlagartig egal, als Unit 2 auf den Boden schlug.

Mit aufgerissenen Augen sah er auf den leblosen Körper, der merkwürdig verrenkt auf dem Boden lag. Was war da los? Warum wurden die Apparate abgestellt?

Meodins Herz schlug schnell und hart in seiner Brust.

Da stimmte etwas nicht.

Warum wurden nun auch die anderen Tanks geöffnet?

Ein Körper nach dem anderen schlug auf dem Boden auf und spritzte das knöcheltiefe Wasser beiseite. Der Abfluss im Boden des Labors war für die anfallenden Mengen einfach zu schwach.

„Scheiße, verdammte“, hörte Meodin das Alpha-Männchen schimpfen, „fast ein Jahr Arbeit umsonst wegen diesen blöden Angriffen.“ Sein Blick ging testend zu Unit 1 und Meodin stieß sich vom Glas ab.

Nein!

Sie sollten ihn nicht auch aus dem Tank holen – er wollte nicht leblos am Boden liegen.

Wo war der Fremde?

Er hatte versprochen, ihn zu besuchen. Vielleicht konnte der ihn retten, denn das Alpha-Männchen schien Angst vor dem Fremden zu haben.

Meodin hastete in seinem Tank hin und her, schlug hart gegen die Wand. Es war nicht seine Absicht die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, doch er tat es.

Er versuchte sich vor den Blicken des Mannes zu verstecken, aber das ging nicht. Meodin hastete in seinem Tank hin und her und merkte noch nicht einmal, wie sich sein Gesicht in Panik verzog. Seine Nägel kratzten über das Plexiglas seines Behälters und er sah sich hektisch um. Durch seine unkontrollierten Bewegungen, verhedderten sich die Schläuche, die an seinem Körper befestigt waren und schickten Schmerzwellen durch seinen Körper. Doch Meodin konnte sich nicht bremsen. Immer wieder sah er auf die Körper, die hektisch weggeschafft wurden. An den Beinen gegriffen schleiften die Männer die Units über den Boden. Rote Flüssigkeit mischte sich mit dem abfließenden Wasser und Meodin war klar, dass das nichts Gutes bedeutete.

„Scheiße, noch mal!“ Bill war fertig mit dem Tag. Hatte es nicht gereicht dass die jungen Units Schaden genommen hatten? Verloren sie jetzt auch noch den Prototypen? Abgesehen von der Arbeit, die in dem Experiment steckte, der Prinz dürfte ihn einen Kopf kürzer machen, wenn dem blöden Ding etwas passierte.

„Verabreicht ihm Beruhigungsmittel, das blöde Seepferd bringt sich noch selber um!“

Die Kontrollleuchten blinkten hektisch und zeigten an, dass der Körper im Tank kurz vor einem Kollaps stand. Das Herz schlug viel zu schnell und der Blutdruck stieg. „Los“, bellte er seinen Assistenten an, der unschlüssig neben ihm stand. Die Units reagierten nicht gut auf Beruhigungsmittel und darum bekamen sie diese nur im Notfall, und genau so einen hatten sie jetzt. „Verdammte Scheiße“, fluchte Bill schon wieder und griff sich einen seiner Männer.

„Los, holt den Prinz her. Er muss Unit 1 beruhigen, wenn er nicht will, dass es drauf geht.“

Meodin nahm nichts mehr um sich herum wahr. Er sah nur noch Lichtblitze vor seinen Augen. Er merkte nicht, dass sein Kopf immer wieder gegen die Wand schlug, spürte nicht die Wunde, die sich über seinem Auge bildete. Er wollte das alles nicht mehr, wollte weg, auch wenn er nicht wusste wohin.

Was war mit den anderen passiert?

Warum?

Angst hatte ihn fest im Griff, das Denken setzte aus und Instinkte fingen an, sich des Körpers zu bemächtigen.

Bill wischte sich immer wieder über den Nacken und behielt die Kontrollen im Auge. Alle Werte näherten sich dem kritischen Bereich. Er mochte sich gar nicht vorstellen, was für einen Tanz der Prinz aufführte, wenn Unit 1 auch noch einging. Nicht nur, dass er sich beim Fürsten für das Versagen des Experiments verantworten musste, Erdogan brachte es fertig und machte seinen Kyle zum Witwer. Er wusste nur zu gut, dass der Krieger zu seinem Wort stand und wenn der Kerl eines wirklich gut konnte, dann war das mit Waffen umgehen.

Vielleicht war es ja ein schneller Tod.

„Idiot!“, knurrte Bill sich selber an und trieb seine Leute an die toten Körper wegzuschaffen. Vielleicht kam Unit 1 wieder zu sich, wenn er merkte, dass ihm nicht das gleiche Schicksal drohte. Es war zum Verzweifeln. Der Sauerstoffmangel durch den Stromausfall hatte die Körper so stark beschädigt, dass die Körperfunktionen nach und nach versagten. Da war nichts mehr zu machen. Es war pures Glück gewesen, dass sie Unit 1 umgebettet hatten.

Bill trat näher an die Röhre, machte aber gleich wieder einen Schritt zurück, als Meodin vor ihm zurückzuckte und wieder mit dem Kopf gegen die Scheibe schlug. Verdammt, wo blieb denn nur der Prinz? So langsam wurde es bedenklich und die Betäubungsmittel zeigten keine Wirkung. Sie hatten erst mit einer schwachen Dosis angefangen, aber so aufgeputscht wie Unit 1 war, wirkte sie nicht.

Blutschlieren zogen sich durch das Wasser und Bill sah langsam keine andere Möglichkeit mehr als die Dosis derart zu erhöhen, dass es besorgniserregend werden könnte. Das war keine Option. Das Objekt war zu wertvoll, es war das einzige, was sie noch hatten, nachdem die anderen vier Units ausgefallen waren.

„Komm wieder zu dir, blödes Seepferd“, knurrte er und beobachtete Unit 1 nur noch von weitem. Doch es änderte sich nicht viel, denn Unit 1 zuckte immer noch verstört hin und her.

Man konnte es schon rot im Kalender anstreichen, wenn er einmal froh darüber war, dass der Prinz bei ihm im Labor aufkreuzte. „Endlich“, brummte er leise und zuckte leicht, als der wütende Blick Erdogans ihn traf.

„Was ist hier los?“, verlangte der Prinz zu wissen und hastete zum Tank.

„Die anderen Units sind tot und es hat angefangen durchzudrehen“, fasste Bill die Ereignisse kurz zusammen und wusste nicht, ob er überhaupt gehört wurde, denn Erdogan stand vor dem Tank und klopfte leise.

„Beruhige dich, dir wird nichts geschehen“, flüsterte er dabei und versuchte Meodin auf sich aufmerksam zu machen.

Eins, zwei, drei – Pause – eins, zwei.

Eins, zwei, drei – Pause – eins, zwei.

Und noch einmal.

Besorgt beobachtete er Meodin. Was war nur passiert, um ihn so an den Rand der Vernunft zu treiben. Und dann kamen Frankensteins Worte in seinem Hirn an. „Die anderen Units sind tot? Was soll das denn bitte heißen?“ Erdogan wandte seinen Blick zu Bill Harper und musterte ihn. Der Mann durfte auf seinem Gesicht ruhig lesen, was er ihm unterstellte.

„Durch den Stromausfall waren die Körper zu lange ohne Sauerstoff. Die Hirnschädigungen waren zu groß, jetzt haben die Organe versagt“, erklärte Bill aber ungerührt. Er wusste, was die meisten von seinem Job hielten. Aber verdammt, einer musste ihn ja machen!

„Ich will nachher alle Auswertungen und Berichte sehen.“ Erdogan traute Frankenstein nur so weit, wie er spucken konnte und das war nicht weit. Wenn der da was dran gedreht hatte, dann war er fällig. Aber darum musste er sich später kümmern, jetzt war erst einmal wichtig, dass Meodin sich beruhigte. Immer wieder klopfte sein Finger den gleichen Rhythmus – stetig und ausdauernd.

„Meodin, bitte“, flüsterte er und versuchte immer wieder Blickkontakt herzustellen. Bill beobachtete die beiden nur und hielt sich im Hintergrund. Er hatte begriffen, dass er nicht derjenige war, auf den Unit 1 mit Freuden reagierte. Doch er hob eine Braue, als die Anzeigenwerte wirklich langsam abfielen. Es war erstaunlich, wie dieses Seepferd auf den Prinzen reagierte. Es schien, als würde es das Klopfen beruhigen und dann sah es Erdogan an.

Es dauerte drei Herzschläge, bis Meodin begriff, dass der Fremde endlich da war und so schoss er auf ihn zu. Seine Hände legten sich auf das Glas und seine Augen blickten voller Angst. Noch immer blutete die Wunde an seinem Kopf.

Erleichtert sah Erdogan Meodin an und lächelte. „Du musst keine Angst haben. Dir wird nichts passieren“, flüsterte er beruhigend und legte seine Hände auf die Meodins. Ein wenig besorgte ihn die Wunde, die gar nicht aufhören wollte zu bluten. Das tat sie wohl schon eine Weile, denn den ganzen Tank durchzogen die blutigen Schlieren. „Er ist verletzt. Was können wir machen, um die Wunde zu schließen?“, fragte er an Bill gewandt, ohne Meodin aus den Augen zu lassen.

„Sie haben eine erstaunliche Selbstheilung. Ich würde noch ein paar Minuten warten. Sollte es dann nicht aufhören und die Gerinnung nicht einsetzen, werden wir den Tank öffnen müssen. Das würde ich allerdings gern vermeiden, weil ich nicht weiß, wie es darauf reagieren wird.“ Und damit meinte Bill nicht nur körperlich sondern vor allem mental. Wenn Meodin mit dem Öffnen der Tanks den Tod der Units verband, dürfte das kontraproduktiv sein.

„Hm.“ Begeistert war Erdogan von der Antwort nicht, denn darin gab es zu viele wenns. Sanft strichen seine Finger über das Glas und Meodin ahmte die Bewegung nach. „Dir passiert nichts“, murmelte er immer wieder und hoffte, dass das auch stimmte. Dabei sah er Bill über das Spiegelbild im Tank intensiv an, bis der begriff, was der Blick heißen sollte und schweigend nickte. Wie oft musste er denn noch beteuern, dass mit dem Seepferd nichts passierte, wenn der Prinz nicht dabei war. Er hatte gerade weiß Gott andere Sorgen.

Meodins Puls hingegen wurde langsam wieder gesünder und das langsamer fließende Blut ließ die Blutgerinnung wirklich einsetzen, wie Erdogan zufrieden bemerkte. Er löste nicht den Blick und Meodins Augen ließen ihn alles um sich herum vergessen, sogar den Schmerz in der Seite, weil er überhastet hier her gekommen war. Eigentlich war er gerade auf dem Weg zu seinem Vater gewesen um zu testen, wie der zu einer Expedition stand.

Leander war nicht begeistert gewesen, aber das hatte Erdogan ignoriert. Es war gut, dass er hergekommen war, denn Meodin schien vollkommen außer sich gewesen zu sein. „Du hattest Angst, dass dir das Gleiche passiert wie den anderen Units? Das wird es nicht. Du bist vollkommen gesund.“ Meodin sollte keine Angst mehr haben und wieder lächeln. Erdogan wollte ihn so gern in den Arm schließen, doch er wagte nicht zu fragen, wann es endlich so weit sein konnte. Nicht jetzt, das war der denkbar ungeschickteste Augenblick.

Allmählich wurde Meodin wieder gefasster. Er trieb im Wasser etwas auf und ab und seine Hände lagen weiter auf denen von Erdogan. Er fühlte sich schon besser, ohne zu wissen warum. Allein die Nähe und die ungeteilte Aufmerksamkeit, die der Fremde ihm gab, genügte.

Er zuckte aber trotzdem zusammen, als neben dem Fremden noch ein Mann auftauchte und ihn ansah. „Ganz ruhig. Er ist ein Freund“, sagte Erdogan schnell. „Sein Name ist Leander.“ Langsam kam Meodin wieder näher und legte den Kopf schief. Das war keiner der Männer, die er bisher schon einmal hier gesehen hatte.

„Was war los“, wollte Leander wissen, denn Erdogan war ohne ein Wort verschwunden. Er hatte einen Anruf entgegen genommen und war dann einfach umgekehrt. Er hatte nichts gesagt, nur geflucht und Leander hatte es irgendwie im Gespür gehabt, dass das nur mit diesem Seepferd zu tun haben konnte. Nichts anderes brachte Erdogan dazu, seine Pflichten zu vernachlässigen. Wenn das so weiter ging, musste er sich einmischen, doch erst einmal studierte er das Wesen, das ihn auch musterte.

„Einer von Frankensteins Leuten hat angerufen, dass Meodin eine Panikattacke hat. Sie hatten Angst, dass er stirbt. Er hat mit angesehen, wie die anderen Units gestorben sind. Sie haben gehofft, dass ich ihn wieder beruhigen kann.“ Dass es funktioniert hatte, konnte sein Freund ja jetzt sehen. Meodin beobachtete ihn neugierig und schien ihn immer wieder mit Erdogan zu vergleichen, so wie er zwischen ihnen hin und her sah.

„Aha“, machte Leander und betrachtete das Experiment immer noch. Es sah bestimmt nicht mehr panisch aus, aber die Wunde über dem Auge erzählte eine andere Geschichte. Er sah sich um, der Fußboden war noch feucht und die Tanks hinter ihm leer. Er wusste, dass er sich heute Abend die Aufzeichnungen der Überwachungskameras reinziehen würde. „Kommst du wieder mit? Oder bleibst du hier“, fragte er unterkühlt, denn er ahnte, dass er das Gespräch mit Fürst Antion jetzt allein durchstehen durfte.

Erdogan wechselte einen Blick mit Meodin und atmete tief durch. „Gib mir ein paar Minuten, dann gehen wir zu meinem Vater“, entschied er. „Meodin, ich muss zum Fürsten“, erklärte er ihm und lächelte entschuldigend. „Dir wird nichts passieren. Du bist hier sicher. Ich kann dich immer sehen.“ Erdogan zeigte auf die Überwachungskameras. „Ich komme später noch einmal wieder und dann können wir uns noch ein wenig unterhalten.“

Man sah Meodin sehr deutlich an, dass er von der Idee, allein gelassen zu werden, nicht begeistert war und innerlich musste Leander grinsen, obwohl er es nicht wollte. Wenn es wirklich so kam, wie Erdogan sich das vorstellte und er Meodin bei sich behalten konnte, dann hatte er sich eine ziemliche Diva an Land gezogen, denn er wandte sich gerade enttäuscht ab.

Und was tat der Prinz?

Er ging um den Tank herum und suchte Meodins Einverständnis, gehen zu dürfen. Leander schüttelte den Kopf und ging schon einmal vor, sicher war es Erdogan nicht recht, wenn er ihn dabei beobachtete.

„Meodin“, murmelte der Prinz und sah ihn bittend an. „Ich bin nun mal der Oberbefehlshaber der Armee und muss mich darum kümmern, dass wir für neue Überfälle gerüstet sind. Ich muss dafür sorgen, dass du und alle Menschen, die hier leben, sicher sind.“ Erdogan hoffte, dass Meodin das verstand und sich jetzt nicht wieder von ihm abwandte. Und er hatte Glück. Zumindest stieß er sich nicht gleich wieder vom Glas ab, doch er sah Erdogan forschend an. So wie der Fremde ihn ansah, schien es wichtig zu sein, dass er ging und es war ihm wichtig, dass Meodin das verstand. Also nickte er und legte noch einmal die Hände an das Glas. ‚Komm wieder’ formten seine Lippen.

Ihm antwortete ein Lächeln und Erdogan nickte. „Ich verspreche es“, flüsterte er noch und klopfte einmal ihr Erkennungszeichen. Er wollte nicht gehen, aber Leander hatte Recht, er war der Prinz und konnte nicht einfach tun, was er wollte. Er wandte sich ab und sah dann doch noch einmal zurück. Dabei fiel ihm etwas ein, was Meodin noch gar nicht wusste, weil er es einfach vergessen hatte. „Mein Name ist Erdogan“, sagte er noch und ging dann wirklich.

Meodin winkte ihm vorsichtig hinterher, dann schloss er wieder die Augen. Er wollte Ruhe und er hoffte, dass das Alpha-Männchen ihn für eine Weile in Ruhe ließ. Er hatte heute viel durchgemacht und er musste verarbeiten, was er gesehen hatte. Doch die Bilder ließen ihn einfach nicht los.


06

„Drück die Daumen, dass sein Berater nicht schon wieder die Fronten verhärtet hat. Die Fakten kann er jetzt einfach nicht mehr ignorieren“, sagte Leander und knurrte Erdogan an, der sich hinter das Steuer setzen wollte. Brav gehorchte der Prinz und huschte auf den Beifahrersitz, er hatte von seiner zugestandenen Stunde Ausgang schon mehr verbraten als ihm lieb war. Wenn Doktor Denester das erfuhr, brannte wieder die Luft.

„Dieser senile Greis soll mir bloß nicht in die Quere kommen“, knurrte Erdogan. Er ließ sich diese Chance nicht entgehen, seinem Vater endlich einmal klar zu machen, dass es ein Fehler gewesen war, den Kopf in den Sand zu stecken und darauf zu bauen, dass da draußen nichts mehr lebte. Seit Jahren hatte er vor so einem Überfall gewarnt, aber war ignoriert worden. Jetzt konnte sein Vater nicht mehr die Augen verschließen. Nicht vor den toten Dingern, nicht vor den Aufnahmen und nicht vor den Augenzeugenberichten. Sie hatten das Labor verloren, das war ein herber Rückschlag und sie mussten jetzt reagieren, jetzt – nicht morgen.

„Drück auf die Tube, wenn Jefferson noch da ist, kann ich ihm gleich das Herz rausreißen – ich bin in der Stimmung“, knurrte Erdogan und fischte Salcedo vom Armaturenbrett.

Das war der Prinz, den Leander kannte. Kampfbereit und streitbar. Was hatte er sich schon für Wortgefechte mit dem Berater des Fürsten geliefert und oft war Erdogan als Sieger hervorgegangen. Nichts erinnerte mehr an den Mann, der vor einem Tank gestanden und Süßholz geraspelt hatte. War dem Prinzen endlich klar geworden, dass sein Meodin ihn nicht bei seinen Aufgaben behindern durfte? Das würden sie wohl erst sehen, wenn das Experiment beendet war und Meodin den Tank verließ. Aber so weit waren sie noch nicht und es konnte noch einiges schief gehen. Leander versuchte zu ignorieren, dass Erdogan auf dem kleinen Monitor im Armaturenbrett die Überwachungskamera des Labors betrachtete, denn mit den Gedanken war der Prinz bei ihrem Vorhaben.

„Ich werde nicht gehen, bevor ich nicht sein okay bekommen habe. Und sollte er sich doch verweigern, dann sage ich mich von ihm los. Noch hat er das Kriegsrecht nicht aufgehoben“, knurrte Erdogan. Er würde nicht mehr zurückstecken. Zu verletzlich waren sie geworden und die Dinger, die sie angegriffen hatten, waren weit im Vorteil und entschlossen. Sie mussten wieder aufschließen.

„Das willst du tun? Du weißt, dass es dann wahrscheinlich kein Zurück mehr gibt? Der Fürst ist nicht gerade für sein Verständnis bekannt, wenn man sich gegen ihn auflehnt.“ Leander wollte sich gar nicht vorstellen, wie das werden würde, aber für ihn war klar, dass er bei Erdogan blieb, egal, wie der sich entschied. Die Streitkraft stand hinter ihrem Befehlshaber, das wusste er.

„Was soll ich machen? Ignorieren, dass draußen vor der Kuppel etwas ist, das uns nicht wohl gesonnen ist? So tun, als wäre nichts passiert? Das geht nicht, Leander. Ich bin nicht einfach nur ein Soldat, ich bin der Prinz und ich muss wissen, was für das Volk gut ist und wenn mein Vater das nicht mehr objektiv beurteilen kann, werde ich handeln müssen.“ Für Erdogan stand sein Entschluss fest, doch er hoffte heimlich, dass seine Mutter dabei war. Sie konnte oft vermitteln.

Schon als er noch klein war, hatte sie den Sturkopf ihres Sohnes vor Strafen gerettet. Im Kopf ging Erdogan seine Argumente durch, mit denen er seinen Vater überzeugen wollte. Eigentlich sollte er diese gar nicht brauchen müssen. Es war doch so offensichtlich, was zu tun war. So verlief der Rest der Fahrt schweigend, nur Salcedo fiepste ab und an leise, weil er gekrault wurde. Und gekrault werden war immer ganz toll. Es geschah nämlich nicht so oft.

„Wünsch uns Erfolg, Glück ist für die Hoffnungslosen“, knurrte Erdogan und erhob sich, als der Wagen auf dem großen Platz vor der Residenz vorgefahren war. Wie jedes Mal sah er an dem Wolkenkratzer nach oben, auch wenn er schon lange nicht mehr die Wolken kratzte, nur die Künstlichen, die das Wetter in der Kuppel regelten.

Es war überliefert, dass die höchsten Häuser Namen hatten. Der Name der Residenz war im Laufe der Jahrhunderte verloren gegangen, nur das Wort Empire war über dem Eingang zu sehen. Die alten Fürsten fanden, dass das genau der richtige Platz für die Residenz war. Erdogan wartete, bis Leander neben ihm war und gemeinsam gingen sie in das Gebäude, das den Regierungssitz und auch die Privatgemächer der Fürstenfamilie enthielt.

Gemeinsam stiegen sie in den Fahrstuhl, der sie in die oberste Etage brachte. Von hier hatten sie den Blick bis zum Rand der Kuppel. Es war ein mulmiges Gefühl, dort zu stehen, auf das Glas zu starren und zu wissen, dass man dort nicht mehr allein war. Sie waren um sie herum und keiner wusste, woher sie kamen. Erdogan tankte noch einmal Kraft, holte tief Luft und sah auf die Stadt hinab. Für diese Menschen musste er kämpfen, sie vertrauten ihm – er hatte keine andere Chance.

„Na los“, murmelte er und stieß sich von der Brüstung ab. Außer der fürstlichen Familie hatte zum Dach niemand zutritt und Leander war auch nur hier, wenn Erdogan noch einmal Ruhe finden musste, ehe er in ein Duell ging.

Festen Schrittes gingen die beiden Soldaten zum Salon des Fürsten. Erdogan mochte es nicht, im Thronsaal mit seinem Vater zu diskutieren, darum hatten sie sich schon vor längerer Zeit darauf geeinigt, die Gespräche, wenn möglich, im Salon zu führen. Die Wachen vor der Tür salutierten und Erdogan nickte ihnen zu. Er war zufrieden, dass seine Truppe perfekt funktionierte. Ihm wurden die Türen aufgerissen und er wurde angekündigt. Zufrieden stellte Erdogan fest, dass sein Vater ihn schon zu erwarten schien. Das war ein gutes Zeichen, er war zu einem Gespräch bereit. Was Erdogan nicht in den Kram passte, war Jefferson, der noch immer neben dem Fürsten saß und selbst jetzt, als der Prinz den Raum betrat, noch zischend auf den Regenten einredete.

„Hoheit, ich grüße euch“, richtete Erdogan das Wort an seinen Vater. An den, der hier eigentlich nichts verloren hatte, verschwendete er kein Wort.

Er wusste, dass das Jefferson zur Weißglut brachte. Zeigte es ihm doch jedes Mal, dass er von Erdogan nicht akzeptiert wurde. „Mutter, schön euch zu sehen“, grüßte Erdogan seine Mutter und ging zu ihr. Formvollendet verneigte er sich vor ihr und küsste sie auf die Wange. Jetzt hatte er schon ein viel besseres Gefühl für das Gespräch.

„Komm, mein Junge. Setzen wir uns an den Tisch“, erklärte sie und begrüßte auch Leander. Sie wusste, dass der junge Soldat noch nicht lange der Vertraute des Prinzen war, doch befreundet waren sie schon ewig. Sie war froh, dass jemand wie Leander ihren Hitzkopf ab und zu abkühlte.

„Erzähl mir doch, was passiert ist, du warst ja dabei gewesen. Dein Vater hält mich von allen Informationen fern, ich soll mich wohl nicht aufregen.“ Sie zwinkerte und jeder wusste, dass sie sich davon nicht aufhalten lassen würde, doch so konnte ihr Mann wieder die Augen verdrehen, weil er so ein schlechter Gatte war und das mochte sie, wie das Kichern zeigte.

Erdogan geleitete seine Mutter zum Tisch und rückte ihr den Stuhl zurecht. „Sie kamen wie aus dem Nichts. Sie sind menschlich oder besser sie waren es einmal. Sie sind mutiert. Sie leben in der Außenwelt und haben einen Weg gefunden mit der Strahlung zurecht zu kommen.“ Er setzte sich an den Tisch neben seine Mutter und wartete, bis alle saßen. „Was hast du vor, gegen die Angreifer zu unternehmen, Vater?“, fragte er dann geradeheraus.

„Ich habe mich mit Jefferson beraten und wir sind übereingekommen dass wir die Kuppel und die Gänge verstärken müssen“, erklärte Antion und Jefferson nickte sehr zufrieden. So weit kam es noch, dass der Prinz über ihn triumphierte. „Ich halte das für eine gute Idee. Wir wissen jetzt, dass Angriffe möglich sind und werden nicht mehr überrascht werden.“ Antion war überzeugt von dem, was er sagte, das konnte man sehen. Wusste er es nicht besser oder hatte er sich bequatschen lassen?

„Sicher, die Idee ist nicht schlecht, Vater, aber das wird nicht ausreichen.“ Erdogan knirschte in Gedanken mit den Zähnen. Hatte er sich doch gedacht, dass der alte Sack Jefferson natürlich seine Zeit genutzt hatte. „Unsere Angreifer sind menschlich und sie sind intelligent. Sie werden sich von verstärkten Mauern nicht aufhalten lassen, wenn sie eindringen wollen. Es wird nur noch mehr Zerstörung geben, weil sie mehr Sprengstoff einsetzen müssen, um zu bekommen, was sie wollen. Wir müssen sie studieren, um eine geeignete Abwehr zu finden und dafür müssen wir Leute von uns rausschicken.“

„Erdogan, du bringst deine Leute nur unnötig in Gefahr. Ich kann deine Neugier auf das Fremde ja verstehen, doch ich glaube nicht, dass es der geeignete Weg wäre, etwas herauszufinden, in dem man seine Männer in den Strahlentod schickt“, sagte Antion und Jefferson neben ihm nickte heftig. „Ihr Vater hat da völlig Recht, junger Prinz. Ist ihnen das Leben ihre Männer weniger wert als die Befriedigung ihrer Neugier? Ich bin entsetzt.“ Die Narbe auf Jeffersons Wange, von der keiner wußte, wo der alte Mann sie her hatte, zuckte, denn er musste sich ein Grinsen verkneifen. Die listigen Augen hinter der kleinen Brille blitzten.

„Vater, wenn wir nicht mehr über die Fremden herausbekommen, dann bringen wir die gesamte Bevölkerung in Gefahr. Wir haben keine wirksame Abwehr gegen sie.“ Erdogan versuchte ruhig zu bleiben, aber es fiel ihm schwer. Jefferson reizte ihn immer bis aufs Blut und der Prinz wusste, dass er verloren hatte, wenn er das zuließ. „Sie dringen in unsere Kuppeln ein und verseuchen sie so. Was glaubst du, was passiert wäre, wenn sie nicht das Labor sondern die Hauptkuppel, oder eine der Agrar- oder Zuchtkuppeln angegriffen hätten? Wir müssen sie stoppen und dazu müssen wir so viel wie möglich über sie herausfinden.“

„Was nutzt es euch denn, die Zeit mit Studien zu verschwenden? Ich glaube nicht, dass sie euch berichten würden, was sie vorhaben und welche Waffengattungen sie nutzen“, versuchte Jefferson das Gespräch ins Lächerliche zu ziehen, denn er musste mit allen Mitteln vermeiden, dass das Thema weiter verfolgt wurde. Winzige Schweißperlen traten ihm auf die Glatze und er wischte sich hastig mit einem Tuch aus einem Ärmel darüber.

„Jefferson hat Recht. Raus zu gehen und sie zu studieren bringt doch nichts. Wir müssen hier drinnen Maßnahmen treffen. Deine Männer werden zum Verstärken der Tunnel gebraucht.“ Antion nickte nachdenklich.

„Vater, du verurteilst gerade unsere Stadt zum Untergang. Man kann einen Gegner nur effektiv bekämpfen, wenn man ihn kennt. Wir brauchen seine Schwachstellen, um eine gezielte Verteidigung aufzubauen.“ Wieder einmal verfluchte Erdogan die Tatsache, dass sein Vater Jefferson vertraute und sich von ihm für dessen Zwecke benutzen ließ. „Wenn wir schon vor Jahren die Möglichkeit gehabt hätten, Männer in die Außenwelt zu schicken, dann wäre dieser Angriff nicht so überraschend gekommen. Vielleicht hätten wir ihn sogar verhindern können. Schau dir die alten Aufzeichnungen an. In Kriegen hat nicht die Partei gewonnen, die sich nur allein auf ihre Verteidigung verlassen hat.“

„Junge“, sagte Antion langsam ärgerlich, denn er war es nicht gewohnt, dass Erdogan ihn mit dieser Vehemenz entgegentrat. „Auch wenn es Opfer gegeben hat, so befinden wir uns doch nicht im Krieg!“

„Vater, du hast das Kriegsrecht ausgerufen“, sagte Erdogan und schüttelte den Kopf, das glaubte er jetzt doch nicht. Hilfesuchend sah er zu seiner Mutter und sie nickte, denn auch ihr war aufgegangen, dass Antion etwas zu vehement gegen die Mission redete. Sie wollte jetzt wissen, was hier los war und um ihren Mann nicht zu brüskieren, erhob sie sich. „Antion, würdest du mich bitte kurz begleiten?“, sagte sie und der Fürst sah sie nicht amüsiert an. „Kann das nicht warten, Liebes?“, fragte er und Eleonore sah ihn aus schmalen Augen an. „Nein“, zischte sie und ging.

Jefferson brach wieder der Schweiß aus, denn es gab nur eine Person, die mehr Einfluss auf den Fürsten hatte, als er und das war die Fürstin. Er hatte versucht, die Besprechung ohne sie stattfinden zu lassen, aber sie war mit dem Fürsten zusammen gekommen. Erdogan sah Jefferson an und verkniff sich ein Grinsen. Sollte der alte Sack schwitzen. Vielleicht fiel er ja endlich tot um, wenn er sich zu sehr ängstigte.

Antion hatte sich erhoben und folgte seiner Frau. Er wusste, dass es ihm nicht gut bekam, wenn er ihrem Wunsch nicht entsprach. Sie nutzte ihre Autorität nicht oft aus, genau deswegen wusste Antion, dass es besser war, sich anzuhören, was sie zu sagen hatte. „Ich gehe davon aus, dass du von meiner Entscheidung nicht begeistert bist, Liebes“, durchbrach Antion die Stille, als er mit seiner Gattin am Arm in den Aufzug stieg. Eleonore redete gern auf dem Dach.

„Das siehst du vollkommen richtig, Schatz.“ Fürstin Eleonore sah ihren Mann lächelnd an. „Was hast du gegen den Wunsch deines Sohnes, die Angreifer zu verfolgen? Er ist der Befehlshaber deiner Truppen und er macht seinen Job sehr gut. Warum vertraust du seinem Urteil weniger, als dem deines Beraters, der von Angriff und Verteidigung weniger Ahnung hat, als ein Ochse vom Klavierspielen?“

„Eleon“, sagte Antion tadelnd, musste aber lachen, denn Eleonore mochte Jefferson nicht. „Es ist doch nicht so, dass ich Erdogan das ganze nicht zutraue. Doch wenn er mit seinen Truppen nach draußen geht, ist es gut möglich, dass nur ein Bruchteil zurückkehrt. Und hier wird jede Hand gebraucht, um die Gänge zu verstärken, um die Kuppel auch unterirdisch zu sichern. Wir sind einfach nicht mehr genügend Männer für solche Experimente.“ Es war ja nicht so, als würde Antion seinem Jungen im Weg stehen wollen, doch er musste an das Wohl der Kuppel denken.

Der Fürst führte die Fürstin zu einem windgeschützten Pavillon und setzte sich mit ihr zusammen auf eine Bank. „Doch, Antion, das haben wir. Das müssen wir sogar, ich vertraue seiner Einschätzung, dass wir dadurch mehr Leben retten können, als mit Jeffersons Schildkrötentechnik.“ Eleonore lehnte sich an ihren Gatten und genoss es, ihn für sich alleine zu haben. Ohne diesen Speichellecker.

„Du meinst also wie unser Sohn, dass es Vorteile bringen wird, nach draußen zu gehen und sie zu suchen? Hast du keine Angst um ihn?“, fragte Antion, der langsam zu verstehen versuchte, was Eleonore und Erdogan bewegte, die Kuppel zu verlassen. „Wir wissen nichts über das Leben dort draußen und die Fremden wissen alles. Sie würden von einer Falle in die nächste tappen. Unsere besten Männer dafür zu opfern widerstrebt mir.“ Der Fürst nahm kein Blatt vor den Mund.

„Ja, mein Lieber, genau das meine ich.“ Eleonore strich ihrem Mann über die Hand und sah zur Kuppel. „Seit Jahrzehnten geht es langsam aber stetig mit den Menschen in dieser Kuppel bergab. Unsere Frauen sterben, ohne Kinder zu bekommen und wir sollten jede Chance nutzen, die uns das Überleben sichert. Sicher habe ich Angst um Erdogan und seine Männer. Sie werden da draußen unbekannten Gefahren gegenüberstehen, aber wir können unsere Augen nicht einfach davor verschließen, dass wir untergehen werden, wenn wir nicht langsam etwas unternehmen.“

Antion schwieg und sah ebenfalls auf das Glas der Kuppel hoch über ihnen. Die Wolken brauten sich zusammen. Anfangs der Woche ließ man es regnen, denn die Vegetation unter der Kuppel, die Sauerstoff produzierte und die Erwärmung vermied, benötigte Wasser und außerdem wusch der künstliche Regen den Staub aus der Luft.

„Gut, Eleon, ich werde ihn ziehen lassen, aber nicht ohne sich vorher eingehend informiert zu haben.“ Der Fürst konnte sich nicht ganz geschlagen geben – doch eigentlich fanden sie immer einen Zwischenweg.

„Danke, Schatz.“ Eleonore strich ihrem Mann sanft über die Wange. „Dein Sohn würde seine Männer nirgendwo hinschicken, wenn er sie nicht bestmöglich für ihre Aufgabe geschult hätte. Das müsstest du wissen. Er hat sehr viel von dir. Deine Stärke, dein Ehrgefühl, deine Gewissenhaftigkeit und deinen Mut, um nur einiges zu nennen.“ Eleonore sah ihren Mann spitzbübisch an und küsste ihn schnell. „Und meine Schönheit.“

„Das kann ich nicht bestreiten, meine Schöne.“ Antion nahm seiner Frau den Scherz nicht krumm, sie war nun einmal eine schöne Frau und das sie einen Erben geboren hatte, war das größte Glück für ihn gewesen. Sie an seiner Seite zu haben war ein Segen, denn es gelang Eleonore oft, ihm einen anderen Blickwinkel auf die Dinge zu geben – so wie heute auch.

„Jefferson war von Grund auf dagegen, nach draußen zu gehen. Er wird enttäuscht sein.“ Doch das war nicht sein Problem. „Aber gehen wir und teilen den anderen unsere Entscheidung mit.“ Antion erhob sich wieder, die Wolken wurden dunkler und er hatte keine Lust nass zu werden.

„Er wird es verkraften.“ Eleonore ließ sich von ihrem Mann in den Salon zurückführen. Erdogan musste sie nur kurz ansehen, um zu wissen, dass sie seinen Vater umgestimmt hatte. Jefferson sah das auch und seine Hände ballten sich zu Fäusten, aber er bewahrte Haltung und ließ sich nichts weiter anmerken.

„Nun, Erdogan. Deine Mutter hat mir ein paar deiner Argumente zugänglich gemacht und ich bin mit ihr übereingekommen“, begann er seine Erklärung, während er sich wieder setzte, „dass du als erstes Forschung betreiben wirst. Du wirst dich kundig machen, was euch da draußen erwartet. Ihr werdet die Aufnahmen und die toten Körper untersuchen und nicht blind nach draußen gehen. Ich will ein Konzept von dir, ehe auch nur einer die Kuppel verlässt, und eine Liste, wer dich begleiten wird.“

„Ich werde einen Plan ausarbeiten und dir vorlegen.“ Zufrieden mit dem Ergebnis sah Erdogan zu Leander. Sie würden das zusammen machen. Welche Männer sie mitnehmen wollten, wussten sie schon, denn viele hatten sich freiwillig gemeldet, so dass sie sich die Besten aussuchen konnten. Außerdem mussten sie den Archivaren auf die Füße treten, die sollten sich in den alten Aufzeichnungen schlau machen.

„Das erwarte ich. Jefferson wird euch sicherlich tatkräftig unterstützen, nicht wahr?“ Antion sah seinen Berater an und der konnte nur steif nicken. Die Zähne aufeinander beißend musste er jetzt zusehen, dass die Machenschaften seiner Vorfahren nicht aufflogen. Nicht auszudenken für sich und seinen Rang, wenn herauskam, was sie getan hatten! Doch wenn er dem Prinzen zur Hand gehen sollte, konnte er vielleicht noch das schlimmste verhindern. „Ich möchte über alles informiert werden, umgehend“, erklärte er strikt.

Erdogan hob eine Augenbraue, über den Ton, mit dem Jefferson mit ihm redete. „Wenn ich es für notwendig halte, werde ich dich informieren“, sagte er kühl. Ihm war es vollkommen egal, dass sein Vater sich von ihm beraten ließ, er hatte dem Prinzen nichts zu befehlen. Zähneknirschend senkte der Mann den Kopf und Antion beobachtete die beiden. Ob das gut ging, wusste er nicht – doch in erster Linie zählten für ihn die Ergebnisse.

„Ich würde dann die Vorbereitungen treffen und außerdem gehöre ich wieder ins Bett. Wenn Doktor Denester mich hier erwischt, falle ich für den Einsatz aus, weil er mich ans Bett kettet.“ Erdogan grinste schief, denn er hatte heute keine Schmerzblocker genommen und langsam wurde ihm schwummerig.

„Dann solltest du wieder zurück in dein Zimmer.“ Die Fürstin war gleich wieder besorgt, versuchte es sich aber nicht zu sehr anmerken zu lassen. Erdogan war kein Kind mehr, das sie bemuttern konnte. Sie sah ihren Mann an und der nickte nur. Der Prinz und Leander verabschiedeten sich darum schnell, bevor Antion noch etwas einfiel, was sie unbedingt besprechen mussten.


07

„Sie hätte dich nicht nur in dein Zimmer sondern auch ins Bett schicken sollen“, knurrte Leander leise, der seinen Prinzen doch gut genug kannte. Wenn er jetzt nicht schnurstracks in seine Gemächer im siebzehnten Stock ging, sondern noch einmal ins Labor fahren wollte, gab es Ärger der übelsten Sorte. Dann ging Leander nämlich bei Fürstin Eleonore petzen.

Aber Erdogan war im Moment nicht in der Lage zu Meodin zu gehen. Er musste sich hinlegen, denn ihm versagten langsam die Beine. Erleichtert ließ er sich auf sein Bett sinken, als sie sein Zimmer erreicht hatten. „Shit“, fluchte er leise und tastete über seine verletzte Seite, aber zum Glück war die Verletzung nicht aufgebrochen.

„Herr!“ Michael kam gleich aus den Nebenräumen gelaufen, wo er immer noch nach Anhaltspunkten für eine Alternative zur Genetik suchte, so wie es sein Herr ihm aufgetragen hatte. So lange die Aufgabe nicht negiert wurde, solange machte Michael auch weiter. Blass um die Nase sah er seinen Prinzen auf dem Bett liegen, doch erleichtert bemerkte auch er, dass Erdogan zumindest nicht blutete. „Bitte, gönnt euch etwas Ruhe“, flehte er und hastete in die Küche weiter, während Erdogan schon wieder die Monitore in seinem Apartment aktivierte. Auf einem erschien wie gewohnt Meodin, die anderen riefen Datenbanken zu verschiedenen Themen.

„Michael, ich bin nicht todkrank“, knurrte Erdogan. „Ich bleibe im Bett. Pläne kann ich auch von hier schmieden.“ Er sagte lieber nicht, dass er nachher noch einmal zu Meodin wollte. Schließlich hatte er ihm ja versprochen, dass er wiederkam und dieses Versprechen wollte er unter keinen Umständen brechen.

„Ich war in Sorge, dass Doktor Denester vor euch wieder hier sein würde. Ich hätte ihm nicht erklären können, warum ihr schon wieder länger als vereinbart außer Haus wart“, sagte Michael in der Küche und Leander hob grinsend eine Braue. Langsam wurde der kleine Wuschelkopf mutiger und wagte es, Erdogan zu sagen, wenn er Mist gebaut hatte. Das war gut, so jemanden brauchte er in seiner Nähe, damit ihm die Bäume nicht in den Himmel wuchsen und so wie der Prinz die Decke raffte und um sich fest stopfte, ohne zu antworten, schien man den wunden Punkt getroffen zu haben.

„Nicht schlecht der Kleine, solltest ihn behalten“, grinste Leander und fing Salcedo auf, der vom Bett zu ihm sprang.

„Sag mal, Süßer, kannst du dein Herrchen nicht einfach zwicken, wenn er sich nicht an die Anweisungen seines Arztes hält?“, fragte er das kleine Tierchen und lachte als Erdogan warnend knurrte. Der Prinz war wohl der Meinung, dass es reichte. „Lass uns den Bericht für meinen Vater ausarbeiten. Je schneller wir fertig sind, umso schneller können wir mit dem Training anfangen.“

„Für dich passiert in den nächsten Tagen erst einmal kein Training, mein Lieber“, knurrte Leander. So weit kam es noch, dass er zusätzlich zu einem nicht ausgelasteten Prinzen noch einen nervenden Arzt an der Hacke hatte. Das war das letzte, was er gebrauchen konnte. Im Augenblick war er sowieso nicht ausgeglichen, denn er hatte seit ein paar Tagen auf Allan verzichten müssen. Sie hatten mit dem Umzug aus dem Labor Weißgott andere Sorgen als Privatleben.

„Du kannst in der Datenbank trainieren und gucken was wir gebrauchen können.“

Ihn traf ein wütender Blick, aber der prallte an dem Soldaten ab, das war er gewohnt. Da sich Erdogan um die Datenbank kümmerte, rief Leander auf einem anderen Bildschirm die Personaldatei auf. Sie mussten entscheiden, wen sie für ihre Expedition brauchten. Bei den Soldaten, hatten sie genug Freiwillige, da war es nicht schwer, sich die passenden auszusuchen, aber sie benötigten auch noch andere Teilnehmer, damit sie auf so ziemlich alle Eventualitäten vorbereitet waren.

Deswegen forderte er die Daten der Angestellten vom Hauptlabor und neben einem Bild der Männer auch die Daten. Fachlich, privat, Wissenswertes. Alles, was man brauchte. Der gläserne Mensch war schon vor Jahrhunderten zur Normalität geworden.

„Was hältst du von den O’Rayley-Brüdern“, fragte Leander. Die beiden waren nicht einfach, sie waren wie Feuer und Wasser, doch sie arbeiteten wie ein Uhrwerk, wenn es darauf ankam. Einer war Arzt hier im fürstlichen Quartier, der andere war der Herr über den Fuhrpark der Kuppel, denn er war ein begnadeter Techniker. Es gab nichts, was er nicht wieder flott bekam.

„Hm?“ Erdogan sah auf, brauchte aber ein paar Augenblicke, bis die Worte richtig zu ihm durchgedrungen waren. Er hatte sich ganz in seine Recherchen vertieft, denn wenn er eine Aufgabe übernahm, dann richtig. Er sah auf den Bildschirm und nickte. „Wir werden sie gebrauchen können. Schau mal, ob du auch einen fähigen Geologen findest.“

„Geologen? Was willst du denn mit dem? Sollen wir uns durch die Erde graben?“, fragte Leander, tat aber, was von ihm verlangt wurde. Erdogan würde schon wissen, was er vorhatte. Er kopierte die beiden Datensätze, die er hatte, schon einmal beiseite, die kamen auf jeden Fall auf die Liste und mussten kontaktiert werden. Blieb nur zu hoffen, dass Daniel, der Arzt, auch bereit war, Frau und Kind zurück zu lassen.

„Lean, wenn wir schon einmal draußen sind, dann will ich auch so ziemlich alles abdecken. Dort draußen gibt es Bodenschätze, die wir vielleicht für uns nutzen können. Ich will so viele Daten wie möglich zusammentragen, damit ich etwas habe, um meinem Vater klar zu machen, dass es Sinn macht, sich auch draußen zu bewegen.“ Erdogan kannte seinen Vater, wenn er nicht überzeugt werden konnte, würde ihr Ausflug nach draußen wohl einmalig bleiben und das wollte er verhindern.

„Das heißt also auch, dass er seinen Stuff mitnehmen muss. Der Geologe alleine wird uns nicht viel nutzen“, überlegte Leander und wühlte sich durch die Daten. „Douglas wird hier mit den höchsten Qualifikationen geführt, hat aber bei der Sozial-Einstufung negative Werte.“ Und das bedeutete, dass der Kerl sich nicht integrierte, dass er sich nichts sagen ließ und völlig teamunfähig war. Die besten Voraussetzungen für Ärger. Leander seufzte. Aber von seinem Fach schien der Kerl was zu verstehen. Sollten sie es riskieren?

Erdogan las sich die Beschreibung durch und kam zu dem gleichen Ergebnis wie Leander. „Pack ihn erst einmal auf die Liste, such aber noch nach Alternativen. Ich will erst einmal mit ihm sprechen, bevor ich da eine Entscheidung treffe. Das solltest du auch bei allen anderen machen, wir müssen immer damit rechnen, dass unsere Favoriten nicht mitwollen.“ Jemanden dazu zu zwingen brachte nichts, denn damit konnten sie ihre ganze Aufgabe gefährden.

„Wenn wir haben, was wir suchen, schicke ich jedem eine Message. Morgen um zwei will ich sie alle im großen Saal sehen. Wir müssen sie aufklären und fragen.“ Leander war mental schon einen Schritt weiter. Auch er wusste, dass das einzige, was sie nicht kaufen konnten Loyalität war. „Bis dahin sollten wir schon soviel wie möglich wissen, damit nicht jede unserer Antworten mit ‚weiß ich nicht!’, oder ‚steht noch nicht fest!’, anfängt.“

In diesem Punkt waren sich Leander und Erdogan einig. Sie waren Perfektionisten, das brachte einfach ihr Beruf mit sich. Davon hingen oft genug Menschenleben ab. So konzentrierten sich beide auf ihre Aufgabe. Michael brachte ihnen etwas zu essen und zu trinken und versorgte auch den Prinzen mit den Medikamenten, die Doktor Denester da gelassen hatte.

Immer wieder einmal landete Erdogans Blick auf Meodin, der sich wieder beruhigt zu haben schien. Und ab und an schien es, als würde er in die Kamera sehen und Erdogan lächelte. Leander sagte nichts, er würde das noch weiter beobachten und abwarten, was passierte.

Der Tag senkte sich langsam dem Abend zu und Erdogan wurde immer unruhiger. Leander wusste nur zu gut, dass der Prinz noch einmal weg wollte. Doch er sollte es sagen, Leander würde nicht unkommentiert das Feld räumen.

„Schluss für heute“, sagte Erdogan schließlich und rieb sich über die schmerzenden Augen. Er war es nicht gewohnt, den ganzen Tag ruhig zu sitzen und auf einen Bildschirm zu schauen. Er brauchte Bewegung. Er hatte sich durch das elektronische Archiv gewühlt, aber nicht sehr viel herausbekommen. „Wir sollten morgen früh ins Archiv gehen und die Archivare befragen.“ Sie machten den ganzen Tag nichts anderes, als die alten Schriften zu sichten und konnten ihnen bestimmt weiterhelfen.

„Ja, das sollten wir. Die können sich auch mal nützlich machen.“ Leander erhob sich und scheuchte Sal von seinem Schoß, der sich die letzte halbe Stunde hatte kraulen lassen. Meckernd räumte die kleine Ratte das Feld und verschwand unter der Decke des Prinzen. „Soll ich dich mitnehmen oder wartest du, bis ich weg bin, um dein Seepferdchen zu besuchen.“ Leander sah Erdogan offen an, der durfte ruhig wissen, dass er nicht verbergen konnte, was er noch im Kopf hatte.

„Nimm mich mit.“ Erdogan ließ Sal in sein Hemd schlüpfen und streckte sich vorsichtig, nachdem er aufgestanden war. Er nahm die Stichelei seines Freundes gelassen hin, solange Leander nicht versuchte, ihm den Besuch bei Meodin zu verbieten. „Los“, lachte er und ging schon vor zur Tür.

„Man könnte den Eindruck bekommen, du bist ungeduldig“, lachte Leander und suchte Michael, der schon wieder in seinem Zimmer vor dem Monitor saß. „Mach Schluss für heute. Deine Augen werden noch gebraucht. Und wenn der Prinz in zwei Stunden nicht wieder hier ist, rufst du Doktor Denester an, er soll eine Pferdespritze voll Morphium aufziehen“, sagte er noch laut genug, damit Erdogan sich nicht einbildete, er hätte unbegrenzten Ausgang.

Dann waren sie beide durch die Tür.

Vor dem Labor verabschiedeten sie sich und verabredeten sich für den nächsten Morgen im Archiv. Erdogan war ein wenig aufgeregt, als er das Labor betrat. Bevor er gegangen war, schien es, als wenn Meodin schlafen würde, aber mittlerweile wusste er ja, dass das täuschen konnte. Ohne sich an jemanden zu stören, ging der Prinz gleich zu dem Tank. Meodin hatte ihm den Rücken zugedreht und ihn noch nicht bemerkt, darum klopfte er leise ihr Erkennungszeichen. Dabei beobachtete er die Rückenflosse. Sie war beeindruckend und ließ nicht verleugnen, dass Meodin kein Mensch war. Und trotzdem hatte er etwas, was Erdogan geradezu magisch anzog. Deswegen klopfte er noch einmal und noch einmal, bis Meodin sich langsam umwandte und zu ihm kam, ein Lächeln auf den weichen Lippen.

Wie von selbst fanden sich ihre Hände und wieder einmal bedauerte der Prinz, dass Meodin noch im Tank bleiben musste. Er wollte ihn näher kennen lernen und sich auch endlich mit ihm unterhalten können. Aber vor allen Dingen wollte er ihn berühren. Er musste nachher noch einmal mit Frankenstein reden, wann sie den Tank gefahrlos öffnen konnten. „Ich habe versprochen, dass ich noch einmal wiederkomme. Geht es dir wieder besser?“

Meodin legte wieder den Kopf schief, dann nickte er. Eigentlich ging es ihm noch nicht besser. Ihn verfolgten immer noch die Bilder des Tages und er fühlte sich allein ohne die anderen. Um so mehr freute er sich über den Besuch von Erdogan. Das machte den Tag nicht ganz so dröge.

In der Tür zu einem der Nebenräume stand wieder Bill und beobachtete das Bild. Es reichte also zu klopfen und Meodin erwachte? Die kleine Made verarschte sie doch am laufenden Band. Rodriguez hatte es heute auch versucht, hatte immer wieder an den Tank geklopft und nichts war passiert. Und kaum war der Prinz da, war das Seepferd rege und munter. Bill hatte es auch noch nie lächeln sehen. Was war das zwischen den beiden? Nur konnte er sein Experiment dazu nicht befragen und der Prinz würde ihm nichts erzählen, dass wusste er schon.

Meodin und Erdogan waren sich zwar bewusst, dass sie beobachtet wurden, aber sie störten sich nicht daran. Da eine wirkliche Unterhaltung nicht möglich war, erzählte Erdogan kleine Geschichten über sich. Meodin sollte ihn besser kennen lernen und wissen, dass er ihm vertrauen konnte. Er ging noch etwas weiter um den Tank herum, so dass Bill ihn nicht gleich sehen konnte und lockte Sal aus seinem Hemd. Er setzte die Ratte auf seine Hand und hielt sie vor den Tank. Salcedo schnüffelte und beguckte sich das fremde Wesen, während Meodin erst erschrocken zurück wich, dann aber wieder näher kam, um zu sehen, was es war. Derartiges hatte er noch nicht gesehen. Es war klein und sah weich aus. Sehr ungewöhnlich.

„Das ist Salcedo und er ist mein Haustier“, erklärte Erdogan und kraulte Sal ein wenig. „Du kannst ihn streicheln, wenn du endlich aus diesem Tank raus bist. Du musst noch ein wenig hier bleiben, aber nicht mehr lange. Ich werde hier sein, wenn es soweit ist.“ Der Prinz ließ die Ratte wieder in seine Rüstung krabbeln und lehnte sich etwas näher an den Tank. „Ich kann es kaum erwarten, wenn endlich nicht mehr diese Scheibe zwischen uns ist.“

Meodin nickte und legte wieder den Kopf schief, er schob sich mit weichen Bewegungen die Haare beiseite, die sich durch das treibende Wasser vor seinen Augen breit machten. Sie störten ihn und er verzog das Gesicht, weil die Strömung sie immer wieder nach vorn trieb und er verschmälerte die Augen, als er Erdogan lachen sah. Er stieß sich ab und glitt rückwärts zum anderen Ende des Tanks.

„Nicht böse sein, mein Schöner. Ich lache dich nicht aus. Es hat mir gefallen, wie du versucht hast, deine Haare zu bändigen.“ Erdogan sah Meodin entschuldigend an. Sein Seepferdchen war wohl etwas empfindlich. Er ging ihm aber nicht hinterher, sondern blieb, wo er war, und bat Meodin wieder zurückzukommen. Er legte eine Hand gegen das Glas und seine Stirn, seine Augen suchten Meodins Blick. Absichtlich ignorierte er Bill Harper, den er verschwommen durch den Tank sehen konnte. Sollte der Blödmann doch von ihm halten, was er wollte. Erdogan war es wichtig, dass Meodin ihm traute.

Der sah ihn wieder mit schief gelegtem Kopf an und seine Lippen formten ein: „Warum?“. Erdogan seufzte und lächelte. „Weil ich nur wegen dir hier bin. Ich möchte dich kennen lernen und Zeit mit dir verbringen. Seit ich dir das erste Mal in die Augen gesehen habe, bist du in meinem Kopf und ich möchte mehr über dich erfahren.“

Irritiert, weil die Worte für ihn keinen Sinn machten, kam Meodin wieder näher. Erdogan verwirrte ihn mehr und mehr. Er musste wohl noch viel lernen. Hektisch richtete sich seine Rückenflosse immer wieder auf, doch dann beruhigte sich Meodin wieder. Zwar bereitete ihm die Aussicht, eines Tages auch den Tank verlassen zu müssen Sorge, denn er wollte nicht enden wie die anderen, doch dann könnte er endlich mit Erdogan reden und ihn all das fragen, was er wissen wollte.

Erdogan hatte die Flosse nicht aus den Augen gelassen und er war wirklich fasziniert, denn nur wenn sie aufgerichtet war, konnte man die langen Stacheln sehen. „Soll ich dir noch etwas erzählen?“, fragte er und lehnte sich wieder gegen den Tank. Allzu lange konnte er nicht mehr bleiben denn Michael brachte es wirklich fertig und holte Doktor Denester.

„Ja“, formten Meodins Lippen und er schwebte vor Erdogan ein wenig hin und her. Er genoss die Minuten, die Erdogan hier verbrachte und er wollte sie so intensiv, wie es ihm möglich war, genießen. Die Langeweile kam noch früh genug zurück.

So erzählte der Prinz noch ein wenig über sich und davon, dass er gehen musste, weil er sonst Ärger bekam, grinste aber damit Meodin verstand, dass das nicht ernst gemeint war. Er sollte nicht glauben, dass er in irgendeiner Form Ärger für den Prinzen bedeutete.

„Ich komme wieder, so oft ich kann und dann erzähle ich dir noch mehr.“ Erdogan wollte nicht gehen, aber er merkte wieder, wie seine Wunde pochte. Er konnte es sich nicht leisten, länger als nötig krank zu sein, denn er hatte viel zu tun. Sie mussten die Expedition so schnell wie möglich vorbereiten, denn keiner wusste, wann die Eindringlinge wiederkamen.

Wie zum Gruß hob Meodin die Hand. Das hatte er bei den Männern um die Tanks herum beobachtet. Die hoben immer die Hand, wenn sie gingen und so amte er es nach, winkte ein bisschen und strich sich noch einmal die nervenden Haare zurück. Wenn er döste störten sie ihn nicht, im Gegenteil. Sie verbargen sein Gesicht und wie ein Vorhang gaben sie ihm Ruhe vor der Außenwelt. Doch jetzt störten sie ungemein. Sie behinderten den Blick auf Erdogan.

Der sah sich nämlich noch einmal zu ihm um, bevor er das Labor verließ und lächelte Meodin zu. Dann war er verschwunden und Meodin war wieder allein. Erdogan hatte ihn abgelenkt, aber jetzt kam wieder die Langeweile. Er sah sich um, aber außer dem Alpha-Männchen war niemand da. Darum schloss er wieder seine Augen und ruhte sich aus. Viel mehr konnte er ja doch nicht tun.


08

„Michael, du hättest mich wecken sollen!“, knurrte Erdogan und schoss hoch. Er hatte gut geschlafen, angenehm geträumt und war durch die Medikamente, die er nahm, viel zu spät wach geworden. In einer halben Stunde musste er im Archiv sein, er hatte weder gefrühstückt noch war er geduscht. Das musste jetzt alles gleichzeitig passieren.

„Aber Herr, ich habe die strickte Order eures Arztes, dass...“, versuchte sich Michael zu erklären und hastete ins Bad hinterher.

„Quatsch nicht! Du bist für mein Wohl da, nicht für das meines Arztes. Also solltest du wissen, was gut für mich ist, und Stress am Morgen, weil ich zu spät zu Terminen komme, tut mir bestimmt nicht gut!“

Michael biss sich auf die Lippe und senkte den Kopf. Er war in einem Dilemma aber dann straffte er sich wieder. Wie der Prinz schon sagte, er war für dessen Wohlbefinden zuständig und wenn der Prinz schneller gesund wurde, dann hatte er seine Aufgabe gut erledigt. „Ich bereite euch ein Frühstück, das ihr unterwegs essen könnt“, rief er ins Bad und macht sich gleich daran es vorzubereiten.

Erdogan nickte zufrieden. Ab und an ließ der junge Mann noch zu wünschen übrig, doch er lernte schnell und er dachte mit. Aus ihm wurde noch ein guter Berater, da war sich Erdogan sicher. Und deswegen hatte er Michael auch noch nicht ausgetauscht. Zufrieden registrierte er den Krach in der Küche und ärgerte Salcedo, der durch das Bad schnüffelte und sich in eine Topfpflanze werfen wollte, mit dem kalten Strahl der Dusche. Protestierend verschwand Sal wieder und verzichtete darauf, die Topfpflanze auszugraben.

Vorerst.

Schon nach ein paar Minuten kam der Prinz wieder in sein Zimmer und registrierte wohlwollend, dass Michael ihm seine Kleidung rausgelegt hatte. Normalerweise machte Erdogan das selber, aber so konnte er wieder etwas Zeit einsparen. „Du begleitest mich ins Archiv“, teilte er Michael mit, der mit ein paar belegten Broten zu ihm kam. Sechs Augen sahen mehr als vier.

„Natürlich, Herr!“, nickte Michael hastig und half seinem verletzten Prinzen beim Verbandwechsel, ehe er in seine Kleider steigen konnte. „Die Wunde sieht schon besser aus“, sagte er und war dabei zufrieden, denn wenn es schnell heilte, war sein Wachdienst über die Schonung des Prinzen vorbei. Erdogan von Belastung abhalten zu wollen, war ebenso sinnlos wie Limonade in einem Sieb tragen zu wollen.

Sie kamen genau pünktlich im Archiv an. Anders wäre es auch für den Prinzen nicht denkbar gewesen. Er hasste Unpünktlichkeit. Im Wagen hatte er Michael erklärt, wonach sie heute suchen wollten und er ging davon aus, dass sein Assistent ihn nicht enttäuschen würde. Auf der Fahrt hatte er kurz über seine Kontaktlinse nach Meodin gesehen. Der ärgerte gerade die Genetiker, indem er sie ignorierte und auf nichts reagierte, was sie auch versuchten und das besserte Erdogans Laune ungemein. Zur Abwechslung wirkten die Forscher mal wie die Laborratten, die herausfinden mussten, wie man die Belohnung bekam. Erdogan lachte leise und merkte so nicht gleich, dass Leander hinter ihn getreten war. „Guten Morgen, schon so amüsiert?“, fragte der Soldat und wirkte selbst auch wieder ausgeglichener, denn Allan hatte endlich wieder mal Zeit für ihn gehabt.

„Morgen, Meodin ärgert Frankensteins Leute.“ Erdogan trennte die Verbindung und drehte sich zu Leander um. „Bereit für einen Tag mit Büchern?“, fragte er seinen Freud und grinste. Er wusste, dass es dem Soldaten ähnlich ging, wie ihm selbst. Langes Sitzen und Nichtstun waren nichts für ihn.

Wäre Leander darüber erstaunt gewesen, dass Erdogan schon wieder in jeder freien Minute Meodin bespitzte, er wäre nicht Erdogans Freund. Er kannte den Prinzen schon zu gut um zu wissen, wann der sich in etwas verbissen hatte und im Augenblick war es Meodin.

„Eigentlich hatte ich erwartet, dass du - weil du ja Schongang schieben musst – hier die Bücher und Datenträger wälzt und dir eine Staublunge holst, während ich die Rekruten für unsere Mission zusammenstelle.“ Er lachte und zupfte Salcedo kurz am Schwanz, der auf der Schulter seines Herrn turnte und das Gleichgewicht zu halten versuchte.

„Vergiss es. Wie willst du überwachen, dass ich mich nicht überanstrenge, wenn du nicht da bist?“ Erdogan sah ja gar nicht ein, dass er diese ungeliebte Aufgabe allein übernehmen sollte. „Michael wird uns helfen, da werden wir hoffentlich schneller vorankommen.“ Der Prinz kraulte kurz Sal, der aufgebracht fiepste, weil er bald abgestürzt wäre und nun versuchte sich an Leander dafür zu rächen.

„Ach, Mike hat dich doch schon ganz gut im Griff. Der Blick auf die Türprotokolle deiner Gemächer zeigte mir, dass du pünktlich warst. Das wärst du nicht gewesen, wenn du ihm nicht zugetraut hättest, dass er dir Ärger macht. Also glaube ich, der kleine Wuschelkopf wird auch heute ein Auge auf dich haben und dich ins Bett schicken, wenn er es für richtig hält.“ Leander amüsierte sich fürstlich über den gehandicapten Prinzen, denn diese Chance hatte er nicht oft. Er wäre verrückt sie nicht zu nutzen.

Wie erwartet schlitzte Erdogan die Augen und knurrte, aber dann fing er an zu lachen. „Da ist was Wahres dran“, gab er zu, „aber trotzdem wirst du uns begleiten.“ Damit sie endlich anfangen konnten, ging der Prinz die Treppen hoch zum Eingang. Er hatte gestern noch eine Mail an die Archivare geschrieben und darum gebeten ihm Bücher und Aufzeichnungen herauszulegen.

Auch wenn das gedruckte Wort schon seit Jahrhunderten kaum noch Verwendung fand, zumindest in der Unterhaltung, weil selbst lyrische Texte elektronisch gelesen oder vorgelesen wurden, schwor gerade die Wissenschaft und ihre Ableger auf Bücher. Sie waren neben Steintafeln die besten Speicher für die Ewigkeit, denn bei den elektronischen Medien war es leider im Laufe der Jahrhunderte passiert, dass die Abspielgeräte dafür verloren gegangen waren. Deswegen hatten sie vieles an Wissen nur noch theoretisch, es war nicht mehr zugänglich.

Nach alten Plänen bauten die Techniker die alten Geräte nach, doch nur selten war es von Erfolg gekrönt, die Datenspeicher hinterher noch auslesen zu können. So bestand der Hauptteil der Arbeit der Archivare darin, Material von alten Datenträgern auf aktuelle zu überspielen, Wenn einmal wieder eines der nachgebauten Geräte funktionierte.

Der Leiter des Archivs kam ihnen entgegen und verbeugte sich vor Erdogan. „Hoheit, wir haben alles vorbereitet“, erklärte er eifrig und deutete in einen Nebenraum, wo auf einem Tisch dicke Bücher gestapelt waren.

„Vielen Dank“, murmelte Erdogan und seufzte innerlich. Das waren mehr als er gehofft hatte. Den heutigen Tag würde er wohl hier verbringen. Und so wie die Praktikanten gerade weitere Berge an Büchern und Datenträgern auf dem großen, massiven Holztisch verteilten, würde es wohl eher eine Woche werden, die er hier verbrachte. Es war zum aus der Haut fahren.

Doch sein Vater hatte Recht. Unvorbereitet wären sie ein leichtes Ziel. Sie mussten jede Chance nutzen, den Feind zu studieren und Erdogan weigerte sich zu glauben, dass die Dinger einfach so entstanden waren. Dann hätten sie instinktiv gehandelt, hätten Vorräte geraubt und nicht das Labor angegriffen. Er hatte einen Verdacht und er brauchte Anhaltspunkte. Da war es besser gleich anzufangen.

„Jeder nimmt sich ein paar Bücher und sieht sie durch“, legte er fest und nahm sich selber ein paar. Zum Glück gab es hier relativ bequeme Sessel, die machten es erträglicher. Erdogan ließ sich nieder und griff sich den ersten Wälzer. Er schien schon länger nicht mehr geöffnet worden zu sein, denn eine kleine Staubwolke wirbelte auf und ließ den Prinzen niesen. Sal ging es nicht besser und so schüttelte er sich und machte, dass er wieder im Hemd verschwand.

Leander saß mit seiner Ausbeute an einem Tisch am Fenster und Michael machte sich zusammen mit zwei Praktikanten daran, die Datenträger zu checken, so gut es ging.

Ruhe kehrte ein in den altmodischen Bau. Nur ab und an raschelte eine Seite, klapperten Datenträger und surrten die Lüfter der Lesegeräte.

„Sag mal, Lean, hast du in deinen Büchern einen Hinweis auf etwas gefunden, dass sich Bonder 482 nennt?“ Der Prinz war in einem Buch öfter auf diesen Namen gestoßen, aber es war nicht beschrieben, was sich dahinter verbarg und das machte ihn stutzig. Normalerweise waren Wissenschaftler nicht so zurückhaltend. Sie wollten, dass man wusste, was sie geleistet hatten.

„Nein, sorry. Ich habe wohl den Stapel mit der Landwirtschaftsenzyklopädie erwischt“, knurrte der Soldat und klappte das Buch zu. Doch noch ehe er fragen konnte, was denn so spannend daran wäre, erklärte einer der Praktikanten, ein kränklich wirkender Junge mit Brille und fransigem Haarschnitt, dass er auch eben darüber gestolpert wäre. Er klickte sich in seinem Suchregister zurück und vergrößerte den Bildschirmausschnitt so, dass Erdogan es von seinem Platz aus bequem lesen konnte. Doch die Ausbeute war dürftig. „Einweihung von Bonder 482“, knurrte Leander und streckte den Rücken. Er rostete langsam ein. „Scheint also eine Art Gebäude zu sein. Was ist so spannend daran, Erdogan?“

„Das außer dem Namen nichts weiter über dieses Bonder 482 zu erfahren ist. Das ist ungewöhnlich.“ Erdogan konnte es nicht wirklich erklären, aber er hatte einfach das Gefühl, dass es ein Geheimnis zu diesem Namen gab. „Wo lag dieses Gebäude? Was wurde dort gemacht? Das alles ist nicht in Erfahrung zu bringen.“

„Wenn es dich beruhigt, suchen wir gezielt danach“, sagte Leander und rollte den Kopf. Ihm war es ganz lieb, wenn er ein Ziel hatte, wonach es zu suchen galt. Einfach nur zu lesen und zu hoffen, dass einem dabei eine Eingebung kam, war nicht sein Ding. Er war nicht um sonst zum Militär gegangen und nicht zur Uni.

Auch Michael schwenkte um und suchte nun nach diesem Gebäude, was auch immer es zu bedeuten hatte. Aber sein Herr hatte Recht. Wenn man über etwas gar nichts herausfinden konnte, war das nicht nur ungewöhnlich, das war verdächtig.

Erdogan nahm sich nicht gleich wieder ein neues Buch, sondern rief den Praktikanten, der neben Michael saß, zu sich und bat ihn, die Archivare zu fragen, ob sie etwas über Bonder 482 wussten und wenn ja, ihnen Bücher zu bringen, die ihnen halfen etwas rauszufinden. Eifrig lief der Junge los und der Prinz stand auf. Er musste sich die Beine vertreten und aktivierte zum entspannen wieder seine Linse, um zu sehen, wie es Meodin ging. Doch das Bild hatte sich nicht geändert. Meodin döste und die Laboranten versuchten ihn zu wecken.

„Wenn sie wünschen, in der Kantine einen Stock tiefer ist ein Tisch für die Herren hergerichtet“, erklärte ein anderer Praktikant und erhob sich. Michael nickte ziemlich begeistert, doch er wollte erst sehen, was sein Herr dazu sagte, deswegen senkte er wieder den Kopf. Doch Leander war schon in die angedeutete Richtung unterwegs. Essen war gut, das lenkte ab, das zerschnitt die versponnenen Gedanken.

„Komm schon, Prinz.“

„Hm?“ Erdogan hatte nichts mitbekommen, denn er hatte sich voll auf Meodin konzentriert. Der schien zu schlafen und seine Rückenflosse bewegte sich leicht hin und her, so als wenn er träumen würde. Leander verdrehte die Augen, denn ihm war klar, warum der Prinz nichts mitbekommen hatte. „Essen“, klärte er seinen Freund darum auf und winkte. „Und über deine Abwesenheit in den letzten Tagen werden wir noch einmal gesondert reden“, knurrte Leander leise, das musste nicht jeder hören.

So ging die kleine Gruppe hinab in die Kantine und nahm an einem separaten Tisch Platz. Es war bereits aufgetragen worden und es sah lecker aus. Michaels Magen knurrte schon und so hieß Leander ihn endlich anzufangen. Der Kleine musste aber noch mutiger werden, wenn er gegen Erdogan bestehen wollte.

„Was glaubst du war Bonder 482?“, fragte Leander leise.

„Ich weiß nicht“, antwortete Erdogan genauso leise. Es musste nicht jeder mitkriegen, was sie besprachen. „Wenn es ein Gebäude ist, dann frage ich mich, warum es geheim gehalten wird. Das hat man früher meist mit Geheimlaboren gemacht. In denen an Dingen geforscht wurde, die nicht öffentlich gemacht werden sollten. Da gab es doch mal eins das nannte sich Area 51. Da wusste auch kaum jemand, was dort gemacht wurde.“

„War das nicht damals, als man noch glaubte, es gäbe kein Leben außerhalb der Erde und dort hat man angeblich an toten Aliens geforscht?“ Leander hatte darüber mal was gelesen, mehr durch Zufall. „Ist ja auch egal. Du glaubst also, dass dort Wissenschaftler geforscht haben. Wenn sie nichts publiziert haben, war es nichts, was die Öffentlichkeit wissen durfte und somit vielleicht ein Anhaltspunkt für uns.“ Zumindest einer. Blieb zu hoffen, dass die Spur nicht ins Leere führte. Leander sah sich etwas um, der auf antik gemachte Raum wirkte trotzdem hell und freundlich durch die hohen Decken und die großen Fenster.

„Ja, genau das meinte ich. Ich glaube, dass Bonder 482 so etwas in der Art ist.“ Erdogan nahm sich noch etwas zu essen. Er hatte Hunger, was ihn eigentlich wunderte, denn er hatte ja den ganzen Tag noch gar nichts getan. „Überleg doch mal, was sich da für Möglichkeiten ergeben würden. Wenn dieses Labor die Katastrophe überstanden hat und wir es entdecken, könnten wir dort unschätzbar wertvolle Dinge finden.“

„An was denkst du?“, wollte Leander wissen, denn alles, was er sich ausmalen konnte, waren merkwürdige Kreaturen, die besser nie das Licht der Welt entdeckten. Doch als er sich das Bild des toten Angreifers in Erinnerung rief, musste er zugeben, dass Erdogan Recht haben konnte. „Sag’s lieber nicht, ich hoffe, dass du Unrecht hast und die Dinger nicht von Frankensteins Vorgängern erschaffen worden sind.“ Je intensiver Leander darüber nachdachte, umso klarer wurden die Bilder. Das würde erklären, warum das Labor ihr Ziel war und nicht die Hauptkuppel, das würde erklären, warum sie sprechen konnten, warum sie strategisch vorgehen konnten. Angst kratzte ihm den Rücken hoch und runter und er holte tief Luft.

„Es muss einen Grund haben, warum sie da draußen überlebt haben. Das kann uns vielleicht nutzen.“ Erdogan waren ähnliche Gedanken wie Leander gekommen. Wer wusste schon, was noch alles - von ihnen bisher unentdeckt - dort draußen lebte. „Warten wir ab, was es überhaupt ist und ob es noch existiert. Vielleicht ist es ja ganz etwas anderes und wir haben uns an der Nase herumführen lassen.“

Wieder trat Stille ein und sie aßen in Ruhe zu Ende. Doch kaum dass alle fertig waren, machten sie sich wieder auf den Weg nach oben, wo ein Praktikant schon ganz aufgeregt hin und her flitzte und wühlte und kramte und fluchte wie ein Droschkenkutscher. Sie schlichen sich an, um den Jungen nicht zu stören und lauschten ein bisschen, das war lustig. Der Kleine hatte ausgesehen wie ein Streber, wo hatte er solch eine Sprache gelernt? Doch irgendwann kamen die Ankömmlinge in sein Blickfeld und er wurde schlagartig erst rot, dann blass und ehe er vor Scham im Boden versank, hielt Erdogan grinsend einen Daumen hoch.

„Meine Rekruten werden bald in den Genuss meiner neu gelernten Flüche kommen“, zog er den Jungen auf und klopfte ihm auf die Schulter. „Was hat dich denn so fluchen lassen?“, wollte er aber dann wissen und den Praktikanten aus seiner Verlegenheit holen. Der sah nämlich die ganze Zeit auf den Boden und traute sich nicht mehr aufzusehen, geschweige denn zu atmen. Doch als der Prinz das Wort an ihn richtete, kam wieder Leben in den Jungen und er holte, was er gefunden hatte. Einen Magnetdatenträger mit der Beschriftung Projekt Bonder 482. „Da – und wir haben für das verdammte Scheißteil... tschuldigung, wir haben für das Ding kein Abspielgerät in unserer Sammlung!“, erklärte er hektisch und suchte weiter. Vielleicht hatte er nur nicht richtig geguckt.

Völlig sprachlos starrte Erdogan auf die Kassette in seiner Hand. Wo war die denn hergekommen? „Junge“, rief er nach dem Praktikanten, denn er wusste seinen Namen nicht. „Weißt du, wie dieses Abspielgerät aussehen soll?“, fragte er, denn er hatte eine Idee. Im Regierungsgebäude gab es einige Räume, die mit Technik vollgestopft waren, die nicht mehr benutzt wurde. Vielleicht gab es dort so ein Abspielgerät. Sie mussten nur wissen, wie es aussah, um es zu suchen.

„Ich“, stammelte der Junge und zitterte leicht, „ich weiß es nicht ganz genau. Ich weiß nur, dass man in eine Klappe das Ding rein schieben muss, da müssen zwei Rollen drauf sein und ein Abnehmer für den Ton. Die Dinger speichern glaube ich nur Ton.“ Wieder lief der Rotschopf hin und her, sah an den Regalen hoch und runter. Er wirkte aufgelöst und so nahm ihn Leander beiseite, ehe der Kurze noch umkippte. „Ganz ruhig. Wir gucken mal zusammen.“

Erdogan ließ die beiden alleine, weil er den Kleinen wohl nervös machte. Darum ging er zu einem Archivar und zeigte ihm die Kassette. „Weißt du, wie das dazu passende Abspielgerät aussieht?“, fragte er, „und hast du ein Bild davon. Wir suchen danach, aber ohne Anhaltspunkt wird es schwer, es zu finden.“

„Aus dem Stehgreif nicht, aber ich könnte jemanden... Moment“ und noch ehe der Archivar seinen Satz beenden konnte, hatte er schon an einem Terminal eine Nummer gewählt und auf dem Bild darüber erschien ein Gesicht.

„Wer stört“, wollte der junge Mann wissen. Er wirkte wenig begeistert über die Störung und sah direkt in die Kamera, verbiss sich seinen Kommentar aber, als er den Prinzen erkannte. „Thom“, sagte der Archivar, „kannst du mal ganz schnell hoch in den Lesesaal kommen? Wir haben hier ein Problem. Wir suchen was, wissen aber nicht was.“

Thom holte tief Luft, nickte aber. „Bin gleich da.“

„Unser Techniker – der beste, den es gibt“, erklärte der Archivar. An seiner Jacke klebte das Schild mit seinem Namen. Harry Miller.

„Vielen Dank, für die Hilfe.“ Erdogan nickte dem Archivar zu und wartete mit ihm zusammen auf den Techniker. Er hatte gar nicht gewusst, dass einer von den O’Rayley Brüdern hier arbeitete. Aber das passte ganz gut und Erdogan konnte ihn jetzt schon mal abklopfen, ob er wirklich so gut war, wie alle sagten.

„Immer wieder gern, dafür sind wir ja da“, entgegnete Harry und verbeugte sich kurz, um sich zu entfernen. Auch er hatte mittlerweile bemerkt, was gesucht wurde und wollte sich in anderen Räumen noch zu dem Thema informieren. Es ging ihm gegen seine Ehre als Archivar, dass es zu einem Thema in seinen Beständen wirklich nichts geben sollte. Das wäre doch gelacht!

So stand Erdogan alleine rum, musste aber nicht lange warten, denn der junge Mann, der vorhin auf dem Bildschirm zu sehen war, kam die Treppe hoch. „Prinz Erdogan, was gibt es?“, fragte Thom und sah sein Gegenüber neugierig an. Sie waren doch erst in ein paar Stunden verabredet. Was gab es denn so Wichtiges. „Hallo Thom, weißt du wie das Abspielgerät für solche Dinger aussieht? Wir möchten wissen, was da drauf ist.“

„Darf ich mal?“ Thom griff sich den Datenträger und drehte sie in seinen Händen, dann ging er zu einem Terminal in der Wand, von dem aus er auf die Datenbank zugreifen konnte. Er tippte ein paar Codierungen und alphanumerische Folgen und dann deutete er auf das Bild, das sich zeigte. „Stammt aus dem 20. Jahrhundert, war bereits fünfzig Jahre später völlig vergessen. Nannte sich Kassettenrecorder. Derartiges habe ich nicht in meiner Sammlung, ich könnte mir die Baupläne nehmen und mein Glück versuchen. Zwei Tage, wenn ich die richtigen Teile finde.“

„Hm.“ Erdogan war wirklich beeindruckt. Das hatte keine Minute gedauert und Thom hatte gefunden, was er suchte. „Würdest du das Gerät erkennen, wenn du es siehst?“, fragte er, wartete die Antwort aber erst gar nicht ab. „Komm mal mit.“ Erdogan lief zu Leander. „Lean, Thom und ich fahren schon mal vor. Er weiß, was das für eine Kassette ist und soll sich das Lager im Palast ansehen. Wenn so ein Rekorder, oder wie das Ding heißt, dabei ist, wird er ihn wohl am ehesten finden.“

„Okay, wir gucken uns hier weiter um. Wenn ihr das Ding findet, kommt wieder her, wir wollen alle etwas davon haben.“ Leander hatte gerade ein Buch in der Hand und stöberte sich durch den Inhalt, während Michael und die Praktikanten wieder an der Datenbank hingen und weiter suchten.

„Ich will auch Auskünfte über eventuelle frühere Expeditionen aus der Kuppel raus.“ Erdogan wandte sich um und verließ mit Thom das Archiv.

„Von was für einem Lager habt ihr gerade geredet?“, fragte Thom neugierig, als er neben Erdogan herlief. Er hatte Gerüchte gehört, dass es viele technische Geräte im Palast geben sollte, aber nie etwas Konkretes darüber erfahren können. Er hatte sich immer vorgestellt, was es dort alles geben konnte und nun sollte er mit eigenen Augen sehen, welche Schätze dort gehortet wurden.

„Was eben mal modern war in früheren Jahren“, sagte Erdogan, weil er sich nicht blamieren wollte. Wenn er ausgerechnet einem Techniker die falschen Begriffe an den Kopf warf und der sich fürstlich amüsierte, war das nicht akzeptabel. Sollte der junge Mann also selber gucken. Sie gingen den Gang hinunter zum Fahrstuhl, der sie in die Asservatenkammern der Krone bringen sollte.

Er hatte sich selber als Kind oft hierhin geschlichen, nachdem er auf einem seiner Streifzüge die Räume entdeckt hatte. Er war immer mal wieder hierher gekommen, weil ihn all die alten Dinge fasziniert hatten, die dort herumstanden. Hier war er ungestört gewesen, denn das Lager war im Laufe der Jahrhunderte in Vergessenheit geraten, denn viele ihrer Vorfahren hatten alles, was aus der alten Zeit stammte verdammt.

Was man hatte retten können, hatte hier einen Platz gefunden, aber vieles war auch unwiederbringlich zerstört worden.

Thom pfiff anerkennend durch die Zähne, als die Tür sich öffnete. Er war schon so oft an dieser unscheinbaren Tür vorbei gekommen und er hatte keinen Schimmer, was für antike Schätze hier lagerten. Ohne auf den Prinzen zu achten lief er los, rannte durch die Regalreihen und durchmaß alles mit den Augen. Nur im Hinterkopf hatte er noch den Gedanken, warum sie eigentlich hier waren. Er musste sich erst einmal einen Überblick verschaffen. Das war wie eine Zeitreise.

Tausende technischer Geräte lagerten hier und Thom kam sich vor wie in einem Wunderland. Viele dieser Maschinen kannte er nur von Bildern und hatte sie noch nie in Händen gehalten. Immer wieder sah er etwas, das er in die Hand nehmen und untersuchen musste. „Ich fass es nicht“, murmelte er immer wieder und er merkte gar nicht, wie er strahlte. Hier wollte er arbeiten und all die verschiedenen Geräte katalogisieren. Wer auch immer hier versucht hatte, ein System reinzubringen, er hatte völlig versagt, denn hier stand alles durcheinander.

„Gefunden, was wir suchen?“, rief sich Erdogan in Erinnerung. Er hatte etwas Ähnliches schon befürchtet und dem Techniker deswegen ein paar Minuten Spaß gegönnt, doch sie sollten nicht aus dem Auge verlieren, warum sie eigentlich hier waren.

„Ich suche ja, ich suche ja“, rief Thom schnell, auch wenn das nicht stimmte, dazu war er viel zu überwältigt gewesen. Da er wusste, dass der Prinz recht unangenehm werden konnte, wenn man nicht machte, was er verlangte, lief Thom durch die Regale und konzentrierte sich auf das, was sie suchten. Zu zweit ging es zwar besser, aber er konnte dem Prinzen schlecht erklären, was sie brauchten. Nur am Rande registrierte er das eine oder andere erlesene Schmuckstück, was er zu gegebener Zeit noch einmal genauer unter die Lupe nehmen wollte.

„Um was wird es eigentlich gehen, wenn wir uns in einer Stunde treffen wollten? Mein Bruder soll ja auch dabei sein“, wollte Thom wissen, um sich abzulenken, nicht dass er wieder das Ziel vor Augen verlor.

„Wir wollen nach draußen“, erklärte Erdogan und schloss zu Thom auf. „Wir brauchen aber noch mehr Informationen und da sind wir auf dieses Bonder 482 gestoßen. Es hörte sich interessant an, darum möchten wir diese Kassette abspielen.“

Schlagartig blieb Thom stehen. Das schien heute ein ereignisreicher Tag für ihn zu sein. Er sah den Prinzen an und wiederholte langsam: „Nach draußen?“ Das musste er verdauen. Ihm war bewusst, dass der Fürst dies verboten hatte, doch wenn der Prinz solche Pläne hegte, wusste er schon, was er tat. „Und welche Rolle soll ich da spielen?“, fragte er, weil er sich keinen Reim darauf machen konnte. Weder auf das, was der Prinz suchte, noch warum er als einfacher Techniker darüber informiert wurde.

„Du sollst mitkommen?“ Erdogan war ein wenig amüsiert, weil Thom so verwirrt wirkte. „Nenn mir einen anderen Berufszweig, der sich besser mit Technik auskennt. Technik, auf die wir auf unserer Expedition unweigerlich stoßen werden? Wer soll uns Türen öffnen, oder Geräte zum Laufen bringen, wenn nicht ein Techniker?“

„Ich? Mit? Nach draußen?“ Thom machte große Augen und starrte Erdogan an. Der wirkte immer noch sehr amüsiert.

„Thom, Verben sind unsere Freunde. Sie geben Sätzen einen Sinn, weißt du?“

„Haha!“ Thom fühlte sich verarscht, grinste aber. Er sollte mit nach draußen, das war der Hammer. Das musste er unbedingt seinem Bruder... nein, der erfuhr das sicher gleich, wenn sie zusammen saßen. „Wer außer Daniel soll noch mit?“, wollte er wissen, fing aber wieder an zu suchen. Sie brauchten den Recorder.

Zufrieden mit der Reaktion folgte Erdogan Thom und guckte ebenfalls nach dem Rekorder. Er hatte sich das Bild gemerkt, da suchte er nach Ähnlichem. „Leander wird mitkommen und ein paar Soldaten, die wir noch aussuchen müssen. Wir haben noch Jack Douglas ins Auge gefasst, aber da sind wir uns noch nicht einig.“ Erdogan nahm ein Gerät aus einem Regal und hielt es Thom zur Begutachtung hin. „Wir wollen ein eher kleines Team.“

„Is ja auch überschaubarer“, sagte Thom und schüttelte den Kopf. Er beguckte sich das kleine Gerät kurz und stellte es dann wieder zurück. Er hätte nicht gedacht, dass das gesammelte Wissen aus seinem Technik-der-Historie-Studium ihm eines Tages einmal von Nutzen sein konnte. Es war ein reines Interessenstudium gewesen.

„Aber auf Jack würde ich nicht wetten“, sagte er nach einer Weile und wühlte sich durch ein paar Kisten, die ihren Inhalt von außen nicht preisgeben wollten. „Er ist der beste seines Faches, aber er legt sich mit jedem an, der ihm drei Meter zu nahe kommt. Hat ja seine Gründe, warum er nach P-2317 umgezogen ist.“

„Ja, das ist uns bekannt und darum sind wir uns ja nicht sicher. Wir werden ihn trotzdem fragen und daran ein paar Bedingungen knüpfen. Wenn er nicht bereit ist, im Team zu arbeiten, werden wir ihn nicht mitnehmen. Ich hoffe ja darauf, dass die Chance draußen zu forschen ihn kompromissbereiter macht.“

Es war bekannt, dass dieser Jack Douglas ehrgeizig war und immer nur in dieser Kuppel zu arbeiten, war auf die Dauer keine große Herausforderung. Er hatte mehrfach Gesuche für Bohrungen unter seiner Kuppel gestellt. Es war eine still gelegte Landwirtschaftskuppel, die nicht mehr benötigt wurde, weil die Bevölkerungszahlen ständig schwanden. Doch Fürst und Volksvertreter hatten Befürchtungen, wenn der Boden der Kuppel offen war, könnten Gefahren eindringen, die nicht abzusehen waren.

„Hier hat sich das Schmuckstück versteckt“, sagte Thom und holte ein Gerät aus der Kiste. Er pustete darüber, Staub flog ihm in die Nase und ließ die Augen tränen, doch er wirkte sehr zufrieden. Dann sah er auf den Stecker und grinste schief. „Ist nur fraglich, wie wir jetzt den Strom in das Ding rein kriegen.“ Denn Anschlüsse dieser Art gab es seit Jahrhunderten nicht mehr. Er griff sich also die Bedienungsanleitung, vielleicht half die ihm weiter, auch wenn das alte Englisch oft schwer zu lesen war.

Erdogan rief inzwischen Leander an, dass sie das passende Gerät gefunden hatten und sie schon mal voraus zu dem Besprechungsraum gingen. Jetzt noch einmal ins Archiv zurückzukehren lohnte sich nicht mehr. Da war es einfacher, wenn Leander zu ihnen kam. „Das kriegst du schon hin“, wandte er sich danach an Thom, der vor sich hinmurmelte. „Wie habt ihr das denn mit den anderen Geräten gemacht, die ihr benutzt? Geht das bei dem nicht genauso?“ Erdogan war da zuversichtlich. Wenn es einer schaffte, dann Thom.

„Einen Großteil der Apparate habe ich nachgebaut und modifiziert. Aber hier drückt die Zeit, es muss einen schnelleren Weg geben. Ich mache das Schätzchen mal auf und gucke, ob ich die Stromzufuhr überbrücken kann“, nuschelte er vor sich hin und hatte sich das Gerät schon unter den Arm geklemmt. „Muss eben noch an meinem Lager vorbei, brauch was, komme dann rüber.“

Dann war er weg und Erdogan blieb allein zurück und konnte Thom nur noch ein „Okay“ hinterher rufen. Er ging also schon einmal alleine vor. Während er wartete, wollte er seinem Vater eine Nachricht mit ihren bisherigen Erkenntnissen schicken. Der Fürst wollte schließlich auf dem Laufenden gehalten werden. Er saß noch nicht lange im Besprechungsraum, als die Tür aufgerissen wurde und Daniel O’Rayley völlig außer Atem in den Raum gestürzt kam.