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Alles was zählt - Teil 69 bis 72

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„Guten Morgen, Schatz. Schon wach“, murmelte Leif, als er nach ein paar Stunden Schlaf zu sich kam. Endre neben ihm lächelte ihn an. „Ja“, sagte er leise, auch wenn es gelogen war. Er war nicht schon wach, er war immer noch wach, denn Endre hatte die Nacht kein Auge zugetan. Zu viel ging ihm im Kopf herum, als dass er auch nur für eine Sekunde die Augen davor hätte verschließen können. Erinnerungen an gestern, als JJ noch bei ihnen gewesen war und unglaubliche Wut darüber, was man ihnen beiden allen Ernstes zutraute.

„Er fehlt mir“, sagte Leif leise und schloss die Augen wieder, denn normalerweise würde JJ schon zusammen mit Gustav durch das Wohnzimmer toben. Doch Gustav saß allein auf seinem Sessel, guckte traurig in die Welt und schien seinen kleinen Freund eben so sehr zu vermissen.

„Mir auch, Leif und deswegen werden wir auch überlegen, wie wir den Kleinen zurückholen." Das Zermarternde an der ganzen Geschichte war die Tatsache, dass sie heute und morgen nichts erreichen konnten. Bei Behörden arbeitete am Wochenende niemand. Sie waren also für zwei endlos lange Tage zur Untätigkeit verurteilt. Und JJ war ganz allein, ohne seine Freunde, ohne ein paar seiner Kleider. Er war einfach nur mitgenommen worden und dann erzählten diese Leute ihm etwas vom Kindswohl? Die glaubten wohl, einem verstörten Kind irgendein Hemd und irgendein Plüschtier zu geben wäre okay? Ist ja austauschbar. Bei denen waren Kinder doch auch nur Nummern. Wütend biss Endre die Zähne zusammen und löste die Anspannung erst wieder, als Leif ihm sanft über den Kiefer strich.

„Ich wusste, dass Viktor mich am Boden sehen will, aber dass er so weit geht, das hätte ich nicht gedacht“, sagte Leif leise. „Er hat wirklich schwere Geschütze aufgefahren.“ Noch immer war der Wunsch in ihm groß, seinem Ex die Gurgel zuzudrücken, bis er blau anlief oder ihn zu treten, bis der Schmerz über den Verlust langsam abklang. Es ärgerte Leif maßlos, dass dieser Scheißkerl Recht behalten haben sollte und er das Kind wegen seines Jobs verlieren sollte.

„Tja, Schatz. Hinterher ist man immer schlauer“, sagte Endre leise. Auch er hätte sich gern über diesen verlogenen Hund echauffiert, doch was brachte es, sich gegenseitig in Rage zu schaukeln? Das brachte ihnen JJ nicht zurück. Sie mussten überlegen, wie sie dem Amt klar machen konnten, dass es dem Jungen bei ihnen gut ging, dass Leif sich aus dem Business zurückgezogen hatte und vor allen Dingen, dass auch schwule Männer in der Lage waren, Kinder so zu erziehen, dass sie keine Aversion gegen Frauen bekamen – einmal davon abgesehen, dass dies bei JJ vorher schon der Fall gewesen war und es schwer sein dürfte, einem blinden Huhn das zu erklären. Endre seufzte. Die Aktien standen alles in allen nicht sehr gut für sie.

„Hast du Belege für deinen Ausstieg aus der Firma?“, fragte Endre stattdessen, um auch Leif auf andere Gedanken zu bringen.

Der erhob sich ein wenig und sah Endre in die Augen. „Ja, warum?“

„Such sie raus. Wir kopieren sie. Irgendwie müssen wir den Leuten ja begreiflich machen, dass du extra für JJ aus der Branche ausgestiegen bist, weg von allem. Die Aufhebungserklärung für deine filmische Karriere, der Austritt aus der Firma und das aktuelle Handelsregister, damit man sieht, dass dein Name dort nicht mehr auftaucht. Freilich wäre ein altbackener Beruf, den du vorweisen kannst, gleich noch besser, aber den bekommen wir auf die Schnelle nicht für dich. Wir müssen also mit dem pfunden, was wir haben.“

Und ob das reichte, da zweifelte Endre doch stark. Denn das Manko des Homosexuellen – was wohl in den Augen der meisten Menschen an sich schon eine Gefährdung des Kindeswohles darstellte – konnte Leif nicht von der Hand weisen. JJ fehlte die Mutter. Kurz keimte der Gedanke auf, jemanden dafür zu engagieren, doch das wäre nur die nächste Lüge und wenn die aufflog, dann hatten sie endgültig verspielt. Es war ja noch nicht einmal klar, ob sie dieses Mal eine zweite Chance bekamen.

„Sag mal, Leif“, sagte Endre nachdenklich und zog sich etwas auf der Couch nach oben, dass er sich mit dem Rücken halb liegend an die Lehne legen konnte. Auf seiner Brust lag Leifs Kopf und der sah ihn abwartend an. „Was hast du denen damals gesagt, als es darum ging, JJ zu dir zu nehmen? Es klang, als wären sie extrem entsetzt darüber, dass keiner wusste, wie du dein Geld verdient hast.“

Leif holte tief Luft und seine Arme legten sich um Endres Seiten. „Ich habe gar nichts gesagt, aber das war ja nun kein Verbrechen. Ich dachte, wenn sie jemandem ein Kind anvertrauen, dann werden sie denjenigen schon vorher überprüft haben. Ist ja nicht so, als würde ich das alles heimlich gemacht haben und wäre im richtigen Leben Verkäufer oder so was. Nein, es war mein Job und ich stand offen dazu. Das tue ich heute noch, denn ich habe es mit Überzeugung gemacht. Ich habe mich ja auch gewundert, warum man mir den Jungen trotzdem gibt. Da kam mir der Gedanken, dass sie vielleicht keinen Schimmer haben, was ich eigentlich tue oder was ich bin und da habe ich den Mund gehalten. Ich wollte JJ um jeden Preis“, sagte Leif leise und seufzte. „Was es mir gebracht hat und dem Kleinen, das sehen wir ja jetzt.“

„Na, dass sie nicht richtig recherchiert haben, wundert mich aber auch“, murmelte Endre leise, nickte aber verstehend. So war das also gelaufen. Na ja, im Nachhinein den Schuldigen zu suchen, der für diese Situation jetzt ausschlaggebend gewesen war, brachte nichts. Sie mussten gerade rücken, was es zu rücken gab und vielleicht auch den Beamten klar machen, dass man davon ausgegangen war, vorher durchleuchtet worden zu sein, ehe man ein Kind anvertraut bekam. Im Geiste machte sich Endre Notizen. Keines ihrer Argumente sollte verloren gehen.

„Ich bin immer noch dafür, wir suchen die Heime ab“, sagte Leif nach einer Weile, in der er nur die streichelnden Hände auf seinem Rücken genossen hatte. Die Augen geschlossen, lag er immer noch auf Endres Brust.

„Schatz, das bringt nichts. Selbst wenn wir das Heim finden sollten – was ich bezweifle – in dem JJ momentan ist, dann werden sie uns nicht rein lassen, geschweige denn, uns mit ihm reden lassen. Wir machen uns nur die Chance kaputt, es auf einer sachlichen Basis zu klären. Mit Aktionen auf eigene Faust und gegen die Anordnung des Amtes und des Richters haben wir ein Problem am Bein, das uns schnell den Teppich unter den Füßen wegziehen kann. Auch wenn das alles ziemlich emotionsgeladen ist, so sollten wir versuchen sachlich an alles ran zu gehen.“

Und Gott allein wusste, dass dies auch Endre nicht leicht fiel. JJ war wie ein fünfter kleiner Bruder und wieder nicht da sein zu können, wenn einer seiner Brüder ihn brauchte, zerriss ihm das Herz.

„Es ist schwer, hier zu sitzen, die Hände in den Schoß zu legen und zu wissen, dass der Kleine allein ist und bestimmt Angst hat.“ Leif sah wieder auf und Endre nickte.

„Kümmern wir uns um die Dokumente und schließen uns noch einmal mit Frau Doktor Böcker kurz. Wenn Frau Krüger uns kontaktiert – was meines Gefühles nach am Montag erfolgen wird- sollten wir alles beisammen haben.“ Außerdem half es vielleicht, sich etwas abzulenken und die Zeit totzuschlagen.

„Lass uns duschen und frühstücken. Dann sehen wir weiter in den Tag.“ Kurz küsste Endre seinen Freund und strich ihm verliebt durch die kurzen Haare. Es war noch immer ungewohnt, aber so mochte Endre sie ehrlich gesagt lieber. „Na los, dusch dich. Du musst was essen. Du hast gestern Abend schon nichts gegessen.“

Leif murrte leise, denn er wollte nicht aufstehen und in die kalte Welt hinaus treten. JJ fehlte an jeder Stelle. Das helle Lachen, das überhastete Plappern, die Begeisterung, mit der er Dinge entdecken konnte, die für andere ganz normal waren. Es war nicht fair, den Kleinen hier raus zu reißen.

Schließlich erhob sich Leif und streckte sich, küsste Endre noch einmal und ging langsam ins Bad, hob aber ruckartig den Kopf, als sein Handy piepste. Er hatte kein gutes Gefühl bei der Sache und so trafen sich seiner und Endres Blick über dem Couchtisch, auf dem das Handy lag. Unschuldig, als wäre nichts gewesen. Sie schienen beide zu ahnen, wer es nicht lassen konnte.

„Soll ich vorlesen?“, fragte Endre, der das Telefon schon in der Hand hatte und dementsprechend sehr wohl wusste, dass Viktor ihnen einen Gruß zum Morgen zu schicken schien. Leif nickte, auch wenn er es eigentlich nicht wissen wollte. Ihm war klar, dass es seinen Blutdruck in die Höhe schnellen lassen würde, egal was der Idiot wieder von sich gab.

>>Na, wie war die erste Nacht ohne Balg? Erholsam? Und so werden jetzt alle deine weiteren Nächte sein. Genieße sie.<<

„Mistkerl“, knurrte Leif und Endre konnte ihm da nur zustimmen. Der Typ war doch nicht mehr ganz dicht. „Hirnkrankes Arschloch.“

Immer weniger verstand Endre, wie Leif es mit diesem schizophrenen Mann so lange ausgehalten hatte. Der war ja schlimmer als ein Stalker. Und sein Ego auf dem Rücken eines Kindes zu stärken war wirklich das letzte. Ach was – der ganze Kerl war das letzte.

„Los, geh duschen. Wir lassen uns von dem Idioten nicht den Tag verderben. Der ist schon verdorben.“ Endre legte das Handy beiseite. Irgendwie hatte er das ungute Gefühl, dass dies heute nicht die letzte Meldung gewesen war. Und er sollte Recht behalten.

>>Ich sagte dir doch, du wirst es bereuen, mich verlassen zu haben.<<

>>Wenn du nicht mit mir glücklich warst, dann wirst du es auch nicht ohne mich. Das werde ich zu verhindern wissen.<<

>>Komm nach Hause, dann ist alles vergeben und vergessen und es kann so werden wie früher. Nur wir beide.<<

Pünktlich jede Stunde kam eine dieser Meldungen und Leif hatte langsam aber sicher das Gefühl durchzudrehen. Dieser Psycho-Krieg ging ihm an die Nieren, weswegen Endre beschloss, das Telefon einfach auszumachen. Alle anderen hatten auch Endres Nummer. Wenn es also so wichtig war, dann konnten sie Leif über ihn erreichen.

Das Frühstück fiel eher kläglich aus. Jeder stocherte ein bisschen auf dem Tisch herum. Hauptsächlich hielt man sich mit Kaffee über Wasser und es kam ihnen irgendwie gelegen, dass die Zwillinge plötzlich auf der Matte standen. Sie waren ebenfalls unruhig gewesen und so hatten sie sich gedacht, dass Leif und Endre vielleicht etwas Ablenkung gebrauchen konnten oder Leute zum Reden, wenn sie sich selbst die gleichen Fragen bereits zum hundertsten Mal gestellt hatten.

So verbrachten sie den Tag zu viert. Doch die Wohnung verließen sie nicht. Endre hatte immer noch die Hoffnung, dass jemand anrief und sagte: wir haben alles geprüft, der Junge kann wieder zu ihnen zurück. Holen sie ihn ab – doch das passierte nicht. Auch nicht auf Leifs Handy, als sie es probehalber noch einmal anschalteten. Nur sechs weitere Nachrichten, alle von Viktor und alle auf dem gleichen Niveau mit dem gleichen Inhalt wie ihre Vorgänger.

Ihr Nachtlager schlugen sie wieder auf der Couch auf und auch Gustav saß wieder in seinem Sessel. Das Schlafzimmer hatte keiner – nicht einmal Rudi – betreten, seit JJ weg war. Es war ungewohnt still in dem kleinen Raum.

Der Sonntag begann, wie der Samstag geendet hatte. Mit schweren Gedanken und einem eher weniger umfangreichen Frühstück. Leif und Endre schwiegen sich fast nur noch an, denn es war nichts mehr zu sagen, was nicht schon einmal gesagt worden war. Doch sie verstanden sich auch stumm.

Immer wieder einmal piepste das Handy. Leif hatte es so eingestellt, dass man an der Melodie erkannte, wer ihn behelligte und so lange das immer nur Viktor war, machte sich keiner mehr die Mühe, die Nachrichten noch zu lesen. Lieber suchten sie alle Dokumente zusammen, von denen sie glaubten, dass sie einmal nützlich werden könnten und erstellten eine Chronologie der Ereignisse mit Viktor. Angefangen an dem Tag, als er die Hand gegen JJ und Endre erhoben hatte, bis zum heutigen Tag. Sie wussten nicht, wozu es nützlich war, doch es tat ihnen beiden gut.

Während sich Leif ein weiteres Mal fragte, warum er es so lange mit Viktor ausgehalten hatte, kümmerte sich Endre ums Mittagessen. Es waren noch Reste von gestern da, denn Gerrit hatte gekocht und zwar reichlich, das mussten sie sich heute nur aufwärmen. Doch auch das konnte eine Anstrengung sein, wenn einen Kraft und Zuversicht langsam verließ. Ihm war früher nie aufgefallen, wie leer diese Wohnung war. Doch seit JJ und Leif sie mit Leben gefüllt hatten, wurde es Endre schmerzlich bewusst.

Als erneut Leifs Handy klingelte, zuckte Endre zusammen. Dieses Mal war es eine andere Melodie. Das hieß entweder, dass Viktor das Handy gewechselt hatte, weil er ihren Trick durchschaut hatte oder jemand anderes als Viktor versuchte Leif zu erreichen. Wieder begann die Melodie von vorn und hastig griff sich Leif das kleine Gerät. „Drieschner?“, fragte er, weil er die Nummer, die angezeigt wurde, nicht kannte.

>Tut mir leid, Herr Drieschner, dass ich sie am Sonntag störe, doch wir wissen uns keinen anderen Weg. Hier ist Binder. Ich arbeite am Fall von Jan Joseph Drieschner und wir würden sie bitten, uns zu helfen.<

Endre, der zu Leif geeilt war und mithörte, sah seinen Freund fragend an, gestikulierte ihm, zu fragen, was los war. Er war in Sorge und irgendwie hatte er das ungute Gefühl, dass dies berechtigt war. Was hatten die mit JJ angestellt?

„Wie können wir helfen und was ist passiert?“, fragte Leif sofort, das hätte ihm Endre nicht auftragen müssen.

>Seit er hier ist, verweigert sich der Junge. Er sitzt in einer Ecke und lässt keinen an sich ran. Er schläft nicht, er isst nicht, er trinkt nicht. Nicht einmal den Arzt... und da dachten wir, dass sie vielleicht…<

Leif wurde rot vor Wut, während Endre ziemlich blass um die Nase war. Da glaubte man, der Kleine wäre – wenn schon nicht in seiner gewohnten Umgebung – so doch wenigstens in Sicherheit. Doch da hatte er sich wohl völlig getäuscht. „Unfähige Deppen“, knurrte er leise, war aber schon im Flur, um sich seine Jacke überzuwerfen.

„Wo sollen wir hin kommen?“, fragte Leif und notierte sich die Adresse, damit Endre schon im Stadtplan suchen konnte. Berlin war groß und das Straßennetz weitläufig. Da kannte man nicht jede Straße. „Gut. Wir kommen.“ Er klang erleichtert, auch wenn er nun erst recht in Sorge war.

Was hatten die Idioten mit seinem Kleinen gemacht, dass er so apathisch war? Gefährdete dieses Verhalten das Kindeswohl nicht oder was? Ein Vierjähriger ohne Essen und Trinken und Schlaf? Er konnte das nicht verstehen. Wenn das gestern schon so gewesen war, warum hatte man sie nicht gestern schon gerufen. Wenn der Kleine auch nur einen Schaden davon trug, hatten die Jungs und Mädels vom Amt aber ein großes Problem.

„Solche Blödmänner“, knurrte auch Endre, der gerade im Stadtplan blätterte. „Ruf die Ärztin an. Sie hat darum gebeten, wenn es etwas Neues gibt, sollen wir sie das wissen lassen. Vielleicht kannst du sie fragen, ob sie auch dorthin kommen kann. Wenn er nicht isst und nicht trinkt, ist er vielleicht ziemlich schwach. – Ah. Da!“ Endre hatte die Straße, die er suchte, gefunden und Leif hatte schon gewählt. Während er selbst sich anzog, telefonierte Endre mit Frau Doktor Böcker.

>Ah, Herr Bergmann, sie sind’s. Gibt es etwas Neues?<, fragte sie gleich, nachdem sich Endre gemeldet hatte.

„Ja und es gefällt mir nicht. Sie kommen wohl mit JJ absolut nicht klar, obwohl sie eigentlich hätten wissen müssen, aus welchen Umständen der Junge kommt und das man sensibel mit ihm umgehen sollte. Sei es drum. Eben rief ein Herr Binder vom Amt an. Sie kommen mit JJ nicht klar.

Er schläft nicht, isst nicht, trinkt nicht und den Arzt lässt er auch nicht an sich heran. Wäre es möglich, wir treffen uns am Heim, damit sie ein Auge auf ihn werfen können? Von ihnen lässt er sich ja untersuchen und ich würde ihm gern die Tortur eines fremden Arztes ersparen.“

Kurz fiel sein Blick auf Gustav, der ihn erwartungsvoll ansah und er war versucht, JJ sein Tier mitzunehmen. Doch er war in Sorge, dass das große Plüschtier sie nur behindern würde. „Pack ein paar von seinen Sachen für ihn ein“, sagte Endre zu Leif und nickte, als die Ärztin ihm erklärte, dass sie sich für ihren kleinen Patienten freilich gleich in die Spur machen würde. Sie ließ sich ebenfalls die Adresse geben und weil Endre den Stadtplan noch vor sich liegen hatte, konnte er ihr auch gleich sagen, wie man dort am besten hinkam.

„Danke“, sagte er noch erleichtert und versicherte, dass er sein Handy dabei hätte und auch frisch geladen, falls sie unterwegs nicht weiter wüsste. Er warf den Stadtplan sicherheitshalber noch mit in die Tasche mit JJs Kleidung und hastete hinter Leif zur Tür. Der sah ihn fragend an, schließlich hatte der Passat ein Navigationsgerät, doch auf eine Stimme, die ihm erklärte wie er zu fahren und wo er zu wenden hatte, hatte Endre gerade wirklich keinen Nerv.

Außerdem musste Leif fahren und es war selbstverständlich, dass sie nicht den SLK nahmen – sie hatten wohl beide die Hoffnung, dass sie JJ vielleicht doch mitnehmen konnten.

Die Papiere in der Hand fest gegen seine Brust gedrückt holte Endre tief Luft und nickte Leif zu. „Los, fahr schon. Unser Kleiner braucht uns“, sagte er und versuchte sich zu fassen. Doch das war nicht so leicht, wie er sich das vorgestellt hatte, denn immer wieder geisterten Bilder vor seinem inneren Auge, die ihm JJ in einem erbärmlichen Zustand zeigten. Dabei war der Kleine erst zwei Tage weg, da konnte nicht so viel passiert sein – zumindest hoffte Endre das.

„Alles wird wieder gut“, sagte Leif leise und strich seinem Freund über das Knie. Sie würden JJ sehen und er sie und vielleicht würden diese Idioten dann begreifen, was hier das Kindeswohl mehr gefährdete: er oder das Amt.


-70-

Wie das Schicksal es so wollte, waren Unmengen Sonntagsfahrer auf der Straße, die Leifs Nerven ziemlich strapazierten. Sie schlichen von Ampel zu Ampel, verwechselten Gaspedal und Bremse und fuhren so unmöglich in der Mitte, dass an Überholen oft nicht zu denken war. Dies alles fraß Zeit, in der sie mit JJ hätten zusammen sein können.

„Verpiss dich in den Autoscooter, du Dorfdepp!“, schimpfte er, als er die PS aus dem Passat holte und mit einem gezielten Tritt auf das Gas und einem geschickten Lenkzug doch noch an dem Hutfahrer samt seiner Frau vorbei war. Endre sagte nichts dazu, denn ihm wäre es hinter dem Steuer auch nicht besser ergangen.

So dauerte es seine Zeit, bis sie endlich das Heim erreicht hatten und es war Zufall, dass auch Frau Böcker gerade einparkte. Wenigstens hier stimmte das Timing. „Hallo“, rief Endre gleich, als er aus dem Wagen stieg und begrüßte die Ärztin. „Ich bin ihnen so dankbar, dass sie ihren Sonntag für uns opfern.“

Doch die Frau lächelte und sagte: „Ich habe einen Eid geschworen, Herr Bergmann und da ist es egal, welcher Wochentag ist. Wenn JJ mich und meine Aussagen und Untersuchungen braucht, dann habe ich da zu sein. Es ist eine Herzenssache... und sie sind Herr Drieschner, der Onkel?“, wandte sie sich plötzlich an Leif, der ebenfalls ausgestiegen war. Die Ähnlichkeit zu JJ war eben nicht zu übersehen.

Leif nickte und begrüßte die ältere Frau. Er schätzte sie mit ihren ansatzweise grauen Haaren auf Mitte vierzig. Er mochte es, wenn jemand in Würde altern konnte. Er selbst war dafür zu eitel.

„Es ist komisch“, sagte Endre leise, „bis eben konnte ich nicht schnell genug hier her kommen und jetzt habe ich Angst, dort hinein zu gehen, weil ich nicht weiß, was mich erwartet.“ Weniger störte ihn, dass man ihn oder Leif für einen Kinderquäler hielt, mehr Sorge hatte er, wie es JJ ging und ob er sie jetzt dafür hasste, dass sie ihn nicht beschützt hatten. Was, wenn er auch sie einfach ablehnte? Der Gedanke war schmerzlich.

„Lass uns gehen, er braucht uns“, sagte Leif und griff Endres Hand. Es war ja kein Geheimnis mehr, dass er schwul war. Schließlich war dies einer der Kritikpunkte an seiner Person, die ihn dazu disqualifizierten, ein Kind erziehen zu können. Warum sollte er sich da noch verstecken?

„Gut.“ Endre nahm die Unterlagen in die Hand, die vielleicht ein bisschen Aufklärung bringen konnten und nickte Frau Böcker zu. Sie gingen zur Tür und klingelten.

„Kann ich helfen?“, fragte eine kleine Blonde – vielleicht zwanzig Jahre – als sie die Tür geöffnet hatte. Endre beeilte sich zu erklären, sie wären wegen Jan Joseph Drieschner hier und so wurden sie eingelassen. Schien sich ja schon herumgesprochen zu haben. Er begriff im ersten Moment nicht, was: „Immer den Schreien nach“, bedeuten sollte, doch als er in den Flur getreten war, hörte er JJ schon.

Er versuchte etwas von sich abzuwehren, wie er es bei Viktor gemacht hatte. „Geh weg“, forderte seine Stimme, doch sie war heiser und müde. Der arme Kerl.

„So geht das seit Freitag“, sagte die kleine Blonde leise und Endre sah sie nur fassungslos an. Seit zwei Tagen ließen diese angeblichen Pädagogen hier das Kind einfach schreien? Ohne ein weiteres Wort lief er los – immer der Stimme seines kleinen Schützlings nach. Sie schnitt ihm ins Fleisch bis auf die Knochen. Wie konnte es jemand ertragen, ein Kind so leiden zu lassen.

Als er in den Raum kam, blieb er wie gegen eine Wand gelaufen stehen. JJ hockte in einer Ecke des Zimmers. Zusammengekauert und verweint. Die Arme fest um sich gezogen, als versuchte er sich unsichtbar zu machen, wenn er nur klein genug wurde. Vor ihm stand eine Tasse. Sie musste Tee enthalten haben, so wie der Fleck auf dem Teppich aussah. Die Brote standen auch schon länger da, denn die Wurst wellte sich langsam.

„Das glaube ich nicht“, murmelte Endre und trat tiefer in den Raum, wo eine Frau kniete und versuchte, auf den Jungen einzureden. „JJ“, sagte er und brachte sich so in das Interesse des Jungen. Er riss die Augen auf und schoss hoch. „En-re! En-re!“, rief er immer wieder und klammerte sich an seinem Kindermädchen fest. „En-re!“, wie ein Mantra, das alle bösen Geister vertreiben sollte. Endre nahm ihn sofort hoch und merkte, dass die Hose des Kleinen völlig nass war. Sie roch nach Urin. Was hatten die denn mit dem Kleinen gemacht, verdammt?

„Ist ja gut, meine Maus, ich bin jetzt da. Ich geh nicht weg“, sagte er leise und meinte das völlig ernst. Wenn sie JJ hier lassen mussten, dann würde auch er bleiben – bis ihn die Polizei hier raus trug. Derartiges würde er seinem kleinen Schützling nicht noch einmal zumuten.

Frau Böcker und Leif waren langsamer gefolgt und hatten die aktuellen Ereignisse nur von der Tür aus miterlebt. Ebenso wie die Frau, die auf JJ eingeredet hatte. „Sie müssen Herr Drieschner sein.“ Doch Endre schüttelte nur den Kopf und drückte den kleinen JJ fest an sich, damit der sich endlich beruhigen konnte.

„Ich bin Herr Drieschner“, sagte Leif und freute sich, als JJ auch ihn erkannte und die Arme nach ihm ausstreckte. Er atmete erleichtert auf und küsste seinen Neffen auf die Stirn. „Ach, Maus“, sagte er leise.

„Und sie?“, wurde Frau Böcker gefragt. „Sind sie die Mutter?“ Überraschung lag in der Stimme der Betreuerin.

„Nein, ich bin die behandelnde Ärztin des Jungen und habe ihn erst vor ein paar Tagen das letzte Mal auf meinem Untersuchungstisch gehabt und weiß, dass er ganz bestimmt nicht misshandelt wurde und wenn sie die Akte des Jungen gelesen hätten, wüssten sie, dass seine Mutter in Haft sitzt und an die Neurologische überwiesen wurde. Zwangsentmündigt, deswegen ist der Junge seinem Onkel übergeben worden.“ Dann war sie mit der Betreuerin fertig und ließ sich JJ auf den Arm geben, sie wollte sich den Jungen ansehen und schauen, in welcher Verfassung er war. JJ war kurz vor dem Einschlafen, denn jetzt, wo sein En-re wieder da war, schien er sich sicher zu fühlen und machte endlich die Augen zu.

„Wenn sie ihn gleich umziehen könnten?“, fragte Endre, der sich erst einmal mit der Dame vom Amt – als diese stellte sie sich nämlich mittlerweile vor – befassen wollte.

„Warten sie“, Leif ging mit JJ und der Ärztin, die anbot, sich den Jungen selbst anzusehen und nach Blessuren zu untersuchen und willigte ein auf den Amtsarzt zu warten, den das Amt gern zu einer Untersuchung hinzuziehen wollte. Er sei ebenfalls benachrichtigt und auf dem Weg.

Endre faszinierte, wie viele Leute wegen einem kleinen Jungen am Sonntag unterwegs waren, doch er war froh darüber, dass es so war. Er blieb allein mit Frau Geller zurück, die die Notfallvertretung des Jugendamtes war.

„Wie konnten sie den Jungen zwei Tage lang in diesem Zustand belassen. Das ist doch Quälerei. Wir hätten das gestern auch schon mal klären können und der Kleine wäre in einer besseren Verfassung gewesen.“ Endre schüttelte immer noch den Kopf und setzte sich an den Tisch, der an einer der Stirnseiten des Raumes stand und sah Frau Geller forschend an.

Sie machte einen netten Eindruck, ein etwas rundliches Gesicht und eine stramme Figur strahlten etwas Mütterliches aus, doch das täuschte Endre nicht darüber hinweg, was er eben gesehen hatte.

„Wir hätten nicht gedacht, dass der Junge solche Probleme macht. Aber als ich vor zwei Stunden die Akte zu dem Fall auf den Tisch bekommen habe, wurde mir einiges klarer.“ Es klang wie das Eingestehen eines Fehlers und Endre nickte.

„Wie wird weiter verfahren?“, wollte er wissen, denn das war für sie alle das Ausschlaggebende. „Ich werde den Jungen hier nicht lassen.“

„Es steht ja immer noch der Vorwurf der Täuschung im Raum, so weit ich das weiß.“ Sie spielte auf Leifs Beruf an. „In der Anzeige war deutlich durchgedrungen, dass er Pornos dreht und produziert. Von der Homosexualität einmal abgesehen. Ein Kind braucht eine Mutter und so glauben wir, dass er in einer Pflegefamilie...“

„Wie bitte?“ Endre schoss hoch. Auf das Wort Pflegefamilie reagierte er immer noch allergisch, seit seine beiden Jüngsten nur die schlechtesten Erfahrungen damit gemacht hatten. „In eine Pflegefamilie? Das dürfte doch nur ein schlechter Scherz sein, nicht wahr? Sie reißen den Jungen aus einem Umfeld, das ihn liebt und das er liebt und stecken ihn zu Leuten, die saufen, prügeln und die Kinder sexuell belästigen?“

Völlig entrüstet sah Frau Geller ihn an. „Was erlauben sie sich eigentlich? Unsere Pflegefamilien sind vom Amt geprüft und über jeden Zweifel erhaben!“ Das konnte sie auf diesen Menschen ja wohl so nicht sitzen lassen. „Die verdienen nicht ihr Geld mit der Ausbeutung vor der Kamera!“

„Ich würde ihnen raten, sich die Akten über die Fälle Sven und Sören Bergmann einmal ganz genau anzusehen und dann erzählen sie mir noch einmal was von: über alles erhabene Heilige. Meine kleinen Brüder haben die Torturen einer Pflegefamilie durch. Von der Mutter betatscht, vom besoffenen Vater verprügelt und von den leiblichen Kindern um Essen betrogen. Ich konnte vielleicht meine kleinen Brüder nicht schützen. Aber bei JJ wird mir das nicht noch einmal passieren.“

Endre versuchte sich zu beruhigen, weil es schlicht nichts brachte, sich gegenseitig Bosheiten an den Kopf zu werfen. Aber die Vorstellung, dass JJ das Schicksal seiner kleinen Brüder ereilen sollte, war für ihn traumatisch. Und es war eine Genugtuung zu sehen, dass Frau Geller darauf nichts zu erwidern wusste. Also machte Endre weiter. Er legte die ganzen vom Anwalt gefertigten Schreiben auf den Tisch, ebenfalls die Auszüge aus dem Handelsregister.

„Soweit ich weiß, hatte man versäumt Herrn Drieschner zu durchleuchten, ehe man ihm in Köln das Kind übergeben hat. Es wäre Aufgabe des Amts gewesen, zu checken, womit er sein Geld verdient – und zwar vorher. Des Weiteren hat er sich an dem Tag, als der Junge zu ihm kam, aus allem zurückgezogen.

Er dreht nicht mehr, er produziert nicht mehr. Er ist aus der Firma komplett ausgestiegen und selbst seine Wohnung hat er zugunsten einer kindgerechten Villa mit Garten aufgegeben. Wie viele Leute auf dieser Welt geben ein Penthouse auf dem Ritz-Carlton im Herzen von Berlin auf, um an den Stadtrand zu ziehen?“

Oh ja, Endre war in Fahrt und er redete mit einer Leidenschaft, die es schwer machte, ihm nicht zu folgen. Doch dann schwieg er erst einmal, denn es schien, als hätte er Frau Geller schwindlig geredet. Sie drehte und wendete die Unterlagen, die klar das bewiesen, was Endre sagte. Doch sie knabberte wohl mehr an dem, was Endre vorher erzählt hatte.

„Aber der Anrufer hatte doch erklärt, dass Herr Drieschner Pornos drehen würde und der Junge da immer dabei wäre und wenn er nicht...“ Sie sah Endre an und man merkte, dass sie das erste Mal richtig über das nachdachte, was an sie heran getragen worden war. Endre lächelte und zuckte die Schultern. Auch wenn es die Frau eigentlich nichts anging, so erklärte er, was es mit dem anonymen Anrufer auf sich hatte und bot ihr gern an, sich die Nachrichten auf Leifs Handy anzusehen. Sollten sie ruhig wissen, dass sie nur Mittel zum Zweck waren, um die Rache eines eifersüchtigen Ex-Verlobten auszuführen.

„Sie wollen mir also allen Ernstes erklären, dass Herr Drieschner eine Wandlung vom Saulus zum Paulus gemacht hat und nun arbeitslos ist, um sich um den Jungen kümmern zu können.“

Endre nickte. So war es nun einmal. Sicher, Leif würde sich wieder einen Job suchen, wenn er etwas fand, was ihm Spaß machte und wo er sich verwirklichen konnte. Doch nötig war es nicht, denn Geld war genügend vorhanden.

„Können wir die Kopien der Verträge und Auszüge für die Akten behalten?“, fragte Frau Geller und musste tief durchatmen. Die Geschichte von Endre war schlüssig und leider nur allzu glaubhaft. Sie hatten wohl tatsächlich einen Fehler gemacht. Endre nickte zustimmend und schob die Dokumente weiter über den Tisch zu ihr.

„Aber eine Sache wäre da noch, denn ein Kind braucht nun einmal eine Mutter. Ich weiß nicht, ob ein homosexueller Mann einem Kind das geben kann, was eine Mutter kann“, sagte sie und sah zum Glück nicht, dass Endre die Augen verdrehte. Na, wenn er mal nicht das beste Beispiel gegen diese These war? Er und seine Kleinen hatten zwar eine Mutter gehabt, doch die war völlig unfähig gewesen. Die Jungs waren also auch ohne Mutter aufgewachsen und aus jedem war was geworden. Vorlieben für Frauen oder Männer ließ sich nicht anerziehen. Diese Neigungen waren bereits im Bausatz festgelegt. Doch das brachte nichts, darüber zu diskutieren.

„JJ ist vier. Er ist von der Brust entwöhnt. Alles andere kann ihm auch ein Mann beibringen. JJs Angst vor Frauen hat mit Herrn Drieschner ja wohl mal nichts zu tun. Wenn sie die Akte des Jungen lesen, wissen sie das. Ganz im Gegenteil. Wir arbeiten daran, dass er diese Furcht verliert. Sonst hätte er sich ja von seiner Ärztin nicht einfach mitnehmen lassen. Außerdem hat er bereits eine kleine Freundin“, grinste Endre und dachte an Tiara. Die beiden waren aber auch ein Team, wenn sie zusammen waren.

„Und dass JJ mich als Kindermädchen hat, liegt nicht an den Vorlieben von Herrn Drieschner, sondern an JJs. Er hat mich ausgesucht“, schob Endre noch erklärend nach. Er hatte nun so ziemlich alles gesagt, was ihm durch den Kopf gegangen war und von dem er glaubte, dass es Licht ins Dunkel bringen konnte. Jetzt lag alles in der Hand des Amtes und sie konnten nur hoffen, dass sie die richtige Entscheidung zum Wohle des Kindes fällten.

„En-re!“ JJ kam zurück in den Raum gelaufen - frisch eingekleidet und immer noch ein bisschen müde. Doch er kletterte seinem Kindermädchen gleich auf den Schoss und kuschelte sich wieder an ihn. Gerade so, als wollte er versuchen zu verhindern, dass Endre ohne ihn ging und ihn einfach hier zurück ließ.

„Anzeichen auf die Bestätigung der Vorwürfe konnte ich nicht feststellen“, sagte ein Mann mittleren Alters. Sicher der Amtsarzt, wie Endre glaubte.

Eine Vorstellung seinerseits klärte diese Frage auch ziemlich schnell auf. „Ich habe keine Bedenken, den Jungen in seine Familie zurückzuschicken und meine Aufgabe hier wäre erst einmal erledigt. Ich schicke ihnen den Bericht wie immer zu und empfehle mich.“ Er strich JJ noch einmal über den Kopf und gab allen Anwesenden die Hand. Leif saß mittlerweile neben Endre am Tisch und guckte auf die Unterlagen. Er war neugierig, ob sie etwas gebracht hatten, doch er würde jetzt nicht fragen.

Auch Frau Böcker empfahl sich, bat aber Endre darum, sie auf dem Laufenden zu halten. Er nickte versprechend und sah ihr nach, als auch sie den Raum verließ.

„Was wird jetzt passieren“, stellte Leif nun auch endlich die Frage, die ihn am meisten interessierte und hielt JJs Hand. „Muss er hier bleiben?“

„Ich kann jetzt auf die Schnelle kein endgültiges Urteil fällen. Ich kann nur zustimmen, dass sie den Jungen vorerst mit sich nehmen, denn das Kindeswohl scheint nicht akut in Gefahr.“

Diese Formulierung gefiel weder Endre noch Leif, doch sie sagten nichts. Nicht akut bedeutete doch so viel, dass es schon in Gefahr wäre, aber nicht so dringend. Die Vorbehalte gegen schwule Männer waren doch wirklich nervenaufreibend. Man traute ihnen aber auch gar keine Fähigkeiten zu, die zur Bildung einer Familie und eines Zusammenhaltes gehörten. Aber heute war nicht der Tag, an dem man sich das Ziel setzte, mit den Vorurteilen dieser Welt aufzuräumen. Heute wollten sie nur JJ nach Hause holen und hoffen, dass sie genug vorgebracht hatten, um JJ das Schicksal einer Pflegefamilie oder eines Heimaufenthaltes ersparen zu können. Wenn ihnen das gelungen war, war viel geschafft.

„Und was heißt das im Klartext?“, fragte Endre aber doch noch einmal nach, denn dies war ihm zu schwammig gewesen.

„Das heißt, wir werden neu prüfen, den Jungen im Auge behalten und wenn er sich weiter gut entwickelt“ – man sah ihr sehr wohl an, dass sie eigentlich heterosexuell meinte, aber gut sagte – „sehe ich persönlich keinen Grund, warum er nicht bei seinem Onkel verbleiben soll. Aber das ist nur meine Meinung, wenn das Jugendamt anders entscheidet, so haben sie dies zu akzeptieren.“

Endre nickte, auch wenn das Damoklesschwert noch immer irgendwie über ihnen schwebte. Aber nun waren wenigstens die Vorwürfe aus der Welt geräumt.

„Allerdings stimmt die angegebene Adresse des Jungen ja wohl nicht mehr“, sagte sie noch und Leif nickte.

„Ich bin mit dem Jungen aus der gemeinsamen Wohnung bei meinem Ex-Verlobten ausgezogen. Er mochte das Kind nicht und dort sah ich das Wohl des Kleinen in Gefahr. Vorübergehend hat Herr Bergmann uns eine Zuflucht geboten, aber in ein paar Tagen sind die ersten Räume in meinem Haus fertig und wir werden dorthin ziehen – endgültig.“

„Gern sehen wir so was ja nicht, wenn das Kind immer hin und her gerissen wird. Er muss endlich Wurzeln schlagen.“, sagte Frau Geller, als sie sich langsam erhob.

„Glauben sie mir, das hat er schon. Sie sind da, wo wir sind“, sagte Endre und erhob sich ebenfalls mit JJ auf dem Arm.

Die Verabschiedung war kurz und nicht sonderlich herzlich, aber als sie JJ endlich im Auto angeschnallt hatten und mit ihm losfahren konnten, waren beide erleichtert ohne Ende.

„Lass uns essen holen und wir lümmeln den ganzen Tag faul und kuschelnd auf der Couch. Gustav und Rudi warten schon, auf dich, Maus“, schlug Leif vor, doch Endre, der hinten neben JJ saß, grinste nur. „Gute Idee, Schatz, aber die Maus schläft schon. War wohl alles ein bisschen viel."

So brachten sie JJ nach Hause und nach einer gründlichen Dusche ins Bett. Rudi machte es sich gleich neben ihm bequem und Gustav auch. Sie schienen ebenfalls ziemlich froh, dass ihr kleiner Freund wieder da war.

Während Endre das Essen aus den Schalen auf Teller packte, machte Leif noch ein Foto von dem friedlich, schlafenden Jungen und sich selbst. Eine kleine Rache für Viktor – dann machte er das Handy aus und ließ JJ schlafen. Lieber widmete er sich seinem Freund in der Küche – heute ohne störende Katze am Bein.

Wieder eine Hürde, die sie genommen hatten.

„Ich liebe dich, Endre“, murmelte er leise gegen den Hals seines Freundes und küsste sich langsam tiefer. Die gestaute Energie der letzten Tage suchte ein Ventil und Endre bot es ihm gern.


-71-

Leif lag schon eine Weile wach in Endres großem Bett, dass sie wie zum Anfang ihrer gemeinsamen Zeit bei Endre alle zusammen nutzten. Er hielt Endre in seinem Arm und beobachtete JJ, doch der Kleine schlief immer noch. Seit gestern. Der kleine Körper hatte wohl viele seiner Reserven aufgebraucht und forderte sie nun zurück. Nur Rudi war ebenfalls schon wach und streckte sich gerade in alle Richtungen, maunzte kurz und verschwand.

„Auch dir einen guten Morgen“, lachte Leif leise und strich Endre durch die schwarzen Haare, die ihm in die Stirn gefallen waren. Gern hätte er auch diese Nacht auf der Couch verbracht, doch sie hatten JJ unmöglich allein im Schlafzimmer lassen können. Nicht nach diesem Wochenende. Was, wenn der Kleine wach wurde und merkte, dass er wieder allein war. Nein, in erster Linie ging es um den Kleinen.

Vorsichtig reichte Leif über Endre, um JJ durch die Haare zu wuscheln. Dabei weckte er seinen Schatz langsam, der unmutig knurrte und Leif lachen ließ. „Auch dir guten Morgen, mein Schatz“, lachte er und küsste Endre überrumpelnd. Seine Hand, die eben noch JJ gestreichelt hatte, zog sich langsam zurück und strich Endre über den nachtwarmen Rücken. „Na? Gut geschlafen?“, wollte Leif wissen und Endre nickte, während er sich ein wenig streckte. Sein erster Blick ging ebenfalls zu JJ, doch der schlief noch immer. „Kindergarten fällt heute aus. Ich werde dann gleich erst mal anrufen, nicht dass die auf uns warten“, überlegte er und ließ sich dann noch ein wenig von Leif verwöhnen.

„Mach das, Liebling“, nuschelte Leif, der sich gerade zufrieden seufzend über Endres Hals küsste und seine Fingerspitzen unter den Bund von dessen Shorts spannen ließ. „Ich habe nachher einen Termin in der Firma. Ich will einem guten Kunden Birgit vorstellen, die meine Nachfolge in seiner Betreuung übernehmen wird. Das muss ich ihm dann schon erklären und ihn nicht einfach vor vollendete Tatsachen stellen.“ Eigentlich hatte Leif keine Lust, in die Firma zu fahren, denn er wusste ganz genau, dass Viktor es sich nicht nehmen lassen würde, auch dort aufzukreuzen.

Wie erwartet fragte Endre: „Wird er auch da sein?“ Und sah Leif in die herrlich blauen Augen. Der nickte. „Dann lass ihn links liegen, Schatz, lass dich nicht wieder zu irgendwelchem Mist provozieren. Es ärgert ihn am meisten, wenn du ihn mit Missachtung strafst, denn alles, was er will, ist deine Aufmerksamkeit. Tu ihm nicht den Gefallen und schenk sie ihm.“ Dabei strichen seine Finger verliebt durch die kurzen, schwarzen Haare. Endre fand immer mehr, dass diese Frisur Leif in seinem Alter besser stand. Es machte ihn seriöser. Es lenkte weniger von dem klassisch schönen Gesicht ab.

„Ja, Schatz. Mach ich. Meine Aufmerksamkeit bekommen sowieso nur meine zwei Männer, hm?“, sagte er leise und küsste sich wieder über Endres Hals, korrigierte sich aber lachend auf drei, als er Rudi am Fußende des Bettes protestieren hörte. „Es wird nicht lange dauern und vielleicht können wir nach dem Essen zur Villa fahren. Der Architekt würde mir gern ein paar Vorschläge für die effektive Aufteilung der Bausubstanz machen. Da solltet ihr dabei sein. Sofern die kleine Schlafmaus endlich zu sich gekommen ist“, schloss er noch an. JJ wecken kam nicht in Frage.

„Das klingt gut.“ Endre nickte. „Außerdem wollte ich gern noch etwas mit dir besprechen“, sagte er etwas verlegen und machte Leif neugierig. Der stemmte sich auf beiden Armen auf, so dass er direkt über Endre war und sah ihn forschend an. „Was schlimmes?“, fragte er, weil Endre noch nicht weiter redete.

„Na ja, ich weiß nicht. Aber ich glaube, wir sollten noch einmal über mein Gehalt sprechen. Das ist viel zu viel. Ich werde bald die Wohnung nicht mehr haben. Miete muss ich dann nicht mehr zahlen und du brauchst doch das Geld für den Hausausbau. Das wird nicht billig. Vielleicht sollten wir das nach unten korrigieren oder ganz lassen. Ich meine, wir sind zusammen, wir ziehen zusammen. Ich finde es merkwürdig, dass du mir immer noch Gehalt zahlst.“ Endre hatte sich abgewendet, weil er Leif dabei nicht in die Augen sehen konnte. Die verwirrten ihn sowieso immer und gerade jetzt hatte er das nicht gebrauchen können. Aber Leif mochte es gar nicht, wenn Endre sich von ihm abwendete, deswegen nahm er vorsichtig dessen Kinn mit einer Hand und zwang Endre sanft, ihn wieder anzusehen.

„Du bist echt süß“, lachte er leise und küsste Endre wieder auf den zum Schmollen verzogenen Mund. „Glaube mir, die paar tausend im Monat tun mir nicht weh und sie sind für einen guten Zweck. Ich weiß sehr wohl, dass du deinen kleinen Brüdern immer mal was zu ihrem Ausbildungsgehalt zuschießt und du selbst brauchst auch ab und an ein paar Dinge. Willst du mich jedes Mal fragen? Ich meine, du bist JJs Kindermädchen und ich weiß, du machst das gern und liebst den Kleinen. Warum soll ich das nicht honorieren? Wenn es dir besser geht: sieh es als Taschengeld oder Haushaltsgeld, aber ich werde dich ganz bestimmt nicht ohne Geld lassen.“

Das kam für Leif doch gar nicht in Frage. Schließlich konnte sein Schatz keinem geregelten Job nachgehen, weil er sich um JJ kümmerte und das machte er sehr gut. „Und damit du dich nicht langweilst, während die kleine Maus schläft und ich in der Firma bin. Ich habe in der Tasche, die im Wohnzimmer steht, noch Kataloge von Innenausstattern mit Vorschlägen für komplette Räume. Guck sie mal durch und kreuze an, was dir gefallen würde, damit ich deinen Stil ein bisschen kennen lerne.“ Und damit Endre nicht wieder auf die Idee kam, diskutieren zu wollen – das tat er nämlich sehr gern – küsste Leif ihn einfach wieder. Er hatte dazu gelernt.

Endre gluckste leise in den Kuss, doch er kam nicht dazu, den Kopf zu schütteln, weil Leif ihn festhielt, um ihn ausgehungert zu küssen. Doch ehe er auf die Idee kam, sich lüstern auf Endre zu winden und rausgeschmissen zu werden, wegen JJ, hörte er lieber wieder auf und erhob sich langsam, kniete über Endre, der zufrieden seinen Blick über ihn streifen ließ. Von den Knien langsam höher, die muskulösen Schenkel, die gut gefüllte Shorts, die schmale Taille, die breite Brust, der sehnige...

„Fertig mit sezieren?“, lachte Leif frech und strich seinem Freund noch einmal über die bloße Seite.

„Ach, verschwinde doch in die Dusche“, knurrte Endre, weil er sich peinlich erwischt fühlte. Was konnte er denn dafür, dass er Leif verfallen war? Und da war es ziemlich egal, dass der neun Jahre älter war. Er war anziehend – unheimlich.

„Warum duschen? Ich hatte die ganze Nacht nicht die Chance schmutzig zu werden“, grummelte Leif und robbte vom Bett, gab sich aber viel Mühe dabei, viel Körpereinsatz zu zeigen und guckte noch einmal wissend zurück, um das Bild zu finden, was er erwartet hatte: Endres lustgetränkter Blick. „Los, ruf den Kindergarten an“, neckte Leif und machte, dass er verschwand. Nicht dass er wieder ein Kissen ins Genick geschleudert bekam.

Ein letzter Blick auf JJ, dann erhob sich auch Endre langsam aus dem Bett. „Schlaf, kleine Maus, ich bin nur in der Küche“, sagte er und ging leise aus dem Schlafzimmer, die Tür lehnte er nur an, damit er hörte, wenn JJ doch wach wurde und ihn rief. Als erstes griff er sich das Telefon und suchte im Ordner die Unterlagen des Kindergartens. Die Nummer wählend ließ er sich auf den Sessel fallen und lauschte auf das Rauschen der Dusche.

„Ja, guten Morgen, hier ist Bergmann. Das Kindermädchen von Jan Joseph Drieschner“, sagte er, als er jemanden am anderen Ende hatte. Eilig erklärte er, dass JJ heute nicht kommen konnte und in groben Zügen auch, was passiert war. „Ja, ich würde den Kleinen gern noch einen oder zwei Tage hier behalten, um zu sehen, wie er diesen Schock verarbeitet. Sobald er seine kleinen Freunde vermisst, werde ich ihn wieder bringen... Ja, mach ich... Auf Wiederhören.“ Endre legte auf und holte tief Luft.

Wenn er einmal am Telefonieren war, konnte er gleich noch in der Praxis von Frau Böcker anrufen und nach einem Nachsorgetermin fragen. Schließlich hatte sie darum gebeten, den Kleinen noch einmal vorbei zu bringen, damit sie sich ihn und sein Verhalten ansehen konnte.

Gestern war ja mit JJ nicht mehr viel los gewesen, so wie Leif erzählt hatte. Kaum dass seine beiden Eltern da gewesen waren, hatte er wohl begriffen, dass der Alptraum ein Ende hatte und das fehlende Adrenalin im Blut hatte ihm das letzte bisschen Kraft aus dem Akku geraubt. Er hatte noch ein paar Kekse geknabbert, die Leif in die Tasche geworfen hatte, ein bisschen Tee getrunken und der Rest war mehr oder weniger ohne ihn passiert, weil er immer wieder eingeschlafen war. Arme, kleine Maus.

Mit der Sprechstundenhilfe, die über JJs Fall bereits Bescheid wusste, weil sie die Notizen in die Unterlagen eingetragen hatte, war ein Termin für Mittwochmorgen vereinbart worden, so konnte er am Nachmittag wie jeden Mittwoch mit Leif ins Krankenhaus zu den Kindern.

Und weil er das Telefon schon in der Hand hatte, versuchte er auch gleich noch bei Frau Krüger vom Jugendamt sein Glück. Er wollte einen Termin, um alles noch einmal in Ruhe mit ihr zu besprechen. Er hatte Glück, es war schon jemand im Büro und so grüßte er höflich und stellte sich vor. „Es geht um gestern, ich weiß nicht in wieweit... Ach, sie wurden schon informiert, wie das gelau... Und die Unterlagen... sehr gut.“ Endre nickte erst einmal zufrieden. Zumindest hatte man nicht geschlafen und die Daten weitergereicht.

„Ich würde nur gern persönlich mit ihnen sprechen und hören, wie das nun weiter gehen soll. Was von uns erwartet wird und was zu tun ist, damit etwas wie Freitag nicht noch einmal passiert... Ach, zeitlich sind wir völlig frei, wir würden nur gern den Kleinen mitbringen, schließlich betrifft es ihn ja... Gut, Donnerstag ist perfekt. Neun Uhr? Sehr schön.“ Endre notierte sich auch das und legte auf. Dann würden sie ja sehen, ob das gestern nur heiße Luft war, um sie zu befrieden oder ob es wirklich eine Chance gab, den Jungen langfristig bei sich zu behalten.

„Ich liebe es, wenn du halb nackt im Sessel sitzt“, lachte Leif, der gerade in der Wohnzimmertür stand, ein Handtuch um die wichtigsten Stellen und rubbelte sich die Haare ab. „Aber ich liebe es am meisten, wenn du nackt im Sessel sitzt“, grinste er dreckig und Endre verdrehte die Augen.

„Zieh dich an und mach dich vom Acker und mach für Donnerstag um neun keine anderen Termine. Da sind wir beim Jugendamt“, erklärte Endre und erhob sich, weil er Leif wenigstens schnell noch etwas zum Frühstück machen wollte.

Leif zog die Brauen tiefer. „Hat sie angerufen?“ Er hatte das Telefon doch gar nicht läuten hören.

„Nein ich, weil ich wissen will, wie das weiter gehen wird nach gestern. Ich will Fakten und ich will reale Chancen. Ich will wissen, auf was wir achten müssen, zu was wir uns verpflichten müssen. Eben alles, was dafür sorgt, dass JJ bei uns bleiben kann.“

„So ein schlauer Schatz“, murmelte Leif leise, als Endre an ihm vorbei in den Flur und weiter in die Küche wollte, zog ihn noch einmal zu sich, um ihn zu küssen, doch ließ er ihn schlagartig los, als er JJ leise wimmern hörte. Er war wohl wach und sah sich wieder allein. „En-re!“

Sofort lief Endre los und kam zu JJ ins Schlafzimmer. Der Kleine freute sich augenblicklich und kam seinem Kindermädchen entgegen gekrochen. „En-re!“ Gleich klammerte er sich fest und ließ auch nicht mehr los. So musste Endre ihn mit sich in die Küche nehmen, also setzte er sich den kleinen Liebling auf die Hüfte, hielt ihn mit einem Arm fest und schloss mit der anderen die Schlafzimmertür hinter sich.

„Guten Morgen, kleine Maus“, begrüßt auch Leif seinen Neffen und ließ sich von JJ näher ziehen. Es war ein angenehm warmes Gefühl im Magen, wenn JJ auch ihn nicht vergaß. Er rief zwar immer nach seinem En-re, doch auf Leif wollte er auch nicht verzichten. Es war schön, ihn wieder lachen zu sehen. So sollte JJ aussehen, nicht so wie gestern. Und wieder stieg Wut über Viktors krankhafte Rache in ihm auf und es war nicht leicht, sie zurückzudrängen, weil er wusste, dass er diesem Idioten gleich über den Weg laufen musste.

„Komm, Maus, wir machen Onkel Leif einen Kaffee und ein Brötchen und dann werfen wir ihn raus. Dann frühstücken wir zwei ganz alleine“, sagte er verschwörerisch und JJ lachte.

„Ja, ja, setzt mich nur aus“, murmelte Leif und ging ins Schlafzimmer, um sich anzuziehen. So viel Zeit hatte er auch nicht mehr, wenn er pünktlich sein wollte und das wollte er. Egal ob er noch für die Firma angestellt war oder nicht: er wollte ihr nicht schaden. Dafür hatte er zu viel Zeit, Nerven und Herzblut hinein gesteckt. „Guckt bitte mal die Kataloge durch, damit wir dem Architekten dann was in die Hand geben können. Gerade was die Bäder angeht und das Wohnzimmer und das Schlafzimmer und der Pool im Keller“, rief er, als er sich gerade in ein weißes Hemd zwängte.

Als er fertig war und sich auch die Haare gefönt hatte, bekam er noch einen Toast, einen Kaffee und ein paar Küsse – dann musste er leider wirklich los.



Wie jeden Montagmorgen waren die Straßen in der Rush Hour dicht. Er schleppte sich von Ampel zu Ampel, in einem nicht enden wollenden Strom aus Blech. Doch er konnte sich entspannen, denn weil Endre ihn rechtzeitig vor die Tür gesetzt hatte, kam er nun nicht in Bedrängnis. Lieber ließ er seine Gedanken noch etwas schweifen und er versuchte, gegen die Wut in seinem Magen anzukämpfen. Lieber holte er sich Endre heute Morgen noch einmal vor das innere Auge und seine Bitte, nun nicht mehr bezahlt zu werden. Auch wenn Leif es nicht gleich bemerkt hatte, diese Frage hatte eine tiefere Bedeutung gehabt. Er sah sich nicht mehr als Angestellter, sondern als Partner, als sein Partner. Leif grinste. Den Vertrag würde er vielleicht wirklich auflösen, doch die Angelegenheit mit der Bezahlung wollte er nicht ändern. Von was sollte Endre sich denn einmal was gönnen oder seine Brüder unterstützen? Nein, nein. Das kam nicht in Frage. Sein Schatz sollte auch finanziell keine Not leiden müssen.

Eine Viertelstunde vor dem Termin war Leif endlich in der Leibnizstraße und stellte seinen Wagen ab. Natürlich war Viktors Porsche nicht zu übersehen.

Erneut stieg eine heiße Welle aus Wut in ihm hoch, doch er erinnerte sich an Endres Analyse der Lage. Sein Schatz hatte Recht. Der Mistkerl versuchte doch nur, Leif zu provozieren und ihn dazu zu bringen, wieder an ihn zu denken und sich mit ihm zu befassen. Dieses Verhalten wollte er nicht mit Erfolg belohnen. Er stieg also langsam aus und straffte sich. Er wusste, dass man seinen Wagen gehört hatte und er wusste auch, dass Viktor in seinem Büro am Fenster hing und ihn beobachtete. Er spürte es einfach. Er hatte Viktors Blicke immer gespürt. Doch er sah nicht nach oben.

„Tach auch“, rief er, als er aus dem Fahrstuhl stieg und Frank von seinem Papierberg aufsah.

„Hey“, grüßte er mit einem Strahlen zurück. „Hast uns nicht vergessen.“

„Wie könnte ich.“ Leif bemerkte nur aus dem Augenwinkel, dass auch Viktor aus seinem Büro kam, doch er ignorierte ihn einfach. Nicht absichtlich, einfach so, wie man eine unbekannte Person nicht sah. „Wo ist denn Birgit?“, fragte er lieber, denn sie brauchte schließlich seine Hilfe.

„Zu fein, mich zu grüßen, ja?“ Viktor vertrug es gar nicht, dass Leif ihn so trocken abfrühstückte. Eigentlich müsste er wutgeladen sein und ihn beschimpfen, ihn mit seinen funkensprühenden Augen anblicken und Drohungen ausstoßen – das wäre der Leif gewesen, wie er ihn kannte. Warum tat Leif das also nicht?

„Ah, Viktor. Hallo“, sagte Leif nebenbei, gerade so, als hätte er ihn eben erst bemerkt und lächelte kalt, als er sich weiter nach Birgit umsah.

„Hast das Balg ja wieder, hm?“ Viktor konnte nicht anders. Er wollte Leif endlich aus der Reserve locken. Der durfte ihn nicht einfach so ignorieren! Das ging doch nicht. Das war sein Leif, der musste zu ihm zurückkehren.

„Hör zu, Viktor, ich bin nicht hier, um mit dir ein Kaffeekränzchen über meinen Schatz und meinen Jungen abzuhalten“, sagte Leif und er wusste, das gerade diese Titulierungen Viktor tiefer treffen würden als jeder Schlag. „Ich bin hier, weil ich einen Termin habe. Wenn es also nicht zu viel verlangt ist, hebe dir das für einen späteren Termin auf oder für deinen Psychiater, ich jedenfalls erwarte jetzt Mister Hamilton.“

Frank, der von dem, was passiert sein musste, mal wieder keinen blassen Dunst hatte, sah zwischen den beiden hin und her. Am liebsten hätte er sich jetzt noch eine Jacke übergezogen und eine Mütze über die kalten Ohren gesetzt. Zwischen den beiden herrschte ja wohl Eiszeit! Doch er war nicht so dumm zu fragen. Vielleicht erfuhr er auch so, was passiert war, wenn er Jochen anspitzte, der war Leifs Freund. Der konnte sicher in Erfahrung bringen, was es bedeutete, wenn Viktor fragte, ob Leif das Kind wieder hätte.

„Gut, Gut. Genug der Nettigkeiten“, würgte Frank eine Erwiderung durch Viktor ab und schob Leif zu Birgit ins Büro. Die hing noch am Telefon, aber ihr Strahlen wurde heller, als sie Leif erblickte. Nun konnte ja eigentlich nichts mehr schief gehen. Sie fuchtelte mit den Händen, um zu zeigen, dass sie gleich so weit wäre und grinste breit.

Und auch Leif fühlte sich besser. Er hatte Viktor einen Tiefschlag verpasst, das hatte er deutlich an dessen Mundwinkeln gesehen. Er kannte Viktor zu gut, der konnte Gefühlsregungen nicht vor ihm verheimlichen. Und dass Leif einen anderen Mann als ihn selbst als seinen Schatz bezeichnete, war zu viel für Viktor gewesen. Er wusste, dass Leif dieses Wort nicht leichtfertig benutzte – für ihn war ein Schatz etwas Kostbares, etwas Wertvolles. So wie Endre. Blieb nur zu hoffen, dass Viktor langsam begriff und nicht das nächste Attentat plante.


-72-

Schon recht zeitig mussten Leif und Endre einsehen, dass JJs Wochenende nicht ohne Folgen geblieben war. Er war ängstlicher geworden und wich Endre oder Leif gar nicht mehr von der Seite. Sobald sie ihn allein ließen, bekam er Angst. Das äußerte sich unterschiedlich. Manchmal wimmerte er nur leise und kauerte sich zusammen, manchmal rief er nach Endre oder Leif und manchmal lief er ihnen auch nach. Selbst wenn er nass aus der Wanne klettern musste und den Teppich im Flur einweichte. Nur für kurze Augenblicke ließ er sich von Rudi ablenken, doch selbst dann wanderten JJs Augen immer durch den Raum, um zu sehen, wo Endre hin ging.

Nach und nach gelang es ihnen, dass JJ zumindest dann in einem Zimmer allein blieb und spielte, wenn man sich die ganze Zeit mit ihm unterhielt. Doch wenn man aufhörte zu reden war er wieder da, um zu sehen, ob Endre oder Leif etwa ohne ihn gegangen waren. Er war misstrauisch geworden und es schmerzte Endre. Ebenso wie Leif, doch bei ihm war es eine ordentliche Portion Wut, die sich in das Gefühl mischte. Wut auf Viktor, die mit jedem Tag wuchs, an dem JJ so ängstlich war.

Das alles hätte nicht passieren müssen. Die Missverständnisse wegen seines Jobs hätten aufgeklärt werden können, vielleicht zu einem Zeitpunkt, an dem er bereits einen neuen, seriösen Job hatte und mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf sein altes Leben hätte zurückblicken können. Doch es war ihm nicht vergönnt gewesen und JJ musste das nun ausbaden.

Nicht einmal für seinen Mittagsschlaf konnten sie JJ allein lassen. Er schlief nicht ein, wenn niemand bei ihm war und wenn er wach wurde und er war allein, fing er gleich wieder panisch an zu suchen. Es würde wohl noch eine Weile dauern, bis JJ wieder soweit Vertrauen gefasst hatte, dass er begriff, dass Endre und Leif ihn nicht noch einmal allein lassen würden. Er war noch zu klein, um zu begreifen, was wirklich passiert war und was alles mit hinein spielte. Für ihn zählte nur, dass die beiden, denen er vertraute, ihn enttäuscht hatten. So einfach war das.

Am Dienstag war Leif für die Stiftung unterwegs gewesen. Seine Befürchtungen, sie würden ihn aus der Kampagne nehmen, weil er nun nicht mehr in der Branche tätig war und sich äußerlich sehr verändert hatte, waren unbegründet gewesen. Für den Stiftungsrat zählte vor allen Dingen das soziale Engagement. In dieser Zeit hatten sich Endre und JJ zusammen mit Gustav die Kataloge angesehen und Endre war aus dem Schwärmen kaum noch rausgekommen. Allein die Bäder, die dort abgebildet waren – ein Traum.

Groß, marmoriert und unglaublich einladend. Eines hatte ihm besonders gefallen, auch wenn es das teuerste im ganzen Katalog gewesen war. Es hieß ja nicht, dass er derartiges auch haben musste, doch ansehen durfte man es sich doch ab und an. Das Bad war auf zwei verschiedene Ebenen aufgeteilt, wobei eine etwa einen Meter höher lag als die andere. In diese Ebene waren ein kleiner Pool und ein Whirlpool eingelassen. Auf der normalen Ebene fand man das, was man in einem Bad suchte.

Zwei großzügige Waschtische, eine Dusche – allerdings ohne verglaste Umrandung. Die Neigung der Fliesen sorgte dafür, dass das Wasser sich nicht im ganzen Raum verteilte. Außerdem hatte diese Dusche mehrere Einstellungen und Einbauten. Ein beheizter Sockel war dafür gedacht, sich setzen zu können, eine Handbrause, die man auch mit einer Armatur an der Wand befestigen konnte, war für die schnelle Dusche mit Reinigungseffekt.

Doch für die Entspannung war ein feines Lochsystem über der Dusche angebracht und so konnte man einen feinen Sommerregen simulieren oder sanften Niesel, ein Starkregen – und ein Quadratmeter würde so beregnet. Allein die Vorstellung ließ Endre immer wieder grinsen, denn Duschen dieser Art hatte er noch nie gesehen.

Witzig fand er auch die niedrigen Waschbecken. Eines war sehr niedrig, um sich die Füße waschen zu können und eines war eine verkleinerte Ausgabe der großen Waschtische und sicher für die Kinder im Haus gedacht – sehr niedlich und freilich gleich JJs Highlight, weil er dann nicht, wie bei Endre oder Leif, auf einem kleinen Fußbänkchen stehen musste, sondern wie ein Großer ganz allein am Waschbecken herum hantieren konnte. Also hatte Endre sich die Seite notiert, damit er mit Leif mal über ein kindgerechtes Bad reden konnte. In wieweit es sich lohnte, denn der Kleine war ja in ein paar Jahren auch größer. Man musste es durchdenken.

Ein weiteres Highlight war eine Regalwand für eine Bibliothek. Mal davon abgesehen, dass weder er noch Leif so viele Bücher hatten, dass eine derartige Wand auch nur zu Hälfte gefüllt wäre, allein die Höhe und die Leiter, mit der man an die obersten Reihen heran reichen konnte, waren interessant, ein ähnliches System hatte er in einer Küche gesehen. Auch dort war die zweite Reihe der Hängeschränke nur noch über eine Leiter zu erreichen gewesen, die an einem Laufsystem hin und her geschoben wurde. Doch ihre Küche war bereits fertig, der erste Raum in der alten Villa. Da wollte Endre auch nichts mehr verändern. Sie war schön, so wie sie war. Mit dem freistehenden Herd und den vielen Arbeitsflächen und ein paar kindgerechten Elementen. JJ hatte seine eigene Arbeitsplatte, die er mit einem großzügigen Podest gut erreichen konnte, dann konnte er Endre immer in der Küche helfen, denn das machte er gern.

Es war den beiden sogar gelungen, die Kataloge alle am Dienstag noch durchzusehen, so dass Endre abends mit Leif noch das eine oder andere hatte durchgehen können, als Endre endlich aus dem Schlafzimmer zurückgekommen war, weil JJ endlich schlief.

Am Mittwoch waren sie anfangs wieder getrennte Wege gegangen. Leif hatte sich mit seinem Agenten getroffen, der sich seit zwei Wochen umhörte, wie und wo und was Leif vielleicht einmal zu einem seriösen Job verhelfen konnte, während Endre und JJ – dieses Mal aber ohne Gustav, der, laut Endre, nämlich eine Phobie gegen Arzttische hatte, weil er das letzte mal ja so schrecklich gestürzt war – bei der Kinderärztin waren. Sie hatte den Kleinen noch einmal untersucht, befragt und sich von Endre schildern lassen, welche Folgen momentan leider zu beobachten waren. Im Augenblick war nicht einmal im Entferntesten daran zu denken, JJ wieder in den Kindergarten zu schicken. Das Wochenende hatte sie alle ziemlich zurückgeworfen.

Den Nachmittag hatte JJ allerdings wie immer zusammen mit Leif im Krankenhaus bei den Kindern verbracht. Dort ging er immer noch sehr gern hin und auch wenn er Leif immer im Auge hatte und sich nie weit von ihm entfernt aufhielt, so hatte er das Spielen mit den anderen Kindern genossen.

Hinterher hatten sie sich mit Endre getroffen und waren noch ein bisschen bummeln gegangen, weil keiner Lust hatte zu Hause zu sitzen. Die Wohnung war für drei Leute eben doch etwas eng und außerdem hatten Leif und Endre den Plan, JJ sehr müde zu machen, um einmal wieder ein paar Augenblicke ganz für sich allein zu haben. Ihr Liebesleben kam ziemlich kurz in letzter Zeit, doch sie verzichteten gern für JJ. Allerdings spürten auch sie die sexuellen Spannungen, wenn kleinste Berührungen im Alltag reichten, den anderen zu erregen. Das konnte so ja schlecht weitergehen. So wurde der schnelle Sex zwischendurch eher zu einer Art Triebbefriedigung als zu einem Akt ihrer Liebe, aber das musste vorerst reichen.

Der Donnerstag war der Tag gewesen, vor dem sie alle beide ein wenig Sorge hatten, denn der Termin im Jugendamt war kein leichter Gang. Man hatte ihnen ja schon am Sonntag zu verstehen gegeben, dass man das eine oder andere nicht billigen konnte und sich für JJ eigentlich etwas anderes vorstellte und so waren sie mit gemischten Gefühlen dort aufgetaucht. Frau Krüger war wie immer sehr nett gewesen und hatte sich auch viel mit JJ unterhalten. Der Kleine musste erzählen, womit sie sich den ganzen Tag vertrieben und er erzählte. Sie stellte auch Fragen zu der Zeit vor dem Wochenende und JJ erzählte vom Kindergarten und wie schön es da wäre, schwieg sich aber aus, als die Frage auftauchte, warum er denn dann dort im Augenblick nicht hinging. Da musste Endre erklärend eingreifen und Frau Krüger machte sich Notizen.

Sie kamen auch nicht umhin, die ganze Entwicklung mit Viktor auszubreiten, um zu erklären, warum diese Anzeige eigentlich geschaltet worden war. Auch dass der Mann die Hand gegen JJ erhoben hatte, kam zur Sprache und wurde notiert, schließlich sah man auch Endre immer noch ein paar der Spuren dieses Tages an. Die Blutergüsse waren mittlerweile gelblich verfärbt. Die Lippen waren geheilt und er selbst hatte es schon mehr oder weniger verdrängt.

Ein heikles Thema war allerdings Leifs Lebenswandel und es blieb ihm nichts anderes übrig, als zu erklären, wie das nach und nach gekommen war. Von dem Einschreiben, von seinem Entschluss, den Jungen zu sich zu nehmen und die Filmerei aufzugeben. Genauso von seiner Suche nach einem Kindermädchen. Weil Leif nicht noch einmal lügen würde und Frau Krüger – sollte sie in der Firma nachfragen – sowieso erfuhr, dass Leif sehr wohl noch gedreht hatte, als JJ schon bei ihm gewohnt hatte, erzählte er auch von den Seychellen. Alles wurde notiert und festgehalten.

Alles in allem war der Termin nicht so schlecht verlaufen wie erwartet, denn zumindest konnte Frau Krüger ihnen versichern, dass man die Ermittlungen gegen Leif eingestellt hatte. Die Dokumente, die seinen Ausstieg belegten, hatte man geprüft und ihm zugute gehalten. Des Weiteren hatte man wohl auch in Erfahrung bringen können, dass Leif sozial ziemlich engagiert war und auch dies hielt man ihm zugute. Das Manko, dass JJ ohne Mutterfigur aufwuchs, stand immer noch im Raum, doch es gab genügend alleinerziehende Väter, die so schnell keine neue Frau suchten oder wollten und die Kinder auch allein groß zogen, ohne das die Kleinen einen Schaden davon nahmen. Und außerdem bestand ja immer noch das Problem, dass JJ Frauen eher ungern an sich ran ließ. Das hatten sie im Heim ja auch gesehen.

Der aktuelle Stand der Dinge war nun der, dass JJ bei ihnen bleiben konnte, allerdings regelmäßige Besuche, angekündigt und auch unangekündigt, erfolgen würden. Damit konnten sie alle leben.

Nach fünf geschlagenen Stunden hatten sie das Amt endlich wieder verlassen. Nur gut, dass Endre so clever gewesen war, für JJ ein geschmiertes Brot und Tee mitgenommen zu haben, denn zwischendurch hatte er ziemlich gequengelt. Aber der Kleine hatte sich tapfer gehalten und zur Belohnung waren sie noch in den Tierpark gefahren.

Am Abend hatten sie es versucht, ob JJ auch einschlief, wenn Endre vor der Schlafzimmertür war und JJ ihn durch die offene Tür mit Leif reden hören konnte, doch so weit war der Kleine wohl noch nicht gewesen. Also war Leif zu ihm ins Bett gekrochen, hatte ihm etwas vorgelesen und so war der Kleine zufrieden eingeschlafen und Leif leise zu seinem Schatz auf die Couch gekrochen, um noch ein bisschen zu schmusen und die Kataloge weiter zu wälzen, um herauszufinden, was Endre besonders gut gefallen könnte. Er hatte sich dazu nämlich mehr oder weniger ausgeschwiegen, nur ein paar Vorschläge JJ betreffend gemacht.

Es hatte ihn viele Küsse gekostet und gutes Zureden, bis Endre endlich ein paar Seiten aufgeschlagen hatte, die ihm besonders gut gefielen. Eines davon war das Bad, ein anderes ein Schlafzimmer. Außerdem ein Arbeitszimmer, auch wenn sie beide nicht wussten, was darinnen gearbeitet werden sollte. Irgendwann waren die Kataloge sowieso wieder uninteressant geworden und man hatte sich nur noch mit sich selbst beschäftigt, ein paar intime Momente der trauten Zweisamkeit.

Und heute, am Freitag, hatten sie wieder einen Termin mit dem Architekten vor Ort. JJ und Rudi warteten schon zusammen mit Leif im Wagen, während Endre noch einmal nach oben laufen musste, um die Kataloge zu holen, die sie im morgendlichen Stress vergessen hatten. Es war ein Reflex, der sich bei ihm eingestellt hatte, immer über die Straße zum Parkhaus zu sehen.

Schließlich musste Viktor dort gelauert haben, um seine Fotos zu schießen. Allerdings war es um den Mann ziemlich ruhig geworden.

Leif hatte erzählte, wenn er kurz in der Firma gewesen war, um nach dem Rechten zu sehen, war Viktor nicht da gewesen oder wenn er da gewesen war, hatte er sich nicht blicken lassen. Sie wussten beide nicht, ob er endlich begriffen hatte oder ob es die Ruhe vor dem nächsten Sturm war.

Doch Endre beschloss, sich von dem Kerl nicht aus der Fassung bringen zu lassen, sondern lieber zu seinen beiden Jungs in den Wagen zu steigen. Mittlerweile wusste er auch, dass der Passat jetzt auf ihn umgeschrieben war und hatte ein paar Minuten gebraucht zu begreifen, dass der Wagen jetzt ihm gehörte. Natürlich hatte er, wie erwartet, diskutieren wollen über den Wert des Geldes und die Größe von Geschenken, doch Leif hatte alles mit einem intensiven Kuss im Keim erstickt. Er kannte seinen Endre doch schon viel zu gut.

Allerdings wurde Leif seit dem Besitzerwechsel im Passat nur noch auf dem Beifahrersitz geduldet, doch er nahm es amüsiert hin. Endre war ein guter Fahrer geworden und der Stadtverkehr schien ihm keine Probleme zu bereiten. Außerdem hatte Leif so viel mehr Zeit, Endre zu beobachten. Heute war er allerdings nervös und fragte sich immer wieder, ob das, was er vorhatte, nicht doch etwas verfrüht war?

„So, die Herren. Da wären wir.“ Endre parkte den Wagen an der Westseite in der Riemeisterstraße, denn vor der Tür parkten die Wagen der Handwerker. Da wollte er seinen Liebling nicht dazwischenquetschen. Wer wusste schon, ob nicht doch einmal ein Farbeimer spritzte oder eine Gerüststange den Lack erwischte oder frischer Mörtel zufällig den Weg auf die Motorhaube fand. Nein, das Risiko wollte er nicht eingehen.

Wie üblich konnte er gar nicht so schnell gucken, wie JJ und Rudi im Garten verschwunden waren. Irgendwie erinnerte der junge Kater eher an einen Hund als an eine eigensinnige Katze. Er ging an der Leine, er hörte aufs Wort, er war verspielt wie ein Verrückter. Doch es war ihnen ganz lieb so, denn Rudi gelang es immer mehr, JJ wieder davon abzubringen, Endre und Leif am Rockzipfel zu hängen. Während sich die beiden also spielend durchs Gras rollten und um die Wette liefen, verschwanden Leif und Endre im Haus. Die Tür ließen sie offen, weil sie wussten, dass JJ ihnen gleich folgen würde.

Sie gingen grüßend durch die Räume, in denen gearbeitet wurde und während Leif den Architekten suchte, ließ sich Endre das eine oder andere raffinierte Extra von den Handwerkern erklären.

Sie waren unglaublich gut vorangekommen. Die Küche war ja schon lange fertig, weswegen Endre beschlossen hatte, heute mal für die ganzen Männer zu kochen, um sich für das rasante Tempo, in dem sie arbeiteten, zu bedanken. Es sollte Gulasch geben.

Die Taschen mit den Einkäufen konnte er gleich noch holen, erst wollte er sich noch die anderen Räume ansehen, die fertig waren. Er zog sich gerade die Schuhe aus, um das Parkett im Wohnzimmer nicht zu beschädigen, weil es noch nicht versiegelt war, da schoss Rudi an ihm vorbei. Endre konnte ihn gerade noch abfangen und hochheben, genauso wie JJ.

„Schuhe ausziehen, Maus, dann kannst du mit rein kommen“, sagte Endre und wartete, bis JJ so weit war. Zusammen gingen sie über das Parket in den riesigen Raum. Der war locker doppelt so groß wie Endres Wohnung, hatte riesige Fenster, die das Licht in den Raum fluten ließen und einen großen Kamin, vor dem Endre verträumt stehen blieb.

„Schön, nicht?“, flüsterte Leif leise, als er sich von hinten an seinen Geliebten lehnte, einen Arm um dessen Taille geschwungen.

„Ja, wirklich schön“, murmelte Endre verträumt und ließ sich für einen kurzen Kuss gegen Leif sinken.

„Komm mal mit, Schatz, ich will dir was zeigen.“ Leif nahm Endres Hand und zog ihn langsam mit sich. JJ hatte sich schon wieder die Schuhe angezogen und flitzte mit Rudi die Treppe hoch. Das sah Endre gar nicht gern und er rief ihn zurück, weil schließlich überall Baustellen waren. Er und Leif folgten langsamer, als auch sie ihre Schuhe wieder an den Füßen hatten. „Hier entlang“, sagte Leif und zog ihn in die Ecke des Hauses, von der Endre wusste, dass dort das Schlafzimmer geplant war. Ihr Schlafzimmer. Leif hatte ihm verschwiegen, dass der Raum bereits fertig war. Sowohl das Parkett als auch die begehbaren Schränke, als auch das kleine Podest, auf dem einmal ein kleiner Schreibtisch stehen sollte, wenn doch noch etwas Schriftliches gemacht werden musste. Sogar das Bett war schon geliefert worden und so zogen sie noch einmal die Schuhe vor der Tür aus, ehe Leif die Tür öffnete. „Komm rein.“

Endre folgte mit wild schlagendem Herzen und sah sich um. „Das ist ja schön geworden.“ Und als er das riesige Bett erblickte, musste er grinsen. Das bot doch völlig neue Möglichkeiten im Vergleich zu seiner Couch.

„Endre, ich hab mir was überlegt“, sagte Leif leise und holte tief Luft. Er ging tiefer in den Raum hinein und drehte sich dann zu seinem Liebling um.

„Ich weiß, dass wir uns noch nicht sehr lange kennen, aber manchmal glaube ich, dass Zeit nicht die entscheidende Rolle spielt. Wir haben viel mit einander durchgemacht und ich liebe dich wirklich.“

Endre hob eine Braue und ein heißes Gefühl machte sich in seinem Bauch breit, es strömte durch Arme und Beine, erreichte sein Gesicht. Was hatte Leif vor? Er hatte da so eine Ahnung und allein der Gedanke daran ließ Endres Gedanken rasen. Er kam ein paar Schritte näher und sah Leif in seiner Tasche wühlen.

„Und JJ hängt ja auch an dir und wir haben schon viel zusammen durchgemacht und du... ich dachte…“ Leif hatte sich so genau überlegt, was er sagen wollte. Vor der Kamera hatte er nie Probleme zu improvisieren, wenn ihm oder einem anderen mal der Text nicht einfiel – aber jetzt stammelte er wie ein kleines Kind.

„Also, was ich eigentlich fragen wollte: Würdest du mir deine Hand geben? Würdest du den Bund fürs Leben mit mir eingehen wollen?“, fragte er schlussendlich die Essenz seines Gestammels und grinste schief, als er die kleine Schatulle mit den Ringen öffnete.

Endre starrte ihn fassungslos an. Meinte Leif das ernst? Er wollte ihn heiraten? Er schluckte hart und kam noch einen Schritt näher.

Dass er sich gar nicht regte, ließ Leif die Gesichtszüge einfrieren, doch als Endre das sah, begriff er, dass er etwas sagen musste und so nickte er erst einmal nur, weil ihm ein Kloß im Hals hing.

„Wirklich?“ Leif strahlte und kam rasch auf seinen Schatz zugelaufen. „Wirklich?“, fragte er noch einmal überschwänglich und griff sich Endre um die Hüfte, hob ihn an und drehte sich mit ihm.

„Ja“, lachte Endre und konnte es noch gar nicht fassen. Leif wollte ihn behalten. Für immer. In seinem Kopf drehte sich alles und als Leif ihn ausgehungert und mit all seiner Liebe heiß küsste, war Endre klar, dass dies hier kein Traum war.

„Ich liebe dich“, murmelte Leif immer wieder und als er Endre endlich auf den Boden zurück gestellt hatte, nahm er die Ringe aus der Schachtel. Hoffentlich hatte er sich bei Endres Größe nicht vertan. Er nahm einen der Ringe und schob ihn seinem Schatz auf den Finger. Ebenso nahm Endre mit zitternden Fingern den Ring für Leif und steckte ihm diesen an.

„Wir sind jetzt verlobt“, grinste Leif und lachte dann befreit auf.

„Ja, sind wir wohl“, grinste Endre schief. Der verrückte Hund hatte ihm nicht ein Wort davon gesagt. Auch nichts von den schlichten Platin-Ringen, die nun an ihren Händen schimmerten.

„Du machst mich zum glücklichsten Mann der Welt, Endre, weißt du das?“

„Schwer möglich, denn ich glaube, den Titel trage ich.“

Und wieder fanden sich ihre Lippen – es war wie ein Traum. Sein Leben veränderte sich mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit, Endre konnte ihm kaum noch folgen.

„Ich freu mich schon drauf, das Bett mit dir einzuweihen“, grinste Leif und küsste seinen Verlobten noch einmal. Er war schon einmal verlobt gewesen, doch im Gegensatz zu damals war sich Leif sicher, dass er dieses Mal den Weg bis zum Schluss gehen wollte, wenn es nach ihm ginge, noch dieses Jahr. Erst hatte er Endre fragen wollen, wenn ihre Freunde und Endres Brüder dabei gewesen wären, doch schlussendlich hatte er sich dagegen entschieden. Endre sollte die Chance haben, nein zu sagen, wenn er sich nicht sicher fühlte und sich nicht von einem applaudierenden Publikum in etwas treiben lassen, wie er selbst es damals getan hatte. Vielleicht hätte er sich mit Viktor nie verlobt, wenn er ihn damals nicht vor versammelter Mannschaft gefragt hätte.

„Oh ja – auf das Bett freu ich mich schon“, lachte auch Endre und betrachtete die riesige Matratze noch einmal. Er war versucht, sich auf die folieumhüllte Liegefläche zu werfen, doch das wollte er nicht. Er wollte das Bett das erste Mal testen, wenn sie wirklich darin schliefen – nicht eine Sekunde früher.

„Aber jetzt sucht dich der Architekt“, sagte Endre, der den jungen Mann bereits nach Leif rufen hörte. Außerdem wollte er selbst endlich in der Küche anfangen zu kochen, also lösten sie sich aus ihrer kurzen Zweisamkeit, suchten JJ, der allerdings vor der Tür stand und sich nur nicht rein getraut hatte, und so kümmerte sich Leif um das Haus und Endre um die Versorgung der Truppe. Beide mit einem sanften Lächeln auf dem Gesicht und nicht bereit, ihre Ringe noch einmal abzulegen.