Du befindest Dich hier: Geschichten > Geschichten frei bis 16 > Chaotizitaet > Ein Jahr - Teil 2 - 01 - 03

Ein Jahr - Teil 2 - 01 - 03

Fichiger Hinweis: Teil 1 der Geschichte ist aktuell noch im Weihnachtskalender 2010 zu finden und zieht hierhin um, sobald ich wieder mehr Luft um die Ohren habe.




01

Für Benni Meyer gestaltete sich Weihnachten wie fast jedes Jahr, wenn er Weihnachten im Kreise seiner Familie im Holsteinischen Norden verbrachte. Nicht, dass er seine Mutter und seine Großeltern nicht mochte, aber er konnte nicht umhin, zu erkennen, wie viel oberflächlich Frieden und wie viel unterschwellig Hexenküche war. Die Meyers, die einem Seitenzweig einer alten Reedereifamilie entstammten, waren entsprechend eine Familie mit altem Geld und Ansehen und einem entsprechenden Selbstverständnis. Da kam es weniger auf die Herzlichkeit des Geschenkes an als mehr auf den materiellen Wert. Dinge, die unnütz waren, mit denen man aber vor Bekannten angeben konnte, waren somit die perfekten Geschenke, egal wie hässlich man sie selbst fand. Dementsprechend fanden die unansehnlichen Porzellanskulpturen eines namhaften japanischen Künstlers, die er zufällig bei ebay entdeckt hatte, rasenden Anklang, obgleich sie weder zu der hanseatischen Einrichtung des Hauses seiner Großeltern noch zu der modern minimalistischen Einrichtung der exklusiven Wohnung seiner Mutter passten.

Das hieß nicht, dass es an Herzlichkeit fehlte, die Familienmitglieder einander nicht liebten, aber es herrschte immer eine gewisse Angespanntheit, eine gewisse Distanz, die eine gemütliche Weihnachtsatmosphäre irgendwie nicht aufkommen lassen wollten. Daran änderte auch der perfekt geschmückte Baum nichts, der seine Großmutter Stunden der Arbeit gekostet hatte, um diesen Grad der Perfektion zu erreichen.

Doch beinahe unerträglich wurde es für Benni, als zu fortgeschrittener Stunde und fortgeschrittenem Alkoholkonsum die Äußerungen ehrlicher wurden. Denn Fakt war und blieb, dass seine Großeltern mit der Wahl ihrer Tochter was Männer betraf nicht glücklich waren. Das fing schon bei Bennis Vater an. Aber was konnte man auch von einem Nicht-Hanseaten erwarten?



Bennis Vater war zweifelsohne ein charismatischer Mann gewesen, der gut mit Menschen konnte und sich entsprechend gerne mit Menschen umgab. So war es wenig verwunderlich, dass Hartmut Trochlowitz, Harry genannt, auf einer Party Silke Meyer kennen lernte. Harry Trochlowitz stammte aus einer mindestens ebenso alten Familie wie Silke, doch im Gegensatz zu den Meyers hatte bei den Trochlowitz’ der einstige Wohlstand einer nordhessischen Gutsbesitzerfamilie nicht die Generationen überdauert. Dafür hatte es in der Geschichte der Familie zu viele Lebemänner gegeben, zu denen wohl auch Harry zu zählen war, wenngleich er nicht das nötige Kleingeld hatte, um in der Form den Lebemann zu geben, wie es seine Vorfahren vermocht hatten. Doch dies zu ändern war sein angestrebtes Ziel. Alles was er hierfür brauchte, war etwas Startkapital, dann, so war er sich sicher, würde er in der Geschäftswelt schon seinen Weg finden. Wie dieses Startkapital genau aussah, war eigentlich nebensächlich – es konnte Geld aber auch Beziehungen sein, und in Silke Meyer wurde ihm beides geboten. Es schadete auch nichts, dass Silke eine hübsche, junge Frau war, im Gegenteil, gesellschaftlich betrachtet, war eine hübsche Begleiterin stets von Vorteil.

Also tat Harry Trochlowitz das, was wohl alle Männer seines Schlages in dieser Situation taten: Er machte Silke Meyer nach allen Regeln der Kunst den Hof. Auch wenn sie bisweilen zu einem etwas zänkischen Wesen neigte. Und als er ihr nach viermonatiger Romanze einen Heiratsantrag machte, schien der Himmel voller Geigen zu hängen und die Welt kaum schöner sein zu können. Natürlich nahm Silke den Antrag an, doch Harry gab sich damit nicht zufrieden. Er wollte auch den Segen ihrer Eltern. Denn er war sich sehr wohl bewusst, dass das eigentliche Kapital bei den Eltern lag und er über das Geld erst nach deren Tod würde verfügen können. Aber nicht einmal Harry Trochlowitz ging soweit, mit dem Tod anderer Menschen zu spekulieren. Dazu war er im Grunde zu arglos, zu jungenhaft, vielleicht sogar zu naiv.

Das vermutlich überzeugendste Argument, dass Harry zu seinen Gunsten vorbringen konnte, war seine Bereitschaft, Silkes Namen als Ehenamen anzunehmen. Er wusste, wie standesbewusst die älteren Meyers waren, dass es sie schmerzte, mit ihrer Tochter dem Ende dieses Namens in ihrer Linie entgegen zu sehen und dann noch nicht einmal die Gewissheit zu haben, dass er in einem anderen, angesehenen, hanseatischen Namen aufging. So kam Harry die wenige Jahre zuvor verabschiedete Gesetzesänderung, nach der auch der Nachname der Frau als Ehename gewählt werden konnte, gerade recht. Darüber hinaus war Harry sich im Unterbewusstsein sehr wohl bewusst darüber, dass eine hanseatisch aufgemachte Visitenkarte mit dem Namen Meyer mehr hermachte als eine Karte mit dem fast unaussprechbaren Namen Trochlowitz.

Widerstrebend gaben die Meyers ihren Segen und für die ersten Jahre sah es tatsächlich so aus, als würde sich alles zum Guten fügen. Es wurde sogar ein Sohn und Erbe – Benjamin – geboren und Harry fand über die Kontakte der Meyers eine gehobene Position in einem Handelsunternehmen. Dass damit im Laufe der Zeit immer häufiger auch Geschäftsreisen verbunden waren, war nicht ungewöhnlich und wurde von der Familie in Kauf genommen.

Und doch waren es die Geschäftsreisen, die letztlich die Meyers in ihrer Meinung über ihren Schwiegersohn bestätigten. Es war ein paar Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung, als Silke Meyer eines Abends tränenüberströmt bei ihren Eltern vor der Tür gestanden hatte und ihnen die ganze, schreckliche Wahrheit, die sie mittels eines Privatdetektivs zu Tage gefördert hatte, erzählte.

Benni, damals elf Jahre alt, hatte an jenem Abend bei einem Freund übernachtet und so erst einmal von dem sich abzeichnenden Familiendrama nichts mitbekommen. Er hatte auch nie die ganze Wahrheit erfahren, nur so viel, dass sein Vater seine Mutter offenbar während der Geschäftsreisen betrogen hatte. Dass seine Mutter die Scheidung einreichen wollte.

Doch ehe es dazu kommen konnte, starb Harry Meyer, geborener Trochlowitz, bei einem Autounfall. Irrigerweise war es auf dem Rückweg einer Geschäftsreise gewesen, als ein LKW-Fahrer am Steuer eingeschlafen war und das ausbrechende Gefährt den ihn gerade überholenden BMW gerammt hatte. Harry Meyer war auf der Stelle tot gewesen.

Die Übergangszeit war schwierig gewesen, aber nicht so schwierig, wie es vielleicht hätte sein können, hätten Harry und Silke sich zum Zeitpunkt des Todes Harrys noch aufrichtig geliebt oder zumindest nahegestanden. So aber fasste sich Silke Meyer nach erstaunlich kurzer Zeit. Sie suchte sich bei einer renommierten Wirtschaftsberatergesellschaft einen Halbtagsjob als Empfangsdame und begab sich wieder auf das gesellschaftliche Parkett. Natürlich hatte sie, mit Rücksicht auf ihren Sohn, nicht vor, wieder zu heiraten, obwohl sie als Mittdreißigerin durchaus noch eine begehrte Partie war. Aber genauso wenig hatte sie vor, ihr Leben gänzlich alleine zu verbringen und so hatte sie im Laufe der Jahre mehrere flüchtige Affären oder auch kurze Beziehungen. Doch stets erlag sie dem gleichen Typ Mann – dem Charmeur, wie Harry einer gewesen war. Und wenn sie nach einem weiteren Reinfall mit einem solchen Mann den soliden, geradlinigen Finanzverwaltertyp suchte, langweilte sie sich meist schneller, als die Beziehung begonnen hatte. Hinzu kam, dass ihr zänkisches Wesen im Laufe der Jahre nicht weniger geworden war, bisweilen neigte sie zu ausgesprochen kalter Biestigkeit. Das ging zuletzt sogar soweit, dass auch Benni, der seine Mutter liebte und wusste, dass diese ihn liebte, diesen Charakterzug zu spüren bekam, wohl weil er als seines Vaters Sohn sie immer an Harry Trochlowitz erinnern würde. Selbst wenn er vom Charakter seinem Vater nur in seiner Vorliebe für Partys ähnelte.

Die zunehmende Biestigkeit war dann auch der Grund gewesen, weshalb er nach dem Tod seiner Großeltern väterlicherseits in deren Wohnung, seine Wohnung gezogen war, und somit etwas Abstand zu seiner Mutter gewonnen hatte.

Es war für ihn schon kurios, dass genau wie die Meyers Harry Trochlowitz nicht getraut hatten, die Trochlowitz’ den Meyers aus dem Norden stets misstraut hatten. Weshalb seine Großeltern väterlicherseits bereits vor dem Tod ihres einzigen Sohnes dessen Kind ihre Eigentumswohnung überschrieben hatten, allerdings mit eigenem lebenslangem Nutzungsrecht. Sie wussten, dass ihr Hartmut nicht mit Geld umgehen konnte, wollten aber auch verhindern, dass die Meyers den restlichen Trochlowitz-Besitz bekamen. Familienverhältnisse mit Verdächtigungen, wie man sie sich kaum komplizierter ausdenken konnte.

Benni konnte sich zwar zu einem gewissen Grad als Nutznießer dieser verqueren Situation bezeichnen, wollten doch beide Großelternseiten nur das Beste für ihn und tatsächlich war die Wohnung, für die er noch nicht einmal Erbschaftssteuer hatte zahlen müssen einer der wenigen Pluspunkte, die regelmäßig für die Verbindung mit den Trochlowitz’ aufs Tapet gebracht wurden, aber auch dies immer wieder sich anhören zu müssen, nervte auf Dauer.



Besonders, wenn man eh schon müde war. Überhaupt fühlte sich Benni in letzter Zeit noch müder als sonst, aber er hatte es einfach auf den Weihnachtsstress geschoben.

Erst als seine Mutter in einer ihrer berühmten Tiraden über Männerwelt im Allgemeinen und ihren letzten Freund im Besonderen innehielt und ihn besorgt fragte, ob ihm gut ging, wurde ihm bewusst, dass es vielleicht nicht bloß der Stress gewesen war. Dennoch wiegelte er erst einmal ab. „Bin bloß ein wenig müde, nichts weiter. War in den letzten Tagen bei der Arbeit reichlich ausgelastet, weil zu vielen meiner Kunden erst in letzter Minute eingefallen ist, dass sie noch Weihnachtsgrüße auf die Homepage setzen wollen.“

Doch seine Mutter, vielleicht aufgrund von mütterlichen Instinkten, schüttelte energisch den Kopf. „Du bist unnatürlich blass. Das gefällt mir nicht. Benni, sei ehrlich...“

„Es ist nicht, Mum, ehrlich. Eine Nacht durchschlafen und es geht mir wieder gut.“

Das war genau das Falsche, was er hätte sagen können, denn sofort fragte seine Mutter: „Und wann war das letzte Mal, dass du durchgeschlafen hast?“

Dergestalt von der Besorgnis angesteckt, mischten sich nun auch seine Großeltern ein. Sie wussten alle um seine Krankheit und gerade weil er der einzige Sohn, beziehungsweise Enkelsohn war, nahmen sie alles besonders ernst. „Vielleicht wäre es ganz gut, wenn du dich kurz hier im Uni-Klinikum untersuchen ließest. Und sei es nur, um sicher zu gehen, dass es wirklich nur Erschöpfung ist“, schlug seine Großmutter vor.

Benni stöhnte. Das letzte, was er an Heilig Abend wollte, war sich endlosen Untersuchungen zu unterziehen. Andererseits war ihm auch klar, dass er, wenn er sich weigerte, das Unvermeidliche nur hinauszögern würde, denn wenn seine Familie erst einmal in den Glucken-Modus verfallen war, würden sie nicht eher Ruhe geben, bis er nicht einem Krankenhausbesuch zugestimmt hatte. „Muss das sein?“

Sein Großvater sah ihn wissend lächelnd an. „Gib auf, noch ehe du wirklich zu protestieren begonnen hast. Du weißt genau, dass wir nicht aufgeben, bis wir unseren Willen bekommen haben.“

„Aber ihr habt alle etwas getrunken und ich bin zu müde, um Auto zu fahren“, wandte Benni ein. „Und ich weigere mich, mit einem Rettungswagen in die Klinik zu fahren.“

„Wozu gibt es Taxis, Junge?“ Es schien tatsächlich als würde er nicht darum herum kommen. Für jedes Argument hatten seine Leute ein Gegenargument. „Alles, was du nur noch entscheiden musst, ist wer dich ins Krankenhaus begleitet.“

Sofort wollte seine Mutter anführen, dass es ja wohl als Mutter ihre Aufgabe, ihre Pflicht, aber wohl auch ihr Recht sei, ihren Sohn ins Krankenhaus zu begleiten, doch mit einer bestimmenden Geste brachte Herr Meyer seine Tochter zum Verstummen, noch ehe diese richtig angefangen hatte. Sie alle wussten, dass Benni, wenn er die Wahl hatte, seine Mutter nicht bitten würde, mit ihm ins Krankenhaus zu kommen, denn Silke Meyer neigte bisweilen auch zur Hysterie. Und wenn man im Krankenhaus war und untersucht wurde, wollte man nicht auch noch eine hysterische Begleitperson beruhigen müssen.

Dankbar wenigstens in diesem Punkt ein klein wenig Mitspracherecht gewährt zu bekommen, aber immer noch nicht wirklich begeistert von der ganzen Idee, erwog Benni für einen Moment aus Rache seinen Großvater als Begleitperson zu bestimmen, denn sein Großvater hasste Krankenhäuser fast noch mehr als Benni selbst, was daran lag, dass sein Großvater Diabetes hatte und sich nur ungern an all die Weisungen seines Arztes hielt. Jedes medizinisch geschulte Auge erkannte sofort, was bei Herrn Meyer im Argen lag und wenn er Benni begleitete, würde er sich bestimmt von jeder zweiten Schwester und jedem Arzt irgendwelche diesbezüglichen Kommentare anhören müssen. Andererseits aber trug ein nörgelnder Großvater an seiner Seite nicht wirklich dazu bei, den eigentlichen Besuch zu beschleunigen und schnell zu einem Abschluss zu bringen, so dass sie möglichst noch in dieser Nacht wieder heimkehren konnten. Für so etwas war seine Großmutter mit dem perfekten Auftreten einer Dame der alten hanseatischen Gesellschaft perfekt und so war es Frau Meyer senior, die letztlich Benni begleitete.



So viel zu Weihnachten! Benni hätte heulen können vor Frustration. Nicht bloß, dass die Ärzte mit immer neuen Tests aufwarteten, inzwischen, so die Aussage seiner Großmutter, waren auch sein Großvater und seine Mutter ins Krankenhaus gekommen, weil sie die Warterei zu Hause nicht mehr ausgehalten hatten. Gut, diesen Punkt konnte er zu einem gewissen Maß nachvollziehen, war er doch schon seit mehreren Stunden das Versuchskaninchen der Feiertagsdienst schiebenden Ärzteschaft. Und bei mehreren Stunden ohne Nachricht hätte er sich an der Stelle seiner Familie auch seine Gedanken gemacht. Aber warum zum Henker piesackten ihn die Ärzte auch so? Konnten sie nicht sagen, dass alles beim Alten war und ihn einfach wieder nach Hause schicken, seinetwegen auch noch mit Extraermahnungen es ruhig angehen zu lassen und sich zu schonen? Und wehe, diese Ärzte gingen soweit, die Situation erst mit seiner Mutter und seinen Großeltern zu diskutieren, nur um ihn zu schonen. Er wusste genau, was los war: Seine Nieren spielten ihm mal wieder einen ganz gemeinen Streich.

Doch offenbar hatte Bennis knurrige Haltung den Ärzten deutlich gemacht, dass er derjenige war, mit dem zu erst zu reden war. Und die Diagnose war alles andere als gut.

Seine Blutwerte hatten sich noch einmal verschlechtert, dazu litt er an akutem Bluthochdruck und die Medikamente, die er dagegen nahm, konnten dies nur unzulänglich kompensieren.

„Ich bedaure“, sagte der Facharzt für Nephrologie, der Nierenheilkunde – Fachbegriffe, die Benni eigentlich nie in seinem Leben hatte lernen wollen, „aber wir werden Sie mindestens über Nacht hier behalten müssen, vermutlich auch noch den nächsten Tag, weil wir Sie auf die neuen, stärkeren Medikamente einstellen müssen. Aber wenn das erst einmal wieder alles seinen Gang geht, können Sie so weiterleben wie vorher.“

So zuversichtlich sich der Arzt auch gab, so genau kannte Benni doch die Wahrheit hinter diesen Worten. Denn so war es immer abgelaufen. Erst hatte er Medikamente bekommen, dann stärkere Medikamente, dann zusätzlich Dialyse, neue Medikamente, dann wurde die Dialyse von zweimal die Woche auf dreimal die Woche erhöht, und jetzt wurden wieder die Medikamente erhöht. Blieb die Frage, wie lange man das Spiel noch treiben konnte. Eher früher als später würde es heißen: Ende der Fahnenstange, aufhören mit Klettern. Und er bekam mit drei Dialysesitzungen in der Woche eigentlich schon das Höchstmaß. So hart es auch klang, das Ende der Fahnenstange schien für Benni leider in Reichweite. Das einzige, was jetzt noch helfen konnte, war eine Spenderniere. Aber auch wenn er aufgrund der aktuellen Diagnose auf der Warteliste auf einen besseren Platz hochgesetzt wurde, war das noch lange keine Garantie, dass er noch rechtzeitig ein Spenderorgan erhalten würde, war doch nicht jedes Spendeorgan kompatibel. Was mit ein Grund war, weshalb er bereits so lange schon vergeblich auf eine Spenderniere wartete.

Wäre er nicht so erschöpft gewesen, so hätte Benni am liebsten vor Frustration mit der Faust gegen die Wand geschlagen. Dabei hatte er sich doch selbst geschworen, so lange durchzuhalten, bis eine vernünftige künstliche Niere entwickelt worden war, mit der er fröhlich alt werden konnte!

Als seine Mutter und seine Großeltern schließlich zu ihm auf die Station gelassen wurden, hatte er sich aber wieder soweit im Griff, dass er den Zuversichtlichen mimen konnte. Besonders seiner Mutter gegenüber, die offenkundig schon die erste Auseinandersetzung mit den Tränen verloren hatte. Dennoch war es seine Mutter, die schließlich mit mühsam beherrschter Stimme, das Wort ergriff.

„Dr. Hausner hat veranlasst, dass dein Name auf der Liste nach oben gesetzt wird. Er hat sich auch bereit erklärt, noch einmal meine Werte zu testen, um zu sehen, ob mit der weiterentwickelten Medizin vielleicht mittlerweile eine Transplantation meiner Niere lohnt.“

Benni schüttelte den Kopf. Er wusste, dass der Test nur eine Absage zur Folge hätte. Er war nach dem Blutbild zu sehr Sohn seines Vaters statt Sohn seiner Mutter. Doch Silke Meyer ließ sich von diesem stummen Einwand nicht beirren, sondern, obgleich sie es nicht fertig brachte, ihn dabei anzusehen, fuhr fort: „Aber es gibt vielleicht noch eine Alternative.“

Ein Schluchzen in ihrer Kehle schnitt ihr für den Augenblick die Worte ab, doch sie zwang sich erneut zur Ruhe. „Dein Vater... damals, als ich mich von ihm scheiden lassen wollte... es war nicht nur so, dass er mir auf den Geschäftsreisen untreu gewesen war, er... diese Frau... sie hatte ein Kind, ein Baby. Ich weiß nicht, ob das Kind von deinem Vater stammte, aber wenn man bedenkt, wie häufig er in dieser Stadt war, sei es wegen Geschäftsterminen oder um seine Eltern zu besuchen – warum nur habe ich nie vorgeschlagen ihn zu begleiten? Du hättest deine Großeltern sehen können und vielleicht wäre es nie soweit gekommen... Jedenfalls will ich nachsehen, ich müsste irgendwo noch die alten Unterlagen haben, die mir der Detektiv damals gegeben hat. Da müsste der Name dieser Person drin stehen. Und falls das Kind dein Bruder oder deine Schwester ist...“ Sie brach ab.

Benni kannte seine Mutter gut genug, um zu wissen, dass diese ihm etwas verschwieg. Und er konnte sich auch denken, was es war. Seine Mutter war nicht der Typ Frau, der es einfach so hinnahm, wenn ihr Mann fremdging, das hatte sie seinerzeit deutlich gezeigt. Von daher war es leider nicht auszuschließen, dass sie in ihrer Wut auch die Geliebte oder Geliebten seines Vaters – Benni wusste nicht, ob damals nur von einer Frau oder mehreren in verschiedenen Städten die Rede gewesen war – mit Anrufen und Briefen traktiert hatte, die vermutlich schon grenzwertig den Tatbestand der Belästigung erfüllt hätten. Wenn dem so war, mochte es erklären, weshalb seine Mutter nicht schon damals, als das Nierenversagen bei ihm diagnostiziert worden war, die Möglichkeit eines Halbgeschwisters erwähnt hatte. Und wenn sie sich dann jetzt, nach all den Jahren, als Bittstellerin an diese Frau würde wenden müssen... Benni konnte sich nicht vorstellen, dass dies bei der Art seiner Mutter von Erfolg gekrönt sein würde. Deswegen sagte er: „Wäre es nicht vielleicht besser, wenn ich diese Frau versuchte zu kontaktieren? Schließlich bin ich es, der letzten Endes etwas von ihrem Kind will. Ich könnte sagen, dass ich in alten Unterlagen auf den Namen gestoßen sei, ohne dass die ganze hässliche Geschichte mit meinem Vater noch einmal hochkochen würde.“

Seine Großeltern nickten anerkennend. Denn auch sie kannten ihre Tochter und befürchteten, dass diese damals mehr kaputt gemacht hatte, als sie sich in der jetzigen Situation leisten konnten.

Seine Mutter schaute zwar noch für einen Moment etwas beleidigt drein, musste sich aber letztlich eingestehen, dass sie eigentlich wenig Lust hatte, noch einmal mit einer von Hartmuts Geliebten etwas zu tun zu haben.



Aufgrund der fortgeschrittenen Stunde legte der diensthabende Stationsarzt den Meyers kurz nach diesem Gespräch eindringlich nahe, nach Hause zu fahren, sie könnten ja am nächsten Tag Benni wieder besuchen.

Kaum waren seine Angehörigen gegangen, machte sich Benni auch schon daran, sich aus dem Krankenzimmer zu schleichen. Natürlich hatte er damit nicht viel Glück, denn wie alle Krankenhäuser hatte auch das Uniklinikum alle Patienten, die nichts Akutes hatten, das einer ständigen Überwachung bedurfte, über Weihnachten nach Hause entlassen, so dass das Krankenpflegepersonal, das freiwillig Feiertagsdienst schob, ein entsprechend wachsameres Auge auf die wenigen Patienten hatte, die da waren.

„Und wo, wenn ich fragen darf, wollen Sie hin?“, fragte ihn auch prompt die Nachtschwester, kaum, dass er sich weiter von seinem Zimmer entfernt hatte, als ein Patient auf der Suche nach einer Schwester oder einem Pfleger rechtfertigen konnte. „Und kommen Sie mir nicht mit der Ausrede, dass Sie eine rauchen wollten. Denn erstens wäre das in Ihrem Zustand noch ungesünder als für den Normalsterblichen und zweitens könnte das selbst wenn Sie Raucher wären noch bis morgen früh warten.“

„Sie haben Recht“, erwiderte Benni. „Ich bin kein Raucher. Dafür aber Technikfanatiker mit eigener Web-Design-Computer-Firma, mit meiner privaten Handynummer als Notrufnummer für meine Kunden. Da allerdings die Krankenhausregularien die Nutzung von Mobiltelefonen wegen möglicher Interferenzen mit den medizinischen Geräten hier auf der Station untersagen, muss ich wenigstens meine Ansage auf der Mailbox ändern, um meine Kunden wissen zu lassen, dass ich über die Feiertage aus familiären Gründen doch nicht erreichbar bin. Weshalb ich also entweder in den nächstgelegenen Aufenthaltsraum, in dem die Nutzung von Handys erlaubt ist, möchte, oder aber kurz nach draußen gehe, um eben jene Änderungen vorzunehmen. Und danach werde ich brav wieder nach hier oben kommen und mich in das mir zugewiesene Bett begeben, ungeachtet der Tatsache, dass ich viel lieber zu Hause in meinem eigenen Bett oder wenigstens im Gästebett bei meinen Großeltern schlafen würde.“

Im ersten Moment ob dieser Ansprache ein wenig sprachlos, nickte die Krankenschwester ein wenig hilflos und meinte dann: „Zweiter Stock, der Gang neben dem Fahrstuhl und dort die erste Tür rechts ist der Aufenthaltsraum.“

Benni dankte und machte sich auf den Weg, auch wenn er sich in dem Krankenhaus-Schlafanzug reichlich dämlich vorkam. Aber für die eine Nacht würde es gehen und morgen würden seine Großeltern sicher mit einem Überseekoffer voller Dinge für ihn hier aufschlagen. Vielleicht sollte er auch noch eine kurze SMS an Carsten schreiben, um ihn zu bitten, die Einkäufe für die geplante Silvester-Party zu erledigen. Denn so wie er seine liebe Familie kannte, würden die, selbst wenn Benni bereits morgen, spätestens übermorgen entlassen würde, ihn nicht rechtzeitig wieder nach Hause fahren lassen, um selbst alles für die Party zu besorgen.



***



Besagte SMS entdeckte Carsten erst am nächsten Vormittag, als er und Henrik träge, aber auf verschiedenen Sitzmöbeln im Wohnzimmer herumlungerten. Denn obgleich alles sie drängte, die Zeit fern von zu Hause und somit fern von allen Klatschmäulern zu nutzen, die in der Nacht zuvor neu gefundene Nähe zu vertiefen – schließlich wussten sie beide, dass sie spätestens mit der Silvesterparty sich wieder in Zurückhaltung üben mussten – wollten sie doch Carstens Eltern keine Angriffsfläche für noch eindeutigere Kommentare bieten, als diese eh schon in Andeutungen von sich gaben. Aber gut, man hätte an der Stelle von Sigrid und Bernd wirklich mit mehr als nur Blindheit geschlagen sein müssen, um nicht mitzukriegen, was sich zwischen den beiden jungen Männern abspielte.

So saß Carsten quer in dem alten Sofa und räumte endlich mal den SMS-Speicher seines Handys auf, während Henrik auf dem Sessel saß und W-Lan sei Dank auf seinem Notebook glücklich das letzte Sorglospunks-Abenteuer lesen konnte, dass er am Vorabend ihrer Fahrt nach Freiburg in einem der Archive, wo die Autoren ihre Geschichten hochluden, entdeckt hatte, aber aus Zeitgründen nicht mehr hatte lesen können.

Das halblaute „Shit“, welches Carsten beim Lesen von Bennis Kurznachricht entfuhr, ließ Henrik aufblicken. „Was ist los?“, fragte er besorgt.

Carsten strich sich mit einer Hand verstört durch die Haare, während sein Blick noch immer an dem Text auf dem winzigen Display hing. „Benni… er liegt im Krankenhaus!“

Augenblicklich ließ Henrik das Notebook Notebook sein und stürzte zu dem Sofa, begierig zu lesen, was mit Benni los war. Und was er sah, entlockte ihm, trotz der Schwere der eigentlichen Aussage, ein Schmunzeln. Der Text war typisch Benni.

<<Hi Carsten. Merry X-Mas. Hier ist alles SNAFU, inkl. UKE-Besuch. Weihnachten eben. Könnest du für Silvester einkaufen? Bin dann auf jeden Fall wieder fit. B.>>

„Wenn er Situation Normal All Fucked Up schreibt, meint er damit, dass er wegen seiner Nieren im Krankenhaus ist?“, wollte Henrik wissen. Er vermutete, dass sich hinter UKE eine Krankenhausabkürzung verbarg, die Carsten aufgrund der jahrelangen Freundschaft ein Begriff war.

Carsten nickte. „Ich habe ihn auch schon seine Nieren als SNAFU 1 und SNAFU 2 bezeichnen hören. Scheint als hätten sich diese beiden mal wieder die beste Zeit des Jahres ausgesucht, um ihm einen gemeinen Strich durch die Rechnung zu machen. Ehrlich, ich kann mir kaum einen bescheideneren Tag als Weihnachten für einen Aufenthalt in der Uniklinik vorzustellen.“

„Ist es denn dann überhaupt klug, eine große Party zu feiern?“

Carsten schnaubte ungläubig. „Partyking Benni und Silvester im Bett verbringen? Glaub mir, sogar am Nordpol würde der die Eisbären überreden, Hulatanzen zu lernen, nur damit Benni eine ordentliche Silvesterfete feiern kann. Aber immerhin ist er schon etwas vernünftiger geworden. Noch vor zwei Jahren hätte er darauf bestanden auch die Vorbereitungen alleine zu stemmen und ich hätte dann einen Notruf aus dem Supermarkt bekommen. Da ist es mir doch lieber er überlässt mir das Einkaufen. Wir werden schon unsere liebe Not haben, ihn davon abzuhalten, selbstständig alle Luftschlangen aufzuhängen und wie ein Affe die Tragfähigkeit der neuen Bücherwand auszutesten.“ Wie üblich suchte Carsten Zuflucht in einem nicht immer gesellschaftsfähigen Galgenhumor, um seiner Besorgnis Herr zu werden.

„Ergo, wir sollten dafür sorgen, dass Benni, wenn er heimkommt, bereits eine partytaugliche Bude vorfindet, sodass er erst gar nicht in die Versuchung kommt, selbst etwas organisieren zu wollen?“

Carsten nickte zustimmend.

„Na, dann lass uns mal am besten gleich Pläne und Listen erstellen, die so ausgefeilt sind, dass unser Partykönig gar nicht anders kann als zuzustimmen.“ Mit diesen Worten hatte Henrik sein Notebook wieder zu sich herangezogen. Dass er aufgrund der SMS-Betrachtung strategisch den Platz gewechselt hatte und nun neben Carsten auf dem Sofa saß, störte ihn dabei höchst wenig, und auch Carsten schien damit keine Probleme zu haben, zumindest erhob er keinerlei Einwände. Stattdessen waren sie bald in hitzige Diskussionen verwickelt, ob Bleigießen für Bennis Party und mehr noch seine Gäste tauglich war, oder ob sie nicht lieber stattdessen chinesische Glückskekse besorgen sollten.

„Denn a) lebt dann der Teppich länger – ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie man Bleispritzer entfernt – und b) ist das Verletzungsrisiko bei der Meute deutlich geringer, wenn kein offenes Feuer involviert ist“, führte Carsten seine Überlegungen aus.

„Aber das chinesische Neujahr ist erst im März, momentan werden wir also nur die Standardkekse mit den üblichen Restaurant-Sprüchen kriegen“, wandte Henrik ein.

„Ich hoffe du willst mit diesen Worten nicht andeuten, dass wir uns selbst hinstellen sollen und solche Kekse backen?“ Alarmiert fragend sah Carsten Henrik an, wurde aber gleich darauf durch dessen vehementes Kopfschütteln beruhigt. Henrik und freiwillig Kekse backen? Das bedeutete sich freiwillig den Gefahren eines hinterhältig lauernden Backofens auszusetzen. Und ein solches Risiko ging Henrik bestenfalls für Pizza ein.

„Ich dachte auch weniger an ein Keksorakel als an ein Papierorakel. Denn auch wenn jeder die Kekse isst, so habe ich noch nie jemanden behaupten hören, dass der Keks an sich sein Lieblingskeks sei. Da ziehen die meisten dann doch lieber Butterkekse und Co vor. Aber wie wäre es, wenn wir Origami-Papier besorgten und die Leute einfach wild drauf losfalten ließen? Natürlich ohne Anleitung. Und dann wird, wie beim Bleigießen, der Schattenwurf an der Wand interpretiert. Irgendwo wird sich bestimmt ein Traumdeutungsbuch finden, was uns Aufschluss über die Formen gibt.“

„Genial!“ Carstens Augen leuchteten bei der Idee und spontan beugte er sich zu Henrik hinüber und gab ihm einen kurzen Kuss. Einen viel zu kurzen Kuss Henriks Meinung nach, kam er doch kaum dazu, ihn zu erwidern. Weshalb er nun seinerseits, entschlossen die Gunst der Stunde zu nutzen, sich zu Carsten hinüberlehnte und dessen Lippen zu einem deutlich ausgiebigeren Kuss einfing.

Natürlich suchte sich Bernd ausgerechnet diesen Augenblick aus, seinen Sohn und dessen Gast zu fragen, ob sie auch Plätzchen zum Kaffee wollten, was Carsten zu einem beinahe panischen Zurückzucken veranlasste, bei dem er fast über die Sofalehne gestürzt wäre.

Mit fragend hochgezogenen Augenbrauen besah sich Henrik seinen Freund. „Ich wusste noch gar nicht, dass ich so schlecht küsse…“

„Du… Papa… Ich…“, stotterte Carsten und sah dabei so verloren aus, dass Henrik nicht an sich konnte, ihn noch ein wenig zu ärgern. „Also nein, mein Lieber, keine flotten Dreier und schon gar keinen mit deinem Vater. Geht gegen meine moralisch-genetische Ehre“, erklärte er spitzbübisch, ehe er sich zum Gesslerschen Familienoberhaupt umdrehte und verkündete, dass er liebend gerne Plätzchen essen würde.

„Torfkopf“, warf Carsten, der offenbar wieder Herr über sein Sprachvermögen war, Henrik an den Kopf. „Was bitte sollen meine Eltern von uns denken?“ Ihm war das Ganze mehr als peinlich und sein doch deutlich gerötetes Gesicht ließen bei Henrik sämtliche flapsigen Sprüche auf der Zunge ersterben. Hatte er am Ende Carstens Signale missverstanden? Doch dazu blickte dieser selbst zu verwirrt drein und das ‚Torfkopf’ hatte alles andere als ärgerlich sondern eher fast liebevoll geklungen. Nein, so schnell würde er sich bei Carsten nicht ins Bockshorn jagen lassen „Was sie denken sollen? Dass wir schon mal für in einem halben Jahr üben?“, schlug er deswegen halb vorsichtig, halb gespielt gelassen vor.

„Dass wir…“ Dann aber überzog ein Grinsen Carstens Gesicht, als er die Anspielung verstand.

„Ehrlich, deine Eltern müssten schon mit mehr als Blindheit geschlagen sein, wenn sie nichts bemerkt hätten. Denn irgendwie bezweifle ich, dass du jedes Jahr zu Weihnachten einen anderen Typen in ihr Haus einlädst. Und sie werden wissen, dass sie ihren Sohn zu einem vernünftigen Menschen erzogen haben, der weiß, wie weit er gehen kann, ohne dass es Ärger gibt. Sie vertrauen dir. Und offenbar vertrauen sie auch mir soweit, dass sie mir nicht unterstellen, ihren armen, wehrlosen Sohn verführen zu wollen.“

Henriks Worte lösten endgültig die Spannung in Carsten und er lachte leise. „Wie schaffst du es nur, in deinem Alter schon so weise zu sein?“

Dieser zuckte nur mit den Schultern. „Lebenserfahrung“, murmelte er und stand dann von dem Sofa auf, um in der Küche Sigrid zu fragen, ob er ihr bei den Kaffeevorbereitungen noch irgendwie helfen konnte, hatte er doch keine Lust näher auszuführen, was das genau für Erfahrungen waren und wie er zu ihnen gekommen war.


02

Die Idee schon einmal für in einem halben Jahr – jenem Zeitpunkt nach Henriks Abschluss – zu üben, wurde in den nächsten Tagen zu einem geflügelten Wort, mit dem Henrik und auch Carsten hemmungslos jeden gestohlenen Kuss rechtfertigten, was ihnen seitens Carstens Eltern mehr als nur ein Schmunzeln einbrachte. Doch leider währte diese Zeit des Übens nicht allzu lang, zu bald schon hieß es die Rückreise in den Norden anzutreten und sich wieder Zurückhaltung aufzuerlegen. Nicht, dass Carsten und Henrik nicht bei den gemeinsamen Vorbereitungen von Bennis Silvesterparty doch auch Gelegenheiten zum Üben fanden, aber beide wussten sie, dass die Zeit gegen sie arbeitete. Zu schnell konnte es sein, dass ein Kollege oder Mitschüler Henrik beim Betreten des Mehrparteienhauses sah, in dem Bennis Wohnung lag, und die falschen Schlüsse zog. Zu schnell glaubte man sich in der hintersten Ecke des Kreativmarktes unbeobachtet genug, um eine kurze Zärtlichkeit zu tauschen, während man offiziell die genialsten Luftschlangen und passendes Origami-Papier suchte. Zu schnell…



Und dann kam zu schnell der Tag, an dem Benni von seinem Familienbesuch heimkehrte. Denn natürlich hatten ihn weder seine Mutter noch seine Großeltern sofort nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus wieder abreisen lassen, zu groß war die Sorge um seine Gesundheit. Aber die neuen Medikamente taten ihren Dienst und nachdem auch bei einer Nachsorgeuntersuchung der diensthabende Arzt im Uniklinikum Eppendorf dies bestätigt hatte, konnte Benni seine Familie endlich davon überzeugen, ihn wieder sein Leben leben zu lassen. Dementsprechend eh schon gut gelaunt, ob der wieder gewonnenen Freiheit, betrat Benni am 30. Dezember mit einem fröhlichen: „Schatz, ich bin zu Hause!“, seine Wohnung und starrte verdutzt auf die bereits zu drei Vierteln vorhandene Partydekoration.

Carsten, der bei Bennis Worten aus dem Wohnzimmer gekommen war, grinste, als er das sprachlose Gesicht seines Mitbewohners sah. „Keine Sorge, wir haben auch an eine unverkennbare Partykönigkrone für dich gedacht“, erklärte er lachend und nahm Benni die schwere Reisetasche ab.

„Wir? Welche wir? Du und die sieben Heinzelmännchen? Oder muss ich Schlimmeres befürchten?“ Ungläubig starrte Benni Carsten hinterher, während dieser das Gepäck in Bennis Zimmer ablud. So kannte er seinen Mitbewohner gar nicht. Okay, er würde nie bestreiten, dass Carsten immer dann den Fürsorglichen mimte, wenn es Benni direkt vor oder nach einer Dialysesitzung alles andere als blendend ging, aber dass er sich freiwillig darum riss, die Wohnung partytauglich herzurichten, war etwas Neues. Normalerweise fand Carsten immer dann, wenn es ans Möbelrücken und Dekorieren ging, einen ganzen Sack voll legitimer Ausreden, um sich in seinem Zimmer, der Unibibliothek oder dem Supermarkt zu verschanzen, bis alles vorüber war. Gut, meist ließ er sich dazu überreden, wenigstens beim Möbelrücken noch mit Hand anzulegen, aber bei der Dekoration war Benni stets auf sich allein gestellt.

„Nur ein Heinzelmännchen“, meldete sich da eine bekannte Stimme aus dem Wohnzimmer, „dafür aber eines, dass größer ist als die handelsüblichen Heinzelmännchen, die man bei ebay ersteigern kann, weshalb ich auch geschuftet habe wie für drei Heinzelmännchen.“

„Henrik!“ Ein Grinsen trat auf Bennis Gesicht, war doch durch Henriks Anwesenheit davon auszugehen, dass Carsten und er sich über die Weihnachtsfeiertage nicht zerstritten hatten oder sonst wie ihrer gemeinsamen Zukunft weitere Stolpersteine in den Weg gelegt hatten.

„Hi Benni!“, grüßte dieser. „Sag mal, was machst du für Sachen? Einfach so ins Krankenhaus zu verschwinden...“ Henrik konnte sich ein wenig die Sorge nicht verkneifen, aber immerhin schaffte er es, halbwegs locker und flapsig zu klingen, so dass Benni mit seinem üblichen Humor antworten konnte: „Ehrlich gesagt, lieber Weihnachten im Krankenhaus als Silvester. Und immerhin hab ich bis nach der Bescherung gewartet.“ ‚Auch wenn die vermutlich größte Überraschung erst später in Gestalt eines eventuellen Halbgeschwisters kam’, fügte er in Gedanken hinzu. Noch aber hatte seine Mutter in den Kisten, die sie bei ihren Eltern auf dem Dachboden eingelagert hatte, nicht die richtige gefunden, und somit wollte Benni diese Möglichkeit noch nicht aussprechen, ganz so als würde es Unglück bringen, wenn er darüber redete. Es mochte kindisch klingen, aber es hing so viel für Benni von dieser Möglichkeit ab, dass er durchaus gewillt war, dem Aberglauben ein wenig Raum zu geben. Konnte ja schließlich kaum schaden, oder? Immerhin wusste Benni, dass sowohl seine Mutter als auch seine Großmutter nicht eher ruhen würden, bis sie nicht die Kiste mit den Unterlagen gefunden hatten.

In den letzten Tagen allerdings hatten sie sich mehr um Benni selbst als um den Dachboden kümmern wollen, weshalb er nun auf eine hoffentlich bald eintreffende E-Mail angewiesen war.

„Doch sag, was hab ich da von einer Partykönig-tauglichen Krone für mich gehört?“, fragte Benni nun, um von seinem ungeplanten Krankenhausausflug abzulenken.

„Ah, ja... eigentlich wollten wir dich damit ja morgen überraschen, aber da ich fürchte, dass du sonst auf der Suche nach deiner Krone die ganze Bude auf den Kopf stellst und somit unsere Dekorationsversuche zunichte machst...“, flachste Henrik und zauberte dann von einem der Stühle eine wirklich denkwürdige Pappkrone hervor. Sie war in schillerndem Blau und die beiden Partyheinzelmännchen hatten zusätzlich auf jeden Zacken noch einen kleinen Plastikstern geklebt, der garantiert im Dunkeln leuchtete. „Du hast jetzt noch die Wahl, ob ich sie innen drin mit einem Haarreifen versehe, damit sie dir nicht vom Kopf rutscht oder einem Gummiband für unters Kinn.“

„Das ist jetzt nicht dein Ernst!“ Mit einem Blick, der eindeutig besagte, dass Benni in diesem Moment an der Zurechnungsfähigkeit seiner Heinzelmännchen zweifelte, sah er Henrik an.

„Glaubst du, wir machen uns so viel Mühe mit deiner Krone und riskieren dann, dass du sie bei der ersten Polonäse durch die Wohnung verlierst und der nachfolgende Trupp sie zur Unkenntlichkeit zertrampelt? Und wie soll die Meute dich hinterher als Gastgeber identifizieren? Ich meine das wirklich ernst.“

„Du kannst ihm ruhig glauben“, mischte sich da Carsten von der Tür her ein, der wieder ins Wohnzimmer zurückgekehrt war. „Wenn Henrik ein gestalterisches Projekt vor sich hat, dann denkt er an alle Aspekte. Ich konnte ihm noch nicht einmal ausreden, zwei extra Sicherungen für unser beider Zimmerschlüssel in der Krone anzubringen. Wobei es dieses Mal sogar drei Sicherungen sind, denn – so Henrik – schließlich wollen wir um Mitternacht alle nach unten zwecks Feuerwerk abfackeln und so, und wollen hinterher nicht vor verschlossener Wohnungstür stehen. Du siehst also, er hat auch an die sichere Unterbringung des Wohnungsschlüssels gedacht.“

„Was wiederum ein Grund mehr ist, der dafür spricht, dafür zu sorgen, dass dir die Krone auf keinen Fall vom Kopf rutscht“, ergänzte Henrik triumphierend.

„Öhm...“, war alles, was Benni darauf einfiel, ehe er sich in sein Schicksal fügte. „Dann aber lieber den Haarreifen. Gummibänder tun so schnell weh.“

Das diabolische Grinsen, mit dem Henrik ihn siegessicher bedachte, ließ ihn aber gleich darauf daran zweifeln, die richtige Wahl getroffen zu haben. Denn tatsächlich schaffte es Henrik, der Krone noch die Krone aufzusetzen, in dem er einen Karnevalshaarreif aus einer der Tüten hervorkramte, auf dem an Metallspiralfedern zwei silberne Monde wippten. Und ehe Benni noch widersprechen konnte, hatte Henrik den Reif auch schon fachkundig mit Basteldraht an der Krone befestigt.

Es hätte schlimmer kommen können, das musste sich Benni insgeheim eingestehen. Immerhin waren die Monde mit den Leuchtesternen und dem blauen Untergrund thematisch passend. Was man von wippenden Fußbällen, Herzchen oder Blümchen, oder was die Fastnachtsindustrie sich sonst noch so ausdachte, nicht gerade behaupten konnte. Weshalb er auch Henriks unausgesprochener Bitte nachkam, die Krone einmal anzuprobieren.

„Perfekt!“, erklärten seine beiden Partywichtel einstimmig und Benni wagte es nicht, in den Spiegel zu blicken, war doch besonders Carsten zu nah an einem ausgewachsenen Lachanfall. Aber immerhin war mit so einer Krone wohl sichergestellt, dass ihn niemand übersehen würde.

Die Krone wieder abnehmend, wandte Benni sich den übrigen Tüten zu, die wüst sein Wohnzimmer verunstalteten. „Dann lasst mal sehen, was ihr sonst noch geplant habt!“



Wie genau Carsten und Henrik alles geplant hatten, konnte Benni am folgenden Tag zur Gänze erkennen. Zwar hatten ihm am Vortag die Pläne durchaus eingeleuchtet, aber alles in die Tat umgesetzt zu sehen, war noch einmal etwas anderes. In der Küche blubberte ein Riesentopf leckerer Lauch-Käse-Suppe mit Rinderhackeinlage vor sich hin – Henrik hatte darauf bestanden, dass sie kein gemischtes Hackfleisch oder Mett nahmen, da weder er noch Carsten Bennis Gäste gut genug kannten, um ausschließen zu können, dass nicht einer von ihnen einer Glaubensrichtung angehörten, die Schweinefleisch mieden – die Getränke waren auf dem Balkon kalt gestellt und der Beamer für das Origami-Orakel so auf der Fensterbank verankert und abgedeckt, dass selbst zehn Silvesterpartys ihm nichts anhaben konnten. Die Luftschlangen waren überall verteilt und es gab genug krümellastige Snacks in Metallschüsseln, dass jede Putzfee am nächsten Tag hellauf begeistert wäre. Zwar hatte Carsten an dieser Stelle – war er sich doch nur so sehr bewusst, dass er in dieser Wohnung die Putzfee mimen durfte – versucht zu intervenieren und wenigstens die Hälfte der Chips, Flips und Salzstangen durch Lakritz und Gummibärchen zu ersetzen, aber irgendwie hatte er sich nicht wirklich gegen Henrik durchsetzen können. Besonders wenn dieser so logische Argumente anführte, wie dass mehr Gummibärchen für Carsten im neuen Jahr übrig blieben, wenn er sie nicht ganz so großzügig mit Bennis Partygästen teilte, und er auch nicht davor zurückschreckte, Carsten damit zu erpressen, ihn die Dekoration allein fertig stellen zu lassen und sich obendrein verlockend auf das Sofa zu setzen, aber dabei ein großes Schild umhängen zu haben, auf dem ‚Üben verboten’ stand. Keine Deko-Hilfe, keine Übungsküsse und die Aussicht im neuen Jahr gummibärchentechnisch auf dem Trockenen zu sitzen, war eine Kombination, der Carsten am Ende wenig Positives abgewinnen konnte und so die Krümelsnacks seufzend akzeptierte.

Letztlich das einzige, was die beiden Partyheinzelmännchen Benni erlaubt hatten, zur Vorbereitung beizutragen, war die Zusammenstellung der Musik auf dem Computer.



Einen Diskussionspunkt hatte es allerdings gegeben: Henriks Teilnahme an der Party. Sowohl Benni als auch Carsten waren wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass Henrik mit ihnen feiern würde, zumal seine Mutter noch auf Kreuzfahrt und Jan noch auf Verwandtenbesuch in Weißrussland war. Henrik jedoch war da anderer Ansicht, auch wenn man ihm anmerkte, dass ihm ein einsames Silvester mit Dinner-for-One-Marathon weniger gut gefiel.

„Aber wie stellt ihr euch das vor? Die meisten von Bennis Freunden wohnen hier in der Nähe oder trinken nichts und fahren mit ihrem eigenen Auto. Sie sind also im Gegensatz zu mir, der kein eigenes Auto hat, nicht auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen. Und ehrlich gesagt will ich Mamas Auto in so einer Nacht lieber nicht durch die Stadt bewegen, genauso wenig, wie ich mich ungern zu jemand Fremdes ins Auto setze, den ich gerade mal auf einer Party kennengelernt habe.“ Henrik wusste, wie sehr seine Mutter an ihrem schwarzen Ford Mustang Oldtimer aus den 60er Jahren hing. Es war ein wirklich todschickes Auto, mit dem Monika Rehms überall gut aussah, und es war nicht so, dass ihr Sohn den Wagen nicht fahren durfte, aber Henrik kannte die Silvesternacht gut genug um zu wissen, dass die Straßen mit zu vielen Glasscherben, Feuerwerkskörperresten und ähnlichem aufwarteten, um ein sicheres Fahren zu ermöglichen. Einen solchen Wagen ließ man an einem solchen Abend in der heimischen Garage stehen und fuhr stattdessen mit dem Bus und der Straßenbahn. Welche allerdings in der Silvesternacht ab einem gewissen Zeitpunkt für schier endlose Stunden den Betrieb einstellten. Und in der Silvesternacht ohne langwierige Vorbestellung ein Taxi zu kriegen zu wollen, war illusorisch.

„Wo ist das Problem? Dann schläfst du eben hier“, erklärte Benni wie selbstverständlich, während Carsten langsam zu dämmern schien, dass dies keine Lösung war, denn er schüttelte schon leicht den Kopf.

„Haha, die Couch kriegen wir nie in annehmbarer Zeit krümelfrei, so dass ich dort schlafen könnte“, erwiderte Henrik.

„Wer hat denn hier was von Couch gesagt? Du…“ Hier wurde Benni von Carsten unterbrochen.

„Du weißt genau, dass wir für gewöhnlich das Aufräumen auf nach dem Schlafen verschieben und du meist die Nacht nach der Party einfach bei mir im Bett mitpennst, weil dein Zimmer mit überzähligen Möbeln voll gestellt ist. Oder umgekehrt, je nachdem, welches Bett besser zu erreichen ist und wie müde wir sind. Henrik kann aber unmöglich hier und heute in meinem oder deinem Bett schlafen. Zumindest nicht, wenn ich auch darin schlafe. Selbst in der gleichen Wohnung zu schlafen wäre riskant, auch wenn wir dich als Anstandswauwau ins Feld führen könnten. Im Sommer, bei deiner legendären Eskimo-Eis-Fete ist das dann was anderes, aber…“ Vielsagend sah er seinen Mitbewohner an, in der Hoffnung, dass dieser verstand, dass es für derlei Übernachtungsaktionen einfach noch ein halbes Jahr zu früh war. Wenn herauskam, dass Henrik im gleichen Bett wie ein Lehrer seiner Schule geschlafen hatte…

„Ergo müsste ich entweder den letzten Bus nehmen, was dann weit vor Mitternacht wäre, oder zu Fuß nach Hause, was angesichts der Tatsache, dass ich am anderen Ende der Stadt wohne, nicht wirklich eine verlockende Aussicht darstellt. Aber wenn ich den letzten Bus nehmen wollte, kann ich auch deutlich früher fahren und mir ‚Dinner für Brot’ als Endlosschleife auf youtube ansehen.“ Allein schon diese Aussage machte allen Anwesenden klar, dass Henriks Herz nicht an einem Fernsehmarathon hing.

„Wie, du willst zu Hause vor der Flimmerkiste hängen und ich kann Carsten hier den ganzen Abend zu nichts animieren, weil er viel zu sehr damit beschäftigt ist, auf seinem Handy SMS zu schreiben und dir minütlich Bericht über den Verlauf der Party zu erstatten?“ Das betretene Grinsen, das Benni bei diesen Worten seitens seines Mitbewohners erntete und auch Henriks wissender Blick verrieten deutlich, wie nah an der Wahrheit diese Idee liegen konnte. „Ne, ne, mein Lieber. Das wird so nichts. Wie gut, dass wir jetzt schon darüber sprechen, denn das heißt, dass wir gerade noch genug Zeit haben, in das Möbelchaos in meinem Zimmer einen Trampelpfad zu schlagen, damit Henrik in meinem Zimmer schlafen kann, während ich bei Carsten nächtige. Damit sollte dem Anstand Genüge getan sein, zumal nicht auszuschließen ist, dass heimlicher nächtlicher Besuch unter einer Möbellawine begraben wird und somit Henriks Tugend gewahrt bleibt.“

Henrik verkniff es sich, bei dem Hinweis auf seine Tugend zu prusten, denn er war sich nicht sicher, ob diese noch existierte und wenn zufällig doch, ob er nicht bereit war, sie für einen nächtlichen Besucher namens Carsten Gessler zu opfern. Andererseits glaubte er, dass Carsten ihn zu diesem Zeitpunkt höchstens dann des Nachts besuchen würde, wenn Benni ihn mit vorgehaltener Waffe dazu zwang. Denn Carsten konnte diesbezüglich verdammt vernünftig sein. Aber wenn Henrik ehrlich war, machte dies einen Teil seines Charmes aus.

Besagten Trampelpfad zu arrangieren erwies sich aber als gar nicht so einfach, hatte Benni doch im Laufe der Jahre ein höchst kompaktes System entwickelt, wie Stühle, Topfpflanzen, Kisten mit zerbrechlichem Kleinkram – meist elektronischer Natur – und Stehlampen in sein Zimmer zu schichten waren, dass alles hinein passte und hinterher auch problemlos wieder an seinen ursprünglichen Platz geräumt werden konnte. Ein System, das also auf die Zugänglichkeit von der Tür ausgerichtet war, die Zugänglichkeit bestimmter Zimmerbereiche wie etwa des Bettes aber ausschloss. Abgesehen davon, dass das Bett selbst als Ablagefläche für alles Mögliche diente. Und es verstand sich von selbst, dass Topfpflanzen nicht als Stütze für einsturzgefährdete Möbeltürme dienen konnten. Daher schafften sie es erst mit dem ersten Klingeln, welches das Eintreffen der ersten Partygäste ankündigte, eine einigermaßen stabile Konstruktion zu schaffen, die es Henrik auch in tiefster Nacht erlauben würde, das sichere, mittlerweile abgeräumte Bett zu erreichen.



Wie nicht anders zu erwarten gewesen war, erwies sich die Party als voller Erfolg. Pünktlich um fünf vor Mitternacht begab sich die leicht angetrunkene Meute auf die Straße hinaus und jene Pedanten unter den Feiernden, die mit einer Funkarmbanduhr ausgestattet waren, erlaubten erst nachdem auch auf ihrer Uhr die Zeitanzeige Mitternacht angab, dass angestoßen und Feuerwerkskörper gezündet wurden, obwohl die Nachbarschaft sich teilweise weniger genau daran hielt und schon munter am Böllern war.

„Vermutlich leben sie in einer anderen Zeitzone“, mutmaßte Henrik grinsend und überlegte, wie besagte Pedanten sich wohl aufgeführt hätten, hätte er für jede Zeitzone bei deren Erreichen von Mitternacht eine Feuerwerksrakete gezündet und so Japan, Hongkong, Dubai und Kairo im neuen Jahr begrüßt.

Carsten, der Henriks Worte gehört hatte, lachte leise, ging dann aber rasch zu den Feuerwerkern, um beim Abschussrampenflaschenaufstellen zu helfen. Er wusste, wäre er in diesem Moment in Henriks Nähe geblieben, hätte er vermutlich nicht widerstehen können, den jungen Mann wenigstens kurz an sich zu ziehen. So sehr hatte er sich in den vergangenen Tagen an dessen Nähe gewöhnt. Aber sie waren in der Öffentlichkeit, wo derartige, eigentlich harmlose, Aktionen nicht gingen. Carsten seufzte ungehört. Das würde ein verdammt langes halbes Jahr werden und die einzige Möglichkeit, die er sah, wie sie diese Zeit heil überstehen konnten, war, wenn er auf räumliche Distanz ging, wann immer er spürte, dass Henriks Nähe zu gefährlich für ihn wurde.



Ein Vorsatz, den er eine knappe Stunde später erneut umsetzen musste, als es um das Origami-Orakel ging. Nicht einer der Gäste schaffte es einen traditionellen Kranich zu falten, obwohl verschiedene es versuchten, deren Schattenwurf aber dann unter großem Gelächter als hinkende Ente oder sogar als okkulte Zwillingsschneeschaufel erkannt wurden. Eindeutig ein Zeichen, dass es allen mehr um den Spaß als um die Weissagungen ging.

Obgleich Carsten und Henrik in verschiedenen Gruppen wieder in die Wohnung zurück gekehrt waren, ergab es sich im Laufe des Orakels, dass sie immer näher zueinander drifteten, bis Henrik schließlich neben Carsten an der Bücherwand lehnte und in halblautem Ton seine Interpretationen der Schattenbilder zum Besten gab. Es war weniger die Originalität seiner Aussprüche, obgleich er nicht weniger gut als der Rest darin war, irgendeine Form zu erkennen, die im Traumdeutungsbuch nicht zu finden war, sondern mehr seine Stimme selbst und die gewollte, intime Lautstärke, die Carsten mehr und mehr wünschen ließen, sie wären nicht von einer Partymeute umgeben und er könnte Henrik ganz ungeniert an sich ziehen und dessen Nähe auskosten. Es schien wie verhext, als hätten die Tage bei seinen Eltern jene Barrieren, die er über Jahre mühevoll aufgebaut hatte, endgültig einstürzen lassen. Doch es war noch zu früh!

Abrupt stieß er sich von der Bücherwand ab und ging in die Küche, scheinbar um sich dort noch etwas Suppe zu holen. Falls sein Verhalten Henrik irritierte, zumal er nach seinem Ausflug in die Küche nicht wieder zur Bücherwand zurückkehrte, so ließ Henrik sich nichts anmerken, sondern schien gebannt das Geschehen rund um das Origami-Orakel zu verfolgen.

Benni hingegen registrierte, trotzdem er als Wächter des Beamers vollauf beschäftigt war, sehr wohl, dass Carsten sich genau so verhielt, wie er es eigentlich schon die ganze Zeit von ihm erwartet hatte. Er konnte nur hoffen, dass es ihm und Jan gelang, zu verhindern, dass Sturkopf Carsten mehr kaputtmachte, als dieser eigentlich wollte. Denn die Gratwanderung von ein wenig verständlicher Distanz und absoluten Abblocken bedurfte weit mehr Übung als Carsten sie hatte und Benni kannte seinen Freund und Mitbewohner gut genug, um zu wissen, dass dieser bisweilen zu Extremen neigte.


03

Ein paar Tage später hatte der Alltag sie alle wieder voll im Griff: Benni musste zur Dialyse, Carsten hatte noch ein paar überfällige Klassenarbeiten zu korrigieren und Henrik sah mit der unnachahmlichen Klarheit eines Rennbulldozers die Abiturklausuren auf sich zurasen, welche noch vor den Osterferien geschrieben würden. Noch dazu musste er sich zu seiner Schande eingestehen, dass er trotz guter Vorsätze während der Weihnachtstage bei Carstens Eltern seine Bücher reichlich vernachlässigt hatte und danach sich viel lieber mit den Partyvorbereitungen statt mit Englisch, Mathe, Kunst und Geschichte zu beschäftigen. Dazu kamen ja auch noch die regulären Klausuren und sogar vereinzelte Hausaufgaben, die ihm über die Ferien aufgegeben worden waren – Henrik würde nie verstehen können, wie Lehrer so ungerecht sein konnten, selbst über die Ferien Hausaufgaben aufzugeben, bedeutete das doch im Umkehrschluss, dass selbige gleich nach den Ferien von den Lehrern zu korrigieren waren und somit die gerade erst gewonnene Erholung des Lehrers gleich wieder zunichte gemacht wurde. Unter diesen Umständen avancierte die SMS-Kommunikation mit Carsten regelrecht schon zur Belohnung für brav absolvierte Lerneinheiten.

Frau Rehms kehrte gut gelaunt und mit attraktiver Sonnenbräune von der Kreuzfahrt zurück, in ihrem Gepäck nicht nur unzählige Fotos und Eindrücke sondern auch einige Souvenirs, die Henrik mitunter lauthals zum Lachen brachten. So unterstellte er spontan seiner Mutter beim Anblick der handgearbeiteten kreolischen Puppen sich im Voodoo versuchen zu wollen. Andererseits fand die schlichte Kette, die sie ihm mitgebracht hatte – ein simples schwarzes Lederband mit einer faszinierenden Muschel als einzigem Anhänger – durchaus seine Begeisterung.



Es war am darauffolgenden Dreikönigstag, als die beiden Rehms wie zuvor vereinbart ihr Weihnachtsfest nachholen wollten, dass die Bombe platzte. Monika Rehms war gerade dabei in der Küche ein Tablett mit Tee und Plätzchen für ihre nachgeholte Bescherung vorzubereiten, während Henrik im Wohnzimmer seine liebste Weihnachts-CD einlegte, als es an der Haustür klingelte.

„Ich geh schon“, rief Henrik, wohl wissend, dass seine Mutter grade weit beschäftigter war als er und ging zur Tür. Zu seiner Überraschung war es ein reichlich mitgenommen aussehender Benni, der geklingelt hatte. „Benni! Hi… Was ist los? Ist etwas passiert? Ist etwas mit Carsten? Komm doch erst einmal rein.“ Benni sah tatsächlich so aus als würde er jeden Moment zusammenklappen, auch wenn er es schaffte, auf Henriks Frage nach Carsten stumm den Kopf zu schütteln und Henrik somit ein wenig zu beruhigen. Dieser trat beiseite und ließ den Neuankömmling eintreten.

Als Benni aber die Weihnachtsmusik im Hintergrund hörte, wollte er sich gleich wieder zum Gehen wenden. „Ich will nicht stören…“, murmelte er betreten, doch Henrik wollte davon nichts wissen.

„Keine Sorge, du störst nicht. Was auch immer Mama und ich gerade vorhatten, kann durchaus noch warten. Denn ehrlich, so wie du im Moment aussiehst, kann ich dich nicht ruhigen Gewissens hinters Steuer lassen. Ganz abgesehen davon, dass mir Carsten dann den Kopf abreißt.“ Mit einem letzten Blick auf den etwas schief eingeparkten Kombi von Benni schloss Henrik die Eingangstür und schob Benni dann in Richtung Wohnzimmer.

Frau Rehms, die dem Wortwechsel mit halbem Ohr gelauscht hatte, stellte gleich noch eine dritte Weihnachtstasse auf das Tablett und gesellte sich dann zu ihrem Sohn.

„Mama, dass ist Benni Meyer, der Mitbewohner von Carsten, mit dem ich wiederum Weihnachten verbracht habe. Wobei eigentlich ist Carsten Bennis Mitbewohner, denn Benni gehört die Wohnung“, übernahm Henrik die Vorstellung. Darüber entging ihm vollkommen der neutral taxierende Blick, mit dem Benni Frau Rehms musterte, ehe sich so etwas wie ein winzig kleines, anerkennendes Lächeln auf seine Lippen legte. Dennoch schien er es nicht über sich zu bringen gleich das Wort zu ergreifen, sondern suchte erst einmal bei der dargebotenen Tasse Tee Halt. Doch lange ertrug er Henriks besorgte Blicke nicht, die der junge Mann ihm immer wieder zuwarf, und so räusperte er sich schließlich und wandte sich an dessen Mutter: „Frau Rehms… eigentlich bin ich nicht gekommen, um Henrik zu besuchen, sondern ich wollte Sie sprechen. Entschuldigen Sie bitte, wenn ich Sie mit meiner Frage jetzt regelrecht überfalle, aber kannten Sie früher einmal einen Harry Meyer geborenen Trochlowitz?“

Monika Rehms erstarrte bei der Nennung dieses Namens. Wie lange war es her, dass sie diesen Namen durch jemand anderen ausgesprochen gehört hatte? Dann nickte sie. „Ja, ich kannte Ihren Vater.“ Denn es war offensichtlich, welche Verbindung zwischen ihrem ehemaligen Geliebten und dem jungen Mann auf dem Sofa bestand.

„Und… Henrik…?“

„Warum fragen Sie? Und warum fragen Sie erst heute? Oder sollte ich besser sagen: Warum wissen Sie überhaupt von mir?“, konterte Frau Rehms. „Ihre Mutter hat damals deutlich gemacht, dass Ihre Familie keinerlei Kontakt zu mir wünscht.“

Benni sog hörbar die Luft ein und stieß sie dann mit einem Seufzer wieder auf. Er hatte genau verstanden, was Monika Rehms mit ihren höflich artikulierten Worten eigentlich hatte ausdrücken wollen. „Genau das hatte ich befürchtet. Also, dass meine Mutter Ihnen damals eine derartige Szene gemacht hat. Deshalb wird sie bis zu diesem Weihnachten auch nie davon gesprochen haben. Aber es gibt Dinge, die wiegen selbst für meine Mutter schwerer als ihr Stolz, und das Leben ihres einzigen Sohnes zählt dazu…“

Henrik, der dem Wortwechsel stumm gefolgt war, dämmerte, was Benni mit den letzten Worten andeutete. Aber konnte es wirklich sein, dass Benni und er Geschwister waren? Dass er... Er traute sich nicht, diesen Gedanken bis zum Ende zu verfolgen, zu wage war dieser Eindruck, zu ungewiss, was genau kommen würde. „Snafu?“, platzte es, in Anspielung auf Bennis Aussage, dass sein Leben für die Mutter schwerer wog als ihr Stolz, aus ihm heraus, ehe Frau Rehms ansetzen konnte, Benni weiter darüber auszufragen, weshalb er auf einmal, nach all den Jahren, sich bei ihr meldete. Stattdessen zog er so selbst die Aufmerksamkeit seiner Mutter auf sich, die diesen neumodischen Fluch überhaupt nicht mochte. „Henrik! Was habe ich in Bezug auf diese Gossensprache gesagt?“

„Dass ich sie nicht verwenden soll. Entschuldige bitte“, erwiderte ihr Sohn prompt. „Aber du musst wissen, dass Benni seine Nieren mit Snafu 1 und Snafu 2 bezeichnet, weil sie sein Leben mehr als nur beeinträchtigen. Weihnachten war er deswegen auch im Krankenhaus.“

Benni nickte. „Ich leide an chronischem Nierenversagen und in den Wochen vor Weihnachten hatte sich der Zustand einmal mehr schleichend verschlechtert, was dann an Heiligabend darin mündete, dass meine Großeltern und meine Mutter darauf bestanden, dass ich mich im Uniklinikum untersuchen lasse. Ich wurde auf neue, stärkere Medikamente eingestellt, aber auch an dieser Schraube lässt sich nicht endlos drehen. Bei den Dialyse-Behandlungen bin ich schon am Limit dessen, was mir ein Leben außerhalb der Klinik erlaubt. Das heißt, wenn das nächste Mal eine Verschlechterung eintritt, werde ich das Krankenhaus wohl nicht mehr verlassen können und selbst dann ist es nur eine Frage der Zeit. Einer eher kurzen Zeit, da die Behandlungen dem Körper sehr viel abverlangen. Wenn sich also spätestens bis zu diesem Zeitpunkt kein passender Spender für mich gefunden hat…“ Benni sprach den Satz nicht zu Ende, denn auch wenn er persönlich sich damit abgefunden hatte, dass er in diesem Fall sterben würde, brachte er es nicht über sich, Dritte mit dieser Wahrheit so brachial zu konfrontieren, indem er sie ihnen wortwörtlich ins Gesicht schleuderte. „Leider kommt meine Mutter als möglicher Spender nicht in Betracht, ebenso wenig meine Großeltern. Denn vom Blutbild her bin ich zu sehr Kind meines Vaters.“ Mehr brauchte Benni nicht zu sagen, um deutlich zu machen, was ihn an diesem Tag hierher geführt hatte.

Das Gesicht von Monika Rehms spiegelte eine ganze Reihe von Emotionen wider. Mitgefühl, Trauer, Entsetzen, Wut und sogar ein wenig Furcht, auch wenn diese schnell von Empörung verdrängt wurde. Niemand kann sich wohl der Reaktion des Mitgefühls entziehen, wenn man jemandem begegnet, von dem man erfährt, dass er mehr oder weniger todgeweiht ist. Wenn dieser jemand dann auch noch eine Verbindung zur eigenen Vergangenheit hat, fällt es einem noch mal so schwer, die Distanz zu wahren. Denn Benni war Harrys Sohn, der Junge, von dem ihr der Geliebte damals auch hin und wieder erzählt hatte. Es war lediglich Harrys Tod und die drauf folgende Begegnung mit dessen Witwe, die in Monika Rehms Bitterkeit aufsteigen ließen. Harrys Sohn. Wäre es nur Harry gewesen, der in ihren Betrachtungen in diesem Moment eine Rolle spielte, hätte sie Benni wohl wie einen verlorenen Sohn willkommen geheißen und ihm versprochen, alles zu tun, damit er nicht sterben musste. Aber er war auch der Sohn von Silke Meyer, jener Frau, die sie wieder und wieder wie eine Furie angegangen hatte und gegen die Monika Rehms schließlich Anzeige wegen Belästigung und Verleumdung erstattet hatte. Noch dazu trat dieser junge Mann nach all den Jahren mit ihnen in Kontakt, weil seine Mutter hoffte, dass Monikas Sohn als möglicher Spender für ihr eigenes Kind in Frage kam. Es schmeckte für Monika nach Demütigung; danach, dass ihr Kind als eine Art Ersatzteillager betrachtet wurde, und das wiederum stimmte sie wütend. Denn welches Recht hatten die Meyers – und das schloss auch Benni mit ein – in ihr Leben zu platzen und von ihrem Sohn die Herausgabe einer Niere zu verlangen, nur damit Benni weiterleben konnte? Rein rational betrachtet, wusste Frau Rehms, dass ein gesunder Mensch wie Henrik auch mit nur einer Niere leben konnte, ohne dass sich für ihn etwas änderte. Dass eine Nierentransplantation heutzutage schon fast als Routineoperation galt, und mit dieser Spende das Leben eines anderen Menschen gerettet werden konnte. Ein Leben, das allein schon als solches ein kostbares Gut und somit erhaltenswert war. Ähnlich wie das eines jeden Menschen, für den Monika Rehms ihr Blut hinsichtlich einer ersten Typisierung für eine mögliche Knochenmarksspende hatte untersuchen lassen. Aber es ging hier um ihr Kind und um ihre eigene Vergangenheit, da konnte sie nicht rational denken. Weshalb ihr erster Impuls auch war, Benni gegenüber zu behaupten Harry Meyer sei nicht Henriks Vater gewesen, um so ihren Sohn vor den möglichen Forderungen der Meyers zu schützen. Noch aber hatte es keine Forderungen gegeben, und wenn sie ehrlich zu sich selbst war, dann war Benni von seinem ganzen Auftreten her auch nicht gekommen, irgendwelche Forderungen zu stellen, sondern lediglich in der Hoffnung auf Hoffnung. Er wollte nur wissen, ob für ihn die Hoffnung bestand, dass es vielleicht einen Spender geben mochte, unabhängig davon, wie dieser potenzielle Spender sich entschied. Und sie konnte nicht umhin, ihm Anerkennung für den Mut zu zollen, den es gekostet hatte, hier her zu kommen und mit ihr zu sprechen, trotz des berechtigten Verdachts, den er hinsichtlich des Schadens, den seine Mutter seinerzeit angerichtet hatte, hatte. Schließlich rang sie sich zu einer Antwort durch. „Ehe ich Ihnen die Auskunft gebe, um deretwillen Sie heute hierher gekommen sind, müssen Sie mir eines versprechen: Ihre Mutter wird nie erfahren, dass wir uns getroffen haben und sie wird auch nicht erfahren, ob Henrik Ihr Halbbruder ist oder nicht. Ich möchte nicht, dass diese Person sich mir oder meinem Sohn je in irgendeiner Weise nähert. Es reicht, dass ich mir einmal ihre Beschimpfungen und Herabsetzungen anhören musste, Henrik muss das nicht auch noch durchmachen.“

Benni schüttelte den Kopf. „Das kann ich nicht versprechen.“ Er hob jedoch gleich die Hand, um zu signalisieren, dass er noch nicht fertig war. „Ich kann meiner Mutter und auch meinen Großeltern nicht vorenthalten, ob ich einen Halbbruder habe oder nicht. So sehr meine Mutter Sie damals auch verletzt haben mag, Frau Rehms, ohne ihr Wissen, das sie letztlich mit mir geteilt hat, gäbe es diesen winzigen Funken Hoffnung nicht. Und wenn dieser Funke Hoffnung weiterbestehen kann, kann ich meine Mutter nicht in der Ungewissheit lassen, dass sie ihr einziges Kind vielleicht in naher Zukunft verlieren wird, ohne Hoffnung auf einen anderen Ausgang. Was ich aber versprechen kann und gerne werde, ist dass weder meine Mutter noch ihre Eltern mit Ihnen oder Henrik in irgendeiner Form Kontakt aufnehmen. Ich weiß, dass Sie mir das nur schwerlich glauben können, aber sollte meine Familie dieses von mir gegebene Wort brechen und aufgrund der Hoffnung Henrik oder Sie in irgendeiner Form gegen Ihren Willen kontaktieren oder gar unter Druck setzen, werde ich auf die Hoffnung verzichten und drauf warten, ob mir genug Zeit vergönnt ist, über die Organspendeliste rechtzeitig eine Spenderniere zu erhalten. Meine Familie wird wissen, dass sie mit meinem Leben spielt, wenn sie Sie kontaktiert.“

Monika Rehms nickte zustimmend. Bennis Ausführung war verständlich und sie konnte sie akzeptieren. Zumal seine Worte von einer Reife zeugten, die sie nur bewundern konnte. „Ja“, sagte sie deshalb schließlich, „Henrik ist Harrys Kind und somit Ihr Halbbruder. Aber ob Henrik sich als möglicher Spender testen lässt, und wenn ja, ob er, sofern er ein möglicher Spender ist, einer Spende zustimmt, ist eine Entscheidung, die nur er zu treffen hat. Denn es ist seine Niere, sein Körper und sein Leben, das den Risiken einer Operation, und seien sie noch so gering, ausgesetzt ist.“ Sie wandte sich zu ihrem Sohn, der wie versteinert auf seinem Lieblingssessel saß und drückte ihm die Hand. „Keine Sorge, Henrik, weder musst du diese Entscheidung sofort treffen, noch werde ich dich mit dieser Entscheidung allein lassen. Wann immer du darüber reden möchtest, werde ich Zeit für dich haben. Selbst wenn ich mit Birger gerade in der Oper sitze und das Handy nur auf Vibration an habe, wenn dich dann panisch die Sache beschäftigt, werde ich die Vorstellung verlassen und mit dir sprechen. Ich bin mir sicher, dass Birger dafür Verständnis hat, also mach dir deswegen keine Gedanken. Und ich bin mir sicher, dass Benni dir jede Frage zu diesem Eingriff, die du haben könntest, gerne zur Gänze beantwortet.“ Ein kurzer Blick zu Benni fand diese Aussage mit einem Nicken bestätigt.



Angst. Alles ausfüllende, alles andere verdrängende, betäubende Angst hatte von Henrik Besitz ergriffen. Unter anderen Umständen wäre er wohl vor Freude im Dreieck gesprungen bei der Erkenntnis, dass er einen Bruder hatte. Und noch besser, einen Bruder, den er bereits kannte und mit dem er sich gut verstand. Ein Bruder, der sich an den Vater erinnerte, jenen Mann, von dem seine Mutter immer nur in Bruchstücken erzählt hatte. Doch selbst diese Bruchstücke hatten sich um den Mann gedreht, den Monika Rehms als seine Geliebte gekannt hatte, nicht um den Mann, der er in der Rolle eines Vaters sein konnte. Solche Erinnerungen hatte nur Benni. Wie etwa die gemeinsamen Ausflüge zum Baumarkt, oder das gemeinsame Fußballspielen im Garten. Dinge, die Henrik selbst mit Tatjana und ihrem Vater geteilt hatte, aber der eigene Vater – das war doch etwas anderes.

Aber wie sollte er sich über die Nachricht eines Bruders freuen, wenn er im gleichen Atemzug gesagt bekam, dass er das Leben dieses Bruders in seinen Händen hielt? Denn auch wenn Benni es nicht so direkt gesagt hatte und wohl auch Henrik keinen Vorwurf machen würde, wenn dieser sich gegen eine Typisierung entschied, war jedem in diesem Wohnzimmer klar, dass Benni höchstwahrscheinlich sterben würde, wenn Henrik einer Spende nicht zustimmte. Sicher, es bestand immer noch die Möglichkeit, dass Henrik vom Blutbild wiederum zu sehr seiner Mutter ähnelte, aber wenn er sich der Typisierung verweigerte, würde Henrik erst Recht Bennis Todesurteil aussprechen. Dann wäre es, als hätte er Bennis Blut an seinen Händen kleben. Andererseits überkam Henrik bei dem Gedanken daran, eine seiner Nieren herzugeben, das Gefühl in seinem Bauch klaffe ein bowlingkugelgroßes Loch. Dabei wusste er in diesem Moment noch nicht einmal zu sagen, wie groß eine menschliche Niere war und wo genau sie in seinem Körper saß. Aber mit Sicherheit war sie nicht so groß wie der gefühlte Mondkrater zum Mittelpunkt des Erdtrabanten, den er zu fühlen glaubte. Oder vielleicht ließ sich das Gefühl auch mit einem alles verschlingenden Sandloch vergleichen, wo erst der Rand bröckelte, nur um dann die ganze Umgebung mit in den Schlund zu ziehen.

„Henrik?“ Eine Hand legte sich auf seinen Arm und ließ Henrik aus seinen Gedanken aufschrecken. Der Blick, den Benni ihm zuwarf, sagte deutlich, dass dieser schon mehrfach versucht hatte, seine Aufmerksamkeit zu erlangen. „Du wirst diese Entscheidung mit Garantie nicht heute treffen“, sagte Benni mit Nachdruck. „Ich weiß, welche Gefühle und Gedanken in dir toben. Und egal, welche Seite in diesem Moment die Oberhand gewinnen würde, die Entscheidung wäre aus der Benommenheit des Moments heraus gefällt und nicht wohl überlegt, weshalb ich sie nicht akzeptieren würde. Ich werde nicht von heute auf morgen sterben, weshalb ich frühestens, allerfrühestens in einer Woche von dir eine Entscheidung hören möchte, ob du einer Blutbildbestimmung zustimmst oder nicht.“

Henrik keuchte auf. Eine Woche sollte er sich mit dieser Entscheidung herumplagen? Eine Woche, statt so schnell wie möglich einer Entscheidung etwaige Taten folgen zu lassen?

„Benni hat Recht“, mischte sich nun auch seine Mutter ein. „Eine Woche ist sehr kurz für eine so schwerwiegende Entscheidung, auch wenn du im Moment glaubst, von dieser Sache förmlich erdrückt zu werden und dich vermutlich fragst, wie du mit diesem Druck eine ganze Woche überstehen sollst. Aber ich möchte nicht, dass du auch nur einen Moment, nachdem du diese Entscheidung gefällt hast, diese bereust. Denn auch wenn es sich für dich jetzt vielleicht so anfühlt, als wäre eine Typisierung harmlos und du könntest die eigentliche Entscheidung hinterher immer noch treffen, so einfach ist es nicht. Was, wenn du dich für die Typisierung entscheidest und das Ergebnis ist positiv. Was, wenn du dich dann verpflichtet fühlst, der Spende zuzustimmen, dich aber damit nicht wohl fühlst? Nur aus einem Pflichtgefühl heraus zu spenden ist auch nicht richtig.“

Henrik stöhnte. In ihm drehte sich alles. Wieso er? Konnte er denn nicht einfach ein ganz normaler Abiturient sein, dessen größte Probleme in den bevorstehenden Klausuren bestanden und der Tatsache, dass er mit dem Mann, in den er sich verliebt hatte, noch ein ganzes halbes Jahr nicht zusammen sein konnte? Musste es noch komplizierter werden? Wie sollte er die nächsten Wochen und Monate unter diesen Umständen überstehen, ohne verrückt zu werden? Hätte Bennis Mutter mit ihrem Wissen nicht noch ein paar Monate hinter dem Berg halten können? Vorzugsweise bis wenigstens nach den Abi-Klausuren?

Ohne sich dessen bewusst zu sein, hatte er diesen letzten inneren Dialog leise vor sich hingemurmelt und war doch laut genug gewesen, dass sowohl seine Mutter als auch Benni ihn hatten hören können. Benni konnte nicht anders als bei diesen Ausführungen ein wenig zu lachen. Er konnte den Gedankenreigen von Henrik nur zu gut nachempfinden, war es ihm damals, bei der Erstdiagnose doch ähnlich gegangen. Hätten seine Nieren sich nicht einen anderen Zeitpunkt zum Versagen aussuchen können? Hätten sie nicht noch wenigsten bis... warten können? „Nein, hätte sie nicht. Sie hätte nicht warten können. Henrik, es gibt im Leben nie einen passenderen Moment als jetzt und gleichzeitig nie einen bescheideneren Zeitpunkt. Wann immer dieses Jetzt eintritt, käme es ungelegen. Hätte meine Mutter mit dem Auffinden der Akten, die den Namen deiner Mutter enthielten, bis Ostern gewartet, hättest du die mündlichen Prüfungen noch vor dir gehabt. Und danach wäre das Studium nur noch wenige Wochen entfernt gewesen und du hättest dich viel lieber mit all deiner Energie darauf vorbereitet. Ein halbes Jahr später dann die ersten Uni-Klausuren und so weiter. Es hätte immer was gegeben, das du erst hinter dich hättest bringen wollen, ehe du für eine solche Entscheidung bereit gewesen wärst. Andererseits, wer weiß, ob du nicht rückblickend befindest, dass hier und heute der einzige Zeitpunkt war, wo du davon erfahren konntest? Was, wenn die Zukunft noch weit wichtigere Probleme bereit hält, dir noch weniger Zeit lässt? Das ist wie mit dem Wunsch vieler Menschen einen Roman zu schreiben. Eine Kundin von mir will seit Jahren jedes Jahr im November bei einer Aktion namens NaNoWriMo mitmachen und in einem Monat die Rohfassung eines Romas schreiben, aber jedes Jahr hat sie angeblich zu viel um die Ohren, um sich dreißig Tage lang hinzusetzen und jeden Tag neben dem Alltag ein gewisses Quantum Wörter zu schreiben. Aber Alltag, Familie, Freunde, Verpflichtungen wird es immer geben. Letztes Jahr hat sie diese Wahrheit dann endlich erkannt und beschlossen es wenigstens zu versuchen. Und sie hat es geschafft. Es gibt nie den perfekten Zeitpunkt, das Leben wartet nicht.“ Dann stand Benni auf. „Ich sollte gehen, damit Sie und Henrik alleine reden können, ohne das Gefühl zu haben, auf mich Rücksicht nehmen zu müssen. Es ist wichtig, dass Henrik ehrlich sein kann und auch Sie“, sagte er zu Monika Rehms gewandt. „Ich danke Ihnen auf jeden Fall, dass Sie mir die Wahrheit bezüglich Henrik gesagt haben. Und auch wenn meine Mutter es mir wahrscheinlich nicht verzeihen würde, wenn sie davon wüsste: Ich kann verstehen, dass mein Vater Ihre Gesellschaft gesucht hat.“

Frau Rehms schenkte ihm ein kleines Lächeln, machte aber keine Anstalten Benni am Gehen zu hindern. Vielmehr stand sie gleichfalls auf und geleitete den jungen Mann zur Tür. Als sie ihm zum Abschied die Hand reichte, sagte sie: „Sie sollten wissen, dass Ihr Vater nicht vor hatte, mit Henrik und mir seine erste Familie zu ersetzen. Hätte er gelebt und wäre es zur Scheidung gekommen, hätte Harry sicherlich alles daran gesetzt, das Sorgerecht für Sie zu erhalten. Denn egal wie er zu seiner Ehefrau stand, Sie hätte er in seinem Leben nicht missen möchten.“



***



Benni hatte nicht geahnt, wie viel ihm die letzten Worte von Frau Rehms bedeuten würden. Er hatte sich damit abgefunden, dass sein Vater tot war, und die meiste Zeit zog er es vor, sich nicht daran zu erinnern, dass Harry Meyer nicht der perfekte Ehemann und Vater gewesen war. Denn auch wenn er bis zu dem gerade vergangenen Weihnachtsfest nicht gewusst hatte, dass er eine mögliche Halbschwester oder einen Halbbruder hatte, hatte er gewusst, dass sein Vater seiner Mutter nicht immer treu gewesen war. Und nachdem seine Mutter die Information eines möglichen Halbgeschwisters nicht länger für sich behalten hatte, hatte sich immer wieder die Frage in Bennis Unterbewusstsein geschlichen, ob sein Vater vielleicht eine neue Familie gewollt hatte, eine Familie, in der für Benni dann kein Platz mehr gewesen wäre. Nun aber wusste er mit Gewissheit, dass die Probleme seiner Eltern wirklich nur seine Eltern betroffen hatten und nichts mit ihm zu tun gehabt hatten.



Als er nach Hause fuhr, überlegte er, ob er seiner Mutter gleich noch heute erzählen sollte, dass er tatsächlich einen Halbbruder hatte, oder ob er damit warten sollte, bis er wusste, ob Henrik einer Untersuchung zustimmte. Letztlich beschloss er, diese Entscheidung zumindest auf den nächsten Tag zu verschieben. Damit würde er die Geduld seiner Mutter nicht überstrapazieren – schließlich konnte diese ja unmöglich wissen, dass er Henrik bereits kannte – und zugleich nicht überstürzt handeln. Denn er musste sich auch überlegen, wie er seiner Mutter von dem Treffen berichten wollte und wie er vor allem sicherstellen wollte, dass seine Mutter verstand, wie ernst es Benni mit dem Versprechen war, dass er Frau Rehms gegeben hatte. Zwar schloss der Gesetzgeber eine Spende unter Druck aus, und seine Familie wusste somit sehr wohl, dass sie Henrik nicht unter Druck setzen durften, wenn er als potenzieller Spender in Betracht gezogen werden sollte, aber er wusste auch, dass Menschen – insbesondere verzweifelte Menschen, und als solche musste man seine Familie durchaus betrachten – sich nicht immer so verhielten, wie es der Gesetzgeber vorsah. Und rein menschlich betrachtet, konnte man es ihnen auch nicht verübeln. Darüber hinaus spürte Benni auch etwas Bitterkeit in sich aufsteigen, wenn er an seine Mutter dachte. Seit vier Jahren stand sein Name nun auf der Liste von Eurotransplant, aber aufgrund einer genetischen Eigenheit, die er von seinem Vater geerbt hatte, war eine mögliche Transplantation immer an der Kreuzprobe gescheitert. Gewiss, Henrik wäre vor seiner Volljährigkeit eh nicht als Spender in Frage gekommen, aber ein Zeitraum von über einem Jahr machte bei seiner Krankheit durchaus einen Unterschied. Denn je gesünder sein Körper beim Erhalt einer Spenderniere noch war, desto besser die Chancen auf anhaltenden Erfolg. Ganz abgesehen davon, dass Benni sich eigentlich sein Leben lang eine Schwester oder einen Bruder gewünscht hatte, egal ob diese als mögliche Spender in Betracht kamen oder nicht. Selbst wenn Benni gesund gewesen wäre und nie auf eine Organspende angewiesen gewesen wäre, hätte er gern früher von der Existenz eines Geschwisters gewusst. Doch der Stolz und Egoismus seiner Mutter hatten ihm dies vorenthalten und das stimmte ihn wütend. Umso mehr war er entschlossen, egal wie Henriks Entscheidung ausfallen würde, seinen Bruder jetzt als solchen kennenzulernen.



Wie schnell er dazu Gelegenheit haben würde, überraschte selbst ihn. Benni war gerade mal eine Stunde zu Hause, als es an der Tür Sturm klingelte. Es war Carsten, der auf das Klingeln antwortete, und obgleich Benni von seinem Platz im Wohnzimmer sehen konnte, wie sich Carstens Gesicht für einen Moment aufhellte, als er an der Gegensprechanlage Henriks Stimme hörte, versetzten Carstens Worte allen Zuhörenden einen Dämpfer. „Henrik. Was willst du denn hier?“ Unfreundlicher konnte ein Empfang kaum klingen. „Hältst du es für klug…“ Weiter kam Carsten nicht, denn Benni unterbrach ihn aus dem Hintergrund. „Lass ihn doch erst einmal rauf kommen. Wenn er die ganze Zeit draußen auf der Straße vor unserem Haus steht, ist das auch nicht gerade unauffällig, Mr. Paranoid!“

Prompt betätigte Carsten den Türöffner und als Henrik gleich darauf die nun geöffnete Wohnungstür erreichte, bekam Carsten auch noch ein „Spinner!“ an den Kopf geworfen, gefolgt von der Frage: „Ist Benni da?“

„Benni?“ Irritiert sah Carsten Henrik an.

„Tja, wie es aussieht, hat Henrik endlich seinen Geschmacksirrtum erkannt und sich etwas Besserem zugewandt: Mir!“, tönte es grinsend aus dem Wohnzimmer.

„Was…? Wie…?“

Benni, der sich mittlerweile dann doch mal von seinem gemütlichen Platz auf dem Sofa in die Senkrechte bequemt hatte, kam lachend in den Flur. Zu Henrik gewandt sagte er: „Mach dir nichts draus, er ist heute etwas egoistisch und überängstlich drauf.“ Dann wanderte sein Blick zu Carsten. Er hatte längst durchschaut, in welche Richtung und zu welchem Verhalten sein Mitbewohner gerade tendierte – Wegschieben mit dem Feingefühl eines Schneeräumfahrzeuges! „Herr Gessler, es mag sich bei Schiller viel um Sie drehen, aber das heißt noch nicht, dass sich alles auf dieser Welt um Sie dreht. In diesem Fall ist es nämlich nicht Henrik Rehms, dein zukünftiger Vielleichtfreund, den du momentan krampfhaft auf Abstand zu halten versuchst, der uns besucht, sondern Henrik Rehms, mein Halbbruder.“ Und während Carsten seine beste Fischimitation zum Besten gab, zog Benni den ebenfalls etwas perplex dreinblickenden Henrik mit sich ins Wohnzimmer.

Wieder beim Sofa angekommen, sagte er: „Ich nehme einfach mal an, dass du als mein Bruder hierher gekommen bist und deine Frage, ob ich da wäre, nicht darauf zielte, herauszufinden, ob die Luft für unsittliche Sachen frei ist…“

Henrik nickte nur und ließ sich neben Benni auf das Sofa fallen. Dennoch konnte er ein leichtes Lächeln nicht ganz unterdrücken. Dieser Benni hier, das war schon viel mehr jener Benni, den er kennen und schätzen gelernt hatte. Der unverbesserliche Partykönig, der sich einfach weigerte aufzugeben, egal was das Leben ihm servierte. Mit diesem Benni zu sprechen, fiel Henrik wesentlich leichter als mit dem ernsten Benni, den er früher am Tag bei seiner Mutter kennengelernt hatte. Denn auch wenn er sich sicher war, dass dieser in beiden Situationen Ehrlichkeit an den Tag gelegt hatte, wirkte er in seinen eigenen vier Wänden viel offener. Was wiederum für Henrik hieß, dass auch er offen sein konnte.

„Sag mal, überfällst du eigentlich alle deine Halbgeschwister gleich an dem Tag, wo du dich als Bruder outest, mit der Bitte, dir doch eines ihrer Organe zu überlassen?“, fragte er jetzt deshalb rundheraus.

„Wie wärest du an meiner Stelle vorgegangen?“, konterte Benni. „Hätte ich mich nur als dein Bruder vorgestellt, wäre früher oder später Misstrauen aufgekommen in der Hinsicht, dass ich erst eine familiäre Basis schaffen wollte, ehe ich mit der Spendenmöglichkeit herausrücke, um mich erst mal Liebkind zu machen und dann die ganze Mitleidsmasche vom Stapel zu lassen. Außerdem wusstest du bereits von meinem Nierenleiden, es nicht zu erwähnen wäre also deiner Mutter gegenüber nicht fair gewesen. Du hättest eh die Schlussfolgerung gezogen, dass du als möglicher Spender in Frage kämest und deine Mutter sollte wissen, was dich in diesem Fall beschäftigt. Aber Henrik, auch wenn du dich dafür entscheidest, dass dir die Risiken zu hoch sind und du dich auch lieber nicht auf eine Gewebeverträglichkeit hin untersuchen lassen möchtest, oder auch wenn die Ergebnisse negativ sind, wenn du dich für die Untersuchung entscheiden solltest, heißt das nicht, dass ich mich nicht freue, endlich einen Bruder zu haben. Und dass ich reichlich sauer auf meine Mutter bin, dass sie mir dieses Wissen so lange vorenthalten hat. Ich wollte immer einen Bruder oder eine Schwester haben.“ Benni holte kurz Luft, dann fuhr er fort: „Henrik, hör mir zu, ich kann gut verstehen, wenn alles in dir momentan danach schreit, dich zu verkriechen und unauffindbar zu sein, damit du diese Entscheidung nicht treffen musst. Ich kann es auch verstehen, wenn du sagst, dir sind die Risiken zu hoch. Denn sie bestehen. Das kann ich nicht bestreiten. Und wie jede Operation wäre die Spende mit postoperativen Schmerzen und Infektionsrisiko behaftet, von den Risiken der Narkose ganz zu schweigen. Wir reden hier nicht von einer simplen Blutspende. Ich weiß selbst nicht, wie ich mich verhalten würde, wenn die Situation umgekehrt wäre. Wer weiß, wozu du in deinem Leben deine zweite Niere noch brauchen könntest…?“ Benni hielt wenig davon, in seiner Situation irgendetwas zu beschönigen. Und er wusste auch, dass Henrik die Wahrheit hören musste. Denn mit einer weichgespülten Darstellung würde dieser keine fundierte Entscheidung fällen können, die er hinterher nicht bereute.

„Ich will das nicht. Ich will das alles nicht! Hörst du? Ich will diese Entscheidung nicht treffen müssen!”, brach es in diesem Moment endlich aus Henrik heraus. „Ich will das nicht.“ Wieder und wieder sagte er diese Worte, erst wütend und laut, dann immer leiser und schließlich kaum mehr hörbar, wurde doch sein Körper zu sehr von dem bislang unterdrückten Schluchzen geschüttelt.

Benni war erleichtert, als Henrik diesen Gefühlen endlich freien Lauf ließ. Denn der Kern der Sache war, dass diese Entscheidung nicht rational gefällt werden konnte. Diese Entscheidung würde überwiegend emotional gefällt und wer sich hier seine Angst nicht eingestand, würde schon bei der ersten Vorbesprechung mit den Ärzten als Spender nicht zugelassen. Außerdem würde es Henrik auffressen, ähnlich wie es Benni die erste Zeit nach der Diagnose aufgefressen hatte, als er sich nicht getraut hatte mit jemandem über seine Angst, wegen dieser Krankheit sterben zu müssen, zu reden. Dennoch fühlte sich Benni unwohl mit Henriks Verzweiflung, unschlüssig, wie er seinen Halbbruder beruhigen konnte. Schließlich beschloss er, dass er nicht der Richtige hierfür wäre, war aber nicht um einen Ersatz verlegen. Wozu hatte man schließlich einen Mitbewohner. Noch dazu einen Mitbewohner, der Henrik mehr als nur nahe stand. Carsten hatte sich zwar nach der anfänglichen Begrüßen eher beleidigt in sein Zimmer zurückgezogen, statt wenigstens neugierig zu lauschen, aber das hinderte Benni nicht daran, diesen jetzt aus seinem Zimmer ins Wohnzimmer zu schleifen, damit er sich um Henrik kümmerte.

Tatsächlich hatte der Anblick des Häufchen Elends, als welches Henrik auf dem Sofa saß, den gewünschten Effekt und Benni brauchte Carsten erst gar nicht auffordern, Henrik zu helfen. Stattdessen stand es ihm frei, in der Küche etwas zu Trinken und auch zu Essen zu besorgen, denn er ahnte, dass dies ein langer Abend mit vielen ernsten Worten werden würde, und er wollte nicht ständig eine Unterbrechung in Kauf nehmen müssen, nur weil hier der Magen knurrte und dort die Kehle trocken wurde.

Carsten hatte sich zunächst stumm neben Henrik auf das Sofa gesetzt, doch als dieser nicht reagierte, ihn nicht wahrzunehmen schien, zog er den jungen Mann einfach an sich und hielt ihn beruhigend umschlungen. Wieder und wieder strich er ihm über den Rücken, flüsterte ihm Beruhigungen ins Ohr. Dabei verdrängte er bewusst jeglichen Gedanken daran, wie gut es war, Henrik so nahe zu spüren, so nah wie er ihn zuletzt an Weihnachten bei sich gehabt hatte. Es war keine vierzehn Tage her und doch kam es Carsten wie eine Ewigkeit vor. Wie sollten sie unter diesen Umständen nur all die Wochen und Monate bis zu Henriks Abschluss überstehen? Doch das war jetzt nicht der rechte Augenblick darüber nachzudenken.

Tatsächlich trug Carstens Nähe dazu bei, dass Henrik sich langsam beruhigte. Dennoch, auch nachdem das Schluchzen stockend versiegt war, machte Henrik keinerlei Anstalten sich von Carstens Pullover zu lösen, in den er sich vergraben hatte. „Ich will das nicht“, wiederholte er noch einmal geflüstert, so leise, dass Carsten ihn kaum verstehen konnte.

„Was willst du nicht?“

„Mich entscheiden müssen, ob ich Benni eine meiner Nieren spende oder nicht“, fasste Henrik zum ersten Mal an diesem Tag seinen Unmut in klare Worte, ein deutliches Zeichen dafür, wie sehr Carstens Gegenwart ihn beruhigt hatte.

Dieser konnte sich ein kleines Lächeln nicht verkneifen. „Wirst du auch nicht. Zumindest nicht sofort…“

„Eine Woche… Benni hat auch gesagt, dass er nicht vor Ablauf einer Woche irgendeine Entscheidung von mir hören will“, murmelte Henrik, noch immer mehr an Carstens Pulli gewandt denn an den Mann, der diesen trug.

„Benni wird sich noch weit länger gedulden müssen“, versicherte Carsten, sich an all das erinnernd, was er seinerzeit über Lebendspende in Erfahrung gebracht hatte, als er sich mit dem Gedanken getragen hatte, sich eventuell als Spender testen zu lassen.

„Wieso?“ Nun tauchte Henrik doch aus seinem textilen Versteck auf und sah Carsten fragend an. Wieso sollte sich dieser Prozess der Entscheidungsfindung noch länger hinziehen? Zwar war er sich in diesem Moment sicher, nicht mehr augenblicklich eine Entscheidung treffen zu wollen, aber es ewig vor sich hinzuschieben, erschien ihm auch nicht verlockend.

„Weil die Ethikkommission dich im Moment sofort als Spender ablehnen würde.“

„Ethikkommission? Und wieso würden die mich so ohne weiteres ablehnen?“ Henrik war nun vollkommen verwirrt.

„Hat Benni dir das nicht erklärt?“ Carsten unterbrach sich selbst mit einem Kopfschütteln. Offenbar hatte sein Mitbewohner und Freund im Eifer des Gefechts eine der größten Hürden übersehen. „Es ist so: In Deutschland muss jede potenzielle Lebendspende von einer Ethikkommission beurteilt und gutgeheißen werden, ehe es zur Spende kommen kann. In erster Linie soll damit ausgeschlossen werden, dass die Spende unter Zwang erfolgt. Aber, und daran würde es momentan bei dir und Benni scheitern, in Deutschland ist darüber hinaus eine Lebendspende nur möglich, wenn eine starke emotionale Bindung zwischen Spender und Empfänger besteht. Zwar geht man bei nahen Verwandten, Eltern, Ehepartnern aber auch Geschwistern oder auch sehr engen Freunden, Verlobten und ähnlichem, von einer entsprechend tiefen Bindung aus, aber bis heute wusstet ihr beiden nicht, dass ihr Brüder seid. Überhaupt kennst du Benni noch kein halbes Jahr und selbst dann kennst du ihn in erster Linie als meinen Mitbewohner. Keine Ethikkommission würde in diesem Fall die starke emotionale Verbindung als gegeben ansehen. Und in diesem Fall überwiegt der Schutz deines gesunden Lebens. Für gewöhnlich ist es bei einer Lebendspende so, dass auch die Lebensqualität des Spenders unter der Krankheit des Empfängers gelitten hat, oder leiden würde. Weshalb beide Parteien von einer erfolgreichen Spende profitieren würden. Aber seien wir ehrlich: Deine Lebensqualität war bis heute höchstens peripher von Bennis Krankheit betroffen.“

„Aber sie wird zukünftig davon betroffen sein“, widersprach Henrik. „Was, wenn Benni stirbt, nur weil ich nicht als Spender zugelassen werde? Wenn ich also gar nicht erst die Möglichkeit habe, eine Beziehung zu meinem Bruder aufzubauen? Denkt diese Kommission auch daran?“

„Henrik, genauso gut ist es möglich, dass Benni morgen auf dem Weg zum Supermarkt von einem betrunkenen Autofahrer überfahren wird und stirbt. Gewiss, es ist ein Risiko, aber jeder Mensch kann an einem jeden Tag sterben. Selbst wenn eine Transplantation geplant wird, könnte es immer noch sein, dass er vor der geplanten Operation bei einem Unfall oder so stirbt. Deshalb kann die Kommission darauf keine Rücksicht nehmen. Genauso hätte es sein können, dass ihr nie erfahren hättet, dass ihr Brüder seid, wenn es über 19 Jahre hinweg geheim gehalten wurde. Mach dir also erst einmal keine Gedanken über diese Entscheidung, sondern lerne Benni stattdessen erst mal als deinen Bruder kennen und wenn du dann, in ein paar Monaten, zu dem Schluss kommst, dass du dich als möglicher Spender untersuchen lassen möchtest, ist das immer noch früh genug.“

Die Erleichterung, die Henrik plötzlich bei diesen Ausführungen, die ihm die Entscheidung aus den Händen nahm, empfand, war bei allen Anwesenden deutlich zu spüren.