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Ein Jahr - Teil 2 - 04 - 06

Der Januar und Carstens Geburtstag vergingen und man merkte dem ganzen Abijahrgang des Friedrich-Schiller-Gymnasiums an, dass die entscheidenden Klausuren nicht mehr allzu weit entfernt waren. Überall wurden Probleme diskutiert, die beim heimischen Wiederholen aufgetreten waren und von denen man seinerzeit im Unterricht geglaubt hatte, sich drum herum manövrieren zu können, nun aber nicht riskieren wollte, ausgerechnet wegen diesem Punkt durch die Prüfung zu fallen. Auch die Lehrer bekamen diesen üblichen saisonbedingten Lerneifer zu spüren, wenn bislang eher unauffällige Schüler nach der Stunde dann doch noch Diskussionsbedarf anmeldeten. Umso mehr wurde die kurze Verschnaufpause geschätzt, die sich Mitte des Monats in Form einer vierzehn Tage später stattfindenden Abiparty ankündigte. Dieses Mal würde es eine Poolparty unter der Oberhoheit des Sport-LKs und des Kunst-LKs sein.

Statt ein generelles Party-Komitee zu bestimmen, das für alle Abipartys zuständig war, hatte der Jahrgang beschlossen, dass immer zwei Leistungskurse sich für die Organisation einer Party zusammentun sollten. Auf diese Weise würde es zum einen mehr Partys und folglich mehr Geld in der Abikasse geben und zum anderen würde es ganz unterschiedliche Partys geben, zumal natürlich jede Gruppe die Party der vorigen Gruppe übertreffen wollte. Diese Party nun würde im nahegelegenen Hallenbad als Poolparty stattfinden, mit bunten, alkoholfreien Drinks (niemand wollte riskieren, dass einer der Gäste im betrunkenen Zustand im Schwimmbecken ertrank), aufblasbaren Palmen und karibischer Gute-Laune-Musik. Da mit der Aufsicht über das Schwimmbecken die Hauptlast dieser Party auf den Schultern der Sportleistungskursschüler liegen würde, übernahm der Kunstkurs die Dekoration, den Ausschank und als zusätzliches Highlight die Tattoo-Schminkstation. Mit wasserfester Theaterschminke würden die begabtesten unter ihnen anbieten, den Mitschülern als ‚Urlaubserinnerung’ an diesen Kurzurlaub ein entsprechendes Motiv auf die Haut zu pinseln. Von den üblichen kitschigen Delphinen und Rosen bis hin zu keltischen Drachen und Knoten. Gegen einen entsprechenden Obolus für die Abi-Kasse, natürlich.

Henrik freute sich schon riesig auf die Party. Zwar würde er den halben Abend hinter der Theke stehen und verschiedenfarbige Fruchtsäfte zu aufregenden Kreationen mixen, aber ein wenig Sommerfeeling im tristen deutschen Winter kam ihm mehr als gelegen. Und Thekendienst war immer noch besser als den Türsteher mimen zu müssen.

Anfang des Schuljahres hatte es noch einige Stimmen gegeben, die der Ansicht waren, dass es ja wohl genug Kampfsportler unter ihnen gab, dass sie selbst für die Ordnung auf ihren Partys sorgen könnten. Aber Henrik und seine Klassenkameraden, die zu dieser Gruppe der Kampfsportler gehörten, hatten sich durchgesetzt. Denn schließlich wussten sie, dass gerade im angetrunkenen Zustand ihre eigenen Schulkameraden sich nichts von ihnen sagen lassen würden und dies dann noch wochenlang nach der Party böses Blut geben konnte. Außerdem, auch wenn es hart klang, war es besser, ein Profi hatte am Ende eventuell das Messer eines durchgeknallten, abgewiesenen, volltrunkenen Partygastes im Bauch als einer von ihnen. Denn Profis wussten, worauf sie sich einließen, sie wussten, wie sie mit der Bedrohung durch Waffen umzugehen hatten und sie wussten, wie sie sich im Verletzungsfall verhalten mussten. Alles Dinge, die ihnen als Hobbysportlern fehlten. Sie hatten keine Zentrale, der sie den Vorfall melden konnten, die dann den Papierkrieg, Nachschub und Sicherheitsverwahrung des Angreifers übernahm. Gerade der Punkt der Gefahr hatte die Klassenkameraden überzeugt, lieber auf etwas Gewinn zu verzichten, dafür aber den Ruf der besten Abi-Partys der Stadt zu haben. Und mit der Pool-Party waren sich Sport- und Kunst-LK sicher, die beste Party des Jahres zu geben.



Leider war es nie so leicht, wie man sich die Dinge vorstellte und während bei der letzten Party vom Bio- und Chemie-LK die Bierzapfanlage nach zehn Minuten den Geist aufgegeben hatte und ein Ersatz nicht zu kriegen war, war es bei der Poolparty der DJ, der ausfiel. Ähnlich, wie man sich für Profis in Punkto Sicherheit entschieden hatte, hatte man auch beschlossen, nicht bloß einfach stumpf Musik von CDs abzuspielen, sondern jemanden zu engagieren, der entsprechend der Stimmung passende Musik auswählte und die Menge ein wenig anheizte. Aber niemand hatte damit gerechnet, dass der betreffende DJ beim Einladen seines Equipments ins Auto auf der Treppe ausrutschen und sich das Bein brechen würde.

„Shit!“ Thorsten, der besagten Absage-Anruf entgegen genommen hatte, sah die ganze Party zu einem einzigen Trauerspiel verkommen. Der Rest des Organisationsteams, die das Schmücken der Schwimmhalle und den Aufbau der Theke für den Moment hatten ruhen lassen, sahen ihren Klassenkameraden fragend an. Rasch hatte Thorsten das Dilemma erklärt.

„Dann also CDs?“, fragte Sirka, die ebenfalls etwas mutlos klang. Aber eine Party ohne Musik wäre schon schlimmer als eine Party mit schlechter Musik.

„Keiner von uns hört regelmäßig Reggae oder andere karibische Klänge, um genug CDs zu haben, die den ganzen Abend füllen könnten. Wenn, dann haben wir auf Mix-CDs ein oder zwei Stücke und bestimmt haben wir alle die gleichen Stücke“, wandte Tina ein.

Henrik, der dem Wortwechsel bislang stumm zugehört hatte, zögerte noch einen Moment, dann sagte er: „Ich weiß zwar nicht, ob er auch Reggae und Co. in seiner Sammlung hat, aber ich könnte meinen Bruder fragen, ob er uns aushilft.“

„Bruder?“ Diese Aussage rief fast noch mehr Irritation unter seinen Klassenkameraden hervor als die Absage des DJs.

„Sh, erklär ich später“, winkte Henrik unwirsch ab, der bereits das Handy heraus gezogen hatte. „Benni? Ich bin’s, Henrik... Display? Ach so, fehlt nur noch, dass du mir auch einen eigenen Klingelton zuweist... Nein! Alles nur das nicht!... Puh, ein Glück. Lieber Jingle Bells als Wildecker Herzbuben... Wie? Ach ja, es geht um folgendes: Wir haben heute unsere Poolparty und unser DJ hat uns mit gebrochenem Bein hängen lassen. Da wollte ich fragen, ob du vielleicht in deiner unendlichen Sammlung genug Karibikklänge hättest, um uns auszuhelfen...“ Es folgte Stille, die Henrik seinen neugierig lauschenden Klassenkameraden als ‚er schaut grade nach’ signalisierte. Gleich darauf war er wieder mit Benni im Gespräch. „Hast du? Super... Mhm... Hm... Also, die Krone geht klar, alles andere muss ich leider erst noch diskutieren. Gibst du mir fünf Minuten Zeit? Ich persönlich hätte damit keine Probleme, aber ich entscheide das leider nicht allein... Okay, bis gleich.“ Das Handy ausschaltend, wandte Henrik sich an seine Freunde. „Die gute Nachricht: Benni hat mehr als genug Musik parat. Er wäre auch bereit mit seiner Technik zu kommen und für ein bunt gemischtes Musikprogramm zu sorgen. Er würde zwar nicht wie ein Profi reißerische Sprüche durch die Halle rufen, aber als Partykönig hat er einen gewissen Ruf zu verlieren und den wird er nicht so schnell aufs Spiel setzen. Musikalisch mach ich mir also keine Sorgen. Aber er hat drei Bedingungen genannt, wovon die eine kein Thema ist. Auf jeder Party trägt er irgendeine Krone, um als Partykönig erkennbar zu sein. Hat bei seinen Partys zu Hause den Vorteil, dass man den Gastgeber nicht lange suchen muss und hätte hier den Vorteil, dass man den DJ sofort erkennt. Insofern eigentlich nicht der Rede wert. Das nächste ist, dass er eigentlich für heute Abend selbst eine Party geplant hatte, aber wenn wir bereit wären 25 Leuten einer Gästeliste, die er mitbringen würde, freien Eintritt zu gewähren, würde er für uns die Musik kostenlos auflegen.“

Thorsten, der bei der Organisation der Party auch die Finanzen im Auge behielt, rechnete kurz in seinem Handy aus, wie viel sie das kosten würde. „Nur Eintritt, keine Getränke?“, wollte er sicher gehen.

Henrik nickte. „Benni lässt normalerweise auf seinen Partys irgendwann einen Hut herumgehen, damit sich all seine Gäste an den Getränkekosten beteiligen können. Er legt zwar meist noch was drauf, aber seine Freunde sind gewöhnt, dass sie was zur Party beisteuern müssen. Wenn sie den Eintritt zu unserer Poolparty geschenkt kriegen, werden sie wegen der Getränke keine Probleme machen.“

„Dann spricht nichts dagegen“, verkündete Thorsten nach ein paar weiteren Tippaktionen. „Käme uns auch nicht teurer als der DJ.“

„Die dritte Bedingung ist, dass sein Mitbewohner auf der Liste stehen wird und nicht abgewiesen werden darf, weil er gleichzeitig sein Fahrer für den Abend sein wird. Benni leidet an Nierenversagen und seine neuen Medikamente haben leider bei ihm die Nachtsicht getrübt, so dass er bei Dunkelheit nur noch im Notfall fahren würde.“

„Wir hatten doch gesagt, dass wir die 25 Namen auf der Liste einlassen würden.“ Die anderen verstanden nicht Recht, weshalb das eine gesonderte Bedingung darstellen sollte.

„Ja, aber ihr wisst nicht, dass Herr Gessler, unser Herr Gessler, sein Mitbewohner ist“, erwiderte Henrik.

Das löste wie erwartet eine hitzige Diskussion aus. Ein Lehrer auf ihrer Abi-Party? Selbst wenn es ein junger und zugegeben cooler Lehrer wie der Gessler war, blieb ein Lehrer immer noch ein Lehrer. Eine Aufsichtsperson. Jemand, in dessen Gegenwart man sich nicht gänzlich gehen lassen konnte. Noch dazu war Gessler neu an der Schule, man hatte ihn nicht auf einer Kursfahrt testen können, wie er sich beim Feiern verhielt.

Es war Thorsten, noch immer das Handy mit der Taschenrechnerfunktion aktiv in der Hand haltend, der sich daran erinnerte, dass Henrik am Telefon gesagt habe, er persönlich hätte keine Probleme mit Bennis Bedingungen. „Henrik, was weißt du über Gessler in Bezug auf Partys, dass du keine Probleme mit seiner Anwesenheit hättest?“

„Ah, Sherlock Thorsten.“ Henrik grinste, hatte er doch schon damit gerechnet, dass diesem auffallen würde, dass er sich bewusst aus der Diskussion heraushielt. Dennoch musste er für einen Moment seine Gedanken so sortieren, dass die Wahrheit Wahrheit blieb, ohne seinen Klassenkameraden zu verraten, weshalb er in Wirklichkeit keine Probleme damit hätte, Carsten auf der Party zu sehen. „Ich war schon auf ein paar von Bennis Partys und Herr Gessler war auch da. Wobei eigentlich nicht Herr Gessler, unserer Lehrer, da war, sondern Carsten, Bennis Mitbewohner. Und besagter Mitbewohner Carsten ist jemand, mit dem man locker ein Bier trinken kann, ohne dass man fürchten muss, sich am nächsten Schultag eine Predigt über übermäßigen Alkoholkonsum anhören zu müssen. Ein Partylöwe ist er zwar nicht, zumindest aus Tanzen scheint er sich wenig zu machen, aber er ist auch kein Steinklotz, der anderen mit seiner Laune die Party verdirbt. Schlimmstenfalls würde er sich mit einem bunten Cocktail hier in eine Ecke verkrümeln und hoffen, dass ihn niemand ins Wasser wirft, weil er dann befürchten müsste, dass all die ihn anhimmelnden Schülerinnen ihn beim Versuch ihn zu retten, eher ertränken würden.“ Oh ja, Henrik konnte es sich genau vorstellen, wie Carsten versuchte, jedes Aufsehen zu vermeiden und in Bermudashorts und Hawaiihemd schlimmster Güte und mit Sicherheit aus Bennis Partyfundus stammend, hier aufkreuzte, nur um von ein paar Spaßvögeln ins Wasser geworfen zu werden. Mit dem Erfolg, dass auch das scheußlichste Hawaii-Hemd an seinem Oberkörper klebte und somit der Traum aller Mädchen wahr würde. Ein Gedanke, bei dem Henrik ganz schnell an so etwas unattraktives wie angebrannten Salzteig denken musste, um zu verhindern, dass er errötete, war doch so ein Anblick nicht nur Traum aller Mädchen...

Thorsten und die übrigen Jungs grinsten breit, während die Mädchen empört drein blickten. Natürlich würden sie Gessler nicht ertränken. Und sie würden sich auch nicht wie kreischende Mittelstufenschülerinnen blamieren, indem sie ihn zu retten versuchten. Das durften bitte schön diejenigen übernehmen, die als Bademeister für einen Abend fungierten. Allerdings würden sie dann bereitwillig an der Treppe mit Handtüchern auf ihn warten... oder so ähnlich.

„Wenn ich das richtig verstehe, wäre es also nicht Gessler, sondern jemand namens Carsten, der auf der Gästeliste steht. Und dieser Carsten würde sich hübsch brav zurückhalten und die Musik genießen, solange ihn keine Horde sabbernder Zombies verfolgt?“, fasste Kai zusammen.

Henrik nickte.

„Ich denke, damit ließe sich leben“, beschied Sirka. „Lasst uns am besten einfach abstimmen und dann sehen wir, wo wir stehen.“

Die Abstimmung war zwar nicht einstimmig, aber es gab immerhin auch keine Gegenstimmen, lediglich ein paar vereinzelte Enthaltungen. Womit geklärt wäre, dass Carsten kommen konnte, aber nur als Carsten, nicht als Herr Gessler. Was Henrik Benni prompt auch am Telefon klar machte.

„So, sie brauchen etwa eine dreiviertel Stunde den Kram ins Auto zu bringen und her zu kommen. Aber sie kommen.“ Zufrieden steckte Henrik sein Handy in den Gefrierbeutel, den er zwecks Wasserschutz heute dabei hatte.

„Fein. Und stell dich gleich mal darauf ein, gegebenenfalls für diesen Carsten den Babysitter zu spielen. Nur, um sicher zu gehen, dass der nicht plötzlich zu Herrn Gessler mutiert. Da du in keinem seiner Kurse bist, dürftest du wohl am sichersten sein“, beschied Thorsten und die Truppen verteilten sich wieder in der Schwimmhalle, um mit den Vorbereitungen fertig zu werden.

Henrik starrte den anderen noch für einen Moment perplex hinterher, ehe er sich, in einer klassischen Übersprungshandlung, daran machte Schwimmtiere als Dekoration für das Schwimmbecken aufzublasen. Babysitter? Er sollte für den Abend Carstens Babysitter sein? Na, das konnte heiter werden. Wie bitte sollte er das anstellen, ohne sich zu verraten? Carsten und er schafften es zwar mittlerweile sich in der Schule weitestgehend aus dem Weg zu gehen, aber wenn Henrik – eigentlich in der festen Absicht, Benni zu besuchen und seinen Bruder etwas besser kennen zu lernen – bei Carsten zu Hause aufschlug, konnten sie kaum von einander lassen. Zwar war es bislang immer nur bei heißen Küssen und definitivem Anbehalten aller Kleider geblieben – einschließlich geschlossener Knöpfe und Reißverschlüsse –, aber sie waren mehr als nur einmal von einem schallend lachenden Benni im Wohnzimmer überrascht worden. Sicher, er hatte die Abende auch genutzt, um Benni besser kennen zu lernen, aber Carsten hatte er eben auch besser kennen gelernt. Bitte, Carsten, dachte Henrik voller Inbrunst, zieh das absolut hässlichste Hawaii-Hemd an, das Bennis Kleiderschrank zu bieten hat. Für eine entsprechende SMS war es nämlich leider schon zu spät, das wusste Henrik.



Benni und Carsten erschienen und natürlich trug Carsten kein Hawaii-Hemd. Tina hatte ihm rasch noch eine Kunstblumengirlande umgehängt, die ihm wenigstens ein wenig den Anschein gaben, zur Dekoration zu gehören, aber natürlich wanderte Henriks Blick immer wieder zu der Ecke, in die Carsten sich verkrümelt hatte, nachdem Benni ihm geraten hatte, sich dringend von seiner Technik fernzuhalten und Sirka ihm erklärt hatte, dass die Cocktailbar noch nicht eröffnet sei. Eine Stunde, sechzig endlose Minuten, in denen Henrik jedes Schwimmtier am liebsten dreimal aufgeblasen hätte, nur um sich von Carsten abzulenken. Sechzig winzig kurze Minuten der Schonfrist, ehe Thorsten alle Anwesenden auf ihre Plätze scheuchte. Was hieß, dass Henrik sich hinter der Theke einfinden musste und Thorsten nichts besseres zu tun hatte, als Carsten auf den Hocker am äußeren Ende zu platzieren, ehe er selbst sich zu Sirka an die Kasse gesellte und die Party freigab.

„Was war das denn eben für eine Aktion?“ Amüsiert blickte Carsten Thorsten hinterher, während Henrik sich am liebsten den Kopf an der Thekenplatte blutig geschlagen hätte.

„Frag lieber nicht“, grummelte er und hoffte, seine Jahrgangskameraden würden sich mit dem Umkleiden beeilen, oder das Umkleiden auf später verschieben und erst einmal sich etwas zu Trinken holen. Dann wäre er wenigstens beschäftigt... Er hätte sich denken können, dass weder das eine noch das andere eintrat. Weder beeilte sich die Partymeute noch fragte Carsten nicht weiter nach.

„Stell dich auf einen Abend purer Folter ein“, murmelte Henrik schließlich leise und blickte zu Tina hinüber, die mit ihm Thekendienst hatte und gerade dabei war, die Eiswürfel mit der Metallschippe zu lockern, was zum Glück herrlich viel Krach machte. „Ich bin als dein Babysitter abkommandiert worden, um zu verhindern, dass du plötzlich zum Lehrer mutierst. Und damit ich auch ja ein Auge auf dich werfen kann, hat Thorsten wohl beschlossen, dass du dich hübsch brav hier an der Cocktailausgabe aufhalten sollst...“

„Fies!“, konnte Carsten diese Ausführungen nur bestätigen. „Aber sehen wir es positiv: Wenn sie dich zum Babysitter abkommandieren, haben sie immerhin noch nichts von uns beiden mitbekommen.“



Leider hatten die beiden die Rechnung ohne Lukas gemacht. Es war etwa eine Stunde nachdem die Party offiziell begonnen hatte, dass jener seinen großen Auftritt hinlegte. Zumindest schien das wohl seine Absicht gewesen zu sein, aber seltsamerweise zollte ihm kaum einer Aufmerksamkeit. Henrik selbst war zu beschäftigt damit, bunte Drinks zu mixen, Carsten hatte sich für den Moment zu Benni gesellt, um diesen zu fragen, ob er auch was trinken wollte und überhaupt war der Jahrgang weit mehr von der Tatsache beeindruckt, dass der Sport-LK und der Kunst-LK es geschafft hatten, sogar richtige Erwachsene (also solche, die sogar zum Teil schon mit dem Studium fertig waren) zum Feiern für ihre Party zu gewinnen, als von einem Klassenkameraden in Angeberbadehose. Denn obgleich Lukas keinesfalls zu dick für die engsitzende Schwimmradler war, fehlten ihm die Muskeln in den Beinen und auch das markante Schwimmerkreuz für den Profisportler-Look auf den er offensichtlich abzielte. Dergestalt missachtet – noch nicht einmal seine Klassenkameraden aus den Leistungskursen schienen ihn lange genug zu bemerken, um ihm ein begrüßendes Kopfnicken zukommen zu lassen – fiel er spontan in alte Verhaltensmuster zurück. Dabei hatte er sich nach dem Kursfahrtdebakel ernsthaft am Riemen gerissen, seine Abneigung gegenüber Henrik vor den meisten verborgen und es so zumindest geschafft eine annähernde Akzeptanz bei seinen Klassenkameraden zu erreichen. Jetzt, auf der Poolparty, und eingedenk früherer Flirt-Erfolge, die er im Schwimmbad gehabt hatte, hatte er eigentlich noch einmal groß durchstarten wollen. Wasser war sein Element, er machte eine gute Figur in der Badehose, und nun das hier... null Beachtung. Und auch wenn es zwar vielleicht keine wissenschaftlich-mathematische Formel war, konnte man Lukas in so einer Situation in etwa so definieren:

Null Beachtung = (Frustration x Rachebedürfnis)²

Folgte man weiter den nicht minder mathematischen Gesetzmäßigkeiten der Gewohnheit, gelangte man zu dem Schluss, dass ein waidwunder Lukas seine Rache bei Henrik suchen würde.

Der erste Gedanke war gewesen, den verhassten Hurensohn, der allein schon aufgrund seiner gesellschaftlichen Stellung gar nicht so aufrichtig beliebt hätte sein dürfen, ins Wasser zu werfen, so dass dieser wie ein begossener Pudel dastand. Sicher, das war kindisch, wäre aber beileibe nicht die erste kindische Aktion gewesen, die Lukas sich in Hinblick auf Henrik geleistet hätte. Aber selbst wenn er es geschafft hätte, das ganze wie einen zufälligen, bedauerlichen Unfall aussehen zu lassen, würde das nicht den erhofften Erfolg haben, wären doch bestimmt diverse Klassenkameraden sofort mit Handtüchern parat, um den begossenen Pudel trocken zu legen. Ne, ne, lieber nicht. Ganz abgesehen davon, dass Henrik derzeit sicher hinter der Cocktailtheke stand und ein zufälliges dort hinter Herauslocken und ins Becken Werfen schier unmöglich war. Weshalb der erste Gedanke also wieder verworfen worden war. Umso mehr gefiel Lukas die Idee, die ihm kam, als er sah, wie ausgerechnet Gessler plötzlich an der Theke auftauchte und mit Henrik zu plaudern begann. Lukas wusste bis heute nicht, weshalb seine Handykamera plötzlich den Geist aufgegeben hatte, wo er doch so sorgsam mit diesem technischen Spielzeug umging, und somit die Fotos, die er auf dem Weihnachtsmarkt gemacht hatte, auf immer im Datennirvana verschwunden waren, aber er war sich sicher, dass sich hier zwischen Lehrer und Schüler mehr abspielte, als die Schule gestattete. Überhaupt, was hatte Gessler auf der Party zu suchen?

Neugierig geworden, pirschte sich Lukas an die beiden heran. Und was ihm da zu Ohren kam, schien seine Theorie nur zu bestätigen. Denn seit wann duzte man einen Lehrer und sprach ihn mit dem Vornamen an? Lukas wusste natürlich, dass manch Tutor seinem Leistungskurs beim Abi-Ball das ‚Du’ anbot, aber noch war der Abi-Ball in weiter Ferne. Zeit selbst in Aktion zu treten.

„Herr Gessler, wie schön, dass Sie heute Abend auch hier sind“, begann er den Lehrer zu grüßen, doch all seine Höflichkeit stieß auf taube Ohren. Der so angesprochene Lehrer wandte sich nicht einmal für den Bruchteil einer Sekunde um, um den Gruß zu erwidern. Stattdessen wurde Lukas von Tina korrigiert: „Herr Gessler? Lukas, ich glaube da irrst du dich. Heute ist kein Lehrer hier. Wäre ja noch schöner. Aber vielleicht meinst du Carsten, den Mitbewohner unseres DJs, der, zugegeben, unserem Herrn Gessler zum Verwechseln ähnlich sieht.“ Dabei warf sie ihm einen sehr eindeutigen Blick zu, der besagte, dass die Person an der Theke zumindest für diesen Abend nicht als Lehrer zu betrachten war.

Lukas sah für einen Augenblick bedröppelt drein, dann aber siegte seine Boshaftigkeit. Wenn das also heute Abend nicht die Respektsperson Herr Gessler, die ihm als Lehrer an der Schulen Unannehmlichkeiten bereiten konnte, war, sondern die Privatperson Carsten Gessler, dann durfte man dieser Privatperson doch auch ein paar privatere Fragen stellen, oder? Wie etwa weshalb Lukas in letzter Zeit Henrik so häufig in jenem Haus hatte verschwinden sehen, wo Gessler wohnte. Nicht, dass Lukas ein Stalker wäre – weit gefehlt. Er sammelte derzeit eigentlich nur Material für seine persönliche Abi-Scherz-Rache. Also völlig harmlos.

Den Barhocker neben Gessler erobernd, wandte sich Lukas an diesen. „Carsten, richtig?“ Schließlich wäre es unhöflich, so direkt mit der Tür ins Haus zu fallen. Dass sein Versuch, eine Unterhaltung zu beginnen, mit einem eher indignierten Knopfnicken abgewürgt werden sollte, ignorierte er geflissentlich. Aber schließlich, wenn Gessler heute kein Lehrer war, war er ja auch nicht gezwungen, jedem Schüler ein Ohr zu leihen, weil es ja keine Schüler gab, sondern nur gleichrangige Partygäste. Und mit wem man sich auf einer Party unterhielt war jedermanns eigene Entscheidung.

„Wie kommt es eigentlich, dass ich Henrik so häufig in Ihrem Haus verschwinden sehe?“ Zugegeben, diese Frage war nicht wirklich subtil, aber Lukas ging langsam die Geduld für subtiles Vorgehen aus. Um dem ganzen dennoch den Anstrich gewöhnlicher Neugier zu geben, schob er gleich noch eine erklärende Ausrede für seine eigene Anwesenheit in der Straße hinterher, indem er rasch einen nicht-existenten Gitarrenlehrer anführte, bei dem er regelmäßig Unterricht habe.

Doch Lukas hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Carsten hatte Lukas bemerkt, kaum dass dieser sich der Cocktailbar genähert hatte und war entschlossen, dem jungen Mann Paroli zu bieten, wenn dieser sich erdreisten sollte, auch nur ein falsches Wort zu sagen. Denn wenn er heute Abend nicht den Lehrer mimen musste, musste er sich auch nicht zurückhalten, wie das sonst der Fall gewesen wäre, wenn er es nicht auf eine durch Lukas’ Eltern einberufene Konferenz beim Direktor anlegen wollte. „Vielleicht möchte er seinen Bruder besuchen?“, gab Carsten unschuldig zurück.

„Ich bitte Sie, Sie sind nicht sein Bruder!“ Arrogant sah Lukas den Nicht-Lehrer an.

„Hat auch niemand behauptet. Aber mein Mitbewohner ist Henriks Halbbruder. Und es wird ja wohl nichts Verkehrtes daran sein, wenn er diesen besuchen will. Oder wollen Sie hier etwas anderes unterstellen?“ Die letzten Worte hatte Carsten laut genug gesprochen, dass die Umstehenden es hatten hören können, und da gerade das Organisationskomitee von der Verwandtschaft zwischen Benni und Henrik wusste, und von dort aus diese Neuigkeit unter den Klassenkameraden die Runde gemacht hatte, zog Lukas mit seinen anzüglichen Bemerkungen mehr als nur ein paar unfreundliche Blicke auf sich. Tatsächlich fanden ein paar der neben ihm stehenden Schulkameraden, dass Lukas dringend einer Abkühlung bedurfte und beförderten ihn sang- und klanglos in das Schwimmbecken. Genau so, wie Lukas es in erster Idee mit Henrik vorgehabt hatte. Nur mit dem Unterschied, dass ihm keiner helfend die Hand entgegenstreckte, als er sich wieder aus dem Becken hievte, von einem Handtuch ganz zu schweigen. Stattdessen wurde es zum inoffiziellen Partyspiel, Lukas möglichst häufig ins Becken zu schmeißen und als er beschloss, der Einfachheit halber gleich im Wasser zu bleiben, ihn möglichst häufig unterzutauchen.

Benni lachte herzhaft darüber, als Carsten ihm davon auf der Heimfahrt erzählte und erklärte sich nur allzu gerne bereit als Alibi herzuhalten, falls Henrik mal nicht wirklich seinen Bruder besuchen wollte.


05

Schule – Hausaufgaben – Lernen – Arbeiten – Carsten – Benni – Jan – Essen – Schlafen – Mama... In einem irgendwie gleichbleibenden Rhythmus fanden sich all diese Dinge in einer schier endlosen Aneinanderreihung in Henriks Alltag wieder. Nicht, dass diverse Punkte dieses Reigens nicht als Lichtblicke angesehen wurden, aber es war die stete Wiederkehr der Dinge, die mehr und mehr an seinen Nerven rüttelte. Man könnte es auch als Lampenfieber und Klausurangst bezeichnen, denn zum ersten Mal in seinem Schulleben musste sich Henrik mit echten Versagensängsten auseinandersetzen. Nicht, dass es einem Weltuntergang gleichgekommen wäre, hätte er die Abiturprüfungen nicht bestanden, aber lieber wollte er doch auf Anhieb bestehen.

Um sich von dem Abiturlernstress abzulenken, befasste er sich nebenher intensiv mit dem Thema der Lebendspende und allem, was damit zusammenhing. Einschließlich Bennis Seite, die ständigen Dialysen, zu wissen, dass eine Verschlechterung des Zustands auf Dauer den Tod nach sich ziehen würde. Der Gedanke eine Niere zu spenden, verursachte nach wie vor ein beklemmendes Gefühl in ihm, auch wenn dieses Gefühl im Laufe der Wochen schwächer wurde. Denn zu diesem Gefühl gesellte sich ein anderes, nicht minder unangenehmes Gefühl. Das der Vorstellung, wie drei Mal in der Woche das Blut an einer Stelle aus Bennis Körper floss und durch den Reinigungsapparat lief, ehe es an einer zweiten Stelle wieder in seinen Körper eintrat. Benni hatte ihm zwar erklärt, dass es längst nicht so unangenehm sei, wie Henrik es sich vorstellte, dass er sich daran gewöhnt habe und sich sogar in gewisser Weise darauf freue, weil es bedeutete, dass der Tag nach der Dialyse ein Tag sei, wo er sich beinahe wie vor der Krankheit fühlte. Aber Henrik war inzwischen so häufig bei Benni zu Hause, dass er merkte, wie anstrengend der Vorgang war. Dass Benni an den Tagen der Dialyse abends häufig kaum Lust zum Abendessen verspürte, weil er so müde war. Von den Stunden vor der Dialyse ganz zu schweigen.



Ostern und somit Fasching lagen in diesem Jahr sehr spät, so dass Henrik sich nicht darum riss, den Garderobendienst am Rosenmontagsball seines Sportvereins zu übernehmen. Für gewöhnlich war dieser Dienst eine wahre Goldgrube, durften doch diejenigen, die den Dienst übernahmen, die Einnahmen behalten, und dank einer guten Band war die Veranstaltung eigentlich immer gut besucht. Doch so spät im Jahr würden die meisten ihre Jacken zu Hause lassen und die kurze Strecke vom Auto bis zur Halle so zurücklegen. Stattdessen schloss er sich Faschingsmuffel Carsten an und machte mit ihm und Benni einen DVD-Abend. Benni selbst wäre gerne feiern gegangen, verschob aber die Faschingssause auf den nächsten Abend, denn auch Rosenmontag war ein Montag und somit Dialysetag.

Es war an diesem Abend, dass Henrik beschloss, zumindest die Tests durchführen zu lassen, die entscheiden würden, ob er überhaupt als Spender für Benni in Frage kam oder nicht. Benni war erst einmal sprachlos, als Henrik zwischen Chips, Popcorn und unvermeidlichen DVD-Trailern seinen Entschluss verkündete.

„Und du bist dir absolut sicher?“, fragte er schließlich.

Henrik schüttelte den Kopf. „Ich würde lügen, wenn ich mit Ja antwortete. Aber solange ich nicht weiß, ob ich überhaupt als Spender in Frage komme, mache ich mir vielleicht Gedanken über Dinge, die gar nicht erst eintreten. Ich möchte wissen, ob ich diese Entscheidung überhaupt fällen muss oder nicht. Und auch wenn es vielleicht für dich hart wird, ich weiß, dass ich mich immer noch jederzeit dagegen entscheiden kann, wenn es mir zu viel wird.“

Benni nickte. Er wusste, dass gerade der Punkt, dass Henrik jederzeit von einer möglichen Spende zurücktreten konnte – auch dann noch, wenn die Kommission einer Spende zugestimmt hatte – für ihn mit am schwersten zu ertragen war, für Henrik aber die Sicherheit darstellte, die es ihm ermöglichte, sich überhaupt mit dem Thema auseinander zu setzen.



„Das Wichtigste ist, dass die Blutgruppe übereinstimmt“, erklärte Dr. Martin dem sichtlich nervösen Henrik am nächsten Tag. Benni hatte beschlossen gleich Nägel mit Köpfen zu machen und hatte gleich am Morgen in der Klinik bei seinem ihn betreuenden Arzt angerufen und einen Termin vereinbart. Er wusste, dass Henrik eh vorgehabt hatte, an diesem Tag der Schule fernzubleiben und wenn sein Bruder ihm auch nur im geringsten ähnelte, würde langes Warten alles nur verschlimmern. Er hatte Glück gehabt, denn Dr. Martin hatte für die Mittagszeit noch einen Termin frei. „Kennen Sie Ihre Blutgruppe?“

Henrik schüttelte den Kopf. Zwar war in der Vergangenheit ein oder zwei Mal sein Blut hinsichtlich der üblichen Blutwerte untersucht worden, aber die Ergebnisse hatte er nie zu Gesicht bekommen, und auch nicht nachgefragt.

„Kein Thema, wir werden einfach einen Schnelltest machen. Das dauert keine fünf Minuten. Wenn das Ergebnis positiv ist, dann müsste ich Sie bitten, morgen noch einmal gleich am Morgen vorbei zu kommen, damit wir Ihnen für die weiteren Untersuchungen eine Blutprobe entnehmen können.“ Dr. Martin griff zum Telefon und bat seine Assistentin alles Notwendige für den Schnelltest zu bringen.

„Ferner eine Urinprobe. Beides dient dazu, sicherzugehen, dass Sie gesund sind, denn nur ein gesunder Mensch kann als Lebendspender auftreten.“

Henrik nickte. Das alles hatte er auch schon bei seiner Recherche im Internet herausgefunden. In sofern gab es bei diesem Termin keine Überraschungen für ihn. Auch die Dinge, die Dr. Martin als weiterführende Untersuchungen aufführte, bis hin zur Szintigrafie, wo mittels eines schwach radioaktiv markierten Stoffes sichergestellt werden sollte, dass beide Nieren gleich funktionsfähig waren, waren ihm ein Begriff.

Dr. Martin war sichtlich beeindruckt. Zwar kannten die meisten potenziellen Spender das Krankheitsbild desjenigen, für den sie eine Niere spenden wollten, genau, und hatten auch eine ungefähre Vorstellung, was untersucht wurde, um heraus zu finden, ob die eigene Niere kompatibel war, aber die wenigsten hatten sich mit den genauen Untersuchungsmethoden befasst. „Sie haben nicht zufällig vor, Medizin zu studieren und das hier als erstes Recherche-Objekt genutzt?“ So löblich dies zwar wäre, würde es doch den Nachgeschmack von Eigenforschung hinterlassen und dies kam bei der Kommission nicht immer positiv an. Schließlich sollte kein Mensch sich selbst zum Versuchskaninchen machen.

Henrik schüttelte den Kopf. „Ich möchte Innenarchitektur studieren. Aber die Recherche war eine willkommene Ablenkung bei den Lernpausen für die Abiturvorbereitung.“

Dr. Martin lächelte. Obgleich die eigene Abiturprüfung bereits ein paar Jahrzehnte zurücklag, konnte er sich noch genau daran erinnern, wie ihn selbst bei den Pausen die Gedanken an die bevorstehenden Prüfungen nicht losgelassen hatten. Daher konnte er Henriks Vorgehen sehr gut verstehen.

Inzwischen hatte eine der Schwestern den Schnelltest durchgeführt und das Ergebnis war positiv: Benni und Henrik hatten zumindest schon die gleiche Blutgruppe.

Damit begann der Reigen der Voruntersuchungen, der sich aufgrund der Abiturprüfungen von Henrik über mehrere Wochen hinzog. Zugleich aber ermöglichte das dem Arzt sowie dem Beisitzer das notwendige Gutachten für die Kommission aufzusetzen, zumal Bennis Zustand für den Moment stabil und somit keine übertriebene Eile geboten war.



***



Am Tag der ersten Abiturklausur hatten sowohl der Hausmeister als auch die Betreiberin des Kiosks ihren Dienst aus Erfahrung heraus bereits eine Stunde früher als sonst üblich angetreten. Und dennoch waren sie nicht die ersten, warteten doch tatsächlich schon ein paar Schüler vor den zu dem Zeitpunkt noch verschlossenen Schultüren. Es waren alles Abiturienten, die aus Sorge, zu spät zu den wichtigen Prüfungen zu erscheinen, deutlich früher von zu Hause aufgebrochen waren, um gegebenenfalls auf diverse Ausweichpläne zurückgreifen zu können, falls der Bus ausfiel, die Straßenbahn einen Platten hatte, das Auto nicht anspringen wollte, oder Brücken, die jahrzehntelang die sichere Überquerung eines Flusses garantiert hatten, plötzlich einstürzten. Auch Henrik stellte in diesem Planungschaos keine Ausnahme dar. Nicht nur, dass er seine Mutter gebeten hatte, ihn an den Prüfungstagen zur Schule zu fahren, statt wie üblich das Fahrrad oder den Bus zu nehmen, hatte er auch noch Jans Eltern in seinen Notfallplan mit eingebunden. Den Vogel aber schoss Sirka ab, die fast eine Stunde zu Fuß durch die Stadt zur Schule marschiert war, weil sie sich auf keinerlei rollendes Verkehrsmittel verlassen wollte. Natürlich blieb es bei den meisten Schülern bei Plan A, der tadellos funktionierte und ein überfrühes Erreichen der Schule zur Folge hatte. Dennoch gab es auch ein paar Kandidaten, die erst auf die letzte Sekunde in den jeweiligen Klassenraum gestürmt kamen und dann sehr zum Verdruss der Mitschüler und Lehrer, die längst mit den Vorbereitungen fertig waren, erst noch ihr Handy beim Lehrer abgeben und ihren Prüfungsdurchhalteproviant von Tee oder Kaffee, Obst und Süßigkeiten vor sich ausbreiten mussten.



Henriks erstes Prüfungsfach war Kunst. Er zitterte innerlich ein wenig, befürchtete er doch, dass die Aufgabe mit gestalterischem Schwerpunkt irgendwelche anatomischen Zeichnungen im Detail erfordern könnte, bei denen er keine seiner humanoiden Aliens zeichnen konnte, wie sein Kunstlehrer seine Studien zu Händen, Füßen und Gesichtern immer bezeichnete, und ihm dann nur die Alternative der Theorie blieb, wo er sich mit vergleichender Bildanalyse herumplagen musste. Gerade die Interpretation der Symbolik machte ihm immer Schwierigkeiten, weil er immer der Ansicht war, dass ein Künstler das gemalt hatte, was er sah und beim Anblick des Objektes empfand, nie aber ein Bild mit einer Botschaft komponierte. Es sei denn natürlich es handelte um ein Stillleben oder ein expressionistisches Werk wie Picassos ‚Guernica’.

Mit einem stillen Gebet an niemand bestimmten schlug Henrik das Prüfungsheft auf, nachdem Herr Danberk das Zeichen für den Prüfungsbeginn gegeben hatte, und konnte seinen Augen kaum trauen. Neben der zu erwartenden vergleichenden Interpretation eines alten Meisters mit einem zeitgenössischen Werk, gab es eine bildnerisch-gestalterische Aufgabe, die wie für ihn geschaffen war. Es ging um die Ausgestaltung eines Schul-Cafés, bei dem sowohl Grundriss, räumliche Aufteilung, Möbelgestaltung, als auch Gesamtkonzept darzustellen waren. Um die Theorie nicht ganz zu vernachlässigen, sollten hinterher noch ein Bild und eine Skulptur zweier Künstler des vergangenen Jahrhunderts benannt werden und die Bedeutung des Mobiliars in diesen Werken reflektiert werden.

Henrik war sofort Feuer und Flamme. Augenblicklich schossen ihm zig Möglichkeiten durch den Kopf, wie man die bestehende Cafeteria der Schule zu einem helleren, freundlicheren Raum gestalten konnte. Zwar hatte der Bereich eine Vielzahl von Fenstern, doch waren diese im Erdgeschoss mit Buschbestand davor nur unzureichend in der Lichtförderung. Hinzu kamen die klassisch tristen Farben, denen zwar eine beruhigende Wirkung zugeschrieben wurde, die aber wenig Aufenthaltsfreude vermittelten. Wenn man jedoch die eine Fensterfront so gestaltete, dass man mittels eines gläsernen Erkers auch natürliches Licht von oben einfangen konnten, konnte man schon viel gewinnen. Zwar würde der Schulhof durch diese bauliche Maßnahme etwas an Platz verlieren, aber das war Henriks Meinung nach zu vertreten, wurde doch durch die Erweiterung der Cafeteria, die in den Pausen eh aus allen Nähten platzte, auch wieder Platz gewonnen. Auf die existierenden Säulen konnte man mit unregelmäßigen Formen einen Strukturputz auftragen, wodurch die Säulen Blickfang und nicht bloß tragendes Element werden konnten. Das ganze hinterher mit weißer Latexfarbe gestrichen, sorgte sogar dafür, dass Eddingwütige keine dauerhaften Zeichen setzen konnten und hellten zusätzlich den Raum aus, was man von der momentanen braunen Kunststoffverkleidung nicht gerade behaupten konnte. In dem Zusammenhang fiel ihm auch noch eine weitere Spezialfarbe ein, die er geradezu perfekt für einen solchen Raum hielt. Denn in dem Cafeteria-Bereich war auch das schwarze Brett, was gar nicht schwarz war, sondern eine überdimensionale Korkwand bezeichnete, wo die verschiedenen AGs ihre Aushänge hatten, wichtige Ankündigungen wie Partys und Kuchenverkäufe bekanntgegeben wurden und ähnliches mehr. Die rege Nutzung machte aber selbst dem besten Kork auf Dauer zu schaffen, zumal Schulen selten das Geld für die besten Korkwände hatten und so mussten diese regelmäßig, spätestens alle drei oder vier Jahre erneuert werden. Wenn man stattdessen aber die Wand mit Magnetfarbe strich… Zusätzlich bot es die Möglichkeit, dass selbst die Jüngsten an der Schule sich gleich mit der Schule identifizieren konnten, indem jedes Jahr neue Magnete für die Wand von ihnen im Kunst- und Werkunterricht gestaltet wurden. Denn es war leider davon auszugehen, dass die Magnete im Laufe des Schuljahres immer weniger werden würden. Ähnlich wie die Pinwandnadeln immer Mangelware waren. Wenn man dann noch an der anderen Wand ein paar Rollo-Durchbrüche zur angrenzenden Schülerbücherei schaffte, wirkte das ganze Areal noch größer und erhielt zusätzliche Nutzungsfelder. Denn würde man aktuell eine Umfrage unter den Schülern starten, wüssten die wenigsten, dass sich in dem Raum der ehemaligen Schulküche, der nach Abschaffung des Fachs Hauswirtschaft jahrelang ungenutzt gewesen war, mittlerweile die Schülerbücherei befand. Durch fortgesetzte Farbakzente in Blau und Grün – in Form von Kranichen in Anspielung auf Schillers bekannter Ballade „Die Kraniche des Ibykus“, um so auch der bisherigen Gestaltung der Schule Rechnung zu tragen – an den Wänden würde auch gestalterisch ein Übergang zwischen der bisherigen Cafeteria und der Bücherei geschaffen. Blieben noch die Möbel, denn an den dunklen, klassisch rot-braunen Fliesen des Bodenbelags würde sich mit einfachen Mitteln kaum etwas ändern lassen, wie sich Henrik seufzend eingestand. Allenfalls konnte man ein paar zusätzliche Kraniche mit Folie auf den Boden kleben, aber er bezweifelte, dass mit den vielen hundert Füßen, die jeden Tag die Cafeteria durchquerten, die Kraniche lange ansehnlich blieben, außerdem wollte er es mit dem Kranich-Motiv auch nicht übertreiben.

Die Möbelfrage gestaltete sich schon deutlich schwieriger. Es mussten ausreichend Schreibmöglichkeiten geschaffen werden, allerdings grauste es Henrik jedes Mal beim Anblick des Chaos’, welches in der Cafeteria nach der achten Stunde herrschte. Kaum ein Tisch, kaum ein Stuhl, der nicht irgendwie kreuz und quer im Weg stand. Dieser Zustand plädierte für eine Lösung mit größeren und somit unbeweglicheren Tischen und Bänken. Dies sorgte aber nicht unbedingt für die Gemütlichkeit, die ihm ebenfalls für das Areal vorschwebte. Denn alles nur nüchtern zu halten, verleitete die Schüler kaum dazu, ihre Freistunden dort zu verbringen. Insbesondere die Oberstufenschüler, die aufgrund des Kurssystems häufiger mit Freistunden konfrontiert waren, betrachteten die Cafeteria als ihr Revier und würden wohl kaum begeistert sein, wenn das Mobiliar den Charme von Festzeltgarnituren verströmte. Andererseits waren etwa die modernen Holzesstische und zugehörigen Bänke weit aus ansprechender als das Klappmodell der Bierzelte. Auch konnte so bei ausreichender Länge problemlos ein ganzer Kurs an einem Tisch Platz finden, ohne erst mühselig Tische rücken zu müssen. Wenn er also einen großen Tisch, an dem leicht vierzehn Schüler Platz finden konnten, als zentralen Tisch wählte und dann noch ein paar kleinere Tische für acht oder sechs Schüler… Gerade bei den Sechsertischen käme es auch nicht so darauf an, wie sie platziert würden, selbst wenn sie schräg im Raum standen, würden sie aufgrund der Bänke noch ordentlich wirken. Auch würden dann endlich keine einzelnen Stühle mehr als Stolperfallen an der gegenüberliegenden Fensterfront – jene, die er mit dem Erker ausgestattet sehen wollte – stehen, weil sich einzelne Schüler noch zu ihren Freunden gesellt hatten, die auf der breiten Fenstersitzbank ihr Lager aufgeschlagen hatten. Diese Sitzbank würde er lassen und auch im Erker fortführen, war sie doch an sich praktisch und gemütlich. Auch wenn Henrik nichts von dem dunklen Braun hielt, in dem die Bank derzeit gestaltet war. Es war das gleiche Braun, wie es die Säulen verkleidete, und Dunkelbraun war für ihn nur depressiv. Überhaupt war die Möbelfarbe ein Problem. Am liebsten hätte er das Mobiliar aus Massivholz gehabt, aber kein Budget der öffentlichen Hand sah so einen Luxus vor. Meist waren es Möbel aus kunststofffurniertem MDF, welche die Schüler auf ihre Haltbarkeit testen durften. Das sah zwar nicht immer schick aus, aber war vielleicht mit Metallstoßkanten akzeptabel. Auch hatte man dann mehr Möglichkeiten bei der Farbwahl. Vielleicht für die Tischplatten und die Fensterbank ein angenehmes Dunkelblau. Etwas dunkler als die gedachten Kraniche, gerade dunkel genug, dass Edding wenig Sinn machte, aber noch nicht nachtblau. Dazu viereckige Metallbeine für die Tische… das würde durchaus schick aussehen. Die Bänke dazu in einem hellen Anthrazit. Henrik zögerte. Sah dies dann nicht zu sehr nach Uniformfarben aus? Er wollte schließlich keine Polizeiwache gestalten. Dann vielleicht Dunkelgrün, ein Farbton, der analog etwas dunkler als die grünen Kraniche war. Vielleicht eine Mischung… der große Tisch in blau mit grünen Bänken, die vier Achtertische… Nein! Das war irgendwie alles zu dunkel! Außerdem erinnerte Dunkelgrün immer auch an Tafelgrün. Und wenn man den ganzen Tag auf eine Tafel starrte, wollte man nicht auch noch in der Freistunde damit konfrontiert sein.

Henrik zerriss das Blatt, auf welchem er gerade Tische und Bänke farblich skizziert hatte. Er seufzte leise. Er hatte das perfekte Bild gefühlt vor Augen. Doch zwei Details entzogen sich ihm noch: Das gemütliche Möbel und die Möbelfarbe.

Während er seine Gedanken wandern ließ, skizzierte er auf dem Bild mit der Gesamtansicht der Cafeteria noch ein paar große Topfpflanzen hinzu. Sie würden auf jeden Fall für Gemütlichkeit sorgen und es gab in der Schule genug unverwüstliche Ficus-Palmen-Abarten, die bewiesen, dass auch Pflanzen im Umfeld pubertierender Schüler überleben konnten.

Mit einem Mal durchzuckte es ihn wie ein Geistesblitz: Sitzsäcke! Abwaschbare Sitzsäcke! In Rot und Gelb, damit es schön bunt wurde. Dann war er auch bei der Farbe für die Tische und Bänke nicht mehr so eingeschränkt. Dann konnte man ein helleres Anthrazit für die Tischplatten und für die Sitzflächen wählen. Zusammen mit den matten Metallbeinen sollte das eigentlich recht angenehm fürs Auge sein. Die Fensterbank würde dann in dunkleren Anthrazit sein. Das war zwar nicht weniger dunkel als das aktuelle Braun, aber zu hell durfte die Bank nicht werden, nicht bei der Größe. Sonst sah man sofort jeden Fleck und der Edding würde sofort herrschen. Man konnte auch in der Schülerbücherei ein paar der Sitzsäcke platzieren…

Die Skizzen, die Henrik nun, da die Farbfrage geklärt war, deutlich leichter von der Hand gingen, waren zwar noch deutlich von dem perfekten Bild vor seinem geistigen Auge entfernt, kamen aber mit entsprechend knappen Kommentaren seiner Vorstellung nahe genug, dass er einigermaßen mit seiner Bearbeitung dieser Aufgabenpunkte zufrieden war. Blieb noch die Reflektion auf Mobiliar in der Kunst des 20. Jahrhunderts. Für die Henrik, nach einem kurzen Blick auf die Uhr, weit weniger Zeit blieb, als ihm lieb war… Derart unter Zeitdruck geraten, erwies sich sein Gedächtnis bezüglich der Künstler und ihren Werken als mehr als lückenhaft. Verzweifelt ging er die geschichtlichen Abschnitte des Jahrhunderts durch, bis ihm schließlich zur Weimarer Republik Otto Dix als bekannter Maler einfiel. Als Vertreter der Neuen Sachlichkeit waren Möbel auf seinen Bildern genau das, was sie waren: Gebrauchsgegenstände. So wurden etwa bei dem Portrait der Journalistin Sylvie von Harden ganz realistisch auf dem Bistrotisch ein Glas, ein Zigarettenetui und ein Feuerzeug dargestellt – der Tisch als Ablagefläche. Sachlich, nüchtern, so wie man es heute noch in vielen Bistros tatsächlich vorfinden konnte. Dem gegenüber stellte Henrik dann, schlicht, weil ihm nichts anderes einfiel, die Skulptur mit dem Titel ‚Free’ von Claes Oldenburg, welche aus einem überdimensionalen Stempel, der auf einer Rasenfläche lag, bestand. Hier interpretierte er einfach die Rasenfläche als Schreibtischplatte und stellte die Behauptung auf, dass im Falle der Pop-Art auch andere Dinge möbelartigen Charakter zugewiesen bekommen konnten, darunter auch ein Rasen. Henrik war sich zwar sicher, dass er für diesen Teil seiner Abiturprüfung höchstens Humor- oder Gnadenpunkte ernten würde, aber das war jetzt nicht mehr zu ändern, drängte der Lehrer doch inzwischen vehement darauf, den letzten Satz zu beenden. Natürlich gab es noch ein paar Spezialisten, die in der Lage waren, besagten letzten Satz auf eine knappe Din-A4-Seite auszudehnen – Komma sei Dank –, aber Henrik wusste, dass selbst wenn er über diese Gabe verfügt hätte, es ihm bei diesem Aufgabenteil wenig geholfen hatte. So beendete er den Satz nach einer normalen Wortanzahl und gab die Unterlagen ab. Jetzt konnte man eh nur noch auf das Beste hoffen.



Die Erleichterung über die überstandene erste Abiturklausur war allen Schülern der dreizehnten Klasse deutlich anzumerken, auch wenn sich die Schar allzu bald verstreute, galt es doch noch in dieser Woche die zweite Leistungskursklausur zu schreiben. Da war jede Minute, die man noch zum Lernen hatte, zu kostbar um sie mit Diskussionen über Vergangenes zu verschwenden.



***



Zwei Tage später, bei der Matheleistungskursprüfung, kam Henrik nicht so glimpflich wie in Kunst davon. Als er mit der Kurvendiskussion fertig war, wusste er genau, dass zwei Teile der Diskussion nicht stimmen konnten, aber er sah auf Anhieb nicht, wo der Fehler steckte, weshalb er sich lieber auf die nächste Aufgabe konzentrierte. Doch auch in dieser war irgendwie der Wurm drin, so dass er es nicht einmal wagen wollte, die ungeliebte Stochastikaufgabe zu umgehen. Denn Wahrscheinlichkeitsrechnung und Statistik, auch hochgestochen Stochastik genannt, war der Bereich der Mathematik, wo er immer kläglich versagt hatte. Immerhin konnte er mit der Geometrieaufgabe sich noch einen kleinen Aufschub gewähren, aber selbst mit Teepause und Schokoriegel führte kein Weg daran vorbei. Das einzige, was er bei der Stochastik einigermaßen begriffen hatte, war wie man ein Baumdiagramm aufbaute. Aber schon die Wahrscheinlichkeiten anzugeben, mit der ein bestimmtes Ereignis in diesem Diagramm eintrat, hatte bei ihm eine Fehlerquote von fünfzig Prozent. Dennoch musste er es versuchen.

Um sich den Vorgang – es handelte sich um eine Aufgabe, wo Widerstände in Reihe geschaltet wurden, wobei bei acht Widerständen gesamt zwei defekte dabei waren – zu veranschaulichen, kramte er aus seinem Stiftekasten, der aufgrund der Kunstprüfung noch reichlich gefüllt war, eine ganze Handvoll Buntstifte hervor, welche für ihn die funktionsfähigen Widerstände darstellten, während zwei Kugelschreiber die Positionen der defekten Widerstände einnahmen. Lisabeth, die schräg vor ihm saß, drehte sich bei dem leisen Geklapper, das Henrik beim Abzählen der Stifte für die einzelnen Wahrscheinlichkeiten verursachte, irritiert zu ihm um.

„Was soll das? Was machst du da?“, zischte sie leise, aus den Augenwinkeln die Aufsichtsperson beobachtend, die gerade aber in die mitgebrachte Zeitung vertieft zu sein schien.

„Stochastik“, zischte Henrik genervt zurück, wollte er sich doch nicht aus dem Konzept bringen lassen. Er sah noch nicht einmal auf, denn das letzte, was ihm an diesem Tag fehlte, war von der Aufsichtsperson verwarnt oder gar von der Prüfung ausgeschlossen zu werden. Zum jetzigen Zeitpunkt konnte er nicht sagen, ob er mit dem, was er in das Prüfungsheft geschrieben hatte, genug Punkte zum Bestehen erreichen würde und ihm lag definitiv nichts daran in die mündliche Nachprüfung zu müssen.

Am Ende der Prüfung wusste Henrik nicht zu sagen, ob er bestanden hatte oder nicht. Er hoffte zwar, dass es reichte, zumal er in den letzten fünf Minuten noch den Fehler in der Kurvendiskussion gefunden hatte. Allerdings war die Zeit zu knapp gewesen, um alle auf den Fehler folgenden Ergebnisse zu korrigieren. Bei Stochastik hatte er mit seiner Abzählmethode immerhin drei von fünf Unteraufgaben lösen können, ohne das Gefühl zu haben, allzu sehr geraten zu haben. Vielleicht reichte es ja.



Als er mit ein paar Klassenkameraden das Schulgebäude verließ, fühlte sich Henrik so ausgelaugt, dass er beschloss auf das Angebot seiner Mutter zurückzugreifen, ihn nicht nur zur Prüfung zu fahren, sondern auch wieder abzuholen. Er war sich nicht sicher, ob er nicht in der Straßenbahn einschlafen und seinen Ausstiegshalt verpassen würde. Tatsächlich wollte er, zu Hause angekommen, noch nicht einmal etwas zu Mittag essen, sondern legte sich stattdessen gleich für ein paar Stunden hin.



***



Eine Woche später war dann das dritte Prüfungsfach, bei Henrik Geschichte, an der Reihe. Vor dieser Klausur hatte er, abgesehen von der allgemeinen Panik, durchzufallen, eigentlich keine Angst, kannte er sich in dem Fach doch gut aus, auch wenn sehr zu seinem Bedauern davon auszugehen war, dass die Prüfungsaufgaben sich auf Ereignisse nach der Französischen Revolution beziehen würden. Dass er dennoch seinen Klassenkameraden an Nervosität in nichts nachstand, war darauf zurück zu führen, dass er am frühen Morgen von Benni eine SMS erhalten hatte, worin dieser ihm mitteilte, dass auch die letzten Testergebnisse positiv gewesen seien und ihr Fall nun der ethischen Kommission vorgelegt würde und er sich noch mal melden würde, sobald er den Termin für die Aussage vor der Kommission hätte. Angesichts dieser möglichen Entscheidung über Leben und Tod war eine Geschichtsklausur, selbst wenn es sich um eine Abiturprüfung handelte, längst nicht so nervenaufreibend.



Henrik hatte Recht gehabt mit seiner zeitlichen Einschätzung der Klausuraufgaben. Er hatte die Wahl sich mit einem Aufgabenblock zum deutschen Kaiserreich, einem Aufgabenblock zur Weimarer Republik, einem Aufgabenblock zum Nationalsozialismus oder einem Aufgabenblock zum Kalten Krieg zu beschäftigen.

Da er von sich selbst wusste, dass er bei der Weimarer Republik und dem Nationalsozialismus nicht sachlich-objektiv diskutieren konnte, blieben nur Kaiserzeit und Kalter Krieg.

Bei der Weimarer Republik sah er deutlich die Schwächen, sowohl im politischen als auch im sozialen Gefüge, die letztlich zum wirtschaftlichen Versagen und dem Aufstieg radikaler Kräfte geführt hatte. Die Bevölkerung neigte zu einem ähnlichen Verhalten wie ihre Vorfahren nach dem 30jährigen Krieg, wo man sich entweder Religion – in irgendeiner Form – zuwandte, oder dem Vergnügen. Denn die goldenen Zwanziger waren letztlich von Vergnügungssucht ausgelöst von der durch den Krieg geförderten Todesangst geprägt. Ähnlich wie das Ancien Régime die Vergnügungssucht nach dem 30jährigen Krieg zum Exzess perfektionierte und damit die Französische Revolution heraufbeschwor, konnte die Haltung der Bevölkerung in der Weimarer Republik nur in der Katastrophe enden. Dass die Katastrophe im Form des Nationalsozialismus nicht so lange auf sich warten ließ wie seinerzeit die Französische Revolution, lag einfach daran, dass mit dem Ersten Weltkrieg im Gegensatz zum 30jährigen Krieg auch die politische Ordnung über den Haufen geworfen worden war. Und Demokratie ließ sich nach einem obrigkeitsgerichteten Militärkaiserreich nicht von heute auf morgen in die Köpfe der nun an der Regierung beteiligten Bevölkerung einhämmern. Nicht, wenn man es nicht gewöhnt war, Eigenverantwortung auf der politischen Bühne zu übernehmen. Diese Bevölkerung per Volksentscheid dann an jeder Entscheidung zu beteiligen, konnte nur zu Politikverdrossenheit führen, bei der sich die Leute nach einem Kümmerer – einem politischen Anführer, der sich des ganzen annahm – sehnten. Eine Bevölkerung, die nicht den Zusammenhang zwischen der Eigenverantwortung in der Politik und der daraus resultierenden Stärke der Wirtschaft erkennen konnte. Die vereinzelten Lichtgestalten, die es in der politischen Szene der Weimarer Republik gegeben hatte, hätten in Kombination mit dem alten System vielleicht für einen brauchbaren Übergang zur Demokratie sorgen können, aber da in der Folge des Ersten Weltkrieges das alte System nicht länger zur Debatte stand, hatten diese Lichtgestalten keine Chance auf dauerhaften Erfolg.

Gewonnen hatte in dieser Situation die Gruppierung mit der besten Werbeabteilung, war doch Propaganda nichts weiter als Werbung: die Nationalsozialisten. Die Bevölkerung, welche durch die Weltwirtschaftskrise daran gehindert worden war, sich weiterhin sinnlos zu vergnügen, konnte nun erleichtert aufatmen und nichts tun, denn man hatte ja nun wieder einen Kümmerer. Man fiel wieder in alte Gewohnheiten zurück, wies alle Verantwortung von sich und ließ andere machen. Erst nachdem man nach dem Zweiten Weltkrieg erkannte, wie fatal dieses Nichtstun war, dass man die Verantwortung zum Mitdenken nicht abgeben konnte, hatte die Demokratie eine wirkliche Chance. Zumal es in den ersten Jahren eine Demokratie unter Aufsicht von Außen war, die jenen politischen Schössling beschützte, ein Umstand, der in der Weimarer Republik nicht vorhanden gewesen war.

Während Henrik bei Diskussionen zur Weimarer Republik einfach nur enttäuscht über das Desinteresse des Volkes an der eigenen Politik war – ganz zu schweigen davon, dass es ihm nur schwerlich gelingen würde, den Geschichtslehrer im Rahmen einer Abiturklausur von den Parallelen zu den Folgejahren des 30jährigen Kriegs zu überzeugen –, war es beim Nationalsozialismus der Ton in dem die Geschichtsbücher mit dem Thema umgingen, der ein sachliches Diskutieren für ihn unmöglich machte. Es war korrekt, dass Deutschland den Krieg begonnen hatte, dass Deutschland den Krieg verloren hatte und dass Deutschland während des Krieges unglaubliche Gräueltaten verübt hatte. Das wollte er nicht bestreiten. Aber musste man es immer mit der duckmäuserischen Trauermiene eines Buhmanns darstellen? Musste man es in einem Tonfall darstellen, der einem vermittelte, dass man sich schämen sollte, Deutscher zu sein? Sie waren heute keine Reichsdeutschen mehr. Sie kannten ihre Vergangenheit, sie waren gewiss nicht stolz darauf, sie waren stets darauf bedacht, eine Wiederholung damaliger Strömungen im Keim zu ersticken, sie hatten gelernt. Die Demokratie Deutschlands war genauso mit dem Ende des Weltkrieges befreit worden wie alle Gefangenen in den Konzentrationslagern. Und das war das Deutschland, in dem man heute lebte. Die Kriegsgeneration starb zunehmend aus, da war es nach Henriks Meinung an der Zeit, das Büßergewand abzulegen, denn dies bedeutete ja keineswegs die Erinnerung zu begraben. Man konnte die Erinnerung leben, ohne sich von ihr niederzwingen zu lassen. Kein Land auf der Welt konnte auf eine unbefleckte Geschichte zurückblicken. Es war der Umgang mit der Geschichte, die darüber entschied, ob eine Nation auf die nächste Katastrophe oder auf anhaltenden Frieden Kurs nahm. Und die Bundesrepublik Deutschland hatte der Welt bewiesen, dass sie auf letzterem Kurs war. Weshalb also wurde dann die Zeit des Nationalsozialismus noch immer im Büßergewand diskutiert, statt im historischen Abstand hinsichtlich Ursache und Wirkung analysiert? Eine solche Einstellung stieß natürlich bei dem korrigierenden Geschichtslehrer nur selten auf Verständnis und somit genauso selten auf eine Benotung, die einen die Prüfung bestehen ließ.

Letztlich entschied Henrik sich deshalb, obgleich er über die Zeit des Nationalsozialismus eigentlich mehr wusste, für den Aufgabenblock zum Kalten Krieg, schlicht weil er hier mit den begleitenden Quellen mehr anfangen konnte als mit denen zur Kaiserzeit.



***



Bereits am nächsten Tag erhielt Henrik die nächste SMS von Benni, worin dieser ihm mitteilte, dass ihr Fall schon am 7. April angehört würde und bei positivem Gutachten, die Operation gleich nach Henriks mündlicher Abiturprüfung stattfinden sollte. Auch fragte er an, ob es Henrik passen würde, wenn er am Nachmittag vorbeikäme, es gäbe sicherlich eine Menge zu besprechen. Henrik war sofort einverstanden, auch wenn er gleichzeitig das Angebot seiner Mutter, bei dem Gespräch dabei zu sein, ablehnte. Er wollte gegebenenfalls bei der Unterhaltung in der untersten Gossensprache fluchen können, weil er anders seine Gefühle nicht zu artikulieren wusste, aber das war in Gegenwart seiner Mutter nicht möglich. Nicht, weil sie kein Verständnis für dieses Bedürfnis gehabt hätte, sondern weil er wusste, dass sie eine solche Sprache generell missbilligte. Das sorgte dafür, dass Henrik sich in solchen Situationen nicht selten etwas gehemmt fühlte, auch wenn er gleichzeitig unglaublich stolz auf die Klasse, die seine Mutter in jeder Minute ihres Alltags ausstrahlte, war, und unter normalen Umständen sich diesem Vorbild gerne anschloss. Monika Rehms, die in den vergangenen Wochen viel von dem mitbekommen hatte, was ihren Sohn in Bezug auf das Thema Lebendspende beschäftigte, konnte Henrik verstehen, obgleich sie darauf bestand, noch einmal vor dem Termin bei der Kommission mit Benni und ihm zu reden, eine Bitte, der Henrik gerne nachkommen wollte. Er hatte schließlich nicht vor, seine Mutter bei etwas so Wichtigem außen vor zu lassen.

So verabschiedete sich Frau Rehms nach dem Mittagessen von ihrem Sohn und ließ ihn wissen, dass sie den Nachmittag über im Fitnessstudio und Spa zu erreichen wäre.

Die Zeit schien sich endlos zu ziehen, ehe Benni kam. Henrik befürchtete schon, sichtbare Trampelpfade im Teppichflor zu hinterlassen, aber nichts außer nervösem Auf- und Abgetiger schien länger als fünf Minuten seine Aufmerksamkeit zu fesseln. Das Fernsehen konnte man um diese Uhrzeit eh vergessen – Wiederholungen diverser schon gesehener Comedyserien und das niveaulose Arbeitslosen-TV waren nun wirklich keine sehenswerte Unterhaltung und mittlerweile ließ sogar das Kinderprogramm zu wünschen übrig, konnte man sich doch noch nicht mal mehr eine halbe Stunde von kämpfenden Haustierchen Marke Pokémon ablenken lassen – und zum Lesen fehlte Henrik jetzt die Ruhe. Musik machte ihn nur aggressiv und Jan war noch in der Schule, so dass er sie nicht einmal mit SMS oder ähnlichem zutexten konnte. Endlich aber klingelte es an der Tür und so schnell wie Henrik durch den Flur gesaust kam, hätte man fast glauben können, er hätte die ganze Zeit direkt hinter der Haustür auf Bennis Ankunft gelauert.

Dieser konnte nicht anders, als bei dem zerzausten Anblick seines Bruders zu grinsen. „Hat man dir heute Koffein in den Baldriantee gemischt?“, fragte er belustigt.

„So ähnlich. Ich glaube es waren Ameisen, die jetzt munter Samba in meinem Magen tanzen“, konterte Henrik, zog Benni dann aber mit sich in die Küche, damit dieser sich einen ameisenfreien Tee aussuchen konnte, denn trocken war so eine Unterhaltung nichts. Außerdem konnte man sich an den großen Henkeltassen unglaublich gut festhalten, wenn es schwierig wurde.

„Weshalb tanzen deine Ameisen denn Samba? Klar, du bist nervös wegen der Anhörung, aber wenn das Transplantationszentrum meint, dass die Sache soweit ist, dass die Kommission eingeschaltet werden kann, dann handelt es sich meist nur noch um eine Formsache“, versuchte Benni Henrik zu beruhigen.

„Was, wenn ich bei der Anhörung versage?“ Die Vorstellung, damit vielleicht an Bennis Tod schuld zu sein, ließ Henrik so sehr zittern, dass Benni ihm vorsichtshalber die Teetasse aus der Hand nahm.

„Henrik, das ist keine Prüfung. Es gibt kein Versagen. Erstens werden die Mitglieder der Kommission wissen, dass du nervös bist und dir dies nicht falsch auslegen. Zweitens ist deine Aussage nur ein Teil, worauf sie letztlich ihr Gutachten stützen. Die Fachberichte der Ärzte spielen hier genauso eine Rolle. Und sollte, denn auch das ist möglich, die Kommission sich entschließen, dass sie einer Lebendspende zum jetzigen Zeitpunkt nicht zustimmen können, ist das keine endgültige Entscheidung. Du wirst in jedem Fall das Gutachten zu lesen bekommen und bei einem ‚Nein’ sehen können, weshalb die Spende abgelehnt wird. Aber sogar in dem Fall, dass das Gutachten positiv ausfällt – und davon gehen die uns betreuenden Ärzte aus, sonst hätten sie den Antrag auf Anhörung nicht gestellt – ist noch nicht garantiert, dass du tatsächlich spendest. Denn selbst dann, wenn bereits der Operationstermin feststeht, dann aber kurz zuvor ein Fremdorgan eines Toten zur Verfügung steht, wird dem Fremdorgan der Vorzug gegeben. Auch wenn es vielleicht nicht so optimal passt, wie deines. Der Schutz des gesunden Lebens hat hier dann Vorrang.“

„Wie kannst du nur so sachlich darüber reden? Es geht hier immerhin um dein Leben!“ Henrik verstand nicht, wie Benni so ruhig bleiben konnte. In ihm selbst kochte alles vor Nervosität, dabei hing doch für Benni viel mehr von der Anhörung ab als für ihn selbst.

„Ich hab Vertrauen zu Dr. Martin“, erwiderte Benni schlicht. „Er würde den Antrag nicht stellen, wenn er davon ausginge, dass wir keine Chancen haben.“

„Dr. Martin vertraue ich auch“, erwiderte Henrik nach kurzem Zögern. „Es ist Dr. Felix, dem Psychologen, bei dem ich mir nicht sicher bin.“

Interessiert sah Benni seinen Halbbruder an. „Inwiefern?“

„Wann immer ich im Internet über das psychologische Gutachten recherchiert habe, war die einhellige Meinung der Betroffenen, dass dieser Teil der Voruntersuchung der härteste Teil war. Manche haben es auch als ‚brutal’ bezeichnet. Mein Gespräch mit Dr. Felix war alles andere als das. Zumindest kam es mir nicht brutal oder ähnliches vor. Gut, vielleicht war ich wegen dem Abi auch diesbezüglich nicht empfänglich für die mögliche ‚Brutalität’ des Gesprächs, aber… es passte von meinem Eindruck irgendwie nicht zu dem, was ich in den verschiedenen Foren und Blogs gelesen habe. Was, wenn Dr. Martin sich hier der Meinung seiner Kollegin einfach anschließt, das Mitglied der Kommission für psychotherapeutische Angelegenheiten aber anderer Meinung ist und den Antrag entsprechend bewertet?“

„Wenn dieser Fall tatsächlich eintritt, können wir mit Dr. Martin sprechen und diesen Teil der Voruntersuchung mit einem anderen Facharzt für psychotherapeutische Medizin wiederholen lassen. Vielleicht würde er dann auch einen Arzt eines anderen Transplantationszentrums hinzuziehen, ob die Objektivität zu gewährleisten. Aber ich glaube, dass Dr. Martin die Befähigung seiner Kollegen richtig einzuschätzen weiß und auch weiß, in wie weit er sich einem Gutachten von ihnen anschließen kann oder nicht. Und ich vermute, dass du mit deiner Einschätzung Recht hast, dass deine Nervosität auf das Abi konzentriert war und du deswegen die Untersuchung von Dr. Felix als verhältnismäßig harmlos empfunden hast.“

„Hoffen wir, dass du Recht hast“, meinte Henrik mit einem kleinen Seufzen. April, das schien noch so weit entfernt, dabei war der Termin in gerade mal vierzehn Tagen.

„Kommen wir zu etwas Praktischerem“, schlug Benni vor, um von Henriks Zweifeln ein wenig abzulenken. „Die Anhörung findet in Hannover statt, weil das für unseren Fall zuständige Transplantationszentrum in Niedersachsen ist. Die Frage ist: Möchtest du alleine dort hin fahren, oder mit deiner Mutter, oder mit mir, oder, oder, oder? Denn nur du als Spender musst aussagen, bei mir als Empfänger geht man stillschweigend davon aus, dass ich alle notwendigen Bedingungen für die Organannahme erfülle.“ Hier grinste Benni schief. Natürlich ging die Kommission davon aus, dass er willens war, das Spendeorgan anzunehmen. Und da sich seine Familie bewundernswert zurückgehalten hatte und keinerlei Kontakt zur Familie Rehms gesucht hatte, bestanden auch von dieser Seite her für Benni keinerlei Einwände.

„Können auch Mama und du mitkommen? Ich weiß, dass meine Mutter gerne dabei sein würde, und wenn schon nicht bei der eigentlichen Anhörung, so doch wenigstens als moralische Unterstützung auf dem Flur draußen. Und was dich betrifft, wenn du da immer noch so ruhig und sachlich drauf bist, wie jetzt, dann kann ich das an dem Tag gut gebrauchen.“ Wieder hielt sich Henrik an der Tasse fest. Er kam sich auf einmal wieder wie ein Kind vor, das bei allem, wovor es Angst hat, seine Mutter in der Nähe wissen wollte. Ganz anders als sonst, wo er sich mit den Abiturprüfungen wie ein junger Mann an der Schwelle zum vollwertigen Erwachsenen fühlte. Aber er war sicher, dass Benni ihn deswegen nicht auslachen würde, denn dass sein Halbbruder die ganze Wahrheit hinter der Aussage, dass seine Mutter dabei sein sollte, erkennen würde, war ihm in dem Moment klar gewesen, wo er die Worte ausgesprochen hatte.

„Dann schlage ich vor, dass wir mit meinem Auto fahren. Da haben wir alle bequem Platz und wir sind nicht auf Bahnen mit Verspätung angewiesen“, entschied Benni.



06

Jan war am Verzweifeln. Seit der Anhörung schien Henrik mehr und mehr in einem schwarzen Loch zu versinken und egal, was sie auch versuchte, es war kein Herankommen an ihren Quasibruder. Zwar schleppte er sich brav zur Arbeit, in die Schule und auch zum Training, vergrub sich sonst aber in seinem Zimmer. Zuerst hatte sich Jan an den Rat von Monika halten und Henrik einfach Zeit lassen wollen, aber mehr und mehr erkannte sie, dass es so nicht weitergehen konnte. Nicht nur, dass Henrik ganz untypisch für ihn im Training gegen einen viel schwächeren und unerfahreneren Ju-Jutsuka verlor, nein, er ließ sich noch nicht einmal dazu überreden, Carsten zu überfallen. Und wenn nicht einmal der Mann seiner Träume als Lockmittel funktionierte – ganz abgesehen von der Tatsache, dass Jan bereit war, etwas von ihrer kostbaren Zeit zu opfern um nach außen hin als Anstandswauwau alle üblen Gerüchte im Keim zu ersticken –, dann war wirklich etwas mehr als nur im Argen.

Natürlich hatte Jan Verständnis dafür, dass die Entscheidung der Ethik-Kommission für Henrik eher niederschmetternd gewesen war. Es war schließlich alles andere als einfach, nach all den Voruntersuchungen zu hören zu kriegen, dass angesichts der Kürze der Zeit, wo Henrik und Benni einander kannten, von der Zeitspanne, da sie um ihre Verwandtschaft wussten, ganz zu schweigen, man leider zu dem Schluss gekommen war, dass zum aktuellen Zeitpunkt Henriks Entscheidung mehr von seinem sozialen Gewissen als von einer tatsächlichen Freiwilligkeit geleitet war. Dass man aus diesem Grund für den Moment einer Lebendspende nicht vorbehaltlos zustimmen konnte. Aber die Mitglieder der Kommission hatten ja im gleichen Atemzug erklärt, dass man zu gegebener Zeit gerne bereit wäre, den Fall neu zu betrachten. Und gegebene Zeit hieß mit Sicherheit, dass, sollte Bennis Zustand akut werden, die Kommission nach Aktenlage eine neue Entscheidung fällen würde – zugunsten von Benni und Henrik. Ansonsten hieß zu gegebener Zeit bei stabilem Zustand Bennis vermutlich nicht später als in einem Jahr. Es war also lediglich aufgeschoben, damit sicher gegangen werden konnte, dass Henrik nicht übereilt handelte und es später irgendwann vielleicht bereute. Jan zweifelte keinen Augenblick daran, dass Henriks Meinung sich zu der Spende auch in einem Jahr nicht geändert hätte, weshalb sie also nicht verstand, dass Henrik sich wegen des Aufschubs so sehr in sich zurückzog.

Wie dem auch sei, es war Zeit für Jan mal wieder ein wenig helfend einzugreifen, denn dieser Zustand konnte so nicht weitergehen. Und helfend einzugreifen, bedeutete sich die Mithilfe von Benni zu sichern, der sichtlich erleichtert war, als er Jan am Telefon hatte und erkannte, dass diese den momentanen Zustand nicht länger hinnehmen wollte.



„Ich hab ihm gesagt, dass ich problemlos noch warten kann, bis die Kommission ihre Meinung ändert. Schließlich warte ich schon seit Jahren, da kommt es auf die paar Monate nun auch nicht mehr an“, erklärte Benni kopfschüttelnd, als Jan ihn auf Henriks Verhalten ansprach.

„Sehe ich ähnlich. Die werden dich schon nicht sterben lassen. Und Henrik sollte wissen, dass du ein Kämpfer bist, der durchhält, bis es ein Spenderorgan gibt. Ich fürchte nur, dass er glaubt, vor dieser Kommission versagt und dich im Stich gelassen zu haben. Dass er deswegen nicht bei euch vorbeischauen will und sich stattdessen in Hinblick auf Carsten mit den flüchtigen Begegnungen auf dem Schulflur begnügt. Aber das geht so nicht. Der geht mir hier noch ein“, ereiferte sich Jan.

„Erzähl mir was Neues“, schnaubte Benni leicht frustriert. „Ich hab hier das leidende Gegenstück. Denn auch wenn Carsten immer Zurückhaltung predigt, hat er sich in den vergangenen Monaten einfach zu sehr daran gewöhnt, dass Henrik unter dem Vorwand, mich zu besuchen, hier war, als dass er es jetzt missen möchte.“

„Lass mich raten, er ist auch nicht bereit, mit dir einen Ausflug zu IKEA zu machen…“

Benni grinste, obgleich Jan das durch das Telefon nicht sehen konnte. Sie beide tickten in Hinblick auf ihre Freunde eben ähnlich. „Weder IKEA noch sonst irgendein Ausflug, bei dem wir zufällig Henrik begegnen könnten.“

„Abgesehen davon, dass Henrik sich momentan in seinem Zimmer vergräbt…“, ergänzte Jan.

„Abgesehen davon“, bestätigte Benni. „Und, was für Ideen hast du?“

„Na ja, es sind bald Osterferien. Was für dich bedeuten würde, dass du dann, sofern Carsten nichts anderes vor hat, deinen lieben, leidenden Mitbewohner den ganzen Tag um die Ohren hast…“, versuchte Jan diplomatisch herauszubekommen, ob Carsten in den Ferien zu seinen Eltern fuhr oder hier blieb.

„Danke, dass du mich an dieses Horrorszenario erinnerst.“

„Darf ich das so interpretieren, dass er über Ostern hier zu bleiben gedenkt?“, vergewisserte sich Jan.

Benni bejahte. „Normalerweise würde er wohl in den Freiburger Raum verschwinden, aber seine Eltern sind zu einem Symposium nach Bern eingeladen. Eigentlich ist nur sein Vater eingeladen, aber seine Frau begleitet ihn und sie verbringen Ostern in der Schweiz.“

„Ist vielleicht nicht das Schlechteste. Denn ich glaube kaum, dass Henrik sich noch einmal guten Gewissens den Gesslers an einem Feiertag aufdrängt. Nicht, dass die Familie ihm das Gefühl vermittelt hätte, dass er sich ihnen an Weihnachten aufgedrängt habe, aber ich kenn Henrik, der denkt diesbezüglich reichlich verschroben. Weshalb also, selbst wenn die Gesslers ihn einladen würde, er höflich ablehnen würde. So aber haben wir die Gelegenheit, die beiden irgendwohin in der Republik zu verfrachten, damit sie wenigstens ein paar Tage traute Zweisamkeit fern der wachsamen Augen haben und hoffentlich wieder zu einem erträglichen, ausgeglichenen Selbst finden!“

„Irgendwohin in der Republik? Über Ostern? Natürlich möglichst kostengünstig? Du bist dir schon darüber im Klaren, dass so etwas reichlich kurzfristig ist?“, gab Benni zu bedenken, obgleich in seinem Hinterkopf diverse Rädchen ihre Arbeit aufnahmen.

„Ich weiß, aber was anderes fällt mir nicht ein. Und seien wir ehrlich, die Situation hat sich auch eher kurzfristig ergeben, nicht wahr?“ Genauere Vorstellung, wie sich ihrer Idee umsetzen ließ, hatte Jan leider auch nicht.

„Na ja, in einem Punkt hast du immerhin Recht, die beiden müssen hier einfach mal rauskommen. Vielleicht schafft Carsten es dann auch, Henrik wieder aus seinem Loch zu ziehen. Da fällt mir was ein…“ Auf Bennis Rädchen im Kopf war eben Verlass. „In dem einen Film haben doch die zwei Mädels die Wohnung, bzw. Häuser für einen Urlaub übers Internet getauscht…“

„The Holiday“, lieferte Jan prompt den Titel. Es war einer der wenigen ‚Chick Flick’ – Frauenfilme – die man in ihrer DVD-Sammelung finden konnte. Seinerzeit hatte sie den Film wegen Jude Law im Kino sehen müssen, heutzutage sah sie den Film überwiegend wegen der Videothekszene mit Jack Black, wo er Kate Winslet alle möglichen Filmmelodien vorsang.

„Das war eine internationale Plattform, also ist davon auszugehen, dass es auch Angebote aus Deutschland gibt. Zwar werden die meisten Anbieter an einem Aufenthalt in einem anderen Land interessiert sein, aber vielleicht treffen wir auf eine verständnisvolle Seele.“ Das Klappern der Tastatur im Hintergrund, verriet Jan, dass Benni, von ähnlichen Gedanken geleitet, sich an seinen Rechner begeben hatte, um besagte Plattform zu suchen.

„Aber wird der entsprechende Anbieter nicht im Gegenzug erwarten, dann in deiner Wohnung Ostern feiern zu können?“, fragte sie ein wenig zweifelnd. Darüber hinaus war sie sich nicht sicher, dass ihre schöne Stadt ausreichend Anreiz für einen Urlaubsaufenthalt bieten konnte.

„Sollte die andere Seite daran interessiert sein, würde ich mich opfern und mich für Ostern bei meinen Großeltern einquartieren. Die werden sich eh freuen, wenn sie mich sehen“, erklärte Benni. „Dann müssten wir den beiden nur noch das Zugticket zu ihrem Urlaubsziel organisieren. Und vielleicht dem Anbieter als zusätzlichen Anreiz auch eines spendieren…“, überlegte er weiter.

„Ich bin mir sicher, dass unter den gegebenen Umständen Henriks Mutter bereit wäre, Henriks Ticket als Osterei zu übernehmen“, mutmaßte Jan und beschloss noch im gleichen Moment nach dem Telefonat mit Monika Rehms über die Idee zu sprechen.

„Dann übernehme ich Carstens Ticket und darf dafür die nächsten zwei Partys einfach mehr Dreck machen“, beschloss Benni grinsend, während er überlegte, wie er am besten an Carstens Portemonnaie herankam, in welchem sich Carstens Bahncard versteckte. Schließlich wäre es geradezu frevelhaft einen solchen finanziellen Vorteil nicht zu nutzen.

„Klingt nach einem Plan. Jetzt müssen wir nur noch wissen, wohin wir die beiden schicken wollen.“

„Vielleicht hab ich hier schon was“, meldete Benni plötzlich und scrollte eifrig in dem eingestellten Angebot rauf und runter. „Ein Professor aus Schwerin hat seine kleine, aber hübsch zentral gelegene Wohnung für einen Tausch angeboten. Er will zwar am liebsten nach Schweden oder Island, aber vielleicht hat er ja ein Herz für unsere beiden. Ich werde ihn einfach mal anschreiben. Ich melde mich wieder, wenn ich Näheres weiß.“



***



„Nur, damit ich das richtig verstehe“, rekapitulierte ein etwas mürrischer Henrik, der von Jan regelrecht über den Bahnhofsvorplatz gezerrt wurde. „Eine Freundin deiner Mutter verreist über die Ostertage und hatte die grandiose Idee, dass du vielleicht gerne dir Schwerin anschauen würdest und im Gegenzug dafür, dass du ihre Pflanzen gießt, kostenlos ihre Wohnung nutzt. In einem Anfall für sie atypischer, altmodischer Moralvorstellungen hatten deine Eltern aber plötzlich Bedenken, dich mit Frank fahren zu lassen, geschweige denn dich allein fahren zu lassen. Weshalb du also mich mitschleppst?“

Jan hatte, mit Monikas Rückendeckung, Henrik am vergangenen Tag mehr oder weniger vor vollendete Tatsachen bezüglich der Schwerin-Reise gestellt, obgleich sie natürlich die wahren Reiseumstände für sich behielt. Denn alle Beteiligten kannten Henrik gut genug, um zu wissen, dass dieser sich dann erst Recht sperren würde, bis hin zum Absprung aus dem bereits anrollenden Zug, nur um seinen Standpunkt zu verdeutlichen. So aber hatte Henrik kaum die Gelegenheit gehabt, auch nur Luft zu holen, um Argumente gegen seine Begleitung bei dieser Reise vorzubringen. Stattdessen war er Zeuge geworden, wie seine Mutter und seine angenommene Schwester mit vereinten Kräften einfach zur Tat geschritten waren und seinen Koffer gepackt hatten. Jenen Koffertrolley, die er jetzt halbherzig hinter sich herzog.

„Exakt. Denn auch wenn du es nicht gerne hörst: In den Augen meiner Eltern bist du harmlos. Nicht nur, dass du mich mehr als Schwester denn als alles andere betrachtest, du bist darüber hinaus auch noch schwul. Vollkommen harmlos! Und was die atypischen Moralvorstellungen betrifft, so kann es durchaus sein, dass meine Eltern während unseres Weihnachtsurlaubs auf diesen Trichter gekommen sind. Wer weiß, worüber sie sich mit unseren Verwandten und insbesondere meinen Großeltern unterhalten haben, wenn ich nicht dabei war… Da ich aber tatsächlich gerne nach Schwerin würde, bist du also meine einzig brauchbare Option und du kannst nicht gerade behaupten, dass du Besseres zu tun hättest. Die Ausrede des mündlichen Abis zieht auch nicht, denn wir haben extra deine Unterlagen eingepackt, solltest du auf einmal das unwiderstehliche, unverständliche Bedürfnis haben, zu lernen. Sogar deine Mutter war der Ansicht, dass es dir gut täte, einmal für ein paar Tage rauszukommen, oder wieso sonst glaubst du, hat sie dir das Zugticket spendiert?“ Jan ließ sich nicht von ihrem Vorhaben abbringen. Zumal sie dieses Theater ja nur so lange aufrecht erhalten musste, bis der Zug abfuhr. Zu welchem Zeitpunkt sie schon wieder sicher auf dem Bahnsteig stünde und Henrik von Carsten in Empfang genommen würde. Tatsächlich war es nämlich Carstens Gepäck, das sie in der praktischen Reisetasche mit Rollen hinter sich herzog. Denn bei Carsten hatte Benni beschlossen, ihm nichts zu verheimlichen, war er sich doch sicher, dass sein Mitbewohner ihrem Plan zustimmen würde. Schließlich musste diesem doch genauso daran gelegen sein, dass Henrik wieder zu seinem alten Selbst zurückfand. Und Benni hatte mit seiner Einschätzung und ein wenig Überzeugungsarbeit am Ende Recht behalten. Carsten hatte sie dann nicht nur mit seinem Deutsche Bahn-Wissen bezüglich der Reiseplanung – Stichwort ausreichende Umsteigezeit bei der verspätungsträchtigen Bahn – unterstützt, er hatte sogar darauf bestanden, sein Bahnticket selbst zu bezahlen, so dass Benni lediglich dem Wohnungstauschwilligen das Ticket hatte zahlen müssen. Denn obgleich dieser Verständnis für das Anliegen von Benni und Jan gehabt hatte, war er ehrlich genug gewesen, zu gestehen, dass ihre Stadt nicht auf der Liste seiner Wunschreiseziele stand und er daher eher nicht gewillt war, Geld für eine Reise dorthin auszugeben. Aber mit dem Angebot, dass Benni die Zugtickets für Hin- und Rückfahrt übernahm, war man sich schließlich handelseinig geworden.

Grummelnd folgte Henrik Jan. Er wusste im Grunde, dass es längst zu spät für irgendwelche Einwände war. Tatsächlich war es wohl schon zu spät gewesen, als Jan und seine Mutter ihn mit dieser Idee überfallen hatten. Aber das änderte nichts daran, dass er deutlich machen wollte, dass er nicht wirklich aus freien Stücken hier war.

Neben ihm begann Jan nervös zu hibbeln. Ob aus Nervosität hinsichtlich der bevorstehenden Reise oder aus anderen Gründen, es trug jedenfalls wenig dazu bei, Henriks Laune zu bessern.

Natürlich war Jan nicht wegen der Reise nervös. Schließlich würde sie diese ja nicht antreten. Wenn, dann war sie höchstens nervös, ob alles so klappen würde, wie Benni und sie es geplant hatten. Aber selbst das wäre kein Grund für sie gewesen, so herumzuhibbeln. Dass dies aber Teil des Plans war, offenbarte sich, als die beiden den vollbesetzten ICE bestiegen. „Henrik, kannst du schon mal mit meinem Gepäck vorgehen? Ich muss dringend auf die Toilette…“ Sprach’s und war in der winzigen Kabine verschwunden. Dort blieb sie natürlich nur so lange, bis sie sicher sein konnte, dass der nachdrängende Fluss der Reisenden Henrik in Richtung des Großraumabteils weitergeschoben hatte. Dann huschte sie wieder nach draußen und verbarg sich hinter einer der breiten Säulen mit dem Fahrstandsanzeiger. Nicht, dass Henrik sie noch von seinem Platz aus sah und herausgeeilt kam, um sie wieder in den Zug zu befördern. Obgleich der Zug eigentlich nur hielt, um bei der Fahrt nach Norden Passagiere aus- und zusteigen zu lassen, schienen die Minuten sich endlos hinzuziehen, ehe der zuständige Zugbegleiter das Zeichen zur Abfahrtbereitschaft gab, sich die Türen automatisch schlossen und kurz darauf der Zug gemächlich aus dem Bahnhof rollte. Erst dann erlaubte Jan sich ein erleichtertes Aufatmen.



Mit ein wenig Gepäckrangieren, war es Henrik tatsächlich gelungen, sowohl seinen Trolley als auch Jans Reisetasche noch in der oberen Gepäckablage zu verstauen. Dann ließ er sich seufzend auf den Fensterplatz sinken. Das hatte Jan halt davon, dass sie ihm die Arbeit überließ – musste sie eben mit dem Gangplatz vorlieb nehmen.

Henrik war eigentlich nicht der Typ Mensch, der das Verhalten bestimmter Personengruppen pauschalisierte und normalerweise schloss er selbst dann Jan von allen gängigen ‚Frauenklischees’ aus, aber die Aktion mit der Toilette bewies ihm mal wieder, dass Jan wohl doch zu jener Sorte Mensch zählte, die er als Toilettenanbeterin betitelte. Meist traf diese wenig schmeichelnde Bezeichnung nur auf jene seiner Klassenkameradinnen zu, die kaum eine Doppelstunde aushielten, ohne nicht das Stille Örtchen aufsuchen zu müssen, aber Ausnahmen bestätigten immer mal wieder die Regel. Und würde er Jan darauf ansprechen, weshalb sie nicht zu Hause noch einmal gegangen war, wusste er, würde er sich lediglich ein ‚da musste ich ja noch nicht’ einhandeln. Keine Konversation, die der dafür auszusprechenden Worte wert war. Stattdessen suchte Henrik sich also seinen MP3-Player aus dem Rucksack heraus und schottete sich gegenüber der Außenwelt mit melancholisch-nostalgischer Rockmusik ab.

Erst als kurz darauf jemand, dessen Körperumriss von der Augenwinkelwahrnehmung nicht mit dem Körperumriss von Jan zusammenpassen konnte, sich auf dem Platz neben ihm niederließ, blickte Henrik auf. Denn schließlich war das Jans Platz, und seine beste Freundin würde es ihm nicht danken, wenn er diesen einem Fremden überließ. Umso überraschter war er, als er plötzlich Carsten neben sich sitzen sah. „Du?“, stieß er ungläubig hervor, während er die Ohrstöpsel herauszog und den MP3-Player leiser stellte.

Carsten lächelte und nickte. „Ja, ich. Dein freundlicher Reisebegleiter.“

Henrik hätte bei dieser Aussage jeden Doppelgängerwettbewerb für unintelligent dreinblickende Fische gewinnen können. „Aber… Jan…“

„…hat sich einmal mehr zu unserem, besonders aber deinem Wohl mit Benni verbündet und das Ganze hier ausgeheckt.“

„Also fahren wir gar nicht nach…“ Henrik war mehr als verwirrt.

„Och, du und ich fahren schon nach Schwerin. Soweit stimmt die Geschichte. Wir müssen uns sogar tatsächlich um die Grünpflanzen des Wohnungsbesitzers kümmern. Aber Jan ist nicht mit von der Partie. Nachdem sie sich in den vergangenen Wochen wohl regelrecht den Mund fusselig geredet hat, um zu dir durchzudringen – erfolglos –, war sie zuletzt der Ansicht, dass nur noch einer helfen könnte.“

„Batman???“, fragte Henrik sarkastisch.

„Sorry, Alfred hat mein Cape in die Reinigung gegeben“, gab Carsten schlagfertig zurück.

„Lass mich raten, das A-Team stand auch nicht zur Verfügung.“

„Exakt! Also musste unser eigener Plan her und der heißt Schwerin.“

Henriks Laune wurde durch diesen Schlagabtausch nicht gerade gebessert, obgleich er sich eingestehen musste, dass ihm die Nähe zu Carsten in den letzten Tagen gefehlt hatte. „Und was genau soll mich daran hindern, an der nächsten Station auszusteigen und zurückzufahren?“, knurrte er ungehalten.

„Gar nichts“, erwiderte Carsten mit einer Gelassenheit, die er nicht wirklich empfand. „Außer natürlich, dass ich vermutlich wenig zuvorkommend wäre und dich zwingen würde, über mich drüber zu klettern, statt aufzustehen und dir den Weg freizugeben. Aber sag ehrlich: Was hättest du davon, wenn du an der nächsten Station ausstiegest?“

Henrik sank in sich zusammen. „Nichts“, murmelte er schließlich geschlagen.

„Na siehst du“, meinte Carsten lächelnd und knuffte Henrik spielerisch mit dem Ellbogen. „Komm, lass uns einen Film gucken, dann vergeht die Zeit bis Hamburg deutlich schneller.“

Im Grunde wunderte es Henrik zu diesem Zeitpunkt nicht mehr wirklich, dass Carsten die Kombination des kleinen Vorhängeschlosses von Jans Reisegepäck kannte und diesem seinen Laptop entnahm. Er kannte seine Freunde eben gut genug, um zu wissen, wie sorgfältig diese ihre Intrigen planten.



Die Zugfahrt verlief ereignislos. Carsten vermied es, Henrik auf sein Verhalten während der letzten Tage anzusprechen, ahnte er doch, dass ein solches Gespräch lieber in der privaten Umgebung einer ruhigen Wohnung stattfinden sollte, statt in einem lebhaft gefüllten Zug. Die Bahn wiederum vermied es, übermäßig viel Verspätung zusammenzufahren, so dass sie mit Umstieg in Hamburg ihr Ziel Schwerin planmäßig am frühen Nachmittag erreichten.

„Das muss es sein“, meinte Carsten, nach einem kurzen Blick in die Unterlagen, die Benni ihm zusammengestellt hatte. Sie standen vor einem hübschen Altbau unweit einer geschäftigen Verkehrsstraße, aber weit genug entfernt, um dem Straßenlärm weitestgehend zu entgehen. „Der Schlüssel sollte bei einer Frau Miercke hinterlegt sein“, las er den fremden Namen von dem Zettel ab.

Henrik lokalisierte den entsprechenden Klingelknopf und gleich darauf ertönte das bekannte Summen, mit welchem die Freigabe der Haustür hörbar wurde. Henrik war froh, in den kühlen Hausflur treten zu können. Nachdem der Winter sich dieses Jahr mit Eis und Schnee in der zweiten Hälfte zurückgehalten hatte, hatte er aber eine unangenehme Hartnäckigkeit gleich einem ungebetenen Gast, der sämtliche gähnenden Hinweise seiner Gastgeber geflissentlich ignorierte, an den Tag gelegt. Erst kurz vor Ostern hatte sich der Frühling durchsetzen können, legte nun aber eine Kraft an den Tag als wolle er die verlorengegangenen Sonnenstunden durch doppelte Intensität nachholen. Weshalb es an diesem Tag beinahe schon sommerlich warm war und jeder noch so kurze Marsch mit Gepäck selbst einem trainierten Menschen den Schweiß auf die Stirn trieb.

Frau Miercke aus dem dritten Stock hatte für die beiden Neuankömmlinge nicht nur den Schlüssel zur Wohnung, sondern auch eine Erklärung, die sie unterzeichnen sollten, dass sie für Schäden, die sie in der fremden Wohnung verursachten, aufkommen würden. Standardformular, für dass sowohl Henrik als auch Carsten Verständnis hatten. Kurz darauf aber hatten sie ihr Feriendomizil für sich.

Die Wohnung war so, wie man es in einem solchen Haus erwarten würde – hohe Decken, verhältnismäßig kleinere Räume, aber letztlich gut geschnitten. Das Wohnzimmer, der größte Raum der Wohnung, hatte ausreichend Fenster, um das Beste aus der Raumhöhe zu machen, während die Möbel verhinderten, dass man sich in der illusorischen Weite verloren fühlte. In der Küche wartete ein Schnellhefter auf sie, wo ihr Gastgeber alle wichtigen Informationen zusammengetragen hatte: Fahrpläne des ÖPNV der in der Nähe verkehrenden Linien, Handskizzen zu den nächstgelegenen Supermärkten, Visitenkarten von empfehlenswerten Cafés und Restaurants und wie man dort hin kam. Dann natürlich den obligatorischen Grundriss, wo die zu gießenden Pflanzen eingezeichnet waren und wie häufig diese um Wasser bettelten. Ferner die Bitte nicht zu rauchen und den Hinweis, dass man nach 22 Uhr die Musik leiser drehen sollte, weil der Mieter der einen Erdgeschosswohnung diesbezüglich ein pedantischer Nörgler war, dem selbst mit Liebenswürdigkeit und Höflichkeit nicht beizukommen war. Es gab sogar eine praktische Kurzanleitung für die Stereoanlage und das Soundsystem.

Henrik grinste. „Wie wäre es mit Musik? 22 Uhr kommt schnell, da sollten wir die Zeit nutzen...“

Carsten hatte derweil den Kühlschrank inspiziert und festgestellt, dass ein Ausflug zum Supermarkt der Musik vorerst vorzuziehen war, es sei denn, sie wollten am nächsten Tag, einem Sonntag, fasten. Das sah auch Henrik ein, weshalb er seinen Koffer, den er vorerst unelegant im Wohnungsflur geparkt hatte, nahm und gen Schlafzimmer davon stapfte, um sich ein frisches T-Shirt überzuziehen. Im Türrahmen blieb er wie angewurzelt stehen. „Shit!“, entwich es ihm halblaut. Sich zur Küche umwendend, rief er Carsten zu: „Kannst du mal nachschauen, ob sich die Couch im Wohnzimmer ausziehen lässt?“

„Wieso? Was ist?“, fragte Carsten und gesellte sich zu Henrik. Von wo er auch prompt sah, was diesen so beunruhigte. Das Schlafzimmer beherbergte – wie hätte es auch anders sein können – ein Doppelbett und von einem Beistellbett war weit und breit nichts zu sehen, ganz abgesehen davon, dass mit Kleiderschrank und Bücherregal auch nicht wirklich Platz für eine weitere Schlafstätte gewesen wäre. Er konnte es sich nicht verkneifen, Henrik anzugrinsen und spöttisch zu fragen: „Angst? Ich verspreche auch, auf meiner Hälfte zu bleiben und dich nicht anzurühren...“ Doch seine Augen verrieten, dass es ihm mit der Aussage ernst war. Auch wenn er nichts dagegen hätte, mit Henrik in einem Bett zu nächtigen und einfach mit dem wohligen Gedanken, den anderen neben sich zu wissen, einzuschlafen, er würde sich während dieser Reise auf keinerlei Intimitäten mit Henrik einlassen. Sogar die heißgeliebten Küsse würde es nur außerhalb des Bettes geben. Er war sich bewusst, welches Risiko sie hier eingingen, aber er war sich ebenso sicher, dass sie es schaffen würden, auch die letzten paar Wochen noch einigermaßen Enthaltsamkeit an den Tag zu legen und trotzdem die Zeit hier in Schwerin zu genießen.

Henrik schluckte und marschierte dann an Carsten vorbei ins Wohnzimmer, um seinerseits die Couch zu untersuchen. Er atmete erleichtert auf, als er erkannte, dass sich die Rückenlehne umklappen ließ und man so ein vermutlich gar nicht mal so unbequemes Bett hatte. Als er aufblickte, sah er Carsten, der ihn ein wenig traurig ansah. Sofort stiegen Schuldgefühle in ihm auf. „Versteh mich nicht falsch. Ich vertraue dir. Ich glaube dir sofort, dass du es schaffst, neben mir zu liegen und deine Hände bei dir zu behalten. Ich bin derjenige, dem ich in dieser Situation nicht traue. Selbst wenn ich ganz harmlos nur mit meiner Bettdecke kuschelnd einschlafe, neige ich dazu, mich im Schlaf an mein wehrloses Opfer heranzupirschen. Mach ich sogar bei Jan, nur dass das dann zum Glück harmlos ist und damit endet, dass sie beim Aufwachen einfach alle Körperteile, die nicht zu ihr gehören rigoros auf die andere Betthälfte zurückscheucht. Was ich mir bei Jan auch problemlos gefallen lasse. Bei dir aber...“

Carsten nickte, innerlich erleichtert. „Verstehe. Ich dachte schon, nach den letzten Tagen, dass du es dir vielleicht anders überlegt hast... also mit uns...“

Betreten schüttelte Henrik den Kopf. „Niemals.“

„Wieso bist du dann kein einziges Mal vorbeigekommen? Und sei es nur, um weiter über die Ähnlichkeiten der Herrscherdynastien von Cäsar bis zu den Bourbonen zu fachsimpeln?“ Carsten konnte nicht vermeiden, dass seine Stimme bei diesen Worten ein wenig verletzt klang, auch wenn die Reaktion von Henrik darauf ihn beinahe wünschen ließ, seine Stimme wäre neutraler gewesen. Denn das Häufchen Elend, das da zusammengesunken auf dem Sofa saß und offenbar verzweifelt nach dem Mauselochfluchttunnel Ausschau hielt, war mehr als mitleiderregend. Gleichzeitig aber war Carsten sich bewusst, dass er Henrik keinen Gefallen tat, wenn er zuließ, dass dieser sich noch länger vor sich, vor der Welt und vor der Wahrheit versteckte. Also setzte er sich neben Henrik auf das Sofa und wartete auf die Antwort zu seiner Frage. Als jedoch keine kam, hakte er nach: „Ist es wegen Benni?“

Das brachte ihm immerhin etwas ein, dass man durchaus als Nicken interpretieren konnte.

„Hör mal, er macht dir wegen der Entscheidung der Kommission keinen Vorwurf. Er wusste, dass die Chance bestand, dass man das Vorgehen als überhastet betrachten würde. Weshalb er mit dem Zusatz, dass man gerne bereit ist, zu gegebener Zeit den Fall noch einmal zu begutachten, mehr als zufrieden ist. Henrik, allein damit, dass du bereit warst, dich der Kommission zu stellen, hast du dazu beigetragen, dass Benni nicht länger in der ständigen Furcht leben muss, früher oder später wegen seiner Nieren zu sterben. Denn auch wenn Benni immer so abgeklärt tut und vermutlich sogar die Wahrheit sagt, wenn er behauptet, keine Angst vor dem Tod zu haben, will er jetzt noch nicht sterben. Und schon gar nicht wegen einer lästigen Krankheit. Gib dir also nicht die Schuld wegen der Entscheidung der Kommission.“

„Das ist es nicht“, brach es schließlich flüsternd aus Henrik heraus. „Ich kenne die sachlichen Argumente... Aber... wie soll ich Benni unter die Augen treten, wenn ich tief in meinem Inneren Erleichterung verspürt habe, als die Kommission gegen die Spende entschied? Ich komme mir wie ein Feigling, wie ein Verräter vor.“ Ein trockenes Schluchzen bahnte sich den Weg seine Kehle empor.

Für einen Moment benommen, starrte Carsten Henrik an, dann zog er den Jüngeren in seine Arme. „Ach Henrik, du Schafskopf! Haben wir dir nicht die ganze Zeit immer wieder erzählt, dass es dein gutes Recht ist, dich jederzeit gegen die Spende zu entscheiden? Wenn du so empfunden hast, dann war es gut so, dass die Kommission so entschieden hat. Henrik, es ist dein Leben, um das es hier geht, dein Körper. Du hast absolute Priorität. Und wenn du Zweifel hast, wird Benni der Letzte sein, der dir deswegen Vorwürfe macht.“

„Das kannst du nicht verstehen!“, begehrte Henrik auf. „Ich hab gesagt, ich mach’s. Ich hatte es mir gründlich überlegt. Ich hätte mich nicht erleichtert fühlen dürfen. Ich hätte enttäuscht sein müssen! Ich... was, wenn die Kommission die Spende erlaubt hätte und ich Benni dann hinterher innerlich mein Leben lang Vorwürfe gemacht hätte? Weil ich eben doch noch nicht bereit war? Weißt du, dass ich von Benni immer noch in erster Linie als Benni, deinem Mitbewohner, denke und nicht von Benni, meinem Halbbruder? Was bin ich für ein Mensch, für ein Bruder, dass ich so denke? Bin ich überhaupt sein Bruder, wenn ich froh bin, dass andere Menschen entscheiden, dass ich nicht spenden kann?“ Zu lang aufgestaute Tränen rannen ihm über das Gesicht, während er all die wirren Gedanken, all seine Gefühle, die Wahrheit aussprach. „Und wie kann ich Benni da noch gegenübertreten? Wie erwarten, dass er es versteht? Es geht hier um sein Leben, verdammt noch mal!“ Bei den letzten Worten hatte sich Henrik von Carsten losgerissen und war aufgesprungen, nur um vor dem Fenster stehen zu bleiben, den Blick starr nach draußen gerichtet, die Arme um seine Körpermitte geschlungen, auf der Suche nach Halt, aber nicht gewillt, den Halt, den Carsten ihm geben wollte, anzunehmen.

Carsten verfluchte in diesem Moment seine Freunde, die ihn dazu überredet hatten, hierher zu fahren, um Henrik aus seinem Schneckenhaus zu holen. Er war für solche Aktionen mit Sicherheit der Falsche! Himmel, er hatte Deutsch und Chemie studiert, nicht Psychologie. Und im Lehramtstudiengang für Gymnasien wurde obendrein Pädagogik im Vergleich zum Grundschullehramt geradezu stiefmütterlich behandelt. Er hatte doch gar keine Ahnung, wie er sich jetzt verhalten sollte... Irgendwie hatte er es sich wohl zu einfach vorgestellt. Was, wenn er Henrik jetzt was Falsches sagte? Galgenhumor überkam ihn, als er sich selbst die Antwort gab: Dann würde er Henrik und ihre Sachen packen und mit dem nächsten Zug zurück nach Hause fahren und dafür sorgen, dass Henrik professionelle Hilfe bekam. Allerdings hoffte er, dass es dazu nicht kam, dass Henrik nicht wirklich in Therapie musste, sondern sich im Moment bloß in seine Gedanken verrannte und lediglich Klarheit gewinnen musste, um zu erkennen, dass er sich keine Vorwürfe machen musste, weil er so fühlte, wie er fühlte.

Grundgütiger, was bitte dachte er denn da? Carsten rief sich zur Ordnung. Bloß weil Henrik grad ein wenig am Rad drehte, war sein Freund noch lange nicht reif für die Klapsmühle. Und um diesem und auch sich das zu beweisen, beschloss er Henrik eine Frage zu stellen, die in ihrer Direktheit keinen Zweifel daran lassen würde, dass dieser gerade dabei war, sich einfach nur in etwas hineinzusteigern. „Henrik? Würdest du dich umbringen wollen, nur um der Kommission und dir selbst zu beweisen, dass die Entscheidung falsch war? Sowohl die der Kommission als auch deine eigene, darüber erleichtert zu sein? Denn dann käme es zu einer Fremdspende... allerdings würdest du dann Benni das Wissen aufbürden, dass du dich für ihn getötet hast...“

Augenblicklich wirbelte Henrik herum. „Sag mal, spinnst du? Bist du noch ganz dicht??? Du...“ Für den Moment sah es aus, als wollte er auf Carsten losgehen.

„Henrik, sieh es ein: Du willst leben! Benni auch. Und beide sollt ihr es ohne Schuldgefühle tun. Aus Schuldgefühlen heraus zu spenden, ist falsch. Genauso falsch wie sich umzubringen und die Fremdspende zu erzwingen. Benni will kein Organ, dass ihm aus Schuldgefühlen gespendet wird. Du hast das Recht erleichtert zu sein. Genauso wie Benni das Recht hat, erleichtert zu sein, zu wissen, dass die Entscheidung noch nicht endgültig ist. Akzeptier die Situation einfach wie es momentan ist – keine Spende, aber Bennis Zustand ist stabil, er braucht nicht überdringend eine neue Niere. Sein Leben hängt noch nicht am seidenen Faden.“

Plötzlich brach in Henrik eine Mauer zusammen. Jene Mauer, die er zwischen sich und der Entscheidung der Kommission zu errichten versucht hatte. Die Mauer, hinter welcher die Erkenntnis lag, dass er die Zeit hatte, erleichtert darüber zu sein, aber auch die Zeit kommen würde, wo er spenden durfte. Weil er es dann wollte.



Nach fast vier Stunden angespannter Zugfahrt und einem Gespräch, welches zwar die Anspannung zum großen Teil abbaute, zugleich aber emotional erschöpfend war, verspürten weder Carsten noch Henrik große Lust, die Stadt noch an diesem Tag ausgiebig zu erkunden. Um den notwendigen Besuch des Supermarktes aber kamen sie nicht herum, wo sie auch gleich entdeckten, dass in Schwerin mit seinen sieben Seen eine Uferpromenade, die zum Spaziergang einlud, nie weit entfernt war. Da das Wetter auch für die nächsten Tage versprach, sich nur von seiner besten Seite zu zeigen, war dies eine Aussicht, die man während dieses Urlaubs sicher nutzen würde. Ideen von gemütlichen Picknicks und ausgedehnten Spaziergängen kamen spontan in den Sinn. Vielleicht auch statt des Picknicks einfach ein improvisiertes Grillen – Einweggrills gab es an jeder Tankstelle, man musste nur herausfinden, ob und wenn ja welche Grünanlagen für den Umgang mit offenem Feuer freigegeben waren. Zusammen mit den Sehenswürdigkeiten der Stadt würde ihnen gewiss nicht langweilig werden.

Bei diesen Aussichten kehrten auch Henriks Lebensgeister zurück. Kaum war der Einkauf im Kühlschrank verstaut, machte er es sich mit dem Informationsschnellhefter am Küchentisch bequem und teilte Carsten, der in der Zwischenzeit dabei war, seine Tasche auszupacken, mit, was sie unbedingt alles sehen mussten. Um die flämischen Maler würden sie nicht drum herum kommen und die Idee, dass dem Schlossgespenst ein eigenes Museum gewidmet war, sorgte dafür, dass Henrik gleichfalls der Meinung war, dass das Petermännchenmuseum ein Muss war.

„Ich hätte nie gedacht, dass es in Schwerin so viel zu entdecken gibt“, erklärte er staunend, als sich Carsten wieder zu ihm in die Küche gesellte. Dieser lächelte.

„Das kommt daher, dass du die Stadt mit den neugierigen Augen eines Touristen betrachtest. Als Einheimischer weißt du zwar, dass bestimmte Dinge als Sehenswürdigkeit gelten, aber besichtigt hast du die wenigsten. Einfach, weil sie für dich zum Stadtbild gehören und in deinem Alltag keine größere Rolle spielen. So zumindest ging es meiner Schwester, als ihr Brieffreund aus Dänemark zu Besuch kam. Das war in ihrem zweiten oder dritten Semester an der Uni gewesen. Auf einmal stand sie vor der Aufgabe, ihrem Brieffreund die Stadt zu zeigen. Und plötzlich gab es unzählige Dinge, die man besichtigen konnte. Museen, historische Gebäude, Parks… Ich glaube, sie hat das Internet als Informationsquelle nie so sehr zu schätzen gewusst, wie in den Tagen vor dem Besuch. Und dank eines guten Kurzzeitgedächtnisses hat sie bei der individuellen Stadtführung für den Brieffreund einen wirklich glänzenden Eindruck hinterlassen. Er glaubte tatsächlich, sie hätte all die Sehenswürdigkeiten schon mehrmals zuvor besucht, so gut konnte sie ihm die Dinge beschreiben und erklären. Dabei war sie teilweise das erste Mal in den Gebäuden“, erzählte Carsten lachend.

„So betrachtet…“, stimmte Henrik ihm zu. „Das macht einen neugierig, wie ein Tourist unsere Stadt wahrnimmt.“

„Dann gibt es nur eines: Wir fragen einfach nach unserer Rückkehr den Wohnungstauscher, wie er die Stadt empfunden hat“, schlug Carsten vor.

„Ich wollte mich eh bei diesem melden und ihm für die umfangreichen Informationen, die er für uns zusammengestellt hat, bedanken“, gestand Henrik.

„Und vielleicht den ein oder anderen Kommentar bezüglich der Bücher- und DVD-Sammlung abgeben?“, fragte Carsten mit einem wissenden Grinsen.

„Als ob du besser wärst“, kam prompt der Konter und mit einvernehmlichen Lachen gingen beide dazu über, das Wohnzimmer mit seinen wohl sortierten Schätzen genauer unter die Lupe zu nehmen.

Bald darauf waren in der Wohnung die rockigen Klänge der Schweizer Band Gotthard zu hören, von der weder Carsten noch Henrik bis zu diesem Zeitpunkt je etwas gehört hatten, das sie aber aufgrund einer vollständig wirkenden Sammlung an CD-Alben dazu bewogen hatte, den Versuch zu wagen. Zu beider Erleichterung sang die Gruppe nicht auf dem dauerhaft wenig erträglichen Schwyzerdütsch sondern auf Englisch, was nach wenigen Takten trotz mangelnder Textkenntnis zum Mitsingen einlud.

„Ich würde sagen, dass unser Gastgeber hiermit eindeutig einen guten Musikgeschmack bewiesen hat“, erklärte Henrik anerkennend. Sowohl die klassisch rockigen Stücke als auch die nachdenklichen Balladen gefielen ihm ausgenommen gut und er war ernsthaft versucht, sich die CDs als MP3-Dateien zu grabben.

„Einen guten Geschmack in Sachen DVDs scheint er auch zu haben“, meinte Carsten und hielt stolz die erste Box der Star Trek: Raumschiff Voyager Serie hoch. Boxen mit ähnlichem Design neben der im Regal entstandenen Lücke, ließen darauf schließen, dass hier die gesamte Serie Gewehr bei Fuß stand.

„Raumschiff Voyager? Sagt mir nichts…“ Nicht wirklich überzeugt, nahm Henrik Carsten die DVD-Box aus der Hand, um den Text auf der Rückseite zu studieren.

„Wie? Du kennst Voyager nicht???“ Ungläubig starrte Carsten seinen Freund an. „Star Trek vom Feinsten, aber nicht so überstrukturiert wie bei TNG. Dazu die vermutlich genialste Titelmelodie des Star Trek-Universums.“

„TNG?“ Amüsiert schüttelte Henrik den Kopf. „Ich kenne zwar den neusten Star Trek Film und finde ihn auch klasse, aber mit den Serien hab ich es nicht so… Ich hab zwar mal ein paar von den uralten Folgen gesehen, aber sonst… Und die letzte Serie, die lief…“

„Hör mir bloß mit der letzten Serie auf“, unterbrach ihn Carsten. „Die Idee, die Anfänge zu zeigen, ist zwar an und für sich gut, aber die Macher hatten dabei außer acht gelassen, dass alles, was sie zeigen, letztlich auf das Universum der ersten Serie hinauslaufen muss. Dass die erste Serie die Konsequenz sein müsste. Nicht bloß auf technischer Basis, sondern vor allem auf politischer und soziologischer Ebene. Daran hat man erst nach massiver Kritik und somit erst in der vierten und letzten Staffel gedacht, als man zu verschiedenen Schlüsselfolgen der ersten Serie die Vorgeschichte drehte. Man hatte einfach nicht bedacht, dass man mit den drei Serien der 90er Jahre das Star Trek Universum dermaßen verfeinert hatte, dass jeder Zuschauer Aktion und Reaktion im Sinne der Sternenflotten-Direktiven intuitiv erahnen konnte. Da war zu wenig Freiraum für die Freiheiten, die man sich nehmen wollte. Star Trek kennt zwar durchaus auch Action, aber diese ist nie Hauptmotiv der Serie, sondern mehr ein Stilmittel, um deutlich zu machen, dass selbst die besten Absichten und der absolute Wille zur Diplomatie nicht immer siegen können. Die Prequel-Serie dagegen wollte nach dem Credo mehr Action = mehr Zuschauer die rauen Anfänge zeigen, was aber nicht passte. Da ist der nicht weniger actionreiche Schnitt des letzten Star Trek Films besser gewählt. Denn hier wird an den diplomatischen Grundsätzen festgehalten, die ein potenzielles gutes Ende hätten nehmen können, wäre es nicht aufgrund der Unberechenbarkeit des Weltraums zum diplomatischen GAU gekommen, der wiederum in Form eines Abtrünnigen die Action erzwingt, um das Überleben der Philosophie zu gewährleisten“, erklärte er enthusiastisch. „Voyager dagegen steht ganz in der Tradition der alten Serien: Zusammenarbeit, Diplomatie und Forschungsarbeit. Das Ganze wird dadurch gewürzt, dass wir es bei Voyager nicht mit einer standardmäßig rekrutierten Crew zu tun haben, sondern mit einer Truppe, die sich sowohl aus Sternenflottenoffizieren als auch aus Abtrünnigen und in späteren Folgen aufgelesenen Neugierigen besteht. Die Notwendigkeit des Überlebens und der Heimkehr zwingt Mitglieder von Gruppen, die eigentlich vom Gesetz her auf verschiedenen Seiten stehen, zusammen zu arbeiten, während durch die Aufgelesenen die Spannungen so aufgelockert werden, dass ein gemeinsames Ganzes entstehen kann.“

Henrik lachte. „Ich sehe schon, ich werde wohl kaum darum herum kommen, mir mit dir ein paar der Folgen anzusehen.“

Carsten nickte heftig, womit das Abendprogramm besiegelt war.

Bewaffnet mit selbstgebackener Pizza und Cola verfolgten sie auf der schlafbereit umgeklappten Couch über mehrere Stunden gebannt die Abenteuer der Sternenflotte im Delta-Quadranten, wobei Carsten bereitwillig dem Star Trek-Neuling Henrik verschiedene Dinge erklärte, die für einen Veteranen altvertraut waren. Immerhin konnte Henrik zu seiner Verteidigung anführen, dass er in der Star Trek-Dürreperiode groß geworden war, wurden die meisten Leute doch im jugendlichen Alter Star Trek-Fans, so sie denn dem Genre der wissenschaftlichen Science Fiction zugeneigt waren, und man konnte nun wirklich nicht verlangen, aufgrund der Prequel-Serie zum Fan zu werden. Die Prequel-Serie war eine nette Dreingabe für bereits eingefleischte Fans, aber bestimmt nicht für Neueinsteiger. Und Wiederholungen zu obskuren Nachmittagszeiten auf Sendern, die eventuell regional nicht zu dieser Zeit verfügbar waren, zählten hier eh nicht. Umso vielversprechender aber war die neue Zeitlinie, die mit dem elften Kinofilm eingeläutet worden war, und die auch dafür verantwortlich war, dass Henrik überhaupt gewillt gewesen war, sich mit Carsten auf einen Star Trek-Abend einzulassen. Spontan waren es natürlich die Marquis, denen seine Sympathie gehörte, zeigten diese doch deutlich mehr Temperament als die korrekten Sternenflottenoffiziere. Obgleich er aber auch das andere Extrem in Form von Tuvok und dem holographischen Doktor mochte.

Drei Folgen hielt Henrik tapfer durch, dann forderten die Ereignisse des Tages in Kombination mit der bequemen Lage auf dem ausgezogenen Sofa und die wiederkehrenden Musikthemen in der Serie ihr Tribut und er ertappte sich dabei, wie er immer wieder einnickte und ihm zum Teil für das Verständnis der Handlung wichtige Details entgingen. Aber gegen den Schlaf hatte noch kein normalsterblicher Mensch je gewonnen und so ging auch das Duell Henrik versus Schlaf zugunsten des Schlafes aus. Ähnlich wie das Duell Carsten versus Schlaf, das allerdings erst zwei Folgen später ausgefochten wurde.