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Terra 3.0 - Zyklus I - Neo New York - Teil 13 - 16

13

Mitten in der Nacht, so gegen vier Uhr morgens, trafen die ersten Gerätschaften ein und die Nacht war vorbei. Erdogan ließ Lampen an der Grabungsstelle aufstellen, damit sie gleich anfangen konnten, wenn der Bagger zusammengebaut war. Alle waren aufgeregt und Erdogan wurde ungeduldig, als es ihm zu lange dauerte.

„Ganz ruhig, geht gleich los“, flüsterte Leander kurz, als er am Prinzen vorbei eilte. Er koordinierte seine Männer und gab ihnen Aufträge, was als nächstes zu transportieren war, sobald die Tunnel einsatzbereit waren.

Endlich ging es los, denn die Bagger waren zusammengebaut. Jack leitete die Operation, während der Prinz sich mit einem Laptop auf die Seite verzogen hatte. Er war schon einen Schritt weiter. Er erstellte Pläne und Listen, die sie brauchten, wenn sie nicht nur von einer Kuppel zur anderen wollten, sondern nach draußen. Benötigt wurde nicht nur Material sondern auch Personal und so beobachtete er Leanders Männer, wer sich gut machte und wer zwei linke Hände zu haben schien.

Sie brauchten nur die Besten, denn sie hatten eine gefährliche Mission vor sich und so brauchten sie Personal, auf das sie sich im Notfall verlassen konnten. Es hielt Erdogan allerdings nicht mehr an der Seite, als der Bagger anfing zu graben. Er wollte dabei sein, wenn sie auf den Tunnel stießen. „Wie lange brauchen wir bis wir da sind?“, fragte er Jack.

„Bis wir wo sind?“, fragte der Geologe etwas irritiert. „In der Laborkuppel? Keinen Schimmer. Erst mal müssen wir den Tunnel öffnen, dann müssen wir hoffen, dass er nicht eingestürzt ist und dann haben wir noch ein Stück Weg vor uns.“ Jack sah den Prinzen an. War es das, was er wissen wollte oder würde der Kerl noch weiter fragen und ihn vom Beobachten abhalten?

„Nein, bis wir den Tunnel erreicht haben und ihn anbohren können.“ Erdogan beugte sich ein wenig vor, damit er sehen konnte, wie tief das Loch bisher war. Sie konnten nicht einfach ein Loch graben, dafür war der Bagger zu klein, Sie mussten sich nach und nach tiefer buddeln, damit sie die drei Meter überwinden konnten.

„Mit zwei Stunden musst du schon rechnen“, entgegnete Jack, sah dabei aber nicht hoch. Er machte immer wieder Aufnahmen von den Bodenschichten. Der Boden war hier Jahrzehnte lang nicht angerührt worden. Die Schichten waren relativ natürlich entstanden. Das musste er untersuchen. So nahm er immer wieder etwas vom Aushub in die Hand, rieb es, schnupperte daran und machte sich Notizen.

Neben ihm stapelten sich mehrere Probengläser. Die Kuppel hier war erstaunlich intakt dafür, dass sie so lange nicht genutzt worden war. Vielleicht lag es ja an der Zusammensetzung des Bodens, dass das Wasser sich bis jetzt kaum durch den Beton gedrängt hatte. Jack vergaß alles um sich herum und war ganz in seinem Element, so dass er sogar ein wenig lächelte, was Erdogan und Leander schmunzeln ließ.

„Wie ein Kind im Sandkasten“, grinste Leander, machte aber, dass er wieder zu seinen Leuten kam. Er hastete ihnen hinterher zum Haus, wo mit Thom der Generator aufgebaut werden sollte, um die kleine Truppe die ersten Tage mit Strom versorgen zu können, bis die Kuppel entweder wieder ans Netz ging oder autark arbeitete.

Erdogan hingegen saß nun mit auf dem Bagger und beobachtete den Fahrer, ohne ihn zu stören. Das war die Bedingung gewesen, denn jede Störung hielt sie vom Graben ab und das war sowohl für Jack als auch für Erdogan nicht hinnehmbar. Er prägte sich ein, wie der Bagger gesteuert wurde, so konnte er im Notfall einspringen.

Sie kamen recht gut voran. Jack hatte einen guten Platz ausgesucht, mit wenigen Wurzeln, die sie durchsägen mussten, weil der Bagger sie nicht zerreißen konnte. Der Geologe lag mit seiner Einschätzung ziemlich richtig, als sie auf die Tunneldecke stießen und der Baggerführer den Motor ausstellte, weil er nicht weiterkam.

„Hört mal alle her!“, sagte Erdogan und über die Headsets erreichte er jeden hier vor Ort. „Legt die mitgebrachten Schutzanzüge an. Jacks Messungen gestern haben zwar nichts ergeben, aber wenn wir jetzt die Betondecke öffnen, will ich, dass keinem von uns leichtfertig etwas passiert. Wenn alle fertig sind, sagt Bescheid. Dann machen wir weiter.“ Erdogan wollte auf Nummer sicher gehen. Es war nicht so, dass er Jack nicht traute, aber ein kleines Loch zum messen war etwas anderes als ein Krater, der zwei Meter im Durchmesser hatte.

Es dauerte nicht lange und aus allen Bereichen wurde gemeldet, dass die Schutzanzüge angelegt waren. Jetzt kam Jacks großer Augenblick. Mit der Hilfe von ein paar Soldaten baute er den Bohrer auf und gab allen ein Zeichen, sich ein wenig zurückzuziehen. Zuerst einmal kam die kleine Probebohrung, durch die sie erneut messen konnten, ob der Tunnel verseucht war. Diese konnten sie leichter wieder verschließen, wenn es notwendig war. Die Messgeräte wurden in Position gebracht, ebenso die Sonde im Kopf des Bohrers. Dann ging es los.

Aufgeregt lief Jack immer hin und her, während Erdogan versuchte, souverän zu wirken. Doch auch er war von Neugier zerfressen, denn von dem Ergebnis der Messungen hing eine Menge für ihn ab.

Tiefer und tiefer fraß sich der Bohrer quietschend und schreiend in den Beton. Einen Meter - und noch immer kein durchkommen.

„Ziemlich massiv“, murmelte Jack und notierte auch das. Das war auf jeden Fall schon einmal ein gutes Zeichen. Wenn sie schneller vorankommen würden, dann war die Wahrscheinlichkeit höher, dass die Tunnelwände porös und in einem schlechten Zustand waren.

Immer wieder kontrollierte Jack die Einstellungen und war selber etwas überrascht, als sie den Beton durchbrachen. Schnell stellte er den Bohrer aus und fuhr die Sonde aus. „Alles in Ordnung“, rief er nach ein paar Augenblicken, in denen alle, die um das Loch standen, die Luft angehalten hatten. Er zog den Bohrer zurück und wartete auf die Messungen der Geräte rund um das Loch. Doch abgesehen davon, dass die Luft abgestanden war, schlug nichts Verdächtiges an. Selbst die Keimzahlen waren im erträglichen Rahmen.

„Die Anzüge können wieder abgelegt werden“, erklärte er und machte den Anfang, um zu beweisen, dass er seinen Messungen traute.

Erleichtert schälten sich alle aus den Anzügen. Die waren nicht sehr bequem, aber sie sollten sich wohl besser daran gewöhnen, wenn sie nach draußen wollten. Jack wechselte den Bohrkopf, so dass sie nach und nach das Loch vergrößern konnten, bis er hindurchpasste und sich in den Tunnel abseilen konnte.

„Du wirst nicht alleine gehen“, erklärte Erdogan gerade, als Leander wieder am Schauplatz erschien und sich aus seinem Anzug schälte.

„Und du wirst auch nicht mitgehen, denk an deine Verletzung“, sagte er und machte klar, dass er derjenige war, der Jack begleiten würde. „Und denk nicht mal dran, mit mir zu diskutieren.“ Er hatte es Thom überlassen, den Strom gangbar zu machen. Sie hatten eine Kühleinheit angeschlossen, um die Vorräte zu lagern und gerade versuchte der Techniker, etwas bescheidenen Luxus in die Hütte zu zaubern – Licht.

Ein wenig verstimmt darüber, dass Leander ihm in die Parade gefahren war, brummte Erdogan unwillig, aber er nahm es hin. Wenn sie jetzt anfingen zu streiten, machte das keinen guten Eindruck auf die Männer. Er musste eben warten, bis Jack für alle grünes Licht gab und sie endlich nach dem Labor suchen konnten.

Der Bohrer fräste das Loch größer und größer, während Jack immer wieder besorgt Messungen machte. Doch es änderte sich nichts. Die Luft war abgestanden aber nicht schädlich. Das war gut. Und sie war ziemlich trocken, ein gutes Zeichen dafür, dass nicht irgendwo in einem Tiefpunkt Wasser stand, was ihnen dann den Weg abschnitt.

Die Soldaten standen herum und unterhielten sich leise. Leander hörte ihnen zu, wie sie mutmaßten, was hier eigentlich passierte. Man hatte es vorgezogen, sie nicht zu intensiv einzuweihen. Noch war die Mission nicht offiziell.

Immer noch verstimmt half Erdogan Leander das Klettergeschirr und die Ausrüstung anzulegen und prüfte mit ihm zusammen, ob auch alles funktionierte. Wenn er schon nicht mit durfte, so wollte Erdogan wenigstens sehen können, wie es dort unten aussah. Leander trug eine kleine Kamera und der Prinz konnte das Signal mit seinen Linsen empfangen. „Seid vorsichtig“, sagte er noch, als Jack langsam in den Tunnel abgelassen wurde.

„Wir kommen wieder, keine Sorge“, sagte Leander und folgte Jack, der sich um einiges gewandter abseilte als der Soldat. Es schien, als würde der Geologe das nicht zum ersten Mal machen, doch Leander fragte lieber nicht nach. Er ließ sich von der Schwärze verschlingen, als er durch das Loch war. Nur von dort fiel fahles Licht in den Tunnel, der sich zu beiden Seiten ausbreitete und dessen Ende man nicht sehen konnte. „Lampe an“, kommandierte Jack und augenblicklich wurde der Tunnel erleuchtet.

Jack bedeutete Leander, erst einmal zu bleiben, wo er war und schaltete das Messgerät ein, mit dem er die Tunnelwände auf eventuelle Risse untersuchen konnte. Er lief ein wenig vor und pfiff schließlich leise. „Das ist interessant. Unglaublich“, murmelte er immer wieder leise und machte Leander ganz kribbelig damit, weil der nicht wusste, was er davon halten sollte.

War interessant jetzt gut oder eher schlecht?

Waren die Wände kurz vor dem Einsturz, und Jack fragte sich, warum sie noch hielten oder was war hier los?

„Was!“, brachte der Soldat schließlich gepresst hervor und straffte sich. Er war ausgebildet für solche Situationen, auch wenn er nicht geglaubt hatte, je in eine solche zu kommen. Er kam etwas dichter zu Jack um auf die Anzeigen zu sehen. Er würde sie nicht verstehen, aber sie würden ihn vielleicht etwas beruhigen.

„Ihr seid sicher, dass der Tunnel alt ist und seit ungefähr fünfhundert Jahren nicht mehr benutzt wurde?“, fragte Jack und sah zu Leander auf. Der sah den Geologen nur verwirrt an und nickte.

„Sicher, er war nirgends eingezeichnet. Keiner wusste von ihm.“ Leander wusste nicht, was diese Frage sollte. Jack sah den Soldaten an und schüttelte den Kopf.

„Tja, das kann so nicht richtig sein. Irgendjemand hat von ihm gewusst und ihn instand gehalten. Dieser Tunnel ist alt, aber er wurde gewartet.“

„Er wurde bitte was?“, fragte Leander und auch Erdogan, der alles mithörte und sah, was Leander sah, wurde unruhig.

„Was soll das heißen?“, wollte der Prinz wissen. Das war doch unglaublich. „Ich komme runter!“

Leander seufzte, er hatte damit gerechnet, dass der Prinz nur auf eine Gelegenheit wartete, die ihn über Leanders Vorgaben hinweg steigen ließ – so wie jetzt. Also versuchte er gar nicht erst, dagegen zu reden, sondern wartete, bis der Prinz zu ihnen hinab gelassen worden war. Erdogan wollte das mit eigenen Augen sehen.

Jack wartete mit seiner Erklärung, bis der Prinz bei ihnen war, denn er hatte keine Lust, alles zweimal zu erläutern. Er lief ein wenig von der Bohrstelle weg und leuchtete mit seiner Lampe auf den Boden. „Erst einmal ist der Tunnel zu gut in Schuss. Er ist alt, das ist keine Frage, aber wenn hier seit mehreren Jahrhunderten niemand mehr war, müsste es anders aussehen. Beton ist zwar langlebig, aber auch nicht unzerstörbar. Es müssten Risse und andere Alterserscheinungen zu sehen sein. Diese gibt es, aber sie wurden ausgebessert.“ Jack leuchtete auf eine Stelle, wo solch eine Reparatur zu sehen war. „Und ich wette mit euch, wenn wir diesen Beton untersuchen, der für diese Reparatur benutzt wurde, ist er unter Garantie keine 500 Jahre alt, sondern aus unserer Zeit.“

„Das heißt, der Tunnel wurde oder wird noch benutzt“, folgerte Erdogan und sah Leander an. Er führte von draußen in das Labor und wurde noch benutzt. Was das bedeutete, wollte er sich erst einmal nicht ausmalen.

„Wir sollten nicht alleine zum Labor aufbrechen. Wie brauchen Verstärkung. Das sollten wir oben besprechen!“ Leander rechnete im Kopf durch. Sie brauchten mindestens zwanzig Mann. Es sollten die reichen, die schon in der Kuppel waren. Und wenn der Tunnel noch benutzt wurde, waren die Eigentümer sicherlich nicht begeistert darüber, dass sie das Ding angebohrt hatten. Was wenn sie wiederkamen und den Prinzen und seine Männer überraschten?

„Geht hoch und besprecht das, ich komme gleich nach. Auch wenn der Tunnel stabil aussieht, will ich mich selber davon überzeugen.“ Jack wedelte mit einer Hand und lief auch schon los. Bei dem, was die Soldaten besprechen wollten, konnte er sowieso nicht helfen. „Ich gehe auch nicht weit und bin vorsichtig“, rief er noch, als Leander Luft holte, um etwas zu sagen. Er sah den Prinzen an. „Du da – ich da!“, wies er Erdogan an, oben abzuklären was passieren wird, während er Jack hinterher setzte. Sie konnten den Mann unmöglich alleine lassen. Auch wenn er stur war, so hatten sie sich doch irgendwie – akzeptiert. „Warte!“

Erdogan ließ sich hochziehen und befahl augenblicklich alle Soldaten und die O’Rayley-Brüder zu sich. Jetzt zahlte es sich aus, dass der Prinz die Männer beobachtet hatte. So fiel es ihm leichter zu entscheiden, wer von denen sie begleiten sollten. Fünf Männer kommandierte er ab, um das Lager zu bewachen, damit sie keine böse Überraschung erlebten, wenn sie wiederkamen.

Als die Soldaten losgingen, um ihre Ausrüstungen zu holen, brachte Erdogan Thom und Daniel auf den neuesten Stand. Er ließ ihnen die Wahl, ob sie unter diesen Bedingungen das Team zum Labor begleiten wollten. Erdogan machte keinen Hehl daraus, dass er einen Techniker und einen Arzt in dieser unsicheren Situation gern dabei hätte, konnte aber verstehen, wenn die Zivilisten ablehnten. Doch das geschah nicht. Eher im Gegenteil. Thom war gleich begeistert von der Idee, weil er sich den Tunnel dann selber ansehen konnte und Daniel wollte nicht allein zurückbleiben.

„Gut, macht euch fertig, Abmarsch ist in fünfzehn Minuten.“ Die Brüder liefen los und Erdogan fragte bei Leander nach, ob sie nachkommen konnten.

„Der Tunnel ist sicher, ihr könnt kommen“, gab der Soldat grünes Licht und Erdogan ließ sich und die ersten Soldaten abseilen. Alles lief perfekt und der Prinz war zufrieden. Er selber ging als letzter nach Thom und Daniel. „Kann losgehen“, gab er an Leander durch.

„Garry vor zu mir und Jack, Zag und Christian als Nachhut. Haltet uns den Rücken frei“, gab Leander Order. Sie hatten auch am Loch Wachen aufgestellt, die den Tunnel unter sich beobachten sollten. Nicht dass ihnen unbemerkt jemand folgte. Das konnten sie wirklich nicht gebrauchen.

Langsam gingen sie vorwärts. Ihre schweren Stiefelschritte hallten in dem endlos scheinenden Gang. „Keine Risse, keine Wurzeln. Nichts.“ Leander war vom Zustand wirklich beeindruckt und er fragte sich, wer den Tunnel nutzte.

Waren es die Fremden?

Waren diese Wesen ihnen so nah gewesen und sie hatten nichts davon bemerkt?

Leander schauderte, schob den Gedanken aber erst einmal beiseite. Spekulationen halfen ihnen nicht. Sie brauchten Beweise. Wenn sie diese hatten, konnten sie weiterplanen. Jetzt hieß es wachsam und auf alles gefasst zu sein.

Während Jack sich fasziniert den Wänden widmete, Bilder machte und Proben nahm, kümmerte sich Thom um die Orientierung. Er hatte ihre Peilsender auf die Karte geladen und konnte nun verfolgen, wo sie waren, wie viel sie schon zurückgelegt hatten und welchen Weg sie noch vor sich hatten. Sie kamen überraschend gut voran, auch wenn die dünne Luft hier unten das Atmen nicht leichter machte und ab und an für Sekunden die Peilsender versagten, weil die Decke über ihnen einfach zu dicht war.

Sie brauchten ungefähr 45 Minuten, bis sie zu einem Schott kamen. Die Tür sah massiv aus und wenn sie diese aufbrechen mussten, verloren sie nur Zeit, die sie nicht hatten. „Das sieht nach Arbeit für dich aus, Thom“, sagte Leander und deutete auf das Eingabefeld für den Öffnungsmechanismus. Wenn einer schaffte, dieses Schott zu öffnen, dann ihr Techniker.

„Ich werde mein Möglichstes versuchen“, erklärte Thom, hatte sich aber schon vor dem Eingabefeld niedergelassen. Auch das sah nicht so aus, als wäre es seit fünfhundert Jahren nicht benutzt worden.

Ganz im Gegenteil.

„Das Ding ist nachträglich eingebaut worden“, erklärte er, denn die Technik war nicht alt. Das war das neueste vom neuesten. Was bedeutete, dass das Labor heute noch genutzt wurde. Er sah die anderen an und wusste, dass sie begriffen, was er damit sagen wollte. Wenn sie Pech hatten, waren die Eigentümer zuhause und beobachteten sie schon.

„Shit“, fluchte Leander und gab seinen Männern ein Zeichen. Hier gab es keine Deckung für sie, wenn sie von drinnen angegriffen wurden. „Erdogan, Daniel, Jack nach hinten und keine Widerworte“, befahl er und funkelte den Prinzen an, der schon protestieren wollte. „Zag, Christian, ihr seid für ihre Sicherheit verantwortlich.“ Leander wusste zwar, dass das alles nicht viel nutzte, wenn sie wirklich angegriffen wurden, aber er wollte vorbereitet sein.

Garry und seine Leute gingen neben der Tür in Position und hatten die Waffe im Anschlag. Thom rutschte das Herz in die Hose. Hoffentlich geriet er nicht zwischen die Fronten, wenn es schlagartig hektisch wurde. Mit zitternden Fingern machte er sich am Eingabefeld zu schaffen. Er wusste ganz genau, wenn er die Platte abschraubte, ging ein Alarm los. So waren die Dinger nun einmal programmiert, es blieb ihm also nur, den Alarm zu umgehen, ehe er an die Drähte kam.

Er holte noch einmal tief Luft, um sich zu beruhigen und seine zitternden Finger wieder ruhig zu bekommen und machte sich ans Werk. Er konnte dieses Schloss knacken, das wusste er, allerdings konnte er nicht sagen, wie lange es dauerte. Es war eigentlich für die Absicherung von Höchstsicherheitsbereichen gedacht und dementsprechend sicher verschlüsselt. „Kann ein wenig dauern“, murmelte er darum und fing an.

„Mach es richtig, nicht schnell“, sagte Leander, um Thom den Druck zu nehmen. Ihnen konnten nur zwei Dinge passieren:

Angriff von vorn - dann war die Tür offen.

Oder Angriff von hinten - dann liefen sie genau in die Gewehrmündungen von Zag und Christian, was eine ganz dumme Idee war. Die beiden waren Scharfschützen und verfehlten nie ihr Ziel. Mit Fallen direkt vor der Tür rechnete er nicht. Dann hätten sie unterwegs schon welche finden oder auslösen müssen. Anscheinend hatten die Eigentümer nicht damit gerechnet, dass jemals Unbefugte hier auftauchten.

Das konnte ein Vorteil für sie sein, denn jemand, der sich sicher fühlte, vernachlässigte oft seine Sicherheit und seine Verteidigung. Wissenschaftler glaubten oft, dass eine dicke Tür einen ausreichenden Schutz bot. War zu hoffen, dass es hier auch so war.

Stille hüllte sie ein, nur die leisen Geräusche, die Thoms Geräte und Werkzeuge machten, waren zu hören und die Spannung lag fast greifbar in der Luft. „Mehr Licht“, sagte Thom und Leander kam näher, um mit seiner Stirnlampe zu leuchten. Dabei beobachtete er, wie Thom ein kleines Gerät an die Eingabeeinheit ankoppeln wollte. Er wagte nicht zu fragen, was das sollte. Thom würde es ihm sicher ausführlich erklären und erwarten, dass der Soldat es verstand.

„Hab’s gleich“, nuschelte Thom und dann atmete er tief aus. „So!“ Er konnte damit beginnen, die Einheit auszubauen. Der Alarm sollte tot sein. Das Schwierigste war geschafft. Jetzt musste er nur noch den Öffnungsmechanismus überbrücken und sie konnten das Schott öffnen. Das hörte sich zwar einfach an, dauerte aber noch einmal mindestens eine viertel Stunde, bis Thom das Zeichen gab, dass er soweit war.

Leander kam zu ihm und sah sich alles an. „Okay, zeig mir, was zu machen ist und geh zu deinem Bruder. Ich werde die Tür öffnen.“

„Hier drücken und hoffen, dass die vier kleinen Lampen grün werden“, sagte Thom. Das System war raffinierter gewesen, als er gehofft hatte. Er hatte nicht nur einen Linsenscan umgehen, sondern auch einen Chip-Transponder überlisten müssen. Anscheinend gab es nur eine Hand voll Leute mit implantierten Chips, die Zutritt haben sollten und das wiederum hieß: sie kamen aus den eigenen Reihen. Doch das wollte er Leander in einer ruhigen Minute sagen.

„Okay.“ Leander wartete bis Thom weg war und vergewisserte sich noch einmal, ob alle wussten, was zu tun war. Dann betätigte er den Knopf. Alle hielten die Luft an, als die Lämpchen blinkten und schließlich grün wurden. Die Mechanik des Schotts lief an und die mächtigen Flügel öffneten sich nach innen. Angespannt warteten alle darauf, was jetzt passierte und als niemand zu sehen war, ließ Leander einen Stoßtrupp vorrücken.


14

Diesel und Josh sicherten die Tür und winkten ihre Kollegen dann durch. Der Gang war hell erleuchtet. Woher bezog das Labor seinen Strom? Das war die erste Frage, die Leander durch den Kopf ging. Die Wände waren sauber geputzt, der Boden makellos. Das war unglaublich. An den Wänden waren Pfeile, die mit verschiedenen Hinweisen beschriftet waren.

„Aqua, Terra, No Go... was hat das alles zu bedeuten?”, knurrte Diesel. Er fühlte sich wie in einer anderen Welt. Sie waren unter dem Meer, ein komisches Gefühl.

„Das werden wir herausfinden.“ Leander war immer noch angespannt, auch wenn er davon ausging, dass sie nicht angegriffen wurden. „Seht euch um, immer zwei als Team“, befahl er. Sie mussten den Eingang sichern, dann konnte er die anderen hereinholen. Die Soldaten liefen los und erst als Leander die Bestätigung hatte, dass in ihrer näheren Umgebung keine Gefahr lauerte, ließ er Erdogan und die Brüder nachkommen.

„Ihr bleibt bei mir und dem Prinzen“, klärte er die O’Rayley-Brüder auf und weil keiner in die Richtung mit der Aufschrift „Ex“ gegangen war, nahmen sie sich diese Gänge vor. Er wusste nicht, was er zu finden erwartete. Ihn wunderte es nur, dass die Gänge hell beleuchtet waren und niemand da zu sein schien.

„Wer arbeitet hier, verdammt?“, fragte Leander und Thom gab leise seine Erkenntnis die Chips betreffend weiter.

„Was soll das heißen, sie kommen aus den eigenen Reihen? Bist du verrückt?“ Leander blieb stehen und sah Thom wütend an. Wie konnte der so was behaupten?

„Jetzt komm mal wieder runter. Ich hab ja nicht gesagt, dass einer von uns dahinter steckt. Das Schloss ist die neueste Technik. Das Ding hat einen Chip-Transponder. Wer auch immer dieses Labor benutzt, er kommt aus der Hauptkuppel, denn nur dort kommt er an die Chips.“ Thom konnte zwar verstehen, dass es Leander nicht schmeckte, aber sie mussten sich wohl vor Augen halten, dass hier einiges an Fürst und Militär vorbeilief.

„Verdammte Scheiße!“ Leander versuchte nicht einmal, sich zu beherrschen. Keiner seiner Männer konnte ihn sehen und es war der geeignete Augenblick seinen Frust frei zu lassen. „Kannst du rausbekommen, für welche Transponder die Tür frei geschalten ist? Ich will die Verräter haben und zwar auf einem Silbertablett.“ Er wusste noch nicht, was er dann mit ihnen tat, doch er wusste, dass es nicht schön sein würde. Vielleicht war das Labor hier – abgeschottet und vergessen – der ideale Ort dafür.

„Ich werde es versuchen, aber versprechen kann ich nichts. Hoffen wir, dass sie sich sicher gefühlt haben und nachlässig waren.“ Thom fühlte sich unbehaglich, besonders, als er das Gesicht des Prinzen gesehen hatte. Erdogans Augen glitzerten und seine Gesichtszüge wirkten wie versteinert. So sah er nur aus, wenn er sehr wütend war und kurz davor stand zu explodieren.

„Sie gehören mir“, zischte er leise und seine Hand strich über die Stelle, wo sein eigener Chip steckte. Die Dinger standen unter Verschluss und man kam nicht einfach so an sie heran.

„Diskutieren wir das später aus, ich würde sagen, wir sehen uns um und checken die Lage. Ich will nicht da sein, wenn die Eigentümer nach Hause kommen“, schlug Daniel vor. Die wabernde Aura der Aggression in der Luft machte es ihm nicht leichter, hier zu sein.

„Hast recht“, knurrte Leander, doch in seinem Kopf liefen die Gedanken kreuz und quer. So gut wie jeder aus der Hauptkuppel kam in Frage und das war nicht akzeptabel. „Gucken wir, was sie hier gemacht haben und warum alles am Fürstenhaus vorbei gegangen ist.“ Denn er war sich irgendwie sicher, was sie finden würden, dürfte ihnen nicht gefallen.

Sie liefen wieder los und kamen an eine Tür, die sich öffnen ließ. „Himmel“, keuchte Erdogan als er erkannte, was sich hinter dem Kürzel EX verbarg, dem sie gefolgt waren. Ex bedeutete wohl so viel, wie Exponate, denn in einer großen Halle reihten sich Regal an Regal, gefüllt mit Gefäßen, in denen Körper schwammen. Menschliche und Tierische und Mischungen daraus, so wie es aussah.

Thom, der neben ihm gestanden hatte, starrte wie paralysiert auf eines der Gläser. Tote Augen starrten ihn aus etwas an, was vielleicht mal ein menschlicher Kopf hätte werden sollen, wären die Ziegengene nicht dazwischengekommen. Seine Augen wurden größer und größer, sein Puls raste ehe er sich geräuschvoll neben der Tür erbrach. Das war zu viel für ihn gewesen. Daniel war gleich bei seinem Bruder. Er zwang sich, nicht hinein zu sehen. Er wollte es nicht wissen und auch Leander zog Erdogan zurück und schlug die Tür zu.

Das war absolut harter Tobak.

„Wir wissen jetzt zwei Dinge“, sagte Leander schwer keuchend und lehnte sich gegen die geschlossene Tür. „Erstens: die Fremden kommen wohl von hier. Sie haben das Labor nicht aus Rache angegriffen, sie brauchten etwas aus dem Fundus unseres Labors. Zweitens“ – er deutete hinter sich auf die Tür – „wissen wir jetzt, warum sie sich verbergen. Mein erster Gesprächspartner nach unserer Rückkehr wird Frankenstein sein!“ Die Parallelen waren ihm zu offensichtlich!

„Oh ja, das glaube ich auch.“ Erdogan war leichenblass und fragte sich, ob auch Meodin irgendwann einmal hier gelandet wäre, wenn er nicht seinen Zweck erfüllte. Allein dieser Gedanke drehte ihm den Magen um. Das durfte nicht passieren. Mühsam riss er sich von den Gedanken los und sah Leander an. „Komm, lass uns sehen, was wir sonst noch finden.“

„Ich will gar nichts mehr finden“, murmelte Thom und rappelte sich wieder hoch. Er spülte sich den Mund und stützte sich an der Wand ab. Die Bilder von eben ließen ihn nicht los. „Willst du zurück? Zwei von den Jungs würden dich begleiten“, sagte Leander, erklärte aber auch, dass er eigentlich Bauchschmerzen bei der Sache hatte, denn er wollte ungern solch eine kleine Gruppe ziehen lassen. Manchmal war die Masse einfach der sicherste Schutz.

„Nein, geht schon“, nuschelte Thom und kaute eine Packung Pfefferminz, um den Geschmack loszuwerden. Dann gingen sie den Weg zurück. Die restlichen Türen des Ex-Bereiches wollten sie gar nicht mehr öffnen.

War nur zu hoffen, dass die anderen Bereiche nicht so gruselig waren und ihnen etwas mehr über die Nutzer dieser Anlage verrieten. Erdogan horchte auf, als ein Trupp ihnen meldete, dass sie eine große Bibliothek gefunden hatten. Das war doch schon mal nicht schlecht. „Lasst uns einen Computer suchen. Vielleicht finden wir dort etwas, was uns nutzen könnte.“

Sie liefen die Gänge entlang und waren ein paar Minuten später dort, wo Diesel und Josh die Regale mit den Büchern gefunden hatten. Interessanter aber waren die PCs, die herum standen. „Es sieht so aus, als hätten sie hektisch das Labor verlassen“, sagte Josh und deutete auf die noch laufenden Anlagen. Die Aufzeichnungen stoppten irgendwann gegen Mitternacht. Gestern waren also noch die Eigentümer da gewesen. Das war, ehe der Tunnel freigelegt worden war.

Unglaublich.

Die Zeitschienen machten Leander stutzig.

„Sie waren gestern noch hier“, murmelte Erdogan und kam wohl zu den gleichen Ergebnissen, wie Leander. Sie hatten gewusst, dass jemand den Tunnel anbohren wollte und hatten sich aus dem Staub gemacht. „Jemand hat sie gewarnt“, zischte er wütend.

„Und so viele waren es nicht, die wussten, wo wir hin wollten!“ Leander schlug mit der Faust auf den Tisch, dass die Analysenanlage kurz piepste und sich wegen der Erschütterung neu kalibrierte.

„Thom, check mal die Rechner, ob wir etwas davon gebrauchen können. Wie machen wir weiter? Wir wissen jetzt, dass es diese Bude hier gibt. Wir wissen noch nicht, wem sie gehört und wir wissen auch nicht, warum sie hier forschen. Bleiben wir hier? Ich glaube allerdings nicht, dass sie zurückkommen werden. Sie haben überall Kameras, ich würde mein Fell verwetten, dass sie uns gerade beobachten.“ Suchend sah der Soldat sich um. Erdogan nickte. Das war wohl wahrscheinlich.

„Wir werden diese Anlage untersuchen und sehen, was uns nutzt. Das ist vielleicht die einzige Möglichkeit, mehr über die Betreiber herauszubekommen. Allerdings sollten wir so schnell wie möglich alle Video- und Audioverbindungen kappen, damit sie uns nicht mehr überwachen können.“ Das sollten sie sofort in Angriff nehmen.

„Thom“, sagte Leander nur und der Techniker nickte. „Nimm dir zwei von den Jungs und dann macht, was immer notwendig ist, damit uns die Flöhe nicht mehr im Pelz sitzen.“ Leander war gereizt und versuchte das nicht an seinen Männern auszulassen. Unter ihren Füßen war jahrelang etwas gelaufen, von dem sie nicht einmal etwas geahnt hatten. Männer aus den eigenen Kreisen züchteten Dinger, die dann die Hauptkuppel angriffen. Das war Krieg – er konnte es nicht anders sagen.

„Der Rest durchforstet die Unterlagen. Ich will Namen!“

Er erteilte die entsprechenden Befehle und dann hüllten sie sich erst einmal in Schweigen. Solange sie nicht sicher sein konnten, dass sie nicht mehr abgehört wurden, sollten sie nicht über ihre Pläne reden. Nicht dass sie ihren Beobachtern noch in die Hände spielten.

„Perverse Spinner“, zischte irgendwann Josh. Er war auf Aufzeichnungen gestoßen, die sich damit befassten, Tiere mit Elektroden so fern zu steuern, damit sie Kameras oder Sprengstoff für ihren „Herrn“ transportierten. Was hatten diese Bastarde vor? Er deutete Leander nur an, um was es ging. Reden würden sie später.

Derweil suchte der Prinz Aufzeichnungen über die Baupläne. Er wollte wissen wie groß die Anlage war und ob es nur den einen Tunnel gab. Wenn ja: wo waren die Eigentümer hin? Sie konnten unmöglich nach draußen geflohen sein.

Wo waren sie?

Wo war dieser Mist abgelegt?

Erdogan fluchte, viel lieber wäre er jetzt mit Leander unterwegs, der mit seinen Männern die Anlage durchsuchte. Er war Soldat und kein Computerexperte. Missmutig klickte er sich durch die Dateien, konnte aber nicht wirklich finden, was sie brauchten.

„Die Leitungen nach draußen sind tot!“, hörte er plötzlich Thom in seinem Headset und Erdogan zuckte zurück. Zeitgleich fuhren die Rechner im Archiv hoch. Jeder einzige und zeigten alle das gleichen Bild: Ein Balken, der langsam von links nach rechts wuchs. Überschrieben war er mit den Worten: Löschung der Datenspeicher aktiviert. Abgeschlossen in 30 Sekunden.

„So eine verdammte Scheiße!“ Erdogan brüllte, es war ihm egal, was die anderen von ihm dachten.

„Die Festplatten werden gelöscht“, fluchte er laut, als Leander nachfragte, was los sei. „Wir verlieren alle Daten und ich kann es nicht aufhalten.“ Erdogan hämmerte auf den Tasten herum, aber die Computer nahmen keine Befehle mehr an. So konnte er nur zusehen, wie der Balken am rechten Ende ankam und die Bildschirme dunkel wurden.

„Mist!“ Thom, der ebenfalls zugehört hatte, war losgelaufen, um vielleicht noch zu retten, was zu retten war, doch als er ankam, waren die Bildschirme dunkel. „Sie haben sich abgesichert, hätte ich auch gemacht“, murmelte er leise. Doch jetzt hatten sie das Problem, dass sie keine der Aufzeichnungen nutzen oder auswerten konnten. Sie würden so schnell nicht erfahren, was hier passiert war und frustriert, wie auch Erdogan war, trat Thom gegen einen Schrank.

„Warum haben wir bloß nicht daran gedacht. Wir hätten dasselbe getan“, fluchte Erdogan. Sie waren zu sorglos herangegangen, weil sie sich zu sicher gewesen waren. Doch jetzt zu jammern nutzte gar nichts. Sie mussten versuchen, zu nutzen, was noch da war. „Okay, suchen wir dieses verdammte Labor ab, ob wir noch etwas finden, was wir nutzen können. Vielleicht haben sie bei ihrem Aufbruch was übersehen.“

„Diese Mistkerle“, fluchte Thom immer noch, doch der Prinz hatte Recht. Katzenjammer nutzte ihnen nichts. Sie mussten sehen, dass sie mit dem, was noch da war, arbeiten konnten. „Checkt die Regale, die Schubkästen, alles, wo man Zeug hinwirft und es vielleicht vergisst, wenn man sich beeilen muss. Vielleicht haben wir Glück und die Schusseligkeit eines der Kerle kommt uns zu gute.“ Es konnte doch nicht sein, dass sie ständig zu spät kamen. Sie waren doch die Guten – so durfte das nicht laufen!

„Okay, jeder nimmt sich einen Raum vor. Wir fangen in den Räumen an, in denen PCs stehen. Da ist die Wahrscheinlichkeit am Größten, dass wir fündig werden. “ Erdogan übernahm die Führung und fing gleich im Archiv an. Thom nahm sich eines der Büros vor. Es wäre doch gelacht, wenn es da nichts mehr geben würde. So viel Zeit hatten die Kerle auch nicht gehabt, um ohne Fehler zu arbeiten. Leander und seine Männer teilten die übrigen Räume im Archiv auf. Sie wussten nicht, was sie suchten, doch alles, was ihnen half, herauszufinden, wo die Verräter saßen und warum sie das Labor betrieben, war von Vorteil. Nicht zu vergessen die Baupläne, denn wenn es noch mehr Zugänge gab, sollten sie das wissen und unterbinden.

Sie durchsuchten alle Schreibtische. Alles, was nur im Entferntesten nach Datenträger aussah, wurde gesammelt und zu Thom gebracht, damit er es untersuchen konnte. Der Techniker konnte also nicht mehr mitsuchen, dafür musste Jack mithelfen. Der Geologe hatte zwar gezetert und gemault, aber ein paar Drohungen von Erdogan hatten ihn umdenken lassen. Denn von dieser Mission ausgeschlossen zu werden, kam gar nicht in Frage. Jetzt hatte er Blut geleckt und darum suchte er, wenn auch immer noch meckernd.

Derweil baute einer der Soldaten einen Rechner ab, um ihn mitzunehmen. Daten waren nicht mehr drauf, aber vielleicht konnten sie die diversen Datenträger damit lesen. Thom wusste, dass er diese Nacht wenig Schlaf bekommen würde, doch das machte ihm nichts aus. Er war in seinem Element. Und so hamsterte er alles, was er kriegen konnte.

„Wenigstens einer, der Spaß hat“, knurrte Leander. Er war unzufrieden. Sie waren vorgeführt worden wie kleine Schuljungen. Sie hatten ihre Gegner unterschätzt und hatten dafür bezahlt. Das passierte ihnen nicht noch einmal.

Leander trieb seine Leute an und der Berg technischer Geräte, die sich auf dem Tisch stapelten, wurde immer größer. So brauchte Thom Tage oder Wochen, um alles zu sichten. Das dauerte zu lange. Er selber und Erdogan kannten sich nicht besonders gut mit der Technik aus, aber Jack schien auch etwas davon zu verstehen, darum wurde er abkommandiert Thom zu helfen.

„Aber ich“, wollte der Geologe einwenden, zuckte aber den Kopf, als der Prinz ihn ansah. „Aber auch das wird nicht reichen. Thom, kennst du jemanden, der dir helfen kann und der loyal ist?“, fragte Leander eindringlich, denn sie hatten nicht ewig Zeit. Sie brauchten Ergebnisse und sie brauchten sie schnell.

Thom überlegte und legte den Kopf schief, während einer der Soldaten etwas präsentierte, auf dem „Erweiterung des Labors“ stand. Erdogan hob eine Braue. „Als erstes das hier, vielleicht!“

Thom nahm das kleine Gerät entgegen und sah es sich an. „Eine externe Festplatte, schon etwas älter“, murmelte er und sah sich die Steckverbindungen an. Die waren nicht mehr gebräuchlich, aber soweit er sich erinnerte, gab es dafür Adapter. War nur die Frage, ob er den auch dabei hatte, wenn nicht, musste er was basteln. „Phil Tanner“, sagte er auf einmal, denn er hatte Leanders Frage nicht vergessen. „Ihm würde ich am ehesten vertrauen.“

„Okay. Kontaktiere ihn. Er wird abgeholt.“ Leander notierte sich den Namen. Er wollte ihn noch durchleuchten lassen, ehe sie sich einen Fremden ans Bein banden. Im Augenblick konnte er niemandem trauen. „Brauchst du noch was von hier?“, wollte Leander wissen. Denn was sie wegtragen konnten, sollten sie vielleicht auch mitnehmen.

„Und das Schloss. Kannst du es neu programmieren? Wenn wir gehen, will ich nicht, dass jemand ohne unsere Erlaubnis hier rein kommt.“ Erdogan wühlte sich durch gedruckte Werke. Sie waren schon älter, doch Hoffnungen, auf Aufzeichnungen zur Anlage selbst zu stoßen, hatte er kaum.

„Ich brauche meinen Rucksack.“ Thom schwenkte die Festpatte und wühlte auch gleich in seiner Tasche, als einer der Soldaten sie ihm zuwarf. „Da muss doch… nein falsch…“, murmelte er und zog immer wieder etwas hervor, stopfte es aber gleich wieder zurück. Anscheinend hatte er doch nicht den richtigen Adapter mit.

„Hier steht doch genügend Kram rum“, sagte einer der Soldaten unverständlich. Waren die etwa nicht gut genug?

„Wenn sie die Festplatten gelöscht haben, dann werden sie auch die Stromkreise unterberochen haben, das würde doch jeder... oder doch nicht jeder“, sagte Thom irritiert, als Josh den Knopf drückte und der PC ganz normal hochfuhr.

Thom war enttäuscht, der Rest verwirrt.

„Inkonsequente Typen“, nuschelte Thom, machte sich aber daran, die Festplatte anzuschließen. Blieb nur zu hoffen, dass die jetzt nicht auch gelöscht wurde, weil es eine weitere Falle war. Er holte tief Luft, ehe er die Platte anschaltete.

Er kniff kurz die Augen zusammen aber dann jubelte er los, als angezeigt wurde, dass die Festplatte gelesen wurde. Sie wussten zwar noch nicht, was drauf war, aber jetzt konnten sie mit mehreren PCs gleichzeitig arbeiten. Das sparte enorm viel Zeit. „Okay, Jungs, ihr sichtete das andere Material, ich kümmere mich um dieses Baby“, sagte er und schüttelte dabei den Kopf. Was waren das denn für dilettantische Typen?

„Wenn ihr glaubt, etwas gefunden zu haben – nicht lange lesen, auf euren Palm schieben. Ich weiß nicht, ob die wirklich so blöd sind oder das hier wieder nur eine Falle ist und die Dinger alles löschen, sobald sie ein Signal kriegen.“ Was eigentlich nicht passieren durfte, weil die Leitungen nach draußen gekappt worden waren. Doch man wusste ja nie.

Dann begann er die Ordner zu durchsuchen – es waren Unmengen, zu viel um alles zu lesen. Er musste also logisch vorgehen. Thom verschaffte sich einen groben Überblick, über die Dateien. Die Kürzel mit denen er nichts anfangen konnte, ließ er erst einmal außen vor. „Yippie“, schrie er nach ungefähr einer halben Stunde und Erdogan stand neben ihm.

„Was hast du gefunden?“, fragte der Prinz neugierig.

„Einen Plan der Anlage“, strahlte Thom und sprang auf.

„Wer hat dieses Baby gefunden?“, fragte er. „Den werde ich sofort küssen, denn er hat einen Schatz entdeckt. Eine Sicherheitskopie, von vielleicht allen Dateien.“

Josh hob abwehrend die Hände. „Kein Bedarf“, erklärte er schief grinsend. Nicht dass Thom nicht ansehnlich war, doch er verbot sich grundsätzlich Liebeleien am Arbeitsplatz. „Bin froh, wenn ich nützlich sein konnte.“ Damit war der Soldat zufrieden, kam aber ebenfalls näher. Er wollte auch sehen, was er tolles entdeckt hatte.

„Schade“, grinste Thom und Josh verdrehte die Augen. Aber dann war der Techniker wieder in seinem Element. „Darf ich präsentieren? Der Lageplan. Ihren Palm, Prinz, dann spiele ich ihn gleich drauf.“ Er hatte den Befehl nicht vergessen, gleich alles zu sichern, was er fand und während er die Daten übertrug, sichtete er schon die einzelnen Etagen.

„Meine Güte, die haben vier Stockwerke nach unten ausgebaut und einen eigenen Tunnel mit Schnellbahn angelegt. Das glaube ich nicht.“ Er öffnete ein Hologramm, das auf einer dafür vorgesehenen Plattform auf dem Schreibtisch auftauchte und in 3D das Modell der gesamten Anlage zeigte.

„Wir wären etwa hier“, sagte Thom. Es wäre ein leichtes für ihn, die Signale ihrer Chips einzulesen, doch das war ihm zu heikel. Es musste auch so gehen.

„Hm.“ Erdogan studierte das Hologramm. „Du hast doch deinen Laptop mit, zieh die gesamten Dateien da drauf, egal, was da sonst noch drauf ist, damit wir noch eine komplette Kopie haben. Wenn du das erledigt hast, suchen wir das andere Tor und programmieren es um, genauso, wie das Eingangstor. Wir müssen verhindern, dass die Verräter wieder hier rein kommen.“

„Wird gemacht. Jack, du ziehst die Daten. Ich kümmere mich um die Türen. Leander und der Prinz müssen mich allerdings begleiten, denn wenn ich die Türen auf die Transponder der beiden programmieren soll, müssten sie anwesend sein.“ So hockte sich Jack hinter den Laptop, den Thom noch auf den Tisch stellte und guckte der kleinen Truppe hinterher. Josh und Diesel begleiteten sie.

Den Weg hatten sie schnell gefunden und jetzt war auch klar, warum dieser Schnellbahntunnel nie aufgefallen war. Er lag mindestens dreimal so tief, wie die anderen. Jetzt wo Thom wusste, wie das Schloss funktionierte, war es einfacher es zu manipulieren, zumal sie es diesmal nicht aufbrechen mussten. Es nahm wohl niemand an, dass jemand der nicht befugt war, von innen den Mechanismus manipulierte. Schnell war der Speicher gelöscht und die neuen Daten eingelesen.

„Versuchen wir es“, schlug Thom vor und Leander ging durch die Tür, ließ sie hinter sich zu gleiten. Der Tunnel hinter ihm war dunkel, er konnte eine der Schnellbahnen erahnen. Doch er wollte die Tür ausprobieren, ließ seine Iris scannen und schon ging die Tür auf. Als Gegenbeweis versuchte es Thom, doch ihm blieb der Zutritt verwehrt. Erdogan ließ ihn wieder ein.

„So, das wäre geschafft. Jetzt noch der obere Eingang.“

Als auch das obere Tor gesichert war, fühlten alle sich etwas sicherer. Jetzt konnte sich keiner mehr in das Labor einschleichen. „Wie sieht es aus, was ist alles auf der Festplatte zu finden?“, fragte Erdogan Jack, als sie wieder bei ihm waren. „Keine Ahnung, ist viel medizinisches Zeug, das hab ich Daniel gegeben, damit er sich das mal anguckt. Viel weiter bin ich aber sonst auch noch nicht.“ Jack sah nicht begeistert aus, denn eigentlich wollte er lieber seine Proben und Messungen auswerten.

„Okay. Greifen wir, was wir tragen können und rücken ab. Mir ist wohler, wenn wir im Lager sitzen und die Unterlagen sichten.“ Erdogan musste nicht aussprechen, warum er sich hier unbehaglich fühlte. Außerdem wollte er noch ein paar Daten checken, denn es ließ ihm keine Ruhe, dass die Verräter aus seiner Nähe kamen.

Sie packten die Datenträger und die Technik und machten sich wieder auf den Weg zum Tunnel. Die Tür fiel schwer hinter ihnen ins Schloss, doch die Bilder konnten sie nicht zurück lassen.

Es war unglaublich wozu Menschen fähig waren und das ohne Reue und schlechtem Gewissen. Aber das war jetzt zweitrangig. Erst einmal mussten sie herausfinden, wer diese Anlage betrieben hatte und wenn sie das wussten, würden Leander und er sich einmal sehr eindringlich mit ihnen unterhalten.

Sie legten den Weg schweigend zurück und auch als sie wieder an der Oberfläche waren, sprachen sie nur wenig. Die übrigen schienen zu merken, dass etwas nicht stimmte und so wurde vorerst auch nicht weiter gebohrt. Während die Soldaten zu ihren Kameraden zurückkehrten und sich in den Wachdienst einteilen ließen, zog es die Abenteurer gleich zum Lager. Thom wollte die Technik weiter auskundschaften und die Daten sichten, Jack wollte sich endlich seinen eigenen Proben widmen und auch Daniel hatte mit den medizinischen Daten etwas zu knacken. Nur Erdogan und Leander wusste noch nichts mit sich anzufangen.

Sie blieben ein wenig außerhalb des Lagers und schalteten ihre Headsets aus, damit sie sich ungestört unterhalten konnten. „Wie kann so etwas komplett ans uns vorbeigehen?“, fragte Erdogan und streichelte Salcedo, der aus seinem Hemd gekrochen war. „Diese Anlage ist praktisch nie außer Betreib gegangen.“

„Weißt du was das für ein logistischer Kraftakt ist, das alles zu betreiben, ohne dass einer was merkt? Material bunkern, Leute verschieben. Wenn ich nicht so wütend wäre, ich wäre beeindruckt.“ Leander spuckte aus, denn über das, was sie dort gesehen hatten und was dort vielleicht noch alles lief, sollte man nicht beeindruckt sein sondern angewidert.

„Auch wenn es mir nicht schmeckt, die müssen Hilfe beim Vertuschen gehabt haben, Hilfe bei der Verteilung, bei allem. Und du weißt selbst am besten, dass in den Ministerien eigentlich nur Vertraute sitzen. Im Augenblick traue ich keinem mehr über den Weg. Scheiße ist das!“

„Wem sagst du das.“ Erdogan war nicht weniger wütend als Leander. „Wir müssen herausfinden, wer alles darin verwickelt ist. Das wird nicht leicht sein, denn um so etwas über Jahrhunderte versteckt zu halten, braucht man Macht und Einfluss.“ Allein, was das bedeutete, ließ den Prinzen schaudern. Die Verräter saßen ganz oben. „Ich denke, wir sollten unseren Kreis so klein wie möglich halten. Daniel, Thom und Jack vertraue ich bis zu einem gewissen Grad. Sie sollen vertrauenswürdige Mitarbeiter benennen.“

„Durchleuchtet werden sie trotzdem und jetzt wissen wir ja, was los ist. Wir wissen, wo wir sensibel sein müssen und wir werden einen Weg finden, ihnen das widerliche Handwerk zu legen.“ Leander rollte die Schultern und streckte den Rücken durch. Er verdrängte den Gedanken, dass es noch mehr von diesen Laboren gab. Es wäre nicht auszudenken, wenn die Ratten von einem Loch zum anderen gekrochen wären und dort weiter machen würden.

„Ich werde diese Bande ausräuchern und ihnen den Prozess machen und da ist es mir egal, wie wichtig und mächtig einige sein werden.“ Erdogan machte keine leeren Versprechen, das wusste Leander, denn der Prinz gab keine Versprechen, wenn er sie nicht halten konnte. „Lass uns sehen, was wir alles gefunden haben. Vielleicht gibt es ja schon Hinweise auf die Gruppe.“

„Gute Idee.“ Auch Leander erhob sich. Er wollte wissen, was sie an Unterlagen hatten mitgehen lassen. Ihn interessierte nicht vorrangig, wer es war, sondern wie das gesamte Projekt möglich gewesen war. Aber das musste warten. Sie konnten die Antworten nicht erzwingen.

Als sie allerdings ins Haus kamen und Daniel am PC entdeckten, kamen sie näher. Daniel war blass und schwitzte. Wurde er krank? War das für ihn zu viel gewesen? „Alles klar?“, fragte Leander besorgt. Wenn ihnen der Arzt ausfiel, hatten sie ein Problem.

„Nein!“, presste Daniel hervor und deutete auf eine Formel, die Leander nichts sagte. Abgesehen davon, dass sie über sieben Zeilen ging und eine Menge Pfeile enthielt.

„Was ist das?“, wollte er also wissen, denn er konnte Daniels Aufregung nicht verstehen.

„Wenn das stimmt, was da steht, haben die Kerle den Stein der Weisen gefunden – eine Substanz, die die Zellen daran hindert, unter atomarer Strahlung zu mutieren.“

„Hä?“, machte Leander etwas unintelligent. Daniel sah zu ihm auf.

„Wer das nimmt, kann ohne Anzug nach draußen!“

„Bitte?“, zischte Erdogan, der wohl etwas schneller erfasst hatte, was das bedeutete. „Sie haben ein Mittel, damit wir raus können und haben es für sich behalten?“ Erdogan konnte gar nicht in Worte fassen, was er davon hielt, aber man konnte es an seinem Gesicht sehen. „Daniel, lad das bitte auf unsere Palms. Wir sollten so viele Kopien davon machen, wie es geht, damit die Formel dafür nicht verloren gehen kann.“

„Ob das überhaupt funktioniert, weiß ich nicht. Ich bin kein Radiologe“, sagte Daniel gleich und bekam langsam wieder Farbe. Zum Glück hatten ihnen keiner zugehört und sie konnten das erst einmal in Ruhe ausdiskutieren.

„Genetiker“, knurrte Erdogan und zog seine Parallelen. Er mochte diesen Frankenstein sowieso nicht. Vielleicht sollte er dem Kerl gleich mal auf den Zahn fühlen. Wie viele Leute gab es denn noch, die etwas Vergleichbares hätten entwickeln können? Wer hatte das Wissen? Die Möglichkeiten?

„Es muss wenigstens teilweise funktionieren. Die Wesen, die uns angegriffen haben, trugen keine Schutzanzüge und ich glaube nicht, dass es ein Himmelfahrtskommando war.“ Erdogan hatte die Fäuste vor Wut geballt. Wer auch immer zu dieser Gruppe gehörte, er würde sterben, dafür würde er sorgen. Er gab Daniel seinen Palm, damit dieser die Daten darauf aufspielen konnte und wandte sich an Leander. „Wenn wir wieder zurück sind, gehe ich zu Frankenstein und werde ihm auf den Zahn fühlen.“

„Ich weiß nicht, ob ich die Mutanten vom Angriff mit diesem Labor unbedingt in Verbindung bringen will“, sagte Leander. Auch wenn es vielleicht offensichtlich war, wollte er nicht voreilige Schlüsse ziehen, die ihnen Scheuklappen anlegten und sie dann wichtige Indizien übersehen ließ. Erst einmal wollte er beide Vorfälle für sich betrachten. Denn er sah es noch nicht so, dass die Maulwürfe unbedingt immun sein mussten, wenn sie nur tief genug lebten und sich der Strahlung nicht häufiger als nötig aussetzen. Doch das war jetzt egal.

Vorerst.

Denn wenn diese Formel funktionieren würde, wäre das eine Sensation, ein Wunder - sie könnten anfangen vor den Kuppeln aufzuräumen und vielleicht irgendwann die Kuppeln wieder dauerhaft verlassen.

Es war unglaublich, welche Möglichkeiten sich ihnen da eröffneten. „Wir werden Frankenstein mit der Formel konfrontieren. Er kann am ehesten beurteilen, ob die Formel funktioniert und wir können vielleicht rauskriegen, ob er was damit zu tun hat.“ Erdogan klopfte Daniel auf die Schulter, um ihm zu zeigen, dass er gute Arbeit geleistet hatte. „Wir werden die Schweine kriegen - irgendwann.“

Leander verzog das Gesicht, sagte aber nichts. Er war sich nicht so sicher, dass der Kerl ihnen helfen konnte, wenn er wirklich in der Sache mit drinnen steckte. Doch das würden sie noch in Erfahrung bringen. „Ich guck mal nach Jack“, sagte er und verließ den Raum. Ihm schwirrte der Kopf. Vielleicht ließ er sich nachher von Daniel noch ein Mittel geben. Er brauchte jetzt einen klaren Kopf. Für Schmerzen und Zipperlein war keine Zeit.

Erdogan blieb bei Daniel und ließ sich erklären, was sie da gefunden hatten. Soweit der Arzt das konnte. Es war nicht sein Spezialgebiet, aber als Arzt hatte er von ihnen hier das größte Wissen darüber. Sie brauchten also noch einen Radiologen, nur wem konnten sie trauen?

Es war nicht befriedigend, wie es jetzt lief und Erdogan seufzte frustriert. Er strich sich müde über das Gesicht und hielt sich die Seite. Die Wunde pulsierte noch immer, doch zumindest hatte sie sich nicht wieder geöffnet. Vielleicht sollte er sich etwas Ruhe auf einem der Lager gönnen und versuchen, die Gedanken zu sortieren. Morgen waren Entscheidungen fällig. Die sollte er nicht über das Knie brechen.

So ging er noch in der alten Küche vorbei, registrierte grinsend, dass Thom den alten Kühlschrank gangbar gemacht hatte und griff sich noch etwas zu essen. Dann zog er sich zurück.

Erdogan legte sich hin und sah noch einmal kurz nach Meodin. Er schlief, oder zumindest sah es danach aus. Es war schon komisch, wie sehr er sich zu Meodin hingezogen fühlte. Er vermisste ihn, wenn er ihn nicht sehen konnte. Das hatte er bisher noch bei niemandem gehabt. „Schlaf gut“, murmelte er leise und trennte die Verbindung. Er war müde und wenn er morgen voll einsatzfähig sein wollte, sollte er schlafen.

15

„Was ist das?“, knurrte Leander. Er hatte das Gefühl gerade erst eingeschlafen zu sein. Im Haus brannten zwar Notlampen, doch es war noch dunkel. Träge rappelte er sich hoch. Es war ein penetrantes Piepsen. Wo kam es her? Er rieb sich über die Augen und gähnte verhalten, doch der Ton ebbte nicht ab.

Piep – piep – piep

Er zog sein Hemd zu sich und warf es über, da regte sich schon der Prinz neben ihm.

Erdogan ging es wohl ähnlich wie ihm selber, denn der Prinz knurrte verschlafen und schlug nach seinem Palm. „Scheiße“, fluchte er leise, als er merkte, dass es nicht sein Wecker war, der da klingelte, sondern sein Handy. Er war müde, darum knurrte er nur ein brummiges: „Ja?“, in den Hörer. Wenn das jetzt nicht wichtig war, gab es Tote. Das schien auch der Anrufer zu wissen und so kam er ohne Vorstellung und Gruß gleich zum Wesendlichen: „Prinz, ihr wolltet informiert sein, sobald sich bei Unit 1 etwas ändert. Es ist soweit. Die Werte fangen langsam an unschön zu werden, in den nächsten 12 Stunden müssen wir ihn aus dem Tank holen, sonst stirbt er.“

„Was?“ Augenblicklich war Erdogan wach. „Wie geht es ihm?“, fragte er und setzte sich auf und angelte nach seinem Oberteil.

„Noch geht es ihm gut, nur sollte er so schnell wie möglich rausgeholt werden“, erklärte Bill, was Erdogan allerdings nicht sehr beruhigte.

„Ich komme so schnell, wie ich kann, wenn ich in spätestens zwölf Stunden nicht da bin, holen sie ihn raus.“

„Wird gemacht“, erklärte Bill und trennte die Verbindung.

„Was ist los?“, fragte Leander, als er seinen Freund hektisch hoch schießen sah. Er hastete hin und her wie ein kopfloses Huhn und das ließ auch Leander aufstehen, damit sie den Rest nicht weckten. Die Wissenschaftler hatten bis spät in die Nacht die Daten gesichtet. Sie hatten sich ihre Nachtruhe verdient. Also schob er den Prinzen vor sich her in die Küche.

„Meodin muss in den nächsten 12 Stunden aus seinem Tank, sonst stirbt er“, klärte Erdogan seinen Freund auf und strich sich die Haare aus dem Gesicht. Sein Herz klopfte schnell und er versuchte, sich wieder zu beruhigen. „Ich werde dort hingehen, jetzt sofort. Meodin muss so schnell wie möglich aus dem Tank.“

„Scheiße!“, knurrte Leander, ließ aber offen, ob er den Umstand mit Meodin meinte oder dass der Prinz jetzt für einen Tag ausfiel. Allerdings passierte hier in den nächsten Stunden nichts, was der Prinz mit seiner Abwesenheit blockieren konnte. Die Wissenschaftler kümmerten sich um die Daten und die Soldaten bauten den Zugang zum Tunnel aus. Damit dürften sie gut beschäftigt sein, denn Leander hatte einen seitlichen Zugang gefordert, durch den es möglich war, Material hinein oder hinaus zu schaffen, ohne durch das Loch kriechen zu müssen.

Außerdem kam es Leander entgegen, wenn er mitging, denn so konnte er Frankenstein gleich mal auf den Zahn fühlen. Erdogan dürfte in seinem Zustand nicht die Nerven dafür haben. Oberbefehlshaber hin oder her. Er hatte jetzt einen Schwachpunkt und der bremste seine Funktion gerade gewaltig aus.

„Ich komme mit, ich nehme mir hinterher Bill vor!“

Erdogan nickte nur und zog sich an. Sie brauchten ungefähr fünf Stunden, bis sie wieder in der Hauptkuppel waren. Das hieß, dass sie noch pünktlich im Labor sein würden, wenn nichts dazwischen kam. „Sag du deinen Leuten Bescheid, dass wir weg sind und sie sich um alles kümmern sollen. Ich lasse Thom eine Nachricht da und packe unsere Sachen zusammen.“

„Mach das, wir treffen uns am Tunnel zu den Versorgungsringen.“ Leander strubbelte sich einmal durch die Haare und ging noch mal am Kühlschrank vorbei. In den nächsten Stunden würde er wohl nichts mehr zwischen die Zähne kriegen und wenn er Hunger hatte, war er unausstehlich, vielleicht nicht die beste Voraussetzung, Bill zu befragen, wenn sie seine Hilfe noch wollten.

Leander verschwand vor der Tür, wo Gerry Wache hielt. Kurz erklärte er ihm, dass er und der Prinz verschwinden mussten. Sie hatten einen wichtigen Termin in der Hauptkuppel mit der Hoffnung, etwas mehr darüber zu erfahren, was hier abging. Er blieb absichtlich vage.

Auf seine Leute konnte er sich verlassen und die Wissenschaftler waren in guten Händen. Er würde auch nicht sehr lange in der Hauptkuppel bleiben, sondern so schnell wie möglich zurückkehren. Erdogan wartete schon auf ihn am Tunneleingang und reichte Leander seinen Rucksack. Ohne ein weiteres Wort gingen sie los. Es gab nichts mehr zu bereden. Als trainierte Soldaten kamen sie gut voran, gönnten sich keine Pause, denn die konnten sie haben, wenn sie wieder in den Wagen steigen und den Rest fahrend zurücklegen konnten.

Als sie den inneren Versorgungsring verlassen hatten, schob sich gerade die sengende Sonne über die Öde. Der gläserne Tunnel, der sie in die nächste Kuppel brachte, ließ sie kurz einen Blick auf die verbrannte Erde erhaschen.

Vielleicht konnten sie bald dort hinaus, wenn Daniel mit der Formel wirklich Recht hatte. Erdogan hatte dafür jetzt aber keine Gedanken übrig, denn in Gedanken war er bei Meodin. Hoffentlich lagen die Genetiker mit ihrer Einschätzung richtig und sie hatten wirklich noch zwölf Stunden bevor es kritisch wurde. Er wollte unbedingt dabei sein, wenn Meodin aus dem Tank geholt wurde. Sicherlich hatte er fürchterliche Angst, wenn es losging, weil er hatte zusehen müssen, wie die anderen gestorben waren. Dann allein zu sein, dürfte ihm unglaublich zusetzen.

„Wir liegen gut in der Zeit“, sagte Leander, weil er Erdogans besorgtes Gesicht nicht ertragen konnte. Er konnte seinen Freund verstehen, aber ihn so zu sehen war ungewohnt.

Der Prinz nickte und straffte sich wieder. Wenn er jetzt kopflos wurde, nutzte er niemandem. Zwar nahm Meodin einen großen Teil seiner Gedanken ein, aber er durfte nicht seine anderen Aufgaben aus den Augen verlieren. „Du kümmerst dich um Frankenstein?“, fragte er Leander und stieg in den Wagen. Er überließ es Leander zu fahren. Er selber traute sich das im Moment nur bedingt zu.

„Ja, ich werde ihn gleich mit der Formel konfrontieren. Entweder wiegelt er ab oder er verrät sich. Ich weiß noch nicht, was ich erwarte, doch es wird sich ja zeigen.“ Leander hatte beschlossen, das Gespräch nicht zu planen. Spontan lief so etwas immer am besten.

Sie hatten die letzte Schleuse passiert und waren wieder in der Hauptkuppel. Ohne Umwege fuhr Leander gleich weiter zum Labor. Immer wieder sah er auf die Uhr. Sie lagen noch immer gut in der Zeit.

Er lief hinter Erdogan die Stufen hoch und blieb etwas im Hintergrund, als der Prinz zu dem Tank lief. Meodin hatte die Augen geschlossen, darum klopfte Erdogan ihr Erkennungszeichen. Sein Herz klopfte ihm bis zum Hals, als er darauf wartete, dass die dunklen Augen sich öffneten. „Komm schon Meo, wach auf“, murmelte er leise und klopfte noch einmal.

Ein, zwei, drei – ein, zwei.

Ein, zwei, drei – ein, zwei.

Langsam sah Meodin auf und die Augen öffneten sich. Seine Bewegungen wirkten nicht mehr so flüssig. Man sah ihm an, dass es ihm nicht gut ging, doch er lächelte, als er Erdogan erkannte. Langsam kam er zum Glas und hob schwerfällig eine Hand.

Erdogan war erschrocken, als er das sah, ließ sich das aber nicht anmerken, denn er wollte Meodin nicht ängstigen. „Hallo mein Hübscher“, begrüßte er ihn und legte seine Hand gegen Meodins. „Wir holen dich jetzt aus dem Tank. Du musst keine Angst haben, ich werde dich auffangen und nicht zulassen, dass dir etwas passiert.“

Das schöne Gesicht verzog sich. Meodin erinnerte sich noch zu gut, was es bedeutet hatte, als die Wissenschaftler um ihn herum hektisch gerufen hatten, „holt ihn raus!“ Das war das Ende für seine Freunde gewesen! Panisch stieß er sich vom Glas ab und schüttelte den Kopf. Er wollte nicht sterben, nicht leblos am Boden liegen und dann weggebracht werden.

Warum tat Erdogan das?

Was hatte Meodin getan, dass man ihn umbringen wollte?

„Nein, nein“, rief Erdogan gleich. „Du wirst nicht sterben. Ich verspreche es dir. Ich lasse nicht zu, dass dir etwas passiert.“ Erdogan lief um den Tank herum und versuchte die dunklen Augen wieder zu sich zu locken. „Dir geht es nicht gut und du wirst krank, wenn du weiter im Tank bleibst.“ Erdogan konnte nur hoffen, dass Meodin ihm vertraute. „Ich werde nicht zulassen, dass dir etwas passiert. Ich verspreche es dir“, wiederholte er darum noch einmal seine Worte und lächelte. „Du wirst nicht sterben.“

„Er nimmt den Mund etwas voll“, murmelte Bill, der dem Schauspiel nur zugesehen hatte. Noch griffen er und seine Leute nicht ein. Ihm war es auch lieber, wenn sie das einzig verbliebene Experiment beruhigen konnten, ehe sie es aus dem Tank fischten.

„An deiner Stelle wäre ich nicht so vorlaut, mit dir habe ich gleich noch zu reden“, zischte Leander leise, denn es schmeckte ihm gar nicht, wie Frankenstein den Prinzen verhöhnte.

„Bitte?“ Bill sah ein wenig pikiert zu Leander rüber, aber der Soldat wollte das später klären und winkte ab. „Sieh zu, dass Erdogan besser nicht gelogen hat, denn wenn Unit 1 stirbt, werden hier Köpfe rollen. Sei froh, dass er hier ist und ihn beruhigt.“

Bill verkniff sich einen weiteren Kommentar. Wie musste er sich denn hier kommen lassen? Eigentlich hatte er Entscheidungshoheit. Er hatte niemanden zu fragen oder zu bitten, sondern absolut freie Hand von oberster Ebene. Dass er den Prinzen hinzugezogen hatte, war nur um des lieben Friedens Willen geschehen. Nicht mehr und nicht weniger. Deswegen ließ er sich auch nicht weiter in den Hintergrund drängen sondern ließ die Muskeln spielen.

„Bereitet die Messungen vor und löst die Schrauben am Deckel!“, forderte er, ungeachtet das Meodin verstört hin und her sah.

„Meodin, sieh mich an“, bat Erdogan währenddessen. Er hatte gar nicht mitbekommen, was um ihn herum vorging, weil er vollkommen auf Meodin fixiert war. „Bitte beruhige dich, ich bin hier und alles, was ich möchte, ist, dass es dir gut geht und darum musst du hier raus.“ Langsam machte der Prinz sich Sorgen, denn Meodin wirkte immer noch sehr ängstlich. Er wollte sich nicht beruhigen lassen. Zu tief saß die Angst, dass ihm das gleiche Schicksal bevor stand wie den anderen, die dann einfach weggebracht worden waren. Immer wieder schüttelte er den Kopf und der Rückenkamm stellte sich hektisch auf. Die Anspannung stand ihm nicht nur ins Gesicht geschrieben, auch die Messwerte wurden bedenklich.

„Es bringt nichts. Holen wir es raus. Beruhigt kann es werden, wenn es merkt, dass es nicht tot ist.“ Bill dauerte das hier alles zu lange. Diese Gefühlsduselei gehörte hier wirklich nicht hin.

„Moment.“ Erdogan drehte sich zu Bill um. „Kann ich in den Tank?“, fragte er. „Wenn ja, werde ich da rein gehen und ihn festhalten, wenn die Flüssigkeit abgelassen wird, dann können wir ihn herausheben.“ Erdogan hoffte, dass Meodin sich so beruhigen ließ, weil er ihm noch mehr Panik ersparen wollte.

„Wie bitte?“, fragte Bill, weil er glaubte sich verhört zu haben. Was war das denn für ein Zirkus um ein Experiment, von dem er sich sicher war, dass es wieder nicht gelungen war? Die sezierten toten Körper hatten gezeigt, dass das Einnisten eines Embryos nicht funktioniert hätte. Unit 1 vergeudete nur wertvolle Kapazitäten für weitere Experimente. „Muss das sein? Wir haben nicht ewig Zeit und ihr auch nicht, Prinz.“ Doch Bill gab seinen Männern das Zeichen erst einmal zu stoppen.

„Es geht also!“ Erdogan nahm es als Zustimmung und zog sich die Stiefel aus. „Ich brauch eine Leiter“, befahl er und drehte sich wieder zu Meodin. „Ich komm zu dir in den Tank und halte dich fest“, erklärte er und lächelte. „Ich halte dich fest, wenn das Wasser abgelassen wird.“

Überzeugt wirkte Meodin nicht, doch er fügte sich erst einmal. Er blieb wo er war und beobachtete Erdogan dabei, wie er sich das Hemd auszog und die Hose. So konnte er sich besser bewegen und musste anschließend nicht mit nassen Klamotten durch die Gegend laufen. Sein Verband würde nass werden, doch damit konnte Erdogan leben.

„Öffnet den Deckel und lasst ihn einsteigen“, knurrte Bill. Er hatte gewusst dass es ein Drama wurde, als er heute Nacht telefoniert hatte.

Erdogan achtete gar nicht auf ihn und ließ sich gleich ins Becken sinken, als er endlich hinaufklettern konnte. Er war aufgeregt, denn jetzt durfte er Meodin das erste Mal berühren. Wie oft hatte er sich das vorgestellt. Weil der aber immer noch ängstlich war, lächelte der Prinz und strich ihm sanft mit den Fingern über die Wange. Dabei versuchte er sich mit Fußpaddeln auf gleicher Höhe wie Meodin zu halten. Neugierig sah das Seepferdchen ihn an, bewegte sich aber nicht. Es fühlte sich merkwürdig auf seiner Haut an. Was passierte hier? Er wollte zurück zucken, doch weil es nicht wehtat, wurde er neugierig und kam etwas näher. Er bewegte sich fast fliegend durch das Wasser, während Leander fand, dass Erdogan eher wie eine nasse Ratte wirkte. Dabei streichelte er Sal, der unbemerkt aus den abgelegten Kleidern zu ihm gekrabbelt war.

Leider konnte Erdogan unter Wasser nicht reden und so deutete er Meodin an, dass er wieder nach oben musste, um Luft zu holen. Oben angekommen, nahm er einen großen Atemzug und tauchte gleich wieder unter. Er hielt Meodin die Hand hin und hoffte, dass der sie auch nahm.

Bill und seine Leute waren auch nicht untätig und ließen die Flüssigkeit aus dem Tank laufen. Mit Unglauben beobachtete Meodin, wie sich langsam die Oberfläche absenkte. Er versuchte zu verstehen, warum Erdogan immer wieder nach oben schwamm, ließ sich selbst aber tiefer sinken, als die Oberfläche ihm zu nahe kam. Was taten sie alle? Und warum machte Erdogan auch noch mit? Er hatte gedacht, er könnte ihm trauen, Erdogan würde ihn beschützen. Doch er ließ es zu, dass die Männer ihn aus dem Tank holten. Meodin strampelte hektisch.

Wieder kroch Panik in ihm hoch und Erdogan fluchte leise in Gedanken. Wieso hatten die dämlichen Weißkittel auch zugelassen, dass Meodin mitbekommen hatte, dass seine Artgenossen starben. Ohne groß nachzudenken, tauchte er zu seinem Seepferdchen und legte einen Arm um ihn. Vorsichtig zog er Meodin an sich und strich ihm wieder lächelnd über die Wange. Meodin versuchte sich zu wehren, doch er konnte nicht. Er war wie gelähmt, denn die Wasseroberfläche kam immer näher und er konnte nicht weiter abtauchen. Sie hatten den Boden fast erreicht. Seine Augen wurden immer größer und sein Herz schlug schneller. Er schüttelte den Kopf, doch es half nichts. Erdogan hielt ihn fest und hinderte ihn daran, sich weiter nach unten zu retten.

Warum nur?

Warum?

Er hatte ihm doch vertraut.

Erdogan konnte es kaum ertragen, wie panisch die dunklen Augen ihn ansahen. Immer wieder strich er Meodin über die Wange und hielt ihn fest. Er ließ sich mit Meodin so weit hinunter sinken, bis sie auf dem Boden hockten. Jetzt kam der schwierigste Teil, denn bisher hatte Meodin, seinen Sauerstoff aus der Flüssigkeit geholt, während er sie einatmete, nun musste er mit den Lungen atmen, damit er Sauerstoff bekam. Sich in Gedanken bei ihm entschuldigend drückte Erdogan Meodin so, dass die Flüssigkeit ablaufen konnte, als der Tank leer war, auch wenn dieser sich heftig wehrte und hustete. „Meodin, bitte“, murmelte er und legte seine Lippen auf die seines Seepferdchens um ihn seinen Atem in die Lungen zu hauchen.

Panisch schlug Meodin um sich. Die Lunge brannte, ihm verschwammen die Bilder vor Augen. Was machten die Kerle mit ihm? Er zappelte und versuchte sich zu wehren, doch es ging nicht. Erdogan war zu kräftig und Meodin hatte das Gefühl, sich nicht halten zu können. Immer wieder sank er zusammen, musste sich an Erdogan festhalten, denn seine Beine, die bisher nur geschwommen waren, wollten ihn nicht tragen.

Mit Schwung drehte Meodin den Kopf weg, entriss sich Erdogan und hustete qualvoll.

Erdogan zog ihn wieder in seine Arme und strich ihm sanft über den Rücken. „Es tut mir leid, Meo, aber es ging nicht anders“, murmelte er beruhigend dabei, wusste aber nicht, ob seine Worte ankamen. Er konnte sich vorstellen, wie es Meodin gerade ging, wie jedem, der schon einmal Wasser in die Lunge bekommen hatte. Das Seepferdchen fühlte sich erschlagen und schwer. Er wollte sich fallen lassen, dem Drang nachgeben, doch Erdogan hielt ihn fest umklammert und ließ ihn auch nicht los. Nur allmählich beruhigte sich der bebende Körper und Meodin tat seine ersten Atemzüge. Es war ungewohnt, ihm fehlte das Gefühl von Wasser auf den Lippen, auf der Haut. Da war plötzlich nichts mehr, nur Erdogan. Doch sein Druck war viel fester.

„Öffnet die Front!“, forderte Bill. Das war das einfachste. So bekamen sie Unit 1 am schnellsten aus dem Tank. Ihm war auch klar, dass er sich seine Untersuchungen abschminken konnte. Es war wohl gerade noch drin, dass er den Gesundheitszustand checkte, alles Weitere dürfte der nervige Prinz wohl unterbinden. Hatte der sich in dem Experiment etwa ein Liebchen gesucht? Merkwürdiger Vogel, aber ehrlich!

Erleichtert darüber, dass Meodin sich langsam beruhigte, atmete Erdogan auf und lockerte seinen Griff etwas. „Ich werde dich aus dem Tank tragen, Meo“, erklärte er, was er machte und stand mit Meodin in den Armen auf, als der Tank geöffnet wurde.

Bill beäugte das ganze mit Unwillen, das war ja wie ein drittklassiger Schnulzenfilm im Vorabendprogramm. Allerdings wurde ihm immer klarer, dass er sein Experiment vergessen konnte. Das Seepferd anzupacken dürfte sein Todesurteil sein, so wie der Prinz das Ding anguckte. Der hatte aber auch einen verschobenen Geschmack. Fand der nicht was unter den normalen Männern, musste es da etwas mit Rückenflosse und Schwanzansatz sein?

„Ich werde ihn checken, ob euch das passt oder nicht“, schickte er dem Prinzen entgegen, „denn ich habe keine Lust euch morgen hier tobend auf der Matte zu haben, wenn es zusammengeklappt ist und eingeht.“

„Ich werde dabei sein“, sagte Erdogan und warf Bill einen warnenden Blick zu. Er legte Meodin auf einer Bahre ab und breitete ein warmes Handtuch über ihn, das einer von Bills Männern bereithielt. „Alles in Ordnung, Meo, ich bleibe bei dir. Bill wird dich kurz untersuchen, aber es wird nicht wehtun“, erklärte er Meodin lächelnd, weil ihn wieder zwei schwarze Augen ängstlich ansahen. Dann sah er Bill noch einmal an, um ihm klar zu machen, dass es gesünder für ihn wäre, Erdogan nicht Lügen zu strafen.

Der Genetiker hob abwehrend die Hände und spielte den Gelangweilten. „Wegen mir“, erklärte er, weil er wusste, dass Proteste nichts bringen würden. Er schluckte seinen Ärger über das verlorene Experiment hinunter. Vielleicht bekam er später noch die Chance, wenn die Wogen sich geglättet hatten und Unit 1 angepasst war. Es bestand ja durchaus noch Hoffnung, dass es sich an der Luft noch weiter entwickelte. Die anderen waren in der Entwicklung stehen geblieben.

Er übersah auch geflissentlich, dass Erdogan die Hand von Unit 1 nahm und sanft mit dem Daumen darüber strich, aber er registrierte, dass der Herzschlag seines Experimentes sich fast augenblicklich etwas beruhigte, auch wenn das Herz immer noch schnell schlug. Routiniert überprüfte Bill alle Vitalfunktionen und nickte zufrieden.

Unit 1 hatte die Prozedur gut überstanden.


16

„Wie wird es jetzt weiter gehen“, wollte Leander wissen, der sich im Hintergrund gehalten hatte. Auch damit Bill Harper nicht Salcedo entdeckte, der dem Genetiker damals ja entwischt war. Doch Sal verhielt sich still und so war Leander der Meinung, dass er sich das große Drama jetzt lange genug angesehen hatte. Sie hatten Weißgott andere Sorgen, auch wenn er Erdogan durchaus verstehen konnte.

Erdogan sah zu Leander und wusste nicht gleich, was sein Freund meinte, aber dann erinnerte er sich, warum sie noch hierher gekommen waren. Er nahm Meodin auf und deutete mit dem Kopf auf Bills Büro. „Gehen wir rüber“, bestimmte er. Leander würde schon dafür sorgen, dass Bill mitkam. So ging der Prinz vor und lächelte, als er spürte, wie die schlanken Arme sich um seinen Hals schlangen, weil Meodin Halt suchte.

„Du warst auch gemeint“, knurrte Leander und schob Bill vor sich her. Er wusste nicht, was er erwartete jetzt zu hören, doch dass der Wissenschaftler dabei nicht gut weg kam, war ihm fast klar.

Sie schlossen die Tür hinter sich. Erdogan hatte sein Seepferdchen auf den Tisch gesetzt und ließ ihn sich an sich festhalten, damit er nicht zusammensank. Die Muskeln konnten das Gewicht einfach noch nicht tragen. Das kam erst mit der Zeit.

Erdogan gab Leander ein Zeichen, dass der Bill mit den gefundenen Unterlagen konfrontieren sollte. Sie hatten die Formel beide auf dem Palm, aber Erdogan wollte Meodin jetzt nicht loslassen und konnte sich so nicht genug auf die Reaktion des Wissenschaftlers konzentrieren. Das musste jetzt Leander übernehmen. Und das tat er mit viel Vergnügen. Er zog langsam seinen Palm aus der Tasche, während der Wissenschaftler zu wissen verlangte, was hier eigentlich gespielt wurde.

„Das fragen wir uns auch“, sagte Leander und kommentierte nicht weiter. Er rief die Datei auf, scrollte zur Formel und drückte sie Bill Harper in die Hand. „Kannst du mir dazu etwas sagen?“, wollte Leander wissen und die beiden Soldaten starrten auf den Genetiker.

Würde er sich verraten?

„Was?“, fragte Bill und zog ärgerlich die Augenbrauen zusammen. Was sollte das hier? Er war Laborleiter und kein kleiner Laufbursche, den man so behandeln konnte. Aus Trotz wollte er sich erst weigern, auf den Palm zu sehen, aber seine Neugier siegte und er sah die Formel. Erst ergab alles keinen Sinn, aber dann weiteten sich seine Augen. Das war unglaublich, was er da sah. „Wo habt ihr das her?“, fragte er völlig fassungslos und sah zu Leander.

„Das würden wir gern von dir wissen, denn so viele gute Genetiker gibt es in unserem Volk nicht. Du weißt, was das ist, richtig? Du hast es entwickelt, richtig? Dann weißt du auch, wo wir es her haben!“ Leander wusste, dass er dick auftrug, doch er wollte eine Reaktion von Bill Harper. Er sollte sich freisprechen oder verraten. Eines von beidem.

Bill schüttelte den Kopf, weil er nicht ganz verstand, was Leander meinte. „Das ist eine Formel, die Strahlung neutralisiert. Wenn ich sie entwickelt hätte, würde ich bestimmt nicht fragen, wo du sie her hast.“ Bill furchte die Stirn und langsam schien er zu begreifen, warum Leander ihm diese Fragen stellte. „Wenn ich sie entwickelt hätte, dann wüsste der Fürst etwas davon. Wo habt ihr sie her? Ich muss prüfen, ob sie funktioniert. Das wäre eine Sensation.“

Leander war hin und her gerissen. Er wusste nicht, was er davon halten sollte, doch als er gerade zweitrangig wurde und Bill mit der Formel zu seinem Schreibtisch ging, um sie sich abzuschreiben, ging er hinterher. Also, entweder war der Kerl der beste Laienschauspieler, den Leander kannte, oder er hatte wirklich etwas für ihn völlig neues in Händen. Hastig kritzelte der Genetiker und seine Augen leuchteten richtig. Das war Forscherdrang, so sah Jack aus, wenn er mit seinen Dreckproben spielen durfte und keine Daten checken musste.

„Aus einem Labor, was ca. zehn Meter unter dem Wasser liegt“, beantwortete er also die Frage des Wissenschaftlers.

„Hm“, kam es nur und Bill kritzelte weiter, ließ dann aber doch den Stift sinken und sah Leander nicht verstehend an. „Ein Labor unter Wasser? Das gibt es gar nicht. Aber das ist egal, viel wichtiger ist, wer diese Formel erstellt hat und warum ich nichts davon weiß. Das ist die Erfindung des Jahrhunderts, so was hält man doch nicht geheim.“ Bill hatte sich in Rage geredet und fuhr sich durch die Haare. Das war absolut unglaublich und Leander wusste, was er wissen wollte. Teilweise hatte er schon das Gefühl, dass Bill Harper ein selektives Gehör hatte und nur das registrierte, was er hören wollte. Es war ebenso erstaunlich, wie schnell das Seepferdchen vergessen war, das verstört auf dem Tisch saß und nicht verstand, was passierte.

„Ein Labor unter Wasser gibt es sehr wohl. Schon mal was von Bonder 482 gehört? Eine Insel östlich von hier. Heute überflutet. Wir sind zufällig darauf gestoßen.“ Alles musste Leander ja noch nicht Preis geben.

„Nie gehört“, murmelte Bill und schrieb die Formel zu Ende, erst dann sah er zu Leander hoch, weil zu ihm durchgedrungen war, was der Soldat gesagt hatte. „Wie - eine Insel? Das muss ja steinalt sein, das Labor. Wie willst du da diese Formel gefunden haben?“ Er fühlte sich verarscht und das sah man ihm auch an. „Wenn du es nicht sagen willst, von mir aus, aber erzähl mir keine Lügen.“

„Pass auf was du sagst, Bill Harper“, sagte Leander und seine Augen wurden schmal. Man durfte ihn viel nennen: Skrupellos, erbarmungslos – aber einen Lügner nannte man ihn nicht ungestraft. Er ließ es nur durchgehen, weil der Wissenschaftler völlig von der Rolle zu sein schien.

„Wir brauchen jemanden, der das verfolgen kann. Kommst du mit und kümmerst dich in dem Labor um die Formel? Oder nicht?“

„Ob ich mitkomme? Glaubst du, ich lass mir das entgehen? Das ist so krass.“ Schon wieder klebten Bills Augen an der Formel, aber bevor er wieder in seiner Welt versank, meldete sich Erdogan zu Wort. „Du kannst an der Formel arbeiten, wenn du die Finger von Meo… Unit 1 lässt. Keine Untersuchungen und Experimente mehr.“

„Ja, ja!“, nuschelte Bill. Er hatte das Experiment sowieso schon abgeschrieben. Das hier war eine Sensation. Wenn das funktionierte, waren sie ein ganzes Stück weiter.

„Wenn er vor Ort ist, kann er ja auch ab und an nach Meodin sehen“, versuchte Leander zu vermitteln, denn es kam ihnen ganz gelegen. Fraglich blieb, ob Meodin von der Idee so begeistert war, durch die Gegend gezerrt zu werden und einem Pulk von Leuten ausgeliefert zu sein. Es dürfte ihm schwerfallen.

Das hatte Erdogan hören wollen und strich Meodin lächelnd eine noch feuchte Haarsträhne aus der Stirn. Bill war vergessen, um den kümmerte sich Leander. „Alles in Ordnung, Meo. Ich nehme dich mit zu mir, da kannst du dich ausruhen und ich beantworte dir alle Fragen, die du hast.“

„Sofern er sprechen kann“, nuschelte Bill und drückte Leander seinen Palm in die Hand. Er hatte jetzt, was er wollte. Immer noch klebten seine Augen an seiner Kopie und er konnte es nicht fassen. „Wann geht’s los? Ist es weit? Wie lange wird es dauern? Wie kommen wir dorthin?“ Bill war endlich wieder in seinem Element - es gab etwas zu erforschen, einen Meilenstein für die Menschheit und er war dabei. Sein Name würde in die Analen eingehen.

„Bald“, wich Leander erst einmal aus. „Kein Wort zu irgendjemand. Wenn das hier durchsickert, bist du draußen und tot.“ Der Soldat war sich zwar sicher, dass Bill nichts mit dieser Formel zu tun hatte, aber Vorsicht schadete nie. „Wir melden uns bei dir“, sagte Leander eindringlich, „und wir merken schneller als dir lieb ist, wenn du gequatscht hast.“ Er sah Bill Harper noch einmal an, ehe er sich umwandte. Dabei fiel sein Blick auf Meodin und Erdogan. Was sollte er mit den beiden jetzt machen? Eigentlich brauchte er den Prinzen bei ihrer Mission, aber so war er nicht zu gebrauchen. Am besten schickte er sie heim, aber das musste Bill nicht hören. „Gehen wir“, schlug er vor.

Erdogan nickte und nahm Meodin wieder auf seine Arme. Zusammen gingen sie aus dem Büro und im Labor übergab er sein Seepferdchen kurz an Leander, damit er sich wieder anziehen konnte. Es gefiel Meodin nicht, das sah man ihm an und man merkte es auch daran, dass er ziemlich steif in Leanders Armen lag. Das ließ Erdogan schmunzeln und er beeilte sich. Leander indes betrachtete das Ganze mit gemischten Gefühlen und eigentlich war er ganz froh, dass Erdogan sich sein Seepferdchen wieder griff und auf die Arme hob. Den Jungen ins Leben zu bringen, dass er irgendwann selbstständig wurde, dürfte ein weiter Weg sein.

„Fahrt zu dir, in der Kuppel bist du mir jetzt sowieso keine Hilfe“, sagte Leander und holte tief Luft.

Erdogan nickte. „Gehst du gleich wieder zurück? Wenn ja, werde ich morgen, so früh es geht mit Meodin nachkommen. Bereite doch bitte eine Unterkunft für Meodin vor, wo nicht jeder rein kann.“ Der Prinz wusste, dass das Leander nicht gefallen würde, aber er musste wieder zurück zu ihrer Kuppel und ohne sein Seepferdchen ging er dort nicht hin. Zum einen hatte er eben gesehen, dass Meodin nicht bei Fremden bleiben konnte, ohne sich unwohl zu fühlen, was vielleicht Auswirkungen auf seine weitere Entwicklung nahm. Zum anderen würde er selbst es nicht aushalten, Meodin unbeschützt zu wissen.

„Im oberen Stockwerk neben deinen Räumen ist noch was frei. Ich werde zusehen, ob Thom da etwas machen kann“, erklärte Leander und schwang sich in den Wagen. Der Prinz würde schon einen Weg finden, wie er wieder zu seinem Apartment kam, Leander hatte keine Zeit zu verlieren. Er ließ seine Jungs ungern allein, wenn er nicht wusste, ob nicht doch noch Leben in dem unterirdischen Labor war.

„Gut.“ Erdogan sah Leander hinterher und rief Michael, dass er ihn abholen sollte. Der Weg nach Hause war zwar nicht sehr weit, aber mit Meodin auf dem Arm wurde es doch recht beschwerlich für die Arme. Jetzt, wo sie alleine waren, lächelte der Prinz Meodin an. „Wir gehen jetzt nach Hause.“

Meodin sah ihn fragend an. Er konnte mit den Worten nichts anfangen, doch er klammerte sich weiter an Erdogan fest. Er war der einzige, der auf ihn aufpassen konnte. Da war sich Meodin sicher. Nur ab und an wagte er einen verschämten Blick nach rechts und links. Mehr als seinen Tank und den Raum, in dem dieser stand, hatte er noch nicht gesehen. Jetzt befanden sie sich in einem langen Raum, ohne Fenster – die Tür, durch die sie gekommen waren, war nur entfernt zu sehen. Es war kühl und die schuppige Haut zog sich zusammen. Meodin fröstelte und die Haut trocknete und spannte unangenehm.

Erdogan bemerkte das Frösteln und versuchte Meodin noch näher zu ziehen, damit er ihn wärmen konnte. Wo blieb denn Michael nur? Lange musste er nicht mehr warten, da hielt sein Assistent neben ihm und der Prinz stieg ein. Michael guckte zwar ein wenig verwundert, weil sein Herr nicht alleine war, aber Erdogan gab ihm ein Zeichen, dass er später mit ihm reden würde.

Michael nickte und wartete, bis Erdogan mit seinem nackten Gast eingestiegen war. Sie nahmen beide im hinteren Bereich Platz und es fiel dem Assistenten nicht leicht, nicht ständig im Rückspiegel zu sehen, was die beiden taten. Dabei taten sie nicht fiel. Sie saßen nebeneinander und Erdogan hatte seinen Arm um den Fremden geschlungen. Um nicht aufzufallen, verbot sich Michael, den Fremden genauer zu betrachten. Nicht dass er noch Ärger bekam.

Er hörte aber trotzdem zu, wie Erdogan dem Fremden leise erklärte, wo sie waren und wohin sie fuhren. Der Prinz lächelte dabei, das war auf jeden Fall recht ungewöhnlich. Nicht, dass Erdogan nicht lächelte, aber normalerweise war das eher selten. Michael fuhr ohne Umwege in die Tiefgarage, da sie von dort mit dem Aufzug sofort hoch zu den Gemächern des Prinzen fahren konnten.

Eilig schloss er hinter den beiden die Apartmenttür und holte erst einmal tief Luft. Es hatte sie niemand gesehen, folglich dürfte das Gerede noch etwas auf sich warten lassen. „Soll ich das Bad richten?“, fragte Michael und ging vor. Er wusste, dass er erfahren würde, wer der Fremde war, wenn Erdogan es für richtig hielt. Zu fragen hatte keinen Sinn, das hatte ihm der Prinz mehr als einmal deutlich gemacht.

„Ja bitte, Michael und besorge doch bitte etwas Leichtes zu essen.“ Erdogan brachte Meodin erst einmal in sein Zimmer und setzte ihn auf dem Bett ab. Weil sein Seepferdchen immer noch zitterte, hüllte er Meodin in eine Decke und setzt sich wieder neben ihn. „Geht es dir gut?“, fragte er. „Du kannst gleich baden und dich aufwärmen. Soll ich dir solange etwas darüber erzählen, wo du bist?“

Meodin legte den Kopf schief, doch dann sah er sich weiter in dem Zimmer um. Hier standen eine Menge Sachen, die er nicht kannte. Das machte ihm Angst. Wo war er hier? Nur seine Augen huschten hin und her, der restliche Körper saß stocksteif, als könnte er es so vermeiden, gesehen zu werden. Dann traf sein Blick wieder Erdogan.

„Meo, du musst keine Angst haben. Hier bist du sicher. Das hier ist mein Zuhause und erst einmal auch deins. Hier kommt niemand her.“ Erdogan strich Meodin vorsichtig über die Wange. „Hier in diesem Bett kannst du schlafen, wenn du müde bist. Ich werde auf dich aufpassen.“

Als hätte er Schmerzen, verzog sich Meodins Gesicht. Er konnte mit den Worten nichts anfangen. Was war schlafen? Was war ein Bett? Er wollte zurück in seinen Tank. Das hier machte ihm Angst. Es gab keine Glaswände, und ihm fehlte die ihn umgebende Flüssigkeit. Er schloss die Augen und holte tief Luft. Das Atmen fiel ihm immer noch schwerer als vorher. Doch es wurde langsam besser.

„Was ist los, mein Hübscher?“, fragte Erdogan und sah Meodin an. „Ich weiß, dass das hier alles neu für dich ist, aber bald wird es besser. Du gewöhnst dich ein und ich werde dir dabei helfen.“ Wie konnte er es Meodin nur einfacher machen? „Du konntest nicht mehr in deinem Tank bleiben. Du wärst sonst gestorben.“

Meodin wackelte mit dem Kopf. Er ahnte, dass Erdogan etwas von ihm erwartete, doch er wusste nicht was. So versuchte er ein Lächeln. Vielleicht half es ja, damit Erdogan aufhörte ihn zu bedrängen. Mit leichten Bewegungen warf er die Decke von seinen Schultern, denn das harte Gewebe auf der Haut fühlte sich nicht gut an. Es war, als würde ihm alles die Luft abdrücken.

Das Lächeln beruhigte Erdogan etwas, aber er wusste, dass Meodin sich nicht wohl fühlte und immer noch Angst hatte. Er wollte noch etwas sagen, aber da kam Michael ins Zimmer und berichtete, dass das Bad bereitet war. „Danke.“ Erdogan nickte seinem Sekretär zu und wandte sich wieder an Meodin. „Möchtest du baden? Das wird dich aufwärmen.“ Er wartete keine Antwort ab, denn Meodin wirkte immer noch unentschlossen. Der Prinz musste ihm wohl erst zeigen, was er meinte, ehe sein Seepferdchen verstand. Langsam wurde ihm immer mehr bewusst, wie viel Arbeit es machen würde, doch er nahm es gern auf sich.

Für Meodin.

So trug Erdogan seinen Gast ins Bad und ging gleich mit ihm in das warme Becken. Dass seine Kleider dabei nass wurden, störte ihn wenig. Die waren sowieso reif für die Wäsche, genauso wie er selbst. Langsam ging er tiefer bis Meodin die Nässe an den Füßen spürte und damit zu wackeln anfing. Das Gefühl kam ihm bekannt vor und er sah sich neugierig um.

Erdogan hatte nur vollkommen vergessen, dass Sal immer noch in seinem Hemd steckte und nun laut protestierend auf seine Schulter kletterte. Wasser war nicht Salcedos Element und das machte er auch klar. Lachend ließ Erdogan das aufgebrachte Tierchen am Beckenrand abspringen und ging so weit ins Wasser, das Meodin bis zur Brust im Wasser war.

Während der Birdell meckernd von dannen huschte, um sich zu verstecken, wurde Meodin langsam aktiver. Er platschte mit den Füßen und den Händen, strampelte wild, bis Erdogan ihn losließ und sofort ging Meodin unter, hatte dabei ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen. Doch es dauerte nicht lange, da kam er hustend wieder nach oben, um Luft zu schnappen.

Was war mit ihm passiert?

Warum konnte er nicht mehr untertauchen?

Irritiert wischte er sich die störenden, nassen Haare beiseite und ging wieder unter. Das musste doch gehen. Es war bis eben gegangen!

Erdogan fing ihn auf, als er wieder an die Oberfläche kam und lachte leise. „Tut mir leid, Süßer, das klappt nicht mehr. Du musst jetzt Luft atmen, wie alle anderen auch.“ Er strich seinem Seepferdchen die Haare zur Seite und wartete, bis er nicht mehr hustete. „Du musst unter Wasser die Luft anhalten.“

Meodin verzog die Brauen und legte die Stirn nachdenklich in Falten.

Luft anhalten?

Unter Wasser?

Was sollte das alles?

Doch da machte ihm Erdogan schon vor, was er machen musste. Er hielt sich die Nase zu und drückte die Lippen aufeinander, dann tauchte er ab. Meodin machte es neugierig nach.

Er tauchte nach Erdogan unter und der grinste breit, als er sah, dass Meodin es ihm nachmachte und sich die Nase zuhielt. Der Prinz stieß sich mit den Füßen ab und glitt so in tieferes Wasser. Er konnte hier zwar noch stehen, aber das Wasser ging ihm bis zur Brust. Er winkte Meodin zu sich. Hier konnte sein Seepferdchen auch ohne Hilfe auf seinen eigenen Beinen stehen, wenn er erst einmal verstanden hatte, wofür sie da waren.

Nur zögerlich kam Meodin näher, doch als er raus hatte, dass er sich hier genauso bewegen konnte wie in seinem Tank, wurde er mutiger. Immer wieder tauchte er ab und kam wieder hoch, umrundete Erdogan und der hatte einmal mehr die Chance, die auffällige Rückenflosse zu betrachten. Vorsichtig lockte er Meodin zu sich und ließ ihn sich aufrichten, hielt ihn dabei an sich gedrückt, aber nur leicht, damit sein Seepferdchen entkommen konnte, wenn ihm die Nähe zu viel war.

„Du bist wunderschön, so wie du durch das Wasser gleitest“, murmelte Erdogan und strich Meodin wieder ein paar Haare aus den Augen. „Aber du musst lernen, auf deinen Beinen zu stehen.“ Der Prinz stampfte mit den Füßen und hoffte, dass Meodin verstand und versuchte sich hinzustellen. Doch erst einmal imitierte er wieder den Prinzen und strampelte auch. Das machte Spaß und so drehte er noch eine Runde um den Prinzen, ehe er wieder eingefangen wurde.

Er blickte verwirrt, als der Prinz an seinem Körper hinab glitt. Dessen Hände strichen über Meodins Beine und brachten ihn so dazu, sie auf den Grund zu stellen. Dann schien er begriffen zu haben, was Erdogan wollte, denn der nickte zufrieden. Er legte seinen Arm wieder um Meodins Taille und machte einen Schritt zur Seite. Meodin beguckte sich das mit schief gelegtem Kopf und wusste, was Erdogan wollte, als er einen leichten Zug an seiner Taille spürte.

Wieder legte Meodin den Kopf schief und bewegte sein Bein, so wie er es gerade gesehen hatte. Er hob es an wie bei einer Schwimmbewegung, setzte es dann aber wieder auf den Boden. Was auch immer das für einen Sinn haben mochte, Erdogan schien zufrieden damit, dass Meodin es ihm nach tat, so versuchte das Seepferdchen es noch einmal. Anheben – absetzen.

Erst ein Bein, dann mit dem anderen.

Dabei sah er den Prinzen fragend an. Der strahlte über das ganze Gesicht und das war so ansteckend, dass auch Meodin lächeln musste. Langsam, einen Schritt nach dem anderen, bewegten sie sich durch das Becken und Meodin wurde immer sicherer. Hier konnten seine Beine sein Gewicht tragen und Erdogan beschloss, die nächsten Tage, wenn möglich im Wasser mit seinem Seepferdchen zu üben. „Das nennt man Laufen“, erklärte der Prinz. „Damit bewegen wir uns fort.“

Meodin guckte etwas skeptisch durch den Pony, schien aber zu verstehen was Erdogan ihm beibrachte. Er folgte ihm wie ein Entenküken durch das Wasser und wenn sie in flacheres Wasser kamen, wurde es schwer, das Gleichgewicht zu halten. Seine Beine versagten und er ging unter, ehe er prustend und ziemlich frustriert wieder auftauchte, sich dabei die Haare aus dem Gesicht wischte. Langsam gingen ihm die Dinger auf die Nerven und er nahm eine Strähne zwischen die Zähne, um sie abzubeißen.

„Nicht“, rief Erdogan gleich und stupste Meodin an. Er hockte sich neben ihn und zog sich das Band aus seinem Zopf. Vorsichtig zog er die Strähne aus Meodins Mund und fasste die hellen Haare im Nacken zusammen. Sie waren lang genug für einen Zopf und mit dem Band war das schnell erledigt.

Dass seine eigenen Haare nun offen waren, störte den Prinzen wenig. So hatte er auch die Gelegenheit, endlich Meodins Gesicht gänzlich zu betrachten. Es war klassisch schön und irgendwie geschlechtslos. Die Züge waren weich und der Blick so unschuldig, wie Erdogan es noch nie gesehen hatte. Doch er wusste sehr gut, dass Meodin auch sauer sein konnte oder beleidigt. Das war aber nichts, was den Prinzen abschreckte, denn davon konnte er sich selber auch nicht freisprechen.

„So ist es besser“, murmelte der Prinz, denn die dunklen Augen hatten ihn wieder eingefangen, genauso wie beim ersten Mal, als er Meodin gesehen hatte. Sie waren wie zwei Magneten für ihn, die er ständig ansehen musste. So standen sie einander gegenüber, Meodin sah fragend zu ihm auf und spürte wieder einen Arm um seine Taille. Doch die trockene Haut fühlte sich unangenehm an, weswegen er dem Prinzen aus den Armen tauchte und im Becken verschwand.

Erdogan seufzte und strich sich über die Augen. Da hatte er noch ein ganz schönes Stück Arbeit vor sich. Weil Meodin durch das Becken tobte, machte der Prinz sich daran, die durchweichte Kleidung auszuziehen. Vor sich hin brummend mühte er sich ab. Das Hemd war ja noch recht leicht, aber bei der Hose und den Stiefeln, wurde es schon schwieriger und als er an einem Stiefel ruckte, verlor er das Gleichgewicht und platschte ins Wasser. Sofort war Meodin bei ihm und tauchte neugierig um den Prinzen herum, stupste ihn an. Unter Wasser traf sich erneut ihr Blick, dann war das Seepferdchen auch schon wieder weg. Pfeilschnell schoss er durch das kleine Becken, ohne gegen eine der Wände zu stoßen. Seine Orientierung war unglaublich. Genauso die Wellenbewegung, die durch Meodins Körper ging, wenn er schwamm, das bemerkte Erdogan erst jetzt, wo er noch immer auf dem Boden des Beckens saß.

Es war schade, dass er wieder auftauchen musste, weil ihm die Luft ausging, darum ließ er sich gleich wieder sinken, als er seine Lungen erneut mit Luft gefüllt hatte. Meodin war wirklich erstaunlich, seine Bewegungen waren so flüssig und noch nicht einmal sein Auftauchen, um Luft zu holen brachte, ihn ins Stocken. Er war für das Leben im Wasser geschaffen. Es schien einem Frevel gleich, ihn ans Land zerren zu wollen. Doch es ging nicht anders. Nicht nur weil sein Körper an das Wasser nur noch ungenügend angepasst war, auch konnte Erdogan ihm dorthin nicht richtig folgen – und auch wenn er gerade das Gefühl hatte, egoistisch zu sein, Meodin gehörte ihm. Er sollte bei ihm bleiben – wenn er das wollte.

„Prinz, ich habe das Essen gerichtet. Wenn ihr mögt, könnt ihr speisen!“, erklärte Michael durch die Tür, nicht wissend, ob sein Prinz ihn gehört hatte. Wenn nicht versuchte er es einfach später noch einmal, doch er würde das Bad bestimmt nicht betreten. Denn er wusste nicht, was ihn dort erwartete.

Erdogan hatte ihn gehört und tauchte auf. „Michael, stell das Essen doch bitte hier am Beckenrand ab. Meodin und ich möchten noch ein wenig im Wasser bleiben“, rief er laut, damit sein Assistent ihn auch hörte. Er sollte ihn und Meodin wohl langsam miteinander bekannt machen, denn Michael sollte sich in seiner Abwesenheit um sein Seepferdchen kümmern. Ob das gut ging, blieb abzuwarten, denn der kurze Stopp in Leanders Armen hatte gezeigt, dass Meodin von Fremden gar nicht viel hielt.

Michael vor der Tür holte tief Luft und drückte leicht gegen die Tür, löste die Sensoren aus und schon öffneten sich die Flügel. Mit einem Tablett, das er gekonnt vor sich her balancierte, kam er näher und lockte Meodin an die Oberfläche. Neugierig beobachtete er den Fremden, wich aber zurück, als Michael für seinen Geschmack etwas zu dicht bei ihm war. Hektisch tauchte er ab und Michael sah ihm nach, mit offenem Mund, als er die Rückenflosse erblickte.

„Das ist Meodin. Er ist noch ein wenig scheu, weil das alles hier für ihn neu ist“, erklärte Erdogan ihm und bat Michael, erst einmal etwas vom Rand entfernt stehen zu bleiben. Meodins Reaktion hatte ihm gezeigt, dass er die beiden langsam aneinander gewöhnen musste. Er wartete, bis sein Seepferdchen wieder an ihm vorbeiflitzte und tauchte ihm hinterher. Er war zwar nicht so elegant unterwegs, aber es gelang ihm, Meodin einzufangen und mit ihm zusammen aufzutauchen. Man sah Meodin an, dass er davon nicht begeistert war und Michael verkniff sich ein Grinsen. Der Prinz bekam einen strafenden Blick und senkte den Kopf – das hatte sein Assistent noch nie erlebt.

„Woher kommt er?“, fragte Michael auf den Kopf zu. Sein Prinz wollte, dass er Bescheid wusste, dann wollte er auch die Chance nutzen zu fragen. Ob er Antwort bekam blieb im Unklaren, denn erst einmal wurde er beäugt, skeptisch und wenig begeistert. Denn Meodin hatte sehr wohl verstanden, dass der Fremde der Grund dafür war, warum er nicht tauchen durfte.

„Ach komm, Süßer, jetzt guck nicht so böse.“ Erdogan sah Meodin lächelnd an und strich ihm über die Wange. „Du kannst gleich wieder tauchen, aber ich möchte, dass du Michael kennen lernst.“ Langsam bewegte sich der Prinz zum Beckenrand und zog den immer noch misstrauischen Meodin mit sich, dabei beantwortete er Michaels Frage. „Er ist Unit 1. Das Experiment, das ich mir vor dem Angriff im Genlabor angesehen habe.“

Michael, der eben etwas sagen wollte, schloss den Mund wieder und starrte Meodin an, was das Seepferdchen gar nicht mochte. Also wandte er schnell den Blick wieder ab, denn Erdogan hatte ziemlich zu kämpfen, Meodin festzuhalten, ohne ihn zu sehr zu bedrängen. „Aha“, machte Michael erst einmal als Zeichen, verstanden zu haben. Er wusste nicht, was er darauf sagen sollte.

„Hallo“, versuchte er es also und sah Meodin noch einmal an, doch der legte nur wieder den Kopf schief und versuchte Michaels Gefahrenpotential einzuschätzen. Ihn traf ein skeptischer Blick, aus den dunklen Augen, aber Meodin wehrte sich nicht mehr so vehement, sondern wartete erst einmal ab, denn Erdogan strich ihm beruhigend über den Rücken.

„Meo, das ist Michael. Er ist ein Freund.“ Der Prinz wusste nicht, ob Meodin ihn verstand, aber er hoffte es zumindest. Ebenso wie Michael. Er fühlte sich unbehaglich, so wie ihn die schwarzen Augen sezierten.

„Hier ist etwas süßes Gelee und zwei leichte Suppen. Ich wusste ja nicht, was gewünscht wurde“, versuchte sich Michael abzulenken und zeigte auf die Speisen, deren Duft auch Meodin die Nase krausen ließ. Man sah deutlich an seinen Gesichtszügen, dass er zwischen Skepsis und Neugier schwankte, doch er machte vorsichtig einen Schritt näher. Das Wasser war hier nicht mehr ganz so tief und seine Beine trugen das Gewicht nur unzureichend.

„Hunger?“, fragte Erdogan grinsend. Er selber hatte auf jeden Fall Hunger. „Michael, hast du noch etwas von dem Essen für dich? Dann hol es doch bitte und setz dich zu uns“, bat der Prinz. Beim gemeinsamen Essen kamen die zwei sich vielleicht am ehesten näher. Er legte wieder einen Arm um Meodin und führte ihn so zum Rand, damit er sich ansehen konnte, was da so köstlich duftete. Und als Michael sich erhob, wurde Meodin auch mutiger und kam näher zum Rand. Er hängte die Nase über die Schüsseln und blieb an etwas türkisfarbenem, durchsichtigem hängen. Er beobachtete Erdogan, wie er eine der Schalen nahm und sich mit einem komischen Werkzeug etwas davon in den Mund tat. Meodin versuchte es zu imitieren.

Das war gar nicht so leicht, denn die Masse ließ sich einfach nicht einfangen und irgendwann hatte Meodin genug und griff einfach mit den Fingern zu. Er sog überrascht die Luft ein, denn es war kalt an seinen Fingern, aber er nahm etwas aus der Schüssel und stopfte es sich in den Mund.

Und nun?

Es fühlte sich komisch an und verwirrte seine Sinne.

„Schlucken“, rief Erdogan amüsiert und machte es Meodin vor. Zum Glück schlugen die Instinkte an und so landete das Gelee dort, wo es hin sollte und Meodin holte tief Luft, ehe er es noch einmal versuchte. Wieder das komische Gefühl im Mund, aber dieses Mal schluckte er schneller und ein merkwürdig angenehmer Geschmack blieb auf der Zunge zurück. Überrascht versuchte es Meodin ein drittes Mal.

So schnell wie das Gelee in Meodins Mund verschwand, stellte Erdogan seine Schale wieder ab und schob sie zu Meodin rüber, damit er sein Gelee auch noch essen konnte, wenn er wollte. Er selber nahm sich die Suppe und sah zu Michael, der sich etwas zu essen geholt hatte, aber etwas unentschlossen herumstand. „Komm zu uns rüber und setz dich. So könnt ihr euch kennen lernen.“

„Ah – okay.“ Michael war unentschlossen. Er hatte deutlich gesehen, dass der Fremde es eigentlich nicht mochte. So kam er nur zögerlich näher. Meodin aber war abgelenkt. Er hatte jetzt violettes Gelee, das er durch seine Finger glibbern ließ. Er fand das Gefühl ziemlich interessant. Doch dann verschwand es wieder in seinem Mund. Michael schien ihm im Augenblick ziemlich gleichgültig zu sein. Der allerdings beobachtete heimlich seinen Prinzen, wie der das Seepferdchen beobachtete und die leichten Wellen, die den blassen, leicht geschuppten Körper um die Taille umspülten.

Erdogan ließ sein Seepferdchen auch nicht aus den Augen, als er mit Michael redete. „Er muss alles erst lernen. Er kennt nichts von dieser Welt und er versteht unsere Sprache nicht sehr gut. Das was er kann, hat er sich selber beigebracht, indem er Frankenstein und seine Leute belauscht hat.“ Erdogan klang ein wenig stolz, dass Meodin das alleine geschafft hatte. „Also haben wir das Problem, dass ihm jemand alles beibringen muss. Leider kann ich in der nächsten Zeit nicht einfach mit ihm hier bleiben. Zwar werde ich ihn unterrichten, so oft ich kann, aber ich möchte, dass du dich die restliche Zeit um ihn kümmerst.“

Wenn Michael darüber geschockt war, dann konnte er das gut verbergen, als er den Kopf senkte und nickte. „Natürlich. Lasst mich nur wissen, wie ich ihm helfen kann. Werdet ihr regelmäßig heim kommen oder wie habt ihr euch den Ablauf vorgestellt?“, wollte Michael wissen, denn er wusste ganz genau, dass die Mission, auf die der Prinz ausgezogen war, noch lange nicht beendet sein konnte. Nicht danach zu urteilen, was alles in die alten Tunnel beordert worden war. Er hatte noch keine Ahnung, wie er mit dem Fremden umgehen sollte, doch es würde sich ergeben – ganz sicher.

„Ich weiß, dass es viel von dir verlangt ist, aber ich möchte, dass du und Meodin mit mir mit kommen. Ich habe eine Unterkunft für euch vorbereiten lassen, wo ihr ungestört seid.“ Erdogan nahm ein wenig Gelee von Meodins Wange und steckte es sich lächelnd in den Mund. „Ich möchte einfach, dass er nicht alleine ist und jemand ihm erklärt, wie unsere Welt funktioniert.“

Während Michael nickte, sah Meodin den Prinzen irritiert an. Was war das denn jetzt schon wieder? Doch weil es für ihn keinen Sinn machte und die Schalen mit Gelee leer waren, tauchte er ab und schwamm wieder zufrieden durch das Becken.

„P-0061 ist verlassen. Ich glaube nicht, dass man so schnell dort ein Becken auftun kann. Das Wasser wird ihm fehlen, schätze ich“, sagte Michael nachdenklich und löffelte seine Suppe.

„Ich werde mir da etwas einfallen lassen.“ Wenn die Kuppel erst wieder an das Versorgungsnetz angeschlossen war, gab es bestimmt eine Möglichkeit, Meodin das Schwimmen zu ermöglichen. „Iss auf, und komm dann zu uns ins Wasser, ich möchte euch miteinander bekannt machen. Schließlich werdet ihr wohl viel Zeit miteinander verbringen.“ Erdogan hatte seine Suppe schon ausgelöffelt und zog sich nun endlich die restlichen nassen Klamotten aus.

Michael wurde mulmig. Zum einen konnte er den Fremden nicht einschätzen, zum anderen hatte er keinen Schimmer, in welcher Verbindung eigentlich der Prinz zu diesem stand. Anfangs hatte Michael gedacht, Erdogan würde Gefühle für den jungen Mann aus dem Labor hegen, doch so jemanden vertraute man keinem anderen an. Was also hatte Erdogan sonst mit ihm vor? Würde er in der Kuppel gebraucht? War er gezüchtet worden, weil er dort eine Aufgabe hatte?

Er sah zu, wie der Prinz versuchte, sich an Meodin heranzuschleichen, aber kläglich scheiterte, weil der einfach elegant wegtauchte. Lachend setzte Erdogan ihm hinterher und so alberten sie ausgelassen im Wasser herum. Heute lernte Michael den Thronfolger von so vielen unbekannten Seiten kennen, dass er bald dachte, ihn gar nicht zu kennen. Wer war dieser Kerl? Er musste immer noch derselbe sein, denn er trug noch immer die Wunde in der Seite, doch der Rest war wie ausgewechselt. Selbst das ständige Lächeln veränderte ihn total. Die sonst streng gebundenen Haare schwebten unter Wasser um seinen Kopf wie ein schwarzer Schleier, doch es gab ihm nicht annähernd die Aura eines Dämons, die er hatte, wenn etwas nicht nach seinem Plan lief.

Michael huschte aus seiner Hose und dem Hemd, dann ließ er sich in das warme Wasser gleiten. Erst einmal stand er am Rand und beobachtete. Vielleicht kam Meodin ja neugierig zu ihm, jetzt wo sie das gleiche Element teilten. Doch erst einmal passierte nichts. Erdogan und Meodin pflügten durch das Wasser und nach einer Weile musste Michael grinsen.

Unauffällig hatte der Prinz sein Seepferdchen näher zu Michael gelotst und jetzt bemerkte Meodin wohl, dass sie nicht mehr allein im Wasser waren, denn er stockte unmerklich auf seinem Weg durch das Wasser. Allerdings war er in flache Gefilde geraten und als er sich aufstellen wollte, um wie vorhin die Lage zu peilen, versagten ihm die Beine und Erdogan fing ihn auf, ehe er sich vielleicht noch wehtat. Meodin knurrte leise und Michael machte große Augen. Das klang ziemlich bedrohlich, nicht dass der Kerl noch anfing zu beißen. Doch das hatte Meodin nicht vor. Er war unzufrieden mit sich selbst, weil Erdogan etwas konnte, was ihm nicht gelang.

„Hallo“, versuchte es Michael noch einmal und reichte Meodin die Hand, die das Seepferdchen ziemlich irritiert musterte. Er versuchte es zu imitieren und sah Michael dabei auffordernd an.

Was machte das für einen Sinn?

Da er ziemlich ratlos wirkte, nahm Michael Meodins Hand und drückte sie kurz. „Ich bin Michael“, sagte er dabei und ließ Meodin auch gleich wieder los, denn es war nicht klar, ob das Seepferdchen die Berührung mochte und Michael wollte es sich nicht mit ihm verscherzen. Nicht gleich am ersten Tag, er hatte sicherlich noch ausreichend Gelegenheit, dies zu tun.

Meodin betrachtete seine Hand und sah dann Erdogan an, doch der schien ihm nicht weiter helfen zu können. Mit schief gelegtem Kopf streckte Meodin noch einmal die Hand aus und nickte, als Michael sie wieder griff, schüttelte und losließ. Fasziniert reichte Meodin dem Prinzen die Hand.

Der Prinz griff sie und drückte sie lächelnd. Meodin war neugierig, das war gut. „Kannst du reden?“, fragte er und deutete auf seinen Mund. Das beschäftigte Erdogan, seit Bill diese Bemerkung, so lapidar in den Raum gestellt hatte. Es würde ihn nicht wirklich stören, wenn Meodin nicht reden konnte, aber er hoffe doch, dass es nicht so war.

Wieder legte das Seepferdchen den Kopf schief. Er begriff, dass etwas von ihm erwartet wurde, doch er wusste nicht was. Und so fühlte er sich unbehaglich und tauchte wieder ab. Das schien seine Art der Flucht zu sein, immer dann wenn er nicht weiter wusste. Michael holte tief Luft und sah den Prinzen an. Glaubte der wirklich, dass das gut ging?

Erdogan zuckte mit den Schultern und tauchte Meodin hinterher. Er bekam ihn zu fassen und legte die Arme um ihn. „Meo, entschuldige, ich bin zu ungeduldig“, sagte er reumütig und sah ihn entschuldigend an. Sein Seepferdchen war kein Experiment mehr und er sollte auch nicht mehr so behandelt werden. Niemand durfte einfach über ihn bestimmen, selbst er als Prinz nicht.

Doch solchen Gedanken konnte Meodin noch nicht folgen. Für ihn war das alles neu und ständig mit anderen interagieren zu müssen und nicht zu wissen, was von ihm erwartet wurde, war anstrengend. Er mochte Erdogan, gar keine Frage, der Mann war nett zu ihm. Doch die ständige Nähe stellte Meodin unter Strom. Er konnte nicht abschalten. In seinem Tank hatte er fast den ganzen Tag gedöst. Seitdem er dort raus war, hatte er keine Ruhezeiten mehr gehabt. Er fühlte sich angespannt. So entwand er sich wieder den haltenden Armen.

Erdogan hatte ihn verstanden und setzte ihm nicht mehr hinterher, sondern ging rüber zu Michael. „Es wird schwierig“, meinte er seufzend. Langsam kamen ihm Zweifel, ob er sich da nicht zuviel aufgebürdet hatte und dabei wusste er noch nicht einmal, ob seine Gefühle erwidert wurden.

„Das will ich gern glauben, aber es wird nicht unmöglich sein.“ Michael wollte noch nicht die Flinte ins Korn werfen. Meodin hatte seinen Tank kaum verlassen. Er würde Zeit brauchen sich den geänderten Umständen anzupassen. Doch Meodin war neugierig und gelehrig. Das wurde schon. „Gebt ihm Zeit, Prinz. Auf ihn stürzt so viel Neues ein, dass ich staune, dass er sich nicht einfach versteckt.“

„Ich habe es bisher wohl nicht zugelassen.“ Auch jetzt fiel es Erdogan schwer, Meodin nicht wieder einzufangen. Er wollte ihn bei sich haben und er war es nicht gewohnt, nicht gleich zu bekommen, was er wollte. Meodin wusste nicht, wer er war und hatte somit auch keine Angst vor ihm. Eigentlich war das auch wieder gut, denn so konnte er unbefangen mit ihm umgehen. Doch dem Prinzen wurde klar, dass sein Seepferdchen gerade einen Kulturschock durchlitt - von seinem ruhigen Tank in eine Welt voller Gerüche, Geräusche und Menschen geworfen.

„Dass er selbst noch nicht laufen kann, macht es zu einer Gradwanderung, ihm seine Ruhe zu gönnen und bei ihm zu sein“, sagte Michael nachdenklich. Normalerweise hätte er Meodin jetzt allein gelassen. Doch er kam nicht aus dem Becken. Seine Beine trugen ihn noch nicht. Das dürfte noch etwas Muskeltraining fordern, ehe das Seepferdchen alleine losflitzen konnte.

So blieben Erdogan und Michael am Rand stehen und besprachen, wie sie Meodins Training gestalten konnten. Sie mussten behutsam vorgehen und Michael war wohl genau der richtige dafür. Zwar kannten die beiden sich noch nicht gut, aber das kam noch mit der Zeit. Meodin tobte noch eine Weile durch das Wasser und ließ sich dann anstandslos von Erdogan aus dem Becken tragen. Er hatte sich vollkommen ausgepowert und war schon eingeschlafen, bevor sie das Bad verlassen hatten.