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Alles was zählt - Teil 74 + Ep

-74-

August und September waren ins Land gegangen. Im Brunsbütteler Damm wohnte Endre schon lange nicht mehr. Ein paar Tage nach der kleinen Ausstandsparty hatte er die Segel gestrichen, seine Klamotten und Habseligkeiten gepackt und war in die Villa umgezogen und mit ihm JJ und Leif. Wie versprochen waren seine Brüder und Jochen tatkräftig dabei gewesen und hatten sich die Chance nicht entgehen lassen, sich die Villa noch vor der Einweihungsfeier zu betrachten.

Während also entweder Leif oder Endre einen der drei Helfer durch das Haus führte und JJ und Rudi beaufsichtigte, war der andere mit zwei Helfern wieder unterwegs, um die nächsten Kisten und Säcke zu holen. Eigentlich wäre es Leif ja lieber gewesen ein Umzugsunternehmen zu beauftragen, doch Endre hatte ihn ermahnt und erklärt, dass man das auch alleine ganz gut hin bekam.

Die Zwillinge hatten ihren Transporter aus der Werkstatt mitgebracht und so waren sie nur dreimal unterwegs gewesen, um alles zu befördern. Endres Grünpflanzen, die vielleicht manchmal stiefmütterlich behandelt wurden, an denen er aber trotzdem hing, durften sogar im Passat mitfahren, den Leif heute ausnahmsweise auch mal wieder fahren durfte. Sonst nutzte ja Endre jede Gelegenheit zu fahren.

Damals waren die Zimmer noch leer gewesen, weil ein Großteil der Möbel noch gefehlt hatte, doch das hatte sich nach und nach gegeben. Ein Raum nach dem anderen bekam sein endgültiges Aussehen und im Moment – auch wenn Oktober war - kümmerten sich ein paar ausgebildete Landschaftspfleger um den Garten. Sie legten Beete an, schnitten und kultivierten den Rasen, damit er im Frühjahr frisch austreiben konnte und verschnitten die Hecken.

Langsam kam wieder Leben in die alte Villa und ihren Garten. Schon allein weil ein getigerter Kater, gefolgt von einem blonden Jungen, so oft sie konnten durch den Garten flitzten. Zweimal hatten sie sich schon einen Anschiss von Endre eingefahren – sowohl JJ als auch Rudi, der dann immer den Kopf hängen ließ – weil sie über die frisch angelegten Beete gelatscht waren und die Gärtner die Fußspuren hatten beseitigen müssen. Seit dem waren sie vorsichtiger.

Auf einer Ecke des Gartens war auch ein kleiner Spielplatz angelegt worden. Mit einer Rutsche und einer Schaukel, einem Klettergerüst und einem Sandkasten und vielleicht gab es nächstes Jahr noch ein Baumhaus.

In den Kindergarten ging JJ mittlerweile wieder ganz gern und an guten Tagen hatte Endre auch die Chance, wieder zu fahren und JJ mit den anderen Kindern allein zu lassen. Doch es gab schon noch Tage, an denen war das nicht möglich, weil JJ ihn nicht aus den Augen ließ, doch sie wurden seltener. Wenn Endre allein unterwegs war, erledigte er dann Sachen, die liegen geblieben waren und immer öfter hatte er sich schon gefragt, wie das werden sollte, wenn JJ den ganzen Tag in der Schule war.

Dann saß er daheim herum. Das war eigentlich nicht das, was er wollte. Er hatte sich nie als Hausfrau gesehen. Zum einen, weil er sich nur ungern aushalten ließ, das wusste Leif wohl am besten, zum anderen, weil müßiges Nichtstun einfach nicht sein Ding war. Er brauchte eine Aufgabe. Also besuchte er Sprachkurse und bildete sich in seinem Beruf als Buchhalter weiter. Er hatte beschlossen, sich wieder einen Job zu suchen, wenn JJ es zuließ.

Anders lief es bei Leif. Der hatte ja schon begonnen, seine ersten Schauspielstunden zu nehmen und seine Lehrer waren mit dem gelehrigen Schüler sehr zufrieden. Er hatte auch schon ein paar winzige Rollen in Vorabendserien, doch das war nichts Bedeutendes. Er war immer nur ein Statist im Hintergrund oder eine Leiche in irgendeiner Gerichtsserie. Doch er hatte Spaß daran. Vielleicht hatte er nie den großen Durchbruch, doch das wollte er auch nicht. Er war jahrelang eine Berühmtheit gewesen, auch wenn ihn auf der Straße die wenigsten erkennen würden. Und er wusste es realistisch einzuschätzen, wenn ein Stern verlosch oder es nie über den Horizont nach oben schaffte.

Außerdem war er ja immer noch eine helfende Hand in seiner ehemaligen Firma. Also, er langweilte sich wirklich nicht. Manchmal – aber selten – traf er dort noch auf Viktor, doch sein Ex sorgte schon dafür, dass sie sich eigentlich nicht mehr über den Weg liefen. Leif wusste nicht, wie er das einordnen sollte und vor allem, was er davon halten sollte. Endre, dem er das abends dann immer erzählte, ging es nicht anders.

Es war, als hätte der mit dem neuen Leben seines Ex abgeschlossen und begriffen, dass er dort keinen Platz mehr hatte. So sah Leif das eigentlich nicht. Ihm wäre es schon lieb, wenn er wieder mit Viktor auskommen konnte, doch der schien das nicht zu wollen, das musste Leif dann auch akzeptieren. Aktionen gegen JJ und Endre waren keine mehr passiert und doch wirkte Leif mit der aktuellen Situation nicht glücklich – doch er allein konnte sie nicht ändern. Er hatte den Schlussstrich gezogen, hatte Viktor vor vollendete Tatsachen gestellt und musste nun damit leben, wie der damit umging.

Außerdem hatte er sich nun intensiver in die Arbeit der Stiftung ziehen lassen und auch Endre engagierte sich intensiver. Manchmal, wenn er mittwochs keine Kurse hatte, fuhr er auch mit in die Klinik zu den Kindern, denn das machten JJ und Leif noch immer jede Woche. Egal was sich für Termine vorschieben wollten – da waren sie wachsam. JJ stand immer schon fertig angezogen an der Kindergartentür, wenn er wusste, dass Leif ihn holte.

Zwei der Kinder waren mittlerweile leider verstorben und das war vor allem auch für JJ ziemlich hart gewesen. Doch so lernte er früh jeden Augenblick, der einem noch blieb, zu nutzen. Erst war Endre nicht sicher gewesen, ob er JJ diesen ständigen Verlust zumuten wollte, doch schlussendlich hatte er ihn weiter dorthin fahren lassen und es hatte dem Kleinen gut getan.

Selbst mit ein paar Kindern aus der Nachbarschaft hatte sich JJ schon angefreundet, doch seinen Gustav durfte von denen auch keiner anfassen. Das durfte mittlerweile nur Tiara, JJs kleine Freundin. Weil die Kleine das gern wollte, kam Jochen oft mit ihr zum Spielen vorbei – die beiden Kurzen waren unzertrennlich geworden. Jochens Arbeitszeiten ließen das zu und Peter tat für seine Kleine ja sowieso alles.

Mittlerweile war es schon so weit, dass JJ immer wieder festlegte, wenn er irgendwann mal in die Schule gehen müsste – wovon er ja eigentlich noch nicht überzeugt war – dann da, wo Tiara auch zur Schule ging. Eigentlich hatte sich Leif für seinen Jungen etwas anderes ausgesucht, doch zum Glück hatten sie ja noch ein paar Jahre, bis sie das entscheiden mussten. Mal sehen, wie JJ dann darüber dachte.

Im Augenblick tobten die beiden Kurzen durch das Haus. Sie hatten beide ein Eindreck-Verbot, denn heute sollte die Einweihungsfeier steigen. Jochen und Endre rotierten in der Küche und Leif musste die Kinder hüten. Endre hatte schon ein paar Bilder geschossen, die die Situation sehr gut wiedergegeben hatten. Rudi an der Spitze der kleinen Karawane, dahinter JJ und Tiara und ihnen folgte Leif, schon ein bisschen geschafft.

„Na, Schatz? Sie sind lebhaft, hm?“, lachte Endre, als sein Freund keuchend in die Küche kam.

„Ich dachte immer du schaffst mich, aber der Kurze toppt dich noch, Süßer.“ Er ließ sich auf die Theke sinken und hing nun darüber wie ein nasser Sack. Jochen lachte und Endre küsste seinen Liebling erst einmal. Nicht auszudenken, wenn der Gastgeber verstarb, noch ehe die Gäste gekommen waren. Viele waren es nicht. Ein paar von 'Water Rats Inc.' wie Frank und Birgit. Wie erwartet hatte Viktor darauf verzichtet. Schmerzlich musste Leif zugeben, dass es weh tat, nicht zu wissen, wo er jetzt eigentlich wohnte.

Bei Nacht und Nebel hatte Viktor die Wohnung schlussendlich verlassen, nur ein paar Kleider mitgenommen. Keine Möbel. In einem Fax hatte er Leif erklärt, er könne das Penthouse jetzt verkaufen. Das hatte Leif nicht getan, nur vermietet und dies zu ziemlich guten Konditionen, denn die Liste der Bewerber war wider Erwarten ziemlich lang gewesen. So kam regelmäßig ein bisschen Geld in die Kasse. Das war auch nicht schlecht.

Jochen, der es leid war, den beiden beim Knutschen zuzugucken, ging mal lieber die Kinder suchen. Er kannte Tiara und er kannte JJ. Die beiden waren wie kleine Energy-Drinks. Der eine potenzierte die Dummheiten des anderen noch. Zusammen kamen sie auf die merkwürdigsten Sachen! Und wenn dann noch der dicke Gustav mit durch die Gegend gezogen wurde, der mit seiner breiten Schnauze und dem übergroßen Hintern hinter sich nur ein Trümmerfeld zurück ließ, war es besser, man wusste, wo die Bombe einschlug, um Vorsichtsmaßnahmen treffen zu können.

Als es an der Tür klingelte, änderte er seinen Weg. Er wusste, dass das Chaoten-Trio von Neugier getrieben zur Tür geschnüffelt kam.

So war es auch, denn sie kamen gerade die Treppe runter gesaust, als Jochen öffnete. Zwei junge Pärchen standen davor und die Jungs hatten ein bisschen Ähnlichkeit mit Endre. Ob das seine beiden kleinsten Brüder waren, von denen er immer erzählte?

„Sie sind nicht Endre und auch nicht Leif“, sagte einer der beiden nach einem höflichen Gruß und Jochen lachte.

Ja! Eindeutig, das waren Bergmanns! Scharfsinnig wie immer.

„Nein, die Hausherren sind in der Küche mit Wiederbelegungsmaßnahmen beschäftigt. Kommt erst mal rein.“ Er trat aus der Tür und als JJ flüchten wollte, weil schon wieder Fremde kamen, schubste Tiara, die ziemlich neugierig war, ihn vorwärts. JJ fremdelte immer noch ein bisschen, doch seine kleine Freundin sorgte schon dafür, dass er dazu nicht kam.

„Sind die süß“, quietschte eine der beiden jungen Damen. „Ist das der Kleine von Endre?“

„En-re?“, fragte JJ nun doch etwas interessierter, die schienen seinen En-re zu kennen.

Wie aufs Stichwort kam der aus der Küche in den Flur, Leif an der Hand hinter sich her zerrend, weil der noch immer nicht wieder auf dem Posten war und vielleicht noch unterwegs verloren ging, wenn man nicht auf ihn achtete. Doch als er die vier im Flur erblickte, strahlte er. Seine Brüder hatten Wort gehalten.

„Sven, Sören!“, rief er und ließ Leif einfach stehen. Im Flur würde er schon nicht verloren gehen. Lieber schloss er seine beiden Kleinen in die Arme, auch wenn die so klein nicht mehr waren. Es blieben eben immer die Nesthäkchen. Auch Bea, Sörens Verlobte, die mit ihm in Hamburg lebte, wurde begrüßt und Tanja vorgestellt, die kannte auch Endre noch nicht. Das war Svens aktuelle Flamme, eine, die er in der Berufsschule für seine Banklehre kennen gelernt hatte.

„Kommt rein, ich stelle euch vor.“ Er schob sie ins Wohnzimmer und wie an einer Perlenschnur gezogen folgten der Bergmann-Parade auch die Kinder und Jochen und Leif. Nicht zu vergessen Rudi, der immer dort war, wo das Leben tobte. Dann ging das große Vorstellen los und JJ, der etwas schämig an Leif klebte, mochte es gar nicht, dass alle ihn anguckten. Also lenkte er sich ab und tobte mit Rudi um die Couchlandschaft und Tiara schoss in ihrem rosa Prinzessinnenkleid wieder hinterher.

„Kann denen nicht mal einer die Batterien rausnehmen?“, stöhnte Leif und fragte sich, wo die Kinder nur all die Energie her nahmen. Und weil Endre nun mit seinen Brüdern festgequatscht war, verschwand er selbst mit Jochen in der Küche. Ein paar Gemüseteller wollten noch zusammengestellt werden. Den Rest machte der Lieferservice.

Die nächsten, die eigentlich weit vor der Zeit kamen, waren Gerrit und Michael und nun waren die Bergmann-Jungs endlich mal wieder zusammen. Das passierte nicht so häufig, wie man vielleicht glauben mochte. Seit Sören in Hamburg studierte und Sven seine Lehre machte, war nicht mehr oft Zeit, sich zu sehen. Oder bei den Großen passte es zeitlich nicht. Man hielt sich an Telefonate und ab und an ein paar Postkarten. Da war die Einweihungsfeier eine willkommene Gelegenheit, sich einmal wieder richtig auszutauschen, sich zu ärgern, sich zu schubsen - das zu tun, was Geschwister eben so taten.

„Ey!“, brüllte Leif plötzlich quer durchs Zimmer und die Bergmanns zuckten ziemlich zusammen und sahen sich erschrocken zu ihm um. Doch er hatte nur JJ daran hintern wollen, auf die Veranda zu verschwinden, wo eine Treppe in den Garten führte. Er kannte doch seinen Kleinen viel zu gut und ertappt schob er die Tür wieder zu.

„Menno!“, brummelte er leise und zerrte Gustav, der immer mit von der Partie war, wenn es ums Blödsinn machen ging, hinter sich her. Tiara lachte ihn frech aus, weil er erwischt worden war und so streckte JJ ihr die Zunge raus und zuckelte zu Endre, um sich trösten zu lassen.

„Na, komm mal her, Maus.“ Endre zog seinen Kleinen auf den Schoß und Bea schmolz dahin.

„Süß“, sagte sie immer wieder und Sören verdrehte die Augen. Sven ebenfalls, weil Tanja nicht anders war. Vor allem, weil JJ sich trösten ließ, aber über Endres Schulter Tiara die Zunge raus streckte. Der Kleine hatte es faustdick hinter den Ohren!

Doch Pack schlägt sich, Pack verträgt sich – keine Minute später sausten sie schon wieder im Quartett durch die Zimmer.

„Habt ihr ne Katze?“, fragte Sören, dem das Tier, was vor dem Kamin geschlafen hatte, gar nicht richtig aufgefallen war.

„Japp, Rudi. Mehr Hund als Katze, aber ein lieber Kerl.“

So verging die Zeit. Leif kümmerte sich weiter um die Küche, um den Party-Service, quatschte mit Jochen über dies und das und jenes. Ab und an ließen sie sich im Wohnzimmer blicken, um zu sehen, ob jemand etwas wollte. Doch von ein paar Getränken abgesehen wurde nichts weiter gewünscht.

Nach und nach kamen auch die anderen Gäste und es war jedes Mal ein großes Hallo. Es gab immer schon an der Tür ein großes Lob für die Wahl des Hauses und auch für die Wahl der Wohngegend. In kleinen Gruppen führten die Hausherren die Gäste durch die Etagen – Leif begann mit seinen ehemaligen Kollegen und seinen Freunden im Keller, wo der Pool wieder in neuem Licht erstrahlte, wortwörtlich. Sie hatten Lampen in den Boden und die Wände des Beckens einarbeiten lassen und so schimmerte nur das Becken, machte aber genügend Licht, um den Raum in schummriges Licht zu tauchen.

„Coole Location, können wir die buchen?“, lachte Birgit und knuffte Leif in die Seite.

„Sicher, wenn ich mit meinen Jungs auf Urlaub bin, könnt ihr euch hier gern breit machen.“ Damit hatte er kein Problem. Alles, was er wollte, war JJ von all dem fern halten.

Derweil begann Endre mit seinen Brüdern oben bei den kleinen Turmzimmerchen, in denen nicht viel zu finden war. Die Fensterbänke hatten sie verbreitert und mit Sitzpolstern bespannt. Hier oben sollte man Ruhe finden können, wenn die Welt einen mal gern haben durfte. Und weil es drei winzige Turmzimmerchen gab hatte jeder sein eigenes. Nur JJ durfte seines noch nicht allein betreten. Die Treppen nach oben waren ziemlich steil.

Die nächste Etage war JJs Reich und das Schlafzimmer. Während man die Kinderzimmer ziemlich flink abarbeiten konnte, war das Schlafzimmer von regem Interesse. Schon allein das riesige Bett war einen anerkennenden Pfiff durch die Zähne wert. Dann der riesige Ankleidebereich, der ordentlich hinter einem Schiebetürensystem verschwunden war. Auf einem kleinen Podest stand ein Tisch mit PC, an der Wand hing ein großer Plasmabildschirm. Das Technik- Equipment war ebenfalls hinter einer Tür säuberlich verstaut. Nicht nur wegen der Ordnung, auch damit es nicht so schnell einstaubte. Kabel waren kaum von Nöten. Es basierte fast alles auf Funk.

Schnell waren auch die beiden Gästezimmer in Augenschein genommen, in denen Sören und Sven mit ihren Damen nächtigen würden. Die Zwillinge bekamen unten die große Couch im Wohnzimmer, denn sie wollten heute auch mal was trinken und dann nicht mehr fahren müssen.

Auf der Treppe begegneten sich die Gruppen und tauschten schon eifrig die Highlights aus, während Jochen, der das alles schon gesehen und ausprobiert hatte, die Speisen auf dem Buffet in der Küche etwas verteilte, damit man besser zugreifen konnte.

Nach und nach bildeten sich Grüppchen, redeten über dies und das, tranken ein Gläschen, aßen was. Die Stimmung war ausgelassen und die Hausherren sehr zufrieden. Bea und Tanja fragten immer wieder über den einen oder anderen bei ihren Freunden nach, ob die wirklich schwul wären, ob das wirklich Männer wären und sorgten so für einen gewissen Grad der Erheiterung.

Auch wenn JJ und Tiara sich weigerten ins Bett gebracht zu werden und beschlossen hatten, solange aufzubleiben wie die Erwachsenen, waren sie irgendwann beide auf der Couch eingeschlafen, Gustav wie eine Art Decke über sie drapiert.

Also brachten Jochen und Endre die beiden ins Bett. Außerdem hatte Jochen in JJs geplantem Arbeitszimmer eine Couch zum übernachten – in der Nähe der Kinder, weil er ungern von Tiara getrennt war.

Unten war die Stimmung ausgelassen, bis in den frühen Morgen und weil Leif seine Freunde und Kollegen mit einem gemieteten Kleinbus hatte holen lassen, wurden sie nun auch durch die halbe Stadt wieder zurück gefahren. Keinem wollte er zumuten nüchtern zu bleiben, nur weil er noch fahren musste. Oder das Auto hier stehen lassen zu müssen, weil man heimgebracht wurde. Lieber nahm er ein bisschen Geld in die Hand und das Fuhrunternehmen freute sich über den Umsatz sicher auch.

Es war drei Uhr morgens, als Endre sich endlich – nach einem letzten Blick ins Kinderzimmer – an Leif kuscheln und die Augen schließen konnte. Im Halbschlaf reflektierte er noch einmal seine aktuellen Lebensumstände. Er war zufrieden, er war glücklich, er war verlobt und JJ war bei ihnen – für seine Begriffe hatte er alles. „Ich liebe dich“, murmelte er leise und Leif lächelte, strich ihm zärtlich über den Rücken. Ja, sie hatten alles - alles, was zählt.



-Epilog-



Zehn Jahre später



„Leif, du bist ja schon da?“ Endre stand am Herd und machte das Abendessen, als er Schritte auf dem Flur Richtung Küche kommen hörte. Lächelnd wandte er sich um, denn Leifs Arme hatten sich um seinen Mann geschlungen.

„Hab dich vermisst“, murmelte Leif und drehte einfach den Herd aus. Das Essen konnte warten, im Gegensatz zu ihm. „Schrecklich vermisst.“ Suchend legten sich seine Lippen erst auf Endres Wangen, dann auf dessen Kinn, bis sich endlich ihre Lippen in Ungeduld trafen.

„Ich dich auch“, nuschelte Endre undeutlich und ließ sich von seinem Mann auf die Arbeitsplatte heben, zog Leif gleich zwischen seine Beine und umschlang ihn gierig. Vier Tage war Leif zum Drehen an der Nordsee gewesen, denn seine Karriere als regulärer Schauspieler war überraschend schnell vorangeschritten. Er war mittlerweile ziemlich gefragt und konnte sich die Rollen aussuchen, die er übernehmen wollte. Im Augenblick stand er schon seit zwei Jahren für eine Krimiserie vor der Kamera und Leif spielte einen Polizisten, der ständig als Querulant von einem Revier aufs andere geschoben wurde und dabei irgendwie immer in merkwürdige Fälle stolperte. Der nächste spielte in Hamburg und deswegen war er für ein paar Tage für die Außenaufnahmen an die authentischen Lokalitäten bestellt worden.

Tagsüber war es Endre nicht aufgefallen, dass Leif nicht da gewesen war, denn seit ein paar Jahren, seit JJ aus dem Gröbsten raus war, arbeitete er selbst wieder als Buchhalter in einem Verlag und konnte sich über mangelnde Arbeit wirklich nicht beschweren. Nur abends, wenn er allein auf der Couch gesessen hatte, weil JJ auch lieber bei seiner Freundin Tiara übernachtete als zu Hause, da war die Einsamkeit gekommen. Vor allem in dem großen Bett. Aber er freute sich, dass Leifs zweites Leben so wunderbar in die Gänge gekommen war.

Doch nun hatten sie sich wieder und das ganze Wochenende vor sich – ungestört, denn JJ wollte mit Tiara, Jochen und Peter übers Wochenende in ein Spaßbad fahren. Eigentlich hatte man auch Endre und Leif eingeladen, doch sie hatten grinsend abgelehnt und JJ hatte lautstark erklärt, dass die doch nur sturmfreie Bude haben wollten, um das ganze Wochenende Sex zu haben. Ja, der Junge war wirklich aufgetaut, frech war er geworden und vor allen Dingen gewachsen. Er war mit seinen fast fünfzehn Jahren nur einen halben Kopf kleiner als sein Onkel und ein hübscher Kerl geworden. Da störte es Tiara wenig, dass ihr Freund drei Jahre jünger war. Man sah es nicht und merken konnte man das noch weniger.

JJs Begeisterung für seine Freundin hatte noch einen großen Vorteil: Die Damen vom Jugendamt, die immer noch ab und an ein waches Auge auf ihn hatten, auch wenn die Adoption bereits über die Bühne gegangen war und JJ offiziell Leifs und Endres Sohn war, konnten ihm nicht abstreiten, dass er sich normal – also nicht schwul – entwickelte.

Doch im Augenblick hatte man JJ ziemlich weit aus dem Kopf vertrieben – hier gab es in diesem aufgeladenen Augenblick nur Leif und Endre und eine angestaute Energie unbefriedigter Leidenschaft. Gierig zerrten Endres Finger Leif das Hemd aus der Hose und nahmen es hin, dass Knöpfe dabei absprangen. Die konnte man wieder annähen. Immer wilder wurde ihr Kuss und Endres glühender Blick machte Leif klar, dass sie vielleicht die Etage wechseln sollten.

„Hey, hallo?“, hörten sie plötzlich JJs Stimme, der Tiara im Schlepptau hatte und lässig in der Tür zur Küche lehnte. „Was geht denn hier ab?“

Endre zuckte ein wenig zurück und zog seine Hände zu sich, während Leifs Kopf auf der Schulter seines Mannes lag und er stöhnte leise wegen der Störung. „Verschwinde. Wolltet ihr nicht ins Bad fahren?“, knurrte er und sah sich nun doch zu seinem Jungen um. Der grinste sehr zufrieden, weil er seinen Eltern den Spaß verdorben hatte – das tat er nicht oft, aber wenn, dann gern.

„Ich habe leider meine Badehose vergessen. Ohne die kann ich doch nicht schwimmen fahren!“, sagte JJ gespielt überrascht, doch sie wussten alle, dass es Absicht gewesen war, um genau das hier zu tun. Als letzter kam auch noch Rudi in die Küche gestromert, doch ihn interessierte nicht wirklich, dass sein Herrchen wieder da war, sondern er hatte nur Hunger. So stromerte er zu seinem Napf und fraß, ließ sich dabei nicht durch die aufgeheizte Atmosphäre stören.

„Kriegst du nicht genug Taschengeld, um dir vor Ort 'ne Badehose kaufen zu können, nein?“, knurrte Leif und stützte rechts und links von Endres Hintern seine Hände auf der Arbeitsfläche auf.

„So eine schöne, die meinen perfekten Hintern so gut betont? Die findet man nicht einfach so – das war ein Glückgriff. Ich kann doch keine x-beliebige Badehose anziehen. Tiara schämt sich für mich, nicht wahr, Schatz?“ Fragend sah er seine Freundin an, die natürlich gleich nickte und das bestätigte und noch hinzu schob, dass sie doch nur mit ihrem Freund zusammen wäre, weil sich alle anderen Mädels nach ihm umsehen würden. Sie wussten alle, dass das nicht stimmte, doch das war im Augenblick egal.

„Hol das Ding und verschwinde und dann will ich dich bis Sonntag Abend hier nicht mehr sehen“, knurrte Leif und küsste seinen Mann wieder. Sie hatten morgen Hochzeitstag und in den würde er gern rein feiern, wenn ihr Junge das endlich zuließ.

„Eltern!“, murmelte JJ gespielt betreten und schüttelte den Kopf, doch Tiara tröstete ihn.

„Schatz, die beiden haben wenigstens noch was an! Ich war am Mittwoch auf der Suche nach der Biografie von Tolstoi für ein Referat und hab vergessen, dass Jochen von einem zweiwöchigen Lehrgang zurück war. Ich kam also ins Arbeitszimmer und ich hoffe, ich muss dieses traumatische Erlebnis nicht weiter erzählen.“

Nun musste sogar Endre grinsen, denn Jochen hatte ihm gestern davon erzählt. Es war wohl für alle peinlich aber nicht zu ändern gewesen. Da brachte man den Kindern von klein auf bei, sie sollten anklopfen, ehe sie in ein Zimmer kamen – dann passierte so was auch nicht.

„Ja, hey. Mit so was kann ich auch dienen“, murmelte JJ und Leif hob die Braue. Was kam denn jetzt? Er konnte sich nicht erinnern, von JJ schon einmal erwischt worden zu sein. Zumindest nicht nackt und mitten im Akt. „Drei Wochen her, da wartete ich auf meinen treusorgenden Endre, der mich von der Schule holen wollte und mit mir Schuhe kaufen gehen, weil ich neue Turnschuhe brauchte. Tja, da wartete ich und wartete. Wer nicht kam, war mein treusorgender Endre.“ JJ machte eine dramatische Pause, ehe er erklärte, dass er dann mit Bus und Bahn den Weg bis nach Hause gefunden hatte, wo sich seine treusorgenden Väter in der Sauna amüsiert hätten.

„Hey!“ Leif löste sich nun doch von seinem Liebling und funkelte seinen Jungen an, doch eher gutmütig. „Ich habe mich kein bisschen mit Endre amüsiert!“

„Ach nein?“, fragte nun Endre mit lauernder Intonation in der Stimme. Das waren ja ganz neue Töne! „Gut zu wissen, dann muss ich mich dir ja auch nicht mehr anbieten.“

„Wah, Schatz, so war das noch nicht gemeint!“, musste sich Leif nun gleich erklären und JJ lachte. „Los, Paps, Schadensbegrenzung“, lachte er und schob Tiara nach oben in sein Reich. Seit er von seiner leiblichen Mutter gehört hatte und auch, was alles passiert war, nannte JJ Endre und seinen Onkel bewusst 'Vater' oder 'Eltern'. Sie waren die, die ihm das Gefühl von Familie gegeben hatten und selbst zur Beerdigung seiner Mutter, die vor vier Jahren an den Folgen ihres intensiven Drogenkonsums gestorben war, war JJ nicht mitgekommen, doch Leif und Endre hatten ihn auch nicht gezwungen. Mit zehn Jahren befanden sie ihn für alt genug, zu entscheiden, ob er das wollte oder nicht.

„Ich meinte doch, dass wir da keinen Sex gehabt haben, sondern nur ein bisschen in der nagelneuen Sauna ausgespannt haben. Mit dir amüsiere ich mich doch immer, Liebling“, sagte Leif versöhnend und Endre wollte das noch einmal durchgehen lassen – aber wirklich nur einmal.

„Ach, apropos amüsieren“, murmelte Endre und hatte seine Finger schon wieder unter Leifs lädiertem Hemd. Das leistete jetzt nicht mehr sonderlich viel Widerstand. „Frank hat dir wie üblich ein Exemplar des aktuellen Films geschickt.“ Das Päckchen lag auf dem Tresen, doch im Augenblick war es uninteressant. Das hier war doch viel besser. Die Hitze des anderen, die Gier und die Lust. 'Water Rats Inc.' machte immer noch Filme und sie waren immer noch ziemlich gefragt. Viktor hatte sich vor ein paar Jahren selbst auch aus dem aktiven Geschehen zurückgezogen und kümmerte sich nur noch um die Firma und der Kontakt hatte sich normalisiert, seit er wieder jemanden an seiner Seite hatte. Vielleicht war Diego genau das, was Viktor immer gesucht hatte, denn der mochte die Eifersuchtsattacken seines Freundes. Sie gaben ihm das Gefühl, der einzige zu sein. Leif war froh darüber gewesen, dass sein Ex auch endlich einen neuen Weg eingeschlagen hatte und man wieder miteinander umgehen konnte wie normale Menschen.

Doch im Augenblick war ihm das alles egal – gleichgültiger hätte ihm nichts auf der Welt sein sollen. Er lauschte auf die Tür, als Tiara und JJ nach einem gebrüllten: „Hab euch lieb, bis Sonntag“, verschwunden waren. Zwar sagten sie ihm immer, dass er anständig sein sollte, keinen Ärger machen, saubere Unterwäsche anziehen und das sie ihn lieb hätten – doch heute war dafür wohl keine Zeit gewesen. „Hm“, war ihre ganze Erwiderung gewesen, erstickt in einem leidenschaftlichen Kuss.

„Liebe dich“, murmelte Endre nur noch leise und ließ sich auf die Anrichte sinken, damit Leif ihm die Kleider vom Leib schälen konnte – an ihrer Zuneigung und ihre Sucht nacheinander hatte sich nichts geändert und wenn doch, dann nur die Intensität, die mit jedem Blick und jeder Berührung noch stärker geworden war.

„Ich dich auch, mein Schatz, immer“, murmelte Leif, als er sich über Endres Körper langsam tiefer küsste.

Er war der glücklichste Mann der Welt.





ENDE


Danke fürs Lesen ...