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Ein Jahr - Teil 2 - 07

Als Carsten früh am andern Tag aufwachte, hatte er das Gefühl, ein Koala habe ihn mit seinem Lieblingsbaum verwechselt. Lange Arme und Beine umfingen ihn und wollten ihn offensichtlich am Aufstehen hindern. Er grinste, als ihm aufging, dass Henrik am Vortag bezüglich seiner Schlafpirschgewohnheiten nicht untertrieben hatte. Um aber weder sich noch Henrik in Versuchung zu führen, wand er sich langsam aus der Umklammerung, um dann im Schlafzimmer frische Klamotten überzuziehen. Dabei schwor er sich einmal mehr, nie wieder in Jeans zu schlafen, da dies wirklich unbequem war.

Einmal wach, war aber für Carsten nicht mehr daran zu denken, noch einmal einzuschlafen. Zumal das Doppelbett im Schlafzimmer weder kuschelig warm zum Verweilen einlud, noch über das Dämmerlicht verfügte, dass er dann doch zum Schlafen oder Dösen bevorzugte. Denn während das Wohnzimmer die meiste Abendsonne abbekam, zeigte das Schlafzimmer in die andere Richtung und begrüßte so schon in voller Pracht den Morgen. Also beschloss Carsten stattdessen, sich selbst einmal ihren Informationsschnellhefter anzusehen, um vielleicht eine Vorauswahl für den Tag zu treffen. Henrik wollte er so lange wie möglich schlafen lassen, vermutete er doch nicht zu unrecht, dass sein Freund die vergangenen Tage und Nächte keinen erholsamen Schlaf kennengelernt hatte.

Da der Tag wettermäßig genauso toll zu werden versprach wie der vorige, war Carsten wenig geneigt, seine Zeit in einem Museum zu verbringen. Das konnte man sich immer noch ansehen, wenn es regnete, oder aber wenn man sich einen Sonnenstich eingefangen hatte. Letzteres war laut Wettervorhersage wahrscheinlicher, aber nach dem langen Winter und der Tatsache, dass er die meisten Stunden des Tages in einem eher als sonnenarm zu bezeichnenden Schulgebäude verbrachte, war Carsten durchaus gewillt, eine erste Überdosis Sonne in Kauf zu nehmen. Zwar würden die Parks und Gärten an einem so schönen Tag ziemlich voll sein, aber auch damit ließ sich leben.

Als er in dem Schnellhefter bei dem Internetausdruck über das Schloss und den dazugehörigen Garten angelangt war, hatte er spontan eine Idee, die ihm zu gut gefiel, um sie fallen zu lassen. Als klassischer Garten nach italienisch-französischem Vorbild angelegt und zur Bundesgartenschau zwei Jahre zuvor kunstvoll hergerichtet, fühlte sich Carsten spontan an die Veranstaltung ‚Jardins Musiceaux’ in Versailles erinnert, von der Henrik ihm erzählt hatte. Dort waren in den Gärten von Versailles einigermaßen unauffällig Lautsprecher aufgestellt worden, die barocke Klänge über die Wege wehen ließen und einen, mit etwas Phantasie, dazu bringen konnten, zu glauben, gleich käme Ludwig XIV. mitsamt Hofstaat um die nächste Heckenecke gebogen. Zwar glaubte Carsten kaum, dass der Schlossgarten in Schwerin ein ähnliches Programm aufweisen würde, aber die Idee, mithilfe von Musik die Umgebungsgeräusche der zahlreichen anderen Besucher zu unterdrücken, gefiel ihm. Und da sowohl Henrik als auch er einen MP3-Player dabei hatten, stand einer solchen musikalischen Zeitreise eigentlich nichts im Wege. Vorausgesetzt natürlich er fand passende Musik im Netz, um ihnen ein entsprechendes Potpourri auf die Player zu laden.



Wie immer, wenn Carsten sich mit einer solchen Aufgabe befasste, vergaß er die Zeit vollkommen, was durchaus damit zusammen hing, dass er im Gegensatz zu Benni, eher als Laie im Umgang mit dem Medium Computer zu bezeichnen war. Nicht, dass er unfähig gewesen wäre, es dauerte halt nur etwas länger. Und noch etwas länger, wenn man bedachte, dass Carsten schon im Entstehungsprozess dazu neigte, seine Projekte zu überarbeiten, statt im Anschluss am fertigen Rohwerk herumzufeilen. Entsprechend überrascht – oder vielleicht auch nicht – war er, als ein noch zerzaust aussehender, aber ausgeschlafen wirkender Henrik sich kurz vor Beendigung des Projektes zu ihm in die Küche gesellte und in den Schränken nach Frühstücksutensilien zu kramen begann. Er hatte tatsächlich über zwei Stunden an seinem Musikwerk gefeilt. Am Ende jedoch war er mit der Mischung zufrieden, was in Carstens Augen die Hauptsache war.

Wie nicht anders zu erwarten gewesen war, war Henrik von der Idee des Musikgartens mehr als angetan. Noch während die Brötchen im Backofen auf Temperatur und Knusprigkeit gebracht wurden, hatte er schon seinen MP3-Player an Carstens Laptop angedockt und übertrug ihr ureigenstes Musikgarten-Programm.

„Sollen wir uns auch was für ein Mittagessen mitnehmen, oder willst du schauen, was wir vor Ort finden?“, fragte er, als er den Tisch deckte.

„Ich bin für mitnehmen“, erwiderte Carsten. „Bei dem schönen Wetter werden die üblichen Ausflugslokale und Cafés proppevoll sein und ich habe wenig Lust, mich zwischen Kinderwagen und nicht ganz so harmlosen Hunden vorbei auf die zwei letzten freien Plätze quetschen zu müssen, nur um dann eine Ewigkeit zu warten, ehe wir was zu Trinken, geschweige denn etwas zu Essen bekommen. Dann lieber abends durch die Altstadt bummeln und schauen, ob wir dann was Nettes finden.“

Henrik grinste. „Erinnert ein wenig daran, wie wir regelmäßig nach dem Frühstück in Paris die Boulangerie um die Ecke überfallen und erst einmal den halben Bestand an belegten Baguettes aufgekauft haben, ehe wir zum eigentlichen Tagesziel aufgebrochen sind.“

Bemüht die Wohnung in einem ordentlichen Zustand zu belassen, war es später Vormittag, ehe sie in Richtung des Schloss- und Burggartens aufbrachen. Aber Henrik und Carsten waren sich einig, dass sie nicht den letzten Tag in Schwerin gänzlich mit der Wiederherstellung des bewohnbaren Zustands ihres Feriendomizils zubringen wollten. Ergo war regelmäßiges Aufräumen dringend geraten. Beinahe hätte Henrik darüber vergessen, seinen MP3-Player einzupacken, hatte er diesen doch wie selbstverständlich in die Seitentasche seines Koffers gepackt. Aber eben nur beinahe.



Die Gartenanlage des Schlosses war wirklich wunderschön. Es gab von Rabatten gesäumte Wege, grüne Rasenflächen, Frühlingsblüher und Bäume, die sich im ersten lichten Grün oder voller Blüte zeigten. Egal, wie viele Besuche an diesem Tag mit ihnen diese Oase teilten, man hatte nie das Gefühl, dass es überfüllt war. Schon gar nicht, wenn man sich vorstellte, dass die alltäglichen Gespräche durch die Musik gefiltert zu altmodischem, höfischen Deutsch oder Französisch wurden. Fast konnte man glauben, man wäre nicht als Tourist sondern als Schlossgast in diesem Garten und würde in längst vergangenen Tagen seine Mußestunden lustwandelnd verbringen. Obgleich Henrik, als er sich vorstellte, wie es wohl gewesen sein mochte, tatsächlich hier als Gast zu sein, sich eingestand, dass er seine moderne, bequeme Kleidung dem doch eher als beengend zu bezeichnenden Prunk jener Tage vorzog. Von anderen Annehmlichkeiten, einschließlich portabler Musik im Miniformat ganz zu schweigen. Dennoch war es ein Ort zum Aufatmen und Henrik war seinen Freunden in diesem Moment dankbar, ihn zu dieser Reise genötigt zu haben.

„Ich glaube, ich bin noch in keinem Schuljahr so viel gereist wie in diesem“, sagte er wohlig seufzend, als Carsten und er sich auf einer Bank ausruhten.

„Inwiefern?“, fragte Carsten neugierig.

„Erst zu Beginn des Schuljahres die Fahrt nach Paris. Dann zu Weihnachten mit dir zu deinen Eltern. Jetzt Schwerin und dann, nach dem mündlichen Abi, hat mir Mama versprochen, mit mir zehn Tage nach Wien zu fahren.“ Ein kurzer Schatten huschte über Henriks Gesicht, als er daran dachte, wie es gekommen war, dass er hier in Schwerin war, aber entschlossen drängte er die trüben Gedanken beiseite.

„Wien? Nicht Lloret de Mar?“ Eigentlich war das doch das klassische Reiseziel nach dem Abitur.

„Bitte?“ Henrik sah Carsten ein wenig indigniert an. „Ich soll mich für unzählige Stunden mit viel zu vielen meiner Klassenkameraden und noch mehr Bierkästen in einen Reisebus quetschen, wo mir besagte Bierkästen auch noch den Platz für meine langen Beine streitig machen, nur um dann vermutlich genauso besoffen wie der Rest der Truppe, weil man die sonst auf Dauer nüchtern nicht erträgt, in Spanien anzukommen, wo am Strand das Ganze weiter oder wahlweise von vorne losgeht?“

„Wenn man dich so reden hört, könnte man glatt glauben, dass du deine Klassenkameraden nicht magst.“ Forschend sah Carsten Henrik ins Gesicht. Bislang hatte er eigentlich keine Anzeichen dafür entdecken können, dass Henrik mit seinen Klassenkameraden nicht gut auskam oder von diesen nicht voll akzeptiert wurde, sah man mal von den paar engstirnigen Idioten ab, die ihn wegen seiner Mutter verhöhnten. Henrik war kein Außenseiter, in Gegensatz etwa zu Lukas Pieters, und die Worte klangen eigentlich eher nach typischem Außenseiter.

„Ich mag sie schon. Am liebsten aber nüchtern. Seit gut drei Jahren habe ich zunehmend die Gelegenheit gehabt, zu sehen, wie sich meine Mitschüler unter Alkoholeinfluss gebärden und glaub mir, das harmoniert nicht immer. Anfang der Zwölften haben sich deswegen sogar Leute zerstritten, die schon seit dem Kindergarten befreundet waren! Okay, es hat sich auch wieder eingerenkt, aber so etwas hinterlässt auch immer Spuren. Und in jedem Jahrgang gibt es ein paar Leute, die unter Alkoholeinfluss extrem reagieren. In kleinen Gruppen ist das alles kein Problem, da sind sie harmlos und dumme Kommentare verlaufen im Sand. Aber für so eine Fahrt wie Lloret, da tun sich die Schulen der ganzen Stadt zusammen, nicht selten auch Schulen aus dem Umkreis, weil man dann bessere Preise bei den Reiseunternehmen bekommt. Sprich, du hast nicht nur die paar Idioten aus deiner Schule, sondern auch die Idioten aus den anderen Schulen. Und Idioten finden immer zueinander, so dass sie dann ganz schnell eine nicht zu unterschätzende Gruppe darstellen. Vielen Dank, das muss ich mir nicht geben. Denn ich trinke zwar auch ganz gerne mal, und gelegentlich auch mal etwas zu viel, aber mich anpöbeln lassen zu müssen, weil ich mir lieber die Sagrada Familia ansehen möchte, statt am Strand Sangria zu panschen, ist nicht meins. Und im Gegensatz zur Kursfahrt haben wir keinen Lehrer dabei, der einen am nächsten Tag trotz Kater zum Ausflugsprogramm zwingt.“

An dieser Stelle musste Carsten lachen. Er hatte im Herbst ein paar denkwürdige Bilder der Kursfahrten von seinen Kollegen gezeigt bekommen, unter anderem die des Musikkurses, dessen Mitglieder nach einem reichlich alkoholisierten Abend in Wiens schönem Weinbezirk Grinzing am nächsten Tag gnadenlos von dem begleitenden Lehrer gezwungen worden waren, Wiens Hausberg wandernd zu erklimmen. Die Bilder der müden Truppe, als man endlich das Ausflugslokal am Aussichtspunkt des Kahlenbergs erreicht hatte, hatten Bände gesprochen.

„Ergo fliege ich doch lieber mit Mama nach Wien. Ganz abgesehen davon, dass Fliegen viel kürzer und somit angenehmer ist als so eine Reisebustortur, wollte ich schon länger mal nach Wien. Die haben dort sogar ein Museum nur für die ‚überzähligen’ Möbel der Schlösser aus den verschiedenen Jahrhunderten.“ Henriks Augen blitzten vor Begeisterung.

„Von den Schlössern selbst, die man auch besichtigen kann, ganz abgesehen“, fügte Carsten lachend hinzu. Aber es war verständlich, dass ein Geschichtsfan und angehender Innenarchitekt wie Henrik einem Besuch in Wien mehr abgewinnen konnte als einem Saufgelage an der Costa Brava.



***



Das gute Wetter hielt tatsächlich die ganzen Osterferien über, erst als sich der Schulalltag wieder unaufhaltsam am Horizont abzeichnete, zogen Regenwolken auf. Überall wurden die üblichen Sprüche laut, dass insbesondere die Landwirte den Regen dringend brauchten – natürlich nicht zu viel Regen oder sie würden gleich wieder über das zu viel an Wasser jammern –, aber die Abiturienten hätten lieber weiterhin Sonnenschein gehabt, fand doch zwischen dem schriftlichen und mündlichen Abitur nur Unterricht auf Wunsch statt. Und im sonnigen Garten oder Park lernte es sich doch angenehmer als im heimischen Zimmer bei tristem Grau vor dem Fenster.



Die Woche nach den Osterferien brachte auch die Ergebnisse des schriftlichen Abiturs. Die Anspannung unter den etwa 120 Schülern war förmlich mit Händen zu greifen, als sie sich vor dem Lehrerzimmer versammelten, um auf die Tutoren mit den Ausdrucken zu warten. Schließlich hing von diesen Ergebnissen ab, ob man nur in einem Fach in die mündliche Prüfung musste, oder ob man sich während der verbleibenden drei Wochen auch noch anderen Fächern widmen musste.

Henrik hatte Glück, seine Ergebnisse waren in dem 3-Punkte-Rahmen, der zuließ, dass er nicht mündlich nachgeprüft werden musste, es sei denn, er wollte es aus eigenen Stücken. In Mathe war er, wie fast schon vermutet, am unteren Ende des Rahmens, ein Punkt schlechter und er hätte in die Nachprüfung gemusst. So konnte er aber mit dem Ergebnis durchaus leben. Auf keinen Fall würde er riskieren, mündlich am Ende noch mal zu Stochastik vernommen zu werden. In Geschichte lag sein Ergebnis sogar einen Punkt über der Vorschlagnote, was ihn ein wenig verblüffte, hatte er doch hier eher das Gefühl gehabt, dass seine Ausarbeitung der Argumente zu den einzelnen Aufgaben nicht tief genug ging. Aber diese Einschätzung lag offenbar daran, dass er es von seinen Lieblingsthemen in Geschichte stets gewohnt war, sehr gründlich an der Oberfläche zu kratzen, um zu sehen, welche Strukturen darunter zum Vorschein kamen. Häufig genug war er bei Themen, an denen ihm etwas lag, mit seinem Lehrer deswegen angeeckt, da sich seine Gedanken nicht in die Richtung des Unterrichtsziels bewegten und der Lehrer aufgrund der begrenzten Zeit und dem über das Jahr betrachtet zu behandelnden Stoff keine Möglichkeit für solche Gedankenausflüge hatte. Aber in der Abiturklausur hatte das allgemeine Verständnis, dass er sich für Geschichte durch solche Ausflüge erworben hatte, dazu beigetragen, ihm eine gute Note zu bescheren.

Die wahrscheinlich größte Überraschung aber war die Notiz hinter seinem Kunstergebnis, welches exakt die Vorschlagsnote bestätigte. In dieser Notiz wurde er gebeten, nach der Versammlung noch einmal mit Herrn Danberk, seinem Lehrer und Tutor, zu sprechen. Zu behaupten, er wäre neugierig, was Herr Danberk von ihm wollte, wäre untertrieben. Henrik hatte eher das Gefühl, in seinem Magen würden sich gerade die Ameisen im Bereich von Zehnerpotenzen vermehren und ihm würde bald der Bauch vor lauter Kribbeln und Summen platzen.

Da der Lehrer aber zunächst das weitere Vorgehen mit den zwei Schülern, die in die Nachprüfung mussten, besprechen musste, nutzte Henrik die Zeit, den wichtigsten Menschen in seinem Leben die Ergebnisse kurz per SMS mitzuteilen.

<<Mathe: 10, Kunst: 11, Geschichte: 13 :-) >>

Die SMS an seine Mutter trug noch den Hinweis, dass er zum Mittagessen, mit dem sie die Ergebnisse feiern wollten – seine Mutter hatte nie daran gezweifelt, dass er bestehen würde –, etwas später kommen würde, weil er erst noch mit seinem Kunstlehrer sprechen müsste.

Endlich aber war die Vorbesprechung für das mündliche Abitur abgeschlossen und Herr Danberk hatte für Henrik Zeit.

„Danke, dass du gewartet hast, Henrik.“

„Worum geht es?“ Henrik machte sich nicht die Mühe, seine Neugier zu verbergen.

„Um deine Abiturklausur“, erwiderte der Lehrer mit einem verschmitzten Lächeln. „Nein, nein, keine Sorge, es geht nicht um die Note und ich will dich auch nicht zu einer mündlichen Nachprüfung überreden“, beschwichtigte er den Schüler, als er sah, wie Henrik blass wurde. „Es geht vielmehr um deinen Entwurf zur Umgestaltung der Cafeteria. Es ist offensichtlich, dass du bei deiner Ausarbeitung die Cafeteria unserer Schule vor Augen hattest, statt frei ein nur auf dem Papier existierendes Schulcafé entstehen zu lassen. Du hast dabei so viel Verständnis für dieses Thema gezeigt, dass es fast enttäuschend war, zu sehen, wie wenig dir bei den Kunstwerken eingefallen ist.“

Henrik lächelte ein wenig betreten. „Ich habe mich ehrlich gesagt so mit der gestalterischen Aufgabe identifiziert, dass mir für den zweiten Teil nichts Rechtes einfallen wollte.“

„Das habe ich mir fast gedacht. Aber du hast Dinge erwähnt wie etwa die Magnetfarbe, die wir hier im Unterricht nie durchgenommen haben. Ich will offen sein, du warst nicht der einzige, der sich diese gestalterische Aufgabe ausgesucht hat. Man konnte den anderen beiden Arbeiten zwar ansehen, dass hier verschiedene Einrichtungssendungen im Fernsehen geholfen haben, immerhin eine halbwegs realistische Idee auszuarbeiten, aber der Schwerpunkt lag dann im Möbeldesign oder der Gestaltung eines Kunstwerkes als Wandschmuck und weniger in der Praktikabilität. Ganz zu schweigen davon, ob so etwas mit realistisch zur Verfügung stehenden Mitteln zu bewerkstelligen ist, oder nicht. Oder gar als Gesamtes überhaupt zusammen passt... Und keine der beiden anderen Ausarbeitungen zeigte unsere Cafeteria. Trotzdem besagte Einrichtungssendungen doch mehr umgestalten statt neu zu erschaffen. Du hast dagegen den Schwerpunkt auf das Machbare gelegt, um mit möglichst wenig Mitteln einen möglichst großen Effekt zu erreichen. Es war ein Gesamtkonzept und nicht Einzelteile, die zwar schön sind, aber im Zusammenspiel nicht immer alltagstauglich sind. Du hast nicht zufällig vor, nach der Schule dich in dieser Richtung beruflich zu orientieren.“

Henrik war bei so viel Lob etwas rot geworden und hatte mehr die Tischplatte als seinen Lehrer angesehen. „Schuldig im Sinne der Anklage“, bekannte er jetzt. „Ich möchte tatsächlich Innenarchitektur studieren.“

Herr Danberk nickte wohlwollend. „Was hast Du den Sommer über, zwischen der Verabschiedung und dem Semesterbeginn, vor?“

„Ich weiß nicht. Wieso…?“ Irritiert blickte Henrik auf.

„Wenn man wie ich jahrelang an dieser Schule unterrichtet, gewöhnt man sich an viele Mankos, die ein Schulgebäude, das nicht mehr ganz neu ist, zwangsläufig mit sich bringt. Aber es gibt auch Mankos, an die will man sich nicht gewöhnen, sondern ist daran interessiert, sie zu ändern. Auf eine solche Initiative ging die Gestaltung der Schiller-Wände zurück, die letztlich durch die Fraktion der Mathelehrer ins Leben gerufen wurde, vielleicht weil ihr Unterricht den wenigsten Raum für Kreativität bietet und sie dann nicht auch noch in den Pausen zwischen den Stunden traurig-blanke Wände um sich haben wollten. Ob du es glaubst oder nicht, die Tristesse des Cafeteriabereichs ist fast schon ein ständiger Punkt auf der Tagesordnung bei den Konferenzen zwischen Lehrerkollegium, Schulelternbeirat und Förderverein. Ich habe mir nun bei der letzten Sitzung vor den Osterferien die Freiheit erlaubt, Teile deines Konzepts als Vorschlag in den Raum zu stellen. Natürlich unter Wahrung deiner Rechte als Urheber des Konzepts.“

„Wenn das schon so lange ein Thema ist, wird mein Konzept kaum Chancen haben, angenommen zu werden. Allein die Anschaffung der Möbel und die bauliche Maßnahme des Erkers wird aus Kostengründen scheitern“, erwiderte Henrik sachlich. Zwar fühlte er sich geschmeichelt, aber er war Realist genug, um zu erkennen, dass nicht bloß, weil er zufällig zu diesem Thema eine Abiturklausur geschrieben hatte, die Gelder plötzlich für etwas zur Verfügung standen, das offenbar schon jahrelang erfolglos diskutiert wurde.

„Ich gebe zu, am Geld sind bislang fast alle Konzepte gescheitert. Aber steter Tropfen höhlt den Stein und so war in den letzten Jahren immer mal wieder ein Teil der Fördergelder für dieses Projekt beiseite gelegt worden. Nur, um dann für andere, vorrangigere Dinge verwendet zu werden. Wie etwa die Sanierung des Computerlabors nach dem Wasserrohrbruch. Denn mit den Geldern des Schulträgers hätten wir lediglich eine Ausrüstung von vorgestern finanzieren können. Knapp eine Stufe über Lochstreifen…“

Henrik nickte. Er selbst war damals zwar noch in der Unterstufe gewesen, aber im Laufe der Jahre hatte er genug Schulhistorie mitbekommen, um sich zusammen zu reimen, dass vor dem Schaden offenbar ein Großteil der Rechner noch nicht einmal internetfähig gewesen war.

„Es waren immer irgendwelche Notfälle, wo alle Gruppen sich einig waren, dass die Rücklagen des Vereins zusammen mit den Geldern des Schulträgers für besagten Notfall verwendet werden sollten. Deshalb ist auf diesem Weg nie genug Geld für eine nicht wirklich notwendige Renovierung der Cafeteria zusammen gekommen. Natürlich hat man die Cafeteria wie alle Räume der Schule auch auf die Liste der Instandsetzungen mit aufgenommen, damit sie regulär zu Geldern kommt, noch ehe die normalen Klassenräume ein zweites Mal gestrichen werden oder ähnliches. Gemäß der Reihenfolge wäre die Cafeteria allerdings erst in drei Jahren mit der Renovierung dran gewesen und selbst dann wäre vermutlich nicht viel mehr als ein neuer Anstrich und neue Korkpinwände dabei herausgekommen. Aber dein Konzept, Henrik, hat in der Gesamtheit so plausibel gewirkt, dass zum einen der Chemiebereich uns auf der Liste den Vortritt gelassen hat – sie wären eigentlich als Nächste dran gewesen –, davon inspiriert hat der Sportbereich die geplante Anschaffung eines neuen großen Trampolins für ein Jahr zurückstellen lassen und der Musikbereich hat angeboten, ein Benefizkonzert mit den Highlights der diesjährigen Konzerte hier im Treppenhaus zu geben, um zusätzliches Geld aufzubringen. So viel Zusammenhalt unter den einzelnen Fachbereichen hat auch den Förderverein überzeugt und er wird das Sommerfest für einen Spendenmarathon nutzen.“ Man hörte die Begeisterung, die in der Stimme des Kunstlehrers mitschwang, deutlich heraus. „Alles in allem ist also die Umgestaltung der Cafeteria für diesen Sommer beschlossen worden. Und weil es dein Konzept ist, das umgesetzt werden soll, hätten sowohl der Elternbeirat als auch der Förderverein dich gerne mit im Komitee für dieses Projekt! Was sagst du? Das wäre doch ein toller Einstieg für deine künftige Vita, oder?“

Henrik war sprachlos, anders konnte man es nicht ausdrücken.