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Terra 3.0 - Zyklus I - Neo New York - Teil 17 - 20

17

Die Nacht war kurz auch für Erdogan, denn sie war unruhig gewesen. Zwar hatten er und Michael Meodin abgelenkt, so gut es nur ging, doch schlussendlich war es dem Seepferdchen irgendwann zuviel geworden. Sie hatten ihn dann in Ruhe gelassen und ins Bett gelegt, doch das war nicht das gewesen, was Meodin gesucht hatte. Unzufrieden hatte er sich immer hin und her geworfen, die Decke von sich geschmissen, weil das Gefühl auf der Haut komisch gewesen war. Dann hatte er gefroren, die Decke wieder zu sich gezogen.

Eigentlich hatte er sich die halbe Nacht nur über das Bett gerollt. Ihm fehlte das Wasser auf seiner Haut und es war schwer, sich daran zu gewöhnen. Die Haut spannte unangenehm und irgendwann hatte Michael die Idee, es einmal mit einer Hautlotion zu probieren. Erst war Meodin sehr skeptisch und er ließ auch nur Erdogan an sich heran, aber als er merkte, dass es sich besser mit der Lotion anfühlte, half er mit.

Michael verzog zwar leicht das Gesicht, als sich Meodin anschließend, so fettig wie er war, über das Bett rollte. Doch er wirkte dabei sehr zufrieden, so dass der Assistent des Prinzen Milde walten ließ. Das konnte man ja alles waschen.

Meodin rutschte wieder zum Rand des Bettes und wollte sich erheben, wie er es bei Erdogan gesehen hatte, doch er musste schnell einsehen, dass das bei ihm nicht so gut funktionierte wie bei dem Prinzen. Er strauchelte und plumpste Erdogan in die Arme, hätte fast noch Sal erwischt, der müde und taumelig über das Bett schlurchte.

Erdogan lachte und hielt Meodin die Hände hin, damit der sich an ihnen hochziehen konnte. Mit seiner Hilfe natürlich. „Du wirst es lernen, Meo. Michael und ich werden dir dabei helfen“, erklärte der Prinz und zog Meodin hoch, so dass sein Seepferdchen zwar noch recht wackelig auf seinen eigenen Füßen stand, aber er stand. Und was Erdogan noch viel mehr entgegen kam als die Tatsache, dass er so viel besser in die schwarzen Augen blicken konnte, die seinen fast gegenüber lagen, war die Nähe, weil Meodin sich an ihn klammerte. Michael beobachtete das Schauspiel stumm und suchte ein paar Kleider des Prinzen. Der Fremde war schmaler, doch die Länge sollte hinkommen. Für den Anfang musste es gehen.

Es war nicht ganz einfach Meodin davon zu überzeugen, dass er sich anziehen sollte, denn er war es nicht gewohnt, aber Erdogan schaffte es irgendwie, ihn dazu zu überreden.

Michael amüsierte sich darüber, wie der Fremde den Prinzen im Griff hatte, ohne ein einziges Wort zu sagen. Er musste ihn nur aus den dunklen Augen anblitzen oder die Stirn kraus ziehen und schon spurte der Prinz. Natürlich würde Erdogan das niemals zugeben, schon gar nicht vor anderen. Maximal auf nett-zu-einem-Frischling-sein würde er sich einlassen. Schließlich war er der Prinz, ihn hatte niemand in der Hand.

„Wollt ihr wirklich heute schon zurückkehren?“, fragte Michael. Er war noch immer unsicher, wie Meodin auf all die Veränderungen reagierte. Es war ihm schon schwergefallen, sich an das Apartment zu gewöhnen, kaum Ruhe gefunden, wurde er erneut herausgerissen.

„Ich muss, Michael.“ Erdogan wusste auch, dass er Meodin viel zumutete, aber er konnte ihn einfach nicht hier alleine lassen. „Wenn wir da sind, werden wir dort auch erst einmal bleiben. Ich hoffe, es schadet ihm nicht, aber ich glaube, es wäre schlimmer für ihn, wenn er sich daran gewöhnt, hier zu sein und nach ein paar Tagen aus seiner vertrauten Umgebung wieder raus muss.“

Michael legte den Kopf schief, er war sich selbst auch nicht sicher, was besser war. „Werden wir hier noch frühstücken oder soll ich etwas einpacken, das wir unterwegs essen können?“ Er wusste, dass der Weg nach P-0061 nicht gerade kurz war und Pausen mussten sicherlich sein, wenn Meodin nicht mehr sitzen konnte oder nicht mehr wollte. Außerdem wollte Michael noch die letzten Dinge zusammenpacken, die sie vielleicht vor Ort gebrauchen konnten.

„Ich brauche einen Kaffee und eine Kleinigkeit zu essen wäre auch nicht schlecht. Aber um den Proviant brauchst du dich nicht selber kümmern. Ruf in der Palastküche an, sie sollen uns etwas zusammenstellen. Nach Möglichkeit mit Obst, Wackelpudding oder einer anderen cremigen Süßspeise. Meodin scheint das zu mögen.“ Gleich wollte er versuchen, ob er seinen Sturkopf dazu überreden konnte, etwas zu essen. Das wurde bestimmt wieder eine Herausforderung. Dabei musste der große Körper doch Hunger verspüren. Meodin hatte noch den halben Abend getobt, kaum etwas gegessen und auf die Dauer konnte das so nicht weiter gehen.

Er hatte sein Seepferdchen immer noch um die Taille gegriffen, weil der nicht sitzen wollte, aber auch noch nicht allein gehen konnte und so spielte er, ohne es zu merken, mit der Rückenflosse, aber nur so lange, bis Meodin warnend knurrte, denn der mochte das gar nicht. Das trieb ein merkwürdiges Prickeln durch seinen Körper, was ihm nicht geheuer war.

Erdogan musste sich wirklich zusammennehmen, nicht wieder nach der Flosse zu greifen, denn er mochte es, damit zu spielen. „Hast du Hunger?“, fragte er, um sich abzulenken und verdeutlichte seine Frage mit einer Handbewegung. So musste Meodin das eigentlich verstehen. Langsam und vorsichtig, damit Meodin auch mitkam, machte der Prinz einen Schritt in Richtung Esstisch. Meodin stützte sich auf ihn und so kamen sie Schritt für Schritt vorwärts.

Dabei knurrte sein Magen und ließ das Seepferdchen große Augen machen. Was war das denn? Das war ja noch nie passiert. Er sah Erdogan fragend an, der leise kicherte und feststellte, dass Meodin wohl doch Hunger hätte. So nahmen sie Platz und Meodin sah sich neugierig auf dem Tisch um. Er zog das erste zu sich, was er greifen konnte.

„Äh… Meo. Vorsicht heiß!“, rief Erogan schnell, denn Meodin hatte den Kaffee erwischt. Wenn er wollte, konnte er den ruhig haben, aber er bezweifelte, dass es gerade das richtige war. Darum schob er noch einen Teller mit klein geschnittenem Obst näher und nahm sich selber etwas davon. Meodin beäugte es nur skeptisch, schnüffelte kurz daran und schob den Teller dann wieder von sich. Seine Augen suchten weiter, ob er etwas Ähnliches wie gestern fand. Das war gut gewesen.

Unmerklich schob Michael eine Süßspeise näher, die war weniger widerspenstig wie der Wackelpudding und so konnte Meodin es noch einmal mit dem Löffel versuchen, was gestern ja völlig schief gelaufen war.

Erdogan nahm sich den Löffel und machte es Meodin noch einmal vor. Er nahm etwas Pudding auf den Löffel und hielt es Meodin hin. Der Prinz wollte ihn nicht unbedingt füttern, Meodin konnte sich den Löffel auch nehmen und selber essen. Mit der anderen Hand angelte sich Erdogan den Kaffee und schüttete sich eine Tasse ein. Den brauchte er jetzt dringend.

Allerdings machte sich Meodin nicht die Mühe den Löffel selber zu greifen und so machte er einmal mehr auf Michael den Eindruck eines kleinen Kindes und da lag er gar nicht so verkehrt. Als Meodin den Finger in die Schüssel stecken wollte, zog Michael sie weg und gab Meodin den Löffel. Das Seepferdchen drohte knurrend und sah Michael funkelnd an, doch der ließ sich nicht davon abhalten, ihm weiter den Löffel hinzuhalten. Erst wollte Meodin sich etwas anderes suchen, doch der Pudding war lecker gewesen, als nahm er zähneknirschend den Löffel und bekam seine Schüssel wieder.

Michael wagte nicht den Prinzen anzusehen, weil er nicht wusste, ob der das gerade unpassend fand. Doch der hatte sich nur mit seinem Kaffee zurückgelehnt und beobachtete den stummen Kampf schmunzelnd. Allerdings hielt er sich dabei lieber die Tasse vor das Gesicht, damit Meodin das nicht sehen konnte. Sonst musste er wohl damit rechnen, gleich Pudding in den Haaren zu haben.

Da es wohl ganz gut klappte, wenn er Meodin etwas vormachte, goss er ein Glas Wasser ein und trank einen Schluck, als Meodin zu ihm guckte. Dann hielt er es seinem Seepferdchen hin und nickte auffordernd. Eigentlich gerade mit seinem Pudding zufrieden musterte er die klare Flüssigkeit. Er nahm das Glas und trank einen Schluck. Kaum hatte sein Körper die Flüssigkeit aufgenommen, merkte Meodin, dass er Durst hatte. Mit einem Zug leerte er das Glas und holte dann tief Luft.

„Wasser.“ Erdogan hatte sich vorgenommen Meodin mehr von ihrer Sprache beizubringen und da bot es sich an, Dinge beim Namen zu nennen, die gerade benutzt wurden. Als nächstes deutete er auf die Schüssel und sagte: „Pudding“, und wiederholte das auch beim Löffel. Eigentlich sollte Meodin was anderes essen als ständig was Süßes, aber erst einmal sollte er seinen Willen bekommen.

Sobald Daniel greifbar war, musste der sich einem Fragenkatalog von Erdogan stellen, denn Meodin war nicht wie die anderen. Es war wichtig zu wissen, was man ihm zumuten konnte und was nicht, was er essen konnte und was er meiden sollte. Vielleicht wusste Daniel da mehr und wenn er das nicht tat, war ja auch noch Frankenstein da, den man damit erpressen konnte, dass er nicht weiter am Strahlenschutz forschen durfte.

Erdogan grinste frech. Es war wirklich in jeder Hinsicht ein Glückstreffer gewesen, dass sie die Formel entdeckt hatten. Gar nicht auszudenken, wenn sie gelöscht worden wäre. Erdogan nahm sich noch etwas Obst und hatte eine Idee. Als Meodin sich wieder einen Löffel Pudding in den Mund schieben wollte, hielt er ihn auf und legte ihm noch ein kleines Stück Wassermelone drauf. „Probier das mal.“

Wie erwartet folgte als erstes wieder der skeptische Blick. Meodin war gerade dabei gewesen, seinen leckeren Pudding zu löffeln, als er mit diesem roten Ding irritiert wurde. Er nahm es von seinem Löffel und steckte sich erst einmal den Pudding in den Mund, ehe er sich dem nächsten Neuen stellte. Wie gewohnt wurde es beschnüffelt, dann beleckt und wohl für gut befunden, denn es landete in seinem Mund. Doch dann fing er an zu würgen, röchelte und hustete. Vielleicht hätte er kauen sollen, doch das wusste er nicht.

Sofort war Erdogan bei ihm und klopfte ihm vorsichtig auf den Rücken, bis das Stück Melone nicht mehr im Hals steckte und auf den Tisch fiel. „Ach Meo“, seufzte er entschuldigend und wischte Meodin die Träne von der Wange. Er nahm sich selber ein Stück Melone und zeigte seinem Seepferdchen, was er machen musste.

„Kauen“, murmelte er und schluckte runter. Allerdings ließ sich Meodin davon erst einmal nicht überzeugen. Angewidert schnipsten seine schlanken Finger den Übeltäter über den Tisch und er griff sich wieder seinen Pudding. Das machte keinen Ärger und war lecker und Michael kam nicht umhin festzustellen, dass der Prinz in seiner Vaterrolle noch nicht ganz angekommen zu sein schien. Sie war wohl auch nicht das, was er sich eigentlich vorgestellt hatte. Aber erst einmal musste er sich wohl damit begnügen, ein Lehrer zu sein. Alles andere würde sich mit der Zeit ergeben, wenn Meodin sich eingelebt hatte.

Er setzte sich wieder auf seinen Platz und bedeutete Michael auch noch etwas zu essen. Er wollte bald los. Sie kamen später, wenn er Meodin tragen musste, nur langsam voran. Einmal mehr hoffte er, dass der Tunnel so schnell wie nur möglich wieder bis zur Kuppel befahrbar wurde. Arbeiter und Material waren bereits angefordert.

Sie saßen noch ein wenig, aßen in Ruhe und als es an der Tür klingelte, wusste Michael, dass der Proviant da war. Er guckte nicht schlecht, als dort noch ein paar weitere Kisten abgestellt wurden und Personal zurück blieb, um diese zum Wagen zu tragen. Leander hatte ebenfalls ein paar Dinge angefordert. „Die schlepp ich ihm aber nicht nach“, knurrte Erdogan und wusste jetzt schon, dass sie wohl von Trägern erwartet wurden, sobald sie den Wagen stehen lassen mussten. Das kam ihnen vielleicht auch ganz gelegen.

„Also los.“ Erdogan stand auf, als Meodin die Schüssel weg schob, weil sie leer war. Michael verteilte ihr Gepäck auf die Diener und es war klar, dass sie mindestens zwei Wagen brauchten, wenn nicht sogar drei, denn einer der Diener berichtete Erdogan, dass der von ihm bestellte Swimmingpool ebenfalls unten auf ihn wartete. Weil Erdogan nicht wusste, wie es mit Badegelegenheiten aussah, hatte er sich erst einmal für eine aufblasbare Variante entschieden. Darin konnte Meodin wohl nicht schwimmen, aber wenigstens baden. Im Augenblick war das schließlich das einzige, womit sich sein Seepferdchen gern die Zeit vertrieb.

Er war sich der heimlichen fragenden Blicke durchaus bewusst, als er Meodin auf die Arme nahm, um ihn zum Wagen zu tragen, doch er störte sich nicht daran. Er musste sich weder erklären noch entschuldigen, sollten die Leute denken, was sie wollten. Wichtig für ihn war nur, dass Meodin die Reise gut überstand.

Bei den Wagen angekommen blies Michael die Backen auf. Diesen Berg Kisten sollten sie mitnehmen? Waren die Wagen dafür nicht etwas... doch er konnte seinen Gedanken nicht zu Ende bringen, weil ein großer Transporter um die Ecke bog. Darum kümmerten er und Erdogan sich nicht weiter um die Kisten, sondern stiegen in einen der Wagen. Erdogan setzte sich hinter das Steuer und fuhr los. Er machte sich um Meodin keine Sorgen, denn der guckte wie gestern neugierig aus dem Fenster. Er wirkte wieder wie ein neugieriges Kind, das alles um sich herum aufsaugte wie ein Schwamm.

Und so nutzte Erdogan die Zeit, in der Meodin beschäftigt war und gab Gas. Er wollte so viele Kilometer wie möglich schaffen, ehe die erste Pause fällig war. Er hatte schon mehrere nachfragende Anrufe von Leander gehabt, denn schließlich war Erdogan der Kopf der Mission.

Seepferdchen hin oder her.

„Wir sind unterwegs“, gab Erdogan an Leander durch, so dass der die Träger losschicken konnte, um die Kisten zu holen. „Wir brauchen noch vier Männer mehr, ich habe noch mehr mitgebracht.“ Mehr musste der Prinz nicht sagen, sein Freund wusste, was zu tun war.

Die ersten Verbindungstunnel brachten sie ohne Probleme hinter sich. Die Räummannschaften hatten gut gearbeitet, so dass sie nur noch den letzten Abschnitt laufen mussten. Zum Glück mussten sie nicht mehr klettern, wie das letzte Mal. Allerdings waren die Stromschienen für die Wagen noch nicht wieder intakt. So ließ der Prinz sein Seepferdchen auf seinen Rücken steigen und los ging es. Meodin klammerte sich fest und wurde langsam unruhig. Ihm fehlte das Wasser und die Haut fühlte sich durch die Kleider komisch an. Er wollte alles von sich werfen und Erdogan hatte Mühe ihm zu erklären, dass er das besser noch sein ließ.

Er redete einfach die ganze Zeit irgendetwas und lenkte Meodin dadurch so weit ab, dass er nicht mehr so zappelte, denn er war neugierig und versuchte zu verstehen, was Erdogan sagte. Er wollte endlich mehr von dieser komischen Sprache lernen. Als er im Tank war, hatte er das eine oder andere aufgeschnappt, aber das reichte bei weitem nicht. Also hörte er Erdogan zu, der immer wieder auf etwas deutete und das dazu gehörige Wort sagte. Meodin nickte und nahm es auf, doch vieles davon vergaß er gleich wieder. Also beschäftigte er sich damit zu gucken.

Sie kamen gut voran und endlich hatten sie das Lager erreicht. Die meisten Soldaten waren am Tunneleingang, um ihn herzurichten, während Thom ihnen entgegen kam. Neugierig betrachtete er den Fremden, versuchte aber nicht zu gaffen. „Bill und Jack sind mit Leander drüben im Labor. Bill Harper ist eingetroffen und wird eingewiesen.“

„Gut.“ Erdogan nickte Thom zu und sah sich um. „Lean hat Räume für mich vorbereiten lassen, kannst du mir den Weg dahin zeigen?“ So schön es auch war, Meodin so nah bei sich zu haben, so langsam kam er an das Ende seiner Kräfte. Seine Wunde schmerzte ein wenig, doch das ignorierte er, aber es war besser, wenn er sein Seepferdchen, das schon wieder neugierig zappelte, endlich absetzen konnte.

„Ja, sie sind im obersten Stock, damit nicht jeder dorthin kann oder vorbei muss. Die Türen habe ich wie die vom Labor chip-gesichert und so wird es nur dir und Lean möglich sein, dort ein und aus zu gehen.“ Michael hob die Braue. Wurde er etwa mit eingesperrt? Er räusperte sich und erst jetzt bemerkte ihn Thom wirklich. Er besah sich den jungen Mann, der unscheinbar im Hintergrund blieb und sah dann den Prinzen fragend an. „Der auch?“

„Ja, der auch“, Erdogan schmunzelte leicht. „Das ist Michael, mein Assistent und speichere seinen Chip doch bitte auch in die Tür ein.“ Erdogan ging neben Thom her, damit er ihm den Weg zeigte. „Bei den Waren, die wir mitgebracht haben, ist eine dabei, auf der mein Name steht, kannst du bitte dafür sorgen, dass sie nach oben gebracht wird?“

„Sicher. Muss nur einer da sein, der mir dann die Tür aufmacht. Ich gehe mal davon aus, dass Leander dich gleich einsammeln und rüber ins Labor schleppen wird, um dich auf den neuesten Stand zu bringen. Aber dein Assistent wird ja sicher hier bleiben, nehme ich an.“ Aus welchem Grund sollte Erdogan sonst den jungen Mann mitgebracht haben, wenn nicht als Bespaßung für seinen Gast. Michael derweil verzog das Gesicht. Benehmen hatte der Blödmann jedenfalls nicht. Man sprach nicht in der dritten Person über jemanden, der anwesend war.

„Ja, genauso, wird es sein.“ Sie kamen vor der Tür an und die Tür glitt auf. Selber neugierig, was Lean vorbereitet hatte, betraten er und Meodin die Räume. Hier durfte es seinem Seepferdchen gefallen. Vorsichtig setzte er Meodin auf dem Bett ab und streckte sich. Noch waren sie allein, weil Thom Michaels Chip in die Tür programmierte. „Hier wirst du erst einmal bleiben“, erklärte der Prinz und setzte sich neben Meodin. Der sah sich schon wieder neugierig um, schnupperte und wirkte nicht mehr so ängstlich wie gestern, als sie das Apartment des Prinzen bezogen hatten. Das war ein gutes Zeichen, wie Erdogan fand. Er wurde mutiger.

Zufrieden stellte Erdogan fest, dass Leander auch an ein Bild-Telefon gedacht hatte, so konnte Meodin ihn kontaktieren, wann immer er wollte. Das war gut. Wenn es gar nicht ging, konnte er zurückkehren und wenn er nichts hörte, musste er sich keine Sorgen machen – sehr gut.

„Strom und Wasser kommt aus der Wand. Das waren die ersten Zimmer, die wir fertig gemacht haben!“ Thom wirkte zufrieden, sein Job war getan und Michael kam leise moppernd hinter ihm her.

Um Meodin zu zeigen, wie es ging, wählte er Leander an. Neugierig rückte Meodin näher und beobachtete genau, was Erdogan machte. Damit Thom das nicht unbedingt mitbekam, dirigierte Michael ihn durch die Wohnung und ließ sich alles zeigen. Schließlich sollte er wohl die nächste Zeit hier verbringen. Da sollte er wissen, was es alles gab.

„Und? Was ist das für ein Typ?“, wollte Thom wissen, als er Michael durch die kleine Küche führte. Viel Luxus bot sie nicht, aber das nötigste war vorhanden. Sogar der Kühlschrank funktionierte wieder und das Wasser kam aus der Wand, warm - das war ein kleiner Luxus, den nicht alle Zimmer im Hause hatten.

„Das musst du den Prinzen schon selber fragen“, sagte Michael ausweichend, denn er hatte keinen Schimmer, in wieweit der Techniker eingeweiht war und ob man ihm trauen konnte.

„Okay.“ Thom sah Michael kurz von der Seite an und bohrte nicht weiter. Er setzte seine Führung fort, aber viel gab es da nicht mehr zu sehen. Einen Wohnraum und noch zwei weitere Schlafzimmer umfasste die Wohnung und einen Raum, der vollkommen leer war. Am Ende kamen sie wieder bei Meodin und Erdogan an, der gerade mit Leander sprach.

„Es wurde auch wirklich langsam Zeit“, hörte man Leander gerade. „Wenn ihr mit dem Einziehen fertig seid, komm ins Labor. Ich komm dich nicht extra abholen“, erklärte er und grinste frech. Der Prinz wusste, wie er das zu nehmen hatte. „Und ich hoffe, ihr habt mein Zeug mitgebracht. Wenn nicht wirst du gleich noch mal zurück fahren.“

Meodin erkannte den Mann auf dem Bild und erinnerte sich, doch er konnte ihn noch nicht einordnen, ob er ihn mochte oder nicht. Also hielt er sich im Hintergrund und Leander ließ ihn vorerst in Ruhe.

„Wir haben alles dabei“, versicherte Erdogan und verabschiedete sich mit den Worten, dass er so schnell rüber kam wie er konnte. Als der Bildschirm dunkel wurde, rückte Meodin wieder näher und sah Erdogan fragend an. „Telefon. Damit kannst du mich erreichen, wenn ich nicht hier bin“, erklärte der Prinz automatisch und Thom hob eine Augenbraue.

Wieso wusste dieser Typ nicht, was ein Telefon war?

Wo kam der denn her?

Neugierig kam er näher und sah sich Meodin genauer an, was dem Seepferdchen schon wieder gegen den Strich ging. Er versuchte die Rückenflosse aufzustellen, doch das Shirt, was er trug, hinderte ihn daran und er knurrte leise. Misstrauisch sah er Thom an. Der sollte ihm nicht zu nahe kommen. Meodin konnte hier nicht flüchten und so konnte er nur drohen. Was aber zur Folge hatte, dass Thom noch neugieriger wurde und noch näher kam. Michael konnte gar nicht so schnell eingreifen, wie Thom vor Meodin stand und ihn interessiert beobachtete. Jetzt wurde auch Erdogan darauf aufmerksam, denn Meodin rückte näher zu ihm und versuchte sich zu verstecken. „Was?“, fragte der Prinz, als sein Seepferdchen sich an ihn klammerte.

Der hatte deutlich verstanden, was Erdogan wissen wollte und deutete auf Thom, der überrascht eine Braue hob. Das war aber schon ein schräger Vogel. Schien nicht zu reden, schien nichts zu wissen. Wo kam der denn her? Doch er hob abwehrend die Hände und trat zurück. Dann sah er zufrieden, wie der Fremde wieder aufatmete. Nähe schien er also auch nicht zu mögen – vom Prinzen wohl einmal abgesehen.

Erdogan strich Meodin beruhigend über den Rücken. „Der beißt nicht, der will nur spielen“, lachte er leise und Thom blies die Wangen auf. Was sollte das denn heißen? Meodin schien das anders zu sehen, denn er versteckte wieder sein Gesicht, weil er schon wieder angestarrt wurde. „Weg“, murmelte er leise und deutete wieder auf den Techniker. „Weg gehen.“

Thom verzog pikiert das Gesicht, während sich die anderen beiden gar nicht darum scherten, dass er sich entfernen sollte, sondern nur wie paralysiert auf den Fremden starrten. Was Meodin auch schon wieder verunsicherte und ihn irritiert „was?“, fragen ließ, so wie es Erdogan eben getan hatte.

„Du kannst ja doch reden“, platzte es aus Erdogan heraus, der es immer noch nicht richtig fassen konnte. Sein Seepferdchen hatte sie die ganze Zeit an der Nase herumgeführt, aber er konnte ihm nicht böse sein, dafür freute er sich viel zu sehr. Strahlend drückte er Meodin kurz an sich und lachte. „Sag noch was“, bat er, denn er wollte die Stimme noch einmal hören.

Meodin verstand die ganze Aufregung nicht und machte große Augen, während Thom den Kopf schüttelte und sich erst einmal absetzte. Im Augenblick schien er hier nicht mehr gebraucht zu werden und er hatte noch im Haus zu tun, ehe er sich wieder ein paar Unterlagen widmen wollte.

„Was?“, fragte Meodin also noch einmal und Michael grinste. Der Prinz war ja völlig aus dem Häuschen.

Erdogan blinzelte irritiert, aber dann hellte sich sein Gesicht auf und er lachte los. „Du bist mir ja einer. Kannst du auch Erdogan sagen?“, fragte er und seine Augen blickten Meodin erwartungsvoll an. Er wollte wissen, wie sich sein Name aus Meodins Mund anhörte.

„Er-do-gan“, erklärte Meodin, nicht wissend, was das eigentlich schon wieder sollte. Doch es schien Erdogan zu erfreuen und so spielte er mit, was immer das werden sollte. Michael stand etwas abseits und konnte nicht vermeiden, dass er gerade das Bild einer stolzen Mutter vor sich hatte, die ihrem Sprössling endlich das Sprechen beigebracht hatte. Doch er schüttelte den Kopf und verwarf das Bild. Das war doch verrückt! Also machte er sich lieber auf, um ihre Taschen zu holen.

„Warum hast du bisher nicht geredet?“, fragte Erdogan und beruhigte sich langsam wieder. Meodin war wirklich immer für eine Überraschung gut. Was der wohl noch so alles auf Lager hatte? Erdogan legte den Kopf schief und lächelte. Musste er wohl einfach abwarten, denn so einfach würde Meodin seine Geheimnisse nicht preisgeben.

„Warum?“, wiederholte Meodin und zuckte die Schultern. Er hatte keine Notwendigkeit gesehen, etwas sagen zu müssen. Und so war es immer noch. Er hatte nicht den Drang sich mitzuteilen. Was hätte er auch sagen sollen? Doch dann fiel ihm etwas ein. „Wasser“, erklärte er, denn er hatte Durst.

„Was zu essen auch?“, fragte Erdogan und gab sich mit der Antwort erst einmal zufrieden. Aber jetzt wusste er, dass Meodin reden konnte und das war gut so. Denn es machte den Unterricht einfacher. Nur leider konnte er nicht länger hier bleiben, denn Leander wartete auf ihn. „Ich muss gleich weg, aber Michael wird bei dir bleiben. Du kannst ihm vertrauen.“

„Mi-cha-el?“, fragte Meodin, schien sich aber zu erinnern, wer das war und nickte. Dankend nahm er das Wasser, was der Prinz ihm reichte und sah ihm nach, als der sich erhob. „Komm wieder!“, sprach er die Worte, die er im Tank immer nur hatte formen können. Dabei sah er Erdogan intensiv an. Man merkte, dass es ihm zusetzte, dass er mit seinen schwachen Beinen Erdogan nicht folgen konnte und zurückgelassen wurde. Das konnte so nicht bleiben.

„So schnell ich kann.“ Erdogan strich Meodin wie schon so oft über die Wange. „Michael wird sich um dich kümmern und bald kannst du auch baden. Dein Pool wird gleich aufgebaut.“ Erdogan sah noch einmal lächelnd auf Meodin runter und drehte sich dann entschlossen um.

Er musste los.

Eilig hastete er die Treppe hinab und zum Schacht hinüber. Nachlässig grüßte er und machte, dass er weiter kam. Zwischenzeitlich hatten die Soldaten ein paar Wagen hier unten stationiert, das kam Erdogan ziemlich entgegen, denn so dauerte es nur ein paar Minuten, ehe er vor der Tür stand.

Als die Tür sich öffnete, stand Leander schon auf der anderen Seite. Er hatte Erdogans Nahen registriert und wollte ihm gleich entgegen treten. „Und? wie macht er sich?“, war das erste, was er wissen wollte, denn so lange das Seepferdchen glücklich war, konnten sie mit Erdogan rechnen.

„Besser als erwartet und er kann reden.“ Erdogans Antwort war knapp und wie man es von ihm sonst gewohnt war. Jetzt war er wieder der Soldat. Jetzt, wo er wusste, dass Meodin in der Nähe und gut aufgehoben war, konnte er sich wieder auf seine eigentliche Aufgabe konzentrieren. „Was gibt es hier Neues?“

„Also“, antwortete Leander und zusammen gingen sie den Flur entlang in das Büro, in dem sie die Unterlagen gefunden hatten. Das hatte Leander zu ihrem Stützpunkt hier unten ausbauen lassen und sie untersuchten nach und nach, was es hier noch gab. Um den Ex-Bereich machten sie einen Bogen, das wollte er seinen Männern nicht antun. „Heute Morgen stand Bill Harper vor der Tür und was soll ich sagen? Der Kerl kniet sich rein, so was habe ich noch nicht gesehen. Er greift Bücher, schreibt altmodisch ganze Tafeln voll, wischt und schreibt neu. Der Kerl scheint wie in einem Wahn zu sein.“ Man hörte an Leanders Stimme, dass er mit dem Umstand ziemlich zufrieden war. Je intensiver sich der Genetiker rein kniete, umso besser für sie alle. „Allerdings benötigt er Leute, sagt er. Versuche müssen gemacht werden.“

Erdogan verzog das Gesicht. Die Vorstellung einfach jemanden zu bestimmen, der dann vielleicht starb, nur weil die Formel nicht funktionierte, behagte ihm nicht. „Das entscheiden wir später. Erst einmal soll er sich so behelfen und Tierversuche machen, wenn es sein muss.“ Es war dem Prinzen klar, dass er das Problem nur aufschob, aber noch war es nicht so dringend.

„Ich glaube, du hast da eben was falsch verstanden“, grinste Leander. Er wusste ja, dass der Prinz von Frankenstein nicht viel hielt – schon allein wegen Meodin. Doch ganz so herzlos war der Genetiker ja auch nicht. „Er braucht einen Teil seines Personalstamms. Er murmelte was von Petrischalen und Zellversuchen. Ich habe nicht weiter gefragt, weil ich eh nicht verstehe, was los ist. Aber Daniel hat er schon voll in Beschlag. Wenn wir keinen zweiten Arzt haben, sollten wir ihm lieber seine Leute geben, damit Daniel wieder für die kleinen Wehwehchen der Truppe da ist.“ Denn sie hatten schon zwei Brüche und einige Quetschungen kurieren müssen.

„Ach so, aber nicht mehr als zwei und er ist für sie verantwortlich. Wenn sie uns Ärger machen, ist er dran.“ Erdogan war es nicht peinlich, dass er nicht besonders gut von Frankenstein dachte. Besser erst einmal vorsichtig sein. Man konnte seine Meinung immer noch revidieren und bisher hatte ihm der Genetiker dazu keine Veranlassung gegeben.

„Das habe ich ihm auch schon gesagt. Hier lang“, dirigierte Leander den Prinzen, denn sie wollten nicht in die Leitzentrale, sondern gleich in das Labor, in dem Bill wirbelte und tobte. „Hallo“, grüßte der Soldat ungerührt, als er die Tür öffnete. Er fand das gleiche Bild wie schon die Stunden davor: Zerknülltes Papier, vollgeschmierte Tafeln. Überall lagen offene Bücher herum und zwei arme Soldaten waren abgestellt, in der Bücherei und den Datenbanken, die sie hatten retten können, das zu suchen, was der Genetiker brauchte und er war kein geduldiger Mann. Erdogan und er hatten eine Menge gemeinsam, doch das würde Leander niemals sagen, nicht so lange er an seinem Leben hing.

Bill hatte noch nicht einmal mitbekommen, dass er nicht mehr allein in seinem Labor war, so vertieft war er in ein Buch und ging damit durch die Gegend. Das machte er immer, wenn er Probleme wälzte. Seine Mitarbeiter gingen ihm dann immer aus dem Weg, denn er konnte ungemütlich werden, wenn man ihm dabei im Weg stand. Erdogan und Leander wussten das nicht und so kam das unvermeidliche, als Bill in den Prinzen hineinlief.

„Verdammt noch mal, geh aus dem Weg, Idiot“, schimpfte der Genetiker, ohne aufzusehen. Dann ging er einfach weiter und Leander schluckte. Entweder explodierte gleich der Prinz und anschließend das Labor - dann konnten sie das hier vergessen, oder er überging die Titulierung, weil Bill Harper gerade nicht zurechnungsfähig war.

„Werde ich nicht, denn erst will ich wissen, was es Neues gibt.“ Erdogan hatte sich entschlossen, die Beleidigung zu überhören, aber sein Tonfall machte klar, dass er das nicht noch einmal so hinnahm. „Wie weit bist du mit deinen Forschungen?“

„Ich bin da gerade mal seit einem halben Tag dran, mehr Zeit hatte ich noch nicht“, knurrte Bill, sichtlich empört über die dreiste Störung. Er hatte ausdrücklich darum gebeten, nicht ständig belauert zu werden. „Alles, was ich bisher herausfinden konnte, ist, dass die Formel wirklich genial ist. Da sind ein paar Stoffe dabei, die bekommt man nicht einfach so. Die müssen synthetisiert werden. Aber sie sind in der Lage, die Botenstoffe in den Zellen völlig irre zu leiten und so zu verhindern, dass sie auf Strahlung reagieren. Die Idee ist genial. So viel Verwirrung stiften, dass die Zelle vergisst zu mutieren. Völlig irre aber genial!“ Bill war schon wieder außer sich. An sich war das ziemlich grob erklärt, die chemischen Schutzvorgänge in der Zelle weit komplizierter, doch es den beiden mit Formeln und Energieübergängen zu erklären, hielt er für vergebliche Liebesmüh.

„Aha.“ Erdogan hatte genug gehört. Bill schien das alles im Griff zu haben. Er fühlte sich immer unwohl in der Nähe des Wissenschaftlers und seit dem er Meodin kannte, war es nicht besser geworden. „Bestimme zwei Assistenten und wir werden sie hier her bringen, aber du trägst die Verantwortung für sie, wenn sie Ärger machen.“

„Meine Leute machen keinen Ärger“, knurrte Bill und holte tief Luft. Er musste überlegen, wen er hier brauchte. Auf jeden Fall Rodriguez. Der Mann konnte schnell umsetzen, wenn man ihn anleitete und sein zweiter Gedanke war Kyle, denn er hatte ehrlich gesagt keine Lust, wieder wochenlang auf seinen Mann zu verzichten. Kyle war Tiermediziner, doch mit Zellkulturen konnte er auch umgehen. Und wenn es an die Versuche am lebenden Objekt ging, war er vielleicht auch intensiver von Nutzen. Also nannte er diese beiden Namen.

„Gut.“ Leander hatte die beiden Namen gleich in seinen Palm eingegeben und schickte sie weiter an seine Leute, damit sie die beiden Männer hierher holen konnten. Spätestens morgen waren sie dann hier und sie konnten endlich richtig anfangen. „Brauchst du noch irgendetwas?“, fragte er, denn dann konnten sie das auch gleich noch liefern lassen.

„Das Labor ist überraschend gut ausgestattet“, sagte Bill und würde den Teufel tun zuzugeben, dass es besser ausgestattet war als sein eigenes. Wer auch immer hier unten gearbeitet hatte, er wusste ganz genau, was er tat und was er dafür brauchte. Das waren Profis und er wollte sie kennen lernen.

Irgendwann.

„Eine Bleibe für mich und meinen Gatten wäre auch nicht übel. Wenn möglich in der Nähe, denn ich möchte so wenig wie möglich Zeit vergeuden mit langen Wegen.“ Mehr brauchte er im Augenblick nicht.

„Wir werden sehen, was sich machen lässt.“ Leander würde sich darum kümmern, aber dass Bill und sein Gatte hier unten schliefen, kam gar nicht in Frage. Dazu wussten sie noch zu wenig über diese Anlage und hatten sie auch noch nicht zur Gänze erforscht. Das war eines der nächsten Dinge, die sie erledigen wollten, jetzt wo Erdogan hier war.

Sie gingen über den Flur zurück und ließen Bill wieder machen. Der war sowieso am produktivsten, wenn man ihn nicht störte.

„Jack hat sich schon als Versuchskaninchen angeboten. Er will unbedingt da raus und hat keine Lust noch ewig zu warten“, sagte Leander um sich abzulenken. Die Erwähnung von Kyles Namen, hatte ihn an dessen Chef erinnert, der Chef der zufällig Leanders aktueller Freund war und von dem er nichts mehr gehört hatte, seit Leander hier her versetzt worden war.

Wie es aussah, war er wohl wieder Single.

So schnell konnte das gehen.

„Warum wundert mich das überhaupt nicht?“ Erdogan hatte schon damit gerechnet, so scharf wie Jack auf die Außenwelt war. Das musste aber erst noch warten. „Habt ihr schon etwas über die Schnellbahn rausgefunden? Wisst ihr, wo sie enden könnte?“ Wenn sie die nutzen konnten, war es einfacher hin und her zu kommen und Material zu beschaffen.

„Ich war mit einem Trupp im Tunnel unterwegs. Thom hat uns mit seiner Technik begleitet und wir haben unsere Chip-Signale mit der aktuellen Karte überlagern lassen. Ab und an war das Signal ausgefallen, weil wir wohl etwas tief waren und die Satelliten zu weit weg. Was auch immer. Jedenfalls – ach komm mit und guck es dir an, wir haben es aufgezeichnet.“ Leander wusste nicht, wie er seinem Prinzen erklären sollte, dass die Schnellbahn ca. siebzig Meter unter dem Palast endete. Unweit des Empire Gebäudes war ein kleines leerstehendes Haus, die perfekte Tarnung.

Unglaublich.

Sie durchforsteten schon die Videoarchive, ob man sehen konnte, wer dort aus und einging. Doch das war nicht so leicht, wie man glauben sollte.

„Hm.“ Wenn Leander so ungenau wurde, dann wusste er, dass der Prinz wohl wütend werden könnte und das versetzte Erdogan in Alarmbereitschaft. Er sagte aber nichts, bis sie vor dem Computer saßen und er sich die Ergebnisse ansehen konnte. Da verstand er auch, warum Leander nichts gesagt hatte, denn Erdogan war wirklich wütend und schlug mit der Faust auf den Tisch. „Diese Schweine“, fluchte er laut und konnte es gar nicht fassen. „Das war eine Frechheit, das so nah am Palast zu machen. Sie müssen sich wirklich sicher gewesen sein.“

Leander nickte nur. Er musste nicht aussprechen, was er vermutete: dass die – wer auch immer sie waren – Hilfe aus der unmittelbaren Nähe des Palastes gehabt haben mussten. Regelmäßig wurden aus Sicherheitsgründen die umliegenden Häuser des Palastes untersucht. Warum war das Haus dabei nie auffällig geworden? Schlimmer noch, es war oft nicht einmal untersucht worden. Zumindest fehlten von vielen Einsätzen die Protokolle. Die Daten waren einfach gelöscht worden. „Jack sitzt gerade drüben in seinem Zimmer, lässt seine Dreckproben mal Dreckproben sein und forscht, was sich über das Haus herausfinden lässt. Besitzer, Besucher, Verwendung. Zum Abendessen wird er seine Ergebnisse vorstellen, hat er gesagt.“

„Wenn ich rauskriege, wer dafür verantwortlich ist, dann werden Köpfe rollen.“ Erdogan stand auf und lief in dem Raum hin und her. „Diese Organisation ist weit größer, als ich vermutet habe. Es benötigt viele Helfer, um so etwas aufzubauen und auch geheim zu halten. Wir müssen davon ausgehen, dass eigentlich jeder der Feind sein kann.“

Das war auch Leander klar und das machte es nicht besser. „Ich bin dafür, dass wir tiefer in die Gewölbe vordringen. Ein Teil der Männer ist schon unten. Sie haben noch ein weiteres Archiv gefunden. Die PCs sind gelöscht wie die hier oben auch, aber es gibt weitere Bücher. Solch einen Glückstreffer wie den Datenträger vorgestern haben wir nicht noch einmal gefunden, aber dafür immer mehr Labore.“ Zum Glück ohne laufende oder tote Experimente.

„Machen wir das am besten gleich. Je eher wir sicher sein können, dass sich nicht noch eine böse Überraschung hier verbirgt, umso besser. Schließen wir uns den Männern an.“ Erdogan musste sich bewegen, das half ihm am ehesten mit seiner Wut fertig zu werden. „Am Besten wäre es vielleicht, dass wir die Archive sichten lassen, um interessante Bücher zu den Archivaren zur Auswertung zu schicken.“

„Ja, vielleicht. Aber nicht sofort. Ich glaube das eine oder andere Buch hier kann Bill gut gebrauchen. Daniel liest fleißig und selbst Jack sieht man nur noch mit gedruckten Seiten vor der Nase. Lass die Fachleute aussortieren, was wir hier gebrauchen können. Den Rest können die Archivare gern haben. Sollen sie damit glücklich werden.“ Leander dachte da ähnlich, doch das Wissen, was sie noch gebrauchen konnten, um den Fragen auf die Spur zu kommen, die ihnen unter den Nägeln brannten, konnten sie nicht einfach wegschaffen.

Erdogan nickte. Das sollte ruhig Leander entscheiden. Er vertraute seinem Freund und wusste, dass dieser nichts tun würde, um ihre Mission in Gefahr zu bringen. „Lass uns zu deinen Leuten gehen. Die Anlage erforscht sich nicht von alleine.“ Damit waren sie dann auch die nächsten Stunden beschäftigt.



18

„Ich würde dann gerne anfangen“, knurrte Jack leicht gereizt. Sie hatten sich nach dem Abendessen in einem der Räume zusammengefunden, die in ihrer Unterkunft als Gruppenräume hergerichtet worden waren. Eine der Wände war als Monitor präpariert worden, um Einsätze besser planen zu können. Jack wollte sie nutzen, um allen mitzuteilen, was er herausgefunden hatte. Selbst Bill hatten sie aus dem Labor gezerrt. Man sah seinem Gesicht an, was er davon hielt. Aber ohne Leander oder Erdogan hatte sich im Labor niemand aufzuhalten.

„Warten wir noch auf den Prinzen, er wird gleich da sein“, entgegnete Leander, der sich einen bequemen Sitzplatz gesucht hatte. Neben ihm saß Bill und murmelte leise, dass der bestimmt mit seinem neuen Haustier spielen würde. Man sollte ihn besser holen, ehe er die Zeit vergaß.

„Wenn du an deinem Leben hängst, solltest du besser darauf achten, was du sagst“, raunte Leander ihm zu, denn gerade kam Erdogan in den Raum und egal, wie wichtig Bill für ihre Mission war, wenn der Prinz mitbekam, wie der Wissenschaftler über Meodin redete, war er tot.

„Wir können anfangen.“ Erdogan nickte Jack zu und war schon gespannt, was der Geologe herausbekommen hatte.

Er positionierte sich an dem riesigen Monitor, die Fernbedienung für den PC in der Hand und steuerte eigentlich fast nur über den Touchscreen. „Also“, fing er an und bat gleich darum zwischen zu fragen, wenn etwas unklar war. Er beschäftigte sich schon länger mit dem Stoff, so dass er vielleicht das eine oder andere fälschlicherweise voraussetzen würde. Leander war ziemlich beeindruckt. Der Kerl zeigte ja richtige Teamwork-Züge. Wie konnte das denn passieren? Anfangs hatte er dem Kerl jeden Satz fast rausprügeln und Konversation einfordern müssen, jetzt forderte er sie sogar dazu auf. Doch egal was der Grund dafür war, Leander war froh, dass es so gekommen war.

„Fangen wir mal damit an, dass es eine Schnellbahn zwischen dem Labor und der Hauptkuppel von Neo New York gibt.“ Er drückte auf einen Knopf und die Animation über den Tunnel lief. Schematisch wurde seine Lage in Karten eingeblendet. „Und so kommen wir gleich zum nächsten – der Bahnhof neben dem Palast. Zugegeben, nicht gerade unauffällig aber wohl wieder rum so auffällig, das es nicht entdeckt worden war. Wie dem auch sei.“ Er ließ sich noch ein bisschen darüber aus, dann kam er zu den eingetragenen Besitzern. „Das Gebäude gehört einer Truppe, die sich die Gottgleichen nennt“, löste er das erste Rätsel und leicht war das nicht gewesen, denn die Jungs und Mädels räumten sorgsam hinter sich auf. Sie wollten nicht gefunden werden.

„Die Gottgleichen?“, murmelte Erdogan und schauderte leicht. Der Name sagte einiges aus und das gefiel ihm gar nicht. „Konntest du etwas herausbekommen, welche Ziele sie verfolgen, oder wer zu ihnen gehört?“, fragte er, denn er musste mehr wissen, um etwas gegen die Gruppe unternehmen zu können.

„Sie arbeiten alle mit Tarnnamen, die sie alten Kulturen geklaut haben. Sie benennen sich nach alten römischen Göttern und nordischen, nach ägyptischen und asiatischen. Alles tote Spuren. Ihr Ziel allerdings ist es, sich die Erde und ihre Kreaturen untertan zu machen.“ Jack hatte sich schon eine Weile mit ihnen beschäftigt und war zu der Erkenntnis gekommen, dass es eine Truppe von größenwahnsinnigen Spinnern sein musste, denn wer sonst würde glauben, einen toten Planeten beherrschen zu können.

„Dazu würde es doch passen, dass sie Wesen wie die Maulwürfe schaffen, die für sie draußen den Weg ebenen.“ Daniel wirkte nachdenklich. Wenn man es richtig drehte, passte alles zusammen, doch er wollte nicht zu viel interpretieren, das engte den Blick merklich ein.

„Und angenommen, das Mittel gegen Strahlung funktioniert und sie können es benutzen. Dann haben sie den ersten Schritt gemacht und ein Heer von Untergebenen.“ Thom holte tief Luft, das wurde irgendwie nicht besser, je tiefer sie vordrangen. Man sah es allen Gesichtern an, dass sie sich so langsam fragten, wie sie dieser Leute habhaft werden sollten.

„Sie arbeiten seit Jahrhunderten an diesem Plan und es war einfach Zufall, dass wir darauf gestoßen sind.“ Erdogan rieb sich über das Gesicht. Sie hatten in ein sprichwörtliches Wespennest gestochen und mussten jederzeit damit rechnen, gestochen zu werden, denn Gruppen, die die Weltherrschaft anstrebten, waren selten zimperlich, wenn sie sich bedroht fühlten. Sie sollten wohl besser ihre Sicherheitsvorkehrungen verstärken.

„Meine Sorge ist gerade eine andere, Prinz“, sagte Leander und erhob sich. Er musste umgehend Vorkehrungen treffen. „Wir haben die besten Soldaten aus der Kuppel abgezogen, weil wir sie hier brauchen. Ich weiß nicht, was passiert, wenn sie ihre Chance nutzen und sich den Fürsten greifen.“ Er wusste, dass er sich auf seine zurückgebliebenen Männer verlassen konnte. Doch er hatte ihre Reihen ausgedünnt, weil er auch hier zuverlässiges Personal brauchte. Er musste umgehend umdisponieren, ehe es vielleicht zu spät war.

„Shit.“ Erdogan sprang auf und lief Leander hinterher, dabei telefonierte er mit seinem Vater. Er musste wissen, was los war und er sollte im Palast bleiben, am besten in den Privatgemächern, denn die waren besonders geschützt. Zuerst wollte der Fürst davon nichts hören, denn er hatte noch eine Ratssitzung, aber Erdogan ließ nicht locker und wurde irgendwann laut, als sein Vater nicht nachgeben wollte.

„Junge, wie stellst du dir das denn vor? Ich kann mich doch nicht einfach zurückziehen, nur weil ihr glaubt, auf etwas gestoßen zu sein. Das ist doch Blödsinn.“ Antion hatte ja schon erwartet, dass Erdogan mit irgendwelchen Geschichten kommen würde, um seine Mission zu verteidigen, aber dass er gleich mit einem drohenden Staatsstreich herausplatzte, war selbst für den Prinzen doch etwas dick aufgetragen.

„Vater, das sind keine Hirngespinste. Diese Gruppe nennt sich die Gottgleichen und sie agieren schon seit Jahrhunderten, wenn nicht schon vor der Katastrophe. Sie haben eine eigene Schnellbahntrasse gebaut, die direkt neben dem Palast endet und wir haben nie etwas davon mitbekommen. Sie haben Macht und darum will ich, dass du erst einmal etwas kürzer trittst und dich aus der Öffentlichkeit zurückziehst, bis wir deinen Schutz besser organisiert haben.“ Erdogan schlug frustriert gegen eine Wand, warum nur glaubte ihm sein Vater nicht?

„Junge, es reicht.“ Antion wurde ärgerlich. Irgendwann war es wirklich genug mit der Flunkerei, um die eigenen Ziele durchzusetzen. „Du hast meine Erlaubnis, deine Exkursion nach draußen zu führen. Du musst mir keine Märchen mehr erzählen, um mich umzustimmen. Eine Schnellbahn von der wir nichts wissen, hm? Wie soll die denn gebaut worden sein? Denk doch mal nach, was du da sagst. Außerdem solltest du Jefferson informieren und soweit ich weiß, hat er noch kein Wort von dir gehört, seit ihr weg seid.“

Erdogan war im ersten Moment vollkommen sprachlos. Sein Vater glaubte ihm nicht und stellte ihn sogar noch als Lügner dar. Das tat weh. „Du glaubst wirklich, dass ich dir so etwas erzählen würde, wenn es nicht die Wahrheit entsprechen würde?“, fragte er mühsam beherrscht. „Ich werde dir zeigen, dass ich nicht lüge.“ Er trennte die Verbindung und drehte sich zu Leander um, der zu ahnen schien, was jetzt kam und nicht begeistert wirkte. „Leander, hol Thom, wir werden mit der Bahn zur Hauptkuppel fahren.“

„Ich habe es geahnt“, knurrte Leander. Auch er verstand nicht, warum sich der Fürst so vehement dagegen sträubte zu glauben, was sein Junge ihm erzählen wollte. Sicher, es war schwer zu glauben, dass es eine Bahn unter dem Palast geben sollte. Doch Erdogan war eine ehrliche Haut. Er kämpfte für die Wahrheit, das war schon immer so gewesen und ihn jetzt so abzuservieren war schäbig. Er hatte das ungute Gefühl, dass da jemand seine Finger im Spiel hatte – und sie beide wussten wer.

Während Erdogan zum Schacht vorging, holte Leander den Techniker. „Thom, du kommst mit mir. Jack, informiere die anderen und ein Exposee deiner Erkenntnisse bitte auf meinen Palm.“ Dann waren sie verschwunden.

„Wenn mein Vater immer noch behauptet, dass ich ihn belüge, nur um meinen Willen zu kriegen, wenn er in dieser Bahn sitzt, dann soll er weiter auf diesen Speichellecker hören, aber er hat keinen Sohn mehr.“ Erdogan wusste, dass er hart war, aber noch nie hatte ihn jemand so sehr verletzt und dass es gerade sein Vater war, der ihm Unehrlichkeit vorwarf, machte es besonders schlimm.

„Erdogan, ich glaube er ist schon lange nicht mehr Herr seiner eigenen Entscheidungen. Geh nicht zu hart mit ihm ins Gericht“, sagte Leander. Er wusste nur zu gut, wie wichtig es dem Prinzen immer gewesen war, was sein Vater von ihm dachte und dass er gut von ihm dachte. Doch die letzten Jahre waren schwer geworden. Zwar hatte er diesen Berater schon seit seinem Amtsantritt, doch erst in den letzen Jahren hatte sich dessen Einfluss in den Ministerien deutlich gesteigert.

Sie fuhren mit einem Wagen zum Labor und bis sie bei der Bahn ankamen, redeten sie kein Wort mehr. Thom sah neugierig zwischen Leander und Erdogan hin und her, aber er fragte nicht. So wie der Prinz guckte, war das nicht ratsam. Er hatte ihn noch nie so gesehen und jetzt verstand er, warum viele Menschen Angst vor ihm hatten. Sie schwiegen auch noch, als die Bahn sich in Bewegung setzte und Erdogan bereitete sich darauf vor, seinen Vater, wenn nötig mit Gewalt, hierher zu zerren.

Die Fahrt dauerte keine zehn Minuten, dann hatten sie das andere Ende der Strecke bereits erreicht. Sein Vater sollte sich vorsehen. Als Leander und Thom in begleiten wollten, schüttelte er den Kopf. „Lean, kümmere dich darum, dass wenigstens meine Mutter sicher ist und Thom, warte hier bis ich mit dem Fürsten zurück bin.“ Dann öffnete er die Tür. Sie war bereits präpariert. Zum Glück.

Mit einem Gesicht zum Fürchten stürmte Erdogan in den Palast und dann in das Ratszimmer, wo sein Vater gerade mit ein paar Ratsmitgliedern saß. „Was machst du denn hier?“, fragte Antion und war sichtlich verwirrt, denn er wusste, dass sein Sohn eigentlich bei seinem Projekt sein sollte.

„Da du dich weigerst mir zu glauben, werde ich dir zeigen, dass diese Bahn existiert und du solltest deine Ratsmitglieder mitnehmen, damit du nicht behaupten kannst, dass ich irgendwas gedreht habe, um meinen Willen durchzusetzen.“ Normalerweise redete er nicht so mit seinem Vater, aber er war verletzt und dann wurde er manchmal bissig. Doch er musste sein Adrenalin zügeln, denn er spürte schon wieder Salcedos Krallen. Der kleine Kerl konnte nichts dafür, er reagierte automatisch auf die Körperwerte des Prinzen, der seinen kleinen Liebling schnell beruhigen konnte.

„Was?“, mehr konnte Antion nicht sagen. Erdogan so zu sehen, setzte ihm selber zu. Er wusste, dass er mit seinen Worten vorhin zu weit gegangen war. Doch was sein Junge da behauptet hatte, war einfach abwegig gewesen.

„Was für eine Bahn?“, wollte ein Mann mittleren Alters wissen. Erdogan kannte ihn. Es war Hayden McMannor, der Forschungsminister.

Wie passend.

Erdogan grinste.

„Ich denke, das jetzt zu erklären bringt nicht viel, weil selbst mein Vater mir nicht glaubt. Es ist wohl am besten, wenn sie alle mitkommen und mit eigenen Augen sehen, was ich entdeckt habe.“ Zwar war ihm klar, dass unter dem Rat auch Mitglieder der Gottgleichen sein konnten, aber das Risiko musste er eingehen, denn es war klar, dass sie die Bahn gefunden haben mussten, wenn sie das Labor erforscht hatten.

„Das will ich jetzt genau wissen“, sagte McMannor und erhob sich. Auch zwei andere taten es ihm gleich. Nur Antion wusste nicht so recht, was er tun sollte. Auf der einen Seite wollte er seinem Jungen glauben, doch auf der anderen Seite bedeutete das, was er gefunden haben wollte, eine Menge Ärger. Jefferson hatte ihn davor gewarnt, dass es Ärger geben würde, wenn er Erdogan ziehen ließ.

Und er hatte Recht behalten.

„Kommst du mit, Vater?“ Erdogan sah seinen Vater an und in seinen Augen konnte er sehen, dass es besser war, seinen Sohn nicht zu enttäuschen. So nickte Antion und erhob sich. „Dann zeig uns, was du gefunden hast, auch wenn ich immer noch nicht glauben kann, was du am Telefon gesagt hast. Das ist viel zu utopisch, um wahr zu sein.“

„Es gibt noch ein paar ganz andere Dinge, die du utopisch finden wirst. Aber nicht heute“, sagte Erdogan nur und ließ offen, was er meinte. Er hatte, was er wollte. Sein Vater folgte ihm durch das Haus und auf die Straße. Mit ihm kam der Rat. Sollten die Männer sehen, was unter ihren Füßen passiert war. Sollten sie sehen, was ein paar von ihren Bürgern trieben, woran sie forschten, während das Volk versuchte nicht auszusterben. Ohne Kommentare ging Erdogan stur vorneweg. Eigentlich war es schade, dass Jefferson nicht dabei war. Er hätte gern das blöde Gesicht gesehen.

Hinter sich hörte er Gemurmel, denn die alten Männer unterhielten sich leise und mutmaßten, was das alles sollte. Sie konnten und wollten sich wohl nicht vorstellen, dass so etwas, wie eine Schnellbahn existierte, von der sie nichts wussten. Das Murmeln wurde lauter, als sie nach nur wenigen Metern, nachdem sie den Palast verlassen hatten, schon wieder in ein Haus geführt wurden. „Was soll das, Prinz?“, fragte McMannor und Erdogan sah sich zu ihm um. „Wir gehen zum Eingang der Bahn, der befindet sich nämlich genau hier drunter.“

„Wenn das ein Scherz sein soll, so ist der unpassend und geschmacklos“, erklärte der Minister und wischte sich über die hohe Stirn. Dort saß wie so oft seine Brille, die er sich wieder vor die Augen schob. „Wie kann ein Bahnhof unter unseren Füßen liegen, von dem wir nichts wissen? Das ist unmöglich.“

Erdogan störte sich nicht an den Worten, er hatte sie heute schon einmal gehört. Er würde allen zeigen, dass er Recht hatte, darum drehte er sich auch wortlos um und ging weiter - die lange Treppe hinunter, die sich hinter einer unauffälligen Tür verbarg und nicht erkennen ließ, dass sie mit den neuesten Sicherheitsanlagen gesichert war. Wieder brandete gedämpftes Murmeln auf und Antion wurde unbehaglich.

Konnte es sein, dass Erdogan die Wahrheit gesagt hatte?

Immer tiefer führte die Treppe nach unten.

Stufe für Stufe.

Die Schritte hallten in dem nicht enden wollenden Treppenhaus wieder. Die Mauern waren alt, oft geflickt. Auch die Stufen waren aus Holz und teilweise schienen sie schon ersetzt worden zu sein. Jemand wartete diesen Schacht und das war bestimmt nicht das Palastpersonal.

Die Treppe endete in einem kleinen Raum und eine Tür öffnete sich, als Erdogan in ihre Nähe kam. Er drehte sich zu seinem Vater und den Ratsmitgliedern um und deutete auf den Zug, den man von hier aus sehen konnte. „Ein Zug, den es nicht geben sollte, aber trotzdem existiert er.“

„Unfassbar“, flüsterte Antion. Er wusste nicht, was er erwartet hatte, aber das hier war eindeutig nicht das, was er sehen wollte. Jemand hatte vor ihren Augen etwas Derartiges erschaffen. Sie hatten nichts bemerkt, nichts gewusst, nicht einmal etwas geahnt. „Wohin führt der Zug?“, wollte der Fürst wissen und sah Erdogan offen an.

„Zu einem Genforschungslabor, das es schon in der alten Zeit gab. Damals stand es auf einer Insel, die sich Great Captains Island nannte. Jetzt liegt es unter Wasser und wird von einer ähnlichen Kuppel geschützt, wie Neo New York.“ Erdogan verspürte keine Genugtuung, dass sein Vater ihm endlich glaubte. Irgendwie fühlte er gerade gar nichts. „Das Labor ist immer noch in Betrieb und es ist riesig.“

„Oh mein Gott“, brach es aus McMannor heraus. „Fürst Antion, was hat das alles zu bedeuten?“ Er sah den Fürsten auffordernd an, doch der konnte nur den Kopf senken und musste zugeben, dass er das auch nicht wusste.

„Sie sollten einsteigen und es sich selbst ansehen“, schlug Thom vor, der aus dem Fenster der Bahn guckte, weil er neugierig war, was für eine Traube Menschen Erdogan mitgebracht hatte. Und Thom war sich sicher, dass die Herrschaften nicht nur hier waren, um sich die Bahn anzusehen.

Zögernd stiegen die Männer ein und sahen sich um. Das waren die gleichen Wagen, wie bei den anderen Wagen. Wie konnten sie gebaut und hierher gebracht werden, ohne dass es aufgefallen war? Antion ließ sich auf einen Sitz fallen und sah Erdogan an. Er musste sich bei seinem Sohn entschuldigen, aber nicht hier und nicht jetzt.

„Wie seid ihr darauf gestoßen?“, fragte Mc Mannor, was wohl allen durch den Kopf ging.

„Wir sind im Archiv auf Hinweise gestoßen und haben danach gesucht“, erklärte Erdogan und gab Thom ein Zeichen, dass er losfahren konnte. Die Sicherheitsgurte legten sich automatisch an, als Thom beschleunigte. Zur Untermalung projizierte er noch die Karte der Kuppel und die umgebenden Landschaften auf eines der Fenster und blendete dazu den Tunnel und das Labor ein, das machte es Erdogan leichter zu berichten. Er hielt sich absichtlich vage, erzählte hauptsächlich davon, was die Gottgleichen – sollten welche unter ihnen sein – sowieso schon wussten.

„Unglaublich. Ein ganzes Labor unter Wasser und keiner von uns kannte es. Ich meine“, sagte McMannor, „ich bin der Forschungsminister, ich hätte doch darüber informiert sein müssen. Wie kann man so etwas bauen, ohne dass es auffällt, dass irgendwo Material fehlt?“

„Mit sehr viel Macht und Einfluss.“ Erdogans Stimme klang neutral, aber seine Worte schlugen ein wie eine Bombe. Die Ratsmitglieder und der Fürst redeten aufgebracht durcheinander, denn sie verstanden, was der Prinz damit sagen wollte. „Du meinst, dass es Verräter in unseren Reihen gibt?“, fragte Antion schließlich. Und der Prinz nickte, bekümmert wirkte er dabei und kein bisschen selbstzufrieden, wie Antion befürchtet hatte. Er war ja so blind gewesen.

„Genau das meine ich, Vater. Um etwas zu schaffen wie diese Schnellbahn und das Labor, ohne dass es an die Öffentlichkeit kam, war mehr nötig als Einfluss und Geheimhaltung.“ Er saß auf seinem Sitz, starrte auf die Karte, die in das Fenster projiziert wurde. Es war unglaublich, wie schnell sie sich bewegten.

„Es kann also praktisch jeder sein.“ McMannor sah die Ratsmitglieder an, die empört durcheinander redeten. Der Fürst hob die Hand und plötzlich war es still in der Bahn. „Es bringt nichts, sich jetzt gegenseitig zu verdächtigen. Wir müssen mehr über diese Gottgleichen erfahren und sie dann bekämpfen.“

„Der Fürst hat Recht“, sagte McMannor, „wenn wir jetzt den Kopf verlieren, dann werden wir angreifbar. Wir müssen sehen, was eigentlich alles hinter unserem Rücken gelaufen ist und dann handeln.“ Doch auch ihm konnte man die Sorge ansehen, dass jemand, dem er vertraute, ein Verräter sein konnte. Es ließ sich nicht vermeiden, dass er die anderen Ratsmitglieder abschätzend musterte. Doch wem würde er derartiges zutrauen? Eigentlich keinem – und dann wieder jedem.

„Kein Wort hierüber zu irgendjemanden“, bestimmte er und der Fürst nickte. Sie mussten im Verborgenen arbeiten, genau wie diese Mistschweine. Er war wütend, besonders auf sich selbst. Wie hatte er an Erdogan zweifeln können? „Was erwartet uns in diesem Labor?“, fragte er und straffte sich. Er war der Fürst, er durfte sich nicht anmerken lassen, wie verunsichert er war.

„Viele Räume und Technik. Unsere Männer werten noch aus, was dort eigentlich alles gelaufen ist. Aber die Ausrüstung lässt darauf schließen, dass man an verschiedenen Dingen geforscht hat“, blieb Erdogan absichtlich vage. Er konnte weder die Sache mit dem Strahlenschutz breit treten, noch konnte er von den Exponaten erzählen. Das musste er mit seinem Vater klären und zwar allein. Er würde den Ministern auch nur ein paar Büros und Labore zeigen und hoffen, dass ihnen niemand über den Weg lief, den die Minister aus Versehen fragen konnten. Aber eigentlich sollten alle oben im Lager sein, denn sie kamen nicht in das Labor ohne Leander und ihn. Wieder einmal beglückwünschte sich Erdogan, dass sie diese Vorsichtsmaßnahme getroffen hatten.

„Wir sind da“, sagte er und zeigte auf die Projektion. „Das Labor hat vier Ebenen und wir kommen in der untersten an.“

Fasziniert blickten die Minister auf die Projektion der Anlage.

Die war ja riesig!

Und das alles lag unter Wasser?

Sie waren jetzt unter Wasser?

Ein wenig besorgt sahen sie sich um, doch Thom erklärte ihnen kurz den Aufbau und auch wie das Labor dem Druck der Wassermassen standhielt. „Wenn sie wünschen, können wir auch bis nach oben an die Oberfläche gehen, dann sehen sie das Meer über der Kuppel, sehr hübsch, wirklich“, versuchte er die angespannte Atmosphäre etwas aufzulockern. Ihm war gar nicht wohl mit all den wichtigen Leuten im Schlepptau.

„Ein anderes Mal bestimmt. Heute möchten wir uns nur einen groben Überblick verschaffen. Wir sind alle etwas erschlagen von den neuen Erkenntnissen.“ Antion hatte von Erdogan ein Zeichen bekommen, dass sein Sohn gerne mit ihm alleine reden wollte und das ging nicht, wenn sie jetzt stundenlang durch dieses Labor liefen.

„Wie sie wünschen, dann vielleicht ein kurzer Blick in eines der Labore. Dann bringe ich die Herren wieder zurück“, schlug Thom deswegen vor. Langsam gingen sie durch die Flure. Hell beleuchtet, gut beschriftet. Die Ratsmitglieder sahen sich um und konnten es nicht glauben. „Können sie uns Unterlagen zur Verfügung stellen? Das müssen wir näher untersuchen und hinterfragen.“ Tyrone Bates hatte bis jetzt geschwiegen. Eigentlich war er der Versorgungsminister und zuständig für die Landwirtschaft und Industrie der Kuppel. Doch auch ihn ließ dies hier nicht kalt.

„Ich werde das veranlassen“, sagte Erdogan und führte die Gruppe noch durch ein paar Räume und dann wieder zurück zur Bahn. Er wollte wieder mit zurück fahren und sich dann mit seinem Vater unterhalten. Leander, der sowieso noch im Palast war, wollte er dazu holen, genauso wie Thom.

„Ich möchte noch einmal darum bitten, Stillschweigen zu bewahren und wirklich niemanden hiervon in Kenntnis zu setzen, bis mein Vater dazu die Erlaubnis gibt“, wandte Erdogan sich an die Ratsmitglieder, als sie wieder in der Bahn saßen. Einheitliches Nicken folgte. Jeder wollte das erst einmal auf sich wirken lassen. Die Rückfahrt verlief schweigend. Nicht einmal untereinander unterhielten sich die Männer. Ihre Wege trennten sich, als sie wieder vor dem Palast standen.


19

Während die Ratsmitglieder sich zurückzogen, lief Antion schweigend neben seinem Jungen zum Lift, der sie nach oben in die privaten Gemächer des Fürsten brachte. „Es tut mir leid, mein Junge. Ich habe dir großes Unrecht getan. Aber es war so absurd, dass ich es nicht glauben konnte. Ich kann es immer noch nicht fassen, dabei habe ich es mit eigenen Augen gesehen.“

Erdogan zeigte seinem Vater mit einem Lächeln und einem Nicken an, dass er die Entschuldigung annahm. Es kam selten vor, dass der Fürst so etwas tat und darum war es für seinen Sohn besonders wertvoll. „Mir ging es erst nicht anders. Es ist so ungeheuerlich, was da vor unseren Augen lief und wir haben alle nichts davon mitbekommen. Reden wir darüber in deinem Büro, ich habe Thom und Leander ebenfalls dazu gebeten.“

„Das ist ein guter Plan. Ich werde Jefferson umgehend informieren und etwas zu essen ordern. Der Abend war lang und wir haben noch nichts zwischen die Zähne bekommen“, sagte Antion und orderte beides, noch ehe Erdogan etwas dagegen hätte sagen können. Es passte ihm gar nicht, dass der Berater schon wieder dabei sein musste, doch es ließ sich leider nicht vermeiden.

Mal sehen, was Jefferson sich wieder einfallen ließ, um Erdogans Entdeckungen schlecht zu machen. Denn die Existenz dieser Anlage konnte er nun nicht mehr abstreiten, was aber noch lange nicht hieß, dass er nicht versuchen würde, den Prinzen bei seinem Vater in Misskredit zu bringen. So war Erdogan schon ziemlich gespannt auf dieses Gespräch, als sie sich im Büro des Fürsten einfanden.

„Alles in die Wege geleitet?“, wollte Erdogan von seinem Soldaten wissen, der schon am Tisch Platz genommen hatte. Leider war auch Jefferson bereits vor Ort, der grußlos vom Prinzen zu wissen begehrte, was in die Wege geleitet worden wäre.

„Nichts, was euch betrifft“, entgegnete Leander nur eilig, denn er wollte nicht, dass der Prinz sich wegen ungebührlichem Verhalten dem Berater gegenüber einen Rüffel einfing. Wenn er selber daneben schlug, war das nicht ganz so schlimm, von ihm hielt der Kerl sowieso nichts.

Jefferson setzte auch schon an, etwas zu sagen, aber Erdogan unterbrach ihn einfach. „Sicherheitsfragen fallen allein in meinen Aufgabenbereich und ich bin niemandem, außer meinem Vater, darüber Rechenschaft schuldig.“ Und schon ignorierte er den Berater des Fürsten wieder, so wie er es meistens tat, weil er wusste, dass es Jefferson wütend machte. Er setzte sich ebenfalls an den Tisch und wartete darauf, dass sein Vater die Beratung eröffnete. Der Fürst ließ seinem Jungen das Benehmen durchgehen und setzte sich ebenfalls. „Wenn wir dann vollzählig sind, würde ich anfangen wollen.“ Er lehnte sich zurück und nahm sich etwas von dem Tee, den konnte er jetzt gut gebrauchen.

„Um was geht es eigentlich? Ich dachte, sie wären in der wöchentlichen Beratung mit den Ministern? Doch als ich den Saal aufsuchte, war niemand da und eine halbe Stunde später, werde ich in die fürstlichen Gemächer gerufen. Was ist passiert?“ Jefferson versuchte, den rüpelhaften Prinzen zu ignorieren. Er wusste ganz genau, dass der nur versuchte, ihn auf die Palme zu bringen und es ärgerte Jefferson, dass der Kerl es auch regelmäßig schaffte.

„Erdogan hat etwas entdeckt, als er in einer der verlassenen Versorgungskuppeln gegraben hat und das hat er dem Rat und mir gerade gezeigt. Es gibt ein altes Forschungslabor auf einer versunkenen Insel vor der ehemaligen Küste. Eine Gruppe, die sich die Gottgleichen nennt, hat es immer noch benutzt, ohne dass ich oder der Rat etwas davon gewusst haben und das schon seit Jahrhunderten.“ Antions Stimme war immer noch Unglauben, aber auch langsam aufkeimende Wut anzumerken. Es war einfach ungeheuerlich, was er heute erfahren hatte.

Kurz schwieg Jefferson und Erdogan beobachtete ihn genau. Er wollte keine Regung verpassen, die vielleicht zugelassen hätte, etwas über den Mistkerl zu erfahren. Doch der nickte nur. „Der Prinz hat also gegraben. Frage mich nur warum. Er hatte doch alles daran gesetzt, nach draußen zu gehen, warum nutzt er keine der Schleusen? Wollte er sich durchgraben?“ Jefferson holte tief Luft und sah den Prinzen dann offen an. „Allerdings finde ich dieses vergessene Labor schon absonderlich. Verstehen sie mich nicht falsch“, wehrte er gleich ab, „ich glaube ihnen jedes Wort, Hoheit, doch warum taucht es ausgerechnet jetzt auf und warum weiß ausgerechnet der Prinz darüber Bescheid? Sogar über die, die es angeblich benutzen.“

Leander hielt die Luft an, denn dies war eine offene Kriegserklärung gegen den Prinzen und der sah das wohl genauso, denn die Augen des Prinzen waren zu schmalen Schlitzen zusammengezogen, als er Jefferson ansah. „Was willst du damit andeuten, Jefferson?“, fragte Erdogan. „Es taucht auf, weil ich danach gesucht habe und wir haben gegraben, weil wir so einen Zugang zu dem Tunnel zum Labor bekommen haben und ich stelle keine Behauptungen auf, die ich nicht beweisen kann. Natürlich haben meine Leute recherchiert und so etwas über die Gottgleichen erfahren.“

„Junger Prinz.“ Jefferson hob gleich abwehrend die Hände, triumphierte aber innerlich. Der Prinz reagierte wie erwartet. „Ich wollte gar nichts andeuten, nur ein paar Fragen offen aussprechen, die mir in den Sinn kamen. Aber so wie ihr es mir erklärt, ist das ja alles okay.“ Er wusste auch, dass er sich mit seinem Rückzug nicht gerade mit Ruhm bekleckerte, doch seine Zeit war noch nicht gekommen. Der Prinz sollte seine Nase ruhig tief in dieses ominöse Labor stecken, umso weniger hatte er sein Augenmerk auf Dingen, wo er im Augenblick nur stören würde.

„Streiten wir uns nicht. Sorgen wir lieber dafür, dass die Schuldigen für diesen Frevel endlich enttarnt werden“, schlug Antion vor.

„Daran arbeiten wir, Vater, aber wir müssen erst mehr über diese Gruppe erfahren, um sie zu enttarnen. Zurzeit wissen wir nur, dass es sie seit Jahrhunderten gibt und sie sehr mächtige Verbündete hier haben müssen, weil sie bisher unentdeckt geblieben sind.“ Erdogan hatte sich wieder beruhigt, weil er schon wieder Salcedos Krallen gespürt hatte und vor allen Dingen wollte er Jefferson nicht die Genugtuung gönnen, ihn aus der Fassung gebracht zu haben. „Allerdings gibt es da noch ein paar Dinge, die wir herausgefunden haben, die wir aber noch geheim halten wollen. Darum habe ich vorhin davon noch nichts erwähnt.“

„Und das wären?“, hakte Jefferson nach, denn das machte ihn neugierig.

„Sie wissen doch sicherlich was das A und O beim Geheimhalten ist, oder?“, fragte Leander zurück und merkte, wie sich Thom das Grinsen verkneifen musste. Irgendwie schien der Berater des Fürsten beim Prinz und seinem besten Mann keinen einfachen Stand zu haben. „Und wie schon einmal erwähnt, sind sie nicht berechtigt, in Sicherheitsfragen kontaktiert zu werden.“

„Was fällt dir ein? Ich bin der Berater des Fürsten und über alle relevanten Dinge zu unterrichten“, brauste Jefferson auf, wurde aber wieder von Erdogan unterbrochen. „Wenn mein Vater es für notwendig hält, dich über das zu informieren, was wir ihm mitteilen werden, dann habe ich kein Problem damit, aber das muss der Fürst entscheiden, nachdem ich ihn unterrichtet habe. Darum möchte ich dich bitten, uns jetzt zu verlassen.“ Erdogan sah Jefferson dabei noch nicht einmal an und zeigte ihm einmal mehr, wie wenig er den Mann schätzte.

„Diese Behandlung muss ich mir nicht gefallen lassen. Auch nicht von dem Prinzen“, begehrte Jefferson auf und erhob sich. Er sah den Fürsten auffordernd an. Das konnte der doch nicht zulassen.

„Vielleicht war der Tonfall meines Sohnes nicht der geeignete, aber ansonsten hat er die Protokolle genauestens wiedergegeben. Allein ich entscheide, was an Informationen geheim gehalten wird und was nicht. Auch du als mein Berater hast dich dem zu fügen. Deswegen würde ich dich bitten, uns allein zu lassen.“ Antion holte tief Luft. Was für ein Abend.

„Und was ist dann mit denen da?“ Jefferson wies auf Leander und Thom, der sich schon erschrocken erheben wollte. Doch Leander drückte ihn nieder. „Das, Jefferson, ist mein Sicherheitsstab. Leander muss ich dir nicht vorstellen und Thom ist der Sicherheitschef des Labors.“ Der guckte nicht schlecht, er war wohl soeben aufgestiegen.

Jefferson musste sich geschlagen geben, denn so wie es aussah, folgte der Fürst den Vorschlägen seines Sohnes. Er verneigte sich vor Antion und warf Erdogan einen wütenden Blick zu, den dieser nur mit einem kleinen Lächeln quittierte. Erst als die Tür sich hinter dem Berater geschlossen hatte, räusperte der Prinz sich und sah seinen Vater an.

„Als wir das Labor geöffnet haben, fanden wir es leer vor. Es war offensichtlich in großer Eile verlassen worden, als man bemerkte, dass wir es entdeckt hatten. Die Betreiber hatten einen Schutzmechanismus installiert, der alle Daten gelöscht hat, die sich auf den PCs und Servern befunden haben, aber wir haben eine externe Festplatte mit einer Sicherheitskopie entdeckt, die wohl bei dem überhasteten Aufbruch vergessen wurde. Darauf haben wir etwas entdeckt, was ungeheuerlich ist. Diese Gruppe hat ein Serum, dass es den Menschen erlaubt, sich draußen ohne Schutzanzug zu bewegen.“

„Erdogan, keine Scherze über solch wichtige Themen“, sagte Antion und seine Augen zeigten, dass er nach dem Tunnel und dem Labor nicht bereit war, noch mehr zu ertragen.

„Wir scherzen nicht, Hoheit“, mischte sich Leander ein. „Wir haben eine Formel gefunden und sie erst einmal Daniel gezeigt. Der junge Arzt, den Doktor Denester an seine Seite geholt hatte, um ihn auszubilden. Er gehört zu unserem Team. Er konnte nur vage sagen, was das war und so haben wir Bill Harper aufgesucht. Der Laborleiter der Genetiksektion war sofort Feuer und Flamme, so intensiv, dass er uns nachgereist ist und seit heute morgen der Formel nicht von der Seite weicht.“

„Das…!“ Antion sah von Leander zu seinem Sohn und dann zu Thom, der ebenfalls nickte. Der Fürst kam also nicht umhin zu glauben, was er gerade gehörte hatte. „Das ist doch einfach ungeheuerlich“, murmelte er und wischte sich über die Augen. Was zog das nur für Kreise? „Was gibt es noch, was ich wissen sollte?“, fragte er schließlich. Jetzt wollte er alles wissen.

Die drei jungen Männer sahen sich an und Erdogan nickte, so erhob sich Leander. Er konnte nicht mehr sitzen und im Laufen konnte er besser reden. „Wir haben den Verdacht, dass die Maulwurfmenschen, die das Labor angegriffen haben, in Bonder 482 – dem geheimen Labor – erschaffen wurden. Wir haben dort Dinge gesehen, die ich nicht wiedergeben möchte. Doch es würde einiges erklären.“ Leander stand am Fenster und sah hinaus. Es war dunkel und es regnete, wie jeden Tag um diese Zeit. Wie das wohl wäre, wenn sie nicht mehr hier leben mussten sondern draußen? Regnete es dort auch?

„Wir wollen das Serum herstellen, testen und es benutzen, um diesen Wesen zu folgen. Wir glauben auch, dass sie vielleicht das Serum von den Gottgleichen bekommen haben. Sie wollen die Weltherrschaft.“

Antion saß geschockt auf seinem Stuhl und konnte es noch gar nicht richtig fassen. „Sie wollen die Weltherrschaft?“, wiederholte er leise und holte tief Luft und ihm war klar, was das bedeutete. „Deine Mutter muss geschützt werden“, sagte er und Erdogan nickte. „Das ist schon in die Wege geleitet worden. Leander hat die Wachen im Palast verstärkt mit vertrauenswürdigen Leuten.“ Er sah seinen Vater intensiv an. „Das war auch der Grund, warum ich dich darum gebeten hatte, dich zu schützen. Nun weißt du auch warum.“ Doch der Vorwurf war aus seiner Stimme gewichen. Er konnte seinen Vater ja irgendwie auch verstehen.

Antion senkte den Kopf. Er hatte die Situation wohl völlig falsch eingeschätzt. Was lief im Hintergrund, von dem er nichts wusste? „Was wird jetzt passieren?“ Der Fürst stützte den Kopf auf die Hand, er konnte kaum noch klar denken. „Sie werden weiter machen, nicht wahr? Da wir sie nicht kennen, können wir sie nicht stoppen. Was können wir tun?“

„Ja, das werden sie. Ich kann mir fast nicht vorstellen, dass Bonder 482 der einzige Stützpunkt von ihnen ist.“ Erdogan wollte nichts beschönigen, sein Vater sollte wissen, was um ihn herum vorging. „Die Gruppe weiß im Moment nicht, was wir wissen und wir möchten es auch dabei belassen. Eigentlich kann jeder einer von ihnen sein, darum will ich den Kreis, der über alles Bescheid weiß, auch so klein wie möglich halten und darum möchte ich dich auch bitten Jefferson nicht einzuweihen. Ich vertraue ihm nicht.“

„Du verlangst viel von mir, mein Junge, bist du dir dessen bewusst?“ Antion wusste nicht, was er sagen sollte. Er konnte seinen Jungen nur zu gut verstehen. Was hier lief, zog Kreise, die er nicht beherrschen konnte. Aber Jefferson war sein Berater, es war als würden sie sich einen Geist teilen. Ihn übergehen zu müssen, war für Antion Verrat. Doch welcher Verrat wog schwerer? Der an seinem Berater und Freund oder der an seinem Volk, wenn er es leichtfertig in Gefahr brachte.

„Das weiß ich, Vater, und ich werde mich persönlich bei Jefferson entschuldigen, wenn ich ihm Unrecht getan habe, aber ich bitte dich, lass es uns auf meine Weise probieren, etwas über die Gottgleichen herauszufinden. Sie sollen sich in Sicherheit wiegen, sich darauf verlassen, dass ihre Informanten sie über unsere Schritte auf dem Laufenden halten.“ Erdogan wusste, dass er viel von seinem Vater verlangte. Es war genauso, als wenn jemand Leander verdächtigen würde etwas gegen ihn zu planen.

„Ich werde Jefferson vorerst außenvor lassen“, versicherte Antion. „Aber ich erwarte, regelmäßig informiert zu werden. Vor allem wenn ihr auf Namen gestoßen seid. Ich will den Sumpf erst einmal trocken legen, ehe wir die ganze Geschichte aufarbeiten können!“ Antion griff endlich zu. Er hatte Hunger und auf den Schock brauchte er etwas in den Magen. „Außerdem brauche ich eine Vertrauensperson hier im Schloss. Jemand der mir helfen kann.“ Zu wissen, dass man keinem trauen konnte, war erdrückend.

„Danke, Vater.“ Erdogan war wirklich erleichtert und er griff ebenso wie die anderen beim Essen zu. Kauend überlegte er, wem sein Vater vertrauen konnte. „Wenn ich ihn nicht selber dringend brauchen würde, würde ich dir Leander hier lassen“, überlegte er laut und schüttelte dabei den Kopf. „Äh… also…“, meldete sich Thom schüchtern zu Wort. Er fühlte sich unwohl, auch wenn er gerade zum Sicherheitschef befördert worden war. Der Fürst machte ihn ziemlich nervös. „Ich fand, dass Minister McMannor ehrlich überrascht und empört wirkte. Natürlich muss das nichts heißen, aber vielleicht sollten wir diesen Mann unauffällig überprüfen.“

„Die Herren werden alle überprüft. Die haben Schlüsselrollen“, sagte Leander, nickte aber zu der Auswahl ihres Technikers. Ihm war der Forschungsminister auch ziemlich sympathisch auf seine eigene Art. „Wir sollten sowieso am Kopf anfangen zu prüfen, ehe wir uns zum Schwanz vorarbeiten.“ Leander hatte den Stab schon auf der Liste und Thom seine ersten Hausaufgaben. Wenn sie dann wussten, was das für Leute waren und zu wem sie Kontakte pflegten, wussten sie mehr.

„Macht das so.“ Antion gab sein Einverständnis. Er war bisher immer gut mit McMannor ausgekommen und wenn er überprüft war, konnte der Fürst sich vorstellen, mit ihm zusammen zu arbeiten. Jetzt hatte er aber noch das Problem, dass er seiner Frau erklären musste, was los war, denn es war ihr bestimmt nicht verborgen geblieben, dass etwas Ungewöhnliches passiert war.

„Wir werden uns auch auf die Socken machen“, sagte Leander. Es war spät geworden und morgen lag wieder ein langer Tag vor ihnen. „Und wir werden die Bahn nehmen.“ Er grinste. Einen Vorteil musste der Spaß ja haben.

„Ja, brechen wir auf. Ich muss noch ein paar Daten für morgen checken.“ Auch Thom war nicht böse darüber, hier endlich rauszukommen, denn der Fürst machte ihn immer noch nervös. Da konnte er nicht aus seiner Haut. Mit dem Prinzen konnte er umgehen, kein Problem, aber der Regent, das war eine andere Liga.

Sie verabschiedeten sich von Antion und fuhren wieder zurück zum Labor. Erdogan saß neben Leander und überlegte, wie sie vorgehen sollten. „Ich hätte nicht gedacht, dass mein Vater wirklich auf meine Bitte eingehen wird. Jefferson ist schon seit ewigen Zeiten sein Freund, aber ich traue ihm nicht. Er hat mir zu sehr versucht, uns davon abzuhalten, etwas zu finden.“

„Und er hat für meinen Geschmack etwas zu wenig schockiert auf unsere Enthüllungen reagiert. Findest du nicht?“ Leander war der gleichen Meinung wie der Prinz. Auch wenn Jefferson nicht direkt etwas mit all dem zu tun haben sollte, was sie gerade entdeckten, so hatte er doch Dreck am Stecken und den wollten sie irgendwann finden und den Kerl aus dem Palast jagen. Der hatte schon zu lange zu viel Einfluss.

Sie redeten wenig, als sie das Labor durchschritten und es verließen, um zur Unterkunft zu fahren. Die Soldaten hatten gute Arbeit geleistet, der Einstieg war jetzt befahrbar.

Thom verabschiedete sich auch gleich, denn er wollte mit der Liste anfangen, die Leander ihm gegeben hatte. „Der ist aber auch nicht klein zu kriegen“, lachte Erdogan und gähnte. Er war müde und wollte im Moment nichts weiter, als sich hinzulegen. „Okay, machen wir Schluss für heute und morgen fangen wir an, das Schlangennest auszuräuchern“, bestimmte er und klopfte Leander auf die Schulter.

„Hol dein Seepferdchen aus dem Wasser, ehe es noch aufweicht“, grinste Leander. Den Kommentar hatte er sich nicht verkneifen können. Er wusste, dass der Pool da war und wie begeistert Meodin davon war. Er ging jede Wette ein, der Kerl schlief auch darinnen. Das dürfte für Erdogan ziemlich nass werden.

Er selbst verschwand in seinem Zimmer und war ziemlich überrascht, als sich plötzlich zwei Arme von hinten um ihn schlangen und heiße Lippen über seinen Hals strichen. „Wo warst du denn so lange, Lean. Ich wollte schon wieder gehen“, flüsterte eine bekannte Stimme und der Soldat drehte sich in den Armen. „Allan“, murmelte er überrascht, kam aber nicht dazu noch weiter zu fragen, weil Allan ihn hungrig küsste. Da hatte Leander sich wohl geirrt, dass er jetzt wieder Single war. „Jetzt bin ich doch da“, lachte er leise nach dem Kuss und fing die Lippen seines Geliebten gleich wieder ein. Darüber reden, warum Allan hier war, konnten sie später auch noch.



20

„Was soll denn die ganze Aufregung?“ Diego saß wie die übrigen Moles in der großen Halle. Generationen von Moles hatten sie gegraben und jedes Jahr war sie größer geworden, denn ihr Volk wuchs. Seine Krallen schabten durch das kurze Fell an seinem Bauch und er sah seinen Bruder Dylan fragend an.

„Woher soll ich das wissen?“ Dylan war absolut nicht begeistert, hier hocken zu müssen, nur weil die Ältesten einen dringenden Rat einberufen hatten. Er wollte viel lieber einen Gang erforschen, den er letzte Woche gefunden hatte. Doch ständig kam irgendwelcher Mist dazwischen. Er sah seinem jüngeren Bruder in die schwarzen Knopfaugen und seufzte. „Frag Dad, vielleicht weiß der ja mehr.“

Die Ränge füllten sich. Gemurmel wurde laut, als das alte Clanoberhaupt José vor seine Leute trat. Schlagartig war Ruhe in der dunklen Höhle. Nur eine einzige Fackel brannte hinter dem Rücken des alten Moles. „Hades ist seit drei Tagen überfällig. Wir haben kein Anti-rad mehr“, ließ er die Nachricht sacken und alle verstanden: sie standen am Rande einer Katastrophe, die Götter hatten sie verlassen.

„Verdammt“, knurrte Diego und sah sich um. Alle Moles sahen geschockt auf José. Ohne das Anti-Rad konnten sie nicht mehr nach draußen und mussten sich tief in die Höhlen zurückziehen. Plötzlich redeten alle durcheinander und der Anführer hob die Hände. „Beruhigt euch. Wir haben versucht Hades zu kontaktieren, aber wir haben noch keine Antwort erhalten. Er wird sich bestimmt melden.“

„Wird er nicht“, knurrte Dylan leise und straffte sich. Es hatte ja so kommen müssen, verdammt.

„Ewan und seine Leute sind schuld“, brüllte plötzlich jemand und Diego sah sich um. Wer war das? Er kannte den Mann nicht, der aufgesprungen war und die Fäuste schüttelte. „Ewan ist schuld, sag ich euch. Er hat sie verärgert!“

Zustimmung wurde laut und dann entbrannte ein lautstarkes Wortduell, denn Ewan ließ das nicht auf sich sitzen.

Hin und her ging das Wortgefecht, aber es wurde schnell klar, dass die Front gegen Ewan immer stärker wurde. „Wie blind seid ihr eigentlich?“, fragte dieser und sah sich mit blitzenden Augen um. „Ihr baut euer und das Leben eurer Kinder auf der Gnade von den Kupplern auf. Sie haben uns in der Hand und ihre Forderungen werden immer unverschämter.“

Wieder wurden die Wortfetzen lauter und Diego, der keinen Schimmer hatte, um was es eigentlich ging, drückte sich in seinen Sitz, dass das Holz knarrte. Die Atmosphäre war aufgeladen und die Angst wurde greifbar.

„Aber sie sind die einzigen, die uns das Anti-Rad bringen können. Nur durch sie können wir an die Oberfläche ohne zu sterben und müssen nicht wie unsere Vorfahren in dunklen Gängen verrotten“, brüllte nun José und er stieß auf breite Zustimmung. „Es ist unsere Pflicht dafür zu zahlen, dass sie uns aus dem Dunkel ans Licht geholt haben.“

„Das Anti-Rad. Fluch und Segen zugleich.“ Ewan sah José verächtlich an. Die Alten waren stur und verhinderten Neuerungen, weil sie fürchteten, dass es die Kuppler verärgern konnte. Es stimmte schon, dass sie ihnen das Serum gegeben hatten, um endlich an die Oberfläche zu können, aber sie hatten einen hohen Preis dafür bezahlt. Viele Moles waren bei den Versuchen gestorben, bis es endlich funktioniert hatte. „Wir sollten uns von den Kupplern lossagen und unser eigenes Anti-Rad herstellen. Erst dann sind wir frei.“

„Wie bescheuert ist der denn?“, fragte Diego. Er war noch keine zwanzig Sommer, doch er hatte auch schon begriffen, dass sie nicht weit genug entwickelt waren, um etwas wie das Anti-rad selbst zu erzeugen. Wie sollten sie das denn machen?

„Find ich gar nicht“, entgegnete sein Bruder und starrte weiter auf Ewan. Er sympathisierte im Geiste schon eine Weile mit dem jungen Rebellen, konnte das vor seinem Vater und seinen Brüdern nur nicht zeigen, denn das waren treue Anhänger von José. Sein Vater hatte viele Einsätze mitgemacht, wenn es darum ging, Tunnel für die Kuppler zu graben, sie zu zementieren, sie zu verkabeln. Oft war er verletzt gewesen, doch hatte er sich nie beschwert.

„Bitte? Spinnst du?“, fragte Diego seinen Bruder und gab ihm eine Kopfnuss. „Wo soll denn das Anti-Rad herkommen? Willst du den Rest deines Lebens in einer Höhle verrotten? Soll er beweisen, dass er es selber herstellen kann, dann können wir noch einmal darüber reden, die Kuppler davon zu jagen.“

„Das haben sie doch versucht und jetzt halt die Klappe, ich will das hören“, knurrte Dylan und rieb sich den Kopf. Sein Stummelschwanz wackelte vor Aufregung, denn vorn ging es gerade richtig zur Sache. Seine Krallen der Füße gruben sich fest in den schweren Boden unter ihm. Der Geruch von frischer Erde wurde intensiver. Sicher scharrten einige hier im Saal mit den Füßen.

„Ihr hattet nicht das Recht sie anzugreifen, Ewan!“, hielt José dem feurigen Jungspund vor und der schüttelte nur den Kopf. „Wir haben alles Recht der Welt, wir sind frei und wir können erst richtig frei sein, wenn wir uns von den Göttern lossagen. Wir kennen jemanden, der uns zeigen will, wie es geht und wir brauchen dazu nur die richtige Ausrüstung. Wir können das alles selber machen, warum willst du das nicht begreifen? Sie sind keine Götter, sie nennen sich nur so!“ Ewan war aufgesprungen.

Die Sturheit der Alten war nicht zum aushalten!

„Sie sind unsere Götter. Sie kamen zu uns und retteten uns. Ohne sie gäbe es uns heute nicht mehr. Es ist ein Frevel an ihnen zu zweifeln und sie herauszufordern.“ José schüttelte die Faust und seine Anhänger stimmten ihm laut zu. „Was passiert, wenn wir das tun, sehen wir jetzt ja. Du hast ohne ihre Zustimmung gehandelt und jetzt bestrafen sie uns.“

Ewan erhob sich und sah ins Plenum. „Glaubt ihr allen Ernstes, es wäre den Kupplern geholfen, wenn sie uns sterben lassen? Die brauchen uns! Die können nicht ohne uns. Macht doch mal die Augen auf und hört auf, euch unter Wert zu verkaufen. Wir sind keine Sklaven!“ Ewans Augen blitzten vor Wut. Die Moles waren ein stolzes Volk, stark und mutig, aber sie hatten sich mit dem Serum abhängig gemacht und das wollte er rückgängig machen. Sie sollten wieder selbst über ihr Schicksal bestimmen können.

„Das ist Blasphemie. Sie sind unsere Götter und wir müssen ihnen gehorchen. Wenn wir es nicht tun, bestrafen sie uns.“ José ließ keins von Ewans Argumenten gelten. Er hielt seinen Stab in die Höhe. Das Zeichen seiner Macht, das den Häuptlingen von den Göttern gegeben worden war. „Sie werden für uns sorgen und wir müssen ihnen opfern, um den Frevel wieder gut zu machen.“

„Opfert Ewan!“, forderten einige und Dylan glaubte seinen Ohren nicht trauen zu können. Wie tief war sein Volk gesunken, um für eine Droge Leben zu opfern? Ohne nachzudenken schoss er hoch und stellte genau diese Frage. Alle sahen ihn an, vor allem aber seine Familie. Diego versuchte, seinen Bruder wieder auf seinen Platz zu ziehen. Was machte der Wahnsinnige denn da, stellte er sich etwa auf die falsche Seite?

„Ich wiederhole meine Frage so lange, bis sie mir einer beantwortet. Ist das aus uns geworden? Eine Bande von hirnlosen Mördern, die glauben, wenn sie nur genügend Blut vergießen, dann werden die Götter milde gestimmt? Ist das das Ideal der Moles? Dann will ich keiner mehr sein. Ewan verrät nur die Götter – aber ihr verratet unser Volk! Ich mache nicht mit, wenn ihr einen von uns opfern wollt.“ Entschlossen schüttelte Dylan den Arm seines Bruders ab und lief zu Ewan. „Wenn ihr ihn opfern wollt, dann opfert mich gleich mit.“ Entschlossen sah der junge Mole in die Runde und einige seiner Stammesmitglieder wirkten verunsichert. „Wir sind keine hirnlosen Idioten und Mörder. Ihr folgt den falschen Göttern.“

Diego starrte nach unten und auf seinen Bruder, der dort neben Ewan stand und entschlossen zu ihnen hoch blickte. Die Fackel in seinem Rücken ließ das schwarze Fell diabolisch glühen. Wer war der Kerl, er erkannte ihn kaum wieder. „Was machst du da? Du stürzt uns alle ins Unglück“, sagte er leise und sank in sich zusammen. Er hatte immer zu seinem großen Bruder aufgesehen und jetzt schlug er sich auf die Seite derer, die ihnen Tod und Verderben brachten, weil sie glaubten, sich auf eine Stufe mit den Göttern stellen zu können.

Ewan legte Dylan eine Hand auf die Schulter und drückte sie kurz. Er wusste, wie schwer es ihm fallen musste, sich gegen seine Familie zu stellen. Bei den Moles wurde die Familie hoch geachtet und das, was gerade passierte, war ein Verrat. „Geh zurück zu deiner Familie. Du musst das nicht tun“, raunte Ewan. Er wollte nicht, dass dem jungen Mann etwas passierte.

„Nein“, sagte Dylan entschlossen, ohne sich umzusehen. „Das ist pure Idiotie, was hier läuft. Die Alten glauben, alles bleibt, wie es war, und sehen nicht, dass wir von Jahr zu Jahr weiter ausgenutzt werden, für immer neue Tätigkeiten. Das kann so nicht weiter gehen. Wir haben keine Zeit, uns selbst zu entwickeln, weil wir nur schuften. Wir müssen wieder unabhängig werden, wenn unser Volk eine Zukunft haben soll und dafür werde ich kämpfen. Und wenn es sein muss auch gegen meine Familie.“ Dylan hatte die stille Hoffnung, dass sie vielleicht doch noch einsahen, wie falsch sie lagen.

Er sah in die Runde und auf einmal stand ein junger Mole auf. Dylan kannte ihn flüchtig. Sein Name war Adrian. „Ewan hat Recht. Es sind falsche Götter“, sagte er laut und ging hinunter zu Ewan und Dylan. Er war bei dem Überfall dabei gewesen und hatte sich bisher nicht getraut, es zuzugeben. Doch er war im Stillen von seinem Tun überzeugt gewesen. Kurz hatte er gezweifelt, als er einen seiner Freunde bei dem Angriff verloren hatte. Doch er war für die richtige Sache gestorben, für die Freiheit der Moles.

„Das werden ja immer mehr von den Verrückten, ist da irgendwo ein Nest?“, versuchte José die jungen Moles ins Lächerliche zu ziehen. Er konnte nicht zulassen, dass die Gruppe um Ewan wuchs.

„Pass auf, was du sagst, alter Mann. Dein Platz im Clan ist nicht so sicher, wie du glauben magst“, zischte Ewan und sah José offen an. Sie hatten noch ihren Trumpf, von dem José nichts wusste und auch nichts erfuhr.

„Ich bin lieber verrückt, als ein Sklave“, rief eine weitere Stimme und ein junger Mole stand ebenfalls auf. „Ich auch“, kam es aus einer anderen Reihe. „Wir haben es satt, ausgenutzt zu werden.“ Ein Raunen ging durch die Menge. Noch nie hatte es jemand gewagt, sich gegen ihren Anführer aufzulehnen. Josés Wort war Gesetz. Das stellte man nicht in Frage.

„Was ist eigentlich los mit euch? Was bekommt ihr von Ewan, wenn ihr hier für ihn sprecht? Hat er noch Anti-rad? Hat er euch größere Dosen versprochen?“ José sah die immer größer werdende Truppe an und wusste nicht, wie er mit ihnen umgehen sollte. Sonst hatten immer die Götter für ihn entschieden, wenn es Querulanten gab, doch jetzt war er auf sich gestellt. Immer mehr Stimmen wurden laut, immer mehr vor allem junge, kräftige Moles lehnten sich gegen den Frondienst auf. Wenn die Götter doch zurückkamen und die Arbeiter waren nicht mehr willig, was würde dann geschehen?

„Er hat uns gar nichts versprochen.“ Dylan konnte es nicht fassen, wie engstirnig José war und keine Zweifel zulassen wollte.

„Ich habe kein Anti-Rad und wenn, dann würde ich es mit allen teilen.“ Ewan war getroffen, dass ihm so etwas unterstellt wurde. Er hatte es nie im Sinn gehabt, sich gegen ihren Anführer aufzulehnen, aber diese Anschuldigungen konnte er nicht auf sich sitzen lassen.

„Es ist wirklich bezeichnend“, sagte Adrian, „dass ausgerechnet unser Clanchef nur noch an Anti-rad denken kann. Es scheint in seinem Leben nichts anderes mehr zu geben. Du weißt, was das ist, nicht wahr? Du weißt es José!“ Dabei sah er den alten Mole intensiv an. Er hätte nie gedacht, dass er einmal den Mut haben würde aufzubegehren, doch jetzt hatte er ein Ziel – die Freiheit.

„Wie kannst du es wagen?“, brauste José auf und zeigte mit seinem Stock auf Ewan. „Ich verstoße euch aus dem Clan. Ihr habt die Götter wütend gemacht und wegen euch sind sie wütend auf uns.“ Der alte Mole zitterte vor Empörung und Wut und zustimmendes Raunen ging durch die Menge.

„Jagt sie fort, dann kommen die Götter wieder“, rief jemand und immer mehr Finger zeigten auf Ewan und seine Gruppe.

„Jagt sie fort – jagt sie fort!“, skandierte die Masse immer lauter, immer aufgebrachter und Dylan glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. Was sagten die Moles denn da?

„Das sind Suchterscheinungen, die lassen das Hirn irrational arbeiten“, sagte Adrian leise. Er war Mediziner und hatte bei Odin viel gelernt. Odin war einer der Götter, der ausgestiegen war. Er lebte weitab in einer der Kuppeln und nur Adrian und ein paar wenige wussten, wie sie zu ihm kamen. Er hatte die jungen Moles viel gelehrt, vor allem auch die Sprache der Kuppler und er hatte mit einigen Irrtümern aufgeräumt.

„Kommt mit. Holen wir unsere Sachen.“ Ewan wurde unbehaglich. Adrian hatte Recht. Das hier geriet außer Kontrolle und sie sollten zusehen, dass die Stimmung nicht kippte und die Masse doch noch Blut forderte. „Holt, was euch wichtig ist, wir treffen uns in einer Stunde an der Sternkreuzung.“

Dylan sah ein letztes Mal nach oben und als sich selbst sein Vater erhob und die Fäuste reckte, senkte er den Kopf. So schnell wurde das eigene Fleisch und Blut verstoßen? So leicht fiel es seinem Vater, einen Schuldigen für sein Unbehagen zu suchen und diesen in seinem eigenen Jungen zu finden? Er suchte Diegos Blick, doch der hatte sich in seinem Sitz verkrochen. Man sah ihm an, dass er sich unbehaglich fühlte. Ihm wurde das zu viel. „Komm, Diego, bitte!“, flüsterte er fast tonlos. Doch Diego hörte ihn nicht – Adrian zerrte ihn durch einen Seitengang aus der Halle.



+++



Neugierig sah Dylan sich um. Sie liefen jetzt schon seit einer Stunde, durch einen alten Tunnel, den er bisher noch gar nicht gekannt hatte und dabei war Dylan sich sicher, dass er mehr Tunnel kannte, als die meisten Moles.

„Wo gehen wir hin?“, fragte er Adrian, der neben ihm lief. Seit sie den Versammlungsraum verlassen hatten, war der junge Arzt bei ihm geblieben und hatte ihm geholfen, seine Sachen zu packen. Von seiner Familie hatte sich keiner blicken lassen. Vielleicht war das auch besser gewesen. Er hatte die Worte nicht hören wollen, die sein Vater unweigerlich an ihn gerichtet hätte. Es schmerzte auch so schon genug.

„Wir gehen zu Odin“, sagte Adrian und rückte sich seinen Rucksack zurecht. Er sah schon ziemlich zerschlissen aus und zeugte davon, dass er oft benutzt worden war. Doch Adrian war stolz darauf, denn den hatte er von Odin bekommen und hielt ihn in Ehren.

„Und wer ist das?“, wollte Dylan wissen, denn der Name sagte ihm nichts.

„Ein Kuppler“, entgegnete Ewan und ließ sich etwas zurückfallen, um den Neuen in ihrer Gruppe aufzuklären.

„Ein Kuppler?“ Dylan sah Ewan an und ein wenig Angst schimmerte in seinen Augen.

„Er ist nicht so, wie die anderen“, versuchte Ewan ihn gleich zu beruhigen. „Er hat sich von ihnen abgewandt und hilft uns. Er hat uns viel über die Kuppler erzählt und wie sie wirklich sind. Sie sind keine Götter.“

„Aber sie können das Mittel machen, sie haben das Serum“, sagte Dylan und wirkte dabei geradezu ergriffen. Doch Adrian stieß ihn an und grinste. „Was glaubst du denn, warum uns von denen noch keiner über den Weg gelaufen ist, hm?“, fragte er und sah Dylan abwartend an. Der zuckte nur die Schultern. Was sollten sie da draußen? Da gab es doch nichts.

„Sie haben viel zu viel Schiss.“

Erst sah Dylan Adrian groß an und dann kicherte er. Wenn José das gehört hätte, wäre er wohl unter Garantie in Ohnmacht gefallen. Dylan fühlte sich gleich nicht mehr so unsicher und er war sogar richtig neugierig auf diesen Odin. „Wie ist er denn so?“, fragte er und sah zwischen Ewan und Adrian hin und her.

„Eigentlich ziemlich okay. Er sieht komisch aus, so ganz ohne Fell. Seine Finger sind auch anders. Er hat nicht mal einen Stummelschwanz. Aber an sich ist er nett.“ Adrian nickte und wusste, dass Dylan das eigentlich wohl nicht wissen wollte. Also fuhr er fort: „Außerdem hat er ziemlich früh begriffen, dass es nicht richtig ist, was mit unserem Volk passiert. Er hat angeboten, uns zu zeigen, wie wir Anti-Rad herstellen können. Dafür brauchen wir medizinische Bildung und die nötigen Gerätschaften. Deswegen haben wir ein Labor der Kuppler überfallen. Es gab Verluste.“ Adrian senkte den Kopf.

Dylan hatte davon nichts gewusst und jetzt machte es mehr Sinn. Er sah Adrian an und legte den Kopf schief. Sein neuer Begleiter wirkte niedergeschlagen. „Du warst dabei? Wen hast du verloren?“, fragte er vorsichtig. Es war immer schlimm, wenn jemand, den man gut kannte, starb und Dylan fragte sich, ob er denjenigen wohl auch gekannt hatte.

Adrian schwieg und starrte vor sich hin. Ewan beobachtete ihn. Er wusste, dass sein Freund darüber nicht reden wollte – vielleicht auch nicht konnte, denn Laster war für Adrian mehr als nur ein Freund gewesen.

„Wir werden noch mal zurück gehen und das Zeug holen, was wir nicht hatten mitnehmen können“, lenkte Ewan ab und fing dann an, von Odin zu erzählen, vom alten Mann in seiner Kuppel.

Dylan hing an seinen Lippen und konnte es irgendwie noch gar nicht glauben, was ihm da von den Kupplern erzählt wurde. Er war sich zwar immer sicher gewesen, dass sie keine Götter waren, aber dass sie genauso sterblich waren wie sie selber, hätte er doch nicht gedacht. „Sie sind schwach und es ist sogar ganz leicht sie zu töten.“ Ewan hob seine Hand und machte eine Faust. „Ich könnte ihnen mit einer Hand das Genick brechen.“

Dylan verzog das Gesicht. Er mochte es nicht, wenn davon gesprochen wurde jemanden zu töten. Egal wer es war. Er fand, dass der Tod des anderen nie die Lösung des Problems sein konnte. Doch als Ewan weiter erzählte, wie sie Odin in einem der Tunnel kennen gelernt hatten und er sich ihnen anschließen wollte, war Dylan wieder ganz bei der Sache. Wenn er auch immer mal ein Auge auf Adrian warf, der an seinem Verlust noch immer zu knabbern hatte.

„Am Anfang waren wir misstrauisch, aber er hat bewiesen, dass er auf unserer Seite steht. Er ist wertvoll für uns und nicht nur, weil er versucht Anti-Rad für uns herzustellen. Inzwischen sehe ich ihn als Freund.“ Ewan deutete nach vorne, denn sie kamen an eine Schleuse. „In der Kuppel ist unser Hauptquartier. Wir haben sie auf einem unserer Streifgänge gefunden.“

„Aha“ Dylan hatte die Flut an Informationen erst einmal aufgenommen. Was sollte er auch anderes tun. Doch jetzt war er neugierig auf den Menschen. Er wusste nicht, was er erwartete, beobachtete aber, wie geschickt Ewan mit seinen Klauen die kleinen Tasten der Schleuse betätigte. Wie es schien, konnte man die Tür nur passieren, wenn man das Ding bedienen konnte.

Interessant.

„Schnell!“, forderte Ewan und Adrian schob Dylan in die Schleuse, die nachfolgenden wollten auch noch rein. Schließlich sollte die Schleuse die Strahlung von der Kuppel fern halten. Hier unten war sie nicht mehr sehr gefährlich, doch Odin konnte selbst das bisschen schaden.