Du befindest Dich hier: Geschichten > Geschichten frei bis 16 > Chaotizitaet > Ein Jahr - Teil 2 - 08

Ein Jahr - Teil 2 - 08

Carsten hatte nie wirklich daran gezweifelt, dass Henrik nicht auch die letzte Abiturprüfung bestehen würde. Trotzdem Henrik vor dem mündlichen Abitur weit mehr Schiss hatte als vor den schriftlichen Prüfungen. Das einzige Mal, dass Carsten sich diesbezüglich Sorgen gemacht hatte, war vor Schwerin, aber das Problem hatte sich ja, wenn schon nicht in Wohlgefallen, so doch in einen maßvollen Umgang mit dem Thema aufgelöst. Denn dass Henrik das Ganze immer noch beschäftigte, merkte man ihm von Zeit zu Zeit noch deutlich an, aber das war auch in Ordnung. Schließlich war es kein Thema über das man wie eine aufgedrehte Zeichentrickfigur einfach freudestrahlend hinweggehen sollte.



Die Woche von Himmelfahrt sah Henrik dann mit seiner Mutter nach Wien entschwinden. Zwar hätte Carsten das lange, freie Wochenende, das ihm dank Brückentag ebenso wie den Schülern beschert war, gerne mit Henrik verbracht, aber er sagte sich, dass es nicht einmal mehr bis zum Ende des Monats dauern würde, bis Henrik kein Schüler und ihre Beziehung nicht länger Grund zur Empörung war. Und immerhin tröstete die erste Postkarte, die knapp drei Tage nach Henriks Abreise im Briefkasten auf ihn wartete, ihn ein wenig, während er sich seufzend über den Stapel der Klassenarbeiten hermachte, die noch unbedingt vor den Versetzungskonferenzen korrigiert und zurückgegeben werden mussten. Es sollten noch mehr Karten folgen:





Hallo Carsten!

Glaub mir, in Wien ist es genauso warm wie zu Hause. Entsprechend hat uns fast der Schlag getroffen, als wir nach den Katakomben der U-Bahn am Stephansdom wieder das Tageslicht erblickten. Zum Glück erwartete uns danach nicht erst noch ein halbstündiger Marsch durch die Innenstadt, ehe wir unser Quartier erreichten. Im Gegenteil, es ist gleich um die Ecke des Doms und wenn ich aus unserem Dachfenster sehe, habe ich fast das Gefühl, mich nur ein wenig strecken zu müssen, dann könnte ich sogar das Kirchendach berühren. Ich sag dir, bei diesen Temperaturen werde ich jede Kirche besichtigen, die mir begegnet, sind Kirchen doch in der Regel herrlich kühl. So, ich muss los, Mama und ich wollen echtes Wiener Schnitzel essen.

Henrik.















Carsten Gessler

Oll-Weg 2

2010 Nanohausen

Deutschland





Hallo Carsten!

So ungefähr sieht der Blick aus unserem Zimmer aus. Aber ich bin mir nicht mehr ganz so sicher, ob ich noch so happy darüber bin, dass wir so nah an dem verflixten Dom wohnen. Der fing doch tatsächlich früh um sieben Uhr das Läuten an!!! So viel zum Ausschlafen. Aber gut, so verpasse ich wenigstens nie das Frühstück und habe herrlich viel vom Tag. Ich muss wohl nicht betonen, dass Mama davon sehr angetan ist. Natürlich wurde der Störenfried heute auch von Innen besichtigt. Mein persönliches Highlight war dabei die Kanzel. So fein gearbeitet, so viele Details...

So, einmal mehr knurrt der Magen und heute Abend geht es deswegen ins Gulaschmuseum.

Henrik.

















Carsten Gessler

Oll-Weg 2

2010 Nanohausen

Deutschland





Hallo Carsten!

Das Gulaschmuseum ist ein echter Hit! Ich weiß nicht wie viele verschiedene Sorten Gulasch die auf der Karte hatten... einschließlich eines Pilzgulasch für Vegetarier und eines Schokoladen-Gulasch als Dessert. Ich muss Mama davon überzeugen, dass wir dort noch mal hin müssen.

Wie du an der Karte siehst, waren wir heute in Schönbrunn. Auch dort müssen wir noch mal hin, denn wenn man mit der Schlossbesichtigung durch ist, ist man viel zu kaputt, um noch den ganzen Park zu erkunden. Dabei soll es hier sogar eine (nicht ganz echte) römische Ruine geben. Die will ich unbedingt noch sehen. Und dann werden wir wohl auch zur Gloriette hochstiefeln. Sollten wir einfach gleich früh als erstes machen...

Henrik.

















Carsten Gessler

Oll-Weg 2

2010 Nanohausen

Deutschland







Hallo Carsten!

Bin zwar noch nicht wie der verkleidete Mozart auf der Rückseite auf irgendwelchen Dächern hier herumgetanzt, aber um Mozart kommt man in dieser Stadt nicht herum. Zum Glück hatte ich Kunst und nicht Musik als LK, sonst hätte ich all die Gräber der lieben Komponisten besuchen müssen. Aber ganz komm ich um die Kultur eh nicht herum. Mama eben... Doch ich hab mir sagen lassen, dass Operette immer recht lustig ist, also ging es gestern Abend in ‚Die Lustige Witwe’. War wirklich gut. Und heute ging es endlich ins Hofmobiliendepot! Die haben da sogar eine Probesitzgalerie mit all den unbequemen und bequemen Stühlen aus den verschiedenen Epochen. Der Rest lagert stilecht in großen Gitterkäfigen. *g*

Henrik.

















Carsten Gessler

Oll-Weg 2

2010 Nanohausen

Deutschland





Hallo Carsten!

Der gestrigen Karte ging einfach viel zu schnell der Platz für all die tollen Dinge im Hofmobiliendepot aus. Denn es gab dort natürlich nicht nur Stühle. Sondern auch Betten (die verdammt kurz waren), Schreibtische, Tische, Schränke, Kommoden, Throne und vieles, vieles mehr. Und natürlich nicht alles in Gitterkäfigen weggesperrt, sondern teilweise als stilechte Zimmer hergerichtet. Fantastisch! Ebenso fantastisch fand ich den heutigen Besuch in der Nationalbibliothek. Eine Bibliothek wo sogar Lesemuffel zu Bücherfreunden werden. Ich hätte dort bestimmt den halben Tag nur mit Staunen verbringen können. Von den Deckenbildern über die ganze Raumgestaltung bis hin zu Ausstellungsstücken wie Himmelsgloben...

Henrik.

















Carsten Gessler

Oll-Weg 2

2010 Nanohausen

Deutschland









Hallo Carsten!

Nachdem Mama mich gestern Abend nach Grinzing entführt habe (natürlich habe ich mich gaaanz heftig gewehrt ;-)), fiel mir das Aufstehen heute um so schwerer. Ich glaube, ich hätte es heute sogar geschafft, meinen höchsteigenen Domwecker zu ignorieren. Aber Mama hatte mehr als nur Verständnis für mich, weshalb wir heute einen ruhigen Tag im Park von Schönbrunn eingelegt haben. Und als wir die römische Ruine gefunden hatten, habe ich doch sogar mein Skizzenbuch, das ich sonst nur für Kritzeleien dabei habe, herausgeholt und mich ernsthaft im Zeichnen versucht. Da aber mein Talent (oder der Mangel an Übung) dem Original nicht wirklich gerecht wird, hat Mama netterweise aus allen möglichen Blickwinkeln Fotos von der Ruine gemacht.

Henrik.















Carsten Gessler

Oll-Weg 2

2010 Nanohausen

Deutschland





Hallo Carsten!

Heute stand Schloss Belvedere auf dem Programm. Von Klimt bin ich immer noch nicht begeistert, das Schloss selbst und der dazugehörige Park haben aber durchaus Charme. Allerdings fand ich das Picknick, das Mama und ich hinterher im Prater veranstaltet haben auch sehr toll. Besonders lustig anzusehen war die Manner-rosa Parkbimmelbahn. Ehrlich, die Waffeln in allen Ehren, aber alles in Manner-rosa zu haben, ist doch etwas übertrieben. Es soll sogar einen Steinmetz am Steffl mit Manner-rosa Overall geben... Aber wenn es auch Manner-rosa Fiaker gibt... Heute Abend gehen wir noch mal in das Gulaschmuseum. Ich glaube, ich probiere mal die Version mit dem Sauerkraut. Fühle mich heute mutig. *g*

Henrik.

















Carsten Gessler

Oll-Weg 2

2010 Nanohausen

Deutschland











Hallo Carsten!

Heute war Mamas Tag. Sprich, ich musste sie zum Einkaufen begleiten. Immerhin war es nicht so etwas peinliches wie Unterwäsche oder so... Von daher war die Shopping-Tour ganz in Ordnung. Und ich habe in einem CD-Laden sogar eine Gotthard-CD als Schnäppchen gefunden. *g* Und weil ich so brav den Einkaufsbegleiter gemimt habe, hat mir Mama nachmittags noch die vielleicht schönste Kirche gezeigt, die es in Wien gibt: Die Jesuitenkirche. Eine Barockkirche, die sich mit erstaunlich wenig Gold schmückt, dafür aber durch rosa und grünen Marmor besticht. Nur der neue, moderne Altar will da nicht recht ins Gesamtbild passen. Aber gut, daran kann ich nichts ändern und ich muss ja dem Altar keine besondere Beachtung schenken.

Henrik.















Carsten Gessler

Oll-Weg 2

2010 Nanohausen

Deutschland





Hallo Carsten!

Jugendstil ist toll! Zumindest, was die Bauwerke betrifft. Und einer der wenigen Stile, wo Mama und ich uns einig sind. Entsprechend begeistert waren wir von den Bauten rund um den Naschmarkt. Für den Trödelmarkt waren wir leider ein paar Tage zu spät, aber die vielen alltäglichen Marktstände waren auch toll. Da hätte ich mich den ganzen Tag von einem Stand zum nächsten durchfuttern können. Zum Glück habe ich es gelassen, denn sonst wäre mir abends im Vergnügungs-Prater vermutlich allein schon beim Riesenradfahren schlecht geworden. So aber konnte ich sogar problemlos noch Zuckerwatte verdrücken. Eigentlich mag ich die nicht sonderlich, aber heute war mir danach. Und auch wenn das Riesenrad verhältnismäßig teuer ist, lohnt der Ausblick.

Henrik.















Carsten Gessler

Oll-Weg 2

2010 Nanohausen

Deutschland







Hallo Carsten!

Letzte Karte, die du vermutlich erst bekommst, wenn ich schon wieder zu Hause bin. Postlaufzeit eben. Egal! Kaum zu glauben, dass heute schon der letzte Tag meiner Wienreise ist. Aber Wien ist immer eine Reise wert. Ich bin mir sicher, dass ich noch eine Menge nicht entdeckt habe, oder nicht häufig genug dort gewesen bin. Zum Beispiel die römische Ruine. Würde Mama mich nicht so vehement zum Kofferpacken zwingen, wäre ich wohl noch mal nach Schönbrunn abgehauen. Aber sie hat Recht, wäre doof, wenn die Hälfte meiner Sachen hier bliebe, bloß weil ich nicht mit Packen fertig werde. Denn so gut kenne ich Mama: Die packt nicht für mich.

Freu mich schon auf daheim. ;-)

Henrik.

















Carsten Gessler

Oll-Weg 2

2010 Nanohausen

Deutschland





Hallo Henrik!

Ist zwar nicht Wien, aber ich dachte mir, du freust dich, wenn du bei deiner Ankunft zu Hause auch eine Postkarte vorfindest. Wetter war hier ähnlich klasse wie bei dir, nur dass ich nicht so viel davon hatte. Denn auch wenn ich im Park Aufsicht habe, sind das höchstens 15 Minuten und eben Aufsicht, nicht Pause. Und während die Schüler am Nachmittag das Freibad erobern, darf ich mir letzte verzweifelte Klimmzüge der Versetzungsgefährdeten zu Gemüte führen, wobei mir Benni grad erklärt, dass er nicht weiß, ob meine Verzweiflung über diese eher bescheidenen Werke ihn eher zum Lachen oder zum Bedauern animieren. Wobei er mir nicht verrät, ob er mich oder die Schüler bedauert.

Carsten.















Henrik Rehms

Woco-Straße 11

2010 Nanohausen

Deutschland





***



„Ich kann es immer noch nicht glauben: Mein Junge ist mit der Schule fertig!“

Henrik musste an sich halten, um bei diesen Worten seiner Mutter nicht mit den Augen zu rollen. Er konnte ja verstehen, dass sie stolz auf ihn war – Himmel, er war ja selbst stolz wie Oskar auf sein Abiturzeugnis – und er wusste auch, wie gerne sie ihn in einem schicken Anzug statt bequemer, abgewetzter Jeans sah. Aber musste sie deswegen so ein Getue machen? An ihm herumzupfen und ihn ständig bitten, für noch ein weiteres Foto zu posieren? Sie musste doch sicherlich bald die ganze Speicherkarte mit Bildern voll haben, hatte sie doch schließlich auch schon während der Verabschiedung der Abiturienten fleißig geknipst. Dabei hatte es nach Henriks Auffassung gar nicht so viel Fotografierenswertes gegeben... weder war er im Musik-LK, der mit einem selbstverfassten Lied über ihre Schule einen Beitrag zum Rahmenprogramm geleistet hatte, noch war er der Jahrgangsbeste, der eine Rede hatte halten müssen. Er hatte keine Ehrenauszeichnung für die Leitung einer Arbeitsgemeinschaft erhalten, keinen Sonderpreis des Fördervereins oder Belobigung wegen herausragender sportlicher Leistungen. Er hatte einfach nur im Rahmen der Zeugnisübergabe zusammen mit seinen Kurskameraden des Kunst-LKs seine Zeugnismappe erhalten, seinem Tutor und dem Direktor die Hand geschüttelt und war wieder vom Podium zu seinem Platz zurückgekehrt. Gut, zugegeben, wäre es nach Herrn Danberk gegangen, hätte bei der Verabschiedung seine Beteiligung bei der bevorstehenden Cafeteria-Umgestaltung Erwähnung gefunden, aber Henrik hatte seinem Lehrer dies noch rechtzeitig ausreden können. Denn schließlich ging es bei der Verabschiedung um etwas, das man in den vergangenen neun Jahren an der Schule geleistet hatte, und nicht um das, was man noch leisten würde. Im Gegenzug dafür hatte er aber das Cafeteria-Projekt bei der Wand der Zukunft – große Aufstellwände, an denen jeder Abiturient neben seinem Foto aus der Abi-Zeitung ein kurzes Statement bezüglich der erwarteten eigenen Zukunft abgab – erwähnen müssen. „Ich werde ab Herbst Innenarchitektur studieren und freue mich daher schon, dass meine Idee für die Umgestaltung der Cafeteria aus meiner Abiturklausur aufgegriffen wurde und ich selbst während des Umbaus in diesem Sommer mit anpacken kann!“, stand jetzt in hübscher Wolkensprechblase neben seinem Bild. Aber Henrik war sich sicher, dass kaum jemand dieser Aussage größere Beachtung schenken würde, würde sich doch kaum jemand die Mühe machen über hundert Sprechblasen, die allesamt mehr oder weniger dasselbe – Studien- oder Ausbildungsgänge mit dem ein oder anderen hochfliegenden Ziel wie Politik, Sport oder Bühne – enthielten, zu lesen.

Benni, der selbstredend bei der Abi-Verabschiedung seines kleinen Bruders anwesend war, grinste. Als Monika Rehms die beiden jungen Männer einmal mehr vor einem der grünen Büsche der Festhalle platzierte, flüsterte er Henrik zu: „Deine Mutter ist zwar aufgekratzt, aber sie ist noch harmlos. Du hättest meine mal bei meinem Abitur erleben sollen. Fehlte nicht viel und sie hätte einen Profi-Fotografen antanzen lassen. Das konnte Opa ihr in letzter Minute noch ausreden. Stattdessen hat sie sich dann eine Videokamera zugelegt und alles für die Ewigkeit in Bild, Ton und Bewegung festgehalten. Glaub mir, das ist schlimmer als das berühmte Babyfoto nackt auf dem Kuschelfell...“

Henrik musste grinsen. So betrachtet war er gerne bereit, seiner Mutter als Fotomodell für noch eine weitere Speicherkarte zur Verfügung zu stehen. Zumal schlechte Digitalfotos sich leichter verschwinden lassen ließen als klassische Papierfotos oder gar Filme... Doch zum Glück musste er sich nicht in dieses Schicksal ergeben, kam doch in diesem Moment Birger zu ihnen herübergeschlendert, um ihnen mitzuteilen, dass man in der Halle mit dem Umräumen fertig sei und der Abi-Ball anfangen würde. Denn wie es an der Friedrich-Schiller-Schule Tradition war, fand die Verabschiedung der Abiturienten am späten Nachmittag in der Örtlichkeit statt, wo anschließend auch die große Fete des Abi-Balls steigen sollte.

Monika hatte es ihrem Sohn freigestellt, ob Birger bei dieser Gelegenheit dabei sein sollte oder nicht, aber Henrik wusste, dass er nur einen recht geringen Teil des Abends am Tisch bei seiner Mutter verbringen würde, und es somit unfair wäre, ihr eine Begleitung zu verweigern. Und Birger hatte sich im halben Jahr als durchaus erträglicher Zeitgenosse erwiesen, so dass Henrik es seiner Mutter von Herzen gönnte, an der Seite ihres derzeitigen Geliebten eine mehr als nur gute Figur auf dem Tanzparkett abzugeben. Er war sich zwar sicher, dass diverse Anwesende – überwiegend Frauen – sich das Maul über das Paar zerreißen würden (natürlich nur hinter vorgehaltener Hand), aber er wusste mittlerweile genau, dass viele dieser Kommentare der Eifersucht entsprangen, weil entweder der eigene Gatte sich in bester Couch-Potato-Manier nicht dazu bewegen ließ, die Ehefrau auf die Tanzfläche zu führen, oder Frau mit der eigenen Figur/Kleiderwahl/Budget nicht zufrieden war und Monika Rehms um ihre elegante Erscheinung beneidete.

Henrik selbst hatte zwar nicht vor, die Tanzfläche sonderlich zu frequentieren, aber es war der letzte Abend, den er mit seinen Klassenkameraden teilte. Natürlich sagten sie alle, sie würden in Kontakt bleiben, man würde sich sicher in der Stadt hin und wieder begegnen, aber Henrik war Realist. Er wusste, dass Studenten und Auszubildende häufig andere Zeiten hatten, das Haus zu verlassen und man somit nicht mehr gemeinsam mit dem Bus oder der Straßenbahn fahren würde. Ähnlich verhielt es sich mit dem spontanen Einkaufsbummel, den man als Schüler durchaus nach Schulschluss noch eingelegt hatte, den man nun aber aufs Wochenende verschieben würde. Und selbst wenn man an der gleichen Universität studierte, war noch nicht gesagt, dass dieser Zustand für mehr als ein oder zwei Semester anhalten würde, von der Tatsache ganz abgesehen, dass er der einzige seines Jahrgangs war, der Innenarchitektur studieren wollte. Darüber hinaus wusste er bereits von ein paar Mitschülern, die er beinahe schon als Freunde bezeichnen würde, dass es sie in die große, weite Welt hinauszog, und wenn schon nicht ins Ausland, dann doch nach Berlin, Greifswald, Köln, Heidelberg oder München. Es würde definitiv eine Umstellung sein, all die vertrauten Gesichter – egal ob man die Person mochte oder nicht – nicht mehr tagtäglich zu sehen. Weshalb Henrik also das Beste aus dieser letzten Gelegenheit machen wollte. Außerdem war der einzige, mit dem Henrik an diesem Abend tanzen wollte, Carsten, aber er war sich nicht ganz sicher, ob heute Abend der richtige Zeitpunkt war, ihre Beziehung publik zu machen.



Er ahnte nicht, dass ihm diese Entscheidung in diesem Moment quasi aus den Händen genommen wurde, durch einen LKW-Fahrer, dem auf der Fahrt von Liège nach Brüssel auf der Autobahn ein Reifen platzte. Verzweifelt versuchend die Kontrolle über das ausbrechende Gefährt wieder zu erlangen, war er sekundenlang vom Straßengeschehen abgelenkt und hatte so keine Chance den Kleinwagen, der eigentlich dem LKW hatte ausweichen wollen, dabei aber die falsche Entscheidung bezüglich der zu wählenden Spur traf, rechtzeitig zu sehen. Den zwölf Tonnen des LKW hatte der Kleinwagen wenig entgegen zu setzen und obgleich die Rettungskräfte schnellstmöglich vor Ort waren, kam für die junge Fahrerin des Kleinwagens jede Hilfe zu spät.

Es war die vielleicht schwerste Entscheidung, die der Ehemann der jungen Frau zu treffen hatte, als ihm die Ärzte im Krankenhaus mitteilten, dass die schweren Verletzungen im Schädel- und Nackenbereich, die sie bei dem Unfall davongetragen hatte, zum Hirntod geführt hatten: Sollte er ihre Organe zur Spende freigeben? Zu wissen, dass der Körper der Frau, die er geliebt und mit der er sein Leben hatte verbringen wollen, zwar noch atmete, aber dies lediglich auf eine Vielzahl von Maschinen zurückzuführen war, war ihm unbegreiflich. Zu wissen, dass keine Maschine der Welt ihm seine Frau wieder ins Leben holen konnte, war unermesslich grausam. Zu wissen, dass aber ihr Tod, wenn er es zuließ, anderen Menschen das Leben schenken konnte, war eine Verantwortung, vor der er sich nur zu gerne gedrückt hätte. Und doch brachte er es nicht fertig.



Ungläubig starrte Benni das Handy in seiner Hand an. Er konnte es immer noch nicht fassen. Er...

„Benni?“ Monika Rehms, die für eine kurze Verschnaufpause von der Tanzfläche zum Tisch zurückgekehrt war, betrachtete besorgt den jungen Mann, der blass und zitternd da saß. „Ist alles in Ordnung?“

„Wie? Ja... nein... ich muss... Ich muss los. Ich muss...“, stammelte Benni.

„Wohin müssen Sie? Soll ich Sie fahren?“, fragte nun auch Birger. So wie der junge Mann aussah, sollte er sich in dem Zustand besser nicht hinter das Steuer eines Autos setzen.

„Ich hab einen Anruf bekommen. Den Anruf... den... ich...“

In dem Moment kam Henrik vorbeigeschlendert und mit einem Mal platzte der Knoten in Bennis Magen, Kehle und wo sonst sich noch etwas zugeschnürt hatte. Er sprang lachend auf und fiel Henrik jubelnd um den Hals. „Ich hab DEN Anruf bekommen! DEN Anruf! Henrik, wie es aussieht, müssen wir uns für die nächsten zehn Jahre keine Gedanken mehr um die Ethikkommission machen. DEN Anruf!“

Perplex starrte Henrik seinen Halbbruder für einen Moment an, dann begriff er, was Benni sagte und er stimmte in den Jubel mit ein. „Carsten? Wo ist Carsten?“, fragte er, nachdem er sich ein wenig beruhigt hatte. „Denn du wirst auf keinen Fall selber fahren! CARSTEN!“ Und laut brüllend fegte Henrik über die Tanzfläche in die allgemeine Richtung der Tische, wo die meisten Lehrer einen Platz gefunden hatten.

Ohne auf die irritierten Gesichter der anderen Ballbesucher zu achten, rannte er wie ferngesteuert auf Carsten zu, der Henrik hatte kommen sehen und hören und fragend aufgestanden war. „Carsten! Benni hat DEN Anruf bekommen! DEN Anruf, hörst du?“ Und wie sein Bruder bei ihm zuvor, fiel Henrik Carsten nun vor Freude um den Hals, nur dass er es nicht dabei beließ, sondern ihn in seinem Jubel auch noch vor aller Welt küsste.



ENDE