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Terra 3.0 - Zyklus I - Neo New York - Teil 21 - 23

21

Es war eng in der Schleuse, aber sie mussten nicht lange dort bleiben, denn die Innentür zur Kuppel öffnete sich. Dylan wollte sich nicht vordrängeln, aber er reckte seinen Hals, um einen Blick ins Innere der Kuppel zu werfen. Er wusste nicht, was er erwartet hatte, aber bestimmt nicht das, was er jetzt sehen konnte. Er blickte auf Felder und Bäume. „Fantastisch“, rief er und drehte sich einmal um sich selbst.

„Lauf“, knurrte jemand hinter ihm und schob den jungen Mole ein paar Meter weiter. Der Rest hatte kein Auge für das Umfeld, es war eben da. Lästig war das Licht, an das sie sich erst wieder gewöhnen mussten und dann ging es weiter. Durch das Feld zu den Bäumen und dann zu der kleinen Hütte, die sich an einen der großen hölzernen Riesen drückte. Vor der Tür auf einer Terrasse saß jemand. Weißes Haar, komische Dinge am ganzen Körper. Schien kein Fell zu haben, der Ärmste. Dylan verstand gar nicht, wie man ohne wärmendes Fell leben konnte.

„Das ist er?“, raunte Dylan Ewan zu und deutete mit dem Kopf auf den Mann, der ihnen zuwinkte. Er versuchte nicht zu starren, aber das gelang ihm nicht und er war auch nicht allein. Hinter sich hörte er leises Murmeln. Er war nicht der einzige, der das erste Mal hier war.

„Hallo Odin“, rief Ewan und beantwortete somit indirekt auch Dylans Frage, der weiter den Fremden beobachtete. Odin erhob sich und schob sich die Brille auf die Stirn. Er lächelte. „Ewan, du kommst spät und du kommst auch nicht allein, wie ich sehe.“ Er kam von der Veranda seinen Gästen entgegen.

„Ja, wir sind rausgeflogen“, machte Ewan es kurz und Odin hob die Brauen weit nach oben. Dylan musste lachen, das sah witzig aus.

Die hellen Augen sahen ihn sofort an und Dylan verschluckte sich fast an seinem Lachen. „Ich… äh… das sollte nicht…“, stammelte er und es war ihm unangenehm, dass alle Augen auf ihn gerichtet waren. Er guckte auf den Boden. „Verzeiht mir, Herr“, murmelte er leise und erwartete, dass er bestraft wurde. Zwar hatte er noch nie einen Kuppler getroffen, aber er kannte die Geschichten.

„Freut mich, wenn ich dich amüsieren konnte, junger Mole“, sagte Odin aber nur und bat seine Gäste auf die Veranda. Die Sonne stand noch hoch am Himmel und es war angenehm warm. Die Veranda spendete genügend Schatten, damit die Moles sich nicht die Augen verdarben und so beschlossen sie noch etwas draußen zu sitzen.

„Und jetzt erzähl, was meinst du mit rausgeflogen?“, wollte Odin wissen, dem Schlimmes schwante und als Ewan berichtete, was vor ein paar Stunden passiert war, seufzte Odin. Er hatte etwas in der Art erwartet. Es war überfällig gewesen.

„Nun, jetzt sollten wir mit Hochdruck daran arbeiten, dass wir das Anti-Rad herstellen können. Wenn dein Clan sieht, dass sie es von uns ohne Forderungen bekommen, werden sie euch hoffentlich wieder aufnehmen.“ Odin wusste, wie man sich fühlte, wenn man ausgestoßen war. Er konnte nicht mehr zurück und leider hatte er so nicht mehr die Möglichkeit, die Menschen, die ihm etwas bedeuteten, zu sehen. Zu tief steckte er im Sumpf der dunklen Machenschaften der Organisation, als dass er seine Familie und seine Freunde von damals dort mit hinein ziehen wollte. Er hatte seinen Weg gewählt, den Ruhm und die Macht vor Augen gehabt und nicht begriffen, was wichtiger gewesen wäre. Jetzt zahlte er den Preis dafür. Alles, was er tun konnte, war den Moles aus ihrem Sklaventum zu helfen.

Der Anfang war gemacht.

„Wir müssen ins Labor und das Zeug holen. Die Zeit sollte lange genug gewesen sein, dass sie nicht mehr mit uns rechnen, oder?“ Auch Ewan wurde allmählich ungeduldig.

„Ja, das sollten wir wohl. Je schneller ich alles habe, umso eher kann ich euch zeigen, wie man das Anti-Rad herstellt.“ Odin wollte endlich anfangen. Er brauchte etwas zu tun. Er war die meiste Zeit allein in der Kuppel und das war auf die Dauer auch etwas langweilig. Das provisorische Labor war vorbereitet. Sie konnten jederzeit loslegen.

„Gut!“ Mehr wollte Ewan gar nicht hören. Er sah seine Leute an. Sie waren zwei gute Duzend. Er wollte keinen seiner Leute mehr opfern. Es hatte schon genügend Tote gegeben. „Allerdings gehen wir diesmal etwas subtiler vor. Wir schleichen uns ran, testen ob Fallen ausgelegt wurden und sehen dann zu, dass wir unbemerkt und unbeschadet verschwinden.“ Er sah seine Leute abschätzend an. „Freiwillige?“

Wie erwartet hob Adrian gleich die Hand und auch ein paar von denen, die das letzte Mal dabei gewesen waren. „Ich würde auch mitgehen, wenn ich darf“, sagte Dylan und sah Ewan an. Er wollte etwas für diese Gruppe tun, wusste aber nicht, ob er die Gruppe nicht mehr behinderte, als ihr nützte.

„Mir wäre es lieber, du bleibst bei Odin. Der kann etwas Gesellschaft brauchen und du kannst von ihm etwas über die Apparate lernen. Es wäre ratsam, dass es noch mehr Moles als nur Adrian gibt, die damit umgehen können.“ Was jetzt nicht hieß, dass er glaubte, dass Adrian starb, doch man musste mit allem rechnen. Das hatten sie leidvoll gelernt.

Erst wollte Dylan das Gesicht verziehen, doch dann nickte er. Das klang aufregend. Und wenn er wusste, wie das Anti-Rad hergestellt wurde, hatte er vielleicht auch wieder eine Familie.

„Ja, das wäre gut. Je mehr sich damit auskennen, umso besser.“ Odin nickte zu Ewans Vorschlag und war ein weiteres Mal darüber froh, dass der Anführer seiner kleinen Rebellenarmee so umsichtig agierte. Sie hatten in den Monaten ihrer Zusammenarbeit viel erreicht und das machte ihm Hoffnung, dass Ewan zu gegebener Zeit auch den restlichen Clan überzeugen konnte und Hades so seiner Grundlage entzogen wurde.

Er selbst war verblendet gewesen, überzeugt davon, dass die Gottgleichen nur Gutes wollten. Anfangs war das auch so gewesen, doch als sie die lang ersehnte Formel endlich hatten, war der Größenwahnsinn durchgebrochen. Die Moles hatten auf Hades’ Geheiß hin ganze Kuppeln ausgeschaltet, die Bewohner ungeschützt der Strahlung ausgesetzt, einfach nur weil Hades sie mit Anti-Rad gefügig gemacht hatte. Seattle I bis III waren ausgelöscht. Verbindungsbahnen sabotiert. So viel Leid und Elend hatte das Mittel gebracht.

Es wurde Zeit, dass dies aufhörte.

Odin schüttelte die Schuldgefühle ab, denn sie waren hinderlich und brachten nichts. „Wollt ihr gleich heute Nacht los, oder lieber erst morgen?“, fragte er, denn er musste ihnen noch eine Liste von den Dingen machen, die sie brauchten. Es musste einfach klappen, denn für diesen Einsatz ging ihr letztes Anti-Rad drauf. Ewan hatte mit seiner Kopfkamera das letzte Mal gefilmt, was er gesehen hatte und Odin konnte die Bilder hinterher auswerten. So wusste er, was es zu holen gab und was sie gebrauchen konnten.

„Lasst uns rein gehen, ich zeige euch alles, was wir benötigen und das, was wir zusätzlich noch gebrauchen können, wenn ihr es tragen könnt.“ Sie gingen alle zusammen in das Haus und Dylan sah sich verstohlen um. Etwas Derartiges hatte er noch nie gesehen, nur einmal davon gehört. Moles lebten in Höhlen, geräumig und dunkel. Etwas Vergleichbares wie dieses Haus kannte er nicht. Es war hell und hatte Türen und war alles in allem ziemlich gewöhnungsbedürftig.

Er versuchte nichts kaputt zu machen, als er den anderen folgte, aber immer wieder berührte er etwas, was ihm ungewöhnlich vorkam. Die meisten Dinge, die hier standen, kannte er nicht und sie sahen nicht aus, als wenn sie eine Funktion hatten. Wofür brauchten die Kuppler sie? Er traute sich aber nicht danach zu fragen. Vielleicht würde er sich danach erkundigen, wenn er Odin etwas besser kannte. Doch im Augenblick fühlte er sich so klein und dumm. Kein anderer Mole schien sich daran zu stören. Sie kannten all die Sachen bestimmt. Nur Dylan der Tunnelolm, der nie aus seinem Dreck rausgekommen war, hatte keine Ahnung.

„Dylan, kommst du?“, fragte Adrian, der es sich zur Aufgabe gemacht zu haben schien, sich des Neuen anzunehmen.

„Ja, sicher.“ Dylan strich noch einmal über die Figur eines unbekannten Tieres und schloss zu Adrian auf. Er wollte nicht den Eindruck machen, dass er sich nicht für das interessierte, was Odin ihnen zeigen wollte, denn das stimmte nicht. Er wollte lernen, so viel es nur ging, denn er wollte sich des Vertrauens würdig erweisen. Doch kaum hatte er als letzter den Raum betreten, machte er schon wieder große Augen. Was war das, auf was die anderen Moles starrten? Es war eckig und flach und Bilder bewegten sich darauf. Dylan versuchte nicht allzu dämlich dreinzublicken und schob sich ebenfalls näher.

„Ich brauche das, das und das da“, sagte Odin gerade und deutete dabei auf Dinge in dem komischen Ding.

„Fernseher“, raunte ihm ein Mole zu, der wohl schon länger in der Gruppe war. „Ich hab genauso geguckt wie du, als ich so was das erste Mal gesehen habe. Es gibt ein kleines Gerät, dass man mit sich nehmen kann, dass macht Bilder von allen Dingen, auf die man es hält und diese kann man dann auf dem Fernseher ansehen. Ewan hatte so was mit, als wir im Labor waren.“

„Ah – okay.“ Dylan nickte verstehend, auch wenn er kein Wort verstanden hatte. Doch er war froh, dass er nicht der einzige war, der so guckte, wenn er solch komische Dinge das erste Mal sah. Auch ihm war bewusst, dass sie vieles nicht kannten oder nutzten, was die Kuppler wie selbstverständlich in ihr Leben integriert hatten. Würde das eines Tages einmal anders sein? Würden die Moles so was dann auch nutzen? Dylan konnte sich das nicht vorstellen – sie waren wirklich einfach zu verschieden.

„Wenn ihr es wegschleppen könnt, bringt das da noch mit“ – Odin deutete wieder auf etwas und Ewan nickte – „das könnte uns einiges an Arbeit ersparen.“

„Gut.“ Der Rebellenführer hatte grob überschlagen, wie viele Männer er dafür brauchte. „Ich brauche 10 Männer, wenn wir dieses Teil noch mitnehmen wollen. Haben wir noch genug Anti-Rad für so viele Männer?“ Ihr Vorrat war nicht sehr groß. Sie hatten es sich von ihren Rationen der letzten Wochen und Monate abgespart und langsam ging es zur Neige.

„Wir haben noch zwölf Dosen“, sagte Odin und deutete auf die Kanülen, die in einer Vitrine lagen. Auch Dylan sah hinüber und erkannte die Spritzen. Er hatte sie auch schon bekommen. Es war nicht angenehm aber notwendig. „Du kannst also entweder mit einem Dutzend Männern einmal gehen oder mit weniger Leuten und wir haben dann noch etwas Reserve. Ich überlasse das völlig dir.“ Odin vertraute dem jungen Mole, der wusste ganz genau, was er wollte und war sehr intelligent. Er verstand immer weniger, wie seine alten Kollegen hatten glauben können, die Moles wären primitiv und unterentwickelt.

„Wir behalten eine Reserve“, bestimmte Ewan und Odin nickte.

„Kommt, wenn ihr los wollt, dann verpass ich euch euren Schuss.“

Der Anführer der Moles gab den anderen ein Zeichen, dass sie wieder gingen. Es war alles besprochen und Odin wollte noch ein paar Versuche machen. Das kannte er schon. „Folgt mir, ich zeig euch, wo ihr schlafen könnt.“

„Ich hab euch auch ein paar Vorräte dagelassen, wenn ihr wollt.“ Odin versorgte sich in seiner Kuppel komplett selber. Er züchtete Hühner, bestellte die Felder, er sammelte, was der kleine Wald hergab. Er lebte hier völlig autark. Selbst den Strom erzeugte er selber und das Wasser hatte er aus einer der anderen Kuppeln abgezweigt und umgelenkt. Noch war keiner darauf gekommen und so fand ihn hier auch niemand. Die Kuppel war schon vor Jahren aufgegeben worden und sich selbst überlassen. Das kam ihm zugute. P-0142 war sein kleines Reich.

„Ja, das wäre nicht schlecht.“ Dylan folgte mit den anderen Ewan und betrat mit ihm ebenfalls ein Haus. Doch dieses war nicht so hell, wie das von Odin, sondern abgedunkelt und für die Moles angenehmer. Es war ein wenig so eingerichtet wie ihre Wohnhöhlen. Ein Stückchen Heimat unter dieser Kuppel.

Auch dieses Entgegenkommen irritierte Dylan und er musste einmal mehr feststellen, dass nicht alle Kuppler gleich waren. Odin sorgte sich um sie, er kümmerte sich und half, wo er konnte. Wären die Götter mehr wie Odin gewesen, hätte sich Dylan nicht gegen seine Familie stellen müssen, sie hätten nicht vom Clan verstoßen werden müssen. Doch die Welt war eben nicht einfach, sie war hart, kompliziert und ungerecht. Das hatte ihm sein Vater Damian schon immer gesagt. Junge, hör auf zu träumen – das war der Satz gewesen, den Dylan am häufigsten in seinem Leben gehört hatte, zumindest hatte er das Gefühl.

„Am besten schläfst du im Raum von Adrian, wäre das okay für dich?“ Ewan sah seinen Freund an, denn er wollte ihn nicht übergehen. Aber Dylan hatte noch keinen Platz zum schlafen und Adrian hatte irgendwie den Eindruck gemacht, ihn etwas unter seine Fittiche nehmen zu wollen.

Kurz zog etwas durch Adrians Augen, so dass Dylan den Eindruck hatte, dass der andere Mole nicht damit einverstanden war, aber dann nickte Adrian, wenn auch etwas zögerlich. „Ich mach mal Platz. Zeig ihm schon mal den Rest. Wenn ihr durch seit, bin ich fertig.“ Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und ging. Sein Herz zog sich zusammen, als er daran dachte, dass es Lasters Bett war, in dem Dylan schlafen würde.

Dylan sah ihm nach und wusste nicht, was er sagen sollte. Ewan, der schon losgelaufen war, blieb stehen, als er auf eine Frage keine Antwort bekam und sah sich um. Langsam kam er zurück. „Was ist?“, wollte er wissen und Dylan sah ihn aus seinen schwarzen Knopfaugen unwissend an. „Ich glaube, es ist keine gute Idee. Er will mich nicht da haben. Ich kann auch wo anders schlafen, wirklich. Ich habe oft in Gängen übernachtet, wenn ich nicht rechtzeitig heim kam, wirklich. Das geht. Ich bin nicht anspruchsvoll!“

Ewan war wirklich überrascht, dass Dylan es bemerkt hatte. Der Junge hatte einen hellwachen Geist und gute Instinkte. Genau das, was sie brauchten. „Nein, so ist es nicht. Es ist nicht so, dass er etwas dagegen hat, dass du bei ihm im Zimmer wohnst. Es ist nur nicht ganz einfach für ihn.“ Ewan klopfte Dylan auf die Schulter. „Du hast ihn gefragt, wen wir bei dem Überfall verloren haben. Sein Name war Laster und er war ein sehr guter Freund von Adrian. Sie haben zusammen in dem Zimmer gewohnt.“

„Oh“ Dylan schluckte. „Und dann komme ich daher und stolpere da rein. Nicht gut.“ Er kratzte sich am Kopf und seine Krallen zogen kleine Rillen in das Fell. „Wir sollten ihn in Ruhe lassen. Wirklich.“ Dylan hatte seinen Entschluss gefasst. „Sehen wir uns weiter um. Ich habe ja noch so viele Fragen“, lenkte er ab und legte Ewan die Hand auf den Rücken, schob ihn dabei vorwärts, weg von Adrians Zimmer.

Ewan ließ sich schieben, aber er hatte mit dem Thema Adrian noch nicht abgeschlossen. „Es würde Adrian gut tun, wenn du zu ihm ins Zimmer ziehst“, sagte er darum, als sie den Gemeinschaftsraum wieder verlassen hatten und zu den Waschräumen gingen.

„Ich glaube, er sieht das anders.“ Dylan leistete aber nur noch geringen Widerstand, er würde es sich nicht wagen, Ewan zu widersprechen. So besahen sie sich noch den Rest des Hauses, auch die Vorräte und weil sie schon mal da waren, griffen sie sich für jeden etwas und nahmen es mit nach oben. Vor der Tür zu Adrians Zimmer blieb Dylan stehen und sah Ewan noch einmal bittend an. Doch der nickte nur in Richtung der Tür. Also seufzte Dylan und klopfte mit den Krallen. „Darf ich? Hab Rüben dabei.“

„Komm rein“, rief Adrian von innen und sah hoch, als Dylan ins Zimmer kam. Der Arzt saß auf seinem Bett, somit war klar, wo Dylan schlafen sollte. „Die linke Hälfte des Schrankes hab ich frei gemacht, da kannst du deine Sachen unterbringen.“ Adrian versuchte sich nichts anmerken zu lassen, wie schwer es ihm gefallen war, Lasters Sachen zusammen zu räumen.

„Danke“, sagte Dylan und trat ein. Er spürte, dass etwas in der Luft lag. Es drückte ihm auf die Brust, auf den Rücken. Es rang ihn fast zu Boden und so war er froh, als er erst einmal sitzen konnte. „Ich will echt nicht stören. Ich werde dann wohl rüber zu Odin gehen. Ich soll ja noch was lernen“, erklärte er gleich, damit Adrian wusste, dass er gleich wieder seine Ruhe hatte. Dylan fühlte sich hier nicht wohl.

„Du störst nicht, Dylan. Das ist jetzt auch dein Zimmer.“ Adrian lächelte leicht und seufzte. „Ich habe nichts dagegen, dass du hier bist, es ist nur nicht ganz einfach für mich. Ich vermisse Laster, aber das würde ich auch, wenn du nicht hier wohnst.“

Dylan holte tief Luft und sah Adrian forschend an. Dabei versuchte er zu ergründen, ob der Arzt es ernst meinte oder nicht. Doch dann lächelte auch er und ließ sich nach hinten sinken. Er war ziemlich fertig. „Danke“, sagte er noch einmal und schloss kurz die Augen. Auch wenn das Haus abgedunkelt war, so brannten die Augen immer noch von ihrem Abstecher nach draußen. Wie konnten die Kuppler das nur ertragen?

„Keine Ursache.“ Adrian musste ein wenig schmunzeln, als er Dylan beobachtete. „Gehen wir gleich zusammen zu Odin. Ich lerne zwar schon eine ganze Weile bei ihm, aber ich weiß immer noch sehr wenig. Sein Wissen ist enorm und ich bin immer wieder erstaunt, wie schnell er sich angepasst hat.“

„Klar, gute Idee. Dann bin ich vielleicht nicht ganz so gehemmt. Er ist ja schon irgendwie... also ich weiß nicht, wie ich das sagen soll.“ Dylan richtete sich wieder auf und versuchte in Adrians Gesicht zu lesen, ob der ihn trotzdem verstand. „Ich hoffe nur, ich werde ihn nicht enttäuschen.“ Er war schon ganz aufgeregt, wenn er nur daran dachte, dass er vielleicht helfen konnte, das Anti-Rad herzustellen.

„Ja, mir ging es nicht anders. Ich habe mich vor ihm gefürchtet, aber er hat mir meine Angst schnell genommen. Er ist anders als wir, aber das merkt man nach einer Weile gar nicht mehr.“ Adrian ließ sich von Dylan eine der Rüben geben und biss hinein. „Wir kriegen dich schon fit und wir sind froh über jeden, der uns helfen kann.“

„Ich muss euch einfach helfen. Das ist doch nicht mehr normal, was da bei José abgeht.“ Dylan biss die Zähne zusammen, denn Wut stieg wieder in ihm auf. Die Wut, die er auf seinen Vater hatte und die Sorge, die ihn wegen seinem kleinen Bruder quälte. „Diego“, murmelte er leise und schloss wieder die Augen. Er fehlte ihm am meisten. Ihn zurück gelassen zu haben, tat weh. Dylan legte die Rübe, die er sich gegriffen hatte, wieder weg und seufzte leise.

„Sie sind süchtig, das ist leider eine Nebenwirkung des Anti-Rad. Langsam fühlen sie die Auswirkungen, dass sie keins mehr bekommen. Wir spüren es nicht so sehr, weil wir es noch nicht so lange nehmen.“ Von den Moles wusste keiner davon, denn das hatten die Kuppler ihnen verschwiegen, aber Odin hatte die Rebellen darüber ausgeklärt und versucht, das zu ändern. Im Augenblick forschte er an einem Mittel, das wenigstens die Symptome lindern konnte, wenn die Moles phasenweise kein Anti-Rad nahmen.

„Komm, gehen wir rüber zu Odin“, schlug Adrian vor, denn Dylans Gesicht gefiel ihm nicht. Er wirkte so verletzt und wütend. Das war nicht gut. Sein Vater war nicht Herr seiner Sinne ohne das Serum, das durfte Dylan nicht so hart sehen.

„Wir werden es schaffen, dass unser Volk irgendwann frei ist.“ Adrian klopfte Dylan auf die Schulter und gemeinsam verließen sie das Haus. Dylan kniff die Augen zusammen und Adrian schmunzelte. Ihm war es die erste Zeit nicht anders gegangen. „Du gewöhnst dich an das Licht, aber bis es soweit ist kannst du eine Brille tragen, wie wir sie sonst auch draußen benutzen.“ Dabei zog er aus seinem Rucksack noch ein Exemplar, setzte sich dabei sein eigenes auf. Dylan sah ihn fasziniert an. Das sah komisch aus und so setzte er seine auch gleich auf und kicherte. Er hatte heute mehr ungewöhnliches kennen gelernt als in seinem ganzen behüteten Leben. Erst jetzt merkte er, wie wenig er eigentlich wusste.

„Na, ihr beiden?“ Odin war in seinem Labor und bereitete noch einiges vor. Unter anderem auch die Kamera, die Ewan wieder tragen sollte, damit Odin ihm beim Finden der Apparate helfen konnte.

„Hallo, Odin.“ Dylan fühlte sich gleich wieder merkwürdig, als die hellen Augen ihn anblickten. Er versuchte nicht zu starren, aber es war schwer. Immer wieder sah er auf den Mann, der mit einem Schraubenzieher hantierte. Dieser Mensch sah so zerbrechlich aus und Dylan verstand, was Ewan damit gemeint hatte, man könnte ihnen ohne Probleme das Genick brechen. Sie wirkten schwach. Wie hatte es nur so weit kommen können, dass solch schwächliche Kreaturen die stolzen Moles in der Hand hatten?

„Kommt rüber, ich bin gleich soweit. Ich bereite nur noch etwas für Ewan vor, wenn er los will.“ Dabei schraubte er und prüfte dann auf dem Monitor, was die Kamera zeigte. „Macht mal die Fenster dunkel!“ Er wollte sehen, wie lichtempfindlich das kleine Gerät war und Adrian lief zu einem Touchpad an der Wand, dass die Polarisierung der Fenster so ausrichtete, dass Kristalle, die eben noch das Licht durchgelassen hatten, es jetzt abschirmten.

Neugierig kam Dylan näher zu Odin und der deutete auf den Fernseher. „Das bin ja ich“, rief der Mole überrascht, als er sich auf dem Bildschirm erkennen konnte. Grinsend winkte er sich zu und kicherte.

„Die Kamera nimmt dich auf. Ewan wird sie tragen, wenn er ins Labor geht. Dann kann ich ihm sagen, was er mitnehmen soll.“ Odin deutete auf das kleine Gerät in seiner Hand und schwenkte dann zu Adrian.

„Hallo Adrian“, lachte Dylan übermütig und Adrian musste unweigerlich mit lachen. Dylan war noch so unbedarft, dass es richtig erfrischend wirkte. Er kannte einen ganzen Teil der Dinge, mit denen Odin oder Adrian hantierten, noch gar nicht, wie die meisten Moles. Es wurde wirklich Zeit, dass ihr Volk den Schritt in die Zivilisation wagte. Sicher, sie brauchten nicht alles, was die Kuppler erfunden hatten, wirklich zum Leben, doch einiges davon konnte auch das Leben der Moles vereinfachen.

Odin beobachtete die beiden jungen Männer und musste lächeln. Schön Adrian wieder lachen zu hören. Das war in der letzten Zeit viel zu selten geworden. Er fühlte sich mitschuldig, dass zwei Moles getötet worden waren. Aber leider hatten sie keine andere Wahl. Sie mussten viel riskieren, wenn sie siegen wollten.

„Adrian, wenn du willst, kannst du Dylan schon einmal die Grundzüge erklären. Was wir hier machen, was das für Geräte sind. Ich mach das hier nur fertig.“ Sein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass Ewan und seine Männer gleich los wollten. Auch Adrian würde wieder dabei sein. Zwar hatten die Moles keine mechanischen Uhren, doch ihre inneren Uhren liefen präzise. Odin beneidete die Moles um viele ihrer Fähigkeiten, die den Menschen in Jahrtausenden abhanden gekommen waren.

„Ja, sicher.“ Adrian bedeutete Dylan die Brille abzunehmen, denn jetzt war es für sie hier angenehm. „Ein Gerät, das wir sehr oft benutzen, ist ein Mikroskop“, erklärte er dem jungen Mole und zog ihn zu einem Tisch, auf dem das Gerät stand. Er nahm eine kleine Schale die daneben stand und stellte sie unter die Linse. „Guck jetzt mal hier durch“, forderte er Dylan auf und zeigte ihm, was er machen sollte.

„Wartet mal.“ Odin hastete dazu, denn er hatte auch hier schon eine kleine technische Neuerung vorgenommen. Sie mussten jetzt nicht mehr durch das Okular sehen, sondern konnte sich alles auf einem Monitor ansehen. Für längeres Arbeiten war das die entschieden angenehmere Methode. Doch so lange wie Odin die Technik ansteckte, solange guckte Dylan durch das kleine Loch am oberen Ende. So lernte er das eine oder andere kennen, ehe Ewan Adrian einsammeln kam und sich die Truppe auf den Weg machte.

Odin sah ihnen hinterher und Dylan sah Odin an. Der Mensch wirkte angespannt und dann wurde dem Mole klar, was los war. „Du machst dir Sorgen“, stellte er fest. „Glaubst du, dass ihnen etwas passieren könnte?“ Der Gedanke gefiel Dylan gar nicht.

„Ja das fürchte ich“, gab Odin offen zu. Was nutzte es den jungen Mole zu belügen? „Aber Ewan ist ein guter Anführer und er wird seine Leute sicher zurück bringen. Komm, wir beobachten, was sie unterwegs alles sehen.“ Er legte Dylan eine Hand auf die Schulter und führte den jungen Mole zu einem Sessel. Dort konnten sie bei den anderen sein und sich unterhalten. Das löste vielleicht ein paar Blockaden.



22

„Da!“ Erdogan sprang auf und schüttelte den Kopf, so dass seine nassen Haare flogen. Er hatte sich gerade auf Meodin stürzen wollen, der mit ihm durch den Pool tobte, als der Alarm losging. „Michael, sie kommen“, brüllte der Prinz, damit sein Sekretär ihn hören konnte und hechtete aus dem Wasser. Dass er dabei den Boden flutete, war noch das kleinste Übel. Er wäre fast ausgerutscht und hätte sich den Kopf angeschlagen. Doch sein jahrelanges Training bewahrte ihn vor einer Beule. Meodin, der nun auf dem Rand des Pools lehnte, sah ihm fragend nach. Was war denn jetzt los?

Doch da saß Erdogan schon vor dem Bildschirm. Jede einzelne Kamera aus dem überfallenen Labor hatte er auf diesen Monitor gelenkt. Und so sah er sie – sie waren überall. Sie bewegten sich geschmeidig, griffen gezielt zu – wer waren sie?

„Michael“, brüllte Erdogan ohne den Bildschirm aus den Augen zu lassen. „Sag Lean Bescheid, er soll herkommen.“ Erdogan fletschte die Zähne, als diese Maulwürfe durch das Labor liefen. Er zoomte die Kameras im Innenraum und fluchte. „Diese Mistviecher. Sie haben Sprechgarnituren.“ Also hatte er Recht gehabt. Sie hatten etwas mit den Gottgleichen zu tun, denn woher sollten sie sonst das ganze Equipment haben?

„Ja, Herr.“ Michael hatte bis eben etwas entspannt, weil Meodin ein Seepferdchen mit niemals leeren Akkus zu sein schien und der gerade Erdogan zum beschäftigen gefunden hatte. Doch jetzt schoss er hoch, flitzte hin und her und stellte dann umgehend den Kontakt zu Leander her. Er war drüben im Labor und ließ sich auf den Monitor des Prinzen schalten – das war der schnellste Weg.

„Was gibt es denn?“, wollte er wissen. Er hatte vor einer Stunde Erdogans Schicht übernommen. Sie arbeiteten jetzt zeitlich gestaffelt, so konnten die Wissenschaftler länger im Labor bleiben.

„Die Maulwürfe sind im Labor“, klärte Michael den Soldaten auf und gab Erdogan ein Handtuch und eine Sprechgarnitur, damit der Prinz mitreden konnte.

„Lean, sie haben es genauso gemacht, wie wir gedacht haben. Sie haben ein paar Tage ins Land streichen lassen und gehen jetzt auf Beutetour. Es sind sechs und sie wissen ganz genau, was sie wollen.“

„Woher wissen solch primitive Dinger, was sie brauchen? Da wirkt doch wieder einer im Hintergrund. So eine verdammte...“ Leander mäßigte sich, als er sah, wie seine Männer sich zu ihm umwandten und ihn neugierig beobachteten. So verließ er das Büro und verschwand auf dem Flur, wo er alleine war. Im Laufen konnte ihn keiner belauschen. „Sie sind zu zeitig gekommen, wir können denen noch nicht folgen. Das Mittel ist noch nicht fertig.“ Er sah gerade ihre einzige Chance davon laufen, den Biestern zu folgen und ihren Unterschlupf zu finden.

„Das ist ungünstig, aber es wird mich nicht aufhalten“, knurrte Erdogan und wischte sich ein paar nasse Strähnen aus dem Gesicht. „Ich kriege raus, wo sie hingehen. Einige der Kameras sind nach außen gerichtet und ich werde rauskriegen, in welches Loch sie zurückkriechen.“

„Hoffen wir das beste“, sagte Leander und lehnte sich in einem der abgelegenen Gänge an die Wand. Das lief alles nicht so wie geplant. Das Serum kam langsamer voran, als sie gehofft hatten, denn vieles musste synthetisiert werden. Die Vorräte hatten die Gottgleichen vernichtet. Da waren sie gewissenhaft gewesen. Allan und Kyle kümmerten sich um die Versuche. Die mussten oben an der Schleuse der Kuppel laufen. Sie experimentierten mit kleinen Nagern, die mit den ersten Chargen des Serums geimpft und dann nach draußen geschickt wurden. Die Fehlschläge häuften sich und der Druck wuchs.

„Sie haben Sprechgarnituren und eine Kamera. Irgendjemand sagt ihnen, was sie mitnehmen sollen.“ Erdogan war wütend und bekam gar nicht mit, dass Meodin ihn ziemlich belustigt beobachtete, denn der Prinz rutschte auf seinem Hocker hin und her vor Ungeduld. Das sah recht witzig aus, wenn man dabei nur mit einem rutschenden Handtuch bekleidet war. Irgendwann ging es einfach zu Boden und blieb liegen, während Meodin den nackten Rücken beobachtete. Er vermisste die Rückenflosse, warum hatte Erdogan keine?

„Sie machen also weiter, diese Mistkerle!“ Wütend schlug Leander gegen die Wand und der Schmerz explodierte hinter seinen Augen in bunten Lichtpunkten. Sie hatten nichts erreicht. Gar nichts! Die Gottgleichen hatten sich nur verlagert und machten weiter. Sie hatten ihr Heer von Helfern, die immun waren.

„Ja“, knurrte Erdogan zwischen zusammengebissenen Zähnen und verfluchte in Gedanken Bill, der nicht schnell genug vorankam. Er wusste, dass er ungerecht war, aber auf irgendjemanden musste er seine Wut fokussieren und Frankenstein war immer ein dankbares Opfer. „Sollen sie sich sicher fühlen, dann erwischen wir sie überraschend.“

„Ja“, war alles, was er von Leander noch bekam, dann trafen sich noch einmal ihre Blicke, ehe Leander die Verbindung trennte. Erdogan saß weiter da und starrte auf die Bilder. Die Maulwürfe schleppten, was sie tragen konnten, doch sie griffen gezielt zu. Es war unglaublich. Das waren keine Tiere, sie waren zu intelligent. Auch wenn sie nur gelenkt wurden.

„Was“, fragte jemand dicht an seinem Ohr. Michael hatte Meodin auf die Beine geholfen und ihn zu Erdogan gebracht. Er kam noch immer nicht ganz allein zurecht, die Muskeln waren noch zu schwach. Doch es wurde jeden Tag besser. Nun hatte er seine Hände auf Erdogans Schultern, um sich festzuhalten.

Erdogan drehte seinen Kopf ein wenig und lächelte. Es war immer schön, wenn Meodin so nah bei ihm war. Das passierte nicht mehr ganz so oft, denn sein Seepferdchen kam schon ganz gut ohne ihn zurecht. Er und Michael verstanden sich gut und manchmal kam er sich wie ein Eindringling vor, wenn er nach Hause kam und die beiden zusammen lachten und kicherten. Darum genoss er diese wenigen Momente besonders, wenn Meodin zu ihm kam. „Das sind die Wesen, von denen ich dir erzählt habe. Sie sind wiedergekommen.“

„Sehen anders aus“, stellte Meodin fest und betrachtete weiter den Bildschirm. Er balancierte dabei sein Gewicht aus, damit seine Beine ihn bequem trugen und er sich nicht mehr auf Erdogan stützen musste. Neugierig strich er dem Prinzen über den Rücken, um zu sehen, ob sich die Flosse vielleicht nur noch nicht aufgerichtet hatte. Doch da war keine.

Merkwürdig.

Erdogan saß mit geschlossenen Augen da und spürte den sanften Fingern nach, die über seine Haut strichen. Es war schön und der Prinz bekam eine Gänsehaut. Meodin hatte absolut keine Ahnung, was er gerade anrichtete, wie sehr sich Erdogan danach sehnte, von ihm berührt zu werden. „Schön“, murmelte Erdogan leise.

„Was?“ Meodin hatte das nicht ganz verstanden. Er legte seine Hände wieder um Erdogans Schultern, um über ihn hinweg in dessen Augen blicken zu können. „Du bist verändert. Machen diese anderen dir Sorgen?“ Meodin hatte sich an Erdogan gewöhnt und auch wenn sie wenig Zeit mit einander verbrachten, war er die Person, der das Seepferdchen das meiste Vertrauen entgegen brachte. Er wollte, dass es Erdogan gut ging, auch wenn er nicht wusste warum.

„Ja, das tun sie. Sie sind gefährlich.“ Unwillkürlich legte sich seine Hand auf die Wunde, die kaum noch zu sehen war. Meodin hatte sich an ihn gelehnt und da er ebenfalls vollkommen nackt war, konnte der Prinz ihn an seinem Rücken spüren. Er lehnte sich ein wenig zurück und sah Meodin an. „Du brauchst sie nicht zu fürchten.“

„Meinst du?“, fragte Meodin. Er war sich da nicht so sicher. Er wusste, dass die Wesen Erdogan wehgetan hatten und Erdogan war kräftig und beweglich. Was hätten die Wesen für ein leichtes Spiel mit ihm? Einmal mehr war Meodin schmerzlich klar, dass er härter trainieren musste. Dabei gönnte er sich kaum eine Pause, wenn er mit Michael allein war. Dann war er abends so fertig, dass mit ihm kaum noch etwas zu machen war und er nur noch in seinem Pool platschte, um die Muskeln zu entspannen. Sein Kopf legte sich auf Erdogans und Meodin schloss nachdenklich die Augen.

„Ich werde nicht zulassen, dass sie dir etwas tun. Ich werde dich vor ihnen beschützen.“ Erdogan strich Meodin über die Wange und sein Herz klopfte schnell. Allein die Vorstellung, dass jemand Meodin etwas tun könnte, ließ sich seinen Magen schmerzhaft zusammen ziehen. „Dir darf nichts passieren.“

„Sorge dich nicht“, sagte Meodin leise und drängte seinen Bauch dichter gegen Erdogans Rücken. Er spürte, dass seine Nähe dem Prinzen gut tat und so zog er sich auch nicht gleich wieder zurück. Er sah weiter auf die Bildschirme und beobachtete die Wesen. Sie sahen anders aus als er oder der Prinz, selbst Meodin hatte schon gemerkt, dass auch er nicht wie Erdogan war. Nicht nur dass dem die Rückenflosse fehlte, er hatte auch nicht den langen Strich auf dem Bauch, dafür ein lustiges, kleines Loch. Abgelenkt suchte es Meodin wieder mit den Augen, denn so was hatte er nicht und so streckte er neugierig die Finger aus.

Er konnte spüren, wie Erdogan überrascht die Luft einzog und seine Bauchdecke zuckte, als er dieses Loch berührte und musste kichern. Das passierte jedes Mal. Der Prinz war dort ziemlich empfindlich, aber es schien ihm auch zu gefallen, denn Erdogan seufzte leise und lehnte sich noch ein wenig mehr an ihn. „Meo“, murmelte Erdogan leise und lächelte. Sein Seepferdchen war neugierig und er würde ihn nie daran hindern, ihn zu erkunden, auch wenn es für ihn selber nicht einfach war, weil er sich ziemlich zusammenreißen musste. Meodin ging mit kindlicher Naivität an die ganze Sache heran. Für ihn war alles neu und jeden Tag kam etwas hinzu, was er lernen und erkunden konnte. Leider war Erdogan sein liebstes Studienobjekt, denn der war greifbar. Michael war nicht so interessant, dabei konnte Meodin nicht einmal sagen, woran das lag.

„Warum habe ich so was nicht? Ich will nicht so einen langen Strich, ich will so ein Loch“, murmelte das Seepferdchen und piekste immer wieder mit dem Finger hinein.

„Ich finde deinen Strich toll“, lachte Erdogan, der diese Diskussion schon einmal geführt hatte. Er hielt Meodins Hand auf, und verschränkte ihre Finger. „Ich hätte auch gerne deine Rückenflosse, aber leider geht das nicht, mein Süßer. Jeder ist so, wie er eben ist und du bist einfach perfekt.“

„Das sagst du immer. Aber wenn ich perfekt bin und du keine Rückenflosse hast, heißt das dann, dass du nicht perfekt bist?“, fragte Meodin und meinte das auch ernst. Er wollte das wissen, um es einordnen zu können. Michael, der den beiden eine Weile zugesehen hatte, biss sich auf die Handkante und verschwand. Wenn der Prinz ihn erwischte, wie er lachte, war er einen Kopf kürzer.

Erdogan lachte und strich mit seinem Daumen über Meodins Handrücken. Seit sein Seepferdchen sich entschlossen hatte, dass es doch reden wollte, war das Leben des Prinzen nicht einfacher geworden, sondern komplizierter, aber er fand es gut so. „Ich weiß nicht, ob ich perfekt bin, Meo, da hat jeder eine andere Meinung. Ich bin ganz zufrieden mit mir.“

„Na gut“ Meodin beschloss sich vorerst damit zufrieden zu geben. „Zurück ins Wasser“, schlug er vor, denn Erdogan starrte schon wieder auf die Bildschirme mit den merkwürdigen Wesen und das schien ihm nicht zu bekommen. Er war angespannt. „Komm schon“, drängelte Meodin also, denn alleine zu laufen fiel ihm noch schwer. Zwei oder drei Schritte funktionierten schon ganz gut, doch wenn er sich nirgends festhalten konnte, versagten ihm dann die Beine.

„Gleich, mein Schatz“, murmelte Erdogan abgelenkt, denn die Maulwürfe verließen gerade das Labor. Sie waren schwer beladen und der Prinz wollte wissen, ob die Kameras ihnen auch nach draußen folgen konnten. Denn wenn das nicht so war, würde es schwerer fallen ihnen zu folgen.

„Hm“ Meodin war von der Verzögerung nicht begeistert, doch gab er Ruhe. So angespannt wie Erdogan war, hatte selbst das Seepferdchen schon begriffen, dass man ihn dann besser nicht störte. Also stand er weiterhin hinter dem Prinzen, seine Hände auf dessen Schultern. Seine Finger spielten mit ein paar schwarzen Strähnen und er beobachtete die Wesen auf den Bildschirmen. Die Bilder wechselten und lange Gänge kamen in Sicht. Auf einem davon tauchten die Wesen wieder auf und flüchteten.

„Sehr gut“, murmelte Erdogan und zoomte die Wesen näher heran. Er wollte nichts verpassen, auch wenn alles aufgezeichnet wurde, damit sie es später noch auswerten konnten. „Was machen die da?“, fragte er leise und schaltete auf eine andere Kamera, damit er besser sehen konnte. Die Maulwürfe waren stehen geblieben und hatten ihre Beute auf dem Boden abgestellt. Einer von ihnen gestikulierte hektisch und ein paar andere kamen hinzu. Sie brachten Wasser mit sich und fingen allen Ernstes an, hektisch an den Geräten herum zu wischen. Gerade so als wollten sie die Strahlung, die die Geräte noch mit sich trugen, minimieren.

Aber warum?

Erdogan zog die Stirn in Falten und holte tief Luft. Die Maulwürfe selber hatten das nicht nötig, ihnen machte die Strahlung nichts aus. Sie brachten das Zeug also jemandem, dem Strahlung etwas ausmachte.

Er knurrte leise, denn es war klar, dass sie die Geräte zu einem Menschen brachten. Aber warum? Hatten die Gottgleichen nur das eine Labor gehabt und mussten sich nun ein neues aufbauen, um weiter machen zu können? Dann passte es aber nicht, dass der Überfall stattgefunden hatte, bevor sie Bonder 482 gefunden hatten.

Das passte alles nicht zusammen und besserte nicht Erdogans Laune. Selbst Meodins flinke Finger, die versuchten ihn zu beruhigen, konnten seine Laune nicht wieder auf den Boden holten. Sie war in den Keller gesunken und verschanzte sich dort.

Irgendetwas passte hier nicht zusammen - ganz gewaltig nicht. Was wollten die Maulwürfe damit, wenn es nicht für die Gottgleichen war.

Und wenn es für die Gottgleichen war, warum überfielen sie das Labor und machten somit indirekt auf sich aufmerksam – das passte nicht, das passte so was von überhaupt nicht zusammen.

Erdogan ballte die Fäuste.

„Leander, wir müssen reden“, befahl er seinem Freund, nachdem er eine Verbindung zu ihm hergestellt hatte und das zeigte, wie wütend er war, denn er hatte dem Soldaten schon lange keine Befehle mehr erteilt. Immer noch starrte er auf den Bildschirm, bis er merkte, dass Meodin hinter ihm einknickte.

„Vorsicht“, rief er schnell und fing sein Seepferdchen auf und zog ihn auf seinen Schoß. „Entschuldige“, murmelte er leise und strich vorsichtig über Meodins Rücken. Der knurrte leise, gab sich aber geschlagen. Eigentlich wäre es seine Art gewesen, darauf zu bestehen, zurück ins Becken gebracht zu werden, doch Erdogan war für seine Eskapaden nicht in der Stimmung. Meodin hatte dafür ziemlich gute Antennen. So ließ er sich halten und sah weiter auf die Bildschirme, versuchte zu ergründen, was Erdogan so wütend machte.

„Meo, das ist wichtig. Wir müssen so viel über sie rausbekommen, wie wir können. Sie haben uns angegriffen und wir müssen etwas dagegen tun, dass sie es noch einmal machen“, erklärte Erdogan leise, damit Meodin wusste, warum sie noch nicht wieder ins Wasser gingen. Er lehnte seinen Kopf an Meodins Schulter und beruhigte sich langsam wieder. Er wollte einfach genießen, dass sie sich so nahe waren. Das passierte für seinen Geschmack viel zu selten. Er verlor sich in der Berührung, das war ihm klar, als plötzlich Leander in der Tür stand, und die beiden nackten Körper auf dem Stuhl eindringlich betrachtete. So schlimm konnten die Aktien ja nicht stehen, wenn dafür noch Zeit war.

„Da bin ich“, sagte er und schloss die Tür geräuschvoll hinter sich, um auf sich aufmerksam zu machen. Meodin sah gleich neugierig über Erdogans Schulter zu ihm. „Hallo Leander“, sagte er und seine Augen funkelten keck.

Leander grinste. „Hallo Meodin“, sagte er und grinste noch breiter, als Erdogan ergeben den Kopf von der Schulter seines Seepferdchens nahm und ihn ein wenig brummig ansah. Der Prinz hatte sich aber schnell wieder im Griff und stand mit Meodin zusammen auf und führte ihn zum Pool. „Ich unterhalte mich kurz mit Leander und dann komm ich wieder zu dir“, versprach er. Meodin nickte und tauchte ins Wasser. Er hatte schon raus, wie man möglichst wenig dabei spritzte, denn sonst kannte Michael keine Gnade und hielt ihm eine Standpauke. Meodin hatte gelernt, auch das zu vermeiden. Leander sah ihm nach und reichte seinem Prinzen einen Bademantel, der neben dem Pool lag. „Nicht dass ich dich nicht gern nackt sehe, aber Allan bringt mich um, wenn er das rausbekommt“, schob er noch einen blöden Scherz hinterher, ehe er zusammen mit Erdogan zurück zu den Bildschirmen ging.

„Ha ha“, machte Erdogan und knuffte seinem Freund gegen die Schulter. Er zog sich den Mantel über und setzte sich wieder auf seinen Stuhl. Leander ließ sich neben ihm nieder und Erdogan spulte zu der Stelle zurück, wo die Fremden anfingen ihre Beute zu reinigen. „Das ergibt alles keinen Sinn“, murmelte er dabei und deutete auf den Bildschirm. „Sie befreien die Geräte von der Strahlung, also bringen sie sie einem Menschen.“

Leander beguckte sich die Bilder, spulte zurück, sah auch in Aufnahmen der anderen Kameras rein, doch auch er musste nur resignierend den Kopf schütteln. „Also, entweder bringen sie das Zeug zu einem, der nicht zu Bonder 482 gehört oder das Ausweichlabor der Gottgleichen war noch nicht fertig bestückt.“ Schon seit er von dem Angriff erfahren hatte, war er Bill um die Beine gelaufen, doch der Genetiker hatte sich nicht aus der Fassung bringen lassen, ganz im Gegenteil. Er hatte Leander kurzerhand rausgeschmissen, weil er die Experimente gefährdete. Leander hatte es dem Mann noch nicht einmal übel genommen, denn der machte auch nur seinen Job und es gab eben Prozesse, die ließen sich nicht beschleunigen. Aber so waren sie an die Anzüge gebunden. „Sollen wir ihnen in voller Montur folgen?“ Doch das war riskant.

„Nein.“ Erdogan schüttelte den Kopf. „Aber ich bin dafür, den Weg, den sie genommen habe, zu erkunden. Wir sollten uns mit dem Weg vertraut machen, aber noch Kontakt vermeiden.“ Der Prinz konnte einfach nicht mehr untätig bleiben, aber ihre Möglichkeiten waren noch zu begrenzt.

Leander musste nicht fragen, ob die Aufklärung mit Drohnen erfolgen sollte. Er wusste nur zu gut, dass der Prinz, der seit Tagen wie ein Tiger im Käfig durch die Gegend streifte, raus musste. „Ich suche vier meiner Männer aus, die uns begleiten werden. Wenn wir nur das Terrain untersuchen wollen, brauchen wir die Wissenschaftler nicht. Morgen früh fahren wir zum alten Labor und gehen von dort aus nach draußen.“ Schleusen und Reinigungseinheiten gab es dort genauso.

„Gut.“ Erdogan war zufrieden mit Leanders Planung und auch damit, dass der Soldat sich die gleichen Fragen stellte wie er selbst. „Wir treffen uns morgen früh und gehen los. Wir müssen nur sehr vorsichtig sein, sie sind intelligenter, als wir gedacht haben und sie können mit unserer Technik umgehen.“

Auch Leander war das nur zu schmerzlich bewusst. Sie durften die Maulwürfe nicht unterschätzen. Und so lange sie deren Ziel nicht kannten, solange hatten sie ein Problem im Nacken. Er zog sich die Aufnahmen auf seinen Palm. Er wollte die Wege, die die Maulwürfe sich gegraben hatten, mit Karten überlagern. Vielleicht fiel ihm dabei ein Ziel ins Auge, wo sie sich verstecken könnten. Es gab unzählige aufgegebene Kuppeln. Sie würden es doch nicht gewagt haben, eine davon in Besitz zu nehmen?

Allerdings, wenn sie mit Menschen zusammen arbeiteten, war das nicht ganz abwegig und er ballte die Fäuste. So viel war an ihnen vorbeigegangen und mit ihrer grenzenlosen Arroganz und Ignoranz hatten sie es ihren Feinden leicht gemacht, sich gegen sie zu formieren. Es war nur zu hoffen, dass es nicht zu spät für sie war und die Infiltration schon zu weit fortgeschritten war.

„Ich geh die Anzüge prüfen, check du noch mal die Kameras. Nicht dass uns unschöne Überraschungen erwarten“, sagte Leander, als er sich erhob. Er holte noch einmal tief Luft und sah zum Becken, wo Meodin auf dem Rand lümmelte und sie neugierig beobachtete. So kam er noch einmal dicht an Erdogan heran und wie jedes Mal in den letzten Tagen, wenn er das tat, knurrte das Seepferdchen warnend. Er schien es noch nicht einmal selbst zu merken, aber seine Rückenflosse stellte sich aufgeregt immer wieder auf. Leander fand das ziemlich amüsant und so lange auch Erdogan noch nicht dahinter gestiegen war, warum er ihm so nah kam, solange konnte er sich noch darüber amüsieren. „Sei pünktlich“, zwinkerte er frech und löste sich.

Leander war auch der einzige, der sich solche Frechheiten erlauben durfte. Erdogan war Heerführer, da war es selbstverständlich, dass er pünktlich war. Aber trotzdem blitzte er seinen Freund warnend an, was der aber nur mit einem Lachen quittierte, das noch durch die geschlossene Tür zu hören war. Sein leichter Ärger war aber sofort vergessen, als Meodin ihn zu sich rief, weil er endlich wieder mit Erdogan durch das Wasser toben wollte. „Bin sofort da“, rief er darum und zog den Bademantel aus. Die Kameras konnte er checken, wenn Meodin schlief.


23

„Nein, ich bleibe ganz bestimmt nicht hier!“ Jack hatte sehr wohl gemerkt, dass etwas im Gange war. Spätestens als sich Leander gestern Abend noch die Anzüge angesehen hatte, war ihm klar geworden, dass hier etwas ohne ihn passieren sollte. So weit kam es noch. „Ich bin hier nur dabei, weil ich die Zusage hatte, mit raus zu kommen, wenn es so weit ist. Entweder bin ich dabei oder ich bin ganz raus.“

Leander und seine Männer packten gerade ihre Ausrüstung in einen der Geländewagen. Die Verbindung zur Hauptkuppel war endlich wieder befahrbar und so konnten sie eine Menge Zeit sparen. Was aber nicht hieß, dass sie bummeln durften. Erdogan saß schon im zweiten Wagen und prüfte die Kartenzusammenschnitte, die Leander gestern Abend noch gemacht hatte. Sehr zu Allans Leidwesen.

„Wir gehen nicht raus“, versuchte Leander Jacks Argument zu entkräften. Sie hatten nicht ewig Zeit und deswegen mischte Erdogan sich ein. Er kannte den Wissenschaftler inzwischen gut genug, um zu wissen, dass er seine Drohung wahr machte. Er kam aus dem Wagen und schüttelte den Kopf. „Soll er mitkommen, wenn er will, wir müssen los.“ Erdogan wusste, dass Leander immer einen Ersatzanzug dabei hatte. Den konnte Jack haben. Außerdem war es vielleicht nicht das schlechteste, wenn sie einen Geologen dabei hatten, während sie durch gegrabene Gänge schlichen.

„Geht doch!“ Jack schlug Leander auf die Schulter und ging zu Erdogan um einzusteigen. Leander sah ihm nur schnaubend hinterher, doch er folgte Erdogans Anweisungen. Schließlich hatten sie nicht ewig Zeit. Selbst schwang er sich hinter das Steuer des zweiten Wagens. Dann konnte es losgehen. Die beiden Wagen setzten sich in Gang und dann waren sie auch schon aus der Kuppel raus in die Tunnel verschwunden, die die Versorgungsringe miteinander verbanden. Sie hatten zwei Stunden Fahrt vor sich und dann ging es endlich nach draußen. Raus aus der schützenden Kuppel. Deswegen wurde kaum gesprochen, jeder versuchte mit der Tatsache fertig zu werden, dass der kleinste Fehler dann den Tod bedeutete.

Sie waren alle angespannt, als sie die Anzüge anzogen und danach noch einmal die Karten verglichen. Es gab wirklich eine aufgegebene Kuppel, zu der die Gänge führen konnten. Das war schon ein Schock gewesen, denn die alte Kuppel war nicht sehr weit von Neo New York entfernt.

„Wir bleiben zusammen“, erklärte Leander. Ihm unterstand die Mission, auch wenn Erdogan der Ranghöhere war. Er war aber auch der Prinz und musste um jeden Preis geschützt werden. „Ich gehe ganz vorn. Diesel und Josh bilden die Rückfront. Wir werden langsam laufen und die Kameras auf unseren Helmen werden auf keinen Fall abgeschaltet. Sollte uns etwas passieren, muss das Hauptquartier wissen, was los war.“ Leander schloss seinen Anzug und seine Männer taten es ihm gleich. Jack war sowieso schon fertig. Er war mit allem einverstanden, solange er nur nach draußen konnte. Noch einmal checkte er seine Messgeräte.

Erdogan gab das Zeichen zum Aufbruch und langsam setzte sich ihre Gruppe in Bewegung. Es war schon aufregend, das erste Mal die schützende Kuppel zu verlassen und nun darauf vertrauen zu müssen, dass die Anzüge sie schützten. Erst fühlte der Prinz sich unbehaglich, aber das verging nach ein paar Minuten. Neugierig sah er sich um und folgte Leander, der sie zu dem Loch in der Kuppel führte. Die Schleuse hatten sie mit Bravour genommen und die Messgeräte an den Anzügen zeigten, dass die Strahlung bereits oberhalb dessen lag, was von den Wissenschaftlern als unschädlich angesehen wurde. Sie checkten ihre Sprechgarnituren, stellten den Kontakt zum Hauptquartier her und als Christian und Gerry sich meldeten und erklärten, dass eine zweite Einheit auf dem Weg war und sich vor dem alten Labor bereit halten würde, um einzugreifen, wenn es nötig wurde, ging es los.

„Saubere Arbeit“, sagte Leander als er das Loch, durch das die Maulwürfe gekommen waren, betrachtete. Es war nicht etwa mit Gewalt geschlagen oder ähnliches, denn das Material splitterte nicht. Aber es ließ sich wie jedes Glas schmelzen und genau das hatten die Maulwürfe getan – sie hatten ein Loch in die Kuppel geschmolzen. Leander hatte keine Ahnung womit. Es bestätigte wieder einmal mehr ihre Annahme, dass die Maulwürfe mit Menschen zusammenarbeiten mussten.

Sie kletterten durch das Loch und alle wurden wachsam. Die Soldaten nahmen Erdogan und Jack in die Mitte, so dass sie sie am effektivsten beschützen konnten. Langsam gingen sie den Weg, den die Fremden ebenfalls genommen hatten. Es war dunkel und einmal mehr mussten die Menschen zugeben, dass die Maulwürfe ihnen überlegen waren. Sie hatten hier so gut gesehen, dass sie sich hastig hatten bewegen können. Die Menschen kamen nur langsam voran, obwohl sie Lampen an den Helmen trugen. Sie setzten vorsichtig Schritt für Schritt und so nutzte Jack die Chance, immer einmal eine Hand voll Erde aus den Wänden in einem Probengefäß verschwinden zu lassen. Er wollte wissen, wie weit die Strahlung vorgedrungen war und ob der Boden auch hier unten verseucht war. Wenn sie eines Tages die Welt wieder besiedeln wollten, dann brauchten sie Land – abgesehen von fruchtbaren Frauen.

Es war sowieso für ihn ein absolutes Rätsel, wie die Tunnel ohne jegliche Abstützung hielten. Sie waren fest und stabil, so etwas bekamen sie nicht hin. „Unglaublich“, murmelte er immer wieder und strich mit den Fingern über die Wände, um die Festigkeit zu prüfen. Erdogan beobachtete ihn dabei und schüttelte grinsend den Kopf. Jack schien vollkommen vergessen zu haben, warum sie überhaupt hier waren.

„Pass mit den Handschuhen auf. Wenn du ein Loch rein reißt, hast du ein Problem“, sagte er aber trotzdem, denn der Wissenschaftler war ihm etwas zu sorglos. Zwar war das Material so gut wie reißfest, aber darauf musste man es ja nicht ankommen lassen.

„Ja, ja“, nuschelte Jack nur und machte Bilder. Er musste das hinterher alles in Ruhe auswerten.

Sie kamen gut voran und Leander prüfte ihre Position immer wieder auf den Karten ab. Sie schienen sich wirklich auf P-0142 zu zu bewegen, doch es war nicht möglich die alten Kameras der Kuppel zu reaktivieren. Sie schienen verschlissen zu sein und so liefen sie ins Ungewisse.

Wie Leander das hasste.

Immer wieder zweigten Tunnel ab und jedes Mal rechnete Leander damit, dass sie angegriffen wurden. Wussten die Maulwürfe mittlerweile, dass sie sich in ihren Tunneln bewegten? Leander fühlte sich unbehaglich, hier konnten sie sich nur schwer verteidigen. Und nach einer Stunde wusste er, dass er sich auf sein Bauchgefühl verlassen konnte, als ihn etwas am Kopf traf und ihm schwarz wurde.

Seinen Freunden ging es nicht anders.

„Odin hat Recht gehabt. Sie haben uns verfolgt. So eine verdammte...“ Ewan sah auf die bewusstlosen Menschen. Am liebsten würde er sie gleich entsorgen, doch Odin hatte befohlen, wenn es gar nicht anders ging, sollten sie die Menschen in die Kuppel zu ihm bringen. Was das bringen sollte außer Ärger, wusste er noch nicht.

Er gab seinen Leuten ein Zeichen und jeder schulterte einen der Männer, nachdem sie gefesselt worden waren. Er selber nahm die Waffen der Fremden und ging voraus. Sollte Odin entscheiden, was mit den Kupplern passieren sollte. Er war stolz auf seine Männer, denn die Fremden waren vollkommen überrascht gewesen und alles war vollkommen lautlos über die Bühne gegangen. Die Typen schienen keine Instinkte zu haben. Sie hatten die Gefahr weder gesehen noch gespürt. „Stümper“, ätzte Ewan, etwas enttäuscht darüber, dass keinerlei Widerstand erfolgt war. Ein kleiner Kampf hätte ihm bestimmt gut getan.

So liefen sie eilig zurück zu Odin. „Wir haben sie“, klärte Ewan auf. Odin sollten alles vorbereiten, was nötig war.

„Bringt sie in die kleine Hütte, dort können sie erst einmal bleiben. Ist jemand verletzt worden?“ Odin hatte Ewan und seine Leute nicht gerne in die Tunnel geschickt. Er wollte nicht noch mehr Tote und Verletzte. Er machte sich Sorgen um seine Freunde, aber sie hatten handeln müssen, sonst hätten die Fremden ihren Unterschlupf gefunden und das mussten sie verhindern. Zwar waren sie jetzt auch hier, doch sie hatten nicht den Weg hier her gefunden. Vielleicht konnte man mit den Fremden ja reden. Odin wie auch Ewan waren davon zwar nicht überzeugt, aber sie mussten es versuchen. Etwas anderes blieb ihnen nicht übrig.

„Nein, uns ist nichts passiert. Die haben uns nicht mal bemerkt, die Idioten“, knurrte Ewan und Adrian stupste ihm in die Seite.

„Schon wieder auf Krawall gebürstet, hm?“ Er kannte Ewan gut genug, um zu wissen, dass er ab und an raufen musste, um sein Gleichgewicht zu finden.

„Menschen haben nicht eure Instinkte und Fähigkeiten, aber das heißt nicht, dass sie keine guten Kämpfer sind. Bringt sie in die Hütte, damit wir ihnen die Anzüge ausziehen können. Dann können sie nicht fliehen.“ Odin ging vor und zeigte Ewan die Zelle, die sie vorbereitet hatten. Sie legten die Menschen auf den Boden und Odin zeigte ihnen, wie sie die Anzüge öffnen mussten. „So und jetzt nur noch den Helm abnehmen und…“ Odin stutzte und sah auf das Gesicht des Bewusstlosen. „Heilige Scheiße, der Prinz“, murmelte er fassungslos.

„Wie? Prinz?“ Ewan kam näher, um den Fremden zu betrachten. Sah irgendwie aus wie Odin, haarlos und blass. „Was ist denn ein Prinz?“, wollte er neugierig wissen und die anderen kamen ebenfalls zu ihnen gelaufen. Odin jedenfalls schien ziemlich ergriffen von dem Fremden, dabei hatte der doch Weißgott nichts Besonderes an sich, von den langen Zottelhaaren mal abgesehen.

„Er ist der Sohn des Fürsten“, erklärte Odin. Er hatte Ewan von den Kupplern erzählt. „Er ist eine wichtige Persönlichkeit und sie werden nach ihm suchen. Mist.“ Odin war mit der Entwicklung gar nicht zufrieden. „Los, ziehen wir ihnen die Anzüge aus und warten, bis sie wieder wach werden. Wir müssen mit ihnen reden.“

„Na, ganz toll.“ Ewan konnte den Ärger förmlich riechen. Das letzte, was sie gebrauchen konnten, waren noch mehr Kuppler, die ihnen in die Quere kamen. Den Typen einfach verschwinden zu lassen, als hätte es den neugierigen Kerl nie gegeben, kam also schon mal nicht in Frage. So muffelte Ewan weiter vor sich hin und gab sich noch nicht einmal Mühe dabei, den Kopf des Mannes, den er gerade aus dem Anzug schälte, nicht auf den Boden fallen zu lassen. Dafür schlug ihn Adrian hinter die Ohren, denn er war Arzt und nahm das sehr ernst.

„Muss das sein?“, brummte er und untersuchte kurz den Hinterkopf des Mannes, aber er war nicht verletzt. „Los beeilt euch, damit wir sie einsperren können“, kommandierte er, denn er wollte nicht mehr mit den Kupplern in einem Raum sein, wenn sie aufwachten. Dann kam es unweigerlich zum Kampf und es gab Verletzte oder Tote.

Sie beeilten sich und konnten endlich die Tür hinter sich schließen. Odin hatte den Raum präpariert und so konnten sie in dessen Labor sitzen und auf Bildschirme starren, um zu sehen, was die Menschen machten. Doch erst einmal machten sie gar nichts. Es dauerte eine ganze Weile, bis der erste zu sich kam. Es war Leander, der sich den Kopf rieb und sich aufsetzte. Wo war er denn hier? Verwirt sah er sich um und als er den Prinzen ohnmächtig sah, rutschte er eilig zu ihm.

Er atmete erst auf, als er den Prinzen atmen hörte. Er schien nur bewusstlos zu sein und darum schüttelte er Erdogan vorsichtig und rief leise seinen Namen. Es dauerte auch nicht lange und Erdogan rührte sich. Seine Augenlider flatterten und dann schoss er hoch.

„Ah“, gepeinigt hielt er sich den Kopf und atmete flach. Sein Kopf schmerzte höllisch und er konnte eine dicke Beule an seiner Schläfe spüren. Hastig sah er sich um und erblickte auch die anderen ihrer Expedition. „Wo sind wir hier?“, fragte er und erhob sich träge. Er erinnerte sich als letztes an einen Tunnel. Wie er hier her gekommen war oder wie er aus dem Anzug gekommen war – daran fehlte jede Erinnerung. Leander ging es da ähnlich.

„Ich habe keinen Schimmer.“ Dabei stieß er Jack vorsichtig an, der neben ihm lag. Nach und nach setzten sich die Bilder in seinem Kopf zusammen und er sah Erdogan an. „Ich schätze mal, sie haben uns erwischt, oder?“, sprach er aus, was Erdogan ganz bestimmt nicht hören wollte.

„Scheiße“, fluchte Erdogan und fing an, den Raum zu untersuchen. Es war recht dunkel hier, aber nicht so, dass er nichts erkennen konnte. Sie waren eingesperrt. Die einzige Tür war verschlossen und das Fenster vergittert. Prüfend rüttelte er daran, aber die Gitter bewegten sich keinen Millimeter. Er sah sich weiter um, denn sie mussten hier raus. Dabei entdeckte er die Kamera und stupste Leander an, der sich um die anderen kümmerte. „Sie beobachten uns.“

„Was hast du denn erwartet?“ Leander grinste schief und half Jack sich aufzusetzen. Diesel kümmerte sich gerade um Gerry. Kopfschmerzen hatten sie alle und so brachte Erdogan die eben Erwachten auf den letzten Stand. „Wir sind wach. Trabt an und erklärt was ihr von uns wollt!“, rief Gerry daraufhin in die Kamera.

„Ziemlich dreist“, knurrte Ewan am anderen Ende der Leitung vor dem Monitor und verschränkte die Arme vor der Brust. Wegen ihm konnten die da drinnen verrotten. Doch Adrian dachte da völlig anders. „Wir sollten den Kontakt suchen.“ Ewan sah ihn knurrend an.

„Hör auf zu knurren, du hast gehört, was Odin gesagt hat. Dieser Prinz da gehört nicht zu den falschen Göttern und er ist wichtig genug, dass noch mehr von ihnen kommen.“ Adrian fiel es auch nicht leicht, denn diese Menschen hatten Laster getötet. „Hol Odin und dann gehen wir rüber.“

„Bist du jetzt der Bestimmer, oder was“, knurrte Ewan. Er merkte wohl, dass er seine schlechte Laune über die Anwesenheit der Menschen an seinem Freund ausließ, doch langsam entglitt ihm alles. Er wollte mit Odin an dem Serum arbeiten und sich nicht mit einer Meute Kuppler herum schlagen.

„Geh einfach“, knurrte Adrian. Er ließ sich nicht herum schubsen. Er kannte die Macken seines Freundes und ignorierte sie.

Vor sich hin grummelnd holte Ewan Odin. Gemeinsam gingen sie zu der kleinen Hütte und stellten sich vor das Fenster. „Hallo“, rief Odin, um auf sich aufmerksam zu machen. „Prinz Erdogan, wir sollten miteinander reden.“

Erdogan zuckte herum und sah den Mann wütend an. „Ach? Findest du?“ Doch dann fiel sein Blick auf den Maulwurf neben dem Menschen und er starrte das Tier ungeniert an. Damit traf er Ewans Nerv und der knurrte. Was gaffte ihn der komische Kuppler so an? „Gib mir einen Grund dir noch eine zu verpassen“, murmelte der Mole.

„Du warst das?“, fragte Erdogan lauernd und seine Augen wurden schmal. Er trat näher an das Fenster heran und wollte noch etwas sagen, aber Odin stellte sich vor Ewan und zischte ihn an, ruhig zu sein. „Prinz Erdogan, es stimmt, dass wir euch angegriffen und wie es scheint, auch verletzt haben, aber das war nicht unsere Absicht. Wir sind nicht eure Feinde, wir versuchen nur zu überleben.“

„Na dafür, dass ihr nicht unsere Feinde seid, spricht meine Beule aber eine andere Sprache.“ Nur kurz sah Erdogan den fremden Mann direkt an, dann funkelte er kampfeslustig wieder das schwarze, pelzige Ding an, das hinter dem Fremden stand. Der sollte ihm noch mal bei Licht begegnen! „Außerdem habe ich gerade das Gefühl, wir wären hier eingesperrt. Ich kann mich allerdings auch täuschen, wo wir ja keine Feinde sind“, entgegnete er ironisch.

„Das mag Odin denken, aber ich bin mir da nicht sicher“, nahm Ewan den Fehdehandschuh auf und trat einen Schritt vor. „Anscheinend habe ich nicht genau getroffen, wenn du noch lebst.“ Ewan funkelte den Kuppler an und Erdogan wollte schon zu einer wütenden Replik an setzen, wurde aber von Leander gestoppt. „Ihr könnt euch später die Köpfe einschlagen. Ich will hier raus und darum will ich mit diesem Odin reden.“

„Krieg ich das schriftlich, dass ich dem dann den Schädel einschlag- aua!“ Ewan sah aufgebracht neben sich und Adrian schob ihn elegant aus dem Bild. Bildete er sich das gerade nur ein oder hatte Ewan in dem Prinzen jemanden gefunden der genau so gern raufte wie er selber? So kamen sie doch auf keinen grünen Zweig, verdammt.

„Danke“, sagte Odin leise und grinste den beiden hinterher, während Adrian seinen Freund von der Bühne zerrte. „Ich bin Odin und ehe ich mich euch entgegen stelle, möchte ich wissen, was ihr in unseren Gängen macht. Ich allein werde euch nicht gewachsen sein. Ihr seid alle trainierte Kämpfer. Wir brauchen eine Basis, wenn ihr hier raus wollt.“

„Moment, kann gleich losgehen“, knurrte Leander und griff sich Erdogan, der schon wieder Ewan etwas hinterher rufen wollte. „Ruhe jetzt. Wenn du nichts dazu beitragen kannst, dass wir hier raus kommen, dann halt die Klappe“, zischte der Soldat und hoffte, dass er später noch seinen Kopf auf den Schultern trug, wenn sie wirklich hier raus kamen, aber gerade war sein Freund nicht wirklich zurechnungsfähig. Jack, der die Situation ganz gut erfasst hatte, zog den Prinzen zu sich und lenkte ihn ab. „So, jetzt können wir reden“, seufzte Leander und sah Odin an.

„Hitzköpfiger, junger Mann, hm?“, sagte Odin und kam etwas näher an das Fenster, um hinein blicken zu können.

„Du hast ja auch so einen“, grinste Leander schief und holte tief Luft. „Also, was willst du wissen“, fragte er, denn er wollte ihren Aufenthalt in dem engen Raum nicht unnötig verlängern. Erdogan war nicht gerade bekannt dafür, der perfekte Mustergefangene zu sein.

„Warum seid ihr hier?“, stellte Odin also seine Frage und war gespannt, was er zu hören bekam.

„Ihr habt uns angegriffen und unseren Prinzen verletzt.“ Leander hielt sich zurück, er brauchte mehr Informationen. „Geht ihr für diese Gottgleichen auf Beutezug, weil wir ihr Labor ausgehoben haben? Bist du einer von ihnen?“

Odin sah den jungen Soldaten undeutbar an, dann sagte er: „Ihr wisst also von ihnen.“ Er nickte und Leander wusste nicht, wie er das deuten sollte. „Angegriffen haben wir euch, weil ihr uns zu nahe gekommen seid. Ich kann nicht zulassen, dass jemand uns hier findet. Genaugenommen haben wir euch für Späher von Hades gehalten und euch deswegen erst einmal unschädlich hier eingesperrt.“

Leander schürzte die Lippen, noch machte das wenig Sinn. „Wir sind definitiv keiner Späher von niemandem. Wir arbeiten allein. Alles, was wir wollten, war zu wissen, warum diese Maulwürfe unser Labor zerstört haben. Wir waren darauf angewiesen. Das war wohl unser Recht, mehr erfahren zu wollen über die Eindringlinge und Diebe!“

Leander holte tief Luft, denn wenn er jetzt zu aggressiv vorging, dann verringerten sich ihre Chancen hier raus zu kommen. „Wer ist Hades?“, fragte er und behielt diesen Odin genau im Auge. „Du gehörst zu diesen Gottgleichen, oder? Dein Name würde passen. Alles Götternamen.“ Der Soldat wusste nicht, wie er das werten sollte. Wenn Odin doch auch ein Gottgleicher war, warum nahm er dann die angeblichen Späher von Hades gefangen?

„Du bist ein wacher Verstand, Soldat“, sagte Odin und nickte anerkennend. Dass er selber so schnell aufflog, hätte er nicht gedacht. Doch sei es drum. „Hades ist der Kontaktmann zu den Moles, er...“

„Zu wem?“, platzte Leander dazwischen.

„Die Jungs, die ihr im Labor gesehen habt, die euch hier her gebracht haben.“ Odin hatte schon darauf gewartet, dass diese Frage kam. „Hades jedenfalls hat sie mit dem Serum versorgt und ich bin ausgestiegen, weil in meinen Augen etwas grundlegend schief lief.“ Odin war klar, dass er mehr Fragen aufwarf als klärte, doch es ging hier um einen komplexen Vorgang, der ließ sich nicht in drei Sätze packen.

„Also, diese Wesen, die bei uns eingebrochen haben, nennen sich Moles“, stellte Leander fest. Gut, jetzt hatten sie einen Namen und einiges wurde schon klarer. „Ihr seid also so etwas wie Rebellen. Warum bist du ausgestiegen? Was hat dich gestört?“ Leander musste wissen, warum Odin mit diesen Gottgleichen gebrochen hatte.

„Ich weiß nicht, ob ihr darauf gestoßen seid. Aber den Gottgleichen war es gelungen, die Moles zu erschaffen – schon vor Jahrhunderten. Aber sie haben auch ein Serum entwickelt, um sie draußen existieren zu lassen. Ihnen macht die Strahlung nichts aus, aber das Serum ist absichtlich mit Suchtparametern versehen. So haben sie die Moles an sich gebunden und gefügig gemacht.“ Odin gab bereitwillig Auskunft, vielleicht konnten die Fremden ihnen helfen, sie aber zumindest verstehen.

„Wir haben dieses alte Labor Bonder 482 entdeckt und dort gab es einige Unterlagen. Dass die Gottgleichen was mit diesen Moles zu tun hatten, haben wir uns gedacht.“ Leander sah Odin an und überlegte, was er alles preisgeben sollte, aber da Odin ehrlich zu sein schien, war er es auch. „Von dem Serum wissen wir und wir versuchen es herzustellen. Es macht also süchtig. Kann man diese Komponenten entfernen?“

„Lasst bloß die Finger von dem Serum. Die Formel wird euch nur Ärger bringen“, sagte Odin gleich und wirkte besorgt. „So haben sich die Gottgleichen die Moles gefügig gemacht. Die wenigen, die hier Unterschlupf gefunden haben, wollten den Gottgleichen nicht mehr dienen. Ich setze alles daran, ein Serum zu entwickeln, das nicht süchtig macht. Dafür brauchten wir die Geräte aus eurem Labor.“

„Gilt hier auch der Spruch: Der Feind meines Feindes ist mein Freund?“, fragte Leander und signalisierte damit, dass er durchaus bereit war, Odin zu vertrauen. „Wir wollen dieses Serum, aber nicht um jeden Preis. Nicht mit diesen Nebenwirkungen. Wir haben ein voll ausgestattetes modernes Labor, das sie bestimmt kennen. Unter gewissen Umständen könnte man darüber reden, es gemeinsam zu benutzen.“

Odin kam wieder einen Schritt näher und betrachtete Leander eindringlich. Konnte man dem Kerl trauen? Doch als der Prinz hinter ihm auftauchte und nickend dessen Worte bestätigte, nickte auch Odin. „Es klingt verlockend. Ich war lange nicht mehr dort gewesen und was wir uns bisher von euch zusammen geklaubt haben, reicht nicht.“

Er sah sich nach Ewan um, der knurrend unweit des Gefängnisses stand. Er hatte keine gesteigerte Lust, mit den Menschen zusammenzuarbeiten. Das wurde nicht einfach, denn der Mole war stur, aber nach und nach würde er einsehen, dass es so für die Moles nur von Vorteil sein konnte. „Adrian, öffne bitte die Tür“, sagte er und ging mit Adrian mit, um ihre neuen Verbündeten in Empfang zu nehmen.

„Danke“, sagte Erdogan, der als erstes aus der Hütte kam. „Ich brauche eine Sprechgarnitur. Wenn wir uns nicht bald bei unseren Leuten melden, werden sie uns suchen und das wäre nicht gut, weil sie davon ausgehen, dass wir entweder tot oder verletzt sind.“

„Ewan, du hast ihn gehört“, richtete sich Odin an seinen jungen Freund. Der Mole sollte nicht glauben, dass er jetzt entlassen war. Er sollte mit den Menschen arbeiten und das gelang vielleicht am besten, wenn sie einander helfen mussten.

„Ich?“, knurrte Ewan empört, doch Adrian schob ihn los und wollte ihn begleiten. Vielleicht konnte er dann noch etwas auf seinen Freund einwirken.

„Was werdet ihr euren Leuten sagen?“, wollte Odin wissen und sah den Prinzen dabei fragend an.

„Das wir wohl auf sind und eine vorübergehende Funkstörung hatten.“ Erdogan sah sich Odin genauer an, denn bisher hatte er sich im Hintergrund gehalten. „Verrätst du uns deinen richtigen Namen?“ Das war zwar nicht wichtig, aber der Prinz fühlte sich dann besser.

„Mein Name ist Owen, aber ich glaube nicht, dass dies etwas an meiner Person ändert. Namen sind wandelbar und man sollte sich nicht darauf fixieren.“ Odin war mit der Antwort des Prinzen zufrieden und nahm Ewan die Sprechgarnitur ab, als der Mole wieder kam. „Der junge Herr hier ist Ewan“, stellte Odin ihn gleich vor, damit die beiden Streithähne einander kennen lernten. Vielleicht war ja nur der Anfang ein bisschen holprig.

„Es geht auch nicht um den Namen, sondern um das Vertrauen, dass du uns zeigst, wenn du ihn uns sagst.“ Erdogan nahm die Sprechgarnitur und meldete sich bei seinen Leuten. Sie waren sehr froh von ihm zu hören und wollten gerade los, um nach ihnen zu suchen. Erdogan befahl ihnen zu bleiben, wo sie waren, und trennte die Verbindung wieder. Erst jetzt sah er Ewan an und nickte leicht. „Ich bin Erdogan und es ist noch nicht vielen gelungen mich so zu überrumpeln.“

Das entlockte dem Mole dann doch ein zufriedenes Grinsen und er schlug sich an die Brust. „Bin gut, ne?“, grinste er und wirkte gleich viel zufriedener. Es schien, als hätte Erdogan den Hebel gefunden, den er ziehen musste, um mit Ewan umgehen zu können: das Ego. Leander guckte nicht schlecht, dass der Prinz derartiges zugab, doch er war froh darüber. So kamen sie vielleicht schneller vorwärts.

„Und jetzt noch mal“, sagte Erdogan aber dann an Odin gewandt, „wie war das mit dem Serum? Es macht süchtig und ihr sucht einen Weg, das zu unterdrücken? Stimmt das?“

„Die Gottgleichen“, Odin spuckte den Namen förmlich aus, „haben die Moles geschaffen und sie sich dann mit dem Serum gefügig gemacht. Die Nebenwirkungen treten schleichend auf und wenn man sie spürt, ist es zu spät. Ewan und seine Leute haben es noch nicht lange bekommen, darum merken sie noch nichts und wir benutzen es nur, wenn es wirklich notwendig ist und unsere Vorräte sind fast erschöpft. Ich forsche mit Hochdruck, an einer Lösung, aber meine Möglichkeiten sind begrenzt.“

Erdogan nickte und sah Leander an. Der musterte die Moles. Schade, dass sie keine Kamera mehr hatten. Daniel hätte seine helle Freude an den Lebewesen und Frankenstein bestimmt auch. Aber der hatte vielleicht noch mehr Freude daran, wenn sie ihm Odin zum Spielen und gemeinsam forschen mitbrachten. Er grinste und keiner wusste warum, also schüttelte er nur den Kopf und widmete sich wieder Odin und dem Prinzen.

„Wie gesagt, wir haben da ein Labor, das du kennen könntest. Das Angebot steht.“ Es wäre gelogen zu behaupten, dass Erdogan nicht darauf hoffte, dass Odin ihnen half.

„Ich würde gerne das Labor benutzen, aber das muss ich mit meinen Freunden besprechen.“ Es war Odin anzusehen, dass es ihn reizte, wieder in einem gut ausgestatteten Labor zu arbeiten. Er sah Ewan an und der wirkte unentschlossen. Der Anführer der Moles wiegte den Kopf hin und her und hatte dann eine Entscheidung getroffen. „Du gehst nicht alleine. Adrian und ich werden dich begleiten.“

„Seid ihr euch sicher, dass ihr den intensiven Kontakt mit den Menschen wirklich wollt?“, fragte Odin offen. Ihm war ja schließlich nicht entgangen, dass Ewan von den Kupplern nichts hielt. Wenn das eskalierte, wurde sein Freund vielleicht noch verletzt.

„Dafür komme ich ja mit. Dann wird er schon keinen Mist machen“, sagte Adrian und Ewan verdrehte die Augen, knurrte leise und so war die Aktion wohl beschlossen.

„Kann ich auch mit?“, fragte Dylan. Wenn Odin und Adrian gingen, dann kannte er hier niemanden. Er fühlte sich unbehaglich.

„Mir ist das gleich, ist eure Entscheidung“, meinte Erdogan, als Odin ihn fragend ansah. Zwar war das Risiko größer, je mehr Moles sie begleiteten, aber das schob er erst einmal weit weg, denn sie hatten genug Soldaten, wenn etwas sein sollte. Ewan zuckte ebenfalls mit den Schultern, darum nickte Odin Dylan zu. „Du sollst ja was lernen, also komm mit.“

„Danke.“ Dylan strahlte und amüsierte Adrian dabei ungemein. Es schien als hätte der Arzt den jungen Mole als kleinen Bruder adoptiert.

„Wenn wir gleich gehen, braucht zumindest Ewan keine neue Dosis“, gab Adrian zu bedenken. Weil er nicht dabei gewesen war und Dylan auch nicht, mussten sie etwas nehmen. Zum Glück war das bei ihnen aber selten genug passiert, sodass die Sucht ihnen noch nicht zu schaffen machte.

Ebenso Odin.

„Dann scheint es ja beschlossen. Wie lange braucht ihr?“ Leander wollte los. So kamen sie noch vor der Dunkelheit wieder in ihrer Kuppel an. „Ich muss noch ein paar Unterlagen holen. Gib uns eine Stunde, dann sind wir bereit.“ Odin wandte sich schon zum gehen. Er wollte so viel von seinen Forschungsergebnissen mitnehmen, wie er konnte.

„Wie willst du den Kontakt zu deinen Leuten hier halten?“, fragte Leander, ließ Odin aber ziehen, weil sich für die Sicherheit sowieso Ewan zuständig fühlte. Nun betrachteten sie sich die Moles schon eine ganze Weile, doch Leander konnte mit ihnen noch immer nicht ungehemmt umgehen. Ihr Körper und ihr Intellekt passten für ihn einfach nicht zusammen. Deswegen hatten sie die Maulwürfe wohl auch so unterschätzt.

„Wir haben Sprechgarnituren und wir können die Anlage in Odins Haus so manipulieren, dass wir sie von eurer Kuppel aus ansteuern können. Kein Problem.“

Leander nickte, was hatte er auch erwartet?

„Wenn dann alles geklärt ist, gebe ich mal durch, dass wir uns bald auf den Rückweg machen.“ Erdogan stellte die Verbindung zur Kuppel her und erstattete Bericht, schickte die Nachhut schon zurück zum Hauptquartier. Um sein Team nicht unnötig zu beunruhigen, erwähnte er nicht, dass sie mit Besuch zurückkamen. „Was dagegen, wenn wir uns ein wenig umsehen?“, fragte er Ewan, denn der Prinz war neugierig, wie die Moles hier lebten.

„Wegen mir, ich begleite dich“, sagte Ewan aber gleich. Ihm passte es gar nicht, dass der Mensch hier herum schnüffeln wollte. Er traute dem Kerl nicht über den Weg und er fand, dass Odin viel zu schnell nachgegeben hatte. Doch er war eben Wissenschaftler und ein ausgestattetes Labor lockte. Es war ja nicht so, als könnte er das nicht verstehen.

„Danke“, Erdogan nickte Ewan zu. Zusammen mit Leander folgte er dem Anführer der Moles und sah sich um. „Ihr versorgt euch selbst?“, fragte er, als er die Felder sah. Er erkannte Weizen, mehrere Gemüsesorten und Obst. So konnte man auf jeden Fall eine Weile überleben.

„Ja, sicher.“ Ewan verstand die Frage nicht. Wer sollte sie denn sonst versorgen, wenn sie das nicht selber taten? Doch dann erinnerte er sich daran, was Odin ihm über die Arbeitsteilung der Menschen erzählt hatten. Von weitem hatten sie die vielen Kuppeln gesehen, die zur Versorgung der Hauptkuppel benötigt wurden. Menschen waren schon komische Geschöpfe. Sicher, auch die Moles teilten sich ab und an die Arbeit, aber versorgen musste sich jeder Clan selber.

Leander amüsierte sich ein wenig über Ewan und Erdogan. Die beiden trauten sich nicht und schlichen umeinander herum, immer bereit, übereinander herzufallen und ihre Differenzen durch einen Kampf auszutragen. Der Prinz hielt sich aber zurück, weil er ihre Mission nicht gefährden wollte und weil er wusste, dass sie die Moles noch als Verbündete gebrauchen konnten. Außerdem war sich Leander wirklich nicht sicher, wer aus diesem Kampf als Sieger hervorgehen würde. Einer von denen hatte den Prinzen schon einmal zu Boden gerungen. Sie waren gut trainiert. Ihre Körper hatten von Natur aus schon mehr Muskelmasse.

Doch sie hatten einen wackligen Frieden geschlossen und drehten ihre Runde. Zusammen mit Odin, in dessen Haus die Besichtigung endete, kamen sie zur Gruppe zurück. Leander und seine Jungs hatten sich schon die Anzüge übergestreift. Nur Jack sammelte noch emsig Proben.