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Waschbär-Probleme - Teil 1 - 4

Waschbär-Probleme

Original [NC-16]

[lime]

Inhalt:
Markus hat sich für eine Ausbildung als Personal Trainer entschieden und macht seinen Job sehr gern.
Doch seine Kunden kann man sich eben so wenig aussuchen wie seine Freunde.

Teile: 14

Danksagung: unseren unermüdlichen Betas !!!



01

„Wollte Markus nicht auch noch kommen?“, fragte Jan und sah auf die Uhr. Sie trafen sich mittlerweile wieder häufiger in ihrer alten Stammkneipe in ihrem alten Viertel. Selbst Hannes, der mittlerweile mit seiner Freundin nach Herne gezogen war, kam noch regelmäßig. Ihr Kreis hatte sich allerdings um Ole erweitert, den Felix einfach mal mitgeschleppt und der sich überraschend gut integriert hatte. Schon allein weil er Unmengen lustiger Felix-Geschichten kannte, für die der Rest der Truppe immer ein guter Abnehmer war und für die sich Ole anschließend bei seinem kleinen Liebling hingebungsvoll entschuldigen musste. Doch im Augenblick griff er sich Felix’ Bier und gönnte sich einen Schluck. Dieses Mal war er der Fahrer, aber ganz konnte er auf den lockenden Geschmack auch nicht verzichten.

„Ich hatte vorhin noch eine SMS, wird später, er müsste noch zu einem Termin“, erklärte Mario und lehnte sich zurück.

„Ist das 'ne Umschreibung für 'n Quickie oder was?“, forschte Felix doch Ole erklärte ihm, dass er ganz schön neugierig wäre.

„Regenwurm, du bist nicht auf Stand – er ist seit einer Woche wieder Single. Er hat Claudia in den Wind geschossen.“ Hannes nickte wissend.

„Warum sagt mir das denn keiner?“ Felix verschränkte die Arme vor der Brust und sah Hannes anklagend an. So ging das ja nicht, dass er uninformiert war. Hannes verdrehte die Augen.

„Ja, is’ klar, das war volle Absicht. Musste Markus mal anrufen, wenn du über alles informiert sein willst. Er kommt schon noch, dann kannst du ihn ausfragen.“

„Ich rufe Markus total oft an“, schoss Felix gleich zurück und Ole machte eher beiläufig: „Ach so?“ Sofort war Herr Mauseplauz damit beschäftigt, Ole zu erklären, dass das keine sexuellen Gründe hätte, sondern nur mal so wäre und wieder lachte der ganze Tisch, während Felix schmollend in sich zusammen sank.

„Außerdem hab ich meistens Linda dran“, knurrte der Regenwurm. Linda war Markus’ erste große Liebe gewesen. Als die verflossen war, war Freundschaft geblieben. Seither war sie seine beste Freundin und sie verstanden sich so gut, dass sie heute zusammen wohnten, in einer preiswerten Zechenhaushälfte in Altenessen.

Letztendlich war er der einzige aus ihrer Clique, der noch in der Siedlung wohnte, in der sie alle aufgewachsen waren. „Du kannst loslegen“, stichelte Hannes und stupste Felix in die Seite, der sich Trost suchend an Ole gelehnt hatte. „Markus ist da.“ Er winkte seinem Freund zu, der sie auch schon gesehen hatte und grinsend auf sie zu kam.

„Setz dich mal hier rüber!“, sagte Mario und zog für Markus einen Stuhl heran. „Sonst bespringt dich der Regenwurm und nervt dich mit Fragen, weil er gerade festgestellt hat, dass er ein Wissensdefizit hat“, begrüßte er seinen Freund und der klopfte zum Gruß auf den Tisch.

„Das stellt er heute erst fest?“, fragte Markus mit ernster Mine und sah Felix mitleidig an.

„Du...“, sprang Felix wie erwartet darauf an, wurde aber von Ole gebremst, der ihm durch die Haare wuschelte.

„Schatz, lass dich doch nicht ärgern“, lachte er und nickte Markus zu. Er wusste zwar, dass es nichts half, aber er versuchte es doch immer wieder. Vielleicht hatte er irgendwann die sechshundert Versuche voll und der Regenwurm hatte den ersten Lernerfolg. Felix knurrte leise und griff sich sein Bier, während Markus sich fallen ließ.

„Wo kommst du her?“, fragte also Jan, weil Herr Mauseplauz wohl vergessen hatte, was er eigentlich hatte wissen wollen.

„Ich?“, fragte Markus und Hannes sah ihn aus geschlitzten Augen an. Er hasste diese überflüssigen Fragen und knurrte: „Nein, der Kellner!“

„Warum fragste dann mich?“, lachte Markus und ging in Deckung, denn Hannes tendierte zu Schlägen auf den Kopf, wenn er sich veralbert fühlte. „Ich hatte einen geschäftlichen Termin. Ab Montag habe ich meinen ersten Trainingskunden“, erklärte er aber hastig, damit Hannes sich wieder abregte.

„Ach? Sind die wirklich so verzweifelt und lassen dich als Trainer auf die Menschheit los?“ Hannes hob eine Braue und griff sich sein Bier. Nach dem Bund hatte sich Markus für eine Ausbildung als Personal Trainer entschieden. Sportlich war er schon immer gewesen und die Ausbildung machte ihm wirklich Spaß. Er hätte das Abitur nicht gebraucht, doch es half ihm, denn die Ausbildung umfasste mehr, als er anfangs erwartet hatte. Nicht nur der Sport stand im Mittelpunkt, auch der menschliche Körper, die Ernährung, das Zusammenspiel. Eben alles was dazu gehörte, um fit zu bleiben oder fit zu werden.

„Blödi.“ Markus zeigte Hannes einen Vogel und gönnte sich einen großen Schluck von seinem Bier. Sonst trank er keinen Alkohol, aber bei ihren Treffen gönnte er sich ein Bier und genoss es sichtlich. „Nee, aber im Ernst, ich bin ganz froh, dass ich jetzt mal zeigen kann, was ich drauf habe. Immer nur im Studio ist langweilig.“

„Und zur Not rufst du Linda an. Wozu ist sie denn Kinderkrankenschwester, hm? Sie wird deinen Kunden schon wieder hinkriegen.“ Hannes konnte es auch nicht lassen, denn er konnte sich noch nicht so richtig vorstellen, wie Markus mit einem Fremden trainierte, ihn beriet und fit machte. „Ist es ein Frührentner oder eine Hausfrau?“

Markus winkte ab und schnaubte. „Wenn es das mal wäre. Aber nein, ich bekomme so einen Juppi. Der hat keine Ahnung, was ihn erwartet. Wahrscheinlich denkt er, dass wir ein wenig Aerobic machen und gut. Das wird noch lustig, wenn er merkt, dass es damit nicht getan ist.“

„Juppi, hm?“, forschte Mario. Auch wenn Markus das so verächtlich sagte, er hatte eine Schwäche für solche Kerle. Vor Claudia war Markus auch mit einem Banker zusammen gewesen. Chris war vier Jahre älter, Filialleiter und Markus war ihm regelrecht verfallen. Ob er es nun zugeben wollte oder nicht – er brauchte einen Partner oder einer Partnerin, woran er sich reiben konnte. Markus war kein Kuschellämmchen und das hatte Claudia etwas zu spät gemerkt.

„Ja genau so einer. Ich glaube der hat noch nie in seinem Leben Sport gemacht. Wohnt alleine in einer Villa am Baldeneysee und kennt alle Nummern von Lieferservicen auswendig.“ Markus konnte es immer noch nicht fassen. Da hatte der Kerl eine voll ausgerüstete Küche, mit allem drum und dran und dort stapelten sich nur die Fast-Food-Kartons.

„Du warst also schon bei ihm?“ Neugierig lehnte Mario sich vor, ebenso Felix, der schon wieder vergessen hatte, wie schändlich er gerade verarscht worden war.

Regenwurm eben.

„Mir gefällt der Unterton in deiner Frage nicht!“, knurrte Markus, der ahnte, auf was Mario hinaus wollte und Jan lachte: „Also, mir gefällt er.“

„Wer?“, fragte Felix und brachte wieder den Tisch zum Lachen. Ole wuschelte ihm durch die Haare und grinste, Sein Schatz war wirklich einmalig.

„Hört mir eigentlich einer zu? Ich habe doch gesagt, dass ich bei einem geschäftlichen Termin war.“ Markus rollte genervt mit den Augen. Warum konnten seine Freunde nicht einmal aufhören, in alles etwas hinein zu interpretieren? „Ich wollte ihn kennen lernen und absprechen, wann es Montag losgehen soll und was alles benötigt wird.“

„Kennen lernen, so so!“ Mario dachte gar nicht daran aufhören. Es war nämlich nicht so leicht, Markus aus der Fassung zu bringen. Umso zufriedener nutzte er die Chance, die sich ihm bot. Auch er wusste bereits, dass körperliche Voraussetzungen und der aktuelle Trainingszustand bestimmt werden mussten, um zu sehen, was möglich war, doch das hieß ja noch lange nicht, dass er seinen Freund einfach so durchkommen ließ.

„Du bist echt blöd. Komm du noch mal an, ich soll deinen Trainingsplan optimieren, damit du endlich einmal Jan im Rennen schlagen kannst.“ Zufrieden grinsend, weil Jan seinen Schatz mit großen Augen ansah, beobachtete Markus, was nun kommen musste.

„Was soll das denn heißen?“, fragte Jan auch gleich und seine sonst so sanften Augen blitzten. Das waren ja völlig neue Töne!

„Schatz, der lügt!“, beschwichtigte Mario, aber Markus hatte erreicht, was er hatte erreichen wollen – Jan war misstrauisch und hatte seinen Liebling in der Mangel und er selbst hatte Luft, um endlich wieder auf den Boden der Tatsachen zukommen, denn der Termin eben war jenseits von gut und böse gewesen.

„Ich würde doch nie versuchen, dich mit unlauteren Mitteln zu besiegen. Der hat doch überhaupt keine Ahnung von unserem Training, ehrlich!“ Mario ruderte ganz schön. Jetzt war es an Markus, sich zufrieden zurück zu lehnen und das Schauspiel zu genießen.

„Reife Leistung.“ Hannes hob lachend den Daumen und Markus grinste.

„Ich brauch echt ne Pause. Der Typ hat mich geschafft. Das wird Montag sicherlich spaßig, wenn er merkt, dass wir nach fünf Minuten nicht aufhören, sondern mindestens eine Stunde weitermachen.“

„Na da weiß man doch, für was man seine Ausbildung gemacht hat, hm? Kriegt er das volle Programm mit Ernährungsschulung oder nur die Sportnummer?“ Hannes interessierte sich wirklich dafür, denn er fand es spannend, was es für unterschiedliche Typen gab. Er hörte gern zu, wenn Linda aus dem Krankenhaus erzählte und auch Markus fragte er oft aus. Er selbst stand am Anfang einer Beamtenlaufbahn und lernte momentan im Sozialamt der Stadt Herne. Es machte ihm überraschend Spaß, obwohl er das anfangs bezweifelt hatte. Aber der Kontakt mit den Menschen hatte ihn verändert.

„Das komplette Programm und glaub mir, dass wird ihn noch mehr anpissen als der Sport. Ich bin mir nämlich nicht sicher, ob er die letzten Jahre etwas anderes außer Fast-Food gegessen hat. Er ist nicht dick, aber völlig aus der Form.“ Und Markus hatte noch keine Idee, wie er das in den Griff kriegen sollte. Sie sahen sich an manchen Tagen bis zu dreimal täglich. Morgens zum joggen, abends zur Ernährungsberatung und am Wochenende zusätzlich noch im Studio. Das Programm buchten eigentlich nur eingefleischte Freaks und keine Neulinge wie dieser Robert. Er hatte allerdings schon gemerkt, dass es nicht dessen Idee gewesen war sondern die der jungen Frau, die ebenfalls anwesend gewesen war. Sicherlich seine Freundin und Markus konnte sie ja irgendwie verstehen.

„Vielleicht findet er ja auch Gefallen dran, kann doch sein“, überlegte Felix. Mal seine Gewohnheiten zu ändern war doch nicht schlimm. Er kochte auch viel mehr, seit Ole es ihm beigebracht hatte.

„Du bist echt ein Optimist.“ Markus seufzte und nahm noch einen Schluck von seinem Bier. „Vielleicht hab ich ja wirklich Glück. Auf jeden Fall will ich den Abend heute genießen und nicht mehr an den Kerl denken. Es reicht schon, wenn ich Montag mit ihm zu tun habe.“

„Okay, dann erzähl von Claudia!“, schlug Felix vor, denn ihm ging gerade siedend heiß auf, dass da ja noch ein Wissensdefizit herrschte, wegen dem er schon ausgelacht worden war. Jetzt wollte er es aber auch beseitigt wissen.

Auch Mario und Jan hatten sich wieder versöhnt und darauf geeinigt, dass Jan unschlagbar war und wollten jetzt lieber hören, wie Mutter Theresa, wie die Jungs sie heimlich genannt hatten, verschwunden war. Denn ehrlich gesagt hatte keiner geglaubt, dass Markus sie noch einmal los wurde. Claudia war einfach nicht zu schockieren gewesen.

„Sie ist weg“, erklärte Markus lapidar, allein schon um Felix zu ärgern, der solche kurzen, nichts sagenden Aussagen nicht leiden konnte. „Das weiß ich auch schon, aber wann, warum, weshalb, wieso?“, schnappt Felix auch gleich und drohte mit der Faust, um seine Forderungen zu untermauern. Doch er erntete nur ein „wie süß, ein wildgewordener Regenwurm“ und verzog sich schmollend in Oles Arme, der heimlich kicherte.

„Komm, erlöse ihn und sorge dafür, dass Ole heute noch Sex hat. Der fällt nämlich aus, wenn der Regenwurm jetzt die ganze Nacht grübeln muss“, sagte Mario und lachte, als Felix rot um die Nase wurde. Jetzt waren die beiden seit fast einem Jahr zusammen, aber Felix konnte immer noch nicht ungehemmt über Sex reden – schon gar nicht über den eigenen.

„Ich habe vor einer Woche Schluss gemacht. Es ging einfach nicht mehr. Wir hatten zu unterschiedliche Auffassungen von einer Beziehung. Ich steh nun mal nicht auf diesen Kuschelkram und ständig zusammen zu hocken und zu schmusen. Sicher, das ist auch ganz schön, aber da muss es doch noch mehr geben.“ Markus wollte nicht schlecht über Claudia reden, denn so was mochte er überhaupt nicht. Außerdem hatte er sie wirklich gern gehabt und sie war unglaublich nett. Doch sie war einfach zu gut für ihn. Sie würde früher oder später daran kaputt gehen. Irgendwie hatte er sie auch vor sich selbst schützen müssen, denn sie war allen ernstes bereit gewesen, sich anzupassen. Das war es nicht wert gewesen.

„Was soll es denn noch mehr geben? Verschwitzten leidenschaftlichen Sex?“, wollte Mario wissen und bestellte mit einem Fingerzeig noch eine runde für den Tisch.

„Warum wundert mich die Frage bei dir so überhaupt nicht? Armer Jan.“ Markus lachte laut und Mario blies die Wangen auf. „Es hat halt nicht funktioniert mit Claudia und mir und da war es besser, es zu beenden, bevor wir anfangen, uns zu streiten und alles dadurch kaputt geht.“

„Streit kann ja auch beflügeln. Guck dir doch Jan und Mario an“, sagte Hannes und lachte, doch dann einigten sie sich darauf, dass das Thema allmählich entartete und das man sich vielleicht noch über etwas anderes unterhalten wollte. Zum Beispiel darüber, dass man eigentlich angefangen hatte, sich abwechselnd zuhause zu treffen. Mittlerweile hatte jeder seine eigene Bleibe, so dass man nicht mehr den Eltern auf die Bude rückte. Anfangen wollte man beim Regenwurm, der allerdings einwarf, dass er da mal wieder putzen müsste.

„Verleg das Treffen doch zu Ole, dann kannst du dir das Putzen sparen“, warf Mario ein und kicherte, weil Felix knurrte. „Ist doch wahr, du wohnst doch praktisch schon bei deinem Schatz, warum ziehst du da nicht ganz zu ihm?“

„Weil er vielleicht auch ab und an mal Abstand braucht und so?“, sagte Felix. Das passierte zwar selten, aber ab und an ergab es sich einfach nicht. Dann musste Ole auf Dienstreise und kam erst sehr spät, wollte Felix nicht stören. Oder Felix saß bis spät in die Nacht noch an Hausaufgaben, wenn er sie wieder auf Arbeit vor sich her geschoben hatte. Sie hatten schon darüber gesprochen, Felix das Geld zu sparen und zusammen zu ziehen, doch der Regenwurm hatte Angst, dass er Ole eines Tages zur Last fiel und der zu nett war, es zu sagen.

„Tja, dann wirst du wohl doch putzen müssen“, sagte Jan schnell, damit Mario jetzt keine Grundsatzdiskussion anfing, nur um Felix zu ärgern. „Wann sollen wir denn dann bei dir aufschlagen und was sollen wir mitbringen?“

„Am besten was zu essen, dann muss er nicht so viel kochen und wir haben gute Chancen, den Abend zu überleben“, schlug Markus vor und lachte, als Felix ihn anknurrte.

„Stimmt gar nicht, mein Schatz kann mittlerweile sehr gut kochen“, sagte Ole aber und zog seinen Liebling zu sich. Er mochte es, wenn Felix sich balgen konnte. Auch wenn Herr Mauseplauz schmollte und es niemals zugeben würde, er selbst liebte das auch.

So ging es noch eine Weile hin und her und wie Jan es erwartet hatte, bot Ole an mit Felix zusammen Köttbullar zu kochen, wenn seine Freunde kamen. Das mochten alle und Mario war sehr zufrieden. Es war schon ziemlich spät, als ihre Runde sich auflöste und sie sich voneinander verabschiedeten.


02

„Hm!“, war alles, was Robert zu nachtschlafender Stunde in den Hörer seines Telefons knurren konnte. Wer war denn so bescheuert und wagte es ihn zu wecken?

„Was? Hm?“, wollte Jennifer am anderen Ende der Leitung wissen. Sie war gereizt, das machte selbst ihre eigentlich beherrschte Stimme sehr deutlich. Allerdings war Robert noch viel zu müde, um diese Feinheiten zu bemerken. „Sag mir nicht du liegst mit deinem pelzigen Arsch noch im Bett? In zehn Minuten steht dein Trainer vor der Tür zum joggen. Mach, dass du aus der Kiste kommst!“

„Hm?“ Robert drehte sch auf den Rücken und gähnte. „Wer kommt?“ Er war noch nicht wach. „Lass mich noch schlafen, ich hab heute Spätschicht und gestern ist es spät geworden. Erzähl mir, was immer es ist, wenn ich auf der Arbeit bin. Ich muss noch ein bisschen schlafen.“

„Du musst deinen Arsch aus dem Bett schwingen, wenn du in ein paar Wochen noch eine Arbeit haben willst!“ Jennifer wurde langsam sauer. Da hatte sie sich einmal auf Robert verlassen und dann so was. Der Trainer war nicht gerade billig, aber das war es dem Sender wert, wenn ihr bester Mann dann fit und für das junge Publikum interessanter war.

„Was?“ Die Drohung war zu Robert vorgedrungen und er ruckte hoch. „Shit, der Trainer“, fluchte er als es ihm siedend heiß wieder einfiel, warum Jennifer anrief. „Ich bin unter der Dusche, tschüss!“ Das Handy flog aufs Bett und Robert sprang auf. Er musste duschen, egal ob dieser Trainer gleich kam, oder nicht.

Warum hatte eigentlich dieser Scheiß Wecker nicht geklingelt? Robert hastete ins Masterbad und verschwand in einer Flucht unter der Dusche. Dass er auf den ganzen Gesundheitsmist keinen Bock hatte, hieß ja noch lange nicht, dass er nicht an seinem Job hing und er wurde gut genug bezahlt, um sich den Blödsinn anzutun.

Schnell war er nass und verteilte Duschgel überall, als es im ungünstigsten Augenblick des Morgens plötzlich an der Tür schellte.

„So eine verfluchte Scheiße“, fluchte er laut. Das gab es doch nur in Filmen, dass er jetzt eingeschäumt und nur mit einem Handtuch bekleidet zur Tür hasten musste. Er riss die Haustür auf und griff sich den jungen Mann am Arm. Mit Schwung zog er ihn ins Haus und war auch schon wieder unterwegs. „Mach es dir bequem, bin gleich fertig. Wenn es irgendwo klingelt, geh dran.“

„Guten Morgen!“ Völlig irritiert stand Markus mitten im Flur, starrte dem halb nackten Kerl hinterher und beguckte sich dann die feuchten Tapsen auf dem Marmorboden. Das hatte er also eben nicht geträumt. Da ging ja schon gut los. „Mach ich!“, brüllte er seinem Kunden noch hinterher, wenn auch extrem zeitverzögert. Doch das machte an diesem Morgen wohl auch nicht mehr viel aus. Dass der Morgen nicht reibungslos starten würde, war Markus klar gewesen, aber das hier toppte alles.

Doch entgegen der Worte, es sich bequem zu machen, blieb er lieber im Flur stehen und beguckte sich den weitläufigen Raum.

Er konnte leises Fluchen und das Rauschen von Wasser hören und musste schmunzeln. Anscheinend musste er sich bei seinem Schützling auf einiges gefasst machen und es war nur zu hoffen, dass er nicht jeden Morgen so begrüßt wurde. „Schicke Hütte.“ Langsam ging Markus durch den großen Raum in Richtung Küche. Er musste zugeben, dass ihm dieses Schmuckstück schon sehr gefiel. Sie hatte alle Raffinessen, die man brauchte, bis hin zu einem integrierten Schnellkochtopf und einem Dampfgarer. Wir konnte man sich bei den Alternativen nur von Pommes ernähren? Es war ja nicht so, als würde Markus nicht auch gern mal Fastfood naschen, aber der hier konsumierte das Zeug ja in Massen.

Plötzlich klingelte das Telefon und Markus zuckte.

„Telefon!“, brüllte er so laut er konnte, falls sein Kunde das Klingeln nicht hören sollte.

„Geh ran“, wurde zurück gebrüllt und Markus zuckte mit den Schultern. Er folgte dem Geräusch ins Wohnzimmer und nahm ab.

„Bei Täubner“, meldete er sich und erst einmal hörte er gar nichts, zuckte aber zusammen, als er anschließend ziemlich scharf angefahren wurde.

„Wer bist du und was machst du bei Robert?“

„Ich bin Markus Ritter und betreue das Telefon, solange der Hausherr duscht“, erklärte Markus wahrheitsgetreu, denn er war viel zu überfahren von dem Ton, den der Mann am anderen Ende anschlug.

„Was hast du Vogel am frühen Morgen bei Robert zu suchen und warum muss er duschen?“, wurde auch gleich gefragt. „Ich will wissen, was du da zu suchen hast!“, tönte es laut und Markus hielt den Hörer ein wenig von sich weg.

Was war das denn für einer?

Sein Blick ging zum Bad, doch von dort kam keine Interessensbekundung, dass der Hausherr hätte wissen wollen, wer eigentlich dran gewesen war. Und selbst wenn, Markus musste sich hier von niemandem blöd kommen lassen. Also erklärte er nur: „Wir sind verabredet und so glitschig, wie er eben noch war, nehme ich hin bestimmt nicht mit!“

„Bitte?“, kam auch gleich die prompte sehr laute und sehr empörte Reaktion. Da war es ein Glück, dass er den Hörer nicht mehr am Ohr hatte. „Du nimmst gefälligst deine Flossen von ihm. Robert gehört mir, du Spinner. Du verschwindest da jetzt sofort, ist das klar?“

Markus schien langsam zu begreifen, wer das war und überlegte, was er sagen sollte. Doch noch ehe er seine Gedanken hätte zensieren können, waren sie ihm auch schon auf die Zunge gehüpft. „Das werde ich nicht, schließlich bekomme ich Geld dafür.“

Entgegen seiner Vermutung, dass er lautstark beschimpft wurde, blieb es am anderen Ende der Leitung still. Erst nach ein paar Herzschlägen konnte er wieder etwas hören. „Du wirst da sofort verschwinden“, wurde er angezischt und er konnte leise Geräusche hören, als wenn der Anrufer dabei war, sein Telefon in der Hand zu zerquetschen.

„Sorry, aber so lange mir der Hausherr nicht die Tür weist, so lange werde ich hier bleiben und auf ihn warten und ihn dann zu sportlichen Höchstleistungen treiben. Soll ich ihm was ausrichten, denn ich werde jetzt auflegen.“ Markus wurde das hier langsam wirklich zu blöd.

Da nichts mehr kam, legte er auf und schüttelte den Kopf. Das war ja ein Spinner. war nur zu hoffen, dass er niemals auf ihn treffen würde. Markus hatte nämlich keine Lust auf noch eine Auseinandersetzung.

Er sah sich weiter in der Küche um und wurde jetzt langsam mutiger. Er blickte also in Schränke und den Kühlschrank und das Ergebnis seiner Inspektion war ernüchternd. Ein paar Schokoriegel und eine Box mit kaltem Asia-Futter. So wie das roch, strotzte es nur vor Geschmacksverstärkern. Er schloss die Tür wieder, als er die Badtür hörte. Reflexartig sah er sich um.

„Können wir los?“, rief er laut, damit sein Schützling wusste, wo er war.

„Gleich, ich muss mich noch anziehen“, rief Robert zurück und lief ins Schlafzimmer. Schnell zog er sich seine Laufkleidung an, die Jennifer mit ihm zusammen gekauft hatte und besah sich kritisch im Spiegel. „Muss das Zeug so eng sitzen?“, murrte er leise und strich sich über den Bauch. So war er wahrlich kein schöner Anblick.

„Da hat übrigens einer angerufen, der mich vor die Tür setzen wollte, hat aber keinen Namen genannt. War das wichtig?“, rief Markus und steckte gerade den Kopf in einen Schrank.

Was hatte er erwartet?

Ihn lachte noch mehr ungesundes Zeug an. Er hatte ein Chips- und Tacco-Lager ausgehoben. Und weil es ihm langsam zu viel wurde, räumte er aus dem Schrank alles, was ihn störte, auf den Tresen in der Mitte der Küche.

„Aha, sollst du mir was ausrichten? Wenn nicht kann es nicht wichtig gewesen sein.“ Robert zog sich die Schuhe an und seufzte noch einmal laut. Er hatte so was von keinen Bock. Jetzt erst mal einen leckeren Cappuccino, dann konnte der Tag beginnen. „Morgen“, grüßte er launig und drückte auf den Knopf seines Kaffeeautomaten, damit er seine Droge bekam. „Was wird das?“, fragte er während er wartete und deutete auf den wachsenden Stapel.

„Die Frage gebe ich gern zurück – was soll das?“ Markus deutete auf den Berg aus Fett und Zucker und sah Robert offen an. „Das ist die falsche Basis für das, was wir vor haben. Das Zeug verschwindet umgehend im Müll, würde ich vorschlagen.“ Er wusste, dass es anfangs immer solche Diskussionen gab und er war auch darauf gefasst, beschimpft und als Geldverschwender bezeichnet zu werden. Doch das war nichts Neues. Robert wäre nicht der erste. Aber wenn sich grundlegend etwas ändern sollte, dann nutzte es nichts, in einer lächerlichen Verkleidung auf der Straße herum zu laufen. Doch Markus äußerte sich zu dem Outfit lieber nicht.

„Du spinnst doch! Du sollst mit mir trainieren, von nichts anderem war die Rede. Ich werde Sport machen, aber das war es auch schon.“ Robert gab sich gar keine Mühe, seine Empörung zu verbergen. Das war doch hoffentlich ein schlechter Scherz.

„Wir sind also schon beim du. Kann mich zwar nicht daran erinnern, mit dir schon mal Schweine gehütet zu haben, aber sei es drum“, entgegnete auch Markus. Zwar war Robert der Kunde, doch auch die mussten manchmal etwas grober angepackt werden. „Ich weiß nicht, ob deine Freundin am Freitag dir alles gesagt hat, aber du bekommst nicht nur die Sporteinheiten sondern auch Ernährungsberatung und Ernährungsumstellung. Heute werden wir als erstes laufen, damit ich deine Fitness bestimmen kann. Heute Abend ist der Körpertest und anschließend die erste Ernährungseinheit fällig.“

„Das ist ein Scherz, oder?“ Robert stellte seine Tasse ab und sah Markus entgeistert an. „Was soll das heißen: Ernährungsberatung und Ernährungseinheit?“ Er war so perplex, dass er gar nicht auf die Unverschämtheit der Begrüßung einging. „Jennifer, du kleines Miststück, das wirst du mir büßen“, zischte er leise und presste die Lippen zusammen.

„Sind wir doch mal ehrlich. Diese Küche ist noch jungfräulich, in deinem Kühlschrank stehen nur Reste vom Lieferservice und der Berg an arterienverstopfenden Kalorienbomben werden auch nicht gerade dafür sorgen, dass die...“ Doch dann biss sich Markus auf die Zunge. Das Ende des Satzes wäre einer Beleidigung gleich gekommen und das hatte er in jedem Fall zu unterlassen. Er durfte aufzeigen und auf Fehler hinweisen. Aber es oblag ihm nicht, den Kunden an sich zu kritisieren. Allerdings fiel ihm das nicht gerade leicht. Robert war ein harter Brocken und das schon in den ersten Minuten. Markus hatte mit den ersten Reibereien erst beim Laufen gerechnet.

„Ich soll kochen? Vergiss es, das kann ich nicht, außerdem habe ich keine Zeit dafür.“ Robert wollte sich nicht geschlagen geben. Es war ja nicht so, dass er Gemüse und gesundes Essen nicht mochte, aber er bevorzugte nun mal eben schnelles Essen.

„Man hat mir zugesagt, dass du die Zeit haben wirst, die du brauchst, um deine Gewohnheiten gesünder zu gestalten.“ Markus ließ sich nicht beirren, sondern beobachtete die Tasse Kaffee, die schon eine ganze Weile herrenlos unter der Maschine wartete. Er schien deren Besitzer ja ziemlich aus der Fassung gebracht zu haben. Warum nur hielten Menschen so verbissen an alten Gewohnheiten fest, obwohl sie genau wussten, dass sie doch eigentlich schädlich waren?

„Na super, dann ist für dich ja alles perfekt“, ätzte Robert und sah Markus feinselig an. Er wusste zwar, dass sein Trainer nichts dafür konnte, dass er jetzt so tief in der Patsche steckte, aber er war nun einmal jetzt da und bekam es ab. Doch das hieß noch lange nicht, dass Markus das auf sich sitzen ließ.

„Was ist für mich perfekt?“, wollte er wissen, deutete mit einem Kopfnicken aber auf den Kaffee. „In fünf Minuten wollen wir los. Trink ihn aus oder lass ihn stehen. Mir egal“, erklärte er noch und ging schon einmal vor in den Flur. Vielleicht beruhigte sich Robert dann wieder.

„Na alles. Du hast doch praktisch einen Freifahrtschein dafür, mich zu triezen“, rief Robert hinter ihm her und griff sich seine Tasse. Wütend nahm er einen Schluck und nicht wie sonst, fühlte er sich gut dabei. „Scheiße“, fluchte er leise und stellte die Tasse weg. Der Appetit war ihm gründlich vergangen. Langsam kam Markus zurück. Robert war wirklich ein harter Brocken.

„Ich glaube bei dir sollten wir erst einmal daran arbeiten, warum du das hier machst“, sagte er mit sanfter Stimme und blickte Robert fest an. Sie waren fast gleich groß, aber wenn man genau hinsah, konnte man erkennen, dass der Moderator gut 14 Jahre älter war, was ihn nicht unattraktiv machte. Doch das spielte für Markus keine Rolle. Kunden waren grundsätzlich tabu.

„Ich kann nur das herausarbeiten, was du bereit bist zu geben. Wenn du partu nicht willst, sprich mit deiner Freundin. Ich kann dich nicht zwingen und ich werde dich nicht zwingen. Ich werde nur so weit gehen, wie du das willst. Aber in deinem aktuellen Zustand Grenzen festlegen zu wollen, wird wenig Sinn haben.“

„Du hast gut reden, wenn ich nicht mitmache, bin ich meinen Job los. Ich hab praktisch keine Chance mich da auszuklinken.“ Das war das, was Robert eigentlich am meisten stank. Jennifer hatte ihn einfach vor vollendete Tatsachen gestellt und nichts hatte sie von ihrem Plan abgebracht.

„Ach so“, sagte Markus und lehnte im Türrahmen. „Aber wenn du dich nicht darauf einlässt, hat es trotzdem keinen Sinn. Wie ich eben schon sagte“, wiederholte er geduldig, denn es war wichtig, dass sein Kunde das begriff, „wenn du nicht willst und innerlich blockierst, kann ich nichts machen. Unter Zwang werden wir keinen Erfolg haben.“ Er sah Robert forschend an. Würde er das begreifen und handeln oder sich weiter quer stellen?

„Das weiß ich auch, aber du wirst dich daran gewöhnen müssen, dass ich grantig und übellaunig sein werde.“ Robert verschränkte die Arme vor der Brust und besah sich seinen Trainer zum ersten Mal richtig. Jung und ziemlich ansehnlich, das musste er sagen. Muskeln an den genau richtigen Stellen, so wie er es mochte.

Markus grinste. „Du bist nicht der erste und du wirst nicht der letzte sein, der mich dafür hassen wird, was ich mit ihm veranstalte. Ich will nur wissen, ob du es durchziehen willst oder nicht.“ Davon würde der weitere Weg abhängen. „Und damit meine ich nicht nur das da“ – er piekste Robert in den Bauch unter dem engen Dress – „ sondern auch das da.“ Sein Finger wanderte anklagend auf den Haufen Leckerchen.

„Gar nichts mehr?“ Robert versuchte zu schachern, aber Markus‘ Blick ließ ihn resigniert den Kopf senken. „Aber ich koche nicht“, bestimmte er, denn er brauchte ein Erfolgserlebnis.

„Dann finde eben jemanden, der für dich kocht. Entweder der Typ von heute Morgen oder deine Freundin. Das ist mir alles ziemlich egal. Aber ich werde nicht zulassen, dass du mein Training damit boykottierst.“ Markus dachte ja gar nicht, jetzt schon mit sich schachern zu lassen. Vielleicht wenn er merkte, dass Robert wirklich mit zog. Aber das war zur Belohnung und nicht um den Delinquenten zu kaufen. „Etwas mehr Ehrgeiz hätte ich schon erwartet.“

„Das hat mit Ehrgeiz nichts zu tun, ich kann es nicht. Bei mir brennt sogar Wasser an.“ Dass Robert auch nicht vorhatte es zu lernen, sagte er lieber nicht. „Wer hat eigentlich heute morgen angerufen?“, fragte er stattdessen. Das hatte er über den ganzen Ärger komplett vergessen.

„Ich sagte ja schon, der Kerl wollte mich vor die Tür setzen, aber seinen Namen nicht verraten. Als er frech wurde, habe ich aufgelegt. Ich glaube also eher nicht, dass er für dich das kochen übernehmen wird. Das wirst du schon lernen – ich bring es dir bei.“ Markus ließ sich nicht beirren. Zwar hatte er die Uhr der Mikrowelle im Auge, doch es war wichtig, dass Robert sich einließ – wenn das Zeit brauchte, dann war das eben so.

„Er wollte dich rauswerfen und wurde frech?“ Robert zog die Augenbrauen zusammen und wusste erst gar nicht, was er davon halten sollte, aber dann schlug er sich mit der flachen Hand vor die Stirn. „Jürgen! War ja klar. Hat er irgendwas davon geschwafelt, dass ich ihm gehöre und so? Du hattest die unzweifelhafte Ehre meinen Ex kenne zu lernen.“

„Dein – Ex?“, fragte Markus betont gedehnt. Das hatte er schon fast vermutet. Und die junge Dame vom Freitag war wohl seine neue. Robert schien ebenso ein Wandler zwischen den Welten wie er auch. Warum nicht. „Er hat wohl gedacht, ich wäre hier über Nacht gewesen und als ich ihm sagte, ich würde nicht gehen, schließlich würde ich dafür bezahlt, war erst mal eine Weile Ruhe. Ich glaube, der ist auf mich jetzt nicht gut zu sprechen.“

Prustend verteilte Robert seinen Kaffee in der Küche und sah Markus aus großen Augen an. „Du hast was?“, fragte er ungläubig und fing dann schallend an zu lachen. „Oh Mann, jetzt hast du ihn am Hacken. Der ist vollkommen bekloppt und verdrängt gerne mal, dass wir seid fast einem Jahr nicht mehr zusammen sind.“

„Was macht der Vogel mich auch gleich so blöd an“, sagte Markus nur und reichte Robert ein Taschentuch, denn dem lief noch der Kaffee das Kinn runter. „Können wir dann endlich los? Ich wollte nämlich heute mit dir noch etwas mehr machen, als nur in der Küche stehen und über deinen Ex philosophieren.“ Er wandte sich zur Tür um.

„Zum Schlafzimmer geht es links und dann die Treppe hoch“, murmelte Robert ganz leise in das Taschentuch und winkte ab, als Markus sich zu ihm umdrehte und fragte, was er gesagt hätte. „Nix, nix. Lass uns los.“ Er stieß sich von der Arbeitsplatte ab und folgte Markus zur Haustür.

Er schloss ab und schlug den Weg zum Carport ein, wo sein Wagen stand. Er hatte schon den Knopf auf der Fernbedienung gedrückt, als Markus sich räusperte. „Was wird das?“, wollte er wissen und traute seinen Augen nicht. Hatten sie nicht eben festgestellt, dass sie sich bewegen wollten?

„Na, wir müssen doch irgendwie dahin kommen, wo wir laufen werden, oder?“ Robert sah Markus fragend an. Hatte er da jetzt was falsch verstanden? Markus wollte doch nicht etwa zu Fuß zu diesem Studio oder Park gehen, wo sie joggen sollten?

Markus allerdings war so perplex, dass er für den Moment nicht wusste, was er sagen sollte, denn das Problem war: Robert schien das völlig ernst zu meinen. Schweigend deutete er nach unten durch den Garten auf den See. Das Haus war idyllisch gelegen, ein bisschen am Seeufer entlang zu laufen, war geradezu ideal. Oder war das für Robert kein Sport?

„Du willst am See lang laufen?“ Robert war sich nicht sicher, ob er das richtig verstanden hatte, doch das musste wohl so sein, denn Markus nickte. „Oh...äh...also, das geht natürlich auch“, stammelte er überrascht und verriegelte den Wagen wieder. Jetzt musste Markus doch grinsen und schlug Robert auf die Schulter.

„Ist dir nie in den Sinn gekommen, oder? Das Haus liegt so schön. Das schreit doch geradezu danach, abends mal zu laufen, um runter zu kommen.“ Er ging langsam durch den Garten zum Ufer und blickte sich um. „Na komm!“ Er wartete auf Robert, der mit entschieden weniger Überzeugung über die vom Gärtner kurz gehaltene Wiese kam.

„Bin ja schon da.“ Robert stellte sich neben Markus und sah sich um. „Und jetzt laufen wir einfach los?“, fragte er. Er hatte sich noch nie mit Sport befasst und hatte keine Ahnung, wie das ablief.

„Ja-a!“, sagte Markus gedehnt und trabte langsam los. Er ahnte schon, dass sie nicht weit kommen würden, doch er wollte sehen, wie viel Willen Robert hatte und ob er vielleicht nicht doch etwas Ausdauer versteckt hatte, irgendwo tief in sich drin. Er war zehn Schritte gelaufen, als er sich alleine fühlte. Er blieb stehen und sah sich um.

Robert stand immer noch da, wo sie gestanden hatten und schien tief in Gedanken. Das war er auch, denn er hatte Markus hinterher gesehen und dessen Bewegungen verfolgt. Der junge Mann gefiel ihm immer besser und er schreckte auf, als Markus ihn ansprach. „Komme schon“, brummte er, nicht erfreut über die Unterbrechung und trabte los.

Doch jetzt lief Markus langsam rückwärts, damit er den Delinquenten immer schön im Auge hatte. Er trabte auf der Stelle und wartete, bis auch Robert sich endlich in Bewegung setzte. „Such dein Tempo, ich passe mich an“, schlug er vor, denn es ging noch um nichts. Er wollte nur den Fitnesszustand erkennen und darauf das Programm aufbauen.

Robert schnaubte. Das war leicht gesagt. Woher sollte er wissen, was sein Tempo war? Er schnaufte jetzt schon, nach wenigen Metern und eigentlich wollte er nichts anderes als stehen zu bleiben, aber die Blöße wollte er sich jetzt nicht geben. Doch Markus merkte sehr wohl, wie verkrampft Robert war und sagte leise: „Wenn es nicht geht, bleib stehen. Morgen Muskelkater nutzt uns beiden nicht und Machos leben auch nicht länger.“ Im Kopf ging er schon ein paar Dinge durch, mit denen sie vielleicht anfangen sollten. Schnelles gehen gehörte dazu. Es war ein Anfang.

Wütend blitzte Robert ihn an. Ihm schmeckte es überhaupt nicht, jetzt klein bei zu geben, aber er konnte nicht mehr. Er hatte Seitenstechen und langsam wurde der Schmerz unerträglich. Darum blieb er keuchend stehen und hielt sich die Seite.

„Tief atmen“, sagte Markus und ging langsam weiter. „Nase ein, Mund aus. Konzentrier dich drauf. Wir gehen langsam weiter.“ Er hatte Robert wohl völlig überschätzt. Eigentlich sollten so wenige Schritte ohne Aufwärmphase noch keine Probleme bereiten. Das Jogging hatte die Aufwärmphase werden sollen. Doch bei seinem Delinquenten musste Robert wohl noch einen Gang zurück schalten. „Nase ein, Mund aus“, sagte er noch einmal und machte es deutlich vor, während sie langsam weiter gingen. Robert brauchte mehr Sauerstoff im Blut.

„Mach ich doch“, knurrte Robert und zeigte Markus, dass er es richtig machte. Seine Laune wurde immer schlechter. Es schmeckte ihm überhaupt nicht, dass er jetzt schon nicht mehr konnte. Eigentlich hatte er Markus zeigen wollen, dass ihr Training vollkommen unnütz war. Aber der Geist war willig, nur das Fleisch war schwach.

„Schon gut“, sagte Markus. Er hatte wohl das Gegenteil von dem erreicht, was sein Ziel gewesen war. Robert war angebrannt und Markus hatte das ungute Gefühl, dass es an dessen Männlichkeit kratzte, gleich von Anfang an so eingebrochen zu sein. Schweigend gingen sie weiter am Ufer entlang. „Sag wenn’s nicht mehr geht. Dann hol ich den Wagen. Oder sollen wir zurück?“

„Nein, sollen wir nicht.“ So langsam ließ das Seitenstechen nach und Robert richtete sich wieder richtig auf. Dass sie jetzt nur noch gingen, fiel ihm leichter und er sah sich um. Na toll, sie waren ja immer noch in Sichtweite von seinem Haus. Er hatte gehofft, dass er länger durchhalten würde.

„Es steht auf einem Hügel, da sieht man es länger“, erklärte Markus, weil er Roberts enttäuschten Blick durchaus verstanden hatte, wusste aber nicht, ob er seinem Delinquenten damit nicht wieder zu nahe trat. Außerdem wollte er ihn auch nicht zum Reden animieren – Robert sollte sich erst einmal auf das Laufen und auf das Atmen konzentrieren.

Das Knurren, das ihm antwortete, zeigte ihm, dass Robert sehr wohl verstanden hatte, was Markus bezweckte, aber er sagte nichts. Er brauchte seine Luft jetzt dringender zum Atmen. „Lass uns einfach weiterlaufen“, meinte er nur und sah stur geradeaus.

Markus sollte das recht sein und so gingen sie schweigend nebeneinander her. Er sah sich immer mal um, genoss die Landschaft und musste zugeben, dass sich Robert eine schöne Ecke zum wohnen ausgesucht hatte, diese aber irgendwie überhaupt nicht zu würdigen wusste.

Schade eigentlich.

Robert hatte doch wirklich alle Voraussetzungen, um gesund leben zu können. Warum tat er das nicht? Markus konnte das nicht verstehen. Wenn er so einen tollen Platz zum Laufen vor der Haustür hätte, wäre er nur noch draußen. Robert beobachtete Markus aus den Augenwinkeln und konnte gar nicht verstehen, wie man das, was sie machten, genießen konnte. Das war doch eine unnütze Schinderei. Am liebsten hätte er sich jetzt hingesetzt, aber er war stur. Noch einmal gab er sich nicht so eine Blöße.

„Oh“, machte Markus plötzlich, denn der Himmel hatte sich zugezogen und jetzt fing es auch noch langsam an zu regnen. Am besten gingen sie zurück, wenn sie nicht absaufen wollten wie die Biber. „Komm“, sagte er und beschleunigte seinen Schritt, denn er war sich sicher, das Nässe und Kälte Roberts Laune nicht gerade förderlich sein dürften. Zum Glück hatte er noch ein paar leckere Sachen für einen Snack dabei. Vielleicht bekam er ihn mit etwas zu essen wieder auf Linie.

„Na super.“ Genau wie Markus es vermutet hatte, sank Roberts Laune noch tiefer, auch wenn er gedacht hatte, das wäre nicht mehr möglich. So schnell es ging, machten sie sich auf den Rückweg, denn es fing immer heftiger an zu regnen. Schon nach wenigen Minuten waren sie völlig durchnässt und auch von oben bis unten mit Schlamm bespritzt, da die Wege völlig aufgeweicht wurden.

„Davon stand aber nichts im Wetterbericht“, murmelte Markus leise und war wirklich froh, als sie unter dem Carportdach standen und endlich den trommelnden Tropfen entkommen waren. Er huschte schnell noch zu seinem Wagen, um die Tasche zu holen, dann folgte er Robert, als der in den Flur platschte.

03

Es war ihm vollkommen egal, dass er Wasser und Schlammspuren auf dem Marmor hinterließ und seine Putzfrau wohl einige Mühe haben würde, das wieder sauber zu bekommen. Seine Schuhe flogen in die Ecke und das Oberteil ebenfalls. „Lass uns duschen, mir ist kalt“, rief er über die Schulter und ging vor ins Badezimmer.

Markus nickte. Er würde die Gelegenheit wohl ebenfalls nutzen, sobald Robert fertig war. Derweil trug er seine Tasche in die Küche und packte aus. Unter anderem auch einen Packen trockner Klamotten, die er zum Glück immer bei sich hatte. Er streifte schon mal das feuchte Shirt ab und warf es in die Spüle, ehe er auch aus der nassen Jogginghose stieg. Er war froh, das klebende Zeug von der Haut zu haben. Doch jetzt fing er an zu frieren und das Wasser aus seinen Haaren lief unermüdlich über Rücken und Brust.

„Jetzt komm schon, ich fall schon nicht über dich her“, rief Robert aus dem Badezimmer, der schon unter dem warmen Wasser stand und sich aufwärmte. Er ging davon aus, dass Markus sich nicht zu ihm traute, weil er sich nicht traute, mit einem Schwulen unter der Dusche zu stehen.

Markus knurrte. So ein Blödmann. Doch das warme Wasser lockte. Er streifte also auch noch die pitschnassen Socken ab und warf alles in die Spüle, ehe er ins Bad kam, wo es schon, dank der warmen Dusche und des laufenden Wassers, wohl temperiert war. „Wie willst du mit deiner grottenschlechten Kondition über mich herfallen?“, fragte er und streifte auch noch die Shorts über die Beine.

Robert öffnete die Augen, als er Markus Worte hörte und sie leuchteten kurz auf, denn was er sah gefiel ihm wirklich ausnehmend gut. „Nun, meine Kondition beim Laufen mag grottenschlecht sein, aber im Bett sieht das vollkommen anders aus. Bisher hat sich da noch niemand beschwert.“

„Geht mich nichts an“, erklärte Markus nur, damit das Gespräch nicht in eine Richtung entgleiste, die er dann vielleicht nicht mehr kontrollieren konnte. Eilig duschte er sich und war froh, als er allmählich wieder auf Betriebstemperatur kam.

Robert lachte nur leise und seine Laune besserte sich. Allein Markus zuzusehen, bewirkte das. Er gab es ja nicht gerne zu, aber so einen Körper hätte er auch gerne. Lange Beine, schmale Hüften, ein ansehnliches Sixpack und eine nicht zu muskulöse Brust und Arme. Lange Beine hatte er auch, aber der Rest sah leider doch etwas anders aus, wie er bei einem schnellen Blick an sich selbst entlang feststellte.

„Was denn?“, fragte Markus, dem die Musterung sehr wohl aufgefallen war und wandte sich nun Robert zu. Dabei spülte er sich eilig Shampoo aus den Haaren und suchte schon das Bad mit den Augen nach einem Handtuch ab.

„Oh nichts.“ Robert grinste und genoss nun den Blick auf Markus Vorderseite. „Ich hab nur festgestellt, dass deine Figur mir ziemlich gut gefällt und ich nichts dagegen hätte, auch so auszusehen und ich weiß, was du mir jetzt sagen willst.“

„Du weißt, was ich dir jetzt sagen will? Na da bin ich aber mal gespannt“, erklärte Markus. Ihm hatte etwas auf der Zunge gelegen, doch das sprach er jetzt aus Trotz nicht aus. Erst wollte er mal hören, was Robert von ihm dachte.

„Na, dass ich das bestimmt nicht durch ungesundes Fastfood und keinen Sport bekomme. Dass ich mich ein wenig dafür anstrengen muss und so weiter.“ Robert zuckte mit den Schultern. Es war ja nicht so, dass er das nicht wusste, aber bisher war er einfach zu faul dafür gewesen.

„Besser als meine Ansprache“, kommentierte Markus und streifte sich das Wasser vom Körper, ehe er zufrieden aus der Dusche stieg. Er griff sich das erste Handtuch, was er erreichen konnte, und fing an, sich abzurubbeln. „Und wenn du das doch alles weißt, woran liegt es?“, wollte er wissen. „Keine Lust, keine Zeit? Keinen Ehrgeiz?“ Dabei sah er Robert auffordernd an.

„Wahrscheinlich etwas von allem. Keine Ahnung. Ich habe auch nie die Notwendigkeit gesehen. Damit hat mich erst Jennifer konfrontiert. Sie hat mir die Pistole auf die Brust gesetzt. Entweder werde ich schlanker und fitter oder ich bin meinen Job los. Sie ist ein knallharter Boss.“ Robert stellte die Dusche aus und ließ sich von Markus ebenfalls ein Handtuch geben.

„Dein Boss? Du arbeitest mit deiner Freundin zusammen? Das stell ich mir stressig vor“, sagte Markus und rubbelte sich noch über die Haare. Dass die schwarzen Stoppeln jetzt wild abstanden störte ihn nicht. Hauptsache das Wasser lief ihm nicht mehr über den Hals. Schnell hatte er seine trocknen Kleider übergezogen und machte sich daran, die nassen Klamotten in eine Tüte zu stopfen. Die musste er dann daheim aufhängen.

„Häh?“ Robert kam nicht gleich darauf, was Markus meinte, aber dann machte es Klick und er grinste. „Äh, schon vergessen, mit wem du telefoniert hast? Mein Exfreund Jürgen. Fandest du Jennifer in irgendeiner Weise männlich? Also ich nicht und darum ist sie für mich völlig uninteressant.“

Markus lachte leise und sah sich zu Robert um, der nun in der Küche stand und sich fertig abtrocknete, dabei aber immer wieder auf das schielte, was der Trainer auf die Anrichte gepackt hatte. „Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Und ich weiß wovon ich rede, ich bin bisexuell!“ Wenn sie das schon mal zum Thema machten, dann konnte er selbst auch gleich die Karten auf den Tisch legen. „Und jetzt mach, wird Zeit, was zwischen die Zähne zu kriegen.“

Robert hob eine Augenbraue und grinste. „Na wenigstens hast du dann mit meiner sexuellen Ausrichtung keine Probleme. Das ist doch schon mal viel wert.“ Er hatte sich ein wenig näher an die Anrichte vorgearbeitet und versuchte zu erkennen, was Markus da alles hingelegt hatte. Er wurde aber gleich wieder verscheucht, denn nackte Männer bekamen kein Frühstück, erklärte Markus ihm. „Nicht mal in ihrer eigenen Küche – vielleicht in meiner, aber... okay. Zieh dich an!“ Markus war gerade etwas irritiert und schüttelte über sich selber den Kopf. „Ich bediene mich mal an deinen Schränken“, rief er Robert noch hinterher und suchte, was er brauchte. Schalen und Messer, Löffel und Teller. Zum Glück hatte er für ein ausgewogenes Frühstück wirklich alles dabei. Das fing bei Joghurt und Müsli an, ging bei Brot mit Aufschnitt weiter und hörte bei Obst auf. Milch fand er allerdings nirgends. Dann musste es ohne gehen.

„Wie kann man nur so spartanisch mit Lebensmitteln ausgestattet sein.“

„Das wird mir doch eh nur schlecht“, hörte er eine amüsierte Stimme an seinem Ohr und zuckte erschrocken zusammen. Er hatte gar nicht mitbekommen, dass Robert schon wieder da war. „Frühstücken wir das nächste mal dann bei dir, wenn ich dort nackt etwas bekomme“, nahm er das Thema von vorhin wieder auf. „Gibt es da gerade einen, der das darf?“

„Hör zu, ich bin dein Trainer. Nicht mehr und nicht weniger. Ich werde dafür sorgen, dass du fitter wirst, dass aus dem Waschbärbauch ein Waschbrettbauch wird und das war’s.“ Er wollte das gleich klar stellen, nicht dass Robert noch glaubte, hier könnte sich was anbahnen, nur weil sie beide die gleiche Neigung hatten. „Und nur um deine Neugier zu befriedigen: ich bin gerade erst wieder Single. Das letzte, was ich brauche, ist der nächste Klotz am Bein. Hast du nicht mal Milch im Haus?“

„Sicher habe ich Milch.“ Robert ging durch die Küche zur Tür des Vorratsraumes und holte eine Packung Milch. „Allein schon, weil ich morgens meinen Cappuccino brauche.“ Er gab die Milch an Markus weiter und kam noch einmal auf das vorherige Thema zurück. „Du würdest also nichts mit mir anfangen, weil du ja nur mein Trainer bist, auch wenn sich da was entwickeln würde?“, fragte er nach.

„Sag mal, Robert, auf was willst du eigentlich hinaus?“ Markus lehnte nun mit der Hüfte an der Anrichte und verschränkte die Arme vor der Brust. Sie sollten das von Anfang an klar ziehen, nicht dass irgendwann das Training in Gefahr war, weil sie die Signale des jeweils anderen missdeuteten. Doch dann grinste er. Er wusste selbst nicht warum, aber er hatte irgendwie den Drang, Robert zu ärgern. „Und so lange du so einen Waschbärbauch hast schon mal gar nicht.“ Dabei piekste er wieder in den leichten Bauchansatz.

„Ey. Das war fies.“ Robert sah Markus anklagend an und rieb sich über die schmerzende Stelle. „Das heißt aber auch, dass du nicht abgeneigt wärst, wenn ich eine bessere Figur habe.“

„Das habe ich nichts gesagt, denn so oberflächlich bin ich nicht. Mich würde auch ein Bauch nicht stören, wenn der Kerl hinter der Fassade das ist, was ich suche und zum wiederholten Male erkläre ich dir jetzt, dass wir nicht hier sind, um meine Präferenzen abzuklopfen, sondern dich fit zu kriegen. Frühstück“, sagte Markus eindringlich, grinste aber, damit Robert begriff, dass er das nicht so streng meinte, wie er es sagte. Doch sie sollten das Ziel nicht aus den Augen verlieren.

„Dann stört dich also nur an mir der Bauch und folglich bin ich dann auch nicht das, was du suchst. Was suchst du denn?“, Robert konnte einfach nicht anders, es machte Spaß, sich mit Markus zu kabbeln. Er machte sich einen Kaffee und für Markus auch einen.

„Jemanden, der mir zuhört, wenn ich etwas sage und akzeptiert, wenn ich einen verbalen Strich gezogen haben“, sagte Markus, dem die Bohrerei langsam wirklich auf den Geist ging. War er nur zu blöd zu merken, dass Robert ihn anbaggerte oder baggerte der gar nicht, sondern nervte nur auf Teufel komm raus?

„Es könnte zum Beispiel damit anfangen, dass wir mal den Kaffee weglassen“, fügte er noch aus Trotz hinzu. Kaffee schadete nicht und wer ihn mochte, sollte ihn trinken. Doch dass Robert nicht für eine Sekunde registrierte, warum Markus eigentlich da war, nervte ihn. Ob das an seinem Alter lag?

„Vergiss es. Ich werde ganz bestimmt nicht auch noch auf meinen Kaffee verzichten. Wenn du also die nächsten Wochen oder Monate mit mir in so etwas wie Harmonie verbringen willst, dann wirst du nicht noch einmal erwähnen, dass ich ihn weg lassen soll.“ Demonstrativ nahm Robert seine Tasse und trank einen Schluck. „Über alles andere können wir reden und jetzt zeig mir mal, was du zum Frühstück mitgebracht hast.“

„Da“, sagte Markus und deutete auf das, was er angerichtet hatte. Nur für den Fall, dass Robert das eine oder andere nicht kennen sollte, fing er an zu erklären, um was es sich bei den einzelnen Dingen handelte. „Ich bin ja mal gespannt, ob dein Körper damit umgehen kann oder ob du die nächsten Tage auf dem Klo verbringst“, sagte er abschließend, auch wenn das gar nicht stimmte. Solange Robert keine Allergien hatte, wie er Freitag behauptete, dürfte eigentlich nichts passieren, außer dass vielleicht die Geschmacksverstärker fehlten.

„Och nee, dass hättest du jetzt nicht unbedingt sagen müssen. Wie soll ich denn da was essen, wenn ich Angst haben muss, dass ich das nicht vertrage. Allerdings, wenn ich nichts esse, dann muss ich nachher was kaufen.“ Robert wusste jetzt nicht, ob Markus das ernst gemeint hatte, aber wenn er sich so besah, was da alles aufgebaut war, konnte er sich vorstellen, dass es stimmte.

„Hör zu, Robert. Wenn du das nicht willst, mach das mit deiner Chefin klar. Aber es macht keinen Sinn, wenn du das hier verweigerst, dir weiterhin das Fastfoodzeug rein ziehst und dann in vier Wochen immer noch aussiehst wie ein Waschbär und japst wie ein alter Köter. Das ist nicht Ziel der Sache. Dazu kostet der Spaß hier zu viel Geld.“ Allmählich wurde Markus sauer, denn er sah von seinem Kunden absolut kein Entgegenkommen. Und er fühlte sich auch nicht in der Position, zu entscheiden, ob das Training Sinn machte oder nicht.

„Wer sagt denn, dass ich das nicht will? Ich habe nur keine Lust auf Durchfall und solchen Mist. Das kann ich nämlich gar nicht gebrauchen.“ So langsam wurde Robert leicht ärgerlich. Alles was er sagte, wurde gegen ihn ausgelegt. „Es stimmt, dass ich nicht freiwillig auf die Idee gekommen bin, zu trainieren, aber dass heißt noch lange nicht, dass ich es boykottiere.“

„Gut, einigen wir uns darauf. Du bekommst keinen Durchfall und dafür wirst du in Zukunft auf Fastfood verzichten. Einmal die Woche geht es auf die Waage und du wirst vermessen. Morgen geht es richtig los, heute ist zum üben und heute Abend wird gekocht.“ Das waren die Bedingungen, die Markus stellte. Wenn Robert damit leben konnte, waren sie ein Team. Er sah ihn auffordernd an, als er sich Müsli und Joghurt zusammenrührte und das Obst darüber streute.

Robert nickte nur, denn er war immer noch ein wenig verstimmt. Er hatte ja doch keine Chance, sich dagegen zu wehren. Er hing an seinem Job und den wollte er nicht aufs Spiel setzen. Aber erst einmal hatte er Hunger, darum machte er sich auch eine Schale Müsli mit Obst. Er konnte sich nicht daran erinnern, so etwas schon mal gegessen zu haben.

„Das schmeckt – mir zumindest“, sagte Markus und setzte sich auf einen der Barhocker. Er gönnte sich dazu ein Glas Milch und fing an zu essen. Er hatte auch Hunger, denn vor dem Laufen aß er meisten nicht. So hatte es sich bei ihm eingebürgert, dass er spät frühstückte, wenn er Kunden hatte oder zusammen mit einem Kollegen Gruppen betreute.

Er beobachtete Robert, um zu erfahren, ob er sich damit anfreunden konnte oder ob Markus etwas anderes versuchen musste.

„Hmm“, brummte Robert. Unter einem Frühstück verstand er etwas anderes, aber es war nicht eklig. Das Obst im Müsli schmeckte ihm sogar ziemlich gut, denn es war ja nicht so, dass er kein Obst aß. Nur halt nicht so viel. „Könnte ein bisschen süßer sein.“

Markus zog aus einer Box ein Tütchen Vanillezucker. In Maßen genossen und nicht in Massen war Zucker ja nicht verboten. Er hielt es Robert hin und fragte: „Wie sieht denn ein Frühstück bei dir normalerweise aus? Vielleicht kann man das ja adaptieren?“ Es war ja nicht so, als würde er nicht die Kompromisse suchen. Nur wer Spaß an der Ernährungsumstellung hatte, behielt sie auch bei, sobald das Training beendet war.

„Zwei belegte Brötchen vom Bäcker und noch etwas Süßes dazu. Ein Plunderteilchen oder so was in der Richtung, wenn ich früh arbeiten muss. Ansonsten mag ich es eher deftig. Rührei und Speck sind so ziemlich das einzige, was ich hinbekomme.“ Er rührte sich den Zucker ins Müsli und war zufriedener. So schmeckte das Zeug gar nicht mal schlecht.

„Die Brötchen sind ja gar nicht verkehrt. Aber von dem täglichen Kuchen würde ich abraten“, sagte Markus und konnte sich Robert in der Küche wirklich nicht vorstellen. Er sah sich um und guckte, aber die Küche sah so unbenutzt aus. „Auch gegen Rührei spricht ja nichts, wenn man es nicht übertreibt. Ich würde dich bitten, ein Ernährungstagebuch zu führen und dabei ehrlich zu sein. Ich will sehen was du isst und ich will sehen wann.“

„Okay.“ Das kriegte er hin. Robert aß noch ein paar Happen, dann stellte er die Schale weg. Er brauchte jetzt erst mal etwas anderes. Er nahm sich ein Brot und belegte es sich mit Schinken und weil Markus ihn aufmerksam beobachtete, legte er noch ein paar Scheiben Gurke und Tomate drauf. „Was soll ich eigentlich heute Mittag essen? Fastfood darf ich ja nicht, aber ganz ohne halte ich bis heute Abend nicht durch.“

„Soweit ich deine Chefin verstanden habe und das hat mir mein Ausbilder auch noch mal bestätigt, gibt es bei euch in der nähe ein ziemlich gutes Restaurant. Der Inhaber ist Japaner und hat ein Sternerestaurant in einer anderen Ecke von Essen. Aber die Salatbar ist sein zweites Baby. Dort gibt es jede Menge gesundes Essen, lecker und preiswert. Ich war mit meiner Clique auch schon da, weil der beste Freund von einem meiner Freunde mit dem Inhaber liiert ist. Wie dem auch sei. Die paar Schritte bis dort hin tun dir gut und das Essen sicher auch. Probier es aus.“

„Du kennst Satoshi Murakawa?“ Robert machte große Augen, denn das Murakawa kannte er sehr gut. Dort ging er gerne mal essen. „Diese Salatbar bei uns in der Nähe gehört auch ihm?“ Das hatte er gar nicht gewusst. „Gibt es da nur Salat oder auch was anderes? Ich weiß nämlich nicht, ob ich davon satt werde.“

Markus machte ein überraschtes Gesicht. Robert schien also auch gesunde Ecken zu kennen, nur zog es ihn dort wohl eher seltener hin. Vielleicht konnte er ihm Satoshis zweite Leidenschaft etwas näher bringen. „Japp, netter Kerl und weil sein Liebling Tänzer ist und auf seine Figur achten muss, hat er sich eben auch Gedanken über gesunde Ernährung gemacht. Bis er festgestellt hat, es gibt noch mehr Abnehmer als seinen Freund. Und keine Sorge, dort gibt es nicht nur Salat, es gibt auch Fleisch und Fisch und Beilagen. Nur eben mit weniger Fett und nur aus organischen Produkten aus der Region.“ Markus ging dort mittlerweile gern hin. Claudia mochte das Lokal ebenfalls und hatte sich schon einmal durch die Karte gefuttert, was mit einem Frei-Essen belohnt worden war. „Sogar süßen Nachtisch“, schob Markus noch grinsend hinterher, aß aber weiter.

„Ein Tänzer, aha.“ Robert grinste und plötzlich war der Tag gar nicht mehr so fürchterlich. „Ich sollte den Laden dann mal wirklich ausprobieren. Wenn es schmeckt, werde ich bestimmt öfter dort essen.“ Eigentlich war er davon überzeugt, dass das Essen lecker war, denn was anderes konnte sich ein Spitzenkoch wie Satoshi Murakawa gar nicht erlauben. „Haben die auch Sushi? Das mag ich nämlich wirklich gerne.“

„Hast du Glück. Seit vier Wochen hat Satoshi einen original Sushimeister in seiner Bar. Er plant nämlich, zu expandieren. Das Lokal nebenan ist frei geworden und er wird thematisch getrennt ausbauen. Aber Ranmaru zeigt schon einmal seine Künste, um die Stammkunden anzufüttern.“ Er selbst stand am meisten auf die Rollen mit Omelett. „Am besten finde ich aber den Algensalat.“ Markus war sichtlich zufrieden, dass er Robert erst einmal auf etwas hatte aufmerksam machen können, was ihn interessierte. Das machte ihr Ziel realistischer.

„Na, das hört sich doch gut an.“ Robert biss in sein Brot und war jetzt neugierig geworden. „Wie soll das eigentlich jetzt ablaufen? Du kommst jeden Morgen vorbei und versuchst mich soweit fit zu bekommen, dass ich nicht nach dreihundert Metern schlapp mache. Was kommt sonst noch auf mich zu?“

„Morgen würde ich dich gern mit ins Studio nehmen, für Körpertests. Ich will deine Werte kennen, wir werden dich vermessen und wiegen, Wasser und Muskelmasse bestimmen und dann einen Plan für dich aufstellen. Geplant war morgens joggen und abends etwas Muskeltraining. Allerdings brauche ich deinen Dienstplan, denn das Essen darf nicht zu kurz kommen. Es muss regelmäßig erfolgen.“ Markus redete vor sich hin, mehr zu sich selbst, als zu Robert, der die Frage ja eigentlich erst aufgeworfen hatte. Es hing alles davon ab, dass sie sich abstimmten.

„Darum werde ich mich kümmern. Für dich und meine Fitness wäre es wohl angebracht, wenn ich nicht ständig unterschiedlich arbeiten muss.“ Robert grinste und zwinkerte Markus zu. „Na, dann muss Jenny wohl dafür sorgen, dass ich die nächsten Wochen Frühdienst habe, wo sie doch so an meiner Fitness interessiert ist.

„Da hast du allerdings Recht. Wenn sie dich fit haben will, sollte sie auch bereit sein etwas dafür zu geben. Wenn ich mich auf Regelmäßigkeiten einstellen kann, hilft mir das doch enorm.“ Markus nickte und stellte seine leere Schale weg, um sich ebenfalls noch ein Brot zu schmieren. Er drapierte Salatblätter und Champignonscheiben auf der Salami und kaute zufrieden, doch er hatte die Uhr im Auge.

„Gut, dann werde ich das heute abklären. Wann treffen wir uns heute Abend?“ Markus hatte doch was davon gesagt, dass sie zusammen kochen wollten und er ging mal davon aus, dass das hier in seiner Küche passierte. „Soll ich was einkaufen oder bringst du alles mit?“

„Ich bringe die Sachen mit. Das ist im Preis mit drinnen“, erklärte Markus. Wenn er kochte, dann brachte er alles mit. Wenn Robert dann irgendwann so weit war, selbst gesund zu kochen, dann konnte er sich auch selbst versorgen. „Ruf mich einfach an, wenn du weißt, wann du daheim bist. Ich werde dann auch da sein.“ Während Markus noch mit einer Hand aß, räumte er mit der anderen schon alles zusammen. Das würde er dann daheim abwerfen und anschließend weiter ins Studio fahren. Er musste sich mit Wolfram besprechen, wie das bisher gelaufen war.

„Auch das Frühstück jeden Morgen? Ist das nicht ein wenig umständlich. Warum kaufen wir nicht, was wir für ein paar Tage brauchen und lagern es hier. Mein Kühlschrank hat noch Reserven, wie du ja bestimmt gesehen hast.“ Er wollte Markus ja nicht reinreden, aber so war es doch einfach praktischer.

„So können wir das auch handhaben und je mehr gesundes Zeug drinnen ist, um so größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass du auch mal außer der Reihe drangehst und etwas isst, was ohne Mononatriumglutamat auskommt.“ Er knuffte Robert und stellte noch das Geschirr in den Spüler. Er würde heute noch das Wichtigste einkaufen und morgen mitbringen. Das konnte dann gut eingelagert werden.

„So, deine erste gesunde Mahlzeit seit langem und ein bisschen bewegt hast du dich auch. Nicht schlecht für den Anfang“, resümierte Markus und raffte seine Tasche.

„Und ich hab‘s überlebt.“ Robert grinste schief. „Morgen werde ich wohl nicht so glimpflich davonkommen, oder?“ Heute hatten sie ja nur abgebrochen, weil es so geregnet hatte. Morgen gingen sie ins Studio, da konnte ihm das Wetter nicht helfen.

„Morgen werden wir mal sehen, wie viel Fett du so mit dir herum schleppst und ein paar Trainingsziele feststecken, die du auch wirklich erreichen kannst. Also dann bis später. Meld dich, wenn du Schluss hast.“ Markus reichte Robert noch die Hand, dann war er auch schon aus der Tür und zu seinem klapprigen alten Golf geflitzt. Es regnete immer noch und so warf er die Tasche nur auf dem Beifahrersitz und sprang in den Wagen, ehe er wieder durchweichte.

Er war ein wenig überrascht, als Robert ihm durch den Regen hinterher hetzte. „Schatz, wenn ich mich bei dir melden soll, dann solltest du mir auch deine Nummer geben, sonst wird das leider nichts“, lachte er und reichte Markus einen Stift und seine Hand, damit er die Nummer dort drauf schreiben konnte. Papier hatte er auf die Schnelle nicht gefunden.

Irritiert von der Titulierung sah Markus Robert erst einmal fragend an, doch als er merkte, wie nass der Mann schon wieder wurde, der nur in kurzer Hose und Shirt im Regen stand, verzichtete er auf einen blöden Kommentar und malte schnell seine Nummer auf den Unterarm, grinste, als er schnell noch ein Herzchen dazu kritzelte. Robert schien Spaß daran zu haben – warum nicht. Die Grenzen waren ja abgesteckt worden. „So, wieder rein. Nicht dass du morgen krank bist und alles ausfällt. Tschüss!“ Dann startete er den Golf.

„Tschüss, bis heute Abend.“ Robert grinste immer noch, als er zurück zum Haus lief. Als erstes tippte er die Nummer in sein Handy, damit er es nicht vergaß und speicherte sie dann unter Schatz ab. Er strich über das kleine Herzchen und lachte. Na das konnte ja noch lustig werden. Er freute sich schon auf den nächsten Schlagabtausch.


04

Derweil verbrachte Markus die nächsten Stunden im Studio, wo er sich noch einmal mit Wolfram beriet und sich erklären ließ, auf was zu achten war. Er war mit seiner Ausbildung noch nicht ganz durch und deswegen noch etwas unsicher.

Doch Wolfram nahm ihm die Unsicherheit und war zufrieden, wie der erste Tag gelaufen war. Er hatte sich alles erzählen lassen und Notizen angefertigt und wollte morgen beim Körpertest und beim Krafttraining dabei sein.

Doch das war morgen – heute stand noch das Abendessen an und Markus war nervös. Er hoffte, dass er Roberts Geschmack getroffen hatte, der gerade auf dem Heimweg war. Gemüsepuffer mit Fisch.

Er saß in seinem Auto vor Roberts Haus und sah auf, als er das laute Röhren des Sportwagens hörte. Markus hatte nur erkannt, dass es ein Bugatti war, der unter dem Carport gestanden hatte und so hatte er in seiner Mittagspause ein wenig gegoogelt. Es war ein Bugatti Veyron, mit etwas über tausend PS. Zwar fand er den Wagen etwas übermotorisiert, aber cool war er schon. Nur konnte er nicht verstehen, wozu man solch eine Karre brauchte. Wo konnte man tausend PS ausfahren? Und der Preis hatte Markus hintenüber kippen lassen. Doch nichts anderes hatte er bei dem Haus, das Robert bewohnte, erwartet.

Markus beobachtete den Mann, wie er sich aus dem Wagen schälte und stieg dann selber auch aus. Er griff die Kühltasche und kam langsam den Weg zur Haustür nach oben. Robert wartete auf ihn und winkte ihm lächelnd zu.

„Hallo Markus.“ Er freute sich wirklich, den anderen Mann zu sehen und ihm von seinem Tag zu erzählen. Aber erst einmal ließ er seinen Trainer ins Haus und war erleichtert, dass seine Putzfrau die Schlammflecken vom Morgen entfernt hatte. Das fiel allerdings auch Markus auf, doch er fragte nicht. Er stellte nur seine Schuhe in eine Ecke und war über die Fußbodenheizung sehr erleichtert. Die war ihm heute Morgen gar nicht richtig aufgefallen.

„Und? Wie geht es dir?“, fragte er und stellte die Kühltasche auf die Anrichte, während er sich dann endlich auch die Jacke auszog. Ihn interessierte, wie Robert das Restaurant gefallen hatte und ob er überhaupt Zeit gehabt hatte, es zu besuchen.

„Besser als ich gedacht habe. Ich habe Buch geführt über das, was ich gegessen habe und dabei ist mir aufgefallen, was ich sonst so alles esse, ohne dass es mir auffällt. Den ganzen Süßkram hab ich weggelassen.“ Er ging an den Kühlschrank und suchte etwas zu trinken. Sein erster Griff ging zur Colaflasche, aber er stoppte sich noch früh genug und nahm das Wasser.

„Hey, der Waschbär meint das richtig ernst. Ich bin stolz und so was gebe ich nicht oft zu“, entgegnete Markus und das meinte er völlig ernst. Nach dem holprigen Start hatte er schon schwarz gesehen, doch Robert hatte die Kurve bekommen. „Mit dem ganzen Süßkram, den man tagsüber nicht isst, kann man einiges an Energie sparen und so kann man sich ab und an auch mal bewusst Schokolade gönnen. Ganz verzichten sollst du ja nicht, du sollst nur bewusster wahrnehmen, was du isst.“ Dabei legte er auf den Tisch, was er mitgebracht hatte.

„Das ist auf jeden Fall gut. Leicht gefallen ist es mir nämlich nicht.“ Robert goss ihnen Wasser ein und besah sich, was auf der Anrichte lag. „Fisch, nicht schlecht. Der Tipp mit der Salatbar war übrigens gut. Das Sushi war lecker.“

„Das hört man gern. Ich hoffe, du wirst dich jetzt öfter von Fastfood fern halten und es wird dir nicht so schwer fallen wie befürchtet.“ Markus wusste selber, wie schwer das war. Er hatte es am eigenen Leib durchgemacht. Doch er hatte einen guten Mittelweg gefunden. Sie gönnten sich ein paar Minuten Small Talk, ehe sie sich ans Kochen machen wollten.

Robert konnte zwar nicht kochen, aber er holte alles, was Markus brauchte. Jetzt stand er neben dem anderen Mann und guckte zu, was der machte. „Was machst du aus dem ganzen Gemüse und kriege ich auch einen Nachtisch?“, fragte er und klaute sich ein Stück Mohrrübe.

„Das Zeug wird gerieben und dann zu Puffern vermengt mit Eiern und Mehl. Anschließend ausgebraten. Der Fisch wird ebenfalls gebraten und als Nachtisch habe ich ein Sorbet dabei, das habe ich eben in den Frost gestellt!“ Er kannte doch seinen Waschbär und wie er ihn ködern konnte. „Willst du reiben?“ Er stellte das Reibeisen, was er gefunden hatte und das Gemüse, was er geschält hatte, Robert hin. Der schielte zu seiner Küchenmaschine.

Ein lautes Räuspern ließ ihn seufzen und er griff sich die Reibe. „So viel Kalorien kann das doch gar nicht verbrauchen“, maulte er leise, fing aber brav an zu reiben. Es war nicht anstrengend, aber wie das nun einmal war, wenn man keinerlei Übung hatte, ratschte er sich an der Reibe und schrie auf. Das hatte weh getan und aus einem Reflex heraus steckte er den Finger gleich in den Mund.

„Robert!“ Markus hatte sich ebenfalls erschrocken und griff sich gleich seinen Kunden, zerrte ihn zum Wasserhahn und steckte den Finger darunter. „Warte“, sagte er, als er das Blut sah. In seiner Tasche hatte er immer Pflaster. Schnell war der Finger verarztet und Markus sah Robert grinsend an. „Und weiter“, sagte er und deutete auf den Vorrat Pflaster. „Das reicht noch eine Weile und außerdem geht es nicht darum, wie viele Kalorien das verbraucht, sondern darum, dass du deine Muskeln in Schwung bringst. Küchenmaschine oder Sorbet. Du hast die Wahl.“ Er verschränkte grinsend die Arme. Robert war erpressbar – zum Glück.

„Wie bitte?“ Empört sah Robert Markus an. „Schatz, das kannst du nicht machen. Das Sorbet war die Belohnung dafür, dass ich den ganzen Tag nichts Süßes gegessen habe. Da kannst du jetzt nicht einfach die Spielregeln ändern.“ Er lief hinter Markus her und nahm sich vorsichtshalber lieber doch wieder die Reibe. Noch wusste er Markus nicht gut genug einzuschätzen.

„Schatz?“, fragte Markus nach, wurde aber nachsichtig. „Wegen mir nimm die Küchenmaschine, aber dann spülst du sie von Hand. Eine bisschen Bewegung muss sein.“ Ganz ging er nämlich nicht vom frisch gesteckten Klassenziel ab. „Und nenn mich nicht ständig Schatz, das könnte irgendwann mal zu unschönen Verwicklungen führen.“

„Warum? Du bist Single und ich auch, also wen sollte es stören?“ Robert wollte nicht einsehen, was daran denn falsch war. Es war ein Spiel und es machte ihm Spaß. Er kam aber nicht dazu noch mehr zu sagen, denn sein Handy klingelte. „Och nee“, brummte er leise, als er sah, wer da was von ihm wollte, ging aber trotzdem dran. „Jürgen, was willst du?“, begrüßte er seinen Ex.

„Wissen, warum du dir Stricher mit nach hause nimmst, die mich dann am Telefon auch noch blöd anpampen. Wie tief muss man eigentlich sinken“, wetterte Jürgen auch gleich los und zwar so laut, dass Markus auch noch was davon hatte. Der rutschte unauffällig etwas näher und war latent angepisst, dass er als Stricher durchgehen sollte.

„Sag mal, hast du sie noch alle? Komm ja nicht noch mal auf die Idee, Markus als Stricher zu bezeichnen.“ Normalerweise dauerte es länger, bis Jürgen ihn auf die Palme brachte, aber heute hatte er es schnell geschafft. „Außerdem geht es dich gar nichts mehr an, wen ich mir ins Haus hole, aber Stricher ganz bestimmt nicht.“

„Lüg mich doch nicht an. Der Vogel hat mir doch selber gesagt, dass er nicht gehen wird, weil er Geld dafür bekommt!“ Jürgen war außer sich. Zum einen sah er gar nicht ein, dass es ihn nichts angehen sollte, was Robert tat, zum anderen wusste er doch ganz genau, was er gehört hatte.

„Ja sicher, weil du ihm gleich so dämlich gekommen bist. Du bist doch nicht ganz dicht, gleich jeden Mann, der in meiner Nähe ist, sofort so anzufahren. Wir sind nicht mehr zusammen. Gewöhn dich also daran, dass Markus jeden Tag bei mir sein wird.“ Robert wurde jetzt langsam wütend, denn Jürgen wollte einfach nicht verstehen, dass er ihn nicht mehr wollte.

„Ist das jetzt dein Neuer oder was? Der klang aber noch verdammt jung. Lockst du dir jetzt schon Lover mit Kinderschokolade an, weil du nicht altern willst oder was ist dein Problem? Du weißt ganz genau, dass wir nie wirklich von einander loskommen und ein neuer Stecher wird das auch nicht ändern.“ Jürgen gab nicht auf. Bisher war es immer so gelaufen, dass sie sich für eine Weile getrennt hatten und dann wieder zusammen fanden, weil das, was auf dem Markt zu finden war, nicht das bieten konnte, was sie suchten. Sie gehörten zusammen – das war Schicksal.

„Glaub doch, was du willst. Ich muss mich vor dir nicht rechtfertigen, wen ich mir ins Bett hole oder nicht. Tschüss!“ Robert legte auf und atmete tief durch. „Dieses Arschloch raubt mir noch mal den letzten Nerv. Warum begreift er nicht endlich, dass Schluss ist?“

„Weiß nicht. Vielleicht sendest du die falschen Signale? Keinen Schimmer, ich kenne weder dich gut genug, noch kenne ich ihn, als dass ich mich da einmischen würde.“ Markus wollte da nicht noch tiefer mit hinein gezogen werden, als er sowieso schon drinnen steckte. Die Aktion heute Morgen hätte eigentlich nicht so entarten dürfen, wie es passiert war, doch er war sauer gewesen, dass jemand ihn gleich so abgefertigt hatte. Unprofessionell, das wusste er selber.

„Sollst du auch gar nicht. Ich werde schon alleine mit ihm fertig.“ Robert sagte Markus lieber nicht, dass Jürgen ihn jetzt auf dem Kieker hatte, weil er vermutete, dass er Roberts neuer Lover war. „Lass uns weitermachen. Wegen dem Blödmann will ich nicht hungrig bleiben.“

„Guter Plan. Du reibst weiter, sonst wird das nämlich nichts.“ Markus machte sich daran, die Pilze klein zu schneiden, die noch mit in die Masse sollten und drückte schon einmal die Zucchiniraspel trocken. Robert raspelte brav weiter, war jetzt aber vorsichtiger und so dauerte es gar nicht lange und die ersten Puffer brutzeln herrlich duftend im heißen Öl.

Derweil beaufsichtige Robert die Fischfilets in ihrer Pfanne, da konnte er nicht viel falsch machen. „Nur nicht anbrennen lassen“, mahnte Markus. Mit seinen Gedanken aber war er wo anders. Wie würde er mit einem Ex umgehen, der so penetrant war? Er wusste es nicht.

„Du hast gut reden und woher soll ich wissen, dass es angebrannt ist?“ Robert war gar nicht wohl in seiner Haut. Wenn er es verpatzte, hatte er heute nichts zu essen und das wollte er unbedingt vermeiden. Darum drehte er nervös den Pfannenwender in seinen Händen und wusste nicht, ob er es riskieren konnte, drunter zu gucken.

„Guck halt. Wenn's zerfällt schmeckt es trotzdem noch und du hast wieder was gelernt“, sagte Markus und ließ sich nicht abhalten. Robert war kein kleines Kind und er war nicht auf den Kopf gefallen. „Außerdem richt man es, wenn es anbrennt.“ Die ersten Puffer wanderten in den vorgeheizten Ofen und dann ging es weiter, bis der Teig aufgebraucht war.

„Aha.“ Das half Robert jetzt nicht wirklich weiter, aber da es sonst keiner machte, hob er vorsichtig eines der Fischfilets an. Verbrannt war es nicht. Es war leicht gebräunt und sah lecker aus. Aber so kriegte er es nicht gedreht, darum nahm er sich noch einen zweiten Pfannenwender. Vorsichtig drehte er den Fisch auf die andere Seite und freute sich, dass nichts kaputt gegangen war.

„Geht doch“, sagte Markus nur, grinste aber und hielt einen Daumen hoch. Robert sollte ja schließlich motiviert werden. „Aus dir mach ich noch einen guten Hausmann. Vielleicht kannst du in ein paar Jahren sogar selber Sushi machen.“ Schließlich sollte man ja Ziele haben. Die Puffer waren fertig und schnell waren zwei Teller auf die Anrichte gestellt, auf die das Essen verteilt wurde. Robert brachte stolz seine Fischfilets und teilte brüderlich.

„Na mal sehen, ob du es schaffst, woran bisher alle gescheitert sind.“ Robert brachte die Pfanne weg und grinste. „Ist ein Glas Wein erlaubt, oder eine Weinschorle?“ Er mochte das gerne zum Essen, aber sonst trank er eher keinen Alkohol.

„Ein Glas ist schon okay. Ich will dir ja nicht alles verbieten. Ich will dir beibringen, Maß zu halten und dich im Zweifel für das Richtige zu entscheiden.“ Er wusste auch, dass er etwas lasch war, doch Robert brauchte Motivation und die bekam das Leckermaul eben über das Futter. So hatte ihn Markus gut im Griff.

„Mehr trinke ich eigentlich nie. Möchtest du auch?“ Vorsorglich holte Robert zwei Weingläser. Wenn Markus nicht wollte, konnte er auch Wasser daraus trinken. „Wo hast du kochen gelernt? Gehört das mit zu deiner Ausbildung?“

„Kochen musste ich lernen, als ich klein war. Meine Mom hat Schicht gearbeitet und mein alter Herr war bis vor ein paar Jahren auf Zeche. Wenn ich also was Warmes in den Bauch haben wollte, musste ich es lernen, weil Mom nicht immer Zeit hatte, was vorzukochen. Es hat zum Überleben gereicht, aber irgendwann hat mich der Ehrgeiz gepackt. Mit gesunden Lebensmitteln lecker zu kochen lerne ich auch in meiner Ausbildung, das ist richtig.“ Markus wünschte einen guten Appetit und begann zu essen, nickte aber, als Robert ihm Wein einschenkte. Ein Glas war okay. Dann konnte er immer noch fahren.

„Tja, dann hätte ich es vielleicht auch gelernt, aber unsere Köchin wäre doch etwas empört gewesen, wenn ich in ihrer Küche rumgewerkelt hätte.“ Robert zuckte mit den Schultern. Ihre Leben waren wohl ziemlich unterschiedlich verlaufen. „Meine Eltern hab ich aber wohl genauso selten gesehen, wie du deine, auch wenn sie nicht Schicht gearbeitet haben.“

„Als was haben sie denn gearbeitet, wenn sie so viel unterwegs gewesen waren?“, fragte Markus und nahm sein Glas. Es war interessant, mehr über die Kunden zu wissen, denn so konnte man in bestimmten Situationen besser reagieren oder verstand deren Reaktionen besser.

„Mein Vater hatte ein Bauunternehmen, das jetzt mein Bruder führt. Sie sind ganz gut im Geschäft, zumindest nach den letzten Bilanzen. Meine Mutter hat nicht gearbeitet, aber sie hat einen Faible für Wohltätigkeitsbälle, Benefizveranstaltungen und sie engagierte sich für verschiedene Stiftungen.“ Das hörte sich jetzt etwas oberflächlich an, aber das war seine Mutter gar nicht. „Sie hatte aber immer Zeit für meinen Bruder und mich, wenn wir sie brauchten und hat die Familie zusammengehalten.“

„Bauunternehmen, hm? Das erklärt auch das Haus, das du hier stehen hast“, sagte Markus und hatte keinerlei Spott in der Stimme. Ihm gefiel, was er bisher gesehen hatte und damit musste er ja nicht hinter dem Berg halten. Er selbst lebte um einiges bescheidener, vor allen dingen aber beengter. Doch er wohnte gern dort, wo er wohnte. Nicht nur, weil seine beste Freundin immer für ihn da war und seine Eltern noch in der Nähe wohnten, so dass seine kleinen Schwestern ihn besuchen kommen konnten, sondern auch, weil man in einer kleinen Behausung weniger putzen musste. Es war ja weniger da.

„Japp, mein Bruder hat es nach meinen Wünschen gebaut. Es ist wirklich nicht verkehrt, wenn man einen Bauunternehmer in der Familie hat.“ Robert lachte leise, als er sich an die vielen Diskussionen erinnerte, weil sein Bruder meinte, dass vieles nicht so gebaut werden konnte, wie Robert es wollte, aber er hatte sich durchgesetzt. „Ist übrigens lecker“, sagte er noch schnell, bevor er es vergaß.

„Freut mich. Morgen kann’s noch mal das gleiche geben und du kochst, wie wäre das?“, schlug Markus vor und besann sich wieder auf das Wesentliche. „Kennst du eigentlich den Weg zum Studio oder soll ich dich morgen früh abholen? Kein Problem, solange du bereit bist, in meine Klapperkiste zu fahren. Aber keine Sorge, er ist weder durchgerostet noch unzuverlässig. Wir werden ankommen.“

„Danke für das Angebot, aber ist nicht nötig. Ich kenne den Weg. Treffen wir uns dort.“ Von dem Vorschlag, dass er kochen sollte, war Robert noch nicht überzeugt, aber er nickte. „Du solltest aber etwas in Reserve haben, denn ich bin noch nicht überzeugt, dass ich das hinbekomme.“

„Ich werde dir auf die Finger klopfen und eingreifen, wenn es gar nicht geht. Aber ich glaube nicht, dass du dich so blöd anstellen wirst, dass wir alternativ kochen müssen.“ Markus war sich ziemlich sicher, dass Robert mehr konnte, als der sich zutraute. Zukünftig würde er ihm wohl jeden Tag das Rezept für den Abend überstellen, damit Robert es verinnerlichen konnte. Je schneller Markus seinen Kunden dazu brachte, selbstständig auf gesunde Ernährung zu achten, um so besser.

„Okay, probieren wir es.“ Ganz entgegen seiner Befürchtungen, war der erste Tag gar nicht so schlimm gewesen, allerdings hatten sie auch nicht sehr viel Sport gemacht. Das kam wohl morgen und dann würde sich zeigen, ob er es immer noch nicht so schlimm fand.

Das Essen war mittlerweile beendet und Markus räumte die Teller wie gewohnt in die Spülmaschine. Jetzt endete sein Tag und er freute sich schon darauf, daheim auf die Couch zufallen, denn im Studio hatte er heute zwei Aerobic-Gruppen betreut. Das steckte sogar ihm in den Knochen. Alles, was er jetzt noch wollte, waren eine heiße Dusche und eine weiche Couch, dazu vielleicht noch ein langweiliger Film, der ihn einschlafen ließ.

„Lief ja heute schon ganz gut, wir sehen uns dann morgen“, sagte er, als er sein Zeug in der Küche wieder zusammen räumte. „Ich habe dir etwas im Kühlschrank gelassen fürs Frühstück. Nicht dass du dich genötigt fühlst, bei deinem Lieblingsfastfoodladen frühstücken zu müssen, ehe du zu uns kommst.“

Er bekam nur ein leises Knurren zur Antwort und so verabschiedete sich Markus lachend.