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Twins 6 - Nichts geht über Familie - Teil 1 - 4

01

„Ach hier bist du?“ Nathaniel hatte zwei Gläser Wein in der Hand und war auf der Suche nach seinem Liebsten gewesen. Er fand Fabio im Wintergarten unter den Bananenpflanzen, wie er hinaus in den dunklen Garten blickte.

Fabio wand sich nicht um, suchte nur Nathaniels Blick im schwachen Spiegel der Scheibe und lächelte.

„Noel hat mich vom Teppich vor dem Kamin vertrieben mit seinem Geschnarche“, lachte er leise und blickte wieder nach draußen. Er wusste, dass Nathaniel zu ihm kommen würde, sich an ihn lehnen und sanft auf den Hals küssen – so gut kannte er seinen Schatz langsam.

Er musste auch nicht lange auf die sanften Berührungen der fremden Lippen warten und bekam danach ein Glas Wein gereicht. Nathaniel liebte die gemeinsamen Abende, da sie leider nicht so häufig stattfinden konnten, wie sie es beide gerne hätten. Sie waren beide viel beschäftigt und darum nutzten sie jede Gelegenheit, die sie zusammen sein konnten.

Nathaniel war für seine Firmen in den letzten Wochen viel unterwegs gewesen und auch Fabio hatte sich zwischen Studium und seinen Firmen aufgerieben. Doch kurz vor Weihnachten hatten beide Fahrt herausgenommen. Die letzten beiden Wochen des Jahres wollten sie nur noch einander schenken – und Marius, denn Nathaniels Sohn sollte morgen am Flughafen ankommen. Fabio war aufgeregt, denn es hatte bisher noch nicht gepasst, dass sie sich hatten kennen lernen können.

„Noel hat dich also vertrieben“, schmunzelte Nathaniel und ließ ihre Gläser gegen einander klingen. Das kam ihm ganz gelegen, denn der junge Serval, der nicht mehr klein und knuddelig, sondern fast schon ausgewachsen war, beanspruchte seine Mama, also Fabio, meist für sich, wenn er wach war und der Graf musste sich dann immer seinen Platz an der Seite seines Lieblings erstreiten. Das war nicht so leicht, wenn man weder so gelenkig wie der Serval war, noch so lange Krallen hatte, die an Lieblingspullovern mitunter hässliche Fäden ziehen konnten. Und so war Noel meistens der triumphierende Sieger, der seine Siege auch gebührend auskostete.

„Hast doch gesehen, wie sich die Plage ausgebreitet hat. Da war nicht mal mehr für mich halbe Portion ein Plätzchen frei“, klagte Fabio sein Leid, hoffend, dass er etwas getröstet wurde.

„Armer Schatz“, sagte Nathaniel auch gleich und zog Fabio an sich. „Du bist doch keine halbe Portion, sondern perfekt.“ Sanft strichen seine Lippen über Fabios Wange und verteilten kleine Küsse. „Wir sollten der kleinen Plage wohl was anderes zum beschmusen geben.“

„Vorzugsweise etwas, was er jagen kann. Alles andere zerfleddert er wie das Kissen“, murmelte Fabio. Er stellte das Glas auf einen der kleinen Tische, auf denen ebenfalls Pflanzen standen und drehte sich in den Armen seines Geliebten, um ihn besser küssen zu können. Er war nervös, denn er hatte keinen Schimmer, wie Marius auf ihn reagieren würde.

Er konnte das Lächeln auf den Lippen seines Schatzes spüren, als sie in einem innigen Kuss versanken. „Ich liebe dich“, murmelte Nathaniel und kraulte Fabios Nacken. „Eigentlich dachte ich an eine kleine Freundin, die ihn auch jagen kann.“

„Das wäre wirklich nicht schlecht, wenn er endlich jemanden bekäme, der ihn bespaßen kann.“ Auch Fabio kam immer mehr zu dem Entschluss, dass der Serval nicht ewig allein bleiben konnte. Er brauchte Gesellschaft und das Personal von Nathaniels Schloss war wirklich nicht damit zu beauftragen, den Pascha zu bespaßen, auch wenn gerade die Dienstmädchen es gern taten, denn Noel schmuste gern und ließ sich noch lieber kraulen.

„Wir können ja auf die Suche gehen. Vielleicht bekommt unser Rabauke dann ja auch noch ein Weihnachtsgeschenk.“ Nathaniel lachte leise, weil er sich den Trubel vorstellen konnte, wenn noch ein weiterer Serval durch das Schloss fegte und Unsinn machte. Noch waren seine Gobelins relativ glimpflich davongekommen, aber eben nicht gänzlich. Ein paar Fäden hatte Noel schon gezogen.

Allerdings hatte er dafür auch reichlich Schimpfe bekommen und sie schlussendlich nur noch in Notfällen erklommen, wenn er wieder auf der Flucht vor einem wütenden Fabio gewesen war, der zerfledderte Unterhosen in seinem Zimmer gefunden hatte. Warum sich der Serval regelmäßig gezielt die Unterhosen seiner Ersatzmama rausgezerrt hatte, wussten sie auch nicht, aber Nathaniel konnte gut damit leben. Seine Klamotten traf es nicht und Fabio konnte er auch gut ohne Unterhose ertragen.

Nathaniel lehnte seinen Kopf an den seines Schatzes und nahm einen Schluck von dem schweren Rotwein. Er hatte ein neues Weingut aufgetan mit hervorragenden Weinen und da dieses Gut in Südafrika lag, überlegte er, sich einzukaufen oder es ganz zu übernehmen. Er hatte schon erste Verhandlungen begonnen.

„Kommst du morgen mit zum Flughafen?“, fragte er Fabio, weil er nicht wusste, was sein Freund geplant hatte. Weil er keine Lust hatte zu stehen, führte er Fabio zu einem der bequemen Sofas, damit sie ein wenig kuscheln konnten.

„Lieber nicht. Vielleicht solltest du Marius erst einmal allein begrüßen. Ich habe keinen Schimmer, wie er reagiert und so kannst du mal vorfühlen. Im Schloss kann man sich ja zur Not aus dem Weg gehen und wenn es wirklich nicht klappen sollte – Mama freut sich, wenn der verlorene Sohn nach Hause kommen würde.“ Fabio hatte sich schon ausgemalt, was er tat, wenn Marius wirklich negativ auf ihn reagierte, was er nicht hoffte.

Nathaniel akzeptierte Fabios Entscheidung, allerdings nicht in jedem Punkt. „Du willst wirklich zu deinen Eltern, wenn es mit Marius nicht klappt?“ Begeistert war er davon nicht, denn es wäre ihr erstes gemeinsames Weihnachten und Nathaniel freute sich richtig darauf.

„Schatz“, sagte Fabio sanft und strich seinem Liebling durch die schwarzen Haare. Er lächelte. „Es fällt mir nicht leicht, dich ausgerechnet Weihnachten zurück zu lassen, aber der Kleine ist nicht sehr oft bei dir und Weihnachten uns allen zu verderben, muss ja auch nicht sein. Er kommt doch wegen dir und wird Zeit mit dir verbringen wollen. Wenn er sie auch mit mir verbringen will, ist das toll und ich hoffe es. Doch wenn nicht, dann hat der Kleine immer noch Vorrang.“ Zumindest sah Fabio das so, auch wenn es ihm nicht leicht fiel.

„Hm“, brummte Nathaniel, nicht wirklich überzeugt. Er wusste, dass Fabio diese Entscheidung nicht leichtfertig getroffen hatte, aber er nahm sich das Recht raus, nicht zufrieden damit zu sein. Er wollte sich nicht zwischen seiner Liebe und seinem Sohn entscheiden müssen.

„Warten wir es ab, hm?“, sagte Fabio und lächelte wieder. „Vielleicht ist meine Flucht auch gar nicht nötig, weil er mich umwerfend findet.“ Er wackelte mit den Augenbrauen und kicherte, ehe auch er sich wieder seinen Wein griff. Ihn nur auf Nathaniels Lippen zu schmecken war Fabio nicht genug.

„Na gut.“ Nathaniel lachte. Er konnte einfach nicht ernst sein, wenn sein Schatz so frech kicherte. Sie sollten wohl wirklich erst einmal abwarten. Sein Leben hatte sich die letzten Monate ganz schön verändert. Er war mehr Zuhause und hatte schnell festgestellt, dass es ihm gut tat, weniger zu arbeiten.

Einen nicht ganz unwesentlichen Teil trug allerdings auch derjenige dazu bei, der ihm gerade schnurrend um die Beine strich, weil er wusste, dass er den Grafen schneller weich klopfen konnte, als seine Mama, wenn es darum ging, außer der Reihe noch einmal Futter zu bekommen.

„Na? Wieder wach?“ Nathaniel klopfte neben sich auf die Couch und Noel sprang elegant neben den Grafen und legte sich hin, damit er gekrault werden konnte. Das war auch nicht schlecht. Wie erwartet, strich Nathaniel auch gleich durch das weiche Fell und zupfte leicht an den großen Ohren.

„War wohl langweilig allein auf dem Teppich, hä? Keinen, den du runter schubsen konntest?“ Fabio war ein schlechter Verlierer, doch das störte Noel nicht. Er genoss es lieber, wie herrlich Nathaniel ihn kraulen konnte und weil der nur eine Hand benutzte und das so nicht bleiben konnte, kroch er dichter auf dessen Schoss und schob sich auffällig unauffällig zwischen den Grafen und seine Mama – sein Lieblingsplatz, weil ihn dann meistens vier Hände kraulten.

„Kleiner Schleicher“, schmunzelte Nathaniel, weil Noel natürlich erreicht hatte, was er wollte. Er wurde von vier Händen gekrault und wie immer nutzte Nathaniel das, auch über Fabios Hände zu streichen und ihre Finger kurz zu verschränken. „Wir haben dich eindeutig vollkommen verzogen, mein Süßer.“

Als hätte der Serval genau verstanden, blickte Noel kurz auf, aber nur, um sich dann verächtlich wieder abzuwenden. Verzogen? Er? Das hielt er für ein infames Gerücht und so aalte er sich auf dem Rücken, winkelte die Pfoten an und ruckelte so lange, bis er besonders bequem lag. So liebte er Abende auf der Couch.

„Völlig verzogen“, knurrte auch Fabio und versuchte, sich gegen Nathaniel zu lehnen.

Er musste sich ziemlich biegen, aber mittlerweile hatte er Übung darin und der Kuss, den er bekam, versöhnte ihn ein wenig. Schließlich nahm Nathaniel Noel hoch und legte ihn quer über ihre Beine. Zwar war der Kater davon nicht so begeistert, aber das Versprechen, gleich noch ein Leckerchen zu bekommen, ließ es ihn hinnehmen. Und damit er es auch ja nicht vergaß, würde Noel ihn später noch einmal liebevoll daran erinnern, so wie er es immer tat. Er biss sich einfach im Bademantel fest und ließ sich wie ein nasser Sack über das Parkett schleifen, solange, bis Nathaniel seinen Fehler bemerkte und behob.

„Er hat uns voll in den Pfoten“, knurrte Fabio. Doch er hatte von Anfang an nichts dagegen getan, jetzt durfte er sich auch nicht beschweren.

„Ja, das kann man wohl sagen, aber ich finde das gar nicht schlimm. So sind wir zwei viel öfter zusammen und dafür lass ich mich gerne von einem so süßen Kater nötigen.“ Nathaniel lachte und küsste Fabio. „Er bekommt eine Freundin und dann wird es schwieriger, sich über zwei Katzen aneinander zu lehnen.“

„Dann kriegen sie eine eigene Couch, ich bin nämlich zu kurz, um mich über zwei von seiner Sorte hinweg zu dir zu recken.“ Fabio sah ja gar nicht ein, dass er auf seine Zärtlichkeiten verzichten sollte, nur weil Noel sie in seinen Pfoten hatte. „Und wenn gar nichts mehr greift, treibe ich sie raus in den Schnee“, beschloss er, denn seit einer Stunde fielen wieder watteweiche Flocken aus dem wolkenschweren Himmel.

„Wir werden sie schon klein kriegen.“ Nathaniel lachte und küsste Fabio sanft. „Es wäre schön, wenn der Schnee sich bis Weihnachten halten würde. Ist zwar kitschig, aber für mich gehört es einfach zu einem perfekten Weihnachten dazu.“ Noel räkelte sich und knurrte leise, weil er sich vernachlässigt fühlte. „Für dich ist das bestimmt ungewohnt, denn bei euch Zuhause ist es ja Sommer zu Weihnachten.“

„Ja und ich kann am Pool liegen, ich kann Noel rein werfen und mit kurzen Klamotten unterwegs sein.“ Das fehlte Fabio immer noch von allem am meisten. Er mochte es nicht, sich dick einhüllen zu müssen und auch wenn er schon viele Jahre durch die Welt tingelte, hatte er sich daran noch nicht wirklich gewöhnt. „Aber schön sieht es trotzdem aus, wenn ich hier drinnen bin und vor dem Kamin liegen kann.“

„Du wärst eine perfekte Katze“, schmunzelte Nathaniel und kraulte seinen Schatz im Nacken. „Faul vor dem warmen Kamin liegen, dösen und sich beschmusen lassen.“ Es gab da durchaus einige Parallelen zu Noel, der das kalte Winterwetter auch nicht sonderlich schätzte.

Zwar hatte er neugierig einen Teil seiner Pfoten in das weiße Zeug gesteckt, doch so groß die Neugier auch war, der Ekel vor der kalten Nässe war größer und so war er schon wieder im Wintergarten, noch ehe er mit allen Vieren im Schnee gestanden hatte.

„Ach, wäre ich das?“, schnurrte Fabio und legte sich einfach auf Noel, um sich dichter an Nathaniel schmiegen zu können.

Natürlich war gleich wieder Terror angesagt, denn der junge Serval mochte es gar nicht, so bedrängt zu werden, also fauchte er böse und bekam einen Klaps zwischen die Ohren. Beleidigt suchte er das Weite und beobachtete die beiden schmusenden Männer aus einiger Entfernung. Mit reichlich Frust im Fell raffte er seine zerfledderte Kuscheldecke, die neben der Couch lag und zerrte sie sich demonstrativ auf den Teppich vor dem Kamin. Mit den Zähnen hielt er sie fest und rollte sich mit einer geschickten Drehung ein, bis nur noch der Schwanz rausguckte.

„Ich glaube, der kleine Liebling ist sauer“, lachte Fabio und konnte sich so auf Nathaniels Schoß legen.

„Ja, der Eindruck drängt sich einem geradezu auf“, lachte Nathaniel und sah liebevoll auf seinen Schatz hinab. Sie wussten beide, dass Noel später von Nathaniel mit einem besonderen Leckerbissen milde gestimmt wurde. Aber jetzt genossen sie es erst einmal beieinander zu sitzen, sich zu unterhalten und Zärtlichkeiten auszutauschen.

Der Kamin knisterte leise und als nur noch die Glut glimmte, waren auch Nathaniel und Fabio auf dem Weg ins Bett. Noel war schon vorausgegangen, nachdem er sich eine Hand voll Brekkies geholt hatte – aus irgendeinem Grund war er nach dem trocknen Zeug förmlich verrückt.

Mit Fabio im Arm schlief der Graf allmählich ein mit dem letzten Gedanken daran, wie es würde, wenn Marius auf Fabio traf.



02

Immer wieder sah Nathaniel auf die Anzeigentafel am Flughafen. Marius‘ Maschine war vor ein paar Minuten gelandet und er lief mit den anderen, die jemanden abholen wollten, zum Ausgang, damit er seinen Sohn gleich in Empfang nehmen konnte. Anfangs hatte er immer mit einem Fähnchen dagestanden und gewartet, doch Marius war jetzt ein großer Junge und große Jungs bestanden darauf, etwas weniger auffällig eingesammelt zu werden. Was aber nicht hieß, dass der Empfang weniger herzlich gewesen wäre.

Wie jedes Mal ging Marius alles viel zu langsam, als er mit seinem Trolley an den Hacken versuchte, an einem älteren Ehepaar mit einer Herde aus Koffern und Taschen vorbei zu kommen, als die Türen sich öffneten. Mit den Augen suchte er seinen Papa.

„Hier“, rief Nathaniel auch gleich und lief los. Er wollte seinen Sohn endlich wieder in seine Arme schließen. Sie hatten sich jetzt ein paar Monate nicht gesehen, auch wenn sie regelmäßig in Kontakt standen. Lachend drückte er Marius an sich. Der brummelte zwar, dass das peinlich wäre, aber kurz drückte er seinen Vater an sich und strahlte.

Nathaniel nahm den Trolley und legte seinem Jungen den Arm um die Schulter, als sie nach draußen gingen. Der Weg durch den Dortmunder Flughafen war wie immer schnell erledigt und als sie auf dem Parkplatz standen, suchte Marius mit den Augen den großen schweren BMW seines Vaters. Er blickte irritiert auf, als sie vor einem schwarzen Sportwagen standen. „Hast du einen neuen Wagen?“

„Nein, meiner ist nur zur Inspektion. Das ist Fabios Wagen.“ Nathaniel verfrachtete den Koffer im Kofferraum und grinste. „Ich darf ihn nicht oft fahren, aber heute hat er ihn mir geliehen, damit ich dich abholen kann.“ Nathaniel beobachtete Marius bei seinen Worten, weil er wissen wollte, wie sein Sohn auf den Namen seines Geliebten reagierte.

„Ach ja, Fabio“, sagte Marius und betrachtete sich den Wagen noch einmal. Aber nur kurz, denn zu viel Begeisterung wollte er dafür nicht aufkommen lassen. Blieb nur zu hoffen, dass Fabio, wie das letzte Mal, nicht da war. Das wäre Marius das liebste, denn viel Lust hatte er auf den fremden Mann nicht, nicht nachdem, was seine Mama ihm gesagt hatte.

Nathaniel war etwas besorgt über die so sparsame Reaktion. Er wusste, dass sein Sohn schnelle und schnittige Autos mochte und dass ihn dieses gar nicht interessierte war kein gutes Zeiten. „Ja, Fabio. Er wartet im Schloss auf uns und freut sich schon darauf, dich endlich kennen zu lernen.“

„Aha“, machte Marius und krabbelte in den Wagen. Er war groß für sein Alter und so war es okay, dass er mit seinen zehn Jahren auf dem Vordersitz saß, denn eine Rückbank gab es nicht. „Können wir nicht wieder bei dem leckeren Chinesen essen gehen, wo wir das letzte Mal waren? Da hätte ich jetzt Lust drauf“, erklärte er seinem Vater und sah ihn erwartungsvoll an.

„Können wir gerne irgendwann machen, nur nicht heute. Martha hat extra etwas Besonderes gekocht, weil du zu Besuch kommst. Sie freut sich schon ungemein auf dich, genauso wie Thilo und Darius.“ Nathaniel wusste nicht so genau, was er davon halten sollte, aber er kannte seinen Sohn doch gut genug, um zu erkennen, dass Marius nicht nach Hause wollte und dass ließ ihn etwas besorgt auf die erste Begegnung mit Fabio werden.

„Was gibt es denn?“, wollte Marius wissen, als er sich anschnallte. Auf Thilo freute er sich schon. Der konnte ganz toll malen und hatte coole Bilder und sah voll witzig aus mit seinen langen schwarz-weißen Haaren. „Essen wir alleine? Ich will dir doch so viel erzählen.“

„Ich weiß nicht, was Martha zaubert, aber du kannst sicher sein, dass es etwas ist, was du gerne isst.“ Nathaniel wuschelte seinem Sohn durch die Haare. „Ich bin schon ganz gespannt, was du zu erzählen hast. Fabio bestimmt auch, denn er wird natürlich mit uns essen.“

„Warum das denn? Er gehört doch gar nicht zur Familie. Den geht das gar nichts an“, murmelte Marius. Es schmeckte ihm überhaupt nicht, dass der Fremde sich so einmischen würde. Sein Papa gehörte immer noch ihm und er kam sicherlich nicht hier her, um ihn teilen zu müssen.

„Marius!“ Mit gerunzelter Stirn sah Nathaniel auf seinen Sohn und seufzte innerlich. Anscheinend würde es zwischen seinem Geliebten und Marius nicht sofort klappen. „Fabio gehört sehr wohl zu unserer Familie. Er ist mein Lebenspartner und wohnt mit uns zusammen im Schloss.“

„Na toll!“ Marius verschränkte die Arme vor der Brust und sah aus dem Fenster, ein untrügliches Zeichen dafür, dass er sauer war. „Da komm ich extra und freu mich total und dann...“ Er murmelte nur vor sich hin, gar nicht für die Ohren seines Vaters gedacht. Wenn es diesen Fabio nicht gäbe, wäre sein Papa bestimmt mit ihm essen gefahren, aber es schien ja nur wichtig zu sein, was dieser Fabio wollte.

Nathaniel griff das Lenkrad fester und drehte sich erst zu seinem Sohn, als er an einer Ampel halten musste. „Marius, was ist denn so schlimm daran, dass Fabio auch da ist?“, fragte er sanft. „Ich werde dadurch nicht weniger Zeit für dich haben. Ich habe mir diese Wochen vor Weihnachten extra frei genommen, weil du kommst. Wir sehen uns so selten und ich freue mich, dich bei mir zu haben.“

„Ich will Zeit mit dir verbringen und nur mit dir. Der andere hat dich das ganze Jahr, jetzt bin ich dran“, erklärte er in seinem kindlichen Trotz, sah seinen Vater aber ebenfalls erwartungsvoll an. Doch der musste sich wieder auf den Verkehr konzentrieren, denn es ging weiter.

„Ich doch auch mit dir, Marius, aber was du verlangst ist nicht fair. Ich liebe Fabio und ich werde ihn ganz bestimmt nicht wegschicken.“ Nathaniel wollte gleich klar stellen, dass nicht alles nach Marius’ Nase ging. „Wir werden auch viele Dinge alleine machen, aber eben nicht alles.“

„Aber vieles!“, wollte er noch einmal versichert haben und musste sich vorerst damit zufrieden geben. Vielleicht bekam er ja doch noch, was er wollte. Aber dazu musste er den Eindringling erst einmal beschnüffeln. Vielleicht war mit dem Typen ja auszukommen, aber Marius glaubte das eher nicht. Es schien wirklich so zu sein, wie seine Mama gesagt hatte und das musste er unterbinden, denn er hing an seinem Papa und wollte ihn nicht verlieren.

„Ja, vieles.“ Nathaniel lächelte seinen Sohn an. Vielleicht wurde es zwischen Marius und Fabio doch nicht ganz so schlimm, wenn sie sich erst einmal getroffen hatten. Schließlich wusste sein Schatz, was auf dem Spiel stand und würde sich von der besten Seite präsentieren.

Nicht das sein Schatz noch andere als beste Seiten hätte. Nathaniel grinste und weil Marius nicht wusste warum, grinste er mit. „Okay – ich will heute einen Schneemann bauen, einen ganz ganz großen“, überlegte er, „und Schneeengel will ich machen und dich mit Schnee bewerfen.“ Marius lachte und wirkte zufrieden. Er lehnte sich entspannt zurück und sah sich neugierig auf den verschneiten Straßen um.

„Na, dann wollen wir mal hoffen, dass im Garten genug Schnee liegt, damit wir das alles hinkriegen. Aber sei gewarnt, wenn ich mit Schnee beworfen werde, dann räche ich mich und deine Kleinkind-Schonzeit ist vorbei.“ Nathaniel lachte und wuschelte Marius kurz durch die schwarzen Haare.

Der wusste jetzt nicht, ob er stolz sein sollte, weil er schon ein Großer war oder doch lieber knurrig, weil sein Vater ihm schon eine Schneetaufe angekündigt hatte. Doch er entschied sich dafür ein Großer und stolz darauf zu sein. Wenigstens sein Vater nahm ihn ernst, denn bei seiner Mutter wurde er das Gefühl nicht los, sie weigerte sich dagegen, dass ihr Baby erwachsen wurde. „Dazu musst du mich erst mal kriegen“, entgegnete er also völlig von sich und seinen Laufqualitäten überzeugt.

„Da lass dich mal überraschen. So alt bin ich auch noch nicht, dass ich nicht mehr schnell laufen kann.“ Nathaniel grinste breit und lachte schließlich, weil Marius langsam wieder so wurde wie immer.

Frech!

Er freute sich schon auf die Schneeballschlacht. So etwas hatte er schon ewig nicht mehr gemacht.

„Aber ich bin viel wendiger und viel schneller.“ Marius ließ sich nicht beirren und wurde nervös, als sie die Auffahrt hinauf fuhren. Er freute sich jedes Mal aufs Neue, wieder hier zu sein. Sein Zuhause war auch schön, doch ihr Haus hatte nicht so ein schönes grünes Anwesen wie das Schloss seines Vaters. Und wer wohnte schon auf einem Schloss? Das konnte keiner seiner Freunde vorweisen.

Außerdem nutzte er seine Aufenthalte, um nach Geheimgängen zu suchen, seit sein Vater ihm erzählt hatte, dass er das als Kind ebenfalls gemacht hatte und auch einige gefunden hatte. Marius hatte jetzt den Ehrgeiz, eben diese ebenfalls zu finden und wenn möglich noch neue, die er dann mit seinem Vater gemeinsam erkunden wollte.

Allerdings war er bisher noch nicht sehr erfolgreich gewesen. Er hatte zwar eine versteckte Tür gefunden, aber dort war kein Gang gewesen, sondern nur der Sicherungskasten. Das hatte er seinem Vater dann lieber nicht erzählt, nicht dass der ihn noch damit aufzog. Das musste ja nun wirklich nicht sein. „Was ist das?“, fragte er irritiert, als er vor der Tür eine gelbe Katze sitzen sah, sah nicht gerade aus wie eine Hauskatze.

„Das ist Noel, ein Serval. Fabios Familie hat ihn als Baby gerettet, weil seine Mutter gestorben ist. Jetzt lebt er hier bei uns und terrorisiert alle.“ Nathaniel zwinkerte Marius zu und parkte den Wagen, damit sie aussteigen konnten. Er hatte seinem Jungen zwar schon einmal von dem Kater erzählt, aber wenn Marius hier gewesen war, war Noel mit seiner Mama unterwegs gewesen. Sie hatten es mal versucht und Noel war allein bei Nathaniel geblieben – alle Beteiligten hatten daraus gelernt, denn der Kater war nur ein Häufchen Elend gewesen.

„Aha“, sagte Marius und versuchte nicht neugierig zu klingen. Dieser Fabio brauchte gar nicht glauben, dass er sich mit einer exotischen Katze einschleimen konnte. Marius wollte ihn nicht mögen und gut.

Noel spitzte kurz die Ohren, als Nathaniel pfiff, bewegte sich aber keinen Millimeter, denn er wusste, dass der Besuch zu ihm kam und er nicht durch den Schnee zu laufen brauchte. „Er mag keinen Schnee“, erklärte der Graf seinem Sohn und holte den Koffer, damit sie endlich ins Warme kamen.

Fabio hatte seinen Wagen gehört und war zur Tür gelaufen. Kaum hatte er geöffnet, schoss Noel auch schon an ihm vorbei in den Flur. „Na? Genug gelüftet?“, lachte er und sah seinem Kater hinterher. Er war zuvor ständig raus und rein gewuselt, bis Fabio die Nase voll gehabt und die Tür zu gemacht hatte. Deswegen wurde er jetzt auch gerade gnadenlos ignoriert und deswegen war auch der neue Besuch völlig uninteressant.

„Hallo“, rief Nathaniel und winkte seinem Schatz zu. Jetzt kam es darauf an. Marius lächelte nicht, als er Fabio sah und das war kein gutes Zeichen. Normalerweise war er Fremden gegenüber aufgeschlossen und nicht verschlossen, aber leider nicht bei dem Geliebten seines Vaters. Er wirkte steif und abweisend.

Doch er wusste was sich gehörte, er grüßte höflich aber kühl und Fabio versuchte es nicht zu merken. Irgendwie hatte er damit fast gerechnet und er konnte es dem kleinen Kerl ja noch nicht einmal verübeln. „Und? Wie war der Flug?“, fragte er, als er Marius’ Hand wieder losgelassen hatte und der erklärte knapp: „War okay“, dann ging er tiefer in den Flur. Schief grinsend sah Fabio zu Nathaniel und zuckte die Schultern.

„Hallo Schatz“, begrüßte Nathaniel Fabio und seufzte leise, bevor er ihn küsste. „Nicht gut“, flüsterte er leise und sah seinen Geliebten zerknirscht an. Er hatte so gehofft, dass es besser wurde, wenn Marius und Fabio erst einmal aufeinander trafen, aber da hatte er sich wohl geirrt. Nur aus dem Augenwinkel sah er, wie missmutig Marius ihnen bei ihrem Kuss zusah. Dann wandte er sich ab und zog sich die Schuhe aus.

Fabio seufzte lautlos. Er strich Noel über den Kopf, der seine schlechte Laune vergessen zu haben schien und sich nun wieder an seine Mama schmiegte, es war Zeit etwas zu essen, wie der Kater fand. Vielleicht war Fabio ja der gleichen Meinung.

Da Marius sich auf den Weg zu Martha in die Küche machte, um die Köchin zu begrüßen und herauszufinden, was es zu essen gab, zog Nathaniel Fabio zu sich und lehnte sich bei ihm an. „Es wird nicht einfach, aber ich hoffe noch, dass er seine Meinung ändert, wenn er dich näher kennen lernt.“

„Warten wir es ab, Schatz. Zur Not stehle ich mich von dannen, wenn er weiterhin einen Bogen um mich macht. Ich hatte ja gehofft, dass Noel das Eis brechen könnte, doch für den interessiert er sich gar nicht“, sagte Fabio leicht verwundert und löste sich wieder, kratzte sich dabei über den Nacken. Er war ratlos.

„Noel gehört dir, deswegen, nehme ich an. Normalerweise ist er auch ganz verrückt nach schnellen Wagen, aber als ich ihm sagte, dass er dir gehört, war er uninteressant.“ Nathaniel hätte Fabio gerne etwas anderes erzählt. „Nicht gleich abhauen, dann hat er seinen Dickkopf durchgesetzt und das bringt uns gar nichts.“

„Was willst du machen, Liebling? Ihn zwingen? Das wird es nicht einfacher machen und ehrlich gesagt, möchte ich nicht den ganzen Tag durch die Gegend schleichen und hoffen, dass er mich nicht bemerkt. Dafür sind mir meine freien Tage zu schade.“ Fabio war gekränkt, er konnte es nicht ganz vermeiden, doch sie konnten Marius nicht zwingen. Vielleicht konnte Nathaniel ihm auf den Zahn fühlen und erfahren, welche Vorbehalte er hatte, doch das konnten sie hier zwischen Tür und Angel nicht übers Knie brechen.

„Nein, zwingen will ich ihn nicht, aber versuch es ein paar Tage, bitte.“ Nathaniel nahm Fabios Gesicht zwischen seine Hände und sah ihn liebevoll an. „Du bist mir nicht weniger wichtig, als mein Sohn. Ich würde euch gerne beide bei mir haben und darum werde ich versuchen rauszubekommen, was er gegen dich hat.“

„Ich werde es versuchen, Nath, aber ich laufe nicht auf rohen Eiern und wenn es eskalieren sollte, mach ich die Biege.“ Fabio sah zu seinem Schützling, denn auch Noel schien verändert. Eigentlich schlich er jedem Besuch hinterher, der es wagte, in sein Reich einzudringen, doch um Marius machte auch er einen Bogen. Irgendetwas lag in der Luft und das machte es nicht einfacher.

„Das ist okay, Liebling.“ Damit war Nathaniel schon zufrieden. Musste er sich eben anstrengen, dass sie zu dritt Weihnachten feiern konnten. „Komm, sehen wir mal nach, was er macht.“

„Kommst du mit?“, fragte Fabio Noel und weil man sich anschickte, die Küche aufzusuchen und seine Mama an seiner Seite war, folgte er und die Ohren gingen stetig in alle Richtungen. Er war angespannt. So strich Fabio ihm über den Kopf, um ihn etwas zu beruhigen. Doch er selbst war auch aufgeregt, denn er konnte nichts gegen die Ablehnung von Marius tun. Das kannte Fabio nicht. Wenn Leute ihn nicht mochten, dann lag es meisten daran, dass Fabio ihnen absichtlich Anlass dazu gegeben hatte – hier aber lag alles anders.

Langsam gingen sie in die Küche und Nathaniel musste schmunzeln, als er Marius über den Töpfen hängen sah. „Das habe ich auch immer gemacht“, raunte er Fabio zu, erwähnte aber nicht, dass das heute auch noch ab und zu vorkam.

Das musste er nicht, denn es gab Beweisbilder davon, die Nathaniel noch gar nicht kannte. Aber so war das eben, wenn man mit einem Hobbyfotografen liiert war.

Noel, der sonst der erste am Herd war, weil immer mal etwas für ihn abfiel, wenn er niedlich guckte, blieb heute, wo er war, und so erschrak sich Martha, als Fabio fragte, was es gäbe. Eigentlich war Noel immer der erste, der fragte.

„Königsberger Klopse“, sagte die Köchin schnell und stellte einen kleinen Teller mit Hackfleisch auf den Boden für Noel, der aber nicht gleich, wie sonst, angeschossen kam und alles in Sekundenschnelle verschlang. Irritiert sah Martha von Noel zu Fabio, der aber nur mit den Schultern zuckte.

Marius bemerkte den Disput sehr wohl und sah das Tier feindselig an. „Kann mich wohl nicht leiden“, sagte er trocken und kam zu seinem Vater. Er griff ihn an der Hand und zog ihn mit sich. „Schneeballschlacht“, lachte er, „Kartoffeln brauchen noch ein paar Minuten. So lange kann ich dich einseifen.“ Gerade so, als wäre Fabio gar nicht da.

Nathaniel sah zu Fabio zurück, ließ sich aber ziehen. Er hatte Marius eine Schneeballschlacht versprochen, auch wenn er im Stillen gehofft hatte, dass sie sie zu dritt machen würden. „Zieh dir was Warmes an, ich komm sofort“, sagte er zu seinem Sohn und machte sich los. „Bis gleich“, sagte er zu Fabio und sah ihn entschuldigend an.

Doch der lächelte und strich ihm kurz über die Wange, lachte aber leise, als Noel zu seinem Tellerchen sprintete, sobald Marius die Küche verlassen hatte. „Kleiner Schisser“, flüsterte er seinem Kater zu und kniete sich neben ihn. „Aber wir schaffen das schon, hm?“

Das hoffte er zumindest. Martha sah ihn verwirrt an.

„Marius mag mich nicht und das merkt Noel“, erklärte er der älteren Frau. „Wird schon“, sagte er noch, weil er darüber nicht reden wollte. Er konnte Nathaniel und Marius im Garten juchzen hören und es versetzte ihm schon einen Stich, ausgeschlossen zu werden. Er hatte geglaubt, damit besser umgehen zu können, doch jetzt musste Fabio einsehen, dass er es nicht konnte. Die beiden hatten ihren Spaß und er war außen vor. Also sah er lieber zu Noel, der sich gerade die Schnauze leckte und schon wieder zufriedener wirkte. „Du kannst jedes Problem mit fressen lösen, oder?“, grinste er und strich seinem Liebling durchs Fell.

„Wenn das bei uns bloß auch so einfach wäre, dann hätten wir nie Probleme, bei dem leckeren Essen von Martha“, schmunzelte er leise und die Köchin wurde richtig verlegen vor Freude. Das Lob hatte sie sich aber verdient, denn sie verwöhnte die Bewohner des Schlosses.

„Marius ist ein lieber Junge, ist vielleicht ungewohnt für ihn und er ist deswegen noch distanziert“, versuchte sie zu schlichten, doch Fabio sah lächelnd zu ihr auf. „Geben sie sich keine Mühe, ich weiß ja auch, dass er ein lieber Bursche ist. Aber man muss sich eben erst einmal beschnüffeln und das Revier abstecken. Wir streiten uns wohl gerade um den gleichen Knochen“, grinste er und fragte sich, was sein Schatz sagen würde, wenn er wüsste, womit Fabio ihn verglich.

Martha kicherte leise. „Ein sehr prächtiger Knochen“, giggelte sie und man sah ihr an, dass sie stolz auf Nathaniel war, denn nach dem Tod seiner Eltern hatte sie ihn praktisch mit groß gezogen. Darum hatte Nathaniel auch darauf bestanden, dass sie ihn weiterhin duzte, als er erwachsen geworden war.

„Mit ordentlich Fleisch dran, gäb’ ’ne gute Suppe, hm?“, spann Fabio weiter und wusste, dass seinem Liebling jetzt ungemein die Ohren klingeln mussten, so wie über ihn geredet wurde. Er musste sogar lachen und erhob sich langsam, stellte den leeren Teller in den Spüler, während Noel schon wieder durch die Gegend streifte. „Aber ich glaube, so wie er ist, ist er mir lieber, als ausgekocht und labberig.“

„Ja, das finde ich auch.“ Martha kam zu Fabio und drückte ihm leicht die Schulter. „Und mit ihnen fängt er endlich an sein Leben zu genießen. Ich habe mir schon richtig Sorgen um ihn gemacht. Er war kaum noch Zuhause. Jetzt lacht er auch wieder mehr.“

„Ich tu, was ich kann“, versicherte Fabio und lächelte. Es war ehrlich und seine Augen funkelten ein wenig, auch wenn das Lachen vor dem Fenster ihm bis ins Mark ging. Tapfer lächelte er weiter, doch dann wandte er sich um. „Ich will oben noch ein paar Dinge richten. Ich bin dann zum Essen wieder unten. Bis gleich.“ Dann war er weg. Eigentlich hatte er nichts zu tun, doch es war schwer, so zu tun, als wäre die Situation okay für ihn, denn das war sie nicht. Ganz und gar nicht. Weil er nicht wusste, was er machen sollte.

Er war eifersüchtig auf ein Kind – das war so albern.

Es dauerte noch eine Weile, bis er Nathaniel und Marius lachend ins Haus poltern hörte. Fabio hatte sich ein Buch genommen, aber so richtig hatte er sich nicht auf das konzentrieren können, was er las. So lauschte er den Geräuschen im Haus und den Schritten, die nach oben kamen. Die beiden Schneemänner waren bestimmt durchnässt und wollten sich umziehen.

Erst wollte Fabio aufstehen und sich zurückziehen, doch dann ärgerte er sich allein über den Gedanken. Warum sollte er das tun? Er wohnte hier, er hatte das gleiche Recht hier zu sein wie Marius und wenn ein bockiges Kind der Meinung war, ihn schneiden zu müssen, dann konnte Fabio auch anders. Doch der erste, der sich hastig durch die sich öffnende Tür zwängte war Noel, der wieder den sicheren Hafen suchte und Fabio auf den Schoß sprang.

„Ich verstehe, der Feind ist wieder da“, zog er den Kater auf, den das aber gar nicht störte, solange er sich an Fabio drücken konnte. „Na, wie war es?“, fragte er Nathaniel, der hinter Noel ins Zimmer kam. Er rieb sich die Hände und sah etwas durchgefroren aus, aber er lächelte.

„Viel zu warm für diese Jahreszeit“, lachte der Graf und streifte die Lippen seines Freundes mit den eigenen, damit Fabio merkte, wie kalt es draußen war. Er vermied es absichtlich, dabei auf Marius zu achten, der an den beiden vorbei schoss und leise knurrte. Fabio ließ sich nicht stören, nur Noel knurrte zurück. So weit kam es noch, dass ein anderer in seinem Revier herum knurrte!

Nathaniel strich dem Serval über den Kopf und lächelte Fabio an. „Ich zieh mich schnell um und dann gehen wir runter zum essen. Ich bin nass bis auf die Haut, aber der alte Mann hat sich gut geschlagen bei der Schlacht.“

„Lass mich raten, du bist zweiter geworden. Eine gute Platzierung, Liebling, wirklich“, konnte sich Fabio nicht verkneifen. Er war froh, dass Nathaniel wieder da war und vor allen Dingen, dass er ihm Aufmerksamkeit schenkte. Fabio war durchaus bewusst, wie albern das war, was gerade in seinem Kopf abging, doch er konnte nichts dagegen tun. So zog er Nathaniel noch einmal kurz zu sich, um ihn zu küssen, dann schob er den nassen, alten Mann weg.

„Ich sehe es als ein klares Unentschieden, da Marius nicht weniger nass ist, als ich“, lachte Nathaniel und zwinkerte Fabio vergnügt zu. Nach der Schlacht fühlte er sich seinem Sohn wieder ein wenig näher, so wie früher. Jetzt hoffte er, dass er zwischen Fabio und Marius doch noch eine Brücke schlagen konnte.

„Natürlich, du verlierst ja nie.“ Fabio lachte und erhob sich. „Komm, Dicker, wir gehen schon mal runter“, rief er Noel zu und der flitzte los. Auch Fabio versuchte wieder etwas zuversichtlicher in die Welt zu blicken, doch als er im Esszimmer ankam, saß da schon Marius, der nicht gerade Begeisterungsstürme losbrechen ließ, als Fabio und nicht sein Vater den Raum betrat. Doch Fabio versuchte, sich nichts anmerken zu lassen und lächelte. „Na? Habt ihr Spaß gehabt?“, wollte er unverfänglich wissen und nahm sich einen Schluck Tee, den Martha gekocht hatte.

Das: „Ja“, war knapp und abweisend, aber immerhin eine Antwort. Allerdings ließ es Fabios Hoffnungen wieder etwas sinken, denn Marius weigerte sich strikt ihn überhaupt anzusehen und wenn sein Blick doch zufällig den Geliebten seines Vaters streifte, dann verzog er das Gesicht, als wenn er etwas sehr ekliges gesehen hätte.

Fabio holte tief Luft und wirkte erleichtert, als Nathaniel ebenfalls den Raum betrat und Martha begann, das Essen aufzutragen. Noel lag wie immer neben dem Stuhl seiner Mama, die Ohren gespitzt, damit ihm auch nicht entging, wenn ihm etwas zugesteckt werden sollte. Doch geschah das eher selten, damit der Serval nicht unnötig Fett ansetzte, was ihm dann gesundheitliche Probleme bereitete. Doch dankbar war Noel für diese Fürsorge nicht.

Allerdings traute er sich auch nicht mehr, sich lautstark darüber zu beschweren, denn vom Essen komplett ausgeschlossen zu werden und alleine in seinem Zimmer bleiben zu müssen, war gemein. Das hatte dem Serval gar nicht gefallen. „Wie läuft es in der Schule?“, versuchte Nathaniel ein Gespräch in Gang zu bringen, weil es ihm zu ruhig am Tisch war. Normalerweise redeten er und Fabio immer sehr viel, wenn sie zusammen aßen, weil es meist die erste Gelegenheit war, wo sie für längere Zeit aufeinander trafen.

„Ganz gut. Kann ich dir ja nachher mal zeigen. Hab meinen Laptop dabei und ein paar Sachen eingescannt, damit ich sie dir zeigen kann“, erklärte Marius. Er war ziemlich stolz auf sich, weil er ganz allein auf die Idee gekommen war, einfach alles auf den PC zu laden, als das ganze Papier mit sich herum zu tragen und das wollte er seinem Vater auch zeigen. Doch der Fremde musste das nicht wissen. Ihn ging das nichts an. Was mischte der sich eigentlich in seine Familie ein?

„Okay, machen wir das so.“ Nathaniel hatte eigentlich gehofft, dass Marius etwas mehr erzählte, aber dafür war es wohl noch zu früh, aber er gab nicht auf. „Fabio und ich wollten morgen mit dir zum Sealife nach Oberhausen fahren“, sagte er darum. Das war zwar eigentlich gar nicht in der Planung gewesen, aber Fabio hatte hoffentlich nichts dagegen. Doch als Nathaniel sah, wie Fabio nickte, war er beruhigt, sein Liebling schien verstanden zu haben.

Jetzt war allerdings Marius in einer Situation, die er nicht richtig bewerten konnte. Er wollte unbedingt ins Sealife, das hatte er sich schon gewünscht, als es noch im Bau gewesen war. Aber mit dem da? Er sah Fabio an, der versuchte, zuversichtlich zu wirken, doch er war angeschlagen. Zum Glück entging das Marius, der erst einmal nur nickte.

„Wir werden bestimmt viel Spaß haben.“ Nathaniel versuchte die nicht vorhandene Begeisterung zu übersehen, aber so langsam ging ihm die Stimmung an die Nieren. Im Gegensatz zu Marius merkte er sehr wohl, wie nervös und angespannt sein Liebling war und sich nicht wohl fühlte. Gerne hätte er Fabios Hand gedrückt, aber er saß zu weit weg, darum sah er ihn nur liebevoll an und hoffte, dass es etwas half.

Fabio lächelte schief und fing nach einem: „Guten Appetit“, an zu essen, so konnte er ein paar Minuten schinden, die ihn dem Abend und der geruhsamen Nacht etwas näher brachten. Er wusste auch, dass es nicht ganz fair war, sich zu wünschen, die Zeit würde etwas schneller vergehen, doch langsam ging ihm die kalte Ablehnung an die Substanz.

Wie sollte das nur die nächsten zwei Wochen werden, wenn sich die Stimmung nicht besserte? Irgendwann war er nur noch ein Nervenbündel und das war gar nicht gut, denn dann rutschte Fabio schon mal eine bissige Bemerkung raus, was bestimmt nicht förderlich war. Vielleicht sollte er wirklich zu seinen Eltern fliegen. Das war zwar nicht das Weihnachten, das er sich wünschte, aber dort wusste er wenigstens, dass er willkommen war und niemand auf die Idee kam, ihn zu schneiden oder auszugrenzen. Auch für Noel war es auf die Dauer keine Erholung, wenn er ständig angespannt war. Sie mussten eine Lösung finden, doch Fabio hatte keinen Schimmer wie.



03

So schweigend wie das Mittagessen war nach einem einsamen Nachmittag für Fabio auch das Abendessen verlaufen. Ohne es Nathaniel zu sagen, war er nun auf dem Weg nach oben in sein Zimmer. Er wollte seine Sachen packen und mit seiner Mutter reden, ehe er Nathaniel in sein Vorhaben einweihte. Ehrlich gesagt suchte er nur Ausreden, um es Nathaniel noch nicht sagen zu müssen, dass er feige davon lief, weil er glaubte, gegen einen kleinen Jungen verloren zu haben.

Mit gesenktem Kopf schlich er durch den Korridor, als ihn eine Stimme innehalten ließ. Das war doch Marius, der da redete und offensichtlich telefonierte und ließ Fabio aufhorchen. Er wusste, dass es falsch war, aber er blieb stehen und lauschte.

„Mama, ich halte das hier nicht aus. Du hattest Recht, er nimmt mir Papa weg. Er will keine Zeit mit mir verbringen, wenn dieser Fabio nicht dabei ist.“

Fabio klappte der Mund auf und er wusste nicht, was er sagen sollte. Das war auch gut so, denn so hielt er die Klappe und verriet sich nicht. Doch er musste erst einmal verdauen, was er da gerade hörte. Er hatte doch wirklich alles getan, um zurückzutreten, hatte auf Nathaniel verzichtet, wo es nur ging, damit Marius Zeit mit ihm verbringen konnte und diese Lügen waren jetzt der Dank? Fabio war nicht verletzt, wie er es sein sollte, er war wütend.

Weniger auf Marius, sondern auf seine Mutter. Sie hatte, so wie sich das anhörte, Marius eingeredet, dass Fabio sein Feind war. Er hatte ja noch nie viel von ihr gehalten, nachdem was Nathaniel ihm erzählt hatte, aber so etwas hatte er auch nicht erwartet.

„Mama, ich will nach Hause. Papa liebt mich nicht mehr.“ Die Worte ließen Fabio wieder aufhorchen, denn Marius schien zu weinen.

„Er hat mich einfach durch diesen Mann ersetzt. Hier will ich nicht bleiben“, schluchzte er leise und Fabio fasste einen Entschluss. Er musste mit Nathaniel reden. Er musste das wissen und dann würde sich Fabio erst einmal absetzen. Vielleicht half es Vater und Sohn, wenn sie in Ruhe reden konnten, wenn Marius alles loswerden konnte, was er mit sich herum schleppte und Nathaniel vielleicht den einen oder anderen verqueren Gedanken wieder gerade biegen konnte.

Damit ihn nicht wieder der Mut verließ machte er sich sofort auf den Weg zu Nathaniel. Er wusste, dass seinem Freund das nicht gefallen würde, aber er sah keine andere Lösung. Einer von ihnen musste gehen und Marius sollte das auf keinen Fall sein.

„Schatz“, sagte er leise, als er zu seinem Freund ins Arbeitszimmer kam. Nathaniel wollte Karten für morgen reservieren, damit sie nicht so lange anstehen mussten. Er hatte gerade die Homepage vom Sealife offen und Fabio holte noch einmal tief Luft. „Ich muss dir was sagen und dann muss ich verschwinden, sonst ist Marius morgen weg“, druckste er herum, weil er nicht wusste, wie er anfangen sollte.

„Was?“ Nathaniel sah Fabio nicht verstehend an, aber so wie sein Freund da stand und seine Finger knetete, schnitt es ihm ins Herz. „Was meinst du damit, dass Marius weg ist und du verschwinden musst?“, fragte er und zog Fabio zu sich auf den Schoß.

Fabio holte tief Luft und musste nun seine eigentlich schon geplante Flucht gestehen. Und so erklärte er, was er sich überlegt hatte, so wie der Tag heute gelaufen war und wie er nach oben gegangen war, um zu packen. „Er schien mit seiner Mutter telefoniert zu haben und weinte. Er meinte, dass ich dich ihm wegnehmen würde und du kaum Zeit hättest und dass er nach Hause wolle. Schatz, er ist dein Junge, ich kann nicht zugucken, wie er verschwindet und vielleicht nie wieder kommt. Genießt zusammen Weihnachten, vielleicht könnt ihr reden und du kannst das gerade biegen, was seine Mutter ihm wohl eingeredet hat... und...“ Fabio redete schnell und atmete kaum. Er wollte alles sagen, ehe ihn der Mut verließ.

Nathaniel strich ihm über die Wange und zog ihn an sich. „Schatz, ganz ruhig“, murmelte er leise und strich Fabio beruhigend über den Rücken. „Severina hat Marius eingeredet, dass ich ihn nicht mehr liebe?“, fragte er leise und war wirklich geschockt. „Aber deswegen musst du doch nicht gleich abreisen.“

„Nath, er will nach Hause. Er fühlt sich wegen mir hier nicht mehr willkommen. Ihr braucht jetzt Zeit nur für euch. Das geht nicht anders. Wir müssen der Tatsache ins Auge sehen.“ Fabio sah keine andere Lösung, denn so lange er hier war, solange würde Marius sich zurück gesetzt fühlen. „Ich werde Mom anrufen und ihr sagen, dass ich komme.“ Und man sah Fabio an, dass ihm eine andere Lösung eigentlich auch lieber gewesen wäre.

„Ach Schatz.“ Nathaniel seufzte und küsste Fabio sanft. Er sah ja ein, dass sein Liebling Recht hatte, aber er wollte ihn immer noch nicht gehen lassen. „Ist es wirklich so schlimm, ich könnte doch auch mit ihm reden, während du hier bist...“, fing er an, doch Fabios Blick ließ ihn innehalten. „Ich möchte nicht, dass du fährst, aber es wird wohl nicht anders gehen. Severina wird was zu hören bekommen.“

„Die Frau ist doch wirklich nicht ganz dicht. Sie hat wohl nicht verkraftet, das sie verloren hat und nutzt jetzt den Jungen für ihre Machtspielchen aus.“ Fabio wusste wirklich nicht, wie man so hinterhältig sein konnte. Was hatte sie nur davon? Doch das änderte erst einmal nichts an ihrer Situation. „Aber ich werde jetzt packen und fahre dann morgen früh. Dann haben wir noch eine Nacht gemeinsam.“

Nathaniel zog Fabio fest an sich und vergrub sein Gesicht in seiner Halsbeuge. Severina würde ihre Intrige noch bereuen, aber darum kümmerte er sich später.

„Ich liebe dich, Schatz“, murmelte er leise und berührte dabei die weiche Haut mit seinen Lippen, weil er wusste, dass sein Geliebter das mochte. „Ich hätte dich lieber bei mir, aber so ist es wohl wirklich besser. So merkt Marius, dass ich ihn nicht ersetzen will.“

„Ich hoffe, denn es ist ein großes Opfer, was ich hier bringe“, sagte Fabio leise und stöhnte, als er eine Pfote auf seinem Knie spürte. „Ja, du bringst auch ganz große Opfer“, knurrte er leise und sah Noel an. Der Kater hatte sich wohl gelangweilt und da er wusste, wie man Türen öffnete, war man nur dort vor ihm sicher, wo sie die Klinken gegen Drehknaufe ausgetauscht hatten. „Als ob es für dich ein Opfer wäre, den Schnee hinter dir zu lassen und dich im warmen Sand zu aalen.“ Er strich seinem Kater durch das Fell.

„Es wird ruhig hier, wenn ihr weg seid.“ Nathaniel konnte sich das gar nicht mehr vorstellen, ohne seine zwei Wirbelwinde. Er klopfte kurz auf Fabios Bein und der Kater sprang elegant hoch. So konnte Nathaniel seine zwei Liebsten gleichzeitig umarmen. „Versprich mir, dass wir drei so bald wie möglich die gemeinsamen Ferien nachholen.“

„Natürlich“, sagte Fabio leise und küsste seinen Liebling noch einmal, glitt aber von seinem Schoß, als er Marius nach seinem Vater rufen hörte. Hoffentlich wollte der ihm jetzt nicht erklären, dass er morgen zurückflog. „Ich geh packen“, flüsterte er noch und lächelte wehmütig, ehe er sich durch eine zweite Tür aus dem Zimmer stahl. Keine Sekunde zu früh, denn Marius öffnete soeben die Haupttür des Arbeitszimmers.

„Papa?“ Marius sah Nathaniel aus verweinten Augen an und der sprang sofort auf und lief zu ihm. „Was ist los, mein Kleiner?“, fragte er und zog seinen Sohn in die Arme. Zwar wusste er das schon, aber er wollte es aus Marius‘ Mund hören, was ihn belastete.

„Ich finde das alles doof“, sagte er leise, aber doch auch mit Reue in der Stimme. Sicher tat sein Vater alles, um es ihm recht zu machen, doch das reichte Marius nicht. Dieser fremde Kerl hatte hier nichts verloren und wenn sein Vater den nicht wegschicken konnte, dann wollte er lieber zu Hause mit seiner Mama Weihnachten feiern. „Ich mag ihn nicht, er stört doch nur.“

„Wie kommst du denn da drauf?“ Nathaniel war wirklich geschockt über das, was er hörte. Was hatte Severina ihrem Sohn nur alles eingeredet. Sie hatte Marius so beeinflusst, dass es schwer werden würde, ihn davon zu überzeugen, dass Fabio für ihn keine Konkurrenz war.

„Weil nichts ohne ihn geht. Er muss da hin mit, er muss dort hin mit. Er muss mit uns essen. Der gehört doch gar nicht zur Familie und vor dem will ich dir bestimmt auch nichts erzählen“, sagte Marius. Er wirkte schon wieder gefasster, doch er war noch immer aufgewühlt, das konnte Nathaniel sehen. Ihm jetzt zu antworten war also eine Gratwanderung.

„Marius.“ Nathaniel strich seinem Sohn liebevoll durch die Haare. „Ich verstehe, dass es nicht leicht für dich ist, dass ich einen Partner habe.“ Nathaniel wischte Marius über die Wange. „Und weil er mich liebt wird er morgen über Weihnachten zu seinen Eltern nach Südafrika fliegen.“

„Was?“, fragte Marius etwas unwirsch, damit hatte er nicht gerechnet. Doch dann hellte sich sein Gesicht auf. Hieß dass, der Störenfried verschwand und er konnte mit seinem Vater feiern – so wie immer? Was Besseres hätte ihm doch gar nicht passieren können. „Cool, aber ins Sealife fahren wir trotzdem, oder? Wir müssen ihn nicht noch zum Flughafen bringen, oder so was?“

Es versetzte seinem Vater einen Stich, wie sehr Marius sich darüber freute und es machte ihn wütend. Er ließ es sich aber nicht anmerken, denn Marius konnte im Grunde ja nichts dafür. „Nein, das müssen wir nicht. Er fährt selber und wir werden morgen zum Sealife gehen.“

„Das ist schön.“ Marius’ Augen strahlten und er wirkte schon wieder viel fröhlicher. Kein Wort und keinen Gedanken verschwendete er mehr für Fabio. „Lass uns noch etwas im Garten spielen. Auch wenn’s schon dunkel ist.“ Er wollte noch ein bisschen toben, ehe er gleich ins Bett musste.

Nathaniel war ziemlich entsetzt über Marius‘ Reaktion. Was hatte Severina da nur angerichtet? Normalerweise war sein Sohn nicht so. Er war immer sehr stolz darauf gewesen, dass Marius aufgeschlossen und überhaupt nicht egoistisch war und vor allen Dingen nicht so oberflächlich und herzlos. „Geh schon mal vor, ich komme gleich nach. Ich muss noch die Karten vorbestellen“, sagte er schnell, denn er musste mit Fabio reden.

„Mach ich. Ich bastel schon mal Munition!“ Und damit verschwand Marius. Sofort erhob sich Nathaniel, die Karten konnte er auch später noch bestellen, wenn Marius im Bett war. Jetzt musste er erst einmal mit seinem Schatz reden.

Den fand er im Badezimmer seines kleinen Reiches, wo er mit dem Serval eine von dessen Bürsten aussuchte, die dann in Noels Tasche gepackt wurde. Genauso wie die Schmusedecke, egal wie zerfleddert sie war. Ohne die ging Noel nirgendwo hin. Nicht mal für eine Nacht zu Darius und Thilo.

Überrascht sah Fabio auf, als er Nathaniel in der Tür stehen sah und sein Gesichtsausdruck ließ ihn sofort alles liegen lassen. „Was ist los?“, fragte er und Nathaniel zog ihn erst einmal in eine feste Umarmung.

„Ich erkenne meinen Sohn nicht wieder. Das einzige, was ihm dazu einfiel, dass du gehst, war: Cool, aber ins Sealife gehen wir doch trotzdem, oder?“ Man hörte Nathaniel an, wie erschüttert er war.

„Schatz“, sagte Fabio leise und küsste Nathaniel auf die Wange, ehe er darüber strich. „Er ist ein Kind, das glaubt, sein Vater will ihn eintauschen. Nur verständlich, dass er froh ist, wenn ich verschwinde und du wieder Zeit für ihn hast. Ich glaube nicht, dass es herzlos oder gemein gemeint war. Er ist einfach nur froh. Du weißt doch nicht, was er alles über mich und dich zu hören bekommen hat. Denk jetzt nicht darüber nach, was er gesagt hat, sondern wie du es schaffst, dass er dir erzählt, was seine Mutter ihm alles eingeredet hat. Das wäre wichtiger. Er soll dir doch vertrauen, Liebling.“ Fabio unterbrach seine Worte immer wieder für kleine Küsse.

Nathaniel genoss die Zärtlichkeiten mit geschlossenen Augen und er wollte Fabio gar nicht loslassen. „Er kennt dich gar nicht und lehnt dich ab, nur weil seine Mutter ihm Lügen erzählt hat. Das ist so unfair, weil ich deswegen nicht Weihnachten mit den beiden Menschen verbringen kann, die ich über alles liebe. Aber noch schlimmer finde ich es, dass ich mich für meinen Sohn schäme.“

„Nath!“ Fabio wurde jetzt doch etwas lauter, weil auch sein Schatz sich in etwas zu verrennen schien. „Sag so was nicht. Er ist noch ein Kind. Er kann noch nicht so genau zwischen richtig und falsch entscheiden wie wir und wenn seine Mutter ihn warnt, dann glaubt doch jedes Kind, dass sie Recht hat. Außerdem ist es egoistisch, es unfair zu finden, dass du nicht mit beiden feiern kannst. Nutzt eure Chance, Schatz. Redet und ich will nie wieder hören, dass du dich für deinen Jungen schämst.“

Nath zuckte ein wenig zusammen, weil Fabio ihn leicht auf den Oberarm geschlagen hatte und lächelte schief. „Ich weiß, Schatz, aber ich war eben wirklich geschockt und es wird wohl ziemlich schwierig werden, an Marius heranzukommen. Seine Mutter hat ihn sehr beeinflusst.“

„Du schaffst das, du bist sein Vater und er freut sich immer sehr auf dich. Ich glaube nicht, dass er nicht zuhören wird. Aber leicht wird es nicht werden und deswegen wird der Störenfried jetzt packen und mit Katze und Krempel auswandern für ein paar Tage. Kommt doch nach, wenn ihr Lust habt“, bot er noch an. Es klang zwar wie ein Scherz, doch es war Fabio ernst. Er hätte die beiden gern bei sich, wenn es nur besser funktionieren würde mit Marius und ihm.

„Das werde ich gerne machen.“ Nathaniel atmete einmal tief durch und küsste Fabio noch einmal. „Danke, Schatz.“ Sein Liebling schaffte es doch immer wieder, ihm den Kopf zurecht zu rücken. „Damit du in Ruhe packen kannst, geh ich mit Marius in den Garten. Such uns eine gute Flasche Wein aus dem Weinkeller aus, die wir nachher zusammen trinken können, ja?“

„Ja, mach ich“, lachte Fabio leise und fühlte sich selbst auch wieder etwas besser. Er war sich sicher, dass die beiden sich wieder näher kamen, wenn er erst einmal weg war und dann vertraute er auf Nathaniel, dass der die Wogen glättete und das Lügengerüst seiner Ex-Frau zum einstürzen brachte und Marius endlich die schnellen Autos genießen und mit dem Serval spielen konnte. Denn sie spürten, dass der Junge das eigentlich wollte.

Nathaniel kam noch einmal kurz zu Fabio, nachdem er sich umgezogen hatte und holte sich einen Kuss. Jetzt wo der Graf wusste, dass Fabio morgen wegfuhr, wollte er noch so viel Nähe tanken wie möglich.

Er blieb mit Marius im Garten, bis es für seinen Sohn Zeit war ins Bett zu gehen. Nachdem Nathaniel noch einmal kurz bei ihm gewesen war, gesellte er sich zu Fabio in den Wintergarten, wo schon eine geöffnete Flasche Wein darauf wartete, getrunken zu werden.

„Na? Schläft er?“, fragte Fabio und lehnte sich gegen seinen Freund. Auch ihm schmeckte es nicht, Nathaniel verlassen zu müssen, doch sie hatten nun einmal beide eingesehen, dass es der beste Weg für alle war. Außerdem freute sich seine Mutter schon, dass der verlorene Sohn nach Hause kam. Und eigentlich freute er sich auch schon darauf, denn er war lange nicht zu Hause gewesen.

„Ja, er war vollkommen erschossen.“ Nathaniel streckte seine Beine aus und seufzte wohlig. Es war schön warm und so langsam kam wieder Leben in seine Gliedmaßen. „Er konnte gar nicht genug von der Schneeballschlacht bekommen.“

„Na, dann geh ich mal davon aus, dass er nicht wieder nach Hause will und bleibt. Dann hat mein Abtritt doch wenigstens etwas Positives“, sagte Fabio. Doch er vermied die Wehmut in der Stimme und lächelte, denn er wollte es Nathaniel nicht schwerer machen, als es der Graf sich schon selbst machte. Sein Vorhaben, die beiden zu vereinen, war gründlich gescheitert, doch das lag nicht an ihm. Und das sollte der Graf auch wissen. So strich ihm Fabio liebevoll über die Wange.

„Ja, er wird bleiben.“ Nathaniel küsste die Fingerspitzen, die über seine Lippen strichen und lächelte. Ihm kam eine Idee. „Was hältst du von einem Urlaub, dort, wo wir uns das erste Mal getroffen haben? Nur wir beide. Keine Handys und kein Internet. Nur Sonne, Strand und Meer?“

Fabio grinste, als er sich daran zurück erinnerte, wie Nathaniel ihn regelmäßig von Thilo versucht hatte fern zu halten. Sie verdankten Thilo beide eine Menge, ohne dass der kleine Maler wirklich etwas getan hätte. Er war einfach da gewesen und in Fabios Interesse gerückt. Doch schlussendlich war Nathaniel für ihn die bessere Wahl gewesen. Nicht nur, weil Thilo mental einem Anderen verfallen war, auch weil Nathaniel Fabio eher gewachsen war. „Warum nicht. Nur was mach ich die ganze Zeit ohne Thilo?“, fragte er gespielt nachdenklich.

„Da wird uns schon was einfallen. Nimm dein Malzeug mit.“ Nathaniel lachte und piekste Fabio in die Seite. Er konnte sich sein Leben ohne diesen frechen Wirbelwind nicht mehr vorstellen. Darum musste er es auch schaffen, ihn und Marius zusammen zu bringen, damit sie später zu dritt viel unternehmen konnten. Vielleicht wurden sein Geliebter und sein Sohn sogar Freunde, so dass Marius sich an jemanden wenden konnte, wenn er Probleme hatte.

„Eine gute Idee, ich werde den ganzen Tag malen, was ich so sehe“, überlegte Fabio und grinste dreckig. Sie wussten ganz genau, was er dann malen würde. Und so hatte er etwas, auf das er sich freuen konnte. „Bleib anständig, so lange wie ich nicht da bin“, sagte er leise, auch wenn er wusste, dass Nathaniel ihn nie betrügen würde. Er war zu sehr Ehrenmann, als dass er sich verstecken würde. Eher würde er vorher die Fronten klären.

„Das werde ich, mein Herz.“ Nathaniel küsste Fabio sanft und lächelte. „Die Zeit kriegen wir auch rum. Umso schöner wird unser Wiedersehen sein.“ Er zog Fabio näher an sich und nahm sich die Weinflasche. „Uih, da will jemand aber einen unvergesslichen Abend erleben“, schmunzelte Nathaniel und grinste seinen Schatz an. Der hatte nämlich eine Flasche seines teuersten Weins ausgesucht.

„Das Loch in deinem Regal soll dich daran erinnern, dass etwas fehlt“, lachte Fabio und reichte Nathaniel die Gläser, damit er den schweren, roten Wein einfüllte. Leise klirrten die Gläser zusammen, als sie sich in die Augen sahen. Sie hatten sich schon öfter trennen müssen, wenn einer von beiden dienstlich hatte verreisen müssen. Doch sie hatten sich auf einen gemeinsamen Jahresausklang eingestellten und kamen nur schwer davon los.

„Um dich zu vermissen, brauche ich kein Loch im Weinregal, denn da ist ein Loch in meinem Herzen, das mich dich jede Sekunde vermissen lässt.“ Sie nahmen einen Schluck und Nathaniel ließ den Wein genießend durch seinen Mund rollen. Er leckte sich über die Lippen. „Wir vergrößern das Loch im Regal, wenn du wieder hier bist.“

„Ich liebe dich“, murmelte Fabio leise. Er sagte es nicht oft, auch wenn er jeden Tag so fühlte. Doch heute wollte er noch einmal die Bande festigen. „Ich werde nicht mit euch frühstücken können. Ich muss zeitig weg. Vater braucht das Flugzeug, sobald ich gelandet bin, da muss ich zusehen, das sich so zeitig wie möglich hier weg komme. Das war der Deal, dass ich nicht schon heute Abend gestartet bin“, gestand er den Pferdefuß an der Sache.

„Dann sollten wir den Wein mit hoch ins Schlafzimmer nehmen.“ Nathaniel sah Fabio mit einem Grinsen und hochgezogener Augenbraue an. Er stand auf und hielt seinem Schatz die Hand hin. Er wollte ihre letzte Nacht genießen. Schlafen konnte er in den Wochen, die Fabio weg war.



04

„Schlaf weiter“, flüsterte Fabio, der sich aus Nathaniels Armen schälte. Der Wecker piepste unerbittlich und er musste ihn endlich erreichen, wenn er seinen Liebling nicht komplett wecken wollte. Noel, der sich am Fußende zusammengerollt hatte, verzog sich unter die Decke. Er hielt vom Aufstehen auch nicht viel. Da draußen war es noch dunkel, was sollte er da?

Durch seine Bewegungen weckte er Nathaniel so weit, dass der mitbekam, dass Fabio aufstehen wollte. „Ist es schon soweit?“, murmelte er leise und küsste seinen Schatz auf die Schulter, weil er die gerade erreichen konnte. Er zog Fabio noch einmal kurz an sich, ließ ihn aber gleich wieder los, weil er es ihnen nicht noch unnötig schwer machen wollte.

„Ja, leider. Bin schon etwas spät“, sagte Fabio leise und strich seinem Grafen noch einmal die schwarzen Haare aus den müden Augen. Dann erhob er sich und scheuchte den Serval auf, was Noel auch nicht so klasse fand und sich knurrend streckte. Derweil verschwand Fabio im Bad. Er duschte hastig.

Nathaniel stand auf und nahm Noel mit runter in die Küche, damit der Serval noch etwas zu essen bekam und auch sein Geschäft erledigen konnte, bevor Fabio los wollte. Für sich und seinen Schatz kochte er Kaffee, damit sie etwas wacher wurden.

Und so lange wie sich Fabio anzog und seine Tasche nach unten schleppte, solange schmierte Nathaniel noch ein paar Brötchen, die Martha gestern Abend noch aufgebacken hatte, damit Fabio nicht mit leerem Magen das Haus verließ. Da war sie eigen.

„Das riecht gut!“ Fabio schnüffelte sich um die Ecke zur Theke in der Kaffeebar und machte große Augen. Ein dampfender Kaffee, ein halb nackter Mann und leckere Brötchen – wie sollte man denn da noch das Haus verlassen wollen?

„Greif zu, Schatz.“ Nathaniel winkte Fabio zu sich und schloss ihn gleich in seine Arme. „Ich verscherze es mir doch nicht mit Martha und versorg dich nicht richtig“, lachte der Graf. Er hatte nämlich den strikten Auftrag, Fabio ein Frühstück zu machen, nachdem er darauf bestanden hatte, dass sie nicht extra aufstand, sondern ausschlief.

„Es stimmt, es gibt eine Menge Leute, mit denen man es sich verscherzen darf, aber Martha gehört bestimmt nicht dazu.“ Fabio griff sich die Tasse und ein Brötchen, beugte sich zu einem kurzen Kuss zu Nathaniel, um den zu belohnen, der so aufopfernd für sein leibliches Wohl gesorgt hatte. Doch mit einem Auge hatte er die Uhr im Blick. Er war schon etwas spät dran.

Darum legte Nathaniel Noel das Geschirr an, damit Fabio ihn im Wagen fixieren konnte. Nicht dass der Serval plötzlich durch das Auto sprang. Noel mochte das Geschirr noch immer nicht, aber er machte nicht mehr so ein großes Theater, denn er wusste, dass es immer etwas Spannendes gab, wenn es angelegt wurde. Natürlich wurden noch immer Unmutsbekundungen von sich gegeben, denn das gehörte bei einem Serval von Welt einfach zum guten Ton, doch er wirkte auch neugierig und erwartungsfroh.

Hastig schmierte sich Fabio noch ein zweites Brötchen, was er sich in eine Tüte stopfte. Das konnte er unterwegs essen.

In der einen Hand die Tasche, in der anderen Noels Leine, stand er nun vor Nathaniel. „Ich muss, Schatz. Macht es euch nett und genießt die Tage.“

„Machen wir. Grüß deine Eltern und lass dich verwöhnen.“ Nathaniel zog Fabio noch einmal an sich und küsste ihn. Noel wurde noch einmal geknuddelt und dann begleitete er Fabio bis zur Tür. Dort tauschten sie noch einen Kuss und Fabio lief zu seinem Wagen.

Extra für Noel hatte sich Fabio eine Familienkutsche gekauft, weil der Kater unmöglich auf dem Beifahrersitz eines Sportwagens sitzen konnte. Das fand die Polizei alles andere als witzig und er hatte sich dem deutschen Recht gebeugt. Er kam also in den Kofferraum hinter das Netz, die Tasche kam dazu und dann schloss Fabio die Tür und startete. Ein letzter Gruß, dann rollte er vom Anwesen.

Es lag immer noch Schnee auf den Straßen und in der Nacht hatte es gefroren, so dass die Straßen stellenweise ziemlich glatt waren. Entgegen seiner sonstigen Gewohnheit fuhr Fabio vorsichtig, auch wenn er etwas in Zeitnot war. Aber seine und Noels Sicherheit gingen vor.

Es nutzte keinem etwas, wenn er die Feiertage im Krankenhaus verbrachte oder vielleicht noch schlimmer, im Leichenschauhaus. Kurz schüttelte sich Fabio und rollte an eine Kreuzung. Es dämmerte gerade und die Ampelanlage war aus. So sah er nach rechts, nach links und gab wieder Gas, um die Kreuzung hinter sich zu lassen, weil er auf der Hauptstraße war. Was er nicht bemerkte, war der Kleinwagen von links.

Fabio hörte nur einen lauten Knall und spürte einen fürchterlichen Schmerz in seinem linken Bein, dann wurde es dunkel um ihn. Das nächste, was er wieder wahrnahm, war ein leichtes Tätscheln an der Wange und Noel, der laut fauchte und im Kofferraum herum sprang. „Was?“, fragte er leise und stöhnte, weil sein linkes Bein höllisch schmerzte.

Durch das zersplitterte Fenster der Seitenscheibe beugte sich eine Frau mittleren Alters und selber ziemlich blass um die Nase. Nur die Wangen waren frostzerfressen rot. „Junger Mann, junger Mann!“, rief sie immer wieder und Fabio versuchte zu verstehen, was sie von ihm wollte. „Nicht ohnmächtig werden. Der Krankenwagen ist schon unterwegs!“ Ihre Stimme zitterte, denn der Unfall hatte sie selbst völlig überfordert. Sie hatte auf der spiegelglatten Fahrbahn die Kreuzung zu spät gesehen und nicht mehr bremsen können.

„Was... was ist passiert?“, fragte Fabio, der nach und nach etwas mehr wahrnahm. Sein Bein schmerzte und auch sein Kopf pochte fürchterlich.

„Wir hatten einen Unfall und sie waren ohnmächtig“, erklärte die Frau und zuckte zusammen, als Noel sich gegen das Gitter warf und laut knurrte.

Sie begriff aber schnell, dass das Tier ihr durch das Gitter hindurch nicht gefährlich werden konnte. Sie fragte sich auch nicht, warum der junge Mann eine Raubkatze spazieren fuhr. Im Augenblick zählte nur, dass er verletzt war und sie daran schuld.

„Unfall?“, begriff derweil Fabio und zuckte zu Noel herum, der Terror verbreitete, doch er konnte sich nicht drehen. Noch in der Bewegung schrie er auf und sein Kopf schnipste zurück nach vorn wie an einem Gummiband. Er schloss die Augen. Scheiße-Scheiße-Scheiße!, dachte er und versuchte dem Schmerz zu entkommen. Doch er konnte sich nicht bewegen.

„Nicht bewegen, bitte“, rief die Frau schnell und legte Fabio eine Hand auf die Schulter. „Wenn sie nach der Katze sehen wollten, sie scheint nicht verletzt zu sein. Ich kann zumindest nichts erkennen, aber sie ist sehr aufgeregt“, erklärte sie und sah hoch, als sie ein Martinshorn hörte. „Der Krankenwagen und die Feuerwehr kommt. Gleich wird ihnen geholfen.“

„Hm.“ Fabio liefen die Tränen vor Schmerz. Er konnte nicht mehr. Sein Kopf hämmerte, sein Körper brannte. Das Bein stach wie Nadeln und seine Gedanken gingen zu Nathaniel, zu seiner Mutter. Sie würde warten und sich sorgen. Er musste sie anrufen. Wo war das Handy? Seine Augen suchten den Innenraum des Wagens ab. Da! Er wollte sich danach bücken und schrie auf.

„Bitte, nicht bewegen, nicht dass sie sich noch mehr verletzen.“ Die Stimme der Frau klang flehendlich. Sie selber hatte nichts abbekommen, außer einem gehörigen Schreck. „Hier“, winkte sie den Feuerwehrleuten zu, die aus dem Wagen ausstiegen. „Der junge Mann ist verletzt.“

Gleich eilten zwei der Männer zu Fabios Wagen.

„Vorsicht. Da hinten ist noch eine Katze. Die ist ziemlich aufgebracht“, erklärte die Frau hastig und einer der Männer wagte einen Blick. Auch wenn das Wohl der Menschen immer an erster Stelle stand nahm er sich die Zeit, ein zweites Mal hinzusehen. Eine Raubkatze? Na da würden sie aber gleich noch Spaß kriegen. Was dachten sich die Leute eigentlich bei der Wahl ihrer Tiere?

„Okay“, sagte er also nur und zusammen mit seinem Kollegen und Werkzeug begannen sie die völlig verbogene Tür zu öffnen, während der Notarzt sich zu dem Verletzten in den Wagen beugte und anfing, ihn zu untersuchen.

Er tastete Fabio ab, doch außer einem kleinen Riss an der Stirn und einem offensichtlich gebrochenen Bein konnte er erst einmal nichts feststellen. Trotzdem bekam Fabio eine Halskrause für den Transport. Man konnte nicht vorsichtig genug sein. „Ich gebe ihnen jetzt ein Schmerzmittel, damit wir sie aus dem Wagen holen können“, erklärte der Arzt und spritzte das Mittel direkt über den zentralen Zugang, den er vorher gelegt hatte.

„Hm“, murmelte Fabio nur. Er spürte, wie an seinem Wagen gezerrt wurde und sah, wie der Arzt sich entfernte. Dann zerrten die Feuerwehrmänner die verklemmte Tür endlich auf. Sofort waren zwei Sanitäter mit einer Trage da und holten Fabio aus dem Wagen. Wieder hörte er Noel fauchen, der nicht wusste, was eigentlich los war. Er roch genau, dass seine Mama Angst hatte. Was ging hier vor. „Egal wo hin, der Kater muss mit!“, nuschelte Fabio. Er konnte doch nicht ohne Noel hier weg!

„Bitte was?“, fragte einer der Sanitäter und sah auf die Feuerwehrmänner, die neben dem Wagen standen und schüttelte den Kopf. „Wir fahren in ein Krankenhaus, da kann doch keine Raubkatze mit. Sie wird vom Tierheim abgeholt und untergebracht.“

„Nein!“ Fabio schoss hoch und hätte die Trage fast zum Schwanken gebracht, denn die Riemen hinderten ihn daran, sich aufzurichten. „Das geht nicht. Er kann nicht ins Tierheim. Im Klinikum Schloss Baldeney kennen sie ihn. Dort kann er mit rein. Das Tier gehört dem Besitzer.“ Fabio sah sich hastig um. Die sollten jetzt keinen Fehler machen und ihn ohne Noel in diesen Sanikasten packen.

„Liegenbleiben.“ Sofort war der Sanitäter bei Fabio und sah ihn an. „Das Klinikum ist aber nicht das nächste Krankenhaus, das wird teuer, wenn wir sie zu dieser Privatklinik fahren. Und außerdem können wir das Tier doch nicht einfach mitnehmen. Es ist so aufgeregt, dass es wahrscheinlich eh betäubt werden muss, damit es transportiert werden kann.“

„Quatsch!“, knurrte Fabio. Das Schmerzmittel wirkte. Er konnte wieder klarer denken. „Im Handschuhfach liegen Visitenkarten. Nehmen sie sich eine und schicken sie mir die Rechnung. Aber ich will nach Schloss Baldeney und Noel kommt mit. Lassen sie ihn aus dem Wagen und er wird sich beruhigen!“, rief Fabio den Feuerwehrmännern zu, die gerade mit einem Tierarzt zu telefonieren schienen.

„Was?“ Der Feuerwehrmann sah Fabio an, als wenn er nicht ganz bei Trost wäre. „Ja sicher und dann haut das Vieh ab und läuft durch die Stadt. Das ist eine Raubkatze, wenn auch keine sehr große. Sie kann durchaus jemanden verletzen. Wir warten auf den Tierarzt.“

„Dann warte ich mit“, erklärte Fabio stur und versuchte wieder, sich aufzusetzen. Sie konnten ihn ja schlecht gegen seinen Willen hier weg schleppen. Oder doch? Er sah die beiden Sanitäter kurz an, der Notarzt wirkte bereits gereizt. Doch das war ihm egal. Er konnte Noel doch nicht alleine lassen. „Ohne Noel werde ich hier nicht verschwinden!“, stellte er klar und verzog das Gesicht. Das Schmerzmittel war gut, aber trotzdem spürte er wieder deutlich, dass in ihm etwas nicht in Ordnung war.

„Wir müssen ihn gründlich untersuchen und haben keine Zeit hier rumzutrödeln“, meldete sich der Arzt und sah Fabio an. „Wie sicher sind sie sich, dass die Katze nicht wegläuft und sich beruhigt?“ Es kam gar nicht in Frage, dass sie hier warteten. Es war nicht auszuschließen, dass innere Verletzungen vorlagen.

„Absolut sicher!“, erklärte Fabio, denn Noel war vielleicht eine Diva, aber er gehorchte seiner Mama immer, zumindest in solchen Situationen. Fabio wirkte erleichtert, dass wenigstens der Arzt auf seiner Seite zu sein schien und beruhigte sich selbst auch wieder. Er kämpfte nicht mehr gegen die Riemen an und blieb brav liegen.

„Okay, machen sie die Klappe auf, aber seid vorsichtig.“ Der Arzt gab den Feuerwehrmännern ein Zeichen und zögernd näherte sich einer der Heckklappe. Er schluckte ein wenig, als Noel sofort an der Scheibe hing und knurrte. „Ich hoffe mal, sie kennen ihr Tier“, grinste er schief und öffnete die Klappe. Er konnte gar nicht so schnell gucken, wie Noel aus dem Wagen war und bei Fabio.

Jeder Sanitäter wurde einmal kurz angeknurrt, da lag er schon mit auf der Trage, doch das sah der Arzt gar nicht gern. Sein Patient war verletzt und so schickte Fabio Noel wieder runter, ehe der Arzt laut wurde.

Die Sanitäter nutzten die Gunst der Stunde, dass der Patient Ruhe hielt und verfrachteten ihn unter Noels missbilligendem Blick in den Wagen. Der Kater sprang mit hinein, ehe die Tür zu war und hatte nun die Pfoten auf der Trage, blieb aber unten. Er beobachtete Fabio genau. Was war mit seiner Mama?

Fabio kraulte ihn zwischen den Ohren und lächelte. „Alles okay, Süßer“, versicherte er seinem Kater und entspannte sich etwas. Nathaniel! Er musste ihm sagen, was passiert war. Nur lag sein Handy im Wagen. So ein Mist. „Haben sie ein Handy?“, fragte er die Sanitäter. „Ich muss Zuhause bescheid sagen, was passiert ist.“

„Ja, sicher.“ Zusammen mit dem Notarzt war einer der Sanitäter hinten eingestiegen, um die Katze im Auge zu behalten, während der Arzt den Patienten beobachtete und eingriff, sollte sich sein Zustand verschlechtern. Der Sanitäter reichte Fabio sein Diensthandy, das passierte öfter und so gab es auch keine Diskussionen. Nur ein beruhigter Patient war ein friedlicher Patient.

„Danke“, sagte Fabio und wählte schnell Nathaniels Handynummer, das hatte sein Schatz immer dabei. Und kaum dass er sich meldete, erklärte er: „Kannst du in dein Klinikum kommen? Noel abholen? Ich glaube nicht, dass die Schwestern ihn gern auf Station haben.“

„Fabio?“ Das war nicht die Nummer seines Schatzes gewesen, die sein Handy angezeigt hatte. „Wieso?“, fragte Nathaniel. Er war noch mal wieder ins Bett gegangen und eingeschlafen, so dass er noch nicht ganz bei sich war. Er rieb sich über die Augen und zuckte hoch. „Was ist passiert?“, fragte er hastig und mit deutlicher Sorge in der Stimme. „Geht es euch gut?“

„Ja, ja. Auto zerlegt, Kopf angeditscht, Bein kaputt. Ich liege gerade im Rettungswagen. Aber wenn wir ankommen, werde ich sicher noch mal untersucht und Noel wird durch die Gegend schießen. Ich werde versuchen, dass der Pförtner ihn in dein Büro bringen lässt. Auf Station kann er sicher nicht. Seuchenschutz, was weiß ich.“ Fabio redete hastig, verhaspelte sich auch ab und an. Er hatte das Gefühl, das Schmerzmittel würde ihn langsam lahm legen.

„Scheiße, Fabio, was machst du nur?“ Bei seinen Worten sprang Nathaniel schon aus dem Bett und suchte sich etwas zum anziehen. Heute musste es ohne duschen gehen. Er machte sich Sorgen, auch wenn sein Schatz versuchte es herunterzuspielen. „Ich bin gleich da, Schatz. Ich liebe dich.“ Nathaniel trennte die Verbindung und kritzelte einen Nachricht für Martha, damit sie sich um Marius kümmerte.

Zum Glück schlief sein Junge gern lange, wenn er hier war, so würde er nicht gleich merken, dass sein Vater unterwegs war und Martha würde es ihm schon beibiegen. Sie wusste ja auch um das angespannte Verhältnis zwischen seinem Jungen und seinem Geliebten.

„Irgs!“, machte Fabio, als er auflegte und reichte das Gerät zurück. Jetzt war Nathaniel in voller Sorge und wurde vielleicht auch noch unvorsichtig. Das war das letzte, was er hatte erreichen wollen. Doch er kraulte Noel zwischen den Ohren und erklärte ihm, dass Nath ihn gleich einsammeln würde.

Noel maunzte und der Sanitäter lachte. „Man meint, dass er versteht, wenn sie was sagen. Was ist das eigentlich für eine Katze und wie kommt man an so was?“, fragte er grinsend. So ein Tier hatte er noch nicht gesehen, aber die Zähne und Krallen flößten einem Respekt ein.

Fabio blickte auf. „Noel ist ein Serval. Meine Eltern leben in Kimberley und betreiben mehrere Diamantenminen im südlichen Afrika. In einer Mine haben Arbeiter ihn letztes Jahr vor Weihnachten gefunden. Die Alte war tot und so bin ich seine Ersatzmutter“, erklärte Fabio bereitwillig, so verging die Zeit schneller. „Deswegen war er auch so aufgebracht. Er hatte Angst um mich.“ Noel, der merkte, dass von ihm gesprochen wurde, spitzte die großen Ohren und betrachtete den Sanitäter. Doch seine Pfoten blieben in Fabios Nähe.

„Ein Serval also.“ Der Sanitäter besah sich Noel genau und nickte. „Da hat er wohl richtig Glück gehabt.“ Es juckte ihm in den Fingern, durch das weiche Fell zu streicheln, aber er traute sich nicht. „Gut, wenn er abgeholt wird, denn ich würde ihn ungern mit ins Krankenhaus nehmen.“

„Kann ich verstehen. Mein Lebensgefährte hat im Krankenhaus sein Büro und die Männer am Empfang kennen den Kater schon. Sie werden Noel nach oben bringen. So kommt er keinem in die Quere, kann keinen Ärger machen und schleppt nichts ein“, versicherte Fabio, immer noch dankbar, dass man seinem Wunsch entsprochen hatte und er vermied es zu erzählen, dass schon einmal die Kinderstation aufgemischt worden war, als der Serval – damals noch kleiner – ausgebüchst war. Die Kinder hatten ihren Spaß gehabt und die Pfleger hatten es schnell aufgegeben, den kleinen pelzigen Aal zu fangen. Es war Fabio sehr peinlich gewesen.

„Dann ist ja gut. Wird er mit mir gehen? Dann bringe ich ihn zum Pförtner. Ich brauche nur irgendwas, was wir als Leine nehmen können.“ Der Sanitäter sah sich um und holte eine Mullbinde aus einer der Schubladen. „Wenn wir das doppelt nehmen, müsste es gehen.“

„Dicker!“ Fabio sah Noel eindringlich an und der Serval spitzte wieder die Ohren. „Du gehst mit dem Mann mit. Er wird dich zu Nath bringen und ich komme dann gleich nach. Mach bitte keine Zicken, Dicker. Sonst können wir uns da nie wieder blicken lassen.“ Er strich seinem kleinen Liebling durch das Fell, während der Sanitäter die Binde befestigte. Noel hatte ihn im Auge, der brauchte gar nicht glauben, dass der da dumm herum fingern durfte, ohne beobachtet zu werden!

Er grollte leise und der Sanitäter hielt kurz inne und sah zu Fabio.

„Noel“, sagte der auch gleich und der Serval hörte auf. Trotzdem behielt er den Mann im Auge. Besser man war auf der Hut.

„Wir sind gleich da“, rief der Fahrer nach hinten und bog in die Einfahrt ein.

„Okay!“ Im hinteren Teil des Wagens bereitete man sich darauf vor, Fabio in die Notaufnahme zu bringen, während der Sanitäter schon mit sich und dem Kater haderte. Doch Noel schien begriffen zu haben, dass er sich ausnahmsweise mal benehmen musste. So ließ er sich noch einmal kraulen, ehe Fabio mit der Trage aus dem Wagen gerollt wurde und sich von ihm entfernte.

Er sah immer wieder zurück, als der Sanitäter mit ihm zum Pförtner ging.

„Was ist passiert“, fragte der und öffnete die Tür zu seinem Büro. Er machte sich ein wenig Sorgen, weil der Kater mit dem Krankenwagen gekommen war. „Gab es einen Unfall?“

„Sein Besitzer hatte einen Verkehrsunfall und wird in die Notaufnahme gebracht. Er hat gesagt, ich soll ihnen das Tier bringen. Sie wüssten etwas damit anzufangen“, erklärte der Sanitäter und war nicht böse darüber, den leise grollenden Serval wieder los zu werden. Doch der schien den Pförtner wirklich zu kennen, denn als der ältere Mann, auf dessen Namensschild Peter Geiger stand, sich zu ihm beugte und ihn streichelte, schnurrte er leise.

„Ja sicher, lassen Sie ihn hier. Ich nehme mal an, dass er abgeholt wird.“ Der Pförtner nahm die improvisierte Leine entgegen. Noel setzte sich neben ihn und stupste ihn mit der Pfote an. Der ältere Mann strich ihm über den Kopf und lachte. „Du hast Glück, es ist noch ein Brot mit Leberwurst da, du kleines Schleckermaul.“

Der Sanitäter guckte noch einmal irritiert, doch dann verabschiedete er sich und machte, dass er zu seinem Kollegen kam. Der hatte sicherlich bereits die Übergabe des Patienten erledigt und dürfte auf ihn warten.

Derweil lag Fabio auf einem Untersuchungstisch. Man hatte ihn umgebettet und nun untersuchte ihn der Dienst führende Arzt. Seine Retter hatten sich bereits verabschiedet.