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Twins 6 - Nichts geht über Familie - Teil 5 - 8

05

Trotz der Schmerzmittel hatte es höllisch wehgetan, als man sein linkes Bein nur minimal bewegt hatte. Der Rettungsarzt hatte mit seiner Diagnose richtig gelegen. Sein Bein war gebrochen und er hatte eine leichte Gehirnerschütterung. Zum Glück war es ein glatter Bruch, der nicht operiert werden musste. Deswegen wurde Fabio auch gerade für das eingipsen vorbereitet und er hoffte, dass bald alles vorbei war, ihn keiner mehr anpackte und dieser verdammte Schmerz endlich nachließ. Nur am Rande fragte er sich, was wohl gerade aus seinem Wagen wurde, wann sich die Polizei wegen seiner Personalien hier meldete und was sein kleiner Liebling jetzt wohl gerade tat.

Aber erst einmal wurde er von Nathaniel abgelenkt, der in den Raum kam und gleich auf ihn zulief. „Fabio“, rief der Graf und umarmte seinen Liebling vorsichtig, weil er nicht wusste, was alles an Fabio verletzt war. Sehen konnte er bisher nur die kleine Wunde an der Stirn. „Wie geht es dir?“

„Wie soll’s mir gehen?“, fragte Fabio und grinste schief. Er deutete auf seinen Fuß. „Ich bekomme gleich eine schöne warme Gipssocke, damit ich in der Kälte hier in dem Landstrich nicht krank werde, was will man mehr?“ Der Arzt grinste schief und arbeitete weiter. Eigentlich warf er jeden Besucher aus der Notaufnahme. Doch seinen Chef wollte er lieber nicht verärgern.

„Blödmann“, schmunzelte Nathaniel und küsste Fabio. „Noel geht es gut, er wird von Herrn Geiger mit Leberwurstbroten verwöhnt.“ Er hatte gerade kurz in die Pförtnerloge gesehen und war dann gleich weiter gehetzt zu Fabio, weil er sich überzeugen wollte, dass es ihm gut ging. Der Anruf hatte ihm wirklich Angst gemacht.

„War klar. Der Kater wird gefüttert und ich werde handlungsunfähig gemacht“, knurrte Fabio gutmütig. Ihm tat immer noch alles weh und er wusste, dass Weihnachten wohl nicht so blendend werden würde, wie er sich das vorgestellt hatte. Doch was nutzte es? Mit seinem Schicksal zu hadernd machte wenig Sinn. „Ich muss nur Mom anrufen, dass ich wohl die nächsten Tage nicht kommen werde, oder Doc?“ Die Hoffnung bestand, dass der nette Onkel Doktor sagte: „Kein Problem, ich mach das schnell fertig und dann bringen wir sie zum Flughafen.“

„Zumindest nicht heute und morgen. Wir behalten sie heute Nacht zur Beobachtung hier“, zerstörte der Arzt Fabios Hoffnungen.

„Ich habe schon den Piloten von unterwegs angerufen, dass er ohne dich starten soll und ganz kurz mit deinem Vater gesprochen. Du kannst anrufen, wenn du auf deinem Zimmer bist.“ Nathaniel lächelte und griff Fabios Hand, weil der gerade schmerzvoll das Gesicht verzog.

„Ja, ich muss Mom Bescheid geben. Nicht dass sie sich noch Sorgen macht, wo ich bleibe, wenn der Pilot alleine aufschlägt“, erklärte Fabio durch zusammengebissene Zähne. Er sah dabei zu, wie der Gips um sein Bein immer dicker wurde. „Aber übermorgen kann ich dann fliegen, ja?“, wollte er noch einmal wissen, sah dann aber Nathaniel an. Der sollte nicht glauben, dass Fabio um jeden Preis fliehen wollte. Er wollte das nur wissen für den Fall der Fälle.

Nathaniel drückte seine Hand und legte einen Arm um ihn. „Sagen wir mal, wenn sich ihre Gehirnerschütterung nicht schwerer herausstellt, als bis jetzt diagnostiziert, dann steht einem Flug in zwei Tagen nichts im Weg.“ Der Arzt wollte sich nicht festlegen lassen. Erst morgen wurde entschieden, was weiter geschehen sollte.

Als Fabio endlich fertig war, wurde er mit seinem Bett und unter Nathaniels Aufsicht von einer Schwester auf die Station gefahren, die erklärte, dass ein Polizist dort auf ihn warten würde. Sie war nervös, denn man schob nicht jeden Tag den Lebensgefährten des Chefs durch die Gegend, unter den kritischen Augen seines Liebsten. Und so war sie erleichtert, als sie sich zurückziehen konnte, während der Polizist bescheiden im Hintergrund wartete, bis Fabio ihn auf seinem Stuhl bemerkte.

„Kommen sie ruhig“, rief er dem Mann zu, der auch gleich zu ihm kam. „Guten Morgen, Herr de Cosa. Hauptwachtmeister Freise mein Name. Ich möchte den Unfall aufnehmen, wenn es ihnen Recht ist. Dauert auch nicht lange.“ Der junge Mann lächelte entschuldigend. Er konnte sich vorstellen, dass Fabio sich nicht gerade gut fühlte.

„Ich wollte nur noch einmal aus ihrer Sicht die Aussage aufnehmen und ihre Personalien. Ich lasse ihnen auch die Personalien von Frau Gruber da. Sie hat zugegeben, dass sie schuld war. Aber trotzdem brauche ich noch ihre Aussage“, erklärte Herr Freise, damit Fabio wusste, was ihn erwartete. Fabio nickte und erklärte, wie der Morgen gelaufen war, bis zu dem Augenblick, als ihm der Schmerz durch den Körper geschossen war und Noel aufgebracht gefaucht hatte. Ihm fehlte sein kleiner Liebling.

Er bekam noch die Versicherungsnummer und den Namen der Versicherung von Frau Gruber, damit die Schäden reguliert werden konnten, dann verabschiedete der Polizist sich auch schon und Nathaniel setzte sich zu Fabio auf das Bett. „Ruh dich aus, Liebling“, sagte er liebevoll und streichelte ihm über die Wange. Nur langsam wich die Sorge von ihm und er wollte nah bei seinem Freund sein.

„Alles in allem ein bisschen scheiße gelaufen“, murmelte Fabio. Er hatte noch ein Schmerzmittel bekommen und langsam fing es an zu wirken. Er konnte sich etwas entspannen und so legte er sich bequemer. Als sein Blick auf sein weißes Leibchen fiel, verzog er das Gesicht. Seine Klamotten lagen wohl noch in der Notaufnahme. Und außerdem hatte Nathaniel jetzt noch mehr das Problem, den Spagat zwischen ihm und seinem Jungen zu meistern. Er hatte das Gegenteil von dem erreicht, was er eigentlich hatte erreichen wollen.

„Ich bin nur froh, dass nicht mehr passiert ist.“ Nathaniel wollte sich gar nicht vorstellen, dass Fabio vielleicht bei dem Unfall hätte sterben können. Wieder einmal wurde ihm bewusst, wie wichtig Fabio ihm geworden war. Allein der Gedanke, ihn zu verlieren, schnürte ihm das Herz zu.

„Schatz, Unkraut vergeht nicht“, lächelte Fabio und versuchte Nathaniel von seinen dunklen Gedanken abzubringen. Denn auch wenn es nicht die Absicht des toughen Geschäftsmannes gewesen war, man konnte ihm seine Sorgen vom Gesicht lesen. „Und jetzt reich mal das Telefon, ich will es hinter mich bringen.“ Er wusste noch nicht genau, wie er seinen Unfall seiner Mutter so unspannend wie nur möglich beibringen konnte, ohne sie in Panik zu versetzen. Wenn er den falschen Hebel drückte, aktivierte er den Gluckenmodus und dann stand sie in ein paar Stunden am Fußende seines Bettes und scheuchte die Ärzte.

Nathaniel war sich sicher, dass Fabio sagen konnte, was er wollte, seine Mutter würde zu ihrem kranken Liebling eilen, aber er sagte lieber nichts. Sollte Fabio es versuchen. Er machte es sich neben seinem Freund bequem und schloss die Augen. Er wollte einfach nur ihre Nähe genießen.

So lehnte sich Fabio gegen ihn, als er das Freizeichen hörte und kaum hörte er die Stimme seiner Mutter, wusste er auch schon nicht mehr, was er sich eben noch zurecht gelegt hatte. „Hi Mom“, sagte er erst einmal und Alice wollte gleich wissen, wie der Flug war und wann er landen würde. Fabio verzog das Gesicht. „Mom, ich ruf nicht aus dem Flugzeug an. Ich werde wohl etwas später kommen“, tastete sich Fabio langsam vor.

„Was soll das heißen, du bist nicht im Flugzeug?“ Nathaniel konnte selbst auf die Entfernung den besorgten Ausdruck in der Stimme hören und musste sich das Lachen verkneifen. Er hatte Recht gehabt. Morgen spätestens war Alice hier.

„Also, das war so“, fing Fabio an und versuchte Zeit zu schinden. Nathaniels Grinsen war wirklich keine Hilfe und so holte er noch einmal tief Luft. „Es war dunkel und glatt und die Ampel war auch noch aus und da hat Frau Gruber irgendwie die Kreuzung übersehen. Ich hätte da ja auch echt nicht lang fahren müssen. Mein Volvo sieht vielleicht aus, sag ich dir und Noel wird mit Leberwurstbroten gefüttert, im Gegensatz zu mir. Ich bekomme Morphium.“ Und wenn man ihm so zuhörte, glaubte man das ungesehen.

„Morphium?“, war auch gleich die prompte und entsetzte Reaktion. „Du bist verletzt, Liebling. Wie schlimm ist es? Bist du gut versorgt? Herr Gott, Junge, jetzt sag doch schon, was los ist oder ist es so schlimm, dass du es mir nicht erzählen willst?“ Alice klang völlig aufgelöst und Nathaniel überlegte schon, welches der Gästezimmer ihr gefallen könnte.

„Mom“, piepste Fabio, weil ihm gerade das Gespräch entglitt. Brav erzählte er, was passiert war, schilderte, wie blöd sein Gipsbein aussah und beschwerte sich darüber, dass Noel nicht bei ihm sein konnte, weil der Kater auf Station nicht gern gesehen wurde. „Aber mir geht es gut“, versicherte er.

„Also das mit Noel wird dein Schatz ja wohl regeln können und das Gipsbein wird bald ganz bunt sein, weil jeder einen dummen Spruch draufschreiben wird.“ Alice hörte sich schon etwas beruhigter an, was aber nicht hieß, dass Fabio außer Gefahr war, wie er gleich merkte. „Schatz, ich pack ein paar Sachen zusammen und nehme den nächsten Flieger. In ein paar Stunden bin ich bei dir.“

„Aber Mom, ich...“ Weiter kam er nicht mehr, er hörte nur noch, wie seine Mutter auflegte. Immer noch den Hörer in der Hand sah er Nathaniel fassungslos an. „Der grüne Salon im Westflügel?“, fragte er also, ob sie beide das gleiche Zimmer für seine Mutter vorgesehen hatten. Dann legte er kraftlos den Hörer auf die Gabel. Er hatte verloren – so wie jedes Mal. Und dass Nathaniel lachte, machte es nicht leichter.

„Perfekte Wahl, Liebling“, kicherte Nathaniel, versöhnte seinen Schatz aber mit einem liebevollen Kuss. „Ich weiß gar nicht, warum du es immer wieder versuchst, du kannst nicht gewinnen“, versuchte er Fabio zu trösten und küsste ihn sanft. „Möchtest du Noel bei dir haben? Dann hole ich ihn rauf.“

„Ich würde ihn schon gern hier haben, aber wenn er stört oder so oder die Seuchenbeauftragten kurz vor einem Herzkasper stehen, wenn sie an seine schmutzigen Pfoten denken und mit Schnappatmung beginnen, sollten wir das lieber lassen. Ich will nicht, dass irgendeinem Patienten mit angeschlagenem Immunsystem etwas passiert, nur weil ich mein Schmusetier haben will.“ Fabio versuchte tapfer zu sein, auch wenn ihm sein Baby fehlte.

„Glaubst du, Straßenschuhe sind sauberer als Noels Pfoten und unser Liebling ist kerngesund?“, fragte Nathaniel grinsend und setzte sich auf. „Ich werde ihn reinschmuggeln“, flüsterte er verschwörerisch und seine Augen funkelten vergnügt. Fabio wollte Noel bei sich haben und dann sollte er ihn auch bekommen.

Er kannte die Regeln in seinem Haus und vor allem auch auf der Kinderstation waren Haustiere zugelassen, denn es half den Kleinen, schneller gesund zu werden, wenn die Eltern ihre kleinen Lieblinge mitbringen durften.

„Ja, mach das und ich verstecke ihn immer unter der Decke, wenn eine Schwester kommt oder ein Arzt“, lachte Fabio leise und lehnte sich wieder zurück. Er fühlte sich wirklich erschlagen und sein Körper summte leise vom dumpfen Schmerz.

Immer noch grinsend lief Nathaniel die Treppen runter, zur Pförtnerloge. Noel hatte es sich auf einem improvisierten Lager neben der Heizung bequem gemacht und holte ein wenig Schlaf nach. „Hallo Herr Geiger, ich nehme Noel mit“, sagte Nathaniel, als er den Raum betrat und kaum dass der Kater seinen Namen hörte, spitzte er die Ohren. „Vielen Dank, dass sie auf ihn aufgepasst haben.“

„Ach, mach ich doch gern. Ist ja ein liebes Tier“, sagte der Pförtner und lächelte, musste sich aber schnell wieder seinem Dienst widmen, denn ein paar verschüchterte Mädchen erkundigten sich nach einem Patienten. Sicherlich wollten sie einen Klassenkameraden besuchen. Noel derweil ließ sich wieder an die improvisierten Leine nehmen. Das sah besser aus, als wenn er wie ein Wahnsinniger durch das Treppenhaus sprang.

„Na komm, Süßer, die Mama wartet“, flüsterte Nathaniel Noel ins Ohr und der Serval sprang auf. Er zog an der Leine und maunzte, weil es ihm nicht schnell genug ging. „Komm ja schon“, lachte der Graf und rief dem Pförtner noch zu, dass er bitte auf der Kinderstation anrufen und nachfragen sollte, ob Raul Tirier im Dienst war und wenn ja, ihn bitten, ins Zimmer von Fabio de Cosa zu kommen.

Als er wieder oben war, musste er Noel loslassen, sonst hätte er ihn zum Straucheln gebracht. So schloss Nathaniel die Tür, während Noel schon zufrieden neben Fabio auf dem Bett lag und sich kraulen ließ. So machte das Leben doch wieder Spaß und jetzt wusste er auch wieder, dass es seiner Mama gut ging.

„Danke.“ Fabio strahlte und stellte das Glas weg, das er sich eben mit Wasser gefüllt hatte. Doch dann sah er Nathaniel an, weil ihm etwas einfiel. „Marius wird ganz schön sauer sein, dass er jetzt alleine ist.“

Nathaniel hatte die andere Seite neben Fabio belegt und streichelte mit ihm zusammen Noel. „Ich hoffe, dass er heute lange schläft, aber trotzdem muss ich wohl bald nach Hause. Ich habe versprochen, heute mit ihm ins Sealife zu gehen und es wäre wohl falsch, das jetzt zu verschieben.“

„Ja, das wäre es auf jeden Fall“, sagte Fabio und meinte das ehrlich. Wäre ihm nicht dieser blöde Unfall dazwischen gekommen, dann wäre er jetzt bereits außer Landes und Nathaniel hätte endlich die Zeit, mit Marius zu reden und zu erfahren, was seinem Jungen so auf der Seele lag, dass er Fabio komplett ablehnte, ohne ihn zu kennen. „Bring ihm am besten eine Portion Pommes zum Frühstück mit. Der Trick hat bei mir gezogen, wenn ich sauer auf meinen Vater war.“ Fabio lachte.

„Gut zu wissen. Klappt das auch bei Geliebten?“ Nathaniel lachte und küsste Fabio richtig. Bisher hatte er sich gar nicht getraut, aber jetzt war er sich sicher, dass sein Liebling nicht schwer verletzt war und er brauchte diese Nähe, um wieder ruhiger zu werden.

„Das kommt drauf an, was der Delinquent angestellt hat“, nuschelte Fabio und genoss die Nähe. Im Stillen musste er zugeben, dass er sich noch nicht im Klaren darüber gewesen war, wie er die nächsten beiden Wochen ohne Nathaniels Zärtlichkeiten hätte auskommen sollen. Er hob etwas fragend den Kopf, als es klopfte.

Noel hob den Kopf und spitzte die Ohren, dann sprang er vom Bett. Wozu hatte man ihm denn beigebracht, wie man Türen öffnete? Und noch ehe Fabio hätte ihn daran hintern können, strich er Raul um die Beine.

„Störe ich?“, feixte Raul und schob Noel wieder in das Zimmer. Es hatte ihn schon gewundert, als man ihm Nathaniels Nachricht überbracht hatte. Darum war er auch gleich losgelaufen, als er Zeit hatte.

„Grundsätzlich, aber das hat dich doch noch nie abgehalten“, erklärte Fabio lapidar, freute sich aber, dass er vielleicht für ein paar Minuten nicht ganz alleine war, wenn Nathaniel gleich ging. Er würde Noel mitnehmen müssen, denn hier hatte der Kater nichts von dem, was er brauchte. Kein Futter, kein Klo und keinen Auslauf.

„Auch wieder wahr.“ Raul grinste kurz, wurde aber ernst, als er zum Bett kam. Man hatte ihm schon gesagt, dass Fabio mit einem Beinbruch eingeliefert worden war. „Wie geht es dir?“, fragte er und besah sich die Verletzungen.

„Ich stehe unter Drogen, habe meinen Schatz und mein Haustier bei mir, liege in einem bequemen Bett und hübsche Mädels und Jungs werden mich umsorgen. Wie soll es mir denn da gehen?“, lachte Fabio. Er wollte überspielen, dass er eigentlich keinen Bock hatte, hier herumliegen zu müssen. Das wurde doch stink langweilig, sobald alle weg waren. Er hatte nicht mal Internet.

„Ah ja?“ Raul sah Fabio skeptisch an. „Dann ist ja zu hoffen, dass sie dich noch lange hier behalten, wenn es so paradiesisch ist.“ Raul kraulte Noel, der sich wieder neben Fabio gelegt hatte. „Ich denke, ich bleibe ein wenig bei dir, wenn hier hübsche Jungs herkommen. Geht ja nicht an, dass du die für dich alleine beanspruchst.“

Fabio hob eine Braue. Was waren das denn für Töne. „Nur weil dein Göttergatte für drei Wochen in Berlin zur Weiterbildung ist, ist das doch noch lange kein Grund, gleich neue Quellen aufzutun“, tadelte er und grinste, weil Raul leicht schattiert den Kopf senkte. „Stimmt doch gar nicht“, maulte er ganz leise und Nathaniel hüstelte, wie er selbst denn Fabios Aussagen über hübsche Pfleger zu verstehen hätte.

„Äh“, war alles, was Fabio noch sagen konnte – er war in die Falle gegangen.

„Okay, Raul ist der einzige hübsche Pfleger, der diesen Raum betritt“, bestimmte der Graf und sah grimmig auf seinen Schatz, der überrascht die Augen aufriss und protestieren wollte, aber da grinste Nathaniel schon breit und küsste seinen Schatz. „Ich hole dich morgen hier raus, darauf kannst du wetten.“

„Am besten, bevor Mama mich in diesem erbärmlichen Zustand sieht. Sonst zieht sie für die nächsten Jahre bei uns ein, weil sie sich bestätigt fühlt, dass ich alleine gelassen vor die Hunde gehe. Du wirst eine dreijährige Ausbildung zum Fabio-Schutz unter ihrer Aufsicht durchlaufen und mit einem Zertifikat abschließen“, überlegte Fabio und Raul lachte laut.

„Oh!“ So gern Nathaniel Alice auch hatte, das war doch eine Horrorvorstellung. „Ich rede gleich mit dem Arzt, dass ich dich morgen so früh wie möglich mitnehme“, sagte er hastig und blickte entschlossen. Niemand sollte es wagen, seine Planung zu stören.

„Ich unterschreibe auch, dass... Was denn?“ Fabio sah auf Raul, der gerade auf einem Stuhl Platz genommen hatte und leise lachte.

Das war zu schön, wie zwei gestandene Männer Angst vor der Mutter hatten. „Ach, nichts weiter“, wiegelte er also ab, es war ja nicht so, als könnte er das nicht verstehen. Lieber streichelte er noch etwas Noel.

„Hm!“ Kurz beäugte Fabio Raul misstrauisch, aber dann wandte er sich wieder an Nathaniel, der musste gehen, damit er mit Marius noch etwas unternehmen konnte.

„Ich komme dich heute Abend noch einmal besuchen“, versprach Nathaniel.

„Ja, mach das“, sagte er und versuchte nicht allzu flehend zu klingen. Er küsste seinen Liebsten, streichelte noch einmal Noel durch das Fell, dann musste er seinen kleinen Schatz vom Bett scheuchen, der schon wieder nicht so richtig verstand, warum er vertrieben wurde. Doch Nathaniel nahm sich gleich seiner an und Raul erhob sich ebenfalls. Er musste noch einmal auf seine Station. Zum Glück lag die Kinderstation im gleichen Flügel. Das kam ihm entgegen.

„Bin gleich wieder da“, versprach er Fabio, denn er hatte schnell verstanden, warum Nathaniel ihn hatte rufen lassen. „Ich werde mich um ihn kümmern“, versprach Raul Nathaniel und wie erwartet atmete Fabios Lebensgefährte erleichtert auf.

„Das hatte ich gehofft. Er ist sowieso schon deprimiert, weil Marius ihn ablehnt und jetzt hatte er auch noch diesen Unfall.“

„Mist“, knurrte Raul leise, damit Fabio es nicht merkte. Er hatte selbst gemerkt, dass der junge Mann extrem nervös gewesen war, je näher es auf Weihnachten zugegangen war. Jeder hatte gehofft, dass das erste Zusammentreffen mit Nathaniels Jungen gut verlaufen würde, doch dem war wohl nicht so gewesen. Deswegen eventuell auch die Flucht zum Flughafen. Doch das konnte Raul auch später noch erfragen. Er setzte sich hastig ab und Fabio bekam noch einen letzten Kuss und einen Pfotendruck.

Immer wieder sah Noel zurück, aber er folgte Nathaniel zum Auto. „Du hast ihn ja bald wieder“, schmunzelte Nathaniel, als er den Kater festschnallte und strich ihm noch einmal über den Kopf. Die Fahrt zum Schloss verlief problemlos, auch wenn die Autofahrer immer noch Probleme mit dem Schnee auf den Straßen hatten.



06

Als Nathaniel die Haustür öffnete, hörte er schon Martha und Marius in der Küche.

„Aber er hat es versprochen“, murmelte Marius. Er schien nicht sehr erfreut darüber zu sein, dass sein Vater nicht da war.

„Marius, er ist im Krankenhaus“, sagte Martha und man spürte, wie Marius stockte.

„Ist er krank“, wollte er wissen und so war Nathaniel klar, dass Martha ihm noch nicht erklärt hatte, warum sein Vater weg war. Das überließ sie wohl lieber dem Grafen selbst. Das Thema war zu sensibel, um dort auch noch mit drinnen herum zu rühren.

„Nein, Marius, ich bin nicht krank“, machte Nathaniel auf sich aufmerksam und Marius drehte sich hastig zu ihm um.

„Papa“, rief er freudig und sprang auf.

„Guten Morgen, Marius“, begrüßte Nathaniel seinen Sohn und drückte ihn an sich. Er würde ihm nachher erklären, warum er im Krankenhaus gewesen war und er hoffte, dass sein Junge nicht wieder so reagierte wie gestern. Er hatte Angst davor, ihn nicht wieder zu erkennen. „Lass uns essen“, schlug er deswegen vor, denn der Tisch war liebevoll gedeckt und Marius hatte noch nichts angerührt. Das Murmeltier war wohl eben erst aus dem Bett gekullert. Er grinste.

Doch Marius fragte auch nicht weiter nach. Seinem Vater gehörte das Krankenhaus, da kam es vor, dass er ab und an gerufen wurde, wenn eine wichtige Entscheidung anstand. Lieber ließ sich Marius einen großen Berg Rührei auftischen, schließlich hatten sie viel vor.

Während Marius zufrieden aß, besprach Nathaniel mit Martha alles weitere, schließlich kam ein Gast und auch für Fabios Rückkehr musste einiges vorbereitet werden. Dabei ließ er sich das leckere Frühstück schmecken und freute sich sogar darauf, den Tag mit seinem Sohn zu verbringen. Die Sorge um Fabio war etwas kleiner geworden, doch als auch Noel nach der Inspektion seines Reviers in die Küche getrottet kam, um Stärkung zu verlange, guckte Marius etwas irritiert. „Hat er seine Katze nicht mitgenommen?“, fragte er und beobachtete Noel. Süß war er ja, doch das würde Marius nie zugeben.

Nathaniel seufzte innerlich, denn jetzt konnte er es nicht mehr aufschieben, seinem Sohn zu erzählen, was heute passiert war. „Doch, er hat ihn mitgenommen, aber Fabio ist nicht geflogen. Er hatte auf dem Weg zum Flughafen einen Unfall und liegt im Krankenhaus. Er hat sich ein Bein gebrochen und eine Gehirnerschütterung.“

„Oh“, war Marius’ erste Antwort und er nickte. Man konnte nicht sagen, was gerade in seinem Kopf vor sich ging, doch er blickte weiter stur auf seinen Teller. „Wirst du jetzt wieder zu ihm fahren und gucken wie es ihm geht?“, fragte er mit diesem lauernden Unterton in der Stimme. Dabei hatte sein Vater ihm versprochen, dass sie ins Sealife fuhren.

Nathaniel gab es einen Stich, wie gleichgültig Marius die Nachricht aufnahm und er musste sich beherrschen, seinem Sohn das nicht auch zu sagen. Er biss aber nur kurz die Zähne zusammen und hatte sich dann wieder im Griff. Marius jetzt Vorwürfe zu machen, brachte ihn und Fabio bestimmt nicht näher zusammen. „Ich werde ihn heute Abend besuchen, wenn wir wieder aus dem Sealife zurück sind.“

„Wir fahren also.“ Marius wirkte gleich wieder fröhlicher und so aß er weiter, ließ die Katze, die um den Tisch strich, aber nicht aus den Augen. Als Noel an ihm vorbei ging, streckte er die Hand aus, doch Noel zuckte zurück, ging gerade so außer Reichweite und beäugte den Jungen. „Dann halt nicht“, knurrte Marius nur. Den wollte er sowieso nicht streicheln. „Und was essen wir zum Mittag?“ Davon hing es ab ob er sich jetzt mit Marthas Leckereien voll stopfte oder nicht.

„Ich hatte gedacht, dass wir etwas mitnehmen und es dort essen. Neben dem Sealife ist ein großes Einkaufszentrum, dort gibt es viele Restaurants und Imbisse. Dort wollte ich mit dir danach hingehen und etwas essen“, erklärte Nathaniel. Er wusste, dass Martha etwas vorbereitet hatte und er freute sich schon darauf, denn oft kam er nicht dazu.

„Das klingt gut!“ Marius nickte begeistert, griff sich aber noch ein Brötchen. Er höhlte es aus, spritzte Ketchup rein, stopfte Rührei hinterher und biss genießend zu. Daheim bekam er für solche Essmanieren Schelte, doch sein Vater ließ es ihm in den heimischen Gefilden durchgehen. Er selber mochte es ja auch zu gern. Deswegen tat er es seinem Sohn nach. Und bei Fabio hatte er diese Unsitte auch schon erlebt. Martha hatte es aufgegeben.

Damit sie nicht sehen musste, wie sich Ketchup auf den Tellern verteilte, stand sie auf und packte den Proviant zusammen. Es gab leckere Sandwiches, kleine Frikadellen und Schnitzelchen und etwas Kuchen zum Nachtisch. Sie wusste, dass sich beide darüber freuten, weil sie es gerne aßen.

Als sie zurück aus der Speisekammer kam, war die Küche schon leer und die beiden Jungs wuschen sich gerade die klebrigen Finger. Sie planten schon, was sie alles sehen wollten und hofften, dass Martha keine Fischbrötchen gemacht hatte. Dann kicherten sie, weil sie sich vorstellten, wie die Fische sie mit Seetang bewerfen würden für diesen Frevel.

„Auf geht’s und du bleibst bei Martha.“ Noel lag in der Küche auf einer Decke dicht am Herd. Martha hatte in ihrer sonst so modernen Küche noch einen alten Holzofen und sie liebte ihn mindestens so sehr wie Noel.

Nathaniel knuddelte den Serval noch einmal, dann nahm er den Rucksack mit dem Proviant entgegen und hängte ihn sich über die Schulter. Er winkte Martha noch einmal zu und lief mit Marius zum Wagen. Zum Sealife war es nicht sehr weit und in ungefähr einer halben Stunde sollten sie da sein. Zum Glück hatte er wirklich noch Karten reserviert, die sie an der Kasse nur abholen brauchten, ohne sich an die Schlange der Wartenden anzuschließen.

„Na, wie läuft es denn nun in der Schule?“, fragte er, denn Marius hatte ja klar gestellt, dass er darüber erst berichten wollte, wenn sie alleine waren. Das waren sie ja nun.

„Total gut! Der neue Nachhilfelehrer ist klasse“, begann Marius. Erst hatte er sich dagegen gesträubt, auch außerhalb der Schule noch pauken zu müssen, doch seit er besser war als seine Freunde, hatte er richtig Spaß daran.

„Das ist doch prima.“ Nathaniel war wirklich froh, dass sein Sohn eingesehen hatte, dass er etwas tun musste. Zwar erhob sein Vater nicht den Anspruch, dass Marius überall der Beste sein sollte, aber wenn er einmal die Firmen übernehmen sollte, dann sollte er eine gute Ausbildung bekommen, um der Verantwortung besser gewachsen zu sein. „Wie ist das Zeugnis denn ausgefallen? Du wirst dich sicherlich verbessert haben, oder?“

„Ja, aus der einen Vier ist eine Drei geworden und alle Dreier sind sonst weg und dann hab ich nur Einser und Zweier!“ Marius war total stolz, denn er war jetzt der siebtbeste in seiner Klasse. „Und der Chris ist in Geschichte voll abgesoffen“, lachte er, denn Chris mochte er nicht besonders. Chris glaubte, alles zu können und alles zu wissen, aber der Grund, warum Marius ihn am wenigstens mochte war Jessica. Das war Marius’ beste Freundin und an die machte sich Chris ran.

„Toll!“ Nathaniel drückte Marius‘ Schulter und er freute sich wirklich darüber, dass sich die Noten seines Sohnes verbessert hatten. Er hatte sich seine Ferien also wirklich verdient und auch seine Weihnachtsgeschenke. Nathaniel war schon gespannt, was Marius zu der neuen Spielkonsole sagte.

„Ja, fand ich auch und Jessy auch. Wir haben ihn gleich damit geärgert!“ Marius war eigentlich niemand, der anderen lästernd entgegen trat, doch es gab eben ein paar Leute, die hatten sich das hart erarbeitet. Chris war so jemand, seit er es wagte, seiner Freundin nachzusteigen.

„Boah, wollen die alle da rein!“ Marius machte große Augen, als er die Schlange vor dem Sealife sah.

„Ich fürchte ja“, murrte Nathaniel, dem das auch nicht gefiel. Das hieß nämlich, dass sie sich zu dem, was sie sehen wollten, durchkämpfen mussten und das mochten sie beide nicht besonders. darum verzogen sie auch gleichzeitig das Gesicht und kicherten, als sie es bemerkten. „Na los, lass uns reingehen, damit wir vor ihnen drin sind.“

„Ja, auf jeden Fall!“ Kaum dass der Wagen stand, war Marius schon raus. Nathaniel konnte gerade noch den Rucksack greifen, dann zerrte ihn sein Junge auch schon zur Schlange, grinste aber sichtlich zufrieden, als er an dieser vorbei direkt zur Kasse gehen konnte.

Sie holten die reservierten Tickets ab und betraten das Sealife. Nathaniel sah sich um und war schon ganz gespannt, was sie alles sehen würden. Er selber war bisher noch gar nicht dazu gekommen, sich die neue Attraktion des Centers in Oberhausen anzusehen und er hatte bisher die unterschiedlichsten Berichte darüber gehört. Von ganz toll bis ganz übel, über langweilig und überteuert. Nun wollte er sehen, was dran war. Marius hatte es immer leichter als er, denn er konnte sich mit seiner geringeren Größe durchdrängeln und winkte nun immer von irgendwo her, sein Vater möge zu ihm kommen und mal gucken.

Jetzt stand er vor dem Becken eines Oktopus’ und beobachtete das Tier. Man hatte ihm einiges an Spielzeug in das Becken getan, damit das intelligente Tier sich nicht langweilte. „Sieh mal, Papa, er hat gerade ein zugeschraubtes Glas mit Futter bekommen und versucht es jetzt aufzumachen“, rief Marius begeistert und hibbelte herum.

Nathaniel hatte Glück, eine kleine Gruppe löste sich gerade von der Scheibe und so konnte er hinter seinen Jungen treten. „Hey, den kenn ich doch“, sagte der Graf und so war es wirklich. Der kleine Kerl hieß Paul und war berühmt dafür, die Spiele der deutschen Nationalmannschaft voraussagen zu können. Er hatte bisher ziemlich oft richtig gelegen. „Sein Name ist Paul.“

„Ach, das ist Paul? Cool!“ Marius hatte auch von dem Oktopus gehört, hatte aber nicht gewusst, dass er hier im Sealife Zuhause war. „Du bist ja eine richtige Berühmtheit“, murmelte er und jubelte, als Paul das Glas aufbekam und sich seine Belohnung herausfischte.

Nathaniel machte ein paar Bilder und hoffte, dass sie nicht allzu sehr verwackelten, denn mit Blitzlicht fotografierte es sich immer sehr ergebnislos gegen Glas. Es war also eine kleine bis mittelschwere Herhausforderung, Erinnerungen von heute zu schießen. Erst eine große Gruppe Kinder schafften es, sie vom Fenster zu verdrängen und weiter zu schicken.

Langsam gingen sie durch die Räume und besahen sich die vielen Aquarien voller Fische und anderer Meeresbewohner. Viele der Tiere waren ihnen völlig unbekannt, aber dann entdeckte Marius ein Aquarium mit Clownsfischen und lachte. „Sieh mal, Papa, die sind genauso wie auf dem Bild, das Thilo für mich gemalt hat.“

„Stimmt!“, sagte Nathaniel und legte seinem Jungen die Hände auf die Schultern. „Warst noch gar nicht bei ihm gewesen. Er freut sich bestimmt auch, dass du wieder da bist. Ich glaube auch, er hat ein paar neue Bilder.“ Ein Großteil seiner Bilder wurden immer noch verkauft, aber ab und an malte Thilo auch nur für sich selbst.

„Dann geh ich heute Abend zu ihm, wenn er Zeit hat. Ich habe ihm auch etwas mitgebracht. Er mag doch Schweizer Schokolade, oder?“ Marius verfolgte die kleinen Fische mit den Augen und grinste immer wieder. Diese hier machten ihrem Namen alle Ehre.

„Oh ja, er steht auf Schokolade“, lachte Nathaniel. „Und wenn du drüben bist, fahre ich noch mal ins Krankenhaus.“ Er war sich nicht sicher, ob es das richtige Thema war, aber er musste einfach noch einmal versuchen nachzuhaken, was eigentlich los war. „Setzen wir uns da rüber. Dann können wir was essen“, schlug er vor, denn er hatte gerade ein paar freie Plätze vor einem der Aquarien erspäht.

„Ja, sicher.“ Marius lief gleich los, damit er vor den anderen an der Bank war, die wohl die gleiche Idee gehabt hatten. Er machte sich auf der Bank breit und Nathaniel beeilte sich, zu ihm zu kommen, bevor sein Sohn zu sehr bedrängt wurde. Er stellte den Rucksack zwischen sie beide und öffnete ihn, damit sie das Angebot sichten konnten.

Nathaniel packte die ersten Dosen aus und Marius guckte in jede rein, machte mal: „Oh“, mal: „Ah!“, mal: „Hm!“ und hatte auf Nathaniels Hinweis, er würde Fabio besuchen fahren, nicht so reagiert, wie eigentlich erhofft. Er war einfach darüber hinweggegangen, ohne sich aufzuregen oder nachzufragen, deswegen versuchte Nathaniel es noch einmal. „Die Frikadellen sehen gut aus. Wenn Martha noch welche hat, nehme ich Fabio nachher welche mit.“

„Hm, wenn du meinst“, war die lapidare Antwort und Nathaniel zog die Augenbrauen zusammen. Es tat ihm weh, wie gleichgültig Marius sich bei allem gab, was mit Fabio zu tun hatte. „Warum lehnst du Fabio so ab?“, fragte er darum einfach gerade heraus.

Marius griff sich ein Sandwich und blickte zu einem der Aquarien. „Mach ich doch gar nicht“, entgegnete er und biss ab. Mit vollem Mund musste er schließlich nicht reden.

„Machst du nicht?“ Nathaniel sah seinen Sohn ungläubig an. „Du willst nicht mit mir reden, wenn er dabei ist, weil er angeblich nicht zur Familie gehört, du schneidest ihn, wo du nur kannst, und du willst ihn Weihnachten nicht bei uns haben. Wie nennst du das?“, fragte er und war wirklich gespannt auf die Antwort.

„Du hast ja wohl mal mich, da brauchst du doch ihn nicht“, sagte Marius und sah seinen Vater vorwurfsvoll an. Ging denn überhaupt kein Tag ohne diesen Spinner?

Im ersten Moment war Nathaniel sprachlos und sah seinen Sohn an. „Marius, das sind doch zwei vollkommen verschiedene Dinge. Du bist mein Sohn und ich liebe dich. Das wird sich auch nicht ändern, nur weil ich auch Fabio liebe.“

„Das sind überhaupt nicht verschiedene Dinge“, sagte Marius und holte tief Luft. „Mama hat auch gesagt, dass du dir Fabio geholt hast, weil du mich nicht mehr lieb hast und wir uns sowieso nicht mehr so oft sehen und er mich ersetzen soll und das finde ich so gemein von dir.“

Nathaniel ließ das Sandwich sinken, von dem er gerade abbeißen wollte und glaubte sich verhört zu haben. „Sie sagt, dass Fabio dich ersetzen soll?“, fragte er nach und als Marius nickte, war er wirklich erschüttert. „So weit ich weiß, hatte deine Mutter auch schon einige Lebensgefährten in den letzten Jahren. Was sagst du dazu?“, fragte er ruhig, auch wenn es in ihm tobte. Was hatte seine Ex-Verlobte vor? Warum redete sie ihrem Sohn so einen Unsinn ein. Er wusste, dass Marius seine Mutter sehr liebte und ihr vertraute. Ihn davon zu überzeugen, dass sie ihn angelogen hatte, war also nicht leicht.

„Das ist doch was anderes. Die Männer, mit denen Mama ausgeht, haben doch nichts mit mir zu tun. Keiner von denen sollte mich ersetzen, aber Fabio und das finde ich so gemein von dir. Ich hab mich immer total gefreut, wenn ich hier war und du suchst dir einfach jemand anderes.“ Marius zitterte, so sehr regte ihn das auf.

„Marius, ich liebe Fabio, das ist richtig, aber er kann dich doch nicht ersetzen. Das kann niemand und das habe ich auch nie vorgehabt.“ Nathaniel ahnte schon, dass Marius das nicht glauben würde, aber er musste es wenigstens versuchen.

„Aber...“ Marius wusste nicht, was er glauben sollte. Seine Mutter sagte dies, sein Vater das. Er liebte beide zu sehr, als dass er einem von beiden den Vorzug geben konnte. „Fabio ist viel jünger als die Männer, die mit Mama ausgehen. Die wohnen auch nicht bei uns. Nur Klaus und der war voll doof. Fabio wohnt bei dir.“ Er sah seinen Vater offen an.

„Und nur weil er bei mir wohnt, bist du dir sicher, dass er dich ersetzen soll. Warum versuchst du nicht ihn kennen zu lernen? Dann würdest du schnell merken, dass er keine Konkurrenz für dich ist.“ Nathaniel versuchte an Marius’ Vernunft und seine Neugier zu appellieren und dementsprechend sah ihn sein Junge auch an.

„Weiß nicht“, sagte Marius, denn so leicht war das nicht zu bewerkstelligen. Er konnte nicht einfach einen Schalter umlegen. Zum Glück war der Kerl die nächsten Tage nicht da. „Und seine Katze kann mich ja auch nicht leiden“, erklärte er deswegen, wenn auch etwas zusammenhanglos. Dafür griff er zu, denn er hatte immer noch Hunger.

Nun musste Nathaniel doch schmunzeln, so ernst das Thema auch war, was sie gerade besprachen, Noel ließ Marius doch nicht so kalt, wie er tat. „Ich würde nicht sagen, dass er dich nicht mag, aber Fabio ist seine Mama und jemanden, der Fabio ablehnt, den lässt er links liegen. Wenn er mitkriegt, dass ihr euch versteht, würde er mit dir spielen.“

„Das ist Erpressung“, erklärte Marius und biss endlich in sein Schnitzel. Der Kleine gegenüber auf der Bank guckte schon die ganze Zeit so, als würde er gleich loslaufen und es ihm stehlen wollen. Besser man sorgte mit einem beherzten Biss dafür, dass er ins Leere lief. „Und Fabio soll mich nicht ersetzen? Du hast mich immer noch so lieb wie vorher?“, wollte er genuschelt wissen, weil er den Mund voll hatte.

„Natürlich hab ich dich immer noch so lieb wie vorher. Das wird sich auch nicht ändern.“ Nathaniel legte einen Arm um Marius und küsste ihn auf die Haare. „Ich freue mich jedes Mal darauf, wenn wir uns sehen können und ich nutze wirklich jede Gelegenheit dazu.“

„Hm“, machte Marius. Er fühlte sich schon ein bisschen blöd, doch das konnte er ja nicht sagen. Also aß er weiter und blickte auf, als Nathaniel sagte: „Und ehe ich es vergesse, morgen kommt Fabios Mutter. Sie macht sich Sorgen um ihn.“

„Geht es ihm so schlecht?“, fragte Marius.

„Nein, so schlecht geht es ihm nicht.“ Nathaniel freute sich, das Marius anfing, sich für Fabio zu interessieren. „Was glaubst du, würde deine Mutter tun, wenn du im Krankenhaus liegen würdest, auch wenn du nur leicht verletzt wärst?“, fragte er grinsend.

„Sie würde mich besuchen kommen“, sagte Marius und musste ebenfalls grinsen. „Ich verstehe“, kicherte er.

Mütter waren alle gleich und es war egal, wie alt die Kinder waren.

Marius wusste noch nicht, wie er Fabio in Zukunft gegenüber treten sollte, doch zum Glück war der ja noch eine Weile im Krankenhaus und so hatte Marius noch ein bisschen Schonfrist. Er griff sich noch ein Brötchen und erhob sich. „Sollen wir weiter gucken?“

Nathaniel schluckte noch schnell seinen Bissen runter und nickte. „Ja, gehen wir. Es gibt noch einiges zu sehen.“ Er nahm den Rucksack wieder auf und folgte seinem Sohn, der schon voraus gelaufen war. Er war recht zufrieden mit ihrem Gespräch und war etwas zuversichtlicher, was ihr Weihnachtsfest betraf.



07

„Nathaniel, setz dich!“ Martha lief ihrem Schützling jetzt schon das dritte Mal mit der Kaffeekanne durch das halbe Schloss hinterher. Er war völlig nervös, weil Alice sich angesagt hatte. Er war gestern noch bei Fabio gewesen und hatte ihn so lange bespaßt, bis es doch eine Schwester gewagt hatte, den Chef vor die Tür zu setzen und allein in dem großen Bett hatte er sich an Noel geschmiegt, der entschieden weniger empfänglich gewesen war für seine Nähe als Fabio. Die Nacht war eine reine Qual gewesen und deswegen lief er schon seit sechs Uhr mit einer Kaffeetasse durch die Gegend.

Aber Alice und Fabio waren nicht seine einzige Sorge. Auch Marius hatte gestern Abend wieder dicht gemacht. Nathaniel selbst hatte es noch nicht bemerkt, aber Martha hatte ihm berichtet, dass der Junge nach einem Telefonat verstört gewirkt hätte und seit dem stiller gewesen wäre, bis er zu Bett gegangen war.

Mit wem Marius telefoniert hatte, konnte er sich denken und er verfluchte Severina, die seinen Erfolg von gestern wohl zunichte gemacht hatte. „Entschuldige Martha“, Nathaniel blieb stehen und hielt seine Tasse hin, damit sie wieder gefüllt werden konnte.

„Junge, willst du den ganzen Tag durch die Gegend laufen? William holt Frau de Cosa gerade vom Flughafen und egal ob du jetzt hier durch die Dielen trittst oder nicht, sie wird nicht schneller oder langsamer hier sein. Ruf lieber schon mal im Krankenhaus an, dass sie mit ihr rechnen müssen“, grinste die Köchin und drückte Nathaniel auf einen der Stühle am Küchentisch.

Dann bekam er noch einmal seine Tasse gefüllt und einen aufmunternden Klaps auf die Schulter. „Du hast ja Recht, Martha, aber im Moment ist alles so verzwickt. Ich hatte gestern wirklich gehofft, dass Marius sich nach und nach mit Fabio anfreundet, aber das war wohl nicht im Sinne seiner Mutter.“ Nathaniel würde am liebsten den Kontakt unterbinden, aber das ging leider nicht.

Sie war nun einmal die Mutter und die Erziehungsberechtigte. Wenn er Marius sehen wollte, hing das leider auch von ihrem Wohlwollen ab.

„Das wird schon, ich versuche auch immer, Fabio ein bisschen mit einfließen zu lassen, wenn wir reden, doch er reagiert eher gar nicht darauf.“ Was Martha davon hielt und wem sie die Schuld gab musste sie nicht sagen. Da stimmte sie mit dem Grafen überein. „Aber vielleicht kann ja auch Fabios Mutter ein bisschen was bewirken. Man weiß es doch nicht.“

„Alice?“ Nathaniel sah Martha an und nickte. „Sie ist eine tolle Frau und wäre eine wunderbare Oma für Marius. Ich weiß, dass sie sich Enkelkinder wünscht, wie jede Frau.“ Martha hatte vielleicht nicht Unrecht. Wenn jemand das Eis brechen konnte, dann Alice.

Noel, auf den sie eigentlich gehofft hatten, war das nicht gelungen. Er hatte es zwar geschafft, dass Darius und Fabio sich endlich grün wurden, doch sein eigener Sohn war wohl ein größerer Brocken. Der Graf seufzte leise. Es gab eben Dinge, die konnte er nicht allein mit seinen Kontakten und seiner Autorität lösen und das zehrte an den Nerven.

„Da“, flüsterte Martha und deutete mit dem Kopf zum großen Küchenfenster, dass Einblick auf die Auffahrt gab. Der Wagen mit William und Alice fuhr gerade vor.

Nathaniel lief gleich zur Tür, um seinen Gast zu begrüßen. Lächelnd lief er auf Alice zu und umarmte sie. „Herzlich Willkommen, Alice“, begrüßte er Fabios Mutter und führte sie ins Schloss. „Schön, dass du da bist, auch wenn der Anlass nicht der erfreulichste ist.“

„Wo ist denn mein Baby, bestimmt noch im Krankenhaus. Kann ich zu ihm?“, fragte Alice gleich nach der Begrüßung, ließ sich aber ins Haus führen und machte auch keine Anstalten von Hektik oder Aufbruch. Sie ging schon davon aus, dass ihr kleiner Liebling in Nathaniels Krankenhaus gut aufgehoben war – aber die beste Pflege war eben immer noch die einer Mutter.

„Na du?“ Sie ging vor Noel in die Knie und begrüßte auch ihn standesgemäß, wenn er sich schon in den leicht unterkühlten Flur hinaus gewagt hatte.

Noel ließ sich kurz kraulen, aber dann lief er wieder in die Küche zu seinem warmen Ofen. „Komm folgen wir dem frierenden Kater“, lachte Nathaniel. Er führte Alice zu Martha und stellte sie einander vor. „Setz dich und trink einen Kaffee, dann fahr ich dich zu Fabio.“

„Vielleicht könnte mich auch dein Fahrer bringen und du bleibst bei deinem Jungen?“, sagte sie leise und legte kurz ihre Hand auf Nathaniels. Sie wusste durchaus um das schwierige Verhältnis, denn Fabio war ehrlich gewesen, warum er eigentlich hatte kommen wollen – einmal davon abgesehen, dass er auch seine Eltern wieder sehen wollte. Sie lächelte und nahm dankend die große Tasse Kaffee an und mischte mit Milch und Zucker ab.

Nathaniel war hin und her gerissen. Er wollte Fabio sehen, denn er vermisste ihn schrecklich, darum lächelte er und schüttelte den Kopf. „Nein, ich werde dich fahren, kurz bei euch bleiben und dann wieder nach Hause fahren. Marius schläft in den Ferien immer länger. Da bin ich wohl eher Zuhause, als er aufwacht.“

Alice nickte. Das war die Entscheidung des Grafen, da wollte und da würde sie sich nicht einmischen. Sie hatte das Angebot gemacht, doch sie fand es schön, dass er Zeit mit ihr verbrachte und sie reden konnten. Doch dann lachte sie, als zwei Pfoten auf den Tisch schlugen und Noel sich aufbaute, gerade so, als wollte er sagen: Hallo, nicht vergessen!

„Du hast dich auch nicht verändert“, lachte Alice und streichelte den Serval, der begeistert schnurrte. Natürlich hoffte Noel, dass er etwas bekam, aber Alice schüttelte den Kopf.

„Tja, Dicker, das war wohl nix“, lachte Nathaniel und wurde dafür mit Leidenschaft ignoriert.

„Vielleicht sollten sie noch etwas essen, ehe sie aufbrechen“, schlug Martha vor, denn Nathaniel hatte auch noch nicht wirklich etwas gegessen.

„Ach lassen sie doch das umständliche sie, ich bin Alice“, stellte sich Fabios Mutter vor, war aber nicht böse darüber, noch etwas in den Magen zu bekommen. Wenn sie so zeitig war, war ihr kleiner Liebling vielleicht noch verschlafen. Und dann war er meistens grätig.

„Na mach schon, du kannst es doch kaum erwarten“, lachte Nathaniel und Martha schnaubte leise. Der Graf kannte sie viel zu gut. „Ist sofort soweit“, lachte sie und schon fing sie an, den Tisch zu decken. „Ich habe für Fabio auch etwas vorbereitet, dass ihr mitnehmen könnt. Das Krankenhausessen ist doch grausig.“ Dann war sie wieder weg und während Nathaniel tief einatmete, weil er erst vor drei Monaten einen renommierten Sternekoch in seiner Küche angestellt hatte, musste Alice sich derart das Lachen verkneifen, dass sie plötzlich doch lost prustete, denn Nathaniels entsetztes Gesicht war Gold wert gewesen. „Sorry“, versuchte sie sich zu fassen, doch es ging nicht.

„Ich fass es nicht“, murmelte Nathaniel und schüttelte den Kopf. Da konnte er wohl machen, was er wollte, jeder hatte im Kopf, dass Krankenhausessen nicht schmeckte. Aber Martha ließ er das durchgehen, denn ihr Essen war wirklich immer lecker. Darum lachte er mit Alice mit und ließ Martha in dem Glauben, Fabio retten zu müssen. Und der war bestimmt nicht böse darüber, von allen Seiten gerettet zu werden. Nathaniel musste außerdem schon deswegen mit ins Krankenhaus, weil er seinem Liebling versprochen hatte, ihn so schnell wie möglich einzusammeln und mitzunehmen. Er musste also den Arzt kontaktieren und sehen, ab wann das möglich war.

„Klischee, Nathaniel, Klischee“, lachte Alice und verteilte das Geschirr auf dem Tisch, das Martha brachte. Schnell war der Tisch hergerichtet.

„Wir müssen es reinschmuggeln, denn wenn mein Koch mitbekommt, dass mein Lebensgefährte sein Essen verschmäht, dann kündigt er. Das muss ich vermeiden, denn sonst sind alle ganz begeistert von seinen Kochkünsten.“ Nathaniel stand auf und setzte noch einmal Kaffee auf. Den wollte er ebenfalls Fabio mitnehmen, denn der Kaffee war so ziemlich das einzige, was man nicht als erstklassig bezeichnen konnte, egal was sie bisher ausprobiert hatten. Wenn schon schmuggeln, dann richtig.

„Soll ich was unter der Kleidung schmuggeln?“, lachte Alice und sah an sich hinab. „Zwischen die Speckröllchen kann ich was stopfen, das würde noch nicht einmal auffallen.“ Sie schmierte sich ein Brötchen, während Martha noch Belag auftische, als gelte es, eine Armee zu versorgen. Alice machte große Augen.

„Nein, das muss nicht sein, außerdem kann man nichts zwischen Pölsterchen verstecken, die gar nicht vorhanden sind.“ Nathaniel nahm die Hand von Fabios Mutter und hauchte einen Kuss darauf. „Greif zu, wenn wir nicht essen, schimpft sie.“ Er zwinkerte Alice zu und nahm sich selbst etwas.

„Charmeur“, lachte Alice und wirkte viel jugendlicher als ihr vom Leben gezeichnet Gesicht verraten würde. Doch sie griff wirklich zu. Schnell waren sie fertig und das Carepaket für Fabio war auch geschnürt. Es konnte also losgehen. Noel strich ihnen so lange um die Beine, bis Nathaniel endlich begriff, was der Kater eigentlich von ihm wollte.

„Schatz, du kannst nicht mit“, erklärte er Noel, aber der stellte die Ohren einfach auf Durchzug und fing an mit der Pfote zu tatzen, als kleine Aufforderung, so dass sich Nathaniel zu ihm runterbeugte und ihn streichelte. „Guck nicht so“, bat er leicht verzweifelt, denn Noel wusste genauso gut wie Fabio, welche Knöpfe er drücken musste, um zu bekommen, was er wollte.

„Brave Kater warten hier“, versuchte es Alice, doch sie hatte noch weniger Erfolg als Nathaniel. Noel machte sich auf in den Flur und holte die Leine, die er dem Grafen vor die Füße legte. Dann setzte er sich daneben und guckte wieder auffordernd. Martha lachte leise, denn sie ahnte, wer gewinnen würde.

„Okay, aber du benimmst dich“, resignierte Nathaniel und nahm die Leine auf. Schnell war sie an dem Geschirr eingehakt und es konnte losgehen. „Kein Wort“, knurrte der Graf, als Martha den Mund öffnete. Er fühlte sich auch so schon schlecht. Immer wieder musste er vor Noel kapitulieren und das ihm, einem Mann, der einen Multikonzern leitete. Wenn das seine Kunden wüssten.

„Ich habe nichts gesagt“, versicherte Martha und lachte, als Noel sich aufmachte und den Grafen hinter sich her schleifte. „Grüßt schön“, rief sie noch hinterher und lachte erst los, als die Tür sich langsam schloss.

„Er ist doch recht energisch, hm?“, sagte Alice und folgte den beiden in die Garage.

„Du kennst seine Mama, oder?“, lachte Nathaniel und schnallte Noel fest, der still hielt, weil er wusste, dass er nicht mit durfte, wenn er sich dagegen wehrte. „Noel hat das Talent, sich alle Unarten anzueignen und die guten Eigenschaften zu ignorieren.“

„Ich kann mir gar nicht vorstellen, von wem er das haben könnte“, erklärte Alice gespielt überlegend, doch dann lachte sie. Fabio war genauso. Er hatte auch seinen Vater früher in den Wahnsinn getrieben, indem er einfach das Nein ignoriert hatte und so lange nervte, bis der Klügere dann nachgegeben hatte. Zum Glück hatte er sich diese Form der Erpressung wieder abgewöhnt.

„Natürlich nicht.“ Grinsend hielt Nathaniel Alice die Tür des Wagens auf, damit sie einsteigen konnte. Fabio wartete bestimmt schon auf Besuch und war ungeduldig. Hoffentlich konnten sie ihn heute mit nach Hause nehmen. Er wollte sich Fabios Laune gar nicht vorstellen, wenn er länger im Krankenhaus bleiben musste.

So fuhren sie durch das verschneite Essen und plauderten dabei ein wenig. Doch die heiklen Themen klammerten sie noch aus. Lieber malten sie sich aus, wie es wurde, wenn Fabio länger als heute im Krankenhaus bleiben musste und kamen beide zu dem Entschluss, dass dies mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln zu vermeiden war.

„So, da wären wir.“ Nathaniel parkte auf seinem reservierten Platz direkt neben dem Eingang. Es hatte Vorzüge, der Besitzer zu sein.

Sie erregten natürlich ziemliches Aufsehen, so dass Nathaniel nur kurz die Anweisung gab, dass er Fabios behandelnden Arzt so schnell wie möglich sprechen wollte. Dann verschwanden sie in den Aufzug und erst kurz vor Fabios Zimmer ließ er Noel laufen, damit er die Tür öffnen konnte.

„Was habt ihr der Plage denn noch alles beigebracht“, sagte Alice und traute ihren Augen nicht. Na das konnte ja was werden, wenn der Kater wieder mal bei ihnen war. Am besten ersetzten sie einige der Türklinken durch Drehknaufe, vorzugsweise die der Speisekammer.

„Noel!“, hörten sie Fabio rufen, als der Kater sich durch die geöffnete Tür schob. Und weil man es ihm so beigebracht hatte, trat er die Tür mit einer Hinterpfote wieder zu. Alice sah Nathaniel fragend an.

„Das Schloss ist zugig“, lachte Nathaniel und zuckte mit den Schultern. Wie gut, dass Alice noch nicht die anderen Eigenheiten Noels gesehen hatte. Er ließ Alice den Vortritt, damit sie ihren Sohn richtig begrüßen konnte.

„Fabio, mein Liebling“, rief sie gleich und lief zum Bett, auf dem sich auch schon Noel breit gemacht hatte. Und er machte auch nicht den Eindruck, als würde er Platz machen, nur weil eine besorgte Mutter ihren Jungen untersuchen wollte. Was wussten denn schon die Ärzte. Das waren doch keine Mütter! „Schatz, du machst aber auch immer Sachen!“, sagte sie und Fabio wurde gleich umarmt, abgeklopft, untersucht und dann mal unter die Decke geguckt, dass er instinktiv das Hemdchen festhielt. Nicht dass hier jemand im Raum gewesen wäre, der das noch nicht gesehen hätte, aber man wusste ja nie!

„Mom“, rief er anklagend, aber er ließ sich untersuchen. Es hatte ja doch keinen Sinn, sich zu wehren. „Ich hab doch gar nichts gemacht. Mir ist jemand reingefahren, ich hab keine Schuld“, versuchte er sich zu verteidigen, auch wenn er wusste, dass es nichts nutzte.

„Du hättest ja auch mal aufpassen können. Ich hab deinem Vater immer gesagt, dass du mal mit diesen blöden Autos umkommen wirst. Mach das nie wieder!“, drohte sie und zupfte Fabio das Hemdchen zurecht, während Noel mit unter die Decke kroch. Nathaniel stand nur amüsiert neben der Tür und betrachtete sich das Schauspiel. Das konnte man nur, wenn man ein Unbeteiligter war.

„Mom!“ Fabios Stimme klang ziemlich leidend, so dass Nathaniel Mitleid mit ihm bekam. „Guten Morgen, mein Schatz“, sagte er lächelnd und kam zum Bett. Er küsste seinen Freund und strich ihm über die Wange. „Ich hoffe, du hast Hunger, Martha hat dir etwas mitgegeben.“

„Ui!“ Beim Essen war Fabio wie Noel, er vergaß alles andere, wenn es etwas Gutes gab. Der gestrige Tipp mit den Pommes kam schließlich nicht von ungefähr.

„Ich war noch nicht fertig“, erklärte Alice leicht angesäuert, doch sie ließ Nathaniel gewähren. Sicherlich hatte Fabio Hunger und wenn er satt und ruhig gestellt war, war er vielleicht auch nicht so grätig bei den weiteren Untersuchungen.

Nathaniel stellte den Korb auf einem Stuhl neben dem Bett ab und öffnete ihn. „Wow“, machte er leise, als er sehen konnte, was seine Köchin alles eingepackt hatte. Da konnte man ja richtig neidisch werden. Es gab so ziemlich alles, was Fabio gerne aß, einschließlich Rührei, das dank Warmhaltebox auch noch köstlich dampfte. Fabio strahlte und Noel kam unter der Decke wieder vor gekrochen. Es konnte ja gut sein, dass für ihn noch etwas abfiel. Schnell machte Alice ihrem kranken Jungen einen Teller zurecht und Fabio grinste schief. Genau so hatte er es erwartet. Doch er ließ es sich schmecken und zuckte hoch, als es klopfte.

„Das wird der Arzt sein.“ Nathaniel öffnete die Tür und lächelte die Frau an, die vor der Tür stand. „Dr. Drieschel, guten Morgen“, begrüßte er sie und ließ sie ins Zimmer. „Ich hoffe, sie haben gute Nachrichten für uns.“

Erst einmal sah sie auf das Krankenbett und schluckte. Nicht nur der Picknickkorb ließ sie stutzen, auch die Katze, die neben dem Patienten hockte und im Augenblick der Unachtsamkeit versuchte, sich mit einer Kralle eine Frikadelle zu angeln. Was ging denn hier ab? Sie sah ihren Chef an und grinste schief. „Ehrlich gesagt nicht“, sagte sie und machte ein eher besorgtes Gesicht.

Fabio wurde schon blass.

„Wenn sie nicht aufpassen hat die Katze bald schlechte Cholesterinwerte und wenn der Chefkoch das da raus bekommt, haben wir ab morgen keinen Küchenchef mehr.“

„Äh...“, machte Nathaniel, völlig aus dem Konzept gebracht und drehte sich schnell zu Noel um, der die Frikadelle, aber schon erbeutet hatte und genüsslich verspeiste. Jetzt war es eh zu spät, darum seufzte er nur. „Ich hoffe auf ihre Verschwiegenheit und was Noels Cholesterinwerte angeht, so werden wir darauf achten, dass sie nicht weiter ansteigen.“

Doktor Drieschel grinste und zuckte die Schultern. „Als meine Junge hier lag, weil er den Blinddarm rausgenommen bekommen hatte, wollte er auch nur selbst Gekochtes von Oma. Ich kenne das Drama also auch bis zum letzten Akt“, sagte sie und kam zum Bett. Alice machte Platz, während Fabio ertappt seinen Teller beiseite stellte. „Ehrlich gesagt spricht medizinisch nichts gegen eine Entlassung. Allerdings würde ich gern die neurologischen Untersuchungen und die Nachmittagsvisite noch abwarten. Das Bein ist soweit stabil. Die Regeln kennen sie ja schon. Die Gehirnerschütterung ist weniger schlimm als erwartet. Sie haben den Unfall überraschend gut verkraftet.“

Fabio wurde schon wohl gestimmter.

„Und warum muss ich dann noch eine Visite abwarten?“, brummte er trotzdem leise, duckte sich aber unter dem warnenden Blick seiner Mutter. Da griff er sich lieber Noel und streichelte ihn. Sein Schatz war nämlich auch keine Hilfe, sondern grinste nur.

„Schatz, die Jungs und Mädels hier wissen schon, was sie tun“, versicherte Nathaniel und sah die Ärztin an, die wissend nickte. „Und wenn sie glauben, es wäre besser, es guckt noch mal einer drüber, dann ist das eben so.“

„Ganz genau, Liebling“, schlug nun auch noch Alice mit in die Kerbe. „Wenn die Frau Doktor das sagt, dann wird das so gemacht und kein Gemaule.“ Doch sie wuschelte ihrem Kleinen durch die Haare. Nicht dass er sich noch ungeliebt fühlte.

Fabio brummelte nur leise Unverständliches in Noels Fell, aber dann sah er auf und nickte. „Na gut, aber nicht länger.“ Die Ärztin musste sich ein Grinsen verkneifen. Irgendwie wirkte ihr Patient gerade nicht sehr erwachsen, aber das kannte sie schon. „Gut, dann sehen wir uns heute Nachmittag wieder“, sagte sie und nickte allen zu.

„Danke, Doktor Drieschel“, sagte Nathaniel und dann schloss sich auch schon die Tür hinter der Ärztin. Er sah seinen Schatz an und grinste, als Fabio immer noch den Serval an sich drückte, der langsam ungeduldig wurde, denn das hielt ihn vom Essen klauen ab. „Du warst so ein tapferer Liebling“, kicherte er und küsste ihn schnell, ehe Fabio aus seiner Lethargie erwachte.

Ihn traf aber ein wütender Blick. Fabio sagte allerdings nicht, was ihm auf diese Unverschämtheit einfiel, aber nur, weil seine Mutter anwesend war.

Darum brummte er nur und nahm sich wieder seinen Teller. Das nutzte Noel, um sich frei zu machen und sich erst einmal zu schütteln. Da verwendete man Stunde um Stunde, um das Fell zu sortieren und dann so was Entwürdigendes!

„Och Schatz!“ Nathaniel setzte sich neben ihn und strich ihm über die Wange. „Du warst wirklich tapfer.“ Er stahl sich ein Stück Brötchen, das sah so lecker aus!

„Pff.“ Fabio war immer noch verstimmt, aber er lehnte sich etwas an Nathaniel. „Ich will nach Hause“, sagte er leise und Nathaniel nahm ihn in den Arm. „Ich weiß, Schatz, und heute Nachmittag hole ich dich ab, versprochen.“

„Ich bleibe so lange bei dir, Liebling“, sagte Alice, weil sie wusste, dass Nathaniel den Spagat wagen musste. Wenn er zu lange blieb, verstimmte er seinen Jungen und wenn er zu früh verschwand verstimmte er seinen Geliebten. Sie beneidete ihn nicht darum. Deswegen versuchte sie Fabio abzulenken.

Unauffällig blickte Nathaniel auf seine Uhr. Er konnte noch ein wenig bleiben, darum stibitzte er sich noch ein bisschen Brötchen. Martha hatte sich wirklich selbst übertroffen. „Für mich hat sie schon ewig keine Brötchen mehr gebacken“, beschwerte er sich leise.

„Da würde ich mich an deiner Stelle jetzt mal in eine stille Ecke setzen und darüber nachdenken, woran das liegen könnte. Ich möchte bis heute Nachmittag einen ausführlichen Bericht mit Werdegang, Ursachenforschung und Verbesserungsvorschlägen“, erklärte Fabio ernst und biss wieder ab. Dabei sah er seinen Schatz in die Augen, während Alice leise lachte.

Jetzt machte Nathaniel: „Pff“, und verschränkte die Arme vor der Brust. Insgeheim, nahm er sich aber vor, Martha mal wieder einen Blumenstrauß zu besorgen. Er schmollte aber nicht lange, denn er wollte die Zeit mit Fabio genießen, wenn er schon nicht bei ihm bleiben konnte. „Ich liebe dich“, sagte er darum und nahm Fabio wieder in den Arm.

„Ach, muss Liebe schön sein!“ Alice griff sich den unvorbereiteten Noel, der gerade sein Fell frisch sortiert hatte und drückte ihn fest an sich, so dass der Kater wieder von seinem Vorhaben, Beute zu schlagen, abgelenkt wurde.

Schlussendlich musste sich Nathaniel aber doch verabschieden, aber in ein paar Stunden wollte er wieder da sein, um seinen Schatz und Alice einzusammeln.

Fabio seufzte, als die Tür hinter Nathaniel und Noel zuging. Er vermisste seinen Geliebten jetzt schon.

„Ist doch nicht mehr lange, mein Schatz.“ Alice setzt sich zu ihrem Sohn und zog ihn in ihre Arme. „Ich hatte solche Angst um dich“, sagte sie leise und zog die Arme fester.

„Ist doch zum Glück alles gut gegangen“, sagte er leise und schloss die Augen. Er wusste, warum sein Geliebter gefahren war und ihm wäre es lieber, das Thema wäre auch endlich vom Tisch. Doch Marius war wohl noch immer so verstockt wie am Anfang. Wie sollte das weiter gehen, wenn er jetzt nach Hause kam? Und genau das war es wohl, was Marius so zusetzte, dass es jetzt auch Fabios Zuhause war. Ob er mit seiner Mutter ins Atelier ziehen sollte?

Aber das war keine gute Lösung, denn Nathaniel musste wieder zwischen ihm und Marius entscheiden und das wollte er ihm nicht antun. Er merkte ja jetzt schon, wie es seinem Freund zusetzte, dass er immer nur kurz bleiben konnte, weil Marius auf ihn wartete. Das war keine Dauerlösung, sie mussten den Jungen zum Reden bringen, um zu wissen, wo sie ansetzen sollten. Doch das bekamen sie jetzt nicht gelöst. „Erzähl von der Farm, was hab ich verpasst“, wechselte er also das Thema und lehnte sich gegen seine Mutter.



08

Nathaniel schloss die Haustür und seufzte. Der Wagen mit Fabio, Noel und Alice war gerade vom Schlosshof gerollt und auf dem Weg zum Flughafen. Alice und Fabio hatten sich im Krankenhaus noch lange unterhalten und beschlossen, dass es besser war, wenn sie ihren Sohn mit nach Südafrika mitnahm, damit Nathaniel sich um seinen Sohn kümmern konnte.

Jetzt waren sie weg und Nathaniel vermisste seinen Geliebten jetzt schon. Er drehte sich um, als er jemanden hinter sich hörte und sah Marius, der aus der Küche guckte.

„Na endlich ist er weg“, murmelte sein Sohn und Nathaniel zog die Augenbrauen zusammen.

„So Marius“, sagte der Graf, denn ihm ging die Tour langsam wirklich gegen den Strich. Und er hatte nicht vor, dieses Verhalten länger zu tolerieren. Zwar brachte ihm das Fabio vorerst nicht wieder, doch er musste Marius klarmachen, dass er sich völlig falsch verhielt. „Du hast deinen Willen – geht’s dir jetzt besser?“, fragte er lauernd leise und gab sich nicht einmal Mühe, den Zynismus aus seiner Stimme zu nehmen. Sein Sohn durfte ruhig merken, dass er sauer auf ihn war.

„Ja“, kam es wie aus der Pistole geschossen, aber Marius wirkte unsicher. Es kam selten vor, dass sein Vater wütend wurde und wenn doch, dann hatte Marius auch ordentlich Mist gebaut. Aber heute war es anders, er fühlte sich im Recht. Darum streckte er trotzig das Kinn vor und sah seinen Vater herausfordernd an.

„Und warum?“, wollte Nathaniel wissen und schob seinen Jungen an der Schulter zurück in den Salon. Der brauchte gar nicht glauben, dass er sich jetzt absetzen durfte. Marius hatte Nathaniel soweit gebracht, dass der die Sache bis zum Schluss ausdiskutieren wollte. Er brauchte nur einen Ansatzpunkt.

„Der stört doch nur und sollte gar nicht hier sein. Ich möchte meine Ferien mit dir verbringen und wenn er da ist, hast du nicht so viel Zeit für mich.“ Marius war nicht begeistert, dass sein Vater so nachbohrte, aber er wollte auch nicht klein beigeben. Seine Mutter hatte ihm doch gesagt, dass sein Vater das nur wollte und dann hatte er keine Zeit mehr für ihn.

„Okay.“ Nathaniel nickte und setzte sich in einen der Sessel, überließ es Marius, ob er sich setzte oder stehen blieb. Er war alt genug. „Dann schildere mir mal drei Situationen, in denen er dich gestört oder beeinträchtigt hätte“, verlangte er ruhig und sah seinen Jungen an. Sie wollten schon mal sehen, ob er ihn nicht selbst zum Nachdenken bringen konnte, anstatt immer nur den Blödsinn abzuspulen, den seine Mutter ihm eingetrichtert hatte.

Marius biss sich auf die Unterlippe. Er kannte seinen Vater gut genug, um zu wissen, dass er nicht locker lassen würde. „Als wir ins Sealife wollten, konnten wir erst später fahren, weil du im Krankenhaus warst. Abends warst du auch wieder dort und hast nichts mit mir unternommen und am Morgen danach warst du auch nicht da.“ Marius wusste selber, dass er nicht ganz fair war, aber so schnell fiel ihm nicht anderes ein. „Und wäre er nicht endlich gefahren, hättest du wieder viel Zeit mit ihm verbracht.“

„Ja, du benimmst dich wirklich sehr erwachsen, mein Sohn. Ich bin stolz auf dich“, erklärte Nathaniel. Am liebsten wäre er über so viel Ignoranz explodiert und da half es Marius auch nicht, dass er erst zehn Jahre alt war. Der Graf hatte immer geglaubt, er hätte seinen Jungen zu einem rücksichtsvollen Kind erzogen, aber im Augenblick war er weit davon entfernt. „Es ist natürlich viel wichtiger, dass wir pünktlich im Sealife sind, als zu sehen, ob es einem Menschen, der sich schwer verletzt hat, gut geht. Du hast völlig Recht.“

Marius wusste schon bei den ersten Worten, dass er einen Fehler gemacht hatte. Dazu musste er nur das Gesicht seines Vaters sehen. Er wollte sich aber nicht geschlagen geben und verschränkte trotzig die Arme vor der Brust. „Ja sicher, jetzt bin ich es wieder. Ich kann nichts dafür, dass er den Unfall hatte und es ist unfair, dass du von mir verlangst drei Situationen aufzuzählen, wenn du genau weißt, dass ich das nicht kann, weil er ja im Krankenhaus war.“ Seine Augen füllten sich mit Tränen. „Mama hatte Recht. Seit du Fabio hast, bin ich dir nicht mehr wichtig. Du willst gar keine Zeit mit mir alleine verbringen.“

Nathaniel holte tief Luft und senkte den Kopf. Seine Ex hatte wirklich ganze Arbeit an dem Jungen geleistet. „Marius“, sagte er also versöhnlicher und zog seinen Jungen sanft zu sich. Er ließ ihm die Wahl, ob Marius dem Zug folgte oder lieber entfernt von ihm stehen blieb. „Ich höre dich immer nur deine Mutter zitieren. Sie hat dir eingeredet, dass ich Fabio dir vorziehe. Ihre Meinung kenne ich jetzt also. Aber was ist deine Meinung“, fragte er und strich seinem Kleinen über den Kopf.

Marius ließ sich auf den Schoß seines Vaters ziehen und wischte sich über die Augen. Er hasste es zu weinen. „Ich...“, murmelte er leise, weil er nicht wusste, was er sagen sollte. „Er war immer bei dir und ihr habt euch ständig geküsst und mit einander geflüstert und seine Katze konnte mich auch nicht leiden, genauso wie er“, sagte er schließlich und ballte die Fäuste.

„Schatz“, sagte Nathaniel leise und legte seine Arme fester um Marius, damit er ihn gegen sich ziehen konnte. „Er hat sich ganz doll auf dich gefreut und war ganz aufgeregt. Aber du hast die Chance doch gar nicht genutzt, ihn kennen zu lernen. Du hast ihn von Anfang an abgelehnt und weil Noel das gespürt hat, war er auch vorsichtig bei dir. Fabio ist seine Mama. Wenn jemand deine Mama abweisend behandelt, dann springst du demjenigen doch auch nicht in die Arme, oder?“ Der Graf hatte endlich das Gefühl, zu seinem Jungen durchgedrungen zu sein und er musste verhindern, dass seine Ex das wieder zerstören konnte. Marius öffnete sich gerade, das durfte nicht wieder unter Hasstiraden verschüttet werden.

Marius vergrub sein Gesicht an der Schulter seines Vaters und genoss es sichtlich, so gehalten zu werden. Normalerweise fühlte er sich schon zu alt dafür, aber jetzt gerade war es sehr schön. „Aber die Mama sagt, dass Fabio dich ganz für sich alleine haben will und darum muss er dafür sorgen, dass du mich nicht mehr lieb hast. Ich muss auf dich aufpassen, denn er ist nur hinter deinem Geld her.“ Marius war völlig durcheinander, denn das, was sein Vater sagte, passte nicht zu den Worten seiner Mutter und er wusste gar nicht mehr, was er glauben sollte.

Plötzlich fing Nathaniel an zu lachen. Aus der Ecke wehte also der Wind. Da hatte jemand Sorge, dass die regelmäßigen Zahlungen ausblieben. Sehr clever eingefädelt. „Er? Hinter meinem Geld?“ Er kicherte und sah seinem Jungen ins Gesicht. Liebevoll hielt er das kleine Kinn fest und grinste. „Seine Familie gehört zu den reichsten in Südafrika. Sie haben Diamantenminen in sieben Ländern, Firmen auf allen Kontinenten und wenn du mal bei Gelegenheit in die Garage guckst und zählst, dann gehören von den einundzwanzig Autos da drinnen gerade mal vier mir.“

„Die gehören alle ihm?“, Marius riss die Augen auf, denn in der Garage war er schon gewesen und hatte sich die Autos angesehen. „Ja, aber warum will er dann auch noch dein Geld, wenn er doch selber genug hat?“ Marius konnte das nicht verstehen und man sah ihm an, dass er verwirrt war.

„Glaube mir, wenn mein Freund von mir eines nicht will, ist das Geld. Davon hat er selber genug. Er mag mich, weil ich Nathaniel bin, nicht weil ich ein reicher Graf mit Stammbaum bin und deswegen mag ich ihn. Vielleicht solltest du ihm eine Chance geben, Marius. Es gibt vieles, was deine Mutter über ihn nicht weiß und was sie dir deswegen auch nicht sagen konnte. Wenn du ihn dann immer noch nicht leiden kannst und du dann immer noch glaubst, dass er eine Gefahr für uns beide wäre, dann werde ich das akzeptieren. Aber im Moment weiß ich nur, was deine Mama über ihn denkt. Was du selber denkst, weiß ich gar nicht.“ Nathaniel strich seinem Jungen noch ein paar Tränen weg. „Hm?“

„Aber so eine Beziehung zwischen Männern ist doch nicht normal. Das ist per... perv... na eben nicht richtig“, murmelte Marius. Das hatte seine Mutter auch immer gesagt und jetzt wusste er nicht, was er machen sollte. Wem sollte er glauben? „Ich kenn ihn doch gar nicht“, sagte er schließlich kleinlaut und senkte den Kopf. Nichts war mehr da von seiner Trotzigkeit und seinem Kampfgeist.

Nathaniel schluckte, doch er erinnerte sich daran, dass Marius nur das wiedergab, was seine Ex ihm beigebracht hatte. Er beschloss also zu überhören, dass sein Junge ihn für pervers hielt. Doch würde er daran arbeiten, dass Marius eines Tages besser verstand, vielleicht, wenn er auch Fabio besser kannte. „Eben Schatz, du kennst ihn gar nicht. Und ich habe dich nicht wieder erkannt. Ich dachte immer, mein Sohn lehnt niemanden ohne Grund ab und als ihr euch gegenüberstandet, hat mich das traurig gemacht.“

„Aber ich musste dich doch beschützen.“ Er legte seine Arme um seinen Vater und kuschelte sich näher. Es hatte ihm wehgetan, dass sein Vater immer Fabio im Arm gehalten hatte. „Ich bin doch dein Sohn und seit du Fabio hast, haben wir uns kaum gesehen.“

„Schatz, das ist süß von dir, dass du mich beschützen willst und dich sorgst, aber dass wir uns kaum sehen, weil Fabio da ist, das stimmt nicht und das weißt du. Abgesehen vom Essen hattet ihr doch kaum Berührungspunkte. Ich habe ihn oft allein gelassen, um mit dir etwas zu unternehmen. Du bist ein bisschen unfair, Schatz.“ Nathaniel war glücklich, dass sein Junge wieder offen mit ihm redete.

„Nein, das mein ich nicht. Seit du mit Fabio zusammen bist, hast du mich kaum besucht und viele Besuche abgesagt, weil du etwas anderes vorhattest“, murmelte Marius leise. Er hatte versucht, das zu verstehen, weil sein Vater viel arbeiten musste, aber es hatte ihn verletzt. „Das letzte Mal, als ich im Sommer hier war und dann nur noch zweimal ganz kurz.“

„Schatz, das hatte mit Fabio nichts zu tun“, erklärte er seinem Jungen auch wenn ihm klar war, dass der ihm das nicht glauben wollte. „Ich sehe auch Fabio nicht so oft, wie du glaubst. Er studiert, er kümmert sich um seine Firmen. Es gibt Wochen, da kommunizieren auch wir nur über E-Mails, weil die Zeitverschiebung keine Telefonate zulässt.“ Er küsste seinen Jungen auf die Haare und drückte ihn wieder an sich. „Glaubst du nicht, dass es mir auch wehgetan hat, dir absagen zu müssen? Ich weiß, Erwachsene sind oft gemein, aber das machen sie nicht absichtlich. Ich wäre auch viel lieber bei dir gewesen als im Büro und gerade deswegen habe ich mich ganz dolle gefreut, dass du zwei Wochen zu mir kommen wolltest.“

Marius nickte nur und ließ sich halten. Er wusste nicht, was er machen sollte. Er wollte seinem Vater glauben, aber dann hatte seine Mutter ihn angelogen und das konnte und wollte er nicht glauben. Warum sollte sie so etwas auch tun? Das hatte sie noch nie gemacht. „Wirklich?“, fragte er darum noch einmal nach.

„Ja, Schatz. Leider. Wenn man so viel zu tun hat, dann ist man leider auch viel unterwegs.“ Nathaniel flüsterte nur, denn er dachte schon eine Weile darüber nach, das vielleicht zu minimieren. Er war der Meinung, dass seine Anwesenheit nicht immer von Nöten war, aber gefordert wurde. Vielleicht musste er auch hier mal ein Machtwort sprechen. Fabio war erwachsen, er verkraftete es, wenn sie sich ein paar Tage nicht sahen, auch wenn es schmerzte. Aber Marius hatte er sehr verletzt. Das durfte nicht wieder passieren. „Um so glücklicher war ich, zwei Wochen lang mit den beiden zusammen sein zu dürfen, die mir alles auf dieser Welt bedeuten und Fabio wird dich niemals aus meinem Herzen vertreiben. Das will er gar nicht und das kann er nicht.“

„Ach Papa!“ Marius schluchzte auf und schmiss sich Nathaniel an den Hals. Genau diese Worte hatte er gebraucht. Zwar war seine Angst, dass Fabio ihn verdrängen wollte, nicht weg, aber die Worte seines Vaters beruhigten ihn doch etwas. Wenn er zurückdachte, hatte er ihn noch nie angelogen, aber da waren dann auch noch die Worte seiner Mutter, dass Nathaniel genau das, was er hören wollte, zu ihm sagen würde. Marius war völlig überfordert, weil er nicht überein bekam, dass einer der beiden Menschen, die er über alles liebte, ihn angelogen hatte.

„Ach Schatz“, sagte Nathaniel leise und lehnte sich endlich entspannt in seinem Sessel zurück, zog Marius dabei mit sich. Sanft strich er seinem Jungen über den Rücken und überlegte fieberhaft, was er tun konnte, um Marius endlich dazu zu bringen, es mit Fabio zu versuchen, ohne dass Severina ihn jeden Abend wieder einnordete und kaputt machte, was Nathaniel aufzubauen versuchte. „Ich frage dich jetzt und du entscheidest ganz allein: willst du es mal versuchen und Fabio kennen lernen?“

Marius machte sich ein wenig frei und sah seinen Vater an. Es schmeichelte ihm, dass er selber entscheiden durfte, aber was war richtig? Seine Mutter hatte ihn davor gewarnt, dass er sich einlullen ließ, aber er war neugierig geworden. Neugierig auf den Mann, den sein Vater so vehement verteidigte. Darum nickte er nur kurz und kuschelte sich wieder an.

„Möchtest du ihn bald kennen lernen?“, fragte Nathaniel leise und hatte den Entschluss gefasst, Alice und Fabio zu folgen, wenn sein Junge das wollte. Dort erreichte ihn Severina nicht und er konnte sich ganz allein ein Bild machen. Dann musste Marius seinen Kopf benutzen, seinem Herzen folgen und dann würden sie sehen, was wirklich zwischen ihm und Fabio stand.

Marius sah seinen Vater unsicher an. Das kam jetzt alle etwas plötzlich und weil er offensichtlich seinen Vater verärgert hatte mit seinem Verhalten, wusste er nicht, was er machen sollte. „Weiß nicht“, murmelte er leise und biss sich auf die Lippe. „Kommt er dann wieder her?“

„Wir würden zu ihm und seiner Familie fliegen. Sie wohnen in Kimberley, das ist in Südafrika. Sie haben auch eine Lodge in Namibia. Wir könnten auf Safari gehen“, schlug er vor und strich seinem Jungen über den Rücken. Dabei lächelte Nathaniel. „Ich hab dir doch die Löwenbilder gezeigt und die von den Nashörnern. Die habe ich alle dort unten gemacht.“ Er trug dick auf, doch ihm lag viel daran, dass die beiden wichtigsten Menschen in seinem Leben endlich Frieden schlossen.

„Wir fliegen nach Afrika?“ Marius riss die Augen auf. Sein Vater hatte ihm von Südafrika erzählt und gemeinsam hatte sie sich die Bilder angesehen. Schon da hatte er sich gewünscht, einmal mit ihm zusammen dort hin zu fahren. Darum nickte er jetzt auch, wenn auch etwas zögerlich, denn wieder auf Fabio zu treffen, behagte ihm nicht sehr. Schließlich hatte er sich ihm gegenüber ziemlich schlecht benommen.

„Ja, wenn du möchtest. Aber du kennst die Bedingung“, sagte Nathaniel weich und drückte seinen Jungen wieder an sich. Er konnte an seinem Gesicht ablesen, was ihm durch den Kopf ging und so fügte er hinzu: „Versuch es und wenn es nicht geht, dann ist das okay. Aber ich möchte nicht, dass du jemanden verurteilst, ohne ihn zu kennen.“ Er küsste seinen Sohn auf die Haare und schloss die Augen. Er war stolz auf ihn.

„Wann möchtest du denn fliegen?“ Marius ruckelte sich etwas auf Nathaniels Schoß zurecht, damit er bequem saß und lehnte seinen Kopf an die Schulter. Er genoss ihre Nähe richtig und noch freute er sich immer darauf, wenn sie sich sahen.

„Schatz, ich habe dir doch gesagt: du entscheidest. Wenn du dich so weit fühlst, sagst du mir Bescheid und wir fahren. Und wenn du noch nicht so weit bist, dann werde ich dich zu nichts zwingen. Mein Sohn wird erwachsen und das muss ich respektieren. Ich kann dir nicht mehr alles vorschreiben.“ Und das meinte Nathaniel völlig ernst. Er strich seinem Jungen durch die Haare und spielte ein bisschen damit.

„Hm.“ Marius war unentschlossen. Sein Vater würde bestimmt gern so schnell wie möglich fliegen. Er hatte es Marius überlassen, zu entscheiden und das machte ihn stolz und weil er ihn wie einen Erwachsenen behandelte, war er bereit, über seinen Schatten zu springen. „So schnell wie es geht“, sagte er darum und lächelte. So hatte er wenigstens keine Zeit mehr, es sich anders zu überlegen.

Nathaniel lachte. „Waren es die Löwen oder die Nashörner?“, wollte er wissen und wuschelte Marius durch die sowieso schon verstrubbelten Haare. „Ich würde vorschlagen, wir fliegen über Nacht, dann wird es nicht so lang. Du kannst an Bord schlafen und wenn du wach bist, sind wir dann schon da. Dort unten wird es warm sein und kein Schnee liegen. Kannst du so Weihnachten feiern?“

„Du warst es... und die Löwen“, brubbelte Marius und versuchte wieder seine Haare zu glätten. Er mochte es gar nicht, wenn sie immer durcheinander gebracht wurden. „Warum nicht so Weihnachte feiern. Ich war mit Mama ja auch schon mal zu Weihnachten in der Karibik. Ich habe aber nur warme Sachen mit.“

„Na, um so besser. Dann gehen wir jetzt einkaufen und gucken, was du alles gebrauchen kannst, damit du mir in der Sonne mit deinen dicken Klamotten nicht schmilzt“, lachte Nathaniel und erhob sich mit seinem Jungen auf dem Arm, küsste ihn noch einmal und stellte ihn auf dessen Füße. Sanft lächelte er und sagte: „Danke“, denn es war nicht selbstverständlich, was Marius tat. „Und dann rufen wir am beste bei Fabios Vater an, er soll ja dafür sorgen, dass wir Löwen sehen!“

„Au ja, einkaufen und Löwen sehen“, jubelte Marius, der sofort losflitzte, um sich Schuhe und Jacke anzuziehen. Nathaniel sah ihm kopfschüttelnd hinterher. Sein Junge war auf einmal wie ausgewechselt und wieder der kleine Wirbelwind, der er sonst immer war. „Glaubst du, dass Noel mich dann vielleicht auch mag?“, wollte Marius wissen, als er noch einmal kurz um die Ecke sah.

„Ich bin mir da ziemlich sicher. Denn wenn Fabio entspannter ist und du auch, wird sich das auch auf den Kater übertragen und du kannst mit ihm spielen. Er tobt für sein Leben gern, wenn er nicht gerade faul herum liegt. Aber auch dann kann man ihn herrlich ärgern“, erklärte Nathaniel. Hatte er doch gewusst, dass der Kater seinem Jungen ziemlich nahe ging. Es musste ihn Unmengen Beherrschung gekostet haben, das Tier einfach zu ignorieren. Aber das war ja zum Glück hoffentlich bald vorbei.

Er rief Martha einen Gruß zu und erklärte, was sie vorhatten. Sie lächelte ihn an und hob beide Daumen – dann waren die beiden Jungs aus dem Haus.

Sie fuhren wieder nach Oberhausen, denn in dem Center bekamen sie alles, was Marius brauchte. Nur hatte Nathaniel nicht bedacht, dass Marius ganz bestimmte Vorstellungen von dem hatte, was er anziehen wollte und kritisch prüfte und probierte. Immer wieder kam er aus der Umkleide und stellte das, was er anhatte seinem Vater vor.

Doch Nathaniel war geduldig und erinnerte seinen Jungen auch noch an ein paar Utensilien, die er noch nicht bedacht hatte. Einen Hut zum Beispiel, feste Schuhe und keine Winterstiefel. So zog es sie nach ihrem Klamottenkauf noch zu einem Outdoorausstatter, wo der Rest gekauft wurde. Freilich deckte man sich für eine Safari auch safarigerecht ein und wo man schon einmal unterwegs war, war noch ein neues Objektiv fällig. Eigentlich zwei. Eines für Nathaniels Kamera, die Fabio ihm geschenkt hatte, weil er es leid war, ständig seine verborgen zu müssen. Das andere Objektiv war ein Makro und war für Fabio gedacht. Seines war nämlich kaputt gegangen.

Lachend mit Tüten bepackt und sichtlich zufrieden mit ihren Einkäufen, kamen sie wieder ins Schloss und Marius lief sofort zu Martha, um ihr zu zeigen, was sie eingekauft hatten. „Ich muss gleich noch einmal zu Thilo und Darius, um mich zu verabschieden“, erklärte er aufgeregt und schüttete alle Tüten auf dem Küchentisch aus. Zum Glück war der groß genug, dass nichts runter fiel und dann fing Marius an zu sortieren. T-Shirts auf den einen Stapel, Hosen auf den anderen. Unterwäsche und Socken konnte er aus seinem Koffer nehmen. „Die Schuhe!“, schlug er sich vor den Kopf und flitzte noch mal in den Flur, wo Nathaniel ein paar der Tüten abgestellt hatte, weil er sich in Ruhe die eigenen Schuhe hatte ausziehen wollen.

„Vorgezogenes Weihnachten, hm?“, lächelte Martha, als Nathaniel in die Küche kam.

„Ja, kann man wohl so sagen.“ Martha nickte, denn Nathaniel meinte nicht nur die Einkäufe, sondern auch die Bereitschaft seines Sohnes zur Annäherung. „Kannst du mir bitte einen Kaffee machen? Ich muss den Flug klar machen und José anrufen, dass wir morgen früh in Kimberley ankommen.“

„Natürlich. Auch was zu essen dazu oder hat der junge Herr dich mal wieder in eine Fastfoodhölle geschleift?“, wollte Martha wissen und noch ehe Nathaniel hätte sein Leid klagen können, war Marius da, der erklärte, dass es keine Hölle, sondern der Himmel wäre, er aber gegen etwas zu Essen nichts einzuwenden hätte. Schließlich wäre er noch im Wachstum. Dann hatte er auch schon Hose und Hemd von sich geworfen. Die Küche war warm, da konnte er sich umziehen und Martha die Sachen vorführen, während sie am Herd werkelte.

Nathaniel schüttelte nur den Kopf und ging lachend in sein Arbeitszimmer. Am liebsten würde er jetzt Fabio anrufen und ihm erzählen, dass sie sich bald wieder sahen, aber er tat es nicht, denn er wollte seinen Schatz überraschen. Er war schon auf Fabios Gesicht gespannt, wenn er vor ihm stand. Und damit das klappte, wählte er die Nummer von Fabios Vater. Er brauchte dafür einen Verbündeten.

„Nathaniel, was treibt dich in meine Leitung“, begrüßte ihn sein Freund und Geschäftspartner und man hörte die Überraschung in seiner Stimme. Es zischte leise und José erklärte, dass er sich eben eine Cola gönnen würde, weil ein gewisser Kater gerade seinen Kaffee verschüttet hatte. So wusste Nathaniel, dass Fabio und Alice wohl schon gelandet waren. Ein Blick auf die Uhr ließ ihn nicken. Es war bereits früher Abend. Sie waren lange einkaufen gewesen und Nathaniel hatte völlig das Zeitgefühl verloren. So viel Zeit hatten sie auch nicht mehr, er musste gleich den Flughafen anrufen und die Maschine bereit machen lassen.

„Ist Fabio in der Nähe?“, fragte er darum und zu seinem Glück verneinte José seine Frage. „Gut, dann kann ich dich ja einweihen, ohne das meine Überraschung kaputt geht. Marius und ich fliegen heute Abend zu euch. Ich habe mit meinem Sohn geredet und er hat sich bereit erklärt, Fabio kennen zu lernen. Wir würden also gerne, wenn es möglich ist, Weihnachten bei euch feiern.“

„Na, aber gerne doch“, lachte José. Das würde aber turbulent werden. Doch ihm war es recht. Er konnte das Haus gar nicht voll genug haben, vor allem, wenn es Leute waren, die er gern hatte. „Vorbereitungen treffe ich keine. Das würde mich verraten. Das machen wir, wenn ihr hier seid“, flüsterte er und wurde dann wieder lauter, weil Alice vorbei kam. „Ja Peter, ich bin morgen wieder im Büro. Lass die Unterlagen so lange liegen. Da brennt nichts an“, sicherte er, weil er Nathaniel erst fragend: „Hä“, machen hörte, doch dann fiel auch bei dem Grafen der Groschen.

„Du bist ja einer“, lachte er und schüttelte den Kopf. „Ich schicke dir noch einen SMS, wann wir da sind und nehme vom Flughafen einen Leihwagen. Du musst auch nichts vorbereiten, außer ein paar Löwen für Marius bereitzustellen. Damit hab ich ihn zu euch gelockt.“

„Mit Löwen können wir nicht dienen, aber wir haben trotzdem einen Neuzugang“, sagte José und lachte laut, weil Nathaniel merkwürdige Geräusche machte. „Nein, ich sage dir nichts. Dann bringt Alice mich um. Sie will dein Gesicht sehen. Das von Fabio war schon ziemlich blöd. Mal sehen, ob du besser bist“, machte er absichtlich neugierig. „Aber das mit den Löwen ließe sich einrichten. Wir gehen auf Safari.“

„Perfekt.“ Nathaniel lachte und bohrte nicht weiter, auch wenn er neugierig war, denn er wusste, dass José nichts verraten würde. „Okay, dann sehen wir uns morgen, ich freu mich schon.“ Sie verabschiedeten sich und Nathaniel machte den Flug klar. Dann war er rechtzeitig wieder in der Küche, um zu erleben, wie Marius all seine Habseligkeiten in eine Tüte stopfte und nach oben schaffte, während Martha den Tisch in der Küche deckte. Das ging am schnellsten und war gemütlich. Es war ungewohnt ohne Noel, die kleine Plage fehlte ihr.

„Ich hab euch was für den Flug zurecht gemacht“, erklärte sie und deutete auf die Kühltruhe. Marius pfiff unschuldig, damit keiner darauf kam, dass er darum gebettelt hatte.

„Danke, Martha.“ Nathaniel zog seine Haushälterin in eine Umarmung. „Ich packe schnell meinen Koffer und dann können wir zusammen essen. Los, Marius, du ebenfalls“, scheuchte er seinen Sohn, der sich lachend von ihm die Treppe raufschieben ließ.

„Schade, dass Martha und William über Weihnachten alleine sind. Aber Thilo und Darius sind ja auch noch da“, sagte Marius und schleppte seine Beute in sein Zimmer. Er blickte auf den explodierten Koffer und wühlte dann im Schrank, dort lagerte nämlich noch eine Reisetasche. Für ihn war es einfacher, aus dem Klamottenberg im Koffer nur das zu zerren, was er brauchte, als erst alles in den Schrank zu räumen, weil er die Klamotten schlecht auf dem Boden liegen lassen konnte, wenn er den Koffer neu bestückte. Es dauerte keine viertel Stunde, dann war alles, was er brauchte in der Reisetasche. Inklusive Sharky, dem grinsenden Plüschhai, den ihm sein Vater im Sealife gekauft hatte.

„Fertig“, rief er laut und lief zu seinem Vater rüber, der auch gerade seinen Koffer schloss. Nathaniel brauchte nicht so viel, denn er hatte schon einiges bei Fabios Eltern gelassen, als sie das letzte Mal dort gewesen waren. „Gut, dann schnell essen, danach von Thilo verabschieden und dann ab zum Flughafen.“

„Guter Plan!“ Marius nickte und war der erste am Tisch, wo Martha eben die Bratkartoffeln mit Ei auftrug, das hatte sich der Junge gewünscht, denn die Köchin zu Hause kochte solch profane Speisen nicht. Die waren seiner Mutter zu fettig. Deswegen bekam Marius – wenn er hier war – alles gekocht, was er sich wünschte. Und er bekam sogar Ketchup dazugestellt, denn er würde es sich sowieso holen.

Als wenn er gerade am verhungern wäre, schaufelte Marius die Bratkartoffeln in sich hinein und vergaß auch nicht die Köchin zu loben. Schließlich wollte er auch bei seinen nächsten Besuchen wieder so lecker bekocht werden. Kaum dass der letzte Happen in seinem Mund verschwunden war, sprang er auch schon auf, um zu Thilo zu laufen.

Sie hatten verabredet, dass er die beiden mitbrachte, sofern sie nicht gerade unbekleidet waren. So lange sollte Nathaniel schon einmal die Koffer in den Wagen räumen. Es dauerte also auch keine zehn Minuten, da schlurften sie zu dritt in die Garage. „Du willst weg?“, rief Thilo quer rüber und schlängelte sich durch die Blechlawine.

„Japp.“ Nathaniel hievte den letzten Koffer in den Kofferraum, dann umarmte er Thilo, der zu ihm gekommen war. „Fabio ist bei seinen Eltern und wir haben uns kurzfristig entschlossen, ihm zu folgen“, erklärte er seinem Freund und begrüßte dann Darius.

Der nickte ihm zu und hatte den Arm um Marius’ Schulter gelegt.

„Alice hat ihn also doch mitgenommen“, lachte er und Nathaniel nickte. „Aber ich will auch mit Marius auf Safari. Wir haben extra einen Safarihut gekauft.“

„Davon will ich unbedingt Bilder.“ Thilo wandte sich an Marius und sah in verschwörerisch an. „Mach Bilder von deinem Vater mit dem Hut, dann mal ich dir ein Bild davon“, versuchte er Marius zu animieren und es war klar, dass er ein peinliches Foto erwartete. Sie schlugen ein – der Deal stand. Verschwörerisch grinsten sie sich an.

Die Verabschiedung war kurz, denn sie sahen sich sicherlich in ein paar Tagen wieder. Dann brausten Nathaniel und sein Junge vom Hof. Der Flieger wartete und die Straßenverhältnisse hatten sich noch nicht wirklich gebessert.

Wenn auch etwas abgehetzt erreichten sie aber noch pünktlich das Flugzeug, warfen sozusagen nur sich und die Koffer hinein, da wurde die Tür auch schon geschlossen.

„Puh.“ Nathaniel schnallte sich an und dann kam auch schon die Durchsage des Kapitäns, dass sie Startfreigabe hatten. Sie rollten auf die Rollbahn und kurze Zeit später hoben sie auch schon ab. „So mein Sohn, jetzt will ich Revanche. Das letzte Mal hast du mich auf der Playstation geschlagen, aber ich habe geübt. Jetzt wird es nicht mehr so einfach.“

„Ha!“ Marius startete gleich die Anlage und guckte nicht schlecht, als er merkte, dass er nicht mehr der Rekordhalter war. „Fabio kann mit einer Playstation umgehen?“, fragte er, denn das hatte er dem Mann nicht zugetraut. Er rieb sich über die Nase und sein Ehrgeiz war geweckt. Es sah nicht gut für Nathaniel aus.

„Was glaubst du, wer mit mir geübt hat“, lachte Nathaniel und schnappte sich den Controller. Ihm machte es nichts aus zu verlieren und er hatte erreicht, dass Marius wieder etwas über Fabio erfahren hatte, dass er nicht gedacht hätte, ihn für seinen Sohn aber interessanter machte.

„Wir werden schon sehen, wer der bessere Super-Mario ist“, knurrte Marius angestachelt und so griff sich auch er die Waffe, um seinen Vater in Grund und Boden zu spielen, aber auch um Fabio wieder vom Thron zu stoßen. Das konnte Marius’ Ehre nicht ertragen – er war der Super-Marius!

So verging die Zeit, sie spielten, sie futterten die Kühlbox leer und dann gähnte Marius nur noch.

Nathaniel schickte ihn ins Bett und versprach, in am nächsten Morgen früh genug zu wecken. Er selber setzt sich mit einem Glas Wein auf die Couch und entspannte sich noch ein wenig. Dabei dachte er an Fabio und wie er sich hoffentlich freuen würde, ihn zu sehen. „Du fehlst mir, Schatz“, flüsterte er leise und trank langsam sein Glas leer. Auch er sollte sich allmählich hinlegen, wenn er morgen fit sein wollte und das musste er sein, wenn Marius und Fabio zusammentrafen. Im Gegensatz zum ersten Mal war es dieses Mal Fabio, der Heimvorteil hatte, das dürfte es für Marius noch etwas schwerer gestalten. Hoffentlich ging alles gut. Das wäre sein schönstes Weihnachtsgeschenk.