Du befindest Dich hier: Geschichten > Geschichten frei bis 16 > Britta & Fich > Twins 6 > Twins 6 - Nichts geht über Familie - Teil 1 - 4

Twins 6 - Nichts geht über Familie - Teil 1 - 4

09

Wie versprochen weckte Nathaniel seinen Sohn rechtzeitig, damit er noch die Landung mitbekam, denn die mochte Marius besonders gerne. „Sieht ganz anders aus hier, als bei uns oder bei dir“, sagte er aufgeregt, denn so eine Landschaft hatte er noch nie gesehen.

Die überwiegende Farbe war gelb, er sah wenig Grün – und das da unten sollte ein Flugplatz sein? „Der will doch nicht wirklich da unten in dem Sand landen, oder?“, fragte Marius skeptisch, denn er hatte gelernt, dass Flugzeuge lange Asphaltstrecken brauchten.

Nathaniel lachte. „Wir nehmen da drüben die Bahn“, versicherte er und beobachtete Marius, wie er an der Scheibe klebte.

„Ah da!“ Marius rutschte etwas nach vorn, damit er besser sehen konnte und verfluchte seinen Gurt, der ihm nicht genug Spielraum gab, aber da war sein Vater unerbittlich. Nathaniel erklärte ihm die einzelnen Gebäude und so verging die Zeit schnell, bis der Flieger auf der Rollbahn aufsetzte.

Marius konnte es kaum erwarten, dass er sich abschnallen durfte. Er wollte raus und sich alles ansehen. Er war ja so neugierig. Sein Vater hatte ihm erklärt, dass die meisten Leute hier mit ihm Englisch sprechen würden. Da hatte er schon ein bisschen Schiss, denn er lernte es erst seit einem Jahr in der Schule.

„Na los“, lachte Nathaniel, als die Türen sich öffneten. Angestellte brachten schon die Koffer zu einem Jeep, unweit der Piste.

„Boah, ist das warm hier“, rief Marius, als er aus dem Flugzeug stieg. „Ist ja irre, ein Jeep.“ Marius bekam leuchtende Augen und sah seinen Vater bittend an.

„Na, lauf schon los“, lachte Nathaniel. Hatte er es doch gewusst, dass der Wagen seinem Sohn gefallen würde.

Der sprang wie gewöhnlich auf der rechten Seite in den Wagen und so nahm Nathaniel neben ihm Platz. „Der Schlüssel steckt“, erklärte er grinsend, denn Marius schien noch nicht gemerkt zu haben, dass das Steuer auf seiner Seite war, so fasziniert war er von dem großen Auto.

„Häh?“, kam es auch gleich und dann erst merkte Marius, dass er auf der Fahrerseite saß und ein großes Grinsen erschien auf seinem Gesicht. „Okay“, sagte er nur und griff nach dem Zündschlüssel.

„Man fährt hier wie in England und Irland links, denk bitte dran, Schatz. Außerdem gibt es hier Antilopen und die Einheimischen sind freundlich aber wahnsinnig, wenn sie hinter dem Steuer sitzen. Ich glaube, das ist alles, was du über den Straßenverkehr hier wissen musst.“ Nathaniel grinste ebenfalls.

„Antilopen?“, sagte Marius und machte ein nachdenkliches Gesicht. „Ich weiß nicht. Mit denen habe ich gar keine Erfahrung. Vielleicht ist es doch besser, wenn du fährst. Ich guck mir das an und fahre beim nächsten Mal“, erklärte er großzügig und sprang aus dem Wagen, damit sie die Seiten tauschen konnten.

„Ich verlasse mich drauf, ich will nämlich nicht ständig die ganze Arbeit allein machen müssen. Hier lernen die Jungs Auto fahren, sobald sie ans Pedal reichen“, erklärte Nathaniel seinem Jungen und wuschelte ihm durch die Haare, als sie sich am Heck trafen. Dann stieg er ein und startete den Wagen.

Fabio hatte ihm das erzählt. In den Städten vielleicht weniger, da waren die Wege nicht so weit, aber Kinder, die auf Farmen weit ab vom Schuss aufwuchsen, mussten in der Lage sein, alleine Hilfe zu holen, sollte etwas passieren.

„Echt?“ Marius konnte es gar nicht glauben, darum fragte er noch mal nach. „Ich darf hier Auto fahren? Cool!“ Mittlerweile fand er es nicht mehr schlimm, dass sie hierher geflogen waren. „Wie lange brauchen wir bis zu Fabios Eltern?“

„Es ist nicht so weit. In einer halben Stunde sind wir spätestens da und fahren wirst du erst einmal üben, denn auf der Straße darfst du nicht so einfach herumkurven“, bremste er seinen Jungen in seiner Euphorie. Doch das hieß ja noch lange nicht, dass sie nicht wirklich mal üben durften.

Nach ein paar Formalitäten am Flughafengebäude und der Einreise konnten sie endlich vom Gelände fahren.

„Oh, das ist ja gar nicht so weit. Wer ist denn noch alles da, außer Fabio und seinen Eltern?“ Marius wollte wissen, auf wen er sich noch alles einrichten musste. Sie alle würden wohl wissen, wie er sich benommen hatte und das machte es nicht leichter. Darum war er auch ziemlich aufgeregt, als sie auf die Straße einbogen.

„Die Angestellten des Hauses. Sonst niemand, denn Fabio ist ein Einzelkind. Ach ja und Noel auf jeden Fall – aber sonst niemand.“ Er sah seinen Jungen an und strich ihm durch die Haare, wohl gerade weil er wusste, dass er das nicht mochte, sich aufregte und so wieder ein bisschen abgelenkt war. „Ihr fangt bei Null an. Was passiert ist, ist in Deutschland passiert und hat hier nichts verloren.“

„Nicht“, brummte Marius auch gleich und versuchte seine Frisur zu retten. „Du meinst, dass Fabio nicht böse auf mich ist?“, fragte er, denn das hatte ihm am meisten zu schaffen gemacht. Was war, wenn Fabio auf einmal keinen Wert mehr darauf legte, mit ihm auszukommen.

„Nein, das wird er nicht sein“, versicherte Nathaniel und war sich da ganz sicher, denn das hatte ihm Fabio immer wieder beteuert. „Er wollte uns auch nicht verlassen, weil er dich nicht mehr sehen wollte, sondern damit wir beide ein schönes Weihnachten haben und du dich nicht überflüssig fühlst.“ Der Graf hatte irgendwie das Gefühl, das noch einmal klar stellen zu müssen. Fabios Aufbruch war keine Flucht gewesen.

„Er ist gegangen, damit ich ein schönes Weihnachten habe?“ Marius sah seinen Vater ungläubig an. „Aber er musste Weihnachten dann doch ohne dich feiern. Das wäre für ihn doch kein schönes Weihnachten.“

„Er hat ja auch noch seine Eltern und wir sehen uns ja etwas häufiger, als ich dich sehen kann. Er hatte zufällig gehört, wie du am Telefon gesagt hast, es wäre doof hier und du würdest lieber wieder nach Hause. Da musste er handeln. Und seine Mutter freut sich doch auch, wenn sie ihren Jungen Weihnachten bei sich hat.“ Nathaniel wirkte zufrieden, denn Marius begriff allmählich, dass Fabio eigentlich nur sein Bestes wollte. Das war ein guter Anfang. Und außerdem waren sie gleich da. Er war aufgeregt.

„Hm.“ Marius nickte, aber er wirkte sehr nachdenklich. Vieles, was er geglaubt hatte, stellte sich als falsch heraus. Er schwieg, bis sie vor ein Tor fuhren und ein Wachmann sie aufhielt. Nathaniel erklärte, dass sie erwartet wurden und sie wurden eingelassen. Jetzt war er endlich da. Wenn er Glück hatte schlief Fabio noch und er konnte ihn überraschen.

Er parkte und warf die Tür nicht wie gewohnt kräftig zu, um auf sich aufmerksam zu machen, sondern winkte Alice nur, die gerade aus dem Haus gelaufen war. Sie wusste, dass sie später begrüßt wurde, erst einmal war Fabio dran.

Und Nathaniel hatte Glück. Auch wenn es schon auf Mittag zuging, kullerte sein Liebling noch durch die Laken, so gut das mit einem Gipsbein eben ging. Schnell streifte er das Hemd ab und die Schuhe von den Füßen, ehe er sich unter das Laken schlich und Fabio küsste, doch er zuckte zurück, als er plötzlich eine gewischt bekam.

„Aua“, rief er erschrocken und fasste sich an die Wange. Das hatte wehgetan. Vorsichtig hob er die Decke ein wenig an und machte große Augen. „Wer bist du denn?“, fragte er grinsend, wurde zur Antwort aber nur böse angefaucht. Dann schoss etwas an ihm vorbei und aus dem Zimmer, während Noel seine Chance nutzte und aus dem Sessel ins Bett sprang.

Was ging denn hier ab?

Vom Krach geweckt, wurde Fabio langsam wach, streckte sich und tastete nach Noel. Der schnurrte zufrieden, jetzt wo er seine Mama wieder für sich hatte und knurrte leise. „Halt Ruhe, ich bin noch müde.“

Nathaniel war schon etwas irritiert, dass er so vollkommen ignoriert wurde, darum versuchte er es noch einmal und beugte sich zu einem Kuss rüber. „Guten Morgen, Schatz“, murmelte er leise und jetzt konnte er sein Vorhaben ausführen, ohne verletzt zu werden.

Fabio spürte die vertrauten Lippen auf seinen und öffnete irritiert die Augen. Sie wurden größer und größer und dann schlang er die Arme um seinen Liebling. Wenn er in seinem Leben mit dem Grafen eines gelernt hatte, dann, dass man bei Nathaniel immer mit dem Unmöglichen rechnen musste.

Derweil war Alice zu Marius getreten, der immer noch etwas verschüchtert im Wagen saß und sie ansah.

„Guten Morgen“, sagte sie lächelnd. „Magst du mit ins Haus kommen und mit mir frühstücken?“, fragte sie freundlich. „Ich habe auch eine Überraschung für dich.“ Sie öffnete die Autotür und zwinkerte Marius zu. „Es ist klein, gelb, hat Krallen und Zähne und hört manchmal auf den Namen Kris.“

„Hä?“, machte Marius irritiert und erwiderte erst einmal den Gruß. Doch er stieg aus und folgte Alice. Dabei beobachtete er die Frau, was er sich verboten hatte, als sie noch bei ihm und seinem Vater im Schloss gewesen war. Er erschrak sich gewaltig, als Alice die Tür öffnete und besagtes kleines Gelbes mit Zähnen vorbeigeschossen kam und auf der Wiese das Gleichgewicht verlor, weil es zu schnell gewesen war. Marius blickte hinterher, wie das gelbe Ding durch das satte Grün des Rasens rollte und dabei fauchte.

„Kris“, erklärte Alice. Sie hatte wohl die Flucht vor Nathaniel ergriffen.

„Wie süß.“ Marius beobachtete das kleine Tier und sah dann kurz zu Alice. „Was ist das denn?“ Es war auf jeden Fall eine Katze und die versuchte gerade wieder auf die Füße zu kommen, fiel aber immer wieder um. „Hat ein bisschen Ähnlichkeit mit Noel.“

„So sah Noel vor einem Jahr aus. Kris ist ein kleiner Serval aus einer Auffangstation im Krügerpark. Dort arbeitet ein Freund von uns, der wusste, dass wir irgendwann noch ein Weibchen haben wollten. Vor ein paar Wochen hat man die Kleine gefunden, ziemlich abgemagert. Hat wohl die Mutter verloren. Aber wir haben sie aufgepäppelt und jetzt hat sie das Haus in ihrer Hand. Sogar Noel macht einen Bogen um sie.“ Alice lachte, als sie sich daran erinnerte, wie die beiden das erste Mal auf einander gestoßen waren. Kris war wenig begeistert gewesen, dass der Fremde in ihr Revier gestoßen war und der zivilisationsgeschädigte Noel hatte Prügel bezogen und war zu seiner Mama gelaufen.

„Oh, sie haben sie gerettet.“ Marius sah Alice mit großen Augen an. Es juckte ihn in den Fingern, die kleine Katze zu streicheln, aber er traute sich nicht zu fragen. Trotzdem schlich er ein wenig näher und versuchte den Serval zu locken. „Kris“, rief er leise und hockte sich auf die Wiese.

Allerdings sah Kris, die mit vollem Namen Krismasi hieß, den Fremden nicht als potenziellen Streicheleinheitenverteiler, sondern als Eindringling. Sie kam also auf alle Viere, sträubte das Fell und fauchte, was das kleine Schnäuzchen hergab.

Alice lachte leise. „Mach dir nichts draus, das ist normal. Noel war nicht anders.“

„Das wird aber, wenn du ihr zeigst, dass du gut streicheln kannst“, hörte er hinter sich die Stimme seines Vaters und Nathaniel kam zu ihnen. Er hatte Fabio nur ausgiebig begrüßt und war dann wieder nach unten gegangen, weil er Marius nicht so lange alleine lassen wollte. Aber wie gehofft, hatte Alice sich um ihn gekümmert. „Hallo Alice“, begrüßte er Fabios Mutter und drückte sie kurz. „Ich hab schon Bekanntschaft mit der jungen Dame gemacht - schmerzhafte“, lachte er und deutete auf die Kratzer an seiner Wange.

„Och Gott. Bist du etwa ungefragt zu Fabio ins Bett gekrochen? Du siehst ja aus wie Noel“, sagte Alice leise. Sie wusste ja nicht, wie Marius darauf reagierte, wenn er hörte, dass sein Vater zu Fabio ins Bett krabbelte. „Du weißt ja, wo die Pflaster liegen und wenn José von seiner Tour zurück ist, frühstücken wir“, informierte sie noch, ging dann aber weiter Richtung Marius und Krismasi, die sich auf dem Rasen immer noch aufregte.

„Lass mich raten, ich habe schon wieder Konkurrenz mit Krallen bekommen“, lachte Nathaniel. Was hatte er auch anderes erwartet, anscheinend war sein Schatz die geborene Serval-Mama. „Sie ist süß, genauso wie Noel.“

Marius ging näher zu Alice, als sie Kris auf den Arm nahm und die kleine Katze sich beruhigte. „Darf ich sie streicheln?“, fragte er und lächelte schüchtern.

„Sicher. Dann erinnert sie sich an deinen Geruch und verbindet dich mit etwas Schönem. Dann wird sie dich bestimmt auch nicht mehr vertreiben wollen – die nächsten paar Minuten.“ Alice lachte ausgelassen und wandte sich wieder an Nathaniel. „Ich wusste ja, dass Fabio noch Gesellschaft für Noel wollte und Zuhele wusste das auch. Da hat er angerufen und gefragt. Die Kleine ist wohl bei der Flucht des Wurfs zurückgeblieben. Sie sah vor drei Wochen wirklich kläglich aus. Aber das hat sich gegeben.“

Marius kam noch einen Schritt näher und streckte vorsichtig die Hand aus. Das Fell war ganz weich und Krismasi knurrte leise.

Aber sie schlug nicht nach den Fingern, auch wenn sie sie nicht aus den Augen ließ.

„Sie ist also ein Findelkind, genau wie Noel.“ Nathaniel konnte sich nicht helfen, bei so kleinen Kätzchen schmolz sein Herz einfach dahin, auch wenn sie Konkurrenz bei Fabio bedeutete. „Lass mich raten, mein Schatz kam hier an und hat ihr Herz im Sturm erobert.“

„Nein, nicht ganz. Er hat Noel gerettet und sie gefüttert“, lachte Alice und erzählte, wie das gestern Nachmittag gelaufen war. Noel, überzeugt davon, dass sein Liegestuhl am Pool immer noch sein Liegestuhl war, hatte sich im hohen Bogen hinein geworfen und war auf Kris gelandet, die erschrocken die Krallen ausgefahren hatte. Noel war hochgeschossen, dicht gefolgt von der wütenden, stolpernden, kleinen Katze und hatte Schutz bei seiner Mama gesucht, die Kris mit einem Löffel voll Sahne beschwichtigt hatte. „Er war ihr neuer Held und Noel seit dem der Feind.“

„Oha, dann muss ich den Dicken wohl trösten.“ Nathaniel strich Kris vorsichtig mit einem Finger über das Köpfchen, zog ihn aber schnell zurück, als eine Pfote warnend gehoben wurde. „Süße, das wird wohl noch ein hartes Stück Arbeit, dich mit Noel zusammen zu bringen.“

Und wie aufs Stichwort schlich sich der Kater über die Wiese. „Pass auf, Marius, nicht das sie dich gleich kratzt“, sagte Alice warnend, denn sie merkte, dass Krismasi Noel in ihrem Revier entdeckt hatte. Sie fauchte aufgebracht und Alice setzte sie lieber ab, ehe sie Blut forderte. Dann flitzte sie los, immer auf Noel zu, der von der Gefahr noch nichts ahnte und am Pool entlang zu seinem Stuhl schlenderte. Nathaniel ahnte, was passierte und streifte schon mal die Schuhe von den Füßen.

Keine Sekunde zu früh, denn schon sprang Noel erschrocken hoch, weil Krismasi ihn hinterhältig ins Hinterbein gebissen hatte. Natürlich konnte er so nicht kontrollieren, wo er landete und mit einem lauten Platsch fiel er ins Wasser. Marius sah nur mit großen Augen zu, wie sein Vater elegant und voll angezogen in den Pool sprang, um Noel zu retten.

„Wah, Kris!“, rief Alice noch, da war Marius auch schon losgesprungen. So tauchte Nathaniel wieder auf, hatte Noel im Arm und hievte den entwürdigend nassen Kater auf den Poolrand, wo der sich frustriert schüttelte. Marius aber ruderte und rettete Kris, die jämmerlich schrie und erst wieder Ruhe gab, als auch sie wieder festen Boden unter den Pfoten hatten. Das Schütteln ging noch nicht so elegant und sie fiel dabei um. Da blieb sie einfach platt liegen.

Nathaniel und Marius stemmten sich aus dem Wasser und Nathaniel zog Noel gleich an sich und beschmuste ihn. Marius griff sich Kris und streichelte sie vorsichtig. So mit nassem Fell sah sie noch kleiner und hilfloser aus, dass er ganz vergessen hatte, wie kratzbürstig sie sein konnte. „Was machst du denn?“, fragte er sanft und drückte sie an sich.

Sie klammerte sich fest und versuchte sich wieder zu beruhigen. Was war das nur für eine unschöne Erfahrung gewesen?

„Boah – ich will auch in den Pool!“, maulte es derweil von der Teerassentür. Fabio kam mit seinen Krücken angehumpelt und schmollte.

„Klar, mit dem Gips, oder was? Denkst du auch mal nach, mein Liebling?“ Sie liebte es, ihn so hilflos zu sehen. Nicht weil sie schadenfroh war, sondern weil es den studierenden Geschäftsmann irgendwie wieder ein bisschen mehr zu ihrem Baby machte, was sie beschützen und umsorgen wollte.

„Hier sind zumindest zwei, die diese Erfahrung lieber nicht gemacht hätten“, lachte Nathaniel und gab Noel einen Kuss auf das Köpfchen, damit er sich wieder beruhigte. Zufrieden sah er Marius mit Kris schmusen, die erstaunlich zahm wirkte und es zu genießen schien. „Komm her, Schatz“, rief Nathaniel Fabio zu und streckte einen Arm nach ihm aus.

Etwas unpässlich humpelte Fabio durch die Gegend und ließ sich auf einen Stuhl fallen, den Alice an den Poolrand schob. „Hallo“, begrüßte er Marius und lächelte, der ihn ganz genau beobachtete hatte. „Sie wird ab jetzt bestimmt vorsichtiger sein“, sagte er und deutete mit dem Kinn auf Krismasi, die in der warmen Luft schnell wieder trocknete.

„Hallo“, Marius grüßte zurück und lächelte ebenfalls kurz. Er hatte seinem Vater versprochen, zu versuchen sich mit Fabio zu verstehen. „Ich werde versuchen, auf sie aufzupassen. Sie ist doch noch so klein.“

„Mach das mal“, motivierte ihn auch Fabio und vermied es zu erklären, dass die junge Dame trotz ihrer geringen Körpergröße bereits der Herr im Revier war. Wenn der Kleine etwas hatte, was ihn fesselte, dann war er vielleicht nicht ganz so verkrampft und es war leichter, an ihn heran zu kommen. „Kommt dir auch entgegen, hm?“, fragte er Noel, der sich – immer noch nass – auf seiner Mama zusammenrollte. Der Schreck musste verdaut werden. Ein Schinkenbrötchen könnte da helfen.

„Jetzt hat er dich endlich wieder“, grinste Nathaniel und zupfte Noel leicht an einem Ohr. Er war stolz auf seinen Sohn, dass er sich wirklich Mühe gab und zog ihn an sich. So konnte er Kris auch ein wenig streicheln und erzählte seinem Sohn dabei von seiner ersten Begegnung mit Noel.

„Echt? Gebissen?“, fragte Marius und blickte auf den großen Kater, der sich gerade aalte und die Nässe in seinem Fell auf Fabio verteilte. Er streichelte weiter Kris, die aber allmählich den Schreck verdaut hatte und agiler wurde. Der Feind war schließlich in der Nähe und fühlte sich viel zu sicher. Das musste doch geändert werden.

Sie fing also an sich zu winden und Nathaniel flüsterte seinem Sohn zu, dass er sie besser los lassen sollte. Marius setzte sie auf den Boden und sofort flitzte Kris los, kletterte geschickt über Fabios Gipsbein und gleich sprang Noel erschrocken und fauchend hoch, als er schon wieder ein paar mitbekam und böse angefaucht wurde.

„Ey“, brüllte Fabio, der sich ja nicht mittels Flucht in Sicherheit bringen konnte und kurz hielt Kris inne. Sie sah ihn an – er sah sie an – Noel nutzte die Sekunde zur Flucht um den Pool, von wo aus er alles beobachtete. So ein kleine Zwecke, der musste doch beizukommen sein.

„Na was?“, wollte Fabio von Kris wissen, die jetzt auf seinem Schoß hockte.

Sie schüttelte sich noch einmal kurz, damit sie nicht mehr so verstrubbelt war und machte es sich auf Fabios Schoß bequem. Dabei ließ sie Noel nicht aus den Augen und wirkte sichtlich zufrieden. „So ein kleines Biest“, lachte Nathaniel leise. Das dauerte wohl noch etwas, bis die beiden Katzen sich annäherten.

„Und du lässt dir das gefallen?“, fragte Fabio und Noel wirkte sichtlich unzufrieden mit der ganzen Situation. So schlich er zu Nathaniel und ließ sich trösten. Marius hatte derweil von Alice ein Handtuch bekommen. „Das Shirt ist von Fabio, aber trocken. Hier ist es zwar warm, aber wenn der Wind geht, kann man sich schnell verkühlen“, sagte sie.

„Danke, Mrs. de Cosa“, sagte Marius artig und rubbelte sich durch die Haare, nachdem er sein Shirt ausgezogen hatte. Er hatte sich das erste Zusammentreffen mit Fabio und seiner Familie wesentlich schlimmer vorgestellt, aber Kris und der Trubel, den sie verbreitete, hatten ihm seine Unsicherheit genommen. Es machte ihm noch nicht einmal etwas aus, ein Shirt von Fabio anzuziehen.

„Ich bin Alice“, lächelte sie und nahm das feuchte Shirt mit, genauso wie die nassen Klamotten des Grafen, der mittlerweile nur noch in der neckischen, engen Unterhose auf dem Rasen lag und Noel von seinem Trauma ablenkte.

Das wiederum passte Kris gar nicht. Der Fremde hatte in ihrem Revier nicht zu toben, sondern demütig gesenkt zu schleichen. Doch Fabio hielt sie fest, als sie schon wieder losflitzen wollte. „Junge Dame, so nicht“, erklärte er ihr.

Das störte sie aber gar nicht und sie versuchte sich weiter zu befreien. Fast hätte sie es geschafft, denn Fabio war ein wenig von seinem leicht bekleideten Liebling abgelenkt. Aber er bekam sie noch zu packen, bevor sie entwischen konnte.

„Hey“, meckerte er sie also an und hielt sich das wild fauchende Kätzchen vor das Gesicht. „Noel ist nett. Lern ihn doch erst mal kennen“, schlug er vor, doch Krismasi war dafür kein bisschen zugänglich. Sie meckerte weiter. „Na gut, dann bekommt eben nachher nur Noel die Sahne und du nicht“, erklärte er ihr und setzte sie ab. Was bekommen bedeutete, wusste Kris schon und was Sahne war, hatte sie auch schon verstanden.

Nun stand sie da auf dem Rasen und wusste nicht, was sie machen sollte. Sahne war lecker, aber das hier war ihr Revier, da hatte der Fremde nichts zu suchen. Hilfe suchend sah sie sich um und lief zu Marius. Der hatte sie heute schon einmal gerettet. Und so fing der Junge das Kätzchen auf und hob sie vorsichtig hoch. Was sollte er denn jetzt machen? Er sah zu seinem Vater, der ihn anlächelte und es war José, der ihn von seinen Qualen erlöste.

„Kommt frühstücken“, rief er und stellte gerade noch die beiden Näpfe auf den Boden neben dem Tisch auf der schattigen Terrasse.

Noel sprintete auch gleich los und Kris zappelte, so dass Marius sie schnell wieder absetzte. Alice hielt ihm eine Hand hin, um ihm aufzuhelfen und lächelte. „Komm, du bist bestimmt hungrig.“ Sie strich Marius liebevoll durch die Haare und schmunzelte. Vater und Sohn sahen sich unwahrscheinlich ähnlich und so hatte sie eine Ahnung davon, wie der Graf als Kind ausgesehen hatte.

Im Moment aber half er seinem Schatz auf das gesunde Bein und Fabio ließ sich stützen, als er zum Tisch humpelte. Er hatte sich mit seinem Schicksal noch nicht wirklich abgefunden und lamentierte, aber nur ganz leise, sonst erklärte ihm seine Mutter nämlich wieder, dass das alles nicht passiert wäre, wäre er mit dem Zug zum Flughafen gefahren.



10

„Willst du dir was überziehen, Nathaniel?“, fragte Alice und hatte noch ein Shirt in der Hand, doch Fabio krähte nur: „Nein, will er nicht!“

Nathaniel schüttelte also brav den Kopf und grinste breit. Er küsste Fabio und half ihm sich hinzusetzen, dabei kraulte er ihn liebevoll im Nacken. Er wusste, dass Marius sie dabei beobachtete und zwinkerte ihm zu. „So bekommt man gereizte Raubtiere wieder friedlich. Hat bei Kris ja auch geklappt“, lachte er, brachte sich aber lieber in Sicherheit.

Fabio wusste im ersten Augenblick nicht, was er sagen sollte und so entschied er sich nach ein paar stillen Sekunden für ein beherztes: „Blödmann“, und brachte den Rest am Tisch zum lachen. Sogar Marius schmunzelte leise, Fabio schien eben doch ein ganz normaler Mensch zu sein, allerdings einer, dem sein Vater ziemlich viel Aufmerksamkeit widmete. Aber er wurde dafür von Alice umsorgt.

Es war schön, ein Kind im Haus zu haben und darum kümmerte sie sich gerne um Marius. José ging es ähnlich, er verwickelte Marius in ein Gespräch, über den Flug und was er alles während seiner Ferien in Südafrika sehen wollte. So bekam Marius nur am Rande mit, wie sein Vater sich bei Fabio entschuldigte. Es störte ihn noch nicht einmal, die zwei so zusammen zu sehen. Das war merkwürdig, denn er erkannte sich selbst kaum wieder. Was war heute anders als vor zwei Tagen? Marius wusste es nicht und hatte auch gar keine Zeit darüber nachzudenken, denn er erklärte José gerade, dass er gern viele Tiere sehen würde und sein Vater deswegen extra seine Kamera eingepackt hatte.

Fabio wurde hellhörig und grinste. „Muss ich wenigstens nicht wieder Angst um meine eigene Kamera haben, wenn du an ihr herum fingerst.“

„Pff“, machte Nathaniel nur. „Wenn du frech zu mir bist, bekommst du nicht das Geschenk, das ich dir mitgebracht habe.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust und schmollte. Er wusste, wie sehr Fabio sich darüber geärgert hatte, dass ihm das Objektiv aus der Hand gerutscht war, als er es wechseln wollte. Darum hatte er ihm auch ein neues gekauft.

„Ein Geschenk? Für mich? Zeig's her, sag schon, was ist es!“ Fabio war völlig von der Rolle und Marius musste grinsen. Er erinnerte ihn ein wenig an sich selber, wenn sein Vater ihm etwas mitgebracht hatte. Sie waren gar nicht so verschieden! Doch er schielte neben sich auf den Boden, als er es schon wieder knurren hörte.

„Kris, Noel tut dir doch nichts?“ Er beugte sich zu Kris und strich ihr vorsichtig über das Köpfchen. „Du solltest erst einmal versuchen ihn kennen zu lernen, bevor du ihn ablehnst.“ Ihm fiel erst auf, was er gesagt hatte, als er einen überraschten Laut von seinem Vater hörte und grinste ihn schief an. Jetzt wusste er, warum Nathaniel das zu ihm gesagt hatte. Kris benahm sich genauso wie er selbst und Noel war Fabio.

Nur dass der Kater kein Gipsbein hatte und weglaufen konnte. Das tat er auch und wie erwartet setzte die Kurze ihm nach. Was sie vergessen hatte, war die Tatsache, dass Noel ein zivilisationsgeschädigter Kater war, der wusste, wie er andere austricksen konnte. Als sich die junge Dame also im hohen Gras verirrt hatte, kam er zurück und räumte Krismasis Napf aus.

„Noel, du bist eine Ratte. So kann das nichts werden mit euch“, erklärte Fabio, doch Noel war das egal. Er leckte sich die Schnauze sauber und stolzierte zu seinem Lieblingssessel. Diese Runde hatte er gewonnen, alles andere zählte nicht.

„Das wird noch ’ne Menge Arbeit.“ Nathaniel seufzte. Sie mussten wirklich daran arbeiten, dass sich die beiden annäherten. „Ich will mir gar nicht vorstellen, was sie aus meinem Schloss machen, wenn wir wieder in Essen sind.“

Irgendwie war klar, dass die junge Dame sie begleiten würde, denn sie war nun einmal als Spielgefährte für Noel gedacht. Doch sollte es gar nicht funktionieren, war Alice bestimmt auch nicht böse darüber, wenn Kris wieder bei ihr landete. Im Augenblick aber stromerte sie durch das Gras und schien ihr Revier zu prüfen.

„Greift doch endlich zu“, sagte José. Er selbst ließ sich schon das Steak schmecken, was Marius etwas irritiert gucken ließ. So was hatte er zum Frühstück noch nicht probiert.

„Das ist Springbock, sehr lecker“, erklärte ihm José und schon landete eine der Fleischscheiben auf Marius’ Teller.

Dem blieb also nicht weiter mehr übrig, als: „Danke“, zu sagen und zu probieren. Erst einmal nur ein kleines Stück, das konnte er auch runterschlucken, wenn es ihm nicht schmeckte. „Lecker“, strahlte er mit vollen Backen und kaute eifrig.

„Würde ich das sonst essen?“, lachte José und langte ebenfalls ordentlich zu. „Iss ordentlich, wir haben heute noch viel vor.“ Er verriet noch nicht, was geplant war und beobachtete Marius, doch der quengelte nicht wie früher sein Junge, sondern nahm es hin, dass erst einmal nichts verraten wurde. Derweil hörte er nur Fabio leise moppern, dass er sein Geschenk noch immer nicht bekommen hätte und lachte leise. Kleine Kinder, kleine Sorgen – große Kinder, große Sorgen.

Nathaniel lachte ebenfalls, aber Fabio bekam von ihm einen Kuss. „Gleich nach dem Frühstück werde ich dein Geschenk holen, versprochen.“ Er hatte nämlich auch Hunger und im Gegensatz zu seinem Jungen wusste er schon, wie lecker die Steaks waren und ließ es sich schmecken.

So wurde erst einmal der gröbste Hunger beseitigt und jeder erzählte, was er so geplant hatte. Alice wollte in die Stadt auf den Markt. Sie hätte nicht genügend Essen für alle im Haus. José verbot sich einen Kommentar. Fabio erklärte, dass er wohl am Pool sitzen und die Katzen hüten würde und Nathaniel wollte sich spontan seinem Jungen und José anschließen, das klang irgendwie noch am spannendsten, dafür bekam sein mosernder Liebling aber noch einen Besänftigungskuss, der Marius beschämt wegsehen ließ. Daran musste er sich wirklich erst noch gewöhnen.

Aber es freute ihn, dass sein Vater mit ihm etwas unternahm und er war sich sicher, dass er das nicht nur des lieben Friedens willen machte. „Könnte Fabio denn auch mit uns kommen, wenn er möchte?“, fragte er darum. Er wusste zwar nicht, was sie machen würden, aber wenn Fabio mochte, durfte er mitkommen.

„Ich schlepp ihn nicht durch die Gegend“, erklärte José gleich und sah Nathaniel auffordernd an. Doch auch der schüttelte den Kopf und Fabio fühlte sich ein ganz kleines bisschen ungeliebt.

„Pff, macht doch. Ich bleibe bei Mama, die hat mich wenigstens lieb“, erklärte Fabio also, war aber sehr zufrieden, dass ausgerechnet Marius ihn einladen wollte.

„Dann ist das ja geklärt.“ José wirkte sehr zufrieden. „Also, nach dem Frühstück zieht ihr euch um und vergesst eure Hüte nicht. Bei der Sonne ist es besser, sich zu schützen.“ Er trank seinen Kaffee aus und verdrehte die Augen. „Und ja, erst bekommst du dein Geschenk, Fabio“, lachte er noch, weil sein Sohn schon wieder nörgelte.

„Was denn? Hab doch gar nichts gesagt“, knurrte Fabio. Er merkte langsam selber, wie er sich benahm und versuchte das ein bisschen einzugrenzen. Doch was sollte er machen? Er war neugierig. So gönnte er sich noch eine Tasse Kaffee und beobachtete Kris, die sich gerade zufrieden durch das Gras rollte.

„Zieht feste Schuhe an und schmiert euch mit Sunblocker ein, wir werden eine Weile unterwegs sein.“ José erhob sich.

„Machen wir“, riefen Nathaniel und Marius gleichzeitig, was alle wieder zum Lachen brachte. „Komm mit, Marius, ich zeige dir dein Zimmer“, bot Alice an, damit Fabio und Nathaniel noch ein paar Augenblicke für sich hatten. Der Graf nutzte die Gelegenheit auch gleich für einen leidenschaftlichen Kuss, denn Fabio hatte ihm sehr gefehlt und jetzt musste er ihn schon gleich wieder verlassen.

„Passt auf euch auf und kommt gesund wieder. Ich brauch dich nämlich noch“, erklärte Fabio immer wieder zwischen den Küssen und grinste. Er war so glücklich, dass es Nathaniel gelungen war, Marius zu überreden. Warum aber hatte ihm sein Liebling nichts gesagt? Der alte Geheimniskrämer? „Ich kann ja im Augenblick schlecht der kleinen Katze hinterher laufen.“

„Ich komme ganz bestimmt wieder, Honey.“ Nathaniel zog Fabio auf seinen Schoß und streichelte ihm sanft über die Wange. „Wir dürfen es nicht versauen. Marius gibt sich wirklich Mühe. Ich bin echt stolz auf ihn.“

„Ja, ich gebe zu, ich hätte nicht gedacht, dass das passiert. Was hast du angestellt, um ihn dazu zu überreden?“ Fabio fragte sich das, seit Nathaniel ihn heute Morgen geweckt hatte. Vielleicht konnte er dann ebenfalls versuchen, positiv auf ihre Beziehung einzuwirken.

„Na ja, ich habe ihn gezwungen, mir zu sagen, was ihn an dir stört und dabei kam raus, dass seine Mutter ihn dahingehend beeinflusst hat, dass du nur mein Geld willst und Marius mich vor dir retten muss. Wir haben vereinbart, dass er sich erst einmal ein eigenes Bild von dir macht und wenn er dich dann immer noch nicht leiden kann, dann muss ich das akzeptieren, aber ich glaube nicht, dass das passieren wird.“ Nathaniel küsste Fabio und seufzte dann. „Sie hat ihm auch eingeredet, dass eine Beziehung zwischen zwei Männern pervers ist. Es hat ziemlich wehgetan, als er das gesagt hat.“

„Oh man“, murmelte Fabio leise und lehnte seine Stirn gegen die seines Freundes. Sicher, es zu wissen war das eine, aber etwas aus dem Mund eines geliebten Menschen zu hören, war noch etwas anderes. „Aber auch das bekommen wir eines Tages noch in den Griff. Lass uns nicht den zweiten Schritt vor dem ersten machen. Er soll mich als Fabio mögen, ehe er sich mit mir als deinem Liebhaber abfinden... Noel!“ Fabio hatte eigentlich nur ein bisschen den Blick schweifen lassen, doch dann hatte er doch allen Ernstes gesehen, wie der Kater sich bereit machte, vom Stuhl aus auf Krismasi zu springen. Anstatt dass er froh war, wenn sie Ruhe gab, suchte er Streit.

Idiot.

„Oh man, intelligent geht anders“, kicherte Nathaniel, als Noel sich beleidigt wieder hinlegte. „Ja, er soll dich mögen, so wie du bist, weil ich dich ja auch deswegen liebe. Ich verstehe nur nicht, warum es ihn bei uns so stört, bei Darius und Thilo und bei unseren anderen Freunden aber überhaupt nicht. Da hat er noch nie etwas davon gesagt, dass er es pervers findet.“

„Ich glaube ja, dass er selber das gar nicht so schlimm findet. Da wirkt jemand anderes mit und das weißt du auch. Irgendwann wird er merken, dass wir beide nichts anderes sind als Thilo und Darius. Aber den eigenen Vater sieht man eben doch immer etwas anders als Freunde.“ Fabio strich seinem Liebling durch die Haare, während Marius wieder aus der Tür trat. Feste Schuhe und kurze Hose, ein helles Shirt und den Hut schon in der Hand.

„Papa“, knurrte er leise, der hockte nämlich noch nackt und knutschend in der Gegend herum, während José schon den Wagen anwarf. So kamen sie doch nie los!

„Bin schon unterwegs.“ Leicht rot um die Nase, weil er getrödelt hatte, verfrachtete Nathaniel seinen Schatz auf einen anderen Stuhl und lief schnell ins Haus. Er beeilte sich und schon nach fünf Minuten war er wieder unten bei Fabio und übergab ihm sein Geschenk, so wie er es versprochen hatte.

„Du hast dran gedacht.“ Fabio freute sich und hielt die eingewickelte Kiste in Händen. Und weil Marius ebenfalls gern Geschenke bekam, wagte er auch nicht zu drängeln. Fabio fledderte das Papier auf und strahlte. „Ein neues Makro. Wie cool!“ Er küsste seinen Schatz überschwänglich, passte aber gut auf das teure Geschenk auf. Jetzt konnte er wieder schöne Großaufnahmen machen, seine Leidenschaft.

„Damit dir ohne uns nicht zu langweilig wird. Wir wollen ein paar schöne Aufnahmen sehen, wenn wir wieder da sind.“ Nathaniel küsste Fabio noch einmal, dann schnappte er sich Marius, denn José hatte gehupt. „Bis heute Abend, Schatz“, rief er noch über die Schulter, dann waren sie um die Ecke.

„Ohne mich“, nuschelte er leise und grinste schief. Alice war wieder zu ihm auf die Terrasse getreten und setzte sich neben ihren Jungen.

„Sei doch froh, Schatz“, sagte sie und schenkte sich ebenfalls noch einen Kaffee ein, mit viel Milch und Zucker.

„Worüber soll ich froh sein?“ Fabio verstand nicht so ganz, was seine Mutter meinte. Er war schon wieder alleine, auch wenn er jetzt wieder Bilder machen konnte. Das ersetzte nicht Nathaniel.

„Dein Liebling ist hier, du bist die Nächte nicht allein, sein Junge hat gute Laune und wollte dich mitnehmen. Ich sehe im Augenblick keinen Grund, sich zu beschweren, Liebling“, sagte Alice gelassen, weil Fabio schon wieder alles viel zu negativ sah. Sie lockte Krismasi zu sich, die immer noch in der Sonne döste, von Noel nicht aus den Augen gelassen.

„Ich beschwere mich doch gar nicht.“ Fabio wusste, dass er ungerecht war, aber das Gipsbein ging ihm gehörig auf die Nerven. Er konnte nicht in den Pool, nicht mit auf den Ausflug und überhaupt, war alles doof. Alice lachte nur und strich ihm durch die Haare. „Und ob du das tust.“

„Gar nicht wahr“, beharrte Fabio, grinste aber wieder, weil er merkte, was seine Mutter da tat. „Dafür musst du mich jetzt bespaßen, so. Das hast du jetzt davon.“ Er lehnte sich zurück und guckte auf das Gipsbein. Und das ging jetzt noch wochenlang so. Er hatte doch heute schon genug davon.

„Aber gerne doch, mein Liebling. Ich bin doch froh, dass du hier bist und auch noch Besuch hierher gelockt hast.“ Alice kicherte ausgelassen. „Marius ist ein süßer, kleiner Kerl, ich mag ihn. Wir sollten dafür sorgen, dass er ein schönes Weihnachten bei uns hat.“

„Ja, das sollten wir. Vielleicht darf ich Nathaniel dann behalten“, lachte Fabio, doch etwas Ernstes lag schon in seinen Worten. Nicht dass er sich wirklich von Nathaniel trennen würde, sollte es mit Marius nicht klappen, doch es würde hart werden, immer wenn Vater und Sohn sich sehen wollten. „Na Kurze?“ Kris hatte sich wieder zu ihnen gewagt. Sie wollte bespaßt werden, denn ihr war langweilig. Außerdem suchte sie in ihrem Napf, doch der war leer.

„Tja, Süße, das wirst du noch lernen müssen. In Noels Gegenwart lässt man sein Fressen besser nicht unbeaufsichtigt“, lachte Alice, nahm sich aber den Napf, um noch etwas hinein zu tun. Schließlich sollte das kleine Servalmädchen wachsen, damit sie einmal eine gute Partnerin für Noel wurde.

Noel, der seinen Namen gehört hatte, kam zum Tisch getrottet. Kris knurrte, doch sie war nicht schnell genug, um Noel zu beißen. Der sprang auf einen der Stühle und sie war noch etwas klein dafür. So hoch konnte sie nicht springen und an den blöden Beinen konnte sie sich nicht hoch ziehen. Also saß sie unten und fauchte, während Noel sich zu ihr runter beugte. „Pass auf, Dicker“, sagte Fabio noch, aber da war es schon zu spät. Noel jaulte auf und zuckte zurück. Fabio rollte mit den Augen. Der Kater lernte es aber auch nie. „Ignorier sie doch einfach“, schlug er vor, auch wenn er wusste, dass er auf taube Ohren stieß.

Noel zog sich auf seinen Stuhl zurück und Kris saß davor und wirkte ziemlich zufrieden. Doch dann war das Futter interessanter.

„Willst du mit zum Einkaufen?“, wollte Alice wissen, denn sie wollte allmählich los. Sie hatte noch ein paar Wege vor sich, denn auch der Weinkeller war aufzufüllen. Außerdem mussten Bestellungen gemacht werden, die an die Lodge in der Namib geliefert wurden. Schließlich wollten sie in den nächsten Tagen alle dort hin.

„Warum nicht.“ Das war auf jeden Fall besser, als hier alleine rumzuhängen. War nur zu hoffen, dass die beiden Katzen sich in der Zwischenzeit nicht gegenseitig umbrachten, aber dafür hatte Alice auch eine Lösung. Sie hatte für Krismasi einen Raum eingerichtet mit einer Schlafstätte und Spielzeug. Dorthin kam die kleine Dame und Noel konnte durch den Garten und das restliche Haus stromern.

„Mary wird immer mal ein Auge auf sie haben“, versicherte Alice, als sie ihrem Jungen aufhalf. Fabio hatte sich an die Krücken noch nicht gewöhnt und das Laufen daran glich eher Skilanglauf. Doch er gab sein Bestes. Angezogen war er schon, denn so musste er nicht mehrfach die Treppe nach oben. Seine Mutter hatte ihm zwar ein Zimmer im Erdgeschoss herrichten wollen, doch da war Fabio stur geblieben – sein Reich blieb sein Reich.

Er folgte seiner Mutter zum Wagen und ließ sich in den Wagen fallen. „Wohin fahren wir zuerst?“, wollte er wissen. „Können wir an einem Buchladen halten? Ich wollte nach einem Buch mit afrikanischen Tieren für Marius gucken. Ich denke, darüber würde er sich zu Weihnachten freuen.“

„Gute Idee. Am besten versuchen wir es bei Gerald.“ Alice nickte heftig. Gerald war eigentlich ein Händler für alles. Er hatte sich ein reichhaltiges Netzwerk in alle Welt aufgebaut und kümmerte sich eigentlich nur darum, Sachen zu importieren, die seine Kunden benötigten oder anderes zu exportieren, was Afrikaner fern des Kontinents daheim nicht kaufen konnten. Er Betrieb den Handel professionell und konnte gut davon leben, sofern er bescheiden blieb. „Dann hole ich am besten noch ein paar Möhren, warte mal Schatz.“ Sie sprang wieder aus dem Wagen und lief in die Küche. Denn wenn sie unbeschadet auf das Gelände wollten, mussten sie Maximo bestechen, das Wachzebra.

Gerald hatte es mit der Flasche groß gezogen und seit dem bewachte es das Anwesen leidenschaftlich. Nur eine ordentliche Bestechung hielt das Zebra davon ab, das Blech des Wagens mit seinen Hufen einzudellen. Der junge Hengst hatte Narrenfreiheit und so sorgte er für Zucht und Ordnung und hatte sogar schon einen Einbrecher gestellt. Der arme Mann hatte drei Tage nicht sitzen können, weil Maximo ihn in den Hintern gebissen hatte, als er durch ein Fenster hatte einsteigen wollen.

„So, jetzt kann’s aber los gehen“, sagte Alice, als sie endlich die Autotür zuschlug. Sie donnerte den Rückwärtsgang rein und ließ Fabio zucken, als der Motor aufheulte. „Mama“, knurrte er und sie lachte. „Du bist der schlechteste Beifahrer der Welt, mein Liebling.“ Dann rollten sie vom Hof.

„Bin ich gar nicht. Nathaniel beschwert sich nie, wenn ich neben ihm im Auto sitze“, brummte Fabio, aber dann musste er doch lachen. Seine Mutter hatte schon Recht. Aber die Einsicht hielt ihn nicht davon ab, weiter das Gesicht zu verziehen und zu zucken, wenn seine Mutter schaltete.

„Gruß vom Getriebe, der Gang ist drin“, knurrte er gleich kurz hinter der Auffahrt und Alice lachte bei jedem seiner Kommentare.

„Schatz, weißt du, was mir letztens passiert ist? Da hatte ich doch glatt deinen Vater am Telefon und der wollte wieder noch was mitgebracht haben und da bin ich doch glatt im dritten Gang angefangen. Gott hat die Karre sich geschüttelt!“

Fabio wurde blass, also von seiner Mutter hatte er seine Liebe zu Autos definitiv nicht.

„Mom“, murmelte er entsetzt. Er wusste schon, warum Alice einen eigenen Wagen hatte, der regelmäßig gewartet wurde, damit er nicht ausfiel. Sein Vater würde wahrscheinlich tausend Tode sterben, wenn er eines seiner Babys in ihre Hände geben müsste.

Alice lachte nur. Sie wusste, was ihre Männer dachten und darum übertrieb sie immer ein wenig, wenn sie einen bei sich im Auto hatte.

So vertrieben sie sich den Tag mit Besorgungen und mit kleinen Schwätzchen bei den Händlern und Lieferanten. Überall wurde Fabio bedauert, weil er ja am Unfall nicht schuld gewesen war und eine halbe Stunde später wusste die halbe Stadt, dass Fabio schwer verletzt war.



11

Es ging schon auf den frühen Abend zu, als sie mit einer Eisbox voll Grillfleisch auf die Terrasse traten. Noel lag im Gras, Kris lag im Schatten unter der Bank – beide schienen noch am Leben.

„Ist José schon wieder da?“, wollte Alice von Mary wissen.

„Nein, aber er hat angerufen, dass sie in ungefähr einer halben Stunde wieder da sind und Hunger wie die Löwen haben“, lachte Mary und nahm die Box mit dem Fleisch entgegen. Der Grill war schon angeworfen und bis auf das Fleisch alles vorbereitet.

„Das ist gut, uns geht es nicht anders.“ Alice wirkte sehr zufrieden und Fabio wollte wissen, wie die beiden Streithähne sich benommen hatten.

So erfuhr er, dass eigentlich alles ohne Blessuren abgegangen war, aber das auch nur, weil Noel ständig geflüchtet war und Krismasi ihm nicht hatte so schnell folgen können. Irgendwann war sie platt wie ein Teller gewesen und Mary hatte sie aus der Sonne aufgelesen und in den Schatten gelegt, wo sie sich erholte, während Noel zufrieden das Revier durchstreift hatte.

„Tricky, der Dicke“, lachte Fabio und pfiff nach Noel, der träge den Kopf hob.

An ihm war die Lauferei auch nicht spurlos vorbei gegangen und er war kaputt. Er gähnte und ließ den Kopf wieder ins Gras fallen. Fabio lachte und humpelte zu ihm rüber und ließ sich neben seinem Liebling ins Gras fallen. „Du machst das schon“, murmelte er und kraulte Noel zwischen den Ohren.

Noel schleppte sich noch ein paar Zentimeter und schubste Fabio um, so lag der im Gras und Noel konnte auf ihn klettern und sich erneut zusammenrollen. Das hatte den Vorteil, dass er jetzt etwas höher als das Gras war und er nicht einmal mehr den Kopf heben musste, um zu sehen, was auf der Terrasse vor sich ging.

„Du bist mir einer.“ Fabio konnte über seinen Kleinen nur den Kopf schütteln und merkte gar nicht, dass er weggedöst war. So hatte er noch nicht ein Foto gemacht mit dem neuen Objektiv.

Aber dafür wurde er sehr angenehm geweckt, als sich zwei weiche Lippen liebevoll auf seine legten. „Nath“, murmelte er leise mit einem Lächeln und schlang die Arme um seinen Freund. „Wie war euer Ausflug? Wo wart ihr überhaupt?“ Der Serval hatte sich schon verzogen, denn am Grill ging es hoch her. Konnte doch gut sein, das da was runter fiel. Er war nicht mehr der einzige, Kris würde sich bestimmt auch etwas holen wollen, dabei bekam sie noch gar kein Fleisch.

„Wir waren bei den Augrabiefällen. Viel Wasser war nicht drinnen, aber dafür eine Menge Viechzeug. Jede Menge Antilopen und dann Schlangen und Skorpione. Ich habe reichlich Bilder gemacht, damit es sich so anfühlt, als wärst du da gewesen. Ich kann dich beim angucken auch beißen, dann wird das noch authentischer.“

Fabio öffnete ein Auge und sah seinen Schatz irritiert an. „Sage mal, waren da auch Lustmolche, denn andere Bisse kannst du doch gar nicht.“ Grinsend zog er Nathaniel wieder zu einem Kuss zu sich runter. „Hat es Marius gefallen?“, fragte er und kuschelte sich an seinen Schatz.

„Und wie, er war ganz begeistert. Er ist Springböcken hinterher gelaufen und hat versucht so zu hüpfen wie sie. Als ein Kudu angeflitzt kam, war er der erste im Wagen, brüllte mir aber zu, ich solle ja Bilder machen – ja, da hat man das Gefühl, das eigene Leben ist nur für die Kinder da.“ Nathaniel merkte man an, wie glücklich er war, dass Marius mit hier war. „Und Lustmolche habe ich zwar gesehen, aber nicht abgelichtet. Das ist nämlich verboten“, erklärte er noch, das konnte man ja unmöglich auf sich sitzen lassen.

„Ach so? Das wusste ich gar nicht.“ Fabio sah Nathaniel, der heftig nickte, mit großen Augen an. „Na, das ist aber schade, ich hätte wirklich gerne mal einen Lustmolch gesehen“, sagte er ernst und prustete dann los. Sie waren so albern, aber er genoss es. „Die Bilder möchte ich aber trotzdem unbedingt sehen.“

„Die von den Lustmolchen? Die gibt es doch gar nicht, Schatz. Hab ich dir doch eben erklärt“, verstand Nathaniel seinen Freund absichtlich falsch, hob aber den Kopf, als Alice nach ihnen rief. „Komm hoch, Süßer. Futter fassen“, schlug er stattdessen vor und wusste, dass sie sich die Bilder zusammen ansehen würden. Sicherlich heute Abend im Wohnzimmer. Marius würde sich schon darum kümmern, dass die Technik funktionierte. Da war er ein Ass, das im Augenblick schon um den Grill herum schlich und Noel beobachtete. An den hatte er sich noch nicht ran getraut.

So ging das aber nicht mehr weiter. Fabio ließ sich von Nathaniel zum Tisch bringen und lockte Noel zu sich. Als der Kater bei ihm auf dem Schoß saß, nahm er etwas ungewürztes Fleisch. „Marius, magst du Noel das Fleisch geben?“, fragte er und wie erhofft nickte der Junge und kam zu ihm.

„Hat er auch sicher nichts dagegen?“, fragte Marius ein wenig zögerlich, denn bisher war der Kater nicht sehr erfreut von seiner Anwesenheit gewesen.

„Ach, er ist ein ganz schlechter Wachkater. Wer ihm Futter mitbringt ist ein Freund“, lachte Fabio. Ganz so war es eigentlich nicht, doch jetzt hockte der Kater brav vor Marius’ Stuhl und tatzte vorsichtig, nicht dass man während der ganzen Quatscherei noch das Wesentliche vergaß.

„Oh... äh... ja sofort.“ Marius war schon nervös, als er Noel das Stückchen Fleisch hinhielt, immer bereit, seine Finger schnell wegzuziehen, wenn es nötig war. Aber Noel benahm sich vorbildlich und nahm das Fleischstückchen ganz vorsichtig, gerade so, als wenn er wüsste, was von ihm erwartet wurde. Marius strahlte Fabio an und strich ganz vorsichtig durch das weiche Fell. Das hatte er schon die ganze Zeit machen wollen.

„Du darfst nicht jedes Mal gleich reagieren, wenn er dich bedrängt. Dann gewöhnt er sich das an und erwartet das jedes Mal. Nicht wahr, Dicker?“ Fabio sah den Kater an, streichelte ihn aber auch, weil er so brav mitgespielt hatte. Er schob Marius noch etwas Fleisch zu, damit er sich Noel erkaufen konnte und fing elegant Kris ab, die an ihm vorbei zu Noel wollte. Sie wedelte mit den kleinen Pfoten, als Fabio sie zu sich auf den Schoß hob. „Na, was hast du vor, Bonney?“

Na, was wohl, schien ihr Blick zu sagen. Der Feind machte sich schon wieder in ihrem Revier breit und bekam auch noch die Leckerbissen, die eigentlich ihr gehörten.

„Sie ist wirklich sehr hartnäckig“, lachte Nathaniel und lenkte sie von Noel ab, indem er sie streichelte. Das gefiel ihr nämlich auch nicht und prompt versuchte sie die Finger zu vertreiben, indem sie nach ihnen schlug.

„Dabei frisst sie noch gar kein Fleisch. Es stört sie nur, dass Noel es bekommt“, stellte Alice fest und lachte. Der Kater war auch sehr einnehmend gewesen, als er so klein gewesen war, doch er hatte niemanden gehabt, an dem er sich hatte reiben können. Die Rolle hatte dann schlussendlich Fabio ausgefüllt.

Marius derweil lenkte Noel ab, war aber ganz vorsichtig. Er rechnete immer damit, dass der Kater weg sprang, sobald die junge Dame ihm zu nahe kam und vielleicht wieder kratzte oder biss. Er war ganz aufgeregt.

Er freute sich unheimlich, dass Noel bei ihm sitzen blieb, auch als das Fleisch alle war. Ihm schien sogar zu gefallen, gestreichelt zu werden, denn er schnurrte leise und hatte die Augen geschlossen. Also legte Marius vorsichtig die Arme um den Kater und schmuste sich mit der Nase über den Kopf. Das war einfach herrlich. Doch sein Blick ging immer zu Fabio, schließlich gehörte das Tier ihm und wenn er verärgert war, dass Marius sich zu viel herausnahm, dann wurde vielleicht auch der Kater böse. Doch Fabio war gerade damit beschäftigt, mit einer Hand Krismasi zu bändigen und mit der anderen Kartoffelsalat auf seinen Teller zu schaufeln.

„Nun erzählt schon, wo wart ihr.“ Dabei sah Fabio Marius an, der musste ja nicht wissen, dass er von Nathaniel schon ein paar Infos bekommen hatte.

„An einem ganz tollen Wasserfall, leider hab ich vergessen, wie er heißt“, erklärte Marius auch gleich mit leuchtenden Augen. „Das war so toll und wir haben ganz viele Tiere gesehen. Springböcke und auch ein Kudu. Papa hat von dem Bilder gemacht. Der war echt Furcht einflößend, mit seinen langen Hörnern. Der war aber auch sooo groß.“ Marius breitete die Arme aus und versuchte zu zeigen, wie groß das Tier gewesen war.

„Was? So viel habt ihr gleich am ersten Tag gesehen?“ Fabio war beeindruckt. Sein Vater legte sich richtig ins Zeug. Dankend sah er zu José rüber, der nur grinsend abwinkte. „Wir wollten dir eigentlich einen Skorpion mitbringen, aber das kleine Biest war zu schnell und keiner von uns wollte seine Hand in sein Loch rein stecken und ihn rausholen. So gehst du leider leer aus.“

„Was? Der eine will mich nicht schleppen, der andere will keinen Skorpion für mich fangen? Bedeute ich euch denn gar nichts?“, spielte Fabio mit und dankte Mary, die gerade lecker duftende Steaks verteilte.

„Ich hätte es ja gemacht, aber dann dachte ich mir, dass du mich lieber nicht vergiftet haben möchtest.“ Nathaniel grinste und freute sich, dass Marius kicherte, als er Fabio küsste. Daran war vor zwei Tagen nicht zu denken gewesen. „Den nächsten Skorpion werde ich dir ohne Rücksicht auf mein Leben mitbringen.“

„Das erwarte ich, Schatz. Du kannst doch nicht einfach behaupten, du würdest alles für mich tun und vor dem ersten Skorpion kapitulierst du schon. Was soll ich dir denn jetzt noch glauben!“ Fabio zeigte sich noch nicht versöhnlich, sondern schnitt sich ein Stück des Steaks ab. Er liebte Impala, auch wenn er sie lebend ebenfalls sehr, sehr niedlich fand, mit ihren weißen Püscheln, die immer verschüchtert zwischen die Beine geklemmt wurden.

„Versprochen, Schatz.“ Nathaniel küsste Fabio auf die Wange und flüsterte ihm leise zu, dass er ihm später, wenn sie alleine waren, beweisen würde, dass er alles für ihn tun würde. Marius beobachtete sie schon die ganze Zeit und irgendwie störte es ihn nicht, wenn er seinen Vater mit Fabio zusammen sah. Erst jetzt fiel ihm auf, dass sein Vater viel mehr lächelte und lachte.

Ob das an Fabio lag? Nachdenklich strich Marius Noel durch das Fell und zuckte, als der Kater ebenfalls zuckte. Er hatte versucht unbemerkt das Steak zu klauen, doch Alice war schneller gewesen und hatte auf die vorwitzige Pfote geschlagen. Nicht derb, aber fest genug, dass Noel wusste, dass das eine ganz schlechte Idee war.

„Fang dir selber was“, sagte sie und der Kater knurrte. Marius wurde mulmig.

Er nahm seine Arme weg und rückte ein wenig ab. Wenn Noel so grollte, war er schon Furcht einflößend. Dann war er nicht mehr der verspielte Schmusekater, sondern ein richtiges Raubtier. Unsicher sah er zu Fabio, weil er wissen wollte, was er jetzt tun sollte.

„Noel!“, sagte Fabio streng und der Kater sah zu ihm, die schlechte Laune immer noch ins Gesicht geschrieben. „Was hatten wir über Diebstahl vom Tisch gesagt, hm?“, wollte er wissen und sah seinen Kater fest an. „Entweder benimmst du dich oder du verschwindest vom Tisch und jetzt hör auf zu knurren! Oder soll ich sie loslassen?“, fragte er und deutete auf Kris, die auf seinem Schoß saß.

Noel wich ein wenig zurück, weil er ganz genau wusste, dass er einen Fehler gemacht hatte und seine Mama es gar nicht schätzte, wenn er sich einfach etwas klaute. Er senkte den Kopf und maunzte leise, denn er konnte es nicht haben, wenn Fabio mit ihm schimpfte. Er drängte sich näher an Marius, der sich aber immer noch nicht traute, wieder nach Noel zu greifen.

Und so war der Kater etwas ungeflauscht und wirkte ziemlich elend. „Na komm her, du Plage“, sagte Fabio und grinste. Zwar hatte er noch immer Kris auf dem Schoß, aber die war gerade ziemlich friedlich. Vielleicht konnte sich Noel daneben setzen, ohne dass gleich wieder Fellfetzen flogen. Allerdings war Noel davon weniger überzeugt. So lange die Zwecke bei seiner Mama hockte, so lange musste er leider warten, wenn er nicht wieder eine blutige Nase haben wollte. Fabio grinste schief, sein Liebling tat ihm nun wieder leid.

„Beiß mich bloß nicht“, murmelte Marius und streichelte vorsichtig über Noels Kopf, der sich überrascht zu ihm umdrehte und dann mit einem Sprung auf Marius Schoß landete. „Uah“, machte der und saß einen Augenblick stocksteif, aber da Noel nicht mehr knurrte fuhren seine Finger gleich durch das Fell.

Fabio war sichtlich zufrieden damit und reichte zu seinem Liebling hinüber, streichelte ihn kurz, damit er nicht glaubte, seine Mama würde ihn ersetzen wollen. So war das nicht. Nur war Kris eben zahmer, wenn Fabio sie kraulte und sie wirkte sehr zufrieden.

„Was ist eigentlich die nächsten Tage geplant? Lohnt es sich, die Taschen auszupacken?“, wollte Nathaniel wissen, denn darüber hatten sie noch gar nicht gesprochen.

„Eigentlich nicht. Wir wollten mit euch übermorgen in die Lodge fahren“, verkündete José ihre Pläne und Marius horchte auf.

Sein Vater hatte ihm erzählt, wie toll es dort war und er war gleich fasziniert davon gewesen. „Wir fahren in die Wüste?“, fragte er mit leuchtenden Augen, weil er nicht wusste, ob er es richtig verstanden hatte.

„Japp, Wüste“, nickte José lachend und freute sich über die Begeisterung ihres kleinen Gastes. „Hab ich dir eigentlich schon erzählt, dass sich ganz in der Nähe eine kleine Kolonie Erdmännchen angesiedelt hat? Eins kommt immer zur Lodge gucken, ob es was abräumen kann. Wir haben es Diego getauft“, erzählte er seinem Sohn, denn Fabio kannte Diego auch noch nicht. „Also, so süß er auch ist, nicht füttern. Sonst gewöhnt er sich dran und irgendwann räumen die uns das Lager aus.“

Fabio hob beide Brauen. „Is nicht wahr!“

„Kommen Noel und Kris auch mit?“, fragte Marius. „Da müssen wir dann aber aufpassen, dass sie Diego nichts tun.“ Er war ganz aufgeregt und seine Finger kraulten Noel fester, was der Kater durchaus genoss. „Habe ich dort auch ein eigenes Zimmer?“, fragte er neugierig.

„Entweder du oder Fabio, einer von euch beiden muss mit Nathaniel zusammen wohnen. Macht das unter euch aus“, sagte José. Er wollte wissen, wie Marius sich entscheiden würde. „Aber die Katzen können wir mitnehmen. Noel ist alt genug und Kris stellt das Haus auf den Kopf, wenn alle Bezugspersonen weg sind. Aber ich glaube, wir bekommen sie schon in den Griff und Diego weiß sich sicherlich zu wehren. Der ist nämlich leider nicht blöd.“

Marius sah zu seinem Vater und überlegte, was er machen sollte. Was Nathaniel sich wünschte, wusste er, aber er konnte noch nicht einfach so über seinen Schatten springen. Zwar hatte er zugesagt, Fabio kennen zu lernen, aber dazu brauchte er die Nähe seines Vaters. „Ich würde gerne bei meinem Vater schlafen“, sagte er darum, sah aber dabei nach unten. Er wollte nicht sehen, dass sein Vater enttäuscht war.

Doch damit kein unangenehmes Schweigen aufkam erklärte Fabio gleich: „Gut, dann machen wir das so.“ Sie hatten Marius die Wahl überlassen und er hatte sich entschieden. Jetzt mussten sie auch akzeptieren, was er wollte. Da half es nicht, enttäuscht zu sein. Es war schon viel wert, dass der Junge, und somit auch Nathaniel, überhaupt hier waren.

„Aber dann wissen wir immer noch nicht, was wir morgen machen – oder besser ihr. Ich bin ja der Verkrüppelte, Zurückgelassene, dem hinterher nur erzählt wird, wie schön es war.“ Fabio schniefte leise und grinste dann.

„Habt ihr Brettspiele, dann können wir doch einen Spieletag machen“, warf Marius schüchtern ein. Er wusste, dass er sich nicht das gewünscht hatte, was alle erhofft hatten und wollte das nun wieder etwas gut machen. Er sollte Fabio kennen lernen und dazu musste er Zeit mit ihm verbringen.

„Puh, Spiele“, überlegte José. „Ich glaube, irgendwo lungert noch ein Rommé-Spiel herum und Mensch-ärgere-dich-nicht.“

„Schatz, wir haben doch von Gerald letztens dieses komische Ding bekommen. Der große Karton mit den Seuchen. Hatte er doch von seiner Tochter aus München geschickt bekommen, weil sie das voll liebt und er hat’s nicht kapiert und uns gegeben. Wie hieß das doch gleich noch?“ Alice kaute auf ihrer Unterlippe herum.

„Pandemie?“, riefen Nathaniel und Marius wie aus einem Mund und grinsten sich an. Also wenn sie hier dieses Spiel hatten, dann war schon klar, was sie spielten. Sie hatten es auf einer Spielemesse gesehen und ausprobiert und seit dem liebten sie es und spielten es oft. „Man muss Gegenmittel finden und dann die Welt von Seuchen befreien. Das ist so klasse.“ Marius war ganz aufgeregt, denn das konnte er stundenlang spielen.

„Du kennst das?“, fragte José und grinste. Wer hätte das gedacht? So was spielte man auf Messen? Für so was gab es Messen? Nathaniel ging auf solche Messen? Was taten sich den hier für Abgründe auf.

„Du spielst Brettspiele?“, fragte nun auch Fabio. Das war eine Seite an seinem Schatz, die er nicht kannte. Er selber hatte sich dafür eher nicht begeistern können, denn er war ein ganz schlechter Verlierer.

„Ja, schon als Kind habe ich leidenschaftlich gerne gespielt. Das habe ich wohl an Marius vererbt. Wir suchen immer nach neuen Spielen, darum gehen wir auf die Spielemesse in Essen, wenn es klappt.“ Nathaniel grinste Fabio an und freute sich, dass es noch etwas gab, was sein Schatz nicht wusste. „Ich habe hunderte Spiele im Schloss.“

„Wo?“, fragte Fabio irritiert und sein Gesicht zeigte, dass er es eigentlich gar nicht schätzte, dass vor ihm Dinge einfach so geheim gehalten wurden. „Sag bloß du hast irgendwo ein Kasino mit riesigem Spieltisch. Langsam wundert mich bei dir ja gar nichts mehr.“ Fabio musste grinsen, als er sich seinen Liebling vor einem Brettspiel vorstellte. „Ich selber spiele eher selten, ich kann nicht verlieren.“

Jetzt grinste Alice.

„Kein Kasino, aber einen Raum mit einem großen Spieltisch und Regalen an allen Wänden, in denen die Spiele lagern. Man kommt über einen Geheimgang von meinem Arbeitszimmer dort hin.“ Nathaniel lachte über Fabios Gesicht und küsste ihn. „Ich zeig ihn dir, wenn wir wieder Zuhause sind.“

Marius wartete, bis sie den Kuss beendete hatten, dann stupste er Fabio an. Er wollte unbedingt spielen, darum musste er ihm das Spiel schmackhaft machen. „Das macht nichts bei Pandemie. Alle spielen gemeinsam gegen das Brett. Entweder wir schaffen es, die Seuchen zu vernichten oder wir sterben alle und verlieren.“

„Oh!“ Fabios Gesicht hellte sich auf, doch Nathaniel war klar, dass die Sache mit dem Geheimnis noch nicht zu Ende diskutiert war. „Wir spielen gegen das Spiel? Das ist mal ’ne witzige Idee. Und wenn ich verliere, verliert ihr auch alle?“ Er sah sich um und grinste dreckig. Das gefiel ihm noch viel mehr. „Mom, wir brauchen Kartoffelchips und Nachos und Käsebällchen und Eis und eventuell noch Kuchen.“ Dabei streichelte er Kris, die gerade eingeschlafen war und nun wieder wach wurde. Dabei streckte sie sich ausgiebig und fuhr die Krallen aus.

„Alles klar, mein Sohn, ich werde alles, was wir brauchen, besorgen.“ Alice lachte und freute sich schon darauf. Sie hatten so etwas schon ewig nicht mehr gemacht und es war bestimmt einmal eine nette Abwechslung. „Mal sehen, wenn es Spaß macht, können wir das Spiel ja auch mit zur Lodge nehmen.“

„Das macht total Spaß!“, erklärte Marius, der von der Idee gleich begeistert war.

Fabio hingegen stand noch etwas Skepsis ins Gesicht geschrieben. Doch das würde sich dann morgen entscheiden. Lieber griff er noch einmal zu, als Mary mit dem Steak-Teller herum kam und angelte sich noch ein paar leckere Happen. Dafür, dass er eigentlich den ganzen Tag nicht viel gemacht hatte, hatte er ordentlich Hunger.

Der Rest tat es ihm gleich und so dauerte es noch gut zwei Stunden, bis sie wirklich alle so satt waren, dass keiner mehr naschen wollte und Mary anfing, den Tisch abzuräumen.

„Das war so lecker.“ Marius hielt sich den Bauch, weil er so satt war. Er hatte es fast geschafft, sich durch alle Fleischsorten zu essen und eines war leckerer gewesen, als das andere.

Alice war ganz begeistert davon gewesen, denn Kinder waren oft nicht bereit, etwas zu probieren, was sie nicht kannten.

„Ich bin auch total platt“, gab Alice zu. „Möchte noch jemand was trinken? Zur Feier des Tages, dass ich euch alle hier habe, würde ich einen Cocktail ausgeben – wer will?“ Nach dem herzhaften Essen brauchte sie noch einen süßen Abschluss, der noch ein bisschen Platz im Bauch fand. Da war etwas Flüssiges doch ideal. Sie hatte sich schon erhoben und war auf dem Weg zur Poolbar.

„Darf ich helfen?“, rief Marius und sprang auf. Er hatte einmal ein Buch mit Cocktails in die Finger bekommen und war fasziniert von den bunten Drinks. „Papa kriegt einen ohne Alkohol, sonst kann er morgen nicht spielen“, kicherte er und sah frech zu seinem Vater rüber.

„Du aber auch – gleiches Recht für alle Grafen!“, erklärte Nathaniel. Er hatte kein Problem damit, auf Alkohol zu verzichten. Es gab auch viele Cocktails, die mit Null Promille gut schmeckten.

Noel war jetzt wieder alleine und guckte sich um. Die Zwecke hockte immer noch auf den Schoß seiner Mama, das ging so nicht weiter. Und während Fabio sich zu seinem Liebling rüber beugte, um etwas zu sagen, da war Noel schon da und hatte sich Kris im Genick gepackt, wie es eine Katzenmutter tat.

Kris fauchte aufgebracht, war aber steif wie ein Stock, dagegen konnte sie gar nichts tun. Und Noel trug sie beiseite.

Er setzte sie auf dem Rasen ab und natürlich schoss Kris sofort auf ihn zu, als sie fühlte, dass die Zähne verschwanden. Aber etwas war anders als sonst. Der Eindringling sprang nicht zurück und lief weg, sondern blieb wo er war, schubste sie mit einer Pfote um und knurrte zurück.

So war das aber nicht geplant gewesen und Kris war irritiert. Sie sah sich um, schätzte wohl die Chancen ab, die sie hatte, um wegzulaufen, doch dann flitzte sie auf Fabio zu. Noel, der das beobachtete, kam in schnellen Schritten hinterher, griff sie wieder und schleppte sie wieder weg. Das Spiel konnte er noch eine ganze Weile machen, doch Fabio gefiel das gar nicht. Kris hatte Angst und so pfiff er Noel zu sich. „Bring sie her!“, forderte er streng.

Begeistert war Noel davon nicht, aber so wie Fabio guckte, war es besser, zu gehorchen. Darum trottete er langsam zu seiner Mama und setzte Kris auf dem Boden vor dessen Stuhl ab. Selber sprang er auf Fabios Schoß, denn das war schließlich sein Platz.

„Man, Dicker!“, knurrte Fabio, doch er konnte seinen Liebling auch nicht rügen. Er konnte ihn ja irgendwo auch verstehen, denn er stand in einer ähnlichen Konstellation. Kurz nur sah er zu Marius, der mit Alice Dinge kostete und zusammen schüttete, doch dann griff er sich ganz entschlossen Krismasi und hob sie ebenfalls auf seinen Schoß. Als beide Katzen knurrten, knurrte er lauter. „Beide oder keiner!“

Noel duckte sich sofort, aber Kris kannte das noch nicht und knurrte weiter. Das war ihr Revier und der Fremde war viel zu nah. Sie hatte sich erstaunlich schnell wieder von ihrem Schreck erholt.

Doch Fabio hatte das alles schon einmal durch und ließ sich nicht beeindrucken, nur weil die junge Dame fauchte. Er griff sie im Genick wie eine Katzenmutter. Er hatte sich im Zoo erkundigt und der Pfleger hatte ihm sehr viel erklärt, zum Beispiel auch, dass Katzenmütter ihre Jungen durchaus auch bestrafen, wenn sie nicht folgen. Also wurde sie ganz leicht geschüttelte, so dass es ihr nicht weh tat, sie aber wusste, dass Fabio es durchaus ernst meinte. „Süße, das geht so nicht weiter.“

Da hing sie nun, zeternd und stocksteif. Das gefiel ihr überhaupt nicht, aber sie hatte verstanden, dass sie nur wieder runter kam, wenn sie still war. Darum hörte sie auf zu knurren und grummelte nur noch leise. Sie wollte einfach nur wieder abgesetzt werden.

Und sofort setzte Fabio sie auf seinen Schoß. Dabei wurde Noel etwas geschoben, aber nicht verbannt. Entweder begriffen die Streithähne, wie es zu laufen hatte, oder beide kamen vor die Tür. Er hielt Krismasi fest und streichelte sie, während er mit der Nase durch Noels Fell schnuffelte. Alle anderen beobachteten ihn und die Katzen, auch Marius.

Noel fühlte sich nicht wohl, das merkte man deutlich daran, dass er die Krallen der Vorderpfoten immer wieder ausfuhr und einzog. Dabei grollte er immer mal wieder leise und ließ Kris nicht aus den Augen, aber er gab seinen Platz auf Fabios Schoß nicht auf. Nie wieder sollte diese halbe Portion ihn verjagen.

„Wird schon noch, hm?“ Fabio beschmuste die beiden weiter und hoffte, dass es gut ging. Kris war nicht weniger angespannt, das spürte Fabio durch das Fell und so gab er sein Bestes, sie ebenfalls zu beschmusen.

Marius kam mit den ersten Cocktails zurück und verteilte die bunten Gläser auf dem Tisch, beobachtete aber weiter die beiden Katzen. Jeder schien darauf zu warten, was noch passierte.

Marius setzte sich auf Nathaniels Schoß, denn so war er näher am Geschehen. „Kann ich helfen?“, fragte er, denn er mochte beide Katzen und dass sie sich beide offensichtlich nicht wohl fühlten gefiel ihm gar nicht. Er wollte mit beiden zusammen spielen.

Fabio überlegte. „Du musst aber aufpassen, dass du dich nur mit ihnen beschäftigst, wenn keiner den anderen attackiert. Wenn sie nicht zusammen mitmachen, dann lass sie sitzen und komm wieder. Das wird jetzt nicht leicht, die beiden Sturköpfe an einander zu gewöhnen. Das ist harte Arbeit“, erklärte er und sah Marius eindringlich an. „Traust du dir das zu?“ Ab jetzt wurde mit den Katzen nur noch etwas gemacht, wenn beide da waren. Vielleicht half das ja, auch wenn es Fabio schmerzte. Noel wusste bestimmt nicht, was los war. Er sah seinen Liebling traurig an.

„Hm.“ Marius sah unsicher auf die beiden Katzen und auf Fabio. Er wollte gerne mit beiden spielen und er hatte auch verstanden, dass das nicht einfach war. „Ich darf auch nicht nur mit einem spielen, wenn der andere nicht in der Nähe ist?“, wollte er wissen, denn er wollte nichts verkehrt machen.

„Doch, darfst du. Aber wenn du merkst“, fing Fabio an zu erklären, „dass der eine den anderen vergraulen will, um allein bespaßt zu werden, dann hörst du auf. Sie sollen sehen, dass die Gegenwart des anderen nichts Unangenehmes ist, streiten aber nicht belohnt wird.“ Fabio lächelte. „Aber ich glaube, du kriegst das hin, bist ja schon groß.“ Er strich beiden durch das Fell. Noel war genauso angespannt wie die kleine Dame. Es gefiel ihnen nicht, keine Frage – doch so ging das nicht weiter.

„Ja, ich schaff das“, erklärte Marius überzeugt, sah aber zu seinem Vater, der ihn anlächelte.

„Wir helfen dir, wenn du nicht weiter weißt“, versicherte Nathaniel und küsste Marius über den Kopf. Er war stolz auf seinen Sohn, der versuchen wollte, diese Aufgabe zu meistern.

„So, die Katzenfrage ist geklärt, ehe die Drinks warm werden, sollten wir sie genießen“, schlug José vor und hob sein Glas. Er sah das alles nicht so dramatisch. Die beiden Streithähne würden sich schon an einander gewöhnen. „Darauf, dass ihr alle hier seid. Ich bin froh, endlich mal wieder das Haus voll zu haben“, sagte er und so war es auch. Seit Fabio weg war, war es still im Haus geworden. Vielleicht änderte sich das mit Marius, wenn er sich mit Fabio anfreunden konnte.

„Ja!“ Marius war gleich Feuer und Flamme und nahm sein Glas. Er hat einen Mix aus verschiedenen Fruchtsäften und Sirup mit ein paar Früchten drin. Er hatte sich seinen Cocktail selber zusammenstellen dürfen. Sie prosteten sich alle zu und bei der Hitze tat das kühle Getränk richtig gut.

„Schmeckt gut“, lobte Nathaniel und Marius strahlte.

„Darf ich sie jetzt streicheln?“, fragte er Fabio und rutschte von Nathaniels Schoß.

„Sicher.“ Fabio nickte. „Aber wenn einer knurrt, hör auf, bis sie sich wieder beruhigt haben. Sie sollen für falsches Verhalten nicht belohnt werden.“ Fabio sah auf die beiden Schwerenöter und Noel guckte ihn schon wieder so traurig an, dass er nicht anders konnte und beide kurz an sich drückte, auch wenn Krismasi das gar nicht mochte. Der Feind war viel zu nahe.

„Nicht schimpfen, Süße“, flüsterte Marius und streichelte Kris vorsichtig mit einer Hand, so wie es Fabio machte und mit der anderen Noel, damit der sich nicht zurückgesetzt fühlte. Wenn Noel friedlich war, fürchtete er sich nicht. „Sie sind so süß“, murmelte er und ärgerte ein wenig Kris, um sie von Noel abzulenken.

„Na, das wird doch!“ Zwar war Fabio immer noch belagert, doch er hatte wieder die Hände frei, um endlich etwas zu trinken und dabei sah er Nathaniel an. Sie hatten noch nicht geklärt, wo sein Liebling heute nach schlief, nur für die Lodge war bereits eine Lösung gefunden worden. Aktuell hatten beide Grafen ein eigenes Zimmer. Vielleicht konnte sich sein Schatz ja für eine Weile zu ihm schleichen.

Da musste er sich keine Gedanken machen. Nathaniel würde es schon möglich machen, dass sie ein paar gemeinsame Stunden verbringen konnten. Spätestens, wenn Marius schlief. Aber jetzt erst einmal nahm Nathaniel Fabios Hand und drückte sie. So langsam bekam er Hoffnung, dass noch alles gut werden würde.

Und so verging der Abend mit seichten Gesprächen. Marius bespaßte die Katzen und als er ins Bett musste, übernahm Fabio die Aufgabe wieder. Es war nach Mitternacht, als sie ihr Zusammensein abbrachen und Fabios letzter Gedanke, als er Noel an sich kuschelte und Kris beschmuste, war Nathaniel, der sie alle im Arm hielt und sanft über Fabios Schulter küsste. So schlecht würde Weihnachten vielleicht doch nicht werden. Er lächelte.



12

„Endlich.“ Nathaniel stieg aus dem Helikopter und streckte sich. Danach half er Fabio aus dem Gefährt und stützte ihn. Mit fünf Personen und zwei Katzen war es doch etwas eng geworden, darum war er froh, dass sie endlich da waren. Die Reise an sich war weitgehend unproblematisch verlaufen, nur Fabio hatte es etwas beschwerlicher mit seinem Bein gehabt. Dafür bekam er jetzt einen Kuss und Nathaniel raunte ihm ins Ohr, ob er sich noch an ihren letzten Aufenthalt erinnern konnte. Marius sah sich währenddessen um und brachte seine Tasche zur Terrasse. „Nun kommt schon“, drängelte er, denn es war ihm immer noch etwas unangenehm, seinen Vater und Fabio so zu sehen.

„Los, wir gucken dein Zimmer an“, lenkte Alice ihn ab. Sie war froh, dass José und der Pilot sich um die mitgebrachten Vorräte kümmerten. Sie hatte zwar gestern schon die wichtigsten Sachen aufstocken lassen, doch ein paar Lebensmittel hatte sie ganz frisch mitgebracht. Vor allem Fleisch und Brot, so mussten sie erst in ein paar Tagen auf die Tiefkühltruhe zurückgreifen.

Noel, der schon einmal hier gewesen war, flitzte gleich los, während Kris, für die das alles völlig neu war, neben Fabio saß und sich umguckte. Sie trug neuerdings ein Halsband.

„Komm her, kleine Maus.“ Nathaniel nahm sie hoch, denn er konnte es jetzt nicht gebrauchen, dass sie ihnen zwischen den Füßen herumlief, wenn er Fabio stützte. „Hier ist Noels Revier, Süße. Mal sehen, wie es klappt mit euch beiden, wenn Noel sich sicherer fühlt.“

Als hätte Krismasi ihn verstanden ließ sie die Ohren hängen und sah so erbärmlich dabei aus, dass Fabio sie gleich wieder an sich nehmen und beschmusen musste. Nathaniel grinste und Fabio holte tief Luft. Er wusste selber, wie inkonsequent er war, doch Kris sollte sich erst einmal wohl fühlen, ehe das Training weiterging. Und so hatte er die junge Dame auf dem Arm, während er sich von Nathaniel die Treppen nach oben helfen ließ. Erschöpft sank er auf einen der Terrassenstühle und stellte einmal mehr fest, wie bescheuert er sein kaputtes Bein fand.

Nathaniel ließ ihn dort alleine und brachte seine Tasche in sein Zimmer. Marius hatte seine Tasche schon hier abgestellt und war gerade mit Alice dabei die Lodge zu erkunden. So half er José, alles auszuladen und setzte sich danach mit zwei Flaschen Wasser zu Fabio. „Schön, wieder hier zu sein.“ Erst hatten sie überlegt sich ebenfalls eine eigene Lodge zu kaufen, aber irgendwie waren sie davon abgekommen. Es gab keinen zweiten Ort wie diesen und so nutzten sie eben jede Möglichkeit, die sich bot, um hier zu sein.

„Danke, Schatz.“ Fabio nahm das Wasser entgegen und trank gierig, denn seine Kehle war ziemlich trocken. Und so lange Noel sein Revier erkundete, so lange beschmuste er Kris noch ein bisschen, bis sie mutiger wurde und auch gucken ging. Vorerst war das alles neu und fremd und sowieso und überhaupt ganz grausig.

Sie drückte sich fest an Fabio und sah die ganze Zeit hin und her, als wenn sie erwartete, plötzlich angegriffen zu werden. Theoretisch war das schon möglich, wenn Noel die Lodge als sein Revier ansah, aus dem er Kris vertreiben wollte. Sie konnten nur versuchen zu verhindern, dass das passierte.

„Maus, dir passiert doch nichts“, versuchte es Fabio und er rief Noel zu sich. Er sollte Kris zeigen, dass alles in Ordnung war. Gleich kam der Kater um eine Ecke gefegt, das Fell schon voller Sand und als er bei Fabio war, knurrte er leise, aber nicht lange. Irgendwie tat ihm das verstörte, kleine Bündel auch leid. So sah er Kris nur neugierig an und ließ sich neben Fabio in den breiten Stuhl fallen.

Er sah Kris neugierig an und robbte immer näher. Hier waren die Fronten nicht so klar, wie bei Fabios Eltern, die Lodge war mehr oder weniger neutrales Gebiet. Hier war es leichter, mit der Konkurrenz klar zu kommen, darum rückte er immer näher an die kleine Katze. Jetzt musste er sie nicht vertreiben und konnte sie beschnuppern. Und weil sie hier ebenfalls kein Revier hatte, würde sie es auch nicht wagen, die Krallen auszufahren. Stattdessen drückte sich Kris vorsichtig an Fabio, versucht immer wieder Abstand zwischen sich und Noel zu bringen und knurrte drohend, als ihr der große Kater zu nahe kam. „Noel“, ermahnte Fabio also und strich seinem Liebling über den Kopf. Der Kater sah auf. „Du machst ihr Angst.“

Noel sah ihn an und Nathaniel zog ihn zu sich auf den Schoß, damit Kris sich nicht so bedrängt fühlte und sich wieder etwas entspannte. „Sei ein braver Schatz und sei lieb zu ihr“, flüsterte er dem Kater ins Ohr und kraulte ihn. „Sie ist noch klein und kennt das alles hier nicht. Du kannst ihr gern alles zeigen, wenn sie sich an dich gewöhnt hat.“

Noel war das allerdings relativ egal. Er sah noch einmal auf Kris und dann hopste er wieder von der Terrasse. Er hatte ein paar Duftspuren gefunden, denen er nachgehen wollte. So war er einen Augenblick später um die Ecke und Fabio lachte leise. Er streichelte Krismasi und entdeckte Marius und Alice, die gerade das Wohnzimmer hinter ihnen inspizierten. Ebenso die Küche und den Kühlschrank.

„Ey, der wird nicht ohne uns geplündert“, rief Fabio laut und seine Mutter lachte.

„Keine Sorge, Schatz, ich will kochen und Marius hilft mir dabei.“ Alice winkte Fabio zu und steckte Marius heimlich ein Eis zu, das sie vorher aus dem Gefrierfach geholt hatte.

„Und was war das, hä?“ Egal was es war, ich will auch so was!“, erklärte Fabio und grinste Marius an, hoffend, dass der Junge es einzuordnen wusste.

Allerdings hatte das Kühlschrankgeräusch wieder Leben in die junge Servaldame gebracht. Ihr war eingefallen, dass sie bestimmt Hunger hatte, also hopste sie auf den Terrassenboden und lief zu Alice. Ein Fläschchen Milch wäre jetzt genau das richtige.

„Hol dir doch was“, lachte Alice frech und streckte Fabio die Zunge raus. Sie war einfach in der Laune, ihren Sohn zu ärgern und er bekam bestimmt sein Eis, denn Nathaniel machte sich auf den Weg in die Küche. Er konnte es eben nicht haben, wenn sein Liebling schmollte.

„Du bist die entschieden liebere Mama, Schatz“, maulte Fabio leise und machte sich auf seinem Stuhl ganz klein, so gut das eben ging, wenn man ein Bein nicht richtig bewegen konnte. Wütend sah er auf den Gips, doch es änderte sich nichts. Er war mehr oder weniger angekettet und er ahnte schon, dass auch die nächsten Ausflüge in der Nähe der Lodge ohne ihn laufen würden. Doch was nutzte es. Keiner hier konnte etwas dazu und so war es nicht sein Recht, den anderen den Urlaub zu verderben.

„Ach, Schatz, ich weiß, dass du ihn nicht haben willst.“ Nathaniel reichte Fabio ein Eis und setzte sich zu ihm. „Aber vielleicht war dein Unfall auch gar nicht so schlecht, auch wenn ich dich viel lieber unverletzt hätte. Wir drei sind hier zusammen und Marius versucht, dich kennen zu lernen. Das wäre wohl nicht unbedingt passiert, wenn wir Zuhause geblieben wären. Wir werden ganz viel gemeinsam unternehmen.“

„Hm!“ So richtig überzeugt war Fabio noch nicht, doch er nickte. Was sollte er auch anderes tun? Er sah es ja ähnlich, aber er fühlte sich eingeschränkt und hatte auch ab und an Schmerzen. Schweigend nahm er sein Eis und sah sich nach Kris um, doch die wurde von Alice gerade gefüttert und so machte er sich über sein Eis her. Er konnte es gut gebrauchen, denn es war warm in der Namib, sehr warm.

Nathaniel zog ihn in seine Arme und küsste ihn auf die Schläfe. „Sobald Marius schläft werde ich zu dir in dein Zimmer kommen, versprochen und wir werden mindestens einen Ausflug ganz alleine unternehmen. Ich werde dich durch die Gegend fahren.“ Nathaniel wusste nicht, wie er seinen Freund aufheitern konnte, aber er versuchte sein Bestes.

„Ich weiß doch, Schatz, aber du solltest Marius nicht gleich am ersten Abend auf die Probe stellen. Wenn er morgen früh wach wird und du bist nicht da, dann wird er sich veralbert fühlen“, sagte Fabio. „Das würde ich auch. Erst soll er etwas entscheiden und dann hält sich keiner daran.“ Doch Fabio lächelte und strich Nathaniel durch die Haare. „Aber das wird schon noch.“

„Morgen früh bin ich wieder brav bei meinem Sohn im Zimmer. Wozu hat man ein Handy mit Wecker?“ Nathaniel lachte und biss von seinem Eis ab. Er war davon überzeugt, dass sie das hinkriegten, wenn sie sich nur Mühe gaben. „Ich denke auch, dass es wird. Deine Mutter und die Katzen werden daran einen großen Anteil haben.“

„Gut, versuchen wir es“, sagte auch Fabio und wollte sich einreden, dass nichts schief gehen konnte, wenn sie es nur generalstabsmäßig vorbereiteten, denn Marius austricksen zu wollen war der entschieden falsche Weg. Doch er kam nicht mehr dazu, sich darüber noch Gedanken zu machen, denn der angekündigte Bewohner wagte sich näher. Immer ein Stück, dann stand er wieder auf den Hinterbeinchen und guckte. Er blickte zurück, wo die Kolonie ihn beobachtete, dann lief er wieder ein paar Schritte auf die Terrasse zu.

„Diego ist da“, sagte Nathaniel, auch wenn er sich denken konnte, dass Fabio ihn schon gesehen hatte. Noch war das Erdmännchen nicht so nahe, darum stand er vorsichtig auf. „Ich hole deine Kamera“, flüsterte er noch, dann war er schon auf dem Weg. Sein Schatz wollte das Tierchen bestimmt gerne fotografieren.

„Danke“, murmelte Fabio leise und hielt weiter Kris fest, die mit rundem Milchbäuchlein wieder zu ihnen gekommen war. Nicht dass sie noch mehr Angst bekam oder den Drang verspürte, das kleine Tier zu verjagen.

„Wo denn?“, hörte er Marius gerade hinter sich. Sicherlich hatte Nathaniel auch seinem Jungen ein Zeichen gegeben, dass es etwas zu sehen gab und so schlich sich Marius vorsichtig näher. Er war gut darin. Er machte nicht ein einziges Geräusch und tauchte plötzlich neben Nathaniels Sessel auf.

„Komm, setz dich zu uns, dann kannst du ihn beobachten“, flüsterte Fabio ihm zu und leise schlich sich Marius näher.

„Ist der süß.“ Zwar hatte Nathaniels Sohn schon Erdmännchen in Zoos gesehen, aber noch nie in freier Wildbahn. „Kommt er bis an die Terrasse?“, fragte er neugierig.

„Keine Ahnung, ich habe ihn auch noch nicht kennen gelernt“, sagte Fabio leise und hielt Kris fest, die spürte, dass sich etwas verändert hatte. „Ich glaube, mit Futter würde es schon her kommen, aber das sollten wir nicht tun. Es ist ein Wildtier und sollte Respekt vor Menschen haben. Sonst wird ihm seine Zutraulichkeit vielleicht eines Tages noch zum Verhängnis.“

„Hm.“ Marius nickte, dass er verstanden hatte, ließ Diego dabei nicht aus den Augen. „Müssen wir nicht wegen Noel aufpassen? Nicht dass er Diego beißt.“ Er machte sich ein wenig Sorgen um das possierliche Tier, das immer wieder ein paar Schritte näher kam.

„In der freien Wildbahn gibt es auch Servale. Ich glaube, Diego ist flink genug zu entkommen.“ Da machte sich Fabio keine großen Sorgen. Er wusste zwar, dass sein verrückter Kater für Stimmung sorgen und Diego sich dann verstecken würde, doch der Instinkt eines richtigen Wildtieres versagte selten.

Vorsichtig griff sich Fabio seine Kamera und machte sie fertig. Diego hatte gerade den richtigen Abstand für das Objektiv, was gerade aufgesetzt war.

Er schoss ein paar Probebilder und musste schmunzeln, weil Diego sich vor dem leisen Klacken erschreckte und ein paar Schritte zurücksprang. Er zeterte aufgeregt und Marius kicherte.

„Bangebuxe“, lachte er und Nathaniel strich ihm durch die Haare. Ihm gefiel es, so wie sie gerade zusammen saßen.

„Kann mal jemand Kris nehmen?“, fragte Fabio, denn die junge Dame wurde wieder etwas reger und er selbst hatte alle Hände voll zu tun. Marius griff zu und setzte sich den kleinen Serval auf den Schoß, doch er beobachtete weiter das Erdmännchen, wie es herum wuselte und flitzte, sich immer mal eine Stelle suchte, von wo aus es gut sehen konnte.

Marius lenkte Kris ab, die mittlerweile neugierig wurde und auf seinem Schoß hin und her rutschte, weil sie sehen wollte, was passierte. Darum half Nathaniel ihm ein wenig, die kleine Dame zu bändigen, denn sie wand sich wie ein Aal und war nicht leicht zu halten.

„Lass sie ruhig laufen, ehe sie euch noch kratzt“, schlug Fabio vor. „Diego wird sich an die Katzen gewöhnen müssen, wenn er weiterhin neugierig hier herum flitzen will und Krismasi ist zu klein. Sie kann ihm nichts tun, selbst wenn sie wollte.“ Aber ihre Versuche dürften ein paar niedliche Bilder bringen.

Sie schoss auch gleich los, als Marius sie auf den Boden setzte, wenn auch etwas unkoordiniert in die falsche Richtung. Sie merkte aber schnell, dass sie falsch war und bremste so schnell, dass sie durch ihren Schwung noch zwei Purzelbäume schlug. Sie fauchte aufgebracht und schüttelte, auf dem Hintern sitzend, den Kopf, flitzte dann aber gleich wieder los. So richtig wusste sie noch nicht, wo sie hin wollte, doch so lange Noel nicht da war und sie wieder im Genick packte, solange wollte sie die Chance nutzen und die Gegend erkunden. Die Pfoten im warmen Sand wirkte sie noch ziemlich unschlüssig, denn das war ihr neu. Der Rasen auf der Farm war weniger nachgiebig gewesen und so sackte sie ein und beobachtete ihre Pfoten dabei ungläubig.

Sie zog eine Vorderpfote aus dem Sand und schüttelte sie, dabei fiel sie wieder um und landete im Sand. So langsam bekam sie wohl Spaß an dem Sand, denn sie rollte sich hin und her. Dabei wurde sie von Diego und auch von den Menschen beobachtet.

Fabio schoss ein Bild nach dem nächsten und musste immer wieder lächeln. Er hatte ein gutes Gefühl mit ihr. Sie bekamen er und Nathaniel schon groß und das mit Noel würde sich auch noch geben. Wo war der Kater eigentlich? Vorsichtig sah sich Fabio um, doch so lange seine Mutter nicht schrie, solange war er nicht in der Küche auf Diebeszug. Also widmete er sich mit seiner Kamera wieder Kris. Es war süß, wie sie ihre Umgebung erkundete und Marius fieberte mit.

„Du kannst mit ihr spielen. Das hier ist kein Kino“, erklärte Fabio.

„Wirklich?“ Marius strahlte, aber erst nachdem auch sein Vater genickt hatte, lief er los zu Kris. Er war aber vorsichtig dabei, denn er wollte auch nicht Diego verschrecken, der sich zwar etwas entfernt hatte, aber immer noch neugierig zur Terrasse guckte.

Und so machte Fabio auch von Marius und Kris ein paar Bilder, wie sie sich zusammen durch den Sand rollten. Stimmung kam noch einmal auf, als Noel Diego entdeckt hatte und das Erdmännchen jagte. Doch das war schneller als erwartet und so guckte Noel in die Röhre. Weil er aber auch keine Lust hatte, in der sengenden Sonne auf das Erdmännchen zu warten, das in seinem Bau hockte, trottete Noel zurück zur Terrasse, wo José gerade die Planen der Wände hoch schlug.

Er sprang zu Fabio auf den Sessel und gähnte. Es war heiß und jagen machte müde. Er ließ sich auf die Seite fallen und gähnte noch einmal. Ein wenig Schlafen war genau das richtige.

„Faule Socke“, lachte Nathaniel, aber er fand das es schon ein guter Anfang war, dass er Kris ignorierte und nicht wieder versuchte sie zu verscheuchen.

„Wollen wir uns vor dem Essen noch ein bisschen das Gelände ansehen?“, fragte José, als er fertig war. Auch er war glücklich, einmal wieder hier zu sein. Er tat es viel zu selten, wie er immer wieder feststellte, wenn er doch einmal hier her kam.

„Ohne mich“, rief Fabio gleich, aber er stupste Nathaniel an. Sollte er mit Marius ruhig mitgehen. Sein Schatz musste ja nicht die ganze Zeit bei ihm bleiben, er konnte sich durchaus auch selbst bespaßen. Vielleicht kam Diego noch einmal näher.

„Na gut.“ Nathaniel küsste seinen Liebling noch einmal sanft, dann erhob er sich. Marius war ihm da schon einen Schritt voraus, denn er stand schon neben José und ließ sich ein paar Details der Lodge erklären. Zum Beispiel, wo das Funkgerät war, wie man Wasser bekam, wie weit es zur nächsten Zivilisation war und in welche Richtung. Anschließend wurden alle hier lebenden Tiere abgefragt, die größer als einen halben Zentimeter waren.

Es machte José sichtlich Spaß, seinem jungen Gast die Fragen zu beantworten. Auch Nathaniel erfuhr dabei noch einiges, was er nicht gewusst hatte. „Wir werden einige Ausflüge unternehmen, da kannst du noch viel mehr sehen. Wenn wir Glück haben auch ein paar Raubkatzen, außerhalb des Geländes.“

„Von den beiden da mal abgesehen“, lachte Nathaniel, als er auf Noel und Kris deutete, die wieder bei Fabio Unterschlupf und etwas Zuwendung gesucht hatten.

„Cool!“ Marius machte große Augen. Richtige Raubkatzen! „Löwen und Tiger und Leoparden?“, wollte er wissen, wurde aber aufgeklärt, dass das mit den Tigern schwer werden könnte.

„Ach ja! Bin ich blöd.“ Marius schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn und grinste schief. „In Afrika gibt es ja keine Tiger.“ Er kicherte und gerade war José sein Held. Darum wich er auch Fabios Vater nicht mehr von der Seite, bis Alice alle zum essen rief.

Zusammen mit Fabio hatte sie den großen Tisch hergerichtet und es duftete köstlich. Wie üblich gab es traditionell Wild vom Grill, dazu warme und kalte Salate und frisches Brot. Für die Erwachsenen gab es einen leichten Weißwein, für Marius dafür einen leckeren Saft und so suchte sich eilig jeder einen Platz. Das Lob für die Köchin war groß und Alice freute sich, denn sie hatte Spaß dabei gehabt.

Sie hatte ihre Familie gern um sich und mit Marius hoffte sie, so etwas wie ein Enkelkind zu bekommen, dass sie umsorgen und verwöhnen konnte. Sie mochte ihn und konnte auch verstehen, dass er Angst hatte, seinen Vater zu verlieren.

„Wer hat Lust, mit mir das Haus ein wenig zu schmücken?“, fragte sie in die Runde.

Marius war der einzige, der begeistert die Hand hob. José wandte sich pfeifend der Terrasse zu, um zu sehen, was sich dort so tat, Fabio deutete zufrieden grinsend auf seinen Gips und Nathaniel überlegte, wie er sich rausreden konnte. Doch ihm fiel so schnell nichts ein. Er hatte das Spiel einfach noch zu selten gespielt. Also ließ er den Kopf hängen und hob ebenfalls die Hand.

„Erwischt“, lachte Alice und klatschte in die Hände. Endlich hatte sie es mal wieder geschafft. Ihre eigenen Männer ließen sich nicht mehr überrumpeln. „Gut, dann wirst du alles übernehmen, was für Marius und mich zu hoch ist.“

„Ja, werde ich wohl“, sagte Nathaniel gespielt deprimiert und Fabio kicherte wie eine alte Hexe. „Ich werde dich dabei beobachten, dich fotografieren und Anweisungen geben, wenn etwas nicht exakt sitzt“, erklärte er und nickte sehr wichtig. Dabei holte er sich noch ein frisches Steak auf seinen Teller. Es wunderte ihn schon, dass Noel gar nicht um den Tisch strich, doch der döste noch immer auf dem Sessel.

Und welch Wunder, Kris lag ganz in seiner Nähe, auf dem anderen Sessel und schlief ebenfalls. Gestern wäre das überhaupt nicht denkbar gewesen. Zufrieden ließ Fabio sich das Steak schmecken und strich immer mal wieder ungesehen über Nathaniels Bein, damit sein Schatz sich nicht zu dolle ausgenutzt fühlte. Doch der Graf war eigentlich sehr zufrieden damit, von José und Alice so intensiv integriert zu werden. Etwas Besseres konnte er sich doch gar nicht wünschen. „Ich würd's nicht tun, wenn ich nicht wollte“, versicherte er leise, als er sich, bei dem Versuch, den grünen Salat zu erreichen, etwas intensiver zu Fabio beugte. Bei der Gelegenheit forderte er gleich noch einen Kuss – unter Marius’ prüfendem Blick.

Fabio war mit der Antwort zufrieden und strich seinem Schatz noch einmal durch die Haare.

„Musst du sonst auch helfen, Fabio?“, fragte Marius unvermittelt und im ersten Moment, war der vollkommen perplex, aber er fing sich schnell. „Ja, bis ich gelernt hatte, beschäftigt zu wirken“, lachte er, aber dann schüttelte er den Kopf. „Nein, ist nicht wahr. Meist habe ich gerne geholfen, wenn meine Mom nicht in einen Deko-Rausch verfallen ist.“

„Deko-Rausch?“ Alice tat gespielt entrüstet und deutete auf die einzige Kiste mit Weihnachtsschmuck, die man ihr gestattet hatte mitzunehmen. „Wie soll ich denn damit in einen Deko-Rausch verfallen?“, wollte sie wissen und schüttelte über so viele Banausen den Kopf. „Mein kleiner Liebling hat mir immer so schöne Papiergirlanden und Engel für die Baumspitze gebastelt...“

„Mama, wir haben keinen Baum“, erklärte Fabio trocken, nicht dass noch derartiges von ihm erwartet wurde.

„Na und? Papiergirlanden kann man auch woanders hinhängen. Außerdem hast du doch eh nichts zu tun, den ganzen Tag.“ Alice grinste breit. Da sollte sich ihr Sohn erst einmal rauswinden. Wenn er das schaffte, dann ließ sie ihn in Ruhe.

Erst sah Fabio sie nur forschend an. Das konnte sie doch unmöglich ernst gemeint haben. Doch das Grinsen kannte er – zu gut, für seinen Geschmack. „Mom, das geht nicht“, erklärte er, um sich etwas Luft zu verschaffen. Alle sahen ihn gespannt an. „Ich habe ein neues Makro bekommen und muss das ausprobieren. Außerdem muss ich mich um Kris kümmern und Diego beobachten und außerdem habe ich ja von den Ärzten auch ein paar Trainingseinheiten mitbekommen. Ich werde also gar keine Zeit haben.“

„Blödsinn, für ein paar Basteleinheiten ist da immer noch Platz. So lange dauert es ja auch nicht, Girlanden zu basteln.“ Alice schüttelte den Kopf. „Was meinst du, Marius? So schwer ist das gar nicht und es geht schnell, oder?“

Marius nickte heftig, doch dann sah er Fabio an. Jetzt musste er abwägen. Entweder vertrieb sich Marius die Zeit mit dem Mann oder der verbrachte Zeit mit seinem Vater, was Marius nicht richtig schmeckte. Andererseits hatte er auch versprochen, Fabio kennen zu lernen. Das wäre eine Gelegenheit.

„Hm“, machte Fabio, denn er hatte ähnliche Gedanken. Also stimmte er zu, auch wenn er eigentlich keine Lust dazu hatte. Aber vielleicht kam die ja noch.

„Ich kann dir ja helfen, dann geht es schneller“, sagte Marius schnell, bevor er es sich anders überlegte. „Papa kann es auch ruhig probieren, ist nicht schwer.“ Alleine mit Fabio traute er sich noch nicht, aber wenn sein Vater dabei war, fühlte er sich sicher.

„Was? Aber ich schmücke doch schon“, versuchte Nathaniel den Kelch an sich vorüber ziehen zu lassen, grinste aber, damit Marius wusste, wie er das meinte.

Deswegen legte sich sein Junge jetzt auch richtig ins Zeug und zählte auf, was sie alles basteln konnten und was man da drauf malen könnte. Es war wohl entschieden, wie der Nachmittag verbracht wurde. Nur José hatte sich geschickt wie ein Aal raus gewunden.

Es war ja nicht so, dass er nichts zu tun hatte, aber diese Aufgaben waren natürlich nicht so wichtig wie das basteln von Girlanden und anderer Deko.

Fabio und Nathaniel sahen sich leidend an, während Marius mit Alice plante, was sie alles brauchten. „Haben wir gerade wirklich gegen deine Mutter und einen kleinen Jungen verloren?“, fragte Nathaniel ungläubig. „Wir beide führen große Unternehmen und dann so was.“

„Das sind zwei Randgruppen, mit denen wir normalerweise nicht konfrontiert werden“, nuschelte Fabio, „wir sind einfach nicht abgehärtet.“ Doch auch er musste zugeben, dass das gerade maximal suboptimal gelaufen war und sie mussten an der Strategie für die Folgejahre arbeiten.

„Das müssen wir uns merken.“ Nathaniel seufzte leise. Er hatte schon immer ein Problem damit, sich gegen die Menschen, die er liebte, durchzusetzen und Alice und Marius gehörten zu diesen Menschen. „Erwartet bloß keine Kunstwerke von mir, ich habe das letzte Mal im Kindergarten gebastelt.“

„Du bist für das Grobe“, stellte Alice klar. „Schneid einfach hundert Blätter in dünne Streifen, damit bist du eine Weile beschäftigt. Wir kümmern uns um den Rest.“

Fabio grinste und strich seinem Liebling durch die Haare, als der entrüstete die Backen aufblies.

„Fürs Grobe! Und das mir“, grummelte Nathaniel. Er war ein berüchtigter Geschäftsmann, der mit unglaublichem Geschick Verhandlungen führte und immer bekam, was er wollte, und jetzt sollte er Zuarbeiten machen. Das kratzte gehörig an seiner Würde. „Ich werde basteln“, bestimmte er und verschränkte entschlossen die Arme vor der Brust.

„Okay, dann mach ich die Streifen. Das geht schnell!“, erklärte Fabio und schacherte weiter. Wenn sein Schatz sich darum riss zu basteln, wollte er ihm doch nicht im Wege stehen. Ganz im Gegenteil, er räumte gern das Feld. Dabei schlug er Nathaniel auf die Schulter. „Der Klebstoff ist wasserlöslich und keine Sorge, er schmeckt gar nicht so übel, für den Fall, dass du ihn doch von den Fingern leckst.“

„Aha.“ Nathaniel sah Fabio erst undeutbar an, dann grinste er dreckig. „Gut zu wissen. Aber dass du die Streifen schneidest, vergiss mal ganz schnell wieder. Wir werden das alles gemeinsam machen. Schließlich sind Marius und ich nur dabei, um dich zu unterstützen.“ So hatte Fabio sich das wohl gedacht, aber nicht mit ihm. Wenn schon leiden, dann gemeinsam.

„Was? Stimmt doch gar nicht“, schacherte nun Fabio und schien Marius zu amüsieren, genauso wie seine Mutter. Das merkte er dann auch ziemlich schnell und schnaubte. „Außerdem finde ich, dass die Kiste voll Schnickschnack da drüben echt ausreicht. An Weihnachten zählt die Liebe und nicht die Deko“, knurrte er leise, hatte sich aber geschlagen gegeben, er konnte ja sowieso nicht weglaufen.

„Na, dann ist das doch geklärt. Ich hole dann schon mal alles, was wir brauchen.“ Alice war sehr zufrieden mit der Entwicklung, denn sie freute sich schon darauf, mit den Dreien zu basteln. Es kam auch gar nicht darauf an, wie es hinterher aussah. Wichtig war nur, es war selbst gemacht und sie saßen zusammen. Auch sie hatte ein intensives Bestreben, ihren Jungen und Nathaniels Sohn einander näher zu bringen und sie dabei auf eine Stufe zu heben und zu zeigen, dass Fabio Marius gar nicht so unähnlich war, konnte dabei kleine Wunder bewirken.

„Darf ich erst mal zu Ende essen?“, knurrte Fabio leise, „mein Arzt hat gesagt, der Knochen muss heilen. Dazu braucht der Energie und Nath hat dafür unterschrieben, dass ich vorzeitig raus durfte. Wenn mir was passiert, geht er in den Knast. Willst du das?“ Mit einem weiteren Steak auf seiner Gabel sah Fabio seine Mutter forschend an, grinste aber breit.

„Guter Plan.“ Marius und Nathaniel sahen sich grinsend an und hatten kurz darauf jeder auch noch ein Steak auf der Gabel. Marius war sowieso ganz begeistert von dem, was er hier zu essen bekam. Er probierte sich durch sämtliches einheimisches Getier, das auf dem Grill landete.

José lachte herzhaft und füllte sich den Teller auch noch einmal, ehe er vielleicht dann leer ausging und so genossen sie noch ein paar Minuten die Sicht auf Diego, der sich jetzt bis auf wenige Meter an die Terrasse heran gewagt hatte. Was er noch nicht bemerkt hatte, war Noel.

Der Kater war mittlerweile wieder wach und die gespitzten Ohren zeigten an, dass er Beute im Blick hatte.

„Oh, oh“, machte Marius und hoffte, dass Diego nichts passierte, denn genau in diesem Moment sprang Noel los und sprintete auf das Erdmännchen zu, das aber den Angreifer früh genug bemerkt hatte und wie der Blitz zu seinen Artgenossen und in den Bau flitzte.

„War wohl wieder nichts“, lachte Fabio und hatte irgendwie das Gefühl, dass Noel seine Beschäftigung für die nächsten Tage gefunden haben dürfte. Vom Trubel war allerdings auch Krismasi wieder wach geworden, die nun den Geruch von Futter in der Nase hatte und zum Tisch gestromert kam.

Zwar konnte sie das alles noch nicht essen, aber es roch schon verlockend. Darum krabbelte sie an Fabios Bein hoch und verschaffte sich einen Überblick. Ihr passte es gar nicht, dass man sie daran hinderte auf den Tisch zu springen, damit sie alles noch besser in Augenschein nehmen konnte.

„Junge Dame, das gehört sich nicht – ganz und gar nicht!“, erklärte Fabio, doch er hätte auch den Sand am Rieseln hindern können wollen, der Effekt wäre der gleiche gewesen. In einer Hand seine Gabel hatte er mit der anderen voll damit zu tun, Kris an sich zu drücken, denn sie gab nicht so leicht auf. Noel war da einsichtiger gewesen. Mit der Kleinen dürften sie folglich noch eine Menge Spaß bekommen.

Sie zeterte laut und ausgiebig, so dass Noel auf sie aufmerksam wurde und schon war er wieder auf dem Weg zurück zur Terrasse und zu seiner Mama. Wenn Kris auf Fabios Schoß saß, dann wollte er auch. Marius kicherte, als der Kater sich auch noch dazu quetschte und Fabio kaum noch an seinen Teller kam.

„Och Menno!“, fluchte Fabio, doch das interessierte gerade weder Noel noch Kris. Dafür schien es, dass sie sich vertrugen, solange es gegen Fabio ging, denn keiner knurrte, keiner schubste, beide guckten nur gespannt auf den Tisch und schienen zu überlegen, was sie als erstes erbeuten würden, wenn sie nur könnten. Und weil Fabio jetzt beide Katzen halten musste, hatte er keine Hand mehr frei zum Essen.

„Na komm, retten wir ihn“, lachte Nathaniel und stupste Marius an. Er nahm sich den Teller seines Schatzes und schnitt ein Stück Fleisch ab, das er Fabio fütterte. Marius hatte die Aufgabe, die beiden Katzen davon abzulenken, denn Noel brachte es fertig und klaute sich den Happen von der Gabel.