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Terra3.0 - Zyklus 01 - Neo New York - Teil 24 - 26

24

„Wir müssen los.“ Leander zog Jack von einem Stein weg, an dem er mit einem kleinen Hammer geklopft hatte, um Splitter zu bekommen. Der Geologe hatte vorhin wirklich ernsthaft gefragt, ob er nicht hier bleiben konnte, aber das hatte Erdogan abgelehnt. Sie verteilten Odins Gepäck auf alle Mitglieder der Expedition, denn der Wissenschaftler hatte sein halbes Labor mitgenommen.

Und dann ging es los.

Ewan führte die Menschen durch Tunnel und Gänge. Leander, der ihre Position immer mal auf Karten checkte, merkte als erster, dass sie nicht den Weg nahmen, den sie gekommen waren. Die Moles hatten also entschieden mehr Gänge und Tunnel, als die Menschen je geglaubt hätten. Einer davon schien fast schnurgerade zu P-0061 zu führen. Unglaublich. Er zeichnete ihren Weg auf, die Kameras konnten ja in den dunklen Wegen nicht viel sehen.

„Ihr wart fleißiger, als ich gedacht habe beim Tunnelbau. Wie lange grabt ihr schon an diesem Netz und wie weit reicht es?“ Leander war wirklich neugierig. Vielleicht kamen sie durch die Tunnel auch zu anderen Kuppeln, die sie nicht mehr erreichen konnten, weil die Bahn dort nicht mehr hinfahren konnte.

„Wir graben seit es uns gibt“, sagte Ewan kurz angebunden. Schließlich waren sie doch genau dazu geschaffen worden – in Laboren. Er senkte den Kopf und presste die Zähne aufeinander. Er wollte sich damit nicht schon wieder auseinander setzen. „Somit ist das Netz recht groß“, erklärte er nach einer Weile, doch weil er keinen Sinn darin sah, Leander markante Punkte zu nennen, die er gar nicht kennen konnte, weil sie unter der Erde lagen, sparte er sich die Ausführungen.

„So lange.“ Leander erinnerte sich daran, dass Odin gesagt hatte, die Gottgleichen hätten die Moles vor Jahrhunderten erschaffen. „Habt ihr über dieses Netz Aufzeichnungen?“, fragte er und in seinem Kopf überlegte er sich schon, wie man diese Tunnel nutzen konnte.

„Warum sollten wir?“, fragte Ewan und sah nun doch auf. „Wir kennen unsere Tunnel und wir wissen, wo wir lang müssen. Wir brauchen uns das nicht aufzuschreiben.“ Diese Menschen waren wirklich merkwürdig und ein leichtes Grinsen konnte er sich dann doch nicht verkneifen. Odin war auch so. Er war sich nur sicher, wenn er das, was er herausgefunden hatte, notieren konnte. Er ging nie ohne seinen Palm aus dem Haus.

„Schade, vielleicht sollten wir so einen Plan mal in Angriff nehmen. Wenn wir zusammenarbeiten, würde das einige Wege kürzer machen.“ Leander konnte nicht anders, er war zu sehr Soldat, um so eine Möglichkeit ungenutzt zu lassen. Sie konnten die Gegend erkunden, ohne dass sie ständig auf der Oberfläche laufen mussten.

Allerdings war Ewan von der Idee nicht so begeistert. Was bildete der Mensch sich eigentlich ein? Das waren ihre Gänge – die Gänge der Moles – kein Mensch hatte sich dort ungefragt aufzuhalten und ob sie wirklich eines Tages zusammen arbeiteten, das musste erst noch geklärt werden. Im Augenblick galt der Waffenfrieden nur, weil Odin das Labor brauchte, um das Serum zu machen – und aus keinem anderen Grund. Das würden die Menschen noch merken!

Als Leander keine Antwort bekam, zuckte er nur mit den Schultern. Die Zeit würde zeigen, was wurde. Eine gesunde Portion Misstrauen dem anderen gegenüber war nicht verkehrt. So verlief ihr Marsch relativ schweigsam, man hörte nur leise Odin mit Dylan reden. Der Wissenschaftler erzählte dem jungen Mole von den Kupplern und dem Labor, zu dem sie unterwegs waren. Doch er ließ die brisanten Themen erst einmal aus, zum Beispiel dass dort die Moles her stammten, dass sie dort geschaffen worden waren. Das würde Dylan noch früh genug erfahren. Es war schon schwer gewesen, Ewan und Adrian aufzuklären, heute hatte er nicht die Kraft, wieder diesen Kampf mit sich selbst auszutragen.

„Wir sind gleich da und haben Gäste dabei. Keiner wird die Waffe erheben, egal was passiert“, erklärte Erdogan den Soldaten in P-0061 über Funk. Nicht auszudenken, was passierte, wenn einer nur die Moles sah und aus Panik heraus vorgreifend sein Leben retten wollte.

Trotz des Befehls und der Gewissheit, dass er sich auf seine Leute verlassen konnte, waren Erdogan und Leander angespannt, als sie näher zur Schleuse kamen. „Ich geh vor“, sagte Leander schließlich und lief etwas schneller, damit er sicherstellen konnte, dass auch wirklich alles glatt lief.

Mit ihm ging Gerry in die Schleuse. Eilig liefen die beiden zum Stützpunkt. Erdogan würde mit den anderen schon folgen. „Wir haben Fremde dabei, auch wenn ihr sie erkennt, will ich kein Wort hören und keine Waffe sehen. Der Frieden steht auf dünnem Eis“, erklärte Leander seinen Leuten. Das durften auch die Moles über die Sprechgarnituren ruhig hören. Er hielt nichts davon, auf heile Welt zu machen. Das fiel einem früher auf die Füße, als einem lieb war.

Seine Männer nickten und reckten die Hälse, wer dort mit Erdogan näher kam. Es setzte leises Murmeln ein, als sie erkennen konnten, dass Erdogan von ihren Feinden begleitet wurden und einige der Soldaten griffen instinktiv ihre Waffen fester. Ein scharfer Blick von Leander verhinderte aber, dass die Waffen in den Anschlag gebracht wurden. Die Luft war aufgeladen und ein kleiner Funke würde genügen, um die angespannte Situation zum explodieren zu bringen.

Noch war alles ruhig und Leander würde alles dafür tun, dass es auch so blieb. Deswegen stellte er sich vor seine Männer und erklärte: „Wir sind von den falschen Voraussetzungen ausgegangen, Jungs.“ Dabei sah er in die Gesichter seiner Männer. „Sie sind Opfer wie wir und es waren Menschen wie wir, die ihnen große Qual zugefügt haben.“ Er nahm kein Blatt vor den Mund. Es war nicht, um den Moles zu schmeicheln, sondern weil Leander es genau so empfand. Menschen waren es gewesen, die die Moles in die Knechtschaft getrieben hatten. „Sie werden uns helfen, diejenigen zu finden und auszuschalten, die unsere Völker hintergangen haben.“

Man sah den Männern an, dass sie zuerst nicht wussten, was sie machen sollten, aber dann nickten sie. Leander war ihr Kommandeur und sie vertrauten ihm. Solange sie den Befehl hatten, diese Kreaturen nicht anzugreifen, solange würden sie das auch nicht tun. Sie salutierten vor Erdogan, als der mit den Besuchern vor ihnen stand und musterten die Kreaturen neugierig.

Auf der anderen Seite war es ähnlich.

Vor allen Dingen Dylan, der unerfahrenste der Moles, betrachtete die Männer mit Argwohn. Er kannte nur Odin und die Geschichten, die man sich über die Kuppler erzählte. Jetzt so vielen von ihnen gegenüber zu stehen und darauf vertrauen zu müssen, dass allein das Wort von Leander ihn vor dem sicheren Tod beschützte, machte ihm Angst. Er drängte sich dichter an Adrian.

Odin, der nicht genau wusste, wie tief die Männer in die Operation eingeweiht waren, stellte sich erst einmal nur als Eremit vor.

„Unsere Gäste werden erst einmal etwas Ruhe brauchen.“ Leander wollte wieder Platz zwischen die Moles und die Soldaten bringen. Dann mussten sie überlegen, wie es weiter gehen sollte. Also nickte er Erdogan zu und ging Richtung Hauptquartier.

„Gut, ich komme gleich nach.“ Erdogan sah der Gruppe kurz hinterher und wandte sich dann wieder an seine Männer. Er gab ihnen den Befehl, die Bewachung des Stützpunktes wie bisher weiterzuführen und ging dann Leander hinterher. Kurz sah er zu den Fenstern von seinem Quartier hoch und lächelte kurz, als er an Meodin dachte, aber es verlosch schnell wieder, als er das Gebäude betrat, in dem ihre Gäste untergebracht waren.

„Es ist hell“, sagte Dylan leise. Langsam taten ihm die Augen weh von der intensiven Sonne und der Kopf schmerzte. Odin zog ihn an sich und führte den jungen Mole in eine etwas dunklere Ecke. „Wir werden die Fenster abdunkeln, das wird schon werden.“ Odin lächelte seinen jungen Freund an und Adrian nickte. Bisher war es besser gelaufen, als erwartet. Er hatte die Verwirrung in den Augen der Männer gelesen, genauso Abscheu und Wut in anderen. Doch zum Glück war das die Minderzahl gewesen.

Erdogan hatte Dylans Worte mitbekommen und ließ die Rollos vor den Fenstern so weit runter, damit die Moles sich wohler fühlten, die Menschen aber noch etwas sehen konnten. „Danke“, sagte Odin und setzte sich an den Tisch. „Wie geht es weiter?“, fragte er. Wenn es nach ihm ging, dann wollte er so schnell wie möglich ins Labor und das hörte man ihm auch an.

„Dich würde ich gern so schnell wie nur möglich mit unserem Genetiker zusammen bringen. Er ist allerdings aus dem Labor nicht rauszubekommen, wenn nicht gerade die Welt untergeht.“ Leander grinste, denn für die Zeiten, in denen er das Labor wegen Abwesenheit der Operationsleiter nicht betreten durfte, hatte er sich in seinem und Kyles Zimmer ein Mini-Labor eingerichtet und eine Not-Bibliothek. Sehr zum Leidwesen seines Gatten. Leander hob den Kopf, als er seinen Kommunikator anschlagen hörte und als er das Gespräch annahm, war es Bill.

„Ihr seid also wieder da, ich will ins Labor. Ist mir egal, wer von euch beiden mich begleitet.“ Dann war die Leitung wieder unterbrochen. Leander seufzte.

„Bill will ins Labor“, sagte er auf Erdogans fragenden Blick und Odin stand auf.

„Ich komme mit“, bestimmte er und die drei Moles nickten ebenfalls zustimmend. Sie ließen Odin nicht alleine und Erdogan nickte. „Gut, Leander, geh du mit Odin und den anderen vor, ich hole Bill ab und setze ihn über die Neuigkeiten in Kenntnis. Wir treffen uns dann unten.“

„Soll mir recht sein“, sagte Leander und sah seine Gäste an. „Hat noch jemand Hunger oder Durst? Oder wollen wir gleich los?“ Die Moles waren vorerst zufrieden, verzichteten auf die Gastfreundschaft und so ließen sie sich in einen der Wagen vor der Tür fallen. Von der Lauferei hatte Leander vorerst die Nase voll. Dafür war Dylan gleich wieder interessiert an den sich bewegenden Dingern, die er noch nicht kannte. Unauffällig schnüffelte er an den Wänden, an den Sitzen, sah sich neugierig um. Das ging viel schneller als laufen.

Cool!

Adrian musste ein wenig lächeln. Er kannte dieses Gefährt zwar auch nicht, aber er konnte sich davon abhalten, sich neugierig umzusehen, genauso wie Ewan, der mit undeutbarer Miene neben ihm saß. Der Chef der Moles hatte sich bisher ungewöhnlich zurück gehalten und noch gar nichts gesagt, seit sie hier waren und Adrian war froh darüber, denn sonst wäre es wahrscheinlich schon wieder zu Spannungen gekommen. Er wusste, was sein Verhalten bedeutete: Es war ein Friedensangebot, solange wie sie einander brauchten.

„Wir sind zufällig auf den Gang gestoßen“, erklärte Leander, dem die Ruhe etwas unbehaglich war. Nicht dass er sie nicht zu schätzen wusste, doch im Augenblick wollte er den Moles lieber Informationen geben, nicht dass man sein Schweigen noch falsch deutete. Also berichtete er von ihrer Entdeckungsaktion und von den gelöschten Daten, von den Zufällen und ihren Männern, die unermüdlich an der Formel arbeiteten.

„Lasst das Odin machen, er kennt sich damit aus“, sagte Ewan nur und Adrian seufzte. So wie das klang, traute er den Menschen nicht viel zu. Doch Leander verstand die Worte schon richtig und nickte. „Dafür seid ihr ja hier.“

„Zusammen werden wir das schon schaffen. Ich denke, dass dieser Bill einer der besten ist, sonst wäre er nicht mit dabei.“ Odin wollte erst gar keine Unstimmigkeiten aufkommen lassen, denn das konnten sie überhaupt nicht gebrauchen. Sie brauchten alle ihre Kraft für das Anti-Rad, da war für Misstrauen und Feindseligkeiten kein Platz.

„Ja, das ist er. Bill Harper ist unser Chef-Genetiker und er ist sehr motiviert.“ Leander lachte leise, denn Bill nahm seine Arbeit sehr ernst und die ließ ihn oft alles um ihn herum vergessen, sehr zum Leidwesen seines Mannes. Er war auch der einzige, der es wagte, den Prinzen daran zu hindern zu gehen und das Labor zuzusperren, wenn Bill noch nicht fertig war.

Und wenn man so wie Leander wusste, wie gern Erdogan abends zu seinem Seepferdchen nach Hause kam, um sich dort noch etwas piesacken zu lassen, dann wusste man auch, was es bedeutete, wenn er noch eine halbe Stunde dran hängte, um Bill sein Experiment beenden zu lassen. Es hatte Tage gegeben, da musste Daniel als Arzt einschreiten, um den Prinzen freizukaufen, weil er dessen Gesundheit durch Übermüdung gefährdet sah.

Leander grinste und senkte dabei den Kopf.

Er hielt den Wagen vor der Schleuse an und wartete, bis alle ausgestiegen waren, um sie zu öffnen. Er konnte sich vorstellen, wie der riesige Komplex auf die Moles wirken musste und da es dort immer sehr hell war, bedeutete er ihnen, wieder die Sonnenbrillen aufzusetzen, damit es für sie angenehmer wurde. Er ließ die große Tür sich öffnen und Odin ging sofort los, als die grüne Lampe anzeigte, dass sie eintreten konnten. Sowohl Ewan als auch Leander betrachteten dieses Schauspiel mit gemischten Gefühlen, doch dann liefen sie schnell hinterher, denn der alte Mann war rüstig und voller Tatendrang, was ihm unglaubliche Kräfte verlieh.

„Falsche Richtung!“, rief Leander, als Odin zielstrebig einen Flur hinunter lief und Odin blieb stehen. Er sah Leander undeutbar an. „Soll das etwa heißen, ihr habt das Labor für die Herstellung des Anti-Rad noch nicht einmal gefunden?“, fragte er mit Unglauben in der Stimme und Leander kam sich vor wie ein dummer Schuljunge.

„Da hinten sind vier große Labore mit allem, was wir brauchen“, sagte er, als müsse er sich verteidigen und Odin lächelte sanft.

„Fünf Ebenen tiefer liegt das Herz der Anlage. Man erreicht es nur über einen Fahrstuhl, nicht über die Treppen. Kommt!“ Dann lief Odin weiter.

„Verdammt“, brummte Leander leise und er lief dem alten Mann hinterher. „Odin, lass uns warten, bis Erdogan und Bill bei uns sind. Der Prinz möchte bestimmt dabei sein. Sie sind gleich da“, sagte er und erst wollte Odin widersprechen, aber dann nickte er. Den Prinzen zu verärgern, war keine gute Idee, das sah er ein.

Die Moles standen etwas unschlüssig herum, sie konnten sich darauf jetzt keinen Reim machen, doch sie fragten auch nicht weiter. Es würde sich schon alles klären und so lange Odin bei ihnen war, solange waren sie auch sicherlich nicht in Gefahr.

„Erdogan, hier!“ Leander winkte aus dem Gang, an dem der Prinz samt Bill vorbei hasteten und der Genetiker machte schon wieder ein Gesicht, das deutlich sagte, was er über die Verzögerung dachte. „Odin will uns was zeigen, was auch dir von Nutzen sein dürfte, Bill“, hinderte Leander den Genetiker gleich daran, sich zu entrüsten und vielleicht noch ihre Gäste zu verärgern.

„Ist das so?“, brummte Bill unzufrieden und besah sich den Mann neben Leander genauer, wusste aber mit dem Gesicht nichts anzufangen.

„Er hat hier gearbeitet und es gibt ein spezielles Labor für das Serum ganz unten, da wollen wir hin“, erklärte Leander und Bill riss die Augen auf.

„Wo?“, fragte er aufgeregt. „Warum stehen wir hier noch rum?“ Wie erwartet kam nicht etwa die Frage danach, dass der Mann hier mal tätig war, somit wohl einer der Gottgleichen sein könnte, nein. Bill Harper interessierte nur das Labor, vielleicht voll mit Instrumenten, die er noch nicht kannte. Er war in manchen Situationen noch schlimmer als Jack. Leander grinste schief. Er verkniff sich jegliche Kommentare und so folgten sie Odin in einen Bereich der Anlage, den sie zwar schon untersucht aber für uninteressant befunden hatten.

Wie man sich doch täuschen konnte.

„Ihr hättet das Labor nicht finden können, entschuldigt also meine blöde Frage von eben“, gestand Odin und blieb vor einer Wand stehen. Leander sah sie an, die Moles allein konnten spüren, dass etwas dahinter war, denn sie spürten die minimalen Luftzüge durch die kaum sichtbaren Spalten.

Odin hob beide Hände, spreizte ein paar Finger ab, winkelte ein paar Finger an und näherte sich dann einer unscheinbaren Richtungsaufschrift. Er drückte die Finger in kaum sichtbare Vertiefungen und die Wand schob sich auf. Der Schacht zum Fahrstuhl war frei.

Angespannt sah Leander zu, wie sich die Fahrstuhltüren öffneten. Das war ungesichertes Gebiet, darum gab er seinen Männern ein Zeichen, mit hinunter zu fahren. Man konnte nicht wissen, ob sich da unten nicht doch noch welche von den Gottgleichen verschanzt hatten. Er betrat nach Erdogan als letzter die Kabine und hielt die Waffe im Anschlag, als der Aufzug sich in Bewegung setzte. Dylan, der um die Vernichtungskraft dieser Waffen nur zu gut wusste, drängte sich dichter an Adrian und versuchte nicht hinzusehen. Odin derweil wartete ungeduldig, genauso wie Bill. Es gab hier ein Labor, was er noch nicht kannte, extra für das Serum?

„Der Prinz erzählte was von Suchtstoffen in der Formel, die wir gefunden haben – stimmt das?“, wollte er von dem alten Mann wissen. Wenn er so gut war, wie behauptet wurde, dann wollte Bill von dessen Wissen profitieren.

„Ja, das stimmt. Die Gottgleichen brauchten Arbeitskräfte, die sie leicht kontrollieren konnten, darum bauten sie die Suchtstoffe in das Serum ein. Die Moles wurden süchtig und sie hatten erreicht, was sie wollten.“ Odin gab bereitwillig Auskunft, denn er würde mit Bill zusammenarbeiten. „Sie haben nur leider keine Variante ohne die Drogen hergestellt, weil sie das Anti-Rad selber nur ganz selten bis gar nicht benutzt haben.“ Ewan knurrte leise und Adrian legte ihm die Hand auf den Arm. Auch ihm gefiel es nicht, was Odin da sagte, doch es war die Wahrheit. Sie waren die Arbeitstiere der Gottgleichen gewesen.

„Was“, setzte Bill an, sah sich aber nach den Moles um. Er stoppte sich und formulierte seine Frage im Kopf neu. „Woher kommen die Moles eigentlich?“, wollte er von Odin wissen, als der Fahrstuhl langsam bremste und dann still stand. Odin sah ihn an und holte tief Luft, ehe er die Tür aufschob. „Sie sind Kinder von Bonder 482.“

Bill öffnete den Mund und schloss ihn wieder, denn er wusste, was das bedeutete und es nun zu hören, war ein Schock. Dass die Menschen damals schon so weit gewesen waren, hatte er nicht gewusst.

Leander hatte mit Erdogan und seinen Männern die Kabine verlassen und als er durchgab, dass alles sicher war, folgten sie und ließen sich von Odin führen.

„Hier entlang, ich zeige euch alles“, sagte Odin. Vielleicht war es eine glückliche Fügung, dass durch ihre dilettantischen Übergriffe die Männer des Prinzen auf sie aufmerksam geworden waren und es sich nun ergab, dass er noch einmal in das alte Labor konnte. Hier hatte er alles, was er benötigte, um die Moles endlich von dem Joch der Gottgleichen zu befreien. „Sie haben nicht aufgehört, sind nur weiter gezogen. Sie wollen die Kuppeln erobern und sich untertan machen.“ Odin redete einfach, auch ohne gefragt zu werden. Er musste das alles irgendwann einmal loswerden. Und Erdogan und seine Männer waren die Verbündeten, die Ewan brauchte.

„Das haben wir uns schon gedacht.“ Erdogan schloss zu Odin auf und sah sich dabei um. Sie waren in einem großen Komplex und da dieser nicht auf den normalen Lageplänen auftauchte, war klar, dass er geheim gehalten werden sollte. „Sie wollen also die Weltherrschaft. Wie weit sind ihre Pläne schon vorangekommen? Müssen wir in der nächsten Zeit mit einem weiteren Angriff rechnen?“

„Nein“, sagte Odin und sah den Prinzen an. „Neo New York werden sie vorerst nicht antasten. Auch wenn sie hier mehr oder weniger aufgeflogen sind, wird euch nichts passieren. Keiner kennt sie, selbst ich kenne sie nicht. Ihre Namen und Gesichter wechseln ständig. Sie haben ein Heer an Chirurgen. Auch ich habe schon lange nicht mehr das Gesicht, mit dem ich einst auf die Welt gekommen bin.“

Der alte Genetiker fing an aus dem Nähkästchen zu plaudern und so erfuhr der Prinz von Vakuumtunnelbahnen, die ein Heer von Moles tief unter der Erde angelegt hatten. Verbindungen zu Kuppeln, von denen der Prinz geglaubt hatte, sie wären längst aufgegeben worden. Doch so war es nicht. Nur die Kommunikation war unterbunden worden, denn das lernte jeder Krieger als erstes: willst du den mächtigen Feind besiegen, dann trenne ihn.

Erdogan knirschte mit den Zähnen. Widerstrebend musste er anerkennen, dass sie von dieser Bande gehörig vorgeführt worden waren. „Kannst du uns zu all diesen Dingen Informationen geben und kennst du ein paar Namen, die seit ewigen Zeiten dabei sind? Wir brauchen einen Ansatzpunkt um gegen die Gottgleichen vorgehen zu können. Bis jetzt müssen wir bei jedem davon ausgehen, dass er ein Verräter ist.“

„Unter deinen Soldaten musst du sie nicht suchen. Im Heer wurde nicht rekrutiert. Die Gottgleichen rekrutieren sich aus der geistigen Elite, sie sind clever genug, das Fußvolk für sich arbeiten zu lassen, ohne dass diese wissen, wie es passiert“, sagte Odin und blieb vor einem großen Fenster stehen. Kugelsicheres Panzerglas, weder von innen noch von außen zu zerstören. Dahinter reihten sich Apparate und Behälter und Bill klebte förmlich an der Scheibe.

„Aber ich werde euch ein paar Decknamen geben können, mehr kenne auch ich nicht. Niemand hat seinen eigenen Namen verraten – nur weil sie Verbündete sind, heißt das nicht, dass sie einander trauen!“

Erdogan war erleichtert, dass er wenigstens seinen Männern vertrauen konnte, wenn ihm auch die Vorstellung, dass sie von den Gottgleichen praktisch unterwandert waren, gar nicht gefiel. Sie brauchten die geistige Elite und genau da, gab es die Verräter. „Hast du die Informationen, die du uns geben willst, bei deinen Unterlagen gespeichert? Dann kannst du sie mir gleich, wenn du Zeit hast, auf meinen Palm rüberziehen.“

Doch Odin deutete auf seinen Kopf, um klar zu machen, dass er es niemals wagen würde, dieses Wissen schriftlich festzuhalten und damit erwischt zu werden. In den falschen Händen – nämlich in den Händen seiner früheren Verbündeten – wären sie sein Todesurteil. Er war doch nicht lebensmüde. Lieber gab er den Code in die Schleusentür, damit sie sich öffnete. „Ich und Bill werden rein gehen. Ihr bleibt besser draußen. Dort drüben ist die Gegensprechanlage, falls was ist.“

Etwas unzufrieden nickte Erdogan, ließ sich aber noch einmal die Codes für die Tür sagen, damit er rein konnte, wenn es nötig wurde. Es gefiel ihm nicht, dass die beiden dort alleine waren. Wer konnte schon sagen, ob die ehemaligen Besitzer nicht etwas dort zurückgelassen hatten, um sie daran zu hindern, das Labor zu nutzen. Aber bevor er seine Bedenken äußern konnte, schlossen sich die Labortüren und der Prinz begnügte sich damit, die beiden Männer durch die Scheibe nicht aus den Augen zu lassen.

„Man kann ihm trauen“, sagte Adrian, der neben den Prinzen getreten war. Er konnte riechen, dass der Mann nicht zufrieden war und Zweifel ihn trieben. Gemeinsam sahen sie zu, wie Bill durch das Labor eilte und Odin versuchte ihn zu bremsen. Leander aktivierte die Gegensprechanlage und hörte zu, wie Odin versuchte den jungen Genetiker zu bremsen. „Komm hier rüber, das ist wichtig“, sagte er gerade und zerrte Bill hinter sich her. Odin schien ziemlich kräftig für sein Alter.

„Was?“, brummte Bill, verstummte aber, als er sah, was Odin ihm zeigen wollte. „Was ist das?“, fragte er neugierig, als er sich das große Gerät betrachtete.

„In diesem Gerät wird das Anti-Rad hergestellt. Es ist mittlerweile vollkommen automatisiert, aber um es nutzen zu können, müssen wir erst einmal die Formel ohne die Drogen haben.“ Odin sah den Wissenschaftler eindringlich an, auch die anderen vor der Scheibe, denn er wusste, dass sie zuhörten.

„Und das hier“, er deutete auf einen Knopf gleich neben der Apparatur, die Bill nun eindringlich untersuchte, „ist deine Lebensversicherung. Wenn etwas sein sollte, kannst du damit die Glasscheibe heraussprengen. Hast du das verstanden?“ Er hielt Bill auf und sah ihn an. Der Kerl war ja wie besessen.

„Hm?“ Bill sah auf und streifte den Knopf mit einem kurzen Blick, untersuchte aber weiter die Apparatur. „Lebensversicherung, Scheibe raus sprengen“, murmelte er dabei, damit man ihn in Ruhe ließ und er weiter machen konnte. Leander und Erdogan hinter der Scheibe verdrehten die Augen und bereuten es wieder einmal, dass sie draußen bleiben sollten. Spätestens jetzt wäre nämlich ein gepflegter Tritt in den Hintern fällig gewesen. Doch Odin war auch nicht auf den Kopf gefallen. Er wandte sich zu der Scheibe um und hoffte, dass Erdogan mitspielte.

„Habt ihr einen anderen Genetiker? Mit dem kann ich nicht arbeiten. Er hört nicht zu, missachtet die Sicherheitsvorschriften und bringt so auch mich in Gefahr. Unter diesen Umständen arbeite ich nicht.“ Leander grinste fast unmerklich und auch Ewan schien zu merken, was gespielt werden sollte. So war Odin eben. Er diskutierte nicht, er drohte nur unterschwellig.

„Ist zwar schwierig, aber durchaus machbar.“ Erdogan spielte mit und das schien Bill aufzurütteln.

„Hey, was soll das denn? Ich bin der Chef-Genetiker und man kann mich nicht einfach so ersetzen“, rief er aufgebracht und Odin hatte erreicht, was er wollte. Bill hörte ihm nun aufmerksam zu, auch wenn seine Augen immer noch neugierig durch das Labor huschten.

„Chef-Genetiker hin oder her. Wenn es mit den Grundlagen nicht klappt und du mit meinem Leben genauso spielst wie mit deinem, ist das für mich nicht akzeptabel. Entweder ist mein Wort hier drinnen Gesetz oder dein Platz ist wieder oben in einem der Kinderspielzimmer. Klar?“ Odins Augen blitzten Bill an und machten klar, dass er keine Widersprüche dulden würde, nur konnten das die anderen in seinem Rücken hinter der Scheibe nicht sehen.

Gespannt warteten sie auf Bills Reaktion und als der nickte, atmeten Erdogan und Leander auf. Ohne Bill hätten sie doch einige Probleme gehabt. „Bill scheint seinen Meister gefunden zu haben“, murmelte Erdogan seinem Freund schmunzelnd zu und lehnte sich etwas entspannter mit der Schulter gegen die Scheibe. Da drin schien alles seinen Gang zu laufen.

„Okay, wir machen gleich weiter“, sagte Odin zu Bill und kam noch einmal zur Scheibe. „Eine Tür weiter ist ein Ruheraum mit Betten und Kontrolleinheiten. Ihr müsst euch hier nicht die ganzen Stunden die Beine in den Bauch stehen. Nur damit ihr Bescheid wisst.“ Dann war Odin aber wieder gänzlich von Bill in Beschlag genommen worden und als die ersten Namen von chemischen Verbindungen fielen, schaltete Leander ein wenig ab. Damit konnte er nichts anfangen.

„Kommt ihr mit?“, fragte Erdogan die Moles, denn sich hinzusetzen erschien ihm im Moment wie der Himmel auf Erden. Er schien nicht der einzige zu sein, denn ihm folgten alle, die hier mit ihm gewartete hatten. In dem geräumigen Zimmer dimmte der Prinz erst einmal das Licht, damit die Moles ihre Brillen abnehmen konnte. Leander aktivierte die Bildschirme und die Gegensprechanlage.

„Wir sind jetzt hier drinnen. Wenn was ist, sagt Bescheid“, informierte er die Wissenschaftler. Es stank ihm, dass er jetzt hier tatenlos herum sitzen musste. Vielleicht reichte es auch, wenn einer hier blieb – Erdogan. Dann konnte er sich weiter darum kümmern, herauszufinden, wie groß dieses geheime Areal wirklich war. „Brauchst du mich noch?“, wandte er sich also an den Prinzen.

„Nein, sieh dich um“, sagte der Prinz, der liebend gerne selber mitgegangen wäre, aber hier blieb. Er konnte ihre Gäste nicht einfach alleine zurück lassen. So machte er es sich vor den Bildschirmen gemütlich und beobachtete Bill und Odin, die in eine Diskussion vertieft waren. Er verstand kaum ein Wort davon, gerade so als würden sie eine fremde Sprache sprechen und den Moles ging es ähnlich. Dylan war der erste, der sich langweilte und so stromerte er ein bisschen in dem Raum herum, bis Adrian wieder mit ihm vor die Scheibe ging. Er hätte sich auch spannenderes vorstellen können. Er kam sich hier ziemlich nutzlos vor und das gefiel ihm gar nicht.

Erdogan sah sich zu Ewan um, der hinter ihm auf einem Bett saß und ebenfalls die Bildschirme betrachtete. Es war an dessen Gesicht nicht zu sehen, was er dachte. „Braucht ihr irgendetwas Bestimmtes in euren Quartieren, außer dass sie abgedunkelt sind? Ihr werdet wohl erst einmal unsere Gäste sein, wenn ich dass da in dem Labor richtig deute“, meinte der Prinz und grinste leicht.

„Wird sich wohl nicht vermeiden lassen“, sagte Ewan neutral und sah den Prinzen an. „Etwas zum Essen werden wir uns suchen. Einen Teil können wir auch selbst zubereiten. Ich weiß nämlich nicht, ob wir eure Lebensmittel einfach so vertragen werden.“ Ansonsten gab es für den Übergang an dem Quartier nichts auszusetzen. Er hoffte einfach, dass es nicht für ewig war, sie das Mittel schnell fanden und sich dann wieder absetzen konnten.

„Angenommen Odin und euer Mann sind erfolgreich. Wie werden wir das Anti-Rad bekommen? Was verlangt ihr dafür?“ Denn eines wusste Ewan: umsonst war nichts auf der Welt. Nicht einmal der Tod, Selbst der kostete das Leben.

Erdogan wusste, dass viel von seiner Antwort abhing. Er sollte also besser nicht versuchen Ewan zu belügen, denn das würde der Anführer der Moles merken. „Ich will nicht behaupten, dass wir nicht etwas dafür erwarten, aber das sollten wir in einem Vertrag regeln, der für beide Seiten von Vorteil sein soll. Es steht außer Frage, dass ihr so viel unverseuchtes Anti-Rad bekommt, wie ihr benötigt und ihr dafür nicht die Sklavenarbeiten wie bisher leisten müsst. Wir sind eher interessiert an eurem Wissen über die Welt dort draußen, denn nun können wir sie endlich erforschen und ihr könntet dort unsere Führer und Beschützer sein. Aber all das müssen wir noch besprechen, denn wir wollen euch nichts diktieren.“

Ewan hatte dem Prinzen genau zugehört und dabei dessen Mimik studiert. Eines musste man dem Manne zugute halten: Er log nicht. Und was er sich im Gegenzug als Ausgleich für das Anti-Rad vorstellte, war für die Moles sicherlich leicht zu erfüllen. Sie kannten sich auf dem ganzen Kontinent aus. Sie kannten die Kuppeln, die Gänge, die Bahnen, die alten Bunker. Nur die Sache mit dem Beschützen mussten sie noch einmal ausdiskutieren – allerdings nicht jetzt. Jetzt nickte Ewan nur. „Das klingt fair.“

„Gut, das ist doch ein Anfang. Alles andere wird sich mit der Zeit zeigen. Wir müssen uns erst einmal kennen lernen und vor allen Dingen müssen wir lernen, uns gegenseitig zu vertrauen. Das vor allen Dingen.“ Erdogan drehte sich zu Ewan um und sah ihn ernst an. „Es wird nicht leicht werden, denn meine Leute werden Angst vor euch haben. Darum sollten wir den Kontakt erst einmal beschränken. Dann haben wir Zeit meine und deine Leute aneinander zu gewöhnen.“

Ewan sah den Menschen wieder forschend an. Es war schade, dass Adrian nicht da war, es wäre eine Premiere für den Mole gewesen, Ewan Reue spüren zu hören. „Der Überfall auf euer Labor, er war nicht ganz okay“, gab er zu, um zu zeigen, dass er verstand, warum die Menschen ihnen nicht trauten. Das hieß noch nicht, dass er den Angriff als Fehler zugab, doch dass auf beiden Seiten Individuen gestorben waren, war nicht beabsichtigt gewesen. Er deutete auf Erdogans Seite. „Tut mir leid.“

„Ich habe mich herein legen lassen, geschieht mir also recht. Die Narbe wird mich daran erinnern, und vorsichtiger machen.“ Erdogan erkannte die Leistung des Mole-Anführers durchaus an, auch wenn er immer noch verstimmt darüber war, dass er sich hatte reinlegen lassen. „Ihr hattet einen guten Grund uns anzugreifen. Wahrscheinlich hätte ich das in eurer Situation auch getan.“

„Haben eigentlich alle Kuppler Flügel oder bist du auch anders?“, stellte er die Frage, die ihn seit seiner Begegnung mit dem Prinzen beschäftigte. Er konnte sich deutlich an die großen, schwarzen Schwingen erinnern, die den verletzten Körper davongetragen hatten. Er hatte mit niemandem darüber geredet. Nicht einmal mit Odin, aber von dem wusste er, dass er keine Flügel hatte.

Erdogan sah Ewan überrascht an und dann grinste er. Er lockte Salcedo auf seine Hand und hielt ihn dann Ewan hin. „Nein, die Kuppler haben keine Flügel und ich normalerweise auch nicht. Mein kleiner Freund hier, wird zu meinen Flügeln, wenn ich in Gefahr bin.“ Der Prinz ließ Sal zu Ewan auf das Bett springen, damit der ihren neuen Verbündeten beschnüffeln konnte. „Es wäre nett, wenn du ihn nicht vor Bill erwähnen würdest, denn er ist ein Experiment, das ihm entwischt ist und so was kann unser Frankenstein nicht leiden.“

Es war das erste Mal, das Ewan offen lächelte, dann leise lachte. Ein dunkles, sanftes Lachen. Er wusste zwar nicht, was ein Frankenstein war, aber es schien nichts Nettes zu sein. Er war wohl nicht der einzige, der von der Genetik nicht viel hielt. Jeder hatte seinen eigenen Grund. Er hob die krallenbewährte Hand und Sal blieb darauf sitzen, schnüffelte und hüpfte dem Fremden auf die Schulter. Nicht jeder ließ sich so bereitwillig beschnüffeln. Wenn er da an Leander zurück dachte, der hätte ihn fast gebissen und Michael hatte so laut geschrien vor Schreck, dass Sal abgestürzt war.

Ewan hielt still und ärgerte Salcedo immer mal wieder, so dass die Ratte fiepste und anfing mit dem Mole zu raufen. Erdogan schüttelte leicht den Kopf und drehte sich wieder zu den Monitoren.

„Scheiße“, fluchte er auch sofort und sprang auf. Im Labor stimmte etwas ganz und gar nicht.


25

Odin taumelte und fiel hin. Bill lief zu ihm, um ihn aufzufangen, aber er erreichte den alten Mann nicht mehr, denn Bill taumelte selber und griff sich röchelnd an den Hals. „Der Knopf“, schrie Erdogan und war schon auf dem Weg zur Labortür um sie zu öffnen. „Drück den verdammten Knopf“, schrie er immer wieder und hämmerte auf die Tastatur der Tür ein, die sich nicht öffnen lassen wollte. Bei ihm waren Dylan und Adrian, die alles vom Fenster aus hatten mit ansehen müssen und nicht begriffen, was passierte. Wie die Wahnsinnigen kratzten sie mit ihren Krallen über das Glas, doch es passierte nichts. Nicht einmal ein winziger Kratzer war im Glas. Nun waren sie mit Erdogan an der Tür, der immer noch nach Bill und Odin rief, damit sie endlich auf diesen verdammten Knopf drückten.

Plötzlich erschütterte eine Detonation das Labor und den Flur. Erdogan schoss herum. Was auch immer er gerade getan hatte, seine wilde Drückerei auf die Knöpfe hatte Erfolg gehabt. Und so lief er zu dem Loch in der Wand, um in das Labor zu steigen. „Hilf mir, Ewan!“

Erdogan zwängte sich durch das Loch und lief zu den beiden Wissenschaftlern, die auf dem Boden lagen. Bill lag ihm am nächsten, darum nahm er ihn hoch und reichte ihn schnell an Ewan weiter, der gerade ebenfalls in das Labor kommen wollte. „Nimm ihn, ich hole Odin“, rief er und schickte dann Leander los, Daniel zu holen. Hoffentlich war noch nicht alles zu spät.

Ewan griff den Menschen und zerrte ihn durch das Fenster. Die Glasscheibe war komplett entfernt worden, weswegen es zum Glück keine Splitter gab. Dafür war der Boden übersäht und Dylan half ihm, den Mann auf eine saubere Stelle zu legen. „Adrian, sieh ihn dir an“, forderte Ewan knapp, dann eilte er zurück um Erdogan Odin abzunehmen.

Er legte ihn neben Bill und Erdogan kniete sich hin. Bill regte sich leicht und war bei Adrian erst einmal in guten Händen, aber Odin atmete nicht und drum begann der Prinz mit einer Herz- Lungenmassage und Beatmung. Er war darin zwar kein Experte, aber vielleicht schaffte er es so, Odin so lange am Leben zu erhalten, bis Daniel hier eintraf.

„Was macht der mit Odin?“, wollte Dylan wissen, der zitternd an der Öffnung lehnte, die wie ein zahnloses Maul aus der Wand klaffte. Er hatte noch nicht begriffen, was eigentlich passiert war. Er sah Adrian völlig angespannt und dann der Prinz, der so komische Sachen mit Odin machte. Dylan bekam Angst und rutschte in sich zusammen.

Erdogan sah sich immer wieder hektisch um, brüllte in seinen Kommunikator und endlich meldete sich Leander wieder. Sie waren im Lift nach unten.

„Er versucht Odin zu helfen“, sagte Ewan und hockte sich neben Dylan. Er hoffte zumindest, dass der Prinz das machte und musste an ihr kurzes Gespräch denken. „Er versucht ihm zu helfen“, sagte er bestimmt, denn alles andere konnte er sich nicht vorstellen. Nur leider schien Erdogan nicht den Erfolg zu haben, den er erhoffte, denn Odin regte sich nicht.

„Bin da“, keuchte Daniel und schlug neben Erdogan auf. Selbst Leander zuckte zusammen, so knallten die Knie des Mannes auf den Beton. Gleich war seine Tasche ausgepackt und er fing an, Aufgaben zu verteilen. Doch nach wenigen Augenblicken wich die Hektik aus seinem Körper. „Es tut mir leid“, sagte er leise und löste die angeschlossenen Geräte wieder von Odin. Alles, was ihm blieb war, ihm die Lider zu schließen und Dylan verstand nicht, was passierte. Mit Unglauben beobachtete er, wie sich der fremde Mann Bill zuwendete.

Erdogan fluchte unterdrückt und wischte sich über die Augen. Er war vollkommen durchgeschwitzt und alles war umsonst gewesen.

Odin war tot.

Der Mann, in den sie so viele Hoffnungen gesetzt hatten, lag nun vor ihm auf dem Fußboden. Er sah kurz zu Ewan und man sah ihm an, dass er sich schuldig fühlte. Sie hatten den Mann hierher gebracht und jetzt war er tot.

Langsam kam Ewan zu ihm, er sah Erdogan nicht an, sondern kniete neben Odin nieder. Er hatte nicht nur einen Verbündeten verloren sondern einen Freund. Vielleicht ihre einzige Hoffnung, dem Joch zu entkommen und ihr Volk zu befreien. Jetzt mussten sie auf Gedeih und Verderb mit den Kupplern kooperieren. Odin hatte ihnen vertraut und wollte ihnen helfen. Ewan hatte nicht das Recht, jetzt daran zu zweifeln. Doch es tat weh und er wollte einen Schuldigen dafür finden. Kurz sah er Erdogan an, zuckte aber, als Daniel zwei Soldaten mit einer Trage zu Bill beorderte. Zwei andere kümmerten sich um Odins Leichnam.

Erdogan sah seine Männer an und bedeutete ihnen mit einem Kopfschütteln, dass sie Odin noch nicht wegbringen sollten. Er legte Ewan eine Hand auf den Arm. „Es tut mir leid. Wir werden herausfinden, was passiert ist und ich würde mich freuen, wenn du dabei mithelfen würdest. Wenn es kein Unfall war, werden wir die Schuldigen finden und sie bestrafen, das verspreche ich dir.“

Ewan sah auf, doch er antwortete nicht. Er nickte nur fast unmerklich. Das war das mindeste, was sie tun konnten. „Kann ich ihn begleiten?“, fragte der Mole nach einer Weile und Erdogan wechselte einen Blick mit Daniel, der gerade die Körperwerte von Bill auf seiner Trage kontrollierte.

„Sicher“, sagte der Arzt gleich und dabei sah er auch Adrian an. Der junge Mole schien viel von Medizin zu verstehen. Der kam ihm wie gerufen. „Du... ihr“, korrigierte er mit dem Blick auf den verstörten Dylan, „ihr auch.“

„Komm mit, Dylan“, sagte Ewan und winkte den jungen Mole zu sich. Erdogan schloss sich ihnen an, denn er wollte wissen, was mit den beiden passiert war. „Leander, du kümmerst dich um das Labor. Finde raus, was da drin genau passiert ist.“

„Geht klar“, nickte Leander und rief seine Männer zu sich. Als erstes mussten sie die Tür des Labors öffnen. Sie konnten unmöglich ständig durch das kaputte Fenster ein- und aussteigen. Er sah Erdogan und den anderen nach, bis sie im Lift verschwunden waren. Dann machten sie sich an die Untersuchung.

Im Lift war es eng mit den beiden Tragen. Dylan starrte immer wieder auf Odin. Er sah aus, als würde er schlafen. Doch er schlief nicht. Seine Nase bewegte sich nicht, sein Brustkorb hob sich nicht mehr.

„Wir bringen sie in die Praxis. Bill braucht Ruhe und ich will sehen, an was Odin gestorben ist.“ Auch Daniel ließ das keine Ruhe.

„Das will ich auch wissen.“ Erdogan ballte die Fäuste. So hatte das nicht laufen sollen. Mit Odin war wohl auch ihre Chance auf eine schnelle Entwicklung des ungefährlichen Serums dahin. Er glaubte nicht mehr an einen Unfall, aber was sich daraus zwangsläufig ableiten ließ, gefiel ihm gar nicht.

Sie hatten einen Verräter in ihrem Team!

Schlimmer noch, es musste jemand sein, der das Labor hier unten kannte, der Odin kannte und der wusste, wie man das Hochsicherheitslabor sabotieren konnte. Zu deutsch: sie hatten noch einen Gottgleichen hier irgendwo herum laufen.

Am liebsten hätte Erdogan laut geflucht, doch er konnte sich diese Blöße nicht geben. Zwar hatte Odin gesagt, sie rekrutierten nicht im Heer, doch wer war es dann gewesen? Vielleicht wussten sie ja, wer in Frage kam, wenn sie wussten, wie es passiert war.

Er musste das später unbedingt mit Leander besprechen und mit Ewan. Der Mole war ihr Verbündeter und er sollte über alles informiert werden. Vielleicht konnte er mit seinen feinen Sinnen ja mehr sehen oder spüren als die Menschen. Sie folgten Daniel in die Klinik und Erdogan wollte unbedingt bei ihm bleiben, um auf ihn aufzupassen. Der Attentäter konnte es schließlich noch einmal versuchen. Irgendjemand wollte nicht, dass sie dem Geheimnis auf die Spur kamen und wer so akribisch dafür sorgte, dass die Mitglieder sich untereinander kaum erkannten, der gab nicht auf, bis alle Feinde entsorgt waren.

Was hatte ihn verraten?

Sein Deckname?

Odin?

Er hatte selbst gesagt, dass man sich an den Gesichtern kaum erkennen konnte, Namen waren kaum bekannt.

Wäre er noch am Leben, wenn sie ihn Owen genannt hätten?

Oder hätte sein Wissen über das versteckte Herz der Anlage ihn trotzdem das Leben gekostet? Erdogan atmete tief durch und half dann dabei, die Bahren auf die Wagen zu verladen.

„Steigt bei mir ein“, schlug er den Moles vor. In seinem Wagen war noch Platz. Er fuhr sofort los, als Ewan und Dylan im Wagen saßen und der Prinz nutzte die Gelegenheit, um Ewan in seine Vermutungen einzuweihen. „Wir müssen einen Verräter in unserem Team haben, denn ich glaube nicht, dass es ein Unfall war. Jemand wollte Odin und Bill töten.“

„So weit bin ich auch schon“, sagte Ewan trocken, löste seinen Blick dabei nicht von der Straße, gerade so als erwartete er, der Attentäter würde sich vor dem Wagen materialisieren. „Die Frage ist wer.“ Und dass derjenige es erneut versuchen würde, stand außer Frage. „Ich werde also bei eurem Mann bleiben. Wir können ihn nicht auch noch verlieren.“ Da war Ewan pragmatisch.

„Wir werden uns abwechseln. Odin hat gesagt, dass die Gottgleichen ihre Männer nicht aus den Soldaten rekrutiert haben und außer denen gibt es hier nur noch Wissenschaftler und die passen genau in das Schema.“ Erst jetzt wurde Erdogan so richtig klar, was das bedeutete. „Ein paar der Männer können wir von der Liste streichen, aber trotzdem bleiben da noch jede Menge Männer, die unser Verräter sein könnten.“

„Vertraust du ihnen so sehr, dass du sie einfach von der Liste streichen würdest?“, stichelte Ewan. Es war Absicht, Misstrauen zu säen, denn wenn man schon vorselektiert an die Auslese ging, hatte das doch wenig Sinn. „Wie viele würdest du ausnehmen und warum“ er wollte Erdogans Beweggründe kennen und ihn sensibilisieren. Sie hatten nicht mehr viele Chancen.

Wenn Bill starb, waren sie verloren.

Aber vielleicht war es auch Bill gewesen?

Wer wusste das schon?

„Ja, diesen Männern vertraue ich“, sagte Erdogan schlicht. „Daniel, der sich um Bill kümmert, gehört dazu, genauso wie sein Bruder und Jack, der mit bei euch war. Das sind aber auch alle. Diese drei haben bewiesen, dass man ihnen trauen kann.“

Ewan nickte. Das musste er wohl so hinnehmen.

Sie hatten die eingerichtete Praxis erreicht und so sprang er gleich aus dem Wagen und eilte wieder zu den Bahren. Der Anblick von Odin tat immer noch weh. Nie wieder würde er die Augen öffnen. Ewan konnte das noch nicht richtig begreifen, dabei war er doch nicht der erste, den der junge Mole hatte sterben sehen.

„Hier lang“ Daniel lief eilig voraus. „Odin dorthin, Bill ins Nebenzimmer“, forderte er und lief gleich weiter dorthin, wo sie Bill stabilisieren wollten. Er war noch immer ohne Bewusstsein und wurde beatmet.

Erdogan und die zwei Moles folgten ihm gleich, denn sie wollten Bill nicht aus den Augen lassen. „Warum ist er noch immer bewusstlos?“, fragte Erdogan Daniel und der sah ihn kurz an.

„So auf den ersten Blick tippe ich auf eine Kohlenmonoxid Vergiftung“, erklärte der Arzt und schloss Bill an die Überwachungsgeräte an.

„Kohlenmonoxid“, murmelte Ewan, er wusste nicht, was das war. Doch es klang schon ziemlich giftig.

„Es verhindert, dass man Sauerstoff atmen kann“, erklärte Daniel grob und schob eilig ein paar Hocker an das Bett, damit die Moles und der Prinz sich setzen konnten, wenn sie das wollten. „Aber wenn es das ist, dann kriegen wir das wieder hin.“

„Und warum ist Odin tot und der Mensch da nicht?“, platzte es plötzlich aus Dylan heraus und alle sahen sich zu ihm um. Verlegen blickte Dylan auf den Boden. Er hatte das gar nicht fragen wollen, aber es war ihm einfach herausgerutscht.

„Das kann ich erst genau sagen, wenn ich Odin obduziert habe. Aber so als erste Erklärung, wäre da einmal das Alter. Vielleicht hatte er eine Herzkrankheit oder einfach das Pech, dass er mehr von dem Gift eingeatmet hat.“ Daniel hätte Dylan gerne eine genauere Antwort gegeben, aber leider konnte er das noch nicht.

Der junge Mole gab sich damit erst einmal zufrieden, froh darüber, dass er nicht gleich rausgeflogen war. Adrian drückte ihm die Hand und Dylan atmete tief durch. War wohl noch mal gut gegangen. Er musste versuchen ruhiger zu werden, doch das war nicht so leicht, wenn viele Dinge in so kurzer Zeit zum ersten Mal passierten. Es wurde ihm langsam zu viel, doch das konnte er unmöglich zugeben. Dann schickte ihn Ewan vielleicht zurück. Doch wo hin sollte er denn? Seine Familie hatte ihn verstoßen. Es gab kein zurück. Er musste hier bleiben.

Schweigend sahen sie zu, wie Daniel sich um Bill kümmerte, der zum Glück nach einiger Zeit wieder kurz das Bewusstsein erlangt hatte. Der Genetiker würde wohl auf jeden Fall überleben, nur war noch nicht abzusehen, wie lange er ausfallen würde. „Wir sollten uns mit seiner Bewachung abwechseln. Es macht ja keinen Sinn, wenn wir gleichzeitig auf ihn aufpassen. Wir sollten Zweierteams bilden“, wandte Erdogan sich flüsternd an Ewan, denn er wollte Daniel nicht unnötig beunruhigen.

Mitten in die Überlegungen platzte Kyle. E war den ganzen Weg aus dem Labor gelaufen, nachdem er gehört hatte, was passiert war. Keuchend sank er vor dem Bett seines Mannes zusammen und sah Daniel auffordernd an. Der verstand und schilderte kurz, was passiert war. Doch kein Wort über die Verdachtsmomente eines Anschlages. Kyle bekam einen Stuhl neben das Bett gestellt - den letzten der noch da war - und so schaltete er alles andere ab. Er fixierte sich nur auf seinen Liebsten, flüsterte leise und griff dessen Hand.

„Wir haben keine andere Wahl“, sagte Ewan ebenso leise und zog sich noch etwas weiter zurück. Schnell hatte er begriffen, dass Bill und der Fremde sich nahe zu stehen schienen. Seine pietätlosen Worte musste der nicht hören. „Außerdem liegt jetzt das Projekt Anti-Rad auf Eis, solange Bill ausfällt.“

„Ja, leider. Aber daran können wir nichts ändern. Es wird uns ein wenig zurückwerfen, aber nicht aufhalten.“ Erdogan sah auf Bill und plötzlich fiel ihm etwas ein. „Ewan, lass uns zu eurem Quartier gehen. Wir müssen verhindern, dass sich jemand eventuell Odins Aufzeichnungen und persönlichen Gegenstände aneignet. Ich hoffe, er hat über seine Forschungen aufgezeichnet, damit Bill sie nutzen kann.“

Kurz sah der Mole sich um, doch er fand, dass Adrian und Dylan ausreichen sollten, um Bill zu schützen. Also erhob er sich. Im Augenblick waren sie hier nicht von Nutzen. Seine Gefährten sahen ihnen nach und Ewan flüsterte ihnen zu, was er vorhatte. Moles hatten gute Ohren. Sie vernahmen Laute, die die Menschen schon gar nicht mehr wahrnahmen.

Auch Daniel sah den beiden nach, doch er war sich sicher, sie wussten, was sie taten. Sein Platz war vorerst bei Bill. Schließlich musste er ihm irgendwann noch erklären, warum er attackiert worden war. Es sollte schlussendlich seine Entscheidung sein, ob er weiter machen wollte.

So schnell, dass es nicht auffällig wirkte, liefen Ewan und Erdogan zu den Quartieren der Moles und der Prinz ließ Ewan vorgehen. Sein Verbündeter hatte schärfere Sinne und wenn sich jemand hier aufhalten sollte, dann erkannte Ewan das schneller. Mit der Waffe im Anschlag ging Erdogan hinter dem Mole durch die Räume zum Zimmer Odins. Hoffentlich war noch niemand hier gewesen. Ewan öffnete fast lautlos die Tür und huschte einem schwarzen Schatten gleich durch den Spalt, doch dann benahm er sich auffällig und sah Erdogan an, der ebenfalls das Zimmer betrat. Es war niemand hier, doch es lag etwas in der Luft, was hier nicht hin gehörte.

„Irgendjemand war hier gewesen. Das ist nicht nur Odins Geruch“, erklärte Ewan das, was Erdogan sicherlich nicht bemerkte. Hastig folgte er der Duftspur durch den Raum und merkte schnell, dass man sich wohl nur flüchtig umgesehen hatte. Das war gut, dann war das kleine unscheinbare Buch, in dem Odin alles festhielt, was ihm durch den Kopf ging, noch in dessen alter Jacke. Dort wo er es immer trug.

Erdogan folgte ihm und sah den Mole fragend an, als der das kleine Buch hochhielt. „Das sind Odins Aufzeichnungen?“, fragte er und war erleichtert, als der Mole nickte. „Wir nehmen alle Sachen von Odin mit und schließen sie ein, so dass nur wir dran können“, bestimmte der Prinz und dann fragte er noch etwas, was ihn beschäftigte. „Du hast gerochen, dass jemand hier war. Könntest du ihn wiedererkennen, wenn du ihn noch einmal riechst?!“

Ewan nickte. „Ich kann es allerdings nicht mit hundertprozentiger Sicherheit. In diesem Raum waren vor Odin und dem Fremden noch andere. Ich habe nur feststellen können, dass nach Odin noch jemand hier gewesen ist. Sein Geruch hat sich vermischt. Es wird schwer werden, aber nicht unmöglich“, sagte Ewan überlegend. „Und ehe du mich fragst: nein, ich erkenne den Geruch nicht wieder, wenn wir unten am Labor Untersuchungen machen werden. Nichts von dem, was ich da unten gerochen habe, erkenne ich hier wieder.“

„Okay.“ Erdogan war mit der reinen Möglichkeit schon zufrieden. Gemeinsam nahmen sie Odins Habseligkeiten auf und brachten sie zu einem gesicherten Raum. Dort waren sie erst einmal sicher, denn die Soldaten hatten Anweisung, nur Erdogan und Ewan hinein zu lassen.

„Ich übernehme die erste Wache. Ruh dich mit deinen Leuten aus und esst etwas. Damit das auch was wird, gehen wir jetzt in die Küche und sehen, was von unseren Lebensmitteln für euch geeignet ist.“

Wieder nickte der Mole. Eines musste er dem Menschen zugute halten. Er bemühte sich und er war offen. Er versuchte gar nicht erst, ihnen etwas vorzumachen. Ob die Gottgleichen auch so sein konnten? Hastig schüttelte Ewan den Kopf. Nein, auch wenn er diesen Prinzen vielleicht als Verbündeten ansehen konnte, diese Gottgleichen, diese Sklaventreiber, wollte er nicht als Lebewesen sehen – das waren Monster.

Sie schritten schweigend den Flur entlang und dann die Treppe nach unten bis zu den Vorräten. Schnell hatte Ewan einen kleinen Korb voll Wurzeln und Brot gepackt. Das kannte er, das würden sie sicherlich auch vertragen.

„Wie sieht es mit Fleisch aus?“ Erdogan deutete auf große Fleischstücke in einem der Kühlschränke. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er gar nicht wusste, was die Moles überhaupt aßen. Irgendwie konnte er sich nicht vorstellen, dass so kräftige Kreaturen sich rein vegetarisch ernährten.

„Ab und an, wenn wir eine Landwirtschafskuppel erbeutet haben, haben wir auch Fleisch gegessen. Sonst wüssten wir nicht, wo wir welches herbekommen sollten. Wir züchten unter der Erde nicht und oben existiert nichts.“ Ewan sah den Prinzen kurz an, doch er unterließ es, ihn weiter damit zu demütigen, dass er ihn belehrte. Der Mann war schließlich kein Dummkopf. „Proteine ziehen wir aus einer Wurzel, die wir anbauen. Sie wächst ohne Sonnenlicht.“

„Ohne Sonnenlicht?“ Erdogan schloss den Kühlschrank und sah Ewan neugierig an. „Das würde unsere Botaniker bestimmt interessieren“, grinste er und zusammen gingen sie wieder zu dem Quartier der Moles. Dort gab es auch eine Küche und der Prinz erklärte Ewan, wie man den Herd bediente. „Ich gehe zu Bill und schicke dir Adrian und Dylan.“

„Mach das“, knurrte der Mole angespannt, denn er machte sich gerade mit dem Herd vertraut, schnüffelte sich durch die kleinen Gläser mit Gewürzen, die der Prinz ihm hingestellt hatte. Moles würzten auch, meistens mit Salz, was sie unter der Erde fanden. Dieses ganze bunte Zeug war ihm neu und er war neugierig. So merkte er nicht einmal, wie der Prinz ging und nach einer Weile Adrian und Dylan zurückkamen, die ihn niesend über die Spüle gebeugt fanden. Jetzt wusste Ewan, was Pfeffer war. Er hätte auf die Erfahrung verzichten können.


26

„Kyle, pass doch auf“, rief Rodriguez, als der Tierarzt zu nahe an einem der Tische vorbei ging und ein Gerät ins Wanken brachte. Seit vier Tagen arbeiteten sie jetzt in dem neuen Labor, aber ohne Bill kamen sie sich vor, als würden sie im Nebel stochern. Der Genetiker fehlte an allen Ecken und Enden, aber der musste noch ein paar Tage in der Klinik bleiben, da ließ Daniel nicht mit sich handeln, egal wie sehr Bill tobte.

„Was?“, fragte Kyle, völlig in Gedanken und drehte sich zu Rodriguez um und fegte dabei mit seinem Ellenbogen eine kleine Flasche mit einer klaren Flüssigkeit vom Tisch und die fiel dem Genetiker auf den Fuß und zerbrach.

„Verdammt“, fluchte Rodriguez und versuchte schnell seinen Schuh auszuziehen. Dabei zischte er auf, denn ihn hatte eine Säure getroffen und die fraß sich gerade durch das Leder und verbrannte seinen Fuß.

„So eine Scheiße!“, fluchte er laut und steckte seinen Fuß gleich unter fließendes Wasser. Es gab in dem Labor reichlich Notduschen in allen Größen und Höhen. Er setzte sich auf einen Stuhl und ließ weiter das Wasser laufen. Doch der Schmerz ließ nicht nach.

„Tut mir leid, das war...“, stammelte Kyle. Er wusste, dass das seine Schuld war. Er war völlig durch den Wind. Egal, was sie machten, sie stießen an ihre Grenzen, egal was sie versuchten und Bills Unfall ging ihm einfach nicht aus dem Kopf.

„Vergiss es, ruf Daniel“, winkte Rodriguez ab. Sie kamen sowieso nicht weiter und sein Fuß musste versorgt werden. Die Säure hatte sich an einigen Stellen ziemlich tief ins Fleisch gegraben und es blutete. Kyle stand noch immer neben ihm und stammelte Entschuldigungen darum knurrte er ihn an. „Jetzt geh endlich. Es tut weh.“

„Ja“, brüllte Kyle fast und hatte schon das Telefon in der Hand und die Nummer der Notfallpraxis oben im Labor gewählt. Schnell war berichtet, was passiert war und Kyle hatte noch nicht einmal zu Ende erklärt, da hatte Daniel schon aufgelegt. Kyle wusste, dass er bereits auf dem Weg nach unten war. Daniel war eben mit Leib und Seele Arzt. Nur in seltenen Fällen half er im Labor aus, wenn Kulturen anzusetzen waren oder ausgewertet werden mussten. Doch meistens wurde er oben gebraucht. Es war unglaublich, wie oft etwas passierte, und wenn es nur kleine Verletzungen waren.

Es dauerte nicht lange und Daniel fegte um die Ecke. Er lief gleich zu Rodriguez und kniete sich neben ihn. „Was war das?“, fragte er und er nickte als der Genetiker ihm sagte, dass es Perchlorsäure gewesen war. Zumindest war sie nicht giftig und das Wasser hatte sie abgewaschen. „Na, da hast du ja ganze Arbeit geleistet“, scherzte er grinsend. „Komm ich stütz dich und wir gehen rüber zum Tisch. Da ist es bequemer für uns beide.“

„Ja, wegen mir. So lange das Brennen bald aufhört, bin ich zu jeder Schandtat bereit.“ Rodriguez biss die Zähne zusammen und trat auf. Dabei stützte er sich auf Daniel und Kyle, während Allan den Tisch etwas frei räumte. Nicht dass noch etwas umkippte. Rodriguez ließ sich darauf helfen und atmete tief durch, als Daniel anfing, die Wunden zu versorgen. Vorsichtig untersuchte er erst die Wunden und säuberte sie. Als er den Fuß höher hob, stutzte er. Er blinzelte nur kurz und machte dann gleich weiter, denn er wollte nicht, dass jemand etwas bemerkte.

Ehe er den Verband anlegte, betrachtete er sich die kleine Tätowierung auf Rodriguez’ Zeh noch einmal. Er musste sie sich gleich aufmalen, ehe er sie vergaß. Denn er sah derartiges nicht zum ersten Mal.

Darum verabschiedete er sich auch schnell, als Rodriguez versorgt war und hastete zu seinem Büro, denn natürlich hatte er keinen Stift und kein Papier mit. Sofort skizzierte er die Tätowierung und war nicht ganz zufrieden damit, denn er konnte nicht gut zeichnen. „Und jetzt?“, murmelte und griff zum Telefon. Er sollte Erdogan mitteilen, was er entdeckt hatte.

Der Prinz war ebenfalls in der Anlage unterwegs, während Leander noch immer Wache bei Bill schob und sich sicherlich seit heute Morgen anhören durfte, wie ätzend der Genetiker diese Lösung fand und warum er nicht endlich wieder ins Labor durfte. Erdogan war also ziemlich froh, wenn der Kelch an ihm vorüber ging und er keine Wache schieben musste. „Was gibt es?“, wollte er ziemlich entspannt wissen. Gerade war er dabei, mit zwei seiner Männer die neu entdeckten Gänge im Hauptlabortrakt zu erkunden und zu kartographieren.

„Erdogan, kannst du bei mir vorbeikommen?“, fragte Daniel, der dem Prinz nicht am Telefon sagen wollte, was er entdeckt hatte. Seit er die Tätowierung bei Rodriguez gesehen hatte, fühlte er sich unwohl und ständig hatte er den Drang sich umzusehen.

„Bin gleich da“, murmelte Erdogan, der plötzlich kein gutes Gefühl hatte. Meistens sagte Daniel so Sachen wie, „wenn du mal Zeit hast“ oder „drängt nicht“, doch diese Worte waren dieses Mal nicht gefallen. Es schien also zu drängen und so machte er sich gleich auf den Weg, ließ seine Jungs allein weiter machen. Sie wussten, was zu tun war.

„Da bin ich, was gibt es?“, fragte er und sah, wie Daniel zusammenzuckte. Was war denn hier los?

„Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, wir haben ein Problem.“ Daniel holte tief Luft. Vielleicht machte er auch nur die Pferde scheu, wer wusste das schon so genau.

„Also“, fing er an und spielte mit dem Blatt, das er in den Fingern hielt, „ich habe doch Odin obduziert und dabei ist mir etwas aufgefallen, was ich aber nicht weiter beachtet habe, weil es etwas ganz Gewöhnliches war. Aber jetzt habe ich so etwas Ähnliches wieder gesehen und es könnte sein, dass es etwas zu bedeuten hat.“ Daniel war nervös, als er Erdogan den Zettel hinschob. „Rodriguez hatte heute einen kleinen Unfall und dabei habe ich auf der Unterseite seines linken, großen Zehs eine Tätowierung gesehen, die ungefähr so aussah. Ist nicht weiter spektakulär, könnte man meinen, aber Odin hatte fast die gleiche, an der gleichen Stelle.“

„Wie bitte?“, fragte Erdogan und versuchte zu rekapitulieren, was Daniel ihm eben erzählt hatte. Er nahm den Zettel an sich, doch die merkwürdigen Striche machten für ihn keinen Sinn. Ein paar sahen aus wie Äste, andere waren einfache Striche, wieder andere wie Pfeile. Andere hatten gar Ähnlichkeit mit Buchstaben. Was sollte das sein?

„Und das sah so aus?“, fragte er und sah Daniel forschend an. „Wie sah das von Odin aus?“ Ob Ewan ihnen helfen konnte und wusste, was das zu bedeuten hatte? Vielleicht hatte Odin ihn ja eingeweiht. Schließlich wusste der Mole auch, dass Odin ein Gottgleicher war.

„Warte, ich habe Bilder von allen wichtigen Merkmalen gemacht, bevor ich mit der Obduktion angefangen habe.“ Daniel rief die Datei mit den Bildern auf seinem PC auf und drehte ihn dann zu Erdogan. Die Zeichen waren ähnlich und manche gleich, aber sie waren anders angeordnet.

„Was kann das nur sein?“, knurrte Erdogan und aktivierte den zweiten Monitor. Schnell war Ewan angewählt, denn auch die Moles waren mittlerweile als vollwertige Mitglieder mit Technik ausgestattet worden, die sie überraschend schnell begriffen hatten. Vor allen Dingen Ewan. Sein Gesicht erschien auf dem Monitor und nach einem kurzen Gruß fragte der Prinz: „Weißt du was über eine Tätowierung bei Odin?“

„Tätowierung?“, fragte Ewan und sah den Prinzen fragend an? „Ich weiß, dass er eine hatte, unter dem Fuß, aber das war es auch schon. Warum?“, sagte der Mole und bevor Erdogan etwas erwidern konnte, wurde er von einem Jubelschrei abgelenkt.

„Es sind Runen. Eine uralte Sprache aus dem nördlichen Europa und Odin war damals der oberste Gott und ratet mal, was auf Odins Zeh geschrieben stand.“ Daniel strahlte und deutete auf seinen Bildschirm. Er hatte einen Bildabgleich machen lassen und war ziemlich schnell in eine Datenbank gelangt, die sich mit alten Sprachen der Erde beschäftigte.

„Da steht Odin auf seinem Zeh?“, fragte der Mole und zuckte die Schultern. Ein komischer Kerl war er gewesen, ihr Freund. Aber er fehlte ihm, mit jedem Tag mehr und so sah er Erdogan nun an, denn er begriff nicht, was eigentlich los war.

„Wir reden, wenn ich zurück bin“, sagte Erdogan nur und der Mole nickte, ehe er auflegte. Dann sah der Prinz Daniel an. Die Tür war geschlossen, doch er sah sich trotzdem um. „Gleiche auch das ab, was ER unter dem Zeh hatte.“ Erdogan vermied den Namen, wer auch immer ihnen zuhörte, sollte so wenig wie möglich mitbekommen.

„Ich werde es versuchen, aber ich kann dir nicht versprechen, dass ich die Zeichen richtig und in der richtigen Reihenfolge behalten habe.“ Daniel suchte sich ein Runenalphabet und setzte die Zeichen auf dem Zettel zusammen, aber das ergab keinen Sinn. „Mist“, murmelte er leise und hatte Erdogan völlig ausgeblendet, der ihm neugierig über die Schulter guckte. Daniel hatte sich jetzt darin verbissen und wollte das Rätsel lösen. So kam er nicht weiter, darum rief er sich eine Liste der nordischen Götter in Runenschrift auf. Er verglich seinen Zettel mit den Namen und fand schließlich einen Namen, der passen könnte. „Thor“, murmelte er und nickte. Ja, das konnte sein.

Erdogan starrte auf den Bildschirm und holte tief Luft. „Ich glaube, wir haben den Verräter“, flüsterte er Daniel ins Ohr, damit ihn keiner hören konnte. Doch was sollten sie mit dem Wissen jetzt anfangen? Sie hatten zwei Möglichkeiten: entweder konfrontierten sie Rodriguez mit ihrem Wissen und riskierten die Gottgleichen zu warnen oder sie drehten den Spieß um und nutzten den Kerl, um an die Hintermänner zu kommen, indem sie Falschmeldungen streuten und guckten, was passierte.

Daniel schloss die Seite und zog unbehaglich die Schultern hoch und nickte. Etwas zu vermuten und es dann praktisch bewiesen zu bekommen, waren zwei ganz verschiedene Dinge. „Wir sollten uns mit Ewan und Leander treffen. Außerhalb der Gebäude, wo man uns nicht abhören kann“, flüsterte er und sah den Prinzen unsicher an. Das war alles etwas viel für ihn, denn er wusste nicht, wie er Rodriguez jetzt gegenübertreten sollte.

„Versuch es zu vergessen, wenn du ihn siehst. Vielleicht tun wir ihm auch unrecht“, flüsterte Erdogan und richtete sich wieder auf. Er sah auf die Uhr. Sie hatten noch drei Stunden, bis sie das Labor schließen wollten. Sie handhabten es immer noch so, dass ohne die Leiter keiner hier zu sein hatte. Doch im Labor kamen sie ohne Bill sowieso nicht vorwärts, es wäre zu überlegen – doch dann schüttelte Erdogan den Kopf. Vielleicht witterte Thor etwas, wenn sie plötzlich die Anlage schlossen, obwohl sie sonst jede Minute nutzten, um die Gänge und Anlagenteile zu kartographieren.

„Geh schon mal rüber. Ich komme, wenn hier Schluss ist.“ Dann wandte sich der Prinz um und ging.

„Gut.“ Daniel war froh, dass er gehen konnte, wenn es auch nur ein Aufschub war. Morgen würde er Rodriguez wiedersehen, denn er musste die Verletzung kontrollieren. „Ich bin in der Klinik“, sagte er darum und klappte seinen Laptop zu. „Wir sehen uns nachher.“

Doch da war Erdogan schon durch die Tür, den Kopf voll schwerer Gedanken. Sie benannten sich nach Göttern, sie trugen die Namen am Körper und auch wenn Rodriguez zum Zeitpunkt des Anschlags nicht in der Nähe gesehen worden war, hieß das noch lange nicht, dass er nicht da gewesen war. Wenn er Odin erkannt hatte und wenn er schnell hatte handeln müssen, dann war er der einzige, der die Anlage gut genug kante, um sie zu manipulieren.

Doch war Rodriguez jemals hier gewesen?

Er musste sich dessen Dienstpläne ansehen. Hatte der Mann überhaupt allein entschieden, dass der Überläufer sterben musste? Oder taten sie dem Manne gar völlig unrecht? Erdogan wusste es nicht.

Aber diese Tätowierungen wären ein viel zu großer Zufall. Rodriguez war wohl wirklich einer der Gottgleichen, aber war er auch der Attentäter? Es konnten noch viel mehr Verräter unentdeckt unter ihnen sein. Jetzt allerdings hatten sie einen Anhaltspunkt und sie konnten vermehrt darauf achten, ob noch mehr dieser Tätowierungen auftauchten.

Er war sich sicher, dass er Daniel nicht darauf hinweisen musste. Er würde jede Chance auch so nutzen, den Jungs unter die Füße zu blicken. Der Gedanke daran ließ Erdogan grinsen, doch es brachte ihn nicht von seinem Problem ab. Jetzt sollte er sich erst einmal auf die Kartierung konzentrieren und sich heute Abend mit den anderen zusammensetzen. Vielleicht hatten die eine Idee, wie weiter zu verfahren war.

Er war mit seinen Überlegungen immer noch nicht weiter, als er zur üblichen Zeit das Labor schloss. Wie sonst auch, holte er sich etwas zu essen und setzte sich zu seinen Männern, um sich deren Berichte vom Tag anzuhören. Es war auch nicht unüblich, dass der Prinz sich danach noch mit Ewan und Leander traf, so machte sich keiner darüber Gedanken, als die Dreiergruppe sich nach dem Essen absetzte und Daniel wie zufällig dazu stieß.

Dylan und Adrian kümmerten sich wie üblich um Bill, Kyle versuchte seinen immer noch verstimmten, weil nicht ausgelasteten Gatten milde zu stimmen und so hatte eigentlich jeder etwas zu tun.

Unter einer kleinen Baumgruppe hinter dem Hauptquartier standen ein paar große Steine. Die nutzten sie, um sich zu setzen. Daniel war immer noch völlig aufgekratzt und knüllte die Zettel, die er ausgedruckt hatte, während Ewan Erdogan musterte. „Was sollte die Fragerei mit den Tätowierungen“, wollte er also wissen und Leander sah ihn nur fragend an.

Erdogan übernahm es, Ewan und Leander auf den neuesten Stand zu bringen und nach dem er geendet hatte, herrschte erst einmal Schweigen. Daniel linste immer wieder unauffällig zu Ewan, dessen Gesichtsmuskeln heftig arbeiten. „Wir wissen nicht, ob er Odin getötet hat“, sagte der Arzt leise, denn er hatte Angst, dass der Mole los ging und Rodriguez tötete.

Der sah den Arzt undeutbar an und nickte nur. Zu viel ging ihm selbst durch den Kopf, als dass er die Menschen daran wollte teilhaben lassen. Der Arzt hatte ihn für seinen Geschmack zu deutlich gelesen. Er verschloss sein Gesicht also noch mehr.

„Wie kriegen wir raus, ob er es wirklich war?“, fragte Daniel und wirkte nervös. Er steckte mitten in einem Komplott, da hatte er sich noch nie befunden! Hoffentlich machte er keinen Fehler.

„Wir müssen ihn auf die Probe stellen und gucken was passiert?“, sagte Leander und Ewan nickte.

„Und wie?“, wollte Daniel wissen. Er hatte von so etwas doch gar keine Ahnung. Darum sah er Erdogan und Leander an, die ja als Soldaten davon Ahnung haben mussten. Doch die beiden hüllten sich noch in Schweigen, denn der Plan musste gut durchdacht sein, das ging nicht von jetzt auf gleich. „Wir sollten versuchen rauszubekommen, ob es noch mehr mit solchen Tattoos gibt. Leiht uns Meodin seinen Pool, für eine Party?“, grinste Leander, meinte es aber nicht wirklich ernst.

Erdogan verzog das Gesicht. Es war ja schon eine große Geste der Gnade, wenn Erdogan nach einem langen Tag unbehelligt in und aus dem Becken kam, ohne getaucht oder gejagt zu werden. Ob das Seepferdchen Fremde in seinem Revier dulden würde, war fraglich. Meodin war nicht mehr so schüchtern wie noch am Anfang, doch er war eigen. Leander hatte das schon genauso gemerkt wie Allan, der ihn ab und an begleitete. So schüttelte der Prinz grinsend den Kopf.

„Wie wäre es mit einer Generaluntersuchung? Sagen wir wegen... hm“, Leander überlegte, kam aber auch nicht gleich drauf. Vor allem sollte es nicht gleich sofort sein. Das fiel sicher auf.

„Erzählt ihnen, sie müssen gecheckt werden, ob die das Anti-Rad vertragen, ehe sie euch mit nach draußen begleiten dürfen“, schlug Ewan vor.

„Gute Idee.“ Leander nickte und auch der Prinz war davon angetan. „Ja, das klingt logisch. Hätten wir wahrscheinlich auch so gemacht. Wissenschaftler sind oft nicht gerade in Form und körperliche Fitness ist eine Grundvoraussetzung, um mit nach draußen zu kommen.“ Ja, die Idee war gut und so konnten sie alle unauffällig nach Tätowierungen untersuchen.

Dann schwiegen sie wieder eine Weile, ehe Leander tief Luft holte und aussprach, was ihm durch den Kopf ging. „Auch wenn Odin gesagt hat, sie rekrutieren nicht im Fußvolk. Meine Männer will ich trotzdem checken.“ Er fühlte sich dabei wie ein Verräter, doch ein Toter war Anlass genug, keinem zu trauen. „Bei ihnen können wir gleich morgen anfangen. Nach und nach ziehen wir sie uns raus.“ Er brauchte Gewissheit.

„Ja, es ist besser Gewissheit zu haben.“ Erdogan nahm Leander das Mistrauen nicht übel, er hätte die Untersuchungen ebenfalls angeordnet. Eigentlich war es unglaublich, dass sie plötzlich etwas hatten, was ihnen half die Gottgleichen zu entlarven. „Gut gemacht, Daniel“, sagte er zu dem Arzt, denn in der ganzen Aufregung hatte er das vergessen.

Doch Daniel verstand nicht gleich, nickte dann aber. „Außerdem sollten wir Bill langsam wieder ins Labor lassen. Der demoliert mir in kürze mein Krankenzimmer, wenn er nicht bald befreit wird.“

„Ich halte es für keine gute Idee, Rodriguez eine zweite Chance zu geben, wenn wir nicht wissen, ob Bills Tod ebenfalls geplant war.“ Leander schüttelte den Kopf. Und trennen konnten sie die Männer auch nicht. Das würde Verdacht und Misstrauen schüren. Sie mussten Bill einweihen – doch war das ratsam?

Verdammt, mit ihrer Entdeckung war es nicht einfacher geworden!

„Rodriguez ist erst einmal krank.“ Daniel rieb sich über das Kinn und man sah, dass er überlegte und mit sich kämpfte. „Ich muss morgen den Verband wechseln“, sagte er schließlich und er sah dabei aus, als wenn er in eine Zitrone gebissen hätte. „Unter Umständen und sehr ungern, weil es gegen meine Überzeugung ist, könnte ich ihm dabei etwas geben, das ihn ein paar Tage außer Gefecht setzt. Etwas völlig Harmloses natürlich. Er würde Fieber bekommen und sich sehr matt fühlen.“

Man sah seinen Augen an, was er als Arzt davon hielt, anstelle zu heilen zu verletzen, denn genau das würde er tun. „Wenn du das mit deinem geleisteten Eid nicht vereinbaren kannst“, versuchte ihm Leander deswegen die Entscheidung abzunehmen, „musst du das nicht tun. Zieh ihn wegen Infektionsgefahr aus dem Verkehr, ein paar Tage Ruhe, damit sich nichts verschlimmert.“ Leander war kein Mediziner, aber Daniel würde schon etwas einfallen, war grausam genug klang, um Rodriguez vom Labor fern zu halten. Denn dann konnte Bill arbeiten – das war das wichtigste. Sie brauchten ihn und Odins Aufzeichnungen. Ihnen lief die Zeit davon, den Moles genauso.

„Ja, das wäre mir lieber und mir wird da schon was einfallen.“ Daniel war wirklich erleichtert, dass er doch nicht zu diesem Mittel greifen musste. „Nur, was machen wir danach? Ich kann ihn nicht ewig vom Labor fernhalten.“ Daniel bekam keine Antwort, denn Erdogans Telefon klingelte und der Prinz runzelte die Stirn, als er sah, dass der Fürst ihn anrief.

„Hallo Vater“, meldete er sich, „was gibt es?“

„Du hast unser Labor völlig lahm gelegt“, erklärte der Fürst seinem Jungen gleich, denn seit die beiden besten Genetiker weg waren, war das Labor verwaist. Das letzte Experiment, um das Problem ihrer geringen erfolgreichen Schwangerschaften zu lösen, war gescheitet. Umgehend müssten sie bei Null beginnen, um zu ergründen, wie es ihnen doch noch möglich war, Kinder in die Welt zu setzen und anstatt am Wohl des Volkes zu forschen, lungerten die Genetiker in einem Labor, von dem Antion noch immer nicht begreifen konnte, wie es dort hin gekommen war. Er hatte ein langes Gespräch mit Jefferson gehabt und auch sein Berater war der Meinung, dass mindestens Bill wieder in die Hauptkuppel zurückzukehren hatte.

„Ich brauche alle Leute hier, Vater.“ Erdogan runzelte die Stirn. Eigentlich dachte er, dass der Fürst verstanden hatte, wie wichtig die Herstellung des Serums war. „Wie kommst du da jetzt drauf?“, fragte er darum und konnte sich eigentlich schon denken, wer da gegen ihn arbeitete. „Du weißt, wie wichtig unsere Forschung ist und gerade jetzt brauche ich jeden Mann, den ich habe.“

„Du hast doch gesagt, ihr habt die Formel. Ich weiß nicht, wofür du unsere Genetiker brauchst. Das Volk braucht sie dringender“, erklärte der Fürst und strich sich über das Gesicht. Ihm war schon klar gewesen, dass es kein leichtes Gespräch mit seinem Jungen werden würde. Doch Jeffersons eindringliche Worte gingen ihm nicht aus dem Kopf. Das Volk starb aus, weil der Prinz Fiktionen jagte. Das war nicht ganz von der Hand zu weisen, auch wenn Erdogan Beweise geliefert hatte.

„Du hast Biologen. Such dir Chemiker. Sie werden doch in der Lage sein, das Serum zu mischen. Bill wird jedenfalls umgehend ins Hauptlabor zurückbeordert. Ich dulde da keinen Widerspruch.“ Antion verlieh seiner Forderung Nachdruck und Erdogans Freunde runzelten die Stirn.

„Sicher haben wir die Formel der Gottgleichen und ich kann sie auch so, wie sie ist, mit Biologen und Chemikern herstellen. Das Problem ist nur, dass wir dann jeden, der es nimmt, süchtig machen. Das Serum enthält Drogen und man wird nach relativ kurzer Zeit abhängig. Es ist so ähnlich wie früher mit dem Heroin.“ Erdogan sah ja gar nicht ein, sich den Forderungen seines Vaters einfach zu beugen. „Und genau aus diesem Grund kann ich keinen von meinen Molekularbiologen abgeben.“

„Was erzählst du mir da? Habt ihr es etwas schon ausprobiert?“ Antion wirkte wütend. Hatte ihm sein Junge schon wieder Informationen verheimlicht? Dass er mit Jefferson keinen Austausch führte, hatte sich der Fürst denken können, doch dass wichtige Informationen selbst ihm verwehrt wurden, konnte er so nicht hinnehmen. „Du wirst Bill hier her bringen und mich umgehend über alles informieren.“

„Nein, wir haben es noch nicht ausprobiert. Ich habe diese Information von jemandem, der es selber schon benutzt hat.“ Erdogan seufzte, denn das Gespräch lief nicht so, wie er erhofft hatte. „Du weißt, dass wir unseren Angreifern gefolgt sind, als sie wieder ins Labor eingestiegen sind. Sie haben uns gefangen genommen und durch sie haben wir einen Abtrünnigen der Gottgleichen getroffen. Er hat uns davon erzählt und Bill hat es bestätigt. Wir müssen die Formel jetzt von den Suchtstoffen reinigen.“

Antion schwieg eine Weile. Er schien über das nachzudenken, was sein Sohn ihm eben erzählt hatte. Sie hatten einen Abtrünnigen getroffen? Einer von denen, der das Volk hintergangen hatte? Erdogan verschwieg es ihm und machte gemeinsame Sache mit ihm? Der Fürst konnte es nicht glauben und sich erinnernd, dass er seinem Jungen erst vor kurzem schon einmal großes Unrecht getan hatte, holte er tief Luft.

„Ist euch etwas geschehen? Haben die Angreifer euch wieder frei gelassen?“, fragte er also, denn er machte sich wirklich Sorgen. Warum hatte er nicht ein Wort über all das erfahren? Was hatte Erdogan vor?

„Nein Vater, uns geht es gut. Die Moles, so nennt sich das Volk der Angreifer, haben uns in einem ihrer Gänge aufgegriffen und zu einer verlassenen Versorgungskuppel gebracht, in der Odin, der Abtrünnige wohnte. Er und drei der Moles kamen mit uns hierher.“ Erdogan konnte verstehen, dass sein Vater nicht darüber begeistert war, dass er nicht eingeweiht wurde. „Vater ich weiß, dass ich dir hätte Bericht erstatten müssen, aber dann ist etwas passiert. Odin wurde getötet und wir versuchen den Verräter zu finden. Darum haben wir keine Informationen rausgegeben, dass wir neue Verbündete haben.“

„Wie bitte?“ Antion klang schockiert. In was war sein Junge dort hinein geraten? Er hatte Fremde bei sich und dann gab es auch noch Tote. „Sag mir jetzt sofort, was bei euch vorgeht und was diese Moles sind!“

Erdogan spürte, wie Ewan die Augen verschmälerte und korrigierte seinen Vater umgehend. „Sie sind keine Gegenstände, sie sind Lebewesen wie wir. Sie sind“ – wie hatte Odin sich ausgedrückt? – „Kinder des Labors. Die Gottgleichen haben sie abhängig gemacht von dem Serum und sie versklavt. Es waren Menschen, die den Moles das alles angetan haben, es ist unsere Pflicht, dafür zu sorgen, dass sie auch weiterhin dort leben können, wo sie leben, ohne zu sterben und ohne süchtig und damit erpressbar zu sein.“ Eindringlich sah er in das geschockte Gesicht seines Vaters. Antion schluckte. Er hatte das Gefühl, mit jedem Satz, den Erdogan sprach, rückte er etwas weiter ab von seiner Welt.

„Menschen haben ihnen das angetan?“, murmelte der Fürst und Erdogan nickte.

„Wie ich schon sagte, wir haben die Verpflichtung ihnen zu helfen und ich habe ihnen mein Wort gegeben, dass ich alles dafür tun werde, um ihnen zu helfen.“ Wenn er jetzt keinen groben Fehler machte, löste sich eines ihrer Probleme von selbst in Luft auf. „Vater, ich weiß, dass du auch an unser Volk denken musst, darum schicke ich dir Rodriguez. Er kann im Moment sowieso nicht arbeiten, weil er sich am Fuß verletzt hat. Er kennt sich mit den Experimenten im Hauptlabor genauso gut aus wie Bill.“

Antion wirkte zerknirscht. „Ich möchte einen umfassenden Bericht und bei Gelegenheit wird Bill das Experiment zu Ende bringen. Ich bin sehr wohl darüber informiert, dass du Unit 1 an dich gebracht hast, noch ehe die Versuche hätten laufen können. Wir müssen wissen, ob das Experiment erfolgreich war. Die zerstörten Units sind keine Basis.“ Denn auch da musste er Jefferson Recht geben. Erdogan hatte Volkseigentum an sich gebracht, ohne die Befugnis dazu zu haben. Vielleicht hatte er dem Volk die Chance auf den Fortbestand genommen.

„Den Bericht wirst du bekommen, Vater, und ich werde mit Bill über Unit 1 reden. Ich gebe gleich Rodriguez Bescheid, dass er morgen wieder ins Hauptlabor kommen soll.“ Die Zusage, dass er Bill an Meodin lassen wollte, machte Erdogan nicht gerne, aber das Problem musste er erst einmal hinten anstellen. Vielleicht hatte er auch so viel Glück, dass Bill völlig fixiert auf die Formel und das Serum war, dass ihn Meodin noch nicht einmal interessierte. Als erstes musste er sowieso mit Meodin darüber reden. Sie konnten nicht einfach über dessen Kopf hinweg entscheiden.

Er war kein Ding – er war Meodin.

„Morgen habe ich deinen Bericht und ich hoffe, ich erfahre nicht noch mehr Dinge, von denen ich noch nichts weiß“, konnte sich Antion einen Seitenhieb nicht verkneifen und er würde das nicht noch einmal hinnehmen.

„Ja, Vater, der Bericht kommt morgen und ich habe dir alles erzählt, was bisher passiert ist.“ Von seiner Vermutung über Rodriguez sagte er nichts, weil er das nicht beweisen konnte. Das war nicht ganz korrekt, aber wenn sie nachher wirkliche Beweise hatten, dann bekam der Fürst alle Informationen darüber.

So trennte Erdogan nach einer kurzen Verabschiedung die Verbindung und holte tief Luft.