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Waschbär-Probleme - Teil 9 - 11

09

Und der war auch für Markus noch lange nicht vorbei.

Heute kamen noch seine Freunde und es war wirklich das erste Mal, dass er sich nicht darauf freute. Ihm ging so viel durch den Kopf. Was nur hatte der dämliche Waschbär sich dabei gedacht, ihn zu küssen? Er hatte ihm doch wohl mehr als oft genug klar gemacht, dass er nichts von ihm wollte. „Dämlicher Bert, dämlicher!“, fluchte er und trat die Haustür fester zu, als nötig war. Hastig lief er die Stiege nach oben. Linda war in der Klinik und hatte Schicht bis acht.

Er hatte jetzt also ein paar Stunden Zeit, in denen er die Pizzen vorbereiten, die Biere kalt stellen und sich selbst ordentlich bemitleiden konnte. Zum einen war es ihm peinlich, dass Wolfram sie gesehen hatte und vor allen Dingen, dass er die Zeichen, die Markus wohl unbewusst ausgesendet hatte, schonungslos deuten konnte. Zum anderen war er immer noch stink sauer, das wurde auch nicht besser, als er aus den Klamotten gestiegen war, um unter der Dusche zu verschwinden.

Normalerweise genoss er die Ruhe und Entspannung, die ihm die Dusche nach der Arbeit brachte, aber heute wurde da nichts draus. Seine Gedanken kreisten um den Nachmittag und entnervt stellte er das Wasser nach kurzer Zeit wieder aus und trocknete sich ab.

Immer noch tief in Gedanken, knetete er den Hefeteig. Das ging vollkommen automatisch und dabei verfluchte er den Waschbär mit wachsender Begeisterung. Er erfand neue Vokabeln, wenn die vorhandenen nicht mehr intensiv genug das beschrieben, was er gerade sagen wollte und so hatte der arme Robert innerhalb einer Viertelstunde mehr Schimpfwörter auf sich vereint, als das Strafgesetzbuch unter grober Beleidigung abdecken konnte.

„Verkackter, kleiner, blöder, hässlicher, beklopfter...“, setzte er gerade wieder an, als es klingelte.

„Wer ist das denn?“, brummte Markus, aus dem Konzept gebracht und wischte sich die Finger ab. Für seine Freunde war es eigentlich noch zu früh. „Du wirst es erst wissen, wenn du die Tür aufmachst“, lachte er sich selber aus und setzte seine Worte in die Tat um.

„Felix, Ole, kommt rein“, sagte er lächelnd, als er seinen Besuch erkannte und schielte neugierig zu der Auflaufform, die Ole trug.

„Johnsons Versuchung – eine große Portion. Schon fertig geschichtet. Muss nur noch für 90 Minuten in den Ofen“, krähte Felix. Er war stolz, schließlich hatte er Hilfsarbeiten geleistet und Ole tapfer dabei unterstützt, als der mit den Zwiebeln gekämpft hatte. Felix hatte Taschentücher gereicht.

„Hallo“, grüßte auch Ole und stellte den schweren Topf ab. Er hatte die größte Form genommen, die er hatte finden können, denn sie waren an solchen Abenden grundsätzlich hungrig, denn sie trafen sich freitags nach der Arbeit. „Ich hoffe, wir stören nicht.“

„Nein, natürlich nicht. Schön dass ihr da seid.“ Markus drückte Felix und auch Ole wurde umarmt. „Möchtet ihr was trinken? Der Kühlschrank ist voll.“ Markus nahm den Auflauf und sah auf die Uhr. Das passte ganz gut in den Zeitplan. Er wurde also gleich in den Ofen geschoben.

„Ich muss heute fahren“, maulte Felix leise, hatte sich aber gleich wieder gefangen. Es ging ja nicht, dass Ole immer abstinent leben musste. Und außerdem fuhr der Regenwurm den großen Volvo sehr gern. Zwar hatte er noch immer keine Lösung, wie er seine geliebte Inga damit transportieren sollte, doch das war egal – das Auto mochte er trotzdem. „Ich such mir 'n Saft“, erklärte er also, als er zur Hälfte im Kühlschrank verschwunden war, reichte zwei Bier für die anderen heraus und griff sich den Bananensaft.

„Danke“, sagten Markus und Ole gleichzeitig und die Flaschen waren schnell geöffnet und der erste Schluck genommen. „Mann, das tut gut“, murmelte Markus und nahm gleich noch einen großen Schluck.

„Nicht so hastig“, lachte Ole und setzte sich auf einen der Stühle am großen Küchentisch. „Wenn man dich so sieht, könnte man fast glauben, du müsstest Frust runterspülen.“

Felix kam gleich zu ihm und setzte sich auf seinen Schoß, da saß er höher und bekam mehr mit, das war für Regenwürmer grundsätzlich wichtig – überlebenswichtig. Es konnte ja nicht angehen, dass ihm etwas entging.

„War stressig“, wich Markus aus, denn er wollte seine Freunde nicht mit seinen Problemen belasten. Schließlich wollten sie einen fröhlichen Abend verbringen und da passte es nun mal nicht ganz rein, dass er fast entlassen worden wäre, weil der blöde Waschbär sich nicht unter Kontrolle hatte. Ob er selber das jetzt, wie behauptet, genossen hatte oder, wie selbst empfunden, abgeblockt, war egal.

Passiert war passiert.

„Ja, kenn ich. Hab meinen Tisch auch nicht leer bekommen und will da Montag gar nicht hin“, erklärte Felix. Eines ihrer Planungsprojekte ging gerade in die heiße Phase. Sie waren mit dem Termin nach hinten gerutscht und mussten jetzt aufholen, was nur ging. Auch er hatte sich zur Wochenendarbeit gemeldet und war drei Samstage hintereinander im Büro gewesen. Das erste Mal seit langem hatte er wieder zusammen mit Ole ein freies Wochenende vor sich, das wollten sie gammelnd bei Jan und Mario verbringen. Die Fotoexperten wollten philosophieren.

„Ein Grund mehr, heute zu entspannen.“ Markus prostete Felix zu und nahm noch einen Schluck. „Mein Gott, in den Flaschen ist auch immer weniger drin“, grinste er schief, denn seine Flasche war schon zur Hälfte leer. Er sollte sich wohl etwas zurücknehmen, denn er hatte noch nicht viel gegessen.

„Nee, nee, da ist schon genügend drinnen. Aber so warm wie das bei dir ist, da verdunstet das. Guck!“ Ole zeigte seine Flasche und lachte, die sah nicht besser aus. Er hatte sich auch darauf gefreut. „Mario und Jan wollten heute auch zeitiger kommen“, erklärte Felix, „da ist wohl 'ne Vorlesung ausgefallen und sie kaufen noch Knabberzeug. Hatte Jan vorhin dran!“ Dass er sich noch ein Stück Plunderteilchen bestellt hatte, verriet er lieber nicht, sonst hieß es wieder, der Regenwurm würde fett und er musste mit Markus trainieren. Aber er würde mit Ole teilen.

„Na dann sollte ich zusehen, dass die Pizza fertig wird.“ Der Teig musste noch ein wenig gehen, aber er konnte ja schon mal die Beläge vorbereiten. Jeder hatte seine Vorlieben, aber mittlerweile kannte er die und hatte dementsprechend eingekauft. Klassisch Salami für Jan, Schinken und Pilze für Mario, Spinat und Lachs für Ole und Felix fraß sich überall mal durch. Markus selbst mochte am liebten Huhn mit Ananas und Curry, ebenso wie Linda. Er konnte also reichlich machen und etwas für sie beiseite stellen.

„Erst mal muss eh der Auflauf fertig werden“, sagte Felix und schielte immer wieder zum Herd. Er liebte das Zeug, vor allem wegen der Sardellen.

„Das dauert noch ein wenig, Felix“, lachte Markus, der das schon kannte. Felix hatte grundsätzlich keine Geduld. „Möchtest du schon einmal ein Brot?“, fragte er, denn ein nörgelnder, hungriger Regenwurm war niemandem zu wünschen.

Doch der schüttelte energisch den Kopf. „Nein, nein. Dann habe ich zu wenig Platz im Bauch für den Auflauf und die Pizza und das Plunderteil... Uups!“ Gleich griff sich Felix sein Glas und trank. Hatte er sich doch fast verraten!

„Wie du meinst, aber wenn du nervst und jammerst, weil du verhungerst, kommst du in den Garten.“ Markus grinste, denn das hatten sie schon einmal durchgezogen und Felix hatte an der Terrassentür gestanden und geklopft, dabei erbärmlich gewinselt, bis die Nachbarin geklingelt hatte, ob man mal gucken könnte, da wäre wohl ein Tier verletzt. Nur deswegen hatten sie das verletzte Tier wieder rein gelassen und gefüttert. Man wollte es sich ja mit den Nachbarn nicht verscherzen.

„Ich nerve nicht!“, erklärte Felix energisch und knurrte, als Ole ihn beschwichtigend über den Rücken streichelte.

„Wir können ja nachher, wenn alle da sind, mal 'ne Umfrage starten, ob alle deiner Meinung sind. Ole ist davon natürlich ausgenommen, denn er ist parteiisch und möchte bestimmt nicht auf Sex verzichten.“ Markus lachte laut, weil Felix schon wieder mit den Fäusten drohte und Ole hinter ihm grinste und seinen Schatz festhielt, damit er sich nicht auf Markus stürzte. Das brachte der Regenwurm nämlich glatt fertig und dann sah die Küche hinterher aus wie ein Trümmerfeld. Das musste nicht sein, wirklich nicht. Sie konnten den Abend schöner verbringen, als mit aufräumen.

Felix machte nur noch: „Pf!“, und drehte sich demonstrativ weg, doch das ging völlig unter, weil Markus gerade anfing, den Käse zu reiben. Er hielt von dem industriell geriebenen Zeug nichts und außerdem machte es Muskeln. Das hatte er dem blöden Waschbären auch immer erklärt und deswegen knurrte er leise.

Ole hörte es, aber er fragte nicht weiter nach. Anscheinend wollte Markus nicht erzählen, was ihn beschäftigte und Ole wollte ihn auch nicht drängen. Er nahm sich vor, ihn später noch einmal zu fragen, ob er reden wollte. „Kann ich dir helfen?“, fragte er, denn so untätig zusehen, wie Markus alles alleine machte, gefiel ihm gar nicht.

„Öhm?“ Markus sah sich um, eigentlich war nicht mehr viel zu machen. „Du kannst die Pilze in Scheiben schneiden, ohne den Regenwurm zu füttern“, schlug er vor und Felix knurrte wieder, drohte damit, Markus zu beißen und wurde lieber noch einmal festgehalten. Er bekam auch noch einen Kuss, dann wurde Felix auf dem Stuhl abgesetzt. Ole nahm sich die Pilze und ein Messer und fing an zu schneiden. Neben ihm stand abgedeckt die Teigschüssel und so wie sich das Tuch darüber wölbte, war er gut aufgegangen. „Brauchst du den ganzen Teig und hast du Zimt und Zucker da?“, fragte er, denn er hatte eine Idee.

„Wir haben ja noch den Auflauf, das wird auch reichlich sein. Ich könnte auf etwas verzichten, wenn du mir sagst, was du vor hast“, sagte Markus und beobachtete den großen Schweden. Er selber war schon relativ groß gewachsen, in ihrer Clique war er immer der größte gewesen, doch Ole überragte sogar ihn. Es war ungewohnt, nach oben zu blicken.

„Ich weiß es, ich weiß es!“, krähte Felix.

„Zimtschnecken“, lachte Ole und Felix hielt es nicht mehr auf seinem Stuhl.

„Die sind voll lecker.“ Er lief gleich zur Teigschüssel und teilte den Klumpen schon einmal grob mit dem Finger auf. Den größeren Teil hatte er für die Zimtschnecken vorgesehen. Wurde die Pizza halt etwas dünner.

„Vergiss es!“ Markus drehte die Schüssel, so dass der kleinere Teil nun vor Felix war. „Es werden mindestens zwei bleche Pizza und Linda will auch noch was haben, wenn sie aus der Schicht kommt.“ Er gab nicht kampflos bei und mittlerweile hatte er genauso viel Freude daran, Felix zu ärgern, wie es Mario hatte.

„Für zwei Bleche reicht das doch“, und schwups wurde die Schüssel wieder gedreht. „Wenn du wüsstest, wie lecker die Kanelbullar sind, dann würdest du nicht auf dicker Pizza bestehen. Noch warm sind die einfach göttlich und Ole macht die allerleckersten nach seiner Oma.“

Markus drehte die Schüssel wieder und knurrte den Regenwurm an. Hier ging es ums Prinzip! „Nichts da. Linda will dicke Pizza“, legte er fest, hielt die Schüssel aber lieber fest. Nicht dass der verfressene Regenwurm noch auf die Idee kam und damit durchbrannte.

„Und wenn ihr gerecht in der Mitte teilt?“, schlug Ole vor und beide guckten ihn verwirrt an.

„Wie“, fragten Markus und Felix gleichzeitig und Ole kicherte.

„Na ganz einfach. Jeder bekommt für das, was er machen will, die Hälfte vom Teig. Das müsste doch gehen.“

„Das ist doch viel zu wenig“, muffelten beide, doch dann wurde es Ole zu bunt. Er hatte sowieso gerade ein Messer in der Hand und so teilte er den Teig, dann hörte wenigstens das Gedrehe der Schüssel auf.

„So! Das bleibt jetzt so. Keiner bestiehlt den anderen und es wird nicht gemault“, sagte Ole streng und sah dabei ein wenig länger zu Felix, denn der brachte das durchaus fertig. „Holt eine zweite Schüssel, dann kann jeder auf seinen Teig aufpassen.“

„Schatz“, versuchte es Felix, doch als er sah, wie sein Liebling guckte, duckte er sich lieber und nahm die leere Schüssel, die Markus ihm schweigend reichte. Er kippte die Hälfte hinein, legte über seine wieder ein Tuch und reichte Felix auch eins.

„Na geht doch, Jungs. Und ihr werdet sehen, alles wird reichlich und lecker.“ Ole war zufrieden und schnippelte weiter, während Felix mit seinem Teig abdampfte und Markus ihm fragend nachguckte. „Hoffentlich frisst der nicht zu viel davon, sonst gibt es Bauchweh!“

„Er wird nichts davon essen, sondern ihn wärmen, damit er gut geht und es mehr Schnecken gibt“, flüsterte Ole feixend. Er kannte doch seinen Schatz. Für Zimtschnecken tat er fast alles. Seit er die ersten gegessen hatte, war er verrückt nach dem Zeug und Ole hatte meist welche eingefroren, die dann aufgebacken wurden.

Er hatte sogar schon Lynn überredet, welche für Inga zu basteln, die waren aber aus Gemüse geschnitzt gewesen, weil sie Sorge gehabt hatten, dass die Hefe und der Zucker Inga krank machen würden. So hatten sie einen Nachmittag damit verbracht, aus Rübchen Schnecken zu schnitzen und sie anschließend wie am Fließband an Inga zu verfüttern. Der Dia-Vortrag darüber hatte einige Zwerchfellzerrungen verursacht.

„Oh, ja klar.“ Markus grinste und wieder einmal musste er feststellen, dass Ole und Felix wirklich gut zusammen passten. Er kannte die Bilder und die Geschichten von ihren Fahrten nach Schweden und den Elch-Abenteuern. Sie waren alle so begeistert davon gewesen, dass Ole vorgeschlagen hatte, dass die ganze Truppe sich das mal selber ansehen sollte. Es gab genug Platz in den beiden Häusern, so dass alle untergebracht werden konnten. Und genügend Autos, um alle zu transportieren, gab es auch. Da war Ronnys großer BMW, Satoshis Land Rover und Oles Schweden erprobter Volvo. Die boten genügend Platz für Passagiere und Gepäck. Die Route war schon ausgeguckt, über Rostock nach Trelleborg. Selbst Hannes und seine Freundin hatten zugesagt und Markus selbst wollte auch mit. Linda war noch unschlüssig.

„Hättest du selber drauf kommen können“, lachte Ole und gab die Pilze in eine Schüssel. Sein gutes Werk war getan. Am besten ging er mal heimlich gucken, wo Felix mit dem Teig verschwunden war. Dazu holte er aus seiner Tasche die kleine Digi-Cam, mit der er viele lustige Regenwurm Bilder schießen konnte.

Aber erst einmal musste er Jan und Mario herein lassen, die auch schon da waren. Seine Freunde gingen gleich weiter in die Küche, weil es von dort schon köstlich duftete und Ole suchte Felix. Er fand ihn im Wohnzimmer, wo er auf der Couch saß und dem Teig erklärte, wie groß er zu werden hatte, damit er ganz viele Schnecken essen konnte. Ole kannte das schon und war nicht mehr in Sorge, wie noch beim ernsten Mal. Zum Glück hatte da die Regenwurm-Mama klärend eingreifen können und Ole jede Sorge genommen. Sie hatten also darauf verzichtet, den Arzt zu rufen.

„Hey, das riecht gut. Was ist das? Pizza?“ Mario guckte sich gleich um, sondierte die Lage und das Angebot und verteilte die Tüten und Flaschen auf dem Tisch.

„Hallo Jungs. Das ist noch nicht die Pizza, sondern Oles Auflauf. Die Pizza wird danach in den Ofen geschoben und dann werden noch Zimtschnecken gemacht, wenn Felix den Teig rausrückt“, brachte Markus seine Freunde auf den aktuellen Stand und umarmte sie.

„Oh, das klingt... was, Felix ist schon da? Man hört ihn ja gar nicht!“ Jan war gleich auf der Suche, während Mario ihn ziehen ließ und sich lieber intensiver einen Überblick verschaffte, in den Ofen schnüffelte, den Käse kostete und sich schlussendlich doch ein Bier suchte.

„Herr Mauseplautz“, rief Jan und folgte den leisen Seufzern aus dem Wohnzimmer. Dort fand er Felix auf Oles Schoß sitzend, wie er sich gerade hingebungsvoll küssen ließ. Der Teig war vergessen, darum nahm Jan sich die Schüssel und ging damit in die Küche. Mal sehen, wie schnell der Regenwurm den Diebstahl bemerkte.

Mario bemerkte den Diebstahl und suchte auf seinem Handy die Stoppuhr, dann ließ er sie laufen und setzte sich zu Markus, der auf dem großen Tisch gerade seinen Teig ausrollte. Derweil wurde der Schneckenteig warm gestellt. „Und? Harte Woche gehabt? Oder kannste deinen Juppie alleine laufen lassen?“ Markus hatte schon eine Weile nicht mehr von seinem Job erzählt, es schien also aufwärts zu gehen.

„Frag besser nicht“, knurrte Markus und rollte fester über den Teig. Ole und Felix hatten es geschafft, ihn eine Weile von Robert abzulenken, aber jetzt kam wieder alles hoch und damit seine Wut. „Soll er sich doch die Haxen brechen.“

„Oh, schwarze Wolken im Paradies“, murmelte Jan und gab Mario ein Zeichen, besser nicht nachzufragen. Doch der ließ sich nicht beirren. Vielleicht wollte Markus ja reden – dann bekam er jetzt die Chance dazu. Oder Mario holte sich eine blutige Nase, das war das Risiko, das er jetzt eingehen musste. „Was denn? Lief doch eigentlich ziemlich cool, oder?“

„Oh ja, supercool, bis dem Arsch heute eingefallen ist, mich vor meinem Chef zu küssen, weil er seine Hormone nicht unter Kontrolle hat.“ Markus schnaubte verächtlich und seine Augen blitzten zornig. „Jetzt bin ich für eine Woche suspendiert und dieser dämliche Waschbär ist schuld daran.“

„Wow – Stopp!“ Mario hob die Hände, sprach aber leise, um nicht gleich Felix anzulocken, der für so was ja grundsätzlich ein Radar zu haben schien, genauso wie gute Tipps und eine Meinung. „Er hat dich geküsst und du hast jetzt den Schaden? Warum das denn? Hast du deinem Chef nicht gesagt, dass das ein Versehen und nicht deine Idee gewesen war?“, wollte er wissen und zog Jan auf seinen Schoß, der vor ihm stand und darauf zu warten schien.

„Nun ja, Jette, eine gelangweilte Hausfrau, hat heute nicht nur mit mir geflirtet, sondern hat mich angegrabscht. Bert ist wie eine Furie auf sie los. Du hättest mal hören sollen, wie er sie genannt hat.“ Bei dem Gedanken daran musste Markus kurz grinsen, denn das hatte ihm wirklich gefallen. Aber dann erinnerte er sich wieder daran, was anschließend passiert war. „Nun, dann hat er mich einfach geküsst und Wolfram ist nun der Meinung, dass ich mir Gedanken darüber machen sollte, ob ich für meinen Job geeignet bin, weil ich mich nicht genügend durchgesetzt habe.“

„Wer hat was durchgesetzt?“ Felix kam in die Küche geschneit und hatte Ole im Schlepptau. Erst hatte er den Teig vermisst und dann Stimmen gehört. Mario sah auf die Uhr. „Sieben Minuten achtzehn.“

„Hä?“ Felix begriff gar nichts, Mario winkte ab und Jan zog seinen Regenwurm zu sich, um ihn zu begrüßen.

„Aber ich gehe mal davon aus, du hast ihn weggeschoben, dann hast du dich doch gegen den Kerl durchgesetzt“, sagte Mario. Er konnte nicht verstehen, dass Markus deswegen aussetzen musste.

„Ja also... öhm“, Markus kratzte sich am Kopf und grinste schief. „Also, ich denke schon, dass ich das gemacht habe, aber Wolfram scheint das nicht gesehen zu haben. Und nicht nur das, er war sogar der Meinung, dass ich den Kuss ziemlich genossen habe. Was natürlich Quatsch ist.“

„Mo-oment!“ Felix kam näher gekrochen, als Jan ihn endlich los ließ. „Du DENKST, du hättest dich durchgesetzt und dein Chef hatte einen andren Eindruck? Dann ist doch alles klar!“ Dann grinste der Regenwurm dreckig und schupste Markus mit der Schulter an.

„Was ist klar? Ich wollte den doofen Waschbär nicht küssen, das ist alles, was klar ist.“ Markus funkelte Felix an. Dass der schon wieder so grinste, gefiel ihm gar nicht, denn das hieß immer, dass er seinen Senf dazugeben wollte.

„Doofer Waschbär, nee is’ klar“, flötete Felix, brachte sich aber lieber hinter Ole in Sicherheit, der nach dem Teig für die Schnecken guckte. Den hatte Felix allerdings völlig ausgeblendet. Er konnte sich immer nur auf eine Sache gleichzeitig konzentrieren.

„Leute, die man nicht mag, bekommen Kosenamen.“ Felix nickte.

„Ich hab nicht gesagt, dass ich ihn nicht mag, aber deswegen muss ich ihn ja nicht gleich küssen wollen.“ Markus zeigte Felix einen Vogel und gab Ole die Teigschüssel, damit er seine Schnecken machen konnte. „Du küsst ja auch nicht jeden, nur weil du ihn magst.“

„Also dafür, dass du es nicht wolltest, diskutierst du ganz schön herum“, resümierte Felix und Mario nickte dazu. Er war sich mit dem Regenwurm zwar eher selten einig, doch dieses Mal musste er zustimmen.

„Er hat recht, du sprichst ziemlich intensiv dagegen und extrem emotional“, sagte er nachdenklich.

„Was soll das denn heißen? Nur weil ich mich darüber aufrege, dass man mich gegen meinen Willen geküsst hat, habe ich das so gewollt?“ Markus sah seine Freunde an. „Das ist doch Schwachsinn. Ich will nichts von dem.“

„Wie Jan vor drei Jahren“, knurrte Felix und beobachtete Markus weiter, der ein Messer in seiner Hand drehte und dem Regenwurm jetzt doch etwas Angst machte.

Doch Mario stimmte zu. „Ja, er erinnert mich ein bisschen an Specki“, was Jan gar nicht gut fand und lautstark dagegen hielt. Er wurde aber schnell mit einem Kuss ruhig gestellt.

„Jan war ja auch bis über beide Ohren verknallt in Mario. Was bei mir und Bert aber nicht der Fall ist. Ich will ja nicht abstreiten, dass er nett ist und ich ihn mag, aber das gibt ihm noch lange nicht das Recht, Jette zu erzählen, dass wir zusammen wären und mich zu küssen.“

„Das will ich dir sogar glauben“, sagte Ole und sah Markus dabei offen an. „Aber es muss ja sowohl der Herr Waschbär, als auch dein Chef, einen Anlass gesehen haben, etwas anderes zu glauben. Vielleicht sind sich Kopf und Herz nicht eins?“

„Oder Kopf und Hose!“, krähte Felix und zischte hinter Ole, als er das Messer sah, das fester gegriffen wurde.

Markus funkelte Felix an und knurrte. „Da ist sich gar nichts uneinig. Ich will den Waschbär nicht und gut. Wolfram wollte mir auch schon so einen Schwachsinn erzählen, dass ich mich an Bert geschmiegt hätte und all diesen Krempel. Aber das hätte ich ja wohl mitgekriegt.“

„Hättest du unter Garantie nicht“, knurrte Felix, immer noch gut versteckt, um nicht vom Messer getroffen zu werden. Doch dann ging Ole zum Ofen, um nach dem Auflauf zu sehen und Felix war wieder im Schussfeld. Doch das hinderte ihn nicht daran, noch einen nachzulegen. „Muss ja einen Grund haben, warum dein Chef glaubt, dass du spitz auf den Typen bist. Das denkt der sich ja nicht aus, um dich zu ärgern!“

„Was weiß ich denn, was in deren Köpfen vorgeht. Oder nein, was in Berts Schädel vorgeht, weiß ich. Der nutzt jede Gelegenheit, um mich zu begrabbeln.“ Markus wurde das langsam zu blöd und er nahm sich noch ein Bier. „Der hat doch schon am ersten Tag im Studio Wolfram auf falsche Gedanken gebracht.“

„Kann ja sein“, sagte nun Jan, der sich auch so seine Gedanken machte, aber Ole dabei beobachtete, wie der den Auflauf aus dem Ofen holte, die erste Pizza rein schob und Felix von der heißen Auflaufform fern hielt, um Schlimmeres zu vermeiden. „Aber eines muss ich auch sagen: In den letzten Wochen hattest du unglaublich gute Laune und hast ständig erzählt, was ihr gemacht habt, wo ihr laufen wart, was Robert wieder alles gesagt hat und wie ihr seinen Ex verarscht habt. Nicht zu vergessen eure Kocheskapaden. Aber du hast recht, du willst nichts von ihm, er ist dir nur lästig und damit ist das Thema gegessen.“

„Essen ist ein gutes Stichwort“, nuschelte Felix, die Gabel schon in der Hand.

„Wir warten noch auf Hannes, der müsste gleich kommen. Der Auflauf ist eh noch zu heiß.“ Markus stieß sich von der Arbeitsfläche ab und holte Teller aus dem Schrank. Er war ein wenig durch den Wind. Erst der dämliche Waschbär und jetzt wollten seine Freunde ihm auch noch einreden, dass er was von dem Kerl wollte. So weit kam das noch. Der war ein Kunde und gut. Markus merkte nicht einmal, dass er das vor sich hin gebrabbelt hatte und so sahen sich Jan und Felix an.

Der Regenwurm drückte die Zeigefinger gegeneinander wie ein knutschendes Pärchen und grinste, während Jan lachend den Kopf schüttelte. Aber Markus sollte das mit sich selber ausmachen. Vielleicht stieg er auch irgendwann noch dahinter, warum er heute so extrem miese Laune hatte und dass das nicht an seiner Suspendierung lag. Bei Jan selbst hatte das ja auch lange genug gedauert.

Wenn es sein musste, bekam er einen Stups in die richtige Richtung. Musste ja nicht genauso lange dauern, wie bei Jan. Das musste wirklich nicht sein. Ein Drama war genug.

Felix folgte dem Auflauf, der zum Abkühlen auf den Tisch gestellt wurde. Aber bevor er auf dumme Gedanken kam, rief Ole ihn zu sich, damit er ihm bei den Zimtschnecken helfen sollte. Zwar machte Felix das ganz gern, doch auf dem Tisch stand etwas, das lockte. So kam er nur schwerfällig zu Ole an die Arbeitsfläche, während sich Markus etwas zurückzog.

Er musste nachdenken. Seine Freunde hatten ihn ganz wuschig gemacht. Nicht dass er an sich selbst oder seiner Überzeugung zweifeln würde, doch an seiner Wirkung nach außen musste er wohl in Waschbärs Gegenwart noch üben – und außerdem hatte er gar nicht vor, noch einmal in Waschbärs Gegenwart zu kommen! Der sollte trainieren mit wem er wollte oder sich wieder einen Bauch anfressen, ihm war das egal. Er war fertig mit dem Waschbär.

Markus war richtig froh, als es klingelte und Hannes da war. Dann konnten sie essen und er konnte sich ablenken.


10

„Na, seit wann werde ich mit einer leeren Flasche an der Tür empfangen?“, wollte Hannes wissen, als er seinem Freund das Bier aus der Hand genommen und angesetzt hatte. Doch bis auf einen Tropfen kam da nichts mehr raus.

Das war ja ein Gastgeber!

„Komm rein, du Spinner.“ Markus umarmte Hannes und zog ihn dann in die Küche. „Setz dich, ich bring dir ein Bier.“ Markus brachte gleich eine Runde für alle und zum Essen schmeckte das sowieso besser.

„Hannes ist da – essen!“ Felix war der erste am Tisch und hatte schon die Gabel im Auflauf, als Jan ihn vom Tisch runter zerrte und auf einen Stuhl drückte.

„Du musst besser auf dein Haustier aufpassen“, flüsterte Mario Ole zu, aber laut genug, dass der Regenwurm es mit bekam und sich aufregen konnte. Der brauchte das, wie Mario fand.

Aber Ole schüttelte nur den Kopf und lächelte verliebt. Sein Schatz war perfekt für ihn, so wie er war. „Euch wäre doch langweilig, wenn ich das tun würde“, lachte er leise und schnitt den gerollten Teig in fingerdicke Stücke, damit er sie gleich auf das Blech legen konnte. „Setz dich lieber, sonst kriegst du nichts mehr ab.“

„Ich glaube auch.“ Mario beobachtete Felix, der seinen Teller voll räumte und nach und nach hatte jeder was abbekommen. Zum Glück war reichlich im Topf. Markus rettete gleich noch eine Portion für Linda und dann saßen sie und ließen es sich schmecken. Nach und nach gingen auch die Gespräche wieder los, man vermied vorerst das heikle Thema, doch Hannes hatte keinen Schimmer von dem stillen Agreement.

Die Stimmung war ausgelassen und sie lachten viel. Ole hatte wieder ein paar lustige Regenwurmgeschichten zu erzählen. Markus hatte mittlerweile vier Bier getrunken und er war ein wenig angetrunken, denn so viel Alkohol war er nicht gewohnt. Hannes besah sich die leeren Flaschen, die sich um Markus häuften und sah seinen Freund dann eindringlich an. „Gibst du dir heute die Kante oder was?“, fragte er, denn er war noch nicht auf Stand, weder wegen der Suspendierung, noch wegen dem blöden Bert.

„Er hat Waschbärprobleme“, sagte Felix und Hannes guckte ihn komisch an.

„Waschbären? Hier in der Siedlung? Das ist scheiße, die verwüsten die Mülltonnen und so. Da musst du was machen!“

„Na ja, dieser spezielle Waschbär hat ganz was anderes verwüstet“, kicherte Felix und störte sich nicht daran, dass Markus ihn böse anguckte. Er hatte Ole neben sich und eine Zimtschnecke, da konnte ihm so schnell nichts Angst machen. „Der hat heute Morgen Markus’ Herz verwüstet, auch wenn der das ja noch nicht zugeben will. Der altbekannte Jan-Effekt.“

„Was ist los?“ Hannes verstand nicht so richtig, was man eigentlich von ihm wollte. Waschbären mit Jan-Effekt, die Herzen verwüsteten? Man konnte seine Frage auf seinem Gesicht lesen.

„Sein Kunde, der Robert – genannt der Waschbär“, gab Mario also einen Denkanstoß und tätschelte Jan, der es leid war, als schlechtes Beispiel herhalten zu müssen.

„Der Fernseh-Fuzzi?“ Hannes sah Markus an, aber der zog es vor, sich eine neue Flasche Bier aufzumachen, so dass Felix dafür sorgte, Hannes auf den neuesten Stand zu bringen.

„Genau der. Er hat unser Dornröschen geküsst und jetzt schmollt es und moppert.“

„Regenwurm, wenn wir nicht gleich dem Experiment beiwohnen wollen, ob ein zerhakter Regenwurm sich zu zwei neuen Exemplaren regeneriert, halt die Klappe!“, knurrte Markus und starrte vor sich auf den Tisch.

Doch Hannes ließ nicht locker. Er war besorgt. „Was hat der Arsch mit dir gemacht? Hat er dir was getan? Soll ich ihm eine auf die Fresse hauen?“

Markus sah irritiert auf. Was waren das denn für Worte? Und warum kam ausgerechnet jetzt Linda heim?

„Nee, Hannes, das lass mal lieber“, kicherte Felix, verkroch sich aber vorsichtshalber auf Oles Schoß. „Er streitet es zwar vehement ab, zu vehement, wie ich finde, dass ihm der Kuss gefallen hat.“

„Kuss?“ Linda schloss die Tür hinter sich und blickte in die Runde.

„Hallo Schönheit!“ Jan winkte ihr zu und sie winkte zurück.

„Hallo Mädels“, grinste sie und legte die Jacke ab, ließ die Tasche fallen und suchte sich einen freien Platz am Tisch, bekam gleich den Auflauf hingestellt, lauwarm, so wie sie es liebte. „Wer wird geküsst und warum?“, forschte sie noch einmal nach und Markus knallte den Kopf auf den Tisch. Nahm sein Martyrium denn gar kein Ende? Er deutete auf Felix, der schon dafür sorgen würde, dass Linda auch auf Stand kam.

Felix holte auch schon tief Luft. „Der Waschbär hat Markus geküsst, was ihm ja angeblich gar nicht gefallen hat.“ Felix wackelte grinsend mit den Augenbrauen und störte sich gar nicht daran, dass es von der Tischplatte knurrte. „Sein Chef hat es gesehen und war etwas anderer Meinung, weil unser Süßer den Kuss ziemlich begeistert erwidert hat. Jetzt hat Wolfram ihn für eine Woche frei gestellt, um darüber nachzudenken, ob er diesen Job wirklich machen will, wenn er es nicht fertig bringt, seine Leutchen von sich weg zu halten.“

„Ach du scheiße!“ Linda lege die Gabel ab und strich ihren Lieblingsmarkus über den Kopf. „Eine Woche freigestellt?“ Zum Glück war er nicht gleich vor die Tür gesetzt worden, denn Linda wusste, dass Wolfram nicht lange fackelte. Sie kannte ihn schon lange, denn ihr großer Bruder hatte in dem Studio immer trainiert, solange er noch in der Stadt gelebt hatte. Wenn Markus also nur suspendiert wurde, schien Wolfram ziemlich an ihm zu hängen – das war gut.

„Hat sich dieser Waschbär noch mal gemeldet oder so?“, wollte sie wissen, denn einiges passte an der Geschichte noch nicht zusammen.

„Weiß nicht“, brummte es von der Tischplatte. „Hab das Handy aus.“ Er griff in seine Hosentasche und holte sein Handy raus. Er hielt es Linda hin. „Da, guck nach und lösch alles, wenn was da ist.“

„Ich will, ich will!“ Felix war gleich aufgesprungen, doch Linda war schneller.

„Heißt du Linda? Hat sich dein Babe da so vergriffen?“, wollte sie wissen und wies Felix damit in seine Schranken. Außerdem ging ihn die PIN von Markus’ Handy nichts an! Linda tippte sie ein und dann stand das Handy nicht mehr still. Es piepste stände und als es endlich fertig war, resümierte sie: „Siebenunddreißig Anrufe in Abwesenheit und achtzehn SMS.“ Da konnte Markus aber nicht sagen, dass der Waschbär sich nicht ins Zeug legen würde.

Sie wurde neugierig.

Linda rief die SMS auf und fing an zu lesen. Sie hatten alle ungefähr den gleichen Inhalt. Es täte ihm leid und Markus solle sich melden, weil sie reden sollten. Waren sie am Anfang noch sehr eindringlich, konnte man zum Schluss hin leichte Verzweiflung und Resignation raushören. Der Mann schien wirklich verzweifelt zu sein, weil er Markus nicht erreichen konnte. Aber der schaltete auf stur, wollte nichts hören, nichts sehen und Linda wusste nicht warum.

„Markus, komm mal mit!“, forderte sie und ging vor auf die Terrasse. Markus würde ihr schon folgen, da war sie sich sicher. Außerdem wollte sie morgen in den Urlaub fahren, ein paar Tage ausspannen und da konnte sie ihren besten Freund unmöglich in dieser Verfassung zurücklassen und den Urlaub genießen. Das schloss sich einfach aus!

„Schatz, was ist los?“, fragte sie sanft und zog Markus in eine feste Umarmung, als er mit hängendem Kopf auf sie zugeschlurft kam. Liebevoll strich sie ihm durch die Haare und küsste ihn sanft. Sie waren zwar schon seit Jahren nicht mehr zusammen, aber Markus war halt immer noch ihr bester Freund und sie hing an ihm und ihn so zu sehen, machte ihr Sorgen.

„Ich weiß es nicht, Süße, ich weiß es nicht und das ist mein verdammtes Problem. Was hat er denn geschrieben?“ Er grinste schief, denn er war mal wieder mit dem Reden schneller als mit dem Denken. Er war völlig durch den Wind und eigentlich hätte er Zeit für sich selber gebraucht.

„Er macht sich Sorgen um dich und möchte mit dir reden. Es tut ihm leid, was er gemacht hat, aber er bereut es nicht.“ Linda fasste kurz zusammen, was sie aus den SMS herausgelesen hatte und zog Markus zur Hollywoodschaukel. Dort konnte sie ihn bequemer festhalten und musste sich nicht so recken.

„Der blöde Bert bereut auch nie was. Er nimmt sich, was er will, fragt nicht, ignoriert alle Grenzen und reitet mich in die Scheiße. Das ist so typisch für den bekloppten Waschbär!“ Markus knurrte, holte dann aber tief Luft, er hatte sich wegen dem Idioten nicht mehr so aufregen wollen. Dahin waren die guten Vorsätze.

„Ach Maus.“ Linda setzte sich so, dass Markus seinen Kopf auf ihrer Schulter ablegen konnte und strich ihm wieder durch die Haare. „Er bereut es nicht, weil ihm euer Kuss sehr gefallen hat. Dass er dich damit in Schwierigkeiten gebracht hat, das tut ihm sehr leid. Er hat versucht, das auch Wolfram klar zu machen und die Schuld auf sich genommen, aber dein Chef war nicht umzustimmen.“

„Meine Güte, der bekloppte Waschbär soll sich endlich aus meinem Leben raushalten.“ Markus knurrte, denn er war sauer. Schlug sich seine beste Freundin jetzt auch noch auf dessen Seite? Das war doch echt nicht fair! „Ich will diese Woche hinter mich bringen und dann neu anfangen mit einem anderen Kunden.“

Linda strich Markus über die Wange und lächelte. „Du solltest wirklich etwas Abstand kriegen, darum kommst du morgen mit mir in den Urlaub. Ich habe eine Kabine auf der Fähre von Kiel nach Oslo gebucht, da ist noch genügend Platz für dich. Wir machen uns ein paar schöne Tage in Norwegen und du erholst dich.“ Das war ihr ganz spontan eingefallen. Hier kam Markus doch nie zur Ruhe.

Markus sah sie fragend an, als wollte er sagen: Was soll denn der Mist? „Was soll ich denn da?“, formulierte er aber um und schüttelte den Kopf. Wenn er eine Sache jetzt bestimmt nicht brauchte war das Urlaub! Dann hatte er Zeit zum Nachdenken, dachte vielleicht noch über das nach, was Linda eben gesagt hatte. Zum Schluss hatte er dann vielleicht noch Mitleid mit dem blöden Waschbär.

Nein!

Kein Urlaub.

„Maus!“ Linda sah Markus streng an und wer sie kannte, wusste, dass sie jetzt keinerlei Widerrede duldete. „Du kommst mit mir nach Oslo und damit basta! Glaubst du allen Ernstes, ich lass dich jetzt hier in deiner Verfassung allein zurück. In den Fängen von solchen Chaoten wie Felix und Mario? Die haben doch nicht besseres zu tun, als dich vollkommen durcheinanderzubringen und aufzuziehen. Willst du das?“

„Nein, will ich nicht“, knurrte Markus und sah ja irgendwie ein, dass hier bleiben auch nicht das Gelbe vom Ei war. Wieder piepste sein Handy und Markus griff danach, stellte es wieder aus und packte es weg. Noch mehr Sorrys konnte er im Augenblick wirklich nicht vertragen.

„So spät kann man gar nichts mehr buchen“, versuchte er aber doch noch ein legales Schlupfloch zu finden.

„Dummerchen, die Kabine auf der Fähre ist schon gebucht und den Rest kriegen wir auch hin. In Oslo suchen wir uns eine Unterkunft und wenn wir alles gesehen haben, fahren wir wieder zurück.“ Linda hatte das schon alles geplant. Sie hatte die Rückfahrt schon gebucht, aber das Datum noch offen gelassen. Sie wollte flexibel sein und die Reederei schien damit keine Probleme zu haben, denn die hatten es ihr angeboten.

„Außerdem habe ich noch gar nicht gepackt und weiß nicht wo mein Pass ist und sowieso und überhaupt“, fing er schon wieder an, duckte sich aber ab wie eine Katze, als Linda sich etwas größer machte und die Augen groß wurden. Wenn jetzt noch der Mund spitz wurde und die Arme verschränkt wurden, sollte er um sein Leben laufen und packen!

„Dein Personalausweis ist in deinem Portemonnaie und deine Tasche habe ich in fünf Minuten gepackt.“ Der Mund wurde langsam spitz und Markus brach der Schweiß aus. „Also, wenn du nicht möchtest, dass ich mich durch deine Unterwäsche wühle, um was Schnuckliges für dich unten drunter zu finden, dann solltest du dich ganz schnell in Bewegung setzen und packen. Ich schmeiß derweil die Bande raus.“

„Es sind immer noch meine Freunde und ich mag sie“, erklärte Markus und blickte Linda fest an. Doch dann schoss er hoch und war wieder im Haus, nicht dass noch jemand in seinen Unterhosen wühlte. Er flitzte an der Küche vorbei und der Rest, der sich noch einmal über die Reste vom Auflauf her gemacht hatte, sah ihm verdutzt nach. „Was hat Linda denn mit ihm gemacht?“, fragte Jan besorgt.

„Mich um ihn gekümmert und nicht nur aufgezogen wie ihr.“ Jan zuckte zusammen und drehte sich zu Linda, die in der Küchentür stand und ihn streng ansah. „Markus und ich fahren morgen zusammen in den Urlaub. Er ist packen und danach sollte er sich besser schlafen legen.“ Sie deutete anklagend auf die leeren Bierflaschen und den Jungs wurde klar, dass sie es ihnen übel nahm, ihn nicht daran gehindert zu haben, so viel zu trinken.

„Er ist aber auch alt genug“, sagte Mario, hatte den Rauswurf aber verstanden und erhob sich. Sie räumten noch das Zeug zusammen und griffen sich, was ihr war. Zum Beispiel die Auflaufform von Ole. Sie riefen noch einen Gruß durch das Haus, dann gingen sie. Gerade als Markus wieder nach unten geflitzt kam. Er wirkte etwas angeschlagen und er hatte ein schlechtes Gewissen, seinen Freunden gegenüber. So schnell fand ihr Abend wohl nicht mehr bei ihm stand. Er setzte sich auf den Küchentisch und sank ein bisschen in sich zusammen.

Linda umarmte ihn von hinten und lehnte ihren Kopf an seinen. „Ich mach es wieder gut, wenn wir wieder hier sind, ja?“ Sie konnte es nicht gut haben, wenn Markus so deprimiert wirkte. „Lass uns schlafen gehen. Morgen um vier ist die Nacht zu ende.“

„Um vier?“ Markus guckte sie gequält an und grinste schief. Gerade konnte er sich vorstellen, wie sich der Waschbär gefühlt haben musste, als der das erste Mal um sechs hatte aus dem Bett krabbeln müssen. Doch er wollte ihn gar nicht verstehen, sich nicht so fühlen wie der! Verdammt noch mal, der sollte endlich aus seinem Kopf verschwinden.

„Blöder Waschbär!“

„Ja blöder, böser Waschbär.“ Linda musste sich ein Kichern verkneifen. Markus konnte ihr nichts vormachen, so wie sich selbst. Dafür hatte er die letzten Wochen viel zu viel von Robert erzählt. Der blöde Waschbär hatte sich nach und nach in sein Denken und sein Leben geschmuggelt und da war er nicht so schnell wieder hinaus zu bekommen.

„Linda, verarsch mich nicht, sonst werde ich dich leider über die Reling werfen müssen“, knurrte Markus, als er merkte, dass Linda sich das Kichern doch nicht mehr hatte verkneifen können. „Außerdem denkst du doch heimlich das gleiche wie die Jungs auch!“

„Markus, ich will einfach, dass du glücklich bist. Ob mit dem blöden Waschbär oder ohne, das ist mir vollkommen egal.“ Linda setzte sich auf Markus’ Schoß und sah ihn lächelnd an. „Du bist und bleibst meine erste große Liebe und darum werde ich nicht zulassen, dass dir jemand weh tut. Ich weiß nicht, ob die Jungs Recht haben, aber ich kenne dich und Robert ist da drin.“ Sie tippte auf Markus’ Brust. „Wie weit, das kannst nur du entscheiden.“

„Linda“, quengelte Markus leise. Jetzt fing sie auch noch so an wie der Regenwurm. „Die Frage ist nicht, ob mit oder ohne. Die Feststellung muss lauten: ohne!“, stellte er klar, doch er klang schon nicht mehr so forsch wie noch vor ein paar Stunden. Er war mürbe geworden und vielleicht ging er jetzt doch lieber ins Bett, nicht dass er noch Dinge zugab, die so nicht stimmten.

Darum hob er Linda von seinem Schoß und küsste sie auf die Wange. „Ich geh schlafen.“

Linda sah ihm hinterher, wie er die Treppe hoch zu seinem Zimmer ging und grinste. Wenn sich da nicht jemand ziemlich verrannt hatte. Das konnte ja noch was werden.



***



„Ziemlich groß, der Pott“ Markus sah an der Schiffswand nach oben und hielt Lindas Hand. Er war immer noch unentschlossen, ob er das Richtige tat und so lange sie nicht los ließ, solange konnte er auch nicht zurück zum Bahnhof laufen, wo sie vor einer Stunde angekommen waren.

Die Regelung für die Doppelbelegung der Kanine war gelöst worden, Markus hatte seinen Obolus für die Überfahrt bezahlt und auch das Zimmer in Oslo hatten sie noch telefonisch umbuchen können auf ein Doppelzimmer mit Zahlung bei Check in.

„Ja, einfach fantastisch.“ Linda sah, wie Markus, an der Schiffswand hoch und strahlte. Sie liebte Schiffe. Ihre Eltern waren immer mit ihr in den Ferien an die See gefahren und sie hatten immer mindestens eine Schifffahrt unternommen und wenn es nur eine Butterfahrt gewesen war, um ein wenig zollfrei einzukaufen. Sie versuchte noch heute, mindestens eine Schifffahrt pro Jahr zu unternehmen.

„Wenn das Ding absäuft, kriegst du Ärger mit meiner Mutter“, erklärte Markus und griff sich seine Tasche fester. Er rückte sie auf der Schulter zurecht und sah sich um. Irgendwo mussten sie noch anheuern und dann das Schiff betreten und dann gab es keinen Weg mehr zurück. Er sah sich um, als würde dort etwas stehen, was ihn zurückhalten könnte. Er wusste noch nicht einmal, was er zu sehen erwartete.

„Das passiert schon nicht.“ Linda lachte und zog Markus mit sich zu einem der Gebäude, von dort kamen sie über eine Gangway zum Schiff und sie war schon ganz aufgeregt. Sie hatte Urlaub, da konnte ihr fast nichts die Laune verderben.

„Na du hast ja einen Gottglauben“, knurrte Markus, ließ sich aber ziehen und hatte Lindas Tasche in der anderen Hand. Das gehörte sich einfach so, wie er fand. Sie waren einige der ersten und schnell in ihrer Kabine. Sie hatten sogar eine Außenkabine mit Fenster. Markus war beeindruckt, denn so viel teurer war die gar nicht gewesen. „Bekommst du Sonderrabatte oder warum war dieses hübsche Zimmerchen so preiswert?“

Linda klimperte keck mit den Wimpern und grinste breit. „Eine Lady verrät doch nicht ihre Geheimnisse. Nur so viel sei gesagt, ich habe eine Extra auf mich zugeschnittene Kreuzfahrt bekommen. Oder besser, ich habe mir aus verschiedenen Angeboten meine Kreuzfahrt zusammengestellt. Für die Hinfahrt habe ich ein Angebot genommen, wo die Fähre nicht auf direktem Weg nach Oslo fährt, sondern ganz langsam und mit ein paar Umwegen über das Meer schippert. Hier ist der Weg mehr oder weniger das Ziel. Wir werden also erst morgen Nachmittag in Oslo sein. Ich finde Schiffsfahrten entspannend und das war ideal. Für die Rückreise nehmen wir die normale Fähre. Wir müssen es nur zwölf Stunden vorher anmelden und können so lange in Oslo bleiben, wie wir möchten.“

„Na gucke an. Meine kleine Süße hat Beziehungen im ganz großen Stil.“ Markus lachte und ahnte, dass Linda bereits Rabatte bekam, denn sie machte ähnliche Touren bei den Fähranbietern jedes Jahr, manchmal sogar öfter. „Los, erkunden wir das Schiff, auspacken können wir immer noch, wenn wir auf dem Wasser herum dümpeln.“ Markus griff sich seine Kamera.

Linda hakte sich bei ihm ein und wirkte sehr zufrieden. Sie hatte ihren besten Freund für sich und das auch noch auf einem Schiff. Sie arbeiteten beide viel und da war die gemeinsame Zeit recht knapp. Die nächsten Tage wollte sie genießen und mal wieder etwas mit Markus zusammen unternehmen.

Ihr ernster Weg führte sie durch das Schiff, die endlos langen Flure entlang, vorbei an den Shops, den Restaurants und den Spielautomaten. Doch dann hatten sie endlich eine Tür gefunden, die nach draußen an Deck führte. Auch wenn sie noch im Hafen lagen, ging der Wind hier oben schon stürmisch und Markus musste die Jacke fester knöpfen. Er zog Linda vor sich, um ihr Schutz zu bieten, als sie hinab auf den Vorplatz sahen, wo die Autos auf die Verladung warteten.

Linda lehnte sich an ihn und erklärte ihm, was in den einzelnen Gebäuden im Hafen untergebracht war. Sie war schon so oft hier gewesen, dass sie sich gut auskannte. Sie hatte auch schon die Fahrt nach Oslo gemacht und darum wollte sie auch noch einmal dorthin, denn es hatte ihr in der Norwegischen Hauptstadt gut gefallen. „Wir werden viel Spaß haben.“

„Davon gehe ich aus, wenn nicht, fordere ich mein Geld zurück. Nur damit das mal klar ist“, lachte er und legte sein Kinn auf ihren Kopf. Heute konnte er das, als sie noch zusammen gewesen waren, war er um einiges kleiner und mickriger gewesen. Er lachte leise, als er sich daran zurückerinnerte.

Immerhin war er erst 16 Jahre gewesen und noch ein halbes Kind. Linda hatte ihm schon immer gefallen. Sie war das hübscheste Mädchen in der Siedlung und sehr beliebt bei den Jungs. Warum sie sich gerade in ihn verliebt hatte, hatte er erst gar nicht verstanden, aber sie hatte ihm erklärt, dass er ihr Interesse geweckt hatte, weil er eben nicht ständig hinter ihr hergehechelt war und sie mit Komplimenten überschüttet hatte. Er hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass er in sie verschossen war, aber er hatte sie nie bedrängt und ganz normal behandelt, dass hatte schließlich dazu geführt, dass sie sich ebenfalls verliebt hatte.

Die folgenden Jahre waren der Himmel gewesen, doch als sich die Wege trennten, weil sie unterschiedliche Schulen besuchen mussten und die Interessen sich auch auseinander lebten, war die Liebe erkaltet, nicht aber ihre Sympathie und ihr Vertrauen in einander. Sie kannten den jeweils anderen so gut wie niemand sonst, oft nicht einmal die eigenen Eltern und deswegen hatten sie sich immer wieder gefunden.

Sie konnten über alles reden und sicher sein, dass der andere einem nicht nach dem Mund redete, nur weil man es hören wollte. So war Linda auch mit die erste gewesen, der er, verwirrt wie er war, erzählt hatte, dass er sich in einen Mann verliebt hatte. Sie hatte ihm Mut gemacht, mit Hannes und seinen anderen Freunden zu reden und ihm auch den Rücken gestärkt.

Seine Freunde hatten wirklich Glück gehabt, dass sie keine Probleme damit gehabt hatten, denn sonst hätten sie es mit ihr zutun bekommen.

Doch wie hätten sie sollen?

Jan und Mario waren sowieso auf einander eingeschossen und Felix trieb nun auch am anderen Ufer. Da war Markus mit seinem Chris gar nicht aufgefallen. Und Hannes hatte nur die Schultern gezuckt und festgestellt, dass Chris doch um einiges angenehmer wäre als Kendra, die er vorher abgeschleppt hatte. Damit war das Thema durch gewesen. Doch bei Robert schien es anders zu sein, das Thema schlachteten seine Freunde aus und Linda ahnte auch warum. Sie spürten, wie sie auch, dass es bei Markus tiefer ging. Vielleicht so tief, dass er jetzt nicht einmal reagierte, als sie ihn ansprach. Sie zupfte ihn am Ohr und lachte, als er sie verwirrt ansah. „Was denn?“, fragte er und rieb sich das Ohrläppchen.

„Süßer, du warst meilenweit weg und das geht gar nicht, wenn so eine göttliche Schönheit wie ich in deinen Armen liegt“, schmollte sie gespielt und funkelte ihn an. Natürlich war er gleich reumütig und grinste.

„Ich werde dich auf einen Cocktail in der Bar einladen, ehe wir zu Bett gehen, könnte ich damit meine eigentlich unentschuldbare Leichtsinnigkeit, dir nicht meine ganze Aufmerksamkeit geschenkt zu haben, ein kleines bisschen ausgleichen?“ Er sah sie bittend an und grinste, als er ein paar ältere Herrschaften neben sich tuscheln hörte.

Sie wiegte den Kopf hin und her und schien ernsthaft darüber nachzudenken. „Wenn ich mich heute Nacht an dich kuscheln darf, haben wir einen Deal“, lachte sie frech und küsste ihn schnell. Sie hatte das Tuscheln auch mitbekommen und es machte ihr Spaß, den Eindruck zu erwecken, dass sie ein frisch verliebtes Paar waren.

„Wenn es denn unbedingt sein muss“, sagte Markus und klappte zusammen wie ein Taschenmesser, als ein Ellenbogen ihn traf. „Süße, das war nicht so gemeint, ehrlich!“, versicherte er hastig und legte noch eine Kugel Eis mit Sahne drauf, bekam aber unterstellt, dass er Linda nur rund füttern wolle. „Ach Schatz, nichts würde dich entstellen!“, lachte Markus und seine langen Beine machten es ihm leicht, ihr und ihrem Ellenbogen zu entkommen.

„Du Schuft“, rief Linda hinter ihm her und eine fröhliche Jagd begann. Markus spielte mit ihr, ließ sie immer wieder herankommen und sprintete dann lachend aus ihrer Reichweite, was sie jedes Mal schimpfen und fluchen ließ. Nach einer Weile musste sie schwer atmend stehen bleiben und sich auf ihren Beinen abstützen. Sie hätte wohl doch mehr Sport machen sollen, wie Markus es ihr oft genug gesagt hatte. Und der hüpfte lustig um sie herum – natürlich mit gebührendem Abstand, um nicht doch aus Versehen gegriffen und über Bord geworfen zu werden – und erklärte ihr genau das.

„Schatz, Bewegung ist unser Freund, sie gibt Muskeln einen Sinn“, sagte er und umrundete seine Freundin erneut. Linda drohte ihm nur mit der Faust, denn zu mehr war sie gerade nicht in der Lage. Immer noch gebeugt schlurfte sie zu einer Bank und ließ sich darauf fallen.

„Keine Zeit“, jappste sie irgendwann und wusste jetzt schon, dass sie damit nicht durchkam.

„Süße, das geht so nicht weiter mit dir. Wie willst du bösen Jungs entkommen, wenn du fit wie eine alte Tennissocke bist.“ Markus ließ sich neben sie fallen und zog sie gegen sich.

Das Leben war herrlich!

„Ich dachte, darum kümmerst du dich. Du bist doch fit für zwei.“ Linda kuschelte sich an und schloss die Augen. Ihr war klar, dass Markus nicht mehr locker lassen würde, jetzt wo er sie so weit hatte zuzugeben, dass sie sehr untrainiert war. Sollte er ruhig einen Trainingsplan für sie entwerfen, dann hatte er zutun.

„Du weißt, was das heißt, Schatz. Sobald ich wieder daheim bin und sobald ich noch einen Job habe, werde ich dafür sorgen, dass du auch zu hause ein bisschen Sport machen kannst ohne lange Wege und ohne viel Geld.“ Es gab eine Menge Tricks, wie man teure Fitnessgeräte kompensieren konnte und viele Übungen ließen sich gut in den Alltag integrieren, egal ob beim Sitzen, beim Laufen oder beim Stehen. Sogar beim Liegen auf der Couch. „Aber nicht heute, heute hast du Urlaub.“

„Ja, das habe ich und den habe ich mir verdient. Die letzten zwei Monate musste ich ständig Überstunden schieben, weil viele Kolleginnen krank waren oder weil Stellen gestrichen wurden.“ Linda atmete tief durch und ließ den Kopf gegen Markus’ Schulter sinken. „Also Schonfrist bis nach dem Urlaub.“

„Okay, dann futtere dir ruhig noch einen Waschbärbauch an und... Ach Mist!“ Als Markus aufging, was er gesagt hatte, knurrte er leise und schloss die Augen. Dahin war der gute Vorsatz, das lästige Vieh daheim zu lassen. Er hätte ihn in eine Mülltonne sperren sollen und ein Schloss davor machen. Und vielleicht hätte er das nicht laut sagen sollen, denn jetzt lachte Linda herzhaft.

Sie war aber diplomatisch und sagte nichts. Ihr Gesichtsausdruck sprach auch so schon Bände. „Mein Bauch mag ja nicht trainiert sein, aber eins ist er bestimmt nicht - haarig!“, stellte sie fest. „Also werde ich nie einen Waschbärbauch haben.“

„Nein, bist ja auch kein bekloppter Waschbär. Komm, lass uns mal gucken, ob wir schon ablegen und wenn nicht, den Kapitän damit nerven, dass wir wichtige Termine haben und er ja nicht zu spät ablegen soll.“ Markus erhob sich und zog Linda mit sich, grinste aber. Gerade hatte er den Kopf voller Blödsinn und die Versuchung, alles in die Tat umzusetzen, war enorm.

Zwar ließen sie den Kapitän in Ruhe, aber sie tobten ausgelassen durch das ganze Schiff und brachten immer wieder Leute zum Schmunzeln, die sie sahen.

Es war so, als hätten sie ihre Sorgen draußen vor der Gangway gelassen und jetzt genossen sie die Zeit zusammen, ohne Verpflichtungen. Sie gönnten sich noch ein paar Minuten an Deck, als der Riese endlich in See stach, doch dann merkten auch sie, dass sie das Mittagessen bisher hatten ausfallen lassen. So verbrachten sie die nächste Stunde in einem der Restaurants, hatten Glück und fanden einen Fensterplatz und so konnte Linda den Ausblick genießen und Markus den Lachs.

Sie blieben auch dort sitzen, als sie schon satt waren und redeten. Etwas, was sie schon länger nicht mehr getan hatten, weil einfach die Zeit gefehlt hatte. Sie hatten sich oft nur kurz gesehen, weil ihre Arbeitszeiten völlig gegensätzlich gelaufen waren und jetzt nutzten sie die Chance und ratschten und tratschten, was das Zeug hielt.

Erst als die Stoßzeit für das Abendessen begann und die Tische rar wurden, erhoben sie sich und machten sich vom Acker. Anstatt in die Kabine, gingen sie aber wieder an Deck. Sie wollten so viel wir nur möglich von der frischen Luft und dem weiten Blick genießen, solange die Sonne am Himmel stand. Schlafen konnten sie noch genug, wenn es dunkel war.
Schließlich waren da auch noch ein Eis und ein Cocktail, die Linda einfordern wollte. Es kam nicht oft vor, dass sie solche Versprechungen bekam. Markus wusste ganz genau, wie sehr sie diese Dinge liebte und hatte sich deswegen damit freigekauft. Ein wirklich schöner Tag klang an der Bar aus und so betraten sie ihr Zimmer erst wieder kurz vor Mitternacht und nach einer schnellen Dusche bekam Linda auch ihre Kuscheleinheiten.

11

„Komisches Gefühl ohne Wecker wach zu werden“, murmelte Markus und drehte sich noch einmal in seine Decke, hätte Linda dabei fast aus dem Bett geschubst und konnte sie gerade noch greifen und an sich ziehen. „Sorry!“

„Uah, Markus, so geweckt zu werden ist echt 'ne Strafe.“ Linda klammerte sich an ihn und versuchte ihr schnell klopfendes Herz zu beruhigen. Sie hatte sich total erschrocken, als sie fast auf dem Boden gelandet wäre. „Sag doch, wenn ich dir zu sehr auf die Pelle gerückt bin.“

„Ich glaube eher, du bist mir nicht intensiv genug auf die Pelle gerückt, ich hatte total vergessen, dass du auch noch irgendwie hier herum lungerst“, erklärte Markus gähnend und konnte gar nicht so schnell gucken, wie er ein Kissen im Gesicht hatte und seine Nase platt war. Nein, man sagten Frauen nicht, dass sie herum lungerten. Schon gar nicht Frauen, mit denen man Bett und Decke teilte.

Natürlich ließ er sich das nicht gefallen und schon war eine richtige Kissenschlacht im Gange. Sie schenkten sich nichts und lachten ausgelassen, bis sie nicht mehr konnten und erschöpft nebeneinander auf die Matratze fielen. „Das hab ich so vermisst“, murmelte Linda und drehte sich lächelnd zu Markus um. „Ich habe den Markus vermisst, der für jeden Spaß zu haben war. Du bist viel zu ernst geworden.“

„Ich? Ernst?“ Entrüstete setzte sich Markus ein wenig auf, kam aber nur auf die Ellenbogen. Doch das reichte, um auf Linda herabblicken zu können und seine Entsetztheit auf sie wirken lassen zu können. „Das nimmst du sofort zurück. Frechheit!“ Ein Kissen ging wieder auf der erschöpften Linda nieder, doch es war schnell wieder beiseite gezogen, man trat keine Gegner, die keuchend am Boden lagen oder auf dem Bett.

„Komm her, Süßer.“ Linda legte Markus die Arme um den Hals und zog ihn näher. „Ich nehme es zurück. Du bist vollkommen durchgeknallt“, lachte sie frech und warf sich mit einem Schrei auf ihren Freund.

„Geht doch. Muss man denn immer erst Gewalt anwenden, ehe das eigene Image als das wahr genommen wird, was es ist? Schändlich!“ Er fiel zurück in die Kissen und schloss die Augen.

Urlaub – er hatte Urlaub!

Und gleich würde er seinen Fuß auf norwegischen Grund setzen und sich deren Kultur ansehen. Er freute sich mittlerweile darauf, gestern war er noch nicht ganz davon überzeugt gewesen.

Sie blieben noch ein paar Minuten liegen, dann standen sie auf und machten sich fertig. Markus wollte ein wenig über das Deck joggen und Linda wollte sich mit einer großen Tasse Kaffee an Deck setzen und die Seeluft genießen. Schließlich hatte sie Urlaub und Schonzeit.

Gegen zehn schlenderten sie zum Frühstücksbuffet. Erst wollte Markus wie immer zu Cerialien und calciumreichem Essen greifen, doch ihm fiel gerade noch ein, dass er Urlaub hatte – so gönnte er sich Rührei und Toast. Es war ja nicht so, dass er das nicht mochte, das andere war auf die Dauer nur gesünder.

Gemeinsam genossen sie ihr Frühstück und gingen danach wieder an Deck. Sie hatten Glück mit dem Wetter, denn die Sonne schien, so war es richtig gemütlich in der windgeschützten Ecke, die sie sich ausgesucht hatten. Jeder hatte ein Buch und vertiefte sich darin. Eine halbe Stunde vor Erreichen des Zieles gab es ein Signal und so gingen sie langsam in ihre Kabine zurück und packten ihre Sachen.

Vom Hafen aus wollten Linda und Markus mit den Shuttlebus in die Stadt und dann erst einmal das gebuchte Hotel beziehen, ehe sie die Stadt unsicher machen wollten. Linda malte sich schon aus, was sie alles besuchten wollten und hatte den Reiseführer bereits in der Jackentasche. Voller Vorfreude warteten sie darauf, dass das Schiff anlegte und sie von Bord konnten. Sie planten ihre Route und lachten ausgelassen, bis Markus auf einmal wie vom Donner gerührt stehen blieb.

„Der Waschbär“, murmelte er fassungslos und Linda sah ihn fragend an.

„Wie?“, fragte sie. „Wie kommst du denn jetzt da drauf?“

„Falsche Frage“, knurrte Markus und fixierte den Mann mit Blicken, der am Tor stand und jeden musterte, der es verließ. Und es gab nur das eine, denn dort war die Passkontrolle.

Saubere Arbeit!

„Die Frage muss nicht heißen: wie komme ich darauf – sondern: wie kommt der bekloppte Waschbär da vorne ans Tor!“ Markus war nicht nur mit jedem Wort schneller, sondern auch lauter geworden. Er stand wie angewurzelt und starrte auf Robert.

„Er ist hier?“ Linda folgte Markus’ Blick und jetzt erkannte sie den Mann am Tor. Nachdem Markus ihr erzählt hatte, wer sein Schützling war, hatte sie sich den Mann mal im Fernsehen angesehen. „Wie ist der denn hierher gekommen?“

„Weiß ich doch nicht“, knurrte Markus. Seine Laune polterte gerade mit Sack und Pack in den Keller, um sich dort ein Loch zum Mittelpunkt der Erde zu graben. Das war ein Alptraum, oder? Und gleich wachte er auf, hatte ein Kissen im Gesicht und durfte duschen gehen.

Bitte, bitte, bitte!

Aber er wurde schnell wieder in die Wirklichkeit gerissen, denn sie waren nicht alleine auf der Gangway und hinter ihnen wurde gemurrt und schließlich wurde Markus einfach zur Seite geschoben. Linda nahm ihn an die Hand und zog ihn mit sich. „Komm, wir können hier nicht ewig stehen bleiben.“

„Doch kann ich – ich geh da nicht raus. Ich denk doch gar nicht dran. Ich fahre einfach wieder zurück. In zwei Stunden legen sie ab. Das krieg ich hin!“

Linda glaubte sich verhört zu haben. Bildete sie sich das gerade ein oder wurde Markus hysterisch? Also zerrte sie ihn weiter, auch wenn das Kraft kostete, den wiederwilligen Brocken hinter sich her zu zerren.

„Bist du ein Mann oder eine Maus?“, brummte sie und zog Markus näher. „Du kommst jetzt mit mir mit und keine Widerrede. Ignorier den Kerl, oder sonst was, aber wir werden jetzt nicht weglaufen.“

„Ich bin eine Maus, die schnellste Maus von Mexiko – nenn mich Speedy!“ Markus war völlig neben der Rolle. Was sollte er denn machen? Er wurde von einer Frau, die zwei Köpfe kleiner war als er, durch die Gegend gezerrt und am Tor stand ein wild gewordener Waschbär. Waren die nicht bekannt dafür, dass die Mäuse fraßen?

Ganz bestimmt!

Derweil stand Robert am Tor und guckte sich die Augen aus dem Kopf. Auf dem Flug hatte er sich das Gelände des Überseehafens genau eingeprägt und festgestellt, dass Fußgänger das Gelände nur an einer Stelle verlassen konnten. Jetzt kam es darauf an, ob es seine Bettelei bei Mario wert gewesen war.

Angenehm war der gestrige Nachmittag nicht gewesen. Erst hatte er sich nach Mario erkundigt, seinen Nachnamen ergaunert, seine Adresse gesucht und war dort aufgeschlagen. Womit er nicht gerechnet hatte, waren die restlichen von Markus’ Freunden, die auch da waren und die alle wussten, was passiert war.

Außerdem hatte ihm so ein kleiner Rothaariger ins Gesicht gesagt, dass Markus mit seiner ersten großen Liebe ein Schiff nach Oslo bestiegen hatte. Das war ein Schlag ins Gesicht gewesen. Er war wohl leichenblass geworden, denn Marios Freund war zu ihm gesprungen und hatte ihn auf einen Stuhl gesetzt. Robert hatte gar nichts mehr verstanden und Felix, so hieß der Rothaarige, wie er aus den Markus’ Geschichten wusste, hatte noch genüsslich draufgesetzt, dass die Zwei schließlich seit mehr als einem Jahr zusammen wohnten. Und ob er das nicht gewusst hätte.

Verdammt noch mal, nein!

Das hatte er nicht gewusst, ansonsten hätte er sich nicht in diesen Blödmann verliebt!

Und er war noch viel wütender darüber, das zugeben zu müssen. Er hatte sich ganz banal verliebt. Er hatte es aus Markus’ Mund hören wollen, dass ihre Flirterei nicht mehr als ein Spiel gewesen war. Er hätte sich schon arg täuschen müssen, wenn er den Kuss derart fehlinterpretiert hätte. Schließlich hatte Markus auch selber gesagt, er sei Single!

Warum hatte er ihn also belogen?

Robert hätte es akzeptiert, wenn Markus gesagt hätte, dass er vergeben war und nicht weiter mit ihm geflirtet. Aber das hatte Markus nicht gesagt und das war besonders schmerzhaft. Markus hatte mit ihm gespielt, damit er bei der Stange blieb und nicht mit dem Training aufhörte. Und genau das sollte ihm der Kerl ins Gesicht sagen. Er wollte es von ihm hören, damit er zurückfahren konnte und weiter machen.

Im Augenblick war Robert zu nichts zu gebrauchen und ebenfalls für ein paar Tage freigestellt worden. Das war so demütigend. Jennifer wollte ihn am Montag nur im Studio sehen, wenn er wieder zurechnungsfähig war. Deswegen stand er jetzt hier, starrte Markus an, der von einer Frau gezerrt wurde – sicher war das diese komische erste große Liebe.

Robert mochte die Tussi jetzt schon nicht. Darum legte sich sein Blick wieder auf Markus und er stellte sich ihm demonstrativ in den Weg, so dass er Robert bemerken musste, auch wenn er sich weiterhin weigerte, ihn anzusehen und seinen Blick stur auf den Rücken der Tussi gerichtet hatte. „Markus, ich muss mit dir reden“, sagte er laut, als die beiden durch das Tor traten und die Passkontrolle hinter sich gebracht hatten.

„Lin, Schatz, komm, der Bus wartet nicht auf uns“, sagte Markus und Linda zog die Brauen tiefer. So war das aber nicht gedacht. Kurz sah sie Robert an, der neben ihnen her lief, denn so leicht ließ der sich nicht abschütteln. Das hätte sie auch nicht erwartet, wenn er ihnen nach Oslo nach flog.

„Wir haben noch 'ne Stunde“, sagte sie also zu Markus, in der Hoffnung, dass er jetzt nicht glaubte, sie wolle ihm in den Rücken fallen. Sein Blick, der sie traf, war auf jeden Fall nicht begeistert.

„Aber wir wissen nicht genau, wo wir hin müssen und ich möchte ihn nicht verpassen.“ Markus griff Lindas Hand fester und übernahm jetzt die Führung, aber egal wohin er auch versuchte zu laufen, Robert stand schon dort.

„Markus, bitte. Ich weiß, dass ich einen Fehler gemacht habe, aber rede mit mir“, bettelte der Waschbär, aber Markus tat, als wenn er nichts gehört hätte.

„Komm schon, Lin, hier lungern komische Leute rum, lass uns...“

„Es reicht!“ Linda riss sich los und knallte ihre Tasche auf den Boden. Sie bewegte sich jetzt keinen Meter mehr, ehe Markus nicht wenigstens mal Roberts Anwesenheit wahr nahm. Auf einem Urlaub in diesem Stil hatte sie wirklich keinen Bock. Markus starrte sie an und ihre großen Augen und der spitze Mund waren ein ganz schlechtes Zeichen. Lindas Laune war noch niedriger gesunken als seine eigene.

„Lin, Schatz...“, fing er an, zog aber schnell den Kopf ein, weil sie die Arme vor der Brust verschränkte. Jetzt durfte er nichts Falsches sagen oder tun. Sie zeigte stumm auf Robert, der sich wie in einem falschen Film vorkam. „Klär das, aber sofort.“

Na die junge Dame war aber resolut. Markus hatte nicht den Eindruck gemacht, als wäre dieser Typ Frau das, was er suchte. Aber so wie das aussah, stand er ordentlich unter dem Pantoffel.

„Hör zu, Markus“, begann er aber trotzdem, wenn die Lady schon darauf bestand, „ich weiß, dass die Aktion richtig scheiße war, aber ich konnte doch auch nicht wissen, was da noch kommt. Die...“ Er brach ab, als ihn ein kalter Blick aus Markus’ Augen traf.

„Spar dir die Luft. Mit dir bin ich fertig! Verzieh dich wieder nach Hause. Ich bin im Urlaub und muss mich nicht mit dir rumschlagen.“ Noch einmal sah er Robert mit versteinertem Gesicht an, dann wandte er sich Linda zu. „Zufrieden?“

„Wenn du nicht willst“, zischte sie leise, als sie ihn am Kragen packte und zu sich runter zog, „dass ich dir ordentlich die Fresse poliere, dann regle das so, dass du und er damit leben könnt.“ Ihre Augen waren schmal, doch dann ließ sie ihn wieder los, richtete die Jacke und ging zwei Schritte zurück.

Robert hatte die Szene mit großen Augen beobachtet und verstand gar nichts mehr. Das hörte sich aber nicht nach großer Liebe an, was ihm da gerade geboten wurde. Ohne weiter darüber nachzudenken schob er sich vor Markus und funkelte Linda an. „Das vergiss mal ganz schnell, du wirst Markus ganz bestimmt nicht die Fresse polieren. Das werde ich nämlich nicht zulassen.“

„Fehler!“, flüsterte Linda nur und hielt sich die Augen zu, da wurde Robert schon von Markus beiseite geschoben. Etwas unsanft, wie man zugeben musste. „Red noch einmal so mit meiner Freundin und wir haben hier gleich ein Tänzchen. Wenn du glaubst, mit acht Wochen Training gegen mich antreten zu wollen, nur zu!“ Markus tickte immer weiter aus, er hatte sich kaum noch unter Kontrolle. Robert wich vor ihm zurück und war nun vollends verwirrt.

„Warum sollte ich gegen dich antreten wollen?“ Markus machte ihm Angst, so hatte er ihn noch nicht erlebt. „Markus, ich will doch gar nichts von deiner Freundin, ich möchte mit dir reden, bitte. Ich muss dir einiges erklären.“

„Ich würde mal sagen, du hast weiß Gott schon genug angerichtet und...“

„Schnauze!“ Linda platzte der Kragen. Was sie hier geboten bekam war nicht Markus. Sie hatte noch nicht genau raus, wer das da drüben eigentlich war, aber definitiv nicht Markus! „Markus, ich kann nur ahnen, wie tief Robert dich verletzt hat, aber im Augenblick erkenne ich dich nicht wieder und ich will wissen warum. Also rede mit ihm.“ Sie drückte Robert die Adresse Ihres Hotels in die Hand und schubste Markus Richtung Haltestelle. Das war gerade eine mittelschwere Katastrophe.

Robert sah auf den Zettel in seiner Hand und wusste nicht, was diese Frau jetzt von ihm erwartete. Sollte er jetzt mit ihnen im Bus fahren oder wollte sie erst einmal allein mit Markus reden und sie trafen sich am Hotel? Hilfesuchend sah er zu Linda, denn Markus ignorierte ihn wieder.

Linda seufzte lautlos. Als Kinderkrankenschwester hatte sie ja schon einige Sorgenkinder gehabt, aber die beiden Blödköppe waren der Gipfel. „Triff uns da, ich werde so lange auf den hier einreden und du“, ihr Finger sauste zu Markus herum, der schon wieder so dreist war, Luft zu holen, „hältst jetzt die Klappe. Wir sprechen uns noch!“ Dann ging sie und zerrte Markus wieder mit sich – was für ein Urlaub!

Robert nickte, dass er verstanden hatte und blieb erst einmal wo er war. Er war vollkommen durch den Wind, denn er verstand nicht, was vor sich ging. Warum bestand diese Linda darauf, dass Markus mit ihm redete? Wollte sie das nur geklärt haben, damit sie ihren Freund endlich wieder ohne Störungen für sich hatte und mit ihm Urlaub machen konnte?

Derweil an der Bushaltestelle starrte Linda Markus immer noch an. „Was ist denn los, Mensch. Schatz! Ich erkenne dich nicht wieder. Ich habe dich noch nie derart abweisend und aufbrausend erlebt. Ich habe Angst.“ Und das gab sie nicht gerne zu.

„Was mit mir los ist? Linda, der Kerl macht mir fast mein Leben kaputt. Ich liebe meinen Job und ich mache ihn wirklich gerne und er schafft mit einem einzigen Kuss, dass ich mich fragen lassen muss, ob ich überhaupt dafür geeignet bin.“ Markus zischte seine Worte leise, denn er wollte nicht, dass die Umstehenden davon etwas mitbekamen. „Selbst wenn Wolfram mich behält, wird er jetzt mich und jeden Kunden, den ich betreue, genau beobachten und sich immer wieder fragen, ob ich meinen Job auch richtig mache.“

„Das glaube ich nicht“, sagte Linda, ihre Stimme war verständnisvoll und leise. „Ich kenne Wolfram gut genug und ich weiß, dass er nicht nachtragend ist. Wenn du ihm sagst, dass alles okay ist und dass das mit Robert nicht wegen deinem Job passiert ist, sondern weil ihr Markus und Robert seid, wird er dir das glauben.“ Sie zog ihn an sich und strich ihm durch die Haare, nicht wissend, dass Robert sie immer noch beobachtete und leise mit den Zähnen knirschte.

„Aber ich glaube, dein Problem ist nicht dein Job, dein Problem ist das da.“ Sie tippte ihm gegen die Brust.

„Was soll das heißen? Das ich was für Robert empfinde?“ Markus wollte es vehement abstreiten, aber er konnte es nicht. Nicht wenn Linda ihn so wissend ansah. „Ich mochte ihn, sicher. Wir hatten viel Spaß miteinander, aber das war es auch schon. Er war mein Kunde und da kommt mehr gar nicht in Frage.“

„Momentan bist du suspendiert, Schatz. Also ist er nicht dein Kunde. Er ist Robert, der blöde Waschbär, der dich geküsst hast und der es schafft, dich aus der Fassung zu bringen. Jeder andere Mensch wäre dir das Aufregen nicht wert, aber Robert entfacht ein Feuer in dir, das ich lange nicht gesehen habe, Schatz.“ Sie grinste. Immer wieder wanderte ihr Blick zum Tor. Robert war noch immer da. Er wartete wohl, bis sie gingen.

„Und wem habe ich die Suspendierung zu verdanken?“, schoss Markus gleich zurück. „Da ist es ja wohl kein Wunder, dass ich mich aufrege.“ Markus sah nicht ein, dass es da einen anderen Grund gab. Er folgte Lindas Blick und knurrte. „Was macht der Arsch da immer noch? Er soll endlich verschwinden und mich in Ruhe lassen.“

„Schatz, bitte!“ Langsam verzweifelte Linda. Sie verstand einfach nicht, warum Markus derart stur war. Doch dann gab sie auf. „Okay“, sagte sie nur noch und wandte sich ab. Sie setzte sich auf ihre Tasche und guckte auf die Uhr. Diesen Urlaub hatte sie sich wirklich anders vorgestellt. Und genau diese Geste brachte Markus wieder runter. Es war selten, dass Linda einfach aufgab. Sie musste wirklich nicht mehr weiterwissen. Er hockte sich neben sie und legte ihr den Kopf auf die Schultern.

„Ich weiß es doch auch nicht, Liebes. Ich war so wütend auf ihn und es hat so weh getan, dass gerade er mein Leben kaputt macht. Ich dachte, wir wären Freunde und dann macht er alles kaputt.“

„Schatz“, setzte Linda an, doch da kam der Bus. Sie rafften ihre Taschen, suchten sich einen Platz und dann lehnte sie sich wieder an ihn. „Er wollte nichts kaputt machen. Er hat rot gesehen, weil er dich für sich haben wollte. Er ist verrückt nach dir und hat spontan reagiert. Das war keine Absicht. Ihr müsst reden, denn der bringt dich völlig aus dem Gleichgewicht. Über einen Freund würdest du dich nicht so aufregen. Ich glaube nicht, dass er für dich so etwas wie Hannes oder Jan war.“ Ein letzter Blick aus dem Fenster. Robert ging zu einem Mietwagen.

Markus sah sie an und biss sich auf die Unterlippe. Was sollte er darauf sagen? „Linda, er darf nicht mehr sein als ein Freund, so wie Hannes und die anderen. Wenn er das nicht ist, dann kann ich Wolfram gleich anrufen und kündigen. Ich bin doch vollkommen unglaubwürdig, wenn ich etwas anderes zulasse.“

Linda grinste. „Ich glaube eher, er zieht dir das Fell über die Ohren, wenn du ihn anlügst. Wolfi ist ein guter Beobachter. Ich kenne ihn lange genug und wenn sich jemand verliebt, dann ist das eben so. Meine Güte, Schatz, siebzig Prozent aller Paare lernen sich am Arbeitsplatz kennen. Ole und Felix, Ronny und Satoshi. Warum soll es bei dir verboten sein? Nur weil du auf Robert reagierst, heißt dass doch nicht, dass dir das bei jedem passiert. Du hast schon mehr Leute betreut, ohne Körperkontakt. Also höre doch mal auf, deinen Job vorzuschieben.“ Linda wurde nicht müde, ihren Freund zu zermürben. Vielleicht war er dann bereit, mit Robert zu reden und ihm zuzuhören.

„Ich will aber nicht verliebt sein“, beharrte Markus stur, aber nicht mehr so vehement. „Außerdem, wie kommst du darauf, dass er was von mir will? Nur weil er hier aufgetaucht ist? Das kann auch sein schlechtes Gewissen sein, weil er gemerkt hat, dass er fast dafür gesorgt hatte, dass ich rausfliege.“

„Wie ich darauf komme, dass er was von dir will?“, wiederholte Linda noch einmal überflüssigerweise und ließ Markus leise knurren. „Ja, ganz genau. Weil er hier ist und weil er Jette gesagt hat, sie soll die Finger von seinem Freund lassen. Weil er dir die Zunge in den Hals geschoben hat und weil er dich acht Wochen am Stück ertragen hat, deine Kochkünste überlebt und immer noch hinter dir her ist. Das muss Liebe sein und so was kann man sich nicht aussuchen. Ist egal, ob du das willst oder nicht. Außerdem hätte es dich schlimmer treffen können als mit dem Waschbär.“ Sie stupste Markus an. Langsam kam er wieder auf ein normales Level, das war gut.

„Was soll das denn heißen? Ich bin ein netter Kerl und Robert hat mehr als einmal gesagt, dass er mag, was ich für ihn gekocht habe. Das war nicht gelogen, denn er hat immer alles aufgegessen.“ Markus blies die Wangen auf und sah Linda empört an. „Und überhaupt hat der Waschbär mit mir Glück. Ich bin nicht leicht zu haben.“

„Ja, das macht der arme Kerl gerade am eigenen Leibe durch“, murmelte Linda leise, grinste aber. „Aufgegessen hat er, weil du ihn sonst alles andere verboten hast und ihn schinden wolltest. Es waren Verzweiflungstaten, die unter widrigen Umständen geschahen. Das sagt nichts über deine Qualitäten aus!“ Sie ließ nicht nach, mal sehen, was Markus noch so von sich gab.

„Verleumdungen. Ich habe ihm viel zu viel durchgehen lassen. Den hab ich nie geschunden. Dann wäre er doch gleich zusammengebrochen und hätte die Segel gestrichen. Ich habe nur zugesehen, dass er nicht überfordert wird.“ Jetzt war es Markus, der die Hände vor der Brust verschränkt hatte und Linda vorwurfsvoll ansah.

„Ach so, na dann!“ Linda lenkte lachend ein und drückte auf den Knopf. Ihre Station war angesagt worden und sie wollte die Tasche nicht von einer Station weiter bis zum Hotel schleppen. „Und du warst nur so nett zu ihm, um ihn bei der Stange zu halten oder was? Du bist ja ein ganz Ausgebuffter!“ Sie erhob sich, als der Bus hielt.