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Waschbär-Probleme - Teil 5 - 8

05

Pünktlich am nächsten Morgen fuhr Robert auf den Parkplatz des Studios und parkte seinen Wagen. Das Aufstehen war ihm nicht leicht gefallen und aus alter Gewohnheit hatte er vor seinem Lieblingsbäcker gehalten. Der leckere Duft hatte ihn gelockt, aber er war standhaft geblieben und hatte nichts gekauft. Der Zahn hatte getropft und der Magen geknurrt, denn er war dank seines unzuverlässigen Weckers spät dran gewesen und ohne Frühstück aus dem Haus gestürzt. Macht der Gewohnheit. Jetzt lungerte der Joghurt gelangweilt in seinem Kühlschrank, während Roberts Laune sich weigerte, zusammen mit ihm aus dem Wagen zu steigen – sie war mittlerweile unterirdisch.

„Geile Kiste“, sagte Wolfram, der eben ins Büro kam und ein paar Unterlagen suchte, während Markus sich gerade die Schuhe zu band. Er sah auf und erblickte den Bugatti.

„Ah Robert – der von gestern“, entgegnete er seinem Chef und zog sich die Hose noch mal hoch. Dann ging er zum Empfang. „Oh ha!“, murmelte er leise, als er Roberts Gesicht sah. Das sah nämlich so aus, als wenn er gleich jeden umbringen würde, der es wagte, ihn anzusprechen. Er tat es trotzdem und wünschte einen guten Morgen.

„Morgen“, knurrte Robert zurück und schmiss seine Tasche vor den Tresen.

Markus fühlte sich bestätigt und wusste nicht genau, ob er Robert befragen oder lieber in Ruhe lassen sollte. Doch er entschied sich dafür, ein Mann zu sein und keine Maus und fragte: „Und? Wie is'?“

„Verschlafen und nichts gegessen“, war die knappe, geknurrte Antwort, aber ein ganz kleines, schiefes Grinsen schlich sich auf Roberts Gesicht. Schließlich war Markus nicht an seinem knurrenden Magen schuld. Zumindest nicht unmittelbar.

„Oh – soll ich dich demnächst wecken?“, bot Markus ehrlich an. Robert wäre nicht der erste. Doch um ihn erst einmal ein bisschen aufzuheitern, schob er ihm einen Müsliriegel rüber. Nicht das Beste zum Frühstück, aber besser als nichts. „Wenn wir mit den Körpertests durch sind, hab ich noch belegte Brötchen – Bock?“

Robert griff sich den Riegel und langsam schlich sich ein kleines Lächeln auf seine Züge. „Brötchen wäre super und wecken auch. Ich mag es, wenn man mich wach küsst.“ Er grinste schon wieder und biss von seinem Riegel ab. Satt wurde er davon zwar nicht, aber zumindest hatte er das Gefühl, etwas im Bauch zu haben.

„Ich werde mal sehen, ob ich dich auch mit einem Telefonat wach bekomme und zur Not kann ich ja immer noch Jürgen anrufen und behaupten, wir würden zusammen duschen. Ich glaube, er bekäme dich wach.“ Markus lachte leise, was hatte er vom Waschbär auch anderes erwartet? „Das küssen heb dir mal für jemanden auf, der...“ Er brach ab, weil er gerade selber nicht wusste, wie er den Satz beenden sollte.

„Der was?“, fragte Robert auch gleich und sah Markus forschend an. Er konnte sich denken, was Markus hatte sagen wollen. Es war schon ein wenig fies, das war ihm klar, aber er brauchte das jetzt. Allerdings lachte er gleich, denn eigentlich wollte er keine Antwort. „Und über den morgendlichen Telefonsex reden wir noch.“

„Mein Gott, Bert!“ Markus schüttelte den Kopf. „Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich glatt vermuten, du versuchst alles, um mich in die Kiste zu kriegen.“ Irgendwie hatte er gerade das Gefühl, dass Robert seine Ausführungen gestern nicht richtig verstanden hatte oder nicht richtig hatte verstehen wollen. Er war sich da selber noch nicht so schlüssig. Nur dass seine Message nicht angekommen war – da war sich Markus sicher. Doch so lange es ihm gelang, Robert damit bei der Stange zu halten, musste er wohl mitspielen.

„Ach komm. Ich habe eine schwere Zeit vor mir, da brauch ich was, um mich gut zu fühlen und so ein kleines Spielchen hilft da ungemein. Wenn es da jemanden geben sollte, der davon nicht begeistert ist, dann höre ich auf.“ Robert wollte Markus ja nicht verärgern, denn der konnte ihm ziemlich das Leben schwer machen und das wollte er ganz bestimmt nicht.

„Wenn es jemanden gibt, der nicht begeistert ist, hm? Ich sage nur Jürgen“, schoss Markus frech grinsend zurück und piekste noch einmal in den Waschbärbauch. Er konnte nicht sagen warum, aber es machte ihm irgendwie Spaß. „Und jetzt komm. Deine schweren Zeiten brechen an.“ Er ging vor zu den Untersuchungsräumen. Robert würde schon folgen.

„Ach der.“ Robert kam Markus hinterher und schnaubte. „Der zählt nicht, denn der hat eine riesengroße Macke. An sich ist er ein netter Kerl, aber auch ein Kontroll-Freak. Nach einer Weile habe ich es echt nicht mehr ausgehalten, ihm über jeden meiner Schritte Rechenschaft abzulegen, darum habe ich mich von ihm getrennt.“

„Klingt ja nach einem richtigen Herzchen“, sagte Markus und öffnete die Tür. „Wolf, da sind wir. Soll ich schon mal die Messer wetzen für die Gewebeproben? Die Haie im Gegenstromkanal habe ich schon gefüttert aber die Akkus für die Stromstöße sind noch nicht ganz geladen. Die Reaktionstests also bitte am Schluss.“

„Wowowow!“ Robert sah Markus mit großen Augen an. Er wusste zwar, dass das nicht ernst gemeint war, aber trotzdem wurde ihm doch mulmig. „Ich bin dann mal weg.“ Er hob die Hand und drehte sich auf dem Absatz um, grinste dabei breit. Mal sehen, ob Markus damit einverstanden war. Doch der griff nur fest zu und angelte sich den Waschbär im Genick. Um ihm nicht weh zu tun, legte er aber den anderen Arm um Roberts Hüfte und zog ihn wieder zu sich in die Tür.

„Hier geblieben, kleiner Waschbär – jetzt mach ich dich nackig“, flüsterte er ihm ins Ohr, ließ ihn dann aber wieder los und ging zu Wolfram, der schon die Akte herausgezogen hatte und darin las. Viel war noch nicht drinnen, doch das wollten sie ja jetzt ändern.

„Dann schick ihn weg.“ Robert deutete mit dem Kopf auf Wolfram. Der Morgen entwickelte sich besser, als er gehofft hatte. „Und jetzt?“, fragte er und begann schon mal sich auszuziehen. Das hatte Markus bestimmt ernst gemeint.

„Unterhose kannst du anlassen“, sagte Wolfram und deutete auf die Messlatte und die Waage und ein paar andere Geräte. „Erst mal bestimmen wir deine Körperwerte und dann sehen wir, was realistische Werte für dich sein können.“ Er kam näher und reichte Robert begrüßend die Hand, grinste aber, als er sah, wie Markus die Brauen hob.

„Sei gnädig“, murmelte Robert und drückte Wolframs Hand. Er stellte sich auf die Waage und hielt sich die Augen zu. Er wollte gar nicht wissen, wie viel er wog. Das war viel zu deprimierend. „Sag, wenn ich runter kann.“

„Komm schnell runter!“, rief Markus hektisch. „Ich glaube, das war zu viel für sie! Das arme Ding und sie stand so kurz vor ihrer Pensionierung.“ Er fing laut an zu lachen, als Robert wirklich hektisch von der Waage hüpfte und Wolfram knurrte. Er hatte zwar schon gemerkt, dass die beiden ein merkwürdiges Spiel spielten, aber ein bisschen mehr Ernst konnte er von seinem Azubi schon erwarten. Aber als Robert sich, nur mit einer Unterhose bekleidet, auf Markus stürzen wollte und jetzt schimpfend und fluchend hinter ihm her lief, musste er doch lachen.

„Hey, deine Trainingseinheiten fangen erst später an“, rief er laut und zeigte auf die Messlatte. Sie sollten langsam fertig werden.

„Darüber reden wir noch“, knurrte Robert, ließ sich aber brav vermessen, während Markus die Daten aufnahm. Sie bestimmten auch noch Muskelmasse und Fettgehalt und ein paar andere Werte.

„Kannst dich erst mal wieder anziehen“, sagte er und nickte vor sich hin. Robert hatte durchschnittliche Werte. Die Muskelmasse könnte höher sein, die Fettmenge geringer, aber dafür würden sie ja in den nächsten Wochen arbeiten. „Und jetzt noch aufs Rad, ich brauche deine Belastungswerte.“ Seine Hand deutete auf das verkabelte Fitnessgerät in der Ecke.

„Wusste ich doch, dass die schöne Zeit vorbei ist.“ Robert zog sich an und setzte sich auf das Rad. Er ließ sich verkabeln und radelte los. Die ersten Minuten ging es noch leicht, aber dann fing er an, die Belastung zu merken. Noch nicht so schlimm, dass er aufhören wollte, aber er musste sich mehr anstrengen.

„Hm, wie ich gedacht habe“, murmelte Markus und sah weiter auf die Anzeigen der Geräte. Wolfram war bereits gegangen, er merkte, dass der Kunde bei seinem Azubi in guten Händen war. Der wusste was zu tun war und hatte ein Gespür für Robert. Das würde schon werden. „Völlig unsportlich. Und so was will Ausdauer im Bett haben.“ Er merkte selber gar nicht, was er nuschelte. Er konnte von Glück sagen, dass Robert ihn nicht hörte, denn das hätte unter Garantie eine längere Diskussion zur Folge gehabt. Aber so kämpfte Robert weiter und trat kräftig in die Pedale. Mittlerweile war er schweißnass und er atmete keuchend. Von wegen, nur ein wenig Fahrradfahren. Es fühlte sich so an, als wenn er sich gerade einen Berg hinauf quälte.

Nach zwanzig Minuten hatte Markus endlich ein Einsehen. „Ist okay“, sagte er und reichte Robert ein Handtuch und eine Flasche mit Wasser. „Hast dich tapfer geschlagen“, lobte er und kam näher, blieb neben dem keuchenden Waschbär stehen. „Jetzt hast du dir ein gutes Frühstück verdient, würde ich sagen und sobald du wieder atmen kannst, reden wir.“

Robert wedelte nur keuchend mit den Händen und trank gierig. Oh Mann, wenn das jetzt jeden Tag so ging, dann konnten die nächsten Wochen echt spaßig werden. „Alles was du willst, Schatz, solange ich dabei sitzen kann und mich nicht bewegen muss“, keuchte er und wischte sich das Gesicht trocken.

„Ach Waschbär, das wird schon werden. In ein paar Wochen wirst du darüber lachen, wenn du zwanzig Minuten Rad fahren sollst.“ Markus war sich da ziemlich sicher. „Ich würde sagen, wenn du wieder fit bist und etwas im Magen hast, drehen wir noch eine Runde zu Fuß. Eine Stunde spazieren gehen ist für den Anfang nicht schlecht und nach dem Radeln genau das Richtige. Willst du vorher duschen?“ Markus sah Robert offen an.

„Auf jeden Fall. So verschwitzt mag ich nicht essen und auch nicht durch die Gegend laufen.“ Robert trank die Flasche leer und drehte sie in den Händen. „Du bist dir wirklich sicher, dass du das schaffst, oder?“, fragte er und war sich selber gar nicht sicher. Das eben war die Hölle gewesen für ihn und dass es das einmal nicht mehr sein sollte, konnte er sich nicht vorstellen.

„Ach Waschbär, ich hab schon ganz andere wieder in Form gebracht.“ Markus machte sich da keine Gedanken. Er griff sich Roberts Tasche und winkte ihm, damit der ihm folgte. Sie gingen durch das Studio und so konnte sich Robert gleich auch mal aus dem Augenwinkel die nächsten Folterinstrumente angucken, die irgendwann noch auf seinem Plan standen. „Da hinten sind die Duschen. Ich warte am Empfang auf dich.“

„Du kommst nicht mit?“ Robert machte ein enttäuschtes Gesicht und lachte laut, als Markus die Augen verdrehte. „Hab schon verstanden. Dann wäre ich sehr dankbar, wenn ich noch einen Kaffee bekommen könnte.“ Immer noch lachend machte er sich auf den Weg zu den Duschen, damit er gleich etwas essen konnte.

„Was läuft da zwischen euch?“, wollte Wolfram wissen, als Markus wieder hinter dem Tresen stand und sich in die Messwerte von Robert vertiefte. Der hatte schon begonnen, sich Notizen zu machen und sah irritiert auf. „Hm?“

„Du und Robert Täubner. Die Art, wie ihr mit einander umgeht. Bei anderen bist du um einiges zurückhaltender.“

„Was soll da laufen? Es ist seine Art, Witzchen zu reißen und so lange ich ihn mit ein paar Lockungen bei der Stange halten kann, so lange mach ich das Spiel mit“, erklärte Markus ordnungsgemäß.

„Ein paar Lockungen? Ah, verstehe.“ Wolfram sah Markus an und man merkte ihm an, dass er nicht ganz glücklich darüber war. „Ich hoffe, du weißt wo Schluss ist. Wenn du merkst, dass es in die falsche Richtung läuft, dann melde dich und ich werde übernehmen.“

„Japp“, entgegnete Markus, aber ihm fehlte die Überzeugung und das versuchte er mit ein paar wilden Gesten zu überspielen, denn er spürte Wolframs Blick ganz genau.

„Du machst das schon“, erklärte sein Boss und klopfte ihm auf die Schulter. Er vertraute seinem Lehrling, denn bisher hatte er seinen ersten Job gut im Griff. Sein Kunde schien zufrieden und das war das Wichtigste. Er war gerade weg, da kam Robert zum Empfang. Seine hellen Haare waren noch nass und wirkten völlig verstrubbelt, was ihn ein wenig jünger wirken ließ.

„Na? Wieder sauber?“, wollte Markus wissen und deutete auf eine Ecke im hinteren Teil des Empfangs. Dort hatte er Kaffee und ein paar belegte Brötchen bereit gestellt und ging selbst auch zum Tresen. Er setzte sich auf einen der Barhocker und wartete auf Robert.

„Japp, willst du nachsehen?“ Robert wackelte mit den Augenbrauen und setzte sich ebenfalls. Er griff sich gleich seine Tasse und nahm einen Schluck. Genießend seufzend schloss er die Augen und jetzt gönnte er sich auch ein Brötchen.

„Ich glaube nicht, dass ich das will“, sagte Markus lapidar. „Ich will eher deinen Dienstplan, um ihn mit meinen kleinen Überraschungen für dich abzugleichen. Du weißt schon. Folterbank und Jogging und schwimmen, all die Sachen, die kleinen, runden Waschbären richtig Spaß machen werden.“

„Sadist“, nuschelte Robert mit vollem Mund, schluckte aber schnell runter. „Ich habe Jennifer erpresst und oh Wunder, ich werde erst einmal für die nächsten acht Wochen Frühdienst haben. Wir können unseren Rhythmus also weiterbehalten, dass wir uns morgens treffen.“

Markus überhörte mal eben seinen neuen Titel. Der Waschbär würde ihm eines Tages noch dankbar sein. „Dann handhaben wir das doch so wie gestern. Ich komme vorbei, wir verschwinden eine Stunde draußen, essen was und ich entlasse dich in den Tag. Du rufst an, wenn du fertig bist, wir treffen uns hier und machen ein bisschen was. Anschließend was Gesundes zwischen die Zähne und ich verschwinde.“ Markus nickte, so konnte es gehen. „Dein Ernährungstagebuch führst du bitte weiter.“

„Aye Sir!“ Robert salutierte grinsend und deutete auf seine Tasche. „Hab ich dabei. Für heute steht bisher noch nichts drin, das hole ich nach, wenn ich im Büro bin. Soll ich eigentlich auch aufschreiben, was ich trinke?“

„Ja, bitte. Denn es ist wichtig, dass du ausreichend trinkst und vor allen Dingen auch das Richtige. Deinen Kaffee will ich dir nicht abspenstig machen, aber halte es in Maßen und trinke auch mal was anderes. Softdrinks will ich auf dem Zettel gar nicht sehen, was nicht heißt, dass du sie nicht aufschreiben sollst, sondern dass du sie vielleicht eher meiden solltest.“ Markus sah Robert eindringlich an und griff zu den Gurkenscheiben und goss sich selber noch ein Wasser ein. Da erblickte er schon Jette, seine zweite Kundin für heute. Er winkte ihr zu.

Robert folgte seinem Blick und zog die Augenbrauen zusammen. „Wer ist das denn?“, fragte er knurrig, denn es gefiel ihm gar nicht, dass ihm jemand Markus’ Aufmerksamkeit klaute.

„Das?“, fragte Markus. „Das ist Jette. Achtundzwanzig und Hausfrau. Ihr Mann hat sie hier angemeldet und nun kommt sie mit ihren Freundinnen fast täglich. Ein bisschen Saftbar, ein bisschen Laufband und dann, wenn ich wieder da bin, der Aerobic-Kurs. Sie ist ganz nett und ziemlich sportlich.“ Markus schaltete zu spät, dass Robert das eventuell gerade nicht hatte hören wollen.

„Aha“, war darum auch die alles erschöpfende Antwort. Mit zusammengekniffenen Augen sah Robert zu der jungen Frau und merkte gar nicht, dass er leise knurrte, als sie Markus zuwinkte und versuchte, ihn zu sich zu locken.

Markus bemerkte es gar nicht, er winkte ihr zu und lachte. „Jette, du bist heute zeitig dran. Ich hab noch zu tun“, rief er zu ihr rüber und sie tat, als würde sie nicht verstehen. So erhob sie sich und streifte die Sportjacke ab, hängte sie über ihren Stuhl an der Bar und kam näher. „Für mich sieht das eher aus wie Frühstück, Schnuppel. Du willst mich doch veralbern.“

„Schnuppel?“ Robert sah die blonde Frau feindselig an, hielt sich aber zurück. Schließlich war Markus Trainer und er ganz sicher nicht sein einziger Kunde. Was aber nicht hieß, dass er es schätzte, in seiner Trainingsstunde unterbrochen zu werden.

„Jette, ich meine das ernst. Das ist Robert und er hat eben einen harten Test hinter sich. Wir frühstücken zu Ende und dann gehe ich mit ihm raus.“ Markus deutete auf Robert, denn dass der völlig ignoriert wurde, gefiel ihm nicht.

„Du wirst aber pünktlich da sein, oder?“ Jette ließ sich noch nicht abbringen, doch als eine ihrer Freundinnen rief, sah sie sich um.

„Bin ich ein Hund oder was, mit dem man raus geht?“, schnappte Robert und seine schlechte Laune vom Morgen war wieder da. Diese Schnepfe ging ihm gehörig auf den Geist und damit er nicht noch etwas sagte, was er hinterher bereute, stand er auf und schnappte sich seine Tasche. „Ich warte am Auto.“

Jette sah ihm nach und dann zu Markus. „Ist das ein Kunde von dir? Na herzliches Beileid. Mit dem kannst du aber keinen Spaß haben. Überlass den Vogel einem anderen und kümmere dich doch ein bisschen um uns. Das macht mehr Spaß!“ Sie grinste frech, doch Markus holte tief Luft und lehnte ab.

„Nein, nein. Das geht nicht. Und jetzt muss ich auch los.“ Er war ebenfalls etwas angesäuert, denn diesen Abgang verstand er nun wirklich nicht. „Bis später.“ Er lächelte und griff sich seine Jacke, dann war er ebenfalls vor der Tür.

Robert hatte seine Tasche in den Wagen gelegt und lehnte nun mit verschränkten Armen dagegen. Er hatte sich wieder beruhigt, aber er war immer noch sauer. Als er Markus auf sich zukommen sah, stieß er sich ab. „Wo lang?“

„Dort die Straße runter“, erklärte Markus und hatte beschlossen, jetzt auch erst einmal sauer zu sein. Er war zwar der Dienstleister, aber Roberts Abgang eben war völlig übertrieben gewesen. Um aber keinen Streit vom Zaun zu brechen, ging er schweigend los.

Robert lief neben ihm und schwieg ebenso verbissen. Seine schlechte Laune zwar schon verflogen, aber einfach klein bei geben wollte er auch nicht. Zu sehr hatte es ihn geärgert, dass diese Frau ganz offensichtlich an Markus baggerte, obwohl sie verheiratet war.

„Komm, ein bisschen schneller – wir wollen ja was für deine Ausdauer tun“, sagte Markus nach einer Weile und beschleunigte das Tempo, als er um eine Ecke bog. Sie durchquerten einen kleinen Park, der von Joggern genutzt wurde. Ein paar Gesichter kannte er. Sie trainierten auch in ihrem Studio und machten sich hier warm.

Robert nickte und passte sich dem neuen Tempo an, jetzt kam er schon leicht aus der Puste, aber er biss die Zähne zusammen. Das Gehen auch so anstrengend sein konnte, hatte er nicht gedacht. Wie sollte das erst werden, wenn sie joggten?

„Wenn’s nicht mehr geht, sag es. Dann werden wir langsamer.“ Markus wollte nicht, dass Robert sich getrieben fühlte. Zwar war es sein Ziel, den Mann ans Training zu bringen, aber es sollte human bleiben. Ein Blick auf die Uhr sagte ihm, dass sie allmählich den Rückweg antreten sollten. Sonst drehte ihn Jette durch den Wolf.

„Hm“ Robert nickte, dass er verstanden hatte, zwang sich aber noch fünf Minuten, das höhere Tempo mitzuhalten, erst dann signalisierte er, dass sie das Tempo drosseln sollten. Er war schon wieder nass geschwitzt, darum blieb er auch nicht stehen, auch wenn er sich gerade am liebsten zum verschnaufen hingesetzt hätte.

„Alles klar.“ Markus bremste sich ein und sah Robert forschend an. „Sollen wir uns setzen oder schaffst du die letzten zehn Minuten noch? Länger sollte es nicht mehr dauern. Wir sind gleich da.“ Doch er blieb vor einer Bank stehen, um Robert die Entscheidung eventuell zu erleichtern.

„Ich würde mich schon gern hinsetzen, aber ich bin nass geschwitzt. Das will ich nicht riskieren. Lass uns weiterlaufen. Die letzten Minuten schaffe ich auch noch.“ Morgen würde er sich kaum bewegen können, das wusste er jetzt schon, aber das war wohl nicht zu vermeiden. Zwar hatte man ihn dazu gezwungen, fitter zu werden, aber jetzt hatte ihn der Ehrgeiz gepackt, es allen zu zeigen, die ihn aufzogen und nicht an einen Erfolg glaubten.

„Okay.“ Markus nickte und ging weiter und so legten sie auch die letzten Meter noch zurück. Das Studio war schon wieder im Blick. So sah er neben Roberts Bugatti den Aston Martin von Jette stehen – in schreiend pink. Markus musste jedes Mal aufs Neue lachen. Wir konnte man einen solchen Wagen nur derart misshandeln? „Weißt ja, wo die duschen sind“, sagte Markus noch, als er Robert die Tür aufhielt. Mit den Augen suchte er Jette.

„Ja sicher.“ Robert machte sich auf den Weg und bevor er die Tür öffnete, drehte er sich noch einmal um und sah, wie Jette sich bei Markus einhakte. „Blöde Schnepfe“, fluchte er leise. Er musste sich beeilen, wenn er nicht zu spät zur Arbeit kommen wollte. Gut, dass er seine Sachen schon mitgebracht hatte.

Er hob zum Abschied die Hand, als er durch die Halle zum Ausgang ging und als Jette sich gerade an Markus drückte, weil er ihre Haltung korrigieren wollte, grinste er böse. „Bis heute Abend, Schatz, ich ruf an, wenn ich Zuhause bin“, rief er laut, bevor er sich noch zurückhalten konnte und schickte noch eine Kusshand hinterher, dann sah er zu, dass er weg kam.

Markus, der eben noch etwas erwidern wollte, blieben die Worte im Halse stecken und Jette holte tief Luft.

„Was?“, fragte sie irritiert und sah ihren Trainer intensiv an.

„Jette!“, entgegnete Markus und stemmte die Hände in die Seite. „Das war eben ein blöder Joke. So ist Robert nun mal.“

„Ich find das gar nicht witzig“, zickte sie und sah böse zur Tür, auch wenn dort niemand mehr zu sehen war. „Der hat sie doch nicht alle. Erst dieser merkwürdige Abgang und jetzt das. Sieh zu, dass du den loswirst.“

„Jette, was soll denn das? Er ist ein Kunde, der meine Hilfe sucht und die wird er auch bekommen. Professionell und auf ihn abgestimmt. So wie du auch und jetzt machen wir weiter, denn sonst wird das mit der Bikini-Figur nichts mehr“, lachte er und knuffte sie leicht. Jette sollte schleunigst vom Thema Robert wieder runter kommen. Aber Markus war mit dem Waschbär noch nicht durch.

Der wollte Krieg?

Den konnte er haben.

Ohne Probleme.



06

„Also dieser Tipp mit der Salatbar war wirklich eine gute Idee.“ Robert schob sein Ernährungstagebuch weg, in das er gerade eingetragen hatte, was er sich bestellt hatte und nahm einen Schluck von seinem Wasser. „Warum hast du mich nicht schon mal eher hierher geschleppt Jenny, wenn du es doch kanntest?“

„Hallo?“, sagte sie etwas irritiert. „Wenn ich dich mal eben zitieren darf auf meine Frage, ob du Lust auf einen Salat hast?“ Sie räusperte sich und versuchte Roberts Tonlage zu finden: „Lass mich mit Grünfutter in Ruhe, ich will richtiges Essen!“ Sie nickte feste und trank von ihrem Wasser. Heute mal mit Birnengeschmack. Ihr Blick aber lag auf dem netten Sushi-Meister, hübscher Kerl und so geschickt mit den Händen.

„Dass sie hier nicht nur Salat haben, hättest du ja auch ruhig mal erwähnen können. Das Sushi ist einfach nur lecker und wenn der Rest so gut ist, wie im Murakawa, dann wird es auch fantastisch sein.“ Robert musste sich einfach über die Lippen lecken, wenn er daran dachte. „Wusstest du eigentlich, dass Markus Satoshi Murakawa kennt? Ein Freund von einem Freund ist mit ihm zusammen.“

„Ein Freund von einem Freund, ja?“, sagte Jennifer und sah Robert dabei noch nicht einmal an. Sie beobachtete weiter Ranmaru und seine geschickten Finger. „Dieser Markus muss ja ein ganz toller Hecht sein.“ Sie wusste, wie er aussah, schließlich hatte sie ihn gesehen. Doch dass der in Roberts Beuteschema passte, bezweifelte sie stark. Der war zu jung und somit sicherlich völlig unreif. Was gutes fürs Bett – mehr aber auch nicht.

„Bitte?“ Etwas irritiert sah Robert seine Freundin an. „Wie kommst du denn jetzt da drauf? Er ist doch nicht mit diesem Satoshi zusammen, sondern ein anderer.“ Also manchmal konnte er Jennifers Gedankengängen nicht folgen.

„Ein toller Hecht mit Freunden, die tolle Freunde haben, die mit tollen Köchen zusammen sind“, fasste sie zusammen und beobachtete weiter die flinken Messer. „Außerdem war er doch ganz neckisch. Hat selber sicher auch gerade eine niedliche kleine Freundin am Start.“

„Sag mal, schlägt Hunger bei dir aufs Hirn?“, fragte er und war sich nicht sicher, was mit Jennifer los war. „Er ist gerade Single, aber ich verstehe immer noch nicht, was du mir gerade erzählen willst.“

„Eigentlich gar nichts – eigentlich möchte ich mich jetzt lieber dem Leckerbissen da drüben widmen“, nuschelte sie, riss sich dann aber doch los und sah Robert an. „Erfahre ich irgendwann auch mal, was nun aus deinem Training wird und wie du schnell fit wirst. Also.“

„Es geht voran. Heute haben sie mich vermessen und gewogen, dann musste ich einen Belastungstest machen und hinterher sind wir eine Stunde gelaufen. Danach bin ich gegangen und er konnte sich Jette widmen.“ Robert merkte gar nicht, wie bissig der letzte Satz geklungen hatte, aber diese Frau regte ihn einfach auf.

„Hoppla“, sagte Jennifer, denn sie kannte ihren Moderator gut genug, um zu wissen, dass diese Frau irgendeinen Fehler gemacht hatte. „Er kann sich ihr widmen und was genau nervt dich daran so an?“ Sie wurde neugierig. War ihr Moderator etwa doch auf Beutezug und eine Lady kam ihm in den Weg? Das versprach noch lustig zu werden. Ranmaru war völlig vergessen.

„Fangen wir damit an, dass sie einen pinken Aston Martin fährt und ihn auch noch neben meinem Bugatti geparkt hat. Mein Kleiner hätte sich bald übergeben und ich auch. Dann hat sie sich einfach in mein Gespräch mit Markus gedrängt und hat mich dabei völlig ignoriert. Sie ist verheiratet und baggert ständig an ihm rum. Das war echt nichts, was ich am frühen Morgen hören und sehen muss.“ So nach und nach hatte Robert sich in Rage geredet und seine Augen blitzten angriffslustig.

„Und was davon stört dich jetzt am meisten? Dass sie dich nicht beachtet oder dass sie dem schnuckeligen Trainer schöne Augen macht, hm?“ Jennifer stützte das Kinn auf beide Hände und amüsierte sich königlich, innerlich versteht sich, damit Robert das nicht gleich merkte und noch ein paar pikante Details heraus rückte, ehe er merkte, dass sie ihn aushorchen wollte.

„Ich bitte dich, Jenny, dieses Weib ist mir doch vollkommen egal. Ob sie mit mir redet oder nicht, interessiert mich ungefähr so viel wie die französische Revolution und die ist mir vollkommen schnurz.“ Robert war schon wieder auf 180, als er sich an den Morgen erinnerte. „Ich find das nur abartig, dass sie so öffentlich an Markus rumbaggert, ihn begrabbelt und er sich das auch noch gefallen lassen muss, weil sie ja eine zahlende Kundin ist.“

„Da hat er aber Glück mit dir, hm? Dass du ihn nicht begrabbelst und nicht an ihm herum baggerst.“ So hatte sie Robert aber lange nicht erlebt. So war er nur drauf, wenn Jürgen ihn wieder an die Kette legen wollte. „Aber du hast völlig Recht, Leute die sich nicht beherrschen können, sind echt das letzte. Stell dir mal vor, jemand würde den Hübschen noch mit in die Dusche zerren wollen oder schlimmeres!“ Nickend dankte sie, als ihr Essen kam und sie widmete sich kurz einmal nicht Robert, sondern dem Algensalat. Das Zeug war lustig – sie liebte es.

„Ich begrabble ihn nicht und angebaggert habe ich ihn auch nicht. Wir haben die Fronten geklärt. Er ist mein Trainer und ich sein Opfer. Trotzdem kann man zusammen Spaß haben.“ Während seiner Worte hatte er mit den Stäbchen durch die Luft gewedelt und schob sich nun ein Stück Sushi in den Mund. „Sie würde wahrscheinlich einiges dafür geben, mit ihm zu duschen, so wie ich“, nuschelte er mit vollem Mund und grinste gehässig.

„Ach!“ Mit ihren Stäbchen zeigte Jennifer jetzt auf Robert. Sie hatte es doch gewusst! „Von wegen nicht begrabbelt und nicht gebaggert. Aber mit ihm duschen! Ich kenn dich doch. Du bist nur sauer, weil du nicht die Nummer eins bist, weil er zu anderen genauso nett ist wie zu dir, nicht mehr und nicht weniger. Deswegen bist du so angepisst!“, legte sie den Finger in die Wunde.

„Was soll das denn heißen? Das ich mich nicht beherrschen kann, oder was? Wir sind gestern Morgen beim Laufen in einen starken Regen gekommen und mussten uns aufwärmen. Mehr war da nicht. Sicher ist er ziemlich lecker und sehr ansehnlich, aber das heißt doch nicht, dass ich gleich über ihn herfalle. Ich kann mich durchaus beherrschen.“ Und zur Strafe, weil Jennifer ihm immer was unterstellte, klaute er ihr was von dem Algensalat.

„Hey, bestell dir selber welchen und gib endlich zu, dass du angepisst bist, weil er dich behandelt wie jeden anderen auch. Den wirst du nicht knacken, dazu hat er viel zu viel Geschmack!“ Sie grinste frech, weil sie wusste, dass sie Robert über das Aussehen immer bekam. Dabei war er ein ansehnlicher Kerl, ein bisschen rund um die Hüfte, aber ansehnlich. Aber er sprang trotzdem immer darauf an.

Er sah jünger aus, als seine 35 Jahre und war sehr telegen, so dass sie ihn gerne behalten wollte. Er kam beim Publikum an, aber es war halt auch so, dass sportliche Männer beim Publikum besser ankamen. Das wusste er auch und darum sah er sie wütend an.

„Bitte? Ich bin ja mal wesentlich ansehnlicher, als diese aufgedonnerte Blondine, die nur Sport macht, weil sie auf Männerfang ist.“

Jennifer fing an zu lachen und strich Robert durch die Haare. „Du bist so süß, wenn du eifersüchtig bist“, musste sie zugeben und fing auch endlich an zu essen, ehe Robert ihr noch alles wegnahm. Außerdem währte die Pause nicht ewig. „Dann mach mal hin, nicht dass du heute Abend noch auf deinen Lieblingstrainer verzichten musst und der mit der Blondine im pinkfarbenen Aston Martin durchbrennt.“

„Ich bin nicht eifersüchtig“, stellte Robert klar, wusste aber, dass er bei Jennifer auf taube Ohren stieß, denn jetzt hatte sie etwas, womit sie ihn ärgern konnte und diese Chance würde sie nutzen, so oft es ging. „Er wird heute Abend schon kommen. Er ist sehr pflichtbewusst.“

„Ja, ja – er wird kommen. Wovon träumst du nachts?“ Sie fing an zu lachen und aß weiter. Doch sie beschloss, Robert vorerst nicht weiter zu ärgern. Nicht dass er, wütend wie er war, noch seine miese Laune an dem armen Trainer ausließ und der Erfolg des Programms dann eventuell zu wünschen übrig ließ. Sollte Robert doch weiter nicht eifersüchtig sein, sie würde schon an seiner Laune merken, ob die Blondine ihm einen Schritt voraus war oder nicht.

Robert knurrte nur leise und den Rest des Essens nahmen sie schweigend ein. Auf dem Weg zurück besprachen sie Roberts nächste Sendung. Das Konzept stand zwar schon fest, aber Jennifer hatte noch ein paar Änderungswünsche für den Ablauf. Das war kein großes Problem, denn es kam öfter vor.

Aktuell kümmerte sich Robert um die Politik der Stadt, führte Interviews und moderierte Berichte. Umfragen hatten ergeben, dass man ihn gern sah und die Kameras liebten ihn. Er kam immer sehr authentisch rüber und konnte überzeugen. Doch Robert selbst wollte mehr. Es gab mehr als Essen und seine Umgebung, mehr als Kleintierzüchtervereine und Bürgermeister. Doch dafür musste er auch an seinem Image arbeiten und dazu gehörte nun einmal auch Fitness.

Zwar hatte ihn Jennys Forderung ziemlich getroffen, aber jetzt, nach ein paar Tagen, hatte sich seine Einstellung gewandelt. Dass sein Trainer daran einen nicht unerheblichen Anteil hatte, stritt er gar nicht ab. Er arbeitete gern mit ihm und dass er sich nicht alles gefallen ließ, machte es noch interessanter. Allerdings ließ ihn das auch mit etwas Sorge an den Abend denken. Seine Bemerkung heute Morgen hatte Markus bestimmt nicht gefallen.

Den Rest seines Dienstes zog Robert noch durch, professionell wie immer, doch auf dem Heimweg war er dann doch wieder bei den Gedanken um Markus. Er war etwas zu weit gegangen und Robert rechnete ganz fest damit, dass ihm sein Trainer jetzt die Hölle heiß machte und den Kopf abriss. Und die Schonfrist war vorbei, als er seine Auffahrt hoch fuhr. Markus’ Golf stand bereits am Straßenrand und er stieg aus, griff sich die Kühltasche – so wie gestern auch.

„Hallo Markus“, grüßte er den jungen Mann und nahm ihm die Kühltasche ab, damit sein Gast sich die Schuhe ausziehen konnte. Dass er diesmal kein Lächeln bekommen hatte, ließ ihn nichts Gutes ahnen. „Möchtest du etwas trinken?“, rief er aus der Küche. Er sollte sich wohl besser gleich entschuldigen.

„Vielen Dank, Herr Täubner, aber ich werde mich nicht lange aufhalten. Ich bin nur hier, um mich um das gesunde Essen für den Abend zu kümmern, dann werde ich sie auch schon nicht länger belästigen“, erklärte Markus und streifte sich die Schuhe von den Füßen, stellte sie ordentlich nebeneinander und strich sich dann den weiten Pullover zurecht. Er verzichtete auf Augenkontakt und ging routiniert ans Werk.

Robert stand wie vom Donner gerührt in seiner Küche und wusste nicht, was er sagen sollte. „Was...?“, stammelte er überfahren und biss sich auf die Unterlippe. Markus war wohl wütender auf ihn, als er gedacht hatte. „Markus, es tut mir wirklich leid, was ich heute Morgen gesagt habe“, fing er an und senkte den Blick. „Kann ich etwas tun, um es wieder gut zu machen?“

„Vielleicht könnten sie Wasser für die Nudeln aufsetzen. Es wird Lachs und Pasta geben“, sagte Markus. Er war noch immer sauer. Nicht darüber, dass er sich vor Jette hatte rechtfertigen müssen, sondern darüber, dass Robert eine Grenze überschritten hatte, die sie vorher beide festgesteckt hatten. Und wenn Markus erst einmal sauer war, dann war er nachtragend wie ein Elefant. Linda konnte da ganze Arien von singen.

„Ich dachte, ich sollte noch einmal das Gericht von gestern kochen.“ Robert war vollkommen daneben, darum rutschte ihm der Satz raus, aber ein Blick von Markus, ließ ihn gleich entschuldigend die Hände heben. „Ja klar, mach ich.“ Da hatte er sich ja was eingebrockt. „Bitte, Markus, es tut mir wirklich leid. Schrei mich an, schlag mich, oder was auch immer, aber bitte hör auf mich zu siezen und wie einen Fremden zu behandeln.“

„Leider habe ich auf die Schnelle keine Fischfilets bekommen. Ich werde aber versuchen, die Zutaten für morgen zu besorgen, damit sie die Möglichkeit haben, sich selbst auszuprobieren“, entschuldigte sich Markus und wandte sich ab. Er wollte sich um den Fisch kümmern, denn den wollte er im Backofen machen. „Soll ich ihnen erklären, was ich mache oder nicht?“ Schließlich war es nicht nur seine Aufgabe, Robert zu versorgen, sondern auch, ihm etwas Bleibendes beizubringen.

„Markus, bitte.“ Mit einem schnellen Griff schaltete Robert den Herd aus und griff sich Markus an den Schultern und drehte ihn zu sich. „Was kann ich machen, dass du mir glaubst, dass es mir leid tut? Ich weiß, dass ich großen Mist gebaut habe und du bist zurecht sauer. Also bitte rede mit mir“, sagte er eindringlich und versuchte Markus dazu zu bringen, ihn anzusehen.

Eine Weile rang Markus mit sich selbst, ob er sich abwenden sollte und weiter machen oder wirklich mit Robert reden, doch so wie der ihn ansah, wurde Markus schließlich weich. „Verdammt, ich hatte dir gesagt, es gibt eine Grenze und Kunden sind für mich tabu. Mein Chef hat mich schon nach uns befragt, ehe du auf diese glorreiche Idee gekommen bist. Und eines ist auch klar, Jette wird es sich nicht nehmen lassen, das breit zu treten und wenn das Wolfram erfährt, kann es gut sein, dass ich dich in einer Woche nicht mehr trainiere. Ich weiß nicht, was dich geritten hat, aber du hast mir wirklich einen Bärendienst erwiesen!“ So, jetzt war es raus. Markus holte tief Luft.

„Bringt es was, wenn ich mit Wolfram rede, bevor er die Lügen von Jette hört?“ Robert war unwahrscheinlich froh, dass Markus mit ihm redete und lockerte den Griff seiner Hände um Markus‘ Schultern, ließ sie aber dort liegen. „Ich wollte dir wirklich keine Schwierigkeiten machen, aber dieses Weib hat mich einfach tierisch aufgeregt.“

„Meine Güte, sie hat dir doch nichts getan. Sie ist eben eine gelangweilte Hausfrau. Nicht mehr und nicht weniger. Aber sie ist eine gute Kundin, also mach ich gute Miene, warum auch nicht. Sie ist immer freundlich, immer nett. Ich zeige ihr ihre Grenzen und sie testet neue aus. Ein Spiel eben – aber deswegen musst du uns weiß Gott nicht so in den Fokus rücken!“ Markus ging einen Schritt zurück und stand mit der Hüfte an der Anrichte, doch er sah immer noch Robert in die Augen. Sein Gesicht war nicht zu lesen.

„Ich weiß das alles, aber heute Morgen war ich sowieso schon mies drauf und da kam sie mir ganz recht. Ich finde solche Art von Frauen nun mal besonders abstoßend und diese aufdringliche Baggerei hat mir dann den Rest gegeben.“ Das war nicht gelogen, aber auch nicht ganz die Wahrheit. Er konnte ja schlecht sagen, dass er es besonders schlimm gefunden hatte, dass sie an Markus gebaggert hatte. „Also, hat es Sinn, wenn ich mit Wolfram rede?“

„Ich glaube nicht. Wenn beide kommen und das abstreiten, dann macht man sich nur noch mehr verdächtig. Ich werde versuchen, das zu richten“, erklärte Markus. „Ich finde es privat auch nicht sonderlich klasse, was da läuft. Aber berufliches und privates ist strikt zu trennen. So läuft das Spiel nun mal und das sollten wir auch. Lass das "Schatz" einfach, dann passiert so was auch nicht. Vielleicht wäre es auch das Beste, du bekommst einen anderen Betreuer. Peggy ist auch echt gut und sie kann auch noch um einiges besser kochen als ich.“ Das war für Markus eigentlich der einfachste Weg, die Sache wieder klar zu ziehen.

„Du willst nicht mehr mit mir trainieren?“ Robert riss die Augen auf und wurde blass. Das durfte doch nicht wahr sein. Aus einem Impuls heraus zog er Markus an sich. „Das will ich nicht. Wenn du mich nicht mehr trainierst, dann hör ich auf und werde noch mehr ungesundes Zeug in mich rein stopfen. Dann werde ich noch dicker, verliere meinen Job und esse noch mehr und in ein paar Jahren werde ich einen Herzinfarkt kriegen und einsam sterben.“

„Robert!“ Markus grinste schief, der Waschbär war doch wirklich bescheuert. „Ich habe nicht gesagt, dass ich dich nicht mehr trainieren will. Aber im Augenblick habe ich ein Problem und das Problem heißt: angeblich breche ich eine Regel. Ich bewege mich auf dünnem Eis, denn mein Ausbilder weiß, dass ich auch Männern nicht abgeneigt bin. Wie gesagt, er hat mich bereits auf den Kopf zu gefragt.“ Und das war das eigentliche Problem. Komischerweise störte es keinen, wenn er mit Jette flirtete. Aber bei Robert wurde Wolfram hellhörig.

„Ich werde mich ab jetzt vorbildlich benehmen, wenn wir nicht alleine sind, versprochen.“ Robert ließ Markus nicht los, denn es gefiel ihm, ihm so nahe zu sein. So konnte er auch merken, dass Markus Luft holte, um etwas zu sagen und lachte. „Sonst natürlich auch, aber dann darf ich dich Schatz nennen, okay?“

„Warum?“ Markus verstand einfach nicht, warum Robert das wollte. Es machte für ihn keinen Sinn. Sie waren kein Paar, sie hatten nichts mit einander und je vertrauter sie waren, wenn sie allein waren, um so schneller konnte es unter Leuten zu solch unüberlegten Äußerungen kommen wie heute Morgen. „Warum soll ich dein Schatz sein?“

„Weil du jedes mal so schön die Augen verdrehst, wenn du nicht damit rechnest.“ Robert grinste und löste die Umarmung, legte aber einen Arm um Markus’ Hüfte. „Ich weiß nicht, eigentlich nenne ich nicht jeden Mann so, den ich mag, aber bei dir war es einfach da.“

„Ah ja.“ Damit konnte Robert jetzt erst einmal glauben was er wollte, Markus musste das Gehörte für sich sortieren. „Ich glaube trotzdem, dass wir das Private mit dem Beruflichen nicht vermischen sollten. Und was du gerade machst, ist das Gegenteil von nicht vermischen.“ Er deutete auf Roberts Arm um seine Hüfte. Es wäre ihm ein leichtes gewesen, sich daraus zu lösen, warum er warten wollte, bis Robert das selber tat, wusste Markus auch nicht so genau und das war sein Problem. Robert ließ ihn Dinge tun, die so nicht geplant waren.

„Ab Morgen. Heute mag ich noch vermischen.“ Anstatt Markus los zu lassen, zog Robert ihn noch etwas näher. „Aber jetzt, mein Schatz, werden wir zusammen kochen. Ich war nämlich sehr brav heute, habe nicht gesündigt und großen Hunger.“
„Du bist unverbesserlich. Was du nicht hören willst, das hörst du einfach nicht und ich glaube, das wird irgendwann noch Ärger geben.“ Doch Markus ließ ihn gewähren und stellte den Herd wieder an. „Aber ich glaube, für dich wäre es besser, du suchst dir bei Zeiten wieder einen richtigen Schatz, damit du vom billigen Ersatz weg kommst.“


07

„Kommt Zeit kommt Schatz. Wenn ich aktiv danach suche, kommt wieder so ein Jürgen dabei raus und das könnte ich echt nicht noch einmal ertragen.“ Robert wurde durch das Klingeln seines Handys abgelenkt und seufzte, als er den Namen des Anrufers sah. „Wenn man vom Teufel spricht.“ Er hielt Markus das Handy hin und sah ihn bittend an. „Schatz, kannst du ran gehen? Den Spinner kann ich heute echt nicht ertragen und wenn ich nicht dran gehe, ruft er immer wieder an und wenn es ihm zu lange dauert, dann kommt er vorbei. Hab ich alles schon durch. Verpass ihm ne Breitseite. Vielleicht hilft das?“

„Hm!“, knurrte Markus, doch er ließ sich breitschlagen. „Ja“, knurrte er ins Telefon und wurde gleich wieder angefahren, wer er wäre und was er bei Robert zu suchen hätte.

„Wir hatten gestern Morgen schon mal das zweifelhafte Vergnügen und allmählich wird das lästig, würde ich sagen.“ Markus holte tief Luft und rechnete schon mit der ersten Tirade.

„Wie bitte? Du bist das? Was hast du Stricher schon wieder bei Robert zu suchen?“, legte Jürgen auch gleich los und Robert kam näher, um mitzuhören, auch wenn das bei der Lautstärke nicht nötig war. „Gib mir sofort Robert.“

„Soweit ich das mitbekommen habe, hat dir das Bärchen doch gestern schon mal versucht zu erklären, dass ich kein Stricher bin und Robert kann ich dir gerade nicht geben, er putzt den Lachs und hat klebrige Finger. Das saut das Telefon ein. Hast du sonst noch etwas loszuwerden oder war das schon der eigentliche Grund deines Kontrollanrufes?“ Allmählich kam auch Markus in Fahrt, doch er blieb überraschend ruhig.

„Und wer bitte schön sollst du sein, dass er dich bezahlt?“, ätzte Jürgen und man konnte seine Wut gut hören. „Und wieso nennst du ihn Bärchen?“

Robert grinste breit und ging etwas weiter weg. „Schatz, kannst du mir mal helfen? Wer ist denn da am Telefon. Würg ihn ab“, rief er und hob den Daumen.

„Bärchen, ich versuche gerade deinem Ex zu verklickern wer ich bin. Sagt der alte Mann doch glatt Stricher zu mir. Du kannst ja Lover gehabt haben. Pfui, schäm dich!“ Markus hatte langsam Spaß, auch wenn er wusste, dass das bitterböse ins Auge gehen konnte, wenn er diesem Jürgen eines Tages einmal gegenüber stand. Man wusste ja nie, zu was Wahnsinnige alles fähig waren und dass der da wahnsinnig war, war keine Frage.

„Ach du hast Jürgen dran? Sag ihm, dass wir jetzt keine Zeit haben. Der Lachs wartet und danach haben wir auch Wichtigeres zu tun, als mit ihm zu reden. Er kann sich ja sicher denken, was wir nachher machen werden.“ Robert zog Markus in eine Umarmung und küsste ihn so laut auf die Wange, dass Jürgen das hören musste.

„Du hast es gehört“, sagte Markus in den Hörer. „Der Herr des Hauses hat wichtigeres mit mir vor, als dich bei Laune zu halten. Schönen Abend noch und ruf heute besser nicht mehr an. Noch besser, ruf gar nicht mehr an.“ Dann drückte er den Knopf und sah Robert an, dann dessen Umarmung. „Kann es sein, dass dir hier etwas gerade ziemlich gelegen kommt?“ Er hob die Brauen.

„Was meinst du?“, fragte Robert unschuldig und nahm Markus das Handy aus der Hand. Schnell war es ausgestellt und beide Arme legten sich wieder um den anderen Körper. „Ich zeige dir nur meine Dankbarkeit, sonst nichts. Was sollte mir denn gelegen kommen?“

„Dass du mich ungestraft Schatz nennen durftest und dass du mich gerade begrabbeln darfst. Ich bin immer noch der Meinung, dass das keine gute Idee ist“, sagte Markus, wirkte dabei aber halbherzig, denn er tat nichts dagegen. Er war sich selber noch nicht sicher, ob er sich gegen den Waschbär überhaupt wehren wollte. Es fühlte sich gut an, so umworben zu werden, auch wenn Markus wusste, dass es nur ein Spiel war.

„Nur heute. Lass uns den Tag einfach genießen und nicht daran denken, was wir nicht dürfen. Ab morgen sind wir wieder Trainer und Opfer, aber heute lass uns einfach gute Freunde sein und Spaß haben.“ Robert wollte nicht einsehen, dass es was Falsches war, wenn sie sich gut verstanden. Vielleicht merkte Markus das ja auch noch.

Allerdings schienen sie unterschiedliche Auffassungen von der Bezeichnung Freunde und Spaß zu haben und da kam es Markus entgegen, dass das Nudelwasser kochte. „Mist“, fluchte er leise. „Jetzt muss aber erst mal der Lachs in den Ofen. Der braucht viel länger als die Nudeln. Mach also noch mal das Wasser aus und jetzt endlich rein mit dem Fisch in den Ofen. Sonst wird das nie was.“ Er machte sich frei und fing an zu hantieren.

Robert zog das Nudelwasser von der Herdplatte und stellte sie aus. „Kann ich dir helfen?“ Er sah Markus über die Schulter und prägte sich ein, was der machte. Schließlich sollte sein Freund sich nicht umsonst die ganze Mühe machen.

„In der Spüle liegt Spinat. Mach ihn am besten erst mal heiß, ehe wir ihn würzen und ein bisschen verfeinern“, schlug Markus vor und hatte den Fisch endlich so weit vorbereitet, dass er in den Ofen konnte. Er hatte die Uhr im Auge, damit er nicht verkochte und sah dann Robert dabei zu, wie er mit den nassen glitschigen Verpackungen kämpfte.

Er nahm schließlich eine Schere und schnitt die Packung auf, damit er an den Spinat kam. „Nimm das du Schurke, man setzt sich nicht gegen mich zur Wehr“, brummte er dabei und schüttete den Spinat in einen Topf. Der kam auf den Herd und der Verlierer wurde in den Müll geworfen.

„Du greifst ja hart durch, wenn sich einer quer stellt. Erinnere mich daran, dir nie quer zu kommen oder zumindest vorher die Schere zu verstecken.“ Markus schüttelte den Kopf und verschränkte die Arme vor der Brust. Sie hatten jetzt ein bisschen Zeit, bis sie die Nudeln ins Wasser warfen und so fragt er: „Du hast vorhin Wasser angeboten. Jetzt hätte ich gern welches.“

„Aber natürlich.“ Robert lief sofort los und holte ihnen was zu trinken. Er gab ein Glas weiter und prostete Markus zu. „Auf einen schönen Abend mit gutem Essen und einem guten Freund“, sagte er leise und lächelte. An die Stimmung, die gerade zwischen ihnen herrschte, könnte er sich gewöhnen.

„Verliere bitte nicht aus den Augen, warum ich hier bin, Robert“, sagte Markus, denn ihm wurde das hier zu familiär. Es war ja nicht so, als wäre ihm der Waschbär nicht sympathisch, doch Markus hatte das ungute Gefühl, dass Robert das Ziel ein wenig aus den Augen verloren hatte. „Nach dem Essen werde ich dann gehen, das ist besser für uns beide. Wir sollten mal über einiges nachdenken.“ Doch das meinte Markus nicht ablehnend.

„Markus, ich weiß warum du hier bist und dass du deinen Job gut machst. Ich finde nur, dass wir durchaus auch befreundet sein können. Wir werden die nächsten Wochen ziemlich viel Zeit miteinander verbringen, da ist es doch normal, dass man sich unterhält und vielleicht auch Zeit außerhalb des Jobs miteinander verbringt.“ Robert rührte den Spinat, damit er nicht anbrannte, sah aber immer wieder zu Markus rüber.

„Ja, schon möglich“, entgegnete Markus und blickte Robert an. „Ich will nur nicht, dass so was wie vorhin noch einmal passiert. Vor allem nicht vor Jette. Sie ist extrem eifersüchtig und ich muss das hinterher wieder gerade biegen.“ Er konnte nur hoffen, dass der Waschbär das ein für alle mal begriffen hatte.

„Ich habe es dir vorhin versprochen und meine Versprechen halte ich.“ Robert hob seine Hand und grinste schief. „Ich werde mich einfach von Jette fern halten und versuchen, sie und ihre Baggerei zu ignorieren. Ich verstehe echt nicht, wie du das aushältst.“

„Ganz einfach, Waschbär, ich werde dafür bezahlt“, sagte Markus und grinste. „Oder warum glaubst du, ertrage ich dich, hm?“ Er wackelte frech mit den Augenbrauen und hoffte, dass Robert wusste, wie er das zu nehmen hatte.

„Boah!“ Robert blies die Wangen auf und sah Markus vorwurfsvoll an. „Solltest du deine Opfer nicht motivieren, anstatt sie zu deprimieren? Es ist ganz allein deine Schuld, wenn ich nicht abnehme und meinen Job verliere.“

„Zum einen, Waschbär“, sagte Markus und blickte nebenbei in den Ofen, jetzt konnten sie allmählich die Nudeln ins Wasser werfen, „du bist kein Opfer und zum anderen war ich mit dir duschen. War das nicht Motivation genug?“ Er sah seitlich auf Robert und grinste ihn frech an. Allmählich hatte er raus, welche Knöpfe er drücken musste.

„Na ja, wenn du das regelmäßig wiederholst, dann lass ich das als Motivation durchgehen.“ Robert setzte das Nudelwasser wieder auf und schob den Spinat zu Markus rüber, damit er ihn weiter bearbeiten konnte. „So bisher war es ja nur ein zeigen, was ich nicht haben kann.“

„Wenn du dich gesund ernährst und Sport machst, kannst du das sehr wohl haben. Ne definierte Figur ist ja schließlich kein Hexenwerk“, nuschelte Markus eher nebenbei und merkte gar nicht, was er da eigentlich gesagt hatte. Lieber fing er an den Spinat zu würzen und zu verfeinern.

„Aha.“ Robert versuchte sich sein Grinsen nicht anmerken zu lassen. Da hatte Markus ihn ziemlich falsch verstanden, aber das war wahrscheinlich auch gut so. „Du meinst also, du kannst so ein Wunder auch bei mir vollbringen?“

Markus hörte auf im Topf zu rühren und zog ihn beiseite. Dann sah er Robert forschend an. Doch dann zog er ihm den Pullover hoch und kniff in ein kleines Röllchen, lachte, als Robert erschrocken quietschte. „Hast recht, ich habe mich da wohl etwas übernommen, Waschbär.“

„Ey!“ Robert versuchte seinen Pullover wieder runter zu schieben, aber Markus hatte die Hände auf seine Hüften gelegt. „Wie war das mit der Motivation? Ich finde solche Demonstrationen nicht hilfreich. Da verabschiedet sich mein Selbstwertgefühl doch auf Nimmerwiedersehen.“

„Eigentlich sollte dein Ehrgeiz jetzt durch deinen Körper branden und alles mitreißen. Das Selbstwertgefühl und die Motivation und alles, was da drinnen so herum rollt.“ Einmal piekste Markus noch, irgendwie mochte er das, er konnte immer noch nicht sagen warum. Er piekste in seine Seite, das war nicht so schön. Also schielte er auf den Waschbärbauch. Und wieder landete sein Finger zielsicher da, wo es Spaß machte. Immer wieder zuckte Robert zusammen, wenn der Finger ihn traf und schließlich hielt er Markus’ Finger fest. „Soll er so bleiben, damit du was zum Spielen hast?“, fragte er lachend.

„Weiß nicht“, sagte Markus nachdenklich und zog sein Hemd hoch. Er kratzte sich nachdenklich am Kopf. „Vielleicht sollte ich mir auch so was zulegen. Aber ich glaube, das macht nicht so viel Spaß wie das.“ Und zack – wieder hatte er den Waschbärbauch eiskalt erwischt. „Okay, ich hör ja schon auf. Es gibt schon rote Flecken“, sagte er reumütig.

„Gib mir ein wenig Pause, dann kannst du nach dem Essen weitermachen.“ Robert holte den Lachs aus dem Ofen und schnupperte. „Das riecht lecker. Haben wir alles?“ Die Nudeln waren auch fertig und konnten abgegossen werden. „Ich deck den Tisch. Möchtest du wieder ein Glas Wein? Ist noch was da von gestern.“

„Ja, aber nur ein Glas. Ich muss gleich noch fahren. Ich habe leider noch was zu tun.“ Schnell waren zwei Teller im Ofen verschwunden, um die Restwärme zu nutzen, damit sie ein wenig warm wurden, dann wurde das Essen darauf verteilt. Markus war mit sich ganz zufrieden und trug die Teller zum Tisch. So saßen sie sich gegenüber. „Lass es dir schmecken.“

„Ganz bestimmt. Ich habe Hunger.“ Robert nahm den ersten Happen und brummte zustimmend, so dass Markus wusste, dass es lecker war. „Ich glaube nicht, dass diese Peggy besser kochen kann. Ich mag sehr gerne, was du kochst. Wird es jetzt fast ausschließlich Fische geben, oder auch Fleisch?“

„Es wird auch Fleisch geben und es wird auch mal ganz fleischlos sein. Aber das können wir ja abstimmen. Ich habe ein ganzes Arsenal an Rezepten. Kannst dir ja was raussuchen. Zum einen soll es dir schmecken und zum anderen sollst du es lernen. Ich kann dich ja nicht jeden Tag bekochen. Du hast sicher auch was Besseres vor. Wichtig ist dein Gespür für das Essen.“ Er selbst aß auch ein paar Happen und war zufrieden. Der Lachs war gar nicht trocken geworden wie erst befürchtet.

„Also ich hab gar nichts dagegen, wenn du mich bekochst und dass ich das so bald selber hinkriege, glaub ich nicht.“ Robert lachte, denn Markus guckte ihn schon wieder kritisch an. „Ey, ich bin der einzige Essener Bürger, der von McDonalds geliefert bekommt. Das sagt ja wohl alles über meine Kochkünste aus.“

„Die beliefern dich? Wie viel Geld setzt du denn da bitteschön im Monat um?“ Markus wollte sich das gar nicht vorstellen und dafür, dass der Junkie so intensiv von Fastfood lebte, war er ja noch richtig gut in Form! Erschreckend. Er konnte nur fassungslos den Kopf schütteln. Dabei sah er Robert intensiv an. „Du wirst es lernen!“

„Na ja war schon so einiges, allerdings nicht alles für mich, ich habe auch oft fürs ganze Büro mitbestellt. War für meine Kollegen echt praktisch. Da mussten sie nicht raus. Sie werden sich auch demnächst umgewöhnen müssen.“ Robert sah seinen Fastfood Konsum nicht so dramatisch, wusste aber, dass es nicht gut für ihn war, aber so ab und zu konnte er sich das später bestimmt mal gönnen, wenn er besser in Form war.

„Warum sollten die Kollegen leiden? Du kannst doch für sie bestellen und dich selber zurück halten. Ist bestimmt ein gutes Training für deinen inneren Schweinehund“, sagte Markus und grinste. Er wusste nur zu gut, wie intensiv das Zeug locken konnte. „Aber lass uns über etwas anderes reden. Das Essen nimmt gerade ziemlich viel Raum ein.“ Er lachte. Besser er fragte jetzt nicht nach dem Frühstück, das wäre kontraproduktiv.

„Das könnte ich machen, aber ich glaub nicht, dass das ne Gute Idee wäre. Aber du hast Recht, beenden wir das Thema. Was hast du denn heute noch vor, dass du nur ein wenig Wein möchtest?“ Er war neugierig darauf, was Markus machte, wenn er Feierabend hatte.

„Ich will noch bei einem Bekannten vorbei schauen. Er gärtnert außerhalb der Stadt und züchtet ausgefallene Gemüsesorten. Samstag trifft sich die ganze Bande und jeder bringt was zu essen mit, damit der Hausherr nicht alles alleine machen muss und ich wollte mal gucken, ob Möhren-Mirko was Feines für mich hat, womit ich glänzen kann.“ Markus hatte noch keine Idee, was er mit zu Felix nehmen sollte und sowohl dem Anspruch der Gaumen als auch dem Anspruch der Gesundheit genügte.

„Du triffst dich am Wochenende mit Freunden? Macht ihr das öfter?“ Robert wollte mehr wissen. So was kannte er gar nicht. Zwar hatte er auch Freunde, aber die trafen sich nicht untereinander, außer wenn sie zu einer Feier gingen. „Kennt ihr euch schon lange?“

„Wir stammen aus dem gleichen Viertel und sind sozusagen mit einander groß geworden. Das hat sich erst nach dem Abi ein bisschen auseinander gelebt, aber mittlerweile sehen wir uns wieder regelmäßig. So alle zwei bis drei Wochen.“ Markus war stolz drauf, dass sie den Bogen noch bekommen hatten. Nicht ganz unwesentlich waren Jan und Mario, die stetig alle zusammentrommelten und erinnerten. Allmählich trafen sie sich nicht mehr nur in der Kneipe, sondern kochten für einander zu Hause. Einer der Gründe, warum Markus besser kochen gelernt hatte.

„So lange schon? Wow. Echt toll, dass ihr euch immer noch trefft.“ Robert war wirklich beeindruckt. „Was ist aus allen geworden? Sie müssen ja wohl alle noch hier in der Nähe wohnen, wenn ihr euch öfter trefft.“

„Also Jan und Mario studieren hier in Essen, Felix macht eine Ausbildung als Technischer Zeichner oder so was und wird wohl nach der Ausbildung nach Schweden gehen. Er vermisst seinen Elch und Hannes ist zwar nach Herne gezogen, aber er kommt jedes Mal. Ich bin eigentlich der einzige, der noch bei uns im Viertel wohnt. Der Rest hat sich verstreut über die Stadt.“ Markus merkte gar nicht, wie er anfing zu reden und wohl mehr erzählte, als Robert eigentlich wissen wollte. Doch er war stolz auf seine Clique.

„Moment, was meinst du damit, er vermisst seinen Elch?“, lachte Robert und war gerade etwas verwirrt. „Du meinst so einen richtigen, großen? Und deswegen zieht er nach Schweden? Das finde ich jetzt aber echt interessant.“

„Felix und Inga, das ist die ganz große Liebe. Wenn der Regenwurm auch sonst an seinem Ole hängt und nichts zwischen sie kommt, Inga ist die einzige, die das holde Glück fundamental stört. Dieser Elch ist kein Elch, das ist ein Hund. Sie hört aufs Wort und hat den großen Schädel voller Blödsinn. Die beiden sind besser als jedes Kino.“ Markus lachte, als er sich an den letzten Fotoabend erinnerte, den Felix lieber aus seinem Gedächtnis gestrichen hätte.

Markus erzählte Robert noch von der Elch-Falt-Aktion und auch wenn er die Bilder nicht gesehen hatte, konnte Robert sich alles haargenau vorstellen, weil Markus sehr bildreich erzählte. Schließlich lag er lachend auf dem Tisch und wischte sich die Tränen aus den Augen. „Das ist ja echt der Hammer. Ich kenn eindeutig die falschen Leute. Bei meinen Freunden gibt es nie so viel zu lachen.“

„Felix ist ja auch einmalig“, sagte Markus liebevoll und so war es auch. Auf ihren kleinen Regenwurm ließen sie nichts kommen, auch wenn er immer mal der Magnet für Spott war. Doch sie wussten, wann Schluss war und was man zu Felix nicht sagen durfte. Und außerdem hatte er ja immer noch Ole, der ihn dann tröstete und so lange Ole die Geschichten lustig fand, solange war es für Felix nicht ganz so schlimm. „Was macht ihr so?“

„Ach gar nicht so viel. Ich habe zwar einige Freunde, aber so eine Clique ist das nicht. Sie haben untereinander selten zu tun, außer wenn ich dabei bin. Ich bin also meist immer nur mit einem oder zwei unterwegs. Wir gehen ins Kino, zum Essen, auf Partys oder wir fahren weg. Also nichts Spektakuläres.“ Jetzt, wo er es aussprach, merkte er selber, dass sein Leben ohne Höhen und Tiefen war.

„Ist doch auch toll. Ich bin auch ab und an nur mit Hannes unterwegs.“ So schlecht fand er es auch nicht, nur mal was alleine zu machen. So hatte man auch Zeit, sich über Dinge zu unterhalten, die nicht gleich in der großen Runde diskutiert werden sollten. Es war nicht so, dass er vor dem Rest Geheimnisse hatte, doch Markus testete bei Hannes meistens erst mal an, wie auf das eine oder andere reagiert wurde. Das beste Beispiel war seine Begeisterung für Chris gewesen – er selber hatte damit extrem zu kämpfen gehabt, im Gegensatz zum Rest der Truppe. Mittlerweile war sowieso Hannes der einzige, der die „Mädchen sind auch nett“-Flagge noch hoch hielt. Das alles erzählte Markus und aß immer wieder einen Happen.

„Gute Freunde sind wirklich Gold wert. Ich habe sie auch schon öfter mal gebraucht und da hab ich wohl genauso viel Glück wie du. Mit Lothar, meinem besten Freund, kann ich auch über alles reden.“ Robert nahm den letzten Happen und wischte sich den Mund ab. Er war richtig satt und das war etwas, was ihm das abnehmen leichter machte. Hungern konnte er gar nicht gut. Nicht nur, dass dann seine Gedanken ständig um das Essen bzw. Nichtessen kreisten, er war auch ein Minenfeld für seine Umgebung.

„Ja, ich sage auch immer, ich kann auf alles verzichten, nur nicht auf meine Bekloppten.“ Markus nickte und sah sich um. „Ich helf dir noch schnell in der Küche, dann bin ich weg. Wenn’s dunkel ist, sieht man ja auf den Beeten nichts mehr.“

„Nein, lass ruhig, das schaff ich schon. Sieh zu, dass du zu deinem Bekannten kommst. Du solltest mir nur sagen, was morgen früh geplant ist. Wenn ich mich dann überhaupt noch bewegen kann.“ Robert fand es zwar schade, dass Markus schon gehen wollte, aber er sagte nichts. Sie hatten gerade erst wieder Frieden geschlossen, das wollte er nicht aufs Spiel setzen. „Wenn du was Ungewöhnliches und Interessantes findest, dann bring doch was für morgen mit.“

„Ich kann dir anbieten, morgen früh wieder am Ufer entlang zu laufen, so wie heute oder wir treffen uns in einer der Schwimmhallen. Ich kenne eine, die macht ziemlich früh auf. Wir könnten eine Stunde schwimmen. Ich bereite dir ein Frühstück vor, was du dann auf Arbeit essen kannst. Ich muss es nur wissen, was dir lieber wäre.“ Markus war da flexibel und er wollte ja auch nicht, dass Robert gleich die Lust verlor.

„Schwimmen“, war die prompte Antwort und Robert strahlte. Das war so ziemlich der einzige Sport, den er ab und zu betrieb, vor allen Dingen im Sommer. „Treffen wir uns hier oder an der Halle?“

„Treffen wir uns an der Halle, ich schicke dir die Adresse per SMS, hab sie nicht im Kopf“, sagte Markus und war zufrieden. Das kam ihm auch ganz gelegen und so konnte er sich bei Jan nachher noch mal wegen der Öffnungszeiten erkundigen. Ganz sicher war er sich da auch nicht. Das wechselte irgendwie ständig. Er lachte, weil er wusste, dass das nicht stimmte. Er war einfach zu blöd, sich etwas zu merken.

„Gut, machen wir das so. Zu der gleichen Zeit, wie heute im Studio? Oder ist auch egal, schick mit der Adresse auch mit, wann ich da sein soll.“ Robert begleitete Markus zur Haustür und wartete, bis sein Gast sich die Schuhe angezogen hatte. Dann zog er Markus in eine kurze Umarmung, um sich zu verabschieden.

„Ich weiß ja nicht, wann du anfängst zu arbeiten. Aber ich würde fast sagen, wenn du 'ne Stunde früher kannst, so gegen sieben vielleicht? Dann sind wir gegen neun wieder aus der Halle raus. Ist 'ne gute Zeit, wie ich finde.“ Markus raffte sein Zeug und sah sich noch einmal um. Nein, er hatte nichts vergessen.

„Sieben ist gut.“ Robert sah Markus hinterher, wie er zum Wagen lief und winkte noch einmal. Er freute sich schon auf morgen und seinen Trainer dann in einer knappen Badehose zu sehen, war noch ein weiterer Lichtblick.



***



„Mach Platz da, Oma!“ Markus war heute Morgen etwas spät aus dem Bett gekommen, denn er hatte sich gestern noch bei Mirko festgequatscht und heute Morgen postwendend die Quittung bekommen. Nun umging er alle Straßenverkehrsregeln, damit er wenigstens noch halbwegs pünktlich in der Schwimmhalle war. Nicht dass der Waschbär noch glaubte, die Folter fiele aus mangels Beteiligung des Folterknechtes – so aber nicht!

Er sah Robert schon vor der Halle auf ihn warten, als er sich einen Parkplatz suchte. Darum packte er nur schnell seine Tasche und lief zum Eingang. „Da bist du ja. Ich wollte gerade schon eine Vermisstenmeldung abgeben“, wurde er lachend begrüßt.

„Du hättest wohl eher einen Meineid auf mich schwören müssen, ich hätte die Alte in ihrem blöden Peugeot bald umgebracht, so wie die geschlichen ist“, erklärte Markus knurrend, grinste aber. Er würde schließlich niemals zugeben, dass er verpennt hatte. Schnell war die Halle betreten. Er hatte für seinen Club eine Dauerkarte und die beinhaltete auch seine Schützlinge, so zeigte Markus die Karte nur vor, dann waren sie auch schon in der Umkleide.

Sie zogen sich um und gingen zusammen in die Schwimmhalle. Irgendwie fühlte Robert sich unwohl. Jetzt, wo sie beide nur Badehosen trugen, sah man besonders gut, wie unsportlich er war und dass er dringend was für seine Figur machen musste. Es war angenehm leer im Wasser und nur ein paar Dauergäste schwammen ihre morgendlichen Runden.

„Los rein“, kommandierte Markus und war mit einem eleganten Kopfsprung schon im Wasser. Doch er zog nicht gleich davon, sondern tauchte auf und wartete auf den Waschbär. „Ich werde dich auch retten, wenn du untergehst“, versprach er. „Die Mund-zu-Mund-Beatmung wird allerdings der Rettungsschwimmer machen!“

„Was ist denn das für ein Service? Da muss ich wohl Beschwerde einlegen. Ich habe das Rundum-Paket gewählt, da gehört dann auch die Wiederbelebung zu.“ Robert sprang zu Markus ins Wasser, wenn auch nicht ganz so elegant, aber das war egal. Er freute sich schon darauf, seine Bahnen durch da Wasser zu ziehen.

„Waschbär, ich bin für deine Fitness, nicht für dein Leben verantwortlich. Wenn ich es verkacke, muss ich mich hoffnungsvoll an Fachleute wenden, damit sie dich zurück ins Leben holen. So ist das eben“, erklärte Markus lapidar und schwamm langsam los. „Wie viel schaffst du so? Wollen wir erst mal zwanzig Runden schwimmen und dann gucken, wie du drauf bist?“ Er selbst war sich noch nicht so sicher.

„Ich kann dir das gar nicht sagen. Lass uns doch einfach los schwimmen und wenn ich nicht mehr kann, geh ich unter und du ziehst mich wieder hoch.“ So konstant war er noch nie Bahnen geschwommen. Sie hatten meistens eher getobt und sich kleine Rennen geliefert. Er würde also sehen, was seine Ausdauer her gab.

„Okay“, nickte Markus und zog ein bisschen das Tempo an, ging in den Kraulstil über, weil der ihm leichter von der Hand ging und weniger Energie verbrauchte, doch er hatte Robert immer im Blick, damit der Abstand nicht zu groß wurde.

Robert schwamm etwas langsamer und suchte den für ihn idealen Rhythmus. Das Schwimmen tat ihm gut, denn er hatte ziemlichen Muskelkater in den Beinen. Es war ihm nicht gerade leicht gefallen, morgens aufzustehen und ganz froh darüber, dass Markus ihn nicht gesehen hatte, wie er durch das Haus geschlurcht war. Er konnte nur hoffen, dass sich das mit der Zeit wirklich gab.

„Alles klar?“, fragte Markus, der wieder in den Bruststil gewechselt hatte, um sich mit Robert unterhalten zu können. „Tut dir was weh? Sollen wir langsamer?“

„Ne danke, so ist prima. Das halte ich ganz gut durch.“ Robert sah lächelnd zu Markus rüber und schwamm weiter. Es gefiel ihm, dass sein Trainer nicht einfach vorgab, was gemacht wurde, sondern auf seine Stärken und Schwächen einging. „Du weißt doch, Waschbären fühlen sich im Wasser wohl.“

„Sie fühlen sich da aber auch nur wohl, weil die dort was zu Futtern finden“, konnte sich Markus nicht verkneifen und machte, dass er weg kam, nicht dass er noch aus Versehen getaucht wurde. Das war ja nicht im Sinne des Erfinders.

„Ja, ja. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen.“ Robert drohte Markus kurz lachend mit der Faust, aber dadurch kam er aus dem Rhythmus und ging kurz unter. Prustend kam er wieder hoch und wischte sich die Haare aus den Augen.

Sofort war Markus wieder bei ihm und fragte besorgt: „Alles klar?“ Doch der Waschbär nickte nur und Markus beruhigte sich wieder.

„Erzähl du mir noch mal, du müsstest arbeiten. Flirtest hier im warmen Wasser!“, brüllte plötzlich einer vom Beckenrand und Markus schoss herum. Das Lästermaul kannte er doch!

„Und du? Solltest du nicht die Nase im Buch haben, anstatt heimlich zu üben, Jan zu besiegen?“

Aber Mario lachte nur und sprang ins Wasser. Er tauchte bis zu Markus und Robert und kam genau vor ihnen wieder hoch. „Wenn du mich schon auf so eine Idee bringst“, lachte er und sah zu Robert, der Wasser trat und den Neuankömmling neugierig ansah. „Hallo, ich bin Mario, ein Freund von dem Spinner hier“, begrüßte er den fremden Mann.

„Freut mich, ich bin Robert, das Opfer.“

„Du hast Opfer, du Perverser?“, lachte Mario und betrachtete sich den Mann noch ein bisschen. Das also war Markus’ Job. „Ich glaube, ich habe den falschen Beruf. Ich sollte auch so was machen wie du. Ein bisschen plantschen und ein bisschen Leute schikanieren, das könnte ich auch.“ Da war sich Mario ziemlich sicher. Eigentlich war er nur hier, weil eine Vorlesung ausgefallen war und er sich gelangweilt hatte. Seine Klamotten hatte er immer im Spind, zumindest eine Badehose und ein Handtuch.

„Vielleicht komm ich auf das Angebot zurück, wenn Markus nicht mehr will. Du scheinst auch gut trainiert zu sein, wenn ich das richtig gesehen habe.“ Sogar richtig lecker, wie Robert fand und das zeigte auch sein Blick. „Du bist wohl genauso sportverrückt wie mein Foltermeister.“

„Tour mal wieder runter, Waschbär. Erstens ist der Brocken bereits glücklich vergeben und zweitens möchte er wohl gut trainiert sein, er ist Landesmeister. Nur sein Schatz ist noch einen Tick besser als er. Und das frisst doch am Ego. Oder?“ Markus grinste Mario an und konnte gar nicht so schnell reagieren, wie er getaucht wurde und Mario auf seinen Schultern stehen hatte, der ihn weiter nach unten drückte.

„Ey nich’, den brauch ich noch“, lachte Robert und tauchte unter, um Markus zu befreien, auch wenn das nicht nötig gewesen wäre. Er griff sich Markus am Arm und zog ihn mit sich hoch.

Markus prustete und knuffte seinen Freund. „Los, geh spielen, wir müssen arbeiten. Ich muss Robert in Form bringen. Und grüß Jan!“ Markus schlug seinem Kumpel noch mal auf die Schulter, dass es spritzte, doch dann begann er wieder, seine Bahn zu ziehen. Sie hatten schließlich wirklich noch etwas vor und waren nicht zum Spaß hier.

Robert sah Mario zu, wie der sich eine Bahn suchte und anfing zu schwimmen. „Er ist einer der Schwimmer aus eurer Clique“, stellte er fest und guckte etwas neidisch, wie elegant Mario durch das Wasser glitt. „Kein Wunder, dass er so lecker aussieht.“

„Japp. Mario. Er und sein Babe haben sich jahrelang die Köpfe eingeschlagen, weil einer auf den anderen geil war und sie irgendwie keinen Draht zu einander gefunden haben. Aber jetzt ist alles im grünen Bereich und sie sind um einiges erträglicher geworden“, sagte Markus und schwamm weiter. Sie hatten noch ein bisschen was vor. Sie konnten sich ja nicht ständig ablenken lassen.

„Dann ist ja gut.“ Robert sah noch einmal zu Mario, dann konzentrierte er sich wieder auf seine Aufgabe. Schließlich sollte er einmal und hoffentlich in nicht allzu ferner Zukunft, auch so eine ansehnliche Figur aufweisen können. Gleichmäßig zog er seine Bahnen, bis ihm die Arme langsam schwer wurden. „Können wir eine Pause machen?“, fragte er Markus.

„Sicher. Komm, wir setzen uns ein bisschen da hinten auf die beheizten Steinbänke – oder sollen wir ganz aufhören?“ Markus sah auf die Uhr. Sie hatten noch eine halbe Stunde Zeit, die er gern noch genutzt hätte. Doch er wollte Robert nicht schinden. Er zog sich am Rand aus dem Wasser und blickte zurück.

Robert folgte ihm und schüttelte den Kopf. „Nein, noch nicht aufhören. Ich brauch nur eine kurze Auszeit, dann können wir weitermachen.“ Sie setzten sich auf die Bank und Robert suchte Mario mit den Augen. Der schwamm gerade auf Zeit und nicht nur Robert sah ihm nach, wie er durch das Wasser pflügte wie ein Torpedo, auch der Rest der wenigen Besucher sah ihm hinterher. Sie kannten ihn schon, denn Mario kam öfter, wenn Stunden ausfielen und es sich nicht lohnte, nach hause zu fahren oder auf seiner Nebenjobstelle vorbei zu sehen.

„Neidisch?“, fragte Markus dicht an Roberts Ohr, denn der starrte völlig fasziniert auf das Becken und auf den Schwimmer.

Unwillkürlich kam Robert ein wenig näher, wenn Markus schon so zutraulich war.

„Kann man wohl sagen. Schwimmer haben eine wirklich tolle Figur. Kräftiger Oberkörper, schmale Hüften, einen knackigen Hintern und muskulöse Beine“, schwärmte Robert und deutete auf Mario. „Da schwimmt gutes Anschauungsmaterial.“

„Ich würde mal sagen, nimm dir ein Beispiel. Er trainiert regulär viermal die Woche und wenn er Zeit hat, ist er auch hier. Dazu kommt Lauftraining. Ich weiß nicht, ob er für einen Waschbär wie dich der richtige Trainer wäre, denn er fordert, was er leisten kann.“ Markus lachte leise, denn das stimmte wirklich. Mario war gnadenlos. Felix hatte mal ein paar Kilos verlieren wollen, weil er über Weihnachten bei seinen Schwiegereltern in spe doch ziemlich rund um die Mitte geworden war, doch er hatte am ersten Abend Muskelkater, am zweiten hatte ihn Ole ins Bett tragen müssen und am dritten Tag hatte er nicht mehr zur Arbeit gehen können, weil er im Allgemeinen nicht hatte gehen können. Sogar die Gänge ins Bad hatte er auf allen vieren erledigen müssen.

„Na dann frag ich ihn erst, wenn ich fit bin“, lachte Robert und riss sich von Mario los. „Da ist mir deine Trainingsmethode wirklich lieber. Es mag vielleicht länger dauern, aber dafür breche ich nicht zusammen und verliere die Lust. Das wäre nämlich fatal, denn dann werde ich stur und würde sogar meinen Job riskieren.“

„Ich weiß nicht, ob es das wert wäre, aber ich werde alles daran setzen, dass du durchhältst. Einmal die Woche ist in deinem Preis übrigens Wellness inbegriffen. Du hast die Wahl zwischen drei verschiedenen Formen der Massage oder einem Saunagang. Hatte ich dir das eigentlich schon gesagt?“ Markus war sich da selber auch nicht mehr so sicher. So war das eben, wenn man alles allein machen sollte. Das eine oder andere ging unter. Er hätte es wirklich so machen sollen wie Peggy gesagt hatte und alles vom Zettel Robert vorlesen.

„Wellness? Ne, das hast du mir bisher verschwiegen. Ich glaube, das kann ich auch gut gebrauchen. Noch geht es mit dem Muskelkater, aber wir haben auch noch nicht wirklich viel gemacht.“ Robert war wirklich angenehm überrascht. Massagen liebte er besonders, aber auch Sauna war nicht zu verachten.

„Wie gesagt. Einmal pro Woche kannst du das kostenlos nutzen. Am besten mal im Studio am Empfang nachhaken. Die wissen da bescheid.“ Markus selber war nicht so der Saunagänger, aber er gönnte sich ab und an eine der Massagen, wenn er selbst sich auch wieder überschätzt hatte. „Sollen wir wieder? Oder willst du noch ein bisschen Mario angaffen? Sollte nur Jan nicht rausbekommen, denn der taucht dich.“

„Nein, wir können wieder. Ich will doch nicht schon wieder jemanden in Schwierigkeiten bringen. Besonders, wenn ich derjenige bin, der Schwierigkeiten kriegt.“ Robert stand auf und lockerte seine Arme. „Okay, packen wir’s. Schließlich will ich aussehen wie Mario.“

„Dazu musst du aber noch eine ganze Weile trainieren und öfter mal zum Rasierer greifen“, entgegnete Markus und piekste Robert noch mal in die Seite. Er nahm sich einen Augenblick, um ihn sich einmal eingehender zu betrachten. Er hatte schon schlimmeres gesehen und das bisschen Bauch passte irgendwie zum Waschbär. Doch das sagte er ihm lieber nicht.

„Das befürchte ich auch, aber irgendwann, wenn ich kurz vor der Pension stehe, dann werde ich so aussehen.“ Robert lachte, spielte mit seinen nicht vorhandenen Muskeln und sprang ins Wasser.

„Blöder Waschbär“, lachte Markus leise und sprang hinterher. Sie absolvierten ihr Training, damit sie noch in Ruhe duschen und sich umziehen konnten. Schließlich musste Robert dann zur Arbeit und Markus hatte auch noch weitere Termine im Studio. Er winkte Mario, ehe er in der Umkleide verschwand. Sein Freund würde die Zeit bis zum Letzten ausnutzen, er machte das nicht zum ersten Mal und wusste, wann er raus musste, um pünktlich zurück in der Uni zu sein.



08

„Nicht übel.“ Robert besah sich im Spiegel und wirkte ziemlich zufrieden. Er trainierte jetzt seit 8 Wochen mit Markus und es hatte sich einiges getan. Seine Waage zeigte stetig weniger an, sein Bäuchlein war so gut wie nicht mehr vorhanden und an seinem ganzen Körper zeigten sich inzwischen sogar schon ein paar definierte Muskeln. Mittlerweile machte das Training sogar richtig Spaß und er freute sich jeden Morgen darauf, mit Markus zusammen zu joggen oder zu schwimmen. Sie trainierten jetzt auch nachmittags noch einmal, meist im Studio und danach trennten sich ihre Wege bis zum nächsten Morgen. Für seine Mahlzeiten sorgte Robert jetzt auch selber und er musste zugeben, dass kochen gar nicht so schwer war, wenn man erst einmal begriffen hatte, auf was es ankam. Außerdem hatte er so ab und zu noch einen Grund, Markus anzurufen, wenn er doch nicht weiter wusste.

„Stolzier hier nicht rum wie ein Gockel“, knurrte Kevin, einer der Tontechniker und schob Robert beiseite. „Andere wollen sich nach dem Klo auch die Hände waschen, also mach Platz.“

„Ich stolziere nicht, sondern bewundere“, knurrte Robert und streckte seinem Kollegen die Zunge raus. „Ich habe schließlich, allen Unkenrufen zum Trotz, das gesteckte Ziel weit übertroffen, da darf man doch wohl stolz sein.“ Seine Chefin hatte vorhin noch selbst gesagt, dass sie nicht gedacht hätte, dass er es durchhält. Darum hatte sie seinen Frühdienst auch noch einmal um vier Wochen verlängert.

„Dann sei wo anders stolz, ich muss mir die Hände waschen.“ Kevin ließ sich nicht beeindrucken, ihn störte die Sonderbehandlung des Moderators sowieso. Jeder andere hätte das intensive Training sicherlich aus eigener Tasche zahlen müssen. Und so verschwand er ziemlich fix, als er die Hände trocken gewischt hatte.

Robert verließ nach ihm die Toilette und winkte seiner Kollegin zu, als er sich seine Tasche schnappte. „Bis Morgen“, rief er laut und war auch schon aus der Tür. Er war in einer halben Stunde mit Markus im Studio verabredet und er wollte nicht unpünktlich sein. Mittlerweile machte er sich selber warm mit einer kleinen Runde durch den Park, ehe er mit Markus entweder an die Geräte oder zu einem Aerobic-Kurs zusammen traf. Anfangs hatte Robert noch gelacht – Aerobic, das war doch was für Mädchen, doch als er den ersten hinter sich gebracht hatte und am Folgetag aussetzen musste, weil er kaum noch hatte krauchen können, hatte Robert seine Meinung grundlegend revidiert.

Heute war auch wieder Aerobic und er freute sich schon darauf. Er mochte die fröhliche Stimmung dabei, denn Markus und er waren die einzigen Männer in der Runde. Der einzige Wermutstropfen war Jette, die auch oft zu den Stunden kam. Robert musste jedes Mal an sich halten, sie nicht zusammenzustauchen, wenn sie wieder hemmungslos an Markus baggerte. Doch sie hatten ihren Deal und er musste einsehen, dass es Markus’ Job war, dafür zu sorgen, dass die Kunden sich wohl fühlten. Da gehörte eben auch ein bisschen flirten dazu, solange das nicht über das verbale Maß hinaus ging oder unzüchtig wurde. Es schmeckte Robert nicht und Jette machte sowieso den Eindruck, als würde sie es ausgerechnet ihm zeigen wollen, für den blöden Scherz, den er am Anfang gebracht hatte.

Von Markus war nichts zu sehen, als Robert das Studio betrat. Das war nicht ungewöhnlich, da sie erst in einer halben Stunde verabredet waren, aber wenn Markus da war, kam er oft mit zum Joggen und sie unterhielten sich dabei. Darum ging Robert gleich zu den Umkleidekabinen und zog sich um. Doch auch da war sein Trainer nicht zu sehen und so wagte Robert doch noch einen Blick ins Studio, ob er seinen Lieblingstrainer irgendwo erblicken konnte und ihm vielleicht auch gerade nach einer Runde Laufen war. Er zog sich noch die Hose hoch und band sie fest, schlüpfte in die Schuhe, dann war er schon auf der Suche. Doch was er sah, gefiel ihm gar nicht.

„Jette, du elendes, kleines Flittchen“, zischte er aufgebracht, denn jetzt ging die Blondine eindeutig zu weit. Sie hatte Markus an eine Wand gedrängt. Das war ja schon schlimm genug, aber es reichte ihr offensichtlich nicht mehr, denn eine Hand hatte sie in Markus Hintern gekrallt und die andere Strich gerade seinen Bauch hinab.

„Jette, verdammt noch mal!“ Markus wusste im ersten Moment nicht, was er machen sollte und so griff er die Schultern der jungen Frau fest und schob sie von sich. Wenn das jemand sah, hatte er ein Problem. Er konnte ja nicht wissen, dass es gleich zwei gab, die das gesehen hatten. Einer hielt sich im Hintergrund und wollte sehen, wie sein Azubi die Situation löste, der andere kam wutentbrannt auf die beiden zu.

„Jette, du dämliche Kuh, nimm deine Finger von Markus. Was fällt dir eigentlich ein? Bist du schon so verblödet, dass du noch nicht einmal checkst, wenn es jemandem extrem unangenehm ist, von dir angefasst zu werden?“, blaffte er sie an und zog sie weiter von Markus weg, der ihn nur mit großen Augen ansah. Robert war wütend, denn sonst hätte er seine Worte wohl etwas abgemildert, aber das ging gerade nicht. „Wag es noch einmal, in meinem Revier zu wildern und du wirst mich kennen lernen. Markus ist nicht an dir interessiert, weil er schon vergeben ist.“

Bei seinen Worten zog er Markus an sich und küsste ihn. Das sollte ja wohl selbst Jette zeigen, dass sie verloren hatte. Und sein Opfer war gerade so irritiert, dass er nicht gleich schaltete, was er eigentlich hätte tun müssen – nämlich Robert von sich schieben und ihm erklären, dass das hier entschieden zu weit ging. Stattdessen erwiderte er den Kuss für einen Augenblick zu lange, denn da stand Wolfram schon neben ihnen und nahm ihm die Entscheidung ab.

„In mein Büro!“, erklärte er mit fester Stimme und ging davon aus, dass Markus ihm folgte. Der löste sich hastig und versuchte zu begreifen, was passiert war, doch alles, was er begriff, war sein wütender Ausbilder.

Verdammt – in was war er jetzt nur rein geraten? Robert keines Blickes würdigend, lief er Wolfram hinterher. Der ging vor und schloss die Tür, als beide im Büro waren. „Ich hätte gerne eine Erklärung, Markus“, sagte er neutral und setzte sich hinter seinen Schreibtisch. Er konnte das Geschehene nicht einordnen und bevor er eine Entscheidung traf, musste er mehr Informationen haben.

„Ich auch“, sagte Markus leise, mehr für sich selber und strich sich angespannt durch die Haare. „Das ging alles so scheiße schnell. Erst Jette, die mich begrabbelt, dann Robert, der austickt und dann steckt er mir seine Zunge in den Hals und dann...“ Markus war immer schneller geworden. Er huschte mit seinem Blick hektisch durch den Raum. Man sah ihm an, dass er völlig von der Rolle war.

„Ja, das habe ich auch gesehen. Jette werde ich nahelegen, sich ein anderes Studio zu suchen, denn das, was gerade geschehen ist, werde ich nicht tolerieren.“ Wolfram kannte da gar nichts. Wer sich nicht an die Spielregeln hielt, hatte hier nichts mehr verloren. Er bedeutete Markus, sich zu setzen und räusperte sich. „Aber was war das mit Robert. Bei ihm wirktest du nicht gerade abgeneigt. Das legt für mich die Vermutung nahe, dass es nicht der erste Kuss von euch war.“

Markus nahm wie verlangt Platz und holte tief Luft. Dankend griff er zu der Flasche Wasser, die Wolfram ihm reichte. „Auch wenn das vielleicht nahe liegen kann, aber so ist das nicht. Nach seinem ersten Aussetzer gleich am ersten Tag hier, habe ich ihm klar gemacht, dass er entweder noch einmal solch eine Show abziehen kann und einen anderen Trainer bekommt oder sich an die Regeln hält. Das hat er bisher auch gemacht. Aber ich glaube, Jette hat ihn...“ Markus merkte gerade, dass er Rechtfertigungen für Robert suchte. Warum tat er das, verdammt? Der blöde Waschbär hatte ihm eventuell gerade den Ausbildungsplatz gekippt, denn Wolfram war bei so was rigoros – Regeln waren Regeln.

Wolfram nickte nur und ließ nicht erkennen, was er dachte. Markus wurde mulmig, denn er konnte nicht einschätzen, was der Mann dachte. „Markus, ich will ehrlich sein, ich bin enttäuscht. Dieser Kuss mag vielleicht der erste gewesen sein, aber du hast ihn genossen und das legt für mich natürlich die Vermutung nahe, dass an dem, was Robert gesagt hat, was dran ist. Nicht dass du vergeben bist, aber dass ihr bald im Bett landen werdet.“

„Wow, wow, wow – halt!“ Markus schoss hoch und funkelte Wolfram an. „Wenn du ein Problem mit meinen Präferenzen hast, sag es mir ins Gesicht, aber versteck das nicht hinter meiner Einstellung zum Job. Was ich genieße und was nicht, ist mein Ding. Mit wem ich wo lande, ist ebenfalls mein Ding. Dass das passiert ist, war scheiße – das weiß ich selber, aber was du eben gesagt hast, war fies.“ Er war kurz davor, alles hin zu werfen, denn er schien sich in Wolfram grundlegend getäuscht zu haben. Der hatte wohl mit ihm ein ganz anderes Problem, als gerade hier diskutiert wurde.

„Markus, bitte setz dich wieder.“ Wolfram ließ sich von Markus’ Ausbruch nicht beeindrucken. „Deine Präferenzen sind mir wirklich egal und du hast Recht, was du genießt und mit wem du im Bett landest, ist dein Ding. Ich habe dich eingestellt, weil du gut bist und unser Gespräch gerade findet nicht statt, weil Robert ein Mann ist, sondern weil Robert ein Kunde ist und da sind wir wieder bei deiner Einstellung zum Job.“

„Was hätte ich denn machen sollen? Ihm eine auf die Nase hauen? Ich hab einfach zu spät geschaltet, denn das war alles ein bisschen viel auf einmal“, sagte Markus, setzte sich aber wieder. Er zitterte leicht, denn er war immer noch wütend, ohne genau zu wissen auf wen eigentlich. Wohl am ehesten auf sich selbst, denn alle anderen hatten irgendwie nur ihr Glück versucht. Er war einfach nicht energisch genug gewesen.

„Nun, das wäre nicht meine erste Wahl gewesen, aber es hätte wahrscheinlich funktioniert, ihm klar zu machen, dass du diesen Kuss nicht willst.“ Wolfram verzog den linken Mundwinkel ein wenig, wie er es immer machte, wenn er etwas amüsant fand, es aber nicht zeigen wollte. Dieser Moment dauerte aber nur kurz und er wurde wieder ernst. „Aber da sind wir bei dem Problem, das ich habe. Das wolltest du gar nicht. Du hast diesen Kuss genossen. Er hat dir gefallen, das zeigte deine ganze Körpersprache. Deine Augen haben sich geschlossen, du hast dich an ihn geschmiegt und dein Arm war auf dem Weg in seinen Nacken. Ich habe dich dabei beobachtet und darum bist du hier.“

„Okay. Ich verstehe“, sagte Markus. Er war sich zwar nicht sicher, doch er glaubte verstanden zu haben. Unter den Voraussetzungen konnte er keine Kunden mehr betreuen, das war ihm selber auch klar. Er hätte harscher mit Jette ins Gericht gehen müssen, von Anfang an, dann wäre das alles nicht passiert. „Gelangweilte Hausfrauenzicke“, zischte er leise und er wusste, dass er sich diese Dame noch greifen würde, sobald er seine Kündigung in der Tasche hatte. Die kam ihm nicht so einfach davon.

„Nein, Markus, ich fürchte, du verstehst mich nicht.“ Wolfram kannte Markus mittlerweile gut genug, um ihn lesen zu können. Darum lächelte er leicht. „Ich habe nicht vor, dir zu kündigen, denn du leistest sehr gute Arbeit. Ich habe vor, dir Zeit zum Nachdenken zu geben. Du solltest dir, glaube ich, über einiges klar werden. Unser Job besteht nicht nur aus Training und Ernährungsberatung, sondern eben auch aus solchen Situationen wie eben und dann wird es dir wahrscheinlich nicht so angenehm sein, wie gerade eben, geküsst zu werden. Darum solltest du darüber nachdenken, ob du unter diesen Bedingungen diesen Job weitermachen willst. Darum hast du die nächste Woche frei.“

„Was?“ Markus fühlte sich wie vor den Kopf geschlagen. Er musste erst einmal sortieren, was Wolfram eben gesagt hatte. Zwar hatte er nicht vor, ihn vor die Tür zu setzen, aber Markus schien beurlaubt zu sein, um seinen Kopf klar zu kriegen. „Ich glaube schon, dass ich mit so was umgehen kann. Das mit Jette hatte ich ihm Griff, ich war gerade dabei, sie zu maßregeln, als der blöde Waschbär den Ausraster kriegte. Da...“ Markus regte sich schon wieder auf und ehe er noch etwas sagte, was nicht gesagt werden sollte, schwieg er sich aus.

„Markus, ich möchte meinen besten Auszubildenden ungern verlieren, wenn er feststellt, dass er mit diesen Dingen nicht umgehen kann. Du solltest diese Woche nutzen, um für dich selber festzustellen, was du willst.“ Wolfram wusste, dass das für Markus im Moment schwer zu verstehen war. „Schalte ab und in einer Woche sprechen wir uns wieder.“

„Ist wohl das beste“, sagte Markus und holte tief Luft. Das kleine Lob zwischen den Zeilen tat gut und gab ihm die Sicherheit, die er jetzt brauchte. Er saß also noch nicht auf der Straße und wenn er resoluter wurde, was die Flirterei der Kunden anging, dann konnte aus ihm hier auch etwas werden. Er musste es einfach packen, es ging nicht anders, denn er liebte seinen Job wirklich.

„Gut, Markus, ich kümmere mich um die zwei Durchgeknallten und du machst dich vom Acker. Du solltest mit beiden besser nicht zusammentreffen, denn das könnte unschön enden.“ Wolfram stand auf und deutete mit dem Kopf nach draußen. Vor der Tür waren laute Stimmen zu hören und es war nicht schwer zu erraten wem sie gehörten.

„Dem Waschbär...“ Markus stoppte, er hätte sich fast dabei erwischt, für den blöden Bert Milde einzufordern. Doch er ließ es bleiben, der hatte den Tritt genauso verdient wie Jette auch. Also verabschiedete er sich und verschwand durch die zweite Tür des Büros direkt im Angestelltentrakt und ging zu seinem Spind.

Er hatte wirklich keinen Bock darauf, heute die ganze Truppe im Haus zu haben, doch er wollte seinen Freunden auch nicht absagen. Vielleicht konnten sie ihn ja in seiner Entscheidung unterstützen. „Oder helfen, erst einmal eine Entscheidung zu fällen, das wäre ein Anfang.“

Derweil öffnete Wolfram die Tür zum Flur.

Die wütenden Stimmen wurden lauter und der Inhaber des Fitnessstudios straffte sich. Mit grimmiger Mine ging er auf Robert und Jette zu. „Ich bitte darum, dass sie ihre Lautstärke mäßigen“, verlangte er ruhig und beide stoppten in ihrem Redefluss. Bevor sie ihn gleich mit Fragen bombardieren konnten, hob er die Hand und nahm sich erst einmal Jette vor. „Das, was hier gerade passiert ist, werde ich nicht einfach so hinnehmen. Frau Küster, ich habe sie schon einmal vor zwei Wochen verwarnt. Sexuelle Belästigung meiner Angestellten werde ich nicht tolerieren. Sie haben sich nicht daran gehalten und darum werden Sie hier nicht mehr trainieren.“

„Wie bitte? Was soll denn der Quatsch. Markus hat sich doch nicht belästigt gefühlt, da hätte der doch was gesagt und außerdem: der da ist ja wohl mal ein ganzes Ende weiter gegangen – was passiert mit dem, hä? Mich kann man nicht einfach so rauswerfen. Ich habe bezahlt!“ Jette redete ohne Punkt und Komma, sie konnte gar nicht fassen, was Wolfram sagte. „Außerdem kann Markus ruhig rauskommen und auch mal was sagen!“

„Frau Küster, ich kann sie sehr wohl des Studios verweisen. In dem Vertrag, den sie unterschrieben haben, steht es ganz klar drin, dass ihnen die Mitgliedschaft gekündigt werden kann, wenn sie sich nicht an die Vorschriften halten. Sexuelle Belästigung des Personals fällt darunter. Die zu viel gezahlten Gebühren werden ihnen erstattet.“ Wolfram ließ sich durch das Gezeter nicht aus der Ruhe bringen. „Mit Herrn Täubner befasse ich mich gleich und Herr Ritter ist nicht mehr im Haus. Bei unserer Besprechung hat er allerdings sehr nachdrücklich erklärt, dass er sich durchaus von ihnen belästigt gefühlt hat.“

„Das hätte der ja auch weiß Gott früher sagen können!“ Jette stemmte die Hände in die Seiten. „Hat doch immer lustig mitgemacht.“ Doch sie hatte verstanden, dass hier erst einmal nichts mehr zu retten war und dampfte grußlos ab. Die würden noch von ihr hören, dafür würde ihr Mann schon sorgen. So leicht wurde man sie nicht los.

Die beiden Männer sahen ihr hinterher und Robert war zufrieden. Dass Wolfram Jette rausgeworfen hatte, fand er richtig, aber gleichzeitig fürchtete er sich davor, was er jetzt zu hören bekommen würde. „Also, bevor ich auch gleich rausfliege, möchte ich noch sagen, dass Markus unschuldig an dem Kuss ist. Ich habe nur gesehen, wie Jette ihn bedrängt hat und habe das erstbeste getan, was mir eingefallen ist.“

„Das war das Erstbeste, was ihnen eingefallen ist?“, fragte Wolfram verwirrt und hob die Brauen. Er hatte ja mit einer Menge gerechnet, aber nicht mit solch einem Satz. Wenn der Kuss das erste war, was Herrn Täubner einfiel, war ihm auch klar, woran der Kerl dachte, wenn er mit Markus trainierte und allmählich glaubte er immer weniger, dass zwischen den beiden nichts gelaufen war. Aber er vertraute Markus, der würde nicht lügen, dafür war er zu stolz. Wenn er Mist baute, stand er dazu.

„Na ja, da war wohl der Wunsch Vater des Gedanken?“, murmelte Robert verlegen und fuhr sich mit den Fingern durch die Haare. Er konnte Markus’ Chef ja schlecht erklären, dass er das schon praktisch seit ihrer ersten Begegnung machen wollte. „Also Markus ist vollkommen unschuldig.“

„Das ändert nichts an der Tatsache, dass er sich nicht souverän genug durchgesetzt hat. Er kennt die Tücken unseres Berufes und muss sie meistern können. Wenn nicht, ist er hier fehl am Platz. Er hat jetzt genügend Zeit, darüber nachzudenken.“ Wolfram betrachtete Robert. Der schien wirklich aufgelöst zu sein. Er bereute, das zeichnete ihn aus. Doch das änderte nichts am Geschehenen. „Sie wird zukünftig Frau Bremer trainieren.“

„Sie haben Markus entlassen? Das können sie doch nicht machen. Ich habe ihm nicht gerade eine Chance gegeben, sich zu wehren und sonst hat er sich wirklich sehr souverän durchgesetzt, das können sie mir glauben. Ich habe das selber erfahren müssen. Jette allerdings war gegen alles, was er gesagt hat, taub. Was sollte er denn dann machen?“ Robert war richtig blass geworden. Das war doch jetzt nicht wirklich passiert, dass Markus seinen Job wegen ihm verloren hatte.

Wolfram holte tief Luft. Ob die beiden ahnten, wie ähnlich sie tickten? Das war ja erschreckend. Kein Wunder, dass da irgendwo der Funke übersprang. „Er ist für eine Woche beurlaubt. Er kann das Wochenende und die nächste Woche dazu nutzen, sich darüber klar zu werden, was er will. Anschließend reden wir noch einmal. Ihr Training wird er allerdings nicht weiter fortsetzen. Ich glaube, das ist für sie beide besser.“

„Oh, gut. Er wird mich zwar umbringen, wenn wir uns sehen, aber zumindest ist er nicht gefeuert.“ Robert atmete auf, aber dann registrierte er, was Wolfram noch gesagt hatte. „Aber ich finde nicht, dass es notwendig ist, dass ich einen anderen Trainer bekomme. Wenn Jette weg ist, hab ich keinen Grund mehr, Markus noch einmal in eine solche Situation zu bringen.“

„Ich sehe das etwas anders. Und glauben sie mir, ich habe sie beobachtet. Ich weiß, warum ich das tue und das ist nicht nur zu ihrem Besten. Auch Markus muss ich vor sich selber schützen.“ Wolfram ließ sich da nicht reinreden, er hoffte, dass sein Schützling verstanden hatte und ihm am folgenden Montag sagen konnte, was er nun wollte und was nicht.

Robert presste die Lippen zusammen und protestierte nicht weiter, obwohl ihm noch einiges einfiel, was er an Gegenargumenten vorbringen konnte. Er hatte nur die Befürchtung, dass er damit im Endeffekt nur erreichte, dass Markus vielleicht doch noch entlassen wurde. „Es ist ihr Studio, dann muss ich mich wohl fügen, aber gefallen tut es mir nicht.“

„Davon bin ich ausgegangen. Aber die Show, die den anderen Kunden geboten worden war, hat mir auch nicht gefallen.“ Wolfram sah gar nicht ein, dass er von seinem Entschluss zurückweichen sollte. „Morgen früh wir sie Frau Bremer zum Jogging begleiten. Möchten sie sie noch kennen lernen? Allerdings ist sie gerade in einem Kurs. Ich schätze, sie wird anschließend den Kurs von Markus führen, wenn auch mit etwas Verspätung.“

„Nein danke, ich kenne Peggy bereits.“ Robert wirkte ein wenig schroff, das merkte er daran, dass Wolfram ihn mit hochgezogener Braue ansah. „Tut mir leid, das war nicht so gemeint, wie es geklungen hat. Peggy ist eine gute Trainerin, aber eben nicht Markus. Ich würde lieber mit ihm trainieren, aber das geht wohl nicht. Ich werde jetzt nach hause gehen und morgen früh auf Peggy warten.“

„Wenn das ihr Wunsch ist, wird dem nichts im Wege stehen.“ Wolfram fragte lieber nicht, ob Robert keine Lust auf seinen Aerobic-Kurs hatte. Sicherlich wollte der Mann erst einmal nach hause und den Kopf frei bekommen. So reichte er ihm die Hand und wünschte noch einen schönen Tag, als er wieder in sein Büro ging.

Was für ein verrückter Tag.