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Terra 3.0 - Zyklus II - Neo New York - Teil 1 - 4

Zyklus II - Neo New York

01

Mittlerweile trafen sich die Moles fast täglich in ihrem großen Raum. Dicht gedrängt hockten sie und waren nur noch Schatten ihrer selbst. Seit zwei Wochen kamen nur noch winzige Rationen Anti-Rad, es reichte nie für alle und so hatte selbst José seine Leute nicht mehr unter Kontrolle. Drei Moles waren bei Kämpfen um das Serum bereits zu Tode gekommen und José konnte kaum glauben, was aus seinem stolzen Volk geworden war.

„Schaut euch doch an!“, rief er in die Runde und seine Augen blitzten, selbst im Dunkel des Raumes. Wie üblich brannte nur die eine Fackel in seinem Rücken. „Ihr schlagt eure Kinder, hintergeht eure Frauen, nur um an das Serum zu kommen.“ Sein Blick glitt über die murrende Menge. „Bekämpft euch nicht gegenseitig. Ewan und seine Leute sind daran schuld. Sie haben unsere Rationen gestohlen! Sie lassen uns so leiden. Wir müssen sie bekämpfen und uns holen, was uns gehört!“

Ein Johlen ging durch die Masse, auch wenn es nicht mehr so kraftvoll klang wie früher. Nur einer johlte nicht. Diego saß zitternd und zusammengesunken auf seinem Platz. Denn ihm war klar, wenn sie Ewan jagten, jagten sie auch Dylan.

Er hatte Angst um seinen Bruder und langsam glaubte er, dass Ewan Recht hatte, damals auf der Sitzung, wo man ihn ausgestoßen hatte. Die Moles benahmen sich anders, seit sie kaum noch Anti-Rad bekamen. Viele hatten Krämpfe und starke Schmerzen. Sie zitterten und er hatte schon gesehen, wie Mütter ihre Kinder nicht mehr versorgen konnten, weil sie nicht mehr aufstehen konnten. Auch sein Vater hatte sich verändert. Immer öfter bekamen sie Streit wegen Nichtigkeiten. So konnte das doch von den Gottgleichen nicht gewollt sein.

„Ziehen wir los und kaufen uns den Mistkerl und seine Versager!“, brüllte einer und sprang auf. Diego erhob sich ebenfalls, wütend wie jemand so über seinen Bruder sprechen konnte. Ohne nachzudenken, was passieren konnte, wenn man einen der aggressiven Moles reizte, brüllte er: „Mein Bruder ist kein Versager!“ Er hatte gar nicht so schnell reagieren können, wie der Kerl bei ihm gewesen war und ihn nun am Hals gegriffen in die Luft hielt.

„Sag das noch mal, du kleiner Verräter“, knurrte der Mann gefährlich und Diego zitterte noch mehr. Er sah zu seinem Vater, doch der tat, als würden sie sich gar nicht kennen. Das war ein Alptraum!

Vergebens versuchte er die Hand von seinem Hals zu lösen und er wurde erst losgelassen, als er gekrächzt hatte, dass er es nicht so gemeint hatte. Alle die zu Ewan gehörten waren Versager. Hustend lag er nun auf dem Boden und er fasste einen Plan. Er musste Dylan finden und ihn warnen. Seinem Bruder durfte nichts passieren. Er war der einzige, den er noch hatte.

Seine Mutter erhob sich kaum noch aus dem Bett, sein Vater guckte zu, wie ein anderer Mole seinen eigenen Sohn fast umbrachte. Die waren hier doch alle verrückt geworden! Immer noch auf dem Boden tastete sich Diego langsam zum Tunnel hinüber. Er sah genau, wie sein Vater ihn beobachtete. Doch er sagte nichts, er tat nichts – er saß einfach da und hörte weiter zu, wie der alte senile Greis seine Hetztiraden gegen die schmetterte, die nicht da waren, um sich zu wehren. Er schämte sich, zu diesem Clan zu gehören. Er hatte den Tunnel fast erreicht, als plötzlich Schweigen eintrat. Das war in den letzten Tagen eher selten gewesen und so blickte sogar Diego irritiert zurück. Im anderen Tunnel stand etwas, was nicht von dieser Welt zu sein schien. Es war riesig! Diego drückte sich in den Boden. Wurde er jetzt wahnsinnig?

„Ganesh“, rief José und warf sich auf den Boden. Einer ihrer Götter war zu ihnen gekommen. Das passierte nicht oft, also musste etwas Wichtiges passiert sein.

Nach José warfen sich alle Moles auf den Boden und der Gott kam näher. Er war gigantisch und berührte mit seinem Kopf fast die Decke der großen Halle. Er sah sich um und Diego drückte sich näher auf den Boden. „Es gibt Ungläubige unter euch“, dröhnte die Stimme des Gottes.

Diego kniff die Augen zusammen und machte sich so klein wie er nur konnte. „Nein, nein, nein“, flüsterte er immer wieder. Er war kein Ungläubiger. Er wollte nur seinen Bruder retten, das war nicht dasselbe. Er biss sich auf die Handkante, weil seine Zähne vor Angst klapperten.

„Wir wissen es, großer Ganesh“, stammelte José und wagte kurz aufzusehen, senkte aber schmerzverzerrt den Kopf, als ein greller Strahl aus dem Kopf des Gottes ihn traf. Das Licht brannte in den Augen und er musste sie schließen.

„Und warum lasst ihr sie gewähren? Warum tut ihr nichts gegen sie? Wie sollen wir euch noch trauen, wenn ihr zulasst, dass Ungläubige uns bedrohen?“ Die Stimme des Gottes donnerte durch die Halle.

„Wir haben sie verbannt. Sie sind bestimmt schon tot. Sie sind keine Gefahr für euch“, stammelte José eingeschüchtert. Alle konnten seine Angst riechen, denn ihre Götter bestraften hart, wenn man ihnen nicht gehorchte. „Es sind nur wenige, wir werden sie suchen und töten, wenn ihr das wünscht.“

„Wenn ich das wünsche!“ Das Lachen des Gottes donnerte durch die Halle und ließ die Wände erzitterten. Leise rieselte Erde auf den Boden. Diego zitterte noch mehr, hoffentlich ließ der Gott nicht die Decke über ihnen einstürzen, weil es Abtrünnige gegeben und die Gemeinschaft es nicht verhindert hatte. „Ihr als unsere Gläubigen müsstet doch wissen, was wir wünschen! Warum sind sie noch am Leben? Warum habt ihr sie gehen lassen?“ Die Hörner in seinem Gesicht blitzten weiß auf, als das Licht der Fackel auf sie viel. Der lange Schlauch in seinem Gesicht ließ ihn noch bedrohlicher wirken.

„Wer uns so in Gefahr bringt, kann kein Serum von uns bekommen. Erweist euch als würdig!“ Dann donnerte wieder das kalte Lachen.

„Göttlicher Ganesh, wir werden sie finden und töten“, versprach José panisch. Er musste unbedingt verhindern, dass sie kein Anti-Rad mehr bekamen. Ihre Gemeinschaft fiel auseinander und wenn die Götter ihnen wieder wohlgesonnen waren, wenn sie die Abtrünnigen töteten, dann war das gar keine Frage.

Diego kniff seine Augen zusammen und fing an zu zittern. Sie wollten seinen Bruder töten. Das durfte er nicht zulassen.

Hier konnte er sowieso nicht bleiben. Es wurde von Stunde zu Stunde schlimmer, die Anlässe immer geringer, warum die Moles einander das Leben nehmen wollten. Also rappelte er sich wieder etwas auf, hielt aber inne als der Gott noch einmal seine Stimme erhob. „Seid wachsam, sie werden von Kupplern begleitet. Kuppler, die euch eure Gänge streitig machen wollen. Kuppler, die euch von hier vertreiben wollen. Seid auf der Hut und tötet auch sie!“ Dann warf er José etwas hin und wandte sich um. Noch im Gehen erklärte er: „In drei Tagen komme ich wieder. Bringt mir ihre Leichen oder ich werde euch alle auslöschen. Männer, Weiber, Gören – ihr alle werdet sterben!“ Keiner sah wie er verschwand, die Blendgranate, die er zündete, ließ die Moles vor Schmerzen aufjaulen. Der geduckte Diego aber nutzte die Gunst der Blindheit und verschwand im Gang.

Wo sollte er anfangen zu suchen? Die Tunnel der Moles waren weit verzweigt und sie konnten praktisch überall außerhalb der inneren Wege sein. Er war die letzten Tage viel unterwegs gewesen, um seinem Vater aus dem Weg zu gehen, aber nirgendwo war er auf Spuren der Abtrünnigen getroffen. Also lief er erst einmal los, ohne Plan. Nur weg von den anderen.

Ziemlich schnell konnte er sie nicht mehr hören und so lief er wieder langsamer. Er musste vorsichtig sein. Wenn er aufgegriffen wurde und das falsche sagte, war er der erste, der sterben musste. Diego blieb stehen und lehnte sich an die kühle Wand. Er schloss die Augen und holte tief Luft. Warum hatte es nur so eskalieren müssen? Der junge Mole konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. Er hatte sich noch nie in seinem Leben so hoffungslos einsam gefühlt. Doch es half nichts, sich in seinem Elend zu suhlen, er musste weiter.

Er orientierte sich kurz und überlegte, wo er lang laufen sollte. Er blieb erst einmal in den größeren Tunneln, und als er mehrere Kilometer weit von seinem Zuhause entfernt war, bog er in einen der schmaleren Abzweige ab. Dort war die Chance, Spuren zu finden, größer.

Sie wurden nicht sehr oft benutzt, vielleicht konnte er hier noch schwach die Spuren seines Bruders riechen? Doch er musste schnell einsehen, dass das keinen Sinn machte. Der Geruch der Erde überdeckte alles. So irrte Diego einfach weiter. Er hatte sich bereits verlaufen, wusste nicht mehr, wo er war und so war er sich auch nicht sicher, ob er sich nun von der Kolonie weg oder wieder auf sie zu bewegte. Er lief einfach, lief und lief und lief, versuchte seinen Gedanken davonzulaufen.

Nach mehreren Stunden ließ er sich erschöpft an der Wand herunterrutschen. Er hatte Hunger und vor allen Dingen Durst. Verzweifelt, weil er seinen Bruder nicht finden konnte, kauerte er sich klein zusammen und lehnte seinen Kopf an die Tunnelwand. „Dylan, wo bist du?“, murmelte er leise. Er wollte ein wenig ausruhen und danach musste er weiter.

Doch die Erschöpfung zerrte härter an ihm, als er geglaubt hatte, und so merkte Diego gar nicht, dass er einnickte. Das war nicht gut in den kalten Gängen. Er wusste noch nicht einmal, ob er noch tief genug war oder ob ihm die Strahlung nicht doch etwas anhaben konnte. Aber sein Kopf schmerzte und seine Augenlider waren so schwer. Nur kurz ausruhen – gar nicht lange. Diego döste weg.

Er erschreckte sich furchtbar als jemand an seiner Schulter rüttelte und wollte aufspringen, aber etwas hielt ihn fest, so dass er sich kaum bewegen konnte. „Wer bist du und was willst du hier?“, fragte eine Stimme.

„Ich bin kein Verräter!“, flüsterte Diego und hoffte, dass er nicht gerade sein Leben verwirkt hatte. Erneut versuchte er sich zu lösen, doch der andere Mole, den er nicht kannte, hielt ihn fest. Die Augen sahen Diego abwartend an. „Meine Frage!“, erinnerte er mit rauer Stimme und der junge Mole zuckte. „Ich“, setzte er an, „ich…“ doch weiter kam er nicht.

Sein Gegenüber wurde ungeduldig und drückte Diego fester gegen die Erde in dessen Rücken. „Rede oder ich dreh dir den Hals um, du hast hier nichts verloren!“ Der Fremde kam gefährlich nahe.

„Ich bin Diego“, sagte der junge Mole darum schnell, wurde aber noch nicht losgelassen, sondern der Griff wurde kurz stärker. „Ich suche Dylan, meinen Bruder“, schob er darum noch schnell hinterher und der Druck verringerte sich etwas, aber nur kurz. „Was willst du von ihm?“, wurde er gefragt. „Du weißt, dass er ein Verräter ist?“ Der Fremde sah Diego eindringlich an und der junge Mole wusste nicht, ob er nun an einen Gläubigen oder einen Ungläubigen geraten war. Wenn er jetzt das Falsche sagte, war er verloren. Doch was war das Falsche? Was das Richtige? Er schluckte hart. Sein Rücken schmerzte. Und so fasste er einen Entschluss.

„Mein Bruder ist kein Verräter, er will nur die Moles von den Göttern befreien“, erklärte er mit so fester Stimme, wie es nur ging. „Und ich muss ihn warnen. Die Götter wollen in drei Tagen ihre Leichen!“ Er sah dem Fremden dabei fest in die schwarzen Augen.

„Sie wollen unsere Leichen?“ Sein Gegenüber wirkte ziemlich erschüttert und dann wurde er losgelassen. „Woher weißt du das?“ Diego rieb sich über die Arme und atmete erleichtert auf. Er hatte die angeblichen Verräter gefunden. „Ganesh war in der großen Halle und hat verlangt, dass die Verräter getötet werden, weil es sonst kein Anti-Rad mehr geben wird.“

„Ach du Scheiße“ knurrte der Mole und lehnte sich gegen die Wand in seinem Rücken. Es war so gekommen, wie sie befürchtet hatten. José und seine Leute waren erpressbar geworden und ohne das Serum waren sie völlig außer Kontrolle. Das musste Ewan wissen. Sie brauchten jetzt eine Strategie, sowohl für die drei, die bei den Menschen waren, als auch für den Rest der Truppe, der sich in Odins Kuppel verschanzte.

„Komm mit“, sagte der Mole und sah Diego an. „Ich bin übrigens Connor.“ Dann lief er los.

„Bringst du mich zu Dylan?“, fragte Diego und sah zu, dass er hinterher kam. „Nein, er ist nicht hier, sondern bei den Kupplern. Aber wir können ihn erreichen“, erklärte Connor und Diego fiel noch etwas ein. „Ganesh sagte, dass ihr mit Kupplern zusammenarbeitet und die sollen auch getötet werden.“

„Oh man, wenn sie aufräumen, dann richtig!“, knurrte Connor. Der Kleine war ein Glücksfund gewesen. Nicht nur, dass Dylan, von dem sie wussten, dass er sich Sorgen um seinen Bruder machte, jetzt wieder beruhigter sein konnte, sie hatten auch ein paar nicht so schöne Informationen bekommen, die ihnen noch mehr Vorsicht als sowieso schon angedeihen lassen mussten.

Diego war schon ziemlich schwach und so fiel er immer wieder zurück, bis Connor stehen bleib und ihn ansah. Er aktivierte sein Headset, denn er war nicht mehr weit von ihrem Unterschlupf entfernt und erklärte Ginga, dass er Verstärkung im Tunnel 3G brauchte. „Warte hier, dich holt gleich einer. Ich muss erst mal mit Ewan reden.“ Er legte dem jungen Mole eine Hand auf die Schulter, um ihm klar zu machen, dass er ihn nicht im Stich lassen würde.

Trotzdem sah der junge Mole ihn kurz ängstlich an, aber dann straffte sich Diego wieder und nickte. „Ich warte hier“, sagte er fest und lehnte sich gegen die Wand, seine Beine zitterten und er hätte wohl auch nicht mehr lange das schnelle Tempo durchgehalten. Connor nickte ihm lächelnd zu und lief los. Ginga würde Diego zu ihm bringen und dann konnte dieser hoffentlich mit seinem Bruder reden.

Diego sah Connor nach und rutschte langsam an der Wand nach unten. Er war völlig fertig. Nur ganz selten dachte er noch an Vater und Mutter, doch seine einzige Sorge galt Dylan. Hoffentlich ging es ihm gut und hoffentlich konnte seine Information helfen, damit Dylan nicht sterben musste. Und dessen Freunde natürlich auch, verbesserte sich Diego innerlich. Vielleicht konnte er ja bei ihnen bleiben.

Es schien, als würde die Zeit still stehen und der Tunnel blieb leer, egal wie intensiv Diego starrte und so schloss er die Augen, nicht wissend, ob man ihn nur ausgenutzt und dann vergessen hatte.

Er musste wohl wieder eingenickt sein, denn wieder weckte ihn ein Rütteln an seiner Schulter, wenn auch wesentlich sanfter als vorhin. „Diego?“, hörte er jemanden fragen und langsam öffnete er die Augen. Vor seinem Gesicht schwebte das lächelnde Gesicht einer jungen Mole und eine Flasche Wasser. „Hallo, ich bin Ginga. Trink erst einmal was, du musst doch durstig sein.“

Diego konnte nur nicken. Es war ihm hinterher selber peinlich, wie gierig er sich auf die Flasche gestürzt hatte. Doch sein Körper war so ausgetrocknet, dass er den Liter Wasser in einem Zug runter spülte.

„Das zischt ja richtig“, lachte Ginga und sie hockte sich neben Diego, währen zwei weitere Moles, die das junge Weibchen begleitet hatten, den Tunnel sicherten.

„Äh – ja, ich...“, stammelte Diego und senkte den Kopf. Was mussten die anderen denn nur von ihm denken.

„Lasst uns gehen. In der Kuppel sind wir sicherer“, drängte einer der Wächter und Ginga erhob sich, reichte Diego die Hand, um ihm aufzuhelfen.

„Komm, es ist nicht sehr weit. Ich stütze dich.“ Sie zog Diego zu sich hoch und legte ohne Umschweife den Arm um ihn. Selbst den kurzen Weg würde er sonst wohl nicht schaffen. Der junge Mole war völlig fertig. Er musste schon seit Stunden durch die Tunnel irren. „Nicolas, hilf mir mal“, rief sie einem der anderen zu, damit er Diego von der anderen Seite stützte.

Zero blieb hinter ihnen zurück, um ihnen den Rücken frei zu halten.

„Wir gehen in eine Kuppel?“, fragte Diego irritiert, doch er ließ sich weiter ziehen. Er war mittlerweile zu schwach, um sich zu wehren und Hunger hatte er außerdem. Als sie näher kamen, wurden die Tunnel belebter. Ab und an begegneten ihnen Moles auf Patrouille und grüßten sie.

„Hier lang“, sagte Nicolas und zog Diego mit sich, als sie die Schleuse erreicht hatten. Auch wenn Odin nicht mehr am Leben war und somit auch nicht zurück kommen konnte, benutzten sie die Schleuse noch. Sie hielt nicht nur die geringen Mengen an Strahlung draußen, auch für Angreifer war es so schwieriger, die Kuppel einzunehmen.

„Ah...“, rief er schmerzvoll, als sie die helle Kuppel betraten und kniff die Augen zusammen. So viel Helligkeit war er nicht gewohnt. Er war noch zu jung um Anti-Rad zu bekommen und somit war er auch noch nie an der Oberfläche gewesen. Dass sich über ihm keine Tunneldecke mehr befand, machte ihn unsicher und er traute sich gar nicht, hoch zu sehen. „Gleich wird es besser“, sagte Ginga mitfühlend und sie beschleunigten ihren Schritt. Sie wusste selbst, wie schmerzvoll das helle Licht sein konnte, wenn man es nicht gewohnt war.

So ließ sich Diego blind ziehen, weil er die Augen nicht mehr öffnen konnte. Er musste den fremden Moles vertrauen, denn er war ihnen jetzt sowieso auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Erst als er ein anderes Material als Erde unter seinen Füßen spürte, machte er die Augen vorsichtig wieder auf. Es war hart, knarrte leise. Es war hier auch nicht mehr so grell wie eben. Deswegen wagte Diego sich umzusehen. Er lauschte, auf die Stimmen, die von unweit kamen.

„Wo ist er?“, hörte er immer wieder eine Stimme, bis er sie erkannte und einfach loslief. Das war Dylan, er konnte ihn hören.

„Ich bin hier“, rief er laut und folgte der Stimme. Er lief durch eine Tür und Connor sah lächelnd zu ihm auf. „Ginga hat ihn her gebracht“, sagte er zu einem Kasten, aus dem die Stimme seines Bruders kam. „Komm her, dann kannst du mit Dylan reden“, forderte Connor ihn auf und Diego kam langsam näher. „Wo ist Dylan?“, fragte er verwirrt und Connor zeigte auf den Kasten.

„Was?“, fragte Diego und verstand nicht. Doch als er Dylan in dem kleinen Kasten entdeckte, wirkte er erschrocken. Was hatten die denn mit seinem Bruder gemacht? „Warum sperrt ihr ihn ein?“; fragte er wütend und ging auf den Kasten zu, um seinen Bruder zu befreien.

„Diego, ich bin nicht eingesperrt“, rief Dylan schnell. „Das ist nur ein Bild von mir. Ich bin weit weg und über den Bildschirm können wir miteinander reden und uns sehen.“ Er kannte den Gesichtsausdruck bei seinem Bruder und wusste, dass er ihm helfen wollte. „Setzt dich zu Connor, dann erkläre ich dir alles.“

Immer noch irritiert blieb Diego stehen und sah sich etwas verschämt um. Was war das denn hier? Das alles verwirrte ihn und so tat er, was Dylan gesagt hatte und setzte sich neben den Mole, der ihm zuerst begegnet war. Der war mindestens doppelt so groß wie der kleine Diego und so verschwand der junge Mole fast ganz. Erst jetzt bemerkte er die Ausmaße des Mannes und bekam im Nachhinein noch Angst.

„Wo bist du?“, fragte er zögernd.

„In einer Kuppel, die ein wenig weiter weg ist. Ewan und Adrian sind bei mir und viele Kuppler“, erklärte Dylan seinem Bruder und sah ihn forschend an. Diego sah nicht gut aus. Er hatte abgenommen. „Was ist passiert? Wie geht es Vater und Mutter?“, fragte er besorgt.

„Nicht so gut“, sagte Diego leise und wirkte neben Connor noch schmächtiger. „Seit ihr weg seid, gibt es kaum noch etwas von dem Serum. Mutter kommt kaum noch aus dem Bett, Vater schlägt mich bei jeder Gelegenheit, wenn es nicht nach seinem Kopf geht. Der ganze Clan ist völlig bekloppt geworden.“ Doch Diego wollte nicht jammern. Davon wurde es ja nicht besser. „Hat euch Connor schon gesagt, dass man euch tot sehen will und es vorher kein Anti-Rad mehr für den Clan geben wird?“

Dylan biss sich auf die Lippe und sah seinen Bruder traurig an. Er hatte das befürchtet, nachdem ihm Ewan und Odin das mit den Drogen erklärt hatten.

„Ja, das hat Connor erzählt und auch dass sie die Kuppler töten sollen. Wir beraten gerade, was wir machen sollen.“ Dylan war dafür, dass alle ihrer Gruppe hierher zu ihnen kamen, aber so viel Anti-Rad hatten sie nicht mehr.

„Am Leben bleiben wäre eine gute Strategie“, sagte Diego leise und sah sich um. Er wollte doch so gern zu Dylan, doch das ging nicht. Aber hier war er wenigstens nicht alleine und hier schlug man sich nicht die Köpfe ein wegen Nichtigkeiten. Das war auf jeden Fall besser als im Clan. Und als ihm Ginga auch noch etwas zu Essen in die Hand drückte und eine weitere Flasche Wasser, strahlte Diego.

„Ja, das haben wir vor, denn nur dann können wir den Moles helfen und sie von den falschen Göttern befreien.“ Dylan sah lächelnd zu, wie Diego von seinem Essen abbiss und zufrieden kaute. „Ich werde dich abholen. Du musst unseren Freunden hier unbedingt erzählen, was im Clan alles passiert ist“, sagte er, denn das hatte er vorhin so mit Ewan besprochen.

„Mach ich“, nuschelte Diego und fühlte sich wichtig. Doch dann sah er Dylan wieder an. „Aber sie sind riesig. Dieser Ganesh war wirklich riesig“, erinnerte er sich mit Schaudern. „Es wundert mich also nicht wirklich, dass der Clan Angst vor ihnen hat. Ich hatte auch totale Angst.“ Doch dann straffte sich Diego wieder und sah Dylan noch einmal an. „Wenn ich darf, bleibe ich hier und helfe. Zurück kann ich ja doch nicht.“ Und er wollte es auch nicht. Er hatte zu viel Angst, es nicht zu überleben.

„Sicher darfst du da bleiben. Du gehst auf keinen Fall zu denen zurück. Ich bin morgen bei dir und hole dich. Ruh dich aus, es wird ein weiter Weg.“ Dylan lächelte, denn er freute sich, dass es Diego gut ging und er ihn endlich wieder in die Arme schließen konnte. „Die Kuppler sind unsere Freunde und vor den falschen Göttern muss man keine Angst haben. Sie sind nicht riesig, das ist nur ein Trick um uns Angst zu machen.“


02

Er winkte seinem kleinen Bruder noch einmal, dann trennte Dylan die Verbindung und sah sich zu Ewan um. „Es kommt dicker, als wir erwartet haben“, sagte er leise. Es war ja nicht so, als hätten sie nicht mit einem Kopfgeld auf ihre Pelze gerechnet. Doch dass es so weit ging, dass man sie tot sehen wollte zusammen mit ihren neuen Verbündeten, das ging zu weit.

„Sie wollen euch bestrafen, weil wir ihnen in die Quere gekommen sind“, sagte Leander, der über das, was die Moles berichtet hatten, nachgedacht hatte. Eine andere Lösung gab es nicht. Die Gottgleichen hofften darauf, dass die Süchtigen so versessen auf die Droge waren, dass sie – wenn es sein musste – den ganzen Kontinent umpflügten, um ihrem Herrn zu geben, was der verlangte.

„Wir sollten eure Leute hier her holen, sobald das möglich ist. Sie sind in den Tunneln nicht mehr sicher“, überlegte Leander laut. „Wie viele sind noch drüben?“ Sie mussten testen, ob die Moles in ihre Anzüge passten, dann konnte Dylan morgen gleich ein paar davon mitnehmen.

Ewan überschlug im Kopf kurz. „Noch elf“, sagte er. „Und wir haben noch drei Dosen Serum für die, die nicht in Anzüge passen. Wir müssen vorsichtig sein wegen unserer Krallen. Sie können eure Anzüge leicht durchstoßen.“ Es half ihnen nichts, wenn sie außer sich selbst auch die Menschen in Gefahr brachten.

„Das wird Thoms Aufgabe sein, sie zu sichern. Am besten hilft ihm Dylan dabei, alle Stellen zu finden, die gefährdet sein können an einem Anzug.“ Leander sah den jungen Mole, wie er hektisch hin und her lief, gezeichnet von der Sorge um seinen kleinen Bruder. Es wurde Zeit, dass er abgelenkt wurde und das Gefühl bekam, etwas zu seiner Rettung beizutragen.

„Ja, ich werde ihm helfen“, sagte Dylan eifrig und rief Thom über sein Headset an, während er schon loslief. Meodin natürlich hinterher. Die beiden waren praktisch die ganze Zeit zusammen, wenn Erdogan zu tun hatte.

„Dann lasst uns die Quartiere vorbereiten, wenn wir bald Verstärkung bekommen.“ Leander war froh, dass sie genug Gebäude hatten, um alle unterzubringen.

Doch er war auch in Sorge. Mit diesen Gottgleichen, die glaubten Schöpfer spielen zu können, war wirklich nicht zu spaßen. Auch ihm war bewusst gewesen, dass sie sich keine Freunde gemacht hatten, als sie hierauf gestoßen waren. Doch dass man eine ganze Armee entschlossener, weil verzweifelter, Moles auf sie hetzte, um sie zu jagen wie Vieh ging zu weit. Aber heulen brachte nichts. Sie mussten zusehen, dass das Serum fertig wurde. Damit konnten sie alles wieder in die richtigen Bahnen lenken.

Ewan, der neben dem Prinzen stand, knirschte mit den Zähnen. Er war angespannt, denn was ihm durch den Kopf ging war unmoralisch. „Ich habe überlegt“, sagte er leise, ging aber mit Leander etwas weiter weg. Er wollte nicht, dass Adrian oder der Menschen-Arzt ihn hörte. „Vielleicht würde es helfen, übergangsweise noch die alte Formel zu nehmen und zu verteilen. Süchtig sind sie, so oder so.“ Er fühlte sich elend dabei, seinen Clan weiter zu vergiften, nur um seine Haut zu retten. Doch verdammt, es war nicht nur seine Haut. Es ging um mehr – sie brauchten Zeit!

Leander sah ihn an und klopfte ihm auf die Schulter. Er konnte sich vorstellen, wie schwer dem Mole die Worte gefallen sein mussten. „Ich habe auch schon daran gedacht, mich aber nicht getraut es vorzuschlagen. Ich stimme dir zu, dass wir dadurch Zeit gewinnen und vielleicht einigen deiner Leute das Leben retten würden. Allerdings besteht so auch die Gefahr, dass wir diejenigen, die bisher noch nicht süchtig waren, abhängig machen. Wenn du der Meinung bist, dass wir das riskieren können, dann reden wir mit Erdogan.“

„Wir müssen es doch nicht selber verteilen. Lassen wir es den Weg gehen, den es auch bei den Gottgleichen genommen hat. Über José. Dann bekommen es weiterhin die, die es brauchen und die Kleinen, die noch nicht mit auf die Grabungen und die Wachposten gehen, bleiben außen vor wie vorher.“ Zumindest hoffte Ewan, dass es so weiter laufen konnte.

„Und neben Bill, der weiter an der Formel forscht, brauchen wir Leute, die die alte Formel nach Rezept zusammensetzen können“, überlegte Leander, sie hatten nicht genügend Leute und zusätzlich welche zu holen, obwohl sie wussten, dass Verräter darunter sein konnte, die nur auf diese Chance warteten, war nicht gerade die beste Ausgangsposition.

„Wir müssen etwas tun oder mein Volk wird zugrunde gehen.“ Ewan wirkte verzweifelt, denn auch wenn man ihn ausgestoßen hatte, war er in seinem Herzen immer noch ein Mitglied des Clans. Seine Familie und seine Freunde lebten dort und er musste alles tun, um sie zu retten. „Dann lass uns zu Erdogan gehen und Leute aussuchen, die uns dabei helfen können. Müssen sie eben erst eine eingehende Untersuchung über sich ergehen lassen, bevor sie ins Labor dürfen.“

„Jetzt wissen wir ja, auf was wir achten müssen.“ Ewan wirkte erleichtert, dass sein Vorschlag nicht gleich abgeschmettert worden war. So gingen sie zu Erdogan, der im Labor nebenan schon wieder Bill Feuer unter dem Hintern machte. Da hatten sich aber auch zwei gesucht und gefunden. Mittlerweile hatte sogar Sal keine Angst mehr vor Frankenstein, denn er war schnell genug, um zu entkommen, wenn der Mensch nach ihm greifen wollte. Und seit der Kleine das wusste, wuselte auch er durchs Labor, wofür der Prinz einen Rüffel nach dem nächsten erntete.

„Erdogan, Bill können wir einmal mit euch reden?“, kam Leander ohne Umschweife auf die beiden zu. Er erzählte, was Neues passiert war und der Prinz wirkte besorgt.

„Ich habe mir fast gedacht, dass sie so etwas versuchen werden. Gut, dass du schon alles in die Wege geleitet hast, um unsere Freunde hier her zu holen“ Er brauchte noch ein paar Informationen, um eine Entscheidung bezüglich des Anti-Rad zu fällen. „Wie lange brauchen wir um eine genügende Anzahl von der alten Formel herzustellen und wie schnell wird man süchtig davon?“, fragte er Bill und dann drehte er sich zu Ewan. „Wie willst du das Anti-Rad zu deinem Clan kriegen, ohne erwischt zu werden?“

„Um den Transport mache ich mir die geringsten Sorgen“, sagte Ewan. „Der kalte Entzug der Drogen schlägt sich bei den Moles auf die Sinne nieder. Sie riechen und hören nicht mehr so gut, die Augen lassen nach. Der Körper beschränkt sich darauf am Leben zu bleiben, alles was dazu nicht wirklich benötigt wird, wird heruntergefahren.“ Die Vorgänge an sich waren zwar etwas komplizierter, aber jetzt nicht von Nöten erklärt zu werden. Wichtig war nur, dass sie handelten. „Ich würde das Zeug also dorthin schaffen. Allein bin ich schneller als in einer Truppe.“

Bill, der schon wieder den vorwitzigen Sal von der Waage scheuchte, holte tief Luft. „Mit zwei Leuten, die sich nur – ohne zu fragen – um das Serum kümmern, müssten wir in drei Tagen eine ausreichende Portion haben. Zumindest so viel, wie er alleine tragen kann. Ich brauche nur zwei fähige Leute zusätzlich. Wie und woher ist euer Bier. Meine Jungs gibt es nicht.“ Es saß ihm immer noch in den Knochen, dass er mit Rodriguez eine Natter an seinem Busen genährt hatte.

Darum waren die Mitglieder seine Teams auch die ersten bisher gewesen, die Daniel untersucht hatte. Keiner von beiden hatte ein auffälliges Tattoo und somit waren beide sauber. Jetzt konnte er wieder beruhigt arbeiten. „Wir kümmern uns darum.“ Damit hatte Erdogan sein Einverständnis zu Ewans Plan gegeben. Wenn sie den Moles mit dem Serum mehr halfen als schadeten, dann mussten sie eben diesen Weg gehen.

„Kannst du uns fähige Leute empfehlen?“, fragte Leander und Bill überlegte kurz. Dann nickte er. Er kritzelte ein paar Namen auf Papier. „Checkt sie vorher“, riet er noch überflüssigerweise, dann widmete er sich wieder seinem vielversprechenden Versuch. Die süchtig machende Substanz hatten sie isolieren können. Das Problem war, dass die restliche Formel ohne diese Substanz instabil wurde. Sie mussten einen harmlosen Ersatz finden. Sie waren auf dem richtigen Weg.

Leander und Ewan gingen. Erdogan blieb im Labor. Sie hatten bis eben zusammen mit Thom die Karte untersucht und versucht ihr ihre Geheimnisse zu entlocken. Doch jetzt war Thom weg, um die Anzüge vorzubereiten.

Um Bill mit Sal nicht noch mehr zu reizen, ließ er den Genetiker allein und ging wieder in den großen Saal. Er konnte sich gar nicht satt sehen, an der Weltkugel. Sie waren noch keinen Schritt weitergekommen mit ihrer Entschlüsselung, was die Symbole bedeuteten, allerdings hatten sie noch mehrere versteckte Schaltflächen gefunden, die die Weltkugel veränderten.
Auf einer waren die Bodenschätze farblich dargestellt und gerade war Jack dabei sie zu erkunden.

Was hatte Erdogan auch erwartet. Doch weil Thom nicht da war und sie so an der Technik an sich nicht weiter machen konnten, ließ er den Geologen gewähren.

„Es gibt noch Erdöl? Das glaube ich nicht. Niemals!“ Jack betrachtete sich das Gebiet. Es lag runde sieben Kilometer unter der Wasseroberfläche. Er drückte auf einen Knopf, den selbst Erdogan noch nicht kannte, und die Kugel senkte sich so weit ab, wie Jack es brauchte, um weiter zu forschen.

Fasziniert sah Erdogan zu, wie der Geologe mit der neuen Technik umging, als wenn er noch nie etwas anderes gemacht hätte. Neugierig kam er näher und besah sich mit Jack zusammen die vermeintlichen Erdölvorkommen. „Warum soll es keine mehr geben. Ich glaube nicht, dass die Menschen alle Ölvorkommen gefunden und ausgebeutet haben“, sagte er und Jack zuckte erschrocken zusammen. Er hatte gar nicht bemerkt, dass er nicht mehr allein war.

„Und woher wissen es dann die?“ Und Erdogan wusste, wen Jack mit DIE meinte. Es faszinierte den Geologen einfach, was diese Menschen alles in Erfahrung gebracht hatten. Er konnte sich gut vorstellen, dass daran Generationen von Gottgleichen gearbeitet haben mussten. Kein Wunder dass diese Karte wie ein Heiligtum hier unten verborgen war. Sie war ein Schatz, gar keine Frage. „Sieh mal hier“, sagte Jack und zog den Prinzen mit sich. Er trat auf einen Stein, die Kugel fuhr wieder etwas höher und dann deutete er auf ein eher unscheinbares Symbol. Ein Fenster öffnete sich: Sydney, Tiefhafen, Anzahl der Tiefboote: 7.

„Die haben nicht nur Tunnel, die fahren auch durchs Wasser, Erdogan!“

„Irgendwie müssen sie ja zu diesen Atlantis Kuppeln kommen“, sagte Erdogan selbstverständlicher, als er sich fühlte, aber er wollte sich vor Jack nicht die Blöße geben, überrascht zu wirken. „Da könnten sie auch Tunnel nehmen, die gibt es nämlich auch“, knurrte Jack und tippte wieder auf die Kugel. Ein Tunnel wurde sichtbar, der von Sydney aus zu den Kuppeln unter dem Wasser führte.

Ein weiterer Tunnel ging auch von der Ostküste Amerikas aus zu anderen Kuppeln unter dem Meer. Es überstieg immer noch Erdogans Vorstellung in einer solchen Kuppel zu leben. Er hatte oben an der kleinen Kuppel über dem Labor gestanden und nach oben ins Wasser gesehen. Dort musste man sich sicherlich so ähnlich fühlen. Wäre was für Meodin!, ging es ihm durch den Kopf, doch dann war er wieder bei der Sache.

„Wir müssen das nach und nach untersuchen. Ich will nicht irgendwann über Wege, die wir nicht kennen angegriffen werden. Ebenso müssen wir endlich heraus bekommen, was die Farben der Städte zu bedeuten haben. Warum sind wir grün und blau und warum ist Philadelphia schwarz, warum ist Washington rot.“ Ihm war bewusst, dass ein System dahinter stecken musste und ihm war auch klar, dass die Lösung alles etwas klarer werden lassen würde.

„Tja, das werden wir wohl nur herausbekommen, wenn wir uns die Kuppeln ansehen.“ Jack grinste, denn genau das wollte er unbedingt machen. Seit er das erste Mal draußen gewesen war, drängte er Erdogan jeden Tag. Er war sogar bereit, das verseuchte Serum zu nehmen, nur hatte der Prinz das jedes Mal abgelehnt.

„Sieht wohl so aus“, grinste Erdogan schief, weil er gerade mal wieder ein deja vu hatte. „Was hast du denn noch so herausgefunden über die verborgenen Steine, Knöpfe und Mechanismen“, fragte er lieber, denn Jack schien intuitiv die richtigen Stellen zu drücken und zu wissen, was sich dahinter verbarg. Vielleicht konnten sie so etwas mehr heraus bekommen, auch ohne Thom.

„Also, hiermit kann man die Kugel noch oben und unten verschieben.“ Jack trat auf zwei nebeneinander liegende Steine und die Kugel schwebte wieder höher. „Hiermit kann man sie drehen, damit man nicht ständig hin und her laufen muss.“ Wieder trat er auf einen Stein und die Kugel drehte sich bis er den Fuß hoch nahm.

Erdogan betrachtete die Steine eindringlich und nun erkannte er auch die kleinen Symbole darauf. Man fand sie nur, wenn man es wusste. Vorher waren die noch keinem aufgefallen. „Interessant“, sagt er und versuchte es auch einmal und lachte leise, weil er Jack gerade sein Studienobjekt entführte.

„Ja, sehr schön. Funktioniert“, knurrte der Geologe und drehte sich alles wieder so, wie er es brauchte. Dann machte er weiter. „Dieses Symbol hier“, er deutete auf etwas auf der Karte, was ein bisschen aussah wie Wellen, „zeigt Städte, die Boote beherbergen“, er deutete auf etwas, das aussah wie ein Schienenstrang, „das zeigt alle Tunnel an, in denen Züge fahren. Und hier“ – er zeigte auf dem Boden auf einen Stein mit Lupe– „kannst du zoomen.“ Eilig holte er ihre Kuppel auf den Bildschirm – das Labor.

„Das ist ja fantastisch.“ Man sah die Wasseroberfläche und darunter die Kuppel, die Meodin und er immer Aquarium nannten, auf der Silhouette der ehemaligen Insel Great Captains Island. „Klappt das auch bei den anderen Kuppeln unter Wasser?“

„Ausprobieren?“, schlug Jack vor und ging zurück. Mehr durch Zufall hatte er herausgefunden, dass man die Kugel auch drehen konnte, indem man an bestimmten Punkten auf der Karte anfasste und sie zog. So zog er Atlantis 4 West direkt vor sie und deutete dem Prinzen an, einfach mal zu zoomen. Sie würden ja sehen, ob es möglich war oder nicht.

Erdogan trat auf den Schalter, aber die Kugel zoomte nur bis zur Wasseroberfläche. „Schade, sie liegen wohl zu tief.“ Der Prinz war enttäuscht, aber er bat Jack doch einmal zu Neo New York zu zoomen. Er wollte einmal sehen, wie ihr Zuhause von oben aussah.

Gesagt – getan.

Die Kugel drehte sich sanft und dabei schien es, als würden Erdogan und Jack sich im Sinkflug befinden, denn die Objekte wurden nach und nach immer größer, bis sie über der Hauptkuppel schwebten. Rings um diese befanden sich in engen Kreisen die Versorgungskuppeln. Kreis für Kreis für Kreis. Neugierig klickte Jack auf ein Symbol und es erschienen die Tunnel. Die, die sie kannten und Tunnel, von denen sie noch nichts ahnten.

„Das müssen die Tunnel der Moles sein. Zoom noch mal etwas näher zu der ehemaligen Laborkuppel.“ Erdogan hatte da so etwas im Kopf, auch wenn das fast unmöglich war. „Stopp“, rief er, als er die Kuppel vor sich hatte und sog scharf die Luft ein. „Das ist eine aktuelle Aufnahme. Die Kuppel ist beschädigt. Wie kann das sein?“, fragte er und zeigte auf das Loch in der Kuppelwand.

„Sie werden ihre Möglichkeiten haben“, sagte Jack und zuckte die Schultern. Es war Instinkt nach oben zu sehen, auch wenn über ihm reichlich Stahlbeton und Erde ihn daran hinderte, in den Himmel zu sehen. Gedankenverloren spielte er mit dem Zoom und verkleinerte die Erde. „Vielleicht haben sie was da oben?“, fragte er und zuckte erschrocken beiseite, als plötzlich etwas neben ihm auftauchte. Die Erde war jetzt so klein wie Erdogans Kopf und neben Jack erschienen Dinge, die er nicht erklären konnte. Sie waren rund, sahen erschaffen aus und hatten ebenfalls Farben wie die Kuppeln auf der Erde. Kleine Dinger zischten in gebührendem Abstand immer wieder um die Erde. „Satteliten!“, sagte Jack endlich. Er hatte davon gelesen. Sie anzuzapfen dürfte für die Gottgleichen ein leichtes sein.

„Wow.“ Erdogan hatte nicht gedacht, dass er mit seinen Überlegungen Recht haben könnte. „So langsam wird mir das echt unheimlich. Was können diese verdammten Gottgleichen eigentlich nicht?“, knurrte Erdogan. „Wir hätten nicht in unserer Kuppel bleiben müssen, wir könnten zu anderen Kuppeln gehen, wenn sie das alles nicht vor uns verheimlicht hätten. Ich will diese Schweine haben und sie dafür bestrafen.“

„Beruhige dich wieder, Prinz. Wut ist ein schlechter Berater. Wir werden unsere Chance bekommen.“ Zwar war sich Jack da nicht so sicher, doch er hatte auch nicht das oberste Ziel, die Typen zu fassen und zu stellen sondern zu nutzen, was sie so schön vorbereitet hatten. „Sie werden sich etwas dabei gedacht haben, dass sie es geheim gehalten haben. Wir wissen es nicht und wir werden es so schnell auch nicht erfahren. Lass uns nutzen, was sie wissen.“

Interessiert lief Jack neben einem der Satteliten her und umrundete so die Erde, betrachtete nebenbei aber den wütenden Prinzen.

„Ich weiß, Jack, aber es macht mich einfach wütend. Wir sterben aus und vielleicht hätten wir das verhindern können mit ihrem Wissen. Ihre Genetiker sind wohl die besten und sie haben nichts getan, um uns zu helfen.“ Erdogan hielt seine Hand so, dass einer der Satelliten durch sie hindurch flog.

Er sah ihm hinterher und blickte dann wieder Jack an.

„Da könntest du allerdings Recht haben“, sagte Jack und sprach nicht aus, was die Gottgleichen mit ihrem Wissen noch hätten tun können. Er verdrängte den Gedanken und legte Erdogan die Hand auf die Schulter. „Nimm dir mal eine Auszeit, etwas Ruhe könnte dir gut tun.“ Dann zoomte er sich die Erde wieder groß um weiter zu machen.

„Vielleicht hast du Recht.“ Erdogan war die letzten Tage kaum zur Ruhe gekommen, aber er konnte sich nicht ausruhen, wenn seine Leute ebenfalls Tag und Nacht arbeiteten, ohne sich zu schonen. „Ich hole mir einen Kaffee, du auch?“

Jack wandte sich zu ihm um. „Dir, mein Lieber, würde ich einen großen Kakao und drei Stunden im Aquarium empfehlen“, sagte Jack. „Ich bin zwar kein Arzt, aber du läufst seit Tagen am Limit. Auf die Dauer ist keinem geholfen, wenn du uns ausfällst. Aber das sind nur meine laienhaften Ansichten als Geologe.“ Eindringlich betrachte er den Prinzen und deutete ihm mit den Augen an, von einem Kaffee abzusehen.

„Okay, schon verstanden.“ Erdogan hob die Hände und grinste. Drei Stunden würden es zwar nicht werden, aber vielleicht sollte er wirklich ein wenig ausruhen und oben im Aquarium ging das. Vielleicht war Meodin ja auch da. Sie hatten sich heute kaum gesehen.


03

So verabschiedete er sich vorerst und schritt durch das Treppenhaus nach oben. Und wirklich hatte er Glück. Meodin war es mit Thom und den Anzügen zu langweilig geworden und so hatte es ihn wieder an seinen Lieblingsplatz verschlagen. Er lag auf dem Rücken dicht am Glas und starrte einfach nach oben, die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Er hatte ein sanftes Lächeln auf den Lippen und seine Augen leuchteten, als wieder ein silberglänzender Schwarm über ihn hinweg zog.

Erdogan beobachtete ihn eine Weile vom Eingang aus, erst dann ging er langsam zu Meodin rüber und legte sich neben ihn. Er konnte verstehen, warum sein Freund so gerne hier war. Die Aussicht war wirklich toll. „Hallo Meo“, sagte er leise, denn er fand, dass laute Worte gerade nicht zu der Stimmung passten.

Meodin sah nur neben sich und lächelte Erdogan an, sie brauchten nicht immer Worte um zu wissen, wie es um den anderen stand. So lagen sie eine Weile da und schwiegen, ein sanftes, angenehmes Schweigen. Bis Meodin sich auf den Bauch drehte und Erdogan ansah. „Ich weiß, dass ich anders bin. Aber was bin ich und warum hat man mich gemacht?“, wollte er wissen, denn es interessierte ihn, seit er so eng mit Dylan befreundet war. Er hatte von ihm erfahren, dass Moles geschaffen wurden, um zu graben. Doch was war er und wozu wurde er geschaffen?

Das war genau die Frage, von der Erdogan gehofft hatte, dass Meodin sie nie oder zumindest später stellen würde. Er drehte sich auch auf den Bauch und spielte mit ein paar Steinchen.

„Es stimmt, du wurdest zu einem bestimmten Zweck geschaffen. Bei uns Menschen werden immer weniger Frauen geboren und die meisten sind unfruchtbar. Wir suchen deshalb nach einem Ausweg. Du wurdest geschaffen, um Kinder auszutragen, falls du es kannst.“

Meodin sah den Prinzen an und versuchte das zu verarbeiten. „Bin ich also kein Mann?“, fragte er und wandte sich ab. Sein Blick lag auf dem Glas und so betrachtete er sein Gesicht in der Spiegelung. Er hatte immer gedacht, er wäre wie Erdogan, abgesehen von dem Strich auf seinem Bauch. Doch so wie das klang, war er anders, noch ganz anders. „Ich bin eine Frau“, stellte er fest und wusste nicht, was das eigentlich heißen sollte.

„Nein, du bist keine Frau, du bist ein Mann.“ Erdogan rollte sich auf die Seite. Anscheinend hatte er sich nicht richtig ausgedrückt. „Bei dir wurden die Gene von Menschen und von Seepferdchen gemischt und bei den Seepferdchen tragen die Männer die Kinder aus. Aber es ist noch gar nicht klar, ob du das auch kannst. Darum sollst du dich ja auch von Bill untersuchen lassen.“

„Und was wird mich erwarten, wenn ich es kann?“ Meodin bekam Angst. Er konnte nicht sagen warum. Aber plötzlich hatte er das Gefühl, nicht mehr Meodin zu sein. Er war geschaffen worden, um nützlich zu sein. Was passierte mit ihm, wenn er es nicht war? Wurde er dann entsorgt, wie die anderen aus dem Labor? Die vier, die verkrümmt auf dem Boden gelegen hatten? Er zog die Schultern zusammen und schloss die Augen. Warum hatte er jetzt damit anfangen müssen? Doch die Frage hatte sich nach dem Gespräch mit Dylan aufgedrängt.

„Warten wir erst einmal ab, was die Untersuchungen ergeben. Es eilt nicht besonders. Bill ist gerade ziemlich beschäftigt.“ Erdogan lächelte und legte sich wieder auf den Rücken. Gerade zog wieder ein Fischschwarm über die Kuppel. „Ich werde dich auf jeden Fall nicht zwingen, wenn du es kannst.“

„Aber ich bin dafür gemacht worden. Genauso wie die Moles fürs Graben gemacht worden sind.“ Menschen taten nichts ohne Grund. Doch Meodin musste sich mit dem zufrieden geben, was Erdogan sagte. So rollte auch das Seepferdchen sich wieder auf den Rücken und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Er fühlte sich plötzlich anders.

„Ja, die Moles wurden dafür geschaffen zu graben, aber wenn sie weiterhin unsere Verbündete sind, dann müssen sie das nicht tun. Sie können sich aussuchen, was sie machen wollen, genauso wie die Menschen auch und du natürlich auch.“ Erdogan steckte ein wenig in der Zwickmühle. Er persönlich hätte nichts dagegen, wenn Meodin seine Kinder austragen würde, wenn es ginge, aber ihn dazu zu zwingen kam für ihn nicht in Frage.

Meodin nickte, so dass Erdogan es sehen konnte. Er wusste darauf nichts zu sagen. Er wusste im Allgemeinen noch sehr wenig von der Welt, in die er hinein gestoßen worden war. Sie hatte Schönes, aber auch Merkwürdiges, sie war laut und gewöhnungsbedürftig. Doch sie war nun einmal seine Welt. Oder doch nicht? Immer wieder zog es ihn auf die andere Seite des Glases und damit er nicht verrückt wurde, wandte er sich wieder zu Erdogan um, um sich abzulenken. „Warum bist du hier?“, wollte er also wissen.

„Ich wollte ein wenig Ruhe und ich wollte dich sehen.“ Erdogan hatte die Augen geschlossen und langsam merkte er, wie die Spannung in ihm weniger wurde. „Die letzten Tage habe ich kaum Zeit für dich gehabt. Es hat sich heute viel ereignet und ich wollte darüber nachdenken, was wir machen sollen. Dylans Bruder hat sich bei ihm gemeldet und wir werden ihn und Ewans Leute hierher holen.“

„Er hat ihn vermisst“, sagte Meodin leise, denn auch mit ihm hatte Dylan über seinen Kleinen gesprochen. Er war in Sorge gewesen. Das würde sich bestimmt legen, wenn er erst einmal hier war. „Und du wolltest mich sehen? Warum?“ Meodin kam neugierig etwas näher. Das interessierte ihn. Mit einem Lächeln auf den Lippen betrachtete er den Prinzen und griff sich eine der langen Strähnen. Bei Erdogan mochte er es gern, seine eigenen gingen ihm langsam ziemlich auf den Geist. Ständig waren sie beim Schwimmen im Weg.

„Ich wollte dich sehen, weil ich dich auch vermisst habe.“ Erdogan nahm eine weitere Strähne seines Haares und kitzelte Meodin damit an der Nase. „Ich wollte wissen, wie es dir geht und was du heute so den ganzen Tag gemacht hast.“

„Eigentlich nicht viel“, sagte Meodin, „und dann doch wieder. Ich glaube Michael hat bald die Nase voll von mir. Seine Beine sind viel kürzer.“ Meodin lachte, als er daran dachte, wie er dem armen Assistenten schon wieder ausgerückt war. Doch Dylan hatte das schlechte Gewissen gepackt und sie waren wie reumütige Schafe zurückgekommen, als sie fertig damit waren, die Wiese und das Wäldchen zu erkunden. Und ehe Michael ihn verpfiff, gestand das Seepferdchen lieber selber.

„Ihr seid echt schlimm. Michael tut es ganz gut, wenn er sich etwas bewegen muss“, lachte Erdogan und freute sich, dass sein Seepferdchen von sich aus zugegeben hatte, dass er Michael geärgert hatte. „Dann werdet ihr wohl demnächst zu dritt unterwegs sein, wenn Dylans Bruder hier ist.“

„Kann gut sein“, sagte Meodin und rutschte noch etwas dichter. Er spürte den Drang nach Nähe. Meistens fiel ihm das nicht so auf, aber in Augenblicken wie diesen, wenn er sich schutzlos fühlte, tat es gut, wenn Erdogan in der Nähe war. Dann hatte Meodin den Drang ihn anzufassen. Seine Hand legte sich auf die Brust des Prinzen und er fixierte Erdogans Augen mit seinen.

Wie immer konnte Erdogan seinen Blick nicht von den dunklen Augen nehmen. Er strich Meodin sanft über die Wange und zog ihn dann so nahe zu sich, dass sich ihre Körper berührten und er einen Arm um sein Seepferdchen legen konnte. Wie von selbst streichelte er über den Ansatz der Rückenflosse, weil Meodin das mochte.

Dass er dazu seine Hand unter das Shirt schieben musste, nahm er gern in Kauf. Zufrieden brummend legte Meodin seinen Kopf auf Erdogans Brust und schloss die Augen. Weil die Lippen trocken wurden, leckte er sich darüber und strich dabei über Erdogans Hals. Irritiert nahm er das Salz auf und leckte noch einmal darüber. Das war interessant.

„Meo“, seufzte Erdogan und er zog seinen Freund noch etwas näher. Es war nicht das erste Mal, dass Meodin Erdogan näher kam und wie jedes Mal, fiel es dem Prinzen schwer sich zu beherrschen. Sein Seepferdchen meinte seine Annäherungen leider nicht so, wie Erdogan das wünschte. Er probierte einfach etwas aus, ohne Hintergedanken.

Mehr als einmal hatte er sich gefragt, ob er Meodin auf den richtigen – für Erdogan richtigen – Weg leiten sollte, doch er hatte sich dagegen entschieden. So konnte er nur wie jedes Mal versuchen, nicht all zu menschlich zu reagieren, wenn er so berührt wurde.

„Ja“, murmelte Meodin und seine Zunge strich vorsichtig höher. Er war fasziniert, denn mit seiner Zunge spürte er viel intensiver als mit den Fingerspitzen.

„Das kitzelt.“ Das war nicht gelogen, auch wenn das nicht gerade im Vordergrund stand. Mit geschlossenen Augen ließ Erdogan Meodin machen. „Schmecke ich gut?“, fragte er lachend, als die Zunge bei seinem Kinn ankam.

„Michaels Brote schmecken besser“, sagte Meodin ehrlich, machte aber weiter, denn es war interessant. Zu seiner neugierigen Zunge kamen seine Lippen, die nun die Kinnlinie entlang strichen und die Konturen aufnahmen, bis sich spitze Zähne sanft im Ohrläppchen verbissen. Die Zähne hielten es fest und die Zunge fing an damit zu spielen, während Meodin sich dichter auf Erdogan legte, um es bequemer zu haben.

Erdogan seufzte leise und wie von selbst legten sich seine Arme um Meodin und streichelten ihm über den Rücken. Das war die süßeste Folter, der sich der Prinz jemals ausgesetzt hatte. „Ich will auch mal“, verlangte er grinsend. Bisher hatte er es vermieden, Meodin so nahe zu kommen, aber er hatte gerade entschieden, dass gleiches Recht für alle galt.

„Mach“, sagte Meodin also, ließ sich aber nicht davon abhalten, noch etwas weiter zu machen. Er forschte sich wieder abwärts zum Kinn und ließ sich langsam auf den Rücken drücken. Kurz blickten seine Augen suchend über das Glas und den Ozean, doch Erdogan verstand es, Meodins Aufmerksamkeit völlig auf sich zu ziehen.

Langsam ließ Erdogan seinen Blick über Meodins Gesicht gleiten und konnte sich nicht entscheiden, wo er anfangen wollte. Vorsichtig strich er erst einmal mit der Nase über die Wange seines Seepferdchens und zwickte ihn dann kurz ins Ohrläppchen. „Du schmeckst gut“, lachte er leise.

„Ehrlich?“ Meodin reckte seine Zunge und versuchte sich selbst zu erwischen. Dabei verrenkte er seine Zunge und strich so immer wieder über Erdogans Wange, nicht ganz das, was er zu erreichen versucht hatte. Also ließ er es bleiben und genoss die merkwürdigen Berührungen. Sie waren nur anfangs unangenehm, nach und nach waren die sanften Berührungen sehr angenehm.

„Ey, ich war dran“, brummte Erdogan und machte nun das, was er schon so lange machen wollte. Vom Ohr aus, strich er mit seinen Lippen über Meodins Gesicht und verteilte kleine Küsse. So arbeitete er sich langsam und genießend zu den Lippen vor.

Meodin spürte ihm nach und ließ es geschehen. Langsam schloss er die Augen, öffnete sie aber wieder, denn er hatte das Gefühl, dass diese kleinen Neckereien noch nicht alles sein konnten. Er spürte eine Energie in sich wachsen, die einen Ausweg suchte und so griff er Erdogan fester, ohne zu wissen warum. Dabei rieben seine Lippen über die des Prinzen.

Erstaunt darüber, dass Meodin so überhaupt nicht scheu war, brauchte Erdogan ein paar Herzschläge, bis er verstanden hatte, dass sein Freund mehr wollte. Vorsichtig und tastend strich er mit seiner Zunge über Meodins Lippen und lächelte dabei. Mit so einer Entwicklung hatte er nicht gerechnet, als er ins Aquarium gekommen war.

Ob Jack das damit gemeint hatte, als er der Meinung gewesen war, der Prinz bräuchte eine Auszeit? Egal, die Entwicklung gefiel Erdogan und so hielt er sein Seepferdchen auch nicht davon ab, seine Hände fester auf seinen Rücken zu legen. Er hatte schon einiges an Kraft zugelegt, wie Erdogan zufrieden feststellte.

Neugierig spitzte auch Meodin mit der Zunge nach vorn und zuckte, als er die fremde Zunge spürte. Doch gleich kam er wieder, interessierter als zuvor.

Er folgte Erdogans Zunge, wohin sie sich auch flüchtete und als der Prinz die Lippen öffnete und seine Zunge einzog, folgte Meodin ihm ohne zögern und folgte ihr immer weiter. Zärtlich strich Erdogan bei ihrem Kuss durch die hellen Haare und öffnete das Band, das sie zusammen hielt.

Unter normalen Umständen hätte Meodin jetzt geknurrt, weil er dann wieder die Haare bändigen musste, doch im Augenblick war er so abgelenkt, dass er es noch nicht einmal bemerkte. Es war aufregend, was Erdogan mit ihm tat und so wollte Meodin gar nicht aufhören. Seine Lippen rieben harsch und seine Zunge suchte immer wieder die des Prinzen. Es machte ihn fast wahnsinnig, dass er ihn einfach nicht zu packen bekam. Er knurrte dunkel.

Das war für Erdogan das Zeichen, den Kuss noch etwas zu intensivieren und nun seinerseits Meodins Zunge mit seiner zu attackieren. Er umschmeichelte den Eindringling und drängte ihn zurück und kaum in der fremden Mundhöhle angekommen, fing der Prinz an sich umzusehen.

Das konnte Meodin so nicht zulassen und so versuchte er den frechen Eindringling zurückzuweisen. Er wand sich unter dem Prinzen und merkte noch nicht einmal, wie er sich an dem kräftigen Körper rieb. Er schob es darauf, dass er Kraft in den Kampf legen musste, den er dabei war zu verlieren. Fester und immer fester schlossen sich seine Arme um Erdogans Rücken, bis er ihn zwischen seine Beine rutschen ließ. Sein Rücken versuchte sich zu biegen.

Immer wilder wurde ihr Kuss und Erdogan stöhnte leise auf. Das war einfach unglaublich. Meodin schien großen Gefallen an dem zu finden, was sie gerade taten und auch ihn ließ es nicht kalt, dass sich ihm immer wieder ein heißer Körper entgegen drängte.

Immer intensiver wand sich der gestraffte Leib unter ihm und plötzlich löste sich Meodin mit einem zufriedenen Stöhnen aus dem Kuss. Sein Atem ging hektisch, er hatte das Gefühl, dass ihm die Farben vor den Augen verschwammen und so war Erdogan der einzige, der das Piepsen seines Kommumikators hörte. Träge versuchte er zu realisieren.

„Na super“, brummte Erdogan und legte sich neben Meodin, um an sein Telefon zu kommen. Er hielt es ein paar Augenblicke in der Hand und versuchte seinen schnellen Atem zu beruhigen, denn Leander, der ihn gerade anrief, musste nicht gleich wissen, was er gemacht hatte. „Ja?“, fragte er darum relativ ruhig und streichelte dabei über Meodins Bauch.

Das Seepferdchen versuchte ebenfalls wieder zu Atem zu kommen. Vor seinen Augen drehte sich alles und irgendwie fühlte sich seine Hose merkwürdig nass an.

„Wo steckst du? Jack meinte, er hätte dich in die Pause geschickt. Wo muss ich dich suchen?“, wollte Leander von seinem Prinzen wissen und betrachtete das gerötete Gesicht. „Trainierst du?“

„Ich bin im Aquarium. Was gibt’s?“ Erdogan ging auf die Frage gar nicht ein. Leander würde sowieso wissen, dass er nicht trainiert hatte, wenn er hörte, wo er war. Meodin war praktisch immer hier zu finden. Der lag immer noch ziemlich fertig auf dem Rücken und der Prinz musste über den zufriedenen Gesichtsausdruck lächeln.

„Aha“, machte Leander so unmöglich betont, dass Erdogan nicht umhin kam zu begreifen, was er eigentlich sagen wollte. „Dann will ich mal gar nicht lange stören. Grüß das Seepferdchen und wenn du dann mal Zeit hast, gib Bescheid. Wir müssen mal absprechen, wie wir das morgen machen, wenn wir die Moles holen wollen.“ Dann war Leander wieder weg, grinste vorher aber noch mal in die Kamera.

Erdogan atmete tief durch und drehte sich zu Meodin. „Ich muss leider gleich wieder weg. Lean und ich müssen besprechen, wie wir Ewans Leute rüberholen. Ich weiß noch gar nicht, ob sie schon wissen, dass sie umgesiedelt werden sollen. Er lässt dich grüßen.“ Gerne hätte er dort weitergemacht, wo sie gerade unterbrochen worden waren, aber er war sich nicht sicher, ob Meodin das auch wollte.

„Du musst gehen?“, fragte dieser und rollte sich auf die Seite. Seine Hose klebte widerlich und er setzte sich auf. Dabei öffnete er die Hose und betrachtete sich die Schweinerei, sah dann Erdogan an. „Passiert das jedes Mal, wenn wir so was wie eben machen?“, wollte er wissen, denn an sich fühlte er sich gerade extrem zufrieden und entspannt, aber diese Sauerei hätte echt nicht sein müssen. Er wusste noch nicht einmal genau, woher das kam.

„Nicht zwangsläufig oder besser gesagt wohl eher nicht. Zumindest nicht beim Küssen. Ich glaube, das ist passiert, weil dein Körper das bisher noch nicht kannte. Aber “ Erdogan grinste und zog Meodin näher zu sich. Er beugte sich vor und küsste sein Seepferdchen. „Wenn du magst, können wir das später wiederholen und dann lassen wir die Kleider dabei einfach weg und die Sauerei hält sich in Grenzen.“

„Guter Plan“, sagte Meodin und wusste noch nicht einmal, zu was er da gerade sein Einverständnis gab. Doch er musste sagen, dass ihm das gefallen hatte. „Aber ich glaube, ich gehe rüber und dusche. Das ist ja widerlich!“ Langsam erhob sich Meodin und schwankte leicht. Was war denn mit seinen Beinen los? Die waren ja wie Gummi! So musste er sich erst einmal an der Scheibe stützen um nicht umzufallen. Fragend sah er Erdogan an. Was passierte mit ihm?

„Alles völlig normal.“ Erdogan kam zu Meodin und zog ihn an sich. „Ist gleich wieder vorbei. Dein Kreislauf ist gerade etwas aus dem Tritt.“ Eigentlich wollte Erdogan sein Seepferdchen nicht alleine lassen, aber er konnte sich nicht einfach ausklinken, nur weil er mit Meodin Schweinskram machen wollte. Wenn das die Runde machte, dass er seinen persönlichen Spaß über die Mission stellte, half das seiner Stellung in der Truppe nicht gerade. Also musste er sich von seinem Seepferdchen lösen. „Komm, ich nehme dich noch mit runter, ein Fahrer wird dich rüber bringen“, schlug er vor und schloss Meodin lieber wieder die Hose. Der sah ihm dabei zu und zuckte die Schultern. Ihn hatte die offene Hose nicht gestört.

Erdogan lachte nur darüber. Das war so typisch. Meodin scherte sich nicht darum, was andere dachten. Er zog Meodin die Treppe runter und verfrachtete ihn in einen Wagen. Gut gelaunt machte er sich auf den Weg zu Leander, der ihn mit einem breiten Grinsen ansah, als Erdogan in den Raum kam.


04

„Ich hätte nicht gedacht, dass es so schnell geht“, sagte er und hob die Brauen. Er war allein. Thom und Dylan bereiteten noch die letzten Anzüge vor und Ewan hatte seine Leute kontaktiert, um sie zu informieren. Anschließend wollte er sich noch um die Unterkünfte kümmern.

Leander lehnte am Schreibtisch, vor sich den Palm, doch der war egal. Er hatte etwas um seinen Freund zu ärgern. Das musste jetzt einfach sein. Eine kleine Auszeit konnten sie gebrauchen.

Erdogan hob eine Augenbraue. „Warum?“, fragte er. „Ich habe mich nur etwas ausgeruht.“ So leicht wollte der Prinz es seinem Freund nicht machen. „Aber es hat gut getan, ich fühle mich wieder fit.“

„Ja, du sahst eben auch so erholt rosig im Gesicht aus. So sieht man ja immer aus, wenn man sich ausruht und nicht etwa wenn man gerade heftigst angestrengt war.“ Leander nickte verständnisvoll. Wenn Erdogan nicht reden wollte, dann wollte er ihn auch nicht drängen. Es ging ihn schließlich eigentlich nichts an. Schließlich schwieg sich Leander auch über sich und Allan aus. Was hinter ihrer Tür passierte, blieb auch dort.

„Also“, sagte er und griff sich seinen Palm. Er schickte das Bild auf den großen Bildschirm.

Es zeigte einen Plan des Weges, den Dylan nehmen musste, um zu seinem Bruder zu kommen. „Ich glaube, ich sollte mitgehen“, Leander sah Erdogan an, denn der Prinz musste seine Zustimmung dazu geben. „Nimm noch zwei oder drei Männer mit, wenn genug Anzüge da sind.“

„Und genau das wird das Problem sein. Wir haben nicht so viele Anzüge. Entweder gehe ich mit Dylan und wir bekommen alle in einem Schwung rüber oder wir gehen in Begleitung und brauchen zwei Runden. Ich will deine Entscheidung hören.“ Leander und Ewan hatten schon darüber diskutiert. Dem Mole passte es gar nicht, hier zu bleiben und die beiden ganz allein gehen zu lassen. Das war zu gefährlich. Dylan hatte noch keine Erfahrung und Leander allein konnte sie nicht beschützen, wenn ein drogensüchtiger Mopp auf kaltem Entzug ihre Leichen wollte.

„Dann wäre ich dafür, du gehst mit Ewan, denn er hat mehr Erfahrung.“ So war es Erdogan einfach sicherer. Dylan würde davon nicht begeistert sein, aber hier ging es um die Sicherheit und Ewan war entschieden stärker und vor allen Dingen kampferfahrener.

„Das bringst du dem Jungspund aber bei“, lachte Leander, denn selbst Ewan hatte resigniert gegen den sturen jungen Mole, der unbedingt seinen Bruder retten wollte. „Was glaubst du, warum der so gut mit Meodin harmoniert, hm? Die beiden sind stur wie die Esel. Viel Spaß!“ Er hob abwehrend die Hände und grinste.

„So schlimm?“ Erdogan wusste nur zu gut, wie stur Meodin sein konnte. „Ich werde es probieren und wenn gar nichts hilft, werde ich ihn mit einem Betäubungspfeil außer Gefecht setzen.“ Erdogan grinste schief. Das würde er nicht machen, aber auch nicht nachgeben. Er konnte das gar nicht durchgehen lassen. „Dann sollte ich das wohl schnell hinter mich bringen.“

„Ja, solltest du und hinterher vielleicht mal nach deinem Seepferdchen sehen. Weiß ja nicht, was du mit dem armen Kerl gemacht hast.“ Einen musste Leander eben doch noch draufsetzen, dann schaltete er den Palm aus. Der Prinz war informiert und er selbst hatte noch ein paar Gänge, die er zusammen mit seinen Männern kartografieren wollte. Das machte sich nicht von allein.

„Och, Meo geht es gut. Ein wenig wackelig auf den Beinen, aber sehr zufrieden.“ Erdogan lachte und zwinkerte Leander zu. „Er lernt sehr schnell und er ist ehrgeizig.“

Leander sah sich noch einmal zu seinem Freund um und grinste dreckig. „Ich kann mir bildlich vorstellen, was der arme Kerl von einem Lustmolch wie dir lernt“, sagte er. „Mach ihn wenigstens hinterher sauber.“ Dann war er verschwunden, nicht dass ihm wieder etwas in den Nacken flog. Das wäre nicht das erste Mal gewesen.

Erdogan lachte noch immer, als er bei Dylan und Ewan ankam. Die beiden diskutierten gerade hitzig und Dylan fuchtelte aufgebracht mit den Armen. „Dylan, Ewan hat Recht. Er sollte mit Leander deinen Bruder abholen“, machte er auf sich aufmerksam und der junge Mole schoss zu ihm rum.

Ewan hingegen machte eine dankende Geste in Richtung des Prinzen und holte tief Luft.

„Aber er ist mein Bruder und ich habe ihm versprochen ihn zu holen. Meine Eltern haben ihn schon enttäuscht, ich will ihn nicht auch noch enttäuschen. Also werde ich gehen und keine Diskussion.“ Dylan zeigte sich nicht einsichtig, doch Ewan knurrte. „Es reicht. Du bleibst hier. Wir haben nicht genügend Anzüge, um Soldaten mit zu schicken, wenn du mit gehst. Wenn du Diego nutzen willst, sorge dafür, dass wir die Truppe nicht teilen müssen!“

„Dylan was ist dir wichtiger? Deinen Bruder sicher hier her bringen, oder nicht wortbrüchig zu werden? Das musst du wahrscheinlich gar nicht mal, denn noch hast du Zeit ihm zu erklären, warum du nicht selber kommen kannst.“ Erdogan versuchte an Dylans Vernunft zu appellieren. Wenn das nicht klappte, konnte er immer noch bestimmter werden.

Doch er schien Erfolg zu haben, denn der Mole beruhigte sich langsam wieder. Das wichtigste für ihn war immer noch, dass Diego sicher hier ankam und ihm nichts mehr passieren konnte. Dann musste er wohl den Kompromiss eingehen. Nickend holte er tief Luft. „Ich werde mit ihm reden“, sagte Dylan leise und fühlte sich im Nachhinein wie ein Idiot. Ewan und die Menschen taten alles, was möglich war, und er stellte sich – stur wie er war – auch noch quer.

„Ja, mach das.“ Erdogan war wirklich erstaunt, dass es so schnell geklappt hatte. Er hatte sich auf eine längere Diskussion eingestellt. Ewan wohl auch, denn er sah völlig verwirrt aus. Er redete sich jetzt seit Stunden den Mund fusselig und der Prinz sagte nur einen Satz und Dylan gab nach. „Wer demnächst die Diskussionen führt, ist ja wohl klar“, knurrte Ewan und schüttelte den Kopf. Er hatte die gleichen Argumente genutzt. Lag es daran, dass Erdogan ein Mensch war? War er mehr wie die Gottgleichen, dass Dylan sich gebeugt hatte? Ewan wusste es nicht und er wollte auch nicht danach fragen. Er war zufrieden und gut. „Lass uns die Räume vorbereiten und Essen heran schaffen. Sie werden morgen nach dem langen Marsch hungrig sein.“ So konnte er Dylan ablenken. Das konnte der junge Mole vielleicht ganz gut gebrauchen. Der war ja völlig durch den Wind.

„Ja, das glaube ich auch.“ Da seine Mission hier erfüllt war, ging er mit Ewan zusammen zu dem Gebäude in dem die Moles unterkommen sollten. Dabei wurde Erdogan klar, was sich alles in der letzten Zeit geändert hatte. Ehemalige Feinde, waren zu Verbündeten geworden und es gab viele Dinge, die sie besprechen sollten. „Ewan, was hast du eigentlich vor, wenn wir das Serum endlich haben? Gehen du und deine Leute dann wieder zurück zu deinem alten Clan, oder möchtest du hier bei uns bleiben?“, fragte er, denn die Frage war wichtig für ihre weitere Planung.

„Das muss die Zeit zeigen“, sagte der Mole und öffnete eine der Türen. Die Räume waren schon leicht abgedunkelt, das kam ihm sehr entgegen. „Ich kann meinen Clan nicht sich selbst überlassen. Vielleicht sehen sie eines Tages ja ein, wer der eigentliche Feind ist.“ Das war seine stille Hoffnung. Die Moles konnten so nicht enden. „Vielleicht können wir unsere Völker eines Tages einen und gemeinsam gegen die vorgehen, die uns das angetan haben.“ Dabei sah er Erdogan fest an.

„Das muss wirklich gut überlegt werden. Wir werden dir dabei helfen, wo wir können“ Erdogan nickte. Etwas anderes hatte er bei Ewan auch nicht erwartet. „Ich könnte mir auch vorstellen, unsere Völker zu einen. Aber wie du schon sagtest, das wird die Zeit zeigen.“

„Etwas anderes macht mir mehr Sorgen“, sagte Ewan und lehnte sich neben einem Schlafplatz an die Wand. Sie hatten es in Betten versucht, doch das war für sie alle ungewohnt gewesen. Deswegen hatten sie für ihre Freunde wie auch für sich selbst, Schlafnester eingerichtet. „Diego sagte, wenn sie in drei Tagen unsere Leichen nicht haben, wollen sie den Clan töten und ich weiß nicht, ob das nicht nur eine leere Drohung ist oder ob sie ernst machen.“ Sorge zeichnete sich auf seinem Gesicht ab.

„Sie können es sich nicht leisten, leere Drohungen zu machen. Sie werden sonst als Götter unglaubwürdig.“ Erdogan sagte das nicht gerne, aber die Gottgleichen waren skrupellos und Ewans Volk so gut wie tot, wenn sie nicht eine Lösung fanden. „Shit“, fluchte er leise, denn daran hatte er noch gar nicht gedacht.

„Außerdem hat dieser Ganesh wohl etwas Serum da gelassen. Ein paar dürften also wieder auf dem Damm sein“, gab Ewan noch zu bedenken. „Wird bis dahin etwas von dem Serum fertig sein, was wir reproduzieren wollten? Dann würde ich mich anschleichen und den Kerl außer Gefecht setzen, sollte er es wirklich versuchen meinen Clan zu töten.“ Ewan war klar, dass das sein Ende sein konnte, doch er konnte nicht anders. Er war immer noch ein Mole.

„Ich werde Druck machen. Wir haben noch zwei Tage.“ Für Erdogan war es selbstverständlich, dass er Ewan bei diesem Problem half. „Jetzt ist nur noch die Frage, ob sie deinen Clan töten wollen, indem sie ihm kein Serum mehr geben und sie sich gegenseitig umbringen, oder ob sie es auf eine andere Weise machen.“

„Das kriege ich raus und ich werde vorbereitet sein“, knurrte Ewan. Er hatte sich auch schon überlegt, wie die Gottgleichen es anstellen wollten.

„Außerdem hast du noch keine Leute hier für das Drogenserum“, sagte Ewan leise. Bill arbeitete mit Hochdruck an der sauberen Droge, ebenso seine Gehilfen. Die konnten nicht abgezogen werden. Heute sollten eigentlich die Chemiker eintreffen, die nachgefordert worden waren.

Erdogan nickte. „Sie sind bei Daniel im Test, soweit ich informiert bin.“ Die Nachrichtig hatte er vorhin bekommen und zufrieden zur Kenntnis genommen. Ob Bill wollte oder nicht, für eine Einweisung der Neuen würde er sich Zeit nehmen müssen.

„Das ist gut.“ Wenn die Chemiker da waren, hatten sie doch noch eine Chance, wenigstens etwas Serum herzustellen. Ewan wirkte ein wenig erleichtert, aber immer noch besorgt.

„Soll dich jemand von uns begleiten? Wenn sie dich fangen können, werden sie dich töten, aber vorher werden sie herausfinden wollen, wo wir sind. Wenn wir zu zweit oder zu dritt sind, ist es sicherer.“ Erdogan wusste, dass der Mole das wohl ablehnte, aber zumindest wollte er es anbieten.

„Ich werde nicht zu lassen, dass ihr das verseuchte Serum nehmt und in den Anzügen seid ihr nicht flexibel genug. Die Gefahr ist zu groß.“ Ewan nickte nur, denn er würde davon nicht abgehen. Allein konnte er sich auch besser verbergen. Die Menschen mochten gute Soldaten sein für ihre Verhältnisse. Doch in den Ohren eines Mole waren ihre schleichenden Schritte das Gepolter von Elefanten. Zwischen ihren Sinnen lagen Welten.

Erdogan hatte damit schon gerechnet und es schmeckte ihm nicht, dass Ewan sich in solche Gefahr brachte. Ihr Anfang war ziemlich holprig gewesen, aber mittlerweile hegte der Prinz großen Respekt vor dem Anführer der Moles. Darum diskutierte er auch nicht mehr und stieß sich von der Wand ab. Sie wollten ja noch sehen, was sie alles für die Neuankömmlinge benötigten.

So gingen sie ins Lager. Zwischen ihnen herrschte Schweigen, doch es war angenehm. Sie verstanden sich auch ohne Worte. Erdogan hätte nicht gedacht, dass der Angreifer, der ihn damals im Labor zu Boden gerungen und verletzt hatte, einmal ein Freund werden könnte. „Was macht eigentlich die Karte? Kommt ihr voran?“, fragte Ewan irgendwann, denn auch er konnte eine gewisse Neugier nicht verbergen.

„Ein wenig. Jack hat einige Funktionen gefunden, die wir bisher noch nicht kannten. Er würde am liebsten in der Halle übernachten, wenn wir ihn lassen würden.“ Er musste lachen, als er an den Geologen dachte. „Aber bei den Farben der Kuppeln sind wir noch nicht weitergekommen. Wenn wir die Möglichkeit haben, wollen wir die nächste Kuppel besuchen. das wäre Philadelphia.“

„Wollt ihr warten, bis das Serum so weit ist oder mit den Anzügen?“ Ewan konnte sich das kaum vorstellen. Allein der Weg bis in Odins Kuppel hatte schon an den Kräften der Menschen gezehrt. Sie waren für solche Strecken gar nicht ausdauernd genug. Nur zu gut wusste Ewan, wie weit die Kuppeln entfernt liegen konnten – denn sie hatten die Tunnel dafür gegraben.

Sie trugen ein paar Lebensmittel zusammen und noch ein paar Decken, die sie auf einem Tisch deponierten. Ein paar Soldaten konnten sich dann um den Transport kümmern. Erdogan wollte gern noch einmal ins Observatorium.

„Wir werden damit warten, bis wir das Serum haben. Da haben wir auch noch etwas Zeit, um mehr heraus zu finden. Du kannst uns dabei eventuell auch helfen. Du weißt vielleicht wie die Tunnel beschaffen sind.“ Erdogan wollte Ewan unbedingt mit beteiligen, denn der Mole sollte sich nicht nur geduldet fühlen.

Außerdem war er mit seinem Wissen von unschätzbarem Wert und das wusste auch Ewan, deswegen stimmte er zu. Er griff sich noch eine Wurzel und ein Stück Brot. Dann waren sie auch schon wieder auf dem Weg. Er spürte, wie Erdogan kurz nach oben blickte, wo er mit Meodin wohnte, doch wenn er selbst nichts sagte, dass er vorbei sehen wollte, dann würde Ewan ihn auch nicht drängen. Er ahnte zwar, dass das Verhältnis der beiden anders war als zum Beispiel Leander und der Prinz, doch das ging ihn nichts an.

Sie unterhielten sich angeregt, als sie im Observatorium ankamen und Jack blickte noch nicht einmal auf, obwohl er mitbekommen haben musste, dass er nicht mehr allein war. Erdogan und Ewan gingen zu der Stelle, an der Neo New York zu sehen war und der Prinz deutete auf die nächste Kuppel. „Das ist Philli. Die Kuppel ist nah genug, dass wir sie erreichen können.“

„Ja, es gibt sogar eine Schnellbahntrasse, hier“, deutete der Mole auf einen Tunnel, der über einen kleinen Bogen Neo New York und Philadelphia verband. „Allerdings werdet ihr damit keine Freude haben.“ Ewan gestand es nicht gern, doch es war eine der Kuppeln gewesen, die die Moles auf Geheiß der Gottgleichen geöffnet hatten. Die Bewohner waren gestorben, denn ohne das Serum waren sie der Strahlung schutzlos ausgeliefert worden. „Sie ist... kaputt.“

Erdogan fragte nicht nach, woher Ewan das wusste. Er wollte ihn nicht in Verlegenheit bringen, denn so wie der Mole bei seiner Antwort gezögert hatte, wusste der Prinz auch so, warum sie kaputt war. Darum nickte er nur und suchte eine weitere schwarze Kuppel, die in der Nähe lag. „Weißt du, ob diese auch kaputt ist?“, fragte er, denn wenn das zutraf, dann konnten sie zumindest die schwarzen Kuppeln zuordnen.

„Das ist Allantown“, sagte Ewan und holte tief Luft. „An sich war das keine Stadt. Es war eine Forschungsstation der Gottgleichen. Doch sie ist schon lange nicht mehr da. Selbst die Tunnel dort hin haben wir zerstört.“ Ewan betrachtete sich den im Vergleich zu Neo New York winzigen Punkt. „Es war schon vor Generationen, aber Odin hat uns davon erzählt. Die Gottgleichen haben dort vor allen Dingen Experimente gemacht.“ Und wie das aussah, das wussten sie beide. Das musste nicht weiter ausgemehrt werden.

„Okay, schwarz heißt also zerstört. Bleiben nur noch ungefähr 7 andere Farben und Kombinationen, die wir nicht zuordnen können.“ Erdogan sah sich die Kugel an und immer wieder entdeckte er schwarze Kugeln, aber es waren nicht übermäßig viele. „Weißt du sonst noch etwas über andere Farben?“

Ewan stand neben Erdogan und hob eine Braue, als die Kugel sich plötzlich unter seinen Fingern weg drehte, weil Bill etwas suchte. Es war erstaunlich, wie schnell der Geologe Dinge begriff. Das war ihm schon mehrfach aufgefallen. Er erinnerte ihn ein bisschen an Odin. Nicht nur wegen des Alters und seiner Eigenbrödlerei.

„Warum Neo New York halb blau und halb grün ist, kann ich dir nicht sagen. Oder was das violett sein soll. Ich habe auch nur an einem ganz geringen Teil der Tunnel gearbeitet. Viele davon sind schon Hunderte von Jahren alt“, entschuldigte er sich, weil er nicht helfen konnte. Dabei interessierte ihn das doch selber.

„Das kriegen wir schon noch raus.“ Erdogan wollte nicht, dass Ewan glaubte, dass er enttäuscht war, denn das war er wirklich nicht. „Wenn wir das Serum haben und sich die Lage bei deinem Clan entspannt hat, dann werden wir zu allen möglichen Kuppeln gehen und sehen, was dort los ist.“

„Gruppenwandertag?“, fragte Jack und zeigte so das erste Mal, dass er die anderen beiden überhaupt registriert hatte. Doch dann war er schon wieder damit beschäftigt, der Kugel ihre Geheimnisse zu entlocken. Gerade studierte er die lokalisierten Vorkommen von Uran.

„An dem du bestimmt teilnehmen willst.“ Erdogan ließ sich nicht ärgern und lachte. Irgendwie hatte Jack ja Recht. Da der Geologe sie schon wieder vollkommen ausgeblendet hatte, wandte der Prinz sich wieder Ewan zu. „Lassen wir ihn arbeiten. Du willst dich doch bestimmt auch ausruhen, du hast morgen einen anstrengenden Tag.“

„Ich werde mal sehen, wie es Dylan geht“, sagte Ewan, denn auch wenn er immer den großen Helden markierte, den emotionslosen Anführer, so war er nicht. Er sorgte sich um jeden seiner Männer und Frauen im Gefolge. Sie waren ihm gefolgt und er hatte die Verantwortung. „Ich werde ihm noch einmal eindringlich versichern, dass ich Mole genug bin, seinen Kleinen heil hier her zu bringen. Wenn nicht, darf er mit das Fell vom Hintern ziehen.“ Dann grinste er.

„Das wird er tun.“ Erdogan klopfte Ewan auf die Schulter. „Wenn du mich brauchst, ruf mich einfach.“ Sie trennten sich auf der Oberfläche und Erdogan ging zu seinem Quartier. Er wollte Meodin sehen, und es war ihm ein wenig peinlich, dass er dabei immer wieder an ihre Küsse dachte und wie gut sie ihm gefallen hatten.