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Terra 3.0 - Zyklus II - Neo New York - Teil 9 - 12

09

„Ah, du bist ja schon da.“ Leander kam durch die Labortür und sah schon Ewan, der mit einem der Techniker zusammenstand und das Serum in zwei geräumige Taschen packte. „Sieht ja so aus, als wenn du erst einmal genug hast, um deine Leute fürs erste zu versorgen.“ Die Maschine, die das Serum produzierte lief auf Hochtouren und weil es so eilig war, hatten man sie auch in der Nacht laufen lassen.

Dementsprechend sahen die Laboranten auch aus und wenn die letzte Charge durchgelaufen war, gingen sie schlafen. Sie waren völlig übernächtigt, hofften aber, dass die Ration für den Anfang reichen würde. „Danke“, sagte Erdogan, der sich ebenfalls zeitig aus dem Bett gequält hatte. Meodin hatte er weiter schlafen lassen, denn das aufgekratzte Seepferdchen konnte er hier gerade nicht gebrauchen. „Nehmt euch heute mal frei“, schlug er den Laboranten vor, denn sie hatten es sich mehr als verdient.

„Danke.“ Die beiden Männer sahen sich erleichtert an, denn sie hatten schon befürchtet, dass sie sich mit zwei, drei Stunden Schlaf begnügen müssten. Erdogan half Ewan sich die Taschen umzuhängen und befestigte die Kamera mit dem Headset an dessen Ohr. „Wir bleiben, wie besprochen an der Tür und hoffen, dass du in keinen Hinterhalt läufst.“

„Ja, hoffen wir das beste“, sagte Ewan. Er war angespannt. War der Gott schon bei seinem Clan? Oder war er zeitig genug unterwegs? Er rückte die Taschen zurecht, damit er besser laufen konnte und schritt durch die Tür, die Thom für ihn geöffnet hatte. Nun wusste er ja wie das ging. Ein letzter Blick zurück, Erdogan sah sich selbst auf dem kleinen Monitor, der wie eine einseitige Brille vor seinem Auge klemmte – dann war der Mole auch schon im Gang verschwunden.

Erdogan hatte den Gang ja noch gar nicht gesehen, darum sah er sich aufmerksam an, was Ewans Kamera zu ihnen schickte. „Ich würde zu gern wissen, wie viele Geheimtüren und Tunnel es hier noch gibt“, murmelte er dabei. Sie hatten mit dieser Anlage wohl nur die Spitze eines Eisbergs gefunden.

Die Kugel im Observatorium bestätigte ihn, denn eines war klar: wenn die Gottgleichen die anderen Kuppeln kannten, hatten oder haben sie dort Aktivitäten, von deren Umfang und Ausmaß Erdogan noch nicht einmal etwas ahnte. Würden sie die Männer jemals stoppen können? Und waren die Moles, die einzigen, die sie für sich schuften ließen oder hatten sie noch andere Heere an Sklaven, die sie mit Drogen gefügig hielten?

Erdogan schüttelte den Kopf. Er konnte sich jetzt nicht ablenken. Er musste hellwach sein, um Ewan zu folgen, wenn er in Gefahr sein sollte.

Leander stand genauso angespannt neben dem Prinzen. Zwar war es fraglich, ob sie früh genug bei Ewan waren, um etwas auszurichten, aber sie mussten es wenigstens versuchen. Blieb also nur zu hoffen, dass sie keine bisher unentdeckte Falle auslösten und der Mole sein Serum auf dem Altar deponieren konnte.

Ewan kam gut voran. Er war schneller als gestern, denn er hatte sich den Tunnel ganz genau eingeprägt. Er kannte jede Abbiegung. So hatte er die Nische erreicht und lauschte. Ein Blick durch die Löcher zeigte die Grotte des Altars leer und er wollte schon erleichtert aufatmen und die Tür zum Altar öffnen, als er etwas hörte. Er spitzte die Ohren und merkte schnell, dass die Stimmen aus dem großen Saal kamen. Er hielt den Atem an.

Erst konnte er keine einzelnen Worte hören, aber nach und nach konnte er verstehen, was geredet wurde. Ganesha war da, das hörte er daran, dass José darum bettelte am Leben zu bleiben. Sie hätten die Tunnel abgesucht, aber keine Spur von den Verrätern und den Kupplern entdecken können.

„Für wie dumm hältst du mich eigentlich, alter Flohbeutel!“, donnerte der Gott und man hörte an seiner Stimme, wie viel Spaß es ihm machte, die Moles vor sich kriechen zu sehen. Ewan konnte sich das bildlich ausmalen und seine Wut stieg. Er biss sich auf die Lippen, um nicht zu schreien, ballte die Fäuste, um nicht um sich zu schlagen. Er musste lauschen, was weiter geschah.

„Ihr seid eine Bande von faulen Schmarotzern. Keiner von euch arbeitet mehr. Ihr fordert nur immer neues Anti-Rad. Ihr seid Abschaum und ihr habt den Tod verdient.“ Die Stimme des Gottes hallte laut durch die große Halle und Ewan hörte entsetztes Gemurmel. „Greift ihn an, lasst euch das nicht gefallen. Er ist nur ein schwacher Mensch in einer Verkleidung.“ Ewan fühlte sich elend und hilflos. So verblendet José auch war, so eine Behandlung hatte er nicht verdient.

Immer wieder öffnete er die Fäuste und schloss sie wieder, doch er konnte sich einfach nicht beruhigen. Er hörte seinen Clan wimmern, betteln, ihnen noch eine Chance zu geben. Sie würden die Abtrünnigen finden und für einen Augenblick war Ewan versucht sich zu stellen. Doch das würde seinem Clan nicht helfen. Das war nicht die Lösung!

„Eigentlich sollte ich euch umbringen, ihr nutzloses Pack!“ Ganesha schien ein paar Schritte zu gehen, der Boden bebte. „Aber ehe ich mir die Finger dreckig mache, überlasse ich das euch. Euer Wahnsinn wird euch dazu bringen euch gegenseitig an die Gurgel zu gehen. Es wird mir eine Freude sein!“

„Göttlicher Ganesha, bitte“, rief José und warf sich vor dem Gott auf den Boden. Ewan zerriss es förmlich das Herz, dass ihr stolzer Anführer sich so erniedrigte. So viele Jahre hatte er sein Volk weise geführt, aber davon war nichts mehr zu merken. Ewan lehnte die Stirn an die kühle Wand und atmete tief durch. „Warum?“, fragte er leise und kniff die Augen zusammen.

Seit Generationen hatten sie den Gottgleichen gedient, hatten getan, was immer man verlangt hatte, hatte nicht gefragt, nicht widersprochen. Und trotzdem hatte man nur den Status eines Sklaven – oder war es der Grund, war genau das der Grund? Weil man so gehorsam gewesen war? Ewan wusste es nicht.

Er beeilte sich das Serum zu deponieren. Hoffentlich kam irgendein Mole hier her und fand es, denn er musste darauf vertrauen, dass es seinem Clan in die Hände fiel. Er machte keine Geräusche, lauschte weiter und auch wenn er seinen Clan wimmern hörte, war er froh, als die schweren Schritte des Gottes laut wurden. Ganesha ging und ließ die Moles mit sich selbst und ihrem kalten Entzug allein.

Er hastete den Gang zurück und wollte einfach nur weg. Es hatte ihn mehr mitgenommen, als er gedacht hatte. Er hatte sein Gesicht wieder im Griff, als er zu Erdogan und Leander kam. „Ich habe das Serum deponiert“, sagte er, obwohl seine Freunde das wussten. Er fühlte sich hilflos. Hoffendlich war es noch nicht zu spät, seinen Clan zu retten.

Ohne ein weiteres Wort ging er an den Menschen vorbei und steuerte eines der Labore an, in dem Adrian versuchte zu helfen, damit die Formel für das Serum endlich ungefährlich wurde. Als er Ewan sah, stellte er das Reagenzglas beiseite und kam langsam auf ihn zu. Wenn sein Freund so aussah, dann war er bis ins Mark erschüttert und so wagte Adrian kaum zu fragen. „Was?“, brachte er irgendwann hervor und bemerkte nur im Augenwinkel Leander und Erdogan, die Ewan in Sorge gefolgt zu sein schienen.

„Die Schweine wollen unser Volk verrecken lassen. Ganesha hat über sie gelacht und sie als Schmarotzer und faules Pack bezeichnet, als sie sich vor ihm in den Dreck geworfen haben“, brachte Ewan mühsam beherrscht hervor und seine Augen loderten gefährlich. „Er ist einfach gegangen und hat sie zurückgelassen, damit sie sich gegenseitig umbringen.“

Adrian schwieg. Er hatte nicht gewusst, was er zu hören erwartet hatte, aber das war es bestimmt nicht gewesen. Schweigend lehnte er neben seinem Freund an der Wand des Labors. „Wir werden sie schlagen“, sagte er irgendwann leise und holte tief Luft. Er musste einfach daran glauben denn es war der einzige Weg, die Moles unter dem Joch hervor zu holen. Das verseuchte Serum war nur eine Notlösung.

„Ich habe Angst, dass wir zu spät kommen.“ Ewan fühlte sich hilflos. So hatte er sich noch nicht einmal gefühlt, als man ihn verbannt hatte. Da hatte er noch Hoffnung gehabt. Aber Odin war tot und die Lage seines Clans verschlimmerte sich immer mehr.

„Sollen wir zurückkehren?“, fragte Adrian offen. Er wäre bereit die Konsequenzen zu tragen, wenn ihr Leader entschied, dass es das Beste für alle war, wenn sie ihren Widerstand aufgaben. Denn für wen kämpften sie, wenn ihnen ihr Clan unter den Händen wegstarb? Adrian suchte Ewans Blick. Er wollte wissen, was sein Freund dachte.

Verstehend hielten sich die Menschen im Hintergrund.

„Wenn ich wüsste, dass es sie retten würde, wäre ich jetzt schon auf dem Weg zur großen Halle, um mich zu stellen, aber es wäre ein sinnloser Tod. Ich habe Ganesha gehört, unsere Leute werden keine Hilfe von ihnen bekommen, auch wenn sie uns alle töten.“ Ewan senkte desillusioniert den Kopf. „Wenn wir hier bleiben, können wir ihnen helfen, wenn wir tot sind nicht.“

Adrian nickte. Das war eine Entscheidung. Er zog seinen Freund kurz zu sich und drückte ihn fest, ehe er sich wieder löste. Er blickte kurz zu Leander und der verstand. Damit Adrian weiter machen konnte, mussten sie Ewan beschäftigen, sonst drehte er noch durch. Also kam der Soldat näher und legte dem Mole die Hand auf die Schulter. „Lass uns noch mal ins Observatorium gehen. Irgendwie müssen die Gottgleichen ja noch zu eurem Clan kommen. Wenn wir wissen, wie, wissen wir vielleicht, wo die Ratten sitzen!“ Dann sah er entschuldigend zu Sal, der solche Vergleiche langsam leid war und missgelaunt fiepste.

Ewan nickte nur. Er wusste, dass man ihn beschäftigen und ablenken wollte, aber ihm war das im Moment ganz recht. Alles war besser, als zu grübeln und immer wieder Ganeshas Worte zu hören. „Danke“, sagte er leise, denn die Menschen hatten sich als gute Verbündete erwiesen.

„Schon okay.“ Leander schnickte Sal noch mal gegen die Nase, der murrend wieder in Erdogans Kleidern verschwand. Der Prinz blieb auf der anderen Seite des Mole und wusste nicht, ob er nun fragen sollte oder nicht. Er hatte die Moles belauscht, er wusste, was passiert war. Doch wollte Ewan darüber reden oder es verdrängen? Sie waren sich beide ziemlich ähnlich und wenn er nicht musste, redete Erdogan auch nur sehr ungern.

„Hallo Jack!“ Der Prinz grinste, als sie die Tür zum Observatorium öffneten. Was hatten sie auch anderes erwartet?

„Bringt mir bloß nicht alles durcheinander, ich habe zu tun“, knurrte der Geologe anstelle einer Begrüßung. Er wollte die Fronten gleich klären, denn Leander und der Prinz hatten die Angewohnheit, die Kugel immer zu drehen, wenn er gerade vertieft war und arbeitete.

Wie erwartet sahen sich die beiden ertappt an und grinsten schief. „Wir müssen auch was checken. Kannst du dir nicht so lange einen Kaffee holen oder so was?“, schlug Leander vor und zog gleich den Kopf etwas ein, als der mürrische Blick des Wissenschaftlers ihn traf. Das hieß dann wohl soviel wie: Nein.

„Es ist wichtig Jack, wir müssen was prüfen“, versuchte sich nun Erdogan stark zu machen. Sicher, er hätte es anordnen können, doch das wäre erst der nächste Schritt.

„Glaubt ihr, ich plane hier meinen nächsten Urlaub, oder was?“, schnappte Jack zurück und musste dann unfreiwillig grinsen. Irgendwie stimmte das ja sogar. Er wollte unbedingt zu diesen Orten und er plante wirklich gerade, wie er dort hinkommen sollte. „Einen Kaffee“, brummte er leise und brachte die Kugel wieder in den Ursprungszustand.

„Danke!“, flötete Leander, war aber schon um die Kugel gelaufen und zoomte Neo New York. Jack würde seine Einstellungen schon wieder finden. Sie zoomten so groß wie es nur ging und versuchten sich zu orientieren. Verzeichnet waren zwar die Gänge und die Kuppeln, nicht aber die Wohnstätten der Moles.

„Wo in etwa lebt dein Clan, kannst du das abgrenzen?“, fragte Leander. Mit einem solchen Kostüm, wie Ewan sie beschrieben hatte, konnten auch die Gottgleichen – die ja nur Menschen waren und nicht so ausdauernd wie Moles – nicht sehr weit laufen.

„Hm.“ Ewan besah sich den Globus und fuhr mit dem Finger darüber. „Ich kann das Gebiet nur ungefähr eingrenzen, da wir ziemlich selten an der Oberfläche waren. Aber mein Clan lebt ungefähr hier.“ Er fuhr über ein Gebiet, das nördlich von Neo New York lag.

Erdogan nickte und betrachtete sich das Gebiet. Er vergrößerte das Territorium immer weiter, er wollte auch noch den kleinsten Gang sehen. Er entdeckte den zum Geheimlabor, auch die Schnellbahn zurück zur Hauptkuppel. Doch er konnte nichts entdecken, was auf den Geheimgang der Gottgleichen deuten würde. Sollten sie den nicht einmal hier eingetragen haben? Kannten den etwa gar nicht alle von ihnen? „Mist“, knurrte der Prinz leise.

Leander war genauso verstimmt, wie der Prinz. Er zoomte das Gebiet immer weiter. Vielleicht konnte man den Gang ja nur bei der größten Auflösung sehen. Aber auch dann konnte er nichts entdecken. Es gab nicht einmal die Andeutung von Gängen in dieser Gegend. „Verdammte Scheiße. Diese Spinner! Sonst tragen sie akribisch den noch so kleinsten Gang ein, aber das, was wir brauchen können, lassen sie einfach aus“, fluchte er.

„Die Karte war auch nicht für euch gedacht“, erklärte Jack, wissend, dass es den jungen Männern nicht weiter helfen dürfte. Doch so war es nun einmal: diese Kugel war für die Gottgleichen, selbst sie dürften Geheimnisse von Ebene zu Ebene gehabt haben und immer noch haben. Sich darüber zu wundern, dass wichtige Gänge fehlten, war für Jack naiv. Und weil Leander wusste, dass Jack das wusste, reagierte er auch nicht wie gewünscht bissig, sondern knurrte nur leise.

„Dann kannst du deine Kugel wiederhaben. Wir haben erledigt, was wir erledigen wollten“ Erdogan wollte sich auch nicht die Blöße vor Jack geben, aber er war frustriert, wenn man es ihm auch nicht ansah. „Kommt, lasst uns gehen. Wir sollten vielleicht einmal kontrollieren, ob sie unser Serum gefunden haben.“

„Bis eben, als wir dort waren, hatten sie es noch nicht gefunden“, sagte Ewan, doch er stimmte zu, noch einmal vorbei zu sehen. Im Augenblick war er wie ein Tiger im Käfig. Sie waren Gefangene. Raus konnten sie nicht ohne sich selbst langsam zu vergiften. In die Gänge konnten sie nicht, wenn sie an ihrem Leben hingen. Und hier drinnen wurden sie langsam aber sicher wahnsinnig.

Sie mussten irgendetwas finden, um die Moles zu beschäftigen, wenn sie nicht wollten, dass es vielleicht zu Konflikten kam. Erdogan wollte das darum mit dem Anführer der Moles besprechen. Er kannte sein Team am besten. „Sag mal, Ewan, was können wir tun, um deinen Leuten eine sinnvolle Aufgabe zu geben. Sie können zum Beispiel Wache mit meinen Leuten zusammen schieben, wenn sie möchten. Es sollte nur etwas Sinnvolles sein, denn es soll nicht nach einer reinen Beschäftigung aussehen.“

„Ja, das wäre ein guter Anfang“, nickte Ewan, als er neben dem Prinzen zurück zu den Laboren ging. Bill und Adrian dürften nicht erbaut sein, wenn die drei unausgelasteten Soldaten zum Rapport antrabten, doch was sollten sie machen?

„Nach und nach werden wir für alle etwas finden.“ So zuversichtlich, wie er sich gab, war er nicht, denn ihre Möglichkeiten waren begrenzt und die Moles mussten erst einmal hier im Labor und in der Kuppel bleiben. Sie hetzten sich nicht, als sie wieder zum Labor gingen. Eigentlich hatten sie dort nichts zu tun, aber es war immer gut, Bill ein wenig Dampf zu machen, damit er sich mehr anstrengte, das Serum drogenfrei zu bekommen.

Etwas lustlos machten sich die drei Soldaten auf den Weg und liefen extra ein paar Kontrollgänge als Umweg, um sich die Zeit zu vertreiben. Als sie das Labor erreichten, bot sich ihnen allerdings ein merkwürdiges Bild: Bill saß auf einem Tisch und tat gar nichts, während Adrian wie ein Wahnsinniger durch das Labor flitzte, Geräte bediente, abwog und mischte. Fragend sah Leander den Genetiker an und der grinste nur. „Der Mauli ist der Hammer. Ich weiß nicht, wer ihn ausgebildet hat, aber wenn ich mehr von seiner Sorte hätte…“ Er ließ den Satz offen, doch seine leuchtenden Augen machten klar, was er sagen wollte.

„Odin hat ihn ausgebildet. Die beiden haben zusammengearbeitet, seit Odin sich uns angeschlossen hat.“ Ewan sah auf seinen Freund, der ihn noch gar nicht bemerkt hatte. Er war stolz darauf, dass Adrian von Bill so gelobt wurde, denn das waren sie nicht gewohnt. Bisher hatte man sie wie Arbeitstiere behandelt.

„Der Junge ist richtig clever, der weiß vorher, was passiert, wenn ich etwas versuche.“ Bill war immer noch total aus dem Häuschen und die Schmach mit Rodriguez war fast vergessen. „Er hat ziemlich vielversprechende Ansätze gemacht.“ Es hatte keinen tieferen Sinn den Kriegern erklären zu wollen, womit man die Droge substituiert hatte, sie würden ihn nur fragend angucken und den Kopf tätscheln. Es reichte wenn er sagte: „Wir kommen der Sache näher, zwei der Versuche sind seit vier Stunden stabil, ich glaube nicht, dass da noch was schief geht.“ Daher auch seine extrem gute Laune.

„Das heißt, es kann sein, dass wir es geschafft haben?“ Erdogan kam neugierig näher und in seinem Kopf fing es an zu rotieren. „Wenn es stabil und ohne Nebenwirkungen ist, dann müssen wir es testen“, überlegte er und Leander fiel ihm gleich ins Wort. „Du nicht, vergiss das gleich wieder. Ich werde es testen und Jack hat sich auch gemeldet.“

„Du weißt, dass ich davon nichts halte. Ich bin der Missionsleiter“, sagte Erdogan streng, zog aber den Kopf ein, als Leander ihm erklärte, dass er auch Thronfolger wäre und ob man mal seine Mutter fragen sollte, was die von der Idee hielt. Bill und Ewan verkniffen sich das Grinsen, auch wenn es albern aussah und Erdogan zog den Kopf ein, knurrte aber protestierend damit jeder wusste, dass er nicht kampflos aufgab.

„Du auch nicht. Ich brauche dich, um unser Volk zu retten, da gehe ich nicht das Risiko ein, dass du sterben könntest. Ich brauche jemanden, dem ich hundertprozentig vertrauen kann.“ Bevor Leander dagegen protestieren konnte, mischte Ewan sich ein. „Ich werde es auch testen, denn wenn ihr Menschen es vertragt, heißt es noch lange nicht, dass es bei uns auch wirkt, oder umgekehrt. Mit zwei Testern haben wir genug.“

Auch damit war der Prinz nicht einverstanden, doch Ewan ließ keinen Zweifel daran, dass er es testen würde, weil er keinen seiner tapferen Männer und Frauen in Gefahr bringen wollte. Das mussten sie also so hinnehmen.

„Wann wäre es denn so weit?“, fragte Leander neugierig. Er konnte seine Aufgeregtheit nicht verbergen, aber so dicht waren sie noch nie vor dem Ziel gewesen.

„Wir wollen noch zwei Testläufe machen. Adrian und ich machen solange, bis wir wissen, ob es funktioniert oder nicht.“ Bill sprang von dem Tisch und holte ein Blatt Papier von einem der anderen Tische. „Jede Testreihe geht über 10 Stunden, also wissen wir morgen mehr.“

Zufriedenheit sah anders aus, doch es nutzte nichts, die Soldaten mussten Geduld beweisen.

„Und deswegen würde ich euch raten, ihr stromert noch ein bisschen durch die Gänge und lasst uns hier machen. Schön dass ihr da gewesen seid, nehmt euch noch einen Kaffee auf dem Weg nach draußen“, komplimentierte Bill die Störenfriede nach draußen, während Adrian leise kicherte.

Letztendlich taten sie, was Bill ihnen geraten hatte. Sie liefen noch ein wenig durch die Gänge und beschlossen, dass die Moles in Begleitung von Erdogans Soldaten, die weitere Erschließung des Labors übernehmen sollten. Damit hatten sie erst einmal für die nächsten Tage zu tun und sie kamen sich nicht überflüssig vor.

Und während Leander es übernahm, die Soldaten zu führen, scheuchte er Erdogan zurück ins Hauptquartier, denn schließlich war er immer noch nicht ganz auf dem Damm. Auch wenn der Prinz es nicht zugab, ab und an machte der Kreislauf noch Probleme. Es war besser, wenn Daniel sich das noch einmal anguckte. Und während der Prinz nichts ahnend in sein Apartment fuhr, sagte Leander Daniel Bescheid.

So wartete der Arzt schon auf ihn, als er seine Wohnung betrat und unterhielt sich mit Meodin. „Hallo“, begrüßte ihn der Prinz, der noch nicht ahnte, dass er untersucht werden sollte. „Bist du hier, um dir Gift zu holen?“, fragte er gut gelaunt und zog sein Seepferdchen zu einem Kuss zu sich.

Daniel wusste nicht so richtig, wie er das jetzt sagen sollte, also sagte er erst einmal „Nein“ und lockte so Erdogan wieder aus dem Kuss, den Meodin nur knurrend enden ließ. Was war das denn für eine laue Begrüßung.

„Wie bitte?“, fragte Erdogan und zog die Brauen tiefer, doch Daniel ließ sich nicht einschüchtern. Es war ja nur zu Erdogans bestem. „Ich soll dich noch mal untersuchen und wegen dem Gift müssen wir mal reden, es gibt da ein Problem.“

„Leander!“ Erdogan wusste genau, wem er das zu verdanken hatte, aber er sah auch ein, dass seine Einstiche untersucht werden mussten. Es konnte ja immer noch sein, dass sich etwas entzündete. „Okay“, sagte er darum und ließ Meodin los, um sich das Hemd auszuziehen. „Und was ist mit dem Gift?“, fragte er dabei.

„Das ist eine sehr heikle Sache“, druckste Daniel herum, während Meodin sich aufs Bett warf um mit Sal zu spielen, der zusammen mit Erdogans Hemd dort landete. „Ich habe es versucht, doch es war nicht ein Tropfen in den Kanälen der Stacheln. Ich vermute, dass der Körper es nur ausstößt, wenn er erregt ist. Ob das jetzt Angst oder sonst etwas ist, sei dahingestellt“, versuchte Daniel gleich zu verallgemeinern, um Erdogan nicht sofort mit der Nase darauf zu stoßen.

Der sah ihn allerdings mit hoch gezogener Augenbraue an, denn der Prinz hatte schon verstanden, was der Arzt mit sonst etwas meinte. „Und wie stellst du dir das vor?“, fragte er darum. „Willst du ihn wütend machen?“ Erdogan grinste, denn da hatte er schon eine Idee, wie das klappen könnte.

„Ob Wut das hervor bringt, wage ich zu bezweifeln, aber wenn es sein muss, werde ich auch das versuchen. Ich wollte nur vorher dein Einverständnis“, sagte Daniel und tastete die Haut um die Einstiche ab. Die war noch immer rot aber nicht mehr geschwollen. Das war gut. „Und sonst so?“, fragte Daniel deswegen, „Beschwerden? Kreislauf? Blutdruck? Muskelschmerzen?“

„Mein Kreislauf macht ab und zu Probleme, aber nicht sehr schlimm, ansonsten geht es mir gut.“ Erdogan hielt still, als Daniel ihn betastete und sah zu Meodin rüber, der gerade mit Sal raufte. „Du meinst also, dass es wohl nicht klappen würde, ihn wütend zu machen? Wie willst du dann an das Gift kommen?“, fragte er, auch wenn er wusste, worauf der Arzt hinaus wollte.

„Ich gar nicht!“, wehrte Daniel gleich ab. Das war nicht seine Liga, genaugenommen war das noch nicht einmal sein Spiel, auch nicht als Arzt. „Du. Jetzt weißt du ja, was du nicht machen darfst. Wenn ihr fertig seid, lass das Gift hier rein tropfen!“ Mit diesen Worten stellte Daniel ein verschließbares Gläschen auf den Nachttisch, während er sich durch die Haare kratzte. „Du kannst ihm allerdings auch Angst machen. Ich glaube, das könnte die gleiche Reaktion hervorrufen.“ Daniel dachte nach.

„Nee, besser nicht. Ich mag es nicht, wenn er ängstlich ist.“ Erdogan schüttelte den Kopf. Er musste immer wieder an die panischen Augen denken, als er Meodin aus dem Tank geholt hatte. „ich kriege das schon hin, mit dem Gift.“

„Davon gehe ich aus, wäre ja nicht das erste Mal“, sagte Daniel trocken und wusste nicht, ob er viel Spaß oder viel Erfolg wünschen sollte. „Bring es mir einfach vorbei, wenn du es hast.“ Er griff sich seine Tasche und winkte Meodin zu, der ihn etwas fragend ansah und mit dem Gläschen spielte, was Daniel dagelassen hatte.

Grinsend sah Erdogan ihm hinterher und legte sich dann neben Meodin. Er strich ihm über die Wange und lächelte. „Komm her, ich habe dich noch gar nicht richtig begrüßt“, lockte er sein Seepferdchen zu sich. Wenn Daniel Gift brauchte, dann war er der letzte, der sich dagegen sperrte.

Und seit die Kamera vorhin wieder eingepackt worden war, war auch Meodin wieder wagemutiger. Er ließ sich nicht lange bitten für einen Kuss, denn er hatte selbst auch viel zu viel Spaß daran. Also rutschte er auf Erdogan, um ihn intensiver spüren zu können. Er konnte das nicht erklären doch Erdogans Nähe und seine Berührungen waren in der Lage, Meodin alles um sich herum vergessen zu lassen und Meodin ließ sich nur zu gern betören.

Erdogan nahm ihm das kleine Gläschen aus der Hand und stellte es auf den Nachttisch. Das brauchten sie jetzt noch nicht, sondern erst später, sehr viel später, wenn es nach dem Prinzen ging. Meodin brauchte seine Hände nämlich jetzt für viel aufregendere Dinge.


10

„Nein. Du darfst dich immer noch nicht als Versuchstier stellen“, knurrte Leander, als sie am nächsten Abend ins Labor gingen. Bill hatte das Serum für den ersten Human-Test freigegeben und das hatte die Beteiligten nicht in den Zimmern gehalten. Auch wenn das Labor eigentlich schon geschlossen war, versammelten sich die Betroffenen. Erdogan lehnte an einem der Tische, neben ihm Ewan. Jack hielt es nicht mehr an seinem Platz und so scheuchte ihn Adrian, dem der Geologe ständig vor den Füßen herum rannte, zu einem der Tische.

Die zwei Spritzen lagen auf dem Tisch und Jack konnte gar nicht die Augen davon lassen. „Wir brauchen noch zwei, die unsere Probanden überwachen, während sie der Strahlung ausgesetzt sind.“ Bill sah Leander und Erdogan an, denn die zwei maulend und meckernd um sich herum zu haben, war keine Option. „Wir werden den Versuch in der zerstörten Laborkuppel machen, da können wir schneller eingreifen, falls es Probleme gibt.“

„Okay. Ich hol gleich die Anzüge“, erklärte Leander und unterstützt von Erdogan ließ er auch keinen Zweifel aufkommen, wer die Kontrollgruppe bildete.

„Wir werden euch verkabeln. Ich will zu jeder Zeit eure Körperfunktionen auf meinem Monitor. Adrian, dich brauche ich auch als Kontroll-Mole, um Ewans Funktionen einschätzen zu können.“ Damit war der Mole zufrieden, er wollte sowieso hier bleiben und mit Daniel an dem Gegengift für den Prinzen arbeiten. Er hatte Blut geleckt und sein Forscherdrang war enorm.

„Wie lange wird das Serum ungefähr wirken? Das alte hielt 12 Stunden, dann ließ die Wirkung langsam nach.“ Ewan wollte noch etwas mehr erfahren, wie das Experiment ablaufen sollte. Er war unruhig, denn es konnte durchaus sein, dass etwas schief ging.

„So lange wird das erste Serum noch nicht halten. Wir haben herausgefunden, dass es etwa acht Stunden halten wird. Ihr werdet also mit einem Wagen den normalen Weg zur Hauptkuppel nehmen und erst kurz vor dem Betreten der zerstören Kuppel das Serum nehmen. Ich will kein Risiko eingehen“, erklärte Bill und ließ da auch keine Widerworte zu. „Zur Sicherheit werden Anzüge mitgenommen. Die zieht ihr an, wenn ich euch das sage.“

Jack war auch näher gekommen und nickte mit Ewan zusammen. „Wo bleiben die denn?“, fragte er knurrig und sah immer wieder zur Tür. „Los papp die Kabel dran, damit es endlich losgehen kann.“ Der Geologe wollte endlich raus. Es passte ihm nicht wirklich, dass sie erst in die zerstörte Kuppel sollten, aber Bill hatte ihn vor die Wahl gestellt, Kuppel oder gar nicht mitmachen.

Der Genetiker machte die Spielregeln. Entweder hielt er sich daran oder er war raus, so einfach war die Gleichung. Die hatte Jack sehr deutlich verstanden.

„Hemd aus“, kommandierte Bill und platzierte die Pads für die Überwachung der Körperfunktionen. Bei Jack war das nicht schwer. Auf der nackten Haut hielten sie sehr gut. Dann sah er Ewan und Adrian an, die selber das Problem auch gerade erkannt hatten.

„Da hilft wohl nur rasieren“, grinste Ewan schief. Sah zwar bestimmt etwas merkwürdig aus, wenn er mehrere Löcher in seinem Pelz hatte, aber es ging nicht anders. Es war sicherer, wenn Bill sie überwachte.

„Dann runter mit dem Pelz“, musste auch Adrian zustimmen. Dabei sah er an sich hinab. Er würde hinterher aussehen wie ein Fleckenmole, doch es diente der Wissenschaft, da musste man Opfer bringen. Er wusste, wo er Enthaarungsmittel gesehen hatte und so schleifte er Ewan hinter sich her, während Jack schon die ersten Pads geklebt bekam.

Als die Moles wieder da waren, bekamen auch sie ihre Pads und die vier Männer machten sich auf den Weg. Leander hatte die vier Anzüge mitgebracht und hatte noch einmal die Funkverbindung gecheckt. Bill hatte ihnen aufgetragen sich noch einmal zu melden, wenn sie vor der Schleuse ankamen.

Und dann ging im Labor das warten los, während Erdogan und seine Begleiter sich in einem Wagen auf den Weg machten.

Adrian hockte sich hinter die Monitore, doch auch ihm war klar, dass sich so schnell nichts tun würde. Also ging er in das Nebenlabor, wo Daniel mit dem Gift von Meodin experimentierte. „Und? Wie stark ist das Zeug?“, wollte er wissen und kam neugierig näher.

„Du solltest vermeiden, davon vergiftet werden. Erdogan lebt wohl nur noch, weil er das Gegenmittel schnell bekommen hat.“ Daniel sah von seinem Mikroskop auf. „Kennst du Kegelschnecken? Kleine unscheinbare Tiere, aber mit einem der stärksten Gifte überhaupt. Meodins Gift ist ähnlich, aber nicht ganz so stark. Trotzdem ist es absolut tödlich, wenn man kein Gegenmittel bekommt.“

Adrian hob eine Braue. Wer hätte das gedacht. Er machte einen so netten Eindruck. Es wunderte ihn, dass man diese Gene nicht unterdrückt hatte, als man ihn erschuf, doch er sagte es lieber nicht. Den Gottgleichen wäre dieser Fehler wohl nicht unterlaufen. Bitter stieß ihm dieser Gedanke auf und er drängte ihn beiseite. „Das klingt nicht gut. Wenn der Prinz sein Seepferdchen behalten will ohne zu sterben, sollten wir uns was einfallen lassen.“

„Japp, das könnte man so sagen. Erdogan wird ihn nicht mehr hergeben und darum müssen wir ihn immunisieren.“ Daniel hatte schon angefangen die ersten Portionen für die Prozedur fertig zu stellen. Sie sollten möglichst bald anfangen, weil es doch eine Weile dauerte. Länger als geplant, weil das Gift so stark war.

Gut gesichert, damit nicht aus Versehen das Gift auf oder in ihren Körper gelangen konnte, machten sich die beiden ans Werk, ein Antidot herzustellen. Sie mischten, teilten, untersuchten, bis Bill in der Tür stand.

„Adrian, ich sage es nicht gern, aber ich muss dich hier abziehen. Im Augenblick sind es deine Körperwerte, die verrückt spielen. So kann ich Ewan nicht kontrollieren.“

„Oh.“ Adrian guckte schuldbewusst. Er hatte sich so begeistert an die Arbeit gemacht, dass er vollkommen vergessen hatte, dass Bill seine Werte beobachtete. „Tut mir leid, ich helfe dir, wenn ich wieder Zeit habe.“ Daniel nickte nur lächelnd. „Ich würde mich freuen.“

„Es wird ja nicht ewig dauern“, sagte Bill und ging wieder zurück, wissend dass der Mole ihm folgen würde. Er konnte sich gut vorstellen, dass der sich jetzt langweilte und so kam es ihnen ziemlich gelegen, dass die Probanten kurz vor der Schleuse waren.

Darum hockte sich Adrian vor den Bildschirm und beobachtete, wie sich Erdogan und Leander die Anzüge anzogen und dann Jack und Ewan das Serum verabreichten. „Wie sind die Werte?“, fragte er Bill, weil er den Blick nicht von den Vieren nehmen wollte.

„Bisher nichts Auffälliges“, erklärte der Genetiker Adrian und sagte zu den Probanten: „Wartet mal noch ein paar Minuten vor der Schleuse, ob sich etwas tut. Nicht dass ihr das Zeug gar nicht vertragt und gleich hinter der Tür zusammenklappt. Damit ist keinem geholfen.“ Dabei fixierte er die Monitore. Ihm durfte nichts entgehen. Nicht nur das Leben der beiden Versuchspersonen hing davon ab, wenn es gut ging, dann hing das leben von Millionen davon ab. Nicht dass ihm etwas entging, was später einer Menge von ihnen das Leben kostete.

„Okay.“ Erdogan zeigte an, dass er verstanden hatte und hielt Jack fest, der schon losstürmen wollte und jetzt leise nörgelte. Er wollte raus und diese ganzen Verzögerungen regten ihn auf. „Fühlt ihr etwas? Schwindel, Übelkeit oder etwas anderes Ungewöhnliches?“, fragte Bill.

Doch Jack schüttelte gleich den Kopf. Selbst wenn er etwas spüren würde, nichts auf der Welt würde ihn davon abhalten, dort raus zu gehen – einmal in die Freiheit zu treten, koste es, was es wolle, und wenn seine Werte bedenklich wären, dann hätte der Laborheini schon was gesagt. So schlimm konnte es also nicht sein.

Auch Ewan verneinte. Ihm ging es gut.

„Okay – dann los.“ Bill holte tief Luft.

Sie öffneten die Schleuse und betraten den kleinen Raum. Gleich würde sich zeigen, ob das Serum wirkte. Bill konnte auf seinem Monitor sehen, dass der Puls bei allen Vieren anstieg, aber noch war es nicht bedenklich. Jack konnte es kaum erwarten, bis die Türen sich öffneten und war auch der erste, der in die Kuppel trat und sich neugierig umsah.

Das Labor an sich hatte sich nicht verändert. Die Räume wirkten unordentlich, es gab Schäden, doch an sich war es nicht anders als vorher. Er wirkte etwas enttäuscht. Er hatte sich das alles spektakulärer vorgestellt. Er ließ also los, denn er wollte an die Stelle, wo die Moles die Kuppel geöffnet hatten. Er wollte wenigstens den Hauch von Außenwelt spüren. Die anderen mussten ihm folgen und Leander fluchte leise. Der war ja schlimmer als Meodin im Aquarium!

Ewan war da ganz anders. Er wirkte ein wenig zögerlich und Erdogan konnte sich vorstellen, was dem Mole im Kopf rumging. Schließlich war es sein Werk, dass die Kuppel verseucht war. Der Prinz klopfte ihm auf die Schulter und lächelte. „Komm lass uns Leander helfen. Alleine kriegt er Jack nicht gebändigt.“

„Ich hätte nicht gedacht, dass der Mann noch so rüstig ist“, gestand Ewan und so folgten sie Leander und Jack, bis auch sie an der Öffnung standen.

„Was soll der Mist!“, brüllte Bill ihnen in die Headsets. „Wir hatten gesagt in der Kuppel. In der Kuppel! Ihr wisst, was innen bedeutet, das ist das Gegenteil von draußen!“

„Sag das Jack und nicht mir. Ich will da nicht raus, aber irgendwer muss ihn ja wieder zurückholen“, knurrte Leander und spurtete los, damit er Jack noch zu fassen bekam, der sich erstaunlich flink über das Gelände bewegte. „Ein Wort und der Ausflug ist für dich erledigt“, sagte er wütend und schob den Geologen wieder zurück zum Loch.

„Ich lass mich doch nicht von dir bremsen!“ Jack sah nicht ein, dass er so kurz vor dem Ziel stoppen sollte, doch da wurde er im Genick gepackt. Es war Ewan, der seine Kraft einsetzte, um Jack zu stoppen. Die beiden in den Anzügen konnten leider nicht so hantieren, wie sie es gern getan hätten, also musste der Mole eingreifen.

„Noch ein Widerwort und du bist raus aus der Nummer. Dann bleibst du in deiner Kuppel bis dir die Decke auf den Kopf fällt“, knurrte Erdogan. Etwas in der Art hatte er sich fast gedacht.

Und so, wie der Prinz guckte, meinte er das vollkommen ernst. Jack wusste, dass jetzt nicht mit Erdogan zu spaßen war, darum begnügte er sich damit, leise zu fluchen und zu grummeln. „Wie sind Jacks und Ewans Strahlenwerte?“, fragte Leander. Schließlich waren sie nicht zum Spaß hier.

„Alle Werte normal“ Bill wirkte schon wieder ruhiger. Das war gut. „Am besten seht ihr euch noch ein bisschen in der Kuppel um. Lasst euch nicht so an den Rändern sehen. Wenn euch jemand aus den anderen Kuppeln sehen kann, werden Fragen aufkommen. Wir sind noch nicht so weit.“

„Okay.“ Sie gingen tiefer in die Kuppel und durch ein paar Räume. Es war schade, dass die ganzen Räume und Geräte nicht mehr zu benutzen waren. Erdogan zog es in das Labor, wo er Meodin das erste Mal gesehen hatte und unwillkürlich musste er lächeln. Es war noch gar nicht lange her, aber er konnte sich ein Leben ohne sein Seepferdchen nicht mehr vorstellen.

Er hatte keinen Schimmer wie sein Leben jetzt laufen würde, wenn er nicht hier her gekommen wäre, um Frankenstein auf die Finger zu sehen. Was wohl aus Meodin geworden wäre? Eher lustlos hatte er dem Befehl seines Vaters gehorcht. Und heute? Heute arbeitete er mit diesem Mann zusammen, er hatte Meodin an seiner Seite.

Leander beobachtete den Prinzen, er konnte sich denken, an was er dachte, doch er hatte eigene Erinnerungen an das Labor. Hier war er stationiert gewesen. Eine Zeit lang hatte er hier gelebt. Dabei war das noch gar nicht so lange her.

Aber auch er hatte nicht nur schlechte Erinnerungen an dieses Labor. Hier hatte er Allan kennen gelernt und entgegen aller Vermutungen hatte sich daraus so etwas wie eine Beziehung entwickelt. „Wollen wir hier Wurzeln schlagen?“, maulte Jack, der immer noch etwas verstimmt war.

„Ja, genau das haben wir vor“, ätzte Leander, dem die Laune des Forschers auch gegen den Strich ging, doch Erdogan legte ihm die Hand auf die Schulter. So gingen sie weiter. Ewan beobachtete die Menschen und machte sich sein eigenes Bild. Hier hatte er das erste Mal Erdogan getroffen, im wahrsten Sinne des Wortes. Er hatte das Leben des Menschen in der Hand gehabt. Er wusste nicht, warum er ihn nur verwundet und nicht getötet hatte, doch es war ein Segen gewesen, dass der Prinz nicht gestorben war.

Bill gab zwischendurch immer wieder ihre Werte durch und jetzt, wo die erste Aufregung sich wieder gelegt hatte, lagen sie alle im grünen Bereich. Ewans Werte unterschieden sich nur minimal von Adrians, so dass man sagen konnte, dass auch die Moles das Serum gut vertrugen. Jetzt musste sich nur noch zeigen, ob die Wirkung auch anhielt.

Aber sie wollten es nicht ausreizen und Lebensgefahr provozieren, so beorderte Bill seine Versuchskaninchen nach vier Stunden in der Kuppel erst einmal zurück zu einem gründlichen Check. Sie würden die Außeneinsätze jedes Mal verlängern, aber erst, wenn ihre Zellkulturen gezeigt hatten, wo in etwa das Limit der Wirkung lag. Er wollte kein einziges Leben riskieren.

„Also morgen, sehen wir uns wieder. Das machen wir jetzt die ganze Woche.“ Bill trug die letzten Zahlen in seine Liste ein und wirkte sehr zufrieden. Weder Jack noch Ewan zeigten irgendwelche Zellschäden und auch keine sonstigen negativen Reaktionen. Adrian zog Ewan gleich mit sich, denn er wollte alles haarklein erzählt bekommen.

Jack hingegen raffte sein Zeug und verkrümelte sich. Er war immer noch verstimmt darüber, dass sie eigentlich nur in einer Kuppel herumgewandert waren. Das gleiche konnte er hier auch tun. Jeden Tag, wenn er das wollte. Wenn es nicht bald ganz vor die Tür ging, dann seilte er sich ab!

Leander sah ihm nach und holte tief Luft. „Mit dem werden wir noch Spaß haben, er hat Blut geleckt und noch keine Beute geschlagen“, murmelte er leise.

„Ja, da stimme ich dir zu. Wir müssen ihn im Auge behalten.“ Erdogan war froh wieder aus dem Anzug raus zu sein. Dass er den in den nächsten Tagen ständig tragen würde, gefiel ihm nicht, aber da musste er durch, wenn er das Serum selber nehmen wollte. „Wir sollten uns zusammensetzten und überlegen wie wir weiterverfahren, jetzt wo wir das Serum haben.“

„Ich schlage vor zum Abendessen im Gemeinschaftsraum. Wir können uns ja einschließen“, sagte Leander, denn auch er war der Meinung, dass jetzt der Grundstein dafür gelegt werden musste, wie es weiter gehen sollte. Sie durften zum einen nichts überstürzen, zum anderen nicht zu lange damit hinter dem Berg halten. Der Fürst musste informiert werden. „Zumindest deinen Vater müssen wir eher früher als später einweihen!“

„Das mache ich jetzt sofort.“ Nachdem sein Vater das letzte Mal klar gemacht hatte, dass er es nicht tolerierte, uninformiert zu sein, hatte Erdogan regelmäßig von ihren Fortschritten berichtet. „Ich muss sowieso duschen, dann kann ich das gleich erledigen. Trommelst du alle zusammen?“

Leander nickte und grinste. Er kannte doch Erdogan! Der wollte nicht nur duschen – sicherlich zumindest nicht gleich. Seit Meodin auf den Geschmack gekommen war und sie wussten, was zu vermeiden war, vergnügten sich die beiden regelmäßig. Der arme Michael hatte sich sogar schon ein neues Zimmer gesucht. Im Augenblick wurde er kaum gebraucht. Erdogan war selten zu Hause, Meodin war unterwegs. So suchte sich auch der Assistent etwas, um sich die Zeit zu vertreiben.

„Gut, dann sehen wir uns alle nachher.“ Er wählte schon seinen Vater an, während er sich umdrehte und erzählte ihm, wie das Serum funktioniert hatte. Sein Vater war noch immer skeptisch, aber so langsam sah er auch die Vorteile, die es bringen konnte, dass sie die Kuppel verlassen konnten.

„Ich möchte, dass du mir bei Gelegenheit ausführlich hier im Empire berichtest. Es wird auch die Minister und Jefferson interessieren“, sagte Antion und so wie er den Namen seines Beraters betonte, machte er klar, dass er es immer noch nicht schätzte, dass Erdogan seiner Informationspflicht Jefferson gegenüber nicht nachkam. Doch er beließ es bei einem indirekten Rüffel, es hatte ja doch keinen Zweck. Die beiden wurden nicht grün miteinander. Es waren nicht nur Generationen, die da aufeinander trafen, es waren auch verschiedene Ansichten und Erwartungen vom Leben.

Während Jefferson alles daran setzte, um Neo New York zu bewahren, wollte Erdogan wissen, wie die Welt funktionierte – die ganze Welt. Irgendwie konnte er seinen Sohn ja auch verstehen, aber er hatte den Eindruck, dass Erdogan dabei die vordringlichen Probleme seines Volkes vergaß. „Ich komme morgen vorbei, nachdem wir draußen waren“, versprach Erdogan.

„Junge, du bist mir noch etwas schuldig“, erinnerte Antion und sah seinen Sprössling strafend an. „Du wirst Unit 1 mitbringen und ich will Bills Untersuchungsbericht über die Machbarkeit endlich haben.“ Denn der lag immer noch nicht vor. Der Fürst hatte eingesehen, dass Erdogan im Augenblick andere Sorgen hatte, doch für ihn als Herrscher stand das Volk an erster Stelle und ihr grundlegendes Problem der Unfruchtbarkeit.

„Ich werde ihn mitbringen und deinen Bericht bekommst du, wenn wir mit unserer Testreihe durch sind. Bill ist im Moment sehr eingespannt, aber Meodins Untersuchung ist sofort das nächste, was er macht.“ Wie er Meodin das klar machen sollte, wusste er auch noch nicht, denn begeistert war sein Seepferdchen davon nicht.

Er hatte mittlerweile sehr gut verstanden, dass er anders war und auch, warum er anders war. Zwar beteuerte Erdogan ihm immer wieder, dass es egal war, ob es gelang, in ihm ein Kind reifen zu lasen oder nicht, er würde Meodin zu nichts zwingen und schon gar nicht sich wieder von ihm trennen, wenn das Seepferdchen das nicht wollte. Doch unsicher war Meodin immer noch.

„Gut, Erdogan, ich nehme dich beim Wort. Wir sehen uns dann morgen.“ Antion verabschiedete sich.

„Wenn nur nicht unbedingt Jefferson dabei sein müsste“, brummte der Prinz und steckte sein Handy wieder weg. Seit sie an dem Serum arbeiteten, verstanden sie sich noch schlechter als sonst und so langsam kam Erdogan zu dem Schluss, dass der Berater seines Vaters versuchte ihn zu blockieren. Aber dann zuckte er mit den Schultern. wahrscheinlich passte es Jefferson nur nicht, dass Erdogan mehr Aufmerksamkeit bekam.

„Jemand Zuhause?“, rief Erdogan laut, als die Tür seiner Wohnung wieder hinter ihm zu glitt.

„Na-hein!“, kam es prompt aus der Küche. Sal hüpfte dem Prinzen aus dem Hemd, was er eigentlich nicht tat, weil er so nicht spürte, ob der Prinz in Gefahr war, doch hier konnte ihm ja nicht viel passieren und wenn Meodins Stimme aus der Küche kam, dann fiel für Sal grundsätzlich ein Leckerchen ab. Da war sich jede genmanipulierte Ratte selbst die Nächste.

„Hallo Süßer.“ Erdogan guckte in die Küche und grinste über Sal, der sich schon an Meodins Bein entlang hangelte. „Verwöhn ihn nicht so“, grinste er und wusste, dass es nicht beachtet wurde. „Ich bin duschen und danach gleich wieder weg. Wir haben große Besprechung.“

„Gleich wieder weg?“ Verstimmt guckte Meodin aus der Tür auf den Flur, wo Erdogan gerade eine Spur aus Kleidern legte und noch ehe die letzte Schale gefallen war, war die Tür zu. Was ging denn jetzt ab? Missgelaunt lehnte Meodin mit dem Rücken am Kühlschrank und blickte Sal an, der zufrieden an seinem Stück Cracker nagte. „Einen schönen Idioten hast du da“, erklärte das Seepferdchen dem kleinen Tier und schnaubte.

Er sah auf, als die Badezimmertür wieder auf ging und Erdogan rausguckte. „Na, wo bleibst du denn?“, grinste der Prinz und verschwand wieder. Dass er nicht viel Zeit hatte, hieß noch lange nicht, dass er sie nicht mit Meodin verbringen konnte und er hatte eigentlich gedacht, dass sein Seepferdchen ihm gleich folgte.

Allerdings stand der noch etwas pikiert in der Küche herum, blinzelte ein- zweimal ehe er sich die Klamotten vom Leib schälte und seinem Prinzen folgte. „Du hättest mich wenigstens mit einem Kuss locken können“, knurrte er und zeigte deutlich, das sie daran echt noch üben mussten. Dann war die Badezimmertür zu und Sal mit einer Packung Cracker alleine. Es war klar, dass es nur einen Überlebenden und einen mit Magenschmerzen geben würde.

Er hatte genug Zeit für sein Unterfangen, denn es dauerte ein wenig, bis die Badezimmertür sich wieder öffnete und ein wesentlich zufriedener Meodin wieder herauskam. Er hatte nicht nur seinen Kuss, sondern noch eine besondere Entspannungstechnik von Erdogan gezeigt bekommen, die ihm mehr als gut gefallen hatte.

So grinste er vor sich hin und pfiff sich eins, als er sich die Haare trocken rubbelte. Das Handtuch um die Hüfte verhüllte mehr schlecht als recht die nötigsten Stellen. Auf dem Weg ins Schlafzimmer, wo die Klamotten lagerten, kam er an der Küche vorbei und hob die Braue, als er Sal auf dem Rücken liegen sah. Oh – das dürfte Ärger geben! Hastig lief er zu dem kleinen Tier und hob es hoch, ein paar Krümel rieselten aus dem Fell. „Vielfraß!“

Sal reagierte nur mit einem leichten Ohrenzucken. Zu mehr war er nicht fähig. Alle Viere von sich gestreckt, lag er auf Meodins Hand und rührte sich nicht mehr. So fand Erdogan sie, als er aus dem Bad kam. „Oha“, lachte er und strich vorsichtig über das kugelrunde Bäuchlein. „Du bleibst wohl besser hier.“

Meodin hob ungläubig die leere Tüte. Die hatte er sich zusammen mit Diego beim Lagerwart ergaunert und er hatte nicht einen davon abbekommen. Das Seepferdchen knurrte leise. „Ich hoffe, du hast unheimliche Schmerzen!“ Man beraubte ihn nicht einfach seiner Leckerchen! Erdogan hatte das schon gelernt, Sal hoffentlich auch bald.

Meodin legte ihn also dorthin, wo er ihn her genommen hatte und ging sich umziehen. Erdogan hatte zugesagt ihn mitzunehmen. Schließlich ging es irgendwo auch um ihn.

„Morgen fahren wir zur Hauptkuppel, ich muss zu meinem Vater“, erzählte Erdogan ihm noch, denn das hatte er vorhin komplett vergessen. „Da können wir dann noch ein paar Dinge besorgen, die du haben möchtest.“

Meodin nickte und wand sich mit einer eleganten Bewegung in eine Hose. Über die noch feuchten Beine rutschte der Stoff nur nachlässig. „Klar, warum nicht. Ich kann mich kaum daran erinnern, als ich dort war. Vielleicht könnte es mir da ja gefallen“, überlegte er, mehr aber um sich selbst davon zu überzeugen, dass ihm dort nicht nur schlechtes wiederfahren würde.

Er lehnte an der Wand und beobachtete Erdogan, wie auch er sich hastig anzog, sie hatten nicht viel Zeit. Leanders Gesicht zeigte sich gerade auf dem Bildschirm im Schlafzimmer.

„War klar, dass ich euch hier finde“, grinste er zufrieden.

„Ich musste duschen.“ Erdogan wusste, dass er das Falsche gesagt hatte, als er den Satz ausgesprochen hatte. Aber jetzt war es nicht mehr zu ändern und er musste damit leben, dass Leander sich nicht entgehen ließ, ihn aufzuziehen. „So, so. Ich habe auch geduscht, aber ich bin schon trocken und seit mindestens 30 Minuten angezogen.“

„Du mich auch“, knurrte der Prinz leise, während Meodin sich auch lieber ein Shirt anzog, nicht dass er noch hier bleiben musste, weil er halb nackt war. Er ließ sich von Leander nicht beirren und verschwand noch einmal in der Küche, wo Sal leise starb, zumindest wimmerte er so. Meodin hob ihn also auf und legte ihn auf ein Tuch auf die Couch. Sollte er dort in Ruhe verdauen. Auch das Seepferdchen hatte noch Hunger, also suchte er sich etwas und war fertig, als Erdogan beschlossen hatte, Leander und seine spitze Zunge zu ignorieren und endlich zu gehen. Er nahm Meodin an die Hand und zog ihn aus der Wohnung. Dabei erzählte er ihm von dem gelungenen Experiment und wie sie die restliche Woche damit zu tun hatten. Erdogan hatte sich angewöhnt seinem Seepferdchen alles zu erzählen. Meodin war oft anderer Meinung, als er selbst und so kam es oft zu hitzigen Diskussionen. Allerdings stimmte auch Meodin mit Leander überein, dass es gar nicht in Frage gekommen wäre, dass der Prinz sich selbst opferte und das Seepferdchen machte auch keinen Hehl daraus, dass er egoistisch war und Erdogan auf den Kopf zu fragte, was aus ihm würde, wenn dem Prinzen etwas passierte.

Doch er bekam keine Antwort mehr, denn die Tür des Besprechungsraumes öffnete sich, weil Daniel noch etwas holen wollte und in die beiden Nachzügler rein rannte.


11

„Oh, da seid ihr ja. Dann sind wir vollzählig. Geht schon rein, bin gleich wieder da.“ Daniel gab die Tür frei und lief schnell in sein Büro. Er hatte seine Aufzeichnungen liegen gelassen. Nach Bill hatte er selber Ewan und Jack noch einmal untersucht und war zu dem gleichen Ergebnis gekommen, wie der Genetiker.

Doch darüber konnten sie gleich reden. Hastig griff er seine Notizen und eilte zurück. Er stand schon seit Stunden unter Strom. Auch weil er an dem Gegenmittel für das Gift arbeitete, was unglaubliche Konzentration von ihm forderte. Bill hatte ihn schon beiseite genommen und ihm Ruhe verschreiben wollen, doch davon hatte Daniel nichts hören wollen. Er hatte Arbeit bis über beide Ohren und keine Zeit für Ruhe.

Er konnte so etwas einfach nicht liegen lassen. Dazu war er zu neugierig. Genauso wie Adrian, der immer wieder bei ihm reinschneite und mithalf, wo er nur konnte. Er wollte lernen und der Mole hatte schnell begriffen, an wen er sich da wenden musste.

Der junge Mann war alles in allem sehr clever und ziemlich flink. Daniel war fasziniert, mit wie viel Feingefühl er mit seinen Klauen umgehen konnte.

„So, da wir jetzt vollzählig sind, machen wir die Tür zu. Greift zu, ist genügend da!“ Leander deutete auf das kleine, eilig aber liebevoll zusammengetragene Buffet im Hintergrund und erhob sich selber. Sie konnten alle etwas zwischen die Zähne vertragen und so vergingen die nächsten Minuten damit, dass sich jeder versorgte. Besteck klapperte, Stühle kratzten über den Boden. Dann saßen alle wieder.

Es konnte losgehen.

Erdogan sah in die Runde und räusperte sich kurz, so dass sich alle ihm zuwandten. „Wir haben einen großen Schritt vorwärts gemacht und endlich das Serum ohne die Drogen hinbekommen. Wir sollten uns überlegen, wie wir weiterverfahren. Wer bekommt es?“

Bill sah von seinem Teller auf, auf dem er gerade herumgestochert hatte. „Wie bitte?“, fragte er und der lauernde Unterton in seiner Stimme machte klar, dass der Prinz gerade auf dem falschen Weg war. Auch Adrian und Daniel hatten die Köpfe gehoben. Doch Bill war der einzige, der den Prinzen offen fragte, ob er denn einen Knall hätte. „Wir haben gerade mal zwei Testläufe, wir wissen nichts über Nebenwirkungen oder Organreaktionen, nichts über die Spätfolgen und du willst anfangen es zu verteilen? Ich glaube, es geht los.“

Verärgert zog Erdogan die Brauen zusammen und sah den Genetiker kühl an. „Das wir noch weiter testen müssen, ist mir selber vollkommen klar, aber wir sollten uns langsam Gedanken darüber machen, wie es weitergeht, wenn das Serum nebenwirkungsfrei ist. Ich will diese Frage nicht von heute auf morgen entscheiden, nur weil wir es vor uns her geschoben haben. Ich bin gerne auf alles vorbereitet.“

Bill holte tief Luft, doch er sagte nichts mehr. Sie tickten einfach nicht synchron, das machte keinen Sinn, dem Kerl zu erklären, dass er sich Gedanken über Eier machte, die vielleicht nie gelegt wurden. Doch das sollte nicht sein Problem sein. Wenn der Prinz nachdachte, wie er das verteilte, konnte er in Ruhe essen. Das tat er auch.

„Ehe Hinz und Kunz nach draußen geht, sollte das Terrain untersucht und gesichert sein. Bleiben nur wir und die Soldaten“, erklärte Leander, um dem Gespräch einen Sinn zu geben und nicht nur Reibereien.

„Ja, so habe ich mir das auch gedacht.“ Erdogan nickte. Zum Glück gab es unter den Soldaten auch Techniker, und medizinisches Personal, so dass sie wahrscheinlich niemanden sonst mehr brauchten. „Ich wäre dafür, eine Testgruppe aus Freiwilligen zusammenzustellen und mit ihnen die Langzeitwirkung zu prüfen.“

Leander nickte. „Ich werde morgen mit den Männern reden und ihnen auch alles erklären. Mir wäre es lieb, wenn Daniel dabei sein könnte, falls sie Fragen haben.“ Der Arzt willigte ein, auch wenn er noch nicht viel über das Serum und seine Folgen wusste. Aber es machte immer ein gutes Bild, wenn medizinisches Personal dabei war.

„Wie es dein Vater allerdings handhaben wird, sobald er Bescheid weiß, wissen wir nicht.“ Leander traute seinem Fürsten zwar, aber nicht dessen Berater. Und ihn zu umgehen war nicht möglich.

„Um meinen Vater kümmere ich mich morgen. Meodin und ich sollen zu ihm kommen. Dann werde ich ihm berichten, was wir bisher erreicht haben und wie wir weiterverfahren wollen.“ Erdogan musste nicht betonen, dass er über Jefferson genauso dachte wie Leander, aber er hoffte, dass er seinen Vater in einem persönlichen Gespräch klar machen konnte, dass er seinem Sohn vertrauen und ihn weitermachen lassen konnte.

„Meodin soll zu ihm kommen?“, fragte Leander und sah das Seepferdchen offen an, das gerade ziemlich unbeteiligt in einer Tasse rührte. Er schien sich zu langweilen. „Warum?“ Leander ahnte nichts Gutes.

„Mein Vater will wissen, ob das Experiment mit den Units geglückt ist, oder nicht. Bill soll ihn demnächst untersuchen.“ Nur wer den Prinzen gut kannte, merkte die Spannung in seiner Stimme und die unterschwellige Ablehnung. Er wollte nicht, dass Bill Meodin auch nur anfasste.

Und Meodin ging es da nicht anders. Er sah auf, hörte auf in seiner Tasse zu rühren und musterte erst Erdogan, dann Frankenstein. Er wusste, dass es sich nicht geziemt, dem Prinzen jetzt zu widersprechen, also verzog sich sein Gesicht in Wut und er blickte wieder in seine Tasse. Doch seine Gedanken fingen an zu kreisen. Er sollte untersucht werden, gucken ob er funktionierte, ob er das konnte, wofür er gemacht worden war. Wut stieg in ihm auf. Erdogan hatte gelogen.

Erdogan war unter dem wütenden Blick zusammengezuckt und seufzte innerlich. Er hatte keine andere Wahl. Er war der Prinz und konnte nicht einfach seine Wünsche über die seines Vaters und das Wohl des Volkes stellen. Er sah zu Meodin rüber, aber dieser ignorierte ihn und Erdogan wusste, dass sie mit dem Thema noch nicht durch waren.

Immer wieder hatte sein Seepferdchen gefragt und Erdogan hatte ihm beteuert, dass es ihm gleich war, ob Meodin das konnte, wofür er gemacht worden war oder nicht. Für ihn war Meodin Meodin – das allein zählte. Doch nicht für die Genetiker, nicht für sein aussterbendes Volk. Er konnte ihnen nicht erklären, warum er ihnen eine der Möglichkeiten, endlich wieder vermehrt Kinder in die Welt zu setzen, egoistisch vor enthielt. Er konnte es nicht erklären. Er war der Prinz, er war für sie verantwortlich – das war seine Aufgabe.

Wie gern hätte er Meodin jetzt in den Arm genommen, aber so gut kannte er sein Seepferdchen schon, dass das kein gute Idee war. Noch einmal sah Erdogan zu ihm rüber, aber als er immer noch ignoriert wurde, sah er Bill an und wechselte das Thema. „Wie viele Männer brauchst du für deine Testgruppe?“

„Ich würde sagen, guckt doch erst einmal wie viele von den Jungs sich freiwillig melden“, sagte Bill, denn es kam für ihn nicht in Frage, die Männer zu zwingen. Er mochte skrupellos sein, um sein Ziel zu erreichen, doch er ging eigentlich nicht über Leichen – zumindest nicht hier. „Wenn wir zehn finden, die uns helfen wollen, ist das gut, wenn es nur fünf sind, müssen wir damit arbeiten. Und vergesst nicht, dass wir eine Kontrollgruppe brauchen, die ohne das Serum ebenfalls untersucht wird und unter Beobachtung steht.“ Sie mussten sich gleich verhalten, sich gleich bewegen, genauso viel schlafen und arbeiten wie die Probanten.

„Gut.“ Erdogan und Leander nickten. Das musste machbar sein. Der Prinz bedauerte es, dass er morgen nicht dabei sein konnte, aber er vertraute Leander und wusste, dass dieser die besten Leute für die Testgruppe finden würde. „Ich bin auf jeden Fall auch dabei“, meldete sich auf einmal Jack. „Lasst euch ja nichts anderes einfallen.“

„War klar“ Leander schüttelte den Kopf, lachte aber. „Ich dachte eigentlich, dass du dich weiter um die Kugel im Observatorium kümmern willst. Da ist ja auch das eine oder andere noch offen“, stichelte er, denn selbst Jack konnte nicht an zwei Fronten gleichzeitig kämpfen.

„Ihr könnt euch ruhig auch einmal ein wenig anstrengen. Ich gehe nach draußen.“ Jack hatte seine Prioritäten schon nach dem ersten Ausflug gesetzt. Zwar war es schade, dass er nun die Kugel vernachlässigen musste, aber gegen die Möglichkeit unbekanntes Terrain zu erkunden, verblasste die virtuelle Welt.

„Du bist der Wissenschaftler, nicht wir. Wir sind nur profane Soldaten“, schickte Leander noch zurück, doch er hatte begriffen, das Jack von seinem Entschluss nicht mehr abzubringen war. Den ersten Freiwilligen hatten sie also schon.

„Lässt sich das neue Serum genau so schnell herstellen wie das Drogenzeug?“, fragte Leander weiter und Bill schüttelte den Kopf. „Die Verbindung ist sensibler und benötigt mehrere Ruhephasen in der Herstellung“, erklärte der Genetiker und Adrian nickte eifrig.

„Wenn wir die Herstellung zu sehr beschleunigen, wird es instabil“, erklärte der Mole und sah dann Ewan an. „Von uns sollten auch einige in der Testgruppe sein. Schließlich soll unser Clan auch das Serum bekommen. Wir sollten morgen mit ihnen sprechen.“

„Das sowieso“, entgegnete der Rebellenführer, wirkte aber nachdenklich. „Doch das andere Serum dürfen wir nicht vernachlässigen. Wenn wir dem Clan von heute auf morgen das neue Serum geben, haben sie trotzdem die Entzugserscheinungen. Wir müssen sehen wie wir das in den Griff kriegen.“ Es schien unausweichlich, dass sie mit José sprachen. Doch mit dem Fanatiker war nicht zu reden, ohne das eigene Leben zu gefährden. Die Götter wollten immer noch ihre Köpfe.

„Das einfachste wäre, sie nach und nach zu entwöhnen, allerdings ist das in der jetzigen Situation schwierig“, meldete sich Daniel zu Wort. Was geschah, wenn die Moles ihre Droge nicht mehr bekamen, hatten sie gesehen und das machte sie dann zu einem unkalkulierbaren Risiko. „Wir sollten testen, ob wir die Wirkstoffe nicht nach und nach austauschen können.“

„Das halte ich auch für das beste. Wir sollten die Dosierung der Droge nach und nach drosseln und müssen dabei sicherstellen, dass sie das Serum nur noch von uns bekommen und nicht von den Gottgleichen. Das würde den Erfolg gefährden“, sagte Adrian und er wusste nicht, wie sie verhindern sollten, dass die Gottgleichen ihre Sklaven bei der Stange halten wollten. Wenn aufflog, dass die Moles eine zweite Bezugsquelle hatten, dürfte der Teufel lossein.

Was wenn die Gottgleichen den Clan vergifteten aus Rache, weil sie sich unwissend abgewendet hatten?

An den Gesichtern der anderen sah er, dass sie das gleiche dachten wie er und auch keine Lösung für das Problem hatten. Im Moment konnten sie nur darauf hoffen, dass die Gottgleichen sich weiterhin an ihre Drohung hielten und kein Serum mehr verteilten. Allerdings ging das nur so lange gut, bis sie merkten, dass die Moles nicht verrückt wurden und starben.

Und sie mussten darauf spekulieren, dass die Moles sich schnell regenerierten. „Wir müssen es versuchen, wir haben keine andere Wahl. Adrian, wie schnell kannst du ein Serum mit etwas weniger von dem Mistzeug herstellen?“ Ewan wollte nicht länger ein langes Gesicht einhängen, er wollte handeln!

„Ich werde mich sofort dran machen. Gib mir ein paar Tage.“ Zum Glück hatten sie herausgefunden, dass die Droge und der Ersatzstoff sich bis zu einem gewissen Grad gegeneinander austauschen ließen. Das Serum war dann zwar wieder instabiler, aber es ließ sich benutzen. Das war zwar nicht optimal, aber besser als gar nichts.

Im Augenblick brauchten es die Moles auch weniger für die Arbeiten im verstrahlten Bereich als mehr zum Überleben, um die Schmerzen des Entzuges ertragen zu können. Trotzdem war Adrian nicht ganz wohl bei der Sache. Doch wenn sie zögerten, dann starb der ganze Clan und das war unter allen Umständen zu vermeiden.

„Und wie machen wir weiter?“, wollte Leander wissen und sah seinen Prinzen dabei an. Das Labor hier konnten sie nicht aufgeben, es musste weiter bewacht und unterhalten werden. Sie konnten also nicht so bald von hier abziehen.

„Im Moment ist ein dringendes Problem auch das Labor selber. Nur wir beiden können die Türen öffnen. Wir brauchen mindestens noch zwei weitere Personen. Wir haben ja vor ein paar Tagen gesehen, dass wir beide ausfallen können.“ Darüber hatte Erdogan schon die ganzen Tage nachgedacht. Bill einen Zugang zu geben, hatte er schnell wieder verworfen. „Ich wäre dafür, dass Ewan Zugang bekommt und wieder Thom, wenn er möchte.“

„Und was ist mit mir?“, fragte Bill, der seinen Namen vermisste. Das konnte sich doch nur um ein Versehen handeln! „Darf ich daran erinnern, dass ich es bin, der das Serum bearbeitet hat und weiter entwickelt?“ Sicherlich mit Hilfe, keine Frage und die kehrte er auch nicht unter den Teppich, doch dass er jetzt außen vor blieb, konnte sein Ego nur schwer vertragen.

„Wir wissen, das alles und genau aus diesem Grund bekommst du keinen Zugang. Du bist zu wichtig an der Arbeit am Serum. Da geht es nicht, dass wir dich ständig davon abziehen oder stören, nur damit du jemanden rein oder raus lässt.“ Erdogan hatte schon mit dem Einwand gerechnet und hoffte dem Wissenschaftler so den Wind aus den Segeln zu nehmen.

„Wie bitte? Das macht doch gar keinen Sinn!“ Bill war außer sich, doch Leander sah ihn streng an. „Okay, wenn du es genau wissen willst“, sagte er und holte tief Luft. „Du warst auch im Gespräch, doch du bist zu sehr Arbeitstier. Wenn du in das Labor kannst, wann du willst, dann wirst du dort nicht mehr raus kommen, du wirst deine Gesundheit ruinieren und du wirst dich nicht belehren lassen. Das haben wir gesehen, als du wegen dem Angriff im Labor außer Gefecht warst. Wir schützen dich nur vor dir selber!“

„Das ist doch...“, begehrte Bill auf, aber Erdogan hob die Hand. Jetzt war er wieder der unnahbare Prinz, der Befehle gab, die befolgt werden müssen. „Wir haben so entschieden und gut. Du bist wichtig und darum musst du geschützt werden, auch vor dir selbst. Da gibt es keine Diskussionen drüber.“

Bill schüttelte den Kopf. Das durfte doch alles nicht wahr sein. War das der Lohn dafür, dass er sich so in die Sache rein gekniet hatte? Doch auch ihm war klar, dass es im Augenblick keine andere Entscheidung geben würde, egal ob er sich jetzt auf die Hinterfüße stellte oder nicht. Allerdings war für ihn das letzte Wort darüber noch nicht gesprochen, das wurde noch einmal thematisiert, nur nicht heute.

„Gut, wäre das auch geklärt“, sagte Leander und lehnte sich zurück. Nach Meodin war Bill jetzt der zweite, der angepisst in seine Tasse starrte und darinnen herum rührte. Nicht schlecht für einen Abend. Er seufzte.

Manchmal, war er wirklich froh, nicht der Thronfolger zu sein und solche Entscheidungen treffen zu müssen. „Okay, dann haben wir wohl erst einmal alles besprochen. Machen wir uns wieder an die Arbeit.“ Leander beendete die Besprechung. Die Gemüter sollten sich erst einmal wieder beruhigen.

Der Plan für morgen stand, die Aufgaben waren verteilt und so erhoben sich die ersten. Bill war unter ihnen. Er griff sich noch etwas vom Buffet, dann verschwand er grußlos aus dem Raum, auch die Moles machten sich auf den Weg, denn sie wollten ihren Gefährten berichten, was beschlossen worden war und die Freiwilligen rekrutieren. Auch Jack verschwand mit einer Hand voll Brötchen ziemlich eilig und dann erhob sich Meodin.

Er ging zur Tür und Erdogan sah ihm hinterher. Es schmerzte, dass sein Freund sich nicht wie sonst zu ihm umdrehte und ihn dazu aufforderte mit zu kommen. Der Prinz biss sich auf die Lippe und kämpfte mit sich, ob er Meodin zurückrufen sollte oder nicht. Doch er zögerte zu lange und so war Meodin verschwunden.

Leander trat zu seinem Freund und legte Erdogan die Hand auf die Schulter. „Auch wenn es dich sicherlich nicht tröstet, du hast das richtige getan“, sagte er leise und wusste eigentlich, dass Erdogan das nicht wissen wollte. Ganz bestimmt nicht. Wenn er das richtige getan hatte, sollte er sich dann nicht besser fühlen als im Augenblick?

Denn mit genau so einem Blick sah der Prinz ihn gerade an und im Hintergrund schwamm die Angst mit, Meodin zu verlieren. Doch der Prinz nickte und rieb sich über die Augen. Er fühlte sich müde, aber das drängte er nach hinten. „Ich gehe zur Kugel und versuche mich daran.“ Er brauchte etwas zu tun.

„Willst du arbeiten oder soll ich mitkommen“, wollte Leander wissen, denn er hatte das Gefühl, dass Erdogan reden wollte, aber noch nicht wusste, wie er anfangen sollte. Doch er überließ es seinem Freund selbst zu entscheiden. Er konnte sich ebenso gut zurückziehen und sich Gedanken darüber machen, welche seiner Leute er unbedingt in der Versuchsgruppe für das Serum haben wollte und sich zu überlegen, was er seinen Jungs sagte.

„Beides.“ Erdogan grinste kurz und erhob sich. „Manchmal hasse ich mein Leben“, sagte er leise und Leander hob überrascht die Brauen. So deutlich hatte Erdogan das noch nie gesagt. Meodin schien in dem Prinzen mehr verändert zu haben, als er gedacht hatte.

Und das störrische Seepferdchen schien tiefer zu gehen, als dem Prinzen bewusst war.

„Okay!“ Leander griff sich noch ein paar Scheiben Fleisch und Brot vom Buffet, denn es würde ein längerer Abend werden. Wenn Erdogan Meodin nicht folgte, dann hatte er Bedenken ihm unter die Augen zu treten. So verließen die beiden schweigend den Raum. Thom und Daniel blieben allein zurück.

„Er will sich nicht untersuchen lassen, was ich verstehen kann“, fing Erdogan an zu erzählen, als sie im Observatorium waren und der Prinz den Globus so drehte, dass Neo New York vor ihnen lag. „Ich habe ihm mehr als einmal erklärt, dass es mir egal ist, was dabei rauskommt, dass ich ihn nie dazu zwingen würde Kinder auszutragen, falls es möglich wäre.“

Leander lehnte an einer der Säulen und betrachtete seinen Prinzen. „Du hast dir nichts vorzuwerfen, Erdogan. Auch wenn Meodin dir das Gefühl gibt.“ Er war sauer darüber, dass Meodin dem Prinzen so mitspielte. „Vielleicht sollte ihm mal einer bewusst machen was, mit ihm passiert wäre, wenn du dich nicht seiner angenommen hättest. Die kleine...“ er biss ich auf die Zunge, ehe er mehr sagte, als gut für ihn war.

„Nein, Leander, den Kampf muss ich alleine führen. Danke, dass du mir helfen willst, aber er muss von sich aus beschließen, mir zu vertrauen.“ Das ist alles schwieriger, als Erdogan es gedacht hatte. „Er weiß nicht, dass ich ihn liebe und selbst wenn er das wüsste, könnte er damit wohl gar nichts anfangen, denn er weiß nicht, was das bedeutet.“

„Erdogan“, sagte Leander streng, denn er glaubte gerade nicht, was er hörte. Der Prinz ließ Meodin alles durchgehen mit der Entschuldigung, er wusste es noch nicht besser. Aber so lief das Leben nicht. „Deine Zuneigung für ihn in allen Ehren. Aber deswegen darf er dir nicht auf der Nase herum tanzen. Jeder hat in dem Gefüge, das sich Sozialordnung nennt, seine Stelle und die hat er auszufüllen. Das gilt ebenso für Meodin. Hör auf ihn in Schutz zu nehmen, hör auf Entschuldigungen zu suchen.“

„Was glaubst du, warum ich nicht nachgegeben habe, als es darum ging, ihn untersuchen zu lassen, obwohl ich genau wusste, dass er wütend wird und es Streit geben wird.“ Erdogan konnte Leander ja verstehen, bisher hatte er nicht sehr viel getan, um Meodin in seine Schranken zu weisen und meistens nachgegeben. Aber genau diesen Fehler wollte er jetzt nicht mehr machen. Es hatte etwas gedauert, aber schließlich hatte er sich wieder an seinen Titel und an seine Verpflichtungen erinnert.

„Aber du kannst dich dafür selber nicht mehr leiden, es getan zu haben und genau das sollte so nicht sein. Du hast nichts Falsches getan, Erdogan.“ Leander kam auf seinen Freund zu und zog ihn kurz an sich. „Er ist nicht dumm, er wird begreifen, dass es nur zu seinem Besten ist.“ Es musste einfach so sein, denn wenn ein Bruch durch die beiden ging, hatten sie einen gebrochenen Prinzen, das letzte, was sie gerade gebrauchen konnten.

„Ich weiß das alles, aber was ist, wenn...? Ich bin nicht mehr der einzige in seinem Leben. Er hat Freunde, was, wenn er beschließt, dass er auf mich verzichten kann?“ Erdogan lehnte sich kurz in die Umarmung, machte sich dann aber wieder frei und straffte sich. Leander sollte sich nicht noch mehr Sorgen um ihn machen.

„Auch wenn ich dir das nicht gern sage, weil es hart klingt. Das Risiko musst du eingehen. Entweder bist du ihm wichtig genug, dass er dich vermisst, wenn du nicht bei ihm bist oder du bist ihm egal. Dann ist es auch gleichgültig, ob er bei dir ist oder nicht. Aber er hängt an dir. Er ist wütend, weil er dich mag. Es wäre ihm egal, wenn du ihm auch egal wärst.“ So sah es doch aus. Das Seepferdchen tobte zwar den ganzen Tag mit den Moles durch die Gegend, aber er kam nach Hause, wenn er wusste, dass Erdogan kam. Dann hielt ihn nichts. Auch wenn er vielleicht noch nicht begriffen hatte warum, so zog es ihn zu dem Prinzen. Es brauchte Zeit und das Seepferdchen brauchte sie ebenfalls.

Erdogan konnte nicht verhindern, dass er unter den Worten zusammenzuckte, doch er nickte. Leander hatte Recht und wenn Meodin sich gegen ihn entschied, musste er mit der Entscheidung leben. Blieb für ihn nur zu hoffen, dass sein Seepferdchen irgendwann wusste, welche Gefühle er dem Prinzen entgegen brachte. „Danke“, sagte er schlicht und ließ sich auf die Umrandung fallen, sprang aber gleich wieder hoch, als sich das Bild der Weltkugel veränderte. Das Wasser um Südamerika war verschwunden und man konnte den Meeresboden sehen.

Schlagartig sah er sich um und blickte auf den Stein, auf den er gerade gefallen war und schlug sich vor den Kopf. Das Wellensymbol hätte ihm auffallen können, doch es war so fein gearbeitet, dass es erst auf den zweiten Blick offenbarte, was es in sich trug. „Das glaub ich nicht!“ Der gesamte südliche Teil des amerikanischen Kontinents lag plötzlich im Freien. Man konnte die Wasserwand sehen, als hätte man mitten durch den Ozean einen Schnitt gemacht. Das sah beindruckend aus, mehr noch aber all die Kuppeln auf dem Boden. Es mussten Hunderte sein.

„Unglaublich. So viele Kuppeln gibt es unter Wasser.“ Erdogn trat näher und besah sich die Kuppeln. Es war unglaublich, dass sich dort eine eigene Welt befand, von der sie nichts gewusst hatten. „Wie viele Menschen dort unten wohl leben?“, fragte er leise.

„Ich wage es nicht zu schätzen.“ Auch Leander war näher getreten, um sich das anzusehen. Rings um die Küsten des Kontinents – etwas weiter weg, etwas näher dran – reihten sie sich wie Perlenschnüren auf. Große Kuppeln und kleine, doch auch sie hatten diese merkwürdigen Farben wie die Kuppeln an Land. „Ich würde sie gern bereisen“, sagte der Soldat leise.

„Oh ja, ich auch. Meo...“ Erdogan brach ab und presste die Lippen kurz aufeinander. „Wenn wir nur wüssten, was die Farben bedeuten“, wechselte er das Thema und fand eine die wie ihre eigene zur Hälfte grün und blau war. „Die hier hat die gleichen Farben wie wir.“

„Die hier auch“, ging Leander auf den Themenwechsel ein, doch er hatte ganz genau gewusst, was Erdogan hatte sagen wollen. Meodin beherrschte seinen Gedanken, egal was der Prinz auch vorgab. „Vielleicht könnten wir mehr über unsere Kuppel erfahren, wenn wir die bereisen, die die gleiche Codierung haben. Wenn wir Gemeinsamkeiten finden, wissen wir vielleicht Bescheid.“ Klar war das noch Zukunftsmusik. Nur weil sie ein Serum hatten, dass sie vor der Strahlung schützte, hatten sie noch lange keinen Weg, unter Wasser zu reisen. Früher hatten die Menschen U-Boote gehabt, doch sie waren nutzlos geworden, seit die Menschen in den Kuppeln gefangen waren. Wie reisten also die Gottgleichen? Gab es eventuell Tunnel bis dorthin?

Er zoomte die Weltkugel und riss die Augen auf, genau wie die Kuppeln auf dem Festland, waren die unter Wasser ebenfalls durch Tunnel verbunden. „Wahnsinn wie lange muss es gedauert haben, all diese Kuppeln zu bauen und die Tunnel zu graben?“ Es war wirklich faszinierend, wenn auch erschreckend.

„Ich schätze mal, solange wie es die Verrückten mit ihren Ideen gab“, sagte Leander nachdenklich. Wie mochte es dort wohl zugehen? Gab es Kuppeln, in denen die Gottgleichen ihr perfides Werk der Weltherrschaft bereits durchgesetzt und die Bewohner unterjocht hatten? Wenn ja, waren diese farblich markiert? Es war zum verzweifeln. Je mehr Antworten sie fanden, um so mehr Fragen taten sich auf. Es war wie mit der Hydra, schlug man einen Kopf ab, wuchsen drei Neue.

„Lass uns gucken, ob es noch mehr von den Schaltern gibt. Mich würde interessieren, ob es noch mehr Kuppeln gibt.“ Erdogan wollte wissen, was es alles noch gab, was ihnen bisher verborgen geblieben war. Vorsichtig strich er mit den Fingerspitzen über die Steine neben dem Symbol und versuchte was zu ertasten. Durch die Wasseroberfläche sahen sie nur einen Bruchteil der Kuppeln, sicher nur die größten, doch er wollte alle sehen.

„Lean, hilf mir. Such den Steinkreis in die andere Richtung ab, ob sich etwas bewegt!“ Erdogan fingerte aufgeregt von einem Stein zum nächsten, drückte, testete.

Aber an dem Bild veränderte sich nichts und der Prinz wurde langsam ungeduldig und wütend. Er war im Allgemeinen nicht unbedingt der geduldigste Mensch, aber heute war es schlimmer als sonst. „Verdammte Scheiße“, knurrte er, schlug zweimal vor lauter Wut, auf das Symbol, was er gefunden hatte und zuckte rum. Auf einmal war ein anderer Teil des Meeres verschwunden. Der über dem nördlichen Europa.

„Cool.“ Leander zoomte sich sofort den Bereich heran, der nun frei von Wasser war. Doch er wirkte leicht enttäuscht, es gab dort nicht so viele Kuppeln, wie er erwartet hätte. Vereinzelt und ein grossteil davon war schwarz. „Mach weiter, egal was du eben gemacht hast. Hier ist nicht viel zu holen“, erklärte er dem Prinzen und drehte die Kugel langsam. „Versuch doch mal ob du nicht das Wasser vor unserer Küste wegkriegst, das würde mich interessieren.“

„Hm.“ Jetzt hatte er zweimal auf den gleichen Stein gedrückt, darum versuchte er es dreimal. Beide Wasserflächen verschwanden. Noch ein weiteres Mal drücken, brachte leider nicht das gewünschte Ergebnis, denn wieder war nur Südamerika freigelegt. Erdogan probierte es noch mal und gab dann auf. „Es muss noch mehr Schalter geben“, brummte er schließlich resignierend.

Und so begannen sie von neuem, die Umrandung zu untersuchen. Sie hatten ja noch ein paar Stunden Zeit und Erdogan kam es ganz gelegen, wenn er jetzt nicht in sein Zimmer musste. Er lenkte sich ab und Leander leistete ihm Gesellschaft so gut es ging.


12

Schweigend saßen Erdogan und Meodin nebeneinander im Wagen. Sie hatten heute kaum miteinander geredet. Eigentlich hatten sie sich nur Guten Morgen gewünscht und das war’s, seit Meodin den Besprechungsraum verlassen hatte. Sie hatten auch nicht, wie in letzter Zeit zusammen im Schlafzimmer geschlafen, denn Meodin hatte sich in seinem Zimmer eingeschlossen. Erdogan belastete die Eiszeit zwischen ihnen, aber er gab nicht nach, so wie sonst.

Leander hatte ihn in seinem Tun bestärkt, dass er Meodin seine Grenzen zeigen musste. Er konnte nicht jedes Mal einschnappen und warten bis der Prinz nachgab und Meodin seinen Kopf durchgesetzt bekam. So funktionierte Zusammenleben nicht.

Im Augenblick saß er neben dem Prinzen und starrte aus dem Fenster. Ihm ging es nicht besser als Erdogan. Er fühlte sich verraten und jetzt wurde er wohl vorgeführt wie ein Tier. Wie ein geglücktes Experiment, dachte Meodin verbittert.

„Meo“, fing Erdogan an, als er es nicht mehr aushielt. „Ich weiß, dass du wütend auf mich bist, aber ich kann nicht einfach die Wünsche meines Vaters ignorieren. Er ist der Fürst und auch sein Sohn hat ihm zu gehorchen“, versuchte er seinem Freund zu erklären, als sie die Schleuse zur Hauptkuppel passiert hatten.

„Hab ich verstanden“, erklärte Meodin lapidar, blickte aber weiter aus dem Fenster. Er war nicht so gelassen, wie er tat, denn er hatte Angst. Er wusste nicht, was jetzt mit ihm passierte und wer sich ihm alles nähern würde. Und nicht einmal Erdogan konnte er jetzt noch über den Weg trauen. Wenn er doch nur schon alles hinter sich hätte und zurück wäre. Zu gern würde er jetzt im Aquarium liegen und ins Meer sehen.

Erdogan presste kurz die Lippen zusammen. „Nein, hast du nicht“, knurrte er und sah kurz zu Meodin rüber. „Wenn du es verstanden hättest, dann würdest du mir vertrauen und mir glauben, dass dir nichts passieren wird.“ Meodin hatte es geschafft, dass er wütend wurde.

„Dann habe ich es halt nicht verstanden“, erklärte Meodin und holte tief Luft und wandte sich nun doch um. „Aber hast du mir nicht eben erklärt, dass selbst du dich seinem Willen nicht wiedersetzen kannst? Du wirst mir nicht helfen können, wenn er das Experiment für gescheitet und nutzlos erklärt und die Entsorgung anordnet. Ich habe es gesehen, also erzähl mir nichts. Bringen wir es hinter uns.“ Dann wandte sich Meodin wieder ab.

„Du glaubst wirklich, er würde dich töten lassen und ich es auch noch zulassen?“ Erdogan war vollkommen geschockt. „Du hältst mich und meinen Vater dafür fähig, dich töten zu lassen? Du bist kein Experiment mehr, du bist auch ein Mitglied unseres Volkes. Wir sind keine Monster.“

„Ich bin also kein Experiment mehr? Aber ich muss mich untersuchen lassen, obwohl ich das nicht will. Ich werde vorgeführt, obwohl ich das nicht will. Es juckt keinen, was ich will. Erzähl mir also bitte nicht, ich wäre kein Experiment, ich werde gerade wie eines behandelt.“ Auch Meodin wurde langsam lauter. Zu seiner vorherrschenden Angst kam nun auch Wut, weil Erdogan ihn zwang, sich intensiver damit zu befassen anstatt es zu verdrängen.

„Herr Gott noch mal, mein Vater will dich kennen lernen und wissen, ob du Kinder austragen kannst. Ich verstehe wirklich nicht, was daran jetzt so schlimm ist. Natürlich fände ich das auch nicht toll, aber es ist doch auch nicht so schlimm, dass du so ein Theater darum machst.“ Jetzt hatte Meodin es geschafft Erdogan war wütend und wieder der Prinz, der er war, wenn er nicht mit seinen Freunden zusammen war. Kalt, abweisend und unnahbar.

Meodin sah ihn nur an und wandte sich dann ab. Ihm fehlten die Worte für das, was Erdogan da eben gesagt hatte. Er blickte wieder aus dem Fenster und betrachtete sich die Kuppel. Als er das erste Mal hier gewesen war, hatte er nicht viel wahrgenommen, das konnte er ja jetzt nachholen, so lange wie er noch am Leben war.

Erdogan tat sein Ausbruch gleich leid, aber er war zu stolz, um seine Worte jetzt noch zurückzunehmen. Meodin wollte ihm nicht entgegenkommen, sondern weiterhin seinen Kopf durchsetzen. Jetzt konnten sie das nicht ausdiskutieren. Sein Vater wartete.

Also parkte er den Wagen vor dem Empire und hoffte, dass Meodin ihm folgte. Das tat das Seepferdchen auch, denn es wusste, was von ihm erwartet wurde. Je schneller er das hier ohne Probleme hinter sich brachte, umso schneller kam er zurück, sofern er dann noch am Leben war. Er sah nicht nach links, nicht nach rechts und folgte einfach dem Prinzen.

Die Wachen ließen den Prinzen ungehindert durch und der Aufzug brachte sie hoch zu den Räumen des Fürstenpaares. Entgegen seiner Worte, war auch Erdogan nervös. Er gab Meodin nicht kampflos auf, soviel war auf jeden Fall klar.

Es war nur die Frage, was Meodin noch von ihm hielt, viel schien das ja nicht mehr zu sein. Das Seepferdchen hielt sich immer einen Schritt hinter ihm auf, wurde langsamer, wenn Erdogan langsamer wurde, nur um zu vermeiden, dass sie nebeneinander liefen. Er wusste noch immer nicht, was ihn erwarten würde, doch in ein paar Minuten war er schlauer.

Die Türen öffneten sich und Erdogan betrat den Raum. Sein Vater saß hinter seinem Schreibtisch und sah auf, als sein Sohn das Büro betrat. „Guten Morgen, Vater“, begrüßte Erdogan ihn und blieb vor dem Schreibtisch stehen. Meodin konnte er hinter sich spüren.

Auch dieser größte knapp, hielt sich aber weiter im Hintergrund. Warum sah der fremde Mann ihn so eindringlich an?

„Ist es das? Ist das Unit 1?“ Antion erhob sich, er kannte das Experiment nur aus dem Tank, jetzt sah es völlig anders aus. So umrundete er den Tisch und kam neugierig näher.

„Sein Name ist Meodin und ja, er war einmal Unit 1“, stellte Erdogan gleich klar, wie er zu Meodin stand und dass er ihn nicht mehr als Experiment sah. Das hatte er schon nach ihrer ersten Begegnung nicht mehr getan.

„Ja, ja“, tat Antion das gerade ab. Er hatte schon mitbekommen, dass sein Sohn bei dieser Unit merkwürdig sentimental wurde. „Ich will es sehen“, sagte der Fürst und deutete auf den Bauch von Unit 1. „Wie weit ist Bill. Lässt sich die Tasche auch so öffnen? Wie wird das funktionieren. Nun mach es doch nicht so spannend.“ Dabei umkreiste er Meodin, der stoisch wie eine Säule dastand und versuchte, nicht zuzuhören.

„Ich weiß es nicht, Vater. Bill hatte noch keine Zeit, ihn zu untersuchen und komm mir nicht damit, dass das jetzt jemand anderes machen soll. Keiner außer Bill wird ihn anfassen.“ Erdogan sah seinen Vater eindringlich an, aber der beachtete ihn gar nicht, sondern musterte Meodin.

„Das dauert mir alles etwas zu lange, Junge. Warum?“ Kurz sah der Fürst auf und widmete sich dann wieder Meodin. Er strich ihm über den Rücken, dort wo er die Erhebung der Rückenfloße entdeckt hatte. Interessant, dass Unit 1 die immer noch hatte. War die nicht hinderlich? Sollte man so was nicht lieber entfernen lassen? Er griff sich eine der Hände des überraschten Seepferdchens und der zuckte zurück.

„Ich will die Bauchtasche sehen!“, sagte er noch einmal. Meodin wurde unruhig. Mit der anderen Hand raffte er das Shirt.

„Vater, ich habe dir gesagt, dass Meodin untersucht wird. Sobald Bill dafür Zeit hat. Jetzt, wo wir die ersten Erfolge mit dem Serum haben, ist er nicht mehr so eingespannt.“ Erdogan wusste, dass er schacherte, aber er konnte nicht anders. Er musste Meodin schützen.

Doch Antion sah ihn nicht einmal an, er fixierte sich auf Unit 1, der gerade das Shirt etwas höher zog. Der Blick des Fürsten ließ ihn frösteln und gehorchen. „Geht doch“, sagte der Fürst zufrieden und strich die Falte entlang. Meodin zuckte. Warum ließ Erdogan das zu? Doch er verbat sich einen suchenden Blick nach dem Prinzen, er hatte begriffen.

„Erzähl von dem Serum“, sagte Antion, widmete sich aber weiter Meodin. Das Ding war faszinierend. Wer hätte gedacht, dass seine Genetiker etwas schaffen konnten, was überlebte.

„Wir haben es geschafft die Drogen durch etwas Ungefährliches zu ersetzen, das nicht süchtig macht, aber die Wirkung des Mittels nicht schwächt.“ Erdogan musste sich davon abhalten, seinen Vater nicht von Meodin wegzuzerren. Er war kein Ding und sollte so nicht behandelt werden. Darum trat er näher und versuchte die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. „Nur ist das neue Serum nicht so einfach herzustellen.“

„Aha. Ihr habt es also getestet?“ Antion sah seinen Jungen kurz an und nickte. „Ich will den Bericht der Versuchsreihen.“ Dann war er wieder mit Meodin beschäftigt. Denn durch das hochgezogene Shirt konnte er auf dem Rücken jetzt auch die Flosse sehen. Sehr interessant. Unit 1 war einfach faszinierend. Er würde es gern hier behalten.

„Sicher ich habe alles auf meinem Palm. Ich spiele es dir rüber. Die Tests sind bisher sehr vielversprechend. Unsere Testpersonen haben keinerlei Schaden durch die Strahlung erlitten. Wir haben jetzt eine Testreihe mit Freiwilligen aus meinen Leuten beschlossen. Die Männer dafür werden heute von Leander ausgesucht.“

„Sehr schön. Auch darüber möchte ich informiert werden“, erklärte Antion und zog gerade an der Rückenflosse, damit sie sich etwas aufstellte. Meodin hatte langsam wirklich die Nase voll. Wenn so Erdogans Schutz aussah, dann konnte er darauf wirklich verzichten. Er versuchte unauffällig, den fremden Händen zu entkommen, doch Antion ließ sich nicht abschütteln.

„Wie viele Wissenschaftler hast du jetzt am Start? Ich hätte Bill gern wieder. Wenn er so was hier kreieren kann, dann hat unser Volk wieder eine Chance.“

Aber Erdogan merkte sehr wohl, wie unwohl sich Meodin fühlte und da sein Vater gerade die Rückenflossen berührte, wollte er vermeiden, dass sein Seepferdchen, wütend oder ängstlich wurde. Nicht einmal er konnte Meodin retten, wenn er den Fürsten vergiftete.

„Vater bitte, könntest du aufhören, ihn wie ein Ding zu behandeln. Er ist ein Mensch, genauso wie du und ich. Wie würde es dir gefallen, wenn jemand, den du gar nicht kennst, dich berührt und über dich spricht, als wärst du gar nicht anwesend.“

„Soweit ich weiß, ist es das nicht. Maximal zu achtzig Prozent“, erklärte Antion, doch er ließ erst einmal von Unit 1 ab. „Du könntest es mir hier lassen“, überlegte er, kam aber davon ab, als er Erdogans Blick begegnete. Er wollte seinen Jungen nicht verärgern und er konnte Unit 1 jederzeit wieder anfordern.

„Also gut, nehmen wir an meinem Tisch Platz. Ich will wissen, wann wir das Serum einsetzen können.“

Erdogan musste sich ziemlich beherrschen, seinen Vater nicht anzuschreien. Wie konnte der nur so unsensibel sein. Eigentlich hatte er gehofft, dass sein Vater verstanden hatte, dass Meodin ihm viel bedeutete, aber das sollte er besser nicht jetzt diskutieren. „Das Serum ist noch in der Erprobungsphase. Bill will es erst ausführlich testen, bevor er es für die Öffentlichkeit freigibt und da sollten wir schrittweise vorgehen.“

Antion nahm wieder Platz und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Setz dich“, forderte er auch Erdogan auf, nickte dabei aber auch Meodin zu, der ihn stoisch anstarrte. Geradezu beängstigend. Antion wurde es unbehaglich und er rollte die Schultern. „Lasst euch nicht ewig Zeit damit. Und enthaltet es dem Volk nicht vor. Natürlich muss es erprobt sein, vor allem aber muss das Terrain draußen bereinigt sein, ehe wir das Volk nach draußen lassen.“ Sie durften nichts überstürzen. Es war sowieso ein kleines Wunder, dass sie das Mittel hatten und es ihnen gelungen war, es sauber zu machen.

„So hatten wir es vor. Sobald Daniel und Bill uns grünes Licht geben, werden wir anfangen. Als erstes werden unsere Soldaten es bekommen, damit sie eventuelle Gefahren beseitigen können, dann würde ich vorschlagen, das medizinische Personal und Techniker. Erst dann, wenn alles gründlich vorbereitet ist, können wir das Serum an das Volk ausgeben.“ Sein Vater sollte sehen, dass er sich damit beschäftigt hatte und auch gar nicht vorhatte, das Volk um das Serum zu betrügen.

„Ich sehe, du bist vorbereitet“, sagte Antion anerkennend. Das musste er seinem Jungen lassen, wenn er etwas tat, dann richtig. Der Fürst war zufrieden. „Und wie sieht es mit den Gottgleichen aus? Habt ihr wieder von ihnen gehört? In letzter Zeit ist es in deinen Berichten still um sie geworden. Was machen die Moles?“ Es juckte Antion in den Fingern, die Kuppel zu besuchen, in der sein Junge das Basislager aufgeschlagen hatte, doch Jefferson hatte ihm abgeraten. Wo blieb der eigentlich?

Erdogan war froh, dass sein Vater von Meodin abließ, der sich nicht gerührt hatte. Der Prinz konnte seine Blicke im Rücken spüren und das war nicht angenehm, weil Meodin ihn wütend anstarrte.

„Die Gottgleichen verhalten sich zurzeit ruhig und wir sind sicher, dass sich unter meinen Leuten keine mehr befinden. Aber wir arbeiten daran, ihre Rätsel zu entschlüsseln und mehr über sie zu erfahren. Die Moles haben sich gut eingelebt. Es ist auch zu einem sehr großen Teil einem von ihnen zu verdanken, dass wir jetzt das Serum haben.“

„Ach“, sagte Antion überrascht. „Wie denn das? Sagtest du nicht, es wären welche wie Unit 1?“ Der Fürst wirkte doch reichlich irritiert. Jefferson hatte sich mit ihm eine ganze Weile darüber unterhalten und sie waren zu dem Schluss gekommen, dass es wohl reine Arbeitstiere waren. Jetzt zu hören, dass man es ihnen verdanke, dass das Serum fertig war, irritierte Antion sichtlich.

„Vater, sie wurden zu einem bestimmten Zweck gezüchtet, das ist wahr, aber das schließt doch nicht aus, dass sie intelligent sein können. Sie sind Individuen mit eigenen Persönlichkeiten, sie sind wie wir, auch wenn du ihnen das absprechen magst, weil sich ihre Gene von unseren unterscheiden.“ Erdogan sprang auf, griff Meodin am Arm und zog ihn zu sich. „Du solltest umdenken. Meodin und die Moles mögen nicht zu hundert Prozent unsere Gene haben, aber sie verhalten sich menschlicher als mancher unseres Volkes. Sie haben Gefühle und auf denen von Meodin trampelst du herum, seit wir hier sind. Wir können von ihnen lernen und dafür sollten wir dankbar sein.“

„Wie bitte?“, fragte Antion irritiert und betrachtete seinen Jungen, der ihn wütend anfunkelte. Was sollte das denn jetzt? Musste er sich wirklich vor diesem Ding von seinem Jungen maßregeln lassen? So weit kam es noch. „Wie dem auch sei. Ich bin mir sicher, du hast noch einiges zu tun, ehe du zurückkehren wirst. Ich werde dich nicht aufhalten“, erklärte er und der Rauswurf war offen erkennbar. Niemand – auch Erdogan – hatte ihm zu erklären, er möge umdenken müssen. Nicht vor Unit 1.

„Auf Wiedersehen, Vater. Ich schickte dir die Daten rüber.“ Erdogans Gesicht wirkte wie versteinert, als er Meodin mit sich aus dem Büro seines Vaters zog. Das war ordentlich daneben gegangen, aber er hatte sich einfach nicht beherrschen können. „Verfluchter Jefferson“, knurrte er wütend und rannte fast durch den Korridor. Wenn ihm der Berater des Fürsten jetzt in die Finger geraten wäre, hätte er ihn wohl erwürgt.

Dabei merkte er noch nicht einmal, wie er Meodin hinter sich her zerrte. Doch irgendwann wurde es dem Seepferdchen zu bunt und mit einem heftigen Ruck riss er sich los. Seine Nerven lagen mittlerweile blank und wenn Erdogan jetzt noch etwas Falsches sagte, dann konnte es gut sein, dass er ihm die Nägel durch das Gesicht zog.

„Was ist los? Du wolltest doch da weg“, herrschte Erdogan ihn an, bevor er merkte, wen er da eigentlich vor sich hatte und dass Meodin völlig unschuldig an der Situation war. Da hatte er sich ganz alleine hinein manövriert. Warum nur hatte er nicht seinen Mund halten können?

Und ehe er sich versah hatte er Meodins Hand im Gesicht. Im nächsten Augenblick hatte sich das Seepferdchen umgewandt und war gegangen. Er wusste noch nicht wohin, er wusste noch nicht zu wem. Erst einmal wollte er nur weg von Erdogan. Diesen Kerl hier kannte er nicht. Das war ein völlig Fremder. Erdogan hätte es nie zugelassen, dass so mit ihm umgegangen worden wäre. „Dreckiger Bastard!“, fluchte Meodin leise und lief. Er war schnell, das hatte er geübt.

Im ersten Impuls wollte Erdogan ihm hinterher. Ihn fest an sich ziehen und ihm sagen, dass es ihm leid täte, aber wahrscheinlich hätte das alles nur noch schlimmer gemacht, so wütend wie sein Seepferdchen war. Traurig sah er Meodin hinterher und ließ sich gegen die Wand sinken. Zumindest konnte Meodin nicht aus dem Gebäude, weil sein Chip die Türen hier nicht öffnete. Sollte sein Seepferdchen sich erst einmal beruhigen. Danach konnten sie miteinander reden. Er stieß sich wieder von der Wand ab und ging zu seinen Räumen. Er wollte dort auf seinen Freund warten. Erdogan hoffte, dass Meodin seine Entschuldigung akzeptierte. Er gab ihm eine Stunde, um sich zu beruhigen, dann würde er ihn suchen gehen. Mit dem Chip konnte er ihn zum Glück leicht finden.

Meodin rannte derweil wie ein Besessener, als ginge es um sein Leben. Er lief Flure entlang, hastete Treppen auf und ab und versuchte die Wut, die sich in ihm staute, endlich loszuwerden. Er wusste nicht, wo ihm der Kopf stand oder wo er schon lang gelaufen war und so stoppte er erst, als jemand ihn hart griff und ihm etwas Weiches, Stinkendes auf Mund und Nase drückte. Schlagartig verschwammen die Bilder vor seinen Augen und seine Knie gaben nach.

Er bekam nicht mehr mit, wie er hochgehoben wurde. „Wir haben ihn“, sagte eine männliche Stimme und es war leises Gemurmel aus einem Headset zu hören. „Wir bringen ihn jetzt zum vereinbarten Treffpunkt“, erklärte die Stimme wieder und der Mann setzte sich in Bewegung.

Zwei Schritte, dann verschwand er durch eine geheime Tür. Der Flur blieb leer zurück, als hätte es den kleinen Zwischenfall nie gegeben.



Als Meodin wieder zu sich kam, konnte er sich nicht bewegen. Sein Kopf schmerzte und als er die Augen öffnete, stach gleißendes Licht bis ins Hirn. Schmerzverzerrt stöhnte er und schloss die Augen wieder, versuchte sich auf die Seite zu drehen, doch Fesseln an Füßen und Händen, die ihn ausstreckten, hinderten ihn daran.

Was war passiert? In Meodins Kopf überschlug sich alles und sein Herz schlug fast zum zerspringen in seiner Brust vor Angst. War es jetzt soweit? Hatte der Fürst den Befehl gegeben, das wichtige Experiment zu holen, weil Erdogan ihn nicht freiwillig rausgeben wollte? Er versuchte etwas zu erkennen, aber das Licht blendete ihn zu sehr.

Nur schemenhaft nahm er die Gestalten wahr, die wie Schatten um ihn herum liefen. Doch er hörte keinen Laut. Was war hier los? „Was?“, brachte er brüchig hervor, doch keiner schien von ihm Notiz zu nehmen, bis schneidender Schmerz durch seinen Leib fuhr. Meodin bäumte sich auf und eine Stimme fluchte. „Mehr Narkosemittel, die Unit ist wach!“

Dann wieder der Schmerz in seinem Bauch.

Wieder kam dieser widerlich stinkende Lappen auf ihn zu und Meodin versuchte, so gut es ging auszuweichen. „Nein, nicht“, flüsterte er und allein von dem Geruch, der von dem Lappen ausging, wurde ihm schwummerig. „Lasst mich“, bat er verzweifelt und schrie auf, als der Schmerz wiederkam, diesmal stärker als vorher.

„Meine Güte, Anubis. Sei doch etwas vorsichtiger“, knurrte eine Stimme und eine andere lachte. „Was denn, Hera, kriegst du Muttergefühle für den Kleinen?“

Meodin versuchte in seinem Taumel die Stimmen zu orten und plötzlich kam ein maskiertes Gesicht auf ihn zu. Helle Augen blitzten ihn an. „Hör zu, Kleiner, eigentlich hättest du gar nicht am Leben sein dürfen. Du hättest wie die anderen Units sterben sollen. Doch du warst schon zu weit, schlimmer noch: ihr würdet tatsächlich funktionieren. Du könntest Kinder austragen. Aber das können wir leider nicht zulassen, Kleiner. Ihr durchkreuzt unser Planspiel und du weißt, was das heißt, oder? Du bist doch clever.“

Meodin riss die Augen auf und wusste, wem er in die Hände geraten war. Er hatte schon so viel von ihnen gehört, aber jetzt waren sie hier bei ihm. Die Gottgleichen!

Das konnte nur eins bedeuten, er sollte sterben und ihm krampfte sich das Herz zusammen. Das Tuch senkte sich wieder auf Mund und Nase und er atmete das widerliche Zeug tief ein, während ihm Tränen unter den Lidern hervorquollen. Wenn sie ihn schon töteten, dann wollte er es nicht mitbekommen. Langsam schwanden ihm die Sinne und bevor er in die Schwärze abdrifte war sein letzter klarer Gedanke ein Name: Erdogan.



Ende


Danke fürs Lesen ...