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Klein aber lecker - Teil 1 - 4

Klein, aber lecker

Original [NC-16]

[lime]

Inhalt:
Große Brüder haben es nicht leicht - große Brüder von Rollenspiel-Schwestern noch weniger.
Gerrit kann ein Lied davon singen. Doch als würde es nicht reichen, dass ihm seit einem
unfreiwilligen Besuch auf der Essener Spielemesse so ein kleiner Elf nicht mehr aus dem Kopf
geht, da scheint es auch noch der Mathe-Troll aka. Dozent auf ihn abgesehen zu haben.
Und als würde der Ärger immer noch nicht reichen, ist da noch der geheimnisvolle Fremde von
der Party ....
Gerrit hat also mehr als ein Problem. Und irgendwie sind alle klein ... und irgendwie lecker.

Teile: 10

Danksagung: unseren unermüdlichen Betas !!!



Klein, aber lecker

01

„Gerrit, kannst du bitte mal versuchen uns nicht umzubringen?“, knurrte Mario vom Beifahrersitz und griff den Haltegriff fester. Jan von hinten nickte zustimmend und war ein wenig grün um die Nase. Ihr Teamkollege aus dem Schwimmverein, missachtete so ziemlich jede Verkehrsregel und fuhr wie eine besenkte Sau, wie man das so schön sagte. Sie wollten eigentlich ins Kino, aber gerade als sie losfahren wollten, hatte Sabrina, Gerrits Schwester, angerufen und nun waren sie auf dem Weg zur Spielemesse, weil sie ganz dringend etwas brauchte, das sie vergessen hatte. Sie hatte dort einen Stand mit einem Workshop für Silikon-Körperteile, die sich viele Rollenspieler, die so echt wie möglich wirken wollten, für ihr Kostüm zulegten. Und genau das Silikon drohte ihr auszugehen, weil heute, am letzten Tag der Messe, noch einmal ein großer Teil der Besucher Ohren, Nasen oder was auch immer brauchten.

„Du hast gut reden – ich will die neue Langnese-Werbung sehen und stattdessen darf ich mich gleich mit tausenden Gestörten in widerlichen Kostümen herumschlagen, um den Stand meiner total bekloppten Schwester zu finden, wie sie extrem blöde Dinge aus diesem Scheiß Silikon macht!“ Gerrit knurrte, denn er war geladen. Nur drei Sekunden – drei verfluchte Sekunden – hatte er seinen blöden Autoschlüssel zu lange gesucht. Die Zeit hatte gereicht, dass seine noch blödere Schwester daheim anrufen und ihn auf die dusslige Messe hatte schicken können. Und man konnte sagen was man wollte, das war geplant. Denn zufällig hatte Sabrina nicht nur das Silikon vergessen, sondern auch ihre Aussteller-Karte. Sie hatte sich kurzerhand eine Tageskarte gekauft, wenigstens das blieb Gerrit jetzt erspart.

„Die haben da doch allen 'nen Sprung in der Schüssel. Wie bekloppt muss man eigentlich sein, sich unechte Spitzohren an den Kopf zu packen?“ Wütend drückte Gerrit auf die Hupe, weil der Wagen vor ihm, seiner Meinung nach, zu langsam fuhr. „Mach hin, du Spacken, fünfzig sind erlaubt“, knurrte er und hupte noch einmal, damit der Fahrer vor ihm endlich schneller fuhr.

„Übertreibst du nicht gerade etwas?“, fragte Jan vorsichtig und zog sicherheitshalber den Kopf ein, als Gerrit ihn über den Rückspiegel finster anblickte.

„Na du hast gut reden! Du hast ja keine nervende, völlig gestörte und absolut unnütze kleine Schwester!“

Jan zog die Brauen tiefer. „Und wie nennst du dann bitte Annika?“

Gerrit grinste schief. „Ich glaube nicht, dass die so gestört ist wie meine!“

Mario schnaubte geringschätzig. „Ich glaub ja nicht, dass das geht“, lachte er und grinste seinen Schatz schief an. Annika war schon irgendwie nett und er mochte sie auch, aber meist ging sie ihm mit ihrem Gehabe auf die Nerven und er war froh, dass er sie nicht mehr so oft sah.

„Oh doch, das geht. Ihr kennt doch unsere Zimmer.“ Gerrit schüttelte sich. Er musste sich mit Sabrina das Dachgeschoss des Elternhauses teilen und das war ein Albtraum.

„Ach komm, so schlimm ist das ja nun auch wieder nicht. Hier und da ein paar Elfen und Zwerge und die Poster sind ja jetzt auch nicht so hässlich. Es gibt Schlimmeres. Ich habe eine yaoi-süchtige Schwester. Die pflastert alles mit androgynen Männergestalten. Nichts gegen Jungs, echt nicht“, Jan strich sich durch die Haare, „aber die lauern überall. Im Flur, im Bad. Man kriegt Verfolgungswahn. Meine Eltern hat das nicht gestört, aber ich kam mir... Pass auf!“ Jan schrie auf, als Gerrit geschickt durch eine Lücke zwei Spuren weiter wechselte.

„Du warst schon länger nicht mehr bei uns oben, oder? Denn wenn, würdest du nicht von ein wenig Elfenzeug reden. Mittlerweile ist das Zeug aus ihrem Zimmer in den Flur, bis ins Badezimmer geflutet. Alles hat sie vollgestellt und vollgehängt. Die hat doch echt 'nen Schaden.“ Gerrit hatte nur unter Drohungen verhindern können, dass einige der kleinen Figuren in seinem Zimmer gelagert wurden, weil seine Schwester keinen Platz mehr dafür hatte.

„Ich sollte dir wohl mal zur Abwechslung wieder Nachhilfe bei dir geben anstatt bei uns, hm?“ Jan grinste schief und drückte sich wieder in den Sitz. Zum Glück war es nicht mehr weit bis zu den Messehallen und er und Mario hatten dann Zeit, ein wenig zu verschnaufen, während Gerrit seine Schwester mit Nachschub versorgte. Heimlich war er froh, dass seine Schwester nicht den gleichen Tick hatte wie Sabrina, obwohl man sagen musste, dass sie in ihrem Kostüm der guten Hexe wirklich hübsch aussah. Und so lange sie Spaß daran hatte, mit anderen zusammen Geschichten zu schreiben und diese dann zu spielen – warum denn nicht? Es gab Schlimmeres. Doch das würde er niemals laut sagen, nicht wenn Gerrit hinter dem Steuer saß, denn Jan hing an seinem Leben und an dem von seinem Liebling.

„Ne, muss nicht sein. Ich bin ganz froh, wenn ich diesem ganzen Fantasy-Kram entgehen kann. Ständig hocken irgendwelche Typen aus ihrer Rollenspielgruppe bei ihr rum.“ Gerrit verdrehte die Augen und bog etwas zu schnell auf den Parkplatz der Messehallen ein, so dass Mario sich panisch an seinem Haltegriff festkrallte und nur mit Mühe einen spitzen Schrei unterdrücken konnte. „Na wenn die wenigstens noch schnuckelig und ansehnlich wären, aber die kannste alle in die Tonne kloppen.“

Gerrit schnaubte. Seit er sich von Jason getrennt hatte, war nichts Brauchbares mehr in sein Leben getreten. Was auch daran liegen konnte, dass seine Woche eigentlich nur aus Studium, Nebenjob und Training bestand. Und wenn er dann mal ein paar Stunden daheim hockte, weil er sich entspannen wollte, weil er lesen oder pauken wollte, zogen irgendwelche Nerds in fragwürdigen Klamotten über den Flur vorbei an seinem Zimmer Richtung Klo oder Richtung kleiner Küche, die sie im Dachgeschoss ebenfalls hatten, um nicht nachts, wenn sie nach einer Party heim kamen, die Eltern noch zu wecken. Füllen mussten sie den Kühlschrank aber selber und schon deswegen knurrte Gerrit oft, denn die Nerds fraßen mit Vorliebe seine Sachen und nicht das Öko-Körner-Futter von seiner Schwester. Die Mausefallen im Kühlschrank hatte er allerdings wieder abbauen müssen, nachdem sich Sabrina bei ihren Eltern beschwert hatte.

War ihm doch egal, wenn sich einer der Freaks die Finger geklemmt hatte. Er hatte sich an seinem Futter vergriffen und das musste bestraft werden, denn seine Schwester sah es ja gar nicht ein, ihm seine Lebensmittel zu ersetzen, die ihre Freunde sich einverleibten. Gerrit suchte sich einen Parkplatz in der Nähe des Eingangs und holte sich das Silikon aus dem Kofferraum. „Verdammte Scheiße, ist das schwer“, fluchte er mit zusammengebissenen Zähnen und lief los. Wenn er den Krempel jetzt noch durch viele Hallen schleppen musste, dann konnte Sabrina aber was erleben.

„Wir warten dann mal...“ Mario vollendete seinen Satz gar nicht erst, denn Gerrit war mit seiner schweren Last schon davon gehetzt. Außerdem fing es gerade an zu nieseln, das machte es Gerrits Laune nicht leichter, sich ein paar Punkte nach oben durchzuarbeiten.

„Das kann die blöde Kuh nie wieder gut machen“, knurrte er und gab sich noch nicht einmal Mühe, am Einlass ein freundliches Gesicht zu machen. Er zeigte den Aussteller-Pass und eigentlich käme es ihm ganz gelegen, wenn die junge Dame am Einlass Probleme machen würde, doch sie tat ihm den Gefallen nicht, sondern winkte ihn durch. Dreist wünschte sie ihm noch viel Spaß und Gerrit sah sie mit schmalen Augen an. Wirkte er in irgendeiner Art und Weise wie jemand, der auf einer Veranstaltung wie dieser Spaß haben könnte? Er wollte beleidigt sein, doch die Kiste wurde nicht leichter. Er musste Halle 6 finden.

Er sah sich um und hätte beinahe die Kiste fallen lassen, weil er von hinten angerempelt wurde. Leider war er nicht schnell genug, um denjenigen anzublaffen, denn er konnte sich nicht so schnell umdrehen. „Das sind doch alles Bekloppte“, fluchte er halblaut vor sich hin und machte sich auf den Weg. Er war jetzt in Halle 8. Wenn er Glück hatte, war es nicht weit.

Fluchend und schimpfend kämpfte er sich mit den Massen durch die Gänge. Das Beste, was er tun konnte, war, sich mit dem Strom zum Übergang in die nächste Halle treiben zu lassen und bloß nicht auf die Uhr zu sehen, denn sonst schwoll ihm wohl der Kamm und seine Schwester konnte sich aus dem mitgebrachten Silikon gleich eigene neue Ohren basteln, weil er ihr die Originale abgerissen hatte.

Er blickte nicht links und nicht rechts. Nicht weil er für die Brettspiele, die hier ausgestellt und probegespielt wurden, kein Auge hatte, sondern weil er wütend auf seine Schwester war.

Er erreichte einen freien Platz und die Toiletten, wie die Schlange wohl andeutete. Dabei roch es an jeder Ecke nach anderem Futter – Nerd-Futter! Und er stand mitten in seiner persönlichen Hölle – die Halle der Rollenspieler-Stände. Nein, es gab keinen Gott!

Seine Arme schmerzten und er war ziemlich aus der Puste, als er endlich den Stand seiner Schwester entdeckte. Der war auch nicht zu übersehen, denn überall hingen Poster von Elfen und auch einige ihrer Figuren hatte sie dekorativ aufgestellt. Er kämpfte sich die letzten paar Meter noch durch die Menschenmasse und ließ den Karton dann einfach auf die Theke fallen. Seine Schwester, die mit dem Rücken zu ihm stand, drehte sich erschrocken um. „Hier hast du dein Zeug, aber ich sag dir, wenn ich wegen dir und dieser dämlichen Rollenspiel- und Elfenscheiße zu spät ins Kino komme, dann ist was los, das kannst du glauben. Alles nur Bekloppte und Idioten hier. Die gehören doch alle eingesperrt.“

„Ach halt doch die Klappe“, sagte Sabrina nur. Was hatte sie auch anderes erwartet? Verständnis von ihrem Schwachmaten? Eher gefror die Hölle.

„Ich verstehe echt nicht, was du an diesem ganzen Blödsinn findest. Wie realitätsfremd muss man eigentlich sein, um sich so zu verkleiden und sich dann auch noch zur Schau zu stellen?“ Wie zum Beweiß breitete er die Arme aus und drehte sich, um zu zeigen, was er meinte. Doch er hielt in der Bewegung inne. Unweit lehnte jemand am Nachbarstand, die Arme vor der nackten Brust verschränkt und sah ihn undeutbar an, die spitzen Ohren waren nicht zu übersehen.

„Ups“, murmelte er leise und ließ seinen Blick über die halbnackte Gestalt streifen. „Lecker“, kommentierte er das, was er sah und grinste. Na ja, vielleicht waren nicht alle dieser Elfen was für die Tonne. Der Schnuckel war doch wirklich ansehnlich. Der Oberkörper war gut definiert, genau so, wie er es gern hatte und die Hose saß so, wie Gerrit es liebte, tief genug, um die Leiste zu zeigen. An dem Kerl war aber auch nichts zu viel und nichts zu wenig. Nur etwas klein.

Gerrit hob eine Braue, als der Elf sich mit einer fließenden Bewegung vom Stand abstieß und auf ihn zukam. Was wollte der denn jetzt von ihm? Gerrit glaubte ja nicht an Liebe auf den ersten Blick – dafür war er zu alt und als der Elf, ohne ihn anzusehen, an ihm vorbei und zu Sabrina ging, verzog Gerrit das Gesicht.

Seine Verblüffung hinderte ihn aber nicht daran, sich zu drehen, so dass er den Elf auch von hinten begutachten konnte. „Auch lecker“, seufzte er leise und auch wenn der Hintern praktisch dazu einlud, die Hände darauf zu legen, blieb sein Blick an einer Narbe zwischen den Schulterblättern hängen. Sie war nicht sehr groß oder entstellend, aber zusammen mit dem Elfenkostüm, hatte sie was, was Gerrit unwahrscheinlich anzog.

„Was willst du noch? Wir können unsere Elfenscheiße jetzt auch alleine machen und du Depp wirst hier nicht mehr gebraucht“, bellte Sabrina, der es sichtlich peinlich war, dass ihr dämlicher Bruder ausgerechnet vor ihrem Spielleiter derartig peinliche Sprüche abgelassen hatte.

„Ach, jetzt auf einmal. Zu dämlich, alles was du brauchst einzupacken und dann anrufen, damit ich dir dein Zeug hinterher schleppen kann.“ Gerrit wurde ja gar nicht mehr. „Du kannst deine Elfenscheiße gerne alleine machen, das ist mir zu kindisch. Aber wenn du mir so kommst, dann kannst du demnächst zusehen, wer dir deinen Krempel hinterher schleppt.“ Er knurrte, denn der Elf wandte sich nicht noch einmal um. Er wühlte nur in der Kiste und schien gefunden zu haben, was er suchte.

„Dein komischer Film fängt gleich an“, erklärte Sabrina, weil sie ihren peinlichen Bruder eigentlich nur noch loswerden wollte. „Und deine Freunde ebenfalls.“

„Was sollen Jan und Mario denn anfangen?“, fragte Gerrit verständnislos, denn den Gedankensprung konnte er nicht nachvollziehen. Seine Freunde wussten ganz genau, dass er sie einen Kopf kürzer machte, wenn sie mehr als Knutschen in seinem Wagen anfingen.

„Vielleicht fahren sie ohne dich, weil du deinen Arsch nicht schnell genug aus der Elfenscheiße wieder rausschwingen konntest?“ Sabrina ließ nicht locker und grinste, weil sie ihren Spielleiter glucksen hörte. Es schien ihrem Lieblingselfen zu gefallen, wie sie ihrem Bruder eine verbriet, da machte es gleich noch einmal so viel Spaß.

„Deine Nerds würden so etwas wahrscheinlich tun, aber nicht meine Freunde, denn die sind nicht vollkommen weltfremd und hüpfen durch fiktive Welten, um irgendeine imaginäre Prinzessin zu retten und haben den Bezug zum wirklichen Leben vollkommen verloren.“ Gerrit tippte sich an die Schläfe, um seiner Schwester zu zeigen, für wie bekloppt er sie hielt.

„Ja, genau. Realisten gehen in Filme, in denen hirnverbrannte Freaks um sich ballern, weil angebliche Terroristen die Welt zerstören wollen.“ Sabrina wandte Gerrit jetzt ebenfalls den Rücken zu. Vielleicht sollte sie aufhören, den Troll zu füttern und darauf hoffen, dass der bald ging.

Das machte Gerrit richtig wütend, denn wenn man sich einfach während eines Gespräches von ihm wegdrehte, das hasste er wie die Pest. „Undankbare Schnepfe. Da sind wir noch nicht mit fertig“, zischte er, aber er ging. Das war ihm einfach zu blöd. Noch einmal sah er zu dem Schnuckel und diesmal seufzte er leise. Der Hintern war aber auch wirklich einfach perfekt.

„Sorry, aber der Blödmann war leider vor mir in dieser Familie und es würde auffallen, wenn ich ihn eines Morgens hinter der Mülltonne entsorge“, sagte Sabrina und grinste Damian schief an. Sie wusste, dass das daheim noch richtig Ärger geben würde, doch sie konnte ja schlecht zulassen, dass der Blödmann alles, was ihr wirklich Spaß machte, so durch den Dreck zog. Sie war sich sowieso sicher, dass der Idiot adoptiert worden war.

„Im Gegensatz zu seinen Freunden, kann man sich seine Familie nicht aussuchen.“ Damian grinste kurz und stieß Sabrina mit einer Schulter an. „Ärger dich nicht. Es ist doch nichts Neues, dass man nicht versteht, was wir machen. So lange wir Spaß daran haben, sollen uns die anderen doch egal sein.“ Er streckte sich einmal und deutete dann auf all die kostümierten Leute um sie herum. Sie waren nicht allein und es machte immer wieder aufs Neue Spaß, sich zu treffen, sich auszutauschen, Spielstränge zu vereinen oder Events zu planen. Sollten andere ins Kino gehen, sie schafften sich ihre Geschichten selber und darauf waren sie stolz.

Das alles aber wollte Gerrit gar nicht verstehen – er wollte nur noch raus hier und ins Kino, ehe Mario und Jan zum Bus gingen und er sich alleine durch die nächste Mathe-Klausur hangeln musste.

Wirklich Bock auf Kino hatte er nicht mehr, nach dem unerfreulichen Intermezzo, aber jetzt konnte er nicht mehr absagen. Er hatte schon lange keinen Abend mehr mit seinen Freunden verbracht und er freute sich ja eigentlich auch darauf. Darum versuchte er sich auf seinem Weg zum Wagen wieder zu beruhigen, was ihm auch relativ gut gelang. Schweigend stieg er ein und startete den Wagen.

Jan spürte deutlich, dass Gerrit immer noch angespannt war und fragte vorsichtig: „Alles klar? Was schief gelaufen?“ Er war sich nicht sicher, ob er jetzt den falschen Knopf gedrückt hatte und ihm die Gerrit-Miene gleich um die Ohren flog. Er machte sich mal lieber auf die Explosion gefasst.

„Aber sicher doch, alles bestens. Ich bin ja nur der Idiot, der seiner Schwester alles hinterherträgt und sich dafür auch noch dumm anmachen lassen muss“, erklärte er durch zusammengebissene Zähne und legte den Gang so ruppig ein, dass das Getriebe protestierte.

Das war das Zeichen für Jan, vielleicht doch besser die Klappe zu halten und ihm war auch klar, dass die Fahrt zum Kino nicht angenehmer werden würde als die Fahrt zu Messe.

Gerrit war noch immer angebrannt, vielleicht noch mehr als vorher, aber sie kamen schnell voran, zum Glück stellte sich ihnen nichts und niemand mehr in den Weg – gerade so, als würde Gerrits negative Aura ihnen den Weg frei machen.

Beängstigend.


02

Mario und Jan waren wirklich froh, als sie aus dem Wagen steigen konnten. Er hakte sich bei Gerrit ein und knuffte ihn gegen die Schulter. „Na komm, lach mal wieder. Wir machen uns jetzt einen schönen Abend“, meinte er und Mario nickte.

„Hm“, knurrte Gerrit nur, denn ihm ging der Elf nicht aus dem Kopf. Wie konnten Elfen so aussehen? Welche Macken hatte der Schnuckel, wenn er so aussah und trotzdem lieber Nerd-Kram machte, als sich mit der Realität abzugeben? Und wäre Gerrit bereit, sich diesen Macken zu stellen? Also hörte er noch nicht einmal, was Jan alles sagte. Er ließ sich einfach ziehen und grübelte weiter.

Er kaufte sich ein Ticket, etwas zu trinken und Knabberzeug, bekam davon aber nicht wirklich was mit, sondern machte es vollkommen automatisch. Er wurde erst wieder hellhörig, als die Langnesewerbung lief, die er unbedingt sehen wollte, aber nach ein paar Sekunden schweiften seine Gedanken wieder ab zu dem Elf.

Gerade versuchte er sich auszumalen, was der leckere Elfenhappen für Macken haben könnte, dass er aus der Realität in die Nerd-Welt flüchten musste. War er ein gemeingefährlicher Axtmörder? Oder ein wahnsinniger Psychopath? Und selbst wenn – wer so aussah, durfte ruhig ein bisschen gestört sein. Gerrit würde ihn schon nehmen.

„Kannst du mir mal erklären, warum du dir bei einer Werbung für Zigaretten über die Lippen leckst?“, flüsterte Jan neben ihm, der Gerrit schon eine Weile beobachtete. Der schien heute eindeutig nicht er selbst zu sein.

„Hm?“ Gerrit sah Jan an und es war deutlich zu merken, dass er gar nicht mitbekommen hatte, was sein Freund gesagt hatte. Er hatte nur mitbekommen, dass Jan etwas gesagt hatte und nur ein Wort war hängengeblieben. „Wieso willst du Zigaretten. Die sind nicht gut für die Fitness.“

„Was?“, fragte Jan irritiert und hob die Brauen. Er griff sich Gerrits Cola, roch daran, doch er konnte nicht finden, dass sie anders riechen würde als seine. Hoffentlich war da kein Hirnweichmacher drinnen! „Hörst du mir nicht zu oder bist du gar nicht bei der Sache?“

„Was denn nun? Du hast doch von Zigaretten geredet.“ Gerrit hatte mittlerweile mitbekommen, dass er da wohl was verpasst hatte, aber das hieß ja noch lange nicht, dass man das einfach so zugeben musste. Schließlich kannte er Jan und Mario und dass die jede Schwäche ausnutzten.

„Alles, was ich wollte, war eine Auskunft, warum du dir bei einem so hässlichen Typen wie dem in der Werbung über die Lippen leckst. Hast du es so nötig?“ Jan hatte Blut geleckt, der Rest der Werbung war uninteressant geworden. Da war doch was gewesen! Irgendwas musste mit Gerrit passiert sein. Und Jan wollte das wissen.

„Der doch nicht!“, erklärte Gerrit empört. Was sollte er denn mit so einem. Allein der Gedanke ließ ihn sich schütteln. „So nötig kann ich es gar nicht haben, obwohl ich nichts dagegen hätte, wenn sich da mal wieder was ergeben würde.“

„Aha“, machte Jan nur. Aus der Aussage wurde er nicht schlau und weiter fragen wollte er auch nicht. Gerade kam noch mal die Langnese-Werbung und das Licht ging an, weil noch einmal Mädchen mit Eis vorbeikamen. Dann fing endlich der Hauptfilm an, Gerrit konnte schon jetzt nicht mehr sitzen.

Immer wieder rutschte er auf seinem Sitz hin und her. Der Film war nicht so spannend, wie er gehofft hatte, darum schlich sich immer wieder der kleine Elfenhappen in seine Gedanken und ließen ihn schließlich laut seufzen. Es machte ihn einfach verrückt, dass er den Kerl einfach nicht aus dem Kopf bekam. Das passierte ihm nicht oft. Und bescheidener hätte der erste Eindruck, den er hinterlassen hatte, wirklich nicht sein können. Er wollte gar nicht wissen, was das Spitzöhrchen von ihm dachte. Aber verdammt, es war doch auch Schwachsinn, was seine Schwester da trieb. Außerdem war ja noch nicht einmal klar, ob er in das Beuteschema dieses Elfen passte, war der überhaupt auf Männer aus?

„Was ist denn jetzt los?“, wollte Jan wissen, den das Seufzen an dieser Stelle des Filmes wirklich irritierte.

„Ein lecker Elfenhappen. Klein aber exquisit“, flüsterte Gerrit zurück. Die Frage hatte ihn überrascht, darum erzählte er von dieser Erscheinung, die ihn jetzt schon seit Stunden beschäftigte.

„Wie bitte?“ Jan glaubte, sich verhört zu haben. Er wandte sich zu Gerrit um, den Rest des Filmes konnte ihm auch Mario erzählen. Er selber musste erst mal ein paar Dinge in Erfahrung bringen, wenn auch nur flüsternd, um nicht von dem Typen hinter sich die Cola über den kopf gegossen zu bekommen. „Waren Elfen nicht scheiße und hirnverbrannt und noch mindestens sieben andere negativ behaftete Adjektive mehr?“

Gerrit verdrehte von Jan ungesehen die Augen. Da hatte er sich ja was eingebrockt mit seiner vorlauten Klappe. „Sind sie ja auch. Jeder, der sich falsche Spitzen auf seine Ohren klebt, muss ja einen Schaden haben, aber das heißt doch nicht, dass sie nicht lecker sein können. Ohne Oberteil und in einer engen Lederhose.“

„Deswegen hat das so lange gedauert“, sagte Jan nachdenklich und grinste. Das erklärte zumindest, warum Gerrit so von der Rolle war. Jan beschloss, das jetzt erst einmal reifen zu lassen und ihn hinterher noch etwas auszuquetschen, wenn sie bei ihm und Mario waren und noch einen Kaffee als Absacker nahmen, so wie jedes Mal, wenn sie im Kino waren.

Heute war Felix mit seinem Ole bei Mama. Die hatte Ansprüche auf ihren Jüngsten geltend gemacht. Ronny war von seinem Liebling übers Wochenende entführt worden. So hatten sich Mario und Jan mit Gerrit verabredet. Aber er war ganz bestimmt nicht ein Notnagel, weil ihre anderen Freunde keine Zeit hatten. Es hatte diesen Sonntag nur einfach perfekt gepasst.

„Nee, nicht wegen ihm. Ich hab mich noch etwas mit meine blöden Hexenschwester gezofft.“

„Und der Happen lungerte da so rum oder was?“ Jan war neugierig. Gerrit war nicht der Mann, der Tagträumen hinterher hing, schon gar nicht nach einmal Sehen. Aber dieser Elf schien ihn aus der Fassung zu bringen. „Hast du ihn angequatscht? Hat er dich abblitzen lassen? Deswegen deine miese Laune, als du aus der Halle kamst?“

„Nein, weder angequatscht noch abgeblitzt. Vollkommen ignoriert.“ Gerrit seufzte wieder und hatte abermals den Elfenhappen vor Augen, wie er ihn, an den Stand gelehnt, angesehen hatte. „Er scheint meine Schwester zu kennen, denn sie haben sich unterhalten.“

„Nachtigall ick hör dir tapsen“, grinste Jan in sich hinein und blickte Gerrit frech an. „Dann solltest du ab jetzt sehr sehr nett zu ihr sein, vielleicht darfst du dann ihren Schmuseelfen auch mal haben.“ Jan kicherte und wurde von Mario, der dem Film folgen wollte, in die Seite gestoßen.

„Nee, ganz bestimmt nicht. Da schreib ich das Leckerchen lieber ab, als bei meiner Schwester zu Kreuze zu kriechen“, brummte Gerrit, während Jan sich bei Mario mit einem Kuss entschuldigte. Doch dann war er wieder bei Gerrit, denn auch ihn langweilte der Film ein wenig. Er hatte sich zu Schulzeiten mit Rollenspielen beschäftigt, aber nicht diese LARP-Sachen, sondern Rollenspiele am PC. Es hatte ihm Spaß gemacht, doch erst der Bund und dann das Studium – die Zeit war einfach zu knapp geworden.

„Wenn du keine andere Verbindung zu ihm findest, wird deine weiße Hexe alles sein, was du hast.“

Gerrit sah ihn gequält an. „Ich weiß gar nicht, ob ich das will. Er geht mir zwar gerade nicht aus dem Kopf, aber das muss nicht heißen, dass das morgen auch noch so ist.“

Jan zuckte die Schultern. „Auch wieder wahr“, sagte er nur und damit war das Thema für ihn erst einmal abgeschlossen. Die Wahrscheinlichkeit war gering, dass Gerrit und der Elf sich noch einmal sahen oder dass sie zumindest so viel gemeinsam hatten, um Berührungspunkte zu finden. War ja auch egal. So lehnte er sich zurück und widmete sich wieder dem Film.

Gerrit neben ihm sah zwar ebenfalls auf die Leinwand, aber er hatte es aufgegeben, sich auf den Film zu konzentrieren. Viel lieber ließ er seinem Kopfkino freien Lauf, in dem ein kleiner, leckerer Elf die Hauptrolle spielte. Und ganz jugendfrei war der Streifen auch nicht – es war zum Verzweifeln. Hatte er Lagerkoller und sexuellen Notstand oder warum machte ihn ein fremder Kerl mit hässlichen Ohren so dermaßen an?

„Du sabberst“, hörte er dicht an seinem Ohr.

Aus einem Reflex heraus griff sich Gerrit ans Kinn und knurrte, weil ihm aufging, dass er gerade verarscht wurde, als er Jan leise kichern hörte.

„Sehr witzig“, brummte er und kniff die Augen zusammen. Er hätte es wissen müssen, dass Jan so eine Chance, ihn zu ärgern, nicht ungenutzt ließ.

„Ja, stimmt. Aktuell bist du wirklich sehr witzig“, konnte sich Jan nicht verkneifen, dabei hatte er ja eigentlich beschlossen, Gerrit nicht weiter zu ärgern, der schien mit sich selber noch nicht im Reinen zu sein. Aber eine Steilvorlage nicht zu einem Eigentor für Gerrit zu verwandeln, ließ seine Ehre als Freund einfach nicht zu. „So durch den Wind kennt man dich eben nicht.“

Gerrit ließ seinen Kopf nach hinten an die Lehne fallen und grinste schief. „Es gibt für alles eben ein erstes Mal.“ Er konnte sich ja selber nicht erklären, warum dieser Elf ihn so durcheinander gebracht hatte. Es war ja nicht so, dass er nicht schon einige leckere Kerle gesehen hatte und die hatten sich nicht so festgesetzt. Er war Schwimmer, verdammt. Er sah auf Wettkämpfen jedes Mal athletische Körper mit wenig Stoff. Und die waren größer und hatten schönere Ohren, trieben sich nicht mit geistesgestörten Schwestern herum und hatten keine Realitätsflucht.

Warum also der?

Waren es die Augen gewesen?

Der spöttische Blick?

Was, verdammt noch mal!

Was!

Es machte Gerrit wahnsinnig, denn er kam nicht drauf.

„Ich glaube auch“, sagte Jan leise.

„Das ist doch bekloppt. Warum hat der Kerl sich so festgesetzt? Sicher, er war echt ein Hingucker, aber ein Elf! Stell dir das doch mal vor. Ein Bekloppter mit Realitätsverlust geht mir nicht aus dem Schädel.“ Gerrit schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. Das war doch zum verrückt werden. Er sank in seinem Sitz tiefer und zuckte, als es hinter ihm grummelte, ob er nicht endlich mal seine Schnauze halten könnte. Eigentlich war das der Augenblick, in dem Gerrit sich erhob und dem anderen Prügel anbot, was die meisten bei Gerrits Erscheinung ablehnten, doch heute drückte er sich nur in den Sitz, knurrte leise und verfluchte seine Schwester. Schließlich war sie doch dran schuld gewesen, dass ihm Klein-aber-Lecker über den Weg gelaufen war.

„Das wird schon wieder“, sagte Jan.

„Das will ich hoffen, denn wenn nicht, wird meine Schwester leiden. Schließlich hat sich die kleine Made nur wegen ihr bei mir eingenistet“, brummte Gerrit leise und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Soll ich dich ablenken?“, raunte Jan plötzlich und Gerrit sah ihn mit großen Augen an. „Morgen früh im ersten Block haben wir Höhere Mathematik bei Strater und wenn du dann immer noch mit nackten Elfen Ringelpietz spielst, dürfte das Seminar am Nachmittag kein Zuckerlecken werden. Dann kannst du nur hoffen, dass dein Elflein Matrizenmultiplikation beherrscht.“

„Oh nee, nicht wirklich, oder?“ Gerrit stöhnte leise. Daran hatte er ja gar nicht mehr gedacht. Ausgerechnet Höhere Mathematik und dann auch noch bei Strater. „Was hat denn der olle Sieper schon wieder, dass sein Assi uns quälen darf?“

„Soweit ich weiß Urlaub, wohlverdient in der Karibik. Hat doch letzte Woche seine Sekretöse geehelicht. Nach siebzehn Jahren.“ Jan grinste, wer hätte gedacht, dass der alte Knochen noch mal unter die Haube kam und dass ein Mathematik-Professor, wie er klischeebehafteter nicht sein konnte, auch noch eine Welt außerhalb seiner Zahlen und Formeln wahrgenommen hatte. Es geschahen noch Zeichen und Wunder. Und während so ein Mathematiker die reale Welt fand, war Gerrit wohl eher dabei, sie zu verlassen – in die Elfenwelt.

Jan grinste.

Gerrit dagegen stöhnte. Mathe war sowieso nicht seine Paradedisziplin, sonst würde er ja wohl kaum bei Jan ab und zu Nachhilfe nehmen müssen. Bei Professor Sieper war das alles etwas relaxter, doch sein Assistent wollte sich wohl noch profilieren und zeigen, was er konnte und zog den Schwierigkeitsgrad deutlich an. Der Typ hatte eine Doktorantenstelle – das allein sagte doch alles. Wie konnte ein normal denkender Mensch seine Zeit damit verbringen, sich Matrizen anzutun, mathematische Beweise zu führen oder Wahrscheinlichkeiten zu berechnen? Wozu brauchte er Vektorrechnung? Was hatte er davon, Gleichungssysteme mit Unbekannten lösen zu können? Davon erfuhr er den Namen des Elfen auch nicht und wo zum Teufel kam der eigentlich schon wieder her?

Gerrit schlug sich gegen die Stirn. Der Kerl machte ihn ganz kirre. Wieso geisterte der ständig durch seine Gedanken? Das hatten noch nicht einmal seine Exfreunde geschafft, als sie noch keine Ex gewesen waren. Und weil er wusste, dass Jan ihn beobachtete winkte er ab. Der hatte eh schon zu viel mitbekommen.

Und so nahm Jan es hin. Man trat keine Tiere, die am Boden lagen und so wie Gerrit wirkte, lag er nicht nur am Boden – er krümmte sich schon.

Sie gönnten sich noch den Rest vom Film und zumindest zwei von dreien wirkten erleichtert und Mario guckte ziemlich schief, als Jan und Gerrit noch während des Abspanns hochschossen. Eigentlich warteten sie immer, bis alle raus waren, um sich nicht mit der Horde dem Almabtrieb nach draußen hingeben zu müssen. Heute war der Plan wohl ein anderer. „Was n los?“, wollte er deswegen wissen und hielt Jans Hand fest.

Jan ließ sich zu Mario ziehen und lächelte. „Gerrit hat da so ein kleines Elfenproblem, das ihn beschäftigt“, grinste er und küsste seinen Schatz schnell. „Komm, lass uns gehen. Wenn wir Zuhause sind erzähle ich dir was los ist.“ Sie sollten wohl wirklich los, denn Gerrit stand schon am Ausgang des Saales und sah zu ihnen rüber.

„Er hat doch Elfenprobleme, seit er eine Schwester hat. Also, warum dreht er ausgerechnet heute so frei?“, knurrte Mario. Ihm war das Getuschel während des Filmes sehr wohl aufgefallen. Er war also ebenfalls neugierig und nur deswegen beeilte er sich, zum Ausgang zu kommen. Schweigend gingen sie zum Wagen, doch dann konnte sich Jan doch nicht verkneifen, noch einmal darauf hinzuweisen, dass er es vorziehen würde, am Leben zu bleiben, wenn er sich das aussuchen durfte.

„Tja, dann musst du wohl laufen“, erklärte Gerrit lapidar und lachte. Aber er hatte verstanden und darum fuhr er vorsichtiger, als auf der Hinfahrt. Er wollte seine Freunde ja nicht umbringen und komischerweise ging es ihm besser, seit er mit Jan geredet hatte.

„Lass uns unterwegs noch ne Pizza holen, ich habe keinen Bock mehr zu kochen und auf Brot habe ich auch keine gesteigerte Lust“, sagte Mario. Der Rest schien damit einverstanden und so bestellte er telefonisch. Dann mussten sie beim Lieblingsitaliener um die Ecke nur noch vorbeifahren, sobald sie kurz vor dem Ziel waren.

Und so saßen sie eine halbe Stunde später mit dampfenden Schachteln und frischem Kaffee auf der neuen Couch. „Und jetzt bekomme ich entweder eine Erklärung oder mein Geld zurück, weil ich vom Film, dank eures Getuschels, nur die Hälfte mitbekommen habe“, sagte Mario.

„Klein und Lecker“, nuschelte Jan grinsend mit vollem Mund und ließ sich nicht durch Gerrits bösen Blick stören. „Unser Freund hatte auf der Messe eine Erscheinung. Ein Elf, der ihm vollkommen das Hirn vernebelt hat und das macht ihm zu schaffen, denn Elfen sind ja bekanntlich blöd und weltfremd und all so was.“

„Ja, kannst du nicht einfach mal deine Klappe halten und nur essen?“, knurrte Gerrit und starrte auf seine Salamipizza.

Doch jetzt war auch Mario angeschossen und er horchte auf. „Sag bloß, er hat die paar Minuten genutzt, um Kerle anzugraben, anstatt wieder zu uns zurück zu kommen, damit wir pünktlich im Kino sind?“

„Wenn es mal so wäre.“ Das Essen war vergessen und Jan drehte sich zu Mario. „Er hat sich mit seiner Schwester gezofft. Klein-aber-Lecker stand daneben und hat ihn gar nicht beachtet. Er hat nicht ein Wort mit ihm gewechselt, aber der Elf kennt Sabrina.“

„Ich erkenne aktuell weder den Grund seiner Verwirrung, noch verstehe ich die Aufregung. Was ist eigentlich los?“ Mario zuckte die Schultern. Okay, Gerrits Schwester kannte einen Elfen, der Gerrit ignoriert. Und? Nichts was man nicht überleben konnte. Kein Grund, den besten Film des Jahres einfach so an sich vorbeiziehen zu lassen, ohne fasziniert von den Effekten zu sein.

„Na ja, dieser kleine Elf geistert in Gerrits Kopf, seit er ihn gesehen hat und er will sich eher was abbeißen, als seine Schwester nach ihm zu fragen. Darum steckt er gerade in einer großen Klemme. Da ist ein Kerl, der ihm gefallen könnte und er gehört zum Feind“, erklärte Jan geduldig und biss von seiner Pizza ab. Wäre schade, wenn er sie kalt werden lassen würde.

„Ah ja“, machte Mario erst einmal und musterte Gerrit. Der wirkte ein wenig resigniert, stritt nichts ab, musste also irgendwie auch was dran sein, an dem, was sein Liebling da in den Raum stellte. „Wenn er sie nicht fragen will, muss er sich den Kerl eben wieder aus dem Kopf schlagen. Ist doch noch nichts angebrannt und meistens können die mit Jungs eh nichts anfangen. Oder schon mal von schwulen Elfen gehört?“

„Sehr witzig. Was glaubst du eigentlich, was ich die ganze Zeit versuche?“ Gerrit sah Mario knurrig an. Er fand es nicht besonders hilfreich, was sein Freund da von sich gab. „Glaubst du, ich find es toll, dass dieser Kerl ständig durch meinen Kopf geistert?“

„Wenn Option zwei nicht funktioniert, dann musst du eben Option eins wählen und deine Schwester fragen. Einen anderen Weg wird es nicht geben. Oder hast du dir gemerkt, an welchem Stand er rumhing?“ Mario war gelassen. Er hatte mit Felix einiges durch, das hatte ihn ordentlich abgehärtet.

„Ey, ich war froh, dass ich heile und ohne Unfall zu Sabrina gekommen bin. Da war es mir echt schnurz, welche Stände es da gab.“ Gerrit wusste ja, dass Mario versuchte ihm zu helfen, aber irgendwie machte er alles nur noch schlimmer. „Ich werde diesen Kerl aus meinem Kopf kriegen, egal, was es kostet, denn meine Schwester frage ich ganz sicher nicht.“

„Okay – deine Entscheidung.“ Mario würde ganz bestimmt nicht diskutieren. Wer war er denn, Gerrit vorzuschreiben, wie er sein Leben zu gestalten hatte? Er selbst hatte keine Geschwister, doch er wusste von Jan, wie das mit Geschwistern war, vor allem, wenn man sich nicht ausstehen konnte. „Du machst das schon“, schlug er Gerrit aufmunternd auf die Schulter und aß weiter. Sein leckerer Teigfladen wurde nämlich langsam kalt.

„Es muss.“ Gerrit konnte nicht verhindern, dass er etwas hoffnungslos klang. War ja auch kein Wunder, wenn gerade ein Elf in seinem Kopf ihn frech angrinste und den Kopf schüttelte. „Morgen bist du weg“, knurrte er und Jan fragte lieber nicht nach, wie das schon wieder gemeint war.

„Ich würde mal sagen, ehe du jetzt anfängst, mit dem Elfen in deinem Kopf Selbstgespräche zu führen, nimm dir dein Mathebuch. Das wird dich bestimmt auf andere Gedanken bringen, denn deinen Matheschein musst du selber schreiben. Den kann ich nicht für dich machen!“ Jan leckte sich die Finger sauber und lehnte sich zufrieden zurück. Mario lehnte sich gegen ihn und Gerrit bedachte die beiden ein weiteres Mal mit ein bisschen Neid. Er wollte sich auch endlich binden und so bedingungslos lieben wie diese beiden.

„Vielleicht macht der Elf das ja für mich“, witzelte Gerrit und fing jetzt endlich auch an, richtig zu essen. Er hatte bisher erst ein viertel seiner Pizza gegessen. „Aber du hast recht, ich sollte wirklich was für Mathe tun. Den Schein brauch ich nämlich und ich habe keine Lust, das zu verkacken.“

„Also empfehle ich dir eher ein Date mit deinem Seminarleiter als mit einem...“ Mario wedelte mit einer Hand, sie wussten schon, was er sagen wollte. Verhalten gähnte er und versuchte es sich nicht anmerken zu lassen, doch er hatte das Wochenende viele Touren für den Lieferservice gemacht, für den er nebenbei arbeitete, wenn es sich anbot.

„Mit Strater? Ich weiß nicht. Der ist so gar nicht anturnend.“ Gerrit verzog das Gesicht, als er sich den Assistenten des Professors vorstellte. Völlig unscheinbar in seinem Aussehen und seinen Klamotten. Langweilige Frisur, Brille, immer im Anzug. Nichts, was Gerrit an einem Mann bevorzugte. Außerdem wirkte er ziemlich kein, nein, er wirkte nicht nur klein, er war relativ klein. Komischerweise störte ihn das nicht bei Klein-aber-lecker und außerdem ging es hier gar nicht darum, sich den Mathe-Assi schön zu saufen, sondern darum, dass er im nächsten Test nicht durchfallen durfte und deswegen anfangen sollte, seine spitzohr-verklärten Gedankengänge wieder auf das Wesentliche zu fokussieren.

Und damit sollte er schnellstens anfangen. Er schob sich den letzten Bissen in den Mund und trank seine Tasse leer. Mario gähnte immer wieder und darum stand er auf. „Ich fahre jetzt nach Hause. War mal wieder ein toller Abend“, verabschiedete er sich.

„Ja, das kann ich nur zurückgeben – pass auf dich auf, überfahre keine Elfen und wir sehen uns morgen früh im großen Hörsaal.“ Jan umarmte seinen Freund und auch Mario erhob sich, um Gerrit zur Tür zu geleiten. Es schämte sich ein bisschen, denn Gerrits Aufbruch wirkte wie eine Flucht. „Sorry, sollte kein Rauswurf werden. Kannst gern noch bleiben“, versicherte er deswegen zerknirscht.

„Ich weiß und ich fühl mich auch nicht rausgeworfen. Du bist müde, ab ins Bett mit dir. Wir sehen uns morgen.“ Gerrit drückte Mario und sah ihn dann grinsend an. „Und es wird geschlafen, kein Schweinkram mehr gemacht.“

„Du bist doch nur neidisch“, grinste Mario und zog Jan vor sich, damit er demonstrativ den Arm um ihn legen konnte. Sie sahen Gerrit hinterher, bis er im Treppenhaus verschwunden war, dann schloss Jan die Tür. „Na, ich bin mal gespannt, wo das noch endet“, murmelte er leise und folgte seinem Liebling ins Bad.


03

Wenig begeistert strich sich Damian durch die Haare. Er war pitschnass geworden. Warum musste er auch seinen blöden Schirm vergessen? Was nutzte der schönste Parkplatz, wenn man auf den letzten Metern bis ins Fakultätsgebäude trotzdem absoff? Er schüttelte sich ein bisschen und hielt dabei die Brille fest. Am besten verschwand er erst einmal in den Sanitärräumen, um sich wieder herzurichten.

Er beeilte sich, dort hin zu kommen, denn er wollte nur noch in sein Büro und die nasse Jacke auszuziehen. Er stieß die Tür des Waschraums auf und wäre fast in einen anderen Mann geprallt. „Tschuldigung“, murmelte er und lief zu einem der Handtuchspender. Er wollte erst einmal die gröbste Nässe aus den Haaren bekommen. Dabei konnte er den anderen Mann im Spiegel sehen.

„Na?“, machte Norbert und grinste. Schön zu sehen, dass Damian Strater doch nur ein Mensch war und nicht – wie von allen vermutet – in einer Plastikverpackung nächtigte. Man hatte schon heimlich spekuliert, ob der junge Doktorand überhaupt echt war, so perfekt wie er jeden Tag aussah. Selbst nach zehn Stunden im Büro hatte das Hemd kaum Falten, die Haare saßen perfekt und seine Haut war makellos.

„Morgen“, brummte Damian und fuhr sich mit den Tüchern durch die Haare, damit sie nicht mehr tropften. Zum Glück saugte das Papier ziemlich gut. Leise fluchend fuhr er mit den Fingern hindurch und seufzte frustriert. Das sah doch vollkommen bescheuert aus.

„Ich hab n Handtuch im Büro, kannste haben“, bot Norbert an. Er arbeitete ebenfalls in der Mathematischen Fakultät und war wissenschaftlicher Assistent an einem anderen Lehrstuhl. Er überragte Damian locker um einen Kopf und so blickte er, mit vor der Brust verschränkten Armen, auf ihn hinab.

Damian hatte sich mittlerweile daran gewöhnt, dass er etwas aus der Norm fiel. Als Kind hatte er sich noch darüber aufgeregt, heute akzeptierte er, dass er war, wie er war und ein Meter fünfundsechzig war ja jetzt auch nicht sooo klein.

„Das wäre nett, danke.“ Damian gab es auf, seine Haare zu glätten. Das hatte jetzt doch keinen Sinn. Er schmiss die nassen Tücher in den Mülleimer und wusch sich noch einmal die Hände. Er folgte Norbert zu dessen Büro und ließ sich das Handtuch geben. „Kriegste die nächsten Tage wieder.“

„Eilt nicht, so schnell komme ich nicht wieder dazu, zum Volleyball zu gehen!“ Er deutete auf seine immer noch bandagierte Hand. Norbert war Volleyballer aus Leidenschaft und er war ziemlich gut. Aber vor drei Wochen war er unglücklich mit einem der Netzpfosten kollidiert, was sein Mittelhandknochen sehr übel genommen hatte.

Sie gingen noch gemeinsam über den Gang, dann trennten sich ihre Wege. Norbert wollte noch einen starken Kaffee und Damian aus den nassen Sachen raus. Nur gut, dass er ein Kleiderlager angelegt hatte.

Er mochte es nämlich gar nicht, wenn seine Kleidung nicht Makellos war. Es war eine Macke von ihm, das wusste er, aber solange er sie nur auf der Arbeit hatte, konnte er damit leben. Privat war er viel lockerer, aber so kannte ihn keiner hier und das war auch gut so.

Sein erster Schritt ging zum PC, der wurde gestartet. Dann hatte Damian auch schon das Hemd aufgeknöpft und sich vom Leib gerissen. Hastig strich er mit dem Handtuch über die feuchte Haut. Das war ja eklig. Er hatte kein Problem damit, nass zu sein oder nass zu werden, aber dieses halbnass – wie gerade – konnte er nicht ertragen.

„Damian, ich...“ Die Tür war schon offen, als Kerstin anklopfte, dann pfiff sie völlig undamenhaft durch die Zähne. „Ich entdecke ganz neue Seiten an dir, ansehnliche Seiten, sehr beeindruckende...“

„Hör auf zu labern, mach die Tür zu und rück meinen Milchkaffee raus.“ Damian grinste schief und trocknete sich weiter ab, während die Lehrstuhlsekretärin sich auf seinem Schreibtisch platzierte, um auch ja nichts zu verpassen.

„Kannst du mich mal nicht so anstarren?“, brummte Damian, obwohl er wusste, dass es nichts brachte. Kerstin würde ihn so lange beobachten, bis er wieder etwas anhatte. Also trocknete er sich zu ende ab und holte sich ein neues Hemd.

„Nicht anziehen, lieber noch mal zu mir drehen – warum versteckst du solch einen Körper unter so was da?“ Angewidert sah sie auf die Anzugjacke und das frische Hemd, das Damian aus dem Schrank nahm und der guckte nicht schlecht.

„Sag mal spinnst du?“ Kopfschüttelnd zog er sich das Hemd über und knöpfte es zu, ehe er schon aus Prinzip auch noch das Jackett überzog. „Kaffee!“, erinnerte er Kerstin und grinste, weil die leise knurrte.

„Ich kann hier ja wohl schlecht halb nackt rumlaufen“, lachte er und nahm sich die Tasse einfach selber, weil Kerstin ihn immer noch anklagend musterte und keinerlei Anstalten machte, ihm seinen Kaffee zu geben. Sich noch einmal das Jackett richtend setzte er sich hinter seinen Schreibtisch.

„Kannst du wohl, du willst nur nicht. Das ist ein Unterschied!“ Kerstin rückte näher und spähte über Damians Schulter. „Vergiss nicht, dass du heute die Vorlesung von Hanno hast. Er hat mir extra aufgetragen, dich daran zu erinnern, damit du dich nicht nur in deiner Doktorarbeit festbeißt, sondern auch mal was für die Allgemeinheit leistest und du sollst nicht wieder die Studenten so quälen. Soll ich sagen. Hat Hanno gesagt!“

„Bitte?“ Damian sah Kerstin empört an. „Was soll das denn heißen? Wann habe ich Hannos Herde schon einmal gequält?“ Er grinste breit, denn die Sekretärin hatte gar nicht so unrecht. Quälen würde er das zwar nicht nennen, aber er hatte sie auch nicht verhätschelt. Mathematik war eben eine ernste Wissenschaft, es gab nur richtig oder falsch. Eine Antwort konnte nicht ein bisschen richtig sein – sie war richtig oder falsch. Punkt.

„Komischerweise fallen in deinen Klausuren die meisten durch, nicht etwa bei Hanno oder Jochen“, erklärte Kerstin und blickte neidisch dem Milchkaffee hinterher. Sie hatte heute Morgen selber noch keinen bekommen, denn der letzte war eben für Damians Tasse draufgegangen. Doch das war ihr Deal: Sie bekam regelmäßig Kekse von Hobby-Bäcker Damian, dafür sorgte sie dafür, dass das erste, was ihm im Haus begegnete, ein leckerer Milchkaffee war. Deswegen wurde auch wieder eine neue Keksdose auf den Tisch gestellt, während Damian seine E-Mails überflog.

Kerstin öffnete die Dose und schnupperte mit geschlossenen Augen. Die Kekse rochen einfach himmlisch. „Schokokekse“, murmelte sie leise und schon verschwand der erste in ihrem Mund. „Lecker“, nuschelte sie verzückt und nahm sich einen zweiten Keks. Neidisch guckte Damian ihr dabei zu. Er selber buk und kochte für sein Leben gern, doch er musste aufpassen, denn er setzte schnell an. Doch er konnte es sich nicht leisten, an den falschen Stellen anzusetzen, denn das wäre für sein Hobby kontraproduktiv. Also trank er lieber seinen Kaffee, ehe er noch auf die Idee kam, selber zuzugreifen.

„Du hast noch zwanzig Minuten!“, nuschelte Kerstin, griff sich noch drei Kekse und sah zu, dass sie auch endlich ihren Kaffee bekam.

„Hm“, brummte Damian nur, weil er gerade las. Das kannte Kerstin schon und sie wusste auch, dass Damian sie verstanden hatte und nicht zu spät zu Vorlesung kam. Noch fünf Minuten beschäftigte er sich mit seinen Mails, dann kümmerte er sich um seine Haare. Dadurch, dass sie nass geworden waren, fingen sie wieder an sich zu wellen und das musste er unbedingt verhindern. Er fand, dass seine Sturmfrisur, die er in seiner Freizeit trug, nicht zu seinem Anzug passte, darum musste er dem jetzt entgegenwirken. Mit den nötigen Utensilien verschwand er noch einmal an seinem Schrank. Den hatte er sich präpariert mit einem Spiegel in der Innentür und einer Lampe und so verbrachte er die nächsten 5 Minuten damit, alles wieder an Ort und stelle zu bringen. Zum Glück waren die Haare wieder fast trocken. Man sah kaum noch den Schaden, die sie heute morgen schon genommen hatte. Damit war er wieder zufrieden. Ein Blick auf die Uhr – jetzt musste er sich sputen. Er griff sich seine Unterlagen und hastete los. Zum Glück waren die Wege zum großen Hörsaal überdacht, wenn man wusste, wie man laufen musste und einen kleinen Umweg in Kauf nahm.

Er schaffte es sogar noch ein paar Minuten vor beginn der Vorlesung im Hörsaal zu sein. Das war auch gut so, denn er mochte es gar nicht, zu spät zu kommen. Er legte sich seine Unterlagen zurecht und sah dann zu, wie die Studenten in den Saal strömten. So wie es aussah, waren fast alle da, denn der Raum war gut gefüllt.

Einmal mehr ließ er seinen Blick über die jungen Leute schweifen. Es fiel auf, dass immer noch mehr Männer als Frauen sich für ein Ingenieursstudium entschieden. Was eigentlich schade war, denn die Frauen, die es taten, waren auch fachlich eine Bereicherung. Damian grinste, was dachte er denn da? Seit wann war sein Mathematikerherz so weich und sentimental? Doch dann wandte er sich um und schrieb das Thema der Stunde an die Tafel, bereitete ein paar Dinge vor, dann ging es später schneller.

Allerdings zuckte er kurz, als jemand in seinem Rücken plötzlich brüllte: „Na du Elfenschänder, wieder nicht aus dem Bett gekommen?“

Aus reinem Reflex drehte er sich um und seine Augen weiteten sich. Ihm blieb aber auch nichts erspart. Gerade kam der Typ in seinen Hörsaal, der gestern auf der Messe mit Sabrina gestritten und sich so unflätig über Elfen ausgelassen hatte. Damian drehte sich schnell wieder um und seufzte leise. Na super - Sabrinas Bruder war in seinem Kurs. Seine Freundin hatte ihm zwar erzählt, dass ihr Schwachmat – Damian fiel gerade auf, dass er noch nicht mal den Namen des Schwachmaten kannte, Sabrina benutzte ihn nie – sie hatte also erzählt, dass er mit ein paar Freunden aus seiner Trainingsgruppe studierte, aber nicht, dass er bei Hanno Mathe hörte. Am besten tat er so, als hätte er den Kerl nicht gesehen, der gerade fluchend die Stufen nach oben ging, wo wohl seine Freunde saßen.

Er konnte aber nicht verhindern, dass er sich fragte, warum der Schwachmat Elfen gegenüber so negativ eingestellt war. Er riskierte noch einen schnellen Blick auf die ansehnliche Hinterseite, die ihm schon auf der Messe aufgefallen war. Dass Sabrinas Bruder Sport trieb, konnte man deutlich erkennen, aber er wusste nicht mehr welchen. Er hatte sich nicht die Mühe gemacht, sich das zu merken, weil er den Schwachmaten nicht gekannt hatte. Jetzt würde er das noch einmal nachholen, auch wenn seine Freundin wahrscheinlich die Brauen heben würde. Aber immerhin hatte der Kerl ihnen verbal den Krieg erklärt, da musste man seine Gegner studieren.

Damian lachte leise, schloss dann aber die beiden Türen des Hörsaales, ehe er die Veranstaltung eröffnete und erläuterte, was das Ziel der Vorlesung war.

„Das versteht doch wieder keine Sau“, knurrte Gerrit und strich auf seinem Block herum.

„Sag nicht Sau zu mir“, entgegnete Jan grinsend und zeigte stolz seinen Block. Er hatte folgen können und war auf das Ergebnis an der Tafel gekommen – im Gegensatz zu Gerrit. Mal wieder.

„Zeig her.“ Gerrit griff sich Jans Block und fing an, dessen Rechnung abzuschreiben. Meistens bekam er dann eine Ahnung, worum es ging und manchmal, im allergünstigsten Fall, verstand er dann auch, worum es ging. Heute allerdings nicht und er knurrte frustriert. „So ein Scheiß. Das fängt ja gut an. Aber war ja klar, wenn der Strater uns quälen darf“, knurrte er und gab Jan seinen Block zurück.

„Das wird schon noch“, sagte Jan und tätschelte Gerrit mal kurz die Haare. Er konnte einem schon leid tun, aber zum Glück war sein Freund kein absoluter Mathe-Legastheniker, sondern nur partiell dämlich. Alles was mit Matrizen zu tun hatte, war einfach zu viel für ihn und bis heute war der Knoten in der Vorgehensweise noch nicht geplatzt. Zum Glück hatten sie im fünften Block noch ein Seminar, in dem sie Strater so lange damit beauftragen konnten, Gerrit zu erleuchten, bis einer von denen aufgab.

„Elender Optimist“, seufzte Gerrit und ließ seinen Kopf auf seinen Block fallen. Er war hundemüde, denn er hatte lange nicht einschlafen können, weil ihm dieser vermaledeite Elf nicht aus dem Kopf gegangen war. Er hatte sich in den Laken herumgewälzt und war einfach nicht zur Ruhe gekommen. Ständig hatte er den Spitzohrigen vor sich gesehen, wie er da stand, die Arme vor der leckeren Brust verschränkt. Immer mehr Details waren Gerrit aufgefallen, die definierten Muskeln, die fehlenden Haare, die unglaublich glatte Haut. Nicht zu vergessen die verlockend tief sitzende Hose, die nur noch sehr wenig der Fantasie überlassen hatte.

Gerrit schoss hoch, als ihm etwas in die Seite piekste. „Hör auf zu stöhnen!“, knurrte Jan. Der Kerl wurde langsam wirklich peinlich.

„Was?“, fragte Gerrit aufgeschreckt und sah in die Runde. Dabei kreuzte sich sein Blick mit dem von Strater, der gerade zu ihm hoch sah, weil er mit seinem erschrockenen Ausbruch wohl dessen Aufmerksamkeit erregt hatte. „Tschuldigung“, nuschelte er beschämt und wedelte mit den Händen, damit der Dozent wusste, dass es ihm leid tat, gestört zu haben.

„So, da ich nun wieder die Aufmerksamkeit aller habe, machen wir weiter.“ Damian Strater drehte sich wieder zur Tafel, um seine Skizzen zu vervollständigen. Gerrit beobachtete, wie alle fleißig schrieben und beneidete sie, denn sie guckten, als würden sie verstehen, was sie da kopierten. Ihm was das Glück nicht holt, er rieb sich lieber seine malträtierte Seite und knurrte leise. „Mann Jan, das tat weh.“

„Ach, sag bloß.“ Jans Mitleid hielt sich in Grenzen. „Du wirst nie verstehen, was an der Tafel steht, wenn du ständig nur an den leckeren Elf denkst.“ Jan war sich ziemlich sicher, dass sein Freund gerade genau an diesen gedacht hatte, denn das war kein frustriertes, sondern ein durchaus lustvolles Stöhnen gewesen, was Gerrit von sich gegeben hatte.

„Ach sei still“, knurrte Gerrit, der es gar nicht erst versuchte, abzustreiten. Was sollte er denn sonst machen? Den Scheiß da vorne bekam er nicht in seinen Kopf, den dämlichen Elfen nicht aus seinem Kopf – es schien, als würden beide an der Tür zu Gerrits Kopf stehen und sich gegenseitig blockieren. Ganz verrückte Sache.

Doch Gerrit riss sich zusammen, er brauchte den Schein und wenn Jan ihn durch die Klausur boxen sollte, musste er zumindest den Ansatz endlich begreifen.

Darum nahm er sich seinen Stift und versuchte den Ausführungen des Dozenten zu folgen. Manchmal hatte er das Gefühl, endlich etwas zu verstehen, aber der nächste Schritt machte alles wieder zunichte und die Fragezeichen schlugen wieder zu. Es war wirklich zum Verzweifeln. Aber er biss sich durch. Gerrit wirkte erleichtert, als der Block endlich beendet war. Jetzt konnte es nur noch besser werden. Technische Mechanik lag ihm und sie mussten noch nicht einmal umziehen, denn die Vorlesung fand ebenfalls hier statt. So war Gerrit der erste, der aus der geöffneten Tür rannte, den Dozenten an der Tafel ignorierte und sich erst einmal vor der Tür einen Automatenkaffee ziehen wollte, den brauchte er jetzt dringend.

Er hatte zwar schon Zuhause zwei große Tassen getrunken, aber heute reichte das nicht. Er warf das Geld in den Automaten und wartete ungeduldig auf das Getränk. Er wollte gerade einen Schluck nehmen, als eine spöttische Stimme mit den Worten: „Ich wusste nicht, dass mein Unterricht so langweilig ist, dass man dringend Kaffee braucht, um wach zu bleiben“, ihn aufschreckte und er sich die Zunge verbrannte.

„Scheiße!“, fluchte er leise und verbiss sich den Schmerz, als er sich zu Damian Strater umblickte. „Nichts gegen sie, aber das Zeug ist tödlich.“ Gerrit hatte nicht vor, dem Schinder-Strater zu Munde zu reden. Er konnte ruhig wissen, dass es Menschen gab, die glaubten, auch ohne die Fähigkeit der Matrizenmultiplikation überleben zu können.

„Der Kaffee aus dem Automaten? Da geb ich ihnen Recht.“ Damian tat extra so, als wenn er den Schwachmaten falsch verstanden hatte. Er nahm sich Zeit, sich den jungen Mann auch einmal von vorne zu begucken. Da war er am Sonntag gar nicht zu gekommen. Die Muskeln, die sich unter dem dünnen Shirt abzeichneten, wirkten sehr ansprechend, genauso wie die schmale Taille und die langen Beine. Damian konnte sich nicht helfen, aber er stand einfach auf so was. Der Kerl schien in sein Beuteschema zu passen und anstatt rational festzustellen, dass das keine gute Idee war und zu gehen, blieb er stehen und guckte zu, wie der Schwachmat das Gesicht verzog.

„Gibt schlimmeres, Matrizenmultiplikation zum Beispiel“, knurrte er, denn so schnell ließ er sich nicht schocken. Er hatte schon härtere Gegner gehabt als einen Mathematiker. Noch dazu einen, der seine Doktorarbeit in so was schrieb.

„Ach, das ist doch einfach“, winkte Damian grinsend ab. Er hatte Sabrinas Bruder während der Vorlesung immer wieder heimlich beobachtet und dabei war ihm aufgefallen, dass der wohl ziemliche Probleme mit der Matrizenmultiplikation hatte.

„Na ja, kommt drauf an, wo man seine Interessen hat. Ich für meinen Teil kann mir ein Leben ohne den Blödsinn echt gut vorstellen. Aber ich sehe ein, dass es im Lehrplan steht und wir das abhandeln müssen“, versuchte Gerrit dann doch noch die Kurve zu kriegen, nicht dass er noch den Eindruck erweckte, er hätte sich komplett verweigert und würde deswegen durch die Prüfung rauschen. Das konnte er sich nämlich echt nicht leisten.

„Ja, da ist was Wahres dran. Haben sie jemanden, der ihnen dabei hilft?“, fragte Damian und kam ein paar Schritte näher. Er lehnte sich an den Automaten und konnte sich den Mann neben ihm noch besser betrachten. Er roch ziemlich angenehm, wie er feststellen musste und hübsch war er auch. Was ihn eigentlich nicht wundern sollte, denn Sabrina war auch eine richtige Schönheit. Wenn sie zu Treffen gingen und zusammen mit anderen Gruppen tagelange Rollenspiele durchzogen, bestanden viele darauf, die weiße Hexe in ihrer Gruppe zu haben. Sabrina hatte einen kleinen Heldenstatus, denn die Plays, die sie schrieb, waren anders und mittlerweile schrieb sie auch für andere Gruppen.

„Ja, ich glaube schon, dass Jan die Hoffnung bei mir noch nicht ganz aufgegeben hat“, sagte Gerrit und schüttete den Kaffee hinter. Jetzt war er kalt genug und bitter dazu, Gerrit schüttelte sich.

„Gut, dann kann ich ja zur nächsten Stunde den Schwierigkeitsgrad anziehen.“ Damian lachte und stieß sich von dem Automaten ab. „Ich hoffe, ihr Freund Jan wird auch weiterhin die Hoffnung behalten.“ Noch ein letzter Blick auf den großen Blonden, dann ging Damian zu seinem Büro.

Gerrit blieb paralysiert zurück. Meinte der Schinder das gerade ernst? „What the fuck?“, fragte er ziemlich zeitverzögert und schüttelte sich, als Jan ihn am Arm zog.

„Was?“, wollte sein Freund wissen und sah Gerrit besorgt an. Seit gestern war der einfach nicht mehr er selbst.

„Der Strater spinnt doch. Der will den Schwierigkeitsgrad anziehen, weil ich ja dich habe, um mir diese verkackte Matrizenmultiplikation zu erklären“, regte Gerrit sich auf und sah Jan mit mordlustig funkelnden Augen an. „Wäre das nicht seine Aufgabe? Er muss doch sicherstellen, dass alle wissen, wovon er redet.“

„Nee, nicht wirklich. Er vermittelt den Stoff. Wie du ihn dann lernst, ist dein Bier“, erklärte Mario. Er konnte auch noch einen Kaffee gebrauchen. „Und jetzt rein, Professor Müller wartet nicht gern auf die Nachzügler.“ Dann war Mario auch schon wieder weg und Jan versuchte, Gerrit zu beruhigen.

Er zog ihn mit sich, denn sein Freund machte doch wirklich Anstalten Strater hinterher zu rennen und ihm mal kräftig die Meinung zu geigen, so wie er guckte. „Komm, das kriegen wir schon hin und ich glaub nicht, dass der Strater das wirklich macht. Der wollte dich bestimmt nur ärgern, weil du zu spät zu seinem Unterricht gekommen bist.“

„Was ist das eigentlich für ein kleiner, nachtragender Troll!“ Gerrit knurrte und feuerte den leeren Becher mit Schwung in den Mülleimer. Doch dann setzte auch er sich wieder auf seinen Platz. Bei technischer Mechanik kam er ganz gut mit, das lag ihm. Hatte zwar auch was mit Mathe zu tun, aber Gerrit war ja nicht komplett mathematisch unbegabt, er konnte nur nicht mit Matrizen arbeiten. Reaktionstechnik hörten sie sich dann im dritten Block an und gönnten sich anschließend das wohl verdiente Mittagessen.

Allerdings hatte der Troll Gerrit gehörig den Tag versaut und er war immer noch schweigsam und schlecht gelaunt, als sie anstanden, um sich in der Mensa ihr Essen zu holen. Jan stieß ihn mit der Schulter an und grinste. „Also, wenn du an dein Elfchen denkst, gefällst du mir besser, als wenn der nachtragende Troll durch deinen Kopf geistert. Du sabberst dann zwar, aber bist besser drauf.“

„Sehr witzig“, knurrte Gerrit und holte tief Luft. Eines musste er zugeben, was ihm selber bisher gar nicht aufgefallen war: Der Troll hatte es doch allen ernstes geschafft, den Elfen aus Gerrits Kopf zu vertreiben. So eine treulose, spitzohrige Tomate ließ sich also einfach von einem Matrizen-Troll vertreiben. Auf Elfen war aber auch echt kein Verlass!

Da bestätigte es sich mal wieder, warum er den ganzen Elfenscheiß nicht leiden konnte. Das war doch alles nur Show mit nichts dahinter. Völliger Realitätsverlust!

„Der blöde Elf ist weg und das ist auch gut so, denn nach der Ankündigung, hab ich für so einen winzigen Nichtsnutz auch gar keine Zeit mehr.“

„Nicht, wenn ein anderer winziger Nichtsnutz dir das Leben schwer machen will und du als anti-Multitasker dich immer nur auf eine biblische Plage gleichzeitig versteigen kannst, verstehe“, lachte Jan und griff zu, als ihm der Teller mit seinem Essen gereicht wurde. Er machte, dass der weg kam und suchte einen Tisch. Kicherte aber dabei.

„Arsch“, knurrte Gerrit und bekam einen vor den Hinterkopf geknallt. Mario mochte es gar nicht, wenn man seinem Schatz solche Namen gab. Da griff er gleich durch, um weiterem vorzugreifen. „Au“, quietschte Gerrit erschrocken, der Mario gar nicht gesehen hatte. Sonst hätte er das nämlich nicht gesagt, weil er wusste, was ihm dann blühte. Er war auch schon getaucht worden, als er Jan einen Fluch hinterher geschickt hatte, weil der im Training freche Sachen gesagt hatte. Man musste wirklich immer beide im Auge behalten. „Na ist doch so!“, grummelte er und sah Mario anklagend an, griff sich sein Gulasch und suchte Jan, der schon zufrieden kauend am Tisch saß.

Vorher nahm er sich aber noch einen Pudding, denn er brauchte jetzt einfach was Süßes. Jetzt konnte er zu seinem Freund gehen und sich zu ihm setzen. „Dein Bodyguard ist auch da“, muffelte er und deutete mit dem Kopf auf Mario, der ebenfalls zu ihnen rüber kam.

„Ich weiß, wir waren hier verabredet“, grinste Jan und wirkte sichtlich zufrieden. Und da war Mario auch schon, setzte sich wie immer neben seinen Schatz und begann zu essen. „Denk dran, wenn du den Regenwurm nachher einsammelst, müsst ihr noch einkaufen, wir sind abgebrannt.“ Mario hatte sich damit abgefunden, dass der Regenwurm sie auch dann noch regelmäßig besuchte, wenn er doch eigentlich seinen IKEA-Sonderposten nerven konnte. Aber sicherlich brauchte der auch ab und an Urlaub vom Liebling und so bot sich Jan jedes Mal großherzig an, den Regenwurm zu hüten.

„Machen wir“, nuschelte Jan mit vollem Mund. Das ließ sich gut einrichten, denn er hatte früher Schluss und mit Felix konnte er auch besser einkaufen, der wollte nicht immer so viele Extras, wie sein Schatz. Das war dann immer etwas günstiger. Der Regenwurm war pflegeleicht. Er bekam eine Dreierpackung Pizza Margarita, dann war er glücklich.

„Du verschwindest aber nicht vor dem Mathe-Seminar. Ich traue dem blöden Troll zu, dass er Aufgaben nimmt, die ich echt nicht kann. Der Kerl ist doch völlig bekloppt.“ Gerrit war immer noch mit seinem Problem beschäftigt.

„Keine Sorge, so lange bleibe ich noch.“ Jan war ja nicht fies. Er hatte Gerrit versprochen, ihn durch Mathe zu bringen und das Versprechen hielt er auch.

„Gut.“ Damit war Gerrit zufrieden und begann jetzt auch zu essen. Er hatte Hunger und den konnten ihm keine winzigen Quälgeister vermiesen.


04

„Na, wieder Hannos Schafe gehütet?“ Norbert setzte sich mit seinem Tablett zu Kerstin und Damian, die sich gerade angeregt über die Kekse unterhielten. Nicht dass das ihr einziges Thema wäre, doch Kerstin wollte die heute selber ausprobieren und vorher einkaufen und musste sich nun die Zutatenliste von Damian diktieren lassen.

„Ja und stell dir vor, sie leben alle noch.“ Damian grinste und gab Kerstin noch die letzten Zutaten durch, erst dann wandte er sich wieder an Norbert. „Ich war gnädig und habe sie nur ein klein wenig gequält, schließlich hat Hanno das ja ausdrücklich gewünscht, bevor er in den Urlaub gegangen ist.“

„Kann ja nicht sein, dass der arme Kerl aus seinen Flitterwochen wiederkommt und du hast sieben seiner Lämmchen in die Therapie getrieben.“ Norbert ließ sich fallen. Es war ja nicht so, dass er die Studenten nicht leiden konnte, im Gegenteil. Sie waren nett, aber den Meisten fehlte einfach das Gen für die Mathematik. So einfach war das.

„Nur sieben? Das ist aber enttäuschend“, lachte Damian. Er wusste, welchen Ruf er in der Fakultät hatte, aber das störte ihn nicht. Er wollte, dass die Studenten etwas lernten und wenn er dafür etwas härter sein musste, dann war ihm das Recht. Schließlich waren sie hier nicht in der Grundschule. Wer an einer Hochschule bestehen wollte, musste schon ein bisschen mehr zu bieten haben als Grundrechenarten. „Heute hatte ich einen, der maulte über Matrizen. Was glauben die eigentlich, was höhere Mathematik eigentlich ist?“

„Unnütz?“, lachte Norbert und Kerstin verdrehte die Augen.

„Jungs, wenn ihr jetzt wieder eine Grundsatzdiskussion anfangt, dann könnt ihr was erleben. Ich habe Pause und da will ich nichts davon hören“, knurrte sie und funkelte Damian und Norbert an und die wussten, dass es keine regelmäßige Leckerchenlieferung mehr gab, wenn man sie verärgerte.

„Okay, anderes Thema. Wie war deine Messe!“, fragte Norbert. Zusammen mit Kerstin waren sie die einzigen, die wussten, was Damian in seiner Freizeit trieb und womit er sich die Zeit um die Ohren schlug. Kerstin wollte immer mit Bildern von den Events versorgt werden, weil sie auf die Kostüme stand und Norbert spielte selber. Er war in einer anderen Gruppe und mimte mit Vorliebe Orks. Seine Frau hatte sich daran erst gewöhnen müssen.

„Prima. Ich habe unheimlich viele Leute kennengelernt und tolle Kostüme gesehen. Es werden immer mehr, die verkleidet kommen und sich dabei unwahrscheinlich Mühe geben.“ Damian hatte viele Fotos für Kerstin gemacht, die er ihr aber noch nicht gezeigt hatte, weil einfach zu viel zu tun gewesen war.

„Und kriege ich die vielleicht auch mal zu sehen?“, fragte sie auch wie auf Kommando, doch Norbert winkte nur ab.

„Geh halt selber mal hin“, sagte er nur und vergaß sogar zu essen. „Ich wette, der Rollenspielersupermarkt war wieder reichlich gefüllt. Mann, ich bin so angepisst, dass ich nicht kommen konnte.“ Aber so war das eben – die Schwiegermutter wurde nur einmal im Leben fünfundfünfzig.

„Ja, du hast einiges verpasst. Nächstes Jahr machen wir das zusammen. Der schöne Elf und der hässliche Ork“, lachte Damian. „Denk drüber nach, das würde dir bestimmt Spaß machen.“

„Der schöne Elf“, grinste Norbert und schüttelte den Kopf. „Nur gut, dass du kein bisschen eingebildet bist, ey!“ Er wusste ja, dass – egal wo Damian in seinem Kostüm auftauchte – man sich nach ihm umsah, das hieß aber noch lange nicht, dass man dem eitlen Kerl das Benehmen durchgehen lassen musste.

„Und ich will die Fotos!“, erklärte Kerstin.

„Ja kriegst du, du Nervensäge“, kicherte Damian. Und weil er nett war, hatte er auch ein paar Bilder von sich selbst machen lassen. Er wusste nämlich, dass Kerstin sich darüber freuen würde. „Ich bin nicht eingebildet, sondern einfach nur schön, da kann ich nix für“, erklärte er Norbert lapidar.

„Ich glaube, du solltest deine Pillen wieder regelmäßiger nehmen, denn du leidest unter chronischer Selbstüberschätzung. Es gibt keine schönen Elfen.“ Zumindest sagte ihm das seine Frau immer, wenn sie wieder einem Elf hinterhergestarrt hatte und er sie räuspernd hüstelnd daran erinnern musste, wo sie hinzugucken hatte. Dann hörte er immer, dass sie nur angewidert war und gar nicht glauben konnte, was so alles herum läuft.

„Nee, ich finde meinen derzeitigen Zustand ganz angenehm.“ Damian lachte und aß weiter. Dabei sah er sich in der Mensa um und etwas entfernt sah er den Schwachmaten mit seinen Freunden sitzen. Noch immer wusste er nicht, wie Sabrinas Bruder hieß, aber das ließ sich ja leicht herausfinden.

„Wundert mich, dass jemand wie du Freunde hat“, knurrte Norbert. Irgendwie war dem Elfen nie beizukommen. Ständig hatte er die besseren Argumente oder einfach nur das letzte Wort.

„So Jungs, genug gekeilt. Jetzt geben wir uns schön die Patscherchen und dann sind wir alle wieder lieb!“ Kerstin begann ebenfalls, endlich zu essen, denn die Pause dauerte nicht ewig. „Und ärgere den Elfen nicht so, er muss nachher noch mal die Herde hüten. Nicht dass er schlechte Laune bekommt und sie die Alm runter treibt, bis sie sich von der Klippe stürzen wie die Lemminge.“

„Warum eigentlich nicht?“ Damian sah Kerstin mit einem teuflischen Grinsen an. „So können wir doch die Spreu vom Weizen trennen. Wer nicht mal ein wenig höhere Mathematik aushält, der ist es nicht würdig, Ingenieur zu werden.“

„Na mach den Vorschlag mal Hanno, wenn er nächste Woche wieder da ist.“ Kerstin schüttelte den Kopf. Damian war heute überraschend gut drauf, irgendwas muss doch auf der Messe gelaufen sein. Aber das hob sie sich noch auf. Vielleicht verrieten ja schon die Bilder, was los war. Wenn nicht, würde sie Daumenschrauben ansetzen.

„Okay, mach ich.“ Sie wussten alle, dass das nicht passieren würde, aber das hieß ja nicht, dass man sich das nicht vorstellen konnte. Manchmal fand Damian es wirklich besser, wenn einige Studenten sich ihren Berufswunsch noch einmal überlegten. Automatisch ging sein Blick zu dem anderen Tisch, wo auch jemand saß, der mit höherer Mathematik nicht viel anfangen konnte.

Doch der räumte gerade sein Geschirr zusammen und erhob sich. Seine Freunde folgten ihm. Damian hob eine Braue. Er wusste auch noch nicht, was er von dem Schwachmaten halten sollte. Vielleicht hatte er ja in anderen Fächern was drauf. Allerdings konnte er ihm nachher immer noch auf den Zahn fühlen und es würde ihm Spaß machen.

„Suchst du ein Opfer oder warum grinst du wie ein Ork?“, fragte Kerstin und erntete von Norbert böse Blicke.

„Och mal sehen, kann sein.“ Damian wackelte mit den Augenbrauen. Er wusste auch nicht, aber seit er heute Morgen festgestellt hatte, dass der Kerl von der Messe in seinem Kurs war und ihn noch nicht einmal erkannte, war er gut drauf. Er wollte den Schwachmaten ein wenig ärgern, aber das musste er geschickt anstellen. Außerdem musste er den schmalen Grat finden zwischen, ihn ein bisschen ärgern und ihm den Kurs versauen, denn das wollte er ganz bestimmt nicht. Jeder hatte eine Schwäche, das war menschlich.

„Aber jetzt muss ich mich beeilen, hab noch zu tun bis zum Seminar.“ Also beeilte er sich mit dem Essen.

Norbert und Kerstin sahen sich an. Sie kannten Damian gut genug, um zu wissen, dass da was im Busch war und leider würde ihr Freund freiwillig nichts erzählen. Das kannten sie auch schon. Sie mussten sich ihn dann einfach greifen und es aus ihm herauspressen, was sie wissen wollten. Vielleicht am Mittwoch, da war Hörsaalparty und wenn Damian zwei oder drei seiner Lieblingsgetränke geschlürft hatte, war er vielleicht gesprächiger.



+++



„Ich hab keinen Bock auf die Scheiße“, knurrte Gerrit, als er von Mario hemmungslos ins Fakultätsgebäude gezerrt wurde. Sie hatten Seminar und die Räume waren nicht sehr groß. Wenn sie einen guten Platz haben wollten, dann mussten sie sich sputen. Vielleicht war Jan ja schon da, der hatte nämlich einen Freiblock gehabt und wollte in der Bücherei etwas suchen, was Gerrit helfen konnte.

„Hör auf zu jammern. Du bist nicht der einzige, der damit Probleme hat. Willst du den Schein oder nicht?“ Mario sah sich um und Gerrit streckte ihm die Zunge raus. Es war ja nicht so, dass er das nicht wusste, aber heute war sein Bedarf an kleinen Canadiern gedeckt. Warum musste der Kerl auch ausgerechnet nach Deutschland an seine Uni kommen? Hatte man in Canada keinen Bedarf an höherer Mathematik? Denn wenn nicht, würde Gerrit sofort auswandern, das mussten die glücklichsten Menschen der Erde sein. Er schielte in den Raum, doch der Dozentenstuhl am ersten Tisch war noch leer. Erleichtert atmete Gerrit aus und zuckte zusammen, als jemand hinter ihm fragte: „Angst?“

„Mensch Jan, willst du mich umbringen?“, japste er, denn sein Herz raste und es wurde noch schlimmer, als er sich umdrehte und nicht Jan, sondern sein Dozent hinter ihm stand und breit grinste. „Herr Strater“, stammelte er und wurde blass.

„Beruhigen sie sich doch wieder“, sagte Damian und versuchte sich das Grinsen zu verkneifen. Aber es hatte so niedlich ausgesehen, wie der große Kerl wie ein kleiner Junge schüchtern um die Tür Richtung Tafel geschielt hatte. Er hatte nicht wiederstehen können. „Sie müssen keine Angst haben. Bisher ist an höherer Mathematik noch niemand gestorben“, versicherte er mit einem Lächeln und Gerrit hyperventilierte immer noch.

Ungerührt verschwand Mario schon mal und belegte Plätze, das konnte länger dauern.

„Das hat man von vielen Dingen behauptet und wurde dann eines Besseren belehrt“, keuchte Gerrit und versuchte sich zu beruhigen. Er schämte sich.

„Ja, im Moment sieht es ganz danach aus. Langsam ein- und ausatmen.“ Damian konnte es einfach nicht lassen. Seit er Gerrit, ja, er wusste mittlerweile dessen Namen, heute morgen gesehen hatte, gefiel er ihm immer besser. Das, was er gerade gemacht hatte, war zwar fies, aber es gab ihm eine gute Möglichkeit, sich mehr mit dem jungen Mann zu befassen.

„Nicht witzig“, knurrte Gerrit und lehnte sich an die Wand neben der Tür. Er blickte Jan an, der gerade an ihnen beiden vorbei in den Raum ging und gleich den Blickkontakt zu Mario suchte, weil er wissen wollte, warum der Troll einen blassen Gerrit vor sich an der Wand stehen hatte. Da kam er einmal etwas später und schon verpasste er wieder das Beste oder was?

„Klar habe ich Angst, wenn mir angedroht wird, der Stoff wird noch schwerer und ich habe noch nicht mal die Basis verstanden. Ich brach den blöden Schein.“

„Wo genau liegt denn ihr Problem? Vielleicht kann ich ja helfen, das Defizit zu verringern.“ Damian wusste nicht genau, warum er das anbot, aber irgendwie gefiel es ihm nicht, Gerrit so verzweifelt zu sehen.

„Ich verstehe es einfach nicht. Irgendwas wird da kreuz und quer multipliziert und dann soll was Richtiges rauskommen. Das ist unmöglich – das geht doch gar nicht“, sagte Gerrit, hatte sich aber allmählich wieder gefangen. Er sah den Troll forschend an. Warum war der plötzlich so freundlich? Hatte der was vor?

„Nun, in dem Seminar wollte ich eh auf Probleme eingehen, die sie alle mit dem Stoff haben. Da habe ich ja etwas, wo ich ansetzen kann.“ Damian nickte und in seinem Kopf überlegte er sich schon etwas, wie er versuchen konnte, Gerrit den Stoff näher zu bringen. Er kannte das selber auch. Es gab Dinge da blockierte das Hirn, egal wie intensiv man versuchte es zu begreifen. Irgendwann platzte der Knoten und dann wurde alles klar, doch bei Gerrit war der Knoten wohl noch nicht durchschlagen. „Wird schon“, sagte er noch und betrat endlich den Raum. Gerrit machte, dass er ebenfalls auf seinen Platz kam, dabei vermied er den Blickkontakt mit Jan. Er musste nicht hingucken, um zu wissen, wie sein Freund in ansah.

Irgendwie war heute ein vollkommen verrückter Tag. Strater war ihm gerade ziemlich unheimlich, denn normalerweise sprach er nicht mit seinen Studenten, außer im Unterricht. War das eine neue Masche, um seine Opfer in Sicherheit zu wiegen und ihnen dann den Todesstoß zu versetzen? Gerrit musste das im Auge behalten und versuchen, so lange zu überleben, bis Professor Sieper aus dem Urlaub wieder da war. Das müsste zu machen sein.

„Was gab es denn so wichtiges vor der Tür zu bequatschen?“, fragte Jan, weil Gerrit gar nicht den Anschein erweckte, auf seinen fragenden Blick zu reagieren. Schließlich hockte er nur wegen dem Mathe-Legastheniker hier, er selber bräuchte die Übungsstunden nicht.

„Wenn ich das wüsste, wäre ich echt schlauer“, murmelte Gerrit leise und ließ dabei den Strater nicht aus den Augen. Nicht dass er den hinterhältigen Angriff nicht mitbekam und dann wie ein Depp dastand. Ein Depp ohne Schein, wie sich das gehörte für einen Sadisten.

„Aber ihr habt doch vor der Tür gerade, vorhin am Kaffeeautomaten auch schon. Normalerweise sucht er nicht den Kontakt zu uns.“ Jan kam das auch nicht geheuer vor. Er musste das im Auge behalten. Nicht dass bereits aufgefallen war, dass Gerrit bei Matrizen ein hoffnungsloser Fall war und Strater ihn jetzt aufs Korn genommen hatte.

„Was weiß ich denn, was in den gefahren ist“, zischte Gerrit zurück und funkelte Jan an. „Er hat was davon gesagt, dass er jetzt weiß, wo er bei seinen Übungen ansetzen muss - nämlich am Anfang. Damit ich das endlich auch verstehe.“

„Na das klingt doch gut.“ Jan war sichtlich zufrieden. War der Troll doch nicht so fies wie gedacht. Er lehnte sich zurück und beobachtete Strater, wie er die Reihen überschaute und die Tür schloss. Es schienen alle da zu sein und wer nicht da war, hatte eben Pech gehabt. Zettel mit Aufgaben wurden ausgeteilt und dann begann Damian, die Aufgabe zu rechnen. Phasenweise holte er den einen oder anderen an die Tafel und grinste jedes Mal, wie Gerrit versuchte, in seine Tasche zu kriechen, als der suchende Blick des Dozenten das nächste Opfer für die Tafel auswählte. Doch so gemein war er nicht. Er wollte Gerrit nicht vorführen, wenn der ihm seine Schwäche bereits offenbart hatte.

Er hatte sich wirklich Mühe gegeben, die einzelnen Schritte ausführlich und in jeder Einzelheit zu erklären. War nur zu hoffen, dass es etwas nutzte. Ob dem so war, konnte er nicht sagen, denn bisher hatte er noch keinen Hinweis darauf, ob es geklappt hatte. So ging er durch die Reihen und guckte den Studenten über die Schulter, als sie begannen, die zweite Aufgabe selbst zu lösen. „Sie können zusammen arbeiten, wichtig ist, dass sie verstehen, wie es funktioniert“, sagte Damian, denn Gerrit war schon wieder blass, tippte auf seinem Rechner, von dem Damian nicht wusste, wozu er den gerade brauchte. Also näherte er sich langsam dem jungen Mann. Irgendwie aktivierte er Damians Mitleid. Wie ungewöhnlich.

„Wo hakt es denn?“, fragte er und vor Schreck hätte Gerrit beinahe den Rechner vom Tisch geworfen, so zuckte er zusammen. „Was?“ Gerrit sprang auf, ließ sich aber gleich wieder in seinen Sitz fallen und hielt sich das Herz. „Mensch Alter, irgendwann bringt mich das noch mal um. Muss das ständig sein, dieses Anschleichen?“

Damian hob eine Braue. Alter? Doch er kommentierte das mal nicht, sondern sagte: „Ich habe mich nicht geschlichen, sie waren nur etwas in ihre Arbeit vertieft. Das ist doch ein gutes Zeichen. Geht’s oder hakt es?“, lenkte er also ab, freute sich innerlich aber diebisch. Allerdings sollte er das nicht zu oft machen, sonst war Gerrit noch der erste Lemming.

„Sieht das so aus, als wenn es gehen würde?“, brummte Gerrit und zeigte auf seinen Zettel. Dort standen zwar jede Menge Zahlen, aber sie ergaben für ihn einfach keinen Sinn. Er hatte eigentlich nur auf dem Taschenrechner herumgetippt, um beschäftigt auszusehen. Und das hatte so gut geklappt, dass er jetzt den Troll neben sich hatte, der sich auf dem Tisch aufstützte und auf das Blatt guckte. Gerrit fühlte sich verraten und verkauft, aber Damian merkte das zum Glück nicht. Er war gerade kurz abgelenkt, denn er versuchte zu ergründe, welches Parfum Gerrit benutzte. Das roch unglaublich gut! Doch dann schüttelte er kurz den Kopf, er musste sich beherrschen.

„Fangen wir bei null an“, sagte er leise und setzte sich neben Gerrit. Anstelle der großen Matrizen nahm er zwei kleine, eine drei mal zwei und eine zwei mal zwei Matrix taten es auch als Beispiel. „Am Besten mit dem falkschen Schema, das geht ganz gut“, nuschelte er und griff sich alles, was er finden konnte. Das waren Gerrits Block und Stifte, er borgte sich bei einem grinsenden Jan noch bunte Stifte und dann ging es los. Schritt für Schritt.

Gerrit kam gar nicht dazu zu protestieren, da saß der Troll schon neben ihm und hatte sich alles gegriffen, was er brauchte. „Äh, ja sicher, das falksche Schema“, stammelte er und sah hilfesuchend zu Jan. Das ging doch nicht, dass der Strater mitbekam, dass er von dem ganzen Scheiß überhaupt keinen Plan hatte.

Doch Jan wandte sich pfeifend ab und malte wieder auf seinem Block herum. Er war schon fertig mit den Aufgaben und machte sich nun eine Einkaufsliste, die er mit seinem Liebling abstimmte. Gerrit war ja in guten Händen – in den besten.

„Sie haben keine Ahnung, wovon ich rede, oder?“, fragte Damian leise und Gerrit nickte schief grinsend. Na das konnte ja heiter werden. Doch er hatte sich vorgenommen, dem Schwachmaten etwas beizubringen, da musste er jetzt durch. Schwanz einziehen ließ er jetzt nicht gelten.

Er malte das Schema auf, platzierte die beiden zu multiplizierenden Matrizen und machte jede Zahl anders bunt, damit Gerrit sah, was mit wem multipliziert und dann addiert wurde. Er vermied absichtlich Worte wie Skalarprodukt. Gerrit war sowieso schon neben der Spur.

Gerrit folgte Damians Ausführungen und ganz langsam begriff er, worum es ging. Vor ihm auf dem Zettel entfaltete sich kein unverständliches Durcheinander, sondern etwas, womit er was anfangen konnte. Die Idee mit der Zeichnung und den bunten Zahlen hätte Jan auch ruhig haben können. „Das ergibt ja wirklich Sinn“, murmelte er leise und grinste.

Damian konnte nicht anders, er musste lachen. Doch er entschuldigte sich eilig, Gerrit sollte nicht glauben, dass er über ihn lachte. Zumindest nicht wirklich – der Kerl schien ja nicht zu ahnen, wie niedlich es war, dass er sich noch freuen konnte wie ein kleines Kind. „Ja, das ergibt wirklich Sinn.“ Er brachte die Rechnung noch zu ende und schob das Blatt dann zu Gerrit rüber, der es gleich an sich nahm. Das würde er sich gut wegpacken, denn endlich hatte es jemand geschafft, ihm diesen Blödsinn so zu erklären, dass Gerrit wusste, wie es ging. Den tieferen Sinn dahinter verstand er im Zeitalter der Hochleistungscomputer zwar immer noch nicht, das war auch nicht das Klassenziel gewesen, aber er war mit dem zufrieden, was er erreicht hatte und strahlte.

„Danke, das war wirklich nett“, sagte Gerrit und schämte sich ein wenig, dass er Damian ständig als Troll bezeichnet hatte. Sein Dozent hatte das geschafft, was Jan schon seit Wochen versuchte. „Ich probier das gleich mal selber. Drücken sie die Daumen.“

„Wird schon noch. Wenn das Prinzip erst mal verstanden wurde, ist es egal, wie groß die Matrizen sind. Wird schon.“ Damian erhob sich und schlug seinem Studenten noch einmal auf die Schulter, dann ging er weiter. Es war auch höchste Not, denn das Parfum machte ihn noch ganz kirre. Er musste unbedingt mal bei Sabrina nachhaken, am besten unauffällig, sonst erklärte die ihn noch für nicht ganz dicht.

Er schlenderte noch bei einigen anderen Studenten vorbei, die anzeigten, dass sie irgendwo Probleme hatten, aber immer wieder sah er zu Gerrit rüber, der eifrig rechnete und irgendwann strahlend die Arme hochriss. Anscheinend hatte er das richtige Ergebnis rausbekommen. „Hab ich’s doch gewusst“, grinste er. Sollte noch mal einer sagen, er würde die Herde quälen – ganz im Gegenteil, er verhätschelte die Sorgenkinder. Doch dann ging Damian wieder weiter und steckte seinen Kopf in andere Hefte.

„Zeig her!“ Jan konnte es nicht fassen. Er griff sich Gerrits Block und guckte nicht schlecht. Das stimmte wirklich, was er da gerechnet hatte und so sah Jan seinen Freund fragend an. „Und warum verschwende ich meine kostbare Freizeit mit dir, wenn du eh nichts begreifst? Was hat der denn anders gemacht? Abgesehen davon, dass er jede Menge bunte Farben aufs Papier gemalt hatte.“ Jan war in seiner Ehre als Nachhilfslehrer gekränkt.

„Woher soll ich das wissen. Ihr seid doch die Mathe-Cracks. Vielleicht brauche ich bunte Farben, um was zu verstehen, was weiß ich denn? Hättest du auch mal ruhig drauf kommen können.“ Gerrit meinte das nicht böse, darum grinste er breit. „Jetzt bin ich nicht nur ein Matratzen-, sondern auch ein Matritzen-Kenner.“

Er hatte ein bisschen laut geredet und so sah sich die Hälfte im Raum zu ihm um, grinste, tuschelte und freilich war der Spruch auch Damian nicht entgangen. Aber der schüttelte nur den Kopf und grinste. Der Schwachmat war wirklich ein komischer Vogel.

„Wer kommt auch drauf, dass man einem Landesmeister alles auf Teletubbie-Nieveau beibringen muss“, knurrte Jan, der mit der ganzen Sache noch nicht durch war. Eigentlich sollte er froh sein, dass bei Gerrit endlich der Schalter gefallen war.

„Du ja wohl nicht“, kicherte Gerrit, dem gerade gar nichts die Petersilie verhageln konnte. Sollte es wirklich so sein, dass sein Angstgegner den Schrecken verloren hatte? „Ach komm her, Janni“, lachte er und drückte seinen Freund an sich. „Ich verspreche dir auch, eine Woche nicht zu fluchen und zu schimpfen, wenn du mir wieder davonschwimmst.“

Damian wurde hellhörig und da fing es an, in seinem Kopf zu klingeln. Genau! Das hatte Sabrina ihm erzählt. Ihr Bruder war ein relativ erfolgreicher Schwimmer. Na bitte, mit den richtigen Schlüsselreizen war er sogar in der Lage, sich an Dinge zu erinnern, die keinen mathematischen Bezug hatten. Doch er blickte weiter auf das Blatt vor sich und erklärte Sandra das Skalarprodukt.

„Und ich werde dir davon schwimmen“, murmelte Jan leise und Mario ahnte, dass aus dem Döner heute Abend nichts wurde. Wenn Jan angepisst war, gab es Jan-Futter. Das hieß Sushi. Am besten besorgte er für sich und den Regenwurm etwas Essbares, denn er selber konnte den Dingern nicht viel abgewinnen.

„Ach komm, jetzt sei nicht sauer. Wenn du nicht so gut vorgearbeitet hättest, hätte ich das jetzt auch nicht kapiert.“ Gerrit kannte das Gesicht, dann war Jan nicht gut drauf und das wollte er nicht. Schließlich hatte sein Freund viel Zeit geopfert, um ihm was beizubringen.

„Mario, erinnere mich dran, wenn er mal wieder in unserer Nähe winselt, er würde Mathe nicht verstehen, dass ich die Tür zu mache und wir uns einen Film reinziehen.“ So sauer war Jan nicht mehr, doch er wollte Gerrit noch ein bisschen klar machen, dass man besser begriff, was er erklärte oder zumindest so tat. Schließlich sollte man keinen anderen Mathe-Gott neben ihm haben. Es konnte schließlich nur einen geben – selbst dem Highlander war das klar gewesen.

„Oh großer Jan. Bester Schwimmer unter der Sonne. Nicht sauer sein.“ Gerrit hatte schon verstanden, dass es seinen Freund wurmte, dass er bei Strater verstanden hatte und bei ihm nicht. Aber was sollte er machen? Der hatte die Teletubbie-Methode verwendet und Erfolg gehabt. Im Gegensatz zu Jan hatte Strater Gerrit nicht für 5 Cent mathematisches Wissen unterstellt und war gut damit gefahren. Jan hatte in seinen Freund einfach zu viel Vertrauen gehabt.

„Wir sprechen uns noch mal und jetzt rechne die anderen Aufgaben, ich habe noch einen Termin und werde nicht auf dich warten, nur weil du gerade deinen Triumph auskosten musst.“ Jan war schon fertig und suchte sich was zu lesen. Er musste noch ein Referat in Werkstofftechnik vorbereiten.

„Mach ich.“ Gerrit legte sich seine Vorlage zurecht und begann zu rechnen. Es war wirklich erstaunlich, jetzt war es auf einmal ganz einfach. Wenn er sich an das Schema hielt, konnte er alle Aufgaben lösen. Er war so vertieft, dass er ziemlich erstaunt war, als er alle Aufgaben gelöst hatte. „Fertig“, sagte er und suchte Damian. Der ging gerade auf ihn zu, darum hob er grinsend den Daumen.

„Das glaube ich erst, wenn ich es sehe“, sagte Damian gut gelaunt. Er hatte seine gute Tat für heute getan und ein Lämmchen erleuchtet. Er würde sich damit belohnen, dass er heute früher ging. Er musste noch ein paar Dinge vorbereiten, denn er hatte heute Abend seine Rollenspielgruppe bei sich. Sie erarbeiteten gerade eine komplett neue Welt. Das kostete Zeit und Nerven. Besser er bereitete das eine oder andere vor. Doch erst einmal wollte er sehen, ob Gerrit nicht nur schummelte.

Er nahm sich die Blätter und sah sich die Rechnungen an. Er sah aus den Augenwinkeln, dass Gerrit ihn lauernd ansah, darum ließ er sich extra lange Zeit, auch wenn er schnell gesehen hatte, dass alle Aufgaben richtig gelöst waren. „Gut, alles korrekt“, sagte er schließlich, weil er noch Angst hatte, dass sein Student gleich einen Herzkasper bekam. Das wäre doch wirklich schade. Wo er doch immer noch so lecker roch.

„Sag ich doch.“ Gerrit platzte fast vor Stolz, doch Damian fand, dass er schon das Recht dazu hatte.

„Dann müssen sie in Zukunft auch nicht mehr so ängstlich in die Seminarräume gucken. Ihnen wird Keiner den Kopf abreißen“, sagte Damian, verschwieg aber, dass es reine Verschwendung wäre, bei solch einem hübschen Kopf.

Gerrit wurde rot, als sein Dozent das sagte und knurrte ganz leise, als er beschämt den Kopf senkte. Musste das denn sein? Brauchte doch nicht jeder wissen, wie dämlich er sich benommen hatte.

Das empfand wiederum Jan als gerecht Strafe und war schon fast wieder versöhnt, als er Strater angrinste. Die Stunde war vorbei, darum klopfte er Gerrit auf die Schulter. „So, komm du Angsthase, ich will gehen.“