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Terra 3.0 - Zyklus III - Atlantis Nord 035 - Teil 1-3

Zyklus III – Atlantis Nord 035

01

„Ich bin ganz aufgeregt!“ Idya rieb nervös ihre Finger gegeneinander. Sie war zusammen mit Elaios auf dem Weg zur großen Halle. Sie liefen vorbei an den Pagoden, durch den Säulenwald und dann die breite Hauptstraße entlang. Es war das erste Mal in ihrem Leben, dass sie für die Wettkämpfe um die Regierung zugelassen wurde. Seit sie ein kleines Kind war, trainierte sie, denn sie entstammte einer Familie von Athleten. Ihr Bruder war weit über den Tempelbezirk von Atlantis Nord 035 bekannt. Er war nicht nur ein begnadeter Läufer und geschickter Kämpfer, er war auch ein weiser Regent.

Schon seit vielen Jahrhunderten hatte man sich in Atlantis Nord 035 darauf verständigt, dass nur in einem starken Körper auch ein starker Geist stecken konnte. Das korruptionsanfällige Wahlsystem für das Parlament war also durch Wettkämpfe um Mut und Willenskraft ersetzt worden.

Und das erste Mal in ihrem Leben war Idya ebenfalls erwählt worden, an den Wettkämpfen ums Parlament teilzunehmen. Ihr langes, schwarzes Haar hatte sie streng zurück gebunden, ihr kleiner aber drahtiger Körper war in einem engen Anzug verborgen. Sie gab sich viel Mühe, ihre weiblichen Reize zu verbergen.

Dabei hatte sie das gar nicht nötig. Sie war eine der besten Athletinnen, die ihre Generation hervorgebracht hatte und sie genoss die Anerkennung ihrer Kameraden. „Ich bin gespannt, welche Disziplinen ausgelost werden. Ich hoffe Speerwerfen ist dabei“, lachte Elaios und erklomm die Stufen zur großen Halle.

„Hoffentlich müssen wir nicht nach draußen“, sagte Idya und sah sich kurz um. Ihr Blick glitt nach oben zum Kuppeldach, über dem ein Schwarm Sardinen glänzend hinweg zog. Ihre schuppigen Leiber glänzten im Schein der Bakterien. Auf allen großen Flächen hatte man lumineszierende Bakterien gezüchtet, um die Kuppel zu erhellen. Es gab keinen Tageswechsel wie an der Oberfläche, es war immer gleich hell. Die innere Uhr musste einem sagen, wann es Zeit war, sich schlafen zu legen.

„Letztens haben ein paar Sharker Streit gesucht, als ich mit Thyron und Demakles vor der Kuppel trainiert habe. Ich glaube, die sind mal wieder auf Krawall gebürstet.“

„Ach die.“ Elaios schnaubte. „Sollen sie doch kommen. Sie sehen zwar furchterregend aus, aber sie sind zu unflexibel. Man kann sie leicht austricksen. Du darfst nur ihren Zähnen nicht zu nahe kommen.“ Der junge Athlet lachte und seine Augen leuchteten. Heute konnte ihm niemand die Laune verderben. Er durfte bei den großen Spielen mitmachen. Noch vor gar nicht so langer Zeit hätte er das nicht gedacht, aber die Verletzung war geheilt und seine Form besser als je zuvor.

„Du hast leicht reden“, seufzte Idya und strich sich über die straff gezogenen Haare. Sie waren kurz vor der großen Halle und aus allen Richtungen strömten die Menschen in den alten Tempel. Keiner wusste mehr, wie lange der schon hier stand. Jeder, der seine Geschichte aufgeschrieben hatte oder sie weiter erzählte, berichtete, dass er schon da gewesen war.

Idya mochte die Sharker nicht, es waren merkwürdige Wesen, die außerhalb der Kuppel lebten. Sie waren teils menschlich, glichen aber auch den Haien. Aber sie waren um vieles schlauer und angriffslustiger. Sie suchten den Kampf und den Streit aus purer Langeweile, denn sie hatten keine Aufgabe mehr.

Früher einmal waren sie Krieger und Soldaten gewesen. Eine Elitetruppe, die die alten Götter beschützt hatte, wenn diese im Wasser unterwegs waren. Aber seit die Götter aus der Kuppel verbannt worden waren, hatten sie ihre Daseinsberechtigung verloren, denn keiner wollte sie mehr in der Nähe haben. Sie hatten im Namen der Götter zu viel Spaß daran gefunden, zu bestrafen und zu quälen.

Und so zogen sie von einer Kuppel zur nächsten und drangsalierten diejenigen, die sich nach draußen wagten. Idya schüttelte sich und straffte sich wieder, ehe sie die große Treppe nach oben schritt. Sie winkte ein paar anderen Athleten. Die Konkurrenz war groß. Sie wusste, dass von all den Geladenen nur ein Bruchteil siegen konnte. Das Parlament bestand aus fünfundzwanzig Sitzen – zehn Senatorensitze, die von denen innegehalten wurden, die in den Spielen als Sieger hervor gingen und 15 Beratende Senatoren, die die Folgeplätze bis 25 in den Spielen belegten. Die nächsten vier Wochen würden also über das Schicksal der Kuppel für die nächsten vier Jahre entscheiden.

Sie versuchte sich vorzustellen, wie es war, dort zu sitzen und mit all den anderen Senatoren zu diskutieren. Aber die Gedanken verflogen schnell, als Elaios sie tiefer in den Raum drängte. Er wollte weiter nach vorne, um besser sehen und hören zu können. „Archiaon ist schon da“, raunte er ihr zu und sah ehrfürchtig zu dem älteren, großgewachsenen Mann, der auf dem Sessel des Senatsvorsitzenden saß. Noch keiner vor ihm, hatte sich so oft einen Senatssitz erkämpft.

Und keiner war so beliebt wie er. Archiaon war fast vierzig, älter als jeder andere Teilnehmer bei den Spielen, und doch ließ er jeden neben sich alt aussehen. Keiner lief, keiner schwamm und keiner sprang so gut wie er. Seine Schüsse und Würfe waren perfekt und im Ozean orientierte er sich wie ein Fisch, daher auch sein Spitzname: Barrakuda. Er war furchtlos und unerbittlich.

Um Archiaon herum versammelte sich der Senat und der Raum füllte sich. Die große Uhr an der Wand zählte erbarmungslos die Zeit. Wie jedes Mal wurden Punkt sieben die Tore geschlossen. Wer zu spät kam, war von vornherein disqualifiziert. Und das galt für jeden Wettkampftag.

„Es geht los.“ Idya streckte sich, damit sie besser sehen konnte. Archiaon ging zum Rednerpult und hob die Arme. Sofort senkte sich erwartungsvolle Stille über die große Halle. „Atlanter, es ist wieder soweit. Die großen Spiele beginnen morgen“, rief der Senatsvorsitzende und sah auf die Menschenmenge.

Jubel brach los wie erwartet, doch kaum hob der Mann wieder die Arme, herrschte Ruhe. Licht, erzeugt von den Bakterien an den Wänden, fiel durch die Schwimmhäute an seinen Händen und Idya war jedes Mal von diesem Schauspiel fasziniert. Auch bei sich selbst. Doch jetzt verbot sie sich, sich auf die eigenen Hände zu starren – ihre Aufmerksamkeit gehörte nur Archiaon.

„Wie zu jeden Spielen erwarte ich von euch absolute Fairness. Keiner verletzt die Regeln und keiner verletzt einen anderen Teilnehmer.“

Zustimmendes Gemurmel brandete auf. Noch nie hatte es jemand gewagt, die Regeln zu verletzen und darauf waren sie stolz. „Ihr wisst, welcher Preis auf euch wartet, wenn ihr alles gebt und gewinnt. Darum werden wir jetzt die Disziplin für den morgigen Tag auslosen.“

Kurz wurde wieder Gemurmel laut, denn jetzt entschied sich, wer Chancen auf den Sieg hatte und wer unglücklicherweise in einer Disziplin antreten musste, die ihm nicht lag und ihn Plätze kosten dürfte.

„Der erste Tag steht im Zeichen der Delfine. Diejenigen von euch, die ihre Tiere am besten unter Kontrolle haben, zu den Kelpfeldern im Norden reisen und eine Probe des Kelps zurück bringen, werden morgen die Sieger sein“, erklärte Archiaon, denn es war Tradition, dass die ersten Disziplinen mit den meisten Teilnehmern außerhalb der Kuppel stattfanden.

Idya seufzte leise. Sie hatte so gehofft, nicht gleich am ersten Tag nach draußen zu müssen. Die Sharker waren bestimmt da. Sie wussten, wann die großen Spiele stattfanden und ließen es sich nicht nehmen, für Verwirrung und Panik zu sorgen.

„Klasse.“ Elaios strahlte. Das war seine Paradedisziplin. Morgen durfte eigentlich nichts schief gehen.

Seine beiden Delphine waren in Topform und er selbst kannte die Ecke wie seine Westentasche. Er war schon mehrfach dort gewesen. „Halt dich an mich“, flüsterte er Idya zu, die immer noch etwas ängstlich auf ihre Hände starrte, um niemandem ins Gesicht sehen zu müssen. Er zog sie kurz an sich und lächelte ihr zu.

„Danke, Elaios, das werde ich machen.“ Sie boxte ihrem Freund gegen die Brust und lächelte. Wenn Elaios so drauf war, konnte sie gar nicht ängstlich sein, weil seine Selbstsicherheit und Zuversicht alles wegspülte. „Ich werde gleich noch einmal nach den Delphinen sehen. Kommst du mit?“

„Sicher“, er nickte, doch dann waren sie wieder still, denn Archiaon erklärte an einer Karte, wo die gesuchten Kelpwälder eigentlich lagen. So weit nördlich lag keine ihrer Kuppeln und es würde ein langer, harter Tag werden, deswegen war auch der folgende Tag frei, denn selbst die besten unter ihnen konnten ihre Leistungen nur dann beweisen, wenn sie in Form waren.

„Es gibt Nasenfische, die noch nie dort waren?“, fragte Elaios und schüttelte den Kopf. Ein junger Mann neben ihm senkte den Blick, er fühlte sich wohl angesprochen.

Idya kicherte leise und Elaios grinste sie breit an. „Wir müssen einfach gewinnen, so oft wie wir schon dort waren.“ Er zwinkerte ihr zu und sie wusste, was er meinte. Sie hatten schon vor einiger Zeit einen Abzweig der Kelpwälder gefunden, der etwas näher als der Hauptwald lag. Sie waren sich sicher, dass niemand bisher ihn entdeckt hatte. Das konnte ihnen entscheidende Minuten bringen und es war nicht illegal, da es nur vorgeschrieben war, den Kelp aus diesem Wald zu holen, nicht aus welchem Abschnitt.

Woher der Kelp stammte, ließ sich über einen genetischen Fingerabdruck schnell klären. Es hatte also keinen Sinn, einen der Wälder in der Nähe anzusteuern, es würde auffliegen und die Athleten waren auch viel zu stolz, um mit solch billigen Tricks gewinnen zu wollen.

Sie saßen noch eine Stunde zusammen, bis alle Fragen für morgen geklärt waren. Der Tag begann sehr früh.

„Na los, setzen wir uns ab“, schlug Elaios vor, als es unruhig wurde und der Saal sich leerte.

Sie liefen zu den Bassins in denen ihre Delphine die Nacht verbringen konnten, wenn sie wollten. Viele der Tiere nutzten diese Möglichkeit, denn hier waren sie sicher vor den Räubern des Meeres. Idya pfiff leise, als sie näher kamen und lachte, als zwei Delphine an den Rand kamen. „Hallo, meine Süßen“, begrüßte sie die Tiere und strich ihnen über die Köpfe.

Das offene Becken in der Kuppel war eine Zuflucht für die Tiere und funktionierte über ein kompliziertes System von Kanälen und Schleusen, damit der außerhalb der Kuppel herrschende Druck nicht die Stadt verwüsten konnte. Die Tiere trugen Transponder, die Schleusen aktivierten. Anfangs hatten Befürchtungen bestanden, dass Sharker bis ins Becken vordringen und Schaden anrichten konnten. Doch in die Schleuse passte immer nur ein Delphin, nicht mehr. Es war unmöglich sich mit hinein zu zwängen, ohne bemerkt zu werden.

„Morgen haben wir viel vor!“ Elaios tätschelte seinem Leittier den Kopf und zauberte eine Sardine aus einem Eimer neben dem Becken hervor.

Er warf sie in die Luft und der Delphin schnappte sie, bevor sie ins Wasser fiel. „Morgen müssen wir alles geben, also ruht euch aus.“ Idya gab jedem Tier einen Kuss auf die Schnauze und lachte, als sie nass gespritzt wurde.

„Kleines, du musst morgen hier bleiben“, erklärte sie ihrem heimlichen Liebling. Soraya, ihr Leittier hatte vor ein paar Monaten ein Junges bekommen und der kleine Pares tobte wild herum, hatte Freude daran Wasser auf jeden zu spritzen, der am Becken vorbei ging und tauchte dann eilig ab, ehe er geschimpft wurde. Zur Not konnte man sich immer noch hinter Mama verstecken, die den Frechdachs aber schon ab und an der Strafe des Gesetzes zuschob und Idya auslieferte, damit sie ihn ärgern könnte, dafür, dass er sie eingeweicht hatte.

Soraya sah sie an und schnatterte leise. Idya hatte bei ihr immer das Gefühl, dass sie genau verstand, was man ihr sagte. „Pass auf deinen kleinen Rabauken auf, er plant schon wieder was“, lachte sie, denn der junge Delphin kam auf sie zugeschossen und drehte kurz vor dem Beckenende ab, so dass er einen Schwall Wasser über die Umrandung gegen Idya schickte, die versuchte auszuweichen, es aber nicht schaffte.

„Du hast deine Herde wirklich beeindruckend im Griff“, erklärte Elaios und versuchte noch nicht einmal, sich das Lachen zu verkneifen. Er hockte auf dem Beckenrand, kraulte seinen Delphin und betrachtete dabei zufrieden, wie Idya in einer Pfütze hockte, von oben bis unten nass und dabei ziemlich ungläubig aussah, während Pares zufrieden auf dem Rücken schwamm, mit einer Flosse winkte und dann sicherheitshalber abtauchte.

„Sieht so aus“, seufzte Idya und wischte sich das Wasser aus dem Gesicht. Pares beobachtete sie und sie drohte ihm grinsend mit dem Finger und ließ sich neben Elaios nieder. „Das wird noch was werden, wenn er größer wird.“

So verbrachten sie eine ganze Zeit bei den Tieren, ehe sich ihre Wege trennten. “Wir sollten langsam gehen, unausgeschlafen gewinnt man keinen Wettkampf.“

„Du vielleicht nicht. Ich gewinne immer“, lachte Elaios und knuffte Idya. Doch sie erhoben sich nach einem letzten Gruß an ihre Tiere und schlenderten aus dem Bereich der Bassins hinüber in die Wohneinheiten, wo sie schon seit Ewigkeiten nebeneinander wohnten.

„Weck mich morgen bloß rechtzeitig. Wenn du ohne mich zum Start gehst, verzeihe ich dir das nie, nie, nie, nie, nie!“, erklärte Idya ernst.

„Och“, lachte Elaios, ging aber lieber in Deckung, weil seine Freundin dazu neigte, nach ihm zu schlagen. „Ich wecke dich früh genug“, versprach er schnell und lief zu seinem Zimmer. An der Tür drehte er sich noch einmal um und winkte Idya kurz zu, bevor er reinging und die Tür hinter sich schloss.

„Das will ich für dich hoffen. Sonst schwimmen deine Delphine morgen alleine!“, rief sie ihm noch nach, dann verschwand auch Idya. Ihre Mutter erwartete sie schon. Auch sie war ganz aufgeregt, weil ihre Tochter als eines der wenigen auserwählten Mädchen an den Wettkämpfen um die Regierungssitze teilnahm.

So wich sie Idya den ganzen Abend kaum von der Seite, bis es Zeit war, ins Bett zu gehen, wenn sie morgen Erfolge feiern wollten.


02

Am nächsten Morgen hielt Elaios sein Versprechen und weckte sie pünktlich. Sie absolvierte ihre morgendlichen Übungen wie immer und wärmte sich besonders gründlich auf. Sie war aufgeregt und wollte zu ihren Delphinen um zu sehen, ob es ihnen gut ging und sie den Wettkampf gut überstehen würden. Für die Tiere war es auch ziemlich anstrengend, darum mussten sie in Topform sein.

Die Strecke, die sie heute absolvieren mussten, war sehr lang. Selten gelang es ihnen, sie wirklich an einem Tag zu schaffen, denn oft spielte ihnen das Wetter einen Streich oder andere Meeresbewohner hinderten sie daran, ihr Ziel ohne Umwege zu erreichen. Es gab da eine Gruppe Haie, die im Kelpwald ihre Eier legten und schon deswegen ungern Fremde dort sahen.

Sie umarmte ihre Mutter und packte zusammen, was sie brauchte. Noch einmal überprüfte sie die Apparatur, die das Gel in ihre Lungen brachte, das sie unter Wasser atmen ließ und das Druckmittel, ohne das sie diese Tour gar nicht machen könnten, da es die unterschiedlichen Druckverhältnisse abpufferte, so dass sie sich ungehindert durch fast alle Tiefen bewegen konnten. Sie nahm immer mehr mit, als sie brauchte, denn wenn es ihr ausging, dann war sie draußen verloren. Darum griff sie noch einmal ins Regal und nahm noch etwas mit. Besser war besser.

Auch ihre Tiere nutzten die Mittel, denn auch Delphine waren für das Leben am Meeresboden und für das schnelle Auftauchen nicht geschaffen worden. Viele Jahrhunderte hatten die Bewohner von Atlantis schon daran geforscht und endlich mit wenigen Medikamenten dafür sorgen können, dass die Druckdifferenzen kein Problem mehr darstellten, genauso wie die Wasseratmung. Eine Errungenschaft der Forschung. Idya hatte mal im Museum ausprobiert, wie das war, als man noch mit Anzügen aus der Kuppel hatte treten müssen.

Das war furchtbar beschwerlich und man war nicht nur in der Länge der Tauchgänge eingeschränkt, sondern auch in der Sicht durch die Maske, die man tragen musste. So war es wirklich viel bequemer. „Hallo Elai“, rief sie ihrem Freund zu, als sie den Raum mit dem Delphinbassin betrat.

„Na? Auch schon da? Willst du auswandern?“, lachte Elaios und deutete auf die Tasche, die Idya mit sich herum trug. Er hatte seinen beiden Delphinen schon die Geschirre umgeschnallt. Eigentlich war es nur ein Gurt, der so angelegt wurde, dass er das Tier nicht behinderte. Den Griff, der an dem Gurt befestigt war, griff Elaios, um sich festzuhalten. Die Kunst war es, dafür zu sorgen, dass beide Tiere gleich schnell und gleich weit entfernt schwammen.

„Pf. Erinnere mich an deine frechen Worte, wenn du mal wieder feststellst, dass du deine Reserve vergessen hast“, schnappte Idya, drückte ihren Freund aber kurz an sich. „Ich muss doch immer für dich mitdenken.“ Sie pfiff einmal kurz und ihre Delphine kamen zu ihr. „Na, meine Süßen, seid ihr bereit?“, fragte sie und strich ihnen über die Köpfe.

Soraya schnatterte aufgeregt. Auch sie spürte die Aufregung ihres Menschen und ließ sich gern davon anstecken. Übermütig katapultierte sie sich in die Luft, schlug einen Salto und tauchte ab, ehe sie wieder zum Rand getaucht kam.

Nach und nach fanden sich auch die anderen Teilnehmer ein. Einer der ersten war Archiaon, der Titelverteidiger. Er lächelte, als er die beiden am Rand sitzen sah und kam näher.

„Idya, du solltest den Gurt etwas straffer ziehen, dann kann dein Delphin besser spüren, wenn du die Richtung ändern willst“, sagte er und besah sich die Tiere der beiden jungen Athleten. Sie sahen fit und gut genährt aus und dürften keine großen Probleme mit der Strecke haben. „Gebt euer Bestes bei dem Wettkampf. Ich freue mich schon darauf, mich mit euch zu messen.“

Kurz lächelte er Idya an, sein Blick streifte Elaios, dann verschwand er wieder. Sie hatten noch eine halbe Stunde, bis sich alle Athleten mit ihren Tieren vor der Kuppel am Start einfinden mussten. Die Soldaten waren schon draußen, um die Sharker in Schach zu halten, die sich eingefunden hatten, um ein bisschen Stunk zu machen. Ihnen kam die Reiberei mit der Polizei immer ganz gelegen und so sammelten sich ganze Schwärme.

Idya und Elaios sahen ihm mit offenem Mund hinterher. „Kneif mich mal“, murmelte Idya und zischte auf, als ihr Freund sie kurz in den Arm kniff. „Archiaon weiß meinen Namen und er freut sich.“ Sie war vollkommen perplex, denn sie hatte noch nie mit dem Ratspräsidenten gesprochen und plötzlich war sie aufgeregt. „Los, machen wir uns fertig.“

Elaios ging es ähnlich. Auch er hatte den Besten der Besten immer nur aus der Ferne bewundert und war fest davon überzeugt gewesen, dass sie ihm noch nicht einmal aufgefallen waren. „Faszinierend“, nuschelte er, doch dann machte auch er sich fertig. Er zog den Anzug über, der ihn vor Kälte und kleineren Verletzungen schützen sollte und an ihm klebte wie eine zweite Haut. Er verstaute in den sich dehnenden Taschen am Rücken, was er bei sich tragen musste.

Idya tat es ihm gleich und nahm das Druckmittel, genauso wie Elaios. Die Delphine hatten es schon bekommen und machten sich auf den Weg nach draußen. „Los geht’s.“ Sie inhalierten das Gel und tauchten unter. Mit dem erhobenen Daumen signalisierten sie sich, dass alles in Ordnung war und tauchten ebenfalls zur Schleuse, um ihren Tieren zu folgen.

„Er hat gute Chancen, findest du nicht?“Archiaon wandte sich um und nickte Lisias zu. „Leicht werden wir es dieses Jahr auch nicht haben. Die Jugend ist gut trainiert.“ Auch die Senatsmitglieder machten sich fertig und folgten ihren Tieren zum Start. Viel Zeit blieb nicht mehr.

An die achtzig Athleten hatten sich vor der Kuppel versammelt. Am Rande sah man die Soldaten, die die Sharker im Zaum hielten. Doch diese hatten wenig Interesse an den Athleten, denn mit den Soldaten machte die Schlägerei viel mehr Spaß.

Immer wieder machten sie Ausfälle, wurden aber jedes Mal wieder zurückgedrängt. Die Athleten nahmen das nur ganz am Rande wahr. Sie waren voll konzentriert und warteten auf den Start. Idya sah kurz zu Elaios und lächelte. Sie hatten beide ihren Weg im Kopf. Jetzt mussten sie nur noch gut weg kommen.

Dann ging es los. Der Schiedsrichter ging in Position, die blinkende Uhr zählte runter und als das Zählwerk null erreicht hatte, schossen die Delphine los. Idya kam gut weg, doch sie hatte Elaios aus den Augen verloren. Aber sie sah sich nicht um, hoffte einfach, dass er, wenn er hinter ihr war, sie fand und sie einholte. Sie konzentrierte sich nur auf den Weg und das, was vor ihr war.

Wie zwei Pfeile schossen ihre Delphine höher. Kraftvoll schlugen ihre Fluken und man spürte förmlich, dass sie Spaß hatten und es genossen, Idya durch das Wasser zu ziehen. Und seit ihr Volk das Gel auch für die Delphine verwendete, mussten sie nicht mehr ständig Sorge um ihre Tiere haben. Idya lachte ausgelassen und griff die Haltegriffe fester. Endlich konnten sie mal wieder zeigen, was sie konnten.

So kurz nach dem Start war das Feld noch immer dicht beisammen und so mussten sich Soraya und Gavriil konzentrieren, um nicht mit den anderen Delphinen zusammenzustoßen. Idya kannte den jungen Mann, der gerade versuchte sie zu überholen, doch sie ließ ihn ziehen. Sie wusste nur zu gut, was passierte, wenn man das lange Rennen zu schnell anging. Sie kannte ihre Grenzen und die ihrer Tiere und so schwamm sie ihr eigenes Tempo.

Sie glaubte sowieso nicht, dass sie gewinnen konnte, aber das musste sie auch nicht. Solange sie unter die ersten zehn kam, konnte sie immer noch in den Senat kommen. Sie musste dieses Level auch bei den anderen Wettkämpfen halten, dann war ihr ein Sitz sicher.

Und sie wollte nichts sehnlicher, denn die Frauen waren im Senat unterbesetzt. Sie würde dafür sorgen, dass eine Quote eingeführt würde, denn es gab viele Entscheidungen, in denen den Männern einfach das Feingefühl fehlte. Sie wollte das ändern. Nicht dass sie an Archiaon und seinen Beschlüssen zweifelte. Er war weise und regierte mit Besonnenheit, er hörte auf den Senat und wog ab. Doch er war eben nur ein Mann. Idya grinste bei dem Gedanken und zuckte, als sie etwas am Fuß anstupste und dann über sie hinweg zischte.

Elaios hatte sie gefunden und so blieb sie dicht hinter ihm, damit ihre Tiere es etwas leichter hatten. Sie machten das immer so und wechselten sich regelmäßig ab. Damit hatten sie bisher ihre besten Erfolge erzielt. Nach und nach löste sich der Pulk auf und sie mussten nicht mehr so aufpassen, dass sie mit jemandem kollidierten. Das machte es einfacher, die Geschwindigkeit zu halten.

Als sie den Felsen erreicht hatten, der wie ein tanzender Fisch aussah, bogen sie weiter nach links. Der Weg war nicht markiert und so mussten sie sich auf ihr Gefühl verlassen. Auch das gehörte zum Wettkampf. Sie waren immer noch im tiefen Wasser unterwegs, man sah die Hand vor Augen kaum. Man musste die Gegend kennen, sie spüren und wissen, wann es Zeit war. Die Delphine mit ihrem Sonar waren gute Hilfen. Genauso wie die Tatsache, dass sie diesen Weg schon öfter genommen hatten bei ihrem Training. Gleich, als sie den Kelp-Abzweig entdeckt hatten, hatten sie versucht sich den Weg einzuprägen. Idya, die gerade führte, ließ sich nach hinten fallen und gab Elaios den Vortritt. Jetzt kamen sie zu einem Abschnitt mit verschiedenen Strömungen und die konnte ihr Freund besser deuten als sie selbst.

Erst ließen sie sich sinken und trieben weiter nach Norden. Das kalte Wasser war nicht sehr angenehm, doch sie mussten durch. Zum Glück nicht für lange, denn dann spülte sie ein warmer Strom höher und weiter zur Küste. Jetzt wurde es heikel, denn die Felsen waren hier scharfkantig. Doch Soraya kannte das Gebiet wie ihre Westentasche, sie hatte den Weg erkannt und wusste ganz genau, wo es hin ging und so übernahm sie plötzlich die Führung.

Soraya und Gavriil schossen vor und Idya gab Elaios ein Zeichen, dass er ihr folgen sollte. Sie überließ sich ihren Tieren und achtete nur darauf, nicht an die Felsen zu kommen. Wenn sie die hinter sich hatten, war das Schwierigste geschafft, auch wenn der Graben, den sie überqueren mussten, ebenfalls nicht ungefährlich war. Dort gab es Wesen, denen man lieber nicht begegnen sollte.

Oder zumindest kein zweites Mal. Einmal hatte sie etwas aus der Tiefe gegriffen und zu sich gezogen. Mit viel Glück war sie dem Tentakel entkommen, genauso wie Gavriil, der seit dem eine Narbe auf der linken Seite hatte.

Sie kamen allmählich immer höher und so wurde es heller, ihre Augen, die sich gut an da die Dunkelheit angepasst hatten, nahmen jetzt mehr wahr. Erste Umrisse waren zu sehen und nicht nur zu erahnen.

Langsam konnten sie die Abbruchkante erkennen, die sie hoch mussten, um in flachere Gewässer zu kommen. Jetzt wurde es spannend. Die Delphine stiegen steiler nach oben und kaum, dass sie die Kante erreicht hatten, brach die Hölle los. Soraya und Gavriil wurden von einer starken Strömung erfasst und abgedrängt. Der schlimmste aller Fälle war eingetreten. Auf der Oberfläche tobte ein Sturm und sie waren mittendrin.

Mit Mühe versuchte Idya, ihre Tiere zusammenzuhalten. Das schlechteste, was jetzt noch passieren konnte, war, dass sich eines ihrer Tiere verirrte und nicht zurück fand oder irgendwo gegen eine Wand geschleudert wurde und verletzt zurück blieb. Die Schultergelenke schmerzten, die Finger waren weiß vor Anstrengung, als sie sich in die Griffe klammerte. Sie versuchte die Delphine zum Sinken zu bringen, wieder die Bruchkante nach unten um sich mit Elaios zu beraten – und wo war der eigentlich? Idya hatte nicht die Zeit sich umzusehen.

Sie musste einfach darauf vertrauen, dass ihm nichts passiert war. Mit zusammengebissenen Zähnen hielt sie die Griffe fest und nach und nach kamen ihre Delphine wieder etwas ins Gleichgewicht. Sie konnte sich kurz umsehen und zu ihrer Erleichterung sah sie Elaios, der hinter ihr mit seinen Tieren kämpfte. Nur konnten sie jetzt nicht mehr zurück, denn dafür war die Strömung zu stark.

Jetzt hieß es nur noch Augen zu und durch. Sie wusste, dass es in der Nähe eine Bucht gab, vielleicht konnten sie dort vor dem Unwetter Schutz suchen, doch das würde sie zeitlich weit nach hinten werfen. Aber das war jetzt egal. Das Leben und die Gesundheit ihrer Tiere hatte Vorrang vor allem. Ein verpatzter Wettkampf war noch nicht das Aus für den Senat.

Idya klammerte sich noch einmal fester, denn sie spürte langsam ihre Kräfte schwinden, immer wieder fielen ihr kurz die Augen zu und sie zwang sich zur Konzentration. Das aufgewühlte Wasser warf sie hin und her. Die Felsen kamen bedrohlich nahe.

Soraya und Gavriil schafften es zum Glück immer wieder an den scharfen Kanten vorbei zu kommen und Elaios konnte sich in ihrer Nähe halten. Ihm ging es nicht besser als ihr und er wusste, wenn sie überleben wollten, brauchten sie Schutz bis das Unwetter vorbei war. Er wusste, wohin Idya wollte und das würde nicht klappen, denn bei solch einem Sturm waren sie in der Bucht nicht sicher. Aber wo sollten sie hin? Er überlegte fieberhaft und als sie an einem markanten Felsen vorbeiglitten, wusste er, was sie tun konnten. Er trieb seine Delphine an und setzte sich vor Idya und hoffte, dass sie ihm folgte.

Kein Blick zurück doch Idya hatte seine Planänderung bemerkt und so ließ sie Soraya ihm folgen. Das Leittier zog Gavriil mit sich und so tauchten sie wieder etwas tiefer, aber nicht viel. Sie glitten über den Boden und Idya hatte keinen Schimmer, wo sie hier war. Hier waren sie noch nie abgebogen. Warum wollte Elaios nicht in die Bucht? Doch ihr Vertrauen in ihren Jugendfreund war fast grenzenlos und niemals würde sie eine seiner Entscheidungen in Frage stellen, wenn es um ihrer beiden Leben ging.

Sie wäre weniger zuversichtlich gewesen, wenn sie wüsste, dass Elaios ziemlich hoch pokerte. Er wusste, dass es hier eine alte Jagdkuppel gab, die heute eigentlich nicht mehr benutzt wurde. Sie war schon recht alt und hoffendlich noch dicht. Aber sie mussten es einfach probieren, denn es war ihre einzige Chance zu überleben.

Selbst hier unten peitschte der Wind das Wasser auf und der Sand, der mitgeführt wurde, war wie Schmirgelpapier. Er rieb, er schmerzte, Idya genauso wie ihre Tiere. Die Brille, die sie trug, konnte nur das gröbste vermeiden. Das Wasser war hier oben zwar lichtdurchflutet, doch so aufgewühlt, dass man die Hand vor Augen kaum sah. Die Delphine hatten Probleme mit der Ortung doch dann blieb Elaios stehen und sah sich nach Idya um. Er deutete vor sich. Idya musste näher kommen, um im Sturm etwas zu erkennen.

Sie wusste sofort, warum Elaios hierher gekommen war und nickte kurz, während sie ihre Tiere losschwimmen ließ. Sie mussten in die Kuppel. Kurz vor dem Eingang, ließ sie Gavriil los, weil immer nur ein Delphin durch die Schleuse konnte. Erst als sie wieder frei war, folgte sie ihm nach Soraya.

Drinnen im Becken nahm sie Iason und Kasya in Empfang, ehe Elaios endlich wieder auftauchte. Erleichtert fiel sie ihm um den Hals und ging dann erschöpft über dem Beckenrand zu Boden. Ihre Muskeln zitterten, die Haut brannte und der Anzug hatte auch einiges abbekommen. Als erstes musste sie die Lungen leer machen, um die Luft atmen zu können und kam schlussendlich vor dem Becken auf dem Rücken zum Liegen. „Was für eine Scheiße!“

„Das kannst du laut sagen.“ Elaios lag neben Idya und atmete schwer. Sein Blick schweifte durch die kleine Kuppel, die wenig Komfort, aber wenigstens Schutz vor dem Unwetter bot. Zwar merkte man, wie das Wasser an dem Material zerrte, aber es hielt. Hinter ihnen gab es Nischen, in denen man schlafen konnte, wie andere überlebensnotwendige Einrichtungen, wenn man hier ein paar Tage ausharren musste. Sie sollten gleich überprüfen, was an Lebensmitteln vorhanden und noch genießbar war.

Einmal mehr waren sie froh darüber, dass ihr Volk grundsätzlich auf Sicherheit bedacht war und immer für einen geordneten Rückzug sorgte. „Hoffentlich ist von den anderen keinem was passiert“, murmelte Idya und blickte sich um, konnte sich aber immer noch nicht erheben. Ihre Gliedmaßen waren wie Blei.

„Wir sollten ein Notsignal senden“, überlegte Elaios, denn die Notkuppeln waren grundsätzlich ans Kommunikationssystem der Hauptkuppeln angeschlossen.

„Hm.“ Idya sah ihren Freund an und nickte. „Sollten wir, damit sie wissen, dass wir in Sicherheit sind und nicht noch jemand meint, uns suchen zu müssen.“ Niemand sollte bei diesem Sturm dort draußen sein. Nun rappelte sie sich doch auf und ging langsam zu den Schlafnischen. Eigentlich wollte sie sich nur dort hinlegen, aber das ging noch nicht. Sie öffnete die Kühleinheit und dort fand sie Blöcke eingefrorenen Fischs. Sie nahm einen heraus und legte ihn in die Auftauvorrichtung. Bald konnten sie ihre Tiere füttern.

Für sich und Elaios nahm sie auch noch eine Kleinigkeit heraus. Wenn sie schon einmal hier waren, konnten sie sich auch stärken.


03

Derweil machte sich Elaios an der Vorrichtung für das Notsignal zu schaffen. Als erstes musste er es aktivieren und einen Code senden, damit die Kuppel lokalisiert werden konnte. Dann war das System bereit für eine Sprachnachricht.

Elaios drückte den Knopf. „Hier ist Elaios. Kann mich jemand hören?“, sprach er in das Mikrofon und ließ den Knopf wieder los, damit er hören konnte, ob jemand antwortete. Er war gespannt, ob die Sendung in Atlantis ankam, denn es konnte durchaus sein, dass der Sturm das verhinderte.

Als nach einer Weile nichts passierte, versuchte er es noch einmal. Idya untersuchte derweil die Tiere auf Verletzungen. Doch sie hatten Glück gehabt und waren ohne Blessuren davon gekommen. So saß sie auf dem Rand und beobachtete Elaios, wie er immer wieder und wieder sendete.

„Hallo Elaios“, hörten sie es plötzlich und dem jungen Mann fiel ein Stein vom Herzen. „Hier ist Atlantis Nord 035. Wenn ich richtig orte, sendest du aus Rescue 38. ist das richtig?“

„Na endlich“, jubelte Elaios erleichtert und drückte schnell wieder die Sprechtaste. „Ja, das ist richtig. Idya und ich haben mit unseren Delphinen hier Unterschlupf gefunden. Draußen tobt ein Sturm. Schickt niemanden her, das ist zu gefährlich. Haben sich außer uns noch welche aus einer Rescue-Kuppel gemeldet?“ Er war angespannt und hoffte, dass keiner verletzt oder gar getötet worden war.

„Ja, ein paar Meldungen hatten wir schon. Ihr seid die nördlichsten.“ Die Stimme aus dem Sender klang fast ein bisschen verblüfft. „Ist Archiaon bei euch? Wir haben noch nichts von ihm gehört. Er hätte eigentlich auch auf eurer Höhe sein müssen. Ein paar Teilnehmer sind umgekehrt, der Wettkampf ist abgebrochen worden.“

Idya kam zu Elaios rüber und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Das hörte sich alles nicht gut an. „Nein, Archiaon ist nicht bei uns, wir sind nur zu zweit. Wir melden uns aber, wenn noch jemand diese Kuppel findet. Ich werde die Außenbeleuchtung einschalten, damit die, die noch draußen sind, uns sehen können.“

„Gute Idee. Bleibt wo ihr seid und haltet das Wetter im Auge“, riet der Mann am anderen Ende, „wir sagen euren Eltern Bescheid, damit sich keiner Sorgen machen muss. Die Spiele sind ausgesetzt bis alle Athleten zurückgekehrt sind und hoffendlich wohlauf. Also, keine übereilten Aktionen!“

„Verstanden.“ Elaios sah zu Idya hoch und sie schüttelte den Kopf. „Nein, du wirst nicht da raus gehen und ihn suchen“, sagte sie streng, denn genau das hatte sie in den Augen ihres Freundes gesehen. „Lass uns das Licht anmachen und hoffen, dass es jemand sieht.“

„Was wenn er noch vor uns war und ihm etwas passiert ist. Dann treibt er jetzt verletzt und stirbt vielleicht irgendwo da draußen. Willst du das?“ Elaios sah seine Freundin fest an. Er konnte unmöglich hier sitzen und hoffen, dass etwas passierte. Er fand doch keine Ruhe! Archiaon würde das gleiche für sie tun, da war er sich sicher.

„Elaios.“ Idya konnte es ja nachfühlen und in ihr sah es ja nicht besser aus. Sie sah zu den Delphinen rüber, die im Becken dösten und sich erholten. Sie waren alle erschöpft und da war es gefährlich noch einmal raus zu gehen. Was, wenn sie die Kräfte verließen, während sie dort draußen nach Archiaon suchten?

„Aber ich kann hier nicht einfach sitzen und warten“, murmelte Elaios. Er wusste nur zu gut, dass seine Freundin Recht hatte, doch das nutzte nichts. Er fühlte sich so hilflos. „Dann mach wenigstens die Außenbeleuchtung an. Wenn jemand da draußen ist, soll er uns sehen und sich hier her retten.“ Elaios erhob sich und ging zum Glas, er starrte nach draußen, doch es war kaum etwas zu sehen. Das aufgewühlte Meer verschluckte alles.

„Natürlich.“ Idya ging zu dem Beleuchtungsschalter und schaltete das Licht ein. Sie blieb einen Moment so stehen und drehte sich dann entschlossen um. „Wenn, dann jetzt. Wir bleiben immer in Sichtweite der Kuppel und bleiben dicht beieinander. Wenn wir nach 10 Minuten niemanden gefunden haben, kehren wir wieder um.“

„Okay.“ Elaios lächelte dankbar und sprang auf. Die Delphine sollten in der Kuppel bleiben, die Tiere hatten genug geleistet. Sie würden sich etwas um die Kuppel herum bewegen und mit den starken Pointern konnten sie weiter leuchten. Nur kurz bemerkte er, dass sein Anzug quer über die Brust aufgerissen war, doch er hatte sich kaum verletzt. Es blutete noch nicht einmal mehr.

„Los!“, dann war Elaios schon im Wasser. Er war in Sorge, ohne genau zu wissen warum. Sie kannten sich ja kaum.

Sie machten sich fertig und verließen die Kuppel durch die Schleuse und erst einmal hielten sie sich an einer der Außenstreben fest, bis sie sich an das aufgewühlte Wasser gewöhnt hatten. Die Kuppel müsste selbst bei diesem trüben Wasser gut sichtbar sein. Elaios machte ein Zeichen und sie schwammen los. Sie blieben dicht am Grund, weil dort die Strömung besser auszugleichen war.

Doch es war nicht mehr als ein Tropfen auf dem heißen Stein. Sie sahen kaum die Hand vor Augen und so leuchteten sie wahllos in alle Richtungen in der Hoffnung, dass Verirrte es bemerkten und den Weg fanden. Sie drehten eine Runde nach der anderen um die Kuppel, doch es war nicht einmal daran zu denken, sich weiter zu entfernen. Elaios hatte es versucht und war abgetrieben worden. Idya konnte ihn gerade noch greifen und sich mit ihm an die Außenstreben ziehen. Es hatte keinen Sinn. Da war nichts und niemand.

Sie machten sich gerade auf, sich wieder in die Kuppeln zu hangeln, als Idya eine Bewegung neben sich bemerkte, als sie ihr Licht noch einmal durch die Dunkelheit schickte. Sie hielt an und versuchte noch einmal einzufangen, was sie gerade gesehen hatte. Suchend ließ sie den Strahl wandern und riss die Augen auf. Da waren zwei Delphine mit einem Geschirr. Die Tiere wurden von der Strömung hin und her geworfen. Anscheinend hatten sie keine Kraft mehr zum schwimmen. Sie zerrte Elaios zu sich und stieß sich ab. Sie musste die Tiere einfach erreichen und sie retten.

Auch Elaios hatte die Delphine bemerkt. Er konnte gerade noch die Rettungsleine verankern, damit sie nicht wieder abgetrieben wurden, dann folgte er Idya. Die Strömung trieb sie immer wieder ab. Sie mussten hart gegen die Kraft des Wassers ankämpfen. Die Muskeln schmerzten, doch mit festem Griff packte er das Geschirr eines der Tiere und zog es zu sich.

Es wehrte sich nicht gegen den Griff und das zeigte ihm, wie erschöpft die Delphine sein mussten, denn normalerweise ließen sie sich von Fremden nicht anfassen. Er zog den Delphin zu sich und bemerkte erst jetzt die Hand, die sich an das Geschirr klammerte. Idya bemerkte es im gleichen Augenblick und griff schnell zu, als die Hand abzurutschen drohte.

Die Strömung machte es nicht leichter, die Verletzten zu bergen. Immer wieder riss das Wasser an ihnen. Der aufgewirbelte Sand schmirgelte die Haut, doch Elaios zog die Tiere zu sich, während Idya den Halter umklammert hielt. Jetzt war sie froh, dass Elaios die Rettungsleine ausgeworfen hatte. Sie machte es um vieles leichter, zur Schleuse zurückzukehren.

Trotzdem dauerte es lange, bis sie die Schleuse erreicht hatten und noch länger, bis sie die drei sicher in der Kuppel hatten. Die Delphine wurden gleich von ihren Kameraden gestützt und Idya kümmerte sich darum, dass Gel aus den Lungen des Verletzten zu bekommen. „Es ist Archiaon“, rief sie Elaios zu, als sie den Mann umgedreht hatte und sein Gesicht sehen konnte. Er war bewusstlos und gemeinsam hoben sie den Senatsführer aus dem Becken und brachten ihn zu einer der Schlafnischen.

„Kontaktiere die Kuppel, ich kümmere mich um ihn“, sagte Elaios und schälte Archiaon aus dem zerschlissenen Anzug. Er hatte ein paar blutende Wunden, die versorgt werden mussten, doch sie waren zum Glück nur oberflächlich. „Das wird schon wieder“, nuschelte der junge Mann vor sich hin und holte tief Luft. Ihm zitterten Arme und Beine, doch er konnte sich noch nicht ausruhen, nicht bevor nicht alle Verletzten versorgt waren.

Idya gab durch, dass sie Archiaon gefunden hatten, hielt sich aber nicht lange mit der Antwort auf, sondern schnappte sich einen Tiegel Wundsalbe und sprang zu den Delphinen. Archiaons Tiere sahen nicht besser aus als ihr Herr und sie musste die Wunden versorgen, damit sie sich nicht entzündeten. Erst als die Tiere versorgt waren, gönnte sie sich einen Moment. Sie schloss die Augen und atmete tief durch, dann holte sie das Futter und verteilte es.

Träge tätschelte sie die Tiere und lächelte ihnen zu. „Ihr wart unglaublich, ihr Süßen“, lobte sie sie, denn sie hatten wirklich alles gegeben. Wäre ihnen das blöde Wetter nicht in die Quere gekommen, sie hätten einen der vorderen Plätze belegt.

Elaios saß neben dem Senator auf der Matratze und beobachtete ihn. Er hatte den Anzug abgestreift und die Wunden versorgt. Blieb nur zu hoffen, dass Archiaon endlich wieder zu sich kam und er nicht schlimmer verletzt war als sie sehen konnten.

Müde zog Idya sich aus dem Becken und ging zu Elaios rüber. Eigentlich wollte sie nur noch schlafen, aber sie ging zu der kleinen Küchenzeile und guckte, was an Vorräten da war. Für die Tiere reichte es einige Tage und nach einer kurzen Inventur war sie erleichtert, dass auch die Menschen nicht hungern mussten. Sie wärmte eine Suppe auf und reichte Elaios eine Schale. „Wie geht es ihm?“, fragte sie und hockte sich neben ihren Freund.

„Ich weiß es nicht genau. Die äußeren Wunden sind nicht so schlimm. Ich befürchte aber, dass der zerstörte Anzug dafür gesorgt hat, dass er ziemlich unterkühlt ist. Er muss lange in der kalten Nordströmung getrieben sein.“ Elaios strich dem Senator die nassen Haare aus dem Gesicht und er atmete tief durch. Nass waren die sonst gewellten Haare ganz glatt, man erkannte Archiaon so kaum.

„Okay, trink deine Suppe, ich stelle die Heizung an und lege mich zu ihm, damit ich ihn wärmen kann. Wir wechseln uns ab damit.“ Schon war die junge Frau aufgestanden und holte die Decken von den Betten, die sie nicht benötigten, breitete sie über dem Bewusstlosen aus und legte sich zu Archiaon.

Elaios beobachtete die Situation. Sie wirkte so surreal. Noch vor einem Tag hatten sie den Sentator nur von weitem bewundert, hatten sich ehrfürchtig mit ihm messen wollen und nun lag er hier in einem ziemlich erbärmlichen Zustand. Das passte alles nicht zusammen. Elaios zog die Knie an und krampfte die Finger um die warme Schüssel. Langsam musste auch in seinen Körper wieder Leben kommen.

Er zog sich eine Decke heran und legte sie sich um die Schulter, während er seine Suppe schlürfte. Archiaon regte sich immer noch nicht und wie es aussah, war Idya eingeschlafen, denn sie rührte sich nicht mehr und atmete regelmäßig. Dabei hielt sie Archiaon umklammert und versuchte ihm ihre Wärme zu geben.

Doch ihr schmaler Körper war kaum in der Lage, dem Athleten genügend Wärme zu spenden. Es half nichts, auch Elaios’ Wärme wurde gebraucht, auch wenn er selbst nicht genügend für sich hatte. Doch das wurde schon wieder. Also stellte er seine leere Schüssel beiseite und drapierte noch einmal die Decken, ehe auch er seinen zerschlissenen Anzug gänzlich abstreifte und unter die Decke kroch. Es war ungewohnt für ihn, einen anderen Körper an sich zu spüren. Zwar hatte er schon Freundinnen gehabt, doch das hatte sich anders angefühlt, vor allem nicht so kalt und nicht so stark.

Elaios rückte mit klappernden Zähnen näher.

Es dauerte lange, bis er das Gefühl hatte, dass ihm wärmer wurde und sich die beiden anderen Körper nicht mehr so kalt anfühlten. Immer wieder fielen ihm die Augen zu, denn er war vollkommen erschöpft, aber gerade, als er in einen Schlaf abdriften wollte, bewegte sich Archiaon und stöhnte leise.

„Senator“, fragte Elaios und rieb vorsichtig über Archiaons Schulter bis zum Ellenbogen, als wollte er die Haut warm reiben. Doch der Sentator strahlte bereits wohlige Wärme aus, es wäre also nicht nötig gewesen. Elaios fixierte das Gesicht des Mannes und versuchte die Regungen zu lesen. „Archiaon“, versuchte er es noch einmal leise, um Idya nicht zu wecken.

Die Augenlider des Senators flackerten und langsam öffneten sich die Augen Archiaons. „Ihr seid in Sicherheit, Senator, bleibt liegen“, flüsterte Elaios, um zu verhindern, dass der Mann sich aufrichtete. „Ihr seid in einer Rescue-Kuppel“, flüsterte er und legte Archiaon eine Hand auf die Brust.

Der blickte Elaios kurz an und schloss dann wieder die Augen, öffnete sie aber gleich wieder und betrachtete Elaios’ Gesicht noch einmal. Was hatte der junge Athlet gerade gesagt? Er wäre in Sicherheit? In einer Rettungskuppel? Wie kam er hier her? Und warum war ihm plötzlich so heiß? Das letzte, an das er sich erinnern konnte, war klirrende Kälte, die ihm ins Fleisch geschnitten hatte. „Meine Tiere“, flüsterte er und konnte seinen Blick nicht von seinem Retter abwenden.

„Sie sind hier. Idya hat sie versorgt und gefüttert. Jetzt ruhen sie sich aus und werden von unseren Freunden betüddelt.“ Elaios wurde unter dem intensiven Blick unruhig und konnte sich nicht erklären, warum das so war. „Wir haben dich hierher gebracht, nachdem wir dich draußen gefunden haben“, stotterte er und senkte den Blick.

So sah er nicht das Lächeln mit dem Archiaon den Wechsel vom distanzierten Sie zum vertrauten Du bedachte. Es passte auch viel besser dazu, dass sie hier Haut an Haut unter einer Decke lagen. Für Archiaon mindestens so ungewohnt wie für Elaios. „Danke für meine Rettung, ich hatte das Ende schon vor Augen. Der Sturm hat mich völlig kalt erwischt“, gestand er leise und schloss wieder die Augen, als er merkte, wie nervös er den jungen Mann machte.

„Uns auch. Zum Glück waren wir in der Nähe der Kuppel und konnten uns hierher retten. Wir haben Funkkontakt mit Atlantis aufgenommen. Einige der Kämpfer konnten sich in andere Kuppeln retten, aber von vielen weiß man nicht, ob sie noch leben.“ Unauffällig versuchte Elaios etwas Abstand zwischen sich und Archiaon zu bringen, was bei dem schmalen Bett nicht einfach war. „Wir wussten nicht, wie wir euch warm kriegen sollten, denn ihr wart sehr unterkühlt“, entschuldigte sich der junge Athlet indirekt dafür, dass er Archiaon so auf die Pelle gerückt war.

„Nichts dessen man sich schämen müsste“, entgegnete der Senator und zog Elaios kurzerhand wieder zu sich. Es war angenehm, die fremde Haut auf seiner zu spüren. Er hatte das lange nicht mehr erlebt. Sicher, es war vielleicht nicht der richtige Zeitpunkt, doch er wollte die Gunst der Stunde nutzen. Schließlich war ihm der junge Mann schon früher aufgefallen und dass ausgerechnet er es gewesen war, der Archiaon gerettet hatte, war für ihn ein Wink des Schicksals. Und wer war er, dass er sich dem Schicksal entgegen stellen wollte?

Elaios sah Archiaon verwirrt an, ergab sich aber dem Druck in seinem Rücken und ließ sich ziehen. Er hatte das Gefühl zu glühen und schob es auf eine Reaktion seines Körpers nach der Unterkühlung. „Wir haben durchgegeben, dass wir euch gefunden haben und wir sollen hier bleiben, bis der Sturm sich gelegt hat. Die Spiele wurden unterbrochen.“

„Wir waren doch eben schon einmal beim Du, bleiben wir dabei“, sagte Archiaon. Er war kein Mensch, der einmal Erworbenes wieder aufgab, schon gar nicht hier. Seine Stimme war leise, er wollte Idya auf der anderen Seite nicht wecken. Im Augenblick war es perfekt, so wie es war. Er blickte Elaios wieder offen an und studierte das junge Gesicht.

„Oh... äh... ja natürlich“, stammelte Elaios und wurde rot. Die Situation überforderte ihn gerade und darum redete er einfach weiter, was ihm gerade einfiel. „Ich bin froh, dass wir dich gefunden haben. Man hat uns nach dir gefragt und ich musste einfach raus und wenigstens versuchen dich zu finden. Aber wir haben sonst niemanden entdecken können.“

„Du hast nach mir gesucht?“, fragte Archiaon mit einem Lächeln auf den Lippen, dass Elaios nicht deuten konnte. „Dann war ich ja in guten Händen. Ich danke dir, und deiner tapferen Freundin natürlich auch.“ Er wollte Idyas Leistung nicht schmälern, ganz im Gegenteil. „Das Wetter wird sich noch eine Weile halten. Wir werden hier also so schnell nicht weg kommen.“ Und schade fand Archiaon das nicht. So hatte er die Gelegenheit, die er immer gewollt hatte: Zeit mit Elaios, um ihn kennen zu lernen.

Elaios senkte den Blick und wusste nicht, was er sagen sollte. Er fühlte sich merkwürdig, so mit Archiaon an seiner Seite. Sein Herz schlug schneller und er merkte, wie er rot wurde. Ihm war heiß und eigentlich musste er den Senator nicht mehr wärmen, denn er konnte dessen Hitze spüren. Er konnte sich aber nicht lösen und hob wieder seinen Blick. „Wir haben genug Vorräte, um einige Zeit zu überleben.“

„Na umso besser“, entgegnete der Senator und schloss kurz die Augen. Er wollte sich ganz auf das Spüren konzentrieren und genießen. Der junge Mann roch anregend und so atmete Archiaon tief ein, streckte sich ein wenig, weil die Glieder langsam steif wurden. Er hatte sich seit Stunden kaum bewegt. Das spürte er jetzt. „Doch jetzt sollten wir alle noch etwas Ruhe tanken. Der Kampf mit den Elementen war hart und auszehrend gewesen.“

Elaios nickte nur und legte seinen Kopf wieder auf das Kissen. Archiaon hatte die Augen geschlossen und der junge Athlet betrachtete das markante Profil des Senators. Einzelne silberne Fäden durchzogen das dunkle Haar, das sich langsam wieder wellte, weil es trocknete. Unauffällig ließ Elaios eine Strähne durch seine Finger gleiten und schloss selber die Augen. Sie sollten wirklich schlafen.

So merkte er kaum, wie Archiaon ihn noch etwas dichter an sich zog, um sich in ganzer Länge an den drahtigen Körper schmiegen zu können. Er erkannte sich selbst kaum wieder, er war wie von Sinnen. Niemals hätte er sich einem anderen gegenüber so ungebührlich verhalten, doch er konnte einfach nicht widerstehen. Der Geist war ja willig, aber das Fleisch?

Wie zufällig rutschte seine Nase in Elaios’ Halsbeuge, so konnte er einschlafen.