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Klein aber lecker - Teil 5 - 7

05

„Mach nicht mehr so lange, ich bin dann weg!“ Kerstin steckte den Kopf in Damians Zimmer und griff sich im Vorbeigehen noch einen Keks.

„Nein, nein. Bin auch gleich weg. Wollte nur noch...“ Damian malte auf einem Blatt Papier herum und nickte zufrieden, als unter dem Strich das rauskam, was hätte rauskommen sollen. Als er aufblickte war Kerstin schon weg. Sein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass er jetzt vielleicht auch besser die Beine in die Hand nahm, sonst waren seine Freunde noch vor ihm da.

Er schaltete seinen Rechner aus, griff sich seine Sachen und war auch schon aus dem Büro. Gut, dass er nicht mehr einkaufen musste. Getränke und Knabberzeug hatte er da und das letzte Mal hatten sie beschlossen, dass sie Pizza bestellen wollten, wenn sie Hunger bekamen. So hatte er gleich noch genug Zeit zu duschen und sich herzurichten. Er grinste, als er sich überlegte, was der Schwachmat wohl sagen würde, wenn er wüsste, wer Damian wirklich war. So wie der ihn gestern auf der Messe angegafft hatte, war doch klar, dass er Gefallen gefunden hatte. Eigentlich würde es ihn brennend interessieren, was Gerrit von ihm als Elf Ancoron hielt und was geschehen wäre, wären sie sich unter einem besseren Stern begegnet.

„Blödmann“, schimpfte Damian sich selber. Er sollte sich nicht damit befassen, was einer aus Hannos Herde von ihm vielleicht denken könnte. Er sollte sich beeilen! „Und vielleicht ein paar Infos bei Telaria erschnorren“, kicherte er albern. Gerrit ging ihm so schnell nicht mehr aus dem Kopf.

Das war ihm schon ewig nicht mehr passiert. Wo hatte er eigentlich seine Augen und Gedanken die ganzen Monate gehabt, dass ihm so ein Leckerchen nicht aufgefallen war? Denn schließlich passte Telarias Bruder doch genau in sein Beuteschema. Und überhaupt, warum hatte seine Freundin so einen Happen bisher verschwiegen? Damian musste schon wieder grinsen, als er ins Auto stieg und endlich losfuhr. Der Tag hatte zwar miserabel angefangen, aber sich doch erstaunlicherweise nach und nach gesteigert.

Er machte sich auf den Weg in die Innenstadt. Er bewohnte dort eine Etagenwohnung, die er auch thematisch getrennt hatte. Die obere Etage widmete er ganz seinem Hobby. Er bewahrte dort seine Bücher, seine Kostüme und seine Utensilien auf, hatte die Räume so hergerichtet, dass man sie teilweise auch zum Spielen nutzen konnte, außerdem lagerte hier oben auch sein großer Fernseher und die Filmsammlung.

In der unteren Etage tobte das reale Leben, wie er es nannte. Hier sah es aus wie in Millionen anderen Haushalten auch.

„Ja?“, meldete er sich, als sein Telefon klingelte.

„Wo bleibst du denn?“, hörte er Sabrinas Stimme. „Warum sollte ich eher kommen, wenn du nicht da bist?“ Sie wirkte ein klein wenig nörgelig, denn sie mochte es gar nicht, in voller Montur vor seinem Haus zu stehen und sich von irgendwelchen Jugendlichen dumm anquatschen zu lassen.

„Ich bin gleich da, noch zwei Kurven, meine Schöne und verhex mich bitte nicht, ich hatte sowieso schon einen merkwürdigen Tag“, sagte Damian schnell und trat noch einmal aufs Gas. Er hatte ja völlig vergessen, dass Sabrina früher kommen wollte, weil sie noch ein paar Bögen zum Erstellen von Welten und Charakteren vorbereiten wollten. Denn es gab Regeln, an die hatte man sich zu halten, wenn die Charaktere nicht überpowert werden sollten.

Es dauerte auch nicht lange, da sah er Sabrina vor sich, bei seiner Haustür stehen. Heute trug sie ein waldgrünes Kleid, das ihre Vorzüge sehr gut zur Geltung brachte. Er pfiff leise durch die Zähne, denn sie sah wirklich verboten scharf aus. Das sah selbst er, auch wenn er mit der holden Weiblichkeit nichts anfangen konnte.

„Ja, ja – jetzt schließ auf“, knurrte sie, grinste aber zufrieden. Sie trug diese Kleider gern, vor allem mochte sie die schweren Samtstoffe, die nicht so labberig herum hingen wie das, was sie bei Hager & Mager kaufen konnte. Sicher, die Kleider waren um einiges teurer, teilweise sogar maßgeschneidert – Geschenke ihrer Mutter, die ihre Tochter ebenfalls gern in solchen Roben sah – doch sie waren eben auch schöner. Nicht gerade alltagstauglich, wie sie eben wieder gemerkt hatte, aber dass zwei von den Idioten ihr so demonstrativ sabbernd auf die Brüste gegafft hatten, hatte sie schon wieder ein wenig versöhnt. Es wirkte eben doch.

„Kommt herein, holde Maid“, begrüßte Damian sie und öffnete die Tür. Er lief vor zu seiner Wohnungstür und öffnete auch diese. Erst als sie in seiner Wohnung waren, drückte er sie zur Begrüßung und küsste sie auf die Wange. „Geh schon mal hoch, Süße. Die Bögen liegen auf dem Tisch. Bin gleich da, ich will nur eben duschen und mich umziehen.“

„Zur Wiedergutmachung könntest du mich zu diesem Schauspiel eigentlich mal einladen“, grinste sie und guckte lüstern. „Schließlich habe ich extra den Schwachmaten bekniet, mich zu fahren, weil ich den Bus verpasst hatte und nun schickst du mich weg. Ich soll Papier angucken, anstatt einen leckeren Elfen.“ Sie ging als erstes einmal in die Küche, um Tee anzusetzen – das tat sie immer als erstes, wenn sie kam. Damian hatte das best sortierteste Teeregal, was sie kannte.

„Dein Bruder hat dich hierher gefahren?“ Damian konnte nicht verhindern, dass ihm der Gedanke gefiel. „Wusste er, dass du zu dem Elf wolltest, den er gestern auf der Messe gesehen hat?“, wollte er noch wissen und kam Sabrina in die Küche hinterher.

Irritiert über diese Fragen hielt sie inne und wandte sich zu Damian um. Seit wann interessierte sich der denn für den Schwachmaten? Und wollte er nicht eben noch duschen? „Nein, ich habe gesagt, er soll mich zu meinem Spielleiter fahren und ihm sein blödes TomTom programmiert. Er hat nicht weiter gefragt, aber warum fragst du?“, wollte sie deswegen mit gehobenen Brauen wissen.

„Weil ich heute festgestellt habe, dass dein Bruder in meinem Mathe-Kurs ist. Und ich wissen wollte, ob er etwas über den Elf gesagt oder was gefragt hat, wenn er gewusst hat, wo du hin willst.“ Damian grinste Sabrina an und füllte Wasser in den Wasserkocher.

„Ach du...“ Sabrina verdrehte die Augen. Musste das denn wirklich sein? Wem hatte sie ans Bein gepisst, dass ihr bekloppter, peinlicher Schwachmat ausgerechnet in Damians Kursen saß? Das konnte doch nur Ärger bedeuten – und wenn der Mist baute, gab’s wohl gleich noch Sippenhaft.

„Nein, er hat nichts gesagt – hätte er was sagen sollen und kannst du mir mal sagen, warum deine Augen gerade so glitzern?“ Das durfte doch alles nicht wahr sein. Da passierte doch nicht wirklich gerade, wovon sie glaubte, dass es passierte. Bitte Erdboden, tu dich auf!

„Also so, wie er mich gestern gescannt und abgecheckt hat, bin ich eigentlich davon ausgegangen, dass er fragt. Der hat ja fast gesabbert.“ Damian musste kichern, als er sich daran erinnerte. „Aber das Beste ist, er hat mich heute nicht erkannt und hat Angst vor mir. Ich unterrichte nämlich genau das, was er nicht kann.“

„Kann es noch peinlicher werden?“ Sabrina holte tief Luft. Ihr gingen Hunderte Dinge durch den Kopf, wie ihr Schwachmat ein negatives Licht auf sie werfen konnte und das schlimme war: sie traute Gerrit so ziemlich jede einzelne Methode davon auch wirklich zu. „Wundert mich nicht, dass er dich nicht erkannt hat. Ich bezweifle, dass er dir gestern ins Gesicht geguckt hat und mit den dunklen Harren und den ganzen Klamotten am Leib und der Brille siehst du eh völlig anders aus als Ancoron.“

„Japp und solange ich wenig anhabe und keine Brille trage, besteht auch nicht die Gefahr, dass er Parallelen zieht, wenn er mich als Ancoron sieht.“ Ein wenig enttäuscht war er ja schon, dass Gerrit sich nicht nach ihm erkundigt hatte, denn irgendwie war er nach der Bemerkung von diesem Jan am Morgen davon ausgegangen. Allerdings wusste er auch, wie verfeindet die Geschwister waren und es war sicherlich ein großer Schritt über einen unüberwindbaren Graben, wenn Gerrit seine Schwester gezielt auf jemanden ansprechen sollte.

„Ich glaube nicht, dass er dich noch einmal als Ancoron sehen wird“, sagte Sabrina gedehnt und plötzlich ging ihr ein Licht auf. „Nee, oder?“, fragte sie mit schmerzgequältem Gesichtsausdruck. „Sag mir nicht, dass du scharf auf den Schwachmaten bist. Bitte, bitte nicht!“

„Was heißt scharf auf ihn sein? Er ist sehr ansehnlich, groß, Schwimmer, also sicherlich gut gebaut, nicht gerade hässlich, ganz im Gegenteil...“ Damian zuckte grinsend mit den Schultern. „Was soll ich machen, ich bin auch nur ein Mann.“

„Ja, aber kannst du dir dann nicht was Ordentliches suchen? Der Schwachmat ist doch einfach nur blöd. Du hast ihn doch gestern erlebt, wie er über das, was wir tun, denkt. Glaubst du allen ernstes, das gibt sich noch? Der ist zu alt, bei dem verwächst sich nichts mehr. Den kann man nur noch gegen was Besseres eintauschen, wenn man jemanden findet, der tauschen will.“ Sabrina holte tief Luft und sah Damian mitleidig an. Ausgerechnet Gerrit?

Damian lachte und zog Sabrina zu sich in eine Umarmung. Es war schön, dass sie sich Sorgen um ihn machte. „Ich liebe Herausforderungen und Spielchen und ich bin mir sicher, für beides ist dein Bruder ideal. Warten wir einfach ab, was noch weiter wird.“

„Abgesehen davon, dass du sein Dozent bist, wird sich nicht viel mehr ergeben“, sagte Sabrina und lehnte sich gegen Damian. Sie konnte sich das beim besten Willen nicht vorstellen – Damian und ihr Bruder? Der versaute doch alles! Zu allem Übel stieg Damian dann vielleicht noch aus ihrer Welt aus. Das durfte doch nicht passieren, das war nicht fair. „Außer wir verlegen das jetzt öfter zu mir“, sagte sie aber trotzdem, den sie wollte Damian helfen.

„Danke, Süße, dass du das anbietest. Ab und zu wäre schön, aber nicht zu oft, das wäre zu auffällig.“ Damian küsste sie auf die Wange und lächelte. „Dein Bruder reizt mich, eben weil er all das, was ich liebe, ablehnt, einschließlich der Mathematik.“ Er grinste und ließ seine Freundin los.

„Der?“ Sabrina schüttelte den Kopf. „Der merkt nichts, gar nichts. Blöd wie Knäckebrot“, nuschelte sie leise, machte sich aber endlich daran, den Tee zu brühen. „Geh lieber duschen. Wenn die anderen da sind, wollen wir anfangen und wir haben uns viel vorgenommen.“ Schließlich wollten sie am Wochenende anfangen zu spielen – da mussten die Welt und die Charaktere stehen.

„Ey, Knäckebrot ist lecker“, kicherte Damian noch, machte aber doch besser, dass er weg kam. Sabrina hatte Recht, sie hatten noch viel zu tun und er war schon ganz heiß drauf, das neue Spiel auszuprobieren. Es war eine große Herausforderung, etwas völlig neues zu kreieren und er fand, sie hatten es gut gelöst.

„Bin oben!“, rief Sabrina noch, als sie mit dem Tee die Treppe hinauf stieg. Es war wie der Übertritt in eine andere Welt. Sie konnte das nicht beschreiben, aber sie hatte jedes Mal dieses magische Gefühl, wenn sie die Empore erreicht hatte und sich hier umsah. Mit viel Liebe zum Detail hatte Damian hier eine andere Welt erschaffen, an den Wänden waren Bäumstämme aus Gips und Farbe erschaffen worden, einzelne Ecken wirkten wie kleine Höhlen und eine davon gehörte Arwen.

„Hallo Süße!“ Begeistert stellte Sabrina das Tablett auf einen nachgebildeten Baumstumpf und griff sich die graue Main Coon. Sie liebte diese Katze abgöttisch und war stolz darauf, dass die sonst so launische Elbe, sich von ihr beschmusen ließ. Anderen zeigte sie gern die Krallen.

Einige ihrer Mitspieler hatten das schmerzhaft erfahren müssen und blutige Kratzer davongetragen, weil Arwen sich bedrängt oder gestört gefühlt hatte. Aber jetzt schnurrte sie laut und zufrieden, wie sie es sonst nur bei Damian tat. Sie streckte sich auf Sabrinas Schoß, damit sie auch überall kraulen konnte und hing so auf beiden Seiten über, denn sie hatte eine stattliche Größe.

„Genießerin, kümmert sich dein Herrchen nicht ausreichend um dich, hm?“ Sabrina lachte, zuckte aber, als es sich hinter ihr räusperte. „Was sind das denn für Gerüchte, die hier gestreut werden?“, wollte Damian wissen. Er stand in Jogginghose und Handtuch auf dem Kopf in der Tür und grinste.

„Rrr“, machte Sabrina und ließ den Blick über den nackten Oberkörper schweifen. „Bleibst du so?“, fragte sie grinsend. Sie hätte nichts dagegen. Irgendwie konnte sie ihren Deppenbruder ja verstehen, dass ihm der Anblick gefallen hatte. Damian war aber auch eine Augenweide. Das hieß aber noch nicht, dass sie kampflos zugucken würde, wie ihr Schwachmat das hier verspielte. Vielleicht sollte sie ihm auch mal auf den Zahn fühlen, wenn sie ihn zu greifen bekam. Morgen hatte er Training, Mittwoch auch. Anschließend wollte er noch auf eine Party in der Uni. Sie sollte vielleicht einen Termin mit ihm machen. Sie grinste.

„Wenn du nicht willst, dass ich am Samstag zum ersten Spiel krank bin und – was immer ich dann sein werde – nicht mitspielen kann, sollte ich mir jetzt was überziehen.“ Er lachte, als Arwen sich drehte und zu ihm kam.

Er hob seine Katze hoch und vergrub die Nase in dem weichen Fell. „Hallo, mein Liebling. Wie war dein Tag?“, fragte er und kraulte sie unter dem Kinn. Es war immer schön, dass jemand auf einen wartete, wenn man von der Arbeit kam. Er wusste, dass sie immer lange alleine war, aber das machte er gerne am Abend wieder gut und kraulte und beschmuste sie ausgiebig. Er hatte schon versucht, ihr Spielgefährten zu kaufen, doch Arwen war davon wenig beigeistert gewesen. Er hatte seine Katze mitgenommen, um die neuen Favoriten zu beschnüffeln, doch sie hatte alle abgelehnt. Sie schien zufrieden, so wie es war und er hatte das akzeptiert.

„Erzähl von deiner Welt. Welche Rolle soll ich spielen?“, fragte er Sabrina und setzte sich ebenfalls. Das Sofa war eine Spezialanfertigung und nicht leicht gewesen. Aber so passte es in seinen erschaffenen Wald, sah ein bisschen aus wie Büsche und Moos und war unglaublich bequem.

„Du wirst ein Ghoul. Das wird meinen Bruder wieder zur Vernunft bringen und dich auch“, kicherte sie und streckte Damian die Zunge raus. Das stimmte nicht, denn sie hatte für ihren Freund was ganz spezielles vorgesehen. Schließlich hatten sie eine Sinclaire-Welt erschaffen und Damian konnte in ihren Augen nichts anderes sein als der Sohn des Lichts.

„Ein Ghoul, soso“, sagte Damian und streichelte weiter Arwen, die sich jetzt komplett auf ihm ausgebreitet hatte und genießend schnurrte. Er griff sich seine Tee Tasse und schielte zu dem Shirt, was er sich eigentlich noch hatte überziehen wollen. Aber Arwen war da ebenfalls anderer Meinung, also blieb er vorerst, wie er war, die Katze wärmte auch ganz gut. „Aber dann werde ich wohl immer noch halb nackt sein. Und ob ich jetzt eine Zombie-Maske trage oder nicht, dein Bruder guckt mir doch sowieso nicht ins Gesicht. Er wird den unterschied nicht bemerkten.“ Er grinste.

„Mist, Mist, Mist! Da hab ich gar nicht dran gedacht!“ Sabrina schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn und kicherte. „Dann muss ich wohl etwas Bekleidetes für dich suchen.“ Sie zwinkerte Damian zu und seufzte. „Naja, zumindest ein wenig bekleidet, denn sonst bestrafe ich mich ja selbst. Unser John Sinclaire wird also immer in zerfetzten Klamotten rumlaufen.“

„John Sinclaire, soso?“, sagte Damian. Sabrina hatte bis eben nichts verraten über die Welt, die sie erschaffen und in der sie gern spielen wollte. Er hatte nur gewusst, dass sie die Tolkien-Welten ein wenig über hatte und Abwechslung suchte, dass vieles, was ihr vorschwebte, in den Tolkien-Welten nicht möglich war. Sie hatten abgestimmt und Sabrina freie Hand gelassen, weil sie ihrer Kreativität vertrauten. „Das schwebt dir also vor“, sagte Damian nachdenklich, doch er wirkte zufrieden. Er mochte Ancoron, doch sein Leben hing nicht an ihm. Etwas Neues reizte auch ihn und da sah er darüber hinweg, dass er von den Geschwistern wohl gerade auf sein Äußeres reduziert wurde.

„Und, was sagst du?“, fragte Sabrina, denn aus Damians Reaktion wurde sie nicht ganz schlau. Es war ein Wagnis, das wusste sie, denn bisher kannte sie niemanden, der so etwas schon einmal probiert hatte. Die Charaktere hatte sie schon alle grob entwickelt, aber sie war da nicht so festgelegt. Wenn einer ihrer Mitspieler einen Chara haben wollte, durfte er ihn auch in gewissen Grenzen nach seinen Wünschen umgestalten. Es stand in dieser Welt auch nichts im Wege, noch weitere Charaktere zu schaffen. Das war das Schöne an dieser Welt.

„Warum nicht, auf jeden Fall etwas anderes und spannend dürfte es auch werden.“ Damian nickte.

„Wir könnten ja erst einmal eine bereits existierende Geschichte spielen, um warm zu werden“, schlug sie vor, denn es gab in diesem Universum bereits reichlich Stoff, an dem sie sich orientieren konnten. Doch das würde sie nicht daran hindern, eigene Wirkkreise zu schaffen, sobald sie sicherere mit den Charakteren waren.

„Ja, das hab ich mir auch gedacht.“ Sabrina war erleichtert, dass Damian gefiel, was sie sich ausgedacht hatte. „Ich habe da auch schon was vorbereitet. Etwas Einfaches, damit wir uns dran gewöhnen können.“ Ihre Augen leuchteten, denn sie freute sich, dass ihre Idee gut angekommen war.

Damian grinste. Er wusste, auf was sie hinaus wollte, denn er kannte ihre heimliche Leidenschaft für Vampire, für richtige Vampire. Niemand war so außer sich über die Waschlappen, die aktuell mit ihrem Weicheitum Hypes auslösten, wehrlose Leinwände, Buchseiten und Bettwäsche schändeten und so glauben machen wollten, dass Vampire verhärmte Milchreisbubis mit Gewissen und Seele waren. Es war herrlich, ihr zuzuhören, wenn sie sich ein weiteres Mal über einen neuen Film, eine neue Serie, ein neues Buch oder weitere Fanartikel aufregte, die sie entdeckt hatte. Das war wohl ihre kleine versteckte Rache mit diesen Weichgespülten.

„Mal sehen, was die anderen davon halten“, sagte Damian und wurde von Arwen endlich frei gelassen, das aber auch nur, weil es Zeit war, ihr Futter zu kredenzen. Sie machte sich schon einmal auf den Weg in die Küche.

Sie sah sich noch einmal maunzend zu ihm um, bevor sie die Treppe hinunter schritt und Damian erhob sich kichernd. Er wusste, was er zu tun hatte. Seine Königin wollte speisen und er hatte zu springen. Aber er machte es ja gerne. Er gab ihr also ihr Futter und ging wieder hoch zu Sabrina. Sie hatten noch einiges zu tun, bis die anderen kamen.

„Wie willst du die anderen Rollen verteilen? Welche davon werden wir häufiger brauchen und welche eher nicht?“ Damian wollte jetzt alles wissen, damit er Sabrina gleich unterstützen konnte. Doch kaum war er oben und hatte sich gesetzt, klingelte es. Sein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass es schon später war als erwartet. „Das wird der Rest sein, dann kannst du uns gleich alle aufklären.“ Damian griff sich endlich sein Shirt, setzte die Brille auf und ging zur Tür, um die anderen zu empfangen.

Er öffnete die Tür und grinste. Seine Freunde polterten die Treppe hoch und lachten laut. So war das immer und wenn das mal nicht so war, dann war etwas ganz und gar nicht in Ordnung. „Kommt rein“, sagte er also grinsend und wurde gleich angesprungen. Er fing Melanie auf, die sich an ihn drückte und auf die Wange küsste.

„Hallo Dami.“ Dass sie ihn dabei um einen Kopf überragte, hinderte sie nicht daran. Melanie war zwanzig, Bankangestellte und mit ihrer Rolle als Kobold geradezu verschmolzen. Ihr etwas Neues schmackhaft zu machen dürfte nicht leicht werden.

Doch sie wurde vertrieben, denn auch Jens wollte seinen Spielleiter begrüßen, nicht ganz so euphorisch und mit weniger Körpereinsatz, doch das hinderte ihn nicht daran, Damian an sich zu drücken. Jens war im realen Leben Autoschlosser, der Älteste in ihrem Bund und er liebte die bösen Rollen. Er hatte auch ein Talent dafür, das fand sogar seine Frau. Tessa beobachtete sie gerade und grinste, als auch sie endlich begrüßte wurde. Sie war Projektingenieurin bei einem großen Stromerzeuger und suchte in der Realitätsflucht den Ausgleich zum alltäglichen Wahnsinn.

„Martin kommt später, er sammelt Gisela ein.“

„Na dann rein mit euch. Sabrina ist schon oben. Ich hole nur eben das Knabberzeug und noch mehr Tee.“ Seine Freunde kannten sich in seiner Wohnung aus, weil sie fast immer hier spielten, aber das würde sich in der nächsten Zeit wohl ändern, weil sie ja ab jetzt auch zu Sabrina ausweichen konnten. Und das hoffentlich bald, denn Damian war neugierig.

„Na was ist, Süße, willst du nicht hoch? Zu viele Leute?“ Damian ging vor Arwen in die Knie und streichelte die große Katze noch einmal, doch die musste sich erst einmal hingebungsvoll putzen. Vielleicht würde sie später noch dazu stoßen.

Als Damian wieder nach oben kam, hatte Sabrina schon die Bombe platzen lassen, weil Melanie so gedrängt hatte. Sie wirkte etwas angeschlagen, mit dunklen Welten konnte sie nicht so viel anfangen. „Da gibt’s doch nur Monster und so was“, nuschelte sie und Jens nickte begeistert.

„Ja, jede Menge!“ Seine Augen leuchteten und Tessa grinste.

Was hatte sie auch anderes erwartet. „Ich glaube, wir werden für jeden das passende finden“, sagte sie und strich Melanie über den Arm. Sie wirkte unglücklich.

„Ja aber...“, murmelte Melanie und sah Sabrina an. Es würde wohl noch eine ganze Weile dauen, bis sie sich abgefunden hatte. Darum mussten sie auch einen passenden Charakter für sie finden. „Es gibt dort nicht nur dunkle Charaktere, auch Helden, wie zum Beispiel den Sohn des Lichts.“ Sabrina sah ihre Freundin lächelnd an. „Es wird auch was Passendes für dich dabei sein.“

„Und selbst wenn in der Vorlage der Welt nichts dabei ist, es zwingt uns keiner, uns an die Vorlage zu halten. Dann erfinden wir eben neue Charaktere. Dafür sind wir doch Rollenspieler, dafür schaffen wir unsere Welt. Wenn wir nur abkupfern wollten, müssten wir uns nicht die Mühe machen“, sagte Damian. Er sah das nicht so verbissen. Wenn Melanie keine dunklen Wesen spielen wollte, war das okay für ihn. Dann bekam sie etwas, was ihrem Naturell besser entsprach. Und vielleicht wagte sie sich im Laufe der Spiele auch an etwas Dunkles, um zu sehen, dass das durchaus Spaß machen konnte.

„Legen wir doch erst einmal die Welt fest, in der wir spielen wollen. Dann wissen wir auch, welche Rollen wir unbedingt besetzen müssen und können sie verteilen. Der Rest ist dann...“ Sabrina zuckte die Schultern. Dass es nicht leicht würde, war ihr schon klar gewesen.

„Das ist ein guter Vorschlag“, sagte Jens, der sich bisher ziemlich zurückgehalten hatte. „Wir werden für unseren Kobold auch etwas Entsprechendes in unserer neuen Welt finden. Allein schon, weil keiner sie so bedrückt sehen kann.“

Tessa nickte. „Jedes Spiel braucht einen Wirbelwind.“

Melanie grinste schief. „Aber ich will zu den Guten gehören“, sagte sie.

„Und ständig von mir eine auf die Rübe kriegen? Du bist ja Maso“, lachte Jens und wurde von seiner Frau in die Seite geknufft.

„Ich schlage vor, wir ziehen uns erst einmal um, und wenn Martin und Gisela da sind, suchen wir die Welt aus. „Tessa erhob sich und verschwand Richtung Badezimmer, Jens folgte ihr. Sie hatten mit dem Bus fahren müssen, was sie nur sehr ungern als Ork und Elbe taten. Zum einen waren die Reaktionen der anderen oft fragwürdig, anderseits waren die Kleider nicht immer dafür geeignet, einer Straßenbahn hinterher zu laufen.

„Okay, wenn sich alle umziehen, dann werde ich das auch mal tun.“ Damian erhob sich und ging in eines der Nebenzimmer, wo er seine Kostüme aufbewahrte. Zwar würde er heute nicht ohne Oberteil herumlaufen, dazu war ihm einfach zu kalt, aber trotzdem würde Sabrina zufrieden sein. Grinsend schüttelte er über sich selbst den Kopf und wuschelte sich durch die Haare, damit sie wild durcheinander lagen, so wie er das mochte.

Als er zurück war, waren auch die beiden Nachzügler endlich angekommen. Sabrina hatte sie eingelassen und mit Tee versorgt. Auch sie waren schon grob eingewiesen und eigentlich mit der Wahl ziemlich zufrieden. So hatten ein paar mehr von ihnen die Chance, mal richtig böse zu sein und gegen den Sohn des Lichtes anzutreten. Sie hatten in Damians Abwesenheit festgelegt, dass er der geeignete Spieler dafür war. Er hatte nicht nur Erfahrung, er hatte auch die nötige Ausstrahlung.

„Und?“, fragte er und drehte sich vor Sabrina.

„Ein wenig viel Stoff, aber sonst ganz annehmbar“, kicherte sie und winkte ihn zu sich. Sie lehnte sich an ihn, als er neben ihr saß und sie legte ihm den Kopf auf die Schulter. „Es ist also beschlossene Sache, dass du John Sinclaire bist. Melanie gehört auf jeden Fall zu deinem Team, wir anderen wissen noch nicht genau, ob wie gut oder böse sein wollen, bis auf Jens, der wird ein Engel.“ Sie kicherte denn Jens blies empört die Wangen auf und wedelte hektisch mit den Händen.

„Höchstens ein gefallener Engel, wenn überhaupt. Aber eigentlich schwebt mir was anderes vor. Baphomet könnte mir gefallen.“

„Wir sollten trotzdem erst einmal die Welt festlegen, in der wir spielen wollen. Das Sinclair-Universum hat da einiges zu bieten, auch eine Vampir-Welt und so“, nuschelte Sabrina und alle mussten anfangen zu lachen.

„Also doch!“ Tessa sprang auf und blickte auf Sabrina hinab, lachte aber laute. Sie hatte ihre Vorliebe für Vampire nicht verbergen können und je mehr kitschiges Zeug davon über den Äther flimmerte, umso intensiver war bei Sabrina der Drang geworden, das wieder gerade zu biegen und die Vampire zu dem zu machen, was sie waren: kalte, seelenlose Monster.

„Also wenn niemand was dagegen hat, warum nicht eine Vampirwelt?“ Damian sah in die Runde und alle nickten grinsend. Nur Melanie zögerte etwas, nickte schließlich aber ebenfalls. Solange sie einen guten Chara bekam, wollte sie es einmal versuchen. Sie liebte ihre Spieleabende und war gerne mit ihren Freunden zusammen.

So setzten sie sich alle um den Baumstumpf und begannen das Material zu studieren, was Sabrina mitgebracht hatte. Irgendwann hatten alle Hunger, bestellten Pizza, doch eigentlich unterbrachen sie ihre Recherche kaum. Die Welt begann sie wirklich zu faszinieren. Nach und nach hatten sie einen Spieleort entwickelt, die wirkenden Charaktere zusammen getragen und begannen nun, die Bösewichte zu schaffen, die sie haben wollten. Dabei achteten sie bei ihren eigenen Charakteren immer darauf, dass sie nicht zu viele Waffen oder Fähigkeiten hatten. Das war nicht leicht.

Natürlich hatte Sabrina sich einen Vampir ausgesucht und wirkte sehr zufrieden. Sie funkelte Damian an. „Feind“, flüsterte sie grinsend und bleckte die Zähne. Sie waren noch nicht spitz, aber das würde sie so bald wie möglich nachholen. Mittlerweile gab es da ja genügend Möglichkeiten.

„Es wird mir das Herz brechen, eine Schönheit wie dich zu töten, aber ich glaube, ich werde es tun, denn der Sohn des Lichts hat sich dem Kampf gegen die dunklen Mächte verschrieben. Wenn du meinem Ziel in den Weg trittst, wir das dein letzter Schritt gewesen sein“, erklärte Damian. Mit der Rolle des Spielleiters, der die Geschichte vorantrieb, würden sie sich auch hier abwechseln, damit jeder das, was ihm vorschwebte auch ausleben konnte und es für die anderen immer eine Überraschung blieb, was auf sie lauerte, wenn sie einen Raum betraten.

Melanie wollte sich erst einmal an Jane, Johns Freundin, versuchen, doch auch sie reizten die Roben, die Vampire trugen. Aber das würde sich mit der Zeit noch zeigen.

Sie waren in ihren Rollen ja nicht bis in alle Ewigkeit festgelegt und vielleicht wagte sie sich doch einmal auf die andere Seite. Sie unterhielt sich gerade mit Sabrina, als diese auf einmal aufsprang. „Uah, Gerrit kommt gleich, um mich abzuholen“, rief sie und sah Damian an. „Ich geh runter, damit er nicht schellen muss.“ Denn wenn das passierte, sah er Damians Namen auf dem Klingelschild und das wollten sie beide nicht. Der Elf wollte gern noch ein paar Spielchen spielen und die wollten sie ja nicht durch eine lumpige Unachtsamkeit vertun.

„Also, macht’s euch noch nett. Wir chatten, würde ich sagen und dann sehen wir uns Donnerstag wieder. Vielleicht haben wir ja dann schon die ersten Szenen zum Spielen.“ Sie drückte ihre Freunde an sich und hastete mit ihren Sachen in der Hand los. „Hat was von einer Flucht“, murmelte Martin und folgte ihr, zusammen mit Damian, nach unten.

„Na ja, alles etwas komplizierter“, sagte Damian und grinste schief. Martin war seine Liga, er spielte auch lieber mit Jungs.

„Erzähl“, sagte Martin auch glich und sah Damian neugierig an. Wenn bei dem etwas kompliziert war, dann ging es immer um einen Kerl? „Seid ihr beide scharf auf den gleichen?“, lachte er. Denn das wäre wirklich etwas Kompliziertes.

Doch Damian lachte nur laut. „Lass sie das bloß nicht hören, sie würde dir den Kopf abreißen oder noch besser: Ihre langen Reißzähne in deine Adern schlagen“, lachte Damian. Doch dann erzählte er von Gerrit, von der Messe, von den Blicken, dem blöden Spruch im Hörsaal und dem ganzen merkwürdigen Tag. „Ist halt ihr großer Bruder und wir wollten vermeiden, dass er zu früh raus bekommt, dass der Elf vom Stand und sein Dozent ein und dieselbe Person sind. Elfen sind nämlich irgendwie was, was er nicht haben kann und Pickel kriegt.“

„Oha, das ist wirklich kompliziert.“ Martin erinnerte sich, dass Sabrina ab und zu mal etwas davon erzählt hat, dass sie sich ständig mit ihrem Bruder zoffte, weil er mit Elfen und Rollenspielen gar nichts anfangen konnte. „Und, was hast du nun vor? Schnappst du ihn dir?“

Damian zuckte die Schultern. „Weiß noch nicht. Lecker ist er ja – da!“ Er deutete durch das Küchenfenster auf die Straße, wo gerade ein alter Audi vor fuhr. „Das ist er.“ Damian grinste dümmlich, er kam sich gerade vor wie ein Teenager. „Reizen würde er mich schon, ob das allerdings was werden kann, wenn er mit meinem Hobby nichts anfangen kann, muss ich sehen.“ Das war wohl der größte Stein, der im Weg lag. Alles andere empfand er als regelbar.

„Ich glaube, das hast du schon längst entschieden, hm?“ Martin sah seinen Freund grinsend an und knuffte ihn gegen die Schulter. Diesen Blick, mit dem Damian allen Bewegungen um das Auto folgten, kannte er. „Dann würde ich sagen, konfrontiere ihn und zieh ihn auf die dunkle Seite der Macht.“

„Ich weiß noch nicht. Vor allen Dingen weiß ich noch nicht, in welcher Rolle. Als Dozent oder als Elf?“ Damian wusste, das beides seine Nachteile hatte. Den Dozenten schien Gerrit nicht sonderlich zu mögen, er schien ihn sogar zu fürchten. Und der Elf kam aus einer Welt, mit der Gerrit nichts - aber auch gar nichts – anfangen konnte. „Wir haben zu wenige Berührungspunkte“, sagte er also.

„Dann schaff welche. Du bist sein Dozent, du kennst seine Schwester. Du hast also jederzeit die Möglichkeit in seiner Nähe zu sein. Nutze die Chancen, um ihn besser kennen zu lernen oder besser, um ihn dich besser kennen lernen zu können.“ Martin wusste, dass das nicht einfach war, aber wer nichts wagte, konnte auch nichts gewinnen.

„Ich habe ja schon bei Sabrina angefragt, ob wir nicht ab und an die Spiele zu ihr verlegen können. Die beiden bewohnen zusammen das Obergeschoss des Elternhauses. Vielleicht ergibt sich da ja mal das eine oder andere. Reden würde mir schon reichen, auch wenn er mir – sollte ich da als Elf auftauchen, wohl wieder nicht ins Gesicht sehen wird.“ Damian lachte, als er sich an den gierigen Blick von gestern erinnerte. Das durfte Gerrit gern noch einmal machen, und seine Hände durfte er auch gern benutzen. Damian zuckte, als ihm etwas gegen die Wade schlug.

„Arwen“, lachte er und hob seine Katze hoch. Wahrscheinlich hatte sie schon länger bei ihm gesessen und irgendwann hatte es ihr gereicht, nicht beachtet zu werden. Damian kraulte sie und wandte sich wieder an Martin. „Wie gesagt, so toll ich es finde, dass mein Anblick als Elf ihn wohl ziemlich anzieht, so ist es nicht das, was ich will.“

„Zu deutsch. Er soll Damian mögen und nicht Ancoron, der ja sowieso erst einmal für eine Weile in der Mottenkiste landen wird. Ist auch besser bei den Temperaturen. Der Winter steht vor der Tür“, grinste Martin und streichelte Arwen ebenfalls. Sie ließ das nicht zu, wenn er sie sich greifen wollte, doch wenn Damian dabei war wagte sie nicht zu beißen oder zu schlagen. Und das lange Fell war doch so herrlich weich und flauschig.

„Ja, aber das erhöht auch das Risiko, dass er mich erkennt, bevor ich das will, denn wenn ich angezogen bin, dann sieht er mir ins Gesicht.“ Damian kicherte und sah dem Wagen nach, der sich gerade auf den Weg machte. Leider hatte er Gerrit nicht gesehen, aber das war nicht schlimm, denn morgen sah er ihn wieder. Er wusste, dass Gerrit alle Mathe-Seminare mitnahm, die er kriegen konnte.

„Dann solltest du dir nicht mehr viel Zeit lassen, würde ich vorschlagen. Außerdem schläfst du dann auch besser, wenn die Fronten klar sind.“ Langsam gingen sie wieder die Treppen nach oben.

„Mittwoch ist Hörsaalparty, mal sehen – vielleicht ist er ja auch da.“ Damian hatte noch keinen Schimmer, wie er das anstellen sollte. Er hatte lange nicht mehr geflirtet.

„Ich drück dir die Daumen.“ Martin strich noch einmal über Arwens Köpfchen, dann setzte er sich zu Jens. Sie beide wollten auf jeden Fall einen bösen Charakter und Martin wollte sich darüber mit Jens austauschen, denn bisher hatte er zu den Guten gehört. Er wollte auch mal etwas anderes probieren und in dieser neuen Welt konnte er sich dann ausleben. Und sie fanden, dass sie es dem Sohn des Lichtes und seinen Helfern nicht zu leicht machen sollten. Parallel spielte er noch Suko, Johns Gehilfen und Partner, doch der war nicht immer dabei.

„Es ist fast Mitternacht, Mist!“ Melanie sah auf die Uhr, als sie langsam müde wurde. Die Zeit war wirklich wie im Fluge vergangen. Sie mussten aufbrechen. Und damit seine Freunde nicht wieder mit der Bahn fahren mussten oder sich vorher noch umziehen, fuhr Damian sie kurzerhand nach Hause, ehe er müde ins Bett fiel – sein letzter Gedanke aber war bei Gerrit, wie er verängstigt in den Raum gespitzt hatte. Eigentlich war es ja schade, dass er das wohl nicht mehr machen würde, weil er ja endlich die Matrizenmultiplikation verstanden hatte. Schade, da hatte er sich selbst um einige schöne Augenblicke gebracht. Er musste lächeln und so schlief er auch ein. Mit einem Lächeln auf den Lippen und dem Gesicht von Gerrit vor den Augen.


06

„Mach du deinen Elfenscheiß und lass mich in ruhe.“ Gerrit war etwas in Eile, denn in einer viertel Stunde wollten Jan und Mario hier sein. Sie hatten sich verabredet, doch noch auf die Hörsaalparty zu gehen und Jan wollte fahren. Das musste Gerrit doch ausnutzen. Blöd nur, dass er sich beim Joggen etwas verschätzt hatte und jetzt zu spät dran war. Seine blöde Schnepfe blockierte das Bad und er roch wie ein Puma.

„Los, lass mich duschen, dann kannst du auch gleich wieder an dir rummalen.“ Gerrit hatte jetzt die Faxen dicke und zerrte seine Schwester einfach aus dem Bad, knallte ihr die Tür vor der Nase zu und schloss ab. Er musste sich beeilen, wenn er wenigstens schon geduscht sein wollte, wenn seine Freunde hier auftauchten.

„Oh man, Damian, bist du dir sicher, dass du dir so einen Arsch anlachen willst?“ Sabrina knurrte, als sie zurück in ihr Zimmer ging. Sie wusste, dass Damian heute nicht zu ihrer kleinen Zusammenkunft erscheinen würde. Er wollte sein Glück wo anders versuchen. Freilich war heute sowieso kein regulärer Spieltag, sie wollten nur noch ein paar Sachen abklopfen, Kostüme probieren und im Netz ein bisschen auf Suche gehen.

Sie hatte ihren Schwachmaten ein wenig abgeklopft und herausbekommen, dass der Ancoron ziemlich heiß fand, so wie seine Augen geleuchtet hatten. Aber so negativ, wie er immer noch allem, was mit Rollenspiel zusammenhing, eingestellt war, sah sie da keine Zukunft für die beiden.

Derweil beeilte sich Gerrit, sauber zu werden, putzte sich nebenbei gleich noch die Zähne und flitzte dann im langen Bademantel durch den Flur. „Kannst wieder“, brüllte er seiner Schwester noch zu, dann knallte seine Tür.

Sabrina sah ihm hinterher und seufzte. Wer sich in so was verlieben wollte, musste Masochist sein, ganz klar. „Aber ich werde schon noch sehen, dass du anfängst, anders über das zu denken, was wir machen. Dich kriegen wir auch noch.“

Sie lachte und zeigte dabei ihre spitzen Fänge. Aber das war noch ein Provisorium, auch wenn sie die schon ziemlich toll fand. Sie hatten einen Zahntechniker gefunden, der ihr diese tollen Beißerchen perfekt anpassen konnte, so dass es aussah, als wenn es ihre eigenen wären. Das war nicht ganz billig, aber das war es ihr auf jeden Fall wert. Das hatte sie schon lange gewollt, aber für ihre Rolle als weiße Hexe war das nicht zu gebrauchen gewesen. Sie war glücklich darüber, endlich einmal die Rolle zu spielen, von der sie glaubte, dafür geboren worden zu sein. Und in ihrer Rolle als Vampir würde sie schon dafür sorgen, dass der Dämon nebenan ebenfalls dem Sohn des Lichts zum Opfer fiel.

Der schoss gerade wieder aus seinem Zimmer, hatte zumindest schon Socken und eine Unterhose an und Sabrina nutzte die Chance. Sie hatte jetzt immer eine Kamera griffbereit stehen und hatte versprochen, ein paar Bilder für Damian zu machen, damit der sich ein Bild von der Ware machen konnte. Er sollte ja nicht die Katze im Sack kaufen.

Na wenigstens hatte er sich eine der netten Unterhosen angezogen, die ihm wirklich gut standen, wie sie sagen musste. Sie schoss ein paar Schnappschüsse von der Vorder- und der Rückseite. So konnte sie Damian endlich mal was ansprechendes schicken, denn selbst sie musste zugeben, dass ihr Bruder wirklich gut aussah. Kaum dass der Spuk vorbei war, verband sie die Camera mit dem Laptop und schickte die Bilder an Damians Handy. Es dauerte keine Minute, da kam eine SMS zurück. >>Gekauft, bitte einpacken und liefern. Die Rechnung bitte an die übliche Adresse.<<

Derweil sprang Gerrit mit einem Brötchen im Mund wieder zurück, kaute, wühlte in seinem Schrank und hatte endlich etwas gefunden. Eigentlich hatte er nicht vor, sich aufzuhübschen – warum auch. War ja nichts bei, was ihn interessieren würde. Doch sein Ego verbot es, dass er wie ein Dahergelaufener herum schlich, man wusste ja nie! Er schrie, als es klingelte: „Mach mal einer auf! Das sind Mario und Jan! Bin gleich fertig!“ Dann flog wieder eine Tür.

Anscheinend hatte ihre Mutter die Tür geöffnet, denn sie hörte Schritte die Treppe hoch kommen. „Hallo Sabrina“, wurde sie begrüßt, als Jan und Mario die Köpfe in ihr Zimmer steckten.

„Hallo ihr zwei, wollt ihr den Schwachmaten abholen? Der ist noch nicht fertig, wie üblich.“

Sie lachten beide und stiefelten dann weiter zu Gerrit, der gerade seinen Hintern in eine enge Jeans steckte und vorn die Knöpfe schloss. Das Shirt, was er trug, war auch ziemlich eng und so konnte sich Jan nicht verkneifen zu fragen: „Hast du noch was vor?“

„Nee, eigentlich nicht, aber man weiß ja nie.“ Gerrit grinste und strubbelte sich durch die Haare. Sie waren so kurz, dass sie schon fast trocken waren. „Ich mach mir nur kurz die Haare, dann können wir los.“

„Is klar. Der Elf ist vergessen, jetzt wird was Neues aufgerissen. Sehr gut!“, lobte Jan und warf sich aufs Bett. So hatte er einen guten Blick auf die Tür.

Mario saß neben ihm und strich ihm verliebt über den Bauch. „Jedes Mal das gleichen mit dem, wie der Regenwurm.“ Felix war nämlich ähnlich. Ole nannte ihm jetzt schon immer frühere Zeiten, damit sein Schatz fertig war, wenn sie los wollten. Bei Gerrit ging das nicht, der hatte niemanden, der ihn beaufsichtigte.

„Wer sagt denn, dass der Elf vergessen ist?“, brüllte Gerrit aus dem Bad, denn er musste den Fön übertönen. „Als abendliches Kopfkino ist er ungeschlagen.“

Jan verdrehte die Augen. „Der ist doch echt bekloppt.“

„Ja, wird Zeit, dass er mal wieder einem zwischen die Beine rutscht. Ich glaube, seine Hormone schwappen über“, knurrte Mario und schüttelte ebenfalls den Kopf. Es wäre einmal interessant zu wissen, ob sich Gerrit schon einmal im Bezug auf den Elfen kundig gemacht hatte. Doch sie gingen mal irgendwie nicht davon aus, denn er und Sabrina – das war Hassliebe. Die fragte er nicht einmal, wenn er eine Niere brauchte.

„Wow, wow, der hat wirklich was vor“, murmelte Mario und schnupperte noch einmal. Das war eindeutig Boss Elements Aqua, das da seine Nase kitzelte. Das war nämlich Gerrits Lieblingsparfum und das kam immer zum Einsatz, wenn er auf Jagd ging.

Auch Jan reckte die Nase und nickte. „Ist die Frage, wen er im Auge hat. Ich hab echt keinen Schimmer.“ Jan erhob sich und ging über den Flur, wäre fast in Gerrit reingelaufen, der gerade fertig war und jetzt sehr zufrieden wirkte. „Boah, hast du in der Brühe gebadet?“ Die Wolke, die er hinter sich her schleppte, machte Jan fast trunken. „Kein Sex unter der Woche, klar?“

„Na das sagt ja mal der Richtige. Wenn du nicht deinen täglichen Sex kriegst bist du doch unausstehlich.“ Gerrit lachte und schnappte sich seine Jacke. „Wegen mir können wir los.“ Mittlerweile freute er sich sogar auf die Party. Ein wenig quatschen und etwas trinken. Das hatte er schon lange nicht mehr gemacht.

„Das sagt mit einer, der die Teletubbie-Methode braucht, um mathematische Geheimnisse zu lüften“, knurrte Jan und war kurz versucht, Gerrit laufen zu lassen. Doch er musste zugeben, dass er ihn fair mit Jans eigenen Waffen geschlagen hatte. Da war nichts dran zu tippen.

Sie schwangen sich in den Wagen und reihten sich in den fließenden Verkehr. So waren sie keine halbe Stunde später schon mitten im Gewühl der Leute.

Es war voller als sie gedacht hatten und so blieben sie erst einmal zusammen und schlugen sich zu einer der Bars durch, die aufgebaut worden waren. Jan bekam eine Cola, weil er ja fahren musste und Gerrit bestellte für sich und Mario jeweils ein Bier. Gerrit wollte sich heute ein wenig betrinken. Nicht so viel, dass er nichts mehr mitbekam, aber doch genug, dass er ein wenig benebelt wurde.



„Na mal sehen, ob ich dich finde“, murmelte Damian, als er aus dem Wagen stieg. Ein letzter Blick auf die Fotos, die Sabrina geschickt hatte, dann machte es ich auf den Weg. Er kam sich schon ein bisschen vor wie ein Stalker und damit das nicht so blieb, hatte er sich vorgenommen, Gerrit heute anzuquatschen und zu sehen, was sich noch ergeben könnte. Dazu hatte er sich extra hergerichtet. Die Haare waren verstrubbelt, die Brille war Kontaktlinsen gewichen und anstelle eines Anzuges steckte sein Körper in einer Jeans und einem engen Shirt.

Er ging auf das Gebäude zu und ließ sich von den Massen mitziehen. Es hatte schon was, von niemandem erkannt zu werden. Die Studenten nahmen keine Notiz von ihm und er konnte sich ungehindert bewegen, ohne dass ihn jemand grüßte oder in ein Gespräch verwickeln wollte. So konnte er sich ein bisschen durch die Massen schieben. Als erstes holte er sich einen Becher Wein, denn er war mit dem Wagen da. Je später er trank, umso mehr Alkohol hatte er dann im Blut. Dann lieber jetzt ein leckeres Tröpfchen, als später verzichten müssen. Er stellte sich also in die Reihe und plötzlich stutzte er.

Er reckte unauffällig die Nase, höher, etwas höher. Das kannte er – das kannte er gut. Hektisch sah er sich um.

Da! Ungefähr zwei Meter vor ihm, stand Gerrit in der Schlange. Neben ihm seine beiden Freunde Mario und Jan. Was sollte er denn jetzt machen? Die Schlange ging so langsam voran, dass Gerrit und seine Freunde schon längst weg waren, bevor er überhaupt dran kam.

Erst einmal behielt Damian die drei im Auge und verdammt, hatte Gerrit sich aufgebrezelt. Was hatte der denn vor? Da kam ihm doch nicht allen ernstes jemand zu vor? Damian knurrte leise, rutschte aber mit der Schlange mit. Sobald er die drei verlor, würde er folgen, aber so lange hoffte er auf sein Glück. Er brauchte ein bisschen Mut. Er hatte das lange nicht mehr gemacht, verdammt.

Sollte er Gerrit einfach anquatschen oder lieber doch nicht? Er war so in Gedanken, dass er gar nicht bemerkte, dass Gerrit sich aus der Schlange löste und auf ihn zu kam. Wie der Zufall es wollte, war er auch gerade auf seiner Höhe, als Damian nach ihm sehen wollte und so rasselten sie zusammen.

„Pass auf, Mensch!“, hörte er Gerrit knurren und blickte auf. Dessen Gesicht wirkte ziemlich wütend, doch dann schien es sich aufzuhellen. „Sorry, mein Fehler. Ist es verschüttet? Ich geb dir einen aus“, schlug Damian eilig vor. Gerrit sollte sich nicht gleich wieder verdrücken. Das war die Chance, wenn er ihm jetzt später noch einmal über den Weg lief und ihn anquatschte, sah das sicherlich ziemlich erbärmlich aus. Er musste diese Chance jetzt nutzen.

Gerrit sah auf sein Glas. Da fehlte wirklich fast die Hälfte. „Ja, warum nicht“, sagte er darum und trank den Rest aus dem Glas. „Komm, lass uns eine andere Bar nehmen. Die hier sind grottenlangsam.“ Er gab Jan und Mario ein Zeichen, dass er mal weg war und deutete auf die andere Seite des Saales. „Lass uns da hin gehen.“

„Das ging schnell“, knurrte Mario, doch das sollte ihm recht sein. So hatte er Jan für sich und mit ein bisschen tanzen konnte er ihn sicherlich ablenken. Gerrit war schlau genug, nicht gleich auf dem Klo zu verschwinden, um den Kerl flachzulegen.

„Okay, bist schon länger hier, hä?“, fragte Damian und folgte Gerrit auf dem Fuß. So konnte er sich noch etwas an dem herben Parfum berauschen. Das war aber auch lecker. Verboten lecker. Und so merkte er nicht, wie Gerrit stehen bleib, um sich umzusehen und so donnerte Damian wieder in ihn rein. Das war ihm vielleicht peinlich!

„Hoppala“, lachte Gerrit, weil der Kleine rot wurde. „Gefällt dir mein Hintern?“, flüsterte er ihm ins Ohr. „Ich sollte dich wohl festhalten, damit wir unfallfrei zur Bar kommen, hm?“ Gesagt, getan legte er seinen Arm um den anderen Mann und grinste.

„Mir gefällt noch ganz anderes an dir“, sagte Damian offen. Warum hinter dem Berg halten? Er war aus dem Alter raus, wo er sich durch Desinteresse interessant machen wollte. Gerrit durfte wissen, dass reichlich Interesse da war. „Dein Parfum macht einen völlig...“ Er ließ den Satz offen, sollte Gerrit glauben was er wollte, es wäre wohl immer das Richtige. Er störte sich nicht an den Blicken, die sie, dank des um ihn gelegten Armes, ernteten. So lange Gerrit ihn fest hielt, war alles bestens.

Gerrit grinste zufrieden. Hatte er sich doch nicht getäuscht. Der kleine Happen neben ihm war lecker, wie seine Kurzprüfung vorhin ergeben hatte und offensichtlich interessiert. „Wie? Nur mein Parfum macht dich völlig... Du weißt schon? Ich bin enttäuscht“, lachte er und führte seinen Fang zum hinteren Teil der Bar, dort war es nicht so voll.

„Für eine eingängige Prüfung vom Rest fehlte mir leider bisher die Zeit und die Gelegenheit. Abgesehen davon, dass du ein gut riechender Prellbock bist, habe ich noch nicht viel mitbekommen.“ Damian grinste. Gerrit hatte wirklich keinen Schimmer, wen er hier gerade abschleppte. Denn wenn er auch nur den Hauch einer Ahnung hätte, wäre er nicht so drauf, ganz bestimmt nicht. Doch Damian hatte nicht vor, das Rätsel zu lösen. So gefiel ihm Gerrit noch um einiges besser als verstört und verschreckt. Dann kam das Mitleid und man wollte ihn trösten – aber den hier, den wollte er bestimmt eine Menge, aber nicht trösten!

Gerrit zog Damian lachend zur Bar. Dort war ein wenig Platz für sie beide. Nicht viel, sie mussten nahe beieinander stehen, aber so wie die Aktien gerade standen, störte das keinen von ihnen. „Na dann, hier bin ich, zur Inspektion bereit“, grinste er, als sie sich gegenüberstanden und breitete die Arme aus.

„Ein Bier und ein Weißwein!“, rief er dem Barkeeper zu, der sie erwartungsvoll ansah, dann widmete er sich Gerrit. Wenn der schon mal so einladend herum stand griff Damian zu. „Aha, Babyspeck“, sagte er frech, dabei spürte er ganz genau, dass das nicht so war. Die Seiten waren fest, genauso wie der Bauch. Viel weiter wollte er hier vor allen Leuten nicht gehen. Man wusste nie, was geredet wurde und Gerrit sollte es nicht schwieriger als nötig haben.

„War das alles?“, fragte Gerrit mit hochgezogener Augenbraue. Man sah deutlich, dass er irritiert war. „Also ich bestehe nicht nur aus Seiten und Bauch.“ Er hatte die Arme wieder runtergenommen und seine Unterarme lagen auf Damians Schultern. So konnte er mit den Fingern durch die Haare im Nacken kraulen. Das gefiel ihm.

„Wenn ich auch nur ansatzweise das machen würde, was mir gerade vorschwebt, sperren sie uns ein“, sagte Damian leise und bezahlte ihre Getränke, die er neben sich auf einen freien Fleck der Theke stellte. Sie standen jetzt etwas verdeckter, weil sie um den Tisch herum gerutscht waren und so schoben sich Damians Hände dorthin, wo er sie schon am Sonntag gern hin gelegt hätte: auf den festen Hintern. Zufrieden nickte er und griff fester zu. Die Finger in seinem Nacken waren traumhaft, er hatte das lange nicht mehr gespürt und der Duft vernebelte ihm die Sinne. Es waren nur wenige Zentimeter und so legte er vorsichtig seine Lippen auf Gerrits. Er konnte sich zurückziehen, sollte Damian ihn falsch gelesen haben.

Aber das hatte er ganz und gar nicht. Gerrit kam ihm sogar entgegen und die Finger in seinem Nacken hielten ihn fest, damit er sich nicht einfach zurückziehen konnte. „Geht doch“, murmelte Gerrit und vertiefte den Kuss. Dieser kleine Kerl schmeckte fantastisch und küsste ebenso.

Damian gab sich auch reichlich mühe, doch dazu musste er sich nicht anstrengen. Der Kerl raubte ihm die Sinne und so ließ er sich langsam ins Dunkel abdrängen, bis er die Wand in seinem Rücken spürte. „Du willst es wissen, oder?“, flüsterte er und sein Herz schlug schneller. Er hätte nicht gedacht, dass es so schnell gehen und dass Gerrit so verboten gut sein würde. Lecker, ja. Irgendwie süß, ja. Aber dass er so abgeht? Niemals!

„Du bist heiß“, murmelte Gerrit und er drängte sich fester an den anderen Mann. Es war wirklich unglaublich, da lief jemand in ihn rein und jetzt stand er hier und bekam die Zunge in den Hals geschoben und das vom Allerfeinsten. Damit hatte er bestimmt nicht gerechnet, als er sich entschlossen hatte, doch auf die Party zu gehen. „Halt dich nicht zurück“, murmelte er zwischen den Küssen und hielt Damian fest an sich gedrückt.

„Du aber auch“, knurrte Damian und seine Finger suchten sich den Bund von Gerrits Hose. Schnell waren seine Finger unter dem Shirt verschwunden und sie konnten von Glück reden, dass sie weitab im Dunkel standen. Es nahm kaum jemand Notiz von den beiden. Er wirkte sichtlich zufrieden. Gerrit war besser als erwartet. So ließ er sich gegen die Wand drücken, der Körperkontakt wurde enger.

Die Finger auf seiner Haut fühlten sich großartig an und wenn es nach Gerrit ging, konnten sie sich ruhig noch etwas mehr umsehen. Aber dabei fiel ihm auf, dass er selber noch kaum etwas von seinem Gegenüber erforscht hatte. Immer noch kraulten seine Finger durch die Nackenhaare, aber jetzt ließ er seine Finger streichelnd tiefer gleiten.

Damian seufzte zufrieden. Wer hätte gedacht, dass der Schwachmat so lecker war. Sein Leib wand sich in Gerrits Händen. Er konnte von den Berührungen nicht genug bekommen und der Kuss wollte einfach nicht enden. Vergessen waren ihre Getränke, vergessen war die Zeit, vergessen war alles um sie herum. Sein Knie rutschte langsam zwischen Gerrits Beine. Er wollte mehr und sein Kopf wurde herrlich leer.

Gerrit grinste in ihren Kuss und löste ihn dann. Allerdings konnte er sich nicht dazu entschließen, die weichen Lippen ganz zu verlassen. „Du willst es echt wissen?“, fragte er und streifte bei seinen Worten immer wieder die anderen Lippen. Mittlerweile lagen seine Hände auf dem straffen Hintern und er musste grinsen. Der war doch perfekt für seine Hände.

„Wenn ich schon mal gegen solch einen leckeren Happen laufe, nehme ich auch an, was das Schicksal mir bietet“, nuschelte Damian. Er hatte keine Lust zu reden. Er war heiß gelaufen, verdammt! Jetzt, wo er wusste, was Gerrit für Qualitäten hatte, wollte er die auch ausreizen. Dass der Kerl in Mathe keine Leuchte war, wusste er schon. Jetzt wollte Damian wissen, was Gerrit im Ausgleich dazu besonders gut konnte. Wie war das noch mit Matratzen?

„Na dann bedien dich“, flüsterte Gerrit dunkel gegen die anderen Lippen. Er wollte diesen Kerl, das war sicher, aber nicht jetzt sofort, vorher wollte er noch ein wenig naschen. Noch einmal fing er die anderen Lippen zu einem leidenschaftlichen Kuss ein, dann wanderte er langsam tiefer zum Hals. Er hatte Spaß daran, sich tiefer zu knabbern, die Haut zu reizen und ein wenig daran zu saugen.

Damian stöhnte leise. Der Kerl machte ihn völlig verrückt. So gruben sich seine Finger fest in Gerrits Seiten und er drängte sich noch dichter. Ihm war klar, dass Gerrit spürte, was er wollte. Am liebsten würde er verschwinden und mit seinem Gespielen endlich das machen, was ihm vorschwebte.

Gerrit war dem nicht abgeneigt, obwohl er es nicht besonders mochte, sein Objekt der Begierde auf die Toiletten zu zerren. Das hieß nicht, dass er das nicht doch ab und zu machte, aber bei diesem Leckerchen wollte er das nicht. Er wollte genießen, was sich ihm bot.

Doch er kam nicht mehr dazu. Unsanft wurde ihm auf die Schulter geklopft. „Ich suche dich seit zwei Stunden! Es ist elf, wir müssen los!“, knurrte ihn jemand an. Jan war ziemlich sauer, denn ans Handy war Gerrit nicht gegangen und niemand hatte ihn gesehen. Mario hatte vorgeschlagen, ihn ausrufen zu lassen und dann heim zu fahren.

„Mensch, Jan“, knurrte Gerrit, aber sein Freund ließ ihn gar nicht zu Wort kommen.

„Ich will nach Hause, morgen ist Vorlesung. Tauscht Nummern aus und verabredet euch meinetwegen, um fortzuführen, was jetzt beendet ist.“ Jan setzte seinen finstersten Blick auf, der seinen Freunden deutlich zeigte, dass es keine Diskussionen gab. Entweder kam Gerrit jetzt mit oder er nahm später den Bus. Er jedenfalls würde jetzt nicht noch lange streiten.

„Auch wenn ich nicht begeistert bin, ist wohl besser, ehe wir Unsinn machen. Schlafen wir ne Nacht drüber“, sagte Damian leise, auch wenn es nicht das war, was er wollte. Aber vielleicht brauchten sie beide die Ruhe, um morgen zu wissen, ob man mehr von einander wollte als einen leidenschaftlichen Kuss.

„Bin sofort wieder da“, sagte er und küsste Gerrit noch einmal schnell, dann ging er zur Bar und besorgte sich einen Stift und ein Stück Papier. Damian schrieb seine Handynummer auf und gab den Zettel Gerrit. „Ruf an, wenn du mehr willst“, flüsterte er an dessen Lippen, küsste ihn noch einmal und ging dann. Damian sah sich nicht noch einmal um, tauchte in der Menge unter und suchte sich erst einmal den Weg zum Klo. Er musste da noch etwas beseitigen, ehe er sich wieder unter Leuten blicken lassen konnte.

„Mann, Jan“, maulte Gerrit leise. Ihm gefiel gerade gar nicht, wie das geendet hatte. Er blickte auf den Zettel in seiner Hand. Da stand wirklich nur eine Nummer, noch nicht einmal ein Name.

„Jetzt ist er weg und ich hab noch nicht mal seinen Namen“, maulte er, ließ sich aber brav von Jan mitzerren, auch wenn ihm das Laufen gerade nicht besonders leicht fiel. Er hatte nämlich keine Lust mit dem Bus oder dem Taxi nach hause zu fahren. „Der war so geil.“

„Du aber auch, mein Lieber. Meine Güte!“ Jan schüttelte den Kopf. Wie konnte man sich nur derart gehen lassen? „Ich würde sagen, du kühlst erst mal wieder runter und morgen kannst du ihn ja anrufen. Dann weißt du bestimmt auch wie er heißt.“ Er konnte es nicht fassen. Da machten die Typen zwei Stunden lang rum und hatten noch nicht einmal so was Grundlegendes wie Namen ausgetauscht. Dafür aber wohl reichlich Spucke.

Er sah zu Gerrit und verdrehte die Augen, weil der nur dümmlich vor sich hin grinste. „Los erzähl schon“, knurrte er, weil er wusste, dass sein Freund manchmal ziemlich mitteilungsbedürftig war.

„Da rennt einer in mich rein und dann so ein Leckerchen. Klein, aber wirklich alles da, wo es hingehört“, schwärmte Gerrit auch gleich.

Jan lachte. Irgendwie schien es sein Freund in letzter Zeit mit den Kleinen zu haben. Der Elf, von dem er geschwärmt hatte, war ja auch nicht gerade ein Riese gewesen. Seine Hass-Liebe zu Strater war auch augenscheinlich und jetzt noch so ein Zwerg. Jan hatte ihn sich gar nicht richtig angesehen, Gerrit hatte ihn zum grossteil verdeckt. „Und? Ist er was fürs Bett oder für mehr?“

„Also fürs Bett auf jeden Fall, so wie der abgegangen ist, ist er genau meine Kragenweite.“ Gerrit grinste schief und strich sich durch die Haare. „Ob er mehr sein kann, weiß ich nicht, wir sind irgendwie nicht zum Reden gekommen.“

„Ach ehrlich?“ Jan schüttelte den Kopf und sackte Mario ein, der an der Tür auf sie gewartet hatte. Er hatte von der stickigen Luft wortwörtlich die Nase voll gehabt und nun betrachtete er auch Gerrit.

„Und? Hast du ihn losgeeist oder den anderen erschossen?“, fragte er trocken.

„Losgeeist“, lachte Jan und küsste Mario, bevor er sich bei ihm einhakte. „Stell dir vor, die knutschen über zwei Stunden und haben noch nicht einmal Zeit gehabt Namen zu tauschen“, kicherte er und Gerrit knurrte leise. Das bekam er jetzt unter Garantie öfter zu hören.

„Wie bitte? Ich hätte nicht gedacht, dass es unser Elfenschänder so nötig hat“, kommentierte Mario und grinste. Aber vielleicht war ihr Freund jetzt wieder etwas ausgeglichener, konzentrierte sich auf einen real existierenden Mann und klemmte sich sein Elfen-Kopf-Porno.

„Ja, hätte ich durchaus nötig gehabt, aber das hat dein Schatz ja erfolgreich unterbunden. Der hat den Kleinen so verschreckt, dass er gleich das Weite gesucht hat. Vielen Dank auch.“ Richtig böse war er nicht, denn er hatte ja die Nummer. Die kramte er auch gleich raus und tippte sie in sein Handy. >>Ruf dich morgen an. Mein Name ist übrigens Gerrit<<, schrieb er und grinste. So jetzt konnte Jan nicht mehr sagen, dass sie keine Namen getauscht hatten. 50 Prozent der Mission war erfüllt.

Keine Minute später piepste es. >>Warte auf deinen Anruf, enttäusch mich nicht<<, kam zurück – von einem Namen keine Spur.

Jan, der mitgelesen hatte, grinste. „Da macht es aber einer Spannend. Blöd, wenn man nicht weiß, welchen Namen man beim Handbetrieb stöhnen soll, hä?“

„Du bist so blöd“, knurrte Gerrit. „Du brauchst dir keine Sorgen machen, das krieg ich schon hin.“ Die kalte Luft tat ihm gut und er wurde wieder etwas klarer im Kopf. Er hatte nicht viel getrunken, aber die stickige Luft setzte ihm immer zu. „Ich bin echt gespannt auf morgen.“

„Kannst du aber echt gut verbergen“, lachte Jan, machte aber, dass er zu seinem Wagen kam. Nicht dass er noch eine ins Genick bekam, weil er Gerrit auf den Arm nahm. Aber er bot eine Steilvorlage nach der anderen, die nicht zu verwandeln war eine Schande.

„Oh Mann. Bring mich nach Hause, Jan, ich bin dir heute nicht gewachsen.“ Gerrit hat normalerweise schon Schwierigkeiten damit, aber heute war er eindeutig im Nachteil. Sein Blut zirkulierte noch nicht wieder so, wie es sollte. Vor allem nicht da, wo es gebraucht wurde, um es mit Jans spitzer Zunge aufnehmen zu können.

„Wie der Herr wünscht. Bitte einzusteigen.“ Schwungvoll öffnete Jan die Tür und ließ Gerrit einsteigen. Mario saß wie immer bei ihm vorne. Das wurde auch dann nicht geändert, wenn der große Ole bei ihnen mit fuhr, weil sie spontan irgendwo hin wollten und nur ein Wagen benötigt wurde. Aber der arrangierte sich immer mit dem Mini-Regenwurm.

Gerrit ließ sich rein fallen, schnallte sich an und grinste noch immer dümmlich. Seine Lippen waren wund und geschwollen. Sie brannten, wenn er darüber leckte. Aber so wusste er, dass er den leckeren Kerl nicht geträumt hatte.

„Raus du Träumerle.“ Jan klopfte Gerrit aufs Knie und deutete nach draußen. Sie standen vor Gerrits Elternhaus. „Los, ab ins Bett mit dir. Wir sehen uns morgen.“ Jan grinste, denn er konnte sich ziemlich gut vorstellen, was nachher noch in Gerrits Zimmer ablief, so heiß wie sein Freud gelaufen war.

„Ja, ja. Macht selber auch nicht mehr so lange!“, grinste Gerrit, stieg aber aus. Ein Blick an der Fassade nach oben, es war alles dunkel. Das hieß zumindest, dass seine nervige Schwester entweder nicht da war oder schon schlief. Was ihm beides ziemlich entgegen kommen würde.

Er winkte seinen Freunden noch hinterher, dann machte er, dass er nach oben kam. Seine Kehle brannte. Er hatte stundenlang nichts getrunken, das musste er nachholen. So stand er im Dunkel der Küche und suchte im Kühlschrank nach einem Wasser. Der Gerechtigkeit wegen musste Sabrinas Stilles Wasser dran glauben, dann verschwand Gerrit in seinem Zimmer.

Er löschte seinen Durst und schmiss sich dann aufs Bett. Was für ein Abend! Er lachte und schloss die Augen. Er konnte immer noch die anderen Lippen auf seinen spüren und vorsichtig strich er sich mit den Fingern darüber. „Wer bist du?“, murmelte er leise. Doch dann löschte Gerrit das Licht, zog die Decke über sich und pellte sich dann noch umständlich aus seinen Klamotten. Er hatte keine Lust mehr, sich noch einmal zu erheben. Er hatte schon Übung darin.

„Wir hören uns“, murmelte er leise und schloss die Augen.


07

Der Tag war wieder der typische Gerrit-Unitag. Er war viel zu spät aufgestanden, war mitten in den Berufsverkehr geraten und schon das erste Mal angepisst, noch ehe er den Hörsaal betreten hatte. Reaktionstechnik konnte den Morgen auch nicht retten und Marios blöde Witze waren auch schon einmal komischer gewesen. Die nächsten beiden Blöcke waren nicht gerade erquicklicher gewesen und so war das Mittagessen der erste Lichtblick des Tages. Vor allem, weil er ohne Frühstück aus dem Haus gelaufen war.

Allerdings war das Essen heute auch nicht nach seinem Geschmack. Da musste es eben mal wieder Currywurst - Pommes sein. Er ließ sich auf seinen Platz fallen und seufzte laut. „Was für ein beschissener Tag“, brummte er und fing an zu essen. Dabei sah er nicht zu Jan, denn allein der Anblick von dem, was sein Freund auf dem Teller hatte, drehte ihm den Magen um.

„Und dann wundest du dich, dass du wie ein Stein im Wasser liegst? Ich rette dich nicht, wenn du nachher absäufst“, knurrte Jan trotzdem. Wenn er etwas zusagen hatte, ließ er sich nicht durch solch Kleinigkeiten davon abhalten, wie ignoriert zu werden. „Hast du eigentlich schon telefoniert?“

„Wohl eher nicht, sonst wäre er wohl nicht so scheiße drauf“, mutmaßte Mario.

„Gut kombiniert, Sherlock. Ich mach das nachher zuhause. Hier habe ich doch keine Ruhe. Kann ja sein, dass es länger dauert.“ Gerrit musste grinsen. Das war der einzige Lichtblick des Tages.

„Dann lade vorher noch mal den Akku und vergiss das Training nicht“, entgegnete Mario ungerührt. Gerrit war schon groß, er würde das hinkriegen. Er war nicht neugierig, im Gegensatz zu seinem Liebling, der leise knurrte. Er hätte schon gern etwas mehr gewusst, aber da war ja noch nicht viel zu holen. So aß er weiter, denn sie hatten nicht ewig Zeit.

Gleich hatten sie wieder Seminar bei Strater. Gerrit hatte die Matrizenmultiplikation zwar jetzt verstanden, aber ein wenig Übung war nicht schlecht, denn seinen Teletubbie-Zettel konnte er beim Test nicht benutzen. Den hatte er sich daheim an seinen Schreibtisch gepinnt, eine Kopie davon aber immer in der Tasche, um noch einmal drauf zu gucken, wenn es nötig war, was Gerrit aber fast nicht glaubte. Heute würde er keine Angst haben müssen. Aber erst einmal ließ er sich sein Futter schmecken, ehe sie zusammen ins Fakultätsgebäude gingen.

Er grinste, als er in den Seminarraum ging. Heute hatte er nicht ängstlich um die Ecke gesehen. Er suchte sich einen Platz und legte sich alles zurecht. Strater war noch nicht da, darum unterhielt er sich noch ein wenig mit Jan, über den Trainingsplan. Der sollte nämlich geändert werden.

Damian Strater kam wie immer pünktlich und sah sich kurz um, sein Blick traf Gerrits und der grinste. Nein, heute hatte er keine Angst. Grinsend sah er zu, wie der Dozent sich die Jacke auszog. Auch der Schal wurde abgelegt und Jan pfiff durch die Zähne. Was hatte der denn da am Hals? „Vampirbesuch, hä“, murmelte er leise und lachte. Wenn man so was mit sich herum trug, dann ließ man doch den Schal an! Uralte Regel.

Er bemerkte gar nicht, dass Gerrits Grinsen gefroren war. Er hatte den dunklen Fleck an Straters Hals nämlich auch gesehen und in seinem Kopf ging gerade alles drunter und drüber. Das ging doch einfach nicht. Er hatte nicht gestern mit Strater geknutscht. Aber alles passte zusammen. Die Größe passte, die Haarfarbe passte, der Knutschfleck passte noch besser. Seine Mine gefror und seine Hände wurden kalt. Sein Blick suchte den des Dozenten. Sag mir, dass das nicht wahr ist – ging es ihm immer wieder durch den Kopf, doch je intensiver er sich den jungen Mann ansah, umso klarer wurde es ihm.

Er hatte!

Mechanisch griff er sein Handy, er musste das jetzt wissen. Er wählte die Nummer und schloss kurz die Augen, als nach dem Verbindungsaufbau das Telefon des Dozenten klingelte.

Damian Strater erschrak sich, weil er vergessen hatte, es auszustellen und als er auf das Display sah, wurde er blass. Sein Blick ging zeitlupenartig zu Gerrit, der immer noch mit steinerner Mine sein Telefon hoch hielt.

Aber jetzt steckte er es in seine Hosentasche und packte seine Sachen zusammen. Jan sah ihn irritiert an und beeilte sich ebenfalls, zusammenzupacken. Was war denn jetzt passiert? Gerrit stand auf und wollte gerade gehen, als Strater neben ihm stand. „Arsch! Das war bestimmt der Brüller des Jahres“, zischte er Damian zu und ließ ihn dann einfach stehen. Er musste raus, denn sonst vergaß er sich noch und verpasste seinem Dozenten eine. Er konnte sich bildlich vorstellen, wie der Idiot gestern vor lachen nicht in den Schlaf gekommen war – woher sollte er denn auch wissen, dass dem nicht so war?

Damian sah ihm immer noch blass hinterher, beobachtete Jan, der Gerrit folgte, doch er konnte nicht gehen. Er hatte hier ein Seminar zu halten, mit dem er beginnen musste. Aber in seinem Kopf routinierte es. Das hätte so nicht passieren dürfen – verdammt. Er hatte Gerrit heute alles sagen wollen, hatte sich schon die Worte zu Recht gelegt. Das hier hätte definitiv nicht passieren dürfen. Stumm starrte er den beiden hinterher, immer noch gelähmt. Es kam erst wieder Leben in ihn, als Mario sich ebenfalls erhob und dann die Tür schloss, als er den Raum verlassen hatte. Damian senkte den Kopf.



+++



„Gerrit, warte!“ Jan hastete seinem Freund hinterher, denn er hatte keinen Schimmer, was eben abgegangen war. Er hatte eine unschöne Vorahnung und hoffte, dass er sich irrte.

„Was ist denn los?“, rief er und hielt Gerrit am Arm fest, so dass er nicht mehr weiterlaufen konnte. „Was war das gerade?“, fragte er und drehte seinen Freund zu sich um.

„Was los war, willst du wissen?“ Gerrit funkelte Jan an und holte sein Handy aus der Hosentasche. „Du wolltest doch vorhin wissen, ob ich schon angerufen habe. Das habe ich, vorhin im Seminarraum und was glaubst du, wessen Handy geklingelt hat? Mit wem ich gestern rumgemacht habe?“ Er war immer lauter geworden, aber jetzt wurde er leise und er zischte nur noch ein Wort: „Strater!“

Jan wusste im ersten Augenblick nicht, was er sagen sollte. Okay, es war ein mittlerer Schock und so kommentierte er seine Gedanken auch: „Scheiße!“ Er blickte über den Gang zurück zur Tür und zu Mario, der langsam auf sie zu kam. „Und jetzt?“, fragte er leise, denn er ahnte, dass Gerrit das noch nicht wusste. Er war außer sich – zu Recht. Zumindest hätte Damian Strater gestern die Fronten klar ziehen sollen, ehe er sich mit einem Studenten eingelassen hatte.

„Ja, Scheiße! Auf jeden Fall hat sich Unterricht bei Strater erledigt. Auch wenn ich mir meinen Schein dann wohl abschminken kann.“ Gerrit hatte die Fäuste geballt und lief wieder los. Er konnte jetzt nicht hier bleiben, denn sonst ging er zurück in den Seminarraum und krallte sich Strater. Er fühlte sich so vorgeführt. Was bitte schön hatte er dem Arschloch getan, dass er sich so einen morbiden Scherz mit ihm erlaubte.

„Gerrit!“, sagte Mario mit fester Stimme und griff sich seinen Freund an der Schulter. „Er wird seine Gründe gehabt haben und wegen dem deinen Schein wegzuschmeißen ist ein bisschen hirnrissig, würde ich sagen.“ Er konnte ja verstehen, dass Gerrit sauer war, doch jetzt alles übers Knie zu brechen und seine Zukunft in die Tonne zu werfen, war für Mario etwas sehr kurz gedacht.

Gerrit ließ sich gegen die Wand sinken und stützte sich auf den Oberschenkeln ab. „Mann, das weiß ich auch, aber ich bin so wütend und ich weiß echt nicht, was ich mache, wenn ich den vor mir stehen habe.“

„Aber das solltest du, den du hast eine Antwort verdient. Allerdings wirkte er nicht gerade zufrieden, als ich das Zimmer verlassen habe. Er sah ziemlich mitgenommen aus. Ich glaube, er wollte dir das in Ruhe erklären.“ Mario hatte nicht vor, für den Dozenten Partei zu ergreifen, doch er fand, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen war. Gerrit war gestern viel zu high gewesen, als dass die Sache so enden durfte.

„Ich weiß echt nicht, ob ich hören will, was er mir zu sagen hat. Ich muss da erst drüber nachdenken.“ Gerrit ging auf und ab und sah immer wieder über den Flur. Von seinem Dozenten war nichts zu sehen und er wusste nicht, ob er mehr verärgert oder enttäuscht darüber war. „Muss ihm ja wirklich wichtig sein, wenn er seelenruhig Unterricht hält.“

„Hallo?“ Jan wurde laut. „Das da drinnen ist sein Job, verdammt noch mal. Mach ihm nicht den Vorwurf, dass er Profi genug ist, seinen Job zu machen, auch wenn er gerade wohl ziemlich geknickt sein dürfte. Pass auf, was du sagst, Gerrit. Auch wenn ich deinen Frust verstehen kann!“ Sein Freund erinnerte ihn gerade ziemlich an Felix in seiner Ole-ist-Scheiße-Phase. Jan wusste also nur zu gut, wie man solchen den Kopf wieder zurück rückte.

„Na wenn doch alles so ist, wie es sein sollte, dann kann ich ja gehen.“ Gerrit wusste, dass er gerade ungerecht war. Seine Freunde konnten nichts für die Situation, aber sie waren nun mal die einzigen, die gerade da waren und so bekamen sie seinen Frust ab. Damit es aber nicht ausartete, sollte er besser gehen. „Ich bin dann trainieren.“ Das machte er immer, wenn er über etwas nachdenken oder wieder runterkommen musste. Das gleichmäßige Bahnen ziehen, half ihm dabei.

„Dann tu das, wen du ihm aus dem Weg gehen willst.“ Mario hielt Jan zurück, der schon wieder etwas entgegnen wollte. Gerrit war nicht Felix. Sollte er versuchen, den Kopf wieder frei zu bekommen. Sie trafen sich heute noch in der Halle, dann konnten sie hinterher immer noch reden. „Wirst du noch da sein, wenn wir kommen?“, wollte er deswegen wissen.

„Ich denke schon.“ Gerrit hob noch einmal die Hand, dann machte er sich auf den Weg zum Auto. Während der Fahrt verbot er sich an das zu denken, was passiert war, denn er wollte keinen Unfall bauen. Er brauchte nicht lange zur Halle und er hatte Glück, es war kaum jemand da, so dass er sicher sein konnte, dass ihn keiner störte.



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„Man, wer hätte auch mit so was gerechnet. Er greift aber auch immer ins Klo“, sagte Jan leise und sah sich etwas unentschlossen auf dem Flur um. „Sollen wir wieder rein gehen und hinterher mit ihm reden oder Sturschädel Gerrit das alleine regeln lassen?“ Jan war unschlüssig. Er wollte sich nicht einmischen. Aber Gerrit war gestern so glücklich gewesen, das durfte nicht einfach vorbei sein.

„Lass ihn erst einmal wieder runterkommen, Schatz. Du weißt, wie er ist. Jetzt ist er doch keinen Argumenten zugänglich. Wir reden mit ihm nach dem Training, wenn er will.“ Mario zog Jan an sich und küsste ihn. „Lass uns wieder reingehen. Ich will wissen, was Strater macht und wie er sich gibt.“

„Ja, das interessiert mich auch“, musste Jan zugeben. Was Mario vorhin über Straters Reaktion gesagt hatte, gab ihm schon zu denken. Für ihn stand fest, dass der Dozent einen Grund gehabt hatte, sich gestern nicht zu offenbaren und dass der bestimmt nicht darin lag, Gerrit zu verletzen. So holte er noch einmal tief Luft und ging zurück zur Tür.

Sie öffneten sie vorsichtig und schlüpften hinein, weil sie nicht stören wollten, aber sie waren wohl nicht leise genug, denn Damians Kopf ruckte hoch. Er sah anders aus als sonst. Die Makellosigkeit, die er sonst ausstrahlte, war nicht mehr da. Er wirkte ein wenig hilflos, so wie er da stand und enttäuscht wirkte. Jan spürte, dass Damian Strater jemand anderes erwartet hatte und so schüttelte er leicht den Kopf, als er sich setzte. Leise packte er sein Zeug wieder aus und hörte zu. Mario tat es ihm gleich und schrieb die Sachen mit, die an der Tafel notiert worden waren. Gerrit könnte die Unterlagen brauchen.

Damian holte tief Luft und musste begreifen, dass er gestern einen ganz großen Fehler gemacht hatte. Er hatte sich eingebildet, es würde schon keiner merken. Auch ihm war klar, dass er bereits gestern die Karten hätte auf den Tisch legen müssen und Gerrit die Entscheidung überlassen, ob er mit seinem Dozenten rummachen wollte. Doch er hatte die Sorge, dass das gewaltig schief gehen und der Abend ein unschönes Ende nehmen würde. So hatte er erst sich selbst und dann Gerrit betrogen.

Jetzt konnte er nur hoffen, dass ihm gelang, das wieder zu kitten. Der letzte Abend hatte ihm nämlich gezeigt, dass Gerrit mehr für ihn war, als ein kleiner Flirt oder einfach nur schneller Sex. Der junge Schwimmer ging ihm unter die Haut. Der Kerl reizte ihn auf mehrfacher Ebene und das passierte nicht oft. Immer wieder suchte er unbewusst den Blickkontakt zu Gerrits Freunden, doch die blieben emotionslos. Dort brauchte er wohl keine Hilfe erwarten. Warum auch? Er hatte ihren Freund an der Nase herumgeführt. Wenn das jemand mit seinen Freunden machen würde, wäre er auch sauer.

Er versuchte also seinen Stoff durchzuziehen und lenkte sich mit den Fragen seiner Studenten ab, doch irgendwann war der Block um.

Er sortierte seine Unterlagen, während sich der Raum leerte. Noch nie war der Unterricht so zäh und langsam verlaufen. Was sollte er jetzt machen? Sollte er Gerrit anrufen? Aber der wollte ganz sicher nicht mit ihm reden, so wütend wie er gewesen war. Also packte Damian alles zusammen und stutzte, als der Raum bis auf zwei Studenten leer war. Und die guckten ihn ziemlich sauer an. Doch er würde nicht kneifen oder weglaufen. Wenn sie die Konfrontation suchten, wollte er sich dem stellen, also sah er Jan abwartend an. „Kann ich euch helfen?“, fragte er mit neutraler Stimme.

„Uns wohl eher nicht.“ Jan hatte die Arme vor der Brust verschränkt und sah seinen Dozenten finster an. Mario legte ihm eine Hand auf den Oberschenkel und drückte leicht. Sie sollten jetzt besser keinen Streit vom Zaun brechen.

„Da er nicht hier ist, gehe ich davon aus, dass er vorerst nicht reden möchte“, sagte Damian und setzte sich auf den Tisch. „Ich weiß auch, dass ich mich gestern nicht mit Ruhm bekleckert habe, aber es ist nun einmal passiert.“

„Er ist wütend und gerade nicht sehr gesprächsbereit. Das heißt aber nicht, dass es aussichtslos ist.“ Jan registrierte zufrieden, dass Damian keine Ausflüchte suchte und die Schuld auf Gerrit abwälzte. „Was gedenken sie nun zu tun?“

„Ich werde ihm eine SMS schicken und ihm anbieten zu reden. Wenn er das annimmt, ist das gut, wenn nicht, kann ich ihn nicht zwingen. Klar, es war... geil gestern Abend. Und ja, ich könnte mir mehr mit ihm vorstellen. Aber das ist Gerrits Entscheidung.“ Auch wenn es Damian nicht leicht viel, im Rollenspiel würde er jetzt den Würfel nehmen, aber im realen Leben musste er warten, bis sein Gegenüber bereit war. Er hasste das.

„Aha“, machte Jan nur und Mario griff ein. Wenn sie Damian jetzt verschreckten, hatten sie Gerrit nicht geholfen. „Gerrit ist stur, wenn sie also wirklich mehr wollen, müssen sie wohl oder übel etwas dafür tun. Er fühlt sich vorgeführt.“

„Hm“, machte Damian. Das war nicht gerade das, was er hatte hören wollen, doch er hatte es schon fast befürchtet, als Gerrit vorhin abgerauscht war. Er nickte und blickte Jan dann an. „Ich gehe davon aus, dass er aus Wut meine Seminare meiden wird. Aber er braucht die Stunden. Er soll zusehen, dass er sich in die Seminare der Wi-Ings eingliedert. Norbert ist auch nicht übel. Wäre schade, wenn er wegen meiner Blödheit den Schein nicht schafft.“

„Das mit den Seminaren werden wir ihm sagen, aber wir werden versuchen, dass er weiter zu ihren Seminaren kommt. Schließlich haben sie es geschafft, dass er endlich weiß, wie das mit der Matrizenmultiplikation funktioniert. Ich habe mir dabei die Zähne ausgebissen.“ Jan grinste schief, denn es wurmte ihn noch immer, aber hier ging es nicht um ihn.

„Da werde ich erst einmal aktiv werden müssen. Mal sehen, ob er irgendwann bereits ist, mir zuzuhören“, sagte Damian und Mario blickte ihn neugierig an.

„Warum eigentlich die Show? Warum haben sie ihm nicht gestern gesagt, was los ist?“

Damian blickte auf – die Frage hatte er sich auch schon gestellt. In der letzten Stunde mehrfach. „Ich hatte wohl angst, dass er mich stehen lässt. Er scheint mich nicht sonderlich zu mögen und so wollte ich das gestern eben ausnutzen. Es war ziemlich...“ Damian grinste und zuckte die Schultern.

„Dass er sie nicht mag, würde ich nicht sagen. Aber der Mann, der sie hier sind, ist nicht seine Kragenweite. Zu glatt und unnahbar, zu schwer einzuschätzen und steif. Und sie unterrichten seinen Angstgegner. Der Mann gestern war genau sein Ding. Gutaussehend, gut gebaut. Ob der Rest auch passt, hätte sich später gezeigt.“ Weil Damian ehrlich war, war Mario es auch.

„Ich sah gestern nur etwas anders aus, aber ich war kein anderer“, sagte Damian. Er konnte nicht sagen warum, aber er fühlte sich getroffen. Man hielt ihn also für steif und glatt. Nur weil er auf sein Äußeres achtete und weil er etwas unterrichtete, was den meisten ein Buch mit sieben Siegeln war? „Der Kern ist doch der gleiche.“

„Das ist wohl richtig, aber sie schaffen Distanz. Vielleicht nicht beabsichtigt, aber sie ist da. Sie grenzen sich von uns ab. Der Anzug und die Tatsache, dass sie außer im Unterricht mit keinem von uns reden, trägt viel dazu bei. Was glauben sie? Gerrit hat fast einen Herzkasper gekriegt vor Schreck, als sie ihn angesprochen und sich zu ihm gesetzt haben. Wir können sie nicht einschätzen, weil wir nichts über sie wissen, außer dem, was sie uns zeigen.“ Jan wusste nicht so genau, wie er das, was er zu sagen hatte, schonend formulieren sollte. „Gestern Abend waren sie genau das Gegenteil.“

„Hm“, machte Damian wieder. Eigentlich war es doch ganz genau das Image, was er haben wollte – sie sollten Respekt vor ihm haben und begreifen, dass ein Studium kein Zuckerlecken ist. Er verschenkte keine Scheine, man musste dafür arbeiten. Sicher, er könnte auch auf Kumpel machen, so wie andere Dozenten, doch Damian war nicht der Typ dafür. Er war nicht everybodys Darling. „Eine gewisse Distanz sollte da sein. Das macht es leichter, Noten neutral zu vergeben.“ Im Augenblick wusste Damian nämlich nicht, ob er in Gerrit wirklich investieren sollte, wenn man so über ihn dachte. Dagegen anzukämpfen und gegen den Mist, den er verbockt hatte, das war ein bisschen viel auf einmal.

„Sicher, da ist auch nichts gegen zu sagen. Sie sind unser Lehrer, kein Mitstudent.“ Mario grinste schief, denn sie schweiften vom Thema ab. Sie wollten, dass Gerrit und Damian sich aussprachen und alles andere sollten die beiden untereinander klären. „Fakt ist, Gerrit fand den Kerl gestern extrem heiß. Damit lässt sich arbeiten. Er wird mit ihnen reden, wenn er sich etwas beruhigt hat.“

„Er fand am Sonntag auch den Elfen ziemlich heiß und ich glaube, er hat das Problem, dass er Männern, die ihn anziehen, nicht ins Gesicht guckt. Ist ja nicht so, als würde ich mich verkleiden“, nuschelte Damian, aber nur ganz leise. Doch dann nickte er, er würde Gerrit eine SMS schicken und ihm sagen, dass er zu jeder Zeit bereit wäre, zu reden, wenn Gerrit dies wollte. Mehr konnte er im Augenblick wohl nicht tun.

„Sie waren der Elf auf der Messe?“, fragte Jan mit großen Augen und fing laut an zu lachen. „Sie haben es erfasst, mit Gesichtern hat er es nicht so, wenn er einen fast nackten, geilen Körper vor sich sieht“, kicherte er und konnte es immer noch nicht fassen. Alle kleinen Männer, die in den letzten Tagen in Gerrits Leben für Aufruhr gesorgt hatten, waren ein und dieselbe Person. Das war schon wieder so skurril, dass es cool war. Blieb nur zu hoffen, dass Gerrit das eines Tages auch mit Humor nahm und endlich bekam, was er suchte.

Damian schnaubte. Er konnte doch auch nichts dafür, dass Gerrit so hormongetrieben war – nicht dass er da etwas gegen hätte, doch sie sahen ja, wohin das führte und wer dafür gerade stehen musste, weil Blind-Gerrit sich vorgeführt fühlte. Nein, leicht würde er es mit dem Kerl nicht haben. Doch das wäre es ihm schon wert, wenn sie erst einmal mit einander reden würden.

„Wir werden nichts verraten, versprochen“, lachte Mario und schüttelte den Kopf. Das war typisch für Gerrit. Warum einfach, wenn es auch kompliziert ging. „Lassen sie nicht locker. Wenn unser Blindfisch sich wieder etwas beruhigt hat, wird er reden.“

„Hoffen wir's“, sagte Damian unverfänglich, doch ehrlich gesagt glaubte er nicht daran. Er würde noch einmal das Gespräch mit Sabrina suchen und es davon abhängig machen, wie intensiv er sich da rein kniete. Es war ja nicht so, als hätte ihm Gerrit nicht gefallen, doch sie waren zu unterschiedlich – sie hatten nichts gemeinsam. War das denn wirklich eine Basis? Doch er lächelte und nickte den beiden zu, als er seine Sachen griff. „Macht’s gut und tut mir leid, dass ich euren Freund wütend gemacht habe. Ich hoffe nicht, dass sie das ausbaden müssen.“

„Wäre nicht das erste Mal, wir haben also Übung darin. Machen sie sich keinen Kopf deswegen. Wir möchten nur darum bitten, dass sie ehrlich zu ihm sind, denn er wird es auch sein.“ Jan und Mario erhoben sich und nickten Damian zu. „Wir sehen uns morgen.“

„Ja“, entgegnete er und ließ offen, auf welche Äußerung sich dies bezog. Damian ging langsam den Flur entlang und erst als sich seine Schritte so weit entfernt hatten, dass er sie wirklich nicht mehr hören konnte, seufzte Jan.

„In was für eine Scheiße ist der Schwachmat da eigentlich wieder rein gelatscht? Hat der einen Scheißedetektor am Hacken oder wie schafft der das immer so zielstrebig?“

„Ich weiß es auch nicht.“ Mario rieb sich über die Augen und hoffte, dass Gerrit wirklich bereit war zu reden. So sauer, wie er gewesen war, hatte es ihn ziemlich getroffen. „Komm, lass uns zur Halle fahren. Dann können wir ihn uns noch einmal vorknöpfen.“

„Ich hoffe für ihn, dass er noch da ist und ich hoffe ebenfalls, dass er wieder runter getickt ist“, sagte Jan. Er war selber auch ein bisschen auf Krawall gebürstet, denn ganz unschuldig war Gerrit an der aktuellen Situation auch nicht. Vielleicht sollte er sich wirklich mal angewöhnen, Männern auch ins Gesicht zu sehen. Vielleicht wäre dann das Eine oder Andere nicht passiert.

Jan raffte ebenfalls seine Tasche und folgte seinem Freund zum Parkplatz.

Sie schwiegen die Fahrt über und jeder hing seinen Gedanken nach. „Auf in den Kampf“, murmelte Jan, als sie bei der Halle ausstiegen.

„Er ist noch da“. Mario zeigte auf Gerrits Wagen, der ein paar Parkplätze von ihnen entfernt stand.

„Das ist ein guter Anfang, jetzt müssen wir nur das Beste draus machen.“ Sie hatten beide noch keine Ahnung, wie sie anfangen sollten. Wenn sie Gerrit von dem Gespräch mit Damian Strater erzählten, fühlte er sich vielleicht noch verraten von seinen eigenen Freunden. Aber ein paar Dinge sollte Gerrit einfach wissen. Es war eine Zwickmühle, in der sie steckten. Und so dauerte das Umziehen heute auch etwas länger als normal.

„Drück uns die Daumen“, murmelte Jan und ließ sich noch einmal hingebungsvoll küssen, bevor er sich von Mario löste und kurz unter die Dusche ging. Er konnte Gerrit schon sehen, der seine Bahnen zog. Er schwamm nicht sehr schnell, also war davon auszugehen, dass er dies schon eine ganze Weile machte und so sprang er hinterher und zog ziemlich bald mit ihm auf gleiche Höhe.

Jan schwamm neben ihm her und wusste nicht, ob Gerrit ihn bemerkt hatte oder ob er ihn einfach ignorierte. Nach einer Wende tippte er ihn also an.

Gerrit sah ihn an und nickte leicht. Er schwamm seine Bahn zu ende und hielt sich dann am Beckenrand fest. Er nahm seine Brille und die Kappe ab, sah Jan an, der neben ihm war, aber sagte nichts.

„Na? Schon Flossen bekommen?“, wollte Jan wissen, denn er wusste auch nicht, wie er anfangen sollte. Wollte Gerrit reden oder lieber seine Ruhe? Jan war unsicher und dass Mario in Ruhe seinen Bahnen zog, machte es nicht leichter für ihn.

„Vielleicht schlag ich dich dann endlich mal.“ Gerrit lehnte sich nach hinten und tauchte kurz seinen Kopf unter. Er war jetzt ziemlich lange ohne Unterlass geschwommen und das merkte er auch. Seine Arme waren ein wenig schwer, da kam ihm die Pause ziemlich gelegen. „Was hat er gesagt?“, fragte er, sah Jan dabei aber nicht an. Er ging davon aus, dass seine Freunde mit Damian geredet hatten.

Erst lag Jan ein flapsiger Spruch auf der Zunge, doch er schluckte ihn wieder runter. Er hatte angst, dass er damit mehr kaputt machte, als er ahnen konnte. „Dass es ihm leid tut und er gestern nicht den Mut hatte, weil er nicht wollte, dass du dich umdrehst und gehst.“

„Hm“, war erst einmal alles, was Gerrit sagte. Er sah auf das Wasser, als wenn er dort eine Antwort finden würde. Er war immer noch wütend, aber sie brannte nicht mehr so, wie an der Uni. Er konnte sogar nachvollziehen, was Jan sagte. „Warum hat er es überhaupt gemacht?“

„Weil er dich unglaublich lecker fand und weil er wusste, dass du vor ihm als Dozenten ziemlichen Schiss hast. Er hat es nicht so ausgedrückt, aber ich sage das so. Er war scharf auf dich und wollte, dass du ihn als Mensch kennenlernst. Dein blöder Knutschfleck ist ihm leider zuvorgekommen.“ Zumindest war das das, was Jan verstanden hatte. Vielleicht war es nicht zu einhundert Prozent das, was Damian Strater gesagt hatte, aber es machte Sinn.

„Hm.“ Gerrit wusste nicht, was er davon halten sollte. Er schlug mit der Faust auf das Wasser. Was sollte er denn jetzt machen? „Er war scharf auf mich? Das ist da wohl selbstverständlich.“ Gerrit grinste schief und ließ den Kopf hängen. „Hätte gut sein können, dass ich einfach gegangen wäre.“

„Siehst du? Und dir wäre eine echt heiße Knutscherei entgangen“, sagte Jan. Er hatte sich vorgenommen, so lange nicht locker zu lassen, wie Gerrit einem Gespräch nicht abgeneigt war. So aufgekratzt wie gestern hatte er seinen Freund lange nicht erlebt und so sollte das eigentlich öfter sein.

„Ja, das war sie wirklich.“ Unwillkürlich griff sich Gerrit an die Lippen, als er daran dachte. „Das war wirklich heiß. Ich wäre nie darauf gekommen, dass ich Strater abgeschleppt habe. Du meinst also, dass er normalerweise nicht so rumläuft wie in der Uni?“

„Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ihm sehr viel daran gelegen war, dass du ihn als Menschen und nicht als Dozenten siehst. Aber deine Reaktion hat gezeigt, dass deine Angst vor ihm zu überwiegen scheint.“ Jan wusste, dass er provozierte und knuffte Mario gegen die Wade, der an der Wende extra viel spritzte, um ihn zu ärgern.

„Ich habe keine Angst vor ihm“, knurrte Gerrit. „Ich war sauer, weil er nicht mit offenen Karten gespielt hat. Ich kam mir ziemlich verarscht vor. Das ist ja wohl mal was anderes als Angst.“ Er blitzte Jan an, aber der störte sich gar nicht daran.

„Also, so wie du am Montag in den Seminarraum gespitzt hast und so wie du gezuckt hast, als er dich am Automaten angesprochen hat, nehme ich dir nicht ab, dass du keine Angst hast. Aber das ist zweitrangig. Vielleicht solltest du dir angewöhnen, Männern auch mal ins Gesicht zu sehen.“ Jan tauchte kurz unter und schüttelte sich dann.

„Was soll das denn heißen? Gestern habe ich nicht ängstlich in den Raum gespitzt, denn ich konnte diese dämliche Berechnung ja und da war Strater auch im Raum. Ich hatte nicht vor ihm Schiss, sondern vor dem Matrizen-Scheiß und am Automaten hat er mich erschreckt.“ Das wollte Gerrit ja nicht auf sich sitzen lassen. Er konnte jetzt ja schlecht zugeben, dass da doch ein wenig Angst vorhanden war. „Und was soll das heißen, dass ich Männern auch mal ins Gesicht sehen soll?“

„Gerrit“, sagte Jan gedehnt und seufzte. „Damian Strater hat sich gestern nicht verkleidet oder sonst was. Er hatte nur was anderes an. Das Gesicht war noch das gleiche und das hättest du dir auch mal angucken können, in den Stunden, die ihr zusammen verbracht habt.“ Die Sache mit dem Elf sprach er nicht an, dass hatte er dem Dozenten versprochen. „Ganz unschuldig bist du an dem ganzen Mist also auch nicht. Egal ob ich jetzt von dir dafür eine auf die Fresse kriege.“

„Ja klar und dafür tötet mich dann Mario.“ Gerrit zeigte Jan 'nen Vogel. Allerdings hatte er jetzt auch das Problem, dass er eigentlich seinem Freund Recht geben musste. Er hatte keinen Blick an das Gesicht seines Gegenübers verschwendet. Das andere war aber auch zu lecker gewesen. „Du bist also der Meinung, dass ich mit ihm reden soll?“, seufzte er.

„Ja“, sagte Jan überflüssigerweise und nickte, kickte Mario, der schon wieder stänkern kam, dann aber weiter seine Bahnen zog.

Er überließ Jan die sozialen Dienste. Der war in so was besser. Wer Regenwürmer bändigen konnte, der kam mit allem klar. „Wenn du so was wie gestern noch mal machen willst, solltest du mit ihm reden oder dir einen anderen Kurs, inklusive anderem Knutschpartner suchen.“

„Das sagst du so leicht. Gestern, dass war mit die geilste Knutscherei, die ich je hatte und wenn Strater immer so wäre, hätte ich kein Problem, aber ich weiß einfach nicht, ob ich mit diesen zwei unterschiedlichen Personen zurecht komme.“ Gerrit ließ den Rand los und ließ sich ins Wasser sinken. Er brauchte einen klaren Kopf, aber heute hatte das Training nicht so geholfen, wie er gedacht hatte. „Außerdem bin ich sein Student. Das ist doch bestimmt verboten.“

„Weiß ich nicht“, musste Jan zugeben. Dass das bei Schülern und Lehrern so eine Sache war, wusste er. Doch das hing mit dem Alter zusammen. Aus dem Alter war Gerrit zum Glück raus, auch wenn das nicht immer so klar war. „Aber komm erst einmal mit dir selber ins Reine, ob und wie du ihn haben willst. Erst wenn das klar ist, musst du dir um den Rest Gedanken machen. Wenn du sagst, du kannst mit Strater so nicht zusammen sein, ist der Rest doch eh egal.“

„Das weiß ich eben nicht. Das Problem ist, ich weiß wie er küsst, wie er schmeckt, wie er sich anfasst und das ist einfach nur geil.“ Man sah Gerrit an, dass er ratlos war und auch ziemlich durcheinander.

„Gerrit, ich bin der falsche Partner für dieses Gespräch“, sagte Jan nur. Er konnte seinen Freund ja verstehen, das änderte aber nichts daran, dass es nur einen gab, der bei der Lösung des Problems aktiv mitwirken konnte. Und so stieß er sich von der Wand ab. Es gab nichts mehr zu sagen, was nicht schon gesagt worden war und wenn er nicht bald zu Mario aufschloss, schwamm der ihm eines Tages noch davon. Das konnte Jans Ego nicht zulassen – nicht nachdem Strater ihm den Triumph genommen hatte, Gerrit Mathe beizubringen. Vielleicht war es wirklich nicht schlecht, wenn der sich einen Privat-Dozenten zulegte.

„Na super! Sprechstunde beendet, oder was?“, brummte Gerrit und sah Jan hinterher. Allerdings hatte er verstanden und hievte sich aus dem Becken. Er blieb noch so lange am Beckenrand sitzen, bis Jan bei ihm vorbeikam und sagte ihm dann, dass er sich vom Acker machte.

Der nickte und zog dann weiter seine Bahn. Jetzt kam es ganz auf Gerrit an und er hoffte für seinen Freund, dass der verstanden hatte, was das Richtige war. Denn das letzte, was Jan gebrauchen konnte, waren jetzt Wochen des Katzenjammers und ein neuer Mathe-Kurs.