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Terra 3.0 - Zyklus III - Atlantis Nord 035 - Teil 4-6

04

Idya erwachte ein paar Stunden später und sah sich blinzelnd um. Ihr war heiß und sie fühlte sich eingeengt. Sie brauchte ein paar Augenblicke, bis ihr wieder einfiel, wo sie waren und sah neben sich. Verwirrt zog sie die Brauen zusammen und betrachte sich das Bild, das sich ihr bot. Archiaon schlief dicht an Elaios gedrängt, das Gesicht in dessen Halsbeuge vergraben und ihr Freund hatte seine Arme um den Senator gelegt und hielt ihn fest umschlungen.

Sie hob eine Braue und schob sich vorsichtig unter der Decke vor. Sie wusste auch nicht, warum sie das Bild nicht stören wollte. Doch es sah ungewohnt aus. Nicht nur weil sie Elaios noch nie mit jemand anderem so eng umschlungen gesehen hatte, auch weil es Archiaon war – der Senator! Auch ihr war klar, dass dies nicht das war, was sie vielleicht im ersten Augenblick gedacht hatte, sondern der Tatsache geschuldet war, dass sie alle furchtbar gefroren hatten. Aber das Bild wirkte auch auf den zweiten und dritten Blick noch irritierend.

Aber schließlich zuckte sie mit den Schultern und ging zum Becken, um nach den Tieren zu sehen. Die Delphine waren munter und Idya setzte sich auf den Rand, damit sie nachsehen konnte, ob die Verletzungen von Archiaons Tieren sich entzündet hatten. Zum Glück war das nicht so und so rieb sie die verletzten Stellen noch einmal mit der Heilsalbe ein und holte Futter. Nebenbei zog sie aus einem der Schränke ein Shirt, denn weil auch sie den zerschlissenen Anzug ausgezogen hatte, war sie nackt. Das wäre ihr bei Elaios noch egal gewesen, bei Archiaon allerdings nicht.

Der lag immer noch dicht an Elaios gedrängt und weigerte sich, die Augen zu öffnen. Sollte der Rest glauben, er würde noch schlafen, so musste er sich nicht erklären.

Solange sich der junge Athlet sich nicht von ihm frei machte, wollte er die Nähe noch genießen, denn er glaubte nicht, dass sie noch einmal in solch eine Situation kamen, wo Elaios so nah bei ihm lag. Draußen, um die Kuppel tobte das Wasser immer noch, so dass sie jetzt sowieso nicht hier weg konnten. Zumindest diesen Tag mussten sie noch hier bleiben.

Idya langweilte sich und so durchsuchte sie noch einmal die Küche. Etwas zu trinken wäre jetzt nicht schlecht und einen Happen zwischen die Zähne würde sie auch begrüßen. Irgendwo hatte sie noch getrocknete Süßalgen für einen Tee gesehen. Der dürfte ihr jetzt wieder auf die Beine helfen. Und wenn die beiden Männer dann immer noch nicht wach waren, würde sie eben zur Atlantis-Kuppel Kontakt suchen und sich auf den aktuellen Stand bringen lassen.

Sie setzte Wasser auf und holte sich das Glas mit den Süßalgen. Später musste sie aufschreiben, was sie alles verbraucht hatten, damit die Vorräte wieder aufgefüllt werden konnten. Sie brühte den Tee auf und sog den würzigen Duft ein. Mal sehen, ob sie Elaios und Archiaon damit wach bekam. Denn sie wusste, dass ihr Freund Tee aus den zuckersüßen Algen ziemlich gern mochte. Erst wollte sie eine Tasse nehmen und ihm damit vor der Nase herum wedeln, bis er wach wurde, doch dann ließ sie die kindische Aktion bleiben. Schließlich hatte die Rettungsaktion gestern auch an seinen Kräften gezehrt und Elaios sollte sich ausschlafen, solange wie sein Körper das für richtig hielt.

Doch allmählich regte sich unter dem Berg Decken etwas und Elaios kam langsam zu sich. Er dämmerte in die Realität und wollte sich aufsetzen.

Aber das war gar nicht so einfach, denn etwas hielt ihn fest und so öffnete er die Augen und sah auf dunkle Locken. Er brauchte ein wenig, bis ihm einfiel, mit wem er hier so eng umschlungen lag und wurde rot. Vorsichtig zog er seine Arme zurück und rückte ein wenig ab. Was sollte der Senator von ihm denken, wenn er mitbekam, wie schamlos Elaios sich an ihn gedrängt hatte.

Das schlimme war ja, dass er es noch nicht einmal als unangenehm empfand und als er sich hastig umsah, erblickte er Idya, die ihm interessiert über den Rand einer großen Tasse entgegen blickte. Hastig rutschte Elaios aus dem Bett und verschwand – einen Morgengruß nuschelnd – im Bad, während Archiaon allein zurück blieb und frustriert ins Kissen atmete. So schnell hatte das eigentlich nicht gehen sollen!

Da es aber nicht mehr zu ändern war, regte sich der Senator auch langsam, um nicht unglaubwürdig zu werden. Er fuhr sich über die Augen und setzte sich auf. „Guten Morgen“, grüßte er Idya, die mit einer Tasse Tee an die Küchenzeile gelehnt zu ihm sah.

„Guten Morgen, Senator“, sagte auch sie und goss dem hohen Herrn eine Tasse Tee ein. „Ich werde gleich etwas zum Frühstück zaubern. Hier lagern zwar nur Konserven, doch auch diese sind nahrhaft und schmackhaft“, erklärte sie hastig. Und schon wurde sie wieder nervös. Schließlich hatte sie hier den höchsten Mann in Atlantis Nord 035 vor sich. Sie wollte sich gar nicht vorstellen, was passiert wäre, wäre der Senator ums Leben gekommen! Sie hatten wahrscheinlich mehr gerettet als nur sein Leben.

„Bitte nenn mich Archiaon, hier bin ich kein Senator, sondern ein Gestrandeter, genau wie ihr. Du und Elaios habt das Leben meiner Delphine und mein Leben gerettet und dafür bin ich euch sehr dankbar.“ Er lächelte Idya an und seine Augen leuchteten kurz, als Elaios aus dem Bad kam. Der junge Athlet war immer noch nackt und Archiaon versuchte sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr ihm der drahtige Körper gefiel.

Es hatte ihn selbst erschreckt, als er gemerkt hatte, dass er zu den Trainingseinheiten nicht ging, um die Sportler anzufeuern, sondern nur, um Elaios sehen zu dürfen. Hier mit ihm gelandet zu sein, war Schicksal, das wurde ihm immer klarer. Irgendwie musste er die Gunst der Stunde nutzen, doch er wusste noch nicht wie. Erst einmal sank er wieder in die Kissen, so fiel nämlich nicht auf, dass er schielend Elaios weiter nach sah.

Idya indes war zu aufgeregt, um es zu bemerken. Sie durften den Sentator beim Namen nennen! Wenn das ihre Freundinnen erfuhren!

„Oh, du bist wach“, murmelte Elaios zu Archiaon und wünschte ihm einen guten Morgen. „Wie geht es dir? Hast du dich verletzt? Wir hatten gestern nicht wirklich Zeit dich zu untersuchen, aber so oberflächlich haben wir nichts finden können.“ Der junge Athlet schlüpfte in Shirt und Hose und Archiaon musste einen enttäuschten Seufzer unterdrücken.

Warum musste man in den Rettungskuppeln auch Kleider bunkern. Doch dann merkte er, wie albern der Gedanke war und richtete sich langsam auf, um Elaios anzusehen. „Danke. Mir geht es gut, wenn man bedenkt, was wir durchgemacht haben. Ein paar Kratzer, aber nichts von Bedeutung“, wiegelte er ab. Immerhin hatte er auch einen Ruf zu verlieren. Er schien sich auch ein paar Rippen geprellt zu haben, denn die schmerzten, doch das war nichts, was ihn umbringen würde.

Ein Geräusch ließ ihn zum Becken blicken und er stand auf. Seine Delphine hatten sich wohl auch um ihn Sorgen gemacht und jetzt wo sie seine Stimme gehört hatten, machten sie sich bemerkbar. „Hallo, meine Süßen“, lachte Archiaon und setzte sich so auf den Beckenrand, dass er seine Begleiter in die Arme schließen konnte.

„Elai“, murmelte Idya, die etwas irritiert beobachtete, wie sich ihr Freund den nackten Senator eindringlich betrachtete und machte große Augen, als der ertappt zu ihr herum schoss und ein banales Gespräch begann über das immer noch tobende Wetter. „Du bist ja völlig durch den Wind“, sagte sie nach einer Weile und machte sich daran, etwas zu essen zu kochen, denn ihr Magen hing in den Kniekehlen.

„Ähm... ja... nein“, stotterte Elaios und folgte Idya in die Küche. Er wusste doch selber nicht, was los war. Archiaon machte ihn nervös und kribbelig, so etwas hatte er bisher noch nicht erlebt. „Was habe ich eigentlich verpasst, als ich eingeschlafen bin?“, neckte sie ihren Freund und stieß ihm mit dem Ellenbogen in die Seite.

„Was meinst du?“, fragte Elaios und sah sie fragend an. Langsam kam er wirklich nicht mehr hinterher. Und warum guckte Idya so merkwürdig?

„Na du und...“ Idya deutete grinsend mit dem Kopf zu Archiaon, der gerade seine Delphine untersuchte. „Als ich aufgewacht bin, habt ihr eng umschlungen geschlafen und seit ihr wach seid, lasst ihr euch nicht mehr aus den Augen. Also, was hab ich verpasst?“

„Bist du“, brauste Elaios auf, drosselte dann aber seine Stimme und zischte leise, „bist du völlig wahnsinnig? Da ist überhaupt nichts. Lass ihn das bloß nicht hören, was du da über ihn sagst. Du bist doch verrückt, was soll denn da sein. Ich glaub das ja nicht, ich und... du bist doch.“ Elaios war völlig von der Rolle und wusste noch nicht einmal warum genau. Waren es die Worte oder war es die Möglichkeit, das vielleicht doch etwas...? Er schüttelte hastig den Kopf.

„Aha!“, machte Idya nur und dachte sich ihren Teil. Je mehr Elaios etwas abstritt, umso mehr wollte er davon ablenken, dass da doch etwas war. Sie wollte ihn aber nicht ärgern, darum beließ sie es jetzt dabei und nahm sich vor, die beiden Männer weiter zu beobachten. Vielleicht lag sie ja doch falsch.

Aber so wie im Augenblick hatte sie ihren Freund lange nicht erlebt. Sie lächelte nur und sah ihn forschend an. „Wie geht’s dir eigentlich? Alles noch dran? Oder hast du gestern auch mehr abbekommen als erst geglaubt?“, fragte sie also und setzte sich an den Tisch mit der Kommunikationseinheit. Sie wollte endlich hören, wie es den anderen ging. „Und bring dem Sena – bring Archiaon was zum anziehen. Er wird sich noch verkühlen.“

„Ja, alles noch dran“, beeilte sich Elaios zu versichern und war froh über den Themenwechsel. Er suchte Shirt und Hose für Archiaon raus und reichte sie ihm mit einem Lächeln. Er fühlte sich schon wieder so merkwürdig kribbelig in der Nähe des anderen Mannes, versuchte aber sich das nicht anmerken zu lassen.

„Oh“, machte der Sentator und bekam selber rote Schatten unter den Augen, als ihm klar wurde, dass er vor den jungen Leuten völlig nackt herum lief. Was mussten die nur von ihm denken. Und so einer regierte ihr Volk und lenkte das Geschick der Kuppel? Hastig entschuldigte er sich und beeilte sich, sich zu bedenken. Da war keine Zeit für Blicke zu Elaios. Egal ob er ihn beobachtete oder nicht, er musste die Etikette wahren! Und Elaios verbot sich den Blick, weil er wusste, dass Idya ihn beobachtete. Im Augenblick liefen die beiden Männer wie auf rohen Eiern.

Idya bemerkte das wohl, sagte aber nichts, sondern schüttelte nur grinsend den Kopf. Sie wollte die beiden nicht in Verlegenheit bringen, darum tat sie so, als wenn sie nichts bemerkt hätte. „Kommt essen“, rief sie, als der Tisch gedeckt war und setzte sich schon einmal hin. Sie hatte Hunger.

Und während Archiaon sich beeilte, ebenfalls am Tisch Platz zu nehmen, ließ Elaios sich Zeit. Doch auch er setzte sich an den Tisch und die drei schwiegen sich eine Weile an, bis es Elaios zu viel wurde. Er konnte die Stille nur schwer ertragen, weil er nicht wusste, was die anderen beiden dachten. „Was machen wir? Den ganzen Tag hier zu hocken, wird uns kirre machen. Wie lange müssen wir überhaupt hier bleiben? Wann können wir zurück und wann gehen dann die Spiele weiter?“

„Wie lange wir hier bleiben müssen, kommt auf das Wetter an. Solange das Wasser so tobt, ist es lebensgefährlich nach draußen zu gehen.“ Archiaon sah Elaios an. Er konnte verstehen, dass der junge Athlet weitermachen wollte, aber das wurde wohl leider nichts. „Wenn der Sturm Opfer gefordert hat, werden die Spiele unterbrochen für mindestens eine Woche.“

„Nicht nur wegen der Spiele hoffe ich, dass es keine Opfer gab. Nicht auszudenken“, sagte Idya und stocherte in ihrem Essen. Der Gedanken daran, dass jemand ums Leben gekommen sein könnte, schnürte ihr die Kehle zu, denn – wenn teilweise auch nur flüchtig – kannte sie jeden Teilnehmer. „Aber wie konnte das eigentlich passieren?“, fragte sie leise. „Haben wir keine Sonden hier oben? Wir haben doch in allen großen Strömungen Anzeigen. Unsere Wissenschaftler sind eifrig in der Erforschung der Meere. Das hätte nicht passieren dürfen.“

„Ja, jedes Opfer wäre ein großer Verlust. Aber die Wissenschaftler trifft keine Schuld. So gut unser Vorwarnsystem auch sein mag, es gibt keine hundert prozentige Sicherheit.“ Archiaon wusste genau, wie die beiden jungen Athleten fühlen mussten, denn ihm ging es nicht anders. „Ich nehme an, der Sturm ist plötzlich losgebrochen, als der Wettkampf schon gestartet war und uns konnte niemand mehr warnen.“

Idya war mit der Antwort sichtlich unzufrieden. Niemand hatte Schuld und man hatte sie nicht kontaktieren können. Warum erfand man dann nichts, um die Athleten unterwegs warnen zu können? Allen möglichen Blödsinn erfanden die Wissenschaftler, doch da dachte keiner dran. Sie lachte bitter, nahm sich dann aber den Tee, denn sie wollte mit ihrem ungebührlichen Verhalten den Sentator nicht beleidigen.

„Idya, ich weiß, dass dir die Antwort nicht gefällt, aber es hat einen Sinn.“ Archiaon wusste, dass es nicht allgemein bekannt war, was er jetzt sagen würde, aber er fand, dass seine Retter ein Recht auf die Wahrheit hatten. „Es wäre möglich, dass man uns hätte warnen können. Die Technik dafür gäbe es, aber der Rat hat beschlossen, dass sie nicht angewandt wird. Nur die Besten der Besten sollen unser Volk regieren und wer sich in einem Sturm behaupten kann, der ist auch fähig ein Volk zu führen.“ Der Senator senkte den Blick und seine Hände ballten sich kurz zu Fäusten. „Ich habe versagt. Ihr habt mich gerettet. Darum werde ich nicht mehr an den Spielen teilnehmen und meinen Platz im Rat räumen.“

„Was redet ihr da!“ Elaios sprang auf und blickte auf den Senator hinab. Seit Jahren war er der fähigste von allen. Das sagten sogar seine Eltern und die hatten eigentlich an jedem Regenten bisher etwas auszusetzen gehabt. „Der Wettkampf wurde annulliert, das haben wir gestern gehört. Es geht noch einmal bei Null los, wenn wir alle wieder da sind. Also will ich solchen Blödsinn gar nicht hören!“ Elaios war außer sich, denn nichts hatte ihn mehr angespornt als der direkte Vergleich mit dem Besten der Besten. Er fühlte sich als würde ihm etwas Wertvolles entrissen.

„Elaios.“ Archiaon sprang ebenfalls auf und zog den jungen Mann in eine Umarmung. Er konnte es nicht ertragen, ihn so verzweifelt zu sehen.

„Ich sehe das genauso wie Elai“, meldete sich Idya zu Wort. „Es geht nur darum den Sturm zu überleben und da ist es egal, ob aus eigener Kraft, oder nicht. Ihr hättet das Gleiche für uns getan und nie erwartet, dass wir dann nicht mehr an den Spielen teilnehmen.“

„Das sind doch völlig andere Voraussetzungen“, sagte Archiaon, ließ Elaios aber nicht los und der junge Mann wehrte sich auch nicht. Er war zu aufgelöst. Wie konnte der Sentator sagen, er würde einfach aufgeben, nur weil das Wetter ihn überrascht hatte? Damit hatte keiner gerechnet, verdammt! Und nur weil jemand hier draußen gut war, hieß das noch lange nicht, dass er mit Menschen umgehen konnte.

„Ihr dürft euch kleine Patzer leisten. Dafür seid ihr Anwärter. Aber ich muss zeigen, dass ich das Vertrauen, was das Volk in mich hat, wert bin. Und das war ich nicht. Ich hatte nur den Sieg vor Augen und war unvorsichtig.“

„Nein.“ Laut hallte Elaios’ Stimme durch die Kuppel und er griff den Senator fest an den Schultern. „Du wirst nicht kneifen und den Wettkampf sausen lassen, nur weil du glaubst, versagt zu haben.“ Entschlossen funkelte er den älteren Mann an. „Weißt du eigentlich, dass ich nur wegen dir überhaupt den Mut gefunden habe an dem Wettkampf teilzunehmen. Ich wollte mich mit dir messen, weil du mein Held bist. Nimm mir das nicht weg.“

Archiaon, der eben schon wieder intervenieren wollte, sah Elaios sprachlos an. Was sagte der junge Mann denn da? Nur wegen ihm? Sein Held? Nicht wegnehmen? Wusste er eigentlich, was er da sagte? „Aber“, setzte er an, wusste allerdings nicht, was er eigentlich sagen wollte. So schluckte er hart und holte dann tief Luft. Er musste abwägen. In den Augen seiner Kontrahenten hatte er versagt, das wusste er. Sie würden diese Geschichte ausschlachten und seine Entscheidungstauglichkeit in Frage stellen. Doch in Elaios’ Augen war er – ein Held. Jemand ganz besonderes.

Eigentlich war die Entscheidung klar – doch Archiaon zögerte.

„Niemand weiß, dass wir euch gerettet haben. Ich habe nur durchgegeben, dass ihr bei uns in der Kuppel seid“, warf Idya dazwischen, die so ganz nebenbei registrierte, dass ihr Freund den Senator duzte und der gar nichts dagegen hatte. „Da hörst du es. Niemand muss es erfahren.“ Elaios griff Archiaon fester und sah ihn flehend an. „Wir werden es nicht erzählen.“

„Aber ich weiß es, Elaios, verstehst du? Ich? Es ist mir egal, was die anderen von mir denken – ICH kann mir nicht mehr im Spiegel in die Augen sehen.“ Dabei sah Archiaon den jungen Athleten eindringlich an. Er wusste nicht, was er zu finden hoffte. Wollte er, dass Elaios nachgab und ihn verstand oder war es ihm lieber, er würde ihn noch einmal auf den Sockel der Heldenverehrung stellen und ihm sagen, dass nur er der Grund war, warum Elaios hier war.

Stur schüttelte Elaios den Kopf und zog Archiaon fest an sich. „Du bist kein Versager und du hast auch keinen Grund dich zu verachten. Wenn du in den Spiegel siehst, dann siehst du genau das, was ich auch sehe. Du siehst einen wunderbaren Mann, der sich nicht dafür schämen muss, dass er siegen wollte, denn das wollten wir alle und wurden vom Sturm überrascht. Du siehst den besten Führer, den unser Volk je hatte und der unser Volk auch unbedingt weiterführen soll, damit wir weiterhin in Sicherheit leben können. Du kannst nicht einfach aufgeben, denn das würde viele Athleten verunsichern.“

Archiaon wollte noch etwas entgegnen, doch hinter Elaios’ Rücken schüttelte Idya den Kopf. Der Senator verstand und nickte. „Der Wettkampf wird annulliert und ich werde noch einmal antreten. Aber ich werde kein Geheimnis daraus machen. Wenn man mich fragt, werde ich zugeben, dass ich gerettet wurde und nur deswegen noch am Leben bin, weil ihr mich gesucht habt. Ich bin kein Feigling. Ich stehe dazu.“ Er wollte sich nicht geschlagen geben und Idya verdrehte die Augen. Zwei riesige Egos in dieser kleinen Kuppel, hoffentlich platzte nicht das Glas.

„Gut.“ Elaios atmete tief ein. Er hatte erreicht, was er wollte. Sollte nur einer versuchen Archiaon daraus einen Strick zu drehen, der bekam es aber mit ihm zu tun. Noch immer hielt er den anderen Mann umschlungen und so langsam ging ihm auf, was er gemacht hatte. Er hatte Archiaon angeschrieen, ihm widersprochen und hielt ihn immer noch fest. „Verzeihung“, murmelte er verlegen und wurde rot.

Doch der Senator grinste nur zufrieden und schüttelte den Kopf. „Es gibt nicht zu verzeihen, Elaios. Du bist erfrischend ehrlich und kämpfst für das, was dir wichtig ist. Schön, dass ich Teil davon bin. Es sollte mehr wie dich geben, also streng dich an. Ich möchte dich gern im nächsten Rat begrüßen dürfen. Ich bin mir sicher, du und deine Freundin seid eine große Bereicherung.“ Archiaon lächelte Elaios an, er sollte sich bloß nichts vorwerfen, es gab nichts vorzuwerfen.

Er drückte Elaios noch einmal fest an sich, dann löste er sich, auch wenn es ihm schwer fiel. Idya ließ sie nicht aus den Augen und sie konnte deutlich spüren, dass zwischen den beiden Männern etwas vorging, was die Luft um sie herum zum knistern brachte. Es tat ihr fast leid, das jetzt zu unterbrechen. „Ich höre mal nach, ob es etwas Neues gibt und der Rat will bestimmt auch mit euch reden, Archiaon.“

„Ja, ich sollte mich melden und hören wie der Stand ist“, nickte der Senator, während Elaios zu den Delphinen ging, um sich abzulenken. Er hatte das Gefühl, sein Kopf bestünde aus Watte. Er konnte nicht einordnen, was eben alles passiert war und was er gesagt hatte. Das war alles zu verrückt, um wahr zu sein. Das würde ihm keiner seiner Freunde glauben, deswegen beschloss er auch, das hier alles für sich zu behalten.

„Na, Dicke?“, ärgerte er Kasya und die schnatterte aufgebracht, als würde sie ihm wiedersprechen wollen.

Ein Maul voll Wasser wurde auf ihn geschossen und nur durch einen beherzten Sprung zur Seite konnte Elaios dem entgehen. Lachend strich er seinem Delphin über den Kopf und umarmte ihn. „Wir werden Archiaon nicht enttäuschen, Süße. Wir werden es in den Rat schaffen“, murmelte er und schielte dabei zu dem Senator, der am Funkgerät saß und Atlantis rief.


05

„Atlantis Nord 035 – Atlantis Nord 035. Hier spricht Archiaon. Bitte melden“, wiederholte er mindestens schon zum dritten Mal und endlich kam auch Antwort.

„Hier Atlantis Nord 035. Ich bin froh eure Stimme zu hören, Sentator, ich hoffe es geht euch gut!“

„Ja, mir geht es gut. Was ist mit den anderen Athleten? Konnten sie sich ebenfalls in eine Rescue-Kuppel retten, oder wieder nach Atlantis zurückkehren?“ Archiaon musste wissen, was passiert war, damit er Entscheidungen treffen konnte. Viele Mitglieder des Rates hatten auch an den Wettkämpfen teilgenommen, genauso wie er selbst.

„Wir haben aus vier Kuppeln Lebenszeichen bekommen. 46 Athleten waren bereits zurückgekehrt. Aber von zweien fehlt leider noch jede Spur“, musste der Mann am anderen Ende zugeben und holte tief Luft. „Kasames und Pylos.“

Archiaon wurde blass. „Kasames und Pylos?“, wiederholte er und man hörte deutlich wie geschockt er war. Die beiden Männer waren seine Freunde und ebenfalls Mitglieder des Rates. Sie hatten sich noch einmal mit den jungen Athleten messen wollen, obwohl sie sich keine großen Chancen mehr auf einen Ratssitz ausgerechnet hatten. Sie wollten Platz machen und das in Würde. Aber doch nicht so. Archiaon sank in sich zusammen. Das hätte nicht passieren dürfen.

Idya wollte hinter ihn treten, doch Elaios war schneller. Seine festen Hände packten die Schultern des Senators. Auch wenn er nicht wusste, was er sagen sollte, so wollte er doch wenigstens das Gefühl vermitteln, dass Archiaon jetzt nicht allein war.

„Es besteht aber die Möglichkeit, dass sie ebenfalls eine Kuppel erreicht und sich nur noch nicht gemeldet haben!“ Der Mann am anderen Ende hatte das Schweigen vernommen und wusste, was es bedeutete.

„Ja, das könnte sein“, sagte Archiaon, aber man hörte ihm an, dass er das nicht glaubte. „Die Spiele werden abgebrochen. Wisst ihr ihre ungefähre letzte Position? Sobald das Wetter es zulässt werde ich sie suchen.“ Der Senator war froh, dass Elaios bei ihm war und griff sich eine von dessen Händen. Er brauchte jetzt einfach das Gefühl nicht allein zu sein.

„Sie waren im Mittelfeld. Zusammen mit ein paar Neulingen. Die Neulinge sind irgendwann umgekehrt. Sie sind hier. Kasames und Pylos aber sind weiter geschwommen. Sie hätten wohl zu verstehen gegeben, dass sie einen Unterschlupf in der Nähe kennen würden. Es wäre schneller dort hin zu gelangen als zurückzukehren.“ Der Mann in der Kuppel machte eine kurze Pause. „Es gibt in der Nähe, wo man sie gesehen hat, auch einige alte Höhlen.“

„Ja, wollen wir hoffen, dass sie Unterschlupf gefunden haben.“ Archiaon griff Elaios Hand fester und verschränkte Ihre Finger, ohne es zu merken und lehnte sich gegen ihn. „Sobald das Wetter es zulässt sollen sich Suchtrupps auf den Weg machen. Ich werde mich ihnen dann anschließen.“

„Hier unten wird es in wenigen Stunden so weit sein. Wir stellen bereits Gruppen zusammen. Sie waren noch nicht so weit wie ihr und so dicht an der Oberfläche. Das Wasser hier unten hat sich schon wieder etwas beruhigt. Bei ihnen an der Oberfläche wird sich der Sturm noch einen Tag hinziehen. Zumindest sagen das unsere Messgeräte. Bitte geht kein Risiko ein, Atlantis kann sie nicht entbehren, Sentator!“

Elaios drückte fest Archiaons Hand, damit der nicht unüberlegt etwas sagte. „Wir werden die Suche aufnehmen, sobald es möglich ist“, sagte er leise, als der Senator überrascht zu ihm aufblickte und lächelte. Archiaon war nicht alleine und das sollte er wissen.

„Ja, und bis dahin sollten wir Ruhe tanken. Wir werden unsere Kräfte brauchen“, sagte Idya, die dem ganzen bisher nur schweigend zugesehen hatte. Sie konnte sich vorstellen, wie es in dem Senator aussah, nicht zu wissen, wo seine Freunde waren und gleichzeitig hier gefangen zu sein. Irgendwie mussten sie sich ablenken. Ein Blick nach draußen reichte und ihr war klar, dass sie in das Unwetter nicht hinaus konnten. Doch was sollten sie sonst machen? Es war zum Verzweifeln.

„Haltet mich auf dem Laufenden“, bat Archiaon noch und trennte die Verbindung. „Danke, dass ihr mich begleiten wollt“, sagte er zu Idya und Elaios und es bedeutete ihm viel. Diese beiden jungen Atlanter verkörperten die Ideale der Atlantischen Gesellschaft und der Senator war einfach nur glücklich, sie näher kennen gelernt zu haben.

Und vielleicht hatte der missglückte Wettbewerb wenigstens den kleinen Glanzschimmer, dass Elaios ihn als Menschen wahr nahm und nicht nur als einen verehrungswürdigen, unnahbaren Helden. Vielleicht war es ganz gut, dass der junge Mann ihn jetzt auch so sah und deswegen versuchte Archiaon nicht einmal, sich wieder zu fassen. Er war in Sorge und er war in Trauer.

„Sie sind eure Freunde und unsere Repräsentanten. Wir haben vor dem Wettkampf auf den Senat geschworen. Jetzt zu kneifen wäre das letzte.“ Idya holte tief Luft, dann wandte sie sich um. Sie wollte nach den Tieren sehen. Wenn es losging, mussten auch sie fit sein.

Ihre und Elaios Tiere machten ihr keine Sorgen, aber die Delphine des Senators hatten einiges hinter sich, auch wenn die Verletzungen langsam heilten. Die Salbe wirkte schnell, aber sie war eben kein Wundermittel. Sie lockte die Delphine zu sich und untersuchte sie noch einmal gründlich. Dabei versuchte sie die beiden Männer aus ihrem Kopf zu verbannen, denn sonst sah sie neugierig zu ihnen und konnte sich nicht auf ihre Aufgabe konzentrieren.

Die beiden standen immer noch wie bisher. Archiaon saß mit dem Rücken an Elaios’ Bauch gelehnt und der junge Athlet schwieg sich aus, starrte durch das Fenster vor sich auf das tobende Meer. „Ich habe das Wasser noch nie so unruhig erlebt. Beängstigend“, flüsterte er mehr zu sich selbst. Ihm wurde erst jetzt bewusst, wie viel Glück sie bisher gehabt hatten, als sie zu den Kelpwäldern aufgebrochen waren.

„Ich schon, aber zum Glück ist es selten, dass diese Stürme auftauchen. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie die Luft oben an der Oberfläche wütet.“ Archiaons Blick war dem Elaios’ gefolgt und völlig in Gedanken, streichelte er über die schlanken, aber kräftigen Finger, die immer noch mit seinen verwoben waren. Er fühlte sich in der Nähe des jungen Athleten geborgen und die Angst um seine Freunde wurde erträglicher.

Sie wussten nicht, wie lange sie so in Gedanken versunken aus dem Fenster gestarrt hatten, ohne wirklich etwas zu sehen. Doch der Funkruf aus Atlantis Nord 035 schreckte sie beide auf. Es war Instinkt, dass Elaios sich löste. Er hatte sich erschrocken und musste erst einmal wieder zu Atem kommen.

„Atlantis Nord 035 ruft Rescue 38. Atlantis Nord 035 ruft Rescue 38. Rescue 38 – bitte melden!“

„Hier Rescue 38“, meldete Archiaon sich nach einem Räuspern. Er hatte sich nicht weniger erschrocken, als sein junger Freund, aber er konnte es besser verbergen.

„Senator es gibt Neuigkeiten. Kasames und Pylos sind nicht tot. Sie wurden von einer Gruppe Sharker gefangen genommen und werden von ihnen gerade nördlich gebracht.“

„Wie bitte?“ Archiaon schoss hoch. Er war in einem merkwürdigen Taumel. Seine Freunde waren nicht tot – noch am Leben. Doch sie waren gefangen und wurden verschleppt. Warum? „Wisst ihr, wo sie sind? Welche Kamera hat sie aufgefangen? Oder gab es Augenzeugen. Ich brauche mehr Informationen!“ Seine Stimme wurde lauter und zitterte leicht. Warum passierte das?

Der Mann aus Atlantis gab Archiaon durch, wo die Kameras seine Freunde entdeckt hatten und Elaios lief los zu einem der Schränke. In jeder Rescue-Kuppel gab es Landkarten, auf denen alles Wichtige eingetragen war und er breitete sie auf dem Tisch neben dem Funkgerät aus. Ihre Position war farblich markiert und so konnten sie nachvollziehen, wo sich die Sharker befanden.

„Haltet mich auf dem Laufenden. Wenn sie von einer der Kameras noch einmal erspäht wurden“, forderte Archiaon und trennte die Verbindung, von seiner Seite, ließ den Kanal aber offen, damit die Atlanter jederzeit zu ihm durch kommen konnten, auch wenn er nicht vor der Kommunikationseinheit saß. Jetzt stand er neben Elaios vor der Karte und auch Idya, die alles mitangehört hatte, kam zu ihnen gelaufen.

„Hier ist die Kamera“, sagte Archiaon und deute auf einen Punkt unweit der Hauptkuppel. „Sie kommen also in diese Richtung.“

Es war schwer einzuschätzen, wie schnell die Sharker vorankamen. Sie konnten sich schneller als die Atlanter im Wasser bewegen, aber die Gefangenen und das immer noch aufgewühlte Wasser behinderten sie. Es war also schwer zu schätzen, wie lange sie brauchten und vor allen Dingen, wie weit sie nördlich wollten.

Sharker waren die Söldner der Meere, sie arbeiteten für den, der ihnen das meiste bieten konnte und so war auch klar, dass jemand anderes hinter der Entführung stecken musste. Doch wer? Sie selbst hatten nichts davon, zwei Ratsmitglieder zu entführen und zu verschleppen. Wenn sie Lösegeld wollten, müssten sie nicht flüchten. So kräftig und mächtig wie sie waren, würden sie vor der Kuppel lauern und mit ihrer Beute locken. Bei Nacht und Nebel zu flüchten sah ihnen nicht ähnlich und das bedeutete, dass eine dritte Partei dahinter stecken musste. Archiaon schnaubte und starrte auf die Karte. Kamen sie hier her oder bogen sie vorher ab?

Seine Frustration war ihm deutlich anzusehen und Elaios legte ihm eine Hand auf die Schulter. Archiaon und er hatten seit gestern so viele Berührungen getauscht, dass es ihm schon vollkommen normal vorkam, den Älteren zu berühren und ihm nahe zu sein. Es fühlte sich einfach richtig an, dem Senator beizustehen.

„Wir werden sie wiederfinden“, sagte Elaios und der Senator sah zu ihm auf. „Was macht dich da so sicher?“, fragte er leise und starrte dann wieder auf die Karte. Doch Elaios ließ sich nicht beirren. „Die Sharker machen mich sicher. Wenn sie ihren Tod gewollt hätten, hätten sie sie schon umgebracht. Sich mit Geiseln abzusetzen ist immer ein Risiko, aber sie gehen es ein. Aus irgendeinem Grund brauchen sie die beiden lebend. Und so lange haben wir die Chance, sie zu retten.“ Er hatte noch keinen Schimmer wie oder wo. Doch das ergab sich, hoffte Elaios.

„Ich hoffe, dass du Recht behältst.“ Archiaon lächelte Elaios kurz an und sah wieder auf die Karte. Auf dem Weg in den Norden kamen die Sharker noch an einigen Kameras vorbei, bis zur großen Bruchkante. Ab da gab es keine Kameras mehr. Jetzt konnten sie nur noch abwarten und hoffen, dass sie die Sharker nicht aus den Augen verloren.

„Wer könnte sie gekauft haben?“, fragte Idya das, was auch die beiden Männer beschäftigte, denn sie sahen auf und blickten sie ebenso fragend an. „Keinen Schimmer, Idya“, sagte Elaios leise und setzte sich auf den Tisch, die Augen weiter auf die Karte geheftet. Seine Sorge war im Augenblick eine andere: was passierte, wenn die Sharker die letzte Kamera passiert hatten und da draußen immer noch der Sturm tobte, der sie hier drinnen fesselte und daran hinderte, den Entführern zu folgen? Oder sie wenigstens erst einmal zu finden?

„Wir werden es herausfinden“, sagte Archiaon entschlossen. Es war eines der schlimmsten Verbrechen, die Spiele zu missbrauchen und die Verantwortlichen für die Entführung würden hart bestraft werden, wenn sie gefasst waren. Also, wenn sie das Risiko kannten, warum hatten sie dann die zwei Ratsmitglieder entführt? Der Senator konnte sich darauf keinen Reim machen. Sie wussten einfach noch zu wenig und dass die Sharker ihnen etwas sagen konnten, wenn man sie gefangen genommen hatte, war unwahrscheinlich.

Wer sie kaufte, kaufte sie ganz. Sie verrieten niemanden.

„Wenn nur dieses scheiß Wetter endlich mal aufhören würde“, sagte Elaios plötzlich gereizt und sprang vom Tisch. Er wollte dort raus, er konnte hier nicht sitzen und so suchte er im Schrank nach einem Anzug.

„Was soll das?“, fragte Idya und kam zu ihm. War Elaios jetzt völlig durchgedreht? Der Lagerkoller setzte bei ihm aber früh ein!

„Wir können doch nicht untätig hier hocken. Ich geh raus und schau nach, wie das Wasser draußen ist.“ Idya sah ihn groß an. „Bist du bescheuert?“, platzte es aus ihr heraus und sie stieß ihrem Freund vor die Brust. „Du gehst nicht da raus. Willst du sterben?“, fauchte sie und baute sich mit in die Seiten gestemmten Fäusten vor Elaios auf. Ihre Augen blitzten wütend und Elaios wurde es ein wenig mulmig, denn Idya mochte klein und zierlich sein, aber sie war berüchtigt, wenn sie wütend wurde.

Schon ein paar Männer hatten es bereut, sie herausgefordert zu haben. Zwei davon hatte man hinterher nähen müssen. Das Schicksal wollte Elaios nicht teilen. „Dann mach einen besseren Vorschlag wie ich mich davon abhalte, wahnsinnig zu werden!“, forderte er also von ihr, denn nur weil er nachgab hieß das nicht, dass er aufgab.

Archiaon beobachtete die beiden interessiert.

„Wir trainieren“, bestimmt Idya, denn was Besseres fiel ihr auch nicht ein und körperliche Betätigung half immer noch am besten, um den Kopf frei zu bekommen.

„Hier ist nicht genügend Platz“, schoss Elaios zurück, doch ehe das jetzt eskalierte und die Freunde sich verstritten, mischte sich Archiaon in. „Idya hat Recht“, sagte er und Elaios schoss zu ihm herum, funkelte ihn an, ohne zu wissen, wie anziehend er damit auf den Sentator wirkte. Es war faszinierend und Archiaon genoss den kurzen Augenblick.

„Hier ist kein Platz“, wiederholte Elaios noch einmal, nachdem er sich gefasst hatte, doch der Sentator zuckte nur die Schultern. „So sind wir gezwungen vorsichtig zu sein und jeden Schlag und jeden Wurf vorher zu planen. Kann ja nicht schaden.“

Elaios schnaubte und krümmte sich dann zusammen, weil Idya ihm ihren Ellenbogen in die Rippen gestoßen hatte. „Halt einfach die Klappe und mach mit, außer dir ist es lieber, dass ich dich im Becken ersäufe, damit du endlich Ruhe gibst.“ Sich die Seite haltend, winkte Elaios ab und brachte mit seiner Leidensmiene Archiaon zum Schmunzeln.

Er war versucht Elaios zu sich zu ziehen und ihn ein wenig zu trösten, doch das würde der Athlet sich nicht gefallen lassen. So unterließ Archiaon es lieber und zuckte neutral die Schultern. „Du hast die junge Dame gehört“, erklärte er und erhob sich wieder vom Tisch, auf dem er eine Weile gesessen hatte.

„Ja, hab ich“, knurrte Elaios. Er wollte sich vor dem Senator noch nicht geschlagen geben, aber Idya war im Augenblick im Vorteil, sie hatte nämlich keinen blauen Fleck in der Seite.

„Probieren wir es“, brummte Elaios und hängte den Anzug wieder weg, den er immer noch in der Hand hatte. Idya hatte sich schon in Position gestellt und begann mit den Aufwärmübungen. Dies machte sie konzentriert wie immer. Bei ihr gab es keine Halbheiten. Ganz oder gar nicht war ihre Devise.

Und so begann auch Elaios damit, sich aufzuwärmen, unter Archiaons interessiertem Blick.

„Was denn?“, wollte der junge Athlet von ihm wissen, „willst du nicht?“ So weit kam es noch, dass er sich jetzt als einziger mit der aufgeputschten Idya herum schlug und alleine blaue Flecken davon trug. Archiaon durfte sich seine Portion ebenfalls abholen.

„Ist doch zu wenig Platz“, grinste Archiaon und lachte, als Elaios ihn anfunkelte.

„So nicht“, brummte der junge Athlet und stapfte zu dem älteren Mann. Er schnappte sich dessen Hand und zog ihn neben sich. „Du hast sie bestärkt, also badest du es mit aus“, bestimmte er.

Und schaffte es, dass Archiaon kurzfristig seine Sorge um seine Freunde vergaß und sich köstlich über Elaios amüsierte. Der junge Mann war so erfrischend, genau das was sein Arzt ihm verschreiben würde, wenn er regelmäßig zum Arzt gehen würde. Archiaon ließ sich also positionieren und absolvierte die gleichen Übungen wie die beiden Athleten und sein Ego ließ nicht zu, dass er leistungsmäßig hinter den beiden zurück blieb. Er war nicht umsonst Senator geworden.

Sie wärmten sich gründlich auf, denn sie durften sich nicht verletzen, wenn sie die beiden Senatoren befreien wollten. Erst als wirklich alle Muskeln geschmeidig und aufgewärmt waren, hörten sie auf und gönnten sich eine kleine Verschnaufpause, ehe es wirklich losging.

Immer wieder wanderte der eine oder andere Blick zur Karte, weiter zum Kommunikator. Müssten die Sharker nicht schon die nächste Kamera erreicht haben? Was war passiert?

„Ringkampf“, forderte Idya und weil die beiden Männer schon wieder mit den Gedanken wo anders waren, sollten sie auch diejenigen sein, die als erstes gegeneinander antraten. Wäre doch gelacht, wenn man sie nicht etwas ablenken könnte.

Jeder Widerspruch wurde mit einem finsteren Blick abgewürgt und so stellten sich die beiden Männer in Position. Archiaon wusste, dass Elaios ein guter Ringer war, denn er hatte ihn oft beim Training beobachtet. Es würde schwer werden gegen ihn zu bestehen, besonders jetzt, wo ihm die geprellten Rippen immer noch Probleme bereiteten.

„Sie hat ganz schön Feuer“, murmelte er leise und Elaios nickte schief grinsend, doch ehe Idya noch eingriff, ging auch er in Position und der Kampf konnte beginnen. Wie zwei Panther umkreisten die beiden Männer einander, lauernd auf eine Chance, den anderen zu packen. Die Füße schwebten fast nur noch über dem Boden und die Augen taxierten einander. Nur für eine Sekunde verlor sich Archiaon darinnen und so nutzte Elaios aus, dass der Sentator unvorsichtig war, er griff an und warf den Mann mit einem Griff in Schulter und Schenkel zu Boden, pinnte ihn mit seinem Leib auf dem Boden fest.

Archiaon war so überrascht, dass er sich nicht auf den Aufprall vorbereiten konnte und so verzog sich sein Gesicht schmerzverzerrt, ohne dass er es verhindern konnte, als auch noch der schwere Körper seine Rippen zusätzlich belastete.

Elaios, der sein Gesicht genau beobachtet hatte, schoss sofort hoch. „Tut mir leid, du warst noch nicht so weit. Hab ich dir wehgetan?“ Der junge Mann war aufgelöst, denn er schien dem Sentator schon wieder Probleme bereitet zu haben. Warum lag er sonst noch auf dem Boden und kam nicht wieder hoch?

Verdammt, sie hatten doch noch etwas vor. Kurz sah er Idya wütend an, das war doch ihre blöde Idee gewesen.

„Elaios.“ Archiaon legte ihm eine Hand auf den Arm und rappelte sich hoch. „Meine Rippen haben bei dem Sturm etwas abbekommen, das konntest du nicht wissen und ich war zu stolz es zuzugeben“, erklärte er und senkte beschämt den Blick. Elaios musste ihn doch jetzt für einen vollkommenen Trottel halten.

„Hm“, machte Elaios mürrisch, doch er wirkte wieder etwas versöhnlicher. „Idya, du bist dran. Der Senator muss sich schonen, wenn wir den Shakern folgen wollen. Es war deine Idee, jetzt bade es aus.“ Er blitzte seine Freundin an, grinste und bleckte die Zähne. Doch dann sah er noch einmal auf Archiaon, er sollte nicht glauben, dass er jetzt einfach links liegen gelassen wurde, so war das nämlich nicht!

Archiaon nickte ihm lächelnd zu und zog sich zurück, damit er nicht im Weg war. Idya ließ den Kopf kurz kreisen und nahm dann die Herausforderung an. Sie hatte zwar durch ihre kleine Statur einen Nachteil gegenüber Elaios, aber das machte sie durch ihre Flinkheit und Gelenkigkeit weg. So waren ihre Chancen ausgeglichen, solange ihr Freund sie nicht zu packen bekam und sie würde das zu verhindern wissen.

Wie eben schon den Sentator umkreiste Elaios sein nächstes Opfer. Er fixierte Idya, denn er wollte an ihren Augen sehen, wann sie zum Angriff überging. Sie war klein, aber sie war von der Sohle bis zum Scheitel geballter Mut. Provozierend lockte er mit den Händen, sie sollte angreifen.

Aber erst einmal ließ Idya sich nicht provozieren. Sie wusste, dass ihr hitziges Temperament ihre Schwachstelle war und sie versuchte ruhig zu bleiben. Nur kannte Elaios sie viel zu gut und als er sie wissend angrinste, verschmälerten sich ihre Augen und sie griff an.

„Danke“, flötete Elaios frech und sprang beiseite, ehe er sich Idya griff und hoch hob. Er hatte sie von hinten gepackt und so konnte sie ihn weder schlagen noch wirklich effektiv treten. „Ich fühl mich gleich viel besser, war eine gute Idee von dir“, kicherte er und zwinkerte Archiaon zu, ehe er Idya wieder frei ließ.

Sie wirbelte auch gleich mit blitzenden Augen zu ihm um. Sie hasste es, wenn Elaios es schaffte, sie aus der Fassung zu bringen. Ohne groß nachzudenken, sprang sie gleich wieder auf ihn zu. Gewinnen konnte sie nicht mehr, aber wenigstens abreagieren wollte sie sich und für eine Rauferei war Elaios immer gut. Er hatte schnell gemerkt, wie Idya umgeschwenkt war und bot ihr nun ein lohnendes Ziel für ihre Energie. Das hieß aber noch lange nicht, dass er sie auch gewinnen lassen wollte und weil Idya gerade blind vor Raserei war, griff er sie wie eben und hob sie hoch, drehte sich mit ihr und lachte. „Und noch mal“, kicherte er und ließ sie wieder los, ging aber sofort in Verteidigungsstellung.

Archiaon beobachtete sie dabei ein wenig wehmütig. Er wollte gegen Elaios kämpfen und ein wenig Eifersucht auf Idya kochte in ihm hoch, dass sie dem jungen Kämpfer so nahe kam, wie er es gerne wäre. So langsam konnte er es nicht mehr leugnen, dass er mehr für Elaios fühlte. Und das war nicht gut. Er war sich selber noch nicht im Klaren, was das für ihn bedeutete geschweige denn für Elaios. Er konnte ihm nicht mehr neutral entgegen treten. Schlimmer noch: hatte er Sorge, Elaios könnte es bemerken und ihn meiden, weil eine solche Liäson für ihn nicht in Frage kam. Es gab nicht viele Männer in ihrem Volk, die sich gegen eine Frau und für einen Mann entschieden. Man mied sie nicht, man ächtete sie nicht. Doch das höchste im Volk der Atlanter war die Familie und so waren solche Männer doch immer etwas außen vor.

Er war der Ratspräsident und somit musste er ein Vorbild für sein Volk sein. Was würde passieren, wenn er sich öffentlich zu einem Mann bekannte? Würden die Atlanter das akzeptieren, oder eher nicht. Bisher hatten sie ihm nachgesehen, dass er noch keine Familie gegründet hatte, weil er bisher nie Interesse an dem männlichen Geschlecht gezeigt hatte.

Doch was zerbrach er sich den Kopf so lange Elaios kein Interesse an ihm hatte? Der rechnete sicherlich noch nicht einmal damit, dass Archiaons Interesse an ihm von dieser Art war. Und vielleicht war es besser, wenn er es nicht erfuhr. Der Senator senkte den Kopf und starrte wieder zum Kommunikator, er zuckte, als er die Stimme rufen hörte.

Er sprang hoch. „Ja?“, rief er und war aufgeregt. „Senator die Sharker sind immer noch auf dem Weg nördlich, aber sie haben sich in die Hades-Höhle zurückgezogen, denn je nördlicher sie kommen, desto rauer ist die See noch und sie haben Schwierigkeiten ihre Geiseln festzuhalten. Wir haben die Kamera auf den Höhleneingang gerichtet und berichten, wenn sie weiterziehen.“

„Gut“ Archiaon nickte. „Sehr gut.“ Wenn sie nicht vorwärts kamen, war die Wahrscheinlichkeit geringer, dass sie ihnen abhanden kamen. Wenn sie wegen dem Wetter selber auch fest saßen, so kam das Archiaon und seinen Leuten nur entgegen. Elaios war sofort hinter ihn getreten, hatte wieder die Hände auf seinen Schultern und drückte leicht. Auch er war angespannt. „Konntet ihr sehen, ob die Ratsmitglieder wohlauf sind?“ Denn das war seine größte Sorge, ob seine Freunde noch gesund waren.

„Ja, sie wehren sich, wo sie nur können. Wir konnten auch keine Verletzungen erkennen, auch wenn wir da nicht sicher sein können, denn sie waren ziemlich weit weg.“ Archiaon atmete erleichtert auf und sah kurz zu Elaios hoch. „Gut, meldet euch, wenn sich etwas tut. Wir werden bereit sein, wenn sie bei uns vorbei kommen.“ Blieb nur zu hoffen, dass die Sharker wirklich hier her kamen.

Wie eben schon schaltete Archiaon wieder auf Empfang und sah Elaios undeutbar an, legte ihm aber die Hände auf dessen, so dass der junge Mann nicht gleich wieder verschwinden konnte, ohne sich befreien zu müssen.

„Wer lebt so weit im Norden und hat Interesse an unserem Senat?“, überlegte Elaios laut. Ihn wurmte immer noch die Frage, wer die Entführung eingefädelt haben könnte.

„Niemand. Nördlich von hier beginnt das Festland und dazwischen gibt es, soweit ich weiß, keine Siedlungen mehr.“ Elaios blieb hinter Archiaon stehen und seine Daumen strichen selbstvergessen über den Nacken des Senators. „Glaubst du, dass sich dort jemand niedergelassen hat, ohne dass wir es gemerkt haben?“, fragte er.

Der Senator legte den Kopf in den Nacken und sah kurz auf, senkte ihn aber wieder, weil das sanfte Streichen der Finger aufgehört hatte. So war das nicht geplant gewesen. „Ich kann niemals ganz gewiss sein“, sagte er nachdenklich, denn er trug ein Geheimnis mit sich herum, dass ihm klar machte, dass alles möglich war. Wenn er es nicht wusste, wer dann?

„Wir wissen zu wenig über die nördlichen Regionen, als dass ich einfach nein sagen kann. Es müssen ja nicht einmal Menschen aus den Meereskuppeln sein. Auch an Land gibt es Kuppeln – ob sie von uns wissen?“ Dabei war Archiaon derjenige der am besten wusste, dass es so war.

„An Land gibt es wirklich Kuppeln?“, fragte Elaios und seine Finger begannen Archiaon zu massieren. Der Senator war verspannt und er wollte ihm etwas Gutes tun. Aber vor allen Dingen, wollte er den Kontakt zu dem anderen Mann nicht verlieren und dazu brauchte er eine Ausrede, um ihn weiter berühren zu können. „Ich habe es immer für eine Legende gehalten, die man Kindern erzählt, um sie zu erschrecken.“

„Nein, es ist keine Legende“, sagte Archiaon und schloss die Augen. Die starken Finger waren angenehm, auch wenn sie sanften Schmerz in seinen Nacken trieben. Er war wohl verspannter als er gedacht hatte.

„Ehrlich nicht?“ Idya setzte sich auf den Tisch, an dem der Senator saß, denn auch sie interessierte das brennend. Kuppeln an Land – das konnte sie sich kaum vorstellen.

„Nein, es gibt sie wirklich. Das ganze Festland war einmal bewohnt, doch die Menschen haben sich die Lebensgrundlagen zerstört und waren gezwungen, auch an Land Kuppeln zu errichten, in die sie sich zurückziehen konnten. Im Gegensatz zu uns sind sie darinnen gefangen und können nicht hinaus, so wie wir.“

„Krass.“ Idya konnte sich das gar nicht vorstellen. „Und diese Kuppeln gibt es immer noch?“ Wenn sie sich erinnern konnte, gab es diese Legenden schon seit vielen Generationen. Die Kuppeln mussten also schon sehr alt sein. Dazu, dass Elaios schon wieder seine Hände bei Archiaon hatte, sagte sie nichts. Irgendwie war das schon vollkommen normal, dass die beiden sich berührten, wo nur möglich. Sollten sie selber entscheiden was genau das war. Sie gab es lieber auf und fragte auch besser nicht mehr nach.

„Ja, einen Teil der Kuppeln gibt es immer noch. Ein anderer Teil ist aufgegeben und zerstört“, entgegnete der Senator und als er wieder zum Fenster hinaus in das tobende Wasser sah, traf sich sein Blick mit dem von Elaios.

„Woher weißt du das alles?“, wollte der junge Athlet wissen und Archiaon verspannte sich. Die Wahrheit konnte er unmöglich sagen! Also, woher konnte er das wissen?

„Die Senatsbibliothek. Es gibt eine Abteilung, die nicht allgemein zugänglich ist. Dort gibt es auch Bücher über die Oberflächenkuppeln“, erklärte Archiaon schnell und es war nicht ganz gelogen. Diese Bücher gab es wirklich, auch wenn sie nicht seine Wissensquelle gewesen waren.

„Spannend“, sagte Idya und blickte am Fenster nach oben. Dort oben lebten also auch Menschen. Wie sie wohl aussahen? Sie spreizte ihre Finger und durch die zarten Schwimmhäute schimmerte das Licht. Ob man die oben auch brauchte? Sie konnte sich das fast nicht vorstellen. „Ich will gern mal welche sehen“, murmelte sie und grinste schief. Was musste der Senator jetzt nur von ihr halten?

„Verständlich. Sie sehen wohl nicht anders aus, als wir.“ Archiaon deutete auf Idyas Hand. „Keine Schwimmhäute. Die braucht man an Land nicht.“ Noch immer massierte Elaios ihn und Archiaon neigte wieder den Kopf nach unten, um anzudeuten, dass ja nicht aufgehört werden sollte.

„Kann ich mir gar nicht vorstellen“, sagte Idya und hielt mit der anderen Hand eine der Schwimmhäute zu, als wäre sie nicht da. „Sieht bestimmt komisch aus.“ Doch dann sah sie wieder auf. „Glaubt ihr, die Landleute haben die Ratsmitglieder entführen lassen?“ Sie war verwirrt, denn das machte noch weniger Sinn als die Tatsache, dass die Sharker die beiden Männer in den Norden schleppten.

„Das weiß ich nicht, aber ausschließen können wir es nicht. Dazu wissen wir zu wenig über die Oberflächenmenschen.“ Archiaon war froh, dass er den Kopf gesenkt und die Augen geschlossen hatte, denn so konnte er verbergen, dass er sich unwohl fühlte, weil er seine neuen Freunde anlügen musste. Die Menschen auf dem Festland waren durchaus in der Lage, seine Freunde entführen zu lassen. Das wusste er leider nur zu genau. Und auch Gründe hätten sie mehr als einen.

„Hoffen wir, dass es nicht so ist“, sagte Idya und löste sich wieder vom Tisch. Um nicht auf die beiden Zurückgebliebenen zu starren und vielleicht noch im Spiegel der Fensterscheibe auf Elaios’ Blick zu treffen, ging sie wieder zu den Delphinen. Die Süßen hatten heute auch noch nichts zu fressen bekommen und so suchte sie die gestern Abend aufgetauten Fische, um sie zu verfüttern. Dann waren wenigstens die Tiere zufrieden.

Und weil sie selber auch ziemlich unausgelastet war, stieg sie zu den Tieren in das Becken. Sie liebte es mit den Delphinen zu toben und bald konnte man ihr ausgelassenes Lachen hören. Die Delphine schossen durch das Becken und spielten ausgelassen.

Elaios saß derweil auf dem Tisch neben der Karte, auf der Archiaon den Weg gezeichnet hatte, den die Sharker bisher genommen hatten. Doch der Senator hatte erst zwei Anhaltspunkte und kam so noch nicht weiter. Außerdem hatte sich Elaios gedankenverloren von ihm getrennt und saß jetzt viel zu weit weg, wie sollte man denn da noch klare Gedanken fassen?


06

„Ich will trotzdem mal raus gucken. Ich bleibe nicht lange und seile mich an, aber ich muss jetzt mal da raus!“ Elaios’ Finger gruben sich in die Tischkante. Die Enge machte ihn kirre.

Automatisch ging Archiaons Blick zum Fenster. Das Wetter hatte sich immer noch nicht beruhigt. Erst wollte er Elaios sein Vorhaben verbieten, aber er schaffte es einfach nicht, denn er konnte den jungen Kämpfer verstehen. Ihm ging es ja auch nicht besser. „Du gehst nicht alleine, ich werde dich begleiten und nach einer Runde um die Kuppel gehen wir wieder rein.“

Elaios verengte die Augen. „Vergiss das ganz schnell, Archiaon. Du bist verletzt. Alles, wo du noch hin gehst, ist ins Bett mit etwas Salbe für deine Rippen. Mit raus nehme ich dich auf gar keinen Fall!“ War der Senator denn verrückt geworden? Er wusste genau, dass er nicht auf dem Posten war und wollte dort raus in das tobende Wasser? Elaios war in Sorge. Es hatte doch gereicht, dass sie ihn gestern schon lädiert aufgesammelt hatten. Noch einmal stand er das emotional nicht durch.

„Du gehst da nicht alleine raus.“ Archiaon merkte gar nicht, wie scharf seine Erwiderung klang, erst als sich Elaios’ Augen weiteten und der junge Mann einen Schritt rückwärts ging, ging ihm ein Licht auf. „Elaios nein, so war das nicht gemeint“, sagte er schnell und streckte eine Hand aus. „Ich halte das nicht aus, wenn du alleine dort draußen bist.“

Elaios schwieg, er wusste nicht, was er entgegnen sollte und Idya, die eben einwenden wollte, dass sie ja mit raus gehen könnte, zog es vor, sich jetzt lieber nicht einzumischen. Mit Kasya im Arm schielte sie über den Rand und hatte das ungute Gefühl, dass die Luft so aufgeladen war, dass sie waberte. Zwei große Egos und eine kleine Kuppel. Auf die Dauer ging das einfach nicht gut.

„Und ob ich gehe“, knurrte Elaios nach einer Weile. Archiaon hatte seinen Trotz heraufbeschworen.

„Dann komme ich mit.“ Archiaon stand Elaios in nichts nach, wenn er etwas durchsetzen wollte. Mit funkelnden Augen verschränkte der Senator die Arme vor der Brust und Idya seufzte frustriert. „Idioten“, flüsterte sie Kasya zu. Die brauchten eine Abkühlung und zwar dringend. Sie rief die Delphine zu sich und gab ihnen ein Zeichen. Es war schon eine Menge Wasser, das sechs Fluken hochschleuderten. Punktgenau auf die beiden Sturköpfe.

Erschrocken zuckte Elaios und schüttelte sich. Archiaon ging es nicht besser. Mit wütenden Augen blickten sie zum Becken, wo Idya ihnen winkend entgegen grinste. „Na? Die Hitzköpfe wieder abgekühlt, ihr Streithammel?“, fragte sie und bot an, noch eine Ladung zu verteilen, wenn das nötig war.

„Idya, das war nicht witzig“, knurrte Elaios und strich sich Wasser aus den Haaren.

„Doch, sehr sogar. Hört euch doch mal zu. Ist ja nicht zum aushalten.“

Wie zur Bestätigung schnatterte Kasya und sah ihren Herrn an. „Ich hatte nicht den Eindruck mit dem Ratspräsidenten und einem Ratsanwärter in einer Kuppel zu sein, sondern mit zwei trotzigen, kleinen Jungs, die versuchen ihren Kopf durchzusetzen. Wisst ihr was, ich gehe raus und ihr bleibt beide hier.“

„Was?“, kam es aus beiden Mündern wie aus einem und die Männer sahen sich an. Elaios grinste schief und auch Archiaon begriff, dass er sich nicht gerade mit Ruhm bekleckert hatte. Er strich sich durch die nassen Haare und schüttelte sich kurz. Dabei merkte er wieder seine Rippen. Ihm war klar, dass er so nicht in das tobende Wasser konnte, doch der Gedanke Elaios vielleicht in diesem Unwetter zu verlieren, ohne zu wissen, ob er etwas für Archiaon empfinden könnte, das hielt er nicht aus.

„Denk nicht mal dran!“, sagte Idya scharf, als sie sah, wie Elaios schon wieder anfangen wollte und Kasya stellte gut sichtbar ihre Schwanzflosse in Position.

„Niemand geht da raus, solange der Sturm tobt. Wenn ihr unbedingt ins Wasser wollt, dann kommt ins Becken und spielt mit euren Freunden. Ihr habt sie heute vollkommen vernachlässigt. Sie haben uns das Leben gerettet und wir sollten ihnen dafür danken.“ Idya war es wirklich leid. Sie konnte ja verstehen, dass die beiden Männer etwas tun wollten, aber das, was sie vorhatten, war doch Irrsinn.

Und typisch Mann!

Elaios gab sich geschlagen und einmal mehr musste Archiaon zugeben, dass die kleine Dame den Athleten ziemlich gut im Griff hatte. Beneidenswert. Er selbst hatte ihn nicht überzeugen können, er hatte ihn nur noch wütender gemacht und zu irrsinnigen Aktionen verleitet. So konnte er nur beobachten, wie Elaios das Hemd abstreifte, um mit ins Becken zu steigen.

So beeilte er sich ebenfalls sein Shirt los zu werden und ins Wasser zu steigen. Idya hatte Recht. Sie hatten ihre Tiere vernachlässigt und kaum, dass er im Wasser war, kamen Helena und Atlas zu ihm, um ihn zu begrüßen. Er umarmte seine Delphine und entschuldigte sich leise, weil er sich heute noch gar nicht um sie gekümmert hatte.

Er beguckte sich die Wunden. Sie waren noch zu sehen, aber nicht mehr sehr schlimm. Er wusste, wem er das zu verdanken hatte und sah entschuldigend zu Idya. Die junge Frau musste ja jetzt ein Bild von ihm haben. Er mochte sich das gar nicht ausmalen.

So verbrachten sie eigentlich die nächsten Stunden im Wasser. Einmal noch meldete sich Atlantis Nord 035, um zu melden, dass das Unwetter am Boden nicht mehr zu spüren war und die Sharker weitergezogen waren. Archiaon hatte die Route verfolgt und zufrieden festgestellt, dass sie durch eine Schlucht zogen und somit nur einen Weg nehmen konnten. Sie kamen auf Rescue 38 zu.

Sie wussten, dass drei Sharker seine Freunde begleiteten und beratschlagten bei einer wärmenden Tasse Tee wie sie vorgehen sollten. Die Sharker waren bewaffnet, sie selber leider nicht. Sie hatten zwar eine Harpune in einem der Schränke gefunden, aber das war nicht gerade viel. Sie mussten also einen Plan entwerfen, um die Sharker zu überraschen.

Es blieb ihnen nichts übrig, ihre Tiere mussten ihnen helfen, auch wenn das riskant war. Sie brauchten einen Überraschungseffekt, wenn sie Erfolg haben wollten. Einen direkten Angriff brauchten sie nicht versuchen, sie würden scheitern.

„Das wird nicht leicht für euch, Kasya“, murmelte Elaios leise und strich seiner Lady über den Kopf. Derweil tröstete Idya Soraya, denn sie vermisste ihr Junges. Es war nicht eingeplant gewesen, dass sie so lange getrennt waren.

Archiaon sah ihnen zu und allein, damit Soraya wieder zu ihrem Jungen konnte, mussten sie Erfolg haben. Langsam wurde er angespannt, denn die Sharker kamen immer näher und bald mussten sie raus, um sie abzufangen. Das Wasser war immer noch aufgewühlt, aber bald konnten sie raus.

„Wir sollten noch etwas schlafen, damit wir fit sind, wenn es los geht“, schlug Idya vor. Sie hatte sich schon aus dem Becken erhoben und zog Elaios mit sich. Auch dem Senator reichte sie ein Handtuch, ehe sie sich die Haare trocken rubbelte und in trockne Kleider stieg. Das Wasser war nicht gerade warm gewesen und so wollte sie sich wieder aufwärmen. Elaios tat es ihr nach, denn auch er wurde langsam kühl. Ohne die Anzüge verloren die Körper im kalten Wasser entschieden zu viel Energie.

„Komm auch raus“, schlug er vor und sah Archiaon an.

„Ja.“ Archiaon drückte seine Delphine noch einmal und wollte sich aus dem Becken ziehen, aber seine Arme knickten wieder ein, als ein stechender Schmerz durch seine Rippen fuhr. Er wäre wohl wieder in das Becken zurück gefallen, wenn Elaios ihn nicht gepackt hätte. Es war beschämend, wie schwach er war und das ausgerechnet jetzt, wo seine volle Kraft gebraucht wurde.

„Leg dich hin, ich schmier dir was drauf“, sagte Elaios leise und zog Archiaon aus dem Wasser zu sich. „Mit solchen Verletzungen ist nicht zu spaßen. Das kann böse ausgehen.“ Wenn der Senator nicht einmal die Kraft hatte, sich aus dem Becken zu hieven, sah er für die Rettungsmission schwarz. Schlussendlich blieben nur er und Idya übrig. Allein gegen drei Sharker. Muskelbepackte, zähnebewehrte, großgewachsene Kampfmaschinen. Elaios seufzte.

„Im Wasser wird es gehen. Ich habe schon schwerer verletzt gekämpft.“ Elaios Gedanken waren nur zu deutlich in dessen Gesicht zu sehen gewesen und Archiaon wollte ihm diese Bürde nicht auferlegen. Er ließ sich zu einer der Schlafkojen führen und mit ein wenig Druck auf seine Schultern, legte er sich wirklich hin.

„Hier!“ Idya reichte Elaios die Salbe und machte nicht einmal den Versuch den Patienten zu verarzten. Sie hatte irgendwie das Gefühl, die Männer würden das beide nicht wollen.

„Danke“ Elaios griff sich den Tiegel und schmierte etwas davon auf Archiaons Brust, dabei versuchte er nicht, sich auf das Muskelspiel unter der Hand zu konzentrieren, denn das würde ihn wieder völlig aus der Bahn werfen, ohne dass der junge Mann begriff warum eigentlich.

„Elaios warte.“ Archiaon hielt die Hand auf, die über seine Brust strich und atmete tief ein. Er wusste nicht, ob er das richtige machte, aber er konnte nicht anders. Sie konnten nachher da draußen sterben und er wollte zumindest, dass Elaios wusste, was in ihm vorging. Er blickte Elaios fest in die Augen. „Es war Schicksal, dass du mich gerettet hast und wir hier zusammen in der Kuppel sind. Du bist mir schon länger aufgefallen und ich habe dich beim Training beobachtet. Ich wollte dich kennen lernen und habe gehofft, dass wir beide es diesmal in den Senat schaffen.“

„Was meinst du mit Schicksal und beobachtet“, fragte Elaios irritiert, setzte sich aber neben Archiaon, um sich nicht verbiegen zu müssen. Der Griff um seine Hand war ziemlich fest. „Ich bin davon ausgegangen, dass du immer mal bei den Trainingseinheiten vorbei schaust, um den Nachwuchs zu sondieren. Ist das etwa nicht der Fall?“ Er wurde nervös, ihm war heiß. Was ging hier eigentlich vor?

„Doch schon und anfangs war das auch so, bis du mir aufgefallen bist. Danach bin ich gekommen, weil ich dich sehen wollte. Eigentlich wollte ich bei diesem Wettkampf erst nicht mehr antreten. Ich bin Mitte vierzig und ich weiß, dass meine Zeit als Athlet fast vorbei ist, aber ich wollte noch eine Amtszeit mit dir zusammen, denn dass du es schaffst, war für mich keine Frage. Ich wollte dich besser kennen lernen und herausfinden, ob es für uns eine Chance gibt.“ Archiaon hatte sich entschlossen, Elaios alles zu sagen, auch wenn er damit ein großes Risiko einging. Wenn alles schief ging, wandte der sich gleich angewidert von ihm ab, aber Archiaon wollte nicht in den Kampf gehen, ohne dass Elaios wusste, was er für ihn fühlte.

„Hm“, machte Elaios, um zu zeigen dass er aufgenommen hatte, was der Sentator gesagt hatte, doch was sollte er davon halten? Das klang ja fast wie eine Liebeserklärung! War es das etwa auch? Elaios konnte das nicht einschätzen. Darüber hatte er noch nie nachgedacht denn für ihn gab es immer nur sein Training. Und selbst wenn er an so etwas gedacht hätte, hätte er nicht an einen Mann gedacht. „Okay“, sagte er also um Zeit zu gewinnen, dabei sah er Archiaon aber hilfesuchend an. Er wusste nicht, was er jetzt machen sollte.

„Du musst das jetzt nicht entscheiden“, sagte Archiaon und drückte kurz die Hand des anderen Mannes. Er war schon erleichtert, dass Elaios sich nicht gleich von ihm entfernte. Er setzte sich auf, damit er dem jungen Mann besser in die Augen sehen konnte und lächelte. „Ich weiß, dass ich dich damit überfallen habe, aber ich wollte, dass du weißt, was ich fühle. Du bist ein ganz besonderer Mensch für mich.“

„Danke“, lächelte Elaios verlegen und sah sich kurz nach Idya um, doch die hielt sich im Hintergrund und tat so, als würde sie nichts bemerken. „Du bist auch jemand ganz Besonderes, aber ich gebe zu, ich habe dich noch nie als Mann wahrgenommen, nur als Athleten und Senator. Ich werde Zeit brauchen“, gestand er leise, doch er ließ seine Hand, wo sie war. Es fühlte sich nicht komisch an, nur anders, seit er wusste, was Archiaon fühlte.

„So viel du brauchst, Elaios. Ich bin schon froh, dass du überhaupt darüber nachdenken willst.“ Archiaons Herz klopfte schneller vor Freude und Elaios konnte es sicher unter seinen Fingern spüren. Der Senator musste einfach lächeln und da er sich nicht mehr traute, zog er Elaios in eine kurze Umarmung.

„Warum nicht?“, fragte Elaios offen und legte seinen Kopf auf Archiaons Schulter, der ihn immer noch umschlungen hielt. „Ich bewundere dich, ich achte dich, ich sorge mich um dich – das alles kann nicht nur Heldenverehrung sein. Aber was es genau ist, kann ich dir nicht sagen. Aber wir werden es herausfinden. Da bin ich mir sicher.“ Er holte tief Luft und schloss kurz die Augen. „Aber jetzt sollten wir schlafen und du solltest dich schonen.“

„Ja.“ Archiaon konnte nicht widerstehen und streifte Elaios’ Schläfe mit seinen Lippen. Zögernd löste er seine Arme und atmete tief durch, dabei fiel sein Blick auf die kleine Dose, die neben ihm auf dem Bett stand. Er tippte auf den Salbentiegel und sah Elaios spitzbübisch grinsend an. „War da nicht etwas, was du noch machen wolltest?“

Elaios hob den Blick und grinste. Dabei sah er auf den glänzenden Film auf Archiaons Brust und auf seine klebende Hand. Doch er nickte und spielte mit. „Ja, ich glaube da war noch was“, erklärte er und nahm noch einmal etwas von der Salbe. Zögerlicher als eben noch näherte er seine Hand dem anderen Körper und strich vorsichtig darüber, schalt sich dann aber einen Idioten und cremte fester. Schließlich sollte die Haut die Salbe aufnehmen und zu den schmerzenden Stellen transportieren.

Mit einem zufriedenen Lächeln legte Archiaon sich wieder hin und überließ sich den wissenden Händen. Es war herrlich die Berührungen auf seiner Haut zu spüren. Die kräftigen Finger massierten die Salbe ein und Archiaon schloss irgendwann die Augen, damit er diesen Moment genießen konnte.

Dabei beobachtete Elaios hin genau und lächelte. War schon verrückt, was hier alles passierte.

„Leg dich auch hin. Wir brauchen den Schlaf“, sagte Idya und zerrte sich eine der Decken aus dem Stapel. Irgendwie fand sie es unpassend, nach dem was eben passiert war, noch zu den beiden unter die Decke zu kriechen. Also verzog sie sich in eine der anderen Nischen, prüfte aber vorher noch einmal, ob das Kommunikationsgerät auf Empfang gestellt war.

„Hm“, brummte Elaios abwesend und schraubte den Salbentiegel wieder zu. Er war sich unsicher, was er jetzt machen sollte und Archiaon sah das nur allzu deutlich. Er rückte ein wenig zur Seite, damit Elaios sich neben ihn legen konnte, falls er das wollte.

„Ich fass dich auch nicht an, wenn du das nicht möchtest“, erklärte er, um es Elaios leichter zu machen, vielleicht doch hier zu bleiben und der sah ihn irritiert an.

„Was soll das denn jetzt? Hat mich gestern ja auch nicht gestört“, knurrte er und erhob sich. Er wollte noch einmal im Bad verschwinden, ehe er sich schlafen legte und versuchte nicht zu hetzen, damit es nicht wie eine Flucht aussah, die es ja eigentlich war.

Er ließ einen irritierten Archiaon zurück, der nicht wusste, ob er die Antwort positiv werten sollte. Auch das Starren auf die Tür zum Badezimmer brachte ihn nicht weiter. Er musste wohl abwarten und zog die Decken über sich. Er sollte sich wirklich ausruhen, wenn er nachher eine Hilfe bei der Befreiungsaktion sein wollte.

„Oh man!“ Elaios hatte den Kopf unter das kalte Wasser gehalten und starrte sich jetzt im Spiegel an. Das durfte doch alles nicht wahr sein! Schwer stützte er sich ab und atmete tief durch. „Das war echt nicht notwenig“, knurrte er leise und beobachtete das Wasser, das ihm langsam den Hals hinab ins Shirt lief. „Warum nimmst du mir meinen Helden?“, fragte er leise und senkte den Kopf. Auch wenn er es nicht wollte, er sah Archiaon jetzt völlig anders. Er war von seinem Podest in der Halle der Helden heruntergestiegen und Elaios fühlte sich plötzlich leer.

Fast sein ganzes Leben hatte er zu Archiaon aufgeschaut und wegen ihm hatte er so hart trainiert, weil er einmal so gut werden wollte, wie sein Idol. Elaios ließ den Kopf hängen und seufzte. Wie sollte das weitergehen? Er mochte Archiaon, aber war das das, was er wollte? Erst jetzt fiel ihm auf, dass er sich nie für den Menschen hinter seinem Idol interessiert hatte, denn für ihn war dieser unerreichbar erschienen. Jetzt bekam er die Chance dazu, aber wollte er sie nutzen?

Oder würde das Einfluss auf sein Training haben? Konnte er gegen Archiaon, den Mann, noch so kompromisslos kämpfen wie gegen Archiaon, den Helden? Wollte er das überhaupt? Elaios sah noch einmal auf und blickte sich fest in die Augen. Dann nickte er sich zu. Sie mussten es versuchen, es blieb beiden nichts anderes übrig. So stieß er sich vom Waschbecken ab und kam zurück zur Schlafnische.

Er zögerte nur kurz, bevor er unter die Decken schlüpfte und sich neben Archiaon legte. Der ältere Mann lag auf dem Rücken und genau wie am Abend vorher, legte Elaios sich so hin, dass er ihn beobachten konnte. Der Senator sah gut aus und der trainierte Körper und das klassisch schöne Gesicht brachten regelmäßig junge und alte Frauen zum schwärmen. Der Gedanke hinterließ ein Stechen in seiner Brust, das er sich nicht erklären konnte und ihn dazu brachte, Archiaons Hand unter der Decke zu suchen und ihre Finger zu verschränken.

Der Senator lächelte leicht und drehte sich auch etwas weiter zu Elaios um. Er wusste nicht, was der dachte, doch er wollte auch nicht fragen. Es schien etwas zu sein, das Elaios mit sich selbst ausmachen musste. „Schlaf, wir werden nicht viel davon bekommen, ehe es so weit ist.“ Kurz nur war er versucht, Elaios noch einen Kuss auf sie Schläfe zu hauchen, doch er ließ es bleiben. Der junge Krieger brauchte noch etwas Zeit, das musste er akzeptieren.

Elaios nickte und schloss die Augen. Gestern noch hatte es sich merkwürdig angefühlt, neben einem männlichen Körper zu liegen, aber heute war das nicht mehr so. Er konnte die Wärme spüren, die von Archiaon ausging und rückte näher, denn sie war angenehm. Vorsichtig legte Elaios seinen Kopf auf die breite Schulter und seufzte leise. Bei seinem Idol, hätte er es nie gewagt, aber bei dem Mann Archiaon fühlte es sich richtig an.

Es würde ihn einiges an Kraft kosten, diese beiden Männer in seinem Kopf irgendwann so überein zu bringen, dass nur noch Archiaon übrig bleib, egal ob Mann oder Held. Aber das musste er nicht jetzt. Jetzt musste er Kraft tanken für das, was vor ihnen lag – ein Kampf auf Leben und Tod, nicht mehr und nicht weniger.

Dafür hatte er jahrelang trainiert und mit Idya und Archiaon hatte er die besten Mitkämpfer, die er bekommen konnte. Er lächelte leicht, als er den Arm spürte, der sich leicht um ihn legte und entspannte sich. Sie sollten die Zeit nutzen bis sie nach draußen, in den Kampf mussten.