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Terra 3.0 - Zyklus III - Atlantis Nord 035 - Teil 7-9

07

„Rescue 38 – Rescue 38 – Bitte melden!“, quäkte der Lautsprecher immer wieder bis Elaios – aus dem Schlaf gerissen – begriff, was eigentlich los war. Wie von der Tarantel gestochen schoss er hoch und antwortete auf dem Funkspruch und merkte nur am Rande, dass der Sturm nachzulassen schien. Auch wenn es dunkel war, so konnte man sehen, dass kaum noch Sand mitgetragen wurde.

„Hier Rescue 38 – ich höre!“, brüllte er lauter als notwendig.

Archiaon und Idya kamen zu ihm und wollten ebenfalls hören, was passiert war. „Rescue 38, die Sharker haben soeben die letzte Kamera vor dem Bruch passiert“, gab die Stimme am anderen Ende durch und sie wussten, was das bedeutete. „Verstanden“, sagte Elaios und trennte die Verbindung. Jetzt wurde es ernst.

„Macht euch fertig und bereitet die Tiere vor“, sagte Elaios und lief zum Schrank mit den Anzügen. Ohne diese würden sie im Wasser erfrieren.

Archiaon warf noch einen letzten Blick auf die Karte. Die Sharker hatten nicht viele Wege, die sie nehmen konnten und ehe sie verschwanden und nie wieder gesehen wurden, mussten Archiaon und die beiden jungen Athleten ihnen den Weg abschneiden.

Sie zogen ihre Anzüge an und sprangen ins Wasser zu den Delphinen. Ihnen die Geschirre umzulegen, war Routine und schnell erledigt. Archiaon sah die beiden jungen Athleten an und zog sie beide kurz zu sich. „Seid vorsichtig, denkt immer erst an eure Sicherheit und die eurer Delphine. Sharker sind stark und wendig, aber sie haben einen Nachteil, den wir für uns nutzen können. Sie können ihren Kopf nicht drehen, also sollten wir versuchen, von hinten anzugreifen, um sie zu überraschen.“

Elaios und Idya nickten hastig, auch wenn ihnen langsam etwas mulmig wurde. Zwar hatten sie Sharker schon gesehen und von ihnen gehört, doch sie waren ihnen noch nie persönlich gegenüber getreten. Jetzt würden sie herausbekommen, ob die Geschichten über ihre Kraft und ihre unbändige Kampfeslust wahr waren oder nur Spinnerei.

Elaios ging als erstes raus, dann nahm er die Delphine einen nach dem anderen in Empfang. Auch die Tiere spürten die Anspannung und das Wasser hatte sich immer noch nicht gänzlich beruhigt. Das würde kein Spaziergang, beileibe nicht!

Wie selbstverständlich übernahm Archiaon die Führung und mit knappen Gesten, gab er weiter, wo sie lang schwammen. Die Delphine, die jetzt zwei Tage keine Bewegung gehabt hatten, schossen los und waren kaum zurück zu halten. Aber Archiaon hielt sie zurück, sie sollten sich nicht sofort auspowern, denn sie wussten nicht, wie lange sie unterwegs waren.

Sie fächerten sich ein wenig auf, damit sie ein größeres Areal absuchen konnten, doch es war wie die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen. Hier auf dem Plateau gab es nur wenige Verstecke. Sie selbst hatten also nicht die Chance, einen Hinterhalt aufzubauen. Selbst bis zu den Kelpwäldern war es noch ein gutes Stück.

Elaios sah sich immer wieder suchend um, dabei hatte er auch seine Begleiter im Auge. Nicht dass die Sharker sie von hinten überraschten. Doch um sie herum war nichts – absolut nichts. Kein Fels, kein Fisch. Einfach nichts.

Beängstigend.

Kurz überlegte Archiaon, dass sie sich in den Kelpwäldern auf die Lauer legen konnten, aber das war zu unsicher, denn dort konnten sie sich schnell aus den Augen verlieren und dann waren sie allein, wenn sie auf die Sharker trafen. Immer wieder huschte sein Blick über die ebene Fläche und plötzlich kniff er die Augen zusammen. Vor ihnen, gerade noch so in dem immer noch trüben Wasser sichtbar, sah er eine Bewegung und machte Elaios, der neben ihm schwamm darauf aufmerksam. Waren die Sharker schon so weit gekommen, dass sie vor ihnen schwammen?

Verdammt, wie schnell waren die Biester? Das war ja unglaublich!

Elaios blickte sich ebenfalls um und erkannte die Bewegung, wenn auch verschwommen. Doch auch er war sich sicher, das waren die Haie. So durchs Wasser schossen nur wenige Lebewesen. Er klatschte Kasya auf die Seite und spornte sie an, etwas schneller zu schwimmen. Sie durften die Kerle nicht aus den Augen verlieren.

>>Nein, nicht näher ran. Wir folgen ihnen in diesem Abstand. Sie dürfen uns nicht bemerken<<, signalisierte Archiaon in Zeichensprache, die jeder Atlanter gleich mit seiner Muttersprache lernte, damit sie sich im Wasser verständigen konnten. >>Sie hier angreifen zu wollen ist Selbstmord.<<

Elaios sah ihn wütend an, doch er folgte seinem Anführer. Archiaon hatte entschieden mehr Erfahrung, dem musste der junge Krieger sich beugen. Das hieß aber nicht, dass er Fahrt wegnahm, denn die Sharker waren schnell. Wenn sie weiter bummelten, verloren sie sie wirklich noch. Allerdings hatten sie keinen Schimmer, wo die Haie eigentlich hin wollten. Was gab es denn hier draußen noch? zu wem konnten sie wollen? Die letzte – die nördlichste – bekannte Rettungskuppel hatten sie eben verlassen. Atlantis hatte dort aufgehört.

Sie waren in fremden Gewässern.

Er war nicht der einzige, der sich diese Fragen stellte. Archiaon überlegte fieberhaft, wo die Sharker hin wollten. Bis zu den Kelpwäldern gab es keine Unterschlupfmöglichkeit mehr und danach waren sie nahe an der Küste. Die Sharker konnten aber nur für eine begrenzte Zeit aus dem Wasser und sie taten es nicht gerne, weil die Luft nicht ihr Element war. Höhlen gab es hier auch nicht mehr, in denen sie sich verschanzen konnten. Das war zum verrückt werden. Was hatten diese Kerle vor? Im Moment konnten sie ihnen nur folgen.

Auch die Frage über die Hintermänner war noch völlig ungeklärt. Wer hatte einen Vorteil davon, zwei Senatoren einer Atlantis-Kuppel zu kidnappen? Eine Lösegeldforderung war nicht eingegangen, das hätte man ihnen mitgeteilt. So blieb die Frage weiter offen: wer.

Sie wechselten sich ab bei der Führung, ab und an ließ sich Archiaon zurück fallen, damit seine Tiere im Windschatten der anderen schwimmen und sich so ein wenig erholen konnten. Schließlich waren sie verletzt gewesen. Archiaon war stolz auf seine Tiere. Sie schwammen schon seit vielen Jahren zusammen und gaben alles, wie er es von ihnen gewohnt war. Sie waren stark, darum konnten sie mit den jüngeren Tieren von Elaios und Idya mithalten. Durch ihr Training und ihre Erfahrung glichen sie das Handicap ihres Alters aus.

Schlussendlich wussten sie nicht mehr, wie lange sie den Sharkern gefolgt waren, immer darauf bedacht, sie nicht zu verlieren. Doch nun mussten sie aufschließen, denn es wurde dunkler und die Gefahr, die Entführer und die Geiseln zu verlieren wurde größer.

Doch plötzlich wurden sie langsamer und Archiaon bremste auch seine kleine Gruppe. Sie schlossen nur allmählich auf und Archiaon runzelte die Stirn. Trogen ihn seine Augen oder sah er da noch – eine Kuppel? Hier draußen? das konnte unmöglich sein.

Aber sie war wirklich da, denn Elaios und Idya sahen sie auch und sahen ihren Anführer fragend an. Der zuckte nur mit den Schultern und schüttelte den Kopf. >>Gehen wir hinter diesen Felsen in Deckung und schauen, was passiert<<, signalisierte er und zeigte auf die Felsen, die er meinte. Dort konnten sie beobachten, was passierte und Pläne schmieden, denn sie waren der Kuppel nahe genug, um die Entführer nicht aus den Augen zu verlieren.

Und wirklich – während die Atlanter sich verbargen und ihre Tiere sich ebenfalls verzogen, um sie nicht zu verraten, umkreisten die Haie die Kuppel. Jetzt konnte man die gefesselten Geiseln gut sehen und auch, warum die Kerle unterwegs waren, als wäre der Leibhaftige hinter ihnen her. Die Geiseln mussten verletzt sein, denn ein Rudel Haie aus dem Meer zog langsam immer enger werdende Kreise.

Idya hielt sich die Hand vor den Mund, als sie sah wie eine Klinge aufblitzte und einer der Sharker dem Hai, der ihm am nächsten war, in den Leib rammte. Also, eines konnte man den Kerlen getrost absprechen: Familienzugehörigkeit!

Sofort waren die anderen Haie da und verfolgten ihren verletzten Artgenossen. Mit versteinerter Miene beobachtete Archiaon die Sharker, die die Schleuse der Kuppel öffneten. Einer schwamm hinein und der zweite schickte die Geiseln hinterher, bevor er ebenfalls in der Schleuse verschwand. Der dritte Sharker, der den Hai verletzt hatte, blieb draußen und bezog vor der Schleuse Stellung.

Genau das Verhalten hatte Archiaon erwartet – leider. Die Kerle durfte man wirklich nicht unterschätzen. Er zog sich zurück und gab Elaios und Idya zu verstehen, dass sie den Kerl ausschalten mussten, wenn sie in die Kuppel wollten. Doch sie hatten zu deutlich gesehen, dass der Kerl nicht lange redete, er handelte und fragte hinterher. Egal wer sich ihm unvorsichtig näherte, er war in Lebensgefahr.

Er sah die beiden jungen Athleten an und spielte im Kopf einige Szenarien durch. Er tat es nicht gern, aber es blieb ihnen nur eine Möglichkeit. >>Nehmt den Delphinen die Geschirre ab. Sie müssen den Sharker ablenken und müssen dabei nicht zimperlich sein. Sie sollen ihn, wenn möglich kampfunfähig machen, damit wir in die Kuppel können<<, fing er an seinen Plan zu erklären. >>Hoffen wir, dass die Sharker aus dem Wasser sind, denn dann haben wir eine Chance.<<

Idya machte große Augen und blickte auf ihre Tiere. Ihr gefiel die Idee nicht, Elaios ebenso. Er strich Kasya und Iason über den Kopf. Fest blickte er ihnen in die Augen und gab ihnen zu verstehen, was von ihnen erwartet wurde. Er wusste, dass die beiden ihn verstanden, denn auch die Tiere lernten die Handzeichen. Sie konnten nicht antworten, doch sie konnten nicken. >>In die Kiemen, hörst du Süße? Immer feste in die Kiemen und greift nur von hinten an!<<

Er hatte Angst um seine beiden.

Archiaon und Idya ging es nicht anders. Sie instruierten ihre Tiere ebenso und bedeutete ihnen, sich an Helena und Atlas zu halten. Sie hatten Kampferfahrung, denn sie hatten schon gegen Sharker gekämpft, wie einige Narben zeigten. Sie drückten ihre Tiere noch einmal und gaben dann das Zeichen, dass es losging. Die Delphine schossen los und Archiaon griff die Harpune fester und kontrollierte das Jagdmesser an seiner Seite. Er machte sich bereit, ihren Freunden zu helfen, falls es notwendig werden sollte.

Anders als eben das Rudel Haie umkreisten die Tiere nicht erst das Opfer, sie gingen gleich auf den Sharker los. Angriff war immer noch die beste Verteidigung, und so konnte der Sharker gar nicht so schnell reagieren, wie vier Delphine ihn aus zwei Richtungen angriffen. Atlas und Helena nahmen sich die Seiten vor, während Soraya und Iason fest in die Kiemen bissen. Sofort floss Blut und Idya wandte sich ab. Sie konnte das nicht sehen.

Elaios legte ihr eine Hand auf die Schulter. Er konnte seine Freundin verstehen. Sie waren Athleten, aber keine richtigen Krieger, auch wenn es mit zu ihrer Ausbildung gehörte. Aber sie mussten los, wenn die Sharker in der Kuppel aufmerksam wurden, hatten sie das Überraschungsmoment verloren, darum schwamm Archiaon los. Die Delphine hatten ganze Arbeit geleistet, der Sharker trieb leblos im Wasser. Ob er tot oder nur verletzt war, konnten sie nicht sagen, aber das war unwichtig.

Archiaon schoss vor, seine Verletzungen waren ihm nicht anzumerken. Elaios konnte ihm kaum folgen. Der Senator war auch der erste in der Schleuse. Er musste das Risiko eingehen, dass die Sharker noch im Becken waren, denn an Land bewegten sie sich unbehäbig. Ihre Beine waren fast komplett zu Flossen geworden, die sie im Wasser unglaublich schnell machten, doch an Land konnten sie sich damit nur schwer bewegen. Die Muskeln trugen sie in der Luft nur schwer.

Dass sie überhaupt an Land gehen konnten, verdanken sie Wasserreservoirs in ihrem Körper die es ihnen gestatteten, bis zu einer Stunde ihr eigentliches Element zu verlassen.

Vorsichtig schwamm Archiaon in die Schleuse und er griff die Harpune fester, als die Innentür sich öffnete. das Becken war leer, also waren die Sharker an Land. Sie schienen nicht damit zu rechnen angegriffen zu werden. Ohne ein Geräusch zu machen, schwamm Archiaon an die Oberfläche, damit er einen kurzen Blick über den Beckenrand werfen konnte. Die Geiseln lagen auf dem Boden und die beiden Sharker standen am Funkgerät und sprachen mit jemandem. Archiaon schätzte seine Chancen ein. Mit der Harpune konnte er einen der Sharker töten, aber dann war der zweite gewarnt. Er tauchte noch einmal unter und wartete auf Elaios und Idya, die zusammen durch die Schleuse kamen. Schnell signalisierte er, wie sie vorgehen sollten. Er schoss mit der Harpune auf den linken Sharker und Idya und Elaios sollten ihre Messer werfen und somit den zweiten töten oder zumindest verletzen.

Die beiden jungen Athleten nickten verstehend und so tauchten auch sie zum Beckenrand. Mit dem Gel in der Lunge war es ihnen nicht möglich die Luft zu atmen, ihnen blieb also nicht viel Zeit zu zielen. Da Idya diejenige war, die am längsten brauchte zum zielen, sollte sie das Zeichen geben. Nur aus dem Augenwinkel nahm sie auf, dass die Geiseln sie erkannt hatten. Doch sie regten sich nicht, um die Retter nicht zu verraten.

Idya nickte und warf, ehe sie wieder untertauchte, weil die Lunge brannte.

Archiaon schoss und gleichzeitig warf Elaios sein Messer. Sie sahen die Sharker fallen und tauchten unter, nur um eine tiefen Atemzug zu nehmen und dann aus dem Wasser zu schießen und das Gel auszuhusten, damit sie atmen konnten. Mit dem Messer in der Hand sprintete Archiaon los. Seine verletzten Rippen spürte er nicht, das Adrenalin in seinem Blut ließ ihn keine Schmerzen spüren. Mit wenigen Schritten war er bei den Sharkern. Der, der die Harpune abbekommen hatte, war tot, der andere lebte noch, aber auch er würde seine Verletzungen nicht überleben. Archiaon, erlöste ihn mit einem Stich ins Herz, denn einen Gegner leiden lassen, ließ sich mit seinem Gewissen nicht vereinbaren.

Idya hatte vom Becken aus zugesehen und öffnete die Schleuse, um die Delphine nach drinnen zu holen. Es war ihr zu heikel sie draußen zu lassen. Während dessen kümmerte sich Elaios um die Geiseln. Er erlöste sie vom Knebel und von den Fesseln und drehte sie so, dass sie bequemer liegen konnte. Kasames hatte einen tiefen Schnitt im Bein, doch das salzige Wasser, was unbestritten brannte wie die Hölle, hatte die Wunde sauber gehalten. Hier reichte ein Verband. Pylos hingegen schien einen gebrochenen Arm zu haben.

Sie waren erschöpft und müde aber sie sahen ihre Retter dankbar ein. „Danke“, murmelte Pylos und Kasames schloss sich an. Sie hatten gehofft, dass sie gerettet wurden, aber je länger sie in der Gewalt der Sharker gewesen waren, desto mehr waren ihre Hoffnungen gesunken. Archiaon kam zu ihnen und besah sich die Verletzungen. Kasames’ Schnitt blutete immer noch, darum musste er als erstes versorgt werden. Archiaon drückte seinen Freunden die Schulter und sah kurz zu Elaios und Idya, die beiden jungen Kämpfer hatten sich gut gehalten und ohne sie hätte er seine Freunde nicht retten können.

„Ich kümmere mich um den Schnitt“, sagte Elaios gleich, „um den gebrochenen Knochen zu richten, ehe wir ihn schienen, habe ich nicht die Nerven.“ Er war zwar ein mutiger Athlet und risikobereit, doch Blut und Verletzungen waren seine Achillesferse, er konnte nur schwer damit umgehen.

Derweil hatte Idya die Tiere versorgt und machte sich daran, die Kommunikation zu Atlantis Nord 035 herzustellen.

„Das mache ich.“ Archiaon stand auf und holte Verbandszeug und alles, was sie brauchten. Zum Glück war diese Kuppel genauso ausgestattet, wie alle Rescue-Kuppeln. Er gab das Verbandszeug Elaios und zog für Pylos eine Betäubungsspritze auf, damit er ihm die größten Schmerzen beim Richten des Bruches ersparen konnte. Elaios beobachtete ihn dabei und einmal mehr fragte er sich, wen er gerade vor sich sah – den Mann oder den Helden?

Um sich nicht selbst völlig zu verwirren, kümmerte er sich um das Ratmitglied und lächelte Kasames an, als der ihn anblickte. „Es war unser Glück, dass ihr solch gute Athleten seid“, sagte er und Elaios errötete leicht. Er konnte noch nie gut mit Komplimenten umgehen. „Es war eher Schicksal, nicht Glück“, versuchte er auszuweichen und entschuldigte sich hastig, als Kasames beim Auftragen der Salbe zischte.

„Mach weiter, ich bin ein zimperlicher, alter Mann“, grinste Kasames schief und biss dann die Zähne zusammen, damit Elaios weitermachen konnte. „Sie haben nicht nur euch gerettet, sondern auch mich. Ohne sie wäre ich in dem Sturm umgekommen“, sagte Archiaon mit Stolz in der Stimme. Diese beiden jungen Atlanter waren Helden des Volkes und als diese sollten sie gefeiert werden, wenn sie wieder in Atlantis waren.

„Archiaon“, knurrte Elaios weiter. Er wurde noch roter im Gesicht und senkte den Blick. Kasames aber blickte zu seinem Freund hinüber, der sich von einem jungen Spund beim Vornamen rufen ließ. Er musste von... „wie heißt du eigentlich?“, wollte er wissen, als ihm aufging, dass er seinen Retter noch nicht einmal kannte. Das Gesicht sehr wohl, denn er war als vielversprechender Nachwuchs gehandelt worden. Aber Namen waren schon immer Kasames’ Schwäche gewesen. Er konnte sie sich nicht merken.

„Elaios und das ist Idya“, murmelte Elaios immer noch rot schattiert und Archiaon musste grinsen. „Ah, Elaios“, sagte Kasames und sah kurz zu seinem Freund rüber. Den Namen hatte er schon öfter gehört. „Vielen Dank noch einmal für unsere Rettung. Die Sharker haben uns eiskalt erwischt.“

„Nichts zu danken. Dass hätte jeder getan“, sagte Elaios und band die Wunde zu, half Kasames dann aber auf, damit er sich etwas bequemer auf eines der Betten setzen konnte, auf dem auch Pylos lag und von Archiaon versorgt wurde.

„Wo haben sie euch erwischt und vor allen Dingen: Was wollten sie von euch? Haben sie irgendwelche Andeutungen gemacht?“, fragte der Senator. Sie hatten ihre Freunde zum Glück retten können, doch die Entführer waren tot und die Atlanter wussten immer noch nicht, warum das alles eigentlich passiert war.

„Keine Ahnung, was sie wollten. Sharker reden im allgemeinen nicht viel, aber diese drei haben sich ausgeschwiegen, außer Drohungen haben sie nichts von sich gegeben, was darauf schließen lässt, warum sie uns entführt haben.“ Pylos sah zu, wie Archiaon seinen Arm versorgte und war froh, dass endlich der Verband darum kam, denn das Richten war nicht ganz schmerzfrei verlaufen – trotz der Betäubung.

„Sie standen am Funkgerät, als wir gekommen sind. Habt ihr gehört, mit wem sie Kontakt aufgenommen haben? Sie kannten diese Kuppel, die für uns alle völlig neu ist. Irgendjemand muss ihnen davon erzählt haben.“ In Archiaons Kopf kreiselten die Gedanken und immer, wenn er glaubte, verschwommen und schemenhaft ein Bild erkennen zu können, wirbelte der nächste Gedanke wieder alles durcheinander.

„Senator“, rief Idya derweil, „Atlantis Nord 035 ist am anderen Ende. Sie wollen wissen, wo wir sind. Mir glauben die nicht.“ Sie war pikiert, dass man ihr unterstellte zu lügen und deswegen entfernte sie sich vom Mikrofon. Blöde Affen!

„Bitte?“, Archiaon sah sie an, weil er es erst nicht glauben konnte, aber so wütend wie Idya war, musste es wohl stimmen. „Idya, machst du bitte weiter mit dem Verband, ich regle das“, knurrte er und ging zum Mikrofon. „Archiaon hier“, meldete er sich und im Moment war er der Senatspräsident und offensichtlich wütend. „Wer stellt die Angaben von einer unserer Athletinnen, die sich um unser Volk verdient gemacht hat, in Frage?“, fragte er streng und Kasames zog den Kopf zwischen die Schultern. „Derjenige ist nicht zu beneiden“, murmelte er leise. „Wenn er so drauf ist, sollte man in Deckung gehen, wenn man derjenige ist, der ihn dazu gebracht hat.“

Elaios sah ihn kurz an, blickte dann aber zu Archiaon. Er war schon eine Erscheinung, wie er da vor dem Fenster stand und das Mikrofon fixierte. Am anderen Ende war es still, doch dann meldete sich eine dünne Stimme: „Senator, bitte entschuldigt. Aber von dort, wo ihr Signal kommt, kann kein Signal kommen, dort gibt es keine Kuppel. Sie sind kaum zwanzig Kilometer vor dem Festland. Wo sind sie?“ Man hörte die Panik in der Stimme, da war jemandem bewusst, dass er seinen Kopf verlor, sobald der Senator wieder zu Hause war.

„Genau dort, wo Idya es gesagt hat. Es gibt hier eine Rescue-Kuppel von der bisher niemand etwas wusste. Schickt jemanden her, die beiden Geiseln sind verletzt. Sie müssen abtransportiert werden.“ Archiaon hatte sich wieder beruhigt, aber trotzdem würde er mit den Männern ein ernstes Wort reden, sobald er wieder zurück war. Und dass er so schnell wie nur möglich zurück musste, stand außer Frage. Zum einen mussten die Bilanzen des Unwetters gezogen werden, zum anderen mussten die Wettkämpfe neu ausgerichtet werden. Gern wäre er noch etwas hier geblieben, hätte versucht Elaios für sich zu gewinnen, doch er war der Senator, sein Privatleben hatte da in den Hintergrund zu treten.

„Ja, Senator“, antwortete die Stimme hektisch, „wir werden den Rettungstrupp, der den Geiseln gefolgt ist, die Koordinaten durchgeben. Sie kontaktieren uns regelmäßig über Rettungskuppeln und sind im Augenblick in Kuppel 29.“

„Wir werden hier auf sie warten.“ Archiaon trennte die Verbindung und strich sich über die Augen. Jetzt, wo die Geiseln befreit waren, spürte er wieder seine Verletzungen, versuchte aber, es sich nicht anmerken zu lassen und ging wieder zu den anderen. „Tut mir leid, Idya“, sagte er und setzte sich neben Pylos.

„War ja nicht ihre Schuld“, nuschelte Idya und hatte sich schon wieder zu den Tieren getrollt. Sie bemerkte nicht Kasames’ Blick, der ihr folgte. Die junge Frau sprach Archiaon respektabel an, während der junge Mann so locker mit dem Senator umging. Doch er wagte nicht zu fragen, woran das lag.

„Leg dich hin“, forderte Elaios derweil von Archiaon und sah ihn streng an. Der Senator sollte nicht auf die Idee kommen, sich mit seinen geprellten Rippen zu widersetzen.

Archiaon versuchte es trotzdem, wurde aber mit einem flammenden Blick und einem Knurren zum Schweigen gebracht. Pylos und Kasames fiel die Kinnlade runter, als der Senatspräsident den Kopf senkte und wirklich aufstand um zu einer der Kojen zu gehen. „Er hat sich bei dem Sturm verletzt“, erklärte Elaios und sah die zwei Senatoren irritiert an, weil sie immer noch mit offenem Mund auf ihn sahen. „Was?“, fragte er und fühlte sich merkwürdig.

„Du hast ihn gut im Griff“, sagte Pylos und fing an zu lachen, als Archiaon knurrte, er möge entweder den Mund halten oder er würde grausame Rache spüren. Doch das hielt Pylos nicht davon ab zu lachen. Er verarbeitete nur langsam, dass er wieder frei war, dass seine Entführer tot waren. Im Augenblick konnte ihm nicht viel die Petersilie verhageln. Und dass Elaios so genant rot wurde, machte die Neckereien nur noch angenehmer.

„Später musst du mir sagen, wie du das schaffst. Dadurch könnten wir viele Diskussionen im Senat abkürzen“, stichelte Pylos weiter und Archiaon seufzte. „Lasst ihn in Ruhe“, knurrte er, musste aber auch grinsen.

Was konnte er denn dafür, dass er Elaios aus der Hand fraß? So war das eben? Wer konnte dem jungen Mann schon widerstehen – er selbst jedenfalls nicht. Und er versuchte es ja nicht einmal. Er wollte sich von Elaios herum kommandieren lassen.

„Zieh den Anzug aus. So kann ich dir die Rippen nicht versorgen und...“

„Hey!“

Elaios sah sich erschrocken um, weil er Idya eher selten laut werden hörte.



08

„Soraya, wo willst du hin?“ Ungläubig sah sie ihrem Leitdelphin hinterher, die gerade zur Schleuse heraus schwamm, dicht gefolgt von Kasya. Was ging denn jetzt ab?

Mit der Selbstverständlichkeit jahrelanger Übung atmete Idya das Gel ein und sprang auch gleich ins Wasser, damit sie den Delphinen folgen konnte. Es war nicht normal, dass sie einfach rausschwammen, ohne die Erlaubnis ihrer Herren. „Ihr bleibt hier“, rief Elaios und machte es Idya nach. Alleine in diesem unbekannten Gebiet zu schwimmen war zu gefährlich. Ein warnender Blick zu Archiaon, der sich schon wieder erheben wollte, doch er ließ es bleiben. Er wollte es sich wohl mit Elaios nicht verscherzen.

Draußen hatte Idya bereits verstanden, was die Delphine trieb, denn sie jagten einem Schwarm Heringe hinterher. Die Tiere hatten einfach Hunger. Idyas Ärger verflog also, doch sie konnte die beiden auch nicht ganz alleine lassen, also folgte sie ihnen trotzdem, genauso wie Elaios, der schnell aufholte.

>>Verfressene Bande<<, signalisierte Elaios grinsend und schloss zu Idya auf. Sie hatten keine Zeit mehr gehabt Schwimmflossen anzuziehen, darum konnten sie den Tieren nicht so schnell folgen, wie sie gerne wollten. Sie folgten so gut es ging und nach einer Weile tippte Elaios Idya an. Die Delphine hatten die Richtung gewechselt.

Um sie nicht zu verlieren, schlossen die Atlanter auf und änderten die Richtung ebenfalls. Sie waren hier noch nie gewesen, deswegen sahen sie sich auch immer wieder um. Sharkern wären sie jetzt hoffnungslos unterlegen, denn sie waren zu weit weg von ihren Tieren, waren ohne Waffen und Ausrüstung unterwegs. Sie konnten nur auf ihr Glück vertrauen.

Ihnen war mulmig, als sie durch die immer stärker werdende Dunkelheit schwammen. Das Sonnenlicht beleuchtete die Landschaft nur noch spärlich. Elaios sah sich um, als er auf einmal mit Idya zusammenstieß, die plötzlich gestoppt hatte. Vor ihnen lag eine Kuppel im Wasser und es war keine, die zu Atlantis gehörte.

Sie war größer, viel größer! Das war keine Rettungskuppel und so weit oben gab es keine Atlantis-Kuppel mehr. Idya kniff die Augen zusammen und öffnete sie wieder, doch das Bild vor ihr blieb das gleiche. Eine Kuppel, und in ihr Häuser. >>Los, hin da!<<, signalisierte sie Elaios und schoss los. Ihre Delphine waren in die gleiche Richtung verschwunden, denn der Schwarm Heringe umkreiste die Kuppel.

Ihr Freund folgte ihr, hielt sie aber zurück, als sie näher kamen. In der Kuppel war jemand und da sie nicht wussten, wem sie gehörte, wollte er lieber vorsichtig sein, besonders, weil er Bewegung erkennen konnte. >>Da ist jemand. Sei vorsichtig<<, bat er Idya, auch wenn er wusste, dass ihre Neugier geweckt war und sie dann unbedingt mehr sehen wollte.

>>Ehrlich?<< Hastig sah sie sich um und dann erblickte sie, was Elaios gemeint hatte. Am Glas der Kuppel stand jemand und blickte nach draußen. Sie erkannte ihn nur schemenhaft, weswegen sie unbedingt näher schwimmen musste. Er sah so anders aus. Die hellen Haare, so was hatte Idya noch nie gesehen. In ihrem Volk waren alle schwarzhaarig. Manche experimentierten mit Farben, doch das ging selten wirklich gut. Meistens bekam nur das schwarz einen farblichen Glanz, das war’s. Aber diese Haare dort waren hell, ganz hell!

>>Da<<, sagte sie plötzlich und stoppte, >>er hat Schwimmhäute!<< Sie konnte es ganz deutlich sehen, denn der Fremde hatte die Hände ans Glas gelegt.

Elaios sah genau hin und wirklich, es stimmte. Er wollte Idya schon signalisieren, dass sie näher schwimmen sollten, da stoppte er, denn neben dem Fremden tauchten zwei weitere Personen auf und die ließen ihn schaudern. Sie hatten am ganzen Körper Fell und wirkten nicht menschlich. >>Lass uns in Deckung gehen und beobachten<<, signalisierte er. Jetzt war er auch neugierig.

Was war das für einer. Wurde er festgehalten? Waren die schwarzen Gestalten Angreifer? Doch je länger die beiden im Schutz von ein paar Felsen die Kuppel und die Wesen beobachteten, umso klarer wurde ihnen zumindest eines: der mit den Schwimmhäuten, der eindeutig ein Wassermensch sein musste, schien die anderen beiden zu mögen. Er wurde nicht gequält oder gefangen gehalten. Ihm schien es gut zu gehen? Wie kam er dorthin und vor allen Dingen: was waren das für schwarze... Wesen?

Sie hatten noch nie etwas Ähnliches gesehen. >>Da sind noch andere<< Elaios zeigte in die Mitte der Kuppel, wo noch einmal andere Wesen standen und sich unterhielten. Sie sahen aus, wie sie selber, auch wenn nur einer schwarze Haare hatte. >>Wir wurden bemerkt<< signalisierte Elaios, denn das Wasserwesen sah genau zu ihnen und presste sein Gesicht näher an die Kuppel, um besser sehen zu können.

Idya konnte gerade noch beobachten, wie einer von den Menschen zu ihm kam und den Arm um ihn legte, um ihn zu sich zu drehen. Dann zerrte Elaios sie aufgebracht weiter weg, damit sie im trüben Wasser verschwammen und endlich unsichtbar für die Fremden wurden. Lieber sollten sie sich nach ihren Tieren umsehen, die gelangweilt im Wasser trieben. Der erste Hunger schien beseitigt. Außerdem hatten sich noch ein paar andere dazu gesellt.

Es war also besser, ihre Tiere einzufangen, denn es kam schon einmal vor, dass sich ihre Delphine den Freien anschlossen. Er schwamm etwas höher, so dass Kasya ihn sehen konnte und winkte sie zu sich. War zu hoffen, das Soraya mit ihr kam und sie wieder zurück zur Rescue-Kuppel konnten.

Sie schienen Glück zu haben, denn auch die zweite Dame folgte. Noch einmal sah sie sich zu den wilden Delphinen um, doch dann kam sie zu Idya, die stolz lächelte und ihre Lieblingsdame an sich drückte. Sie hängten sich an die Rückenflossen der Tiere und kehrten zur Kuppel zurück, Idya aber wirkte nachdenklich dabei. Auch als sie durch die Schleuse ins Becken zurück tauchte.

Elaios begrüßte die anderen Delphine, bevor er sich ganz aus dem Becken zog. Archiaon kam zu ihm rüber und fragte, warum die Delphine einfach raus geschwommen waren. „Sie sind einem Heringsschwarm gefolgt. Wir sind ihnen gefolgt und haben eine weitere Kuppel gefunden, aber es ist keine von unseren“, sagte er und erst jetzt wurde ihm wirklich klar, was das bedeutete. „In der Kuppel gab es Gebäude und sie ist bewohnt. Von verschiedenen Wesen. Wir haben einen Wassermensch gesehen, pelzige Wesen, die nicht menschlich waren und noch eine dritte Gruppe, die menschlich aussahen, aber bei denen wir nicht wissen, ob es auch Wassermenschen waren.“

„Bitte was?“, fragte Archiaon, wenn es auch nur eine rhetorische Frage war. Seine Freunde schliefen, denn die Entführung und die Verletzungen steckten ihnen noch in den Knochen. Dass Archiaon eigentlich auch liegen und sich ausruhen sollte, ignorierte er großzügig. Hier ging es immerhin um eine unglaubliche Entdeckung!

„Wie weit von hier?“, fragte er und rollte die Karte wieder auf den Tisch. Er wusste, dass es keine Atlantis-Kuppeln mehr hier oben gab. Da war er sich wirklich sicher. Doch was war es dann? Etwa schon die Menschen? Oder hatte Elaios etwas entdeckt, was er besser nicht hätte entdecken sollen?

Idya und Elaios folgten ihm und nach kurzem Überlegen grenzten sie das Gebiet, in dem die Kuppel stehen sollte ein. „So nah an der Küste?“, murmelte Archiaon. „Und da waren unbekannte Wesen? Das kann keine von unseren sein. So weit draußen, gibt es keine. Von dieser hier haben wir ja schon nichts gewusst.“

Verdammt!, dachte er bei sich. Das hätte nicht passieren dürfen. Elaios und Idya waren auf etwas gestoßen, von dem sie besser nichts wussten. Blieb nur zu hoffen, dass sie die Existenz hinnahmen ohne weitere Nachforschungen anzustellen, doch so wie Elaios guckte, konnte Archiaon darauf nicht hoffen. Er musste ihn also ablenken.

„In zwei Stunden ist der Suchtrupp hier. Wir werden vorerst alle zurückkehren“, sagte er also und fixierte die drei kleinen Inseln vor Neo New York stumm.

„Ihr solltet euch noch etwas ausruhen, damit wir so früh wie möglich aufbrechen können.“ Archiaon schüttelte den Kopf, als Idya etwas einwenden wollte. „Wir müssen zurück. Es müssen Entscheidungen bezüglich der Wettkämpfe getroffen werden und da müsst ihr dabei sein.“

Elaios wollte noch etwas sagen, doch er schwieg, genauso wie seine Freundin, die nur zum Fenster hinaus blickte und seufzte. Was sollte das denn? Seit wann seufzte Idya? Elaios ahnte nichts Gutes, doch er schwieg sich lieber aus. Wenn sie zurück waren und eingespannt wegen der Ereignisse der letzten Tage, dann würde sie schon wieder zu Verstand kommen. Ab und an brauchte eben jeder eine Auszeit. Er selbst verdrängte ja auch bisher recht erfolgreich, was Archiaon ihm gesagt hatte. Verschämt sah er sich zum Senator um.

Der sah ihn lächelnd an und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Ich habe mir Sorgen gemacht, als ihr so plötzlich raus geschwommen seid. Ruht euch aus, ihr hattet noch keine Pause. Ich habe etwas zu essen warm gemacht.“ Archiaon sprach zwar von Idya und Elaios, aber seine Augen sagten klar, dass er sich um Elaios gesorgt hatte.

Das bekam Idya aber zum Glück nicht mit, denn sie starrte immer noch aus dem Fenster, solange bis Atlas schnatterte, denn er war als wohl erzogener Delphin schließlich nicht draußen gewesen, um sich den Bauch voll zu schlagen und so gelang es ihm, Idya dazu zu überreden, Futter rauszurücken.

„Wir waren nicht in Gefahr, mach dir keine Sorgen“, sagte Elaios leise und sah kurz zu den Schlafkojen, in denen es ruhig war, ehe er sich an den Senator lehnte, aber nur kurz. Dann straffte er sich wieder.

Archiaon genoss die kurze Schwäche und lächelte. „Komm mit und zieh den Anzug aus. Ich werde dich massieren.“ Er griff Elaios´ Hand und zog ihn zu einer der Kojen. Alle anderen schliefen und es war nicht ungewöhnlich, dass Athleten sich untereinander die verhärteten Muskeln lockerten.

Idya schien zwar Bescheid zu wissen, doch sie hatte anderes im Kopf. Zumindest machte sie keine Anstalten, sich um die beiden zu scheren.

„Ich hatte dir Bettruhe verschrieben, was turnst du eigentlich hier herum?“, fragte Elaios leise. Im Laufen löste er die ersten Verschlüsse des Anzugs. Er wollte nicht, dass jemand bemerkte, wie er den Sentator maßregelte, es war ihm peinlich, dass er sich vor seinem Ausflug nicht unter Kontrolle gehabt hatte. So ging man mit Archiaon einfach nicht um!

„Ich turne nicht, ich habe nur dafür gesorgt, dass meine Mitstreiter etwas zu essen bekommen.“ Archiaon lachte und es war ein schönes Gefühl, dass Elaios sich Sorgen um ihn machte. „Meine Rippen tun nicht mehr sehr weh, mach dir also keine Sorgen, dass ich mich überanstrenge.“

„Mach ich mir aber“, knurrte Elaios und streifte den Anzug über Rücken und Brust ab, so dass er bis auf die Leiste hinab rutschte. Dann streckte er sich, denn die Anzüge saßen so eng, dass sie einen manchmal etwas einengen konnten. Das war eben der Kompromiss, wenn man Sicherheit brauchte. „In ein paar Stunden wird dich ganz Atlantis wieder bestürmen, da solltest du fit sein und nicht bei jeder Bewegung zusammen zucken.“ Aus dem Augenwinkel beobachtete Elaios den Senator.

„Nein, ich sollte jede Minute, in der ich dich bei mir habe genießen und das habe ich vor.“ Archiaon gab Elaios eine Hose und deutete auf das Bett. „Dusch dich ab und dann leg dich hin. Ich hole dir etwas zu essen und zu trinken.“

Unschlüssig blieb Elaios zurück, denn er konnte die Worte des Senators nicht richtig deuten. Was erwartete der Mann jetzt von ihm? Schließlich hatte er ihm eindeutige Signale gegeben, ihm klar gemacht, was er in Elaios sah. Der junge Athlet wurde wieder unsicher, denn er fürchtete, dass er Archiaon nicht das geben konnte, was der vielleicht erwartete. So zog er sich in das kleine Bad zurück um zu duschen. Das Salz klebte auf der Haut.

Als er wieder in den Hauptraum kam, stand ein Glas Wasser und eine dampfende Schale Suppe auf dem Tisch, an dem schon Idya saß. Sie aß immer noch tief in Gedanken versunken und merkte wahrscheinlich noch nicht einmal, dass Elaios sich zu ihr setzte.

„Hey“, versuchte er es leise, suchte mit den Augen aber Archiaon, der gerade bei den Delphinen war. Erst jetzt fiel ihm auf, dass die beiden toten Sharker nicht mehr zu sehen waren. Was mit denen wohl passiert war? Doch Elaios wagte nicht zu fragen, begann lieber zu essen. Doch dass Idya ihn dermaßen ignorierte, ging ihm gegen den Strich, er schnickte ihr also gegen die Stirn.

„Aua!“ Idya schreckte auf und strich sich über die schmerzende Stelle. „Spinnst du? Was soll denn das?“, schimpfte sie und sah ihren Freund empört an. Archiaon drehte sich weg, damit Idya sein Lachen nicht sehen konnte. „Du bist völlig abwesend. Was ist los?“, fragte Elaios und rieb sich über den Arm. Idya hatte ihn nämlich noch gekniffen, weil sie es nicht mochte, wenn man sie erschreckte.

„Ich bin was?“, knurrte sie und stocherte in ihrer Suppe herum. Wenn sie ehrlich war, wusste sie nicht einmal, wie die hier her gekommen war, doch das war egal. Niemand hatte sie – warum auch immer – zu schnicken! „Bin ich überhaupt nicht!“, erklärte sie also noch trotzig und sah wieder aus dem Fenster. Irgendwo in dieser Richtung lag die Kuppel.

„Nein, natürlich nicht, darum musste ich dir ja auch gegen die Stirn schnicken, damit du mich bemerkst.“ Elaios schüttelte lachend den Kopf. „Er geht dir nicht aus dem Kopf, oder?“, fragte er leiser, denn er wollte nicht, dass noch jemand etwas mitbekam, auch nicht Archiaon.

Idya machte große Augen, doch so wie sie guckte und so wie sich jetzt hinter ihrer hohen Stirn Floskeln zu suchen schien, um alles abzustreiten, war Elaios klar, was los war. Egal was Idya sagte oder auch nicht und sie wusste das nur zu gut. Also senkte sie den Kopf. „Er sah toll aus!“, seufzte sie und legte den Kopf in die Hände.

„Wusste ich es doch“, murmelte Elaios grinsend. Hatte sein Gefühl ihn also nicht getrogen. Er zog Idya an sich, denn das, was er jetzt zu ihr sagen musste, würde ihr nicht gefallen. „Vergiss ihn besser, Süße. Wir wissen nicht, wer diese Kuppel gebaut hat und wer diese Typen sind.“

„Ach, halt doch die Klappe“, knurrte Idya leise und machte sich wieder los. Dabei sah sie Elaios verletzt an. Es lag ihr etwas auf der Zunge, doch das wäre nicht fair gewesen. Elaios war ihr Freund und tief in ihrem Inneren wusste sie sogar, dass er Recht hatte. Doch das hieß noch lange nicht, dass sie das auch annehmen musste. „Er sieht traumhaft aus. Ich muss ihn noch einmal sehen. Vielleicht ist er ja sehr nett.“

„Das will ich auch gar nicht abstreiten, Idya.“ Elaios wusste, dass er seiner Freundin nichts ausreden konnte, was sie sich in den Kopf gesetzt hatte. „Bitte sei vorsichtig und zeig dich nicht. Er mag ein Wassermensch sein, aber das heißt nicht, dass er nicht freiwillig dort ist. Die anderen können gefährlich sein.“

„Warum soll er freiwillig da sein? Kannst du mir das mal sagen? Warum soll er da in der Kuppel bei diesen komischen schwarzen Dingern leben wollen, wenn ihm der ganze Ozean offen steht?“ Wieder stocherte sie auf ihrem Teller herum, steckte sich aber einen Löffel Suppe in den Mund, ehe sie noch ganz kalt wurde. Und trotzdem ging ihr der junge Mann mit den hellen Haaren nicht aus dem Kopf. Was wenn er wirklich Hilfe brauchte? Wie konnte Elaios sich so sicher sein?

„Idya, ich weiß nicht, ob er dort freiwillig ist, oder nicht, aber er wirkte nicht gequält und er hat mit diesen schwarzen Dingern, wie du sie nennst, gelacht.“ Elaios sah seine Freundin entschuldigend an. „Ich weiß, das willst du nicht hören, aber wir wissen noch viel zu wenig. Beobachte ihn, damit du entscheiden kannst, ob wir mit ihm Kontakt aufnehmen sollen, oder nicht.“

„Und ob ich ihn beobachten werde. Du wirst schon sehen, dass dort einer von unseren festgehalten wird“, knurrte Idya, schwieg aber, als Archiaon sich zu ihnen setzte. Vor dem Senator musste das wirklich nicht ausgebreitet werden.

„Ich werde hier bleiben und die Kuppel wieder aufräumen“, erklärte sie stattdessen und Elaios verschluckte sich an seiner Suppe, hustete gequält ehe er heiser erklärte, dass die junge Dame wohl noch zu retten wäre.

Archiaon sah zwischen Idya und Elaios hin und her und räusperte sich kurz, damit beide ihn ansahen. „Idya, es ist löblich, dass du hier aufräumen möchtest, aber erst musst du mit zurück nach Atlantis kommen. Du kannst gerne in ein paar Tagen die Runde durch alle jetzt benutzten Rescue-Kuppeln machen und das was verbraucht wurde, auffüllen.“

Man sah der jungen Frau an, dass sie davon nicht so angetan war, wie sie vielleicht sein sollte, denn Idya war kein Mensch für Kompromisse. Doch auch ihr war klar, dass man dem Sentator nicht widersprach in einer solch wichtigen Sache, nur weil man sich vielleicht unter Umständen eventuell ein ganz kleines bisschen verliebt hatte in einen Kerl, den man gerade einmal drei Minuten gesehen hatte und der nicht einmal wusste, dass man existierte.

Noch weniger machte es einen guten Eindruck, wenn man selber für den Senat kandidierte, denn der Senator entschied, wenn zu viele Athleten die Prüfungen bestanden hatten.

„Hm“, machte sie also, um zu zeigen, dass sie verstanden hatte.

Sie war so offensichtlich unzufrieden, dass Archiaon nicht anders konnte, als ihr behilflich zu sein. Schließlich hatte sie ihr Leben ebenfalls aufs Spiel gesetzt, um ihn zu retten. „Du übernimmst am besten die nördlichsten Kuppeln und lass dir Zeit dabei, die Spiele werden mindestens für zwei Wochen unterbrochen.“

„Aber trotzdem kommst du erst einmal mit nach Hause!“, erklärte Elaios noch einmal, nicht dass Idya das Entgegenkommen noch missinterpretierte. „Deine Eltern machen sich Sorgen und Soraya vermisst ihr Junges.“ Er wusste, dass er Idya mit ihrem Leittier immer ein schlechtes Gewissen machen konnte. Und er schämte sich auch dafür, dass er ihre Schwäche ausnutzte. Doch der fremde Kerl brachte sie dermaßen durcheinander, dass Elaios Sorge hatte, Idya vergaß alles um sich herum, vor allem die Vorsicht.

Idya nickte, auch wenn es erst so schien, als ob sie noch etwas erwidern wollte. Elaios sah kurz zu Archiaon und lächelte. Ohne den Senator wäre die Diskussion wohl noch etwas länger gegangen. Mit rot schattierten Wangen dachte er daran, dass Archiaon ihn massieren wollte und rollte unwillkürlich mit den Schultern. Gebrauchen konnte er die Massage auf jeden Fall.

Doch so wie vorher konnte er die Berührungen nicht mehr hinnehmen. Er wusste jetzt, dass dahinter mehr steckte als das bloße Angebot zur Massage und er wusste noch immer nicht, wie er damit umgehen sollte. Eines musste man dem Mann lassen, er fühlte sich gut an, er war nett, sportlich, intelligent und hatte noch ein paar mehr guter Eigenschaften. Ihn an seiner Seite zu haben, konnte nicht das schlechteste sein, doch war Elaios für solch einen Schritt bereit.

„Hallo!“

Er zuckte hoch, als etwas gegen seine Stirn schnickte und Idya grinste gehässig, als er sich über die malträtierte Stelle rieb.

„Ich rede mit dir! Merkst du das?!“

„Das tut weh. Spinnst du?“, maulte Elaios und wiederholte so fast die gleichen Worte wie Idya, als er ihr gegen die Stirn geschnickt hatte. Sie mussten beide grinsen. Idya ließ doch keine Gelegenheit aus, um ihn zu ärgern. „Was hast du denn gesagt?“, fragte er darum und nahm noch einen Löffel Suppe.

„Ich wollte wissen, ob du mich begleiten wirst, um die Kuppeln aufzufüllen. Das wäre ein gutes Training für die Tiere und für uns auch“, schlug sie vor und Elaios legte den Kopf schief. Noch vor einem Tag hätte er sofort zugesagt. Training ließ er sich nie entgehen – doch jetzt? Er hätte gern etwas Zeit mit dem Senator verbracht, ausgelotet wie es zwischen ihnen stand. Doch ihm wurde schnell klar, dass das in den nächsten Tagen sowieso nicht passieren würde, weil Archiaon zu viel um die Ohren haben dürfte.

„Sicher“, sagte er darum und nahm sich vor, darüber mit Archiaon noch zu reden. „Ich lass dich doch nicht alleine durch unsichere Gewässer schwimmen.“ Idya war zufrieden mit der Antwort, auch wenn sie Elaios anblitzte. „Gute Entscheidung, denn du hast Training nötig, wenn du in den Senat willst“, stichelte sie noch, weil sie sich ein wenig rächen wollte.

„Das sagt mir jemand, der sich so schnell ablenken lässt?“, schoss Elaios zurück und grinste frech, bis er unter dem Tisch getreten wurde. Ihm traten die Augen aus den Höhlen und ließen Archiaon lachen und weil er Senator war und wichtig entging er selber einem Tritt.

„Lass uns flüchten, bevor wir gemeuchelt werden“, lachte Archiaon und zog Elaios mit hoch, als er aufstand. Er ging mit dem jungen Athleten im Schlepptau zu einer der Kojen und deutete auf die Liegefläche. „Mach es dir bequem, ich hole die Lotion.“ In den Kuppeln gab es kein Massageöl, da mussten sie sich mit der Hautlotion begnügen, die es in allen Kuppeln gab, um Hautprobleme durch das Salzwasser zu vermeiden.

Idya sah ihnen nach, doch sie sagte nichts. Stattdessen sah sie noch einmal nach den beiden Senatsmitgliedern. Doch die schliefen. Also setzte sie sich an die Fenster und wartete. Schließlich sollte bald der Rettungstrupp eintreffen. Und wie es dann weiter ging, mussten sie wohl spontan entscheiden. Es war eher unwahrscheinlich, dass die Retter nur anschlugen und gleich zurück wollten. Sowohl sie als auch ihre Tiere würden Ruhe brauchen.

Die Tiere brauchten auch Futter, darum holte sie noch Fisch, um ihn aufzutauen. War nur zu hoffen, dass die Vorräte reichten, denn die Delphine fraßen nicht gerade wenig. Auf ihrem Weg kam sie bei der Koje vorbei, in der Elaios lag und von Archiaon massiert wurde. Ein wenig neidisch war sie ja schon, denn eine Massage würde ihr auch gefallen.

Doch sie wandte sich wieder ab, sie wollte nicht stören.

Elaios lag auf dem Bauch und hatte die Augen geschlossen. Es war unglaublich angenehm, die kräftigen Hände über Rücken und Arme gleiten zu spüren. Der sanfte Druck, das wärmende Reiben – es war schön. Auch wenn die Hände tiefer glitten und kurz über dem Bund der Hose streichelten.

Archiaon genoss die Massage nicht weniger und er gab sich Mühe, dass Elaios sie vielleicht nicht vergessen würde. Die straffen Muskeln fühlten sich gut unter seinen Fingern an und eigentlich wollte er nur darüber streicheln, aber er beherrschte sich und lockerte die verhärteten Muskeln.

Noch hatte ihm der junge Mann keine Antwort gegeben und er hatte versprochen, ihm Zeit zu lassen. Jetzt konnte Archiaon beweisen, was sein Wort wert war. So lockerte er die Verspannungen und sie redeten leise ein bisschen über das, was in den letzten Tagen passiert war.


09

„Da kommen welche!“, rief Idya ganz aufgeregt, als sie einen Trupp Atlanter ins Licht der Außenbeleuchtung schwimmen sah.

„Schade“, murmelte Archiaon und streichelte noch einmal über Elaios’ Schulter, dann erhob er sich. Jetzt musste er wieder der Senator sein und er glaubte nicht, dass sie noch einmal ein paar ungestörte Minuten haben würden. „Dann lass uns alles vorbereiten, Idya. Sie werden erschöpft sein.“

„Bin schon dabei!“ Die junge Frau rotierte bereits in der kleinen Küche, sie brühte altmodisch Tee aus Zuckeralgen und erhitzte die Speisen, die sie aus dem Vorratsschrank genommen hatte. Die Konservenvorräte senkten sich langsam dem Ende zu. Wenn es nicht reichte, mussten sie zurück zu der anderen Kuppel, um sich einzudecken.

Reges Treiben war rund um die Kuppel. Was die Delphine im Becken ganz nervös machte, dann kamen die ersten Menschen aus der Schleuse.

Der Trupp war größer als Archiaon gedacht hatte. Die Rescue-Kuppel war nicht für so viele Menschen ausgelegt. Es gab acht Kojen, aber alles in allem waren sie jetzt elf Personen und fast doppelt so viele Delphine. Sie mussten also so schnell wie möglich aufbrechen, wahrscheinlich morgen in aller Frühe.

Doch jetzt brauchten sie erst einmal für jeden einen Platz. Aber als erstes wollte jeder der Retter sehen, dass es dem Senator gut ging und so wurde der Mann von einem zum anderen gereicht und der mitgereiste Arzt ließ sich nicht davon abhalten, den eher unleidlichen Patienten zu untersuchen, der darauf bestand, dass seine Freunde es nötiger hätten, denn sie wären nur notversorgt worden. Vom Trubel waren die beiden Senatsmitglieder sowieso wach geworden, da konnten sie auch untersucht werden.

„Senator...“, versuchte der Arzt noch einen Einwand, aber eine herrische Geste von Archiaon brachte ihn zum Schweigen. „Ich weiß es zu schätzen, dass ihr euch um mich Sorgen macht, aber Elaios wird mich noch einmal mit der Salbe einreiben, dann bin ich versorgt. Kümmert euch lieber um Pylos und Kasames. Ihre Verletzungen sind schwerer.“

„Natürlich.“ Hastig nickte der Arzt mit dem Kopf und einer der Retter folgte ihm mit seiner Tasche, während ein paar andere sich um die Tiere kümmerten und sich dort mit Idya bekannt machten. Elaios stand etwas abseits und beobachtete das Bild. So kannte er Archiaon, genau so. Der war ihm vertraut, doch der sanfte, leise, menschliche – der hatte ihm besser gefallen.

Archiaon sah zu Elaios rüber und der nachdenkliche Blick ging ihm durch und durch. Um nicht unglaubwürdig zu werden, holte er den Salbentiegel und ging zu Elaios rüber. „Worüber denkst du nach?“, fragte er leise, damit die anderen nichts mitbekamen.

Er lehnte sich neben dem jungen Athleten gegen die Wand und drückte ihm die Salbe in die Hand. Elaios sah ihn an und wusste nicht, ob er ehrlich oder diplomatisch sein sollte. „Ich bekomme die beiden Bilder, die ich von dir habe nicht übereinander. Irgendwie guckt immer etwas hervor, was nicht passt“, sagte er schlussendlich, Archiaon hatte schließlich gefragt.

Archiaon war froh, dass Elaios ehrlich antwortete. „Der Senator, den du gerade gesehen hast, ist ein Teil von mir, genauso wie der Mann, der ich hier bin. Sie sind nicht immer getrennt, so wie jetzt, aber du kanntest bisher nur den offiziellen Archiaon. Wenn du im Senat bist, wirst du merken, dass es keine zwei Bilder gibt, sondern nur einen Mann, der Fehler und Stärken hat, wie jeder andere auch.“

Elaios nickte. „Ich verstehe schon. Es ist mir auch klar und ich scheitere trotzdem“, sagte er leise, stieß sich dann aber von der Wand ab, denn sie wurden schon wieder von den Fremden bestürmt. Eigentlich waren sie nicht fremd, Elaios kannte jedes der Gesichter. Ein Teil davon war selbst im Senat und so machte er Platz für die, die dem Senator näher standen. Er wollte noch eine kleine Runde mit den Tieren drehen – auf so engem Raum bekamen sie bestimmt schnell einen Lagerkoller.

Erst wollte Archiaon ihn zurückhalten, aber ließ es dann doch sein. Elaios wäre es nicht recht, wenn er ihn auf diese Weise beschämen würde. Darum wandte er sich an Menidos, der am nächsten bei ihm stand. „Wisst ihr, ob die anderen Athleten viele Verletzungen haben?“, fragte er, um ein Gespräch anzufangen.

„Es hält sich in Grenzen“, sagte der junge Arzt. Er war mit seiner Ausbildung noch nicht fertig, assistierte Draco aber, sooft er konnte. „Ein Großteil ist mit Prellungen und blauen Flecken davon gekommen. Aber drei haben sich etwas gebrochen. Die Genesung wird länger dauern als nur zwei Wochen, schätze ich. Wir müssen entscheiden, was mit den Spielen passieren soll. Sie so lange auszusetzen...“ er ließ den Satz offen und beobachtete den jungen Athleten, der fluchtartig zur Schleuse unterwegs war.

„Hm.“ Archiaon strich sich über das Kinn und runzelte kurz die Stirn, weil er Stoppeln spüren konnte und das mochte er gar nicht. Er dachte jetzt aber nicht weiter darüber nach, sondern beschäftigte sich wieder mit ihrem Problem. „Wie lange würde es dauern, bis sie wieder an den Kämpfen teilnehmen können?“, fragte er, denn er brauchte mehr Informationen.

„Mindestens sechs Wochen, wenn sie eine Chance haben sollen“, erklärte Menidos gleich, denn er ließ sich da gar nicht erst auf Spekulationen ein. Es gab Experimente, Knochen schneller heilen zu lassen, doch für ihn war das alles Scharlertanerei! Die Biologie konnte man nicht beschleunigen, das war zumindest seine Meinung.

„Sechs Wochen“, murmelte Archiaon und sah zu Pylos rüber. Das war zu lange. Die Spiele waren zeitlich so gelegt worden, dass das Ende ungefähr vier Wochen vor der neuen Amtsperiode lag und das war ein fixer Termin, der nicht geändert werden konnte.

„Wir sollten die Spiele nicht länger als zwei Wochen aussetzen und nicht alle Posten besetzen. Lassen wir zwei offen und machen noch einmal einen kleinen Wettstreit für die, die jetzt nicht teilnehmen können. Ich weiß, dass es ungewöhnlich ist und noch niemals gemacht wurde, aber ungewöhnliche Zeiten verlangen ungewöhnliche Taten.“ Menidos zuckte die Schultern. Etwas Besseres fiel ihm nicht ein, um einigermaßen fair zu allen zu sein.

„Ja, das wäre eine Möglichkeit. Oder wir warten bis alle mitmachen können und verkürzen die Spiele.“ Archiaon war von beiden Möglichkeiten nicht sonderlich begeistert, aber sie mussten wohl eine von beiden nehmen, wenn nicht noch jemand einen besseren Vorschlag machte. Er musste eine Senatssitzung einberufen, sobald er wieder in Atlantis war, damit sie abstimmen konnten.

„Fair geht anders“, nuschelte Elaios, der mitgehört hatte. Die Spiele zu verkürzen hieß entweder, die Ruhetage zu streichen oder Disziplinen auszulassen, beides würde einen Teil der Athleten um Punkte bringen. Doch er äußerte sich nicht dazu, es stand ihm nicht zu. Er sah noch einmal zurück, dann tauchte er mit dem ersten Delphin nach draußen.

Archiaon seufzte leise, als Elaios abtauchte, widmete sich aber wieder Menidos. „Wir werden sehen, welche Lösung wir finden. Ich werde gleich durchgeben, dass ihr wohlbehalten angekommen seid und wir sobald wie möglich eine Sitzung einberufen. Was glaubst du, wann können wir aufbrechen?“

„Ein Teller Suppe und eine Runde Schlaf, dann sollten wir uns auf den Rückweg machen. In Atlantis Nord 035 steht alles Kopf“, sagte ein junger Mann. Kyrill war das erste Mal im Senat gewesen und noch sehr jung. Er war ein Ausnahmeathlet und eher bescheiden, zurückhaltend und besonnen. Wenn er sprach, hatte er vorher alles abgewägt. „Wenn wir im moderaten Tempo reisen, werden die Tiere auch nicht so sehr belastet. Für die Verletzten haben wir Sarkophage dabei.“ Doch die lagen vor der Kuppel.

„Das ist gut.“ Archiaon nickte zufrieden. „Bei den Kojen wird es etwas problematisch. Elaios und ich werden uns eine teilen, wenn er damit einverstanden ist. Ihr braucht euren Schlaf dringender als wir.“ Es war nicht ganz uneigennützig, dass der Senator das anbot, so hatten sie noch ein wenig Zeit zusammen. War nur zu hoffen, dass Elaios das auch wollte.

Der junge Athlet schwamm gerade zusammen mit einem Rudel Delphine am Fenster vorbei und winkte, dann war er auch schon wieder weg. Archiaon seufzte lautlos. Der Kerl brachte ihn noch völlig um den Verstand. Wäre es wirklich eine gute Idee, ihn im Senat zu haben? Jeden Tag vor Augen? War er denn dann noch in der Lage auch nur eine einzige Entscheidung zu treffen? Doch dazu musste er erst einmal wieder den Sprung in den Senat schaffen.

„Hab ein paar Dosen warm gemacht, kommt essen!“ Idya schleppte einen großen Topf auf den Tisch.

Die Männer kamen auch gleich zum Tisch und ließen sich ihre Teller füllen. Sie hatten Hunger. Sie waren schließlich lange unterwegs gewesen. Idya kam kaum mit dem Nachfüllen hinterher, wie die Teller gelehrt wurden. Sie war ein wenig verlegen, weil sie so sehr gelobt wurde für ihr köstliches Essen.

Dabei hatte sie doch nur ein paar Konserven aufgemacht und im Topf erhitzt. Doch das sagte sie nicht, sondern heischte etwas Lob, das passierte sowieso viel zu selten. Nach und nach leerte sich der Tisch. Die ersten hatten sich schon in die Kojen zurückgezogen und die Vorhänge vorgezogen. Einer schnarchte leise. Nur Archiaon stand am Fenster und sah hinaus, Elaios war noch nicht in die Kuppel zurückgekehrt.

Er machte sich Sorgen, auch wenn das eigentlich unsinnig war. Die Delphine waren bei ihm und würden ihn beschützen. Trotzdem versuchte Archiaon mehr zu erkennen, denn mittlerweile war das Wasser um die Kuppel herum undurchdringlich schwarz.

Nur ab und an tauchten Schatten durch die Lichtkegel der Außenbeleuchtung und er atmete erst erleichtert auf, als der erste Delphin zurück durch die Schleuse kam. Elaios allerdings kam als letztes, er wollte sichergehen, dass keines ihrer Tiere über Nacht draußen blieb. Zwar konnten sie rein und raus, wie sie wollten, doch ihm war es lieber, sie waren erst einmal hier.

Elaios leerte die Lunge und kroch aus dem Becken, dabei sah er sich um. „Sind alle weg?“, fragte er irritiert, denn abgesehen von Archiaon war niemand mehr im Raum.

„Sie schlafen. Morgen wollen wir früh los und sie waren den ganzen Tag unterwegs. Es ist noch Suppe da, möchtest du etwas essen?“ Archiaon sah Elaios zu, wie er sich aus dem Anzug schälte. „Du solltest auch schlafen. Es ist noch eine Koje frei.“

„Und du?“, fragte er und grinste leicht. Er ahnte irgendwie, was kommen würde und hatte eigentlich nichts dagegen. Archiaon fühlte sich gut an, er gab ihm das Gefühl, beschützt werden zu können, die Augen schließen zu dürfen, ohne sich Sorgen machen zu müssen. Einmal nicht der Starke sein zu müssen, war nicht das schlechteste. Er hatte ein paar Stunden darüber nachgedacht, während er um die Kuppel geschwommen war und war mit sich überein gekommen, dass es okay war und es ihn nicht unmännlicher machte. Es machte ihn nicht schwächer, nicht langsamer, nicht dümmer – eher im Gegenteil. Es weckte Fähigkeiten in ihm, die er vorher nicht gekannt hatte.

„Ja, also...“, fing der Senator an und grinste zurück. „Entweder versuchen wir, ob wir zusammen in der Koje klar kommen, oder ich werde dir die Schlafstatt überlassen.“ So wie Elaios guckte, glaubte Archiaon allerdings nicht daran, dass er die Nacht auf einem Stuhl verbringen musste.

„Guter Vorschlag. Wenn du dir vier von den Stühlen nimmst, müsstest du der Länge lang drauf passen“, sagte Elaios ernst und deutete auf die Stühle. „Binde am besten die Beine zusammen, dann kann keiner abhauen und dich auf den Boden rutschen lassen.“

„Da drauf?“ Archiaon beäugte die Stühle skeptisch und tippte gegen eine Lehne. „Ich weiß nicht, ob das so gut ist mit meinen Rippen. Das könnte sehr unbequem werden, weil man sich darauf ja gar nicht bewegen kann, ohne runterzufallen“ Er schüttelte den Kopf und sah Elaios bittend an.

„Stimmt, du bist verletzt“, sagte Elaios und guckte gespielt reumütig. „Dann werde ich wohl das Lager mit dir teilen müssen.“ Auf die Idee, selber auf den Stühlen zu schlafen, kam er nicht. Warum sollte er sich die Nacht verderben, wenn es auch anders ging? „Noch mal Salbe und dann schlafen“, schlug er vor und ging zur letzten Koje vor. Dabei sah er über die Schulter Archiaon auffordernd an. „Ich trage dich nicht.“

„Warum nicht?“, lachte Archiaon, beeilte sich aber zu Elaios aufzuschließen. „Ja, machen wir das so. Möchtest du aber nicht vorher duschen? Du solltest das Salz auf der Haut loswerden.“

„Du hast nur Angst, dass du an mir kleben bleibst“, lachte Elaios, wissend dass dies durchaus zweideutig zu sehen war. Doch ehe Archiaon hätte antworten können, war er schon im Bad verschwunden. Er beeilte sich und so war er keine zwei Minuten später wieder beim Senator.

Der hatte sich schon so hingelegt, dass Elaios ihn mit der Salbe einreiben konnte. Mit leuchtenden Augen sah er dem jungen Athleten entgegen und wieder einmal fiel ihm auf, wie gut Elaios aussah. Sein Körper hatte perfekte Proportionen und das Gesicht war klassisch schön. Er hielt den Tiegel lächelnd hoch. „Alles bereit.“

„Rück ein Stück. Ich muss da auch noch hin passen“, erklärte der junge Mann, setzte sich aber schon auf die Kante und zog den Vorhang zu. Es erschien ihm irgendwie angebracht, ohne dass er sagen konnte warum. Er hatte nichts vor, was kein anderer sehen sollte. Lieber bestrich er die Rippen des Senators noch einmal mit der Salbe und massierte die Wirkstoffe vorsichtig in die Haut.

„Morgen trennen sich unsere Wege erst einmal wieder.“

„Ja, das wird wohl leider so sein. Was aber nicht heißt, dass wir uns gar nicht sehen können. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, wenn du es dann auch möchtest.“ Archiaon griff nach Elaios’ Hand und verschränkte ihre Finger.

„Ich werde Idya begleiten, wenn sie die Kuppeln auffüllen will. Im Moment ist sie etwas neben der Spur und da will ich sie ganz bestimmt nicht alleine lassen“, sagte Elaios. Er war selbst noch nicht sicher, ob das wirklich der einzige Grund war oder ob er es sich nicht doch zu kompliziert vorstellte, sich auf Archiaon wirklich einzulassen. Der Mann stand in der Öffentlichkeit, hatte kaum Privatleben. Ihn zu treffen, ohne dass jemand es merkte, war eine Herausforderung, der sich Elaios noch nicht gewachsen fühlte.

Archiaon war enttäuscht, ließ es sich aber nicht anmerken. Freundschaft galt in Atlantis viel und wenn Elaios seine Freundin begleiten wollte, war das sehr ehrenhaft. „Begleite sie“, sagte er darum und lächelte. „Aber bitte melde dich regelmäßig. Wenn ich nichts von dir hören sollte, werde ich dich suchen kommen.“

„Spinner“, lächelte Elaios und legte sich Archiaon in die wartenden Arme. Er zog die Decke über sie und schloss die Augen. Darauf ab morgen wieder zu verzichten, dürfte nicht leicht werden. Doch es war das Beste. „Lass uns schlafen, die Nacht wird wieder sehr kurz werden.“

„Ja“, Archiaon legte die Arme um Elaios und vergrub sein Gesicht kurz in dessen Halsbeuge. Es fühlte sich richtig an, hier mit Elaios zu liegen. „Ich werde dich vermissen“, murmelte er leise und seine Arme zogen sich etwas fester.

„Ich werde nicht aus der Welt sein und vielleicht kommt unsere Zeit noch“, flüsterte Elaios und schob seine Hand vorsichtig in Archiaons Haare. Er sollte so bleiben wie er lag und der junge Athlet schloss die Augen. Ein paar Stunden hatten sie noch, die konnte ihnen keiner nehmen.

„Das wird sie auf jeden Fall“, nuschelte Archiaon und streifte leicht mit seinen Lippen Elaios’ Hals. Es war ihm egal, was er dafür tun musste, aber er würde Zeit mit dem jungen Athleten verbringen. Jetzt hatte er ihn bei sich und das wollte er genießen. Morgen fing der Alltag wieder an und er war der Senator, der Entscheidungen treffen musste.