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Terra 3.0 - Zyklus III - Atlantis Nord 035 - Teil 10-12

10

„Idya!“ Elaios schnaubte. Bildete er sich das nur ein oder war seine Freundin völlig von der Rolle seit beschlossen worden war, dass sie heute aufbrechen konnten, um die Rettungskuppeln neu zu bestücken. Die Lasten waren schon auf die Delphingespanne verteilt. Sie hatten auf weitere Begleitung verzichtet und eigentlich hatte Elaios gehofft, dass Archiaon es doch noch möglich machen und für eine kurze Verabschiedung vorbei kommen konnte. Es war wirklich so gekommen wie sie es erwartet hatten – sie hatten sich die ganze Woche kaum gesehen, weil vieles neu organisiert werden musste.

Idya warf ihm einen bösen Blick zu und wedelte mit den Händen. „Können wir jetzt endlich los, oder muss noch irgendetwas erledigt werden?“ Wenn es nach ihr gegangen wäre, wären sie schon seit Stunden weg. Elaios wollte gerade etwas sagen, als Archiaon auf sie zu gelaufen kam und Idya verdrehte die Augen. Jetzt war ihr klar, warum sie noch nicht unterwegs waren.

Sie war eine der wenigen, die wussten, dass die beiden engeren Kontakt pflegten. Nicht so eng, wie Archiaon das gern hätte, denn dazu hatte in der letzten Woche einfach die Zeit gefehlt, aber abends telefonierten sie ständig. Manchmal bis spät in die Nacht. Sie wusste das, weil es ihr Elaios in einem schwachen Moment erzählt hatte. „War mir klar“, murmelte sie leise und Elaios knurrte, doch er verkniff sich alles, Archiaon war schon bei ihnen.

„Oh, gut, dass ihr noch nicht weg seid. Die Sitzung hat länger gedauert als geplant.“ Archiaon stellte sich neben Elaios und lächelte. Er erwähnte lieber nicht, dass er die Besprechung praktisch abgebrochen hatte, um noch hier her zu kommen. Elaios mochte es gar nicht, wenn er wegen ihm seine Arbeit vernachlässigte. „Habt ihr alles? Ihr solltet auch Waffen mitnehmen. In der letzten Woche wurden vermehrt Haie gesichtet.“

„Daidalos hat uns etwas mitgegeben“, sagte Elaios stolz. Die Erfindung war ganz neu. Sie beruhte auf einem elektrischen Feld, das die Haie daran hinderte, ihnen zu nahe zu kommen. Waffen trugen sie sowieso bei sich, denn das Feld schützte sie nicht vor Sharkern und seit drei von ihnen tot und Sharker an sich sehr nachtragend waren, war es besser, mit allem zu rechnen. Mehr als einmal hatte Archiaon versucht, den beiden eine Eskorte mitzugeben, aber sie hatten abgelehnt.

„Das ist gut.“ Archiaon war etwas beruhigt, auch wenn er sich immer noch Sorgen machte. Idya entfernte sich ein wenig, damit die beiden Männer sich ungestört unterhalten konnten. „Passt auf euch auf und meldet euch regelmäßig. In einer Woche fängt der Wettkampf wieder an, also verausgabt euch nicht völlig.“

„Ja, ich weiß“, sagte Elaios leise. Er hatte Archiaon noch nicht gesagt, dass er mit dem Gedanken spielte, vielleicht nicht anzutreten. Er fühlte sich plötzlich nicht mehr bereit für den Senat, nicht nachdem er dank Archiaon intensiver in die Aufgabenbereiche hineingeschnüffelt hatte. Aber er hatte noch eine Woche sich zu entscheiden, vielleicht schwenkte er ja doch noch um. „Ich melde mich, wenn wir die erste Kuppel erreicht haben. Wird aber sicherlich spät werden. Der Weg ist weit und die Tiere müssen viel ziehen.“

„Ist egal, wie spät es ist. Wir müssen auch nicht lange reden, ich möchte nur wissen, ob es dir gut geht.“ Archiaon grinste schief, denn Elaios verdrehte schon wieder die Augen. Sie hatten schon oft darüber geredet und Elaios hatte mehr als einmal betont, dass er kein Kind mehr war, auf das man aufpassen musste.

„Willst du einen Sohn adoptieren oder einen Gefährten finden?“, fragte er leise und grinste frech. So bekam er Archiaon meistens, weil der dann wiederum anfing zu erläutern, dass er ja wüsste, dass Elaios kein Kind mehr wäre und sowieso und überhaupt. Doch dazu kamen sie heute nicht, denn Idya – getrieben von Ungeduld – schleuste die ersten Delphine nach draußen. Es gab kein zurück mehr.

Archiaon zog Elaios an sich, denn sie waren alleine, und hauchte ihm einen sanften Kuss auf die Lippen. Das hatte er sich bisher noch nicht getraut, aber jetzt, wo der junge Athlet weg ging, nahm er seinen Mut zusammen. Schließlich waren sie alleine hier, so dass keiner sie dabei beobachten konnte. „Ich freue mich schon darauf, wenn du wieder da bist.“

„Ich auch.“ Elaios war verlegen und machte, dass er davon kam. Er huschte zu seinen Tieren ins Becken und sah sich noch einmal um. „Arbeite nicht zu viel und vernachlässige das Training nicht“, riet er noch, ehe er das Gel in die Lunge applizierte und untertauchte. Er und Kasya waren die letzten, die die Schleuse passierten. Idya sah ihn schon wartend an. >>Hab euch gesehen<<, signalisierte sie grinsend. Dann schwamm sie los.

So konnte sie nicht sehen, wie Elaios Farbe annahm. Er sparte es sich, darauf zu antworten, denn Idya konnte es doch nicht sehen. Er griff sich lieber Kasyas Geschirr und folgte seiner Freundin. Er freute sich schon auf die kommenden Tage, denn da hatte er die Ruhe nachzudenken und sich mit Idya zu unterhalten, denn das war die letzte Woche auch zu kurz gekommen.

Vielleicht konnte sie ihm dem Denkanstoß geben, den er brauchte.

Stunde um Stunde durchschnitten sie das Wasser. In einer Rettungskuppel hatten sie kurz gehalten und einen kurzen Lagebericht gegeben, doch dann waren sie auch schon wieder auf dem Weg gewesen. Die Erinnerungen an das Unwetter kamen wieder und so stürmten sie nicht wie sonst die Klippe nach oben, sondern tasteten sich besonnen heran.

Aber heute war das Wasser ruhig und klar, so dass sie weit über das Plateau sehen konnten. Sie ließen die Delphine wieder schwimmen und erreichten nach kurzer Zeit die Rescue-Kuppel, die ihnen bei dem Sturm das Leben gerettet hatte. Es hatte etwas Vertrautes, als sie durch die Schleuse tauchten, damit sie hier übernachten konnten. Fast als würden sie nach Hause kommen.

Sie verfrachteten die Kisten mit den Vorräten nach drinnen, auch die für die neue Kuppel lagerten sie lieber drinnen. Man wusste ja nie, wer nachts um die Kuppeln schlich. Auch wenn es Idya nicht passte, mussten sie hier rasten. Die Tiere brauchten Ruhe und sie selbst konnten auch einen Happen essen und eine Mütze Schlaf gut vertragen. Sie schwiegen, während sie die Kisten verstauten, erst auf dem Beckenrand sahen sie einander an. „Und?“, fragte Elaios.

Idya zuckte mit den Schultern. „Ich will weiter, aber heute geht das nicht mehr. Bis zur neuen Kuppel schaffen wir es nicht mehr.“ Sie seufzte. Auch wenn sie die Notwendigkeit einsah, musste es ihr nicht gefallen. „Aber zumindest geht es dir nicht besser, du vermisst auch jemanden“, grinste sie frech, denn wenn sie Elaios ärgern konnte, dann ging es ihr besser.

„Was soll das denn heißen?“, schoss Elaios gleich zurück. Bei ihm galt immer noch die Devise abstreiten, so lange nichts schriftlich gegen ihn sprach. „Ich vermisse niemanden“, knurrte er. Im Augenblick stimmte das auch. Doch er wusste, dass er sich in den wenigen Tagen, die sie zusammen verbracht hatten, viel zu sehr daran gewöhnt hatte, nicht allein zu schlafen, dass es ihm jetzt schwer fiel. Doch er war ein Mann, er stand darüber.

Idya kannte diese Taktik und darum wusste sie, je mehr Elaios abstritt desto mehr war sie der Wahrheit nahe gekommen. Darum lachte sie und schüttelte den Kopf. „Er ist nett“, sagte sie leise und sie bekam einen verträumten Ausdruck, als sie an den Fremden dachte, der dafür verantwortlich war, dass sie jetzt hier war.

„Wer“, wollte Elaios erst fragen, doch das war dann selbst ihm zu kindisch und er grinste schief. „Ja, ist er“, musste er also zugeben und holte tief Luft. Er sah Idya an und wusste nicht, wie er anfangen sollte. Er wollte reden, doch er wusste nicht wie und er wusste nicht worüber. Gab es denn überhaupt etwas zu reden?

„Und ich nehme an, du willst morgen früh zeitig los, hm?“, lenkte er also ab, erinnerte sich aber daran, dass er gleich Archiaon noch kontaktieren musste.

„Ja, ich möchte nicht so spät in der Kuppel sein und wir brauchen ein paar Stunden bis dahin.“ Sie war schon ganz aufgeregt und hoffte, dass sie den Fremden wiedersehen konnte. Was sollte sie machen, wenn er nicht mehr in die Kuppel kam? Da wollte sie lieber gar nicht daran denken.

Eine Woche lang zermarterte sie sich jetzt schon den Kopf und der Fremde ließ sie einfach nicht in Ruhe. Dieser kurze Augenblick, als sie ihn sah und er sie eventuell auch gesehen hatte, spielte sich in ihrem Kopf immer wieder ab – wieder und wieder und wieder. Sie konnte nichts dagegen tun.

„Was hast du davon, wenn du ihn siehst?“, fragte Elaios, denn das interessierte ihn wirklich. Für ihn grenzte das an seelische Folter, doch er mischte sich nicht ein. Lieber erhob er sich und streifte endlich den engen Anzug ab.

„Ich muss einfach“, sagte Idya und zuckte mit den Schultern. Sie konnte es auch nicht erklären, aber dieser Mann hatte etwas in ihr zum klingen gebracht, was sie jetzt nicht mehr einfach abstellen konnte. Sie wusste selbst, dass sie auch furchtbar enttäuscht werden konnte, aber das hielt sie nicht ab. Allein die Möglichkeit ihn wiederzusehen, ließ ihr Herz schneller schlagen.

„Du betrachtest ihn von weitem, wirst ihn nie sprechen, nie berühren. Reicht dir das wirklich?“, fragte Elaios und lehnte sich mit einem trocknen Shirt an den Tisch. Wenn er sich vorstellte, ihm würde es so mit Archiaon gehen – er würde das nicht wollen. Nicht seit dem sie sich so nah gewesen waren. Er war in Sorge um seine Freundin. Nicht dass es sie so aus der Bahn warf, dass sie den Wettkampf um die Senatssitze schmiss.

„Warum sollte es nicht möglich sein, ihn zu sprechen oder zu berühren?“, fragte Idya hitzig, denn es war ja nicht so, als wenn sie sich darüber keine Gedanken gemacht hatte. Sie hatte ja genug Zeit dazu gehabt. „Wir haben die Möglichkeit mit ihnen in Kontakt zu treten. Ich überlege, ob ich mich ihnen zeigen soll.“

„Idya. Bist du noch bei Trost?“, fragte Elaios und hoffte, sich verhört zu haben. Sie hatten strenge Auflagen, wenn sie die Atlantis-Kuppeln verließen. Sie hatten andere Völker nicht zu kontaktieren. Nicht auf ihrer Hierarchieebene! Sie konnten doch die Folgen für ihr ganzes Volk gar nicht abschätzen, wenn die Land-Menschen ihnen so feindlich gesinnt waren, wie die Alten erzählten!

Seine Freundin zuckte mit den Schultern. „Ich hab ja nicht gesagt, dass ich es tun werde“, lenkte sie ein und rollte mit den Schultern. Sie schälte sich auch aus ihrem Anzug und ließ sich auf eins der Betten fallen. „Ich kann mir immer noch nicht vorstellen, dass er freiwillig an Land ist.“

„Idya. Du hast doch gesehen, wie er sich benommen hat. Der sah mir aber weder gequält noch entführt aus. Unter Drogen stand der auch nicht. Die anderen waren seine Freunde, nicht seine Peiniger“, sagte Elaios, auch wenn er wusste, dass seine Freundin das nicht hören wollte. So hatte es für ihn eben ausgesehen. Er sah Idya forschend an.

Sie sah ihn nicht gerade glücklich an und er fühlte sich schlecht, ihr ihren Traum zerstören zu müssen. „Ich werde trotzdem zu der Kuppel schwimmen und versuchen ihn zu sehen“, beendete sie die Diskussion und presste die Lippen fest zusammen. Ein sicheres Zeichen, dass sie nicht mehr darüber reden wollte.

„Okay, machen wir“, sagte Elaios und machte sich endlich am Funkgerät zu schaffen, um ihre Ankunft durchzugeben. Archiaon war noch im Senat und so hielt sich Elaios nicht mit langen Gesprächen auf. Er ließ dem Senator nur ausrichten. Dass sie wohlbehalten angekommen waren und trennte die Verbindung.

„Komm, bestücken wir die Kuppel, wenn du morgen früh weg willst.“

Gemeinsam füllten sie die Vorräte auf, so dass die Kuppel wieder komplett bestückt war und in einem Notfall jemanden beherbergen konnte. Danach machten sie sich daran, etwas zu essen aufzuwärmen. Sie hatten kaum ein Wort gewechselt, seit Idya das Gespräch abgebrochen hatte. Erst jetzt drehte sie sich zu ihrem Freund um. „Was ist das mit Archiaon und dir? Seid ihr Gefährten?“, fragte sie, denn sie war neugierig.

„Kommt drauf an, was du darunter verstehst“, sagte Elaios und wollte sich noch ein paar Sekunden verschaffen, in denen er darüber nachdenken konnte, was das zwischen ihnen eigentlich war. Er wusste es nicht.

„Na, der Kuss, den ich heute morgen gesehen habe, macht ja wohl klar, was für Gefährten ich meine“, grinste Idya und freute sich darüber, dass Elaios sehr verlegen wirkte, als sie das sagte. Sie gönnte ihm diese Romanze, auch wenn sie sich erst einmal an den Gedanken hatte gewöhnen müssen.

„Das kam etwas überraschend, ich war darauf nicht vorbereitet gewesen“, gestand Elaios, stritt aber nichts ab. Archiaon hatte ihr Beisammensein auf eine neue Stufe gehoben und eigentlich war das nicht so schlimm gewesen, wie Elaios gedacht hatte. Er hatte sich ausgemalt wie es wäre, sich zu küssen. Sicher anders als mit einer Frau, doch das war es nicht gewesen. Archiaon war sanft und zurückhaltend. Nicht so wie man hinter vorgehaltener Hand über gleichgeschlechtliche Paare redete

„Es war euer erster Kuss?“ Idya riss die Augen auf und schämte sich fast dafür ihn beobachtet zu haben. Aber nur fast. Jetzt war sie erst recht neugierig. Sie brachte den Topf mit der Suppe zum Tisch und sah ihren Freund auffordernd an.

Erst starrte ihr Freund auf den Tisch, vielleicht ließ sie sich weg ignorieren. „Was?“, knurrte Elaios sie nach einer Weile schmerzlich stechender Blicke an, doch Idya wusste, dass das so nicht gemeint war und ließ sich davon nicht einschüchtern. Das wusste er auch aus leidlicher Erfahrung, das hieß aber noch nicht, dass er kampflos aufgab.

„Wie ist es dazu gekommen?“, fragte sie darum augenrollend. Das Elaios auch immer diese Spielchen spielen musste. „Jetzt zier dich nicht so. Das gehört sich nicht, die beste Freundin so zu quälen.“

„Was meinst du?“, stieg Elaios jetzt doch auf das Spiel ein. Er spürte wieder Oberwasser und lehnte sich zufrieden zurück. Dabei sah er Idya fragend an gerade so, als hätte er keinen Schimmer, was sie von ihm erwartete. Dabei wusste er es ganz genau!

„Herr Gott!“, fluchte Idya sehr undamenhaft und war kurz davor sich auf Elaios zu stürzen und ihn zu würgen. „Ich will wissen, wie ihr zusammen gekommen seid? Warum hat er dich ausgewählt und warum überhaupt einen Mann?“, fragte sie mit geschlitzten Augen. Sie hasste es, wenn ihr Freund sie so weit brachte.

Doch er grinste sehr zufrieden, auch wenn er die Antwort auf ihre Frage nicht wusste und sie gleich weiter toben und zetern würde. „Warum er mich erwählt hat, das musst du ihn schon selber fragen. Warum ich es zugelassen habe, kann ich dir sagen. Es fühlte sich gut an – das war alles. Bei ihm zu sein, von ihm angesehen zu werden, ihn zu berühren, fühlte sich gut an. Das konnte also nicht falsch sein.“

Idya nickte, denn das konnte sie verstehen. „Und er ist in dich verliebt? Liebst du ihn auch?“, fragte sie ernst, denn das war kein Thema, über das man scherzen sollte. Sie wollte, dass Elaios glücklich war und wenn Archiaon das konnte, dann war sie damit einverstanden.

„Ich weiß es nicht“, musste er zugeben, „also, dass er mich liebt, hat er gesagt. Ob ich ihn so liebe, wie er das erwartet, weiß ich nicht. Dazu hatten wir zu wenig Zeit zusammen. Mit ihm an meiner Seite wäre es nicht leichter. Wenn er wieder gewählt wird, bleibt er Senator und ist den ganzen Tag beschäftigt. Man könnte nicht mal eben abhauen oder sich treffen oder etwas machen.“ Es klang gerade so, als würde er zweifeln, das merkte Elaios selber.

„Das stimmt, Elaios, aber das hat bisher keinen Senator aufgehalten, sich zu verlieben, zu heiraten und glücklich zu sein. Jede Ehefrau oder Ehemann teilt dein Schicksal und es funktioniert. Warum dann bei euch nicht? Natürlich ist die Partnerschaft zwischen euch nicht einfacher, weil ihr Männer seid, aber es ist nicht unmöglich.“ Idya merkte sehr wohl, dass Elaios auswich, aber so leicht wollte sie ihn nicht davon kommen lassen.

„Hm“ Elaios wich trotzdem aus, auch wenn er nicht wusste warum. Ja, er war gern bei Archiaon, ja er wollte ihn sehen, ihn bei sich haben und er wollte ihn anfassen dürfen. Doch er wusste nicht, ob er das noch wollte, wenn Archiaon in seinem Amt dadurch Nachteile hatte. Schließlich sollte er als Beispiel voran gehen – ein Mann an seiner Seite war nicht das Vorbild, was der Staat brauchte. Konnte er dann noch Senator sein?

„Schatz, werde dir erst einmal darüber klar, ob du ihn liebst. Alles andere wird sich ergeben.“ Sie tätschelte ihrem Freund die Hand und schöpfte ihnen endlich Suppe in die Schalen. „Warte aber nicht zu lange mit deiner Entscheidung, denn damit quälst du ihn nur.“

„Ich weiß“, seufzte Elaios. Das machte ihm die meisten Sorgen, was wenn er mit seiner Unentschlossenheit Archiaon verletzte? Schlimmer noch – was passierte, wenn er sich nicht bald entschied und der Mann das Interesse wieder verlor? Er konnte sich zwar nicht vorstellen, dass das so schnell passierte, doch man sollte niemals nie sagen. „Hab ja jetzt ein bisschen Zeit“, nuschelte er und fing an die fast kalte Suppe zu löffeln.

„Du machst das schon. Bist ja nicht blöd.“ Idya grinste und begann auch zu essen. Dass sie noch einmal erleben durfte, dass Elaios sich verliebte, hätte sie nie gedacht. Er war umschwärmt, denn er sah ja auch unwahrscheinlich gut aus, aber meist hatte ihr Freund es noch nicht einmal bemerkt, wenn er angeschmachtet wurde.

„Na vielen Dank für das Kompliment.“ Elaios verzog das Gesicht. „Zur Strafe wirst du die Tiere füttern und ich Archiaon anrufen.“ Er wusste jetzt nämlich, welche Knöpfe er kombiniert drücken musste, um direkt im Haus des Senators anzukommen. Hoffentlich war Archiaon jetzt endlich aus der Versammlung.

Idya lachte hell und machte, was Elaios gesagt hatte. Sie wollte ja nicht, dass ihr Freund immer das Gefühl hatte, dass sie zuhörte. Elaios stellte die Verbindung zu Archiaons Anschluss her. „Elaios hier, bist du da, Archiaon?“, fragte er und hatte den Knopf gerade losgelassen, als er auch schon Antwort bekam. „Hallo Elaios“, kam es freudig aus dem Lautsprecher. „Alles in Ordnung bei euch?“

„Ja, lief alles ziemlich gut. Wir sind jetzt in Rettungskuppel 38 und stocken auf, Idya will morgen gleich weiter. Kannst dir ja denken warum“, er grinste schief, auch wenn Archiaon das nicht sehen konnte. „Es war unterwegs ziemlich ruhig. Nichts Auffälliges wie Sharker oder so was.“

„Ah“, lacht Archiaon, „Ich drücke ihr die Daumen, dass sie Glück hat.“ Der Senator war auf Idyas Seite, denn ihm war es ja mit Elaios auch nicht anders gegangen. Er hatte ihn gesehen und sich verliebt. „Morgen arbeite ich Zuhause, du kannst also anrufen, wenn ihr angekommen seid.“

„Mach ich auf jeden Fall, aber ich kann dir nicht sagen, wann, denn ich weiß jetzt schon, dass wir kaum in der Kuppel sein werden, sondern den Fremden bespannen.“ Elaios kicherte, weil vom Delphinbecken her jemand leise knurrte. Das Platschen deutete an, dass Idya sich jetzt ganz zu den Tieren verzogen hatte. „Außerdem weiß ich immer noch nicht, was ihr das bringt“, sagte er leise, hoffend, dass Idya ihn nicht hörte. Er wollte sie nicht verletzen, doch er wollte es verstehen.

„Es ist eine Chance, Elaios. Sie ist verliebt. Sie hofft, dass sie die Möglichkeit bekommt, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Ich kann sie verstehen, denn mir ist es nicht anders gegangen. Ich habe dich von weitem beobachtet und dann bin ich auf einmal in deinen Armen wach geworden.“ Archiaon lachte leise und ein verträumtes Lächeln bildete sich auf seinem Gesicht. Er hatte erst wirklich geglaubt, dass es ein Traum gewesen war.

„Hör auf“, murmelte Elaios verlegen und holte tief Luft. Er konnte nicht sagen warum, aber die Worte kratzten ihm angenehm das Rückgrat auf und ab. „Nur gut, dass du nicht sehen kannst, dass ich rot werde. Aber ich mache mir Sorgen um Idya. Wir wissen nichts über die Fremden und die Landmenschen sollen gefährlich sein.“

„Sie sind nicht unbedingt gefährlich, aber wir sollten vorsichtig sein, das stimmt. Ihr solltet wirklich zusehen, dass ihr nicht gesehen werdet. Erst wenn es sich gar nicht anders vermeiden lässt, gebt euch zu erkennen.“ Archiaon hoffte, dass das nicht nötig sein würde. Vielleicht verging Idyas Verliebtheit ja genauso schnell wieder, wie sie gekommen war.

„Du kennst Idya nicht“, lachte Elaios, der gerade versuchte sich vorzustellen, wie seine Freundin das Interesse verlor. Idya war wie eine Moräne, wenn sie sich festgebissen hatte, gab sie nicht auf. Entweder verlor der Gegner ein Stück Fleisch oder sie ein paar Zähne – aber bestimmt nicht das Interesse.

„Okay, dann musst du eben auf sie aufpassen.“ Archiaon musste Elaios einfach vertrauen, dass er es schaffte, seine Freundin von etwas Unüberlegtem abzuhalten. Aber jetzt wollte er nicht mehr über Idya reden. „Ich habe dich vermisst und ich werde wohl nicht gut schlafen, weil du mir fehlen wirst“, murmelte er etwas leiser. Musste ja nicht jeder hören.

Erst schwieg Elaios, doch dann musste auch er zugeben, dass es ihm ähnlich ging. Er hatte sich daran gewöhnt, nicht allein zu schlafen, auch wenn die wenigen Nächte in Archiaons Armen eigentlich nicht lang genug gewesen waren, um von Gewöhnung sprechen zu können. „Es war schön, nicht allein zu sein und es war schön... mit dir“, nuschelte er und konnte kaum glauben, was er da sagte. Doch es stimmte. Es lag nicht nur daran, dass irgendjemand bei ihm gelegen hatte. Dann hätte er bei Idya das gleiche empfinden müssen, sie hatten oft beieinander geschlafen. Es war Archiaon gewesen, der ihn so zufrieden hatte ruhen lassen.

„Das ist schön.“ Archiaon bohrte nicht weiter, denn er wusste, dass Elaios sich noch nicht sicher war, was er wollte. Aber er nahm es als gutes Zeichen, dass der junge Athlet sich in seiner Nähe wohl fühlte. „Also kann ich davon ausgehen, dass ihr erst kurz vor den Wettkämpfen wieder hier seid?“

„Ich hoffe, dass wir bis dahin überhaupt wieder da sind. Wenn sie sich nicht losreißen kann, kann auch ich sie nicht zwingen.“ Und Elaios vermied es, zu erklären, dass es ihm eigentlich auch ganz recht wäre, wenn er aus dem Wettbewerb aussteigen könnte. Doch er sprach es nicht aus. Archiaon hatte solch große Hoffnungen in ihn, die wollte Elaios nicht zerstören. Und vielleicht kam ja in der nächsten Woche noch der Kick, der ihn umschwenken ließ.

„Ihr müsst wieder hier sein, sonst werdet ihr vom Wettkampf ausgeschlossen.“ Archiaon wollte sich mit Elaios messen und mit ihm zusammen in den Senat einziehen, darum gab es für ihn gar keine Frage, dass sein Freund pünktlich wieder zurück war. „Wenn du es nicht schaffst, komm ich euch holen.“

„Ich hatte es fast befürchtet“, lachte Elaios leise und atmete tief durch. Er war versucht Archiaon zu bitten, sie zu holen, doch er biss sich auf die Zunge. Das war albern und der Senator hatte genug um die Ohren. Er konnte unmöglich weg. Elaios musste damit leben lernen, wenn er sich wirklich für das Leben an Archiaons Seite entscheiden sollte. „Aber ich werde das schon schaffen“, sagte er also.

„Davon geh ich aus.“ Archiaon meinte das durchaus ernst. In den letzten Tagen hatte er Elaios als einen kompetenten Mann kennen gelernt, der Befehle erteilen und andere lenken konnte. „Ich soll euch von Kasames und Pylos grüßen. Sie sind auf dem Weg der Besserung, aber Pylos wird an den Spielen nicht mehr teilnehmen, denn sein Arm wird nicht verheilt sein und bei Kasames ist es auch unsicher.“

„So hatte das ja eigentlich nicht laufen sollen. Wegen der blöden Sharker verliert jetzt der Senat zwei gute und fähige Leute.“ Elaios schnaubte, auch wenn er sich etwas Ähnliches fast hatte denken können. Ihre Ärzte waren gut, doch sie waren keine Zauberer. Eine Heilung brauchte ihre Zeit, vor allem wenn die Gliedmaßen hinterher wieder benutzbar sein sollten. Er vermied aber seine Gedanken, dass die Art ihrer Senatwahl vielleicht auch Nachteile hatte.

„Ja, das stimmt, aber leider ist es nicht zu ändern.“ Archiaon gefiel das auch nicht, denn es war eine schöne Zeit mit seinen Freunden im Senat gewesen. „Es werden neue, fähige Männer und Frauen in den Senat kommen, wie du und Idya.“

„Aber das System ist anfällig und weist Lücken auf. Ich weiß nicht, ob...“ doch Elaios brach ab. Es stand ihm nicht zu, am Althergebrachten zu kritisieren. Dafür war er noch zu jung und wusste zu wenig. Er hatte sich für die Laufbahn des Athleten entschieden und gegen die eines Wissenschaftlers. Sicher steckte in einem gesunden, starken Körper auch ein gesunder, starker Geist. Doch dass in den schlauen Köpfen auch Gedanken steckten, die dem Volk helfen konnten, berücksichtigte ihr System überhaupt nicht. Darüber hatte Elaios früher nie nachgedacht. Es war eben einfach so gewesen und gut.

„Kein System ist perfekt, Elaios, aber bisher hat es gut funktioniert. Aber das heißt ja nicht, dass es nicht verbessert werden kann. Dafür braucht der Senat eine gute Mischung, aus Senatoren mit Erfahrung und jungen Senatoren, die frische Ideen mitbringen.“ Archiaon lachte, denn genau so hatte er Elaios eingeschätzt. Er war clever und sah die Zusammenhänge.

„Ja, gut möglich. Aber eigentlich habe ich dich nicht angerufen, um mit dir politische Debatten zu führen“, sagte Elaios und stoppte sich selbst. Wenn Archiaon nur ein bisschen clever war - was er ja unumstößlich war – dann war die logische Schlussfolgerung, warum er denn sonst angerufen hätte, offensichtlich. Und dann musste Elaios zugeben, dass er eigentlich nur Archiaon hatte reden hören wollen, ein paar Sätze, die es ihm leichter machten, nachher in das kalte Bett zu krabbeln, allein, wie die letzten Abende auch.

„Kann Idya uns hören?“, fragte Archiaon auch gleich und man konnte deutlich das Schmunzeln in seiner Stimme hören. „Ich hätte dich gerne bei mir und ich freue mich schon darauf, wenn du wieder hier bist. Ich habe für den Abend etwas geplant - nur wir beide.“

„Wirst du Zeit haben?“, fragte Elaios und er konnte nicht vermeiden, dass seine Stimme irgendwie enttäuscht klang. Er wusste nur zu gut, wie die letzte Woche gelaufen war. Wenn das immer so ging, würde er das nicht durchstehen. Wenn er sich fallen ließ, dann mit Haut und Haaren. Wenn Archiaon dann nicht da war, um ihn aufzufangen, dürfte das ein ziemlich harter Aufschlag werden. „Idya ist bei den Delphinen“, lenkte er also ab, damit Archiaon nicht nachfragte.

„Ja, das werde ich. Daran wird mich niemand hindern können.“ Archiaons Stimme war zärtlich und am liebsten hätte er Elaios an sich gezogen, um ihm zu zeigen, dass er es ernst meinte.

„Das will ich für dich hoffen“, sagte der junge Athlet mit Nachdruck und wollte Archiaon spüren lassen, dass er wirklich Wert darauf legte. Er sollte nicht glauben, dass Elaios nur mitspielte, um Archiaon eine Freude zu machen. Der Senator sollte spüren, dass Elaios viel daran gelegen war. Mehr konnte er leider noch nicht tun. Er hatte wohl Angst vor seiner eigenen Courage.

„Ich werde es mir merken.“ Archiaon freute sich sehr, dass Elaios bei ihm sein wollte. „Nur wir beide, einen ganzen Abend“, bekräftigte er noch einmal. „Melde dich morgen, wann du Zeit hast, meinetwegen auch ruhig öfter.“

„Wenn ich dazu komme, die Kuppel von innen zu sehen und nicht nur stundenlang im Wasser regungslos verharre, um einem Kerl hinterher zu spionieren, der mich nicht mal interessiert“, sagte Elaios extra laut, weil er Idya aus dem Wasser steigen hörte. „Ach, halt doch die Klappe“, riet sie ihm knurrig, war aber guter Laune. Nur noch einmal schlafen, dann sah sie ihn wieder – den schönen Mann mit den hellen Haaren.

„Wie ich höre, ist bei euch alles in bester Ordnung“, lachte Archiaon und rief Idya noch einen Gruß zu. „Ich hoffe doch sehr, dass er dich nicht interessiert“, murmelte der Senator mit leichter Eifersucht in der Stimme. Er konnte nicht leugnen, dass er derjenige sein wollte, den Elaios bespannte.

„Keine Sorge, sollte er mich doch interessieren, wird Idya mich häuten, entgräten und den Haien zum Fraß vorwerfen. Schon um mein Leben zu retten bleibe ich dir...“ Elaios brach ab. Was hätte er denn jetzt beinahe gesagt? Dass er nur Archiaon treu sein wollte? Wo kam das denn her? Idya hatte es bemerkt und sah ihn fragend an, doch er schüttelte nur den Kopf. „Ich melde mich morgen wieder, schlaf gut, ich versuch es auch.“

„Das ist schön.“ Archiaon bohrte nicht nach, denn er wollte Elaios nicht in Verlegenheit bringen. „Schlaf gut, ich werde auch ins Bett gehen und an dich denken. Liebe dich.“ Archiaon trennte schnell die Verbindung, damit Elaios sich nicht aufregen konnte.

Und so sah er nicht, wie der junge Mann erst rot wurde, dann leise knurrte und anschließend von seiner Freundin aufgezogen wurde.

„Idya, das ist kein Thema für blöde Witze“, knurrte er und wand sich auf seinem Stuhl so, dass er seine Freundin ansehen konnte. Doch die schüttelte nur den Kopf. „Das Thema an sich nicht, dein blödes Gesicht allerdings schon. Wie ein Fisch, der aus dem Becken gehüpft ist.“ Und schon machte sie das Luftschnappen nach.

„Du“, knurrte er, aber musste doch grinsen. Er konnte sich lebhaft vorstellen, was er für ein Gesicht gemacht hatte. Archiaon hatte ihn mal wieder überrumpelt, aber die Worte machten ihm keine Furcht mehr. Sie lösten eher einen wohligen Schauer aus und er fühlte sich auf eine Art geborgen.

„Sag ihm das nächste Mal, was du fühlst. Lass ihn nicht zappeln. Er ist gut für dich“, sagte sie und wickelte sich in ein großes Handtuch. Sie löschte die Lichter der Kuppel und hatte nur noch Dimmerlampen an. So war die Kuppel nicht mehr so weit zu sehen und ihr war wohler dabei. Die Delphine hatte sie versorgt und weil sie beide allein waren, hatten sie die Order, die Schleuse zu schließen. Wer rein wollte, konnte ein Signal auslösen, was die Insassen weckte. Doch so wurden sie nicht überrascht. Seit dem Übergriff der Sharker waren die Atlanter vorsichtiger geworden. Denn keiner wusste, was deren Ziel gewesen war und ob sie es nicht noch einmal versuchen wollten.

Elaios seufzte und wusste doch, dass Idya Recht hatte. Archiaon hatte es verdient. Aber dazu musste er erst einmal wissen, was er wollte. Archiaon fehlte ihm, wenn sie sich nicht sahen und mittlerweile genoss er die Berührungen, aber die Vorstellung sich ganz auf einen Mann einzulassen, machte ihm Angst. Und wieder war er kein Stück weitergekommen. Diese Gedanken beschäftigten ihn nun schon, seit er wusste, dass Archiaon sich in ihn verliebt hatte. „Geh schlafen“, rief Idya ihm zu. „Du kannst morgen grübeln, wenn wir die Kuppel beobachten.“

Elaios sah auf und streckte ihr die Zunge raus. Das würdigte er doch nicht noch mit einem Kommentar. So erhob er sich und folgte dem Rat. Es dauerte keine fünf Minuten mehr, da war er in die Koje gekrochen, die er sich mit Archiaon geteilt hatte und als er die Augen schloss, kamen die Bilder zurück. Lächelnd schlief er ein.


11

Aber die gute Laune, die ihm seine Träume beschert hatten, hielt leider nicht ewig. Seit Stunden schon hockte er fast regungslos hinter einem Felsen und beobachte Idyas Schwarm. Wenn in der Kuppel wenigstens etwas Spannendes passieren würde, dann wäre das ja gar nicht so schlimm, aber es passierte nichts. Der Mann und zwei von den Behaarten lagen auf dem Boden, oder jagten sich gegenseitig.

Erst waren sie durch die Kuppel gerannt, dann hatten sie sich über das flache Gras gerollt, jetzt lagen sie im höheren Gras weiter rechts und man konnte sie aufgrund ihrer Bewegungen gerade noch erahnen. >>Wird dir das nicht zu öde?<<, wollte er wissen und streichelte Kasya, die sich gerade für eine Pause entschieden hatte, während die anderen Delphine die Kuppel umkreisten. Er würde sie gern begleiten, doch die Gefahr gesehen zu werden war einfach zu groß.

>>Nein<<, signalisierte Idya und sah ihn böse an, damit ihr Freund ja nicht auf die Idee kam vorzuschlagen, dass sie zurück zur Kuppel sollten.

>>Das ist langweilig. Da passiert doch gar nichts Spannendes<<, signalisierte Elaios und ließ Kasya los, die auch etwas von dem Fischschwarm abhaben wollte, der gerade von den anderen Delphinen gejagt wurde. So ließ er sich auf den Grund sinken und legte sich auf den Rücken. Dabei schloss er die Augen. Er verließ sich jetzt einfach darauf, dass seine Tiere alles im Auge hatten und Signale gaben, wenn Gefahr im Anzug war.

Idya derweil sah wieder zur Kuppel, wo der blonde Fremde wieder am Glas stand und sehnsuchtsvoll nach draußen sah. Sie konnte sich einbilden, er würde sie ansehen und deswegen grinste sie etwas dümmlich.

Er hatte Sehnsucht nach dem Meer, das konnte sie ganz deutlich sehen. In ihr reifte immer mehr der Plan, dass sie den schönen Mann befreien musste. Sie schwamm zu Elaios und zerrte ihn hoch. >>Wir können ihn nicht dort lassen. Er muss da raus. Sieh ihn dir doch an<<, signalisierte sie und deutete dann auf die Kuppel.

Elaios, in seinen eigenen Gedanken gestört, richtete sich langsam auf. Idya zerrte an ihm herum und so musste er sich ganz erheben und blickte über den Felsen. Ja, zugegeben, der Mann sah nachdenklich aus, doch wer war das nicht dann und wann? Auch Elaios stand ab und an am Fenster, starrte in das Wasser und würde jeden würgen, der es wagen sollte, ihn deswegen aus Atlantis Nord 035 wegschaffen zu wollen. >>Du siehst ihn mit anderen Augen.<<

Idya zog die Augenbrauen zusammen und wurde böse. >>Das ist doch Blödsinn. Du willst mich nicht verstehen.<< Abrupt drehte sie sich um und ignorierte Elaios. Jedes Mal, wenn sie ihn auf etwas hindeutete, dann ließ er das nicht gelten und behauptete, dass sie sich das einbildete, weil sie sich in den Mann verguckt hatte. Das war nicht fair.

Und weil Elaios merkte, dass Idya im Moment nicht zugänglich war, schwieg er lieber. Nicht dass er sie noch verletzte, denn das war das letzte, was er wollte. Sollte sie sich den Kerl ansehen, bis sie genug hatte. Er würde bei ihr bleiben und auf sie aufpassen. Denn wer war er, ihr vorschreiben zu wollen, in wen sie sich zu verlieben hatte? Er hatte auch niemanden gefragt, als er sich... Elaios stockte. Hatte er den Gedanken wirklich gerade gehabt?

Er wurde rot und war froh, dass ihn gerade niemand sehen konnte. Elaios setzte sich auf und lächelte. Er konnte es wohl nicht leugnen. Er hatte sich verliebt. Archiaon geisterte ständig durch seine Gedanken und er wünschte sich, dass sie sich so oft wie möglich sahen und plötzlich war es gar nicht mehr so schwer, Idya zu verstehen.

Doch er schwieg sich weiter aus und ließ Idya gewähren. Sie lag halb auf dem Stein, die Hände um das Gesicht geschlossen. Es war unglaublich, wie lange sie sich damit zufrieden geben konnte, den blonden Mann anzusehen – genauso wie er. Er stand am Glas und starrte nach draußen, bis ein zweiter zu ihm trat.

Idya war gar nicht begeistert, wie der andere Mann einen Arm um ihren Schwarm legte und ihn küsste. Sie wollte nicht sehen, wie der Blonde lächelte und es offensichtlich genoss. Elaios kam zu ihr und legte ihr einen Arm um die Schulter.

Das war so ziemlich das letzte, was sie jetzt noch hatten gebrauchen können. Er konnte sich vorstellen, wie Idya sich fühlte. Er drückte sie fester gegen sich, doch es hielt Idya nicht davon ab, ihn weiter anzusehen, ihn zu beobachten. Elaios konnte es nicht glauben. Er hatte unterschwellig versucht, sie sachte abzudrängen und mit ihr zur Kuppel zurückzukehren, um die Vorräte, die sie abgegeben hatten, auch zu verstauen. Doch sie stand wie eine Mauer, rührte sich nicht, starrte nur weiter auf den blonden Mann. Warum?

Sie musste doch einsehen, dass es aussichtslos war, dass sie hier immer noch hockten. Warum tat Idya sich das an? Elaios sah sich den Mann etwas genauer an. Er sah gut aus, das musste er zugeben, aber das, was Idya so an ihm faszinierte, konnte er einfach nicht entdecken. Erst als sie los mussten, damit sie nicht durch die Nacht schwimmen mussten, tippte er sie wieder an.

>>Komm, wir kehren morgen zurück<<, versprach er und vermied jeden blöden Spruch. Er wusste, dass seine Freundin dafür jetzt wirklich nicht zu haben war. Vielleicht noch ein warmer Happen in den Magen und dann ins Bett. Viel konnten sie in der Kuppel ja sowieso nicht machen. Eigentlich wollte er noch mit Archiaon telefonieren, doch er wollte Idya auch nicht allein lassen.

Allerdings hatte er versprochen, sich einmal am Tag zu melden und Archiaon sollte sich keine Sorgen machen. Es würden sich schon ein paar Minuten finden. Vielleicht, wenn Idya schlief. Jeder in seine Gedanken vertieft schwammen sie zur Kuppel. Sie öffneten die Schleuse und ließen die Tiere hineinschwimmen.

Ein silbern glänzender Leib nach dem anderen schwamm ins Becken, ehe auch er und Idya die Kuppel betraten und versiegelten, wie sie es versprochen hatten. Stumm machten sie sich daran, das Salz von der Haut zu spülen und erst als sie sich in der Küche wieder trafen, sahen sie einander an. Elaios wusste nicht, was er sagen sollte. Wollte Idya Trost? Wollte sie reden? Sich aufregen?

Aber Idya sagte nichts und hantierte mit dem Topf. Erst als sie die heiße Suppe auf den Tisch stellte, sah sie Elaios an und wirkte ein wenig schuldbewusst. „Danke“, murmelte sie leise, weil er so lange mit ihr ausgeharrt hatte.

„Nicht dafür“, entgegnete er und wusste noch immer nicht, was er jetzt sagen sollte. Sollte er fragen, wie es ihr ging? Oder löste er damit etwas aus? Sollte er sagen, dass es echt blöd gelaufen war? Oder traf er Idya damit? Im Augenblick ging er wie auf Eiern und holte erst einmal tief Luft.

Idya lächelte leicht, weil sie Elaios gut genug kannte, um zu wissen, was in ihm vorging. „Es ist nicht so gelaufen, wie ich es gehofft hatte“, sagte sie schließlich. „Er sehnt sich nach dem Meer, das habe ich genau gespürt.“

„Und jetzt?“, fragte Elaios, weil er immer noch nicht wusste, was das nun eigentlich bedeutete. „Willst du ihn immer noch beobachten und retten oder glaubst du, dass er dort, wo er lebt, auch glücklich sein kann?“ Das totale Glück gab es nicht, einen kleinen Tod starb man immer. Die Frage war nur, welcher der erträglichere war.

„Ich werde morgen wieder dort hingehen“, legte sie fest. „Ich bin noch nicht davon überzeugt, dass er nicht gerettet werden will. Es kann ja auch sein, dass er sich nur damit abgefunden hat, dort zu sein und darauf wartet, dass jemand kommt und ihn rettet.“

Elaios nickte. Er war jetzt nicht in der Lage ihr zu sagen, dass der Blonde in seinen Augen ziemlich glücklich ausgesehen hatte, als der Fremde ihn an sich gezogen und geküsst hatte. Sich vorzustellen ihn würde jemand aus Archiaons Nähe reißen und er wüsste nicht, wann er den Senator wiedersehen konnte, wäre die Hölle. Aber er brachte es nicht über sich, das Idya so knallhart zu sagen. Vielleicht kam auch bei ihr noch die Erkenntnis.

Zumindest räumte Idya die Möglichkeit ein, dass der Fremde bleiben wollte, wo er war. Elaios lächelte sie an. „Morgen schwimmen wir wieder dort hin.“ Sie hatten noch ein paar Tage Zeit und die wollte er Idya gönnen.

„Auf jeden Fall“, sagte sie und nickte bestätigend.

„Auch wenn wir eigentlich für den Wettkampf trainieren sollten“, konnte sich Elaios nicht verkneifen, noch einmal den Hauch von Vernunft in die Kuppel tragen zu wollen. Eigentlich sollten sie die Zeit anders nutzen.

„Wir können trainieren, wenn er nicht da ist“, lenkte Idya ein. Elaios kam ihr entgegen, da wollte sie das auch. Training lenkte vor allen Dingen ab, wenn ihr Schwarm nicht da war. Dann machte sie sich nicht so viele Gedanken, was er gerade machte.

Und eventuell mit wem.

„Wir werden auch trainieren, wenn er da ist, Idya. Ich gönne dir eine Stunde im Ausgleich für eine Stunde Training. Trainiere viel und du hast viel zu gucken.“ Er grinste frech, Idya sollte wieder lachen oder sich wenigstens aufregen. Denn so ruhig, das war nicht Idya.

„Du spinnst doch wohl? Eine Stunde trainieren, zwei Stunden gucken“, bestimmte sie frech und das erste Mal heute, legte sich ein Grinsen auf ihr Gesicht. Bisher hatte sie fast immer bei Elaios durchsetzen können, was sie wollte.

Doch nicht heute – zumindest nicht gleich.

„Dir geht es wohl noch ganz gut, ja?“, wollte er erdreistet wissen. „So kommst du doch zu gar nichts und wenn die Spiele starten, dann bist du ein Couchpotato, der sich zwar in der fremden Kuppel gut auskennt, weil er alles gesehen hat, aber sich nicht mehr bewegen kann, weil er eingerostet ist. Nichts da. Ich habe deiner Muter versprochen dich auf Trab zu halten.“ Keine Diskussion.

Idya blies die Wangen auf, aber sie sagte nichts mehr. Elaios hatte Recht, sie wollte in den Senat und dafür musste sie trainieren. Darum nickte sie und räumte den Tisch ab. Das war ein faires Angebot. „Ich leg mich hin“, rief sie, nachdem sie die Küche wieder aufgeräumt hatte. Sie wollte Elaios noch Gelegenheit geben mit Archiaon zu reden.

„Schlaf gut“, rief ihr ihr Freund noch hinterher und setzte sich schon vor den Kommunikator. Ein letzter Blick zurück, wo Idya gerade die Vorhänge schloss. Also gönnte sich Elaios noch ein paar Minuten mit Archiaon, ein bisschen Geplänkel, seine Stimme hören und dann kroch auch er mit einem sanften Lächeln auf den Lippen ins Bett. Allein.



Die nächsten beiden Tage verliefen ähnlich, nur dass Elaios seine Worte wahr gemacht und mit Idya trainiert hatte, damit sie nicht ihre Form verloren. In ihrer freien Zeit beobachtete Idya ihren Schwarm und war es noch immer nicht über. Darum waren sie jetzt auch schon wieder unterwegs zu dieser Kuppel und wie üblich in den letzten beiden Tagen jagten sie sich und brachten sich auf dem Weg dort hin zu Höchstleistungen, denn nicht nur das Schwimmen und lenken der Delphine war eine Wettkampfdisziplin, auch schwimmen und laufen ohne Hilfen.

Idya hielt gut mit, Elaios hatte es nicht leicht mit ihr, doch als sie plötzlich zurück fiel sah er sich fragend um. Ihr Gesicht war enttäuscht, denn die Kuppel war leer, ungewöhnlich für diese Uhrzeit.

>>Er kommt bestimmt noch. Lass uns so lange weiter trainieren<<, signalisierte Elaios und lächelte seiner Freundin zu. Es war wirklich ungewöhnlich, dass der Fremde nicht da war, denn bisher war er um diese Uhrzeit immer da gewesen. Doch er konnte Idya nicht zum Training bewegen, denn plötzlich kam Leben in die Kuppel. Die beiden schwarzen Pelzträger rannten suchend durch das Gras, schienen etwas zu rufen und machten Idya so noch ganz kirre. Gleich hatte sie den Verdacht, sie würden den blonden Mann suchen und Elaios hatte zu kämpfen, ihr zu erklären, dass das nicht zwingend so sein musste. Schließlich gab es noch mehr Menschen, die dort lebten.

>>Aber hier waren sie sonst immer mit ihm und so viele Menschen waren hier nie<<, wiedersprach Idya und ihr Herz schlug schneller. Diese Wesen waren eindeutig in Sorge, das konnte sie sehen. Was war nur passiert? Elaios wollte sie daran hindern, näher zu schwimmen, aber sie riss sich los. Sie musste einfach besser sehen können. So blieb ihrem Freund nichts weiter übrig, als ihr zu folgen um zu verhindern, dass ihr vielleicht noch etwas passierte. Er wollte sich nicht ausmalen, was geschah, wenn sie gesehen wurden, wirklich nicht! Was wenn die Wesen ihnen feindlich gesinnt waren? Was wenn sie glaubten, sie hätten den blonden Mann entführt? Elaios schüttelte den Kopf, er wurde ja selber schon ganz kirre. Es wurde Zeit, dass sie nach Atlantis zurückkehrten.

Idya war aber wohl nicht dazu zu bewegen, denn sie wollte wissen, was passiert war und sie hatte Angst um den Fremden, das sah man ihr an. Elaios blieb dicht bei ihr und hielt sie mehr als einmal auf, näher ran zu schwimmen. Das brachte doch nichts, außer dass sie sich in Gefahr brachten. Er deutete zu einem Felsen, der in der Nähe aus dem Boden ragte. Dort konnten sie gut sehen und hatten Deckung.

Die beiden pelzigen Wesen rannten hin und her, starrten nach draußen und für einen Augenblick blieb Elaios das Herz stehen, weil er glaubte, man hätte sie entdeckt. Doch dann wandte sich der Größere von den beiden wieder ab und lief weiter. Dann war es still, denn sie verschwanden in einem der Häuser.

Idya uns Elaios warteten – doch es tat sich nichts mehr.

Idya ließ die Kuppel nicht aus den Augen, aber Elaios wurde es langweilig, genauso wie den Delphinen. Sie schwammen um sie herum und Elaios lachte, als er immer mal wieder angestupst wurde, weil er mitmachen sollte. Noch ein schneller Blick auf Idya, dann ließ er sich ziehen. Er blieb in der Nähe und hatte Idya immer im Auge, tat seinen tierischen Freunden aber den Gefallen, mit ihnen zu spielen. Er konnte seine Schnelligkeit trainieren, wenn er mit ihnen um die Wette schwamm und so umkreisten sie immer wieder Idya und im Schwarm der silbernen Leiber fiel Elaios kaum auf, weswegen sie auch um die Kuppel und dicht über sie hinweg schwammen, bis Idya sie bemerkte und sich anschloss. So kam sie näher heran, das war gut!

Gemeinsam schwammen sie um und über die Kuppel, aber es tat sich nichts darin. Elaios erweiterte die Kreise, die sie schwammen und kniff die Augen zusammen. Sie waren ein wenig von der Kuppel entfernt, weiter am Land, wo sie bisher noch nicht gewesen waren und er sah ein schwaches Leuchten. >>Da<<, machte er Idya darauf aufmerksam und schwamm auch gleich los. Jetzt war er neugierig.

Eine Kuppel hatte ihn schon fasziniert, die sie noch nicht kannten, doch jetzt schien es noch mehr zu geben. Ob die auch den Menschen gehörte oder war es eine weitere Rettungskuppel, die sie noch nicht kannten. Sie hatten ja noch nicht einmal bei der ersten herausfinden können, wer sie eigentlich erbaut hatte. Archiaon ließ immer noch nachforschen, auch in Atlantis Nord 038 und den näher gelegenen Atlantiskuppeln.

Um schneller voran zu kommen, hängten sie sich an die Rückenflosse eines ihrer Delphine und ließen sich ziehen. Immer deutlicher war die Kuppel zu erkennen und auch, dass sie um einiges kleiner war. Sie hatte ungefähr die Größe einer Rescue-Kuppel, aber sie sah ganz anders aus. Sie hatte nämlich eine komplett durchsichtige Kuppel. Man konnte durch das Glas in mehrere Räume sehen, hell erleuchtet. Sie sahen aus wie – wissenschaftliche Einrichtungen. Was war das denn?

Idya schwamm langsam näher, denn sie konnte niemanden sehen. Die Rettungskuppeln hatten nur Fenster und bestanden aus viel Metall, diese hier wirkte filigran, komplett aus Glas. Sie war von allen Seiten einsehbar, was hatte man sich denn dabei gedacht? Man würde dort niemals seine Ruhe haben, ständig das Gefühl beobachtet werden zu können. Idya verzog das Gesicht.

Elaios ging es da nicht anders, aber wenn es ein Labor war, was er vermutete, war es wohl auch nicht dazu gebaut worden, um sich wohl zu fühlen. Er schwamm näher heran und sah sich die einzelnen Räume an. Sie waren vollgestopft mit Technik und einer erinnerte ihn an einen Operationssaal, denn dort stand ein Tisch.

Und der war nicht leer.

Unter einem Tuch, das bis zur Hüfte reichte, lag der Blonde. Da hätten sie lange auf ihn warten können. Doch er wirkte schwach. Die Augen waren geschlossen, der Körper abgeschlafft. Schweiß stand ihm auf der Stirn und die Haare schimmerten feucht. Schlaff hingen die Arme von der schmalen Pritsche und der lange Strich über dem Bauch wirkte merkwürdig, gerade so als würde er dort nicht hin gehören.

Idya riss die Augen auf und wollte näher schwimmen, als Elaios aus den Augenwinkeln eine Bewegung sah. Aus einem der anderen Zimmer kamen zwei Menschen. Man konnte nicht erkennen, ob es die gleichen waren, mit denen sie den Fremden in der anderen Kuppel gesehen hatten, denn sie trugen Kittel, Kappen und Masken vor den Gesichtern. Er hatte alle Mühe, Idya festzuhalten die wie von Sinnen dagegen ankämpfte. Doch das träge Wasser machte es ihr schwer, sich schnell und gezielt gegen Elaios zu wehren und so musste sie tatenlos mit ansehen, wie einer der beiden den Blonden untersuchte, er öffnete ein Auge, leuchtete hinein, tastete Brust und Bauch ab und als er die Bauchtasche gewaltsam öffnete, weil die Muskeln sie straff zusammen hielten, wandte sie sich ab. Sie konnte das nicht ertragen.

Auch Elaios hielt unwillkürlich die Luft an. So wie die beiden Menschen hantierten, war er sich sicher, dass der Fremde nicht freiwillig hier war und Wut wallte in ihm auf. >>Warum machen die das?<<, fragte er, aber Idya zuckte nur mit den Schultern. Woher sollte sie das denn wissen, verdammt? Was waren das für Irre und was machten sie mit ihm? War er noch am Leben? Sie mussten ihn retten, er konnte das doch nicht wollen!

Ungläubig sah sie zu, wie einer der beiden den Blonden auf die Seite rollte und eine Flosse aufstellte, sie vermaß und eindringlich betrachtete. Sie traute ihren Augen kaum! Das war einer aus dem Meer, ganz eindeutig! Der Mann gehörte zu ihnen, nur Wasserwesen hatten Flossen.

>>Wir müssen ihn da raus holen<<, signalisierte sie energisch und schwamm los. Wie kam man in diese Kuppel rein? Sie schwamm näher und suchte nach einer Schleuse, wie bei den Rescue-Kuppeln. Elaios konnte ihr nur folgen und versuchen sie zu bremsen, doch Idya riss sich immer wieder los, umrundete tief am Boden die Kuppel, damit sie nicht gleich gesehen wurde und Elaios fragte sich noch, wie naiv man sein musste, wenn man glaubte, solch ein Labor hätte einen ungesicherten Eingang. Doch da war Idya schon zur Hälfte in einer offenen Schleuse verschwunden – das war doch alles nicht wahr!

Entweder waren das da drinnen Idioten, was er nicht glaubte – oder das war eine Falle!

Verdammte Scheiße!



12

Ihm blieb aber nichts weiter übrig als ihr zu folgen. Seine Hand tastete nach dem Messer, das an seinem Bein steckte. Mehr Waffen hatten sie nicht mit und das war nicht gerade viel. Vorsichtig tauchten sie auf und sahen sich um. Der Raum war leer und lautlos kletterten sie aus dem Wasser.

Zum Glück hatte Idya wie immer das Gel bei sich, damit sie hinterher wieder von hier weg kamen, denn wenn sie in der Kuppel atmen wollten, mussten sie die Lungen leeren – so wie immer. Sie versuchten so wenig Geräusche wie möglich zu machen und strichen sich das gröbste Wasser vom Körper. Eine verräterische Spur aus Nässe würden sie wohl trotzdem legen.

„Bist du noch ganz dicht?“, knurrte Elaios leise, denn er nahm Idya immer noch übel, dass sie ihn so überrumpelt hatte.

„Er ist einer von uns und sie bringen ihn um!“, zischte Idya zurück und funkelte Elaios an. Sie wollte jetzt nicht diskutieren, das konnten sie später machen, wenn sie den Fremden befreit hatten. Sie winkte Elaios zu sich, denn erst einmal mussten sie sich orientieren.

Grob konnten sie einschätzen, an welcher Stelle die Schleuse gewesen war und wie sie von außen zum Labor gelegen hatte, sie mussten also nach rechts, um zu dem Fremden zu kommen. Wenn ihnen jetzt jemand über den Weg lief und feststellte, dass die beiden nassen Gestalten eigentlich nicht hier sein durften, hatten sie ein Problem. Elaios war zu allem bereit, doch war er auch bereit sein Leben für das eines anderen zu opfern? Bisher hatte er noch nicht darüber nachdenken müssen.

Irgendwie hoffte er, dass sie den Fremden befreien konnten, ohne auf diese Vermummten zu treffen, die sie bei ihm gesehen hatten. Leise schlichen sie durch den Korridor und sahen kurz in einen Raum, aber das war nicht der richtige. Elaios war angespannt und sein Herz klopfte hart und schnell.

Was er nicht wusste – nicht wissen konnte – sie wurden beobachtet, seit sie die Kuppel umkreist hatten. Dass sie hier drinnen waren und sich so frei bewegen konnten, war kein Glück – es war pure Neugier der Hauseigentümer. Es kam selten vor, dass aus der Ecke der Kuppel Versuchstierchen so unbedarft zu ihnen kamen. Süß, wie sie da herum irrten in dem Glauben, wieder ungesehen zu verschwinden. Wie naiv!

Noch hatten Elaios und Idya keine Ahnung, dass jeder ihrer Schritte beobachtet wurde, aber das kam schneller, als ihnen lieb war. Sie hatten nämlich den Operationsraum gefunden und der Fremde lag immer noch auf dem Tisch. Von seinen Peinigern war nichts zu sehen, darum huschten sie schnell hinein. Das war ein Fehler, denn kaum, dass sie den Raum betreten hatten, spürten sie einen Stich am Hals. Zwar wirbelten sie herum, aber es war zu spät, ihnen schwanden die Sinne und ohne einen weiteren Laut sanken sie bewusstlos auf den Boden.

„Drei zum Preis von einem“, lachte eine junge Frau und ihr Kollege sah sie spöttisch an.

„Aber nicht das, was wir brauchen, Hera“, erklärte er und zerrte Elaios auf die Füße. Zwar konnte der sich nicht halten, weil sein Körper bewusstlos war, doch so konnte man ihn besser transportieren.

„Ich weiß nicht, Loki“, entgegnete Hera amüsiert und hob Idya auf ihre Arme. „Die beiden sind Atlanter, ich glaube, die kann man für das, was wir vorhaben, noch gut gebrauchen.“ Sie gingen beide wieder zur Tür, um die Eindringlinge in eine Zelle zu bringen. „Schlaf, mein Prinz, ich werde nicht zulassen, dass man dich weckt“, flüsterte sie zu dem schlafenden Meodin. Dann schlossen sich die Türen lautlos hinter ihr und ihrem Kollegen.

Sie legten Idya und Elaios in der Zelle ab und Hera betrachtete sich Elaios. Er sah gut aus, war aber nicht ihr Fall. Meodin war ihr absoluter Favorit. Er war viel faszinierender. „Lassen wir sie aufwachen. Mal sehen, was wir mit ihnen anstellen können“, lachte Loki und schloss das Gitter.

„Ich will wissen, was die Spinner hier wollten. Man kommt doch nicht ohne Grund in ein fremdes Haus. Was für schlechte Manieren die Wasserplanscher haben“, erklärte Hera spöttisch und strich sich die Haare zurück.

„Hey, hier lang“, neckte Loki, als er sah, dass seine Kollegin schon wieder ins Labor abbiegen wollte. „Der hat noch von den Untersuchungen genug. Der wird so schnell nicht wach und seit wann spielst du gern an bewusstlosen Kerlen herum?“

„Neues Hobby“, grinste Hera keck und ließ sich nicht davon abhalten, zu Meodin zu gehen. „Er ist einzigartig und er funktioniert. Das ist faszinierend. Ein blindes Huhn findet auch einmal ein Korn, nur werden die Neo New Yorker das nie erfahren.“ Hera lachte gehässig und strich Meodin durch die Haare.

„Eigentlich sollten wir dich beseitigen, mein Liebling. Doch du bist zu schade dafür“, flüsterte sie und strich Meodins Kinnlinie entlang. „Es sollte reichen, deine Funktionstüchtigkeit auszuschalten.“ Sollte Hades doch bestimmen, was er wollte, sie würde diesen hübschen Kerl doch nicht entsorgen. Das war Verschwendung in Reinkultur! Sie kannte andere, die entsorgt werden konnten. So was musste sich nicht noch vermehren – aber ihr Spielzeug wurde nicht kaputt gemacht. Das würde sie zu verhindern wissen.

„Komm schon, Hera, bringen wir ihn zu den andern. Du kannst später noch spielen.“ Es gefiel Loki nicht, dass jetzt drei Personen in der Zelle waren, aber sie hatten nur die eine. War ja nicht für lange. Es war ein Glücksfall gewesen, dass Meodin alleine im Empire rumgelaufen war und sie ihn sich hatten schnappen können, aber leider hatten sie den Termin, den sie in einer Stunde hatten, nicht mehr verschieben können.

„In die Zelle? Ungern“, gestand sie, denn sie hatte gemerkt, wer von den beiden hier hatte eindringen wollen und welches Labor sie zielsicher aufgesucht hatten. Die kleine Schickse würde sie also ganz bestimmt nicht mit ihrem neuen Spielzeug zusammen packen. So leicht wollte sie es ihr dann doch nicht machen. „Wir können auch den Laborraum versiegeln, da kann er ebenfalls nicht weg.“

„Ja sicher, dann hat er was zum spielen, wenn er wach wird. Skalpelle, Laser, Messer, alles was Spaß macht.“ Lokis Stimme troff vor Sarkasmus. „Kommt gar nicht in Frage. Er kommt in die Zelle.“

Hera schnaubte, denn dem konnte sie nichts entgegen setzen. „Die kleine Meerjungfrau wird alles verlieren, was sie nach Meodin ausstreckt“, knurrte sie und ging zurück, um die Liege aus dem Raum zu rollen. Eigentlich hatte sie Spaß daran gehabt, den schönen Mann nackt herum laufen zu lassen. Doch sie legte lieber das nötigste auf die Liege, damit sich Meodin bekleiden konnte. Nicht dass die Kleine noch an ihrem Sabber erstickte – doch: Warum eigentlich nicht? Hera grinste schief. Wurde sie gerade wirklich eifersüchtig? Das war doch völlig absurd!

Sie schob Meodin in die Zelle und ganz aus Versehen, stieß sie mit dem Rad gegen Idya. Loki verdrehte die Augen. So kannte er Hera nicht und langsam machte er sich wirklich Gedanken darüber, ob er sie weiterhin mit Meodin spielen lassen sollte. „Reiß dich los“, knurrte er, denn sie mussten los.

„Ach halt die Klappe.“ Hera ließ sich nicht hetzen. Sie gönnte sich noch ein paar zärtliche Striche durch die feuchten Haare, ehe sie aus der Zelle trat und die Tür hinter ihr in die Verankerung schlug. Sie sah nicht zurück sondern machte, dass sie in die privaten Räume kam, die sie bewohnte, so lange wie sie auf Bonder 481 zu tun hatte. Jetzt in die Hauptkuppel zu fahren, darauf hatte sie so viel Lust wie auf eine Unterschenkelamputation, doch es nutzte nichts. Sie hatten ein Problem und das wurde nicht kleiner, nur weil sie es lange ignoriert hatten. Ganz im Gegenteil. Die Wasserlinge wurden aufmüpfig. Dem musste ein Riegel vorgeschoben werden.

Sie machte sich frisch und zog sich um und keine viertel Stunde später, verließen sie und Loki die Kuppel. Zurück blieben die drei schlafenden Wasserlinge. Lange Zeit regte sich nichts in der Zelle, denn Loki und Hera hatten nicht mit dem Betäubungsmittel gegeizt. Es dauerte mehr als eine Stunde, als ein leises Stöhnen anzeigte, dass einer der drei langsam wach wurde.

Es war Meodin, der sich zuckte und versuchte aufzusetzen, doch ein Ziehen im Bauchraum ließ ihn die Idee ganz schnell vergessen. Er atmete erst einmal tief durch und ließ die Augen zu, zu groß war die Sorge, dass die Fremden sich gleich wieder auf ihn stürzten, sobald sie merkten, dass er bei Bewusstsein war. Er konnte nicht mehr – er wollte nicht mehr. Er war dessen so überdrüssig.

Er blieb liegen und lauschte. Da waren Atemgeräusche in seiner Nähe, also war er nicht allein. Er versuchte regelmäßig zu atmen, damit nicht auffiel, dass er wach war, aber das war nicht leicht, wenn das Herz raste. Er konnte seine Angst nicht mehr zurück drängen, nur zu gut wusste er, was ihn erwartete, sobald sie merkten, dass er wieder bei Bewusstsein war. Doch warum sagten sie nichts? Warum spürte er weder Hände in Gummihandschuhen noch irgendwelche Nadeln oder Pinzetten? Es machte Meodin fast noch mehr fertig hier zu liegen in seiner Ungewissheit, als wenn seine Peiniger ihn wieder beim Wickel hätten.

Er kniff die Augen zusammen und stutzte, als er ein Geräusch hörte. War das ein Stöhnen? Meodin traute sich nicht die Augen zu öffnen und lauschte weiter. Da! Wieder dieses Geräusch und jetzt war Meodin sich sicher, dass es ein Stöhnen war. Vorsichtig öffnete er die Augen einen Spalt, konnte aber außer der Kuppel über sich, nichts erkennen.

Ohne sich zu regen, glitten die Pupillen erst nach links, dann nach rechts. Suchend sah er sich um, doch er konnte neben sich niemanden ausmachen. Noch unentschlossen drehte er kaum merklich den Kopf, weiter und weiter bis er von der Liege neben sich auf den Boden sehen konnte. Da lag jemand. Meodin öffnete die Augen weiter – wer war das?

Langsam und vorsichtig, damit es nicht so schmerzte, versuchte Meodin sich zu drehen, damit er etwas mehr sehen konnte. Jetzt konnte er erkennen, dass nicht eine, sondern zwei Personen auf dem Boden lagen. Wie es aussah eine Frau und ein Mann und der Mann rollte sich gerade auf den Rücken und griff sich an die Stirn.

„Scheiße“, knurrte der junge Mann und strich sich über das Gesicht. Elaios rollte leicht den Kopf und öffnete die Augen, schloss sie stöhnend aber gleich wieder, denn das Licht blendete ihn und brannte auf der Netzhaut, dass der Schmerz bis ins Hirn flutete. Was war denn nur passiert? Der Kopf tat weh und nur langsam kam zurück, was passiert war.

Elaios riss die Augen auf und ignorierte den Schmerz. „Idya!“, rief er und sah sich hektisch um. Kaum dass er seine Freundin sehen konnte, robbte er zu ihr und drehte sie zu sich. „Wach auf, Kleines“, murmelte er besorgt und war etwas beruhigt, da sie regelmäßig atmete.

Er zuckte herum, als er eine dünne Stimme fragen hörte, wer er sei und wusste im ersten Augenblick nicht, wohin er sehen sollte. Bis ihm die Liege auffiel und er nach oben blickte. Schwarze Augen blickten ihn furchtsam an und Meodin wusste nicht, ob er einen Fehler gemacht hatte, als er den Fremden auf sich aufmerksam machte. Er konnte sich kaum bewegen, würde weder flüchten noch sich wehren können.

„Ich bin Elaios“, sagte er darum nur und lächelte, damit der Fremde sich wieder etwas beruhigte. Er strich Idya über die Wange, aber seine Freundin schlief immer noch. „Das ist Idya“, erklärte er darum weiter. „Wir kommen von Atlantis 035 Nord und sind eigentlich hier, um dich zu befreien, aber jetzt sind wir genauso gefangen wie du.“

„Was?“, fragte Meodin und versuchte noch einmal sich aufzusetzen. Es zog im Bauchraum, doch er biss die Zähne zusammen. Er zeigte keinen Schmerz, nicht vor den Fremden. Das Laken raffte er über den Schoß und sah Elaios immer noch fragend an. „Gehört ihr zu ihnen?“, wollte Meodin wissen, denn mit den übrigen Worten von Elaios konnte er nichts anfangen. Atlantis – keinen Schimmer was das sein sollte.

„Nein, wir gehören ganz bestimmt nicht zu denen!“ Elaios schnaubte geringschätzig. „Wir sind Wassermenschen und leben auf dem Meeresgrund. Darum sind wir auch hier, weil du anscheinend auch ein Wassermensch bist.“ Immer noch strich er Idya über die Wange und sah immer wieder besorgt auf sie runter.

„Ich bin kein Wassermensch, ich bin Meodin!“, ereiferte sich das Seepferdchen und drückte vorsichtig den Rücken durch, zuckte aber beim aufkommenden Schmerz zusammen. Also ließ er es bleiben. „Außerdem kenne ich euch doch gar nicht, wie kommt ihr also darauf, ich wäre einer von euch?“ Er war verwirrt und die Schmerzen in seinem Körper machten es nicht einfacher, dem Fremden und seinen Worten zu folgen.

Zur Antwort hob Elaios seine Hand und spreizte die Finger, so dass man seine Schwimmhäute sehen konnte. „Du hast auch eine Rückenflosse. Das haben die Landmenschen nicht, sondern Wasserwesen. An Land wäre sie und die Schwimmhäute ziemlich unsinnig.“ Langsam wurde Elaios wütend. Anscheinend wollte dieser Meodin gar nicht gerettet werden und sie waren vollkommen umsonst gefangen genommen worden.

Ziemlich verblüfft starrte Meodin auf die Schwimmhäute und spreizte seine eigenen Finger. Es machte für ihn keinen Sinn, doch die Fremden waren wegen ihm hier und waren wegen ihm gefangen worden, er sollte etwas klarstellen: „Ich bin... gemacht worden, in einem Tank“, sagte er also und hoffte, dass Elaios verstand. „Ich bin kein Mensch, zumindest nicht nur.“

„Du bist gemacht worden?“, fragte er. Er wollte schon fragen, wie er das meinte, da fielen ihm die Sharker ein. Auch die ersten von ihnen waren erschaffen worden. Sie waren eine Kreuzung aus Menschen und Hai. War dieser Meodin etwas Ähnliches? „Du bist also zum Teil Mensch und was noch?“

„Seepferdchen“, sagte Meodin spontan, denn so war es ja auch. Zwar wusste er noch immer nicht genau, was das eigentlich war, weil er noch keines gesehen hatte, doch zumindest hatte Bill ihm erklärt, dass ein Teil von ihm von eben jener Rasse abstammte.

„Ein Wasserwesen.“ Elaios grinste, wurde aber von Idya abgelenkt, die erwachte und sich stöhnend an die Stirn griff. „Bleib liegen. Der Schmerz geht gleich weg“, sagte er schnell, weil Idya sich aufsetzten wollte.

„Keine Ahnung“, murmelte Meodin und betrachtete die junge Frau. Bis eben hatte sie ihn noch nicht interessiert, aber nun war sie wach und er würde sich gleich auch mit ihr auseinander setzen müssen.

„Mein Kopf“, nuschelte Idya und versuchte erneut, sich aufzusetzen. Der Schädel hämmerte und nur langsam erinnerte sie sich wieder, wurde von Elaios aber nieder gedrückt, als sie erschrocken hoch schießen wollte und die Augen aufriss.

„Wir wurden gefangen, aber im Moment droht uns keine Gefahr. Der Fremde ist auch bei uns. Er heißt Meodin“, fasste er ihre Situation schnell zusammen und half Idya dabei sich vorsichtig aufzusetzen. Dabei stellte er überrascht fest, dass sie noch alle ihre Ausrüstungsgegenstände hatten, einschließlich ihrer Messer.

Man ging wohl davon aus, dass sie keinerlei Gefahr bedeuteten. Waren die Fremden leichtsinnig oder einfach nur von sich überzeugt? Elaios wusste es nicht, musste aber ungewollt grinsen, als er Idya dabei beobachtete, wie sie sich hastig nach dem Fremden umsah und beschämt den Blick senkte, als sie merkte, dass Meodin nackt war und nur ein Tuch das nötigste verhüllte.

„Hallo, ich bin Idya“, murmelte sie und wurde ein wenig rot, als sie von unten einen kleinen Blick riskierte. „Was haben sie mit dir gemacht? Wir haben nur gesehen, dass sie an dir herum hantiert haben, aber mehr leider nicht.“

Meodin verzog das Gesicht und holte tief Luft. Er bemerkte zwar den forschenden Blick der jungen Frau, konnte ihn aber nicht einordnen. „Ich weiß es nicht“, sagte er unterkühlt und so war es auch. Keiner hatte ihm gesagt, was sie eigentlich von ihm wollten. Nur Schmerz, Schmerz, Schmerz – nichts weiter. Sie hatten ihn weggeschleppt, hier her gebracht und kein Wort verloren.

„Hm.“ Idya sah nun doch hoch und bemerkte den Strich auf Meodins Bauch, aus dem ein wenig Blut quoll. „Elaios guck mal nach ihm, er blutet“, sagte sie und machte sich von ihrem Freund frei, damit er aufstehen konnte.

Doch noch ehe Elaios ihn hatte erreichen können, war Meodin panisch vom Tisch gesprungen. Auch wenn die Bewegung schmerze und ihm ins Hirn stach, er konnte nicht zulassen, dass jemand ihn anfasste. Er hatte genug! „Nein!“, erklärte er und drückte sich mit dem Rücken an die Wand. Ein kleines Rinnsal lief über den Bauch zur Scham. Seine Nägel versuchten sich in die Wand zu schlagen. Doch sie war zu glatt.

„Meodin, wir tun dir nichts“, sagte Elaios leise und stand langsam auf. „Ich wollte nur nachsehen, warum du blutest, aber wenn du das nicht möchtest, lass ich es. Du solltest das Tuch auf die Wunde drücken, damit es aufhört.“

Er versuchte seine Sorge aus der Stimme zu nehmen und reichte Meodin am langen Arm das Tuch, um ihm nicht zu nahe kommen zu müssen. Nur zu deutlich sprach die Panik aus dessen ganzer Haltung, Elaios wollte sich nicht einmal vorstellen, was Meodin durchgemacht hatte, wenn er jetzt so reagierte.

Hastig nahm Meodin das Tuch an sich und drückte es auf die Bauchtasche. Angenehm war es nicht, doch es musste sein. Die Wunde, die beim gewaltsamen Öffnen gerissen worden war, war nicht tief, doch das Gewebe war stark durchblutet.

„Lass uns dir helfen. Wir haben Verbandszeug und können deine Wunde versorgen. Du kannst es aber auch selber tun, wenn dir das lieber ist. Ich werde dir sagen, was du tun musst.“ Elaios wusste, dass Idya so etwas immer mit hatte für Notfälle und streckte die Hand zu ihr aus, damit sie ihm das Verbandszeug reichen konnte.

Ihre Finger brauchten ein paar Versuche, bis sie sich trafen und das gewünschte übergeben konnten, denn Idyas Blick hatte sich an dem Fremden festgesaugt. Sie konnte nichts dagegen tun.

„Was muss ich tun?“, wollte Meodin wissen, denn es war ihm noch immer nicht geheuer. Der Schmerz raubte ihm fast die Fähigkeit zu denken und so reichte Idya auch eine Pille mit, starke Schmerzmittel, die alles lahm legten. Speziell für die Sportler entwickelt, wenn sie weit ab von medizinischer Hilfe verunfallten.

Elaios hielt sie hoch. „Das ist etwas gegen die Schmerzen. Du musst sie schlucken. Sie wirkt sehr schnell. Danach musst du die Wunde desinfizieren, damit sie sich nicht entzündet. Dann wird sie entweder verbunden oder ein Pflaster draufgeklebt. Aber eins nach dem anderen.“

Meodin sah das Medikament fragend an, doch die Aussicht, dass der Schmerz nachließ, war verlockend. So warf er seine Skepsis über Bord und griff die Tablette, würgte sie herunter und lauschte in sich hinein. Tatsächlich klang der Schmerz fast augenblicklich ab und Meodins Haltung entspannte sich. Er wagte es tief durchzuatmen und sah Elaios wieder an. Er schien den beiden trauen zu können und so ließ er das Tuch langsam sinken. „Hilf mir bitte“, sagte er leise.

„Natürlich.“ Lächelnd kam Elaios näher und sah sich die Wunde erst einmal an. „Wirkt die Pille schon? Ich muss dich berühren, um die Wunde zu behandeln und wenn die Pille wirkt, bereite ich dir keine Schmerzen.“ Während er sprach hatte Elaios schon das Fläschchen mit dem Desinfektionsmittel geöffnet und hielt es bereit.

Meodin nickte nur und Elaios begann vorsichtig, die Bauchtasche abzutasten. Er kam nicht umhin festzustellen, dass auch ihn eine gewisse Neugier trieb. Er hatte ein Wesen wie Meodin noch nie gesehen.

Das Seepferdchen hielt die Luft an, als Elaios ihm so nahe kam und beäugte, was der Fremde tat.

„Atmen“, flüsterte Idya ihm zu, als sie sah wie Meodin langsam blass wurde, weil er vergaß Luft zu holen.

Elaios lachte leise, als er hoch sah und Meodin tief Luft holte. „Ich bin vorsichtig“, versprach er und widmete sich wieder der Wunde. „Sie ist nicht sehr groß, das kriegen wir wieder hin“, murmelte er dabei. Er träufelte etwas zur Desinfektion auf die Wunde und klebte ein großes Pflaster drauf. „Schon fertig“, sagte er und trat wieder einen Schritt zurück.

Dabei fiel sein Blick auf die Kleider, die auf der Pritsche lagen und er reichte sie Meodin. Wie Elaios fand, hatte Idya jetzt genug geboten bekommen. Es war Zeit, dass der Fremde seine Würde zurückbekam.

Meodin verstand. Schnell stieg er in Hose und Shirt und war überrascht, wie gut er sich bewegen konnte. Nichts tat mehr weh. Was auch immer die beiden ihm gegeben hatten – das Zeug war klasse!

Da es Meodin erst einmal gut ging, sah Elaios sich in ihrer Zelle um. Es gab dort nicht viel zu sehen. Zwei Pritschen, die Bahre auf der Meodin gelegen hatte und eine abgetrennte Toilette mit Dusche. Alles aus einem Guss, so dass man es nicht herausreißen und zur Flucht verwenden konnte.

„Vorgesorgt haben sie“, knurrte Elaios, er gab es nicht gern zu, aber ihre Kerkermeister waren keine Dummen. Das machte es nicht leichter. Und dass die Hauseigentümer ihnen die Türen öffneten und sie gehen ließen, brauchte er nicht zu hoffen. „Wie kommen wir hier raus?“, fragte er also und sah wieder Meodin an. Der war schon etwas länger hier, vielleicht wusste er ja etwas, was ihnen helfen konnte, doch der schüttelte nur den Kopf.

„Schade, aber nicht zu ändern. Wir sollten versuchen zu fliehen, denn ich glaube nicht, dass wir noch dazu kommen, wenn die Vermummten wiederkommen.“ Allein bei dem Gedanken an sie, lief es Elaios kalt den Rücken runter und das bedeutete meist nichts Gutes.

„Die Gottgleichen kann man nicht besiegen“, sagte Meodin leise und er klang resigniert, gerade so, als hätte er das schon mehrfach versucht und wüsste wovon er redete. Doch als er merkte, dass er mit seinen Worten auch die anderen beiden entmutigte, versuchte er sich zu straffen und lächelte. „Aber sie sind auch nur Menschen, sie machen Fehler.“

„Die Gottgleichen?“ Elaios sagte der Name etwas und nach ein paar Augenblicken, wusste er es wieder. „Sie haben die Sharker erschaffen und wir haben sie aus unserer Kuppel gejagt. Wurdest du auch von ihnen erschaffen?“

„Nein, das ist alles etwas komplizierter. Aber sie haben mich nicht erschaffen“, sagte Meodin. Er wollte darüber nicht reden, denn das würde ihn unweigerlich an Erdogan erinnern und die Erinnerung tat weh. Er wusste den Prinzen nicht mehr einzuschätzen, sie hatten sich gestritten, Erdogan war wütend auf ihn gewesen und hatte ihn nicht einmal gesucht. Von ihm hatte Meodin keine Hilfe mehr zu erwarten. Vielleicht waren die beiden aus dem Wasser seine einzige Chance auf Leben.