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Terra 3.0 - Zyklus III - Atlantis Nord 035 - Teil 13-15

13

„Das können wir später bereden, Jetzt sollten wir versuchen, hier raus zu kommen. Idya guck nach, ob es hier etwas gibt, das uns helfen könnte, ich untersuche das Schloss vom Gitter.“ Elaios hatte zwar keine Ahnung, wie man ein Schloss knackte, aber er musste es versuchen.

Seine Finger legten sich um einen der Stäbe und schlagartig wurde er zurückgeschleudert. Hart schlug er auf den Boden und zugleich war Idya bei ihm, wenige Momente später Meodin. „Was ist?“, fragten sie voller Sorge und Elaios musste sich fassen. „Strom“, sagte er nur und seine Augen rollten noch immer leicht. Diese Bastarde hatten dafür gesorgt, dass es ihnen nicht möglich war, die Gitter auch nur zu berühren, vom Knacken des Schlosses ganz zu schweigen.

„Verdammt“, fluchte Elaios und rieb sich die Hand, die immer noch kribbelte. Da es weder ein Fenster, noch eine weitere Möglichkeit gab, die Zelle zu verlassen, waren sie gefangen und mussten wohl oder übel ihre Fluchtpläne erst einmal begraben. „Elende Bastarde.“

„Was hast du erwartet?“, fragte Meodin und meinte die Frage völlig ernst. Jeder, der die Gottgleichen kannte, wusste dass diese keine Fehler machten. Sie waren nicht greifbar und immer mindestens einen Schritt voraus. Ihn hatte das nicht überrascht, dass die Tür unter Strom stand. „Habt ihr nie mit ihnen zu tun gehabt?“, fragte Meodin neugierig. Jetzt, wo der Schmerz weg war, kam Leben in ihn.

„Nein“, sagte Elaios und weil Meodin ungläubig guckte, schob er noch eine Erklärung hinterher. „Vor vielen Jahren haben wir sie aus unserer Kuppel verbannt, weil sie versucht haben uns zu beherrschen. Seit dem haben wir nichts mehr von ihnen gehört.“

„Es“, setzte Meodin an und konnte nicht glauben was er hörte. „Es ist euch tatsächlich gelungen sie abzuschütteln, euch von ihnen zu befreien und sie aus eurer Kuppel zu jagen?“ Das Seepferdchen machte große Augen und murmelte ehrfürchtig. Nur für einen Augenblick huschte der Gedanke durch seinen Kopf, was Erdogan dazu sagen würde, doch das war egal – Erdogan war Geschichte, denn der hatte zugelassen, dass die Gottgleichen ihn weggeschafft hatten. Er war es gewesen, der ihn in die Hauptkuppel gebracht hatte, und er war es auch gewesen, der ihn wütend gemacht hatte.

„Wir haben ihnen keine andere Wahl gelassen. Wir lassen uns nicht reinreden in unser Leben und wenn sie nicht ihr Leben gefangen verbringen wollten, mussten sie gehen.“ Elaios sah Meodin fragend an. „Ist das bei euch anders? In den Atlantis Kuppeln gibt es einige, die sich von den Gottgleichen getrennt haben.“

Meodin legte abschätzend den Kopf schief und holte tief Luft, doch dann schüttelte er ihn nur und grinste schief. Er hatte gerade das Gefühl an die Wand gespielt worden zu sein. Warum war es den Atlantis-Kuppeln gelungen, die Gottgleichen abzuwehren, während an Land alles infiltriert wurde, so weit, dass selbst die Moles seit Jahrhunderten unter dem Joch leiden mussten und noch immer litten? „Tja“, sagte er also.

Idya merkte, dass Meodin ein wenig überfordert war und deutete Elaios in Zeichensprache an, dass sie das Thema erst einmal lassen sollten. Sie wollte etwas mehr über Meodin erfahren. So aus der Nähe gefiel er ihr noch besser. „Erzähl doch mal was von dir. Du bist also eine Kreuzung aus Mensch und Seepferdchen. Warum haben sie dich geschaffen?“

„Hm“ nicht wirklich erfreut über den Themenwechsel wich Meodin aus und erklärte nur schwammig: „Die wenigen Frauen im Volk bekommen nicht viele Kinder. Man wollte testen, ob es möglich ist, die befruchteten Eizellen in anderen Körpern reifen zu lassen.“ Das Thema schmerzte, denn es führte ihm einmal mehr vor Augen, dass Erdogan ihn belogen hatte. Und das tat weh. So senkte er den Kopf und ließ die Haare vor das Gesicht fallen. Er drückte sich in die Wand in seinem Rücken. Am liebsten wäre er mit ihr verschmolzen.

„Oh.“ Idya wurde verlegen, weil sie offensichtlich genau das Falsche gefragt hatte. Sie überlegte fieberhaft, was sie noch fragen konnte, damit es nicht peinlich wurde. „Diese pelzigen Wesen, die wir mit dir in der Kuppel gesehen haben. Das waren keine Menschen, oder? So was habe ich noch nie gesehen.“

„Sie sind keine ‚so was’ – sie sind Moles“, sagte Meodin. Er hatte sich also doch nicht verguckt. Er hatte außerhalb der Kuppel etwas gesehen, auch wenn Erdogan ihm das nicht hatte glauben wollen. Da stand der lebende Beweis und keiner konnte es sehen. Meodin verzog das Gesicht. „Moles sind wie ich, geschaffen zu einem einzigen Zweck. Sie graben Tunnel durch das Erdreich, weil die Erdoberfläche tödlich ist. Man kann nicht rausgehen, daher auch die Kuppeln.“ Meodin seufzte leise, er vermisste Dylan und Diego.

„Entschuldige, so habe ich das nicht gemeint.“ Idya wurde verlegen, weil es sich so geringschätzig angehört hatte, was sie gesagt hatte. „Ihr seid befreundet. Wir haben euch durch die Kuppel toben sehen und ihr hattet viel Spaß dabei.“

„Ja, hatten wir“, sagte Meodin kurz angebunden und rutschte am glatten Material der Wand nach unten, bis er auf dem Boden zum sitzen kam. Er wusste auch, dass er es den beiden Fremden nicht gerade einfach machte, sich mit ihm zu unterhalten aber sie hatten ein Talent für Themen die tiefer gingen. Er konnte nicht aus seiner Haut und so sagte Meodin lieber wenig als das falsche. „’tschuldigung“, nuschelte er, als ihm seine Unhöflichkeit bewusst wurde. Ihnen hatte er es zu verdanken, dass die Schmerzen betäubt waren.

„Schon okay, du musst nichts erzählen, wenn du nicht willst. Ich kann mir vorstellen, dass das alles ein wenig viel für dich ist.“ Elaios legte Meodin eine Hand auf die Schulter und drückte sie lächelnd. „Möchtest du etwas über uns erfahren?“

Dankbar lächelnd sah Meodin den jungen Mann an. Dabei fiel sein Blick wieder auf die Schwimmhäute zwischen den Fingen, wie bei ihm selbst. „Natürlich will ich etwas über euch wissen. Seid ihr auch gemacht worden? Wo lebt ihr und wie kommt es, dass ihr im Wasser lebt ohne zu ertrinken, während ich im Pool schon Probleme kriege, wenn ich zu lange unter Wasser bleibe.“ Sie ähnelten sich, doch sie waren auch völlig verschieden.

Elaios lachte, weil Meodins Gesicht pure Neugierde ausstrahlte. Er ließ sich neben ihm nieder und spreizte die Finger. „Unser Volk lebt schon seit vielen tausend Jahren auf dem Meeresgrund. Wir wurden nicht geschaffen, so wie wir jetzt sind, sondern wir haben uns in vielen Generationen so entwickelt. Im Wasser atmen können wir allerdings auch nicht ohne weiteres. Wir haben Hilfsmittel dafür.“ Er holte den Spender für das Gel von seinem Gürtel und zeigte ihn Meodin. „Das Gel hier drin hilft uns dabei, den Sauerstoff aus dem Wasser zu nutzen. Wir atmen es ein und schon kann es losgehen.“

Das Seepferdchen guckte skeptisch auf das kleine Gerät. Er begriff nicht so richtig, was Elaios da eigentlich sagte, doch der junge Mann würde schon wissen, was er erzählte. „Warum seid ihr eigentlich hier. Wirklich nur, weil ihr mich retten wolltet? Habt ihr euch deswegen in Gefahr begeben?“ Er sah Elaios an.

„Ja, deswegen sind wir hier. Wir haben dich ein paar Tage beobachtet und gesehen, dass du ein Wasserwesen bist und als wir gesehen haben, was sie mit dir hier gemacht haben, mussten wir dir helfen. Wir konnten dich doch nicht ihnen überlassen.“ Elaios sah zu Idya, denn eigentlich hatte sie ja die Entscheidung getroffen, in die Kuppel zu gehen. Aber das spielte jetzt keine Rolle mehr.

„Danke, dass ihr das für mich gemacht habt, obwohl ihr mich gar nicht kennt“, sagte er leise. Hätte nicht Erdogan kommen und ihn retten sollen? Wäre es nicht an ihm gewesen nach all den Beteuerungen? Doch der Prinz war nicht gekommen. „Tut mir leid, dass ihr jetzt wegen mir hier fest sitzt.“ Er sah auf und blickte auf die Gitterstäbe. Entschlossen erhob er sich. Er konnte nicht einfach hier sitzen und auf Rettung warten. Er musste selber etwas tun.

„Du kannst doch nichts dafür, dass du verschleppt und fast getötet wurdest und es war unsere Entscheidung dir zu helfen.“ Elaios sah Meodin hinterher, wie er in der Zelle auf und ab ging. „Wir kommen hier schon wieder raus. Zwar weiß ich noch nicht wie, aber wir sollten fest daran glauben.“

„Du hast ja ein heiteres Gemüt“, sagte Meodin leise und sah immer wieder auf die Gitterstäbe.

„Denk nicht mal dran“, warnte Idya, die irgendwie das Gefühl hatte, dass der Fremde gleich etwas ziemlich Blödes tun würde. Waren Kerle eigentlich alle gleich? Sie fühlte sich nämlich bestätigt, als Meodin sich zu ihr umsah.

„Männer“, brummte sie augenrollend und lachte. „Elaios war schon immer Optimist. Gewöhn dich dran.“ Es störte sie nicht, dass ihr Freund sie böse anguckte. „Meist kriegt er, was er will, also stehen die Chancen gar nicht schlecht, dass wir fliehen können.“

„Hat euch so was Nebensächliches wie Realismus schon mal behindert?“, fragte Meodin und merkte erst hinterher, dass das vielleicht auch herablassend wirken konnte. Doch so war das gar nicht gemeint, er meinte die Frage völlig ernst. Wie konnte man in einem Raum mit nur einem einzigen Ausgang, der mit Starkstrom gesichert war, glauben, dass die Flucht gelang. Entweder war man jenseits von gut und böse oder hatte seine Tricks.

Elaios lachte und er zeigte Meodin den erhobenen Daumen. „Gute Antwort“, gab er neidlos zu. „Idya übertreibt ein wenig, aber so ganz schlecht schätze ich unsere Chancen wirklich nicht ein. Vorhin haben sie uns überrascht, das passiert uns nicht noch einmal.“ Er zog ein Bein an und stütze sein Kinn auf das Knie. „Kannst du kämpfen?“, fragte er Meodin. Er wollte planen und dazu musste er das wissen.

„Na ja, was man in ein paar Wochen auf dieser Welt eben so lernt, um sich selber am Leben zu erhalten“, sagte Meodin. „Der Prinz hat verlangt, dass ich mich verteidigen kann, weil er nicht immer auf mich aufpassen kann. Gegen Mike war das kein Problem, aber gegen Moles bin ich gnadenlos gescheitert“, fasste er seinen Trainingsstatus zusammen. Ob das Elaios helfen konnte, wusste er nicht.

„Ein paar Wochen? Wie alt bist du überhaupt?“, fragte Idya neugierig. Elaios interessierte etwas anderes. „Welcher Prinz und wieso wollte er, dass du kämpfen lernst?“ Gab es in den Oberflächenkuppeln einen König, der regierte? So etwas gab es schon seit ewigen Zeiten nicht mehr in Atlantis.

„Einer nach dem anderen“, sagte Meodin und entschied sich erst auf Idyas Frage zu antworten. Er hatte das Gefühl die junge Dame etwas zurückgesetzt zu haben. „Ich bin jetzt seit circa sechs Wochen aus dem Tank raus. Da war ich vorher ein halbes Jahr drinnen“, erklärte er bereitwillig, doch um Erdogan kam er nicht herum. Schließlich war er es gewesen, der Unit eins zu Meodin gemacht und ihn zu sich geholt hatte. „Und Erdogan ist der Sohn des Fürsten, des Regenten der Kuppel.“ Zumindest war das sein Kenntnisstand und er hatte keinen Grund daran zu zweifeln.

„Erdogan? War der auch einmal mit in der Kuppel? Vielleicht haben wir ihn ja auch gesehen?“ Elaios wurde richtig neugierig und Idya sah ihn ein wenig säuerlich an. Sie wollte mehr über Meodin erfahren und nicht über irgendwelche Prinzen.

Meodin, der vor dem Gitter stehen geblieben war, sah sich wieder um. „Ja, war er. Er ist kein Mole sondern ein Mensch und hat lange, schwarze Haare.“ Er versuchte sich so knapp wie möglich zu halten, denn jede Erinnerung an den Prinzen schmerzte, auch wenn Meodin das gar nicht wollte. Sein Kopf schoss herum, als er das klappern von Absätzen auf glasierten Fliesen vernahm. Da kam jemand!

Meodin spannte sich an, denn er wusste nicht, was ihn erwartete.

„Dann...“, begann Elaios zu sprechen und stand in einer fließenden Bewegung auf. „Komm vom Gitter weg“, flüsterte er und schob Meodin hinter sich. Gespannt wartete er, wer zu ihnen kam. Aber egal, wer es auch war, es würde ihnen nicht gefallen.

Kurze Zeit später stand eine junge Frau vor der Gittertür, zu erkennen nur an ihrer grazilen Gestalt, denn sie trug eine Maske wie bei einer OP. Abgesehen von den glühenden Augen und ein paar blonden Fransen konnte man nicht viel erkennen. Und das war Absicht. „Willkommen in meinem bescheidenen Heim“, sagte sie spöttisch und beäugte Meodin. Der bewegte sich ziemlich geschmeidig. Erstaunlich, was der Kerl für Schmerzen aushielt. Vielleicht wäre er wirklich ideal dafür, Kinder reifen zu lassen.

„Lass uns raus“, verlangte Elaios und funkelte die Frau böse an. Er war angespannt und kampfbereit, genauso wie Idya. Sie waren zwar keine Soldaten, aber sie hatten bei ihrem Training auch kämpfen gelernt und das konnte ihnen jetzt nutzen.

Doch Hera ließ sich von dem Ungeziefer nicht beeindrucken. „Erst wollt ihr rein, dann sind wir so nett und richten euch ein Zimmer, dann wollt ihr wieder raus. Entscheidet euch doch mal“, erklärte sie Elaios lächelnd. Man sah es an ihren Augen, dass sie amüsiert war. Doch sie fixierte Meodin die ganze Zeit, der sich für ihren Geschmack etwas zu intensiv im Hintergrund hielt.

„Wir werden hier gegen unseren Willen festgehalten.“ Elaios ließ den Spott an sich abprallen. „Lasst uns frei.“ Er war längst nicht so sicher, wie er sich gab, aber er hoffte, dass man es nicht merkte. Idya ließ die Frau nicht aus den Augen und ihr gefiel nicht, wie sie Meodin fixierte. Darum stellte sie sich so, dass ihr der direkte Blick auf Meodin versperrt wurde.

Schlagartig verfinsterten sich die Augen und Heras Blick wurde kalt. Was bildete sich die kleine Schlampe eigentlich ein? „Ihr seid auch gegen unseren Willen eingedrungen, ich würde sagen für ein paar Stunden sind wir erst einmal quitt und bis ich weiß, was man mit euch anstellen kann, bleibt ihr lieber noch in eurem Luxusapartment. Und vergesst nicht, dass ihr noch am Leben seid, ist mein guter Wille und nicht eure Leistung.“

Elaios schnaubte nur, denn mit dieser Frau zu diskutieren hatte keinen Sinn. Nur machte ihm die Aussage, dass sie hier bleiben sollten, bis sie wusste, was sie mit ihnen anstellen konnte, ziemliche Sorgen. Das verhieß nichts Gutes. Sie mussten hier raus, sonst landeten sie genauso wie Meodin auf dem Seziertisch.

„Na, plötzlich so schweigsam? Ich dachte eigentlich, dass ihr mir noch erzählt, warum ihr eigentlich wie die Kakerlaken in unser Haus gekrochen kommt. Aber gut, das wäre wohl auch zu viel verlangt.“ Sie strich sich durch die Haare und stellte sich so, dass sie Meodin wieder sehen konnte, der an der hinteren Wand der Zelle lehnte. „Und dich, mein Süßer, komme ich später noch einmal einladen.“ Den überließ sie doch nicht der kleinen Schnepfe.

Meodin zuckte zusammen, als er angesprochen wurde und sein Blick wurde kurz panisch. „Was willst du von ihm und von uns?“, fragte Idya aufgebracht und funkelte die Frau hasserfüllt an. „Ihr habt kein Recht, ihn hier festzuhalten und ihn zu quälen.“

Wütend darüber, dass die Kleine sich schon wieder einmischte, schwenkte Heras Blick zu ihr. „Hör mal zu, von dir will ich gar nichts und was wir mit ihm da hinten machen, ist nicht euer Problem. Also Klappe halten, Luft anhalten und geh mir aus dem Bild.“ Ihr Finger spielte mit einem Knopf, der die Zelle mit Betäubungsmittel flutete. Diese Menschen gingen ihr auf den Nerv und standen zwischen ihr und ihrem neuen Spielzeug.

„Ihr könnt ihn nicht einfach entführen und dann hier festhalten. Ganz zu schweigen davon, das ihr ihm Schmerzen zugefügt habt.“ Idya ließ sich den Mund nicht verbieten und Elaios seufzte innerlich. An sich mochte er den Charakterzug seiner Freundin, aber gerade war es nicht besonders angebracht, diese Frau zu reizen.

„Kleine Lady mach die Klappe zu, sonst werden die Milchzähne sauer“, knurrte Hera und blickte wieder auf den Knopf. Doch das wäre eine Niederlage vor sich selbst, wenn sie die kleine Schickse nicht zum Schweigen bringen konnte. Auf die Anschuldigungen ging sie nicht ein. Wo gehobelt wurde, da fielen eben Späne. Nicht zu ändern. „Und nur weil du so nett bist, warne ich dich vor: ich werde mir den Süßen holen und euch vorher in Tiefschlaf schicken. Nur wann, das verrate ich dir nicht.“

Idya wollte nach vorne stürmen und nach diesem blöden Weib greifen, aber kurz vor dem Gitter stoppte sie, denn sie hatte sich noch daran erinnert, dass es unter Strom stand. „Das wirst du bereuen“, zischte sie wütend.

„Du musst noch eine Menge lernen, kleine Lady, die Toten werden nach dem Krieg gezählt und dann werden wir sehen, wer bereut und wer nicht.“ Hera würdigte Idya keines Blickes mehr, sondern wandte sich ab. Sie ging, ihre Schritte verhallten und erst jetzt begann Meodin wieder richtig zu atmen. „Das war nicht gut“, flüsterte er fast tonlos, denn er wusste, was passierte, wenn Hera sauer wurde.

„Wem sagst du das.“ Elaios biss sich auf die Unterlippe. Diese Frau war skrupellos und gefährlich und an Meodin interessiert. Sie würde ihn auf jeden Fall nicht kampflos aufgeben und Idya und er waren dabei entbehrlich. Wenn sie ihr im Weg waren, wurden sie einfach entsorgt.

„Blöde Kuh“, knurrte auch Idya, der Heras Interesse an Meodin ebenfalls nicht entgangen war. Frustriert kam sie wieder tiefer in die Zelle.

„Ihr solltet euch für mich nicht in Gefahr begeben“, sagte Meodin eindringlich denn ihm war klar, dass er um Heras Interesse nicht herum kam.

„Dazu ist es zu spät.“ Elaios grinste schief. „Wir stehen auf ihrer Abschussliste, allein weil wir hier sind, um dich zu retten.“ Es brachte nichts, es zu leugnen. Diese Typen waren skrupellos und gingen über Leichen, um ihr Ziel zu erreichen. Sie waren genau so, wie man es sich erzählte.

„Das ist noch lange kein Grund, sie zu reizen. Haltet euch in Hintergrund, ich mach das schon. Wenn ich es geschickt anstelle, dann lassen sie euch vielleicht wieder gehen. Also“, sagte Meodin entschlossen und rollte die Schultern.

„Mein süßer, kleiner Märtyrer“, lachte es vor dem Gitter und das sanfte „Gute Nacht, mein Prinz“, ließ die drei nichts Gutes ahnen.

Elaios wirbelte zum Gitter rum, aber die Sicht verschwamm vor seinen Augen. Idya war die erste, die schwankte und dann ging alles ganz schnell. Innerhalb von wenigen Herzschlägen sackten die drei in der Zelle in sich zusammen. „Ups“, kicherte Hera und sah auf die reglosen Körper. „So gefallt ihr mir viel besser.“ Das Kraftfeld, welches das Betäubungsmittel in der Zelle hielt, waberte sanft und so verschwammen die Bilder immer wieder leicht. Doch Hera war das egal. Meodin hatte aufgehört sich opfern zu wollen und die kleine Lady hielt endlich wieder ihre Klappe. Was für eine Erholung. Für die nächsten zwei Stunden waren die drei außer Gefecht, genügend Zeit für Hera, Meodin an sich zu bringen. Sie würde den Süßen nicht wieder Loki und seinem Labor überlassen, sie hatte anregenderes mit dem Hübschen vor.

Sie ließ das Gas absaugen und wartete bis die Zelle wieder betretbar war. Es war keine Absicht, dass ihr Fuß auf dem Weg zu Meodin unsanft gegen Idyas Seite stieß. „Sie ist nicht gut für dich“, murmelte sie und hockte sich neben ihn. Sanft strich sie durch die hellen Haare und lächelte. „Wir werden sehr viel Spaß haben.“



14

„Hm“ Meodin spürte, wie sich sein Geist langsam durch wabernde Schwaden an die Oberfläche quälte. Er öffnete die Augen und rollte den Kopf. Er hatte sich an den Zustand, zu sich zu kommen, ohne zu wissen, wo er war und was passiert war, leider schon zu sehr gewöhnt. Er blieb also liegen und sah sich erst einmal nur um, ohne sich groß zu bewegen und Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Er war sich ziemlich sicher, dass er nicht mehr in der Zelle war. Er lag auf etwas Weichem und es fühlte sich an wie ein Bett. Er lauschte und versuchte herauszufinden, ob er alleine war, aber er konnte es nicht feststellen.

So versuchte er sich zu erheben, doch etwas an seinen ausgestreckten Handgelenken hinderte ihn daran. Leises klappern von Ketten auf Stahl war die Folge und Meodin sah sich irritiert um. Wer ihn jetzt nicht gehört hatte, würde auch nicht merken, wenn er sich aufrichtete. Doch er kam nicht dazu. Die ausgestreckten, gefesselten Hände hinderten ihn daran sich zu erheben und so drehte er den Kopf.

Er war wirklich nicht mehr in der Zelle und er lag auf einem Bett in einem Zimmer, das er noch nicht kannte. Sein Blick ging nach oben und er sah über sich die durchsichtige Kuppel. Er war also immer noch in dem Labor, aber was nutzte ihm das?

Er versuchte die Füße zu bewegen und durfte feststellen, dass diese frei waren. Also versuchte er sich nach oben zu schieben um sich doch aufsetzen zu können, doch da wurde er plötzlich am Fuß gepackt und wieder nach unten gezerrt, sodass er sich erschrak und zusammenzuckte. Er wusste schon, dass es nie etwas gutes bedeutete, wenn er hier angepackt wurde.

„Guten Morgen, mein Prinz“, flüsterte eine ihm viel zu bekannte Stimme zu und Meodin schloss die Augen wieder. „Du hast lange geschlafen, viel zu lange. Hast mich fast die ganze Nacht allein gelassen.“ Hera hatte darauf verzichtet, Meodin mit einem Serum zu wecken, sie wollte ihn noch eine Weile behalten.

Es hatte ihr unwahrscheinlich Spaß gemacht, Meodin wieder aus seinen Kleidern zu schneiden und dann über jedes Stück freigelegte Haut zu streichen. Ob er schon bemerkt hatte, dass er vollkommen nackt und angekettet auf einem Bett lag?

„Was soll das?“, fragte Meodin leise und öffnete die Augen wieder. Er spürte den sanften Wind über seinen Körper streichen und ahnte nichts Gutes. Hier war er noch nie wach geworden, doch er hoffte, dass Elaios und Idya uninteressant waren, so lange Hera sich allein mit ihm befasste. Also stellte er sich nicht gleich quer. Erst wollte er wissen, was gespielt wurde.

„Spaß“, lachte Hera leise und strich mit einem Finger federleicht das Bein entlang und kam zum Kopfende. „Diese kleine Schickse hat ganz schön genervt. Sie wollte einfach nicht begreifen, dass sie dich nicht haben kann.“

„Was redest du da?“, fragte Meodin irritiert und beobachtete die Hand, die ungefragt über seinen Körper fuhr. Er kannte das schon und stieß sich nicht mehr daran. Das erste Mal hatte es ihn noch entsetzt, doch die Strafe dafür, sich zu entziehen, hatte ihn schnell begreifen lassen, dass es ungesund war.

„Ach komm, Süßer, so schwer ist das doch nicht zu verstehen.“ Hera setzte sich neben Meodin auf das Bett und streichelte ihm über den Bauch. „Loki wollte dich töten, weil er sehen wollte, wie du funktionierst, aber das wäre doch Verschwendung. Mit dir kann man doch viel anregendere Dinge anstellen.“

Meodins Gesicht fror langsam ein und er sah Hera undeutbar an. Sie hatten ihn töten wollen? Nur um zu sehen, wie er funktionierte? Und nur Hera war es zu verdanken, dass er noch am Leben war, weil sie besseres mit ihm vor hatte? Das konnte er nicht glauben, sie konnte ihm ja viel erzählen. Doch er widersprach ihr nicht, sah sie nur weiter an. Er wollte endlich raus aus diesem Alptraum, denn er hatte es so satt. Ihre Berührungen ekelten ihn an.

Hera war nicht zufrieden, weil Meodin keinerlei Regung zeigte, aber sie ließ es sich nicht anmerken. Der Hübsche würde schon noch einsehen, dass er ihr dankbar sein sollte. „Wir haben Zeit“, gurrte sie und beugte sich zu Meodin runter. „Keiner wird uns stören.“

Irgendwie hatten diese Worte auf Meodin nicht die beruhigende Wirkung, die Hera vielleicht damit beabsichtigt hatte. „Was willst du von mir?“, fragte er und versuchte abzurücken, so gut es nur ging, doch die Ketten hinderten ihn. Erst lag er in einem Labor auf einem Seziertisch und ihm wurden Schmerzen zugefügt und jetzt lag er hier und diese Person packte ihn schon wieder ungefragt an. Anders als vorher aber nicht weniger unangenehm

„Ich will dich! Das ist doch nicht so schwer zu verstehen.“ Hera lächelte, aber es erreichte nicht ihre Augen. So langsam ging ihr Meodins ablehnende Haltung auf die Nerven. Sanft streichelte sie über die Wange ihres Gefangenen und wunderte sich wieder einmal, dass keinerlei Bartwuchs zu fühlen war.

„Du hast mich doch“, erklärte Meodin, weil er wirklich nicht verstand. Er fragte sich nur, ob das hier nicht auf eine widerlich aufdringliche Art genauso war wie die Untersuchungen. Der Schmerz war größer gewesen, keine Frage, doch die Ungewissheit, die ihm jetzt im Nacken saß und sich langsam die Wirbelsäule nach unten biss, machte es nicht leichter. Diese Berührungen waren nicht so, wie Meodin sie wollte. Das konnte nur einer, doch der hatte ihn aufgegeben.

„Dummerchen.“ Hera lachte amüsiert. Ihre Finger fingen eine der langen Strähnen ein und zogen leicht daran. „Sicher habe ich dich, aber das ist nicht das, was ich meinte. Hat dir dein Prinz eigentlich gar nichts beigebracht?“

„Lass Erdogan aus dem Spiel“, zischte Meodin aufgebracht und war überrascht über sich selbst, wie selbstverständlich ihm das über die Lippen kam. Doch er wollte nicht, dass diese Person von Erdogan sprach, egal ob er ihn im Stich gelassen hatte. „Sag mir einfach, was du willst, wir bringen es hinter uns und dann schaff mich wieder in meine Zelle.“ Meodin wurde die Ungewissheit langsam zu viel. Es fraß an ihm und ließ ihn unsicher werden.

„Oh, hab ich da einen Nerv getroffen?“ Hera sah Meodin mit funkelnden Augen an. „Aber dein Prinz ist nicht hier. Wahrscheinlich hat er dich schon lange vergessen. Spielzeuge werden schnell langweilig“, stichelte sie weiter, denn das Meodin so emotionslos reagierte, gefiel ihr gar nicht.

„Halt den Mund und kümmere dich um deinen eigenen Kram“, knurrte Meodin und biss die Zähne zusammen. Er wusste nicht, ob er der Frau glauben sollte, denn es tat weh zu hören, wie Erdogan ihn langweilig gefunden hatte. Schlimmer noch, schien sie Recht zu haben, denn er war nicht da, er hatte zugelassen, dass man ihn wegschleppte und hatte ihn nicht einmal gesucht. Er wandte den Kopf ab und starrte an die Wand

Zufrieden beugte Hera sich zu ihm runter und drehte Meodins Kopf wieder zu sich. „Vergiss ihn, so wie er dich vergessen hat“, wisperte sie nah an seinen Lippen und hauchte einen kurzen Kuss darauf. „Jetzt bist du hier und ich habe dich ganz bestimmt noch nicht satt.“

Schwungvoll wandte sich Meodin wieder ab. Dabei kratzten Heras Nägel über seine Wange, doch sie forderten kein Blut. Und selbst wenn, es wäre ihm auch egal gewesen. Er konnte im Augenblick kaum beschreiben, wie er sich fühlte und so schloss er einfach die Augen. Sollte die Frau mit ihm anstellen, was immer sie wollte. Vielleicht war er sie dann schneller wieder los und kam zurück zu Elaios und Idya.

Wütend blitzte Hera ihn an und ihre Finger legten sich fest um sein Kinn. „Sieh mich an“, knurrte sie, denn sie mochte es gar nicht, ignoriert zu werden. Sie kam aber nicht dazu, noch etwas zu sagen, denn ein Geräusch schreckte sie auf. Sie sprang auf. Die Alarmanlage hatte angeschlagen. Schnell lief sie zu einem Monitor und fluchte laut. „Tut mir leid, Süßer, ich muss jetzt gehen“, rief sie und rannte auch schon los.

„Loki, was ist los!“, wollte sie wissen, denn auf einem der Monitore hatte sie ihren Kollegen gesehen.

„Eindringlinge. Eine ganze Menge. Und sie wissen ganz genau, wie sie rein kommen. Sie haben die verriegelte Schleuse überwunden und befinden sich in den Fluren. Es sind zehn, zwölf, es werden immer mehr!“ Dann brach der Kontakt ab und Hera blieb stehen. Den Fremden in die Hände zu laufen war keine gute Idee. Hastig sah sie sich um.

Die Geräusche, die sie jetzt hören konnte, kamen von rechts, also wandte sie sich nach links. Das kam ihr sogar ziemlich gelegen, denn so kam sie zum Eingang des Festlandtunnels. Loki schien die gleiche Idee gehabt zu haben, denn sie konnte ihn einige Meter vor sich rennen sehen. Sie hielt sich auch nicht lange auf und rannte los, noch bevor die Tür sich wieder geschlossen hatte.

Sie waren im Augenblick nur zu zweit und mussten die Kuppel verloren geben, wenn sie ihr eigenes Leben retten wollten. Sie waren keine Helden, sie waren Realisten. Kaum war die Tür hinter ihnen zu, drückte Hera auf einen Knopf, dann sah sie Loki an. „Los, weg hier“, erklärte sie. Sie hatten die Datenlöschung eingeleitet, alles andere war entbehrlich.

Als sie auch die zweite Schleuse hinter sich geschlossen hatten, stoppten sie an einem Kontrollmonitor und Hera traute ihren Augen nicht, als sie einen der Eindringlinge erkannte: „Was will Poseidon hier!“ Wut stieg in ihr auf. Sie hatten einen Deal gehabt, deswegen war der Spinner noch am Leben – und jetzt fiel er ihnen in den Rücken? Sie hätten den Bastard töten sollen, als Zeit dazu gewesen war.

Hades würde bestimmt gerne hören, wer sie überfallen hatte. „Los gehen wir und erstatten Bericht“, knurrte sie und lief los. Die Kuppel war erst einmal verloren.

In der Kuppel rief Archiaon immer wieder nach Elaios und Idya. Nachdem sich sein Freund am vorigen Abend nicht mehr gemeldet hatte, war er unruhig geworden. Den ganzen Tag über hatte er schon so ein komisches Gefühl gehabt. Darum hatte er auch nicht lange gewartet, sondern ein Rettungsteam zusammengestellt. Sie waren die ganze Nacht unterwegs gewesen und wie es aussah, hatte sein Gefühl ihn nicht getrogen. Elaios und Idya waren gefangen genommen worden.

Unterwegs war ihnen Kasya entgegen gekommen. Archiaon kannte die junge Dame mittlerweile ganz genau und er wusste auch, dass sie ihrem Herrn nicht von der Seite wich, wenn sie nicht dazu gezwungen war. Sie hatte den Trupp zielstrebig zur Kuppel geführt und Archiaon war der Atem gestockt. Er hatte die Region erkannt und hoffte nun, dass er nicht zu spät kam.

„Elaios, verdammt. Jetzt antworte endlich“, brüllte er durch den Flur.

„Wir sind hier“, hörte er endlich Elaios’ Stimme und stürmte los. „Wir sind in einer Zelle und die Tür ist mit Starkstrom gesichert“, gab Elaios noch weiter Auskunft, damit Archiaon sich nicht verletzte, wenn er versuchte die Tür zu öffnen. Er hatte sofort die Stimme seines Freundes erkannt und sein Herz klopfte schneller.

Dabei ignorierte er Idya, die ihn so komisch anguckte. Sollte sie doch glauben, was sie wollte. Er freute sich, dass Archiaon hier war, nicht nur dass sie gerettet wurden, sondern dass Archiaon es war. Irrational, das wusste er selber, doch so war es eben. Und als der Senator vor dem Gitter stand, lächelte Elaios. Er wusste, dass jetzt alles gut werden würde.

„Irgendwo muss noch jemand sein“, sagte Idya gleich. Die anderen sollten Meodin suchen! Ohne ihn ging sie hier nicht weg. Definitiv.

Archiaon sah Elaios an und als ihm klar wurde, dass es ihm gut ging, lächelte er zurück. Er machte sich gleich daran den Strom abzuschalten und musste kurz innehalten, weil seine Hände zitterten. Er hatte solche Angst um Elaios gehabt und sie unterdrückt, aber jetzt konnte er das nicht mehr. „Noch jemand?“ Archiaon fragte nicht weiter und gab gleich den Befehl zu suchen. Er selber öffnete das Gitter und stürmte in die Zelle. Er riss Elaios an sich und drückte ihn fest.

Weil Idya selbst auch nach Meodin suchen wollte, waren die beiden plötzlich völlig allein und Elaios nutzte die Chance, um Archiaon kurz zu küssen. Er konnte den inneren Drang rational nicht erklären, doch er spürte, dass es richtig war, dem Drängen nachzugeben.

„Danke, dass du uns gefolgt bist“, flüsterte er und drückte sich noch einmal kurz an Archiaon, doch dann zog er den Senator hinter sich her. Sie mussten hier wieder raus. Nicht auszudenken, wenn sie alle hier fest saßen.

Archiaon ließ sich ziehen und berührte mit den Fingern seine Lippen. Elaios hatte ihn geküsst! Er hatte ihn wirklich geküsst! Ein breites Lächeln lag auf seinen Lippen und er drückte die Hand in seiner kurz. „Ist der Fremde auch hier, oder noch jemand anderer?“, fragte er und war neugierig.

„Ja, Meodin ist hier noch irgendwo und wir müssen ihn befreien. Über alles andere müssen wir später reden. Erst mal weg hier, hier laufen nur Irre rum, ich sag’s dir!“ Elaios fragte sich zwar, wo die Fremden abgeblieben waren, doch eigentlich war es ihm egal. Auf dem Flur sah er sich kurz um. Die Türen zu den Laboren standen offen und vereinzelt liefen Soldaten hin und her. Sie hatten noch nicht gefunden, was sie suchten.

„Hier lang.“ Archiaon zog Elaios mit sich. Seine Leute hatten die Labore abgesucht, da blieben nur noch die Quartiere. Er guckte in die Räume und im dritten lag jemand auf dem Bett, angekettet und nackt, wie er sehen konnte. „Wir haben ihn“, rief er laut und ging in den Raum. Dabei schob er Elaios vor sich, damit der Fremde ein bekanntes Gesicht sehen konnte.

Meodin schoss herum, als die Tür sich öffnete. Das fremde Gesicht ließ ihn zurück schrecken und er zerrte an seinen Ketten, doch als er Elaios sah, wurde er wieder ruhiger. „Was ist hier los?“, wollte er wissen und sah den jungen Athleten erwartungsvoll an. Zumindest war die merkwürdige Frau nicht wiedergekommen. Ein Hoffnungsschimmer machte sich frei, dass er endlich hier weg kam. Endlich frei!

Wieder und wieder zog er an seinen Ketten.

„Warte, ich mach dich los“, rief Elaios schnell und lief zu Meodin rüber. „Ich hab doch gesagt, dass wir hier raus kommen“, grinste er und untersuchte die Handschellen. „Unsere Leute haben uns gerettet“, erklärte er dabei und sah zu Archiaon rüber.

„Da war ja noch was mit Realismus“, grinste Meodin schief und war erleichtert. Während Archiaon ihm ein Laken über die Körpermitte warf, weil die Soldaten das Zimmer stürmten und Idya sich durchdrängelte, machte sich Elaios an den Ketten zu schaffen. Es war ein einfaches Fabrikat und so dauerte es nicht lange und sie klapperten zu Boden. Meodin konnte sich erheben und strich als erstes über die schmerzenden Gelenke.

„Wir sollten hier so schnell wie möglich verschwinden.“ Elaios wollte weg, aber da war noch ein Problem. „Ihr habt nicht zufällig noch einen Anzug mitgebracht?“, fragte er. Das Wasser war kalt und Meodin nicht daran gewöhnt.

„Er kann einen haben. Bis zur Kuppel komme ich auch ohne“, sagte Archiaon gleich, doch einer der Soldaten bremste den Senator aus. Er klärte ihn darüber auf, dass er seine Muskeln nicht quälen sollte, wenn er in ein paar Tagen zum Wettkampf antreten sollte. Omar selbst konnte gut auf seinen Anzug verzichten, denn er war kein Anwärter. Wenn er für ein paar Tage ausfiel, weil er kürzer treten musste, war das zu verkraften.

„Okay, machen wir das so.“

Meodin guckte verwirrt zwischen den Männern hin und her, darum klärte Archiaon ihn auf. „Wir haben keinen Anzug für dich. Du bekommst den von Omar. Du bist das kalte Wasser nicht gewohnt. Zieh ihn bitte an, damit wir los können.“

„Aber“, murmelte Meodin, doch er widersprach nicht. Er suchte sich seine Unterhose, die achtlos vor dem Bett zu Boden gegangen war und griff sich dann den Anzug. Er spürte die Blicke, die ihn trafen, als er sich erhob. Seine Rückenflosse war schließlich außergewöhnlich, keiner seiner Retter schien eine zu haben und so fühlte sich Meodin unbehaglich. Er beeilte sich den Anzug anzulegen und ihn mit den Stacheln seiner Flosse nicht zu beschädigen.

Um hier heraus zu kommen war er bereit fast alles zu tun!

„Wunderbar, er passt.“ Archiaon kam zu Meodin und sah ihn an. Der Mann war verunsichert und das sollte er nicht. „Ich bin Archiaon und wir nehmen dich mit nach Hause. Erst einmal schwimmen wir zu einer Rescue-Kuppel, damit meine Männer sich erholen können.“

„Wohin?“, fragte Meodin, doch eigentlich war das erst einmal egal. Hauptsache er kam weg hier. Allerdings hatte er das ungute Gefühl, dass er nicht zu Erdogan zurückkehren würde, doch warum auch?

„Wir erklären dir alles, wenn wir hier weg sind. Ich werde dir gleich etwas applizieren. Komm mit.“ Elaios nahm sich Meodin an und so liefen sie zur Schleuse.

Bevor sie die Schleuse betraten, winkte Elaios Meodin zu sich. Als der neben Elaios stand zeigte er ihm den Inhalator, mit dem man das Gel verabreichen konnte. „Das Mundstück in den Mund stecken und einatmen, wenn du drückst. Danach abtauchen und ganz normal atmen. Wenn du auftauchst, musst du husten, um das Gel wieder los zu werden“, erklärte er und ließ Meodin das kleine Gerät anschauen.

Der drehte es in den Händen und sah Elaios fragend an. Nebenbei aus dem Augenwinkel beobachtete er einen Teil der Soldaten, die wie selbstverständlich das taten, was Elaios eben erklärt hatte. Wohl war Meodin bei der Idee nicht, denn er hatte bereits versucht unter Wasser zu atmen und war fast ertrunken. Erdogan hatte ihn gerettet. Jetzt war er nicht da, um ihn zu retten und Meodin war sich nicht sicher, ob das wirklich funktionierte, was Elaios von ihm erwartete.

„Ich weiß, dass es das erste Mal Überwindung kostet, aber es funktioniert wirklich super. Wir benutzen das Gel schon sehr lange.“ Elaios wusste auch nicht, wie er Meodin seine Skepsis nehmen konnte. „Unsere Delphine benutzen es auch.“

„Delphine?“, fragte Meodin, das Wort kannte er nicht und er sah zu Idya, die ihn angestoßen hatte. Durch die Scheiben der Schleuse konnte man das Rudel draußen erkennen und Meodin nickte. Die Tiere hatte er schon einmal gesehen. „Sie sind ganz lieb, komm!“ Idya hielt ihm die Hand hin, um ihn näher an die Schleuse zu ziehen und Meodin ließ es passieren. Wie nebenbei drückte Idya ihm noch einmal das Gel in die Hand und zeigte, wie es ging. Die Soldaten hatten sich eben nach draußen geschleust und die Schleuse war wieder leer, sie wären die nächsten und wenn das Gel appliziert war, musste es schnell gehen.

„Nicht erschrecken, wenn sie zu dir kommen. Du sollst dich an ihrem Geschirr festhalten, dann ziehen sie dich durch das Wasser. Das ist kräfteschonender für uns.“ Elaios betrat mit Idya und Meodin die Schleuse und zeigte ihm noch einmal, wie es ging, während der Raum sich langsam mit Wasser füllte. „Wir machen es zusammen, wenn dir das Wasser bis zur Brust geht. Dann untertauchen und normal weiteratmen“, sagte er noch einmal und lächelte.

Meodin nickte und stellte sich unmerklich auf die Zehen, doch er konnte das steigende Wasser nicht aufhalten. Höher und höher kroch es an seinem Leib und Meodin holte tief Luft. Hilfe suchend sah er zu Elaios, doch der lächelte ihm zu. „Komm, jetzt!“, sagte er und zeigte Meodin wie es ging. Dann war das Seepferdchen selber dran. Er holte tief Luft, drückte den Knopf und spürte wie das Gel in die Lunge drang. Er hatte das Gefühl ersticken zu müssen und ruderte mit den Armen. Elaios zog ihn unter Wasser und zwang ihn da zu bleiben.

Es tat Elaios in der Seele weh, wie Meodin ihn mit großen, panikerfüllten Augen ansah und griff zu einem Trick, den sie auch bei den Kindern anwandten, die sich nicht trauten zu atmen. Er kniff Meodin leicht in die Seite und aus einem Reflex heraus, atmete der erst aus und dann ein.

Er spürte das Wasser in die Lunge strömen und wollte nach oben schießen, doch Elaios hinderte ihn immer noch. Erst dann merkte Meodin, dass er nicht erstickte. Er konnte sich bewegen und das Erstickungsgefühl war wie weggeblasen. So wurde er ruhiger und folgte Idya, als diese durch die sich öffnende Schleuse nach draußen schwamm. Dann war die Schleuse frei für den Rest, denn Archiaon und ein paar der Soldaten fehlten noch.

Draußen kamen gleich Kasya und Jason auf Elaios zugeschossen und ließen sich von ihm umarmen. Er hatte seine Freunde vermisst und weil sie auf ihn gewartet hatten, bekamen sie nachher eine Belohnung. Er stupste Meodin an und legte dessen Hand an Jasons Geschirr. Er selber hängte sich an Kasya und signalisierte den Delphinen, dass sie erst einmal langsam schwimmen sollten, damit Meodin sich dran gewöhnen konnte.

Er hatte trotzdem ganz schön zu kämpfen, als das Tier anzog und sich in Bewegung setzte. Nicht nur dass Meodin es noch nicht raus hatte, der schlagenden Flosse auszuweichen, das Ziehen an seinem Arm schmerzte in der Schulter. Die ganzen neuen Eindrücke machte es nicht einfacher für Meodin, doch er hielt sich tapfer.

Elaios lächelte ihn an und er machte immer wieder kurze Pausen, damit Meodin den Arm wechseln und die Schultern bewegen konnte. Idya, Archiaon und ein paar Soldaten blieben bei ihnen. Es war schade, dass sie Meodin nicht zeigen konnten, dass er es wirklich gut machte. Er musste auf jeden Fall als erstes die Zeichensprache lernen, damit sie sich auch unter Wasser verständigen konnten.
Doch jetzt musste es erst einmal so gehen und nach einer guten Stunde hatten sie die Rettungskuppel erreicht. Weil die Kuppel zu klein war für alle, waren die Soldaten, die vorausgeeilt waren bereits unterwegs zur anderen Kuppel.


15

Meodin machte große Augen, als er im Wasser verschwommen die Kontur der Kuppel wahrnehmen konnte. Was war das denn? Und wo war er hier? War er jetzt dort, wo er immer hatte sein wollen? Auf der anderen Seite des Glases im Wasser? Warum war er jetzt nicht glücklich?

Elaios stupste ihn an, weil Meodin so abwesend wirkte und zog ihn näher zur Kuppel. Sie ließen die Delphine schwimmen, damit die vor ihnen durch die Schleuse konnten. Hoffendlich dachte Meodin an das, was er im bei ihrem Aufbruch erklärt hatte, wenn sie in der Kuppel waren. Doch er ging davon aus, dass der Vorführeffekt ihn dazu veranlasste, dem zu folgen, was alle taten.

Einer nach dem anderen schwamm durch die Schleuse und hustete den feinen Gelfilm aus der Lunge. Meodin hatte den Bogen allerdings noch nicht raus und so dauerte es eine Weile, bis er befreit die Luft in der Kuppel atmen konnte. Keuchend lag er auf dem Boden neben dem Becken, das Husten hatte ihn angestrengt.

„Für das erste Mal, war das wirklich gut“, lobte ihn Elaios, der neben Meodin lag und breit grinste. Jetzt ging es ihm wieder gut. Archiaon hatte ihn gerettet und sie waren fast Zuhause. Er sah sich nach seinem Freund um und rappelte sich hoch. Er hatte sich noch gar nicht richtig für ihre Rettung bedankt.

So erhob er sich denn, Meodin war bei Idya sicher in sehr guten Händen. Und so wie Elaios gern mit dem Senator allein war, war es Idya sicherlich gern mit dem Fremden. Sie hatte viel auf sich genommen.

„Da bist du ja“, sagte Elaios leise, als er Archiaon am Funkgerät entdeckte, wo er gerade einen Bericht durchgab, damit Atlantis Nord 035 wusste, was eigentlich passiert war und die Eltern der beiden aufhören konnten, sich Sorgen zu machen.

Er lehnte sich an Archiaons Rücken und der Senator zog eine von Elaios’ Händen an seine Brust und verschränkte ihre Finger. Er musste erst das Gespräch beenden, dann konnte er sich dem Menschen widmen, um den er Angst gehabt hatte.

Sollten die wenigen Soldaten, die sie begleiteten, glauben, was sie wollten. Er hatte keine Lust sich zu verstecken, wenn Elaios ihm so nahe kam. Seine eigene Entscheidung stand fest und Elaios war alt genug selbst zu entscheiden, was er wollte. Archiaon würde ihn bestimmt nicht bremsen.

Er trennte die Verbindung zu Atlantis Nord 035 und sah zu Elaios hoch. „Hallo“, sagte er und lächelte. Endlich fiel die Spannung von ihm ab, die ihn seit dem gestrigen Abend im Griff hatte. „Mach so etwas nicht noch mal. Ich bin zu alt für so was“, schmunzelte er und drückte Elaios’ Hand.

„Sag das der little Lady, ich konnte nicht so schnell gucken, wie sie in der Schleuse war“, lachte Elaios leise. Er wusste, dass ein paar Blicke auf ihnen lagen, doch das war ihm gleich. Er war glücklich, dass Archiaon hier war und alles andere wurde unwichtig. So legte er ihm die zweite Schulter sanft auf den Hals und strich das Kinn entlang. „Außerdem bist du nicht zu alt, nur etwas eingerostet“, konnte er sich aber nicht verkneifen zu necken.

„Frecher Jungspund“, empörte Archiaon sich grinsend und schloss genießend die Augen. „Wir werden sehen, wie eingerostet ich bin, wenn der Wettkampf weitergeht.“ Er freute sich schon darauf, sich mit Elaios zu messen. Er wusste, dass ihn das zu Höchstleistungen anspornen würde.

„Ja, das werden wir sehen, wenn du zuhause in deinem Schaukelstuhl sitzen wirst und ich Senator werde.“ Elaios konnte es nicht lassen und ließ seine Finger immer wieder suchend Archiaons Hals auf und ab streichen. Das letzte Mal in dieser Kuppel war es einfacher gewesen. Idya wusste Bescheid und die anderen beiden hatten geschlafen. Jetzt war die halbe Kuppel voll von Soldaten, die sich langweilten und jeden beobachteten, der sich anbot – vor allem den Senator. So zog sich Elaios erst einmal etwas zurück. „Ich guck mal nach Meodin.“

Archiaon war ein wenig enttäuscht, aber er lächelte. „Mach das, ich werde mal die gerade aufgefüllten Vorräte dezimieren“, lachte er und stand auf. Seine Leute waren müde und vorher sollten sie noch etwas essen. Allerdings würden sie erst am nächsten Morgen nach Atlantis zurück schwimmen.

„Wie geht es dir?“, fragte Elaios, als er Meodin an einem der Fenster stehen sah. Er beobachtete die Delphine, die noch einmal aus der Schleuse nach draußen geschwommen waren, um sich zu bewegen und ein bisschen zu jagen.

„Ganz gut“, sagte er leise und konnte nicht erklären, wie er sich fühlte. Auf der einen Seite war er froh, dass er endlich dort weg war. Auf der anderen Seite war er jetzt schon wieder irgendwo, wo er sich nicht auskannte mit einer Menge Fremder. „Ich würde gern heim. Aber das geht wohl nicht“, flüsterte Meodin und legte den Kopf gegen die kalte Scheibe, starrte sich selbst in das müde Gesicht.

„Wenn du unbedingt wieder heim möchtest, werden wir einen Weg finden, dich dort hin zu bringen. Nur ist es wahrscheinlich nicht ganz leicht, wir müssten uns etwas überlegen.“ Elaios konnte ihn verstehen, denn er würde auch wieder zurück wollen. „Du vermisst deine Freunde.“

„Ja“, seufzte Meodin und holte tief Luft. Doch dann wandte er sich ab und sah Elaios an. „Ich bin undankbar, nicht wahr?“, sagte er reumütig und lächelte schief. „Dabei habt ihr alles riskiert, um mich dort rauszuholen. Ich kann euch gar nicht genug danken.“ Meodin drängte alle Gedanken an Erdogan und die Moles weit nach hinten. So schnell sahen sie sich nicht wieder und vielleicht wurde er noch nicht einmal vermisst.

„Nein, bist du nicht. Mir würde es genauso gehen. Sie vermissen dich auch. Als wir gestern bei der Kuppel waren, sind diese Moles suchend darin herum gelaufen.“ Elaios lehnte sich neben Meodin an die Wand. „Komm erst einmal mit uns nach Atlantis und wenn die Wettkämpfe vorbei sind, suchen wir einen Weg dich zurück zu bringen, wenn du möchtest.“

„Wenn ich möchte“, wiederholte Meodin. Das stand eigentlich nicht außer Frage. Doch er wollte Elaios nicht bedrängen. Eher wollte er wissen, wo es morgen hin ging. „Erzähl mir von Atlantis. Ich weiß, dass auf der Kugel im Observatorium auch Kuppeln angezeigt wurden, die Atlantis hießen. Das waren eine Menge. Seid ihr vielleicht eine davon?“

„Ja, höchstwahrscheinlich. Warte mal kurz.“ Elaios ging zu dem Schrank, in dem die Karten aufbewahrt wurden und holte eine Übersichtskarte der Kuppeln, die zu Atlantis gehörten. Er breitete sie auf dem Boden aus und deutete auf einen der Punkte. „Das ist Atlantis Nord 035. Da sind wir Zuhause. Jetzt sind wir ungefähr hier.“ Elaios deutete auf einen Bereich in der Nähe der Küste.

„Und von hier haben wir dich geholt.“ Archiaon war zu den beiden getreten, denn so hatte er die Möglichkeit, Elaios wieder nah zu sein. Er hatte begriffen, dass dessen Flucht keine Flucht vor ihm selbst gewesen war sondern Unsicherheit. So wollte er es Elaios etwas einfacher machen und konnte gleichzeitig Meodin ein bisschen aufklären.

„Und hier haben dich Idya und Elaios beobachtet.“ Dabei deutete er auf Bonder 482, um es zu erreichen, musste er sich dicht an Elaios schmiegen.

„Und wir müssen bis da hin?“, fragte Meodin skeptisch. „Wie lange brauchen wir denn dafür?“ Wenn er sich so anguckte, wie lange sie bis hier hin gebraucht hatten und wie weit es zu diesem Atlantis war, dann waren sie noch ein paar Tage unterwegs. „Normalerweise schaffen wir es in einem Tag, aber wir werden wohl noch einen Zwischenstopp einlegen.“ Elaios genoss die Nähe zu Archiaon und legte ihm den Kopf auf die Schulter.

„Ein Teil von uns wird in Kürze zu einem Wettbewerb antreten, da müssen wir nicht grundlos noch Verletzungen durch übereilte Hast provozieren. Wir haben die beiden Vermissten gerettet und dich gefunden. Wir haben Zeit, um zurück zu kehren.“ Archiaon war guter Dinge, dass ihnen jetzt nicht mehr viel dazwischen kommen konnte. Idya hatte, was sie wollte. Sie mussten sich also nicht noch einmal nach hier absetzen. Und so konnte er vielleicht auch Elaios wieder etwas intensiver an sich binden, wenn er ein paar Aufgaben im Senat delegierte und sich selbst mehr Zeit für gemeinsames Training nahm.

„Was für ein Wettkampf?“, fragte Meodin. Elaios hatte gerade auch so etwas erwähnt. Archiaon erklärte ihm, was es damit auf sich hatte und erzählte noch ein wenig über ihre Heimat, damit Meodin sich ein Bild machen konnte. „Jetzt weißt du, wo wir dich hinbringen“, sagte er abschließend und zog Elaios etwas dichter zu sich. Er hatte sich, weil es bequemer war, hinter seinen Freund gesetzt und nun die Arme um ihn gelegt.

„Ja“, sagte Meodin und besah sich die beiden Männer. Ihm fehlte auch Nähe, doch nicht irgendwelche. Hera war ihm nahe gekommen und das war alles andere als angenehm gewesen. Neugierig sah er sich weiter um und entdeckte einen Mann, der gerade am Kommunikator Kontakt zur zweiten Kuppel suchte. Vielleicht waren sie schon angekommen, wenn nicht versuchte er es später noch einmal oder hoffte darauf, dass die Kollegen sich meldeten, wenn sie angekommen waren.

Meodin holte tief Luft. „Ist alles etwas viel“, murmelte er leise und sah wieder auf die Karte. Sein Finger strich über Bonder 482. Dort war er glücklich gewesen, aber das war jetzt vorbei. Er konnte auch nicht zurück, denn er konnte nicht an die Oberfläche ohne zu sterben.

Er war verdammt dazu, darauf zu hoffen, dass sie einen Weg fanden, ihn zurück zu bringen. Dabei hatten sie noch nicht einmal einen Weg aus der Kuppel raus gefunden, zumindest nicht in Richtung Wasser.

Archiaon beobachtete den Fremden und es tat ihm weh zu wissen, dass er vielleicht helfen konnte, sich dafür aber als etwas outen müsste, was den meisten in seinem Volk verhasst war. Er konnte seine Stellung nicht aufgeben, sein Leben und eventuell auch Elaios, selbst wenn er Meodin damit hätte glücklich machen können. Er schämte sich vor sich selbst, doch er hatte damit abgeschlossen. Alles, was er wollte, war endlich seine Ruhe finden und vergessen, was geschehen war.

Er lehnte sich an den Mann, der sein Herz erobert hatte und gähnte verhalten. Er war plötzlich sehr müde und musste immer wieder blinzeln. Aber er wollte nicht schlafen, denn dafür musste er sich von Elaios trennen. „Wenn du möchtest, kannst du die erste Zeit bei mir wohnen. Ich habe genug Platz.“

„Er hätte bestimmt auch bei uns wohnen können. Meine Eltern hätten sicherlich nichts dagegen“, knurrte Idya. Das Interesse an ihrer Person war ihr ein bisschen zu gering, vor allem von Seiten Meodin und so ließ sie Elaios schmunzeln. Nichts anders hatte er erwartet.

„Lassen wir ihn doch selbst entscheiden, wenn wir da sind. Noch sind wir ja hier und ich glaube ein bisschen Ruhe nach den letzten Stunden könnte uns allen nicht schaden.“ Dabei sah er Archiaon an und hoffte, dass der verstand.

„Bin wach“ murmelte Archiaon. Er riss die Augen auf und musste wieder gähnen, was alle zum lachen brachte. „Ich sollte mich vielleicht doch ein wenig hinlegen und Meodin kann wohnen, wo er möchte. Ich möchte ihm nichts vorschreiben.“ Archiaon rappelte sich auf und zog Elaios mit sich. Er ging davon aus, dass sein Freund bei ihm blieb, wenn er sich hinlegte.

„Pack dich hin, du kriegst noch deine versprochene Massage“, sagte Elaios, damit es nicht ganz so komisch aussah, wenn er mit dem Sentator in einem der Separées verschwand. Wenn er dort in einer halben Stunde nicht wieder raus kam, ahnte sowieso jeder, was los war, aber noch konnte Elaios in dem Glauben leben, sich verstecken zu können. Er hatte Angst vor seiner eigenen Courage.

Archiaon musste schmunzeln, achtete aber darauf, dass Elaios das nicht sehen konnte. Sein Freund hatte es nämlich drauf, ihn alleine schlafen zu schicken. Darum hielt er dessen Hand fest in seiner und ließ sie erst los, als die Vorhänge sich hinter ihnen geschlossen hatten. „Endlich“, murmelte er leise und hauchte Elaios einen Kuss auf die Lippen.

Erst war er noch etwas unsicher, doch weil Elaios damit angefangen hatte, als sie sich wiedergesehen hatten, wagte er es einfach und wurde nicht enttäuschte. Elaios drückte Archiaon auf die Liege, bis er saß und stand nun zwischen dessen Beinen, ließ sich an der Hüfte umfangen und näher ziehen. „Ja, endlich“, nuschelte er leise und intensivierte den Kuss. Es fühlte sich gut an und ließ seine Haut prickeln. Unglaublich.

Archiaon ging es nicht anders. Seine Müdigkeit war wie weggeblasen, als er seine Hände über den kräftigen Rücken streicheln ließ. Er ließ sich nach hinten sinken und zog Elaios mit sich, so dass sie nebeneinander lagen. Vorsichtig löste er den Kuss und sah seinen Freund mit glänzenden Augen an. „Ich liebe dich“, sagte er liebevoll und strich Elaios über die Wange.

„Ich weiß“, entgegnete Elaios mit roten Schatten unter den Augen, „und es schmerzt, wenn du nicht bei mir sein kannst.“ Ob das Liebe war, wusste er nicht, doch das war es, was er fühlte. „Ich würde gern mehr Zeit mit dir verbringen, Senator“, nuschelte er und seine Lippen strichen vorsichtig über Archiaons Kinn, knabberte über die Stoppeln. Es war anders als mit einer Frau, ganz anders, aber aufregend.

„Ich möchte auch viel mehr Zeit mit dir verbringen und ich werde es möglich machen.“ Archiaon mochte die Art und Weise, wie Elaios vorsichtig und noch unsicher seinen Körper erkundete. Er selber beschränkte sich darauf, über dessen Rücken zu streicheln, weil er seinen Freund nicht ablenken wollte.

Er wusste, dass er viel verlangte, und deswegen ging er kleine Schritte. Es reichte ihm für den Anfang, wenn Elaios ihn erkundete, ihn begehrte und liebkoste.

Im Hauptraum der Kuppel war derweil Idya zu Meodin getreten. Der Fremde stand so verloren in der Gegend herum, dass sie ihm Gesellschaft leisten wollte. Vielleicht bemerkte er ja doch noch, dass sie eine Frau war.

„Hallo“, sagte sie leise und wirkte ein wenig schüchtern, was bei ihr sehr unüblich war. Meodin sollte nicht mehr so verloren wirken. Er war nicht alleine, auch wenn er das wohl glaubte. „Was macht deine Wunde? Soll ich noch einmal nach ihr schauen?“

Etwas unentschlossen hob Meodin das Hemd. Zumindest blutete er nicht mehr, doch die Wirkung der Tablette ließ langsam nach. Er spürte, dass er noch nicht wieder ganz auf dem Posten war. „Wenn du willst gern“, sagte er also, die beiden schienen schließlich zu wissen, was sie taten, ganz im Gegenteil zu Meodin selbst. Kleine Schürfwunden hatte er selbst behandelt, wenn er irgendwo lang gestrichen war, tiefere Wunden hatte Daniel versorgt. Aber die Bauchtasche war immer tabu gewesen. Wie er damit umgehen musste, wusste er nicht.

„Gut, leg dich in eine der Kojen, ich hole, was ich brauche.“ Idya flitzte gleich los und Meodin sah sich unentschlossen um und zuckte mit den Schultern. Er ging zu der erstbesten freien Koje und legte sich hin. Er sollte Idya noch einmal nach so einer Tablette fragen.

Er hatte sich ohne die Schmerzen entschieden besser bewegen können. Auf dem Rücken liegend starrte er an die Decke und blickte Idya entgegen, als diese zurück kam, den Arm voll mit Mittelchen und anderen Utensilien, die er bei Daniel auch schon gesehen hatte, zumindest so ähnlich. „Wie habt ihr mich entdeckt?“, fragte er nach einer Weile. Schließlich hatte er gelernt, dass die Atlanter eigentlich ein ganzes Stück von hier entfernt lebten.

„Der Wettkampf, den wir erwähnt haben, ist nur unterbrochen worden. Kannst du dich an den schweren Sturm vor etwa zwei Wochen erinnern. Elaios und ich waren gerade in einem Rennen, als wir davon überrascht wurden. Wir haben uns in eine dieser Kuppeln gerettet und gefunden haben dich unsere Delphine, als sie jagen waren“, erklärte sie und betupfte die Wunde mit Desinfektionsmittel.

Meodin zischte leise und seine Bauchdecke zuckte. Die Wunde brannte noch immer. Zwar hatte der Anzug, den er getragen hatte, die Wunde vor Salzwasser geschützt, doch er hatte auch gescheuert. Ein Blick reichte um Meodin zu zeigen, dass es nicht besser geworden war. „Der Sturm war heftig gewesen, ich habe ihn von der Kuppel aus beobachtet, in der wir wohnen“, sagte er und legte den Kopf wieder auf das Kissen. Er konnte das unwillkürliche Zucken seiner Muskeln nicht verhindern.

Sofort wurde Idya vorsichtiger und lächelte entschuldigend. „Wir haben deine Schwimmhäute gesehen und haben dich deswegen beobachtet. Wir wollten wissen, ob du einer von uns bist, der dort gefangen gehalten wird“, erklärte sie und wurde ein wenig rot. Noch brauchte Meodin nicht zu wissen, dass sie Elaios praktisch gezwungen hatte, mit ihr zu der Kuppel zu schwimmen.

Und was sie alles für ein paar Stunden Spannerei auf sich genommen hatte. Vielleicht erzählte sie es ihm eines Tages, aber noch nicht jetzt. Jetzt sollte er sie mögen, nett finden, sich vielleicht ein bisschen verlieben, so wie sie das getan hatte.

Meodin hob eine seiner Hände und breitete die Finger aus. Die feinen Häute dazwischen waren plötzlich nichts Außergewöhnliches mehr. Jeder hier hatte sie. Dylan und Erdogan und Leander hatten so was nicht gehabt und er war immer der andere gewesen, hier war er plötzlich einer von ihnen. Merkwürdig, völlig merkwürdig. Und doch wäre er lieber zuhause. Doch er lächelte.

Idya bestrich die Wunde vorsichtig mit Heilsalbe und genoss es ihren Schwarm zu berühren. Meodin war so anders als die atlantischen Männer und das machte ihn noch anziehender für sie. Sie verband Meodin noch und war zufrieden. So konnte Meodin morgen schwimmen, ohne das es wieder scheuerte.

„Möchtest du liegen bleiben, soll ich dir noch was bringen?“, fragte sie, als sie alles zusammengeräumt hatte. Sie ließ es auf dem kleinen Brett neben dem Bett stehen, denn sie würden es noch einmal brauchen, ehe sie abreisten.

„Bleib noch ein bisschen“, bat Meodin leise, „ich mag nicht allein sein.“ Es war nicht so, dass er Angst hatte, allein zu sein. Er wollte nur nicht nachdenken und das vermied er am besten, wenn er sich unterhalten konnte.

„Aber sicher, gerne. Ich wollte mir nur einen Tee holen. Möchtest du auch einen?“ Idya strahlte förmlich, weil Meodin nicht wollte, dass sie ging. Bisher hatte sie es ziemlich gestört, dass sie kaum beachtet wurde, aber jetzt hatte sie die Chance Meodin von sich zu überzeugen.

„Ja, klar.“ Vorsichtig drehte sich Meodin auf die Seite und schloss die Augen. Doch kaum waren sie zu, sah er sie wieder vor sich. Dylan, Diego und allen voran Erdogan. Es war zum aus der Haut fahren. Hera hatte es doch ganz deutlich gesagt: Der Prinz hatte ihn schon vergessen, er hatte das langweilige Spielzeug satt gehabt. Warum war es nur so schwer ihn zu vergessen?

Idya flitzte los und holte zwei Tassen Tee und stellte sie erst einmal auf der Ablage ab, da sie noch sehr heiß waren. „Wie ist es auf der Oberfläche?“, fragte sie, denn das hatte sie schon immer interessiert. „Ist dort wirklich alles tot?“

„Außerhalb der Kuppeln wohl schon, jedenfalls kann keiner rausgehen ohne einen Anzug oder ohne das Serum. Nur in den Kuppeln oder unter der Erde, da wo die Moles leben, ist es wirklich sicher“, begann Meodin und rollte sich wieder auf den Rücken. Einen Arm über die Augen gelegt, versuchte er sich nicht von den Erinnerungen übermannen zu lassen.

„Ich kann mir das wirklich kaum vorstellen. Hier wimmelt es nur so vor Leben und oben kann nichts überleben, was nicht geschützt ist.“ Idya setzte sich so, dass sie sich anlehnen konnte und es war ihr ganz recht, dass sie dabei Meodin etwas näher kam.

„Unter den Kuppeln existiert Leben, nur draußen nicht. Liegt wohl daran, wie die Menschen mit der Erde umgegangen sind und zum Schluss noch ein paar Atombomben, die alles verstrahlt haben, was nicht geschützt war. Die Strahlung hält noch immer vor.“ Meodin sah kurz auf und lächelte Idya an. „Aber die Menschen haben es geschafft, damit umzugehen. Gefangen in ihren Käfigen aber wenigstens noch am Leben.“

„Das hört sich so fantastisch an, dass ich es kaum glauben kann.“ Idya lächelte und versuchte sich die Welt an der Oberfläche vorzustellen. Sie nahm eine der Tassen und reichte sie Meodin. „Sind noch mehr Wasserwesen dort oben?“

Meodin schüttelte den Kopf. „Die anderen drei Units sind kaputt gegangen, ehe sie fertig waren und ansonsten gibt es nur noch die Moles und die Menschen.“ Er setzte sich etwas auf und schob sich das Kissen in den Rücken, verzog dabei das Gesicht, weil es in der Bauchdecke zog. Doch dann lächelte er wieder. „Ich bin bei uns also einmalig.“

„Bei uns auch.“ Idya beugte sich vor und griff eine von den hellen Strähnen. „Niemand bei uns hat solche Haare. So hell und glänzend. Unsere sind schwarz und langweilig.“

„Bei uns haben die Leute verschiedene Haarfarben. Meine ist gar nicht so speziell“, entgegnete Meodin und strich sich verlegen durch die Haare. Eigentlich hatte er nicht schon wieder solch ein Alleinstellungsmerkmal haben wollen, er wollte in der Masse abtauchen und einer von vielen sein. Nicht dass noch einer auf die Idee kam, ihn wie auf dem Viehmarkt zu begutachten, wie es der Fürst getan hatte.

„Wirklich?“ Idya bekam leuchtende Augen. „Manche von uns färben sich die Haare heller, aber so hell werden sie nicht.“ Sie ließ die Strähne los und nahm einen Schluck Tee. „Bald beginnt wieder der Wettkampf.“

„Willst du auch in den Senat?“, fragte Meodin. Für ihn war die Form der Demokratie völlig irritierend. „Wir haben einen Fürsten und Minister, die unsere Geschicke leiten und lenken. Und wenn der Fürst eines Tages stirbt, wird Erdogan seinem Vater auf den Thron folgen. Bei uns bringt sich keiner fast ums Leben, nur um regieren zu dürfen.“ Es klang vielleicht etwas verachtend, aber so war es nicht. Er war fasziniert, wie verschieden die Menschen waren und wie verschieden sie ihre Geschicke lenkten und leiteten.

„Ja, genauso wie Elaios. Nur die besten der besten bekommen die Ehre unser Volk zu regieren. Wir machen das so seit Jahrhunderten und unserem Volk ging es gut damit. Wir halten nichts von der Auffassung, dass man Macht durch Geburt bekommt. Was nicht heißen soll, dass es nicht auch gute Herrscher gibt, aber die Vergangenheit hat gezeigt, dass es oft nicht so ist.“ Idya hatte sich aufgesetzt, denn das war eines ihrer Lieblingsthemen. „Viele haben ihr Volk aus reinem Eigennutz in Kriege und somit in den Tod geschickt.“

Meodin sah Idya forschend an, doch er hatte keine gesteigerte Lust sich in dieses Thema zu vertiefen. Zum einen wusste er nicht, was er über den Fürsten sagen sollte. Er schickte zwar niemanden in den Krieg, doch wie er mit Meodin selbst umgegangen war, war auch nicht gerade schön gewesen. Ehe er sich also den Mund verbrannte, schwieg er dazu lieber. „Mag sein“, sagte er also neutral, damit sein Schweigen nicht als Eingeständnis gewertet werden konnte.

Idya sah ihn mit schief gelegtem Kopf an und lachte dann. „Nicht ganz dein Thema, hm?“, schmunzelte sie. „Tut mir leid, ich vergesse leider immer wieder, dass die wenigsten meine Leidenschaft für dieses Thema teilen.“ Sie nahm es Meodin nicht übel, denn Elaios war genauso. „Möchtest du noch etwas über uns wissen?“

„Ich weiß nicht, eigentlich schon. Aber ich habe schon so viel erfahren, dass ich Sorge habe, die Hälfte vergessen zu haben, noch ehe wir in eurer Kuppel sind. Noch mehr Informationen lassen mir den Kopf platzen“, lachte er, weil er das nicht so meinte. Idya durfte ruhig weiter reden. So sah er sie also auffordernd an. Dann verging die Zeit etwas schneller.

„Macht doch nichts. Nicht dass dein Kopf platzt, sondern dass du es wieder vergisst. Ich erzähle es dir auch gerne noch ein weiteres Mal“, lachte Idya. Meodin gefiel ihr immer mehr und sie war fasziniert von seinen schwarzen Augen. Während sie ihn ansah fiel ihr etwas ein. „Möchtest du wissen, wie ein Seepferdchen aussieht?“

„Ja, gern sogar. Daniel hat mir mal alte Bilder gezeigt, aber auf denen war nicht sehr viel zu erkennen. Das einzige, was mir auffiel, war die Bauchtasche und die Rückenflosse, so wie bei mir. Aber der Ringelschwanz, ich weiß nicht. So was hab ich nicht.“ Meodin redete mit Interesse, denn das betraf ihn.

„Wenn wir in Atlantis sind, kann ich dir welche zeigen. Wir haben welche in unseren Aquarien. Ich mag sie. Sie sind nicht sehr groß und sie haben so eine Rückenflosse wie du.“ Für Idya war es klar, dass sie beide alleine dabei waren. Elaios verkaufte sie einfach an Archiaon, da musste sie nicht viel drauf legen und alle anderen hatten sich ihr und Meodin nicht anzuschließen.

„Sie leben noch? Es gibt welche, so richtig echte? Solche wie mich? Ähnlich?“ Meodin war plötzlich ganz aufgeregt und setzte sich auf. Lebende Seepferdchen.

„Ja, es gibt sie noch. Allerdings leben sie nicht bei uns unten, dafür ist es zu tief. Sie leben weiter oben an der Oberfläche. Vielleicht können wir einmal einen Ausflug dahin machen.“ Idya fing schon an im Kopf zu planen und ein Lächeln breitete sich auf ihren Lippen aus. Das würde bestimmt ein Spaß.

Auch Meodin lächelte, weil er sich darauf freute. Endlich das zu sehen, was ein Teil von ihm war. Menschen kannte er jetzt zur Genüge, aber der andere Teil in ihm, der unbekannte, konnte endlich erhellt werden. Auch er griff sich endlich die Tasse mit Tee und legte die kühlen Finger um die warme Keramik.

„Die Aquarien sind schön. Dort gibt es viele seltene und wunderschöne Tiere.“ Idya war schon als Kind so oft wie sie konnte dort gewesen. „Atlantis an sich ist schön. Wir haben Licht durch leuchtende Bakterien, weil dort ja kein Licht hinkommt. Anders als hier.“

Sie wusste, dass an der Oberfläche dieser Aufwand nicht nötig war. Sie hatte in der Schule gehört, wie es an der Oberfläche zuging. Vielleicht, aber nur vielleicht, konnte sie Meodin ja einmal dorthin begleiten, denn sie war neugierig wie die Menschen dort oben lebten. Doch erst mussten sich einmal ihre Bande festigen. Sie rutschte etwas näher, um sich ein bisschen an Meodin anzulehnen und der ließ es geschehen.

„Ich lebe gern dort.“ Idya stellte ihren Becher weg, denn der Tee war alle und legte ihre Arme um ihre angezogenen Beine. „Wir alle leben gern dort. Das Meer gibt uns alles, was wir zum Leben brauchen.“

„Und ihr könnt raus aus der Kuppel“, sagte Meodin, denn das war der größte Unterschied der für ihn sichtbar war. Nicht die Form der Regierung, nicht das Aussehen – die Tatsache, dass die Atlanter keine Gefangenen waren, so wie die Bewohner von Neo New York. „Bin schon gespannt.“

Idya freute sich, dass Meodin so großes Interesse an ihrer Heimat zeigte. Vielleicht gefiel es ihm ja so gut, dass er die Oberfläche gar nicht vermisste. „Ja, wir können raus und ich werde dir unsere Welt zeigen“, versprach sie. „Als erstes werden wir dir unsere Zeichensprache beibringen, mit denen wir uns im Wasser untereinander und mit den Delphinen unterhalten können.“

„Mit den Delphinen“, wiederholte Meodin und grinste. Das stellte er sich interessant vor. Er hatte sich noch nie mit anderen außer den Menschen unterhalten. Es gab eben mehr auf dieser Erde, als er sich vorstellen konnte. „Wie lange werden wir morgen reisen. Das war heute schon ziemlich anstrengend“, fragte er vor allem mit Hinsicht auf die Schmerzen, die er hatte.

„Wir werden zwei Tage bis Atlantis brauchen, weil wir viele Pausen machen werden. Wenn wir merken, dass du nicht mehr kannst, lassen wir dir eine Sänfte bringen, in die kannst du dich legen und die Delphine ziehen dich“, sagte Idya und sah Meodin an. „Weißt du was, das machen wir gleich so, wenn in der Kapsel hier eine Notsänfte ist. So kommen wir schneller voran und du überanstrengst dich nicht.“

„Oh“ Meodin wirkte irritiert, doch er würde Idya nicht rein reden. Wie auch immer er sich fortbewegte, ihm sollte es recht sein. Sein Blick ging in die Richtung, in der Bonder 482 lag und er seufzte leise. Er konnte die Kuppel von hier aus nicht sehen, doch er wusste, dass dort Freunde auf ihn warteten, zumindest die beiden Moles. „Machen wir das so“, entgegnete er aber, um nicht unhöflich zu wirken.

„Ich schau gleich mal nach. Du solltest schlafen.“ Meodin sah erschöpft aus und so wie seine Hand sich ab und zu auf seine Wunde legte, schien er wieder Schmerzen zu haben. „Ich gebe dir noch eine Schmerztablette, damit du schlafen kannst.“

„Ja, das wäre nicht schlecht.“ Meodin ließ sich wieder nach hinten fallen. Er spürte wie ihm die Augenlider schwer wurden. Die letzten Tage hatten an ihm gezerrt und so versuchte er, das Erlebte hinter sich zu lassen. Doch leicht war es nicht. So war er ganz froh, als Idya ihm die Tablette brachte, kombiniert mit einer zweiten, damit er ruhig schlief, denn sie konnte sich vorstellen, was er durchgemacht haben musste. Was sie gesehen hatte, war sicher nur die Spitze des Eisbergs gewesen.

Sie blieb noch bei ihm sitzen, bis er eingeschlafen war und strich ihm einmal sanft über die Wange. „Schlaf gut“, murmelte sie leise und schlich sich davon. In der Kuppel wurde es langsam ruhig. Alle hatten sich in die Schlafkojen zurückgezogen und so suchte Idya nur noch die Sänfte und baute sie zusammen, damit sie am nächsten Tag gleich los konnten, bevor sie ebenfalls schlafen ging.