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Terra 3.0 - Zyklus III - Atlantis Nord 035 - Teil 19-21

19

„Da Telematos ist draußen“, raunte Idya Elaios zu, als einer der Athleten wieder einen Fehlschuss hatte. Die Reihen lichteten sich langsam, denn viele der Kämpfer waren unkonzentriert durch den Schlafmangel. Er setzte vielen mehr zu, als sie geglaubt hatte. Noch hatte sich an den Platzierungen nicht viel geändert. Bisher waren immer noch nur drei Offene unter den ersten zehn. Und so wie es ausgesehen hatte, war auch noch keiner der Ausfälle unnatürlich gewesen, das kam wohl erst im zweiten Durchgang wenn  - wer auch immer – sich ein Bild gemacht hatte, in welcher Verfassung die waren, die ihnen gefährlich werden konnten.

„Ich glaube, das ist ihm ziemlich egal, der will nur noch schlafen“, murmelte Elaios und holte tief Luft. Auch ihm fiel es nicht leicht, sich zu konzentrieren. Es kostete Unmengen Kraft.

„Lass dir bloß nicht einfallen, jetzt schlapp zu machen.“ Idya stieß ihrem Freund in die Seite und winkte Meodin, der ganz vorne bei den Zuschauern stand. „Wir ziehen zusammen in den Senat, verstanden?“ Aber sie wurde von Elaios gar nicht mehr beachtet, denn Archiaon war dran. Ihm merkte man die Müdigkeit kaum an und sein Schuss war beinahe perfekt.

Er kratzte an der vollen Punktzahl und fluchte leise, als er das sah. Er wollte nicht hinnehmen, dass er seit über dreißig Stunden auf den Beinen war, da musste mehr drinnen sein. Das sah man seinem Gesicht deutlich an, als er aus der Wettkampfzone trat. Sein erster Blick traf Elaios, doch dann ließ er ihn suchend durch das Publikum streifen. War da irgendjemand, dem er zu traute, andere zu verletzen, um seine eigenen Interessen durchzusetzen? Wie sah so jemand aus?

Es war echt zum Haare raufen. Man wusste, dass jemand lauerte, aber man erkannte ihn nicht. Archiaon war frustriert, weil ihn die Ungewissheit langsam verrückt machte. War nur zu hoffen, dass sich das nicht auf seine Leistungen auswirkte. Er musste zusehen, dass er für die letzten beiden Schüsse den Kopf frei bekam. Das gelang ihm am besten, wenn er Elaios küsste, doch vor all den Leuten war das seinem Freund sicherlich unangenehm. Schlimmer noch könnte ihn das so verstören, dass er den Wettkampf noch verpatzte und nicht in den Senat rutschte. Also war es an Archiaon sich selbst zu beherrschen und zur Räson zu rufen.

„Guter Schuss“, empfing ihn Elaios und lächelte.

„Danke.“ Archiaon freute sich über das Lob und er sah seinen Freund liebevoll an. „Du schießt mindestens genauso gut wie ich. Konzentriere dich und du schaffst das auch.“ Er konnte Elaios zwar nicht küssen, aber zumindest war es nicht verfänglich, wenn Archiaon ihm eine Hand auf die Schulter legte. Dass seine Finger dabei ein wenig über die weiche Haut streichelten, sah ja keiner. Er gönnte sich das einfach und er brauchte das. Vielleicht war es nur Einbildung, wenn er glaubte, sich durch die Berührung stärken zu können, doch es half ihm und Elaios auch das spürte er.

„Konos ist dran. Der ist verdammt gut. Ich habe ihn beim Training gesehen“, sagte Idya und kaute auf ihrer Unterlippe. Danach war sie dran und sie war schon aufgeregt. Das schlimme an dem Wettkampf war, dass es kein Aufwärmen gab und keine Probeschüsse. Man musste entweder auf die vollen gehen und verletzte die ungewärmten Muskeln oder man schonte sich und ging das Risiko ein, zu wenig zu geben. Die Mischung zu finden um alle drei Runden gut zu überstehen war das Geheimnis. Ihr fehlte noch die Erfahrung.

Zwar hatte Archiaon ihnen ein paar Tipps gegeben, aber trotzdem war sie nervös. „Nicht so gut wie deiner“, grinste sie, als Konos zwar einen guten Schuss abgab, aber nicht ganz an die Punktzahl des Senators herankam. Sie straffte ihre Schultern und griff ihren Bogen fester. Jetzt war sie dran.

Elaios stellte sich neben seinen Freund und gemeinsam beobachteten sie Idya. Sie wirkte konzentriert, das war gut. Idya legte an und spannte den Bogen mit viel Kraft. Man sah ihre Arme leicht zittern und Elaios hielt den Atem an, die Anspannung fraß an ihm und so stieß er die angehaltene Luft erst wieder aus, als der Pfeil durch die Luft zischte.

Er atmete erst wieder, als der Pfeil in der Scheibe steckte. „Super“, rief er laut und auch Idya strahlte. Sie hatte einen recht passablen Schuss hingelegt und war auf jeden Fall weiter. Jetzt musste nur noch Elaios zeigen, dass er starke Nerven hatte.

Doch vor ihm waren zwei weitere Athleten dran. Er musste sich also noch etwas gedulden und das Publikum bejubelte Idya, die langsam von der Wettkampfzone kam und erleichtert hüpfte, um die angestaute Energie loszuwerden. „Wah!“, machte sie übermütig, als sie wieder bei ihren Freunden war und winkte Meodin, der sie beobachtete. Das Seepferdchen winkte zurück und wirkte guter Dinge. Die Kopfverletzung hatte ihn noch nicht beeinträchtigt. Wenn Elaios seinen Schuss absolviert hatte, konnten sie zu ihm hinüber gehen – denn dann war eine längere Pause für sie.

Das war noch eine weitere Prüfung, denn je länger die Athleten nicht schlafen durften, umso schwerer wurde die Konzentration. Aber wenn sie zusammen blieben, konnten sie sich gegenseitig wach halten und motivieren.

Es wurde noch einmal spannend, als Elaios beim Erklimmen der Treppen zur Wettkampfstrecke fast gestürzt wäre, doch auch er absolvierte seinen Schuss mit Bravour. Er lag nur zwei Punkte hinter Archiaon, das Ergebnis konnte sich sehen lassen. Und um das zu feiern und sich etwas abzulenken, holten sie sich jeder einen lauwarmen Tee und gingen zu Meodin, der allein zwischen den Fremden hockte und sich tapfer hielt.

Idya ging sofort zu ihm und hakte sich bei ihm ein. „Na, wie gefällt es dir bisher?“, fragte sie aufgekratzt und zog Meodin zu einer etwas ruhigeren Ecke, wo sie sich auch hinsetzen konnten. Seitdem Meodin sich gestern nicht dagegen gewehrt hatte, dass sie ihn berührte, war sie mutiger geworden und suchte nun offen seine Nähe. Doch leider war alles, was sie erntete entweder Skepsis oder Gleichgültigkeit, weil er es zwar zuließ, sich aber doch mehr mit Archiaon oder Elaios beschäftigte, ohne unhöflich zu Idya zu sein. „Es war interessant. Solche Geräte kenne ich nicht und deswegen ist es neu für mich, dass man damit Stöcke durch die Gegend schießen kann.“ Ob Erdogan sie kannte und was ging Meodin das eigentlich noch an?

„Stöcke?“, schnaubte Elaios und boxte Meodin gegen die Schulter. „Das sind Pfeile und keine Stöcke. Diese Waffe wurde schon vor vielen tausend Jahren zur Jagd benutzt“, klärte er seinen Freund grinsend auf. „Kannst es ja auch einmal probieren, wenn die Spiele vorbei sind.“

Doch Meodin winkte ab. „Ich überlasse das besser denen, die sich damit auskennen. Bei euch sind die Schätzchen entschieden besser aufgehoben.“ Er lachte und wedelte abwehrend mit den Händen. Doch er blickte neugierig auf, als Unruhe in die Zuschauerschaft kam. Was war los? Auch Elaios sah sich um und versuchte heraus zu finden, was die Unruhe verursacht hatte.

Einige der Zuschauer schimpften und halfen anderen dabei aufzustehen. Jemand hatte sich rücksichtslos einen Weg durch die Menge gebahnt und dabei einige Männer und Frauen umgeschmissen. „Warum?“, murmelte Archiaon leise und hatte kein gutes Gefühl. Das sah zu sehr nach Flucht aus und wenn jemand flüchtete, war vorher etwas passiert. „Wartet hier“, rief er und lief auch schon los. Er musste auch nicht weit laufen, da sah er einige Athleten, die sich um jemanden kümmerten, der auf dem Boden lag. „Was ist passiert?“, fragte der Senator und sah nach, wen es erwischt hatte. Auf dem Boden lag Konos und hielt sich den Arm, der offensichtlich gebrochen war.

„Wir waren auf dem Weg zum Tee-Stand, da lief so ein Irrer an uns vorbei, brüllte ‚Platz da’ und schubste wie verrückt. Dabei ist Konos die Treppe runter gefallen“, erklärte eine junge Frau, die Archiaon nur flüchtig kannte. „Hat einer den Idioten aufgehalten oder haben sie ihm noch schön den Weg frei gemacht“, knurrte ein anderer, der ebenfalls neben Konos kniete und offensichtlich eng mit dem jungen Mann auf dem Boden befreundet war. Wut war ihm ins Gesicht geschrieben, während er Konos’ Hand hielt, die der junge Athlet fest drückte, um den Schmerz in seinem Arm auszugleichen.

„Er hat noch mehrere Zuschauer umgerannt und bevor man ihn aufhalten konnte, war er verschwunden.“ Archiaon hockte sich zu dem Athleten. „Stütz dich auf mich, ich bringe dich zu den Ärzten, damit die sich deinen Arm anschauen können.“ Archiaon ließ sich seine Wut nicht anmerken. Diese verfluchten Gottgleichen fingen jetzt also an, die ersten Athleten zu dezimieren.

„Das mach ich“, knurrte Konos’ Begleiter und Elaios begriff langsam, wer das war. Es gingen Gerüchte, dass Konos liiert wäre, mit einem anderen Athleten. Er würde Stein und Bein schwören, dass der energische junge Mann Konos’ Gefährte war. Der allerdings hatte Archiaon gerade abgedrängt und schlang nun einen Arm stützend um seinen Freund, der sich mit dem gesunden Arm an ihn klammerte. „Weg da!“, brüllte sein Freund und Archiaon und Elaios machten vor ihnen den Weg frei.

Sie begleiteten die beiden Männer bis zu dem Krankenzelt und erst, als sie Konos in sicheren Händen wussten, verabschiedeten sie sich wieder. „Es hat angefangen. Wir müssen die Augen offen halten. Konos wird wohl nicht der einzige Unfall bleiben.“ Archiaon presste die Lippen aufeinander und ballte die Fäuste. Er fühlte sich so hilflos, weil er niemanden schützen konnte.

Er wusste nicht wann, er wusste nicht wo und er wusste nicht wer – verdammt! Er war der Senator, zum Schutz des Volkes verpflichtet, doch er konnte es nicht. „Schalt ab, Archiaon“, flüsterte Elaios ihm zu, der dicht neben ihm ging. „Wenn du beim letzten Schuss patzt, bist du eventuell raus und kannst gar nichts mehr machen. Dein Platz im Senat ist in dieser Minute das wichtigste. Alles andere liegt nicht in deiner Macht.“

„Ich kann das nicht so einfach, Elaios. Ich habe eine Verantwortung gegenüber unserem Volk und ich habe versagt.“ Archiaon lockerte die Fäuste und lächelte zögerlich. „Ich weiß, dass ich nicht überall sein kann, aber das macht mich verrückt.“

„Womit sie dann erreicht hätten, was sie wollten. Du wirst nervös, verpatzt deinen Wettkampf und bist raus. Wieder ein Platz mehr für sie. Aber siele dich ruhig darin, dass du sie nicht schützen konntest, anstatt nach vorn zu sehen und alles dafür zu geben, dass die doch nicht gewinnen.“ Elaios war wütend und er gab sich noch nicht einmal Mühe das zu verbergen. Archiaon so reden zu hören, erinnerte ihn mehr an seine Mutter als an einen Kämpfer.

Genau das hatte Archiaon jetzt gebraucht, denn er zuckte zusammen und sah Elaios entschuldigend an. „Ich werde nicht patzen“, legte er fest und sah sich suchend um. Er griff sich Elaios’ Hand und zog ihn hinter eins der Zelte und kaum dass man sie nicht mehr sehen konnte, zog er seinen Freund für einen Kuss zu sich. „Danke, dass du mir den Kopf zurecht gerückt hast.“

„Immer wieder gern, denn ich bin zu weit gekommen, als dass ich jetzt wieder verliere“, knurrte Elaios gutmütig und kostete den Kuss noch etwas aus, ehe sie sich wieder lösten. Nicht dass man sie doch noch enttarnte. Er hatte sich durchgerungen, doch den Weg in den Senat auf sich zu nehmen, um Archiaon näher sein zu können. Wenn der jetzt rausflog, war sein ganzer Plan für die Katz, weil sie dann wieder kaum Zeit für einander hatten.

„Ich liebe dich“, flüsterte Archiaon ihm noch ins Ohr, dann schlenderten sie wieder zurück zu Meodin und Idya. Auf dem Weg holten sie noch einmal Tee. Ihre Freunde unterhielten sich, aber Idya sah sie sofort fragend an, als sie bei ihr waren. „Konos hat sich einen Arm gebrochen. Er fällt aus. Weißt du, wer nachrückt für ihn?“ Elaios hatte die Platzierungen nicht so gut im Kopf wie seine Freundin.

„Herakles, einer von denen“, nuschelte Idya, die die Liste immer mit sich herum schleppte und sich eben die aktuelle Version besorgt hatte. Eigentlich ja nur um Meodin zu zeigen, wie weit vorn sie lag, doch siehe da: sie war noch anderweitig nützlich. „Allerdings hat Miniames völlig gepatzt und ist rausgeflogen, es sind also immer noch drei von denen unter den ersten zehn.“ An den Verhältnissen hatte sich also nichts geändert.

„Vielleicht war das jetzt eine Panikreaktion, weil einer von ihnen weggefallen ist?“, mutmaßte Archiaon. „Vielleicht wollen sie nur drei im Senat haben und hoffen, dass sie genug von uns auf ihre Seite bekommen, um ihre Ziele durchzusetzen. Dieses Jahr werden viele neue Senatoren dabei sein. Sie denken bestimmt, die können sie besser beeinflussen.“

„Komische Taktik“, mischte sich Meodin ein. Er hatte vielleicht noch nicht viel gesehen von der Welt und eventuell sogar noch weniger davon verstanden, aber dass man sich nicht auf seine Überzeugungsarbeit verlassen sollte, wenn man gewinnen wollte, das wusste er. Ein einziges Mal hatte er versucht, Dylan davon zu überzeugen, den Apfel mit ihm zu teilen – erfolglos. Seit dem hatte er sich einfach auf den Mole geworfen, ihm den Apfel geklaut und war getürmt.

Auch Idya und Elaios guckten skeptisch, so dass Archiaon mit den Schultern zuckte. „War nur eine Überlegung, weil mir dieser Vorfall etwas überhastet vorkam. Irgendwie nicht richtig geplant.“ Der Senator setzte sich neben Meodin und trank seinen Tee.

„Im Ansatz nicht schlecht, Archiaon“, sagte Elaios. „Aber ich glaube nicht, dass sie aufhören werden bei drei Leuten. Sie werden auf Nummer sicher gehen und mindestens sechs – wenn nicht mehr – einschleusen wollen. Wir sind noch nicht drüber hinweg.“ Er wusste, dass er Archiaon dann wieder in eine Zwickmühle schickte, weil er wusste, dass etwas passieren würde und es nicht verhindern konnte. Aber er war am nützlichsten, wenn er weiter den Senat lenken und leiten konnte.

Archiaon stimmte nickend zu und straffte sich. Er wollte nicht wieder Elaios‘ Zorn auf sich ziehen. „Wir drei werden in den Senat kommen und wenn ich nicht dran bin, wird jeder von uns ein Auge auf einen der anderen haben und hoffen, dass wir dadurch einen Anschlag verhindern können. Dann wären wir zu sechst.“

„Sofern wir es verhindern können.“

„Elaios!“, knurrte Idya angespannt. Wenn sie so an die Sache heran gingen, dann war es klar, dass sie keinen Erfolg hatten und Elaios zog lieber den Kopf ein. Er sah seinen Fehler wohl ein. Doch sie kamen nicht mehr dazu, weiter zu diskutieren, denn das Signal für die nächste Runde ertönte. Die Sportler hatten in den Wettkampfbereich zurückzukehren.

„Elaios, du übernimmst Alphion, Idya du kümmerst dich um Pythia, und ich hänge mich an Dardanos“, instruierte Archiaon seine Freunde noch schnell, denn diese drei waren für ihn am gefährdetsten, denn sie hatten eine Platz im Senat so gut wie sicher.

„Geht klar“, kam es einstimmig zurück und dann hatte jeder sein Sorgenkind gut im Auge. Es war nicht leicht, sich immer in deren Nähe aufzuhalten und als Pythia stolperte war Idya zur Stelle. Sie erntete erst verdutzte dann dankende Blicke, dann trennten sich ihre Wege wieder.

Elaios hatte es mit seinem Schützling auch nicht leicht, denn Alphion sah ihn immer wieder misstrauisch an. Wahrscheinlich vermutete er, dass Elaios ihn verunsichern wollte, indem er ihn beobachtete, also hielt er sich etwas mehr im Hintergrund.

Wenn ihre Blicke sich trafen, lächelte Elaios, was sein Sorgenkind aber völlig falsch deutete und die Stirn in Falten legen ließ. Elaios seufzte lautlos. Er machte drei Kreuze, wenn der ganze Mist endlich vorbei war und sie die Sieger waren. Er wollte nur noch ins Bett und drei Wochen lang schlafen. Oder wenigstens mehr als ein paar Stunden. „Was?“, wurde er plötzlich angeblafft und zuckte hoch. Alphion stand vor ihm und schnaubte.

Elaios zuckte zusammen und hob abwehrend die Hände. „Reg dich ab, ich will nichts Besonderes von dir. Mir gefällt deine Technik zu schießen und ich wollte sehen, wie du das machst“, sagte er schnell, weil ihm nichts besseres einfiel. „Das sieht bei dir so leicht aus, wenn du den Bogen spannst.“

„Oh“, machte Alphion, damit schien er nicht gerechnet zu haben. Jetzt war er völlig aus dem Konzept und stammelte leise vor sich hin. Jeder wusste, dass Elaios einer der besten war und der wollte bei ihm abgucken? Der junge Athlet wurde ganz kribbelig und seine Finger zitterten.

„Also stör dich nicht an mich, ich stehe hier nur so rum und versuche rauszufinden, was dein Geheimnis ist.“ Elaios lächelte und hoffte, dass er Alphion jetzt nicht ganz nervös gemacht hatte. „Gib alles, damit du in den Senat kommst. Er kann Senatoren wie dich gebrauchen.“

„Öhm.“ Doch Elaios schien das Gegenteil erreicht zu haben mit seinem geraspelten Süßholz. Alphion wurde immer nervöser. Das war nicht gut. „Komm, fass dich wieder. Ich hau dich weg, wenn du jetzt nur durch mich nervös wirst und alles vergeigst. Ich mach meine Drohung wahr“, grinste Elaios und knuffte Alphion, der tief durchatmete.

Seine Augen huschten immer noch nervös durch die Gegend, aber dann straffte er sich wieder und nickte. „Ich werde mein Bestes geben“, sagte er bestimmt. Wenn Elaios ihn im Senat sehen wollte, dann wollte er ihn nicht enttäuschen. „Ich bin gleich dran. Drück mir die Daumen.“

„Auf jeden... pass auf!“ Elaios schoss vor und zog Alphion an sich, als eine leere Tasse aus dem Gewühl hinter einem Zelt direkt vor seine Füße rollte. Das hätte ins Auge gehen können und so stellte er nur den jungen Athleten wieder auf die Füße und rannte los. Vielleicht sah er ja, wer das gewesen war. Doch es war wie immer: als er um die Ecke kam, sah er niemanden mehr. Nicht einmal jemanden flüchten.

Elaios kam zu Alphion zurück und begleitete ihn bis zur Kampfzone. Auch hier ließ er den anderen Kämpfer nicht aus den Augen. Alphion wirkte wieder gefasst und konzentriert und sein Schuss traf ziemlich gut.

Lächelnd hob Elaios beide Daumen – Alphion war durch und wenn die anderen Wackelkandidaten nicht plötzlich im letzten Schuss über sich hinaus wuchsen, hatte er einen Platz sicher. Doch abgerechnet wurde zum Schluss und so kam er nur grinsend an Elaios vorbei, „Keine Prügel für mich“, und huschte dann zu seinen Freunden. Das musste er denen unbedingt erzählen!

Elaios hoffte, dass er dort sicher war, und ging wieder zu Idya und Archiaon. „Mein Schützling ist durch und hat seinen Platz so gut wie sicher. Ich übernehme deinen Archiaon, du bist bald dran.“

„Viel Spaß dabei, Schatz“, sagte Archiaon leise und meinte das nicht gerade unernst. Dardanos war so dermaßen nervös, dass er nicht still stehen konnte und so tigerte Archiaon hinter ihm her und hatte seine Augen überall, auf jedem der an ihnen vorbei kam, auf jedem, an dem sie vorbei kamen. Das zehrte an den Nerven und er war froh, dass er vor seinem letzten Schuss noch einmal Ruhe tanken konnte.

„Keine Küsse mehr, wenn du es versaust Liebling“, raunte Elaios ihm noch schnell zu, lächelte aber. Das hielt er nämlich selber nicht durch. Er war verrückt nach Archiaons Küssen, so dass er jede Gelegenheit nutzte um einen zu bekommen. Diesmal war er es, der die Hand auf die Schulter seines Freundes legte und sanft streichelte.

„Du weißt Strafen auszusprechen“, sagte Archiaon anerkennend und lächelte, als er hinüber zum Wettbewerb ging. Er straffte sich und versuchte den Kopf leer zu kriegen. Jetzt kam es darauf an – jetzt musste er funktionieren – nicht nur für sich – nicht nur für Elaios – auch für sein Volk. Er musste es schützen. Um jeden Preis.

Er hob den Bogen und legte an – seine Augen blitzten und fixierten das Ziel. Er spannte die Sehne, weiter und weiter – der finale Schuss.

Der Pfeil pfiff durch die Luft.

Im Stadion war es totenstill, bis der Pfeil in der Zielscheibe steckte, dann brandete ein gewaltiger Jubel auf, denn Archiaon hatte genau die Mitte getroffen. Ein perfekter Schuss und die höchste Punktzahl. Immer wieder wurde sein Name gerufen und schließlich schallte er aus dem ganzen Stadion zu dem Kämpfer, der seine Hand an sein Herz legte und sich vor seinem Volk verneigte.

Auch Elaios schenkte sich einen kurzen Augenblick des Jubels, doch dann suchte er mit den Augen wieder Dardanos, der ebenfalls an der Umgrenzung der Wettkampfzone stand und jubelte. Er wusste, dass er so präzise nicht zielen konnte, doch es war ein Ansporn für ihn. Archiaon war schon immer sein großes Vorbild und das nicht nur, weil er der Bruder seiner Mutter war. Doch das wollte er niemals ausnutzen. Er wollte es allein in den Senat schaffen und es all denen zeigen, die ihm Vetternwirtschaft vorwerfen wollten.

Er rief seinem Onkel seine Glückwünsche zu, als er an ihm vorbeikam und Archiaon zog ihn kurz in eine Umarmung. „Danke, mein Junge. Du kannst es ebenfalls schaffen. Glaub an dich. Ich werde in deiner Nähe bleiben, bis du dran bist.“ Archiaon drückte Dardanos noch einmal, dann ließ er ihn los und ging zu Elaios.

„Ganz annehmbar, aber das kannst du besser“, empfing ihn sein Freund und grinste dreckig. Er hatte nicht oft die Möglichkeit, Archiaon zu ärgern und wenn sich ihm eine bot, nutzte er sie gnadenlos aus. Das überraschte Gesicht seines Freundes war unbezahlbar.

„Du“, knurrte Archiaon und verschränkte schmollend die Arme vor der Brust, aber das hielt er nicht lange aus, sondern lachte laut und griff sich seinen Schatz für eine Umarmung. „War der Schuss gut genug, dass du mich weiterhin küsst?“, fragte er grinsend und genoss noch ein wenig ihre Nähe.

„Ich werde entscheiden, wenn ich selbst meinen Meisterschuss abgegeben habe. Vielleicht bin ich dann einfach zu gut für deine profanen Lippen“, flüsterte Elaios und löste sich dann langsam, damit nicht der Verdacht aufkam, sie würden mehr tun als sich über den perfekten Schuss zu freuen. Als nächstes war Dardanos dran und so richtete er neben Archiaon stehend seinen Blick auf den Jungspund.

Bevor Dardanos anlegte, blickte er noch einmal zu seinem Onkel und der hob beide Daumen, zum Zeichen, dass er an ihn glaubte. Der junge Mann war immer noch nervös, dass sah man an dem Zittern des Bogens, als er ihn spannte. „Konzentrier dich, schalte alles andere aus“, murmelte Archiaon, der oft mit seinem Neffen trainiert hatte, um ihm die Nervosität zu nehmen. Dardanos schien sich daran zu erinnern, denn er ließ den Bogen wieder sinken und schloss die Augen. Er atmete tief durch und versuchte alles um sich herum auszublenden, außer der Zielscheibe. Er schloss die Augen für ein paar Augenblicke und hob dann entschlossen den Bogen und spannte ihn.

Sein Schuss war nicht so gut wie der des Senators doch ganz passabel. Er konnte seine Platzierung halten und Stolz strahlte auf seinem Gesicht, als er sich nach seinem Onkel umguckte. Elaios, der neben dem Senator stand hielt ihm auch beide Daumen hoch und zuckte, als es einen mörderischen Schlag gab. Er sah sich um und erblickte Idya, die weiß wie eine Wand neben einem Haufen Schutt stand und zitterte.

Hastig lief er zu ihr. Rettungskräfte waren schon dabei, das eingestürzte Zelt wieder aufzurichten.

„Ist dir was passiert?“, fragte er und drückte sie an sich, damit sie nicht noch umkippte. Idya schüttelte den Kopf. „Ich wollte nach Meodin sehen, darum bin ich rausgegangen und ich war gerade draußen, da ist es zusammengestürzt“, stammelte sie und ließ sich halten.

Dann zuckte sie hoch und verspannte sich. „Pythia!“, schrie sie plötzlich, denn ihr Sorgenkind hatte sich im Zelt aufgehalten, um von den Ärzten noch einmal ihren Arm untersuchen zu lassen. Sie hatte sich im ersten Durchgang gezerrt und wollte schnell für den finalen Schuss wieder fit werden. „Verdammt, wo ist sie!“

Sie wollte losstürzen, aber Elaios hielt sie fest. Archiaon half schon fleißig mit und suchte nach Pythia. Kaum dass es möglich war, schlüpfte er unter die Plane. „Pythia“, rief er und sah sich um. Alles lag durcheinander und er konnte niemanden sehen.

„Hier“, kam eine dünne Stimme und Archiaon sah sich hastig um, unter einem umgestürzten Tisch sah er jemanden. Zwei sogar. „Hier her!“, forderte er nach draußen und zog den Tisch weg. Phytia lag dort mit einer ihrer Teamkolleginnen, Demona. „Geht es euch gut?“, wollte er wissen und ließ Pythia sich wieder hinlegen, als sie sich aufrichtete. „Die Ärzte sind gleich da. Ganz ruhig. Alles in Ordnung.“

Die beiden jungen Frauen wirkten verängstigt, aber Archiaon konnte keine offensichtlichen Verletzungen erkennen. Der Tisch hatte sie wohl gerettet, denn er hatte sie vor herunterfallenden Dingen geschützt. Aber trotzdem war es fraglich, ob sie antreten konnten. Erst einmal mussten sie untersucht werden.

Schnell waren die Helfer bei ihnen und trugen die beiden aus der Gefahrenzone und zum nächsten Zelt, um die Gaffer, die sich um das eingestürzte Zelt versammelt hatten, von den beiden jungen Frauen fern zu halten. Sie hatten sicherlich schon genug Sorgen.

Elaios hielt Idya immer noch fest und sie sah ihn an. „Ich glaube, die wollten mich erwischen“, sagte sie fast tonlos.

„Zwei Fliegen mit einer Klappe.“ Elaios bekam eine Gänsehaut. Sie hatten sich so auf ihre Schützlinge konzentriert und vollkommen vergessen, dass sie auch gefährdet waren. „Komm, ich bring dich ins Zelt zu Pythia und Demona. Dort hast du mehr Ruhe.“

„Schlimmer noch. Drei auf einen Streich wären das gewesen. Demona ist auf Rang zwölf  im Augenblick. Wenn ich und Pythia raus wären, wären welche von uns nachgerückt. Sie mussten also auch weiter hinten noch ausdünnen, um ein paar ihrer Leute aufrücken zu lassen. Die Mistkerle hätten einfach uns drei aus dem Weg geräumt, einfach so.“ Idya zitterte noch immer, die Spiele waren ausgesetzt worden bis sie wussten, wie es um die beiden Verletzten stand.

„Verdammte Scheiße“, knurrte Elaios leise und führte Idya in das Zelt. Sie hatte diesen Mistkerlen auch noch in die Hände gespielt, indem sie auf Pythia geachtet haben. Er setzte seine Freundin auf einen Stuhl und bat einen der Ärzte, sie sich anzusehen, dann suchte er Archiaon. „Wie sieht es aus? Können sie weitermachen, oder nicht?“

„Pythia ist definitiv raus. Der Doc hat ihr Startverbot gegeben, sie hat einen Bruch im Oberschenkel. Die Tischkante hat sie voll erwischt. Demona ist körperlich in der Verfassung weiter zu machen. Man hat ihren Start nach ganz hinten geschoben, um ihr Zeit zu geben, sich zu erholen und Idya – na ja.“ Archiaon zuckte die Schultern. Idya war gleich dran, doch so wie sie aussah, bezweifelte er, dass der Schuss ausreichte. Sie war gar nicht bei der Sache und das war nur verständlich. Archiaon kochte innerlich. Diese Mistkerle gingen wahrscheinlich über Leichen!

Elaios sah zu Idya rüber, die eine Tasse Tee in den Händen hielt. Sie zitterte so stark, dass das Getränk immer wieder überschwappte. „Ich kümmere mich um Idya, du dich um Demona. Beide müssen teilnehmen und weiterkommen. Wie lange werden die Spiele unterbrochen? Kannst du etwas tun, damit ich Zeit habe?“

„Wir haben eine halbe Stunde, das sei mehr als genug, denn die Unterbrechung bringe die anderen Sportler aus der Konzentration und das wolle man nicht gegen das Wohl von zwei Athleten abwiegen.“ Archiaon hatte es irgendwo auch verstanden. Es hätte ihn vielleicht sogar weniger bewegt, wäre nicht eine der Betroffenen eine Freundin von ihm.

„Gib dein bestes, Idya muss in den Senat. Mach ihr das klar.“

Elaios nickte. Er verlor auch keine Zeit und ging mit Idya in eine ruhige Ecke. Er setzte sich ihr gegenüber und griff ihre Hände. „Idya, versuche dich zu beruhigen, ich helfe dir dabei“, sagte er und lächelte. Er war zuversichtlich, denn diese Übungen hatten sie schon oft miteinander gemacht.

Sie halfen den Kopf leer zu bekommen, wenn die Anspannungen zu groß wurden.

Sie nickte und holte tief Luft. Leicht war es nicht zu begreifen, dass man selber im Fadenkreuz von Leuten stand die man noch nicht einmal kannte. Doch sie durfte sich davon nicht verrückt machen lassen. Wenn sie versagte, hatten die Mistkerle gewonnen, das konnte sie unmöglich zulassen.

In ihren Augen blitzte Entschlossenheit und Kampfgeist auf, bevor sie sie schloss und sich in Position setzte. Elaios war erleichtert, als er das sah und bekam wieder etwas mehr Hoffnung, dass seine Freundin sich zumindest bis nach ihrem Schuss im Griff hatte.

Vielleicht kam es ihnen auch etwas entgegen, dass die Pause nicht so lang war. Die Entspannungsübungen waren nicht dafür gedacht Probleme zu lösen, sondern kurzfristig zu verdrängen und so begannen sie mit der Meditation. Jeder kannte die Positionen und Haltungen und so wagte es niemand, die beiden in ihrer Konzentration zu stören.

In dieser Zeit kümmerte sich Archiaon um Demona, die vollkommen verwirrt war, dass der Senatspräsident persönlich um ihr Wohl besorgt war. Darüber vergaß sie fast vollkommen, was passiert war und ließ sich von Archiaon ablenken. Er unterhielt sich mit ihr und hatte auch vor, mit ihr diese Übungen zu machen, kurz bevor sie an der Reihe war. Wenn Demona einen guten Schuss landete hatte sie durchaus noch die Chance den zehnten Platz zu erreichen, denn Eratos, der bisher diesen Platz innehatte, war nach seinem letzten Schuss ein Wackelkandidat, weil er gepatzt hatte.

Der Verlust des Sitzes wäre ein herber Schlag, aber nicht nur das: Eratos war auch ein angenehmer Zeitgenosse. Er war schon etwas älter als Elaios, hatte sich lange weder für Athletik noch für Politik interessiert, doch mit dem Alter war die Reife gekommen. Er war besonnen und sehr intelligent, er wäre eine Bereicherung geworden.

Die Pause war schneller um, als ihnen lieb war und so war es Elaios, der als nächstes dran war. Die Reihenfolge war teilweise ziemlich durcheinander gewirbelt worden und so bereitete sich der junge Mann vor, hoffend dass Idya nach ihm ebenfalls voll bei der Sache war.

Sein Blick suchte Archiaon, bevor er in die Kampfzone ging und erst als er sich sicher war, dass sein Freund da war, ging er auf seinen Platz. Er wirkte gefasst, denn er wusste, dass Archiaon bei ihm war und das schenkte ihm Ruhe und die nötige Konzentration für seinen Schuss. Entschlossen hob er seinen Bogen und schoss. Wieder war es still und Jubel brach los, als sich der Pfeil zwar nicht ganz in der Mitte, aber nur knapp daneben in die Scheibe bohrte.

Erleichterung machte sich in dem Athleten breit – er war im Senat. Keiner konnte ihm diesen Platz noch nehmen und die Erkenntnis ließ ihn grinsen. So gut war keiner der anderen, dass man Elaios noch von Platz drei der Bestenliste kegeln konnte. Zufrieden mit sich und seinem Schuss kehrte er zurück, doch er blieb gleich hinter der Umzäunung stehen, denn Idya war nach ihm dran. Er suchte ihren Blick, wollte ihr zeigen, dass sie nicht allein war. Der Jubel mit Archiaon musste warten.

Idya nickte ihm kurz zu und ging entschlossen auf ihren Platz. Sie sah niemanden an und konzentrierte sich nur auf die Scheibe. Die Meditation mit Elaios hatte ihr geholfen und ihre Hände zitterten nicht mehr, als sie den Bogen spannte. Sie musste nicht die Mitte treffen, aber je besser ihr Schuss war, umso sicherer war ihre Position.

Und so konzentrierte sie sich, sammelte alle Kraftreserven, zu denen ihr übermüdeter, schockierter Körper noch fähig war und hielt die Luft an, als sie zielte. Der Bogen schnellte nach vorn und beschleunigte den Pfeil – dann brach Jubel los. Sie hatte getroffen, nicht ganz so dicht an der Mitte wie Elaios, doch auch ihr Platz war sicher. Sie sank in sich zusammen und kam auf die Knie. Die Anspannung fiel von ihr und endlich durften die Tränen laufen.

Archiaon und Elaios eilten zu ihr und umarmten sie gleichzeitig. Sie hatten es geschafft und auf Idya waren sie besonders stolz, weil sie sich nicht hatte unterkriegen lassen. Elaios und Archiaon nahmen sie zwischen sich und führten sie aus der Kampfzone. Dort warteten auch noch andere Athleten, um ihr zu gratulieren.

Mit einem sanften Lächeln nahm sie die Glückwünsche an, wirkte aber matt und abgeschlagen. „Bleib bei ihr Elaios, ich werde mich weiter um Demona kümmern“, sagte Archiaon schnell, der seinen Schützling schon zu lange aus den Augen gelassen hatte. Hoffentlich hatte er nicht eine weitere Chance eröffnet, um der jungen Athletin zu schaden. Doch als er zu ihr kam war sie wohlauf und trainierte noch ein bisschen, um sich abzulenken. Man hatte sie nicht zu Pythia gelassen, solange der Arzt noch bei ihr war.

„Halte den Arm ein wenig höher“, korrigierte Archiaon ihre Haltung und brachte ihren Arm in die richtige Position. „Du bist gut, denn sonst wärst du nicht so weit gekommen“, machte er ihr Mut. Sie trainierten noch ein paar Minuten, dann zogen sie sich zur Meditation zurück.

Elaios und Idya hatten sich derweil zu Meodin begeben, um ihn zu informieren, was eigentlich passiert war. Er hatte von seinem Platz aus nicht viel gesehen. Es waren nur Namen erwähnt worden von Athleten, die wegen Verletzung ausgeschieden waren und dann waren die Spiele unterbrochen worden. Er hatte mit den Augen seine Freunde gesucht aber niemanden gefunden und als er sie hatte suchen wollen, war ihm der Zutritt auf die Arena verweigert worden. Doch jetzt war Meodin wieder beruhigter.

„Ihr habt es alle geschafft?“, fragte er noch einmal nach, weil er sich nicht sicher war, ob er es richtig verstanden hatte. Er hatte ihnen so fest die Daumen gedrückt und es schien geholfen zu haben. „Klasse“, jubelte er und umarmte beide.

Elaios grinste, als Idya das ein kleines bisschen ausnutzte und sich noch ein bisschen an ihn schmiegte, doch Meodin reagierte schon wieder nicht. Weder anziehend noch abweisend, einfach überhaupt nicht. Elaios seufzte leise, das war aber noch ein harter Weg, den Idya da gehen wollte.

„Allerdings müssen wir gleich zurück und noch etwas die Augen offen halten. Wir haben noch nicht gewonnen, wenn du verstehst“, sagte Elaios absichtlich verworren, falls jemand sie belauschte.

Meodin nickte. „Ich warte hier auf euch.“ Er würde gerne helfen, aber das ging ja nicht. Zumindest musste er sich um seine Freunde keine Sorgen mehr machen, denn sie jetzt noch zu verletzen,, hatte keinen Sinn mehr, außer man legte es darauf an sie zu töten, aber das würde zu viel Aufsehen und Untersuchungen nach sich ziehen.

Das war selbst Meodin klar, der sich nur langsam in das soziale Gefüge gearbeitet hatte und zu verstehen versuchte, wie alles funktionierte. Es lief anders als oben bei Erdogan und Meodin knurrte leise, weil er – egal um es was ging – schlussendlich wieder bei dem Prinzen landete, der zugelassen hatte, dass die Gottgleichen ihm so wehgetan hatten.

Warum nur war es so schwer ihn aus seinem Kopf zu streichen? Meodin wollte nicht mehr an ihn denken, denn es tat weh und er wollte das nicht. Er hatte keine Erklärung dafür, aber seine neuen Freunde damit zu behelligen, traute er sich nicht. Was sollten die denn von ihm denken?

Dass ihn ein einziger Mensch so aus der Fassung bringen konnte? Nein, nein, Archiaon und seine Freunde hatten andere Sorgen und so lächelte er ihnen hinterher, als sie gingen.

Elaios und Idya trennten sich und mischten sich unter die Athleten. Sie versuchten ihre Augen überall zu haben und kleinere Unfälle konnten sie vermeiden. Mal ein Stolpern, mal ein Schubsen. Die kleinen Schikanen, die anderen schon zum Verhängnis geworden waren.

Bei zwei Athleten kamen sie zu spät, aber einer hatte sich nicht so schwer verletzt, dass er nicht weitermachen konnte und der andere war in der Rangliste zu weit hinten, um am Endergebnis noch etwas zu ändern. Sie waren wirklich froh, als endlich Demona an den Start ging, denn nach ihrem Schuss war der Wettkampf vorbei. Wie alle anderen scharten sie sich an der Begrenzung und sahen zu, wie die junge Athletin den Bogen hob.

Sie sah ein letztes Mal zu ihrem neuen Lehrmeister und Archiaon lächelte ihr zu, nickte wohlwollend und sie verstand. Es kam auf sie an. Sie spielte jetzt um einen Sitz oder um vier weitere Jahre ohne sie im Senat. Sie ganz allein hatte ihr Schicksal jetzt in der Hand und niemand anders. Sie legte an und konzentrierte sich – jetzt!

Sie wollte siegen! Zwar war sie noch jung und in vier Jahren bekam sie eine zweite Chance, aber den Gedanken verdrängte sie. Wenn sie verlor, war es nicht zu ändern, aber sie gab nicht kampflos auf. Sie ließ die Sehne los und schickte den Pfeil auf die Reise. Sie hatte sich nicht bewegt, als ihr Pfeil traf. Kein perfekter Schuss, aber auch kein Patzer. Jetzt kam es darauf an, wie viele Punkte sie bekam.

Die Schiedsrichter zählten die Ringe aus und hoben die weiße Fahne, das Zeichen dafür, dass die Punkte reichten. Demona schrie vor Freude und hüpfte wie wild herum. Dabei wedelte sie mit den Armen und dem Bogen und Archiaon lachte leise, als er das sah. So hatte sich noch niemand gefreut, dass er im Senat war. Die meisten trugen es mit mehr Würde und mehr Selbstsicherheit, sie hatten es ja gewusst, dass sie es schaffen würden – anders Demona. Sie hüpfte und hüpfte und hüpfte und das Publikum freute sich mit ihr.

Zwar war es schade, dass nun Eratos nicht mehr mit dabei war, aber so war das eben. In einem Wettkampf konnte man nie genau sagen, wer der Gewinner war. Zu oft war es schon zu Überraschungen gekommen und Demona war so eine Überraschung. Archiaon drückte sie kurz und verabschiedete sich dann. Als alter und vielleicht auch neuer Senatspräsident musste er die Ergebnisse verkünden und die neuen Senatoren in der dafür vorgesehenen Zeremonie im Senat begrüßen.

„Komm schon, Frau Senatorin“, sagte Elaios, als er sich anschickte, Archiaon zu folgen. Er wollte in der ersten Reihe stehen, wenn sein Freund seinen Namen aufrief. Er wollte das Glitzern und den Stolz in den Augen sehen. Demona schloss sich ihnen an. Die erste Euphorie war verflogen und sie sah sich um. Die Leute um sie herum wirkten alle erwachsener und plötzlich beschlichen sie nach der ersten Freude kleine Zweifel. Sie sollte jetzt über die Geschicke des Volkes entscheiden – sie, die kleine Demona. Sie blieb stehen. Gewinnen war das eine, den Preis anzunehmen das andere.

Idya sah sich zu ihr um und griff sie an der Hand. Demona hatte sich den Platz im Senat verdient. „Wir haben alle Angst, aber wir haben diesen Weg gewählt. Jetzt werden wir uns der Aufgabe stellen und wir sind nicht allein“, sagte sie und zog Demona mit sich.

„Aber“, sagte sie und blickte auf all die Menschen die ihren Weg säumten, „aber“, versuchte es Demona noch einmal und holte tief Luft. „Wenn ich verzichte, rückt dann ein anderer nach?“ Sie wusste ganz genau, wen sie aus dem Senat gekegelt hatte und das war nicht die beste Lösung gewesen. Vielleicht war sie sportlicher als Eratos, aber er verstand entschieden mehr von der Politik. Ängstlich sah sie Idya an, denn sie spürte auch Blicke auf sich, die ihr deutlich machten, dass man ihr nichts zutraute.

Idya blieb stehen und sah Demona an. „Ja, Eratos würde nachrücken, wenn du wirklich verzichten würdest. Es müssen zehn Senatoren sein und solange diese noch nicht verkündet sind, kann man noch verzichten und der elfte rückt nach.“ Idya gefiel der Gedanke nicht, aber sie konnte auch verstehen, was Demona bewegte. Sie war noch sehr jung. Sie hatte gerade einmal das Mindestalter von zwanzig Jahren erreicht, um an den Spielen mit zu machen. Theoretisch hatte sie noch mehrere Chancen in den Senat zu kommen.

„Aber überlege dir das gut, Demona. Brich es nicht übers Knie, nur weil dir der Gedanke, regieren zu müssen, jetzt vielleicht noch Angst macht. Jeder wächst mit seinen Aufgaben und jeder der seinen Körper so gut im Griff hat, hat auch einen starken und gesunden Geist. Du wirst deiner Aufgabe gewachsen sein“, sagte Idya und lächelte. Langsam gingen sie weiter, damit sie nicht zu weit zurück fielen.

Demona war hin und her gerissen. Sie hatte sich ihren Platz erkämpft, aber ohne die Hilfe von Archiaon wäre es nicht dazu gekommen und Eratos hätte seine Chance bekommen. Sie suchte den Ratspräsidenten in der Masse. Würde sie ihn enttäuschen, wenn sie jetzt verzichtete? Er hatte sich solche Mühe mit ihr gegeben.

„Kann ich vorher noch mit Archiaon reden?“, fragte sie leise und behielt den Senator im Auge. Er hatte die Erfahrung, er wusste, wen er im Rat brauchte, vielleicht konnte der ihr zu oder abraten. Sie wollte die Entscheidung nicht alleine fällen – das hatte sie vorher noch nie gemusst. Zumindest nicht solch schwerwiegende Entscheidungen. Vielleicht mal was es zum Mittag gibt oder ob sie an den Spielen teilnahm, ob sie zuhause auszog oder ob sie sich mit Olympus einließ. Aber das betraf immer nur sie selbst. Jetzt sah das völlig anders aus.

„Ich denke schon. Komm mit.“ Idya lief los, denn Archiaon wollte gerade zum Podium gehen, wo er die neuen Senatoren verkünden wollte. „Archiaon warte“, rief sie und der Senator blieb stehen. Er sah sie fragend an und sie hielt sich nicht lange auf, als sie vor ihm stand. „Demona möchte kurz mit dir reden“, sagte sie schnell und war auch schon wieder weg. Sie wollte nicht stören.

„Was möchtest du denn?“, fragte Archiaon, der nicht begriff, was so wichtig war, dass die Ernennung verschoben wurde.

„Ich wollte fragen, ob ich zurücktreten soll“, sagte Demona und merkte, dass sie das völlig falsch formuliert hatte. „Also, ich fühle mich noch nicht bereit und wenn ich zurücktrete, rückt Eratos nach und er weiß, was ein Senator wissen muss – im Gegensatz zu mir. Ich würde gern zurücktreten, aber du hast mich so weit gebracht. Ich wollte wissen, ob das für dich okay wäre.“

„Du möchtest deinen Platz für Eratos frei machen?“, fragte Archiaon noch einmal nach, weil er sicher sein wollte, dass er es richtig verstanden hatte. „Es ist allein deine Entscheidung, wenn du diesen Schritt machen möchtest. Wenn du mit deinem Verstand und deinem Herz entscheidest, werde ich deine Wahl vorbehaltlos akzeptieren, denn wenn du dir sicher bist, dann ist es das Richtige für dich.“ Archiaon legte ihr eine Hand auf die Schulter und lächelte. „Ich werde nicht enttäuscht sein, egal wie du dich auch entscheiden wirst.“

„Dann würde ich gern noch vier Jahre lang reifen, ehe ich über die Geschicke unseres Volkes entscheide“, sagte sie und holte tief Luft. Sie fühlte sich befreit und lächelte. Es war fast, als hätte sie sich Archiaons Segen geholt und mit dieser Absolution fühlte sie sich besser. „Eratos wird wissen, was er tut und in vier Jahren werde ich ihn wieder schlagen“, grinste sie und flitzte davon. Sie musste jetzt allein sein. Idya konnte ihr nur nachsehen und Elaios verstand gar nichts.

Archiaon lächelte, als er die Stufen hoch ging. Demona hatte Größe bewiesen und wenn sie bei den nächsten Spielen wieder mitmachte und sich einen Platz im Senat erkämpfte, dann war sie eine Bereicherung. Denn um ein guter Senator zu sein, brauchte man nicht nur Verstand, sondern auch Herz.

Oben am Podium breitete er die Arme aus und es wurde still. Alle waren auf die neuen Senatoren gespannt.

„Wo ist Demona hin?“, fragte Elaios fast tonlos seine Freundin, weil er immer noch nicht verstand. Doch die wiegelte nur ab, Elaios würde selbst gleich merken was wohl passiert war.

„Freunde, Atlanter. Die Spiele sind auch dieses Jahr wieder ein Maß unserer Gesellschaft. Wir haben gekämpft, wir haben gewonnen. Jeder von uns ist ein Sieger, auch wenn er vielleicht nicht in den Senat einzieht. Aber lasst mich die verkünden, die es geschafft haben und euch die nächsten Jahre würdig und gewissenhaft vertreten werden.“

Er rollte seine Liste aus und rief den ersten Namen. Es war Tradition, dass die Verkündung mit dem zehnten Platz begann und da gab es gleich eine Überraschung. „Demona“, rief Archiaon, hob aber gleich die Hand, als die Menge anfangen wollte zu jubeln. „Sie hat auf ihren Sitz verzichtet, weil sie sich noch nicht bereit fühlte. Der Nächstplatzierte rückt also nach und ist der erste Senator, den ich hier auf dem Podium begrüßen darf.“ Er blickte auf die Kämpfer, die vor dem Podium standen und suchte Eratos. „Eratos“, rief er laut und Jubel brandete auf.

Er war wohl derjenige, der am meisten überrascht war. Es geschah nicht sehr oft, dass jemand zurück trat, weil er sich noch nicht bereit fühlte. Eher stellten die jungen Athleten in den ersten Sitzungen fest, dass sie sich übernommen hatten, doch dann war es meistens zu spät. Eratos suchte Demona, doch sie war nirgends zu sehen. So kam er als erstes auf das Podium. Ihm folgten nach und nach die nächsten Senatoren bis Archiaon seinen eigenen Namen aufrief. Sie waren vollständig.

Das Volk jubelte ihnen zu und wie jedes Mal, wenn er hier oben stand, überkam Archiaon Stolz. Stolz auf sein Volk. Es war stark und gesund und er hatte wieder einmal die Gelegenheit mitzuwirken, dass es auch so blieb. Er sah neben sich, wo Elaios stand und lächelte. Sie hatten es geschafft und jetzt wollte er eigentlich nur noch schlafen mit seinem Freund neben sich.

„Ich glaube unsere Athleten haben sich eine Mütze voll Schlaf verdient“, erklärte der Veranstalter, der das Wort ergriffen hatte. Archiaon hatte sich in die Riege der Senatoren eingereiht und nickte. „Gönnen wir ihnen ihre Ruhe und erwarten sie morgen Abend ausgeruht zur feierlichen Ernennung des neuen Senates.“ Jubel brandete wieder auf und unter tosendem Applaus verließen die neuen Senatoren die Arena. Auch die Athleten, die nicht in den Senat gekommen waren, wurden gefeiert wie Helden. Sie waren alle Sieger.

Meodin erwartete sie schon und strahlte. Er war stolz auf seine Freunde. Es waren spannende Spiele gewesen und Meodin war der Meinung, dass alle Senatoren sich ihren Sitz verdient hatten. Er drückte jeden noch einmal und gratulierte ihnen. „Lasst uns nach Hause gehen, ihr seid bestimmt hungrig und müde.“

„Ich werde nur noch ins Bett fallen und mich eine Woche lang dort nicht mehr raus bewegen“, gähnte Elaios und ließ sich von Archiaon stützen. „Allerdings wirst du dann eine ganze Weile allein sein.“

Meodin winkte ab, „Ach das wird schon. Ich kann ja ein bisschen herum laufen und mir die Fische angucken. Oder ich beobachte Garry. Das wird schon.“ Er sah das jetzt nicht so eng.

„Mach das. Sieh dir alles an, was du sehen möchtest. Viel Spaß.“ Archiaon konnte verstehen, dass Meodin nicht die ganze Zeit im Haus bleiben wollte und so hatten sie ihm die nähere Umgebung gezeigt, wenn sie Zeit gehabt hatten.

Jetzt konnte er sie allein erkunden und zur Not konnte er sich ja bei den Passanten nach dem Heimweg durchfragen. Inzwischen kannte fast jeder den blonden Mann von der Oberfläche und wusste, wo er hin gehörte.

Sie gingen noch zusammen zurück zum Haus, doch vor der Tür trennten sich ihre Wege. Elaios und Archiaon verschwanden im Haus, Meodin begleitete Idya noch nach Hause, ehe er sich selber in das Abenteuer stürzte.

Er lief durch die Straßen und sah sich jedes Aquarium an, das seinen Weg kreuzte und fand praktisch immer etwas, was ihn faszinierte. So kam er nicht wirklich weit, aber das machte nichts. Er hatte Spaß und das war alles, was zählte. Er war so vertieft, dass er gar nicht wirklich mitbekam, dass ihm immer heißer wurde. Er hatte schon seine Jacke ausgezogen, aber trotzdem klebte das Shirt an ihm, weil er schwitzte.

Immer wieder wischte er sich fahrig über die Stirn, weil ihm kleine Rinnsale die Schläfen entlang liefen, doch Meodin schob es auf das Klima in der Kuppel. Er hatte von Elaios gelernt, dass es tagsüber warm und hell und nachts kühl und dunkel war, damit die Menschen den biologischen Rhythmus fanden, der seit Jahrmillionen in ihnen schlummerte. Vielleicht meinten sie es heute besonders gut mit der Wärme.

Doch dann wurde er kurzatmig, die Hitze schlug ihm auf die Lunge. Meodin lehnte sich an eine der Wände und versuchte tief zu atmen. Ihm wurde schwindelig und er schüttelte den Kopf, um den Schwindel zu vertreiben, aber es wurde dadurch nur schlimmer. Angst machte sich in ihm breit, denn er wusste nicht, was mit ihm passierte. Er sackte etwas zusammen und erregte somit die Aufmerksamkeit von anderen Passanten, die zu ihm kamen. Meodin wollte sie gerade bitten, ihn zu Archiaons Haus zu bringen, kam aber nicht mehr dazu, weil ihm schwarz vor Augen wurde.

 

20

 

„Wer auch immer das jetzt ist, ich werde ihn vierteilen und grillen und dann an die Sharker verfüttern“, knurrte Archiaon, weil es an seiner Tür Sturm klingelte. Er hatte gerade einmal zwei Stunden geschlafen und sich dabei zufrieden an Elaios geschmiegt, jetzt bettelte vor der Tür jemand um den Tod. Doch er fasste sich, ehe er die Tür öffnete und blickte verwirrt auf die kleine Traube Menschen, die etwas in ihrer Mitte trugen.

Er wollte gerade fragen, was los war, als er helle Haare aufblitzen sah. „Meodin! Was ist passiert?“, rief er und war schon bei seinem Freund, der ohnmächtig zu sein schien. „Er ist zusammen gebrochen“, sagte einer der Männer, die ihn hierher getragen hatten und Archiaon bekam einen Schrecken, als er Meodin berührte. Der Körper glühte.

„Holt den Arzt! Und bringt ihn ins Wohnzimmer auf die Couch!“ Archiaon machte die Tür frei und geleitete die Helfer ins Wohnzimmer, wo der Plüschgarry und eine Decke verwaist herum lagen. Schnell war Meodin darauf gebettet und Archiaon deckte ihn gut zu. In diesem Augenblick kam Elaios um die Ecke, nur mit einem Shirt und einer Shorts bekleidet rieb er sich die Augen. Er war verwirrt gewesen, weil er Stimmen gehört hatte und das Bett neben ihm leer gewesen war. Er begriff, dass er aufgeflogen war, als er die wissenden Augen der Fremden auf sich sah. Doch das war egal. Früher oder später hätte er es sowieso bekannt gegeben. Doch jetzt lag dort Meodin und die Gesichter der Umstehenden waren in Sorge. „Was ist passiert!“

„Er ist zusammengebrochen. Hol bitte das Fieberthermometer aus dem Bad. Ich will wissen, wie hoch seine Temperatur ist“, bat Archiaon und Elaios ging sofort los. Archiaon bedankte sich bei den Menschen, die Meodin hergebracht hatten und bat sie nun zu gehen, damit er sich um den Kranken kümmern konnte.

„Der Arzt ist schon informiert, er müsste jeden Moment kommen“, erklärte noch ein älterer Herr, ehe er sich verabschiedete und die Tür hinter sich ins Schloss zog.

„Hier!“ Elaios kam mit dem Thermometer aus dem Bad gehetzt und kniete jetzt neben der Couch. Hatte das was mit dem Sturz zu tun? Was war nur passiert. Er kam nicht umhin die Gottgleichen zu verdächtigen, auch wenn ihm eigentlich klar war, wie blödsinnig das schien.

Archiaon legte Meodin das Thermometer auf die Stirn und beobachtete die Anzeige. Die Temperatur stieg immer höher und erst bei 40,3 °C blieb es stehen. „Verdammt“, fluchte er Senator, denn das hohe Fieber war gefährlich. „Wir müssen das Fieber senken. Bleib bei ihm, ich hole, was wir brauchen.“

Elaios nickte. Die Müdigkeit war wie weggeblasen, denn das Adrenalin spülte über seinen Körper. Er zog Meodin die störenden Kleider aus, weil sie ihm kalte Wickel machen wollten. Schnell war auch die Couch mit dicken Handtüchern präpariert, damit nicht zu viel Wasser in das Polster lief, dann kam Archiaon auch schon mit Tüchern und einer Schüssel wieder. „Du rechts, ich links“, kommandierte er und begann den ersten Wickel vorzubereiten.

An der Tür klingelte es.

Archiaon ließ den Arzt hinein und erzählte ihm, was er wusste. „Ich werde ihn untersuchen und dann wissen wir hoffendlich mehr.“ Der Arzt hatte Meodin auch schon gestern untersucht und kannte ihn somit schon. Die Symptome waren alarmierend, darum hielt sich Groates nicht lange auf und hockte sich neben seinen Patienten. Der Atem ging schwer und es rasselte leise beim Atmen.

Groates hörte ihn ab und betastete die Organe, er betrachtete die Augen und die Schleimhäute. Das Gesicht, was er dabei machte, gefiel Archiaon gar nicht. „Und?“, wollte er wissen und Groates blickte auf.

„Wie ich befürchtet hatte. Es sieht aus, als würde er eine Art Allergie gegen Atlantis entwickeln. Sein Immunsystem spielt verrückt, weil er mit den Keimen in unserer Luft nicht klar kommt. Es wird nicht einmal Sinn machen, ihn behandeln zu wollen. Ich weiß nicht, ob unsere Medikamente bei ihm wirken.“

„Wie bitte?“ Elaios‘ Kopf ruckte hoch und er sah den Arzt fassungslos an. „Heißt das, er wird vielleicht sterben und sie wollen nichts dagegen unternehmen“, fragte er entsetzt und wollte nicht glauben, was er da gerade gehört hatte. Das durfte doch nicht sein. Sie konnten doch nicht einfach nichts tun.

„Ich will nicht?“, fragte der Arzt etwas brüskiert. „Natürlich will ich. Packt den jungen Mann in einen der luftdichten Särge und bringt in ihn seine Welt zurück. Alles was ich ihm hier unten verabreichen kann, wird ihm entweder nicht helfen oder ihn töten. Sie haben die freie Wahl“, sagte Groates, weil er sich wegen dieser Unterstellung in seiner Berufsehre getroffen fühlte.

„Entschuldige, Groates, so war das sicher nicht gemeint“, versuchte Archiaon zu schlichten und Elaios bereute seine heftige Reaktion. „Verzeihung“, murmelte er leise und strich Meodin über die Stirn. „Wir können ihn nicht zurück bringen. Wenn wir ihn an die Oberfläche bringen, wird er sterben, weil sie verseucht ist.“ Das durfte doch nicht wahr sein, Meodin durfte nicht einfach sterben.

„Wo hat er bis jetzt gelebt?“, fragte der Arzt ziemlich irritiert. Er hatte immer gedacht, der junge Mann käme von der Oberfläche. Und jetzt erfuhr er, dass er dort nicht hin konnte, weil alles verseucht war?

Doch Archiaon klärte das schnell auf und gab einen kurzen Abriss über die Kuppeln und Groates verstand. „Ach so, ist freilich nicht ganz so leicht. Aber kann man ihn nicht in die erste Kuppel zurück bringen, zu den Pelzigen?“ Hier bleiben konnte Meodin nicht, das wäre sein Tod.

„Sie hat keinen Zugang zum Meer und in die Kuppel, wo wir ihn gefunden haben, kann er auch nicht zurück. Dort würde er getötet.“ Archiaon konnte Elaios verstehen, denn in der Zeit, die Meodin bei ihnen verbracht hatte, hatte er den jungen Mann in sein Herz geschlossen. Er musste etwas unternehmen, auch wenn er dadurch alles verlieren konnte.

Es gab nur einen einzigen Weg, das war ihm bewusst. Er hatte es vermeiden wollen, aber er konnte nicht zulassen, dass Meodin starb, nur damit er sein ruhiges Leben weiter führen konnte. Seine Zukunft würde er mit blutigen Händen bauen, das konnte er unmöglich.

„Was können wir tun?“, fragte er trotzdem, er konnte sich nicht gleich offen legen. Er musste nachdenken. Vielleicht fand er einen Weg, der Meodin half und ihn nicht bloßstellte.

„Nichts, leider. Es gibt eine verschwindend geringe Hoffnung, dass sein Immunsystem sich wieder stabilisiert und sich an unsere Keime und Bakterien anpasst, aber wahrscheinlich wird er vorher sterben.“ Groates behagte es gar nicht, solch eine vernichtende Diagnose stellen zu müssen, aber er war Realist.

„Was können wir machen?“, fragte Elaios. Er konnte unmöglich hier stehen und darauf warten, dass Meodin starb. Das stand er nicht durch und er war nicht bereit seinen neuen Freund zu verlieren. Sie hatten ihn hier her gebracht, sie waren für ihn verantwortlich!

Für Archiaon war es unerträglich seinen Liebsten so verzweifelt zu sehen, darum fällte er eine Entscheidung. „Danke, Groates, dass du gekommen bist. Wir werden uns beraten und holen dich wieder, wenn es nötig ist.“ Archiaon wollte mit Elaios allein sein, wenn er ihm sagte, dass es eine kleine Hoffnung gab, Meodin zu retten.

Und er wollte keine Zeugen, wenn das geschah, vor dem er die meiste Angst hatte, dass Elaios sich angewidert abwendete und ging.

„Elaios“, sagte Archiaon mit unsicherer Stimme, als er die Tür hinter dem Arzt geschlossen hatte. Er kam langsam zurück ins Wohnzimmer und lehnte am Türpfosten. „Wenn ich dir ein Geheimnis offenbare, das mich nicht gerade in einem guten Licht stehen lassen würde, würdest du mich immer noch lieben können?“

Irritiert sah Elaios Archiaon an und er brauchte ein paar Herzschläge, bis bei ihm angekommen war, was sein Freund gesagt hatte. „Wie meinst du das? Was hast du gemacht, dass ich dich nicht mehr lieben könnte?“ Er stand auf und kam zu Archiaon rüber, dabei sah er ihm forschend in die Augen. „Ich weiß es nicht, aber ich glaube es nicht, dass es etwas gibt, was mich dazu bringen könnte.“

Archiaon schloss kurz die Augen und ließ die Worte wirken. Er wusste nicht, was er erwartet hatte und so sah er Elaios noch einmal an. Er hob seine Hand, strich seinem Schatz über die Wange und lächelte schmerzlich. „Ich war einer von ihnen, Elaios“, sagte er und versuchte, die Reaktion seines Freundes zu deuten.

Erst einmal passierte nichts, denn Elaios verstand nicht, was Archiaon damit sagen wollte. „Wer warst du?“, fragte er darum und ein ungutes Gefühl breitete sich in ihm aus. Archiaon wirkte so niedergeschlagen und unglücklich. „Ich war einer der Gottgleichen“, flüsterte der Senator und senkte den Blick.

„Was?“, fragte Elaios in der Hoffnung, sich verhört zu haben, doch so wie Archiaon den Kopf senkte, hatte er sich wohl nicht verhört. „Die Mistkerle, die unseren Senat unterwandern? Die Ratten, die unsere Gesundheit aufs Spiel setzen? So einer bist du?“ Elaios konnte nicht glauben, was er da sagte und ging einen Schritt zurück. Was war das für ein perfides Spiel?

„Ich war einmal einer von ihnen, vor vielen Jahren.“ Archiaon stockte das Herz, als Elaios sich entfernte. „Ich war jung, gerade 18, als ich mich ihnen angeschlossen habe. Ich habe sehr schnell festgestellt, dass sie uns belogen haben. Ich habe mich von ihnen losgesagt und mitgeholfen, dass sie die Kuppel verlassen mussten.“

„Was kann ich dir noch glauben, Archiaon, wenn du mir so etwas Wichtiges nicht sagst?“, flüsterte Elaios. Es tat ihm weh, dass er seinem Freund dieses Wissen nicht wert gewesen war. „Du hast den Verdacht, dass sie uns unterwandern und bist selber einer von ihnen. Spätestens da hättest du etwas sagen müssen, verdammt.“ Er schlang die Arme um sich selbst. Er fühlte sich einsam.

„Elaios, es tut mir leid, ich hatte Angst dich zu verlieren. Ich bin keiner mehr von ihnen.“ Archiaon machte einen Schritt auf Elaios zu und legte ihm eine Hand auf den Arm. „Ich schäme mich dafür, dass ich einmal einer von ihnen war und hatte Angst, dass du mich dann verlässt.“

Immer noch völlig irritiert sah Elaios auf die Hand auf seinem Arm. Er wusste nicht, ob er sie weg schlagen sollte, so wie es die erste Intention gewesen war oder ob er Archiaon vertraute. Er zog die Arme um sich enger und blickte Elaios offen an. „Gib mir die Sicherheit, dir noch vertrauen zu können“, forderte er, denn er wollte seinen Freund nicht verlieren. Er liebte Archiaon noch immer. Daran hatte sich nichts geändert. Merkwürdigerweise.

„Ich habe dir erzählt, wer ich war, weil wir dadurch vielleicht eine Möglichkeit haben, Meodin zu retten. Er soll nicht sterben. Lieber lasse ich mich ächten und einsperren, bevor ich zulasse dass noch jemand stirbt.“ Archiaon sah Elaios fest in die Augen. „Ich habe gehofft, dass du mich vielleicht nicht verlässt.“

„Kümmern wir uns um Meodin. Vielleicht ergibt sich der Rest von allein“, sagte Elaios leise. Er konnte Archiaon nicht gleich die Absolution erteilen, weil er sich immer noch betrogen fühlte, doch sein Freund war bereit, für einen Fremden sein Geheimnis zu lüften. Das tat man nicht als herzloser, skrupelloser Mistkerl. Elaios lächelte sanft. „Komm“, und ging zu Meodin.

Archiaon folgte ihm, auch wenn er immer noch nicht wusste, ob er Elaios verloren hatte. „Bleib bei ihm, ich werde diesen Erdogan kontaktieren und ihm sagen, wie er hierher kommen kann. Er soll Meodin mitnehmen. Ihre Ärzte können ihn heilen.“

„Wie willst du das machen?“, fragte Elaios irritiert. Hatte Archiaon nicht gesagt, alle Kontakte nach oben wären abgebrochen? Niemand könnte die Oberwelt kontaktieren? Und plötzlich wollte Archiaon es tun? Hatte er noch Zugang zu den Gottgleichen? War seine Beteuerung, mit ihnen gebrochen haben, auch wieder nur eine Lüge gewesen?

Archiaon konnte die Zweifel auf Elaios’ Gesicht sehen und seine Hoffnung, dass er sich nicht von ihm abwandte sank. „Sie haben diese Kuppel von den Gottgleichen übernommen, Bonder 482. Mit einem unserer Funkgeräte kann man dorthin Kontakt aufnehmen. Man braucht einen speziellen Code, um dort hin zu kommen und ich bin der einzige, der ihn kennt.“

„Wen wundert das“, hatte Elaios gesagt, noch ehe es ihm bewusst war und so entschuldigte er sich dafür. „Das war nicht richtig, das zu sagen.“ Doch es sprach das aus, was er sich dachte. Nur Archiaon hatte noch den Code, um an die Oberfläche zu senden? In seinem Kopf spann sich etwas zusammen, was Elaios Angst machte. Was wenn Archiaon nur dafür sorgte, dass Meodin dort hin zurückkam, wo sie ihn gerettet hatten? Was, wenn er den Gottgleichen – seinen Verbündeten – in die Hände spielte? Elaios wurde noch wahnsinnig.

„Ich bin keiner von ihnen“, beteuerte Archiaon verzweifelt und sah Elaios traurig an. „Ich hasse sie, weil ich weiß, wozu sie fähig sind, aber ihre Technik ist Meodins einzige Chance.“ Er wusste nicht, wie er Elaios zeigen konnte, dass er es ehrlich meinte. Darum wandte er sich ab und setzte sich an das Funkgerät. Er gab den Code ein und drückte den Sendeknopf. „Ich rufe Bonder 482. Bitte melden. Hier spricht Atlantis Nord 035. Wir müssen Prinz Erdogan sprechen“, sagte er und konnte jetzt nur warten und hoffen, dass sich jemand meldete.

Immer wieder wiederholte er die Nachricht und sah dabei auf die Uhr. Er wusste, dass die Gottgleichen schon von Anfang an dafür gesorgt haben, dass die Uhren unten und oben gleich gingen. Das machte für sie das Arbeiten leichter. Wenn er richtig informiert war, müsste die Kuppel jetzt von Erdogans Leuten besetzt sein.

Elaios stand hinter ihm, immer noch in gebührendem Abstand und wusste mit sich selbst nichts anzufangen. Er sah Archiaon an, doch der starrte vor sich hin. Etwas stand jetzt zwischen ihnen, etwas was man nicht sah, nur spürte.

Die Blicke in seinem Rücken schmerzten wie Dolchstiche und Archiaon hielt es nicht mehr aus. Er sprang auf und lief in seinem Wohnzimmer hin und her. „Elaios, was kann ich tun, dass du mir wieder vertraust?“, fragte er und kam zu Elaios rüber. „Ich liebe dich und ich möchte dich nicht verlieren.“

„Ich kann es dir nicht sagen“, gestand Elaios. Er fühlte sich elend, denn er liebte Archiaon auch. Er versuchte zu ergründen, was ihn davon abhielt, zu ihm zu gehen und ihn einfach zu küssen, um ihm klar zu machen, dass alles wieder im Lot war, doch er wusste es selber nicht. Es war nicht allein sein verletzter Stolz, es ging unter die Haut. Doch so war das eben. Jeder hatte seine kleinen Geheimnisse, der eine mehr der andere weniger. Und Archiaon, der schon ein paar Jahre länger auf dieser Erde war, hatte entschieden mehr Zeit gehabt, Geheimnisse zu sammeln.

Archiaon ließ den Kopf hängen und setzte sich wieder an das Funkgerät. Er wusste nicht mehr, was er noch sagen sollte, um Elaios umzustimmen, darum rief er noch einmal die Oberfläche. Er ließ den Sendeknopf los und zuckte zusammen, als sich eine Stimme meldete.

 

+++

 

„Will uns da gerade einer veralbern? Thom, bist du das?“ Im Augenblick war Leander nicht zu Scherzen aufgelegt. Die Anspannungen im Team waren groß, seit Meodin verschwunden war. Der Prinz war nicht mehr zu gebrauchen, alle Lasten ruhten auf Leanders Schultern und das letzte, was er jetzt noch gebrauchen konnte, war ein Mechaniker, der seine blöden Witzchen mit ihm trieb.

Als ihn einer der Soldaten hektisch gestikulierend in das Observatorium gerufen hatte, hatte er noch nicht gewusst, was ihn erwartete. Doch jetzt starrte er auf die Weltkugel, sah eine Kuppel blinken und hörte, dass jemand den Prinzen suchte. Das war doch alles völlig verrückt.

„Wer ist Thom?“, hörten sie laut und deutlich. „Hier ist Archiaon aus Atlantis Nord 035. Ich muss Prinz Erdogan sprechen. Es ist wichtig, es geht um Meodin.“ Leander zuckte bei der Erwähnung Meodins hoch und riss die Augen auf. „Meodin?“, rief er aufgeregt und zischte einem der Soldaten zu, dass er sofort Erdogan herbringen sollte. „Was wisst ihr von Meodin? Habt ihr ihn entführt?“ Er wusste nicht, wo das Mikrofon war oder die Lautsprecher, doch der Fremde schien ihn zu hören. Also lief er um die Kugel herum, versuchte, etwas zu erkennen, doch er sah nur eine der Atlantiskuppeln blinken.

„Erdogan – schwing deinen Arsch hier her!“, brüllte er in sein Headset. Der Prinz hatte sich für seine Begriffe ausreichend lange im Aquarium verbarrikadiert. Sie hatten eine Spur!

„Nein“, entgegnete Archiaon aufgebracht, „wir haben ihn gerettet. Das ist ein Unterschied!“

Die Stimme am anderen Ende hörte sich aufgebracht an, darum ließ Leander es erst einmal dabei, um mehr Informationen zu bekommen. „Ich möchte Prinz Erdogan sprechen“, verlangte dieser Archiaon noch einmal und Leander knurrte leise. „Er ist auf dem Weg hierher. Ich möchte Meodin sprechen.“

„Das wird nicht so leicht sein. Er ist krank, deswegen suchen wir den Kontakt. Aber ich kann es versuchen“, versicherte der Mann am anderen Ende und Leander hörte, wie jemand aufstand und nackte Füße auf einem Steinfußboden. Erstaunlich wie gut die Mikrofone waren.

„Meodin, da sind deine Freunde dran, kannst du was sagen“, flüsterte Archiaon sanft, er wollte Meodin nicht wecken, wenn er schlief.

Leander konnte nur ein leises Stöhnen hören und eine weitere Stimme, die bat Meodin nicht zu stören. „Tut mir leid, er hat hohes Fieber und wird nicht wach. Ist Prinz Erdogan da?“ Leander biss sich auf die Lippe. Er wusste nicht, ob er dem Fremden trauen konnte und gerade kam Erdogan in das Observatorium gerannt. „Meodin“, rief er aufgebracht. „Was ist mit ihm?“

Er konnte kaum an sich halten. Seit Tagen hörte er nichts von seinem Seepferdchen und dann hörte er ihn Röcheln, ohne zu wissen, wo er war.

„Meodins Immunsystem kollabiert von den Keimen in unserer Luft. Wir müssen ihn umgehend zu euch bringen – besser: ihr müsst ihn holen. Da ihr auf Bonder 482 seid, gehe ich davon aus, dass ihr alles über die Kuppel wisst. Nehmt eines der Unterwasserboote und kommt zu Atlantis Nord 035. So schnell wie möglich und bringt einen eurer Ärzte und Mittel gegen Fieber mit. Er muss hier weg, so schnell wie möglich!“

„Moment, welche Unterseeboote und woher weißt du von ihnen“, mischte Leander sich ein und hielt Erdogan davon ab, etwas zu sagen. „Wer seid ihr?“, wollte er wissen und von der Antwort hing viel ab. Am anderen Ende herrschte kurz Stille. Es war wieder dieser Archiaon, der antwortete. „Ich bin schon mit einem dieser Boote gefahren und ich war auch schon auf Bonder 482. Ihr seid gerade im Observatorium und auf der Weltkugel leuchtet unsere Kuppel auf. Ich war einmal Poseidon, aber der bin ich schon lange nicht mehr.“

„Ein Gottgleicher, und sie haben Meodin!“ Erdogan wusste nicht, wie ihm geschah. In seinem Kopf drehte sich alles und die Wut in ihm wurde übermächtig. Er hatte den Drang etwas kaputt zu schlagen, doch er hielt sich davon ab. Wenn er die sensible Technik hier im Raum zerstörte, konnte sie niemand reparieren, nicht einmal Thom.

„Nein, die Gottgleichen hatten ihn und hätten ihn fast getötet. Wir haben ihn gerettet und jetzt ist er in Atlantis Nord 035.“ Leander wusste nicht wieso, aber er glaubte, was der Fremde sagte. „Warum habt ihr ihn gerettet“, wollte er wissen. „Er ist einer von uns. Ein Wasserwesen, deshalb haben wir ihn gerettet, aber so wie es aussieht, haben wir ihn damit nur wieder in Gefahr gebracht.“

„Du – bist jetzt ruhig“, knurrte Leander, als Erdogan schon wieder Luft holte, um zum Gegenangriff überzugehen. „Wo finden wir die Boote, wie bedient man sie. Je schneller wir da sind, umso besser.“ Er schickte Daniel eine kurze Nachricht, er solle aus dem Labor zu ihm kommen. Sie durften keine Zeit verlieren.

„Kennt ihr den Grundriss der Anlage? Wenn ihr den Stein mit dem durchkreuzten Kreis auf der linken Seite der Umrandung drückt, könnt ihr ihn aufrufen“, erklärte die Stimme und Leander gab seinen Männern ein Zeichen, danach zu suchen. Sie hatten noch immer nicht alle Funktionen gefunden. „Die Boote werden über einen Code programmiert. Ihr müsstet /müsst 47369 eingeben. Das Boot fährt dann automatisch hierher und dockt an. Ihr werdet ein paar Stunden unterwegs sein.“

Leander nickte, als einer seiner Männer den Stein gefunden hatte und der Grundriss erschien. Sowohl Erdogan als auch Leander taumelten zurück. Sie hatten bisher wirklich nur an der Oberfläche gekratzt, auch mit Odins Hilfe. Anstelle der fünf von ihnen erforschten Ebenen hatte diese verdammte Anlage fast zwanzig Ebenen. Sie reichte fast hundert Meter tief in das Gestein. Leanders Augen wurden immer größer.

„Wie kommen wir da hin, verdammt?“, knurrte er und hatte die Boote auf Ebene dreizehn entdeckt.

„Die Anlage zeigt euch den Weg. Wie ich aus euren Stimmen raushörte, habt ihr noch nicht alle Funktionen des Observatoriums entdeckt. Es gibt ein Terminal, das sich ausfahren lässt. Drückt den Stein, der eine Gravur wie eine Tastatur hat, zwei mal, dann fährt sie aus. Dort gebt ihr Unterseedock ein. Wenn ihr aus dem Raum geht, folgt einfach der Markierung, die auf dem Boden aufleuchtet.“ Leander konnte gar nicht glauben, was er da hörte. Sie hatten wirklich keine Ahnung gehabt, was sie da gefunden hatten.

Das schien das Hauptquartier der Gottgleichen gewesen zu sein. Sie saßen auf Goldstaub und hatten es noch nicht einmal gemerkt. „Alles klar. Können wir euch kontaktieren, wenn wir im Boot sind oder unten im Dock und nicht rein kommen?“, wollte Leander wissen, während Erdogan den Stein suchte und drückte. Tatsächlich – er war da. Direkt neben der Säule und war nie jemandem aufgefallen? Das konnte er fast nicht glauben. Schnell war das Dock aktiviert und zu seinen Füßen blinkte wirklich der erste Pfeil auf.

„Daniel, Thom. Ihr kommt mit mir“ Erdogan eilte schon einmal vor.

„Wenn ihr im Boot seid, könnt ihr wieder Kontakt aufnehmen.“ Archiaon gab ihnen noch den Code für das Tor zum Dock durch und auch den, um das Boot zu öffnen und wie sie es aktivieren konnten. Sie sollten sich wieder melden, wenn sie im Boot waren. Leander meldete sich ab und lief Erdogan hinterher. Zwei seiner Soldaten folgten ihnen, denn ganz ohne Schutz konnten auch sie nicht eine fremde Kuppel besuchen. Nur gut, dass Jack nichts mitbekommen hatte, dass sie die Kuppel früher verlassen würden, als ihnen lieb war. Den konnten sie im Augenblick wirklich nicht gebrauchen.

Leander hatte Erdogan eingeholt und der lief, als ginge es um sein Leben und das tat es auch. Ihm steckte der Tag in der Hauptkuppel immer noch in den Knochen, der Streit, das unmögliche Benehmen seines Vaters und Meodins Abgang. Dann war er einfach weg gewesen, spurlos. Kein Zeichen, kein Hinweis, nichts. Als hätte sich die Erde aufgetan.

Endlich hatten sie wieder ein Lebenszeichen, wenn auch nur ein schwaches und Gott mochte ihren Seelen gnädig sein, wenn sie zu spät kamen.

Sie folgten den Markierungen zum Aufzug und der setzte sich auch gleich in Bewegung, als sie ihn betraten. Daniel und Thom waren jetzt auch mit dabei und wurden auf den neuesten Stand gebracht. „Bis hierher hat er die Wahrheit gesagt.“ Sie standen vor dem Tor zum Dock und Leander tippte den Code ein. „Wow“, murmelte er überrascht, als er die riesige Halle mit den vier Unterseeboten erblickte.

„Ich glaub, ich geh am Stock.“ Leander taumelte zurück und wusste nicht, wo er als erstes hingucken sollte. Die Halle war riesig. Nichts in Neo New York kam diesen Ausmaßen gleich. Und dann die riesigen Boote. Langsam ging er näher, die Schritte seiner Stiefel hallten an den Wänden wieder.

„Mach, Meo braucht uns!“, knurrte Erdogan und zerrte seinen Freund mit sich. Seit er ein Lebenszeichen von seinem Seepferdchen hatte, konnte ihn nichts mehr aufhalten.

Leander tippte die Kombination zum Öffnen des Bootes ein und mit einem Zischen öffnete sich die Tür. Er konnte Erdogan nicht daran hindern, in das Schiff zu stürmen und lief ihm einfach hinterher in das Innere. Er suchte die Kommandobrücke, denn von dort konnten sie wieder Kontakt mit Atlantis aufnehmen. Er musste wissen, wie es Meodin ging.

Nächtelang hatte er nicht geschlafen, hatte die Überwachungsbänder durchgesehen, Meodins Chip verfolgen lassen – alles zwecklos. Den Chip hatte er gefunden. Er lag in einem der Flure, blutverschmiert. Man hatte ihn Meodin wohl entnommen – ziemlich hastig und das hatte Erdogans Sorge noch weiter nach oben getrieben. Er konnte gar nicht sagen, wie froh er war, endlich etwas von ihm zu hören, auch wenn sein Zustand Erdogan verrückt werden ließ. Er hatte es immer vermieden, zu glauben, Meodin wäre nicht mehr am Leben. Doch wenn sie sich nicht beeilten, dann war er das vielleicht gleich wirklich.

„Thom – beweg dich, sonst werde ich sauer!“, knurrte er, als er den Techniker dabei erwischte, wie er sich umsah, anstatt die Maschine zu starten und den Kurs einzugeben, während Leander Kontakt nach Atlantis suchte.

Thom zog auch gleich den Kopf ein und hörte Leander zu, der sich gerade erklären ließ, wo sie den Code eingeben mussten, um das Boot zu starten und nach Atlantis fahren zu lassen. Schnell tippte er die 47369 in das Eingabegerät ein und die Türen schlossen sich. Die Motoren sprangen an und das Boot setzte sich in Bewegung. „Ihr müsst nichts weiter machen. Das Boot fährt automatisch zu uns“, erklärte Archiaon gerade und Erdogan knurrte. „Frag ihn, wie lange wir unterwegs sein werden.“

„Etwa vier Stunden“, erklärte Archiaon, der den maulenden Prinzen durchaus gehört hatte. Und weil dem das peinlich war, zog sich Erdogan zurück und guckte durch das Fenster im Kommandostand zu, wie das Schiff in eine große Schleuse geschoben wurde und dann endlich im freien Wasser schwamm. Wäre er nicht so dermaßen in Sorge, er wäre begeistert gewesen – das erste Mal außerhalb der Kuppel.

„Wie geht es Meodin?“, fragte Leander, der wusste, dass Erdogan es wissen wollte. „Wir versuchen seine Temperatur mit Wadenwickeln zu senken, was aber nur sehr langsam funktioniert. Ansonsten ist er immer noch bewusstlos. Unser Arzt traut sich nicht, ihm etwas von unseren Medikamenten zu geben, weil er nicht weiß, ob es die Situation nicht noch verschlimmert.“

„Wir haben Mittel dabei. Er muss durchhalten“, sagte Leander und blickte auf Daniel, der gar nicht zufrieden wirkte. Doch er konnte den Fremden auch nichts anderes raten als das, was sie schon versucht hatten. Sie mussten einfach hoffen, dass Meodin an seinem Leben hing und darum kämpfte. „Wird uns jemand einsammeln, wenn wir da sind?“

„Ja, das werde ich tun“, sagte Archiaon leise und er wirkte nicht gerade erleichtert. Ihm war klar, dass es Fragen aufwerfen würde. Sobald das Schiff anlegte, wusste Atlantis, dass er Verbindungen zu denen hatte, die sie vertreiben wollten. Und wenn es ihm nicht einmal gelang, den, den er liebte, zu überzeugen – wie dann sein skeptisches Volk?


21

„Ich kümmere mich weiter um Meodin, meldet euch, wenn etwas ist.“ Archiaon stand auf und ging zur Couch rüber. „Lass uns Meodin in sein Zimmer bringen. dort liegt er bequemer“, sagte er und strich Meodin über die Stirn. Sie war immer noch heiß. Das Fieber hatte sich kaum gesenkt, aber wenigstens stieg es auch nicht weiter an.

Elaios nickte und kam näher. Er war völlig zerrissen. „Spätestens wenn das Boot anlegt, wirst du in Erklärungsnot kommen, oder?“, fragte er. Er musste es seinem Freund hoch anrechnen, dass er für Meodin sein Geheimnis offenbarte. „Es wird nicht leicht werden. Vielleicht werfen sie dich sogar aus dem Senat.“ Er griff Meodin unter den Armen und achtete darauf, dass Plüschgarry nicht abstürzte.

Archiaon und Elaios brachten Meodin in sein Zimmer und richteten das Bett her, damit sie weiter die Wadenwickel machen konnten. „Ja, kann sein, aber auch wenn nicht werde ich zurücktreten. Sie werden mir nicht mehr vertauen. Ich rechne sogar damit, dass sie mich verbannen werden.“

„Scheiße“, murmelte Elaios leise, dem allmählich klar wurde, was das bedeutete. „Sie können nicht den einzigen davon jagen, der ihnen helfen könnte, die Machenschaften der Mistkerle aufzudecken.“ Elaios hatte sich entschieden, er wollte Archiaon verzeihen. Vielleicht war das keine reine Kopfentscheidung, doch es war die Entscheidung seines Herzens. Archiaon mochte ihm nicht alles gesagt haben, doch er war bereit, alles, was er hatte, für einen Freund aufzugeben. Nobler ging es fast nicht mehr.

„Ich hoffe, dass sie es nicht tun werden, aber es kann durchaus passieren. Die Gottgleichen haben grausame und unmenschliche Dinge getan, darum habe ich mich auch gegen sie gestellt. Ich habe dem damaligen Senat das Material über ihre Experimente zugespielt und daraufhin wurden die Gottgleichen verbannt. Ich durfte bleiben, aber ich habe die Auflage bekommen, nie wieder mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Diese Auflage habe ich heute gebrochen.“ Archiaon wechselte den Wickel und sah Elaios traurig an. Wenn er verbannt wurde, hieß das auch, dass er sich von seinem Freund trennen musste.

„Moment“, sagte Elaios, der das so nicht hinnehmen konnte. Er saß neben Meodin und strich ihm liebevoll durch die Haare, sah dabei aber Archiaon an, der weiter Wadenwinkel machte. „Soweit ich das verstanden habe, waren das jetzt keine Gottgleichen, sondern Bewohner der Oberwelt. Mit denen in Kontakt zu treten war nicht verboten gewesen und selbst in der Kuppel, als ihr uns gerettet habt, hattest du keinen Kontakt, weil sie schon weg waren. Rein formal gesehen.“

„Rein formal gesehen, hast du natürlich Recht.“ Archiaon grinste schief und seufzte. „Es wurde beschlossen, dass wir jeglichen Kontakt zur Oberfläche abbrechen, da wir nie davon ausgehen können, dass sie so nicht wieder einen Fuß nach Atlantis bekommen.“ Es freute Archiaon, dass Elaios nach Möglichkeiten suchte, ihn zu entlasten, nur leider gab es keine. „Du hast doch von Meodin gehört, dass sein Volk noch nicht einmal von ihnen wusste.“

„Wenn du mit ihnen gehst, werde ich dich begleiten. Ich bleibe nicht alleine hier“, stellte Elaios klar, auch wenn er im ersten Moment vor seiner eigenen Courage Angst bekam. Er entschied sich gerade gegen Idya und gegen seine Familie und für Archiaon. War das richtig? Konnte er Idya einfach so allein lassen? Sie wusste noch nicht einmal, dass Meodin krank war und bald verschwand, weil seine Leute ihn holten. Sie schlief den Schlaf der Gerechten – was für ein Freund war er denn?

„Du würdest mit mir kommen?“, fragte Archiaon vollkommen fassungslos. „Du würdest Atlantis wegen mir verlassen?“ Sein Herz schlug schnell und es dauerte ein paar Augenblicke, bis er verstand, was das bedeutete. „Elaios“, murmelte er und zog seinen Liebling fest an sich. „Ich liebe dich. Es tut mir so leid, dass ich dir nicht schon eher erzählt habe, wer ich einmal gewesen bin.“

„Egal, Schatz. Es ist passiert“, sagte Elaios leise und fühlte, dass es genau das gewesen war, was er die letzten Stunden vermisst hatte. „Wir sollten die Chance nutzen, wenn die Massen am Boot zusammen laufen, die Karten auf den Tisch zu legen.“ Auch wenn das bedeutete, dass sie das Volk denen überließen, die sie eigentlich hatten abblocken wollen. Wenn ihre Plätze im Senat frei wurden, war noch nicht klar, ob dann jemand nachrückte oder nur acht Senatoren regierten. Es hatte den Fall bisher noch nicht gegeben.

„Sie sollen sagen, ob sie dir zuhören wollen oder dich gleich verdammen. Dann gehen wir mit.“

„Wir sollten Vorbereitungen treffen. Es kann sein, dass es sehr schnell geht. Geh nach Hause und pack zusammen, was dir wichtig ist, dann solltest du Idya wecken und her bringen. Sie sollte wissen, was los ist.“ Jetzt, wo Archiaon wusste, dass Elaios ihn nicht verließ, konnte er anfangen zu planen, damit sie im Fall der Fälle nicht ohne alles da standen.

„Gut, das mach ich. Und du kontaktierst die Fremden. Nicht, dass sie sich dann weigern. Ich will wissen, ob sie bereit wären, uns Unterschlupf zu bieten.“ Elaios gönnte sich einen sanften Kuss und erhob sich dann. Er wusste, dass er seine Eltern nicht anlügen wollte, doch mit der Wahrheit konnte er unmöglich heraus rücken. Er hatte jetzt noch ein paar Minuten zu überlegen, was er ihnen erzählte und was nicht, ehe er daheim ankam.

Archiaon setzte sich in der Zwischenzeit ans Funkgerät und kontaktierte Erdogan. Er erzählte dem Prinzen von seiner Vergangenheit und was sie eventuell erwartete, wenn sie andockten. „Es kann also sein, dass ich verbannt werde. Würdet ihr mich und einen weiteren Passagier mit nach Neo New York nehmen?“, stellte er die alles entscheidende Frage.

„Das werden wir müssen, denn du wirst nicht mehr sicher sein“, sagte Leander, während Erdogan noch versuchte abzuwägen. „Ich weiß nicht, ob du ihn kennst. Aber ein anderer Abtrünniger – Odin – hat uns geholfen und wurde dafür von ihnen in unseren eigenen Reihen ermordet. Wir wissen jetzt, woran wir sie erkennen und wissen, dass wir sauber sind. Allerdings können auch wir nicht für euer Leben garantieren.“ Leander senkte den Kopf. Ihn schmerzte der Verlust noch immer, er war so sinnlos gewesen.

„Ich kannte Odin und sein Tod ist wirklich ein Verlust. Ich wusste nicht, dass er den Gottgleichen ebenfalls den Rücken gekehrt hat, aber es hat mich gefreut.“ Archiaon rechnete es Leander hoch an, dass er ihm die Wahrheit sagte. „Ich kenne das Risiko, aber dem wäre ich hier auch ausgesetzt. Sie habe ihre Leute in die Kuppel geschmuggelt, die unsere Spiele sabotiert haben.“

„Oh, sie sind schneller als erwartet“, sagte Leander überrascht. „Vielleicht können wir unser Wissen zusammen bringen und endlich aufholen. Uns waren sie immer drei Schritte voraus. Wenn wir deren Vorsprung auf einen schrumpfen könnten, wäre das schon viel wert. Was macht Meodin?“ Leander sah Erdogans besorgtes Gesicht und wie sein Prinz immer hin und her tigerte. Es ging ihm nicht schnell genug.

„Unverändert. Das Fieber ist nicht gestiegen, aber auch nicht gesunken“ beantwortete Archiaon die dringlichere Frage zuerst, denn er konnte das rastlose Herumgewandere hören. „Ich werde euch helfen, so weit ich das kann, aber ihr müsst bedenken, dass ich seit fast zwanzig Jahren aus dem Geschäft bin.“

„Und trotzdem wirst du noch mehr wissen als wir. Aber das können wir besprechen, wenn wir uns sehen. Ich werde versuchen, Erdogan zu beruhigen. Er läuft gerade das Deck durch. Melde dich, wenn wir in der Nähe sind, damit wir Bescheid wissen. Müssen wir mit einem Angriff rechnen?“ Man wusste ja nie, wie Fremde aufgenommen wurden. Sie selbst waren ja nicht anders gewesen – misstrauisch bis zum letzten. Menschlich eben.

„Nein, ich denke nicht, aber ich kann es nicht mit absoluter Bestimmtheit sagen. Wahrscheinlich würde meine Fürsprache euch nicht gerade weiterhelfen im Moment, aber ich werde euch schützen so gut ich kann. Im Notfall bleibt ihr im Boot und ich bringe Meodin zu euch.“ Es war schwer für Archiaon, dass er sein Volk nicht mehr einschätzen konnte. Seit Jahren arbeitete er im Senat dafür, dass es wuchs und gedieh. Aber das alles wurde hinfällig, weil seine Vergangenheit ihn einholte.

Er wusste nur zu gut, was ein Großteil seiner Leute von den Gottgleichen hielt. Mittlerweile war die Grenze zwischen denen und anderen Fremden so verschwommen, dass alles eins war.

„Bringen wir Meodin damit in Gefahr, wenn du ihn allein zur Schleuse bringst?“, wollte Erdogan wissen. Wenn es sein musste, machte er sich auch den Weg frei aber er wollte um keinen Preis, dass seinem Seepferdchen etwas passierte.

„Ich weiß es nicht, aber ich werde unseren Arzt fragen, ob es gefährlich für ihn ist.“ Immer mehr Probleme tauchten auf, die die Menschen, die ihm etwas bedeuteten, in Gefahr brachten. „Versprecht mir bitte eins, wenn ihr Meodin habt und es nicht gut läuft, dann nehmt Elaios mit, egal ob ich mitkommen kann, oder nicht.“

Leander stockte, das klang nicht gut. „Glaubst du, sie werden dir etwas antun?“, wollte er wissen, denn er wusste, zu was Menschen in Panik fähig waren. „Wir sind vielleicht nicht viele, aber wir sind erfahrene Kämpfer. Wir könnten...“, bot er an und blickte zu seinen Leuten. Er versprach vollmundig, dass sie ihr Leben für jemanden riskierten, den sie noch nicht einmal kannten.

„Ich weiß es nicht, aber die Abneigung gegen die Gottgleichen ist groß und Menschen von der Oberfläche werden schnell mit ihnen gleichgesetzt. Ich habe meine Vergangenheit geheim gehalten und ich war über Jahre der Senatspräsident. Sie werden sich verraten fühlen.“ Archiaon konnte nur hoffen, dass er sich irrte. „Nein, ich möchte nicht, dass ihr euch wegen mir in Gefahr bringt, bringt einfach Meodin und Elaios in Sicherheit, wenn es sein muss, aber ich danke dir für das Angebot.“

Leander hob die Brauen und schüttelte den Kopf. Ob man irgendwann mal anfing den Helden dieser Welt zu erklären, dass ihre heroischen Ambitionen meistens nur tödlich waren und nichts anderes? Doch er nahm es hin, wichtig war im Augenblick sowieso nur Meodin, so hart das auch klingen mochte.

„Wann können wir damit rechnen, dass wir da sind? Man sieht ja hier unten nicht gerade viel und so wird man schnell ungeduldig.“

Archiaon sah gerade nach Meodin und wechselte die Wadenwickel, darum hatte er auf Lautsprecher geschaltet. „Ihr braucht ungefähr 4 Stunden. Die Boote sind schnell, wir brauchen für den Weg von der Küste hierher fast zwei Tage.“ Der Senator musste schmunzeln, die Menschen von der Oberfläche waren ungeduldig, so wie er sie kannte.

„Okay“ Leander blickte auf die Uhr. Eine halbe Stunde hatten sie hinter sich – blieben also noch mehr als drei Stunden. „Wir melden uns wieder oder du, wenn es Meo schlechter geht“, sagte Leander und schloss erst einmal die Verbindung. Er musste Erdogan ruhig stellen und Thom daran hindern, das Boot auseinander zu schrauben.

„Hoffentlich kriegen wir dich heil hier raus, Kleiner“, murmelte Archiaon leise, als er neben Meodin saß. Sein Kopf war schwer von Gedanken.

Er hatte immer befürchtet, dass dieser Tag einmal kommen würde. Zum Glück hatte er vorgesorgt und seine wichtigsten Dinge griffbereit liegen. Er musste sie nachher nur noch einpacken, wenn Elaios wieder da war. Er musste auch noch einen Brief an seinen alten Mentor Telemachos schreiben, in dem Archiaon ihm erklärte, warum er diesen Schritt gewählt hatte, wenn man ihn wirklich verbannen sollte.

Das konnte er eigentlich gleich machen und so setzte er sich mit Papier und Stift an den Tisch. Wenn er ging, würde er die Rohrpost programmieren. Entweder kam er zurück und konnte die Nachricht wieder aus dem Speicher nehmen, oder er kam nicht und sie wurde zugestellt.

Archiaon sah auf, als es klopfte und eilte zur Tür. Elaios zerrte eine verstörte Idya hinter sich her, die den Senator komisch anguckte.

„Hallo Idya.“ Archiaon versuchte die Blicke zu ignorieren und küsste Elaios. „Hast du alles erledigt?“, fragte er und schloss die Tür. So wie Idya guckte, hatte sie jede Menge Fragen, darum dirigierte er beide in Meodins Zimmer. Er wollte noch einmal die Temperatur überprüfen und den Arzt anrufen, ob sie Meodin transportieren konnten.

„Elaios hat da einiges erzählt. Stimmt das?“, wollte Idya wissen, als sie in einem Sessel unweit des Bettes Platz nahm. Sie ließ Archiaon immer noch nicht aus den Augen, auch wenn der gerade den Arzt zu sich beorderte.

„Kommt darauf an, was Elaios dir erzählte hat“, entgegnete Archiaon. Er wollte nicht vorpreschen, wenn sein Liebling noch nichts gesagt hatte.

„Dass du einer von denen warst. Einer von den Gottgleichen!“ Idya spuckte das letzte Wort förmlich aus. Sie wollte hören, dass sie das falsch verstanden hatte. Archiaon durfte keiner von ihnen sein. Nicht der Held ihrer Jugend und der Grund, warum sie unbedingt in den Senat wollte. „Ja, das stimmt, ich war einmal einer von ihnen, aber das bin ich schon lange nicht mehr. Ich habe früh genug erkannt, dass sie nicht das sind, was sie vorgegeben haben zu sein.“

„Hör zu, Idya“, ging Elaios gleich dazwischen weil er sah, dass Idya die Augen verschmälerte. „Er will nur Meodin retten und ihn seinen Freunden übergeben, weil er gerade stirbt. Die Keime hier unten killen sein Immunsystem und...“

„Wie bitte?“ Erst jetzt bemerkte sie, dass Meodin nicht nur schlief. Er war rot im Gesicht und stöhnte leise. Sorge machte sich breit und der Gedanke, dass er fort musste, weil er sonst starb, traf sie. Wut machte sich breit und sie wurde irrational. „Du bist an allem schuld!“, schrie sie und schoss hoch. „An allem!“ Tränen hatte sie in den Augen und ihre geballten Fäuste zitterten. Sie wusste nicht, wo ihr der Kopf stand.

„Idya“, sagte Elaios scharf, ging aber zu ihr rüber und zog sie in die Arme. „Es tut mir leid, aber Archiaon hat keine Schuld, dass Meodin krank ist.“ Archiaon fühlte sich schlecht. Idya und Elaios sollten sich nicht auch noch verkrachen. Besonders nicht, wenn sie Atlantis verlassen mussten.

„Aber er bringt ihn weg. Ich habe mein Leben riskiert, um ihn zu retten und er bringt ihn einfach weg. Und dann ist er auch noch einer von denen. Vielleicht hat er sogar die Unfälle arrangiert.“ Nein, sie ließ sich nicht hinhalten. Sie war nicht blöd, sie konnte eins und eins zusammenzählen.

„Bist du eigentlich völlig vernagelt?“, fragte Elaios gefährlich leise. Er hatte Idya so noch nie erlebt und er konnte ihre Reaktion nicht verstehen. Zugegeben, er hatte auch nicht gerade gejubelt, aber so ausfallend musste man wirklich nicht werden.

„Soll Meodin sterben? Wenn er hier bleibt, wird er das, da kannst du den Arzt fragen, wenn er gleich kommt. Archiaon hätte auch für sich behalten können, wer er war und Meodin sterben lassen, aber das hat er nicht.“ Elaios war sich nicht sicher, ob er zu seiner Freundin durchkam, denn sie war vollkommen außer sich.

„Klar, war ja so was von logisch, dass du zu ihm hältst.“ Verächtlich deutete sie auf die Tasche: sie konnte sich denken, was Elaios vorhatte. Sie hatte sich lange nicht so verletzt gefühlt wie heute. In nur wenigen Minuten wurde ihr ihr halbes Leben entrissen. Der Schmerz war unbeschreiblich. Erst als sie sah, wie verletzt Elaios sich abwandte, begriff sie.

„Es tut mir leid“, murmelte sie leise und ließ den Kopf hängen. „Warum muss das passieren?“ Sie ließ sich wieder in den Sessel fallen und sackte in sich zusammen. Sie sah zu Meodin und schluchzte auf. Es schmerzte, dass sie ihn nicht halten konnte.

Elaios kniete sich vor sie und strich ihr langsam durch die Haare. „Ich glaube nicht, dass das gut gegangen wäre. Er hat jemanden, den er vermisst und der ihn vermisst. Er ist auf dem Weg hier her um Meodin zu holen.“ Es fiel ihm nicht leicht, das zu sagen, doch Idya musste begreifen. Sie sollte sich nicht daran klammern, dass es vielleicht doch etwas werden könnte und sie ihm wieder folgte. Sie war jetzt Senatorin – sie war nicht mehr nur für sich allein verantwortlich.

Erst wollte Idya aufbegehren, aber dann ließ sie es doch. Elaios hatte Recht. Meodin hatte kein Interesse an ihr, aber sie hatte das nicht sehen wollen. „Dieser Prinz?“, fragte sie leise mit erstickter Stimme, weil die Tränen ihr den Hals zuschnürten. Von ihm hatte Meodin am meisten gesprochen.

„Ja, dieser Prinz“, sagte Elaios leise und zog seine Freundin fest an sich. Dabei sah er Archiaon erleichtert an. Zumindest hatte sich Idya soweit beruhigt, dass der Senator nicht das Übel der Menschheit war. Sicher hatte sie es nur verdrängt und sie war mit dem Thema noch nicht durch. Doch im Augenblick war sie ruhiger, vielleicht konnte man ihr jetzt einiges erklären.

Idya legte den Kopf auf Elaios’ Schulter und schluchzte leise. Nur weil sie wusste, dass Meodin sie nie lieben würde, so tat es doch unwahrscheinlich weh. „Warum?“, murmelte sie leise und dieses Wort spiegelte ihren ganzen Schmerz wieder. Sie verlor den Mann, den sie liebte und ihren besten Freund.

„Vielleicht muss ich auch gar nicht gehen und der ideale Mann für dich ist irgendwo da draußen, Süße. Da glaube ich ganz fest dran.“ Elaios wusste nicht, wie er es Idya leichter machen könnte und so sah er wieder hilfesuchend zu Archiaon. Vielleicht hatte sein Freund ja eine Idee. Er konnte Idya unmöglich in diesem Zustand zurück lassen. Das brachte er nicht übers Herz und das zerriss ihn innerlich.

Er hielt seine Freundin fest und Archiaon kam zu ihnen. Er wusste nicht, was er sagen sollte, um Idya wieder etwas Hoffnung und Zuversicht zu geben. Er legte eine Hand auf Elaios’ Schulter und drückte sie. „Ich weiß nicht, ob es dir hilft, aber als ich Senator wurde, haben ich mein Leben in den Dienst unseres Volkes gestellt und ich habe es nie hintergangen.“

Idya blickte zu ihm auf und sah Archiaon eine Weile nur an, so dass der Senator nicht wusste, was in ihr vorging. „Sie werden dich verbannen und ich werde euch verlieren. Jeder wird so reagieren wie ich, das weiß ich. Wenige mögen die Gottgleichen und wenn sie hören, dass einer, der sie seit Jahren regierte, einer von ihnen war, gerade jetzt als die Mistkerle anfingen die Athleten zu dezimieren... das sieht nicht gut aus.“

Archiaon und Elaios wussten, dass sie Recht hatte, aber sie hatten beide immer noch die stille Hoffnung, dass ihr Volk verstehen würde, warum Archiaon so gehandelt hatte. Er wollte noch etwas sagen, aber ein leises Stöhnen hinderte ihn daran. Meodin wurde unruhig und Archiaon eilte zu ihm. Er musste kontrollieren, ob das Fieber gestiegen war. Während dessen lief Elaios zur Tür, an der es klopfte. Der Arzt hatte ein gutes Timing und so wurde Groates gleich ins Gästezimmer geführt.

„Da bist du ja, danke, dass du noch mal gekommen bist. Ich weiß, er sieht schlecht aus. Aber seine Freunde werden ihn holen kommen. Ist er transportfähig in seinem Zustand?“, wollte Archiaon wissen. Doch auch ihm war klar, dass er Groates jetzt die Wahrheit sagen musste, wenn er fragte. Doch der Arzt fragte nicht. Er hatte von Anfang an gewusst, dass der Fremde Ärger bedeuten würde und irgendwie hatte er das Gefühl, der fing gerade an. Was aber nicht hieß, dass er sich nicht um seinen Patienten sorgen würde wie um jeden anderen auch. Er hatte einen Eid geschworen.

Er begann auch gleich seinen Patienten zu untersuchen. „Das Fieber ist nicht gestiegen. Wenn ihr sicherstellen könnt, dass es nicht steigt, kann er transportiert werden, aber nicht sehr weit und wenn möglich sollte er dann zügig behandelt werden.“ Archiaon war mit der Antwort zufrieden. Zur Schleuse war es nicht weit und sie mussten nicht riskieren, die Fremden durch die Stadt zu führen.

Er hätte für ihre Sicherheit nicht bürgen können. „Wir werden eine der Sänften nehmen.“ Dabei sah er Elaios an, ob der damit leben konnte. Ihre Taschen mussten sie mit hinein legen und es würde schwer sein. Doch sie waren trainiert und es war nicht weit. Anders ging es nicht, wenn sie Meodin nicht auf ihrem Rücken durchschütteln wollten.

„Ich werde euch begleiten“, sagte Idya leise. Sie wollte die letzten Stunden nutzen – denn sie wusste, dass ihre Wege sich trennen würden. Sie spürte das einfach. Sie war versucht mitzugehen – doch wofür? Ihr Volk, auch wenn es vielleicht auf einem Auge blind war, brauchte sie.

Elaios wollte schon wiedersprechen, aber Archiaon brachte ihn mit einem Blick dazu lieber nichts zu sagen. „Ich begleite Groates zur Tür und packe meine Sachen. Kümmert euch um Meodin, bitte“, sagte er und geleitete den Arzt nach draußen. Er wollte den beiden Freunden noch etwas Zeit alleine verschaffen.

„Du wirst uns unter einer Bedingung begleiten“, sagte Elaios und blickte Idya fest an.

„Was denn?“ Sie ahnte, dass es ihr nicht gefallen würde, was er gleich hörte.

„Wenn du merkst, dass das Volk uns nicht wohl gesonnen ist, wirst du dich absetzen und gehen. Ich will keine Heldentaten von dir, weil du dich heroisch vor uns werfen willst. Das letzte, was ich noch gebrauchen kann, ist ein Kopf voll Sorgen was mit dir passiert, wenn wir weg sind!“

„Aber, ich kann doch nicht...“, protestierte sie, aber Elaios ließ sie nicht ausreden. „Nein“, legte er fest. „Du musst in den Senat und ich will wissen, dass es dir gut geht.“ Er steckte Idya einen Zettel zu. „Das gibst du ein, wenn du mit der Oberfläche Kontakt aufnehmen willst. Dann können wir reden.“

Idya blickte auf den Zettel und steckte ihn dann ein.

„Du wirst bei denen landen, die gerade auf dem Weg hier her sind. Das sind Meodins Freunde. Sicher wirst du auch mit ihm reden können, wenn es ihm wieder besser geht. Vielleicht sehen wir uns sogar bald wieder, irgendwo. Aber bis dahin versuche nichts Dummes zu machen, versprich mir das.“ Elaios redete eindringlich, denn er war sehr in Sorge. Er kannte Idya und ihren Gerechtigkeitssinn.

Sie sah ihn auch mit zusammen gekniffenen Augenbrauen an. „Was soll das denn bitte heißen?“, fragte sie. „Ich werde nicht zulassen, dass diese Gottgleichen hier alles durcheinander bringen. Ich werde schon einen Weg finden ihnen Steine in den Weg zu werfen.“

„Du hast mich falsch verstanden, Idya“, sagte Elaios und versuchte zu präzisieren. „Du sollst dich nicht verziehen, wenn die Gottgleichen euch vorführen wollen, du sollst abzischen, wenn wir unten am Hafen Ärger mit unserem eigenen Volk kriegen. Ich will nicht, dass sie dich noch jagen, weil du uns geholfen hast. Verstanden?“ Er sah sie eindringlich an.

„Hm.“ Begeistert war Idya nicht, aber weil sie jetzt keinen Streit mehr anfangen wollte, nickte sie. „Ich werde gehen, wenn es brenzlig wird, aber ihr seht auch zu, dass euch nichts passiert. Ihr fahrt mit Meodin, wenn es abzusehen ist, dass es nicht gut geht.“ Idya lehnte sich noch einmal an Elaios. Sie konnte sich gar nicht vorstellen, ohne ihn zu leben.

„Wir werden uns wiedersehen, Kleines. Das verspreche ich. Wir werden es möglich machen, auf jeden Fall!“ Allmählich wurde auch ihm bewusst, was er sich vorgenommen hatte. Er hatte es noch nicht einmal übers Herz gebracht, es seinen Eltern zu sagen. Er würde sie später kontaktieren, um ihnen alles zu erklären – zumindest hatte er sich das vorgenommen.

Aber jetzt schob er das erst einmal von sich, denn sie sollten sich ja um Meodin kümmern. Seine Wadenwickel mussten wieder gewechselt werden. „Idya, kontrollier bitte seine Temperatur. Wir müssen sie so niedrig wie möglich bekommen.“

„Ja, klar.“ Die junge Frau sprang auf und setzte sich ans Kopfende. Auf dem Tisch daneben stand alles, was sie brauchte und so nutzte sie noch einmal die Gunst der Stunde, Meodin durch die Haare zu streichen. „Ich hoffe, dass er dich mindestens so sehr liebt wie ich dich liebe“, sagte sie leise, „das hast du einfach verdient.“

Elaios erzählte ihr lieber nicht, was er von dem Gespräch vorhin mitbekommen hatte, denn das würde ihr noch zusätzlich wehtun. Sie versorgten Meodin, während Archiaon seine Sachen packte und noch einige Dinge regelte. Kurz bevor sie weg mussten, kam der Senator wieder zu ihnen und sie bereiteten Meodin vor.

„Wir müssen los, oder?“, fragte Elaios, als er Archiaon in der Tür stehen sah. Sein Freund nickte. „Wir sollten ihn langsam in die Sänfte bringen, das wird eine Zeit dauern. Ich will nicht, dass der Prinz und seine Männer ankommen und von einem wütenden Mob empfangen werden, der ihnen etwas antut.“ Archiaon senkte den Kopf. Er traute seinem eigenen Volk nicht mehr über den Weg, so hätte das nie werden dürfen.

Er wollte nicht daran denken, darum kontaktierte er das Boot, so wie er es versprochen hatte. „Wir werden mit Meodin am Dock auf euch warten“, erklärte er Leander, der wohl schon auf seinen Anruf gewartet hatte. „Meodin ist so weit stabil, auch wenn sein Fieber nicht gesunken ist.“

„Daniel steht bereit. Er wird ihn sofort in Empfang nehmen, eine Diagnose stellen und ihn dann mit Medikamenten voll pumpen“, sagte Leander und hörte Daniel  sich hinter ihm räuspern. „Ja, ja – ich weiß“, versuchte er zu scherzen, doch sie waren alle angespannt. Erdogan stand nur noch an der Tür, wartend, dass sie sich endlich öffnete. Er war für nichts anderes empfänglich. Daniel tigerte aufgeregt hin und her, weil er nicht wusste, ob er Meodin wieder hin bekam und Thom saß still in einer Ecke, weil er nichts untersuchen durfte. Leander hatte keine Lust zu ertrinken, weil der Mechaniker irgendetwas öffnete, was man unter Wasser vielleicht besser nicht geöffnet hätte.

„Gut, wir gehen jetzt los. Ihr müsst nichts machen. Das Boot dockt automatisch an und ihr könnt die Tür öffnen, wenn die grüne Lampe leuchtet“, gab Archiaon noch durch, dann verabschiedete er sich. Er sah sich noch einmal in dem Raum um und hoffte, dass er sein Haus irgendwann noch einmal wiedersehen konnte. Er hing daran, denn er hatte es zum Teil selber mit gestaltet.

Blieb zu hoffen, dass es nicht dem tobenden Mob zum Opfer fiel.

Während Idya die beiden Taschen trug, brachten Archiaon und sein Freund Meodin in die Sänfte, die im Anbau stand. Sie wurde genutzt, wenn der Senator sich verletzt hatte, seine Stimme im Senat aber gebraucht wurde. Es war ein Kompromiss mit dem Arzt, der die Bettruhe nur dann umgehen ließ, wenn Archiaon sich nicht anstrengte.

Vorsichtig betteten sie den Kranken in dem Gefährt und deckten ihn zu. Sie sprachen nicht dabei, denn jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Sie mussten alle geliebte Menschen verlassen und auch ihre Heimat.

Elaios griff die Sänfte vorn und blickte Archiaon auffordernd an. „Na komm“, lächelte er und nickte Richtung Hafen. Die Straße war relativ leer. Die meisten feierten sicherlich das Ende der Spiele. Das konnte ihnen entgegen kommen.

Sie kamen unbehelligt zum Hafen und durch die Fenster konnten sie schon die Leuchten des Bootes sehen. Die Fremden waren nicht mehr weit entfernt und die ersten Menschen auf den Straßen wurden darauf aufmerksam. In der völligen Dunkelheit um sie herum fiel auch der kleinste Lichtschein extrem auf.

Sie kamen zum Hafen gelaufen, um zu sehen, was dort passierte und als sie den Senator sahen, waren sie irritiert. „Was passiert hier?“, wollten sie von Archiaon wissen und blickten aufgeregt zu dem sich nähenden Licht. Hatte ihr Senator etwas damit zu tun? Wer kam dort? Waren das Freunde oder Feinde?

„Meodin, der Fremde, der von uns gerettet worden ist, ist so schwer erkrankt, dass er sterben würde, wenn er hier bei uns bleibt. Seine Freunde kommen ihn holen. Ich habe sie gerufen. Sie sind keine Feinde“, erklärte Archiaon und stellte sich vor Elaios und Idya.

„Du hast sie gerufen?“, fragte einer. „Und sie kommen mit Licht? Sie sind keine von uns. Wo kommen sie her“, wollte ein anderer wissen und Unruhe machte sich breit. Sie hatten geglaubt, Meodin wäre einer von ihnen wegen der Flossen und Schwimmhäute. Viele hatten geglaubt, er käme aus einer anderen Kuppel und man hatte sie in dem Glauben gelassen.

„Sie kommen von der Oberfläche, genau genommen aus Neo New York, wie auch Meodin.“ Archiaon behielt die Menschen im Auge. Die Stimmung begann zu kippen, und die lauten Stimmen lockten immer mehr Menschen an.

„Von oben?“, riefen sie, „sie kommen von oben und du hast sie gerufen? Wie konntest du das tun!“ Immer enger zog sich der Kreis und Elaios schubste Idya beiseite. Sie hatten das abgesprochen, sie sollte nicht zwischen den Fronten stehen, wenn es losging. Elaios holte tief Luft und versuchte die Sänfte hinter ihnen zu schützen. Nicht dass sich die Menschen noch gegen Meodin richteten, weil er nicht das war, was sie geglaubt hatten.

„Sie sind nicht unsere Feinde. Sie kommen nur, um ihren Freund zu holen und dann fahren sie wieder.“ Archiaon hob seine Arme und versuchte die Masse zu beruhigen, die in den Hafen drängte. Die Enge machte die Stimmung noch gereizter. Leider lief es gerade genau so, wie sie es befürchtet hatten.

„Lüg nicht!“, brüllte einer. „Wir wissen, dass sie zurückkommen wollen. Sie wollen ihre Vorherrschaft zurück und du hilfst ihnen dabei. Archiaon hat uns verraten!“, skandierte einer und andere fielen mit ein. Elaios konnte nicht glauben, was hier passierte. Der Senator hatte immer alles für sein Volk getan und so wenig Vertrauen hatten sie in ihn? Das machte ihm Angst.

„Sie sind nicht die Gottgleichen“, sagte Archiaon mit Nachdruck, aber er wurde ignoriert. Immer lauter wurden die Stimmen, die Archiaon als Verräter bezeichneten. Die Masse drängte weiter in den Hafen und Elaios und Archiaon wichen weiter zur Schleuse zurück. „Hört doch. Ich habe euch nicht verraten. Sie haben kein Interesse Atlantis zu beherrschen. Sie wollen nur ihren Freund holen.“

„Natürlich! Solche wie die kommen den langen Weg nur um ihren Freund zu holen und wieder zu verschwinden. Die kommen mit einer riesigen Maschine. Die ist voll mit denen! Sie werden uns wieder unterjochen wollen. Ich weiß!“ Es war immer die gleiche Stimme, die anfing die Masse aufzustacheln und Elaios hatte das ungute Gefühl, dass das jemand berechnend und mit Absicht machte. Er versuchte den Störenfried zu finden.

Aber er versteckte sich wohlweißlich in der Masse, so dass man ihn nicht ausmachen konnte. Archiaon schluckte hart und sah über die Schulter. Das Boot war fast da und das heizte die Masse noch weiter auf. „Sie werden Atlantis nur betreten, um ihren Freund einzuladen. Sie wollen uns nicht unterjochen, sie kämpfen selber gegen die Gottgleichen“, versuchte Archiaon es noch mal, auch wenn er keine große Hoffnung hatte.

„Natürlich kämpfen sie gegen die Gottgleichen! Sie sind die Guten, die uns helfen wollen“, ätzte der Kerl irgendwo aus der Masse und hatte erreicht, was er wollte. Die Masse war verunsichert und immer mehr Menschen begannen zu zweifeln, je näher das Boot kam. Das grelle Licht blendete etwas ab, doch die ungewohnte Helligkeit machte ihnen Angst. Das war nicht natürlich, das sollte so nicht sein.

Archiaon wollte noch etwas sagen, aber er musste sich ducken, denn etwas flog auf ihn zu. Er wurde nicht getroffen, aber die große Muschel zischte nah an seinem Ohr vorbei, bevor sie an der Wand zerschellte. „Elaios, hinter mich“, zischte der Senator und stellte sich schützend vor seine Freunde. „Warum tut ihr das?“, rief er laut. „Wir und sie haben euch nichts getan.“

„Das glaubst aber auch nur du, Archiaon. Wir wissen es! Wir wissen, was du vorhast. Du willst uns an die verkaufen, uns ausbeuten! Gib es doch endlich zu.“

Allmählich war es Elaios sonnenklar, dass der Kerl gekauft sein musste. So viel gequirlten Mist konnte ein anständiger Atlanter doch nicht glauben. Doch dass der Rest dem Pöbel folgte, machte ihm Sorgen. Wie wankelmütig war sein Volk. Und hier wollte er Idya lassen? Und seine Eltern?

Die Worte trafen Archiaon schwer und kurz stand er wie erstarrt, so dass er nicht auswich, als wieder etwas nach ihm geworfen wurde. Die Muschel traf ihn an der Wange und die scharfe Kante riss eine Wunde. Automatisch strich er mit dem Finger über die Stelle und seine Augen weiteten sich, als er das Blut an ihnen sehen konnte. Das konnte nicht sein Volk sein. Es verletzte niemanden.

„Seht was aus euch geworden ist!“, brüllte jetzt Elaios. Ihm ging das zu weit. „Ihr seid schlimmer als die Gottgleichen, schlimmer noch als Tiere. Ihr wollt Atlanter sein? Schämen muss man sich, einer von euch zu sein.“ Die Wut trieb ihm Tränen in die Augen und es war wie eine schlagende Erleichterung, als das Donnern der Verbindung zu hören war. Der alte Mechanismus rastete ein und das Boot hatte angedockt. Er konnte gar nicht so schnell gucken wie die Tür auf war und ein großer Mann mit langen schwarzen Haaren sie wütend anblickte.