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Terra 3.0 - Zyklus III - Atlantis Nord 035 - Teil 16-18

16

>>Wir kommen gut voran<<, signalisierte Elaios dem Senator. Sie schwammen im Mittelfeld mit ihren Tieren. Ihnen voran schwamm ein Trupp Soldaten, weitere sicherten die Seiten der kleinen Karawane und den Rücken. Sie waren zeitig aufgebrochen und hatten sich an Rescue-Kuppel 38 mit den anderen getroffen. Nun waren sie wieder vollzählig.

Archiaon nickte und sah zu der Sänfte, in der Meodin lag. Es war wirklich eine gute Idee gewesen, sie zu benutzen. So kamen sie noch heute in Atlantis an und sparten einen ganzen Tag.

Das kam ihnen nur gelegen, denn sie hatten von der Hauptkuppel Meldungen bekommen, Sharker würden sich wieder rund um Atlantis Nord 035 zusammenrotten. Das klang nicht gut. Das taten sie nicht ohne Grund. Dass es Rache für ihre getöteten Kameraden war, konnte sich der Senator nicht vorstellen, Sharker hatten kein Gemeinschaftsgefühl. Sie arbeiteten zusammen, wenn es notwendig war, doch an sich war sich jeder selbst der Nächste.

Vielleicht lag es auch nur daran, dass die Spiele neu starten sollten und die Kerle hofften wieder auf billige Prügeleien, wie das letzte Mal.

Auf jeden Fall, hatten die Soldaten den Befehl, die Augen offen zu halten. Archiaon hatte ein komisches Gefühl im Magen und leider hatte ihn das nur ganz selten getrogen bisher. Unwillkürlich griff er an seinen Oberschenkel, um zu überprüfen, ob sein Messer dort war, wo es sein sollte.

Elaios beobachtete ihn dabei und verstand. Auch er war auf der Hut, denn er hatte die Warnung ebenfalls gehört. Nur Meodin hatten sie nichts davon gesagt, damit sich ihr Gast nicht unnötig sorgte. Sie waren sich sicher, mit den Sharkern fertig zu werden und außerdem waren ihre Delphine ja auch noch da. Sie hatten eindrucksvoll bewiesen, dass auch sie mit den Kerlen umgehen konnten.

Es war also höchstwahrscheinlich, dass sie ohne Verletzungen nach Hause kamen. Er hatte diesen Gedanken noch nicht ganz zuende gedacht, als mehrere große Sharker aus einem Hinterhalt auf sie zugeschossen kamen und angriffen. Die Soldaten reagierten schnell und versammelten sich schützend um den Senator und seine Begleiter.

Schlagartig ließen Elaios und seine Freunde ihre Delphine los, denn auch die Tiere mussten die Chance haben zu flüchten oder sich zu verteidigen. Mutig schossen sie den Sharkern entgegen und wichen geschickt den langen Lanzen aus.

Meodin, für den das alles völlig neu war, erhob sich in seinem Gefährt und versuchte zu verstehen, was die Panik plötzlich bedeutete. Adrenalin schoss ihm in den Körper, er konnte es noch nicht einmal verhindern. Vier der Soldaten drängten sich dichter um die Sänfte, denn sie wussten, dass Meodin sich nicht würde wehren können, sollte er zum Ziel werden. Und so verteidigten sie ihn wie jeden anderen aus Atlantis auch mit ihrem Leben.

Wie Haie es machten, umkreisten die Sharker ihre Opfer und zogen die Kreise immer enger. Immer wieder griff einer an, konnte aber jedes Mal zurückgedrängt werden, ohne dass jemand verletzt wurde. Sie schienen es nicht wirklich ernst zu meinen und das machte Archiaon Sorgen, denn es schien, als wenn diese Sharker sie nur festhalten wollten und dass ließ den Schluss zu, dass sie auf Verstärkung warteten.

Das war ein verdammt schlechtes Zeichen und so mussten sie zusehen, dass sie hier wegkamen – nur wie? Sie konnten nicht einfach durchbrechen. Die Sharker waren schnell, sie würden sie einholen. Mit der Sänfte kamen sie sowieso nicht so schnell vorwärts und waren auch nicht so wendig. Sie hatten nur eine Chance: die Angreifer besiegen und durchbrechen – alles andere wäre Selbstmord.

Die Soldaten schienen zu dem gleichen Schluss gekommen zu sein, denn sie formierten sich um und griffen die Sharker an, dabei wurden sie von den Delphinen unterstützt. Es sah eine Weile ganz gut aus, denn einige der Sharker trugen Verletzungen davon, aber bevor die Atlanter den Sieg erringen konnten, tauchten neue Sharker auf.

So eine verdammte Scheiße!, konnte Elaios noch denken, ehe auch er zum Angriff überging. Sie hatten nur eine Chance: den Sieg. Alles andere war nicht diskutabel. Ein letzter Blick auf Meodin, der verängstigt in seiner Sänfte saß und sich an die Wand drückte. Vielleicht hätten sie ihn doch vorwarnen sollen. Doch für solche Gedanken hatte Elaios jetzt keine Zeit, einer der Sharker saß ihm im Nacken und so musste er um sein Leben schwimmen.

Er konnte entkommen, weil Kasya den Sharker rammte und kampfunfähig machte. Sie und Iason blieben jetzt dicht bei ihrem Herrn und verteidigten ihn. Die Delphine von Archiaon und Idya machten es genauso. Sie drängten die drei näher zu der Sänfte, denn so konnten sie auch Meodin noch mit beschützen.

Die Delphine der Soldaten aber umkreisten die Angreifer und gingen nun gezielt auf die Kiemen. Dort waren sie besonders verletzlich und konnten sich gegen einen Angriff von der Seite oder von oben kaum wehren. Schon bald war das Wasser rot vom Blut und Meodin war es nicht mehr möglich festzustellen, wer tot war, wer verletzt oder unversehrt war. Er hielt sich die Augen zu, das war für ihn einfach zu viel.

Er war gerade erst mit dem Leben davongekommen und jetzt war er schon wieder in Gefahr. Immer wieder sah er die Angreifer vor sich, obwohl er die Augen fest zusammen kniff. Die riesigen Mäuler mit mehreren Reihen spitzer Zähne und er schauderte. Diese Wesen machten ihm eine Heidenangst.

Elaios, das Messer in der rechten Hand, schwamm gerade auf einen der Angreifer zu und brachte sich über ihn. Ohne nachzudenken rammte er ihm das Messer in den Leib und zog sich wieder zurück. Nur aus dem Augenwinkel sah er, dass immer mehr in das Getümmel stürmten. Doch halt – das waren keine Sharker! Das waren Atlanter und sie waren bewaffnet. Sie schienen ebenfalls geahnt zu haben, was passieren würde und hatten eine weitere Einheit losgeschickt.

Sie kesselten die Sharker ein und die begriffen schnell, dass sie keine Chance mehr hatten und suchten ihr Heil in der Flucht. Die Atlanter setzten ihnen hinterher und als sie sicher sein konnten, dass die Angreifer nicht mehr zurückkamen, schwammen sie wieder zurück. Zum Glück waren nur wenige Soldaten und Delphine verletzt und das auch nur leicht, so dass sie ihren Weg unverzüglich fortsetzten. Die Wunden wurden in Atlantis versorgt.

Zwar brannte das Salzwasser in den offenen Stellen, doch es desinfizierte gleichzeitig.

Auf dem weiteren Weg bildeten die Soldaten Spähtrupps. Ein Teil schwamm voraus und graste in weitem Kreis die Seiten ab. Nicht dass ihnen ähnliches noch einmal passierte. Jetzt sollten sie unbeschadet bis zur Kuppel kommen und dort erst einmal untersuchen, was hier eigentlich passiert war.

Meodin in seiner Sänfte hatte sich noch immer nicht wieder beruhigt. Scheu guckte er nach draußen und zuckte jedes Mal, wenn er auch nur eine Bewegung wahrnahm.

Idya hielt sich neben ihm und lächelte immer mal wieder, damit Meodin wusste, dass die Gefahr vorbei war. Sie konnte ihm das ja nicht mitteilen, weil er die Zeichensprache nicht beherrschte. Wenn sie in Atlantis waren, bekam er erst einmal einen Crashkurs mit den wichtigsten Zeichen. Es dauerte noch ein paar Stunden, bis sie endlich Atlantis in der Dunkelheit leuchten sahen und Idya stupste Meodin an, um ihn darauf aufmerksam zu machen. Es war selbst für sie noch immer ein überwältigender Anblick.

Mitten im Schwarz des Wassers, nur erhellt durch Leuchtmittel, die sie mit sich führten, wirkte Atlantis Nord 035 wie ein Juwel auf schwarzem Samt. Es war jedes Mal ein erhebendes Gefühl zurückzukehren und Teil davon zu werden. Unmerklich wurden alle noch einmal schneller. Die Gewissheit bald daheim zu sein, sicher und geborgen, beflügelte die letzten Kraftreserven. Und so wurden sie an den Schleusen bereits erwartet, als die ersten hinein schwammen, um die Kuppel endlich zu betreten.

Die Verletzten wurden gleich von medizinischem Personal in Empfang genommen und versorgt. Die Halle mit dem großen Becken füllte sich mit Menschen, die die Neuankömmlinge begrüßen wollten. Idya wartete mit Meodin zusammen, bis das Becken recht leer war und zog ihn dann mit nach oben. Sie hustete schnell ihr Gel aus und stützte dann Meodin, der sich immer noch etwas schwer damit tat. Aber es klappte schon besser als das letzte Mal.

Allerdings war er auch jetzt völlig fertig. Dabei hatte er kaum etwas getan. Allerdings merkte er sehr wohl, wie ihn alle anstarrten, denn auch hier fielen seine hellen Haare auf, eigentlich noch mehr als in der kleinen Runde, denn hier wurde ihm erst bewusst, was Idya gesagt hatte: bei uns hat keiner solche Haare. Leises Getuschel wurde laut und so war Idya schnell bei Meodin, um ihn zu einer der kleinen Nischen zu führen, die für die erste Erholung gedacht waren. Oft kamen sie von einem Kampf oder einem Wettbewerb und waren so fertig, dass sie die Halle kaum verlassen konnten, um bis nach Hause zu gehen. Dann zog man sich hier zurück.

„Ruh dich aus, ich hole etwas zu essen und zu trinken“, sagte sie, als sie Meodin auf eine der Liegen gedrückt hatte und lächelte. Man konnte ihn jetzt von der Haupthalle nicht mehr sehen und es sollte ja keiner wagen, neugierig seinen Kopf um die Trennwand zu stecken. Sie wollte schon den ersten verjagen, als sie Elaios erkannte.

„Ist ja gut“, lachte ihr Freund und hob abwehrend die Hände. „Ich werde mich aber auch von dir nicht davon abhalten lassen, zu sehen, ob es Meodin den Umständen entsprechend gut geht.“ Also ließ er Idya ziehen und sah selber um die Ecke. Meodin sah elend aus und es tat ihm in der Seele weh, das Seepferdchen so zu sehen. „Alles okay?“, wollte er leise wissen und Meodin sah ihn fragend an. Was sollte er darauf jetzt sagen?

„Blöde Frage, ich weiß“, gab sich Elaios schmunzelnd selber die Antwort und setze sich auf die Bettkante. „Wir bleiben hier, bis der erste Trubel sich gelegt hat. Archiaon wird die ganze Bande hier raus lotsen und wenn du dich etwas ausgeruht hast, bringen wir dich in sein Haus, wo du erst einmal bleiben kannst.“

Das waren die Worte, die Idya gar nicht gern hörte, doch sie verkniff es sich, das zu kommentieren. Lieber drückte sie Elaios und Meodin eine Flasche Wasser in die Hand, denn das Salzwasser hatte sie ausgetrocknet. Das ließ sich gar nicht vermeiden. „Trink“, forderte sie Meodin auf und setzte die Flasche selber an.

„Du bist ja verletzt!“, sagte Elaios entsetzt und starrte auf den Riss in der Seite, als Idya die Flasche hob. Doch sie wiegelte nur ab. „Kleinigkeit.“

„Idya“, knurrte Elaios. „Du wirst dich sofort behandeln lassen, auch wenn es keine schwere Verletzung ist. In wenigen Tagen beginnt der Wettkampf und wenn du daran nicht teilnehmen kannst, werde ich auch nicht mitmachen. Entweder zusammen, oder gar nicht.“ Er war wütend, denn Idya war unvernünftig, nur weil sie Meodin imponieren wollte.

„Aber“, kam es auch gleich prompt zurück, doch als Idya sah, wie wütend Elaios’ Augen funkelten, gab sie nach. Ihr war sehr wohl bewusst, was sie tat und warum sie das tat, doch sie konnte auch nicht anders. Sie hatte immer über die Halbstarken gekichert, die die Mädels an der Promenade hatten beeindrucken wollen. Doch gerade war sie keinen Deut besser als diese Typen. Ein Blick zu Meodin, doch dem schien es völlig egal zu sein, denn der hatte mit sich selber noch genug zu tun.

So nickte sie schweren Herzens.

Sie wusste, dass Elaios seine Drohung wahrmachte und es sich dann auch noch mit Archiaon zu verscherzen, war nichts, was sie riskieren sollte. Darum machte sie sich gleich auf den Weg, dann hatte sie es hinter sich. Elaios sah ihr hinterher und schüttelte den Kopf. „Frauen“, knurrte er leise.

„Davon haben wir nicht so viele, behandelt sie besser pfleglich“, sagte Meodin leise und wunderte sich darüber, wie viele Frauen er hier bereits gesehen hatte, kaum dass er da gewesen war. Abgesehen von Daniel kannte er niemanden, der mit einer Frau liiert war und außer dieser hatte er auch noch keine gesehen, von Idya einmal abgesehen. Das war alles so verwirrend. Immer mehr fand er, was hier völlig anders war als in seiner Heimat.

Elaios sah Meodin an, aber er fragte nicht weiter nach, was es mit den Frauen auf sich hatte. Meodin hatte bestimmt jetzt andere Sorgen. „Ist alles viel für dich im Moment. Aber ich bin sicher, bald legt sich die Aufregung und du kannst dich hier bewegen, ohne dass du groß auffällst.“

„Wird man auf sich zukommen lassen müssen“, entgegnete Meodin und holte noch einmal tief Luft. Seine Flasche hatte er leer getrunken und eben kam Archiaon mit Nachschub, er blieb nicht lange, tauschte nur die Flaschen gegen einen Kuss, dann war er auch schon wieder weg. Er wollte bei sich - wie mit Elaios abgesprochen – alles vorbereiten. „Wir reden bei mir“, schlug er noch im gehen vor, sah über die Schulter zurück und lächelte.

Meodin beobachtete die beiden neugierig.

Elaios sah ihm hinterher, bis er verschwunden war und wurde verlegen, als er sah, dass Meodin ihn beobachtete. „Ich...wir... also...“, stammelte er und ließ die Schultern hängen. „Ich habe ihn sehr gerne“, sagte er schließlich und lächelte.

Meodin nickte nur verstehend. „Ich hatte auch jemanden ziemlich gern“, sagte er mit leiser Stimme und dass sie fast erstarb, zeigte Elaios, dass er da besser vielleicht nicht nachbohrte. Zumindest nicht jetzt, vielleicht später einmal. Aber wenn Meodin jemanden zurück gelassen hatte, den er sehr gern hatte, vielleicht sogar liebte, dann war ihm klar, warum er auf jeden Fall und unter allen Umständen zurück wollte. Sie mussten das einfach schaffen – für Meodin. Vielleicht konnten sie ja mit dem fremden Volk an der Oberfläche auch freundschaftliche Kontakte pflegen.

„Was ist, sollen wir langsam los? Die Menge hat sich zerstreut und wenn du nicht zu erschöpft bist, kann ich dir schon einmal einen groben Überblick verschaffen.“ Elaios musste sich bewegen und so konnte er das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden.

„Klar, warum nicht.“ Meodin stellte die Flasche weg, die er immer noch in seinen Händen drehte und erhob sich langsam. Ein bisschen Bewegung würde auch ihm nicht schaden, denn er hatte fast den ganzen Tag nur in der Sänfte gesessen. Sie war bequem aber nicht sehr groß. Dazu stromlinienförmig, damit sie besser das Wasser durchschnitt und die Zugtiere nicht behinderte.

„Also, dass ist eine von den großen Schleusenhallen. Wir haben drei davon und noch ein paar kleinere“, fing Elaios an zu erklären und ging los. Man hörte deutlich den Stolz in seiner Stimme, denn er liebte seine Heimat. „Atlantis Nord 035 besteht aus der Hauptkuppel und ein paar Nebenkuppeln.“

„Gibt es mehr Atlantiskuppeln, weil du diese hier 35 nennst“, fragte Meodin. Ein ähnliches Zählsystem kannte er von der Oberfläche. Die Versorgungskuppeln waren auch alle nummeriert. Lediglich die Hauptkuppel hatte ein Alleinstellungsmerkmal. Interessiert sah Meodin sich um und ließ sich noch eine Flasche Wasser in die Hand drücken für unterwegs. Nach und nach musste der Wasserhaushalt des Körpers wieder in Balance gebracht werden. Das war der Nachteil von langen Aufenthalten im Meer.

„Ja es gibt mehrere Kuppeln. Erinnerst du dich an die Karte, die wir dir gestern gezeigt haben. Jedes dieser Punkte ist eine Atlantis Kuppel und unsere ist eine davon. Sie ziehen sich um Nordamerika, wie das früher hieß.“ Elaios führte Meodin aus der Schleusenhalle und blieb stehen, damit Meodin sich umsehen konnte.

Dafür, dass hier unten keine Sonne schien, war es überraschend hell. Überall an freien Flächen klebten lumineszierende Bakterien, die ihr Licht abgaben. Sicherlich waren sie speziell gezüchtet, denn sie waren sehr hell. In langen Aquarien rechts und links der Wege schwammen andere Tiere, die leuchteten. Es sah fantastisch aus und so kam Elaios nicht weit, weil Meodin das erste Mal an einem der Aquarien stehen blieb und die Hand dagegen legte, mit dem Finger die kleinen Tintenfische verfolgte.

Sie bewegten sich durch das Aquarium und sahen wirklich niedlich aus. „Wenn du mal in freier Wildbahn einen triffst, der genauso klein ist, nicht leuchtet und blaue Punkte hat, dann fass ihn besser nicht an. Er ist giftig“, erklärte Elaios, der neben Meodin getreten war. „Tintenfische sind sehr intelligent und wir beschäftigen sie, damit sie sich nicht langweilen.“

„Ich habe Bilder von solchen Tieren gesehen. Daniel hat sie mir gezeigt, als er mir über das Meer erzählt hat. Aber ich habe sie noch nicht gesehen“, sagte Meodin ohne aufzusehen. Dass er auffiel, war ihm noch nicht einmal bewusst. Keiner stand mehr vor den Beleuchtungselementen für die Straße und bestaunte sie. Dass der nicht von hier war, war also jedem klar. Nur gut, dass Meodin den kleinen Auflauf hinter sich nicht bemerkte.

Langsam schlenderten sie an den Aquarien entlang und Meodin konnte sich gar satt sehen, an den vielen verschiedenen Tieren, die dort herumschwammen. Er nahm kaum etwas anderes wahr und Elaios musste ihn praktisch davon wegziehen. „Hier wohnt Archiaon“, sagte er und zeigte auf ein Haus. „Komm, er wartet bestimmt schon auf uns.“

Meodin sah irritiert auf, doch dann nickte er hastig. Hinter ihnen hatte sich eine kleine Traube Menschen gebildet und er war ganz froh, dass er in einem der Häuser verschwinden konnte. Nur am Rande nahm er wahr, dass die Häuser hier ganz anders aussahen als in Neo New York, sie waren viel niedriger.


17
 

„Willkommen“, rief Archiaon aus der Küche, als er in der Vorhalle Schritte hörte.

Er kam auch gleich um seine Gäste richtig zu begrüßen. Kurz zog er Elaios an sich und küsste ihn. „Kommt rein. Schön, dass du da bist. Ich zeige dir dein Zimmer, Meodin.“ Noch immer hielt er Elaios’ Hand und ließ sie auch nicht los, als er losging, um Meodin herumzuführen.

„Hier ist ein kleines Bad, das gehört zu deinem Reich dazu und hier wären dann die Räume.“ Archiaon öffnete eine Tür zu einem kleinen Appartement, dafür vorgesehen Freunde oder Verwandte unterzubringen. Dort waren sie separat, konnten sich zurückziehen, wenn sie wollten und hatten ihr eigenes kleines Reich. Was nicht hieß, dass ihnen der Rest der Wohnung nicht offen stand. Deswegen ging Archiaon auch gleich weiter, damit Meodin sich alles ansehen konnte. Die Räume konnten sie zum Schluss immer noch inspizieren. Lieber hatte er Elaios noch an der Hand und wirkte sichtlich zufrieden, weil der sich nicht entzog.

„Fühl dich wie Zuhause und du kannst so lange hier bleiben, wie du möchtest. Du wirst wahrscheinlich nur viel alleine hier sein, weil ich entweder im Senat bin, oder beim Wettkampf mitmache.“ Archiaon bedauerte es, dass er sich nicht so sehr um Meodin kümmern konnte, wie er gerne wollte. „Du kannst dich in der Kuppel frei bewegen und dir alles ansehen.“

„Okay, danke“, nahm Meodin erst einmal die Information auf und sah sich weiter um. Vieles schien hier ähnlich zu sein wie zu Hause, doch manches war eben auch anders. Vor allem das Licht. „Habt ihr hier gar keinen Strom? Für elektrische Geräte oder so was? Computer, kennt ihr so was?“, fragte er neugierig, denn oben hatte fast nichts ohne Strom funktioniert.

„Doch, wir haben schon Strom. Wir benutzen ihn zum Beispiel für die Schleusen und die Lebenserhaltungssysteme. Draußen, vor der Kuppel, gibt es Wasserkraftwerke, aber da die Ressourcen begrenzt sind, gibt es nicht sehr viele elektrische Geräte.“ Archiaon konnte sich vorstellen, dass es für Meodin komisch wirken musste, aber man gewöhnte sich schnell daran.

„Ah – okay“, nickte Meodin. Strom aus Wasser, davon hatte er schon gehört. Oben gewann man Strom aus der Sonne. Als sie die Küche durchmaßen und weiter zur Terrasse wollten, blieb Meodin stehen und sah seinen Gastgeber fragend an. „Den Kontakt nach oben – hab ihr ihn auch abgebrochen?“ Seine Augen blickten hoffnungssuchend, dass es vielleicht nicht so wäre, er und Erdogan wenigstens kontaktieren könnte. Oder vielleicht Dylan.

„Ja, leider. Schon vor sehr vielen Jahren.“ Archiaon fühlte sich nicht wohl dabei, das zu sagen. „Seit wir diese Gottgleichen gebeten haben zu gehen, haben wir den Kontakt mit der Oberfläche ganz eingestellt. Wir haben keine sehr guten Erfahrungen mit ihnen gemacht.“

„Ach?“, sagte Meodin zynisch, entschuldigte sich aber gleich dafür. „Wozu sie fähig sind, habt ihr ja gesehen, als ihr mich befreit habt.“ Er sank etwas in sich zusammen und senkte den Kopf. Irgendwie machten ihm diese Gottgleichen nur Ärger. Egal wo sie die Finger im Spiel hatten, es endete mit einem Drama. Doch er wollte sich nicht beschweren. Er war ihnen entkommen, war an nette Atlanter geraten, die sich sehr viel Mühe mit ihm gaben. Er wollte ihnen etwas zurückgeben. Also straffte er sich wieder und lächelte.

„Meodin, ich habe dir versprochen, dass wir versuchen werden, dich wieder nach Hause zu bringen und das Versprechen werde ich halten“, sagte Elaios schnell und sah Archiaon scharf an, damit er jetzt ja nichts dagegen sagte.

Der sollte gar nicht erst auf die Idee kommen zu erklären, aus welchen Gründen das alles nicht möglich sei. Er sollte nur den Mund aufmachen wenn er zustimmen wollte und nach einem festen Blick nickte auch Archiaon. „Ja, das werden wir versuchen, sobald der Wettbewerb vorbei ist. Bis dahin werden wir ein paar Möglichkeiten ausloten“, versuchte der Senator einen Kompromiss zu finden und war erleichtert, als Meodin heftig nickte.

Zufrieden damit küsste Elaios Archiaon und lächelte. Archiaon rieb sich über die Wange und musste sich sichtlich zusammenreißen, damit er nicht dämlich grinste. „Lasst uns etwas essen“, sagte er und zog Elaios zu sich.

Hier hatte er den jungen Mann ganz für sich allein und vor Meodin genierte sich Elaios auch nicht. Er ließ es geschehen, wand sich nicht aus der Umarmung sondern schmiegte sich etwas dichter, als sie zurück in die Küche gingen. So sollte es immer sein – genau so! Und darauf würde Archiaon mit allen Mitteln hinarbeiten, die er hatte.

„Ich hab einen Auflauf im Ofen. Hab ich eben zusammengeworfen, ehe ihr gekommen seid“, erläuterte Archiaon und ließ seine Gäste am Tisch Platz nehmen.

Sie gingen in die Küche, aus der es schon köstlich duftete. „Ich habe etwas Vegetarisches gemacht, da ich nicht wusste, ob du Fisch isst“, sagte Archiaon. „Magst du uns etwas über dich und das Leben an der Oberfläche erzählen“, fragte er. Sie wussten noch so wenig über ihren Gast.

„Klar, gern – fragt mich einfach was, damit ich weiß, was euch interessieren könnte“, entgegnete Meodin und setzte sich auf einen der Stühle. Sie schienen aus alten Korallenstücken gemacht worden zu sein, sahen filigran aus, waren aber stabil, wie er feststellte, als er sich vorsichtig sinken ließ. „Außerdem bin ich eigentlich nicht mäklig. Was Mike gekocht hat, hab ich auch gegessen.“

„Na ja, ob du alles isst, was ich koche, wird sich noch zeigen“, lachte Archiaon. „Ich mache das leider nicht sehr oft, aber dafür sehr gern.“ Er stellte eine Karaffe mit Wasser auf den Tisch und schüttete ihnen etwas ein. „Du bist also eine Kreuzung aus Mensch und Seepferdchen?“, fragte der Senator. Das hatte er so nebenbei mitbekommen und auch, warum man ihn so geschaffen hatte. „Warum haben sie das gemacht. Was haben sie sich davon versprochen?“

Meodin sah auf und holte tief Luft. „Da muss ich etwas weiter ausholen“, sagte er und trank einen Schluck, um etwas Zeit zu schinden. Doch dann kam er nicht mehr drum herum. Er hatte sie gebeten zu fragen, sie hatten es getan – jetzt war es an ihm zu antworten. „In Neo New York gibt es nur noch wenige Frauen, die Kinder bekommen können. Sie scheinen unfruchtbar zu sein. Es gibt also auch kaum noch Kinder und um dem entgegen zu wirken, suchte man nach Alternativen. Klonen hat wohl nicht viel gebracht, Hormontherapien und so was auch nicht. Man suchte also nach Möglichkeiten, im Reagenzglas befruchtete Eier, die man noch in großen Gen-Banken auf Eis liegen hat, irgendwo reifen zu lassen. Und da komme ich ins Spiel.“ Dabei hob er sein Hemd.

„Ja sicher, darum die Seepferdchen“, rief Archiaon und sah auf die Bauchfalte. Idya hatte die Wunde nicht mehr großflächig verbunden, sondern nur noch ein Pflaster drauf geklebt. „Auf so eine Idee muss man erst einmal kommen und man muss sehr verzweifelt sein.“ Der Senator hielt nichts von diesen Experimenten, aber das hieß nicht, dass er Meodin deswegen ablehnte, denn der konnte nichts dafür.

„Na ja, wenn man langsam ausstirbt“, murmelte Meodin und zog das Hemd wieder über den Bauch. Jetzt wurmte es ihn ein bisschen, dass er nicht intensiver nachgefragt hatte, als Erdogan ihm alles erklärt hatte. Schließlich war der Prinz bereit gewesen, ihm noch mehr zu erzählen, doch Meodin hatte dankend abgelehnt. Er glaubte, genug zu wissen. Irgendwie rächte sich das jetzt. Er hätte den Atlantern gern noch mehr erzählt.

„Ja, das ist immer ein großer Ansporn.“ Archiaon trank einen Schluck und musste dann schmunzeln. „Komm mal mit Meodin, ich möchte dir etwas zeigen“, sagte er und stand auf. Meodin guckte zwar etwas überrascht, aber er folgte Archiaon ins Arbeitszimmer, genauso wie Elaios. In eine Wand eingebaut gab es ein großes Aquarium und der Senator winkte seinen Gast zu sich. „Da sind einige von deinen kleinen Verwandten drin.“

„Echt?“, fragte Meodin neugierig und kam näher gehuscht. Er beguckte sich die ganze Wand und das sanft dahin gleitende Leben, was in ihr schwebte. Der Boden bestand aus Sand und Korallen, kleine Krebse zerrten Schneckenhäuser hinter sich her. Schwärme von kleinen, bunten Fischlein spielten im Anemonenwald. Und ein Tier hatte es Meodin besonders angetan, es sah aus wie eine schwimmende Alge. „Der da ist süß!“, sagte er und Elaios grinste, weil Meodin wohl instinktiv die Familie gewählt hatte.

„Ein Fetzenfisch, auch ein Seepferdchen.“

„Echt?“ Meodin klopfte leise an die Scheibe, aber der Fetzenfisch störte sich nicht daran. „Da drüben sind Seepferdchen“, machte Archiaon ihn auf zwei der Tierchen aufmerksam, die sich mit ihren Schwänzen an Seegrashalmen festhielten. „Das mit dem dickeren Bauch ist ein Männchen, das gerade Eier ausbrütet.“

Neugierig kroch Meodin näher, warf aber noch einmal einen letzten Blick auf den Fetzenfisch. Dann betrachtete er aber das kleine Tier mit dem Ringelschwänzchen, das sich gerade an einer Alge festhielt und sich von den sanften Wogen treiben ließ. Es sah wirklich viel runder aus als das andere. Zwangsläufig sah Meodin an sich herab und hob wieder das Hemd. Würde er auch so rund sein? Das konnte er sich nicht vorstellen. Allerdings hatte er schon Männer mit einem solch runden Bauch gesehen – waren die etwa auch wie er? Meodin war völlig verwirrt.

Elaios schmunzelte. „Was überlegst du?“, fragte er, denn das seinem neuen Freund viele Fragen durch den Kopf gingen, war nicht zu übersehen. Vielleicht konnte er einige davon beantworten.

„So einzigartig bin ich gar nicht“, sagte Meodin verblüfft. Blickte dabei aber nicht auf, sondern beobachtete weiter das kleine dickbäuchige Tierchen mit den schwarzen Knopfaugen. Es hatte auch so eine Flosse auf dem Rücken wie Meodin, er fand immer mehr Gemeinsamkeiten.

„Doch, das bist du. So weit ich weiß, gab es noch nie einen Mann, der ein Kind austragen konnte.“ Elaios lehnte sich an Archiaon und beobachtete mehr Meodin, als die Fische im Aquarium. Für ihn war alles, was er hier sehen konnte völlig neu und dafür hielt sich Meodin wirklich gut. Elaios wusste nicht, ob er das selber so gut könnte.

„Stimmt nicht. Vorhin in der Halle waren einige, die auch runde Bäuche hatten, genauso wie der kleine Kerl da“, sagte Meodin, weil er sich veralbert fühlte und sah dabei Elaios fragend an.

„Häh?“ fragte Elaios. Er konnte gerade nicht folgen. „Schwangere Männer - hier?“, fragte er und sah dann zu Archiaon rüber, der angefangen hatte zu kichern. „Die sind nicht schwanger, die sind nur dick. Sie essen zu viel und bewegen sich zu wenig, darum setzen sie Fett an und Männer bekommen dann oft so einen Kugelbauch.“

„Da sind keine Kinder drinnen?“, fragte Meodin überrascht. Das verwirrte ihn nun entgültig und so schüttelte er den Kopf und holte tief Luft, dann richtete er sich auf, weil Archiaon den Auflauf aus dem Ofen geholt hatte. Ein angenehmer Duft lockte Meodin, der langsam merkte, wie hungrig er war. So schwebte er wie an Schnüren gezogen zum Topf.

„Nein, ganz bestimmt nicht. Wenn du allerdings eine Frau siehst, die so einen runden Bauch hat, dann kannst du davon ausgehen, dass sie schwanger ist.“ Archiaon verteilte den Auflauf und bat alle zu Tisch. „Weiß man, warum die Frauen in eurer Kuppel keine Kinder mehr bekommen können. Liegt es an der Strahlung?“

„Ich weiß es nicht“, musste Meodin gestehen und leckte sich die Lippen. Sein Magen knurrte leise. „Soweit ich weiß, wissen unsere Wissenschaftler auch nicht woran es liegt, denn sonst wären sie nicht den Umweg über einen wie mich gegangen, sondern hätten dort angesetzt. Damit die Strahlung nicht schadet, haben sie ein Serum entwickelt. Sie testen es gerade. Aber warum es kaum noch Kinder gibt, das weiß keiner.“

Archiaon nickte verstehend und bohrte nicht weiter nach. „Lasst es euch schmecken“, wünschte er und fing selber an zu essen, damit seine Gäste endlich etwas in den Magen bekamen. „Sie haben ein Serum gegen die Strahlung? Wie haben sie es entwickelt? Gehen die Menschen wieder auf die Oberfläche?“

„Das“, druckte Meodin und legte die Gabel wieder beiseite. Er rieb die Hände gegeneinander und blickte wieder auf. „Na ja, es waren die Gottgleichen. Aber das Serum mit dem sie gearbeitet haben hatte eine Droge, mit der sie die Moles gefügig gemacht haben, damit sie weiter Tunnel gruben. Unsere Wissenschaftler haben versucht die Droge zu löschen und das Serum trotzdem nutzbar zu machen. Die ersten Versuche laufen.“ Nervös bog Meodin seine Finger, doch dann war der Hunger wieder größer und er griff sich wieder die Gabel.

„Entschuldige, ich bin zu neugierig und hindere dich daran zu essen.“ Archiaon sah Meodin entschuldigend an und so redeten sie nicht mehr, bis sie alle ihren größten Hunger gestillt hatten. „Sie haben das Serum von diesen Gottgleichen? Woher? So weit ich diese Bande kenne, rücken sie nichts freiwillig raus.“

„Ich weiß auch nicht alles, war aber anfangs ein Zufall. Erdogan hat berichtet, dass sie eigentlich etwas ganz anderes gesucht hatten und dann auf ein Labor von denen gestoßen sind. Sie kamen auch an ein paar Aufzeichnungen und ein Abtrünniger der sich Odin nannte, hat geholfen. Aber er ist jetzt tot.“ Meodin senkte den Kopf, denn er wusste, dass die Moles ihren Mentor noch immer sehr vermissten.

„Ist das Labor da, wo Idya und Elaios dich in der Kuppel gesehen haben?“, fragte Archiaon und senkte den Kopf, als er sich einen Bissen in den Mund schob. Odin war tot? Hatte sein alter Freund also den gleichen Weg wie er selber eingeschlagen und die Gottgleichen verlassen? „Und dieser Erdogan ist der Prinz, wenn ich das richtig verstanden habe? Also gibt es dort keinen Senat, so wie hier?“

„Nein, Fürst Antion regiert. Doch er regiert nicht allein. Er hat einen Stab von Ministern. Allerdings liegt die letzte Entscheidung immer bei ihm und Erdogan wird eines Tages seinen Platz einnehmen. Wir kämpfen nicht darum, so wie ihr.“ Es war ein Frage-und-Antwort-Spiel, doch so war es Meodin am liebsten. So wusste er, was seine neuen Bekannten wissen wollten und er erzählte nichts, was sie vielleicht langweilte. Immer wieder schielte er mal zum Aquarium.

„Seit ihr satt. Sollen wir wieder rübergehen?“, fragte Archiaon darum, damit Meodin wieder die Tiere beobachten konnte. Archiaon nahm sich vor Meodin ein Aquarium in sein Zimmer zu stellen, damit er etwas hatte, das ihm gehörte und was er beobachten konnte, denn das Interesse des jungen Mannes an den Seepferdchen war enorm. Meodin hatte noch nicht einmal eine Aufforderung abgewartet, da kniete er schon wieder von dem kleinen kugelrunden Tierchen, es beschäftigte ihn sehr, denn irgendwie waren sie verbunden.

Archiaon setzte sich in einen Sessel in der Nähe und zog Elaios auf seinen Schoß. „Es ist gut, dass wir ihn gerettet haben“, murmelte der Senator, wandte sich dann aber wieder an Meodin. „Du sagst, die Gottgleichen haben diese Moles geschaffen, damit sie Tunnel graben, richtig? Hier haben sie etwas Ähnliches getan. Sie haben die Sharker geschaffen, die uns angegriffen haben.“

Erschrocken sah Meodin über die Schulter zurück, die Hände gegen das Glas des Aquariums gelegt. „Die auch? Welche Aufgabe haben sie? Sie sehen gruselig aus und...“ Meodin stockte. Allein die Erinnerung an die Kerle von vorhin ließ ihn erstarren und es lief ihm kalt die Rückenflosse entlang. Die Unmengen spitzer Zähne, die kräftigen Körper. Dass die nicht zum kuscheln geschaffen worden waren, war sogar Meodin klar und er wusste nicht, ob er hören wollte, was Archiaon antwortete.

„Eigentlich sollten sie Soldaten sein, aber man hat nicht bedacht, dass Haie nicht unbedingt geeignet dafür sind. Sie haben mehr Schaden angerichtet, als sie von Nutzen waren. Sie sind einfach zu wild.“ Archiaon seufzte, denn diese Züchtung hatte dazu geführt, dass sie sich von den Gottgleichen getrennt hatten.

„Und dann hat man sie einfach sich selbst überlassen?“, fragte Meodin, der sich die Antwort schon fast denken konnte. Er hatte einmal Leander und Erdogan belauscht, als sie sich über die Machenschaften der Gottgleichen unterhalten hatten. Das Wort entsorgt war immer wieder gefallen und Meodin hatte langsam begriffen, was das hieß. Unit 2 bis 4 waren auch entsorgt worden, weil sie nicht von Nutzen gewesen waren. Sein Gesicht versteinerte.

„Nein, wir haben die Gottgleichen davongejagt. Die Sharker hätten bei uns bleiben können, aber sie haben von sich aus beschlossen uns zu verlassen.“ Archiaon konnte sehen, dass das Thema Meodin gar nicht behagte. „Sie sind Söldner und arbeiten für denjenigen, der am meisten bietet. Das kommt ihrer Natur mehr entgegen.“

Meodin nickte. „Und warum haben sie uns angegriffen?“, wollte er wissen. Er sah beängstigende Parallelen zu den Moles. Auch diese hatten Erdogan und seine Leute angegriffen. Sie hatten ihre Gründe, gar keine Frage. Vielleicht hatten die Sharker die ja auch und brauchten etwas, was die Atlanter besaßen?

„Ja, das ist die Frage, die ich mir die ganze Zeit stelle. Wer hat die Sharker angeheuert, um uns anzugreifen?“ Elaios sah Archiaon überrascht an und nickte dann. Um einfach nur zu raufen und Streit zu suchen, hatten sie zu gezielt gehandelt.

„Die Moles hatten die Gottgleichen im Nacken“, sagte Meodin leise, denn er hatte immer noch die Parallelen vor Augen. Wer sagte ihm denn, dass die hier unten nicht auch aktiv waren, ohne dass die Bewohner es wussten? In Neo New York war doch das gleiche passiert und auch diese Kuppel bestand ja nicht gerade aus Idioten. Vielleicht ein paar, aber nicht viele – Meodin grinste schief.

„Das ist eine Möglichkeit, die wir nicht so weit wegschieben sollten. Die Gottgleichen sind verschlagen und sie planen viele Jahre im Voraus. Es kann durchaus sein, dass sie wieder versuchen hier an die Macht zu kommen.“ Archiaon ließ sich nicht anmerken, dass er ziemlich beunruhigt war. Das waren zu viele Zwischenfälle mit Sharkern seit die Spiele begonnen hatten. „Wir sollten wachsam sein.“

„Wir sollten das weiter verfolgen“, sagte Elaios, dem nur im Auge behalten einfach nicht weit genug ging. Bald gingen die Spiele wieder los und wenn sie nicht das Wetter überraschte, bestand immer noch die Gefahr, dass die Sharker die Reihen der Athleten ordentlich aufmischten. Das konnten sie nicht zulassen. Die Soldaten zu verstärken war keine Lösung, zumindest keine dauerhafte. Sie mussten doch mehr tun können.

„Was tut ihr gegen sie?“, fragte er also Meodin, der schon wieder mit dem kleinen Seepferdchen liebäugelte.

„Leider noch nichts. Sie sind uns immer einen Schritt voraus. Wenn wir auf etwas gestoßen waren, waren sie schon weg.“

„Ja, bei euch agieren sie nicht sichtbar und sind schwer zu fassen.“ Archiaon strich Elaios über die Seite und dachte nach. Es würde zu den Gottgleichen passen, dass sie nach so vielen Jahren zurückkehren wollten. Sie hatten eine Niederlage erlitten und das war ihnen ein Dorn im Auge.

Skeptisch wand sich Meodin wieder zu Archiaon um. Seine Worte hatten ihn irgendwie irritiert. „Was meinst du damit?“, fragte das Seepferdchen also und man sah die Flosse unter dem Shirt zucken. Er war nervös, ohne dass er sagen konnte warum.

„So wie ich das herausgehört habe, wusstet ihr nichts von der Existenz der Gottgleichen, bis ihr dieses Labor gefunden habt. Hier war es anders, sie kamen zu uns und haben um die Erlaubnis gebeten hier leben und arbeiten zu dürfen. Wir haben erst nach und nach herausgefunden, dass da viel an uns vorbei ging. Sie haben nicht nur Experimente mit den Sharkern gemacht, sondern auch andere, von denen wir nichts wussten.“ Archiaon sah Meodin an, denn der junge Mann wirkte beunruhigt.

„Was für welche“, wollte Meodin wissen. Er konnte nicht ergründen, woher seine plötzliche Neugier kam, doch er spürte, dass er hier etwas erfahren konnte. Das Wissen musste er mitnehmen. Vielleicht konnte es ihnen helfen, wenn er eines Tages zurück nach oben fand.

„Sie haben alle ihre Versuche getötet, als sie gegangen sind und die Labore zerstört. Wir haben aber noch einige Unterlagen gefunden. Dabei war eine Liste von Mutationen, die sie in unser Volk einschmuggeln wollten, um uns nach ihren Wünschen zu verändern. Nach und nach, damit es wie eine natürliche Evolution aussieht. Sie haben Jahrhunderte im Voraus geplant.“ Elaios sah Archiaon groß an, denn davon hatte er überhaupt nichts gewusst. „Das Wissen ist nicht allgemein bekannt, denn der Senat hielt es für besser es nicht publik zu machen. Sie werden unter Verschluss gehalten.“

„Warum?“, fragte Elaios empört, doch dann konnte er sich die Frage selbst beantworten. Sie hätten Panik ausgelöst, gepaart mit Misstrauen. War der Nachbar einer von ihnen? Waren wirklich alle weg? Wie weit waren die Versuche schon gediehen? Nein, Elaios musste zugeben, dass es wohl besser war, wenn so wenige wie möglich davon erfuhren und auch er beschloss darüber zu schweigen.

„Die sind krank im Kopf“, knurrte Meodin.

„Ja, das stimmt und gefährlich. Wir waren wohl zu blauäugig zu glauben, dass wir sie los sind.“ Archiaon gab es nicht gerne zu, aber sie hatten sich zu sicher gefühlt. Wenn die Gottgleichen wirklich hinter den Anschlägen steckten, dann mussten sie darauf gefasst sein, dass noch mehr passierte.

Das schlimme war, dass sich in seinem Kopf ein paar Dinge zusammen schoben die vorher keinen Zusammenhang gehabt hatten. Nicht mit seinem blauäugigen Versuchen, es auf die Zufälligkeit zu schieben. Doch dass ausgerechnet zwei Senatoren entführt worden waren und die Sharker in Richtung der Bonder-Kuppeln geflohen waren, warf ein unschönes Bild auf alles. Und somit hatten sie ein Problem.

Aber was sollte er tun? Er konnte die Spiele nicht absagen und auch nicht jeden Teilnehmer überwachen oder beschützen. Er musste darüber nachdenken und einen Plan entwickeln, die Spiele bestmöglich zu sichern. Nur war das ziemlich schwer, wenn man nicht wusste, wer mit den Gottgleichen zusammenarbeitete.

Und allein der Gedanke, dass jemand aus seinem Volk sie verraten haben könnte, schmerzte. Elaios strich ihm langsam den Hals entlang und legte Archiaon die Hand auf die Wange. „Unser Volk ist stark. Wir haben ihnen einmal die Stirn geboten, wir werden es wieder tun.“ Da war sich der junge Athlet sicher. Vielleicht weil er noch zu wenig wusste, vielleicht auch nur, weil er es glauben wollte.

„Ja, das werden wir.“ Archiaon lächelte, denn er brachte es nicht über das Herz Elaios die Illusion zu zerstören. Er war stolz auf ihn, denn er dachte schon wie ein Senator. Elaios musste einfach in den Senat. Archiaon würde schon dafür sorgen, dass seinem Liebling nichts passierte.

„Es war ein langer Tag, lasst uns zu Bett gehen. Morgen sieht die Welt schon anders aus“, schlug er vor und sah Elaios dabei an. „Bleibst du hier oder warten deine Eltern auf den heimgekehrten Sohn?“, wollte er wissen. Er würde es verstehen, wenn Elaios ging, doch lieber wäre es ihm, er könnte bleiben.

„Ja, ich glaube ich lege mich auch hin“, sagte Meodin. Er wollte nur noch Ruhe und die wirren Gedanken in seinem Kopf wieder sortieren. Er winkte Garry, so hatte er das kleine Seepferdchen getauft.

„Schlaf gut“, riefen Elaios und Archiaon gleichzeitig und sahen sich dann grinsend an. „Der kleine Kerl hat es ihm wohl ziemlich angetan. Da wird er mit ein paar Freunden und Freundinnen wohl morgen in Meodins Zimmer umziehen.“ Archiaon zog Elaios zu einem Kuss zu sich. „Bleibst du hier?“

„Ja, ich habe meinen Eltern schon gesagt, dass ich wohl nicht heim kommen werde, weil ich mich um Meodin kümmern will. Von uns habe ich noch nichts verlauten lassen, aber ich bin so frei trotzdem zu dir zu kriechen. Dann kann ich dir morgen früh bei Garrys Umzug helfen.“ Elaios grinste frech und entzog sich seinem Freund ein Stückchen. Zu leicht wollte er es Archiaon nämlich auch nicht machen.

Archiaon strahlte, überbrückte die kurze Distanz und stahl sich einen Kuss. „Du kannst immer zu mir kriechen.“ Er war nicht enttäuscht, dass die Eltern seines Freundes noch nichts von ihnen wussten. Es war Elaios’ Entscheidung, wann er es ihnen sagen wollte. „Dann lass uns gehen, damit wir morgen ausgeschlafen sind.“

„Guter Plan.“ Sie sahen noch einmal in Meodins Zimmer, doch der schien gerade im Bad zu sein. Also verzogen sie selbst sich auch in den hinteren Teil der Wohnung, der etwas separiert lag. Hier waren sie ungestört, auch wenn außer kuscheln nicht viel passieren würde. Das war Archiaon klar. Doch er war genügsam und er war geduldig, wenn er glaubte, dass das Warten sich lohnen würde, und das hier lohnte sich garantiert.


18

„So, Meo“, sagte Idya und lächelte. Sie strich noch einmal über das Pflaster an der Stirn ihres Freundes und setzte sich wieder in den Sessel. Sie war müde, aber heute Nacht durften sie nicht schlafen. Es gehörte zu dem Bogenschießwettbewerb, dass die Athleten die Nacht davor nicht schlafen durften, damit man auch ihre psychische Belastbarkeit prüfen konnte. So hatte sie Zeit, sich um Meodin zu kümmern, der mit geschlossenen Augen auf der Couch lag und sich erholte. Am Nachmittag hatte er einen kleinen Unfall gehabt und sich eine kleine Platzwunde an der Stirn zugezogen.

Seit einer Woche war Meodin jetzt schon in der Atlantis-Kuppel und hatte sich relativ gut eingelebt. Er wohnte weiterhin bei Archiaon, sehr zu Idyas Leidwesen, was sie aber niemals aussprechen würde. Auch auf der Straße hatte man sich langsam an den Anblick des blonden Fremden gewöhnt und so sah sich kaum noch einer nach Meodin um, wenn er an den Aquarienwänden entlang schlenderte und die Fische beobachtete, die in den Glaskonstruktionen lebten. Vorhin war ihm seine unbedarfte Neugier allerdings teuer zu stehen gekommen denn beim verträumten Betrachten war er in einen Passanten hineingelaufen, mit so viel Schwung, dass er zurück geschleudert worden und gegen die Glaswand geknallt war.

Und da sich alle Sorgen um ihren Freund machten, hatten Idya, Elaios und Archiaon beschlossen, den Abend und die Nacht zusammen zu verbringen. So war es für sie auch leichter wach zu bleiben. „Hier, Meodin, ich hab was für dich“, rief Elaios, der gerade in den Raum kam und ein eingepacktes Geschenk hoch hielt. Er war gespannt, was Meodin zu seinem Geschenk sagte, wo er Seepferdchen doch so gern hatte.

„Für mich?“, fragte Meodin und richtete sich etwas auf, wurde von Idya aber gleich wieder in die Waagerechte gedrückt. „Liegen bleiben. Der Arzt hat gesagt, du hast eine Gehirnerschütterung“, knurrte sie und sah Elaios strafend an. Der war mit Archiaon mittlerweile richtig dicke da und seit er den Senator gestern im Ringen besiegt hatte, war sein Ego kaum noch zu bremsen.

Neugierig öffnete Meodin die Kiste und zog den Plüsch heraus, erst dann erkannte er das Stofftier: ein Garry, er hatte sogar einen kleinen Kugelbauch und die gleiche Farbe wie sein kleiner Freund. „Danke.“ Meodin grinste und Idya verdrehte die Augen.

„Kindskopf“, murmelte sie leise, aber sie musste zugeben, dass der Plüsch-Garry wirklich niedlich war. Da war es nur verständlich, dass Meodin ihn gleich an sich drückte. Wie gerne wäre sie jetzt das Plüschie. Sie seufzte, weil Meodin keinerlei Anzeichen zeigte, dass er Interesse an ihr hätte. Er war immer nett und freundlich und sie lachten viel miteinander, aber das war es auch schon.

Zwar suchte sie seine Nähe, doch umgekehrt war das eigentlich nie der Fall. Er ließ es zwar zu, dass Idya sich ihm näherte, doch es bedeutete für ihn nicht dasselbe wie für sie. Manchmal hatte Idya das ungute Gefühl, Meodin wusste gar nicht, was sie eigentlich wollte.

„Da bist du ja.“ Archiaon kam mit einer Kanne Tee und ein paar Tassen aus der Küche und schenkte seinem Freund einen Kuss, während der sich von seiner Jacke befreite.

„Hallo“, grüßte Elaios zurück und folgte seinem Freund zu einem der Sessel und ließ sich auf der Lehne nieder. „Du kannst den Bauch aufmachen“, lachte er, weil Meodin seinen neuen Garry ganz genau ansah. Darin waren viele kleine Seepferdchen. Das gefiel seinem Freund sicher, so hatte er noch mehr Seepferdchen.

„Oh“ neugierig beschäftigte sich Meodin mit dem Plüschtier, während Elaios sich den Transponder am Handgelenk zurecht rückte. Er registrierte alle Körperfunktionen und meldete an die Wettkampfrichter, ob ein Athlet sich an die Regeln hielt oder doch schlief.

„Ich komme gerade aus dem Krankenhaus. Thelemaklon geht es den Umständen entsprechend. War wohl eine Lebensmittelvergiftung. Wer weiß, was der gegessen hat“, klärte Elaios auf, warum er jetzt erst kam.

„Wenn das so weitergeht, brauchen wir morgen gar nicht mehr antreten, weil wir nur noch 10 Kämpfer sind und alle in den Senat kommen“, brummte Idya und grinste schief, so ganz kam das nicht hin, sie waren immer noch mehr Teilnehmer, als Senatssitze, aber es war erschreckend, wie viele Unfälle es in den letzten Tagen gegeben hatte.

Bei einem Teil handelte es sich um Sportverletzungen wie gestauchte Gelenke oder Prellungen. Zum Glück war noch nichts Schlimmeres passiert, aber es reichte um einen Teil der Athleten aus dem Rennen zu werfen. Sicher, Verletzungen waren nichts Neues. Das passierte, wenn man Sport betrieb, vor allem mit der Ernsthaftigkeit um den Einsatz wie die Kandidaten. Doch so viele Ausfälle wie in diesem Jahr hatten sie noch nie gehabt.

„Da muss ich Idya auch Recht geben“, sagte Elaios und griff sich eine der Tassen. Es war kühl geworden draußen. Die Lebenserhaltungssysteme fuhren zur Nacht hin die Temperatur in der Kuppel herunter, um Energie zu sparen.

Archiaon beteiligte sich nicht an dem Gespräch, sondern blickte nachdenklich in seinen Tee. Er hatte seine eigene Theorie zu diesem Thema und die war alles andere als erfreulich. Denn darin waren die Verletzungen keine Unfälle, zumindest keine zufälligen. Sie waren herbeigeführt worden, um die Reihen der Kämpfer zu lichten.

Er hatte sich vorhin die Zeit genommen und sich die Unterlagen aller Kandidaten zu Gemüte geführt. Er hatte die aussortiert, die ausgefallen waren und hatte sich ihre Daten noch einmal genauer angesehen. Er war auf der Suche nach Gemeinsamkeiten gewesen und es hatte eine ganze Weile gedauert, bis er wirklich auf etwas gestoßen war. Es war nicht sehr offensichtlich, doch ein Großteil der Ausgeschiedenen waren Anhänger der geschlossenen Theorie, das hieß sie, waren dagegen sich intensiv nach außen zu öffnen. Sie waren mit Atlantis Nord 035 zufrieden, so wie es war. Sie wollten sich nicht von anderen Kuppeln in die Politik reden lassen oder gar fremd bestimmt werden. Sie wussten, dass andere Kuppeln sich zu Regierungsgemeinschaften zusammengeschlossen hatten. Dagegen zu sein, schien bei den Spielen ein unfreiwilliges Ausscheiden zu bedeuten.

„Die Spiele werden manipuliert“, sagte er unvermittelt, denn er wollte wissen, ob seine Freunde zu den gleichen Schlüssen kamen wie er. Er konnte sich der Aufmerksamkeit von Elaios und Idya nach seinen Worten sicher sein, denn sie sahen ihn fragend an. Langsam erzählte er ihnen von seiner Theorie. Von den Unfällen und wen sie getroffen hatten. Elaios und Idya kannten viele von den Athleten besser als er und konnten ihm sagen, ob er richtig lag.

Er holte noch einmal die Liste mit den Namen heraus und Elaios las darüber. Mit einem Stift, den er aus der Hosentasche gezaubert hatte, strich er zwei Namen an. „Die beiden sind keine Verfechter der geschlossenen Theorie“, sagte er und Idya nickte. Sie kannte die beiden auch. Sie trainierten nur so hart, damit sie endlich frischen Wind in den Senat bringen und die Öffnung nach außen endlich vorantreiben konnten. „Kann aber auch sein, dass die Absicht verschleiert werden sollte. Wenn wirklich nur die verunfallen, die dagegen sind, fällt das auf. Ein bisschen Schwund muss immer sein.“

Meodin hörte nur zu und legte sich auf die Seite, den großen Garry im Arm, weil der kleine Garry in seinem Zimmer sicherlich schon schlief.

„Ja, das ist sogar wahrscheinlich.“ Archiaon ballte die Fäuste. Es war ungeheuerlich, was passierte. Die Spiele waren unantastbar. „Sie wollen den Senat unter ihre Kontrolle bringen und im Moment stehen die Chancen dafür gar nicht schlecht. Es müssen nur fünf oder sechs von ihnen unter den ersten zehn sein und sie können fast alles durchbringen, was sie wollen.“

„Das ist definitiv nicht gut“, murmelte Elaios und strich Archiaon gedankenverloren durch die Haare im Nacken. Bisher hatte er kein Schema hinter dem gesehen, was passiert war, doch jetzt bekam das Puzzle einen Sinn und eine Richtung. Bildlich gesprochen hatten sie die Packung gefunden, nach deren Vorgabe sie die Teile zusammensetzen mussten. „Gibt es von den Unfällen Aufzeichnungen?“, fragte Elaios nachdenklich. Er konnte sich nicht vorstellen, dass nie jemand bei der Manipulation gesehen worden sein sollte.

„Die Spiele werden aufgezeichnet und da werden auch die Unfälle zu sehen sein.“ Archiaon sah Elaios an. „Möchtest du sie jetzt sehen? Ich kann sie von hier aus abrufen.“ Manchmal hatte es Vorteile, wenn man der Senatspräsident war. Archiaon hatte einen Computer in seinem Haus.

Die Technik war hier nicht so verbreitet, wie es Meodin gewohnt war. Er hatte festgestellt, dass die Elektrisierung sowieso sparsamer ausgefallen war als an der Oberfläche. Doch es gab auch so viel zu sehen was ihn beschäftigte, dass er die Technik kaum vermisste. Überraschenderweise funktionierte sie hier aber nach einem ähnlichen Prinzip, so dass es gar nicht so schwer gewesen war für ihn, sich damit anzufreunden.

„Wäre nicht übel“, sagte Elaios und hatte den Bildschirm, der unscheinbar an der gegenüberliegenden Wand hing, schon aktiviert und die Fernbedienung in der Hand.

Archiaon sagte ihm, wie er die Aufzeichnungen fand und blätterte parallel in den Aufzeichnungen, um die Tage und die Uhrzeiten, an denen Unfälle passiert waren rauszusuchen. Dann konnte sein Freund schon einmal dorthin spulen und musste nicht so viel Material durchsuchen.

Idya saß derweil neben Meodin und strich ihm verträumt durch die Haare. Solange der sich nicht wehrte, so lange nahm sie das als stummes Einverständnis. Sie tröstete sich damit, dass Meodin noch nicht so lange auf der Welt war und vielleicht gar nicht verstand, was sie eigentlich von ihm erwartete.

„Da ist Dimitrion“, sagte Elaios angespannt und beobachtete die Bilder, die abliefen. Der Athlet war völlig allein und aus irgendeinem Grund fiel er plötzlich hinten über, und schlug sich den Kopf an.

Elaios beugte sich näher. „Wie ist das denn passiert?“, fragte er, denn er hatte nicht sehen können, warum der Athlet umgefallen war. Es war aber klar, dass es kein Unfall sein konnte, denn niemand kippte mitten im Lauf einfach hinten über. „Wie haben die das gemacht?“

„Haben sie ihm was in den Tee getan? Oder arbeiten sie mit altmodischen Blasrohren? Ich weiß es nicht“, sagte Archiaon, der sich die Sequenz ebenfalls noch einmal genau anguckte. Es war unglaublich. Egal wie oft er es sich ansah – er bemerkte nichts. Niemand Verdächtiges war in der Nähe und Dimitrion fiel. So griff er zum Telefon, er musste mit dem behandelnden Arzt sprechen, was das Blutbild ergeben hatte. Außerdem sollten sie nach Einstichstellen gucken.

Während Archiaon telefonierte, suchte Elaios weiter und fand die Sequenz, als Meodin seinen Unfall hatte. „Hey, du bist ja gar nicht in den reingelaufen, sondern er in dich“, sagte Elaios und spulte noch einmal zurück. Da war doch was faul. Der Kerl wirkte gehetzt und hatte sich beim Laufen immer wieder umgesehen. „Du hast Dreck am Stecken“, murmelte er und versuchte das Gesicht zu erkennen.

„Stadtplan“, murmelte er und aktivierte die bioaktive Fläche an einer der Wände. Sie war in der Lage wie der Monitor auch Dinge wiederzugeben. Schnell hatte er sich den Plan von der Kuppel aufgerufen, markierte sich Meodins Standplatz und die Richtung, aus der der Fremde gekommen war. Er kannte ihn nicht, also war es keiner der Athleten. „Aber er kam aus Richtung Spielstätte“, sagte Elaios nachdenklich und malte den Weg weiter, den der Fremde genommen haben musste.

„Jag ihn durch die Gesichtserkennung“, schlug Idya vor.

„Gute Idee.“ Elaios hatte sichtlich Spaß, sich als Detektiv zu betätigen und war von dem Stadtplan wieder zur Gesichtserkennung gewechselt. Er ließ den Computer suchen und war schon wieder dabei zu suchen. Archiaon ließ ihn machen und beendete das Gespräch. „Wir werden benachrichtigt, wenn die Ergebnisse vorliegen.“

„Gut, gut“, murmelte Elaios und tippte und schob auf der Wand Fenster und Informationen hin und her.

„Schön, wenn er was zu spielen hat“, lachte Idya die ihn dabei beobachtete und piekste verspielt den Plüschgarry, bis Meodin das merkte und seinen neuen Freund rettete.

„Du bist doof“, knurrte Elaios, der durchaus noch merkte, wenn er veralbert wurde.

Archiaon strich ihm tröstend durch die Haare, störte ihn aber nicht weiter. Er selber hatte nicht solchen Spaß an diesen Dingen, wie sein Freund. Idya lachte frech und bereute gerade, dass sie Garry geärgert hatte, denn Meodin rächte sein Plüschie indem  er ihr in die Seite piekste.

Doch sie wehrte sich nicht dagegen, warum auch? Das war es doch, was sie wollte. Er sollte sie berühren und feststellen, dass man daran nicht starb und dass es durchaus angenehm sein konnte. Sie waren also auf dem richtigen Weg, wie sie fand.

„Keine Übereinstimmung gefunden“, sagte Elaios irritiert, als die Suche beendet worden war und kein Treffer angezeigt wurde. „Das kann doch eigentlich gar nicht sein. Jeder Bewohner ist registriert. Er hätte auftauchen müssen.“

„Und wenn er kein Bewohner ist?“ Archiaon war sich da sogar ziemlich sicher. „Sie haben einen Weg gefunden einen ihrer Leute hier einzuschleusen, wahrscheinlich sogar mehrere, falls einer geschnappt wird.“ Der Senator presste die Lippen aufeinander. Sie waren sich einfach zu sicher vorgekommen.

Langsam begriff er, warum Meodin so überrascht gewesen war, als sie triumphierend davon gesprochen hatten, dass sie die Gottgleichen einfach vor die Tür gesetzt hätten. Er wusste wohl besser als die Atlanter, dass das nicht möglich war. Dabei hätte Archiaon selbst es sein müssen, der es besser wusste. Sie gaben doch nicht kampflos auf! Es war naiv gewesen, das zu glauben.

„Aber selbst die Besucher werden in der Datenbank gespeichert. Wenn sie nichts findet, dann…“ Er wollte den Gedanken nicht zu Ende bringen, was das hieß.

„Scheiße“, fluchte Elaios und Idya nickte bestätigend. Das war alles noch um einiges schlimmer, als sie am Anfang gedacht hatten. „Wir müssen etwas unternehmen, aber was? Elaios check doch mal, wer noch im Rennen ist und bei denen, die Chancen auf einen Senatsplatz haben, ob sie für oder gegen uns sind. Damit wir wissen, auf wen wir aufpassen müssen.“

„Mach ich“, sagte Elaios und fing an die Listen zu durchforsten, sie mit den Bewerbungsbögen abzugleichen und zu sehen, wer wo hin gehörte. Erst schrieb er die aktuellen Platzierungen untereinander. Dann schob er die nach rechts, die sich den anderen Kuppeln öffnen wollten. Um die mussten sie sich also keine Gedanken machen. Eher um die, die noch auf der linken Seite standen. Zwanzig an der Zahl, zu viele um auf alle ein Auge zu haben. Er wandte sich um und deutete auf das Ergebnis, als er Archiaon ansah.

Der verglich welche Platzierungen die Offenen hatten und drei von ihnen lagen jetzt schon unter den ersten zehn. Sie mussten in der letzten Disziplin schon sehr patzen, um rauszufliegen. So war es noch möglich einen ausgeglichenen Senat hinzubekommen.

Sofern es keine Unfälle mehr gab, die noch ein paar der Kandidaten für den Fortbestand der Isolationstaktik zufällig aus dem Rennen fielen ließen. „Was machen wir?“, fragte Elaios, der sich kaum vorstellen konnte, dass die Unfälle plötzlich aufhören würden. Wenn man sicher gehen wollte, brauchte man die Mehrheit im Senat – und die war noch nicht erreicht. Entweder hatten sie noch verdammt gute Bogenschützen in ihren Reihen oder noch ein paar Fallen ausgelegt.

„Ich weiß es nicht.“ Archiaons Gedanken rotierten, aber ihm fiel nicht viel ein, was sie machen konnten. „Wir können mehr Personal in das Stadion beordern und hoffen, dass das einige Attentäter abschreckt.“

„Sie werden entschlossen sein und wenn plötzlich mehr Personal vor Ort ist, wird das Fragen aufwerfen und was sagen wir dann?“ Elaios schüttelte den Kopf. Das letzte, was sie riskieren konnten, war der Umstand, dass Archiaon als Senator in Erklärungsnot kam. Da konnten sie nur verlieren. Eine Lüge würde auffliegen und die Wahrheit konnten sie nicht beweisen. Es war zum verrückt werden.

„Verdammt“, knurrte Elaios und Meodin sah ihn eindringlich an, das Plüschie fest an sich gedrückt. Es fühlte sich gut an, nicht mehr allein zu sein.

„Soll ich die Augen offen halten?“, fragte er. Er wollte nicht untätig rumsitzen, wenn seine neuen Freunde ein Problem hatten. Sie hatten ihr Leben für ihn aufs Spiel gesetzt, da konnte er sie mit ihren Problemen nicht alleine lassen.

Doch sein Tatendrang wurde gleich gebremst. „Du hast wohl mal genügend Blessuren für eine Woche abgefasst, oder?“, fragte Idya herausfordernd. So weit kam es noch, dass Meodin mit einer leichten Gehirnerschütterung durch die Gegend flitzte und einen auf Westentaschenspion machte. „Du bleibst liegen, wo du liegst und wenn ich rauskriege, dass du herumgelaufen bist, gibt es reichlich Ärger!“

Elaios musste grinsen, denn einmal war nicht er es, der Idyas Ärger herausforderte. „Lass ihn Leben, Idya“, lachte er und die dunklen Augen blitzten ihn warnend an. „Danke für das Angebot, Meodin, aber ich muss Idya zustimmen. Kurier dich aus. Wir müssen etwas anderes finden.“

„Wir können niemanden wissend in Gefahr bringen, dich am allerwenigsten, denn du bist noch angeschlagen“, erklärte er, weil er in Meodins Gesicht sehr wohl lesen konnte, was der davon hielt, so zurückgewiesen zu werden. Das Seepferdchen nickte allerdings und drückte sich wieder in die Polster. Er fühlte sich gerade ein bisschen wie zu Hause, da hatte auch jeder versucht, alles von ihm fern zu halten und ihn in Watte zu packen. Er seufzte leise und schloss die Augen. Er vermisste seine Freunde schrecklich, auch wenn sich seine neuen Freunde alle Mühe gaben ihn abzulenken.

Idya stupste ihn mit der Schulter an und legte dann einen Arm um ihn. „Dir darf nichts passieren“, flüsterte sie und lehnte ihren Kopf an Meodins Schulter. Sie wollte jetzt jede Chance nutzen ihm näher zu kommen. „Wir sind aber trotzdem immer noch nicht weiter. Was machen wir?“, fragte sie.

„Ohne mit der Wahrheit heraus zu rücken und eine Panik und jede Menge Misstrauen anzuzetteln, können wir gar nichts tun“, sagte Archiaon entschlossen. „Wir müssen die Augen offen halten und zusehen, dass wir die mit den besten Aussichten auf einen Platz im Senat besonders beobachten.“ Dabei sah er noch einmal in das vergrößerte Bild des Mannes, der mit Meodin zusammengestoßen war. Vielleicht erkannte er ihn morgen noch einmal wieder.

Dagegen konnte keiner etwas sagen, darum war es beschlossene Sache, dass sie alle die Augen aufhielten und selber auch vorsichtig waren. Sie selber waren nämlich besonders gefährdet, denn zurzeit nahmen sie die ersten drei Plätze ein und einmal hatte man ja schon versucht sie los zu werden.

„Angenommen“, sagte Idya irgendwann, als das Schweigen im Raum begann unangenehm zu werden, „wir haben keinen Erfolg und der Senat setzt sich aus denen zusammen, die die Öffnung befürworten und wir öffnen so den Gottgleichen Tür und Tor. Macht es dann nicht Sinn, den Kontakt zur Oberfläche zu suchen und mit denen zusammen gegen die Spinner vorzugehen?“

„Ja, in dem Fall, sollten wir versuchen, ob das noch möglich ist.“ Archiaon hielt sich absichtlich bedeckt, aber er konnte diesen Vorschlag nicht rigoros abschmettern, denn das hätte noch mehr Fragen aufgeworfen. Er fühlte sich schlecht dabei, Elaios und auch Idya und Meodin zu belügen. Ihr Gast hatte Heimweh, das sah man und er vermisste jemanden sehr.

Wenn er sich vorstellte, jemand hielte Elaios von ihm fern, ihm würde es nicht anders gehen. Nur mit dem Unterschied, dass Archiaon die Mittel und Wege hätte, zu Elaios durchzudringen. Meodin nicht die gleiche Chance zu geben, nur weil er sein bequemes Leben behalten und unangenehmen Fragen aus dem Weg gehen wollte, war hinterhältig. Doch es nutzte nichts. Wenn er Elaios behalten wollte, musste seine Vergangenheit ruhen.

Aus einem inneren Impuls zog er Elaios zu einem Kuss zu sich und strich ihm über die Wange. „Lasst uns etwas spielen. Die Nacht ist noch lang und wir müssen uns beschäftigen“, sagte er und strich sich über den Transponder an seinem Handgelenk.

Es waren wohl die letzten Spiele, an denen er  teilnehmen wollte. Zwar war er noch rüstig und stand im Saft, doch er merkte, dass ihm die Wettkämpfe mehr zusetzten als früher. Er war zwar noch kein altes Eisen, doch es war Zeit, bald den Jüngeren den Platz zu überlassen und dazu musste er vorher noch aufräumen. Zu verlieren war für ihn also keine Option.

„Ja, gute Idee.“ Elaios nickte und erhob sich, um zu sehen, was sich anbieten würde und Idya delegierte Meodin wieder in die Waagerechte, der sich ebenfalls erheben wollte.

Er guckte nicht begeistert, denn so langsam ging es ihm auf die Nerven, dass er gar nichts machen durfte. Er hatte eine Beule am Kopf, aber er war doch nicht todkrank. Aber damit Idya ihn in Ruhe ließ, blieb er liegen, beobachtete aber Elaios und Archiaon, wie sie vor einem Schrank standen und nach Spielen sahen.

„Lass uns Memory spielen“, schlug sie vor. Sie mochte die Art Spiele, weil sie auf der gleichen Fläche gespielt wurden, wie die Karte projiziert wurde. Sie mussten sich dabei bewegen und saßen nicht nur dumm herum, was dann wieder müde machte. Außerdem mussten sie den Kopf benutzen – das war auch nicht das schlechteste. Außerdem konnte man das Spiel auch auf den Boden des Wohnzimmers spielen und musste auf die Karten springen, um sie zu öffnen.

„Ja, warum nicht?“ Elaios sah Archiaon an und der nickte. Ihm war es egal, Hauptsache er hatte etwas zu tun. „Projizieren wir es an die Wand, dann kann Meodin auch mitmachen, wenn er möchte. Spielst du gerne?“ Der Senator sah Meodin an, der immer noch brummelte.

Es schien gerade so, als würde er sich bei Garry beschweren, sah aber auf und nutzte die Chance angesprochen zu werden, um sich zu erheben. „Weiß ich nicht, habe noch nicht gespielt. Ich war meistens unterwegs“, erklärte er und steckte jetzt Garry unter die Decke, damit dieser die Couch warm hielt. Denn er selbst durfte sich wieder bewegen – hatte der Senator selbst gesagt. Triumphierend sah er Idya an.

„Wenn ihm schwindelig wird, hört er auf“, nahm Archiaon ihr den Wind aus den Segeln, aber er sagte es mit einem Lächeln, denn er wollte sie nicht maßregeln. „Komm her, ich erkläre dir das Spiel“, bot er an und schon stand Meodin neben ihm und sah neugierig auf den Bildschirm.

Eine Menge von Quadraten blinkte an der Wand auf – alle eines wie das andere in Reihen und Spalten sortiert. „Du musst immer zwei umdrehen. Das machst du, indem du sie antippst“, sagte Archiaon und zeigte gleich, was er meinte. „Ziel ist es, immer zwei gleiche zu finden und die wenigsten Spielzüge dafür zu brauchen. Wir zeigen dir das mal.“

„Na, dann macht mal.“ Meodin trat einen Schritt beiseite, damit er nicht im Weg stand und sah zu, wie seine Freunde immer wieder auf zwei der Karten tippten. Elaios war sehr gut darin, sich zu merken, wo bestimmte Karten lagen, aber Idya war ihm ebenbürtig.

Es war sogar möglich gegeneinander zu spielen – auf verschiedene Weisen. Entweder hatten beide das gleiche Spielfeld und nutzten aus, was der andere in Erfahrung brachte oder jeder bekam sein Feld und gewonnen hatte der, der als erstes fertig war. Im Augenblick teilten sie sich ein Feld und Elaios knurrte, weil Idya ihn gnadenlos ausnutzte. Das konnte sein Ego nur ganz schlecht haben.

„Das ist doch fies. Ich mach die ganze Arbeit und du sahnst die Punkte ab“, knurrte er und musste schon wieder dabei zusehen, wie Idya sich ein Pärchen holte. „Das nächste Mal, kriegt jeder ein eigenes Brett. Mal sehen, wie weit du dann kommst.“

„Wegen mir“, lachte sie übermütig. „Dich schlag ich doch noch auf einem Bein stehend, die Hände hinter dem Rücken gefesselt und ein Auge verbunden“, tönte sie wissend, dass sie das wirklich konnte, aber auch nur wenn Elaios nicht gut drauf war und eben schien sie ihren Ehrgeiz anzustacheln, denn er deckte absichtlich die Felder so auf, dass sie selbst keine Chance mehr hatte, einfach abzugreifen sondern selber suchen musste.

Meodin beobachtete sie dabei und freute sich schon darauf, mitmachen zu dürfen. Archiaon hatte angeboten sich erst einmal ein Brett mit ihm zu teilen, bis er sich sicher genug fühlte ein eigenes Brett zu spielen. Der Senator war nicht so ehrgeizig, bei ihm stand mehr der Spaß im Vordergrund, was aber nicht hieß, dass er nicht heimlich Elaios die Daumen drückte.

Doch wer konnte ihm auch verübeln, dass er parteiisch war? Denn nur einem von beiden gehörte sein Herz. Nicht dass er Idya nicht mochte, aber es reichte bei weitem nicht an das heran, was er für Elaios empfand und dass der ihn ebenfalls mochte und sich langsam öffnete, war mehr als Lob. Da konnte er seinem Liebling auch mal heimlich die Daumen drücken.

Die Partie endete unentschieden, was weder Idya noch Elaios befriedigte, aber Elaios atmete auf. Zumindest hatte keiner verloren. Sie programmierten das Spiel neu und Meodin durfte anfangen. Er hatte den Bogen schnell raus und Archiaon musste sich ziemlich anstrengen, wenn er nicht haushoch verlieren wollte.

„Senator, wenn das so weiter geht, erzähl ich morgen allen, dass du gegen einen Neuling verloren hast“, stichelte Elaios, er war immer dafür zu haben, wenn er Archiaon überlegen sein konnte. Leider hatte er nicht sehr oft Gelegenheit dazu und so kam ihm diese Situation sehr gelegen. „Streng dich doch mal an, Archiaon – dort ist doch nicht die zweite Karte dazu. Oh man!“

Idya amüsierte sich königlich, weil Archiaon Elaios anblitzte und der gar nicht aufhörte zu sticheln. „Elaios, wenn du heute Nacht noch geküsst werden willst, dann halt die Klappe“, forderte der Senator lachend, wohlwissend, dass er das selber nicht durchhalten konnte.

„Ach weißt du, Archiaon. Das Risiko bin ich bereit einzugehen, wenn ich dafür noch ein bisschen Spaß auf deine Kosten haben kann“, erklärte Elaios zufrieden und applaudierte, als Meodin schon wieder ein Paar aufdeckte und vom Spielfeld entfernte. Der verbeugte sich und grinste. Das war besser als liegen müssen, auch wenn ihm ein bisschen schwummerig war.

„Da reden wir noch mal drüber, aber jetzt muss ich Schadensbegrenzung betreiben“, lachte Archiaon und deckte zwei Karten auf. „Verdammt“, fluchte er denn nun konnte Meodin zwei Pärchen komplettieren und genau so kam es auch. „Klappe halten“, knurrte der Senator Elaios an, der schon wieder den Mund öffnete und zog ihn an sich, um ihm mit seinen Lippen den Mund zu verschließen.

Das war immer noch die effektivste Art ihn ruhig zu stellen und weil Elaios hinterher immer noch ein bisschen benebelt war, bemerkte er noch nicht einmal, dass sein Freund einen Glückstreffer landete und auch endlich wieder ein Pärchen vom Spielfeld nehmen konnte. Nun wendete sich langsam das Blatt, denn Meodin geriet wie Idya vorhin in Zugzwang.

„Hey.“ Meodin hatte das Spielfieber gepackt und er wollte nicht verlieren. Jetzt musste er sich konzentrieren. Das sah man genau daran, dass die Rückenflosse sich bewegte und ihre Stacheln sich durch das Shirt bohrten. Fasziniert beobachtete Idya ihn. Diese Flosse war außerordentlich interessant, aber Meodin ließ niemanden an sie ran.

Wenn er merkte, dass man Interesse an der Flosse zeigte, drehte er sich so, dass man sie nicht mehr sah und als Idya einmal gefragt hatte, war er ausgewichen. Irgendetwas schien damit nicht zu stimmen, denn er bestand darauf sie nicht zu berühren. Idya hatte sich keinen Reim darauf machen können, respektierte die Bitte aber. Doch die Neugier fraß an ihr und so konnte sie nicht anders, als die Flosse wieder anzustarren.

Meodin bemerkte nichts davon, denn er kämpfte verbissen um den Sieg und nur ganz knapp konnte er die Partie für sich entscheiden. Archiaon war ein guter Verlierer und gratulierte Meodin. „Gut gemacht“, lachte er und umarmte ihn. Er war nicht böse, dass er verloren hatte.

Hiervon hing nichts ab. Sicher, auch er war ehrgeizig, doch er war auch Diplomat. Er wusste, dass man niemanden von Anfang an desillusionieren sollte, wenn man ihn am Ball halten wollte. Was nicht hieß, dass er Meodin hatte gewinnen lassen, nein, er hatte hart gekämpft. Doch er war fair und so bot er einen Rückkampf an. Meodin aber lehnte ab, er musste sich etwas hinlegen. Vor der Wand hin und her zu springen hatte ihn verausgabt. Der Kopf tat doch etwas weh.

So entschieden sich Idya und Elaios, auf dem Boden zu spielen, dieses Mal auf zwei Feldern auf Zeit.

Archiaon stützte Meodin ein wenig, als er ihn zurück zur Couch brachte. Meodin legte sich wieder zu Garry und man sah ihm an, dass er sich freute gewonnen zu haben. „Wenn du magst, können wir öfter spielen“, bot der Senator an und deckte Meodin zu.

Der nickte, doch die Augen fielen ihm immer wieder zu. Der Körper verlangte wohl sein Recht und als Archiaon auf die Uhr sah, es war es auch schon ein Uhr durch. Wie doch die Zeit verging, wenn man sich amüsierte. So spielten die drei weiter, während Meodin langsam wegdämmerte.