Du befindest Dich hier: Geschichten > Geschichten frei bis 16 > Britta & Fich > Terra 3.0 > Terra 3.0 - Zyklus III - Atlantis Nord 035 - Teil 25-26

Terra 3.0 - Zyklus III - Atlantis Nord 035 - Teil 25-26

25 

„Erdogan, Meodin, das Boot will los!“ Leander scheuchte seine Freunde vor sich her. Archiaon und Elaios wollten sie heute wieder verlassen und er fand es ziemlich unpassend, dass sein Prinz und Meodin die Abfahrt verzögerten, weil sie nicht in die Gänge kamen. Die beiden Atlanter waren ein paar Tage bei ihnen geblieben und Archiaon hatte ihnen mehr weiterhelfen können, als sie erst gedacht hatten.

Jack war ihm – wie vorhergesagt – kaum noch von der Pelle gerückt. Es war schon eine große Geste gewesen, dass er die geschlossene Tür des Quartiers respektiert hatte.

Mindestens einmal täglich hatten sie mit ihrer zurückgebliebenen Freundin Kontakt aufgenommen und Idya hatte jedes Mal berichtet, wie es um den Senat stand, sich über die Angsthasen, die nichts allein entscheiden wollten, fast in Scherben geschmissen vor Lachen und hoch und heilig geschworen, dass es den Delphinen gut ging.

„Bist du aufgeregt?“, fragte Archiaon und küsste Elaios sanft. Dabei winkte er den Männern zu, die gerade ins Dock gelaufen kamen. Dylan und Diego hatten sich Meodin angeschlossen. Sie waren neugierig auf das Boot, das sie bisher noch nicht gesehen hatten.

Aus Leanders Erzählungen wussten sie, dass es aussehen sollte wie ein großer Fisch, doch wenn man nicht genau wusste, wie ein Fisch aussah, dann wurde es mit der Vorstellung schwierig. „Boah!“, machte Diego, als er aus dem Fahrstuhl stieg und in der großen Halle stand, in der die drei Boote lagen und Elaios, der ihnen entgegen sah, lachte leise. „Ja, ich bin aufgeregt. Ich weiß nicht, was uns erwarten wird“, gestand er leise und legte seinem Freund das Kinn auf die Schulter.

„Ich denke, wenn wir uns Sorgen machen müssten, hätte Idya was gesagt, aber ich glaube, dass einiges anders sein wird als früher, weil sich so viel ereignet und verändert hat.“ Archiaon streichelte sanft über Elaios’ Seite und sah dem Prinzen entgegen. Sie hatten sich viel unterhalten und der Senator war beeindruckt wie ernst Erdogan seine Aufgaben nahm.

Ihm war klar, dass er in dem Prinzen einen guten Verbündeten gefunden hatte. Sie hatten geschworen den Kontakt zu einander wieder zu suchen und zu intensivieren. Ihre Völker konnten von einander nur lernen und im Kampf gegen die Gottgleichen nicht allein zu sein, war ein gutes Gefühl. Archiaon war immer noch in Sorge, dass er zu weit gegangen war und dafür würde zahlen müssen, doch er verdrängte den Gedanken.

„Boah ist das groß! Ich will mit fahren!“ Diego hopste vor dem Schiff hin und her und Meodin, der von Erdogan gestützt langsam näher kam, grinste.

„Du kannst gerne mit uns kommen, aber dann musst du bleiben, denn wir schicken das Boot nicht zurück“, lachte Elaios, der sich mit den Moles ebenfalls angefreundet hatte. Die beiden jungen Männer waren herrlich unkompliziert und immer guter Laune. Elaios drückte Meodin kurz an sich und war ein wenig traurig, dass er ihn hier lassen musste.

„Nee, vergiss es!“ Diego verschränkte die Arme und wollte erst einmal nicht mehr mitfahren. Zumindest behauptete er das, doch man sah seinen neugierigen Augen an, dass das nicht ganz der Wahrheit entsprach.

„Kommt uns mal besuchen und bringt ihn mit“, sagte Elaios leise. „Garry ist mittlerweile Papa.“

Archiaon nickte zu dem Vorschlag und drücke Meodin auch einmal an sich. „Eure Wissenschaftler arbeiten daran, unser Druckserum für euch verträglicher zu machen und eure Medikamente verhindern, dass euer Immunsystem wieder verrückt spielt.“ Er schob Meodin wieder in die Arme des Prinzen und lächelte. Die beiden wirkten glücklich und allein darum war es gut, dass sie Meodin wieder an die Oberfläche gebracht hatten.

„Ich werde kommen, sobald es geht und passt mir gut auf Garry auf. Schickt mir Bilder“, sagte Meodin, denn das kleine Tier fehlte ihm schon. Endlich wusste er, wie ein Teil von ihm aussah und wo er her kam. Deutlicher denn je war ihm, dass er kein Mensch war, doch Erdogan sorgte dafür, dass er das immer wieder vergaß. Noch intensiver als vorher kümmerte sich der Prinz um sein Seepferdchen, denn der Verlust hatte ihn traumatisiert. Für jeden anderen mochte seine einengende Art belastend wirken, doch Meodin genoss es.

So wie jetzt, wo die starken Arme sich um ihn legten und ihm Halt gaben. „Machen wir, Meo. Du hast ja noch den Plüsch Garry.“ Elaios kicherte, denn Erdogan hatte es nicht geschafft, diesen aus dem Bett zu verbannen. Der Prinz verdrehte die Augen hinter Meodins Rücken, aber er grinste. „Wir bleiben in Verbindung und ich würde mir eure Kuppel wirklich gerne einmal ansehen.“

„Ihr seid willkommen, sobald wir für eure Sicherheit garantieren können“, sagte Archiaon und ging langsam auf die offene Tür zu. Wenn sie nicht mitten in der Nacht in Atlantis Nord 035 ankommen wollten und Idya sich am Dock die Beine in den Bauch stand, war es besser, sie starteten. Neo New York und die neuen Freunde waren ja nicht aus der Welt.

Sie winkten noch einmal und wollten schon einsteigen, als Dylan und Diego noch einmal zu ihnen gelaufen kamen, um sich zu verabschieden. Dann ging es aber wirklich los und Archiaon startete die Maschine. „Auf nach Hause“, murmelte er leise und drückte Elaios’ Hand.

„Ja, auf nach Hause.“ Sie standen am Fenster und winkten, solange wie das Boot die Schleuse passierte, doch dann konnten sie ihre neuen Freunde nicht mehr sehen.

„Schatz, alles wird gut werden. Der Senat wartet nur auf uns“ Archiaon stieß seinen Liebling an, der etwas verschüchtert in einer Ecke hockte und immer wieder seufzte. Das war ja nicht zum aushalten. Der Kerl kämpfte gegen Sharker, bändigte Delphine und war Meister im Ringen, aber jetzt saß er da wie ein Häufchen Elend.

„Ich weiß nicht.“ Elaios grinste schief und Archiaon zog ihn an sich. „Wir haben eine Chance, etwas Gutes zu bewirken und mit ein paar verstaubten Ansichten aufzuräumen. Du und Idya, ihr habt mehr als einmal bewiesen, dass ihr in den Senat gehört und ich bin wirklich stolz darauf, dass du mich zu deinem Partner genommen hast.“

„Hör doch auf“, sagte Elaios verlegen und wurde doch tatsächlich rot. Also senkte er den Kopf und versuchte wieder normale Farbe zu bekommen. Er wusste, wie Archiaon fühlte und der hielt sich auch nie zurück, es Elaios zu sagen. Es war ja nicht so, dass der junge Athlet nicht genau so fühlte, doch er konnte damit noch nicht umgehen. Er konnte seine Zuneigung zeigen, aber sie in Worte zu fassen fiel ihm schwer. Ebenso, diese Worte zu empfangen.

Archiaon nahm Elaios’ Gesicht in seine Hände und küsste ihn. „Du bist einfach zu verlockend, wenn du verlegen bist“, murmelte er in den Kuss und vertiefte ihn. Zusammen konnte ihnen niemand etwas anhaben, da schafften sie alles und als erstes würden sie Zuhause aufräumen.

Leander und Erdogan hatten ihm alles berichtet, was sie in den letzten Wochen über die Gottgleichen herausgefunden hatten und das eine oder andere war sogar Archiaon noch neu gewesen. Doch jetzt wusste er auch, wo er Hilfe anfordern konnte, wenn es wirklich eng wurde. In ein paar Stunden konnten drei Boote voll Soldaten da sein. Leander hatte versichert, dass ein Wort genügte und sie würden ohne Zögern aufbrechen.

„Du machst das also extra, wie gemein!“, knurrte Elaios, war aber schon wieder versöhnt, denn eines musste er seinem Liebling lassen: Küssen konnte er, von anderen Dingen einmal abgesehen und schon war Elaios wieder rot bis zum Haaransatz.

Küsse landeten auf seinen heißen Wangen und Archiaon lachte leise. „Ich bin eben verrückt nach dir.“ Er konnte es nicht lassen, aber da er seinen Schatz nicht zu sehr in Verlegenheit bringen wollte, küsste er ihn und zog ihn dann ins Cockpit. Noch fuhren sie in flacherem Wasser und es war mal schön sich alles anzusehen, ohne mitten drin zu sein.

„Da, eine unserer Rettungskuppeln“, sagte Elaios. Er stand mit dem Rücken gegen seinen Freund gelehnt und blickte ebenfalls aus dem Fenster. Es war ungewohnt das Wasser so lichtdurchflutet zu sehen. Hier lebten ganz andere Tiere und Pflanzen. Die Welt war faszinierend. Es stand schon jetzt fest, dass sie alles intensiver untersuchen mussten.

„Wir hätten bestimmt als die ersten diesen Wettbewerb abgeschlossen. Keiner von den anderen ist so weit gekommen wie wir. Eure Delphine sind wirklich tolle Tiere und ich glaube, deine Kasya hat sich ein wenig in meinen Atlas verguckt. Die beiden schwimmen gerne zusammen.“ Archiaon musste schmunzeln, als er daran dachte. Die Delphine waren manchmal wirklich wie Menschen. Besonders, wenn es darum ging einen Partner zu finden.

„Ich glaube eher, dass Atlas meiner Schönen nachsteigt, ja, ja – da bin ich sicher“, lachte Elaios. Auch ihm war schon aufgefallen, wie gut die beiden harmonierten. Iason schien davon nicht sehr angetan, dass ein anderer sein Weibchen umwarb. Doch das mussten auch die Tiere unter sich ausmachen. Er würde sich da nicht einmischen. „Ich bin eher gespannt, ob Pares schon wieder gewachsen ist.“ Er hatte das Junge von Soraya eine Weile nicht gesehen und es wuchs im Moment enorm.

„Bestimmt und es wird noch frecher sein, als damals vor dem Wettkampf, als er Idya vollkommen nass gespritzt hat.“ Archiaon küsste Elaios in die Halsbeuge und griff der Frage vor, die jetzt unweigerlich folgen musste. „Ich habe euch dabei beobachtet. Nicht absichtlich, aber ich wollte euch nicht stören. Ich hatte das Gefühl, dass ihr etwas Zeit zusammen brauchtet.“

„Du bist verdammt gut über mich und meine Schritte informiert, Schatz“, grinste Elaios. Er hatte schon mehrere dieser Situationen gehabt, in denen Archiaon hatte zugeben müssen, dass er ihn beobachtet hatte, weil er Wissen Preis gab, welches er eigentlich nicht haben konnte. Doch er verzieh seinem Schatz jedes Mal, genoss er es doch, Archiaon so wichtig zu sein.

„Natürlich.“ Archiaon grinste spitzbübisch und küsste Elaios. Er würde sich später entsprechend entschuldigen und sie hatten dabei bestimmt jede Menge Spaß. „Heute Abend sind wir wieder Zuhause“, murmelte er leise und fragte sich, wie ihr Empfang werden würde. Zwar hatte Idya signalisiert, dass sie sich keine Sorgen machen mussten, aber man wusste nie, was passierte.

Außerdem stand ja nicht nur Archiaons angeblicher Verrat auf dem Prüfstand sondern auch seine offensichtliche Beziehung zu Elaios, von der er nicht abrücken würde. Er wusste, dass sie nicht von allen gebilligt wurde, doch wenn sie auf die Idee kommen sollten, ihn vor die Wahl zu stellen, dann sollten sie sich einen anderen Ratsvorsitzenden suchen. Archiaons Beschluss stand fest.

„Ich glaube, du hast deine Stellung als Senator ausgenutzt. Ob ich als dein Volk das so hinnehmen kann?“, überlegte Elaios gespielt.

„So, habe ich das?“ Archiaon hob eine Augenbraue und sah seinen Schatz fragend an. So ganz konnte er seinem Schatz nicht folgen, aber er war sicher dass es ihm gleich erklärt wurde. Elaios war sehr kreativ, wenn er eine Chance hatte seinen Freund zu ärgern.

„Ja, das hast du, Liebling. Nur Senatoren und Athleten war der Zutritt  zu den Übungsstätten gestattet. Und wenn du herumgelungert und mich bespannt hast, warst du nicht als Athlet da, oder?“ Elaios grinste frech, rückte aber lieber ein Stück ab, ehe er einen Spitzen Ellenbogen in die Seite bekam.

„Ey.“ Archiaon verschränkte die Arme vor der Brust und versuchte streng zu gucken, was er aber nicht lange durchhielt. „Ich war in diesem Moment vielleicht kein Athlet, aber ich war in meiner Funktion als Senator da und da habe ich durchaus die Aufgabe mir die Kandidaten genau anzusehen und das habe ich getan.“

„Und wie viele hast du dir angesehen, hm?“, stichelte Elaios weiter. Er hatte Archiaon an die Wand gespielt und wollte ihn jetzt zu einem Geständnis zwingen. Sein Ehrgeiz war geweckt. So grinste er frech, weil er ahnte, dass es nicht sehr viele gewesen sein dürften.

Archiaon hob eine Hand und fing an, an den Fingern abzuzählen. „Also, da waren mein Neffe, eine junge, vielversprechende Athletin namens Idya und dann war da noch einer.“ Der Senator wiegte den Kopf hin und her und tat so, als wenn er angestrengt nachdenken musste. „Wie war noch mal sein Name?“, überlegte er laut. „Eustakhios? Eirenlaos? Nein, das war es nicht, aber so ähnlich.“

„Ich glaube, du meinst Eratos. Er ist ziemlich gut im Laufen, flinke Beine“, sagte Elaios nickend und spielte mit. So leicht kam ihm Archiaon nicht davon. Er wollte Spielchen spielen? Das konnte Elaios auch und es lenkte ihn davon ab, sich Gedanken darüber zu machen, was mit ihnen geschah, wenn sie den Boden ihrer Heimat betraten.

„Ja, das kann sein.“ Archiaon nickte und küsste Elaios zum Dank. „Aber da war noch ein Athlet, der mir aufgefallen ist. Groß, gutaussehend und sehr vielversprechend. Ich muss ja zugeben, dass ich ihm besonders gerne zugesehen habe. Er ist einfach eine Augenweide und ein hervorragender Sportler. Ich habe mich darauf gefreut, mich mit ihm zu messen.“

„Ach Herakles meinst du!“ Elaios schlug sich verstehend an die Stirn. „Hätte ich aber auch gleich drauf kommen können. Er ist ein unglaublich guter Schwimmer und sieht wirklich gut aus.“ Das musste auch Elaios zugeben, denn Herakles wurde umschwärmt von allen.

„Nein, nein, der war das nicht.“ Archiaon wedelte abwehrend mit den Händen und sah Elaios entsetzt an. „Der ist doch nun wirklich nicht so toll, da gab es einen viel tolleren.“ Sein Gesicht bekam einen schwärmerischen Ausdruck. „Sein Name ist Elaios, jetzt weiß ich es wieder. Er hat mich total umgehauen.“

„Hab ich gar nicht, ich bin dir nicht einmal nahe gekommen“, wehrte Elaios gleich ab, denn er wurde schon wieder rot. Das war doch nicht mehr zum aushalten. Also blickte er verlegen zum Fenster hinaus. Wie machte Archiaon das nur, Elaios immer wieder eiskalt zu erwischen?

„Ja, leider bist du das nicht“, schmunzelte Archiaon und zog Elaios wieder zu sich, damit er ihn umarmen konnte. „Aber vielleicht war das auch gut so. In der Kuppel hatten wir einfach eine viel bessere Chance, uns kennen zu lernen.“

„Ja, so lädiert wie du warst, musste sich ja jemand um dich kümmern“, nuschelte Elaios und ließ sich kurz küssen. Seine Wangen waren immer noch rot. Würde sich das irgendwann einmal geben? Er konnte doch nicht jedes Mal rot werden, wenn Archiaon ihm Komplimente machte. „Ich glaube, ich hab dich wieder ganz gut hin bekommen.“ Seine Hand legte sich auf die gebrochene Rippe, die mittlerweile wieder verheilt war.

„Ja, das hast du.“ Archiaon sah über Elaios’ Schulter nach draußen, wo mittlerweile außerhalb des Scheinwerferlichts nichts mehr zu erkennen war. „Wir werden wieder nach Hause gehen und wenn sie mich nicht mehr in den Senat lassen, so werde ich doch gegen die Gottgleichen kämpfen, wo ich nur kann. Sie dürfen mit der Manipulation der Spiele nicht durchkommen.“

„Sie dürfen gar nicht damit durchklommen. Nicht nur mit der Manipulation der Spiele. Wenn es bei uns erst einmal so weit ist wie oben bei Erdogan und seinen Leuten, dann haben wir ein arges Problem. Wir müssen sie bekämpfen, wo wir können und uns mit den Menschen an der Oberfläche austauschen – zeitnah!“ Elaios holte tief Luft, denn er merkte, dass er sich schon wieder aufregte.

„Das werden wir, Schatz.“ Archiaon behielt seine Befürchtungen, dass es durchaus schon so weit sein konnte wie in Neo New York, lieber für sich, weil er nicht wollte, dass Elaios sich noch mehr Sorgen machte. „Mit Erdogan haben wir einen starken Verbündeten und ich bin mir sicher, dass unser Volk das auch bald so sehen wird.“

„Wir müssen einen Austausch vorbereiten. Wir brauchen ein paar schlaue Köpfe, die uns helfen und dann können wir Erdogan und seine Wissenschaftler her kommen lassen, damit sie erklären, wie schlimm es werden kann, wenn wir nichts machen. Wir brauchen Beweise, sonst reden wir im Senat gegen eine Wand.“ Elaios hielt vom Senat nicht mehr viel, seit man sie so schändlich vom Hof gejagt hatte.

„Das wird das erste sein, was wir in Angriff nehmen. Wir brauchen Unterstützung, das müssen sie einsehen.“ Archiaon war da recht zuversichtlich, dass sie den Senat überzeugen konnten. Wenn sie wieder zurück waren, hatten sie wieder die Mehrheit und konnten die Sympathisanten in Schach halten. Wenn sie keine großen Fehler begingen, sah es nicht ganz schlecht aus.

„Ich kann nur hoffen, dass du Recht hast. Aber wir sind nicht mehr allein. Ich weiß gar nicht, wie ich das beschreiben soll, zu wissen, dass da oben am anderen Ende der Wassersäule Leute wohnen, die uns kennen.“ Elaios grinste, denn er fühlte sich dadurch wichtig. Schließlich konnten das nicht viele von sich behaupten, an der Oberfläche gewesen zu sein und Kontakte geknüpft zu haben.

„Ja, es ist fantastisch, die Sonne gesehen zu haben. Wir sollten anregen, dass unsere Völker sich mehr austauschen. Wir müssen aus unserer Isolation raus. Wir sind dadurch angreifbar geworden und unsere Wissenschaftler brauchen neue Herausforderungen. Sie waren bisher in ihren Möglichkeiten beschränkt. Ein Austausch bringt frischen Wind.“ Archiaon sah das genauso wie Elaios und sie hatten nun die Möglichkeit etwas dafür zu tun.

„Da, schau“, sagte Elaios leise und deute nach vorn, wo ein heller Punkt am Horizont sichtbar wurde. So sah ihre Kuppel also aus, wenn man von weitem auf sie zukam. „Faszinierend“, gestand er und lächelte, auch wenn er Magenschmerzen hatte, weil er nicht wusste, was wurde.

Archiaon konnte die Anspannung spüren, darum zog er seinen Freund näher zu sich. „Ja, wir haben eine wunderschöne Heimat.“ Immer näher kamen sie dem hellen Fleck. Sie blieben so stehen, weil sie nichts verpassen wollten, so faszinierend war der Anblick. „Sieh mal, da!“, rief Archiaon plötzlich und deutete nach vorne. Ihnen kamen Delphine entgegen und sie wurden von jemandem begleitet, der ihnen zuwinkte.

„Diese verrückte Nudel!“ Elaios zuckte und grinste. Es juckte ihn in den Beinen auch nach draußen zu gehen, seine Tiere zu begrüßen und Idya fest an sich zu ziehen. Sie war ihre Augen und ihre Ohren gewesen, sie hatte den Weg geebnet, dass Archiaon und er wieder zurückkommen konnten. Er konnte ihr nicht genug danken – das wusste er jetzt schon.

Also konnte er gar nicht anders, als ihr ebenfalls zuzuwinken. Er hielt Ausschau nach seinen Delphinen und als er Kasya und Iason sah, war er beruhigt. Ihnen ging es wirklich gut und den Tieren von Archiaon auch. Sie umkreisten das Boot mit genügend Sicherheitsabstand und schwammen dann neben ihnen her.

Sie mussten sich ganz schön anstrengen, denn das Boot hatte volle Fahrt. Es wurde erst in der Nähe der Schleuse langsamer und dort trennten sich auch ihre Wege. Während das Boot automatisch am Dock anlegte, nutzten Idya und die Tiere eines der Schleusenbecken in der Nähe. Elaios stand schon an der Tür und wartete, dass sie aufging. Egal was ihn erwartete, er wollte Idya sehen und seine Eltern. Endlich.

Archiaon öffnete die Tür und sah über die Kamera zu, wie Elaios aus dem Schiff stürzte. Einige Personen standen im Dock und der Senator atmete auf, als Elaios‘ Eltern auf ihren Sohn zugelaufen kamen und ihn umarmten. Erst jetzt schaltete er die Motoren aus und ging ebenfalls nach draußen.

Ein paar kamen näher und betrachteten sich das Schiff, doch als Archiaon nach draußen trat, war Stille und alle Augen richteten sich auf ihn. Telemachos war der erste, der näher kam, ein zufriedenes Lächeln auf seinen faltigen Zügen. „Schön, dass du wieder da bist. Wir haben viel Arbeit vor der Brust.“ Er zog seinen Schützling an seine Brust, auch wenn es albern wirkte, denn Archiaon war fast zwei Köpfe größer.

„Ich freue mich, endlich wieder hier zu sein, alter Freund.“ Archiaon ließ es sich nicht anmerken, aber er war erleichtert, dass bisher kein negatives Wort gefallen war. Man hörte zwar ein Raunen und Murmeln, aber mehr auch nicht. Erst als einer rief: „Archiaon und Elaios sind wieder da!“ wurde das Raunen lauter und schließlich kippte die Stimmung und sie wurden laut und freudig begrüßt.

Vor allem Elaios sah man an, wie entspannt er jetzt war und er ließ sich von seinem Vater die Haare verstrubbeln, als der ihn liebevoll in den Schwitzkasten nahm und ihm eine Kopfnuss verpasste. Sie waren so froh, dass ihr Junge unbeschadet zurück war. Die letzten Tage waren die Hölle gewesen und der Junior hatte ihnen einiges zu erklären. Aber nicht jetzt.

Jetzt waren sie erst einmal froh, ihn wieder zurück zu haben und Elaios‘ Mutter wollte ihn gar nicht mehr loslassen. Auch Archiaon sah sich plötzlich von einer Traube Menschen umgeben, die ihm auf die Schulter klopften und lachten. Er hatte gehofft, dass ihr Empfang so ausfiel, aber es jetzt wirklich zu erleben, war einfach fantastisch und machte ihn stolz auf sein Volk.

„Wir bringen dich erst mal nach Hause. Ruh dich aus und dann komm in den Senat“, sagte Telemachos, der seinem Schützling die lange Reise ansah. Er mochte nicht viel getan haben, weil das Boot vieles allein machte, doch die Anspannung hatte an ihm gefressen. Wer ihn gut genug kannte, sah die Falten, die früher nicht da gewesen waren. „Und dann musst du uns berichten, wo ihr wart und was ihr gemacht habt.“

„Das werde ich. Nur so viel, wir sind nicht mehr allein. Wir haben Verbündete für unseren Kampf gefunden.“ Archiaon legte einen Arm um Telemachos. Er suchte Elaios in der Menschenmenge und ging auf ihn zu, als er ihn entdeckt hatte. „Ich gehe mit Telemachos nach Hause. Du möchtest bestimmt bei deinen Eltern bleiben, oder?“ Archiaon konnte verstehen, wenn sein Freund nicht mit ihm zusammen ging.

„Ich komme nach“, sagte er und sah seine Mutter an, die wie alle Mütter wohl das Gespür dafür hatte, im entscheidenden Augenblick keine blöden Fragen zu stellen und den Herrn Vater auf den Fuß zu treten, als der etwas einwerfen wollte. Das klärten sie Zuhause, aber ihr kleiner Liebling sah sehr glücklich aus, als er zugesagt hatte, Archiaon zu folgen und der Senator war ja nun nicht gerade die schlechteste Partie, die Elaios sich hatte aussuchen können.

„Ich werde auf dich warten.“ Archiaon lächelte Elaios zu und wandte sich dann ab. So sehr er sich auch freute, wieder da zu sein, jetzt brauchte er etwas Ruhe, einen Tee und ein Gespräch mit Telemachos. Immer wieder klopfte ihm jemand auf die Schulter und er musste Hände schütteln. Darum dauerte es etwas länger, bis er Zuhause war.

 

„Netter, ‚junger’  Mann“, sagte Hetere und zog ihren Jungen fest an sich. Elaios senkte den Blick und grinste schief. „Japp“, sagte er nur und seine Mutter blickte ihn fragend an. „Was ist das denn für eine Antwort?“, wollte sie wissen und Elaios holte tief Luft. „Lass uns heimgehen, ich brauche einen Tangauflauf, einen Süßalgentee und will nach meinen Tieren sehen“, lenkte er ab.

„Gut, dass ich das geahnt habe.“ Hetere lachte und hakte sich bei Elaios ein, der sich aber mit einem entschuldigenden Lächeln frei machte und loslief. Idya kam gerade ins Dock gelaufen und sie fiel Elaios um den Hals. „Endlich bist du wieder da“, schluchzte sie und vergrub ihr Gesicht an seiner Schulter.

„Ja, endlich bin ich wieder da, Süße. Ich hab dich so vermisst“, sagte er leise und steckte seine Nase in das feuchte Haar. Der Geruch von Salzwasser hatte ihm die letzten Tage gefehlt. Er wusste nicht, was er sagen sollte. So viel hatte er ihr erzählen wollen, so viele Fragen stellen, doch jetzt schwieg er und hielt sie einfach nur fest.

„Komm mit zu meinen Eltern“, bat er, denn dann konnte er ihr erzählen, was sie die letzten Tage erlebt hatten. Er löste sich von Idya und lächelte. „Du bist verrückt, ein Rennen mit einem U-Boot zu machen.“

„Die Süßen haben es doch gepackt, sie waren lange nicht so schön im Training“, lachte Idya und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Dabei knuffte sie Elaios gegen den Oberarm. „Und dann will ich später noch ein paar schmutzige Details dafür, dass ich euch den Weg geebnet habe“, sagte sie grinsend und versuchte nicht gleich, sich nach Meodin zu erkundigen. Sie hatte das Gefühl, dass sah fragwürdig aus.

„Das kannst du vergessen“, knurrte Elaios, aber er grinste dabei. Im Moment konnte ihn nichts aus der Fassung bringen, dafür war er einfach zu glücklich wieder zu Hause zu sein und seine Familie und Freunde wieder zu haben. „Komm lass uns gehen, dann erzähle ich euch, was ich alles erlebt habe, die letzten Tage.“

„Ja, erzähl von der Oberfläche“, sagte Idya und hielt Elaios’ Arm fest umklammert. Sie hatte sich in den letzten Tagen viel mit Telemachos unterhalten, zum einen, weil sie wissen wollte, was Archiaon für ein Mann war, zum anderen aber auch, weil sie mehr über das Leben und die Aufgaben im Senat hatte erfahren wollen. Die erste Sitzung, an der sie Teil genommen hatte, hatte ziemlich den Glanz des Ganzen verblassen lassen.

Die Realität war eben nie so strahlend wie die Fantasie. Aber sie wollte ihre Aufgabe so gut sie konnte erfüllen, darum war sie bereit zu lernen. Sie warteten, bis Elaios‘ Eltern bei ihnen waren und gingen nach Hause.

 

26 

„Schatz!“ Elaios stand in Archiaons Küche und rührte in seinem Tee. Die Nacht war kurz gewesen, denn er hatte bis spät in die Nacht bei seinen Eltern und Idya gesessen und geredet. Doch ganz ohne seinen Freund konnte Elaios auch nicht sein. Er hatte sich daran gewöhnt, nicht allein im Bett zu liegen, sich an jemanden zu schmiegen, den Rücken gestreichelt zu bekommen. Sie warteten auf Idya, denn sie wollten in den Senat.

„Was denn?“ Archiaon sah von den Blättern auf, die er sich gerade durchlas und lächelte Elaios an. Telemachos hatte ihm einen Bericht der letzten Tage dagelassen und Archiaon las ihn sich noch einmal durch, um sich einige Dinge einzuprägen, nachher wenn er vor dem Senat sprach, brauchte er Argumente um seine Senatskollegen zu überzeugen, dass sie gegen die Gottgleichen kämpfen mussten.

„Ach nichts!“, sagte Elaios eilig, denn er fühlte sich kindisch. Er konnte ja jetzt – so kurz vor einer wichtigen Sitzung und seiner eigenen ersten Sitzung überhaupt – schlecht sagen, dass er sich unbespaßt fühlte. „Ich schau noch mal nach den Tieren“, sagte er und ging los. Die Delphine nutzten oft die Kanäle, die sich durch ganz Atlantis zogen, wenn sie sich in den Becken vor den Schleusen langweilten. Seine Lieblinge hatten schnell gelernt, wo sie ihn jetzt suchen mussten.

„Mach das, Liebling.“ Archiaon zog Elaios zu einem Kuss zu sich, als er an ihm vorbei kam. Eigentlich würde er gerne mitkommen, aber dazu war er zu gewissenhaft. Es hing viel zu viel von der Sitzung ab. „Ich komme dich nachher mit Idya abholen, wenn wir losgehen.“

„Macht das“, rief Elaios noch, dann war er aus der Tür. Er musste sich erst wieder daran gewöhnen, dass es hier dämmriger war als an der Oberfläche. Vorher war ihm das nie aufgefallen, doch jetzt hatte er den direkten Vergleich. Zwar bekam das schummrige Licht seinen Augen besser, doch es schien ihm aufs Gemüt zu schlagen.

Er sah auf, als er das freudige Schnattern seiner Herzensdame vernahm.

„Hallo, meine Süße“, begrüßte er Kasya und kam an den Rand des Kanals, damit er sie begrüßen konnte. Er kniete sich hin und störte sich nicht daran, dass er nass wurde, als er das Tier umarmte. Sie hatte ihm schrecklich gefehlt.

„Bist du alleine?“, fragte er und sie schnatterte wieder aufgebracht, da steckten noch ein paar die Köpfe aus dem Wasser. Soso, Helena und Atlas waren auch da. Nur Iason war wohl stiften gegangen. Ihm schmeckte es gar nicht, dass Atlas sein Weibchen umwarb.

Aber da mischte Elaios sich nicht ein, solange die Tiere sich nicht gegenseitig verletzten. Das mussten die Delphine untereinander klären. Er begrüßte Archiaons Begleiter und wunderte sich mal wieder wie feinfühlig diese Tiere waren. Normalerweise ließen sie sich ungern von Fremden anfassen, aber Elaios hatten sie in ihr Herz geschlossen, genauso wie ihr Herrchen.

Vor allem Helena liebte es, sich auf den Rücken zu legen und sich den Bauch tätscheln zu lassen, bis ihr die Luft ausging und sie sich wieder umdrehen musste. Elaios lachte. „Du bist schon eine verrückte Nudel.“

„Sind bei dir neuerdings alle Nudeln? Hast du Hunger? Füttert dich dein Freund nicht ausgiebig? Soll ich ihn mal dafür schimpfen?“ Idya amüsierte sich königlich über Elaios’ blödes Gesicht und Archiaon versuchte sich das Lachen zu verkneifen.

„Du bist blöd. Ich bin ein Senator, den verarscht man nicht“, knurrte Elaios und gab Kasya ein Zeichen, dass sie Idya nass spritzen sollte. Die Delphin-Dame schnatterte begeistert, denn sie war für Blödsinn immer zu haben. So schickte sie einen Schwall Wasser in Idyas Richtung und tauchte gleich weg, denn die Schimpfe dafür wollte sie nicht haben.

Helena und Atlas folgten und so blieb nur der lachende Elaios zurück, der allerdings gar nicht so schnell gucken konnte, wie er von Idya einen Schubs bekam und im Kanal landete. Jetzt war es auch um Archiaon geschehen, der lachend in die Knie sank, denn sein begossener Pudel, der gerade prustend auftauchte, was einfach zu süß.

„Idioten!“, knurrte Elaios, als er sich ins Trockne rettete.

„Jetzt muss ich mich umziehen“, murrte er, aber es stahl sich schon wieder ein kleines Grinsen auf sein Gesicht. „Aber nicht nur ich.“ Mit diesen Worten stürzte er sich auf Archiaon und durchnässte ihn ebenfalls. Man lachte nicht ungestraft über ihn. „Hey!“, konnte der Senator noch rufen, ehe der nasse Kerl sich auf ihn warf, ihn erst nass machte und dann im Staub wälzte. Zufrieden blieb Elaios auf dem Senator hocken und betrachtete sein Werk. Dann nickte er. „Besser, Schatz, viel besser! Schlammgrau steht dir.“

„Findest du?“ Archiaon sah so weit es ging, an sich runter und schüttelte den Kopf. „Nein, das find ich gar nicht, aber wie wäre es mit dir?“ Mit einem Schrei warf der Senator Elaios von sich und wälzte nun diesen über den Boden. Sie sahen jetzt aus wie die Schweine, aber beide fühlten sich besser, weil sie Spannungen abgebaut hatten.

Nur Idya stand gespielt pikiert neben der Szene und beobachtete die beiden. „Wie die Kinder, was sollen denn die Nachbarn sagen?“, näselte sie, doch das war ziemlich egal. Archiaons Grundstück war günstig gelegen, keiner konnte ihm in den Garten sehen.

„Dass du peinliche Freunde hast?“, überlegte Elaios und zerrte Idya zu sich, die war entschieden zu sauber. Das ging gar nicht!

„Nicht“, schimpfte sie noch, aber dann war es zu spät. Sie lag neben Elaios und sah nicht viel besser aus als ihre peinlichen Freunde. „Das war gemein. Senatoren macht man also nicht nass, aber dreckig?“, schimpfte sie und versuchte zu retten, was zu retten war, auch wenn es wenig Sinn hatte.

„Nein, mein Herz, Senatoren werden nicht nass gemacht. Senatorinnen hingegen müssen dreckig gemacht werden, damit sie mit ihrer Schönheit die Senatoren nicht vom Wesendlichen abhalten. Wusstest du das nicht?“, erklärte Elaios mit wichtigem Gesicht und Archiaon nickte schmerzlich, gerade so als würde das wirklich stimmen und sie hatten nur noch nicht den Mut gehabt, es ihr zu sagen.

Idya öffnete den Mund, aber kein Ton kam heraus. Sie war wirklich sprachlos, auch wenn sie wusste, dass man sie gerade verarschte. Elaios hatte sie noch nie als schön bezeichnet und vor Archiaon war ihr das auf einmal peinlich. „Ach du“, brummte sie mit rot schattierten Wangen und schlug Elaios gegen den Arm.

„Was denn? Stimmt es etwa nicht? Na ja, im Augenblick würden dich nur Sandlinge um ein Rendezvous bitten, aber wenn du sauber bist, bist du hübsch.“ Elaios kam wieder auf die Füße und klopfte sich sauber, doch es half nichts, der Schlamm ließ sich nur verschmieren. Er musste wohl noch einmal duschen und sich etwas aus dem Schrank seines Freundes borgen. Nur gut, dass der Senat traditionell in weißen luftigen Gewändern zusammentrat. Das machte es einfacher.

Archiaon hatte genug davon, also zog er seinen Freund hinter sich her ins Haus und schickte Idya wieder nach Hause. Sie mussten sich langsam beeilen, wenn sie noch pünktlich sein wollten. Es war nicht ratsam zu so einem wichtigen Termin zu spät zu kommen. Darum lehnte er das Angebot mit Elaios zu duschen ab, auch wenn es schwer fiel.

Er verschwand im Gästebad und war fünf Minuten später wieder in eine sauberes weißes Gwand gewickelt, winkte Garry zu, der gerade mit seinen Kindern und der Gattin an ihm vorbei glitt und sammelte Elaios ein, der noch etwas an seiner Toga herum zupfte, bis sie richtig saß.

Dann konnten sie gehen und sammelten unterwegs Idya ein.

Archiaon griff kurz aufmunternd Elaios‘ Hand, als sie die Treppen zum Senatsgebäude hoch gingen und straffte sich. Die Sitzung würde nicht einfach werden und die Sympathisanten der Gottgleichen ließen bestimmt kein gutes Haar an ihm und Elaios. Sie durften sich keine Blöße geben. „Auf in den Kampf“, murmelte er leise und öffnete die Tür zum Ratssaal.

„Auf dass wir hinterher noch die Köpfe auf den Schultern haben, wenn wir wieder durch diese Tür treten“, nuschelte Elaios und folgte ihm. Sofort lagen alle Blicke auf ihnen und er versuchte nicht zögernd dabei zu wirken, als er auf die ihnen zugedachten Plätze zuging. Mit den Augen suchte er Erikles, einer der Verräter, das hatte ihnen Telemachos berichtet. Doch er war nicht mehr hier.

Es war zwar noch kein Sieg, aber es machte es vielleicht etwas leichter, die Anwesenden zu überzeugen. Archiaon stellte sich ans Podium und wartete, bis Idya und Elaios saßen. Erst dann ergriff er das Wort und eröffnete die Sitzung, wie er es immer als Senatspräsident tat und begrüßte die anwesenden Senatoren.

Im Saal herrschte absolute Stille. Sonst hörte man immer mal leise jemanden brummeln oder reden, doch nicht dieses Mal. Zu viel war geschehen, was sie erklärt haben wollten und sie wollten nicht diejenigen sein, die etwas verpassten. Und so prasselten gleich die Fragen auf Archiaon herein, kaum dass er das Plenum begrüßt hatte.

„Wo warst du?“, wollten sie wissen. „Was hast du an der Oberfläche gemacht?“, fragte ein anderer. „War der Fremde ein Spion?“

„Bitte nicht alle auf einmal“, bat Archiaon und lächelte. „Ich beantworte alle eure Fragen, aber bitte gebt mir auch die Chance dazu. Ich war an der Oberfläche in einer Kuppel, die sich Neo New York nennt. Meodin kommt dort her und wir haben dorthin Kontakt aufgenommen, weil Meodin sonst gestorben wäre“, beantwortete Archiaon die ersten Fragen. „Meodin ist kein Spion. Er wurde von den Gottgleichen entführt und sie wollten ihn töten. Wir haben ihn befreit, weil wir dachten, dass er einer von uns ist.“

„Das sind zu viele Zufälle!“, rief einer und ein paar die rings um ihn saßen, mussten zustimmen. Das war wirklich alles ein bisschen viel auf einmal, dafür, dass sonst kaum etwas passierte.

„Aber es war so. Alles fing damit an, dass der Wettbewerb von einem Unwetter überrascht worden war“, begann Idya und erzählte die Geschichte, die sie in den letzten Tagen schon Dutzende Male erzählt hatte. Von der Rettungskuppel und den Delphinen, die ausgerückt waren und von Bonder 482, von dem sie erst jetzt wusste, wie die Kuppel hieß. Sie musste zugeben, warum sie darauf bestanden hatte, die Rettungskuppel neu bestücken zu dürfen, doch es war ihr nicht peinlich zuzugeben, dass sie Meodin anziehend fand.

„Dann hatte Archiaon also nichts damit zu tun, dass Meodin hierher gebracht wurde?“, fragte einer der Senatoren und Idya wollte schon den Kopf schütteln, als sie von Archiaon unterbrochen wurde. „Ich habe entschieden, dass wir ihn mitnehmen, als ich Idya und Elaios befreit habe, aber Meodin war zu keiner Zeit eine Gefahr für unser Volk. Er wurde ohne sein Zutun ein Spielball der Gottgleichen, die ihn dafür benutzen wollten, Erdogan, dem Prinzen von Neo New York, zu schaden.“

„Ah ja“, machte einer und grinste ein bisschen, doch dann war erst einmal wieder Ruhe. Es war Eratos, der sich irgendwann erhob und Archiaon fest ansah. „Wir müssen uns bei dir entschuldigen für all das, was passiert ist. Für die Vorverurteilung und vor allem für die tätlichen Angriffe. Es ist dein gutes Recht, unsere Entschuldigung abzulehnen, aber ich kann dir nicht gegenüber treten ohne dir nicht wenigstens gesagt zu haben, dass ich dies alles zutiefst bedauere.“

„Ich danke dir für deine Worte, Eratos, und ich nehme eure Entschuldigung an. Wir sind ein Volk und wir müssen einig sein im Kampf gegen die Gottgleichen. Sie versuchen wieder Fuß zu fassen und haben die Spiele manipuliert, um Einfluss auf den Senat zu bekommen.“ Archiaon hob leicht die Arme, um wieder Ruhe zu bekommen, denn lautes Gemurmel hatte eingesetzt. „Ich will nicht so vermessen sein, zu behaupten, dass nicht nur Erikles aktiv bei diesem Betrug mitgemacht hat, aber es ist möglich.“

„Ich weiß immer noch nicht, wie ihr darauf kommt.“ Einer der Senatoren beugte sich leicht nach vorn, er wirkte provozierend und Idya war er gleich unsympathisch. Doch Archiaon erklärte ihm, wie sie darauf gekommen waren. Sie zeigten die Zwischenstände der Platzierungen und diejenigen, die ausgeschieden waren, die die nachrückten. Nach und nach ergab sich ein Bild.

„Ihr behauptet also, die dort markierten sind Sympathisanten der Gottgleichen“, fragte der Senator wieder und Archiaon schüttelte den Kopf. „Ich sagte doch bereits, dass wir lediglich nach dem unterschieden haben, was die Athleten in der Bewerbung angegeben haben. Waren sie für oder gegen die Öffnung des Reiches nach außen. Mehr nicht.“

Wieder setzte Gemurmel ein und diesmal unterbrach Archiaon es nicht sofort. Diese Dinge mussten diskutiert werden. Als es wieder leiser wurde, ergriff er erneut das Wort. „Viele der von uns markierten Athleten wissen noch nicht einmal etwas von den Gottgleichen, denn sie sind zu jung, um mit ihnen in Kontakt gekommen zu sein. Aber sie wurden von ihnen benutzt, ohne es zu wissen, weil sie eben für eine Öffnung nach außen sind. Wir werden uns öffnen müssen, denn wir brauchen Verbündete. Diese haben wir in Neo New York gefunden. Prinz Erdogan führt den gleichen Kampf wie wir.“

„Was schlagt ihr also vor!“ Eratos stand mittlerweile, denn er war so angespannt, dass er kaum noch sitzen konnte. „Was können wir von den Oberflächenbewohnern lernen? Können sie uns helfen? Können wir ihnen helfen?“

„Wir haben genug Scheiße an der Hacke. Ich glaube nicht, dass wir da anderen helfen...“

„Demares, Schnauze!“, vergriff sich Eratos absichtlich im Ton. Der Neue hatte noch nicht begriffen, dass es hier nicht nur um ihren Hintern ging.

Archiaon unterdrückte das Schmunzeln, das sich auf seinem Gesicht breit machen wollte. „Die Oberflächenbewohner kämpfen schon seit einiger Zeit gegen die Gottgleichen und ihre Erfahrungen können uns helfen. Ich schlage vor, wir laden Erdogan und ein paar seiner Männer hierher ein. Dann können wir diskutieren, was wir gemeinsam unternehmen können.“

„Fremde in Atlantis Nord 035“, sagte Telemachos nachdenklich. Er wusste nur zu gut, dass ungewöhnliche Zeiten ungewöhnliche Wege verlangten, doch wie sollten sie das dem Volk klar machen? In Neo New York mochte das anders sein, sie hatten eine parlamentarische Monokratie, aber Atlantis hatte das Volk regieren lassen und ihnen mussten sie erklären und Rechenschaft ablegen, dass das, was sie taten, nur zum Besten aller war.

„Es geht nicht anders, alter Freund. Es wäre einfacher, sie kommen hier her, als wir tauchen alle oben auf“ Archiaon grinste schief, weil er genau wusste, warum Telemachos diese Frage stellte. „Was haltet ihr davon?“, fragte er also ins Plenum.

„Wenn es dem Wohl aller dient, sollten wir den Oberflächenbewohnern gestatten eine Delegation nach Atlantis Nord 035 zu schicken“, ergriff wieder Eratos das Wort und sah sich um. „Wir sollten uns anhören, was sie zu sagen haben und dann entscheiden, ob es eine Allianz geben wird. Ich finde, das wäre fair und auch vor dem Volk vertretbar.“

„Was du findest, ist mir egal“, sagte Demares, er hatte die Schmach von eben noch nicht verwunden und so war es nur logisch, dass er nicht klein bei gab, schon gar nicht gegen Eratos. „Erst seid ihr völlig dagegen, Atlantis Nord 035 nach draußen zu öffnen, und plötzlich seid ihr die ersten, die Fremde hier her holen. Da passt doch was nicht.“ Wieder wurde leises Gemurmel laut.

„Was willst du damit sagen?“, fragte Eratos gefährlich leise und Archiaon griff ein, bevor alles aus dem Ruder lief. „Wir haben uns nach außen abgeschottet, aber es hat uns nichts genutzt. Wir wurden unterwandert. Eine selektive Öffnung nach außen ist im Moment notwendig. Wir müssen abwarten, ob daraus eine Dauerhafte wird.“

„Und wer entscheidet, wen wir rein lassen und wen nicht? Ich übernehme nicht die Verantwortung“, machte Demares gleich klar. „Dann bist du hier falsch“, warf Eratos zurück, denn Demares war einer von der Sorte, die zwar gern den Ruhm und den Bekanntheitsgrad eines Senators genossen und die Vorteile wollten, sich aber dann doch nicht so weit aus dem Fenster lehnen wollten, dass ihnen etwas passieren könnte. „Wir sind hier, weil das Volk uns vertraut und weil wir für sie entscheiden müssen. Wenn du das nicht kannst, geh!“

„Was fällt dir ein“, brauste Demares auf, aber Archiaon fiel ihm kalt ins Wort. „Eratos hat Recht. Wir sind die Vertretung unseres Volkes, wir treffen Entscheidungen. Wenn du das nicht kannst, oder willst, dann leg dein Mandat nieder, denn ein Senator, der keine Entscheidungen fällen oder mittragen will, der ist hier überflüssig.“ Archiaon war sich jetzt ziemlich sicher, dass Demares einer der Sympathisanten war, aber er sprach es nicht aus, weil er es nicht beweisen konnte.

Entweder verriet sich der Mann früher oder später oder es fand sich ein anderer Weg, ihn ruhig zu stellen. Das schien auch Demares aufzugehen, doch er musste zusehen, dass er sein Gesicht wahrte und keinen zu großen Rückzieher machte. „Hat keiner gesagt, ich habe nur gesagt, dass ich nicht dafür verantwortlich sein will, wenn die Fremden uns schaden. Ich stimme dagegen, so!“

„Das ist dein gutes Recht, solange du einen positiven Entscheid des Senats mitträgst.“ Die Worte von Archiaon waren eine deutliche Warnung an Demares, dass er unter Beobachtung stand und er sich erklären musste, wenn er gegen den Senatsentscheid handelte, sollte beschlossen werden, dass die Fremden eingeladen wurden. „Wenn wir schon wissen, wie Demares abstimmt, sollten wir anderen auch abstimmen. Wer ist dafür, dass Erdogan eingeladen wird?“ Archiaon sah sich um und hob die Hand.

Auch Idya, Elaios und Eratos folgten seinem Beispiel. Ebenso sein Mentor und sein Neffe. Nach und nach kamen zögerlich weitere Hände nach oben, manche sanken auch wieder nach unten, um dann wieder gehoben zu werden. So zog sich die Abstimmung in die Länge, doch keiner wagte, die Unentschlossenen zu drängen. So war das Verhältnis der Stimmen am Ende 3:1, dass die Fremden geladen wurden.

„So ist es beschlossen. Wir werden Prinz Erdogan einladen.“ Archiaon fasste das Ergebnis zusammen und bedankte sich bei den Senatoren. Er war erleichtert, dass die Sitzung für sie bisher so erfolgreich abgelaufen war.

„Die Fremden sind nicht unser einziges Problem, wir müssen selber eine Bestandsaufnahme machen. Wir dürfen uns nicht darauf verlassen, dass die anderen uns helfen werden“, sagte Idya, der das hier alles etwas zu belanglos abging. Alle stürzten sich auf das Thema Erdogan und dann sah man rechts und links nicht mehr die kleinen Sorgen des Volkes. Also, entweder musste sie noch viel Gelassenheit lernen oder sie war für den Job wirklich nicht geschaffen.

„Wahr gesprochen, junge Senatorin“, rief Telemachos und stand auf. Sie mussten auch noch einen neuen Senatspräsidenten wählen und genau diesen Punkt sprach Telemachos jetzt an. Es war eine geheime Wahl und Archiaon als bisheriger Präsident war davon ausgeschlossen.

„Als erstes braucht der neue Senat einen Kopf. Wir werden also die Wahl zum Ratspräsidenten abhalten, ehe wir weitere Entscheidungen fällen“, erklärte Archiaon. Für die, die das erste Mal dabei waren, erklärte er die Prozedur. Anschließend verließ er den Saal, denn er war nicht nur von der Wahl ausgeschlossen, sondern durfte ihr nicht einmal beiwohnen. Das sollte vermeiden, dass ein mächtiger Präsident allein mit seinem Blick Senatoren beeinflusste oder die, die sich gegen ihn entschieden, hinterher dafür geschnitten wurden.

Die letzten Wahlen hatte Archiaon einstimmig gewonnen, aber heute war er sich nicht sicher, ob man ihn wiederwählte. Es war einfach zu viel in den letzten Wochen passiert. Unruhig lief Archiaon in seinem Zimmer hin und her und hoffte dass bald jemand kam, um ihn zu holen.

Er stand am Fenster und blickte nach draußen. Seine Gedanken aber waren im Plenarsaal. Er wusste, dass ein paar von ihnen Verräter sein mussten. Sie würden ihn auf keinen Fall wählen. Hoffentlich waren sie nicht so redegewandt, dass die die noch zögerten, umstimmten. Es war das erste Mal, dass er nicht sagen konnte, wie die Wahlen ausgingen. Doch auch wenn er nicht mehr der Vorsitzende war, würde er alles geben, um sein Volk wieder zu befreien. Es durfte bei ihnen nicht so weit kommen wie an der Oberfläche.

Er war so in Gedanken, dass er etwas zusammenzuckte, als die Tür geöffnet wurde und Telemachos ihn bat zurück zu kommen. Archiaon setzte sich auf seinen Platz unter den Senatoren und Telemachos stieg auf das Podium. „Die Stimmzettel wurden ausgezählt und zum Senatspräsidenten wurde ein weiteres Mal Archiaon gewählt“, gab Telemachos bekannt und seine Stimme wirkte ziemlich zufrieden dabei.

Es war nicht einstimmig, doch das war egal, denn das musste es auch gar nicht. Die Gleichen, die dagegen gestimmt hatten, die Fremden hier her zu holen hatten wahrscheinlich auch gegen Archiaon gestimmt. Aber das spielte keine Rolle. Die Mehrheit wollte ihn und vertraute ihm, das allein zählte.

Zufrieden nickte auch Archiaon und erhob sich, um sich für den Vertrauensvorschuss zu bedanken. „Ich werde euch nicht enttäuschen“, erklärte er und verneigte sich.

Seine Augen suchten Elaios und er lächelte, als ihre Blicke sich trafen. Allein schon wegen ihm, würde er alles geben. „Atlantis Nord 035 ist unsere Heimat und wir haben bei unserer Vereidigung geschworen, sie zu beschützen. Wir werden nicht zulassen, dass wir zum Spielball einer machthungrigen Gruppe werden. Wir werden kämpfen, für unser Volk“, rief Archiaon laut und die Senatoren brachen in Jubel aus. Es mochte sein, dass sie bedroht wurden, aber sie ließen sich nicht einschüchtern. Mit Archiaon an ihrer Spitze stellten sie sich der Herausforderung und hatten eine Chance zu gewinnen.