Du befindest Dich hier: Geschichten > Geschichten frei bis 16 > Britta & Fich > Terra 3.0 > Terra 3.0 - Zyklus III - Atlantis Nord 035 - Teil 22-24

Terra 3.0 - Zyklus III - Atlantis Nord 035 - Teil 22-24

 

22 

„Zurück!“, herrschte Erdogan und seine Soldaten hielten die Waffen auf die Angreifer.

Leander winkte Archiaon und Elaios zu sich. Das war ja bedrohlicher als erwartet. Einer der beiden blutete schon!

Panik brach in der Menge aus und sie versuchte durch den engen Zugang den Hafen zu verlassen. Es wurde geschubst und gedrängelt und die ersten fielen hin. Menschen schrieen und Archiaon wollte zu ihnen laufen und ihnen helfen, aber Leander hinderte ihn daran. „Sie werden dich töten“, sagte er eindringlich und schob ihn zur Schleuse, wo zwei Soldaten gerade Meodin samt Sänfte einluden, weil es schneller ging.

Kaum hatte Erdogan begriffen, wo sein Seepferdchen war, wich er der Sänfte nicht mehr von der Seite. Leander wusste, dass er mit dem Prinzen jetzt nicht mehr rechnen konnte. „Thom, verriegle die Tür. Archiaon, dich bitte ich ans Steuer.“ Leander lief schon zum Kommandostand. Daniel musste er nicht sagen, was zu tun hatte und er grinste, als er den Arzt den Prinzen beiseite scheuchen hörte. Alles im grünen Bereich – so kannte er sie.

Archiaon griff sich Elaios’ Hand und zog ihn mit sich zur Brücke. Er dirigierte seinen Freund zu einem der Sitze und setzte sich auf den Pilotensessel. Als erstes löste er die Andock-Klammern, dann tippte er den Code für ihre Rückkehr ein. Mehr war nicht zu tun. Der Rest lief automatisch und Archiaon gönnte sich einen letzten Blick auf sein Zuhause.

Ein paar Tränen konnte er nicht verdrücken und so stand Elaios hinter ihm und legte ihm die Hände auf die Schultern. „Wir werden zurück kommen und sie werden dich wieder lieben, Schatz“, sagte er leise und küsste Archiaon aufs Ohr. Er wollte ihm den letzten Blick auf Atlantis nicht nehmen. Er konnte Idya sehen die als eine der letzten am Dock stand und ihnen nachsah. Sie winkte nicht, doch das musste sie auch nicht. Elaios spürte auch so den Schmerz.

„Ich hoffe es, Liebling.“ Archiaon sah auf die Kuppel seiner Heimat, bis sie nur noch als heller Fleck am Horizont zu sehen war. Dabei hielt er Elaios‘ Hand fest umklammert. Erst als Atlantis nicht mehr zu sehen war, senkte Archiaon seinen Blick. „Lass uns nach Meodin sehen“, sagte er leise. Er musste etwas tun.

„Sicher, ich will auch wissen, ob dieser Arzt ihm helfen konnte.“ Elaios stieg als erster die Treppe in den Laderaum, wo noch immer die Sänfte stand. Doch Meodin lag auf einem Stapel Decken auf dem Boden, auf der einen Seite der Arzt mit Diagnosegeräten und einem Arsenal an Medikamenten, auf der anderen Seite kniete der Krieger in seiner roten Lederrüstung, hielt Meodins Hand und Elaios grinste. Gut dass Idya das nicht sah, es hätte ihr wehgetan.

„Kannst du ihm helfen?“, fragte Archiaon und Daniel nickte. „Es wird etwas dauern, bis er wieder hüpfen und allen auf den Nerv gehen kann, aber er wird durchkommen.“

„Das ist gut, dann war es wenigstens nicht umsonst.“ Archiaon sah auf Meodin und kurz blitzte der Gedanke auf, dass dies alles ohne ihn nicht passiert wäre, aber das verging schnell wieder. Meodin war sein Freund und er war froh ihn getroffen zu haben. Aber trotzdem musste er den Blick abwenden, denn nun waren sie heimatlos.

„Sie werden merken, was sie an dir hatten, Archiaon, glaube mir“, sagte Elaios leise und ging ein Stück. Dabei zog er seinen Freund mit sich. Die Menschen hatten genug mit sich zu tun und der Sorge um Meodin. Die mussten ihren Kummer nicht auch noch ertragen. „Wenn morgen der Senat zusammen tritt, werden die schlauen Köpfe hinterher fragen, was passiert ist und vielleicht kann Idya uns schon mehr erzählen, wenn wir sie kontaktieren oder sie uns.“

Archiaon nickte und zog Elaios zu sich. Er brauchte jetzt die Nähe seines Freundes. „Ich habe Telemachos einen Brief geschrieben und ihm geschildert, was geschehen ist. Die Vorfälle bei den Spielen und auch das, was Meodin uns erzählt hat. Ich hoffe, dass es ihnen hilft.“

„Auch wenn er nicht mehr im Senat ist, so hören sie immer noch auf ihn. Wenn er ihnen erklären kann, wo das eigentliche Problem liegt, wird er sie lenken und leiten können. Doch jetzt sollten wir endlich ein paar Stunden schlafen. Es wird langsam Zeit. Mir zittern die Knie, das war viel in den letzten Stunden.“ Er sah noch einmal zurück zu Meodin und dem Prinzen.

„Komm.“ Archiaon zog Elaios zu Leander, der etwas abseits stand und sich unterhielt. Der Senator räusperte sich kurz und lächelte, als der Soldat zu ihm sah. „Ich wollte mich bedanken, dass ihr uns mitgenommen habt. Ich hatte gehofft, dass das nicht nötig wäre, aber leider ist mein Volk nicht besser als alle anderen.“

„Sie sind Menschen. Mit denen ist es niemals leicht, sobald sie mit etwas konfrontiert werden, was sie nicht verstehen und in ihrer Angst beißen sie jeden“, sagte Leander und sah die beiden Neuen an. „Aber ihr müsst uns nicht danken. Viel mehr haben wir zu danken, denn ihr habt uns unseren Freund wieder gebracht.“ Und damit auch den Prinzen wieder zum Leben erweckt, doch das verschwieg Leander lieber, er war sich sicher, dass Erdogan nicht wollte, dass alle davon wussten.

„Wenn Meodin wieder gesund wird, dann ist es gut so.“ Archiaon konnte sehen, dass Daniel sich immer noch um ihn kümmerte, aber der Arzt guckte nicht mehr besorgt. „Bringt ihn in eine der Kabinen, dort hat er es bequemer. Wir werden uns auch ein wenig ausruhen, wir sind jetzt seit über zwei Tagen wach.“

„Sicher.“ Daniel nickte und zwei der Soldaten schickten sich an, Meodin aufzuheben, doch sie wichen zurück, als Erdogan drohend nach oben guckte. Er nahm sein Seepferdchen auf seine Arme, denn er hatte immer noch nicht richtig begriffen, dass Meodin wieder da war. Jetzt würde er ihn nicht mehr gehen lassen, ihn nicht mehr aus den Augen verlieren.

„Ich zeig euch den Weg“, sagte Archiaon. Die Boote waren groß und man konnte sich schnell verlaufen.

Er führte Erdogan zu den Kabinen und öffnete ihm die Tür, damit er Meodin hineintragen konnte. Daniel folgte dem Prinzen, denn er wollte Meodin noch ein wenig beobachten. Er hatte ihm fiebersenkende Medikamente gegeben und wollte prüfen, ob sie anschlugen.

„Abgesehen von den Keimen hat ihm auch der Druck in eurer Kuppel zugesetzt. Die Organe sind leicht angegriffen, aber das wird wieder. Ich schätze, dass es ihr bei uns oben auch Probleme bekommen werdet“, sagte Daniel und blickte Archiaon an. „Aber nichts, was wir nicht hin kriegen und das Seepferdchen kriegen wir auch wieder hin.  Und du sorg dafür, dass ich nicht als Lügner da stehe“, wandte er sich an Meodin.

Elaios hatte der Unterhaltung bisher nur zugehört und besah sich den Prinzen. Das war also der Mann, gegen den Idya keine Chance hatte. Er lehnte sich bei Archiaon an und der verstand die Geste. Er stützte seinen Freund und nickte Daniel und Erdogan zu. „Wir sind nebenan, wenn ihr uns braucht.“

„Wir wecken euch, wenn wir zurück sind. Sicherlich brauchen wir dich dann sowieso“, sagte Daniel noch, weil sich sonst keiner nach den beiden umsah. Erdogan bekniete immer noch sein Seepferdchen und Meodin schlief. Daniel hatte dem Prinzen verboten, zu versuchen das Seepferdchen zu wecken und der Prinz hielt sich daran, wissend dass es zu Meodins Bestem war.

+++

Eilig lief Telemachos durch die Straßen von Atlantis. Der Senat war zu einer Krisensitzung zusammen gerufen worden, nachdem sich rumgesprochen hatte, dass Archiaon sie verraten und Atlantis verlassen haben sollte. Es gab Gerüchte und so hatte man die Senatoren des alten und des neuen Senats zu einer Krisensitzung gebeten. Telemachos gehörte zwar nicht mehr dem Senat an, aber er wurde oft zu Beratungen dazu gerufen, denn sein Wort hatte immer noch Gewicht.

„Das darf doch alles nicht wahr sein“, knurrte er und hastete die Treppen zum Senatsgebäude nach oben. Er war spät dran, doch er hatte die Post lesen müssen, die ihn eben noch ereilt hatte. Sie war von Archiaon gewesen und er hatte geschildert, was passiert war und was er befürchtete. Und so war es auch eingetreten.

Er war der letzte, der den Raum betrat und alle sahen sich nach ihm um. Er sah ein Sammelsurium an Emotionen aus ihnen schlagen.

Wut, Unverständnis und am meisten Verunsicherung. Gerüchte kursierten durch die Stadt und machten es schwer sich ein klares Bild von den Geschehnissen zu machen. Telemachos setzte sich auf seinen Platz und wollte erst einmal hören, wie die Stimmung im Senat war, bevor er etwas sagte.

Doch man ließ ihn nicht. Auch der aktuelle Senat wusste, dass es nicht viel Sinn machte, jeden wild spekulieren zu lassen. Es konnten zu viele schädliche Äußerungen fallen, die sich dann in den Köpfen festsetzten. Und so rief man Telemachos nach vorn. „Du hast ihn alles gelehrt. Sag uns, was in Archiaon vorgeht“, forderte Ikarus ihn auf.

„Auf jeden Fall kein Verrat. Archiaon war und ist ein loyaler Senator, der das Wohl seines Volkes über alles stellt.“ Telemachos sah zu den anwesenden Senatoren und sein strenger Blick erstickte das Murmeln, das durch den Raum ging. „Es stimmt, er ist nicht hier, er hat Atlantis verlassen, aber wenn er das nicht getan hätte, wäre er jetzt wahrscheinlich tot.“

„Sie haben Muscheln nach ihm geworfen und ihn verletzt!“, schrie plötzlich Idya, denn sie hatte alles gesehen. Ihre Fäuste waren geballt und ihre Augen glühten. „Sie haben ihm nicht einmal zugehört. Meodin war ihnen völlig egal. Im Augenblick weiß ich nicht, ob ich für das Volk, das so mit seinen Senatoren umgeht, überhaut auch nur noch einen Finger krumm machen will!“ Sie wusste ganz genau, dass sie provozierte, doch das war Absicht. Die Frauen und Männer mussten aufwachen und begreifen, was passiert war.

Ein Raunen ging durch die Menge und einer der Senatoren sprang empört auf. „Er hat Kontakt mit der Oberfläche aufgenommen. Das ist Verrat. Er wollte den Gottgleichen wieder Zutritt zu Atlantis gewähren. Er hat uns betrogen.“ Erikles sah sich mit blitzenden Augen um. Archiaon hatte sie verraten, davon war er überzeugt.

Idya wollte aufbegehren, doch Telemachos deutete ihr mit einer Geste an, erst einmal zu schweigen. Sie war zu hitzig für die älteren Herren. „Das, mein lieber Erikles, hat bereits jemand anderes getan. Ich klage niemanden an und ich verdächtige niemanden, aber mir liegt Material vor, das beweist, dass die Spiele manipuliert worden sind, damit Athleten, die den Gottgleichen in den Kram passen, auf die ersten Plätze kamen. Ein Großteil der vielen Unfälle waren keine.“

„Was soll das heißen“, verlangte Erikles zu wissen. „Die Gottgleichen sollen die Spiele manipuliert haben? Dann ist es doch klar, wer das gemacht hat.“ Der Senator sah sich um und sein Gesicht verzog sich verächtlich. „Archiaon war einer von ihnen und er ist es immer noch. Die ganzen Jahre hat er uns betrogen und nur auf eine Gelegenheit gewartet, sie wieder hier her zu holen.“

„Na, das erzählt ja der richtige“, sagte Telemachos nur, denn dass ausgerechnet Erikles den Mund so weit auf riss, wunderte ihn gar nicht. Doch wer sich dabei filmen ließ, wie er Männer bezahlte, die wenig später dabei erwischt wurden, wie sie Athleten versuchten aus dem Weg zu räumen, sollte vielleicht leisere Töne anschlagen. Eindringlich sah er Erikles an, hoffend dass er nicht die Bilder auf die Leinwand bringen und den Senator brüskieren musste.

„Das ist doch völliger Blödsinn.“ Pylos sprang auf, denn er konnte einfach nicht zulassen, dass sein Freund so verunglimpft wurde. Erikles traute sich das nämlich nur, weil Archiaon nicht da war, um sich zu wehren. „Wenn jemand diese Teufel nicht wieder nach Atlantis holen will, dann ist es Archiaon. Er hat geholfen sie zu vertreiben. Wenn er immer noch einer von ihnen wäre, hätte er das ganz bestimmt nicht getan.“

„Wo sind denn die Gottgleichen, die er angeblich her geholt hat? Jeder kann bezeugen, dass die Fremden von vorhin lediglich ihren kranken Freund eingeladen haben und Archiaon und Elaios das Leben gerettet haben, als der Pöbel auf sie los gegangen war!“ Idya konnte nicht mehr an sich halten. Sie verstand Demona nur zu gut. Sie hatte gerade selber das Gefühl, für diese Gruft der Ignoranz noch zu lebendig zu sein.

„Vor allen Dingen, wäre es doch mehr als dumm, sie so öffentlich hier ankommen zu lassen. Diese Fremden waren nicht die Gottgleichen und Archiaon würde sie auch nie hierher holen.“ Pylos stellte sich zu Telemachos und Idya. Was hier ablief gefiel ihm gar nicht. „Hat Archiaon jemals etwas getan, was euch Anlass dazu gibt, zu glauben, er wäre ein Verräter?“, fragte er mit blitzenden Augen in die Menge.

Doch keiner konnte etwas dazu entgegnen, denn Archiaon hatte sich noch nie etwas zu schulden kommen lassen. Er war immer für sein Volk da gewesen, Tag und Nacht hatte er jeden empfangen, der Hilfe und Rat bei ihm gesucht hatte. Ihn jetzt so zu beschuldigen, ohne Beweise vorlegen zu können, war den meisten wohl etwas peinlich. Die Blicke senkten sich auf den Boden.

„Der Fremde war wirklich krank. Mein Bruder und ein paar Freunde hatten ihn aufgelesen und beim Senator vorbei gebracht“, sagte einer.

Ganz allmählich begann die Stimmung sich zu verändern. Es wurde vielen klar, dass sie sie sich hatten aufhetzen lassen, obwohl sie es besser wussten. Einige begriffen, was passiert war. Jemand versuchte sie zu benutzen und es war kein angenehmer Gedanke, dass es fast funktioniert hätte. „Wer waren die Fremden, die ihn mitgenommen haben?“, fragte einer der Senatoren.

„Meodins Freunde aus Neo New York, das ist eine Kuppel an der Oberfläche, dicht am Wasser. Auch sie kämpfen gegen die Gottgleichen und Meodin war ein Opfer. Die Gottgleichen hatten Experimente mit ihm gemacht. Elaios und ich haben versucht ihn zu befreien.“ Idya fing an die Geschichte zu erzählen. Von dem Unwetter bei den Spielen, von den Rettungskuppeln und Meodin. Sie hörte erst auf, als sie geschildert hatte, wie ein einziger den Pöbel am Hafen aufgehetzt hatte und sie schämte sich dafür, dass Atlanter so oberflächlich sein konnten.

Nachdem sie geendet hatte, herrschte Schweigen in dem großen Senatssaal. Die Senatoren wirkten betroffen. Sie waren manipuliert worden und sie mussten sich eingestehen, dass sie sich die letzten Jahre viel zu sicher gefühlt hatten und somit ihren Feinden Tor und Tür geöffnet hatten. „Archiaon und Elaios müssen zurück kommen“, rief einer und immer mehr Rufe dieser Art wurden laut.

„Wenn sie schlau sind, lassen sie euch mit eurem Ärger alleine sitzen“, sagte Idya. Sie war immer noch wütend über die Wankelmut dieser Atlanter. Sie erkannte ihr eigenes Volk einfach nicht mehr wieder. „Vielleicht kann er ja den Oberflächenbewohnern dabei helfen, die Gottgleichen zurück zu drängen, ihr habt seine Hilfe ja nicht gewollt.“

„Idya“, sagte Telemachos, weil man das so erwartete, doch im Geiste applaudierte er der jungen Dame. Sollten die Senatoren mal selber versuchen, die Karre aus dem Dreck zu ziehen.

Idya war auch noch nicht gewillt Preis zu geben, dass es nur einen Anruf brauchte, um Archiaon wieder zurück zu holen. Zwar wollte sie ihre Freunde wieder bei sich haben, aber jetzt brauchten die Senatoren einen Denkzettel und sie verzichtete gern eine Weile auf sie. Jahrelang hatten sie sich auf Archiaon verlassen. Er musste Lösungen für ihre Probleme finden, jetzt sollten sie das erst einmal alleine versuchen und wenn sie scheiterten, was sie annahm, konnte Archiaon zurückkommen.

„Das kann er nicht machen“, sagte ein junger Neuling, der in den zukünftigen Senat gelangt war. „Er kann uns nicht einfach im Stich lassen, wenn er weiß, dass diese Wahnsinnigen schon unter uns sind und versuchen, alle die auszuschalten, die gegen sie sind.“

Idya rollte die Augen. Noch einer der vorgehabt hatte, sich auf Archiaons Leistungen auszuruhen, anstatt selber tätig zu werden.

„Macht euch doch nicht solche Gedanken“, sagte Erikles, der wieder Oberwasser fühlte. „Er wird zur Wahl nicht da sein, das heißt auch, dass er nicht mehr im Senat sein wird, egal ob er zurück kommt oder nicht. Soll er bleiben, wo der Pfeffer wächst, wenn er uns so hängen lässt.“

„Er hat niemanden hängen lassen.“ Dardanos sprang auf. Bisher hatte er sich zurück gehalten. Als sein Neffe hätte er bei der aufgeheizten Stimmung eher geschadet, als genutzt. „Unser Volk hat ihn vertrieben und darum ist er nicht dafür verantwortlich, dass er nicht hier sein kann. Du kannst ihn nicht aus dem Senat ausschließen. Er hat sich seinen Platz erkämpft und er hat ihn angenommen. Er ist Senator, egal, ob er hier ist, oder nicht, genauso wie Elaios.“

„Hock dich wieder hin, die Lobeshymnen auf deinen Onkel kannst du uns ersparen“, sagte Erikles und Telemachos hatte jetzt die Nase gestrichen voll. „Ich würde dir raten, jetzt ganz genau hinzusehen und uns am Ende zu erklären, was wir da gesehen haben“, sagte er und ließ auf der Leinwand hinter dem Rednerpult die zusammengeschnittenen Szenen laufen.

Irritiert sah Erikles auf den Bildschirm. „Was meinst du damit?“, fragte er scharf, aber als die ersten Szenen über die Leinwand liefen, wurde er blass. „Das ist eine Fälschung“, rief er aufgebracht. „Man will mich diffamieren“, versuchte er die Stimmung wieder rum zu reißen, aber erfolglos. „Erkläre uns, warum die Männer, denen du Geld gegeben hast, später einige der Athleten, die gute Aussichten auf einen Senatsplatz hatten, in Unfälle verwickelt haben, so dass sie verletzt wurden?“

„Glaubt ihr diesen Blödsinn etwa? Da erlaubt sich doch jemand einen ganz miesen Scherz auf meine Kosten. Ich würde doch niemals die Wettkämpfe türken wollen.“ Erikles versuchte immer noch, von sich abzulenken.

„Den da kenn ich!“, schrie Idya plötzlich und Telemachos hielt das Bild an.

„Wen?“, fragte er und Idya lief zur Leinwand, um auf einen Mann zu deuten.

„Der hat vorhin die Sachen nach Archiaon geworfen! Und ihn verletzt.“ Idya war außer sich, als sie zu Erikles herum schoss. Was war das denn für einer? „Verlogener Mistkerl!“

Stimmengemurmel setzte ein und einer der neuen Senatoren erhob sich. Er fühlte sich sichtlich unwohl. „Ja, das kann ich nur bezeugen. Dieser Kerl hat die Muscheln nach Archiaon geworfen und auch alle gegen ihn aufgehetzt. Ich weiß das so genau, weil ich dabei war.“ Der junge Mann war immer leiser geworden und Idya sah Erikles triumphierend an.

„Ich glaube, wir wissen jetzt alle, wer der Verräter ist. Was haben sie dir dafür versprochen, Erikles? Was ist dein Preis für den Verrat an deinem Volk?“

„Ich glaube nicht, dass du das verstehen würdest, kleines Mädchen“, sagte Erikles mit gebrochener Stimme. Er hatte verloren. Er hatte den Bogen überspannt und verloren. Vielleicht hätte er Archiaons Freunde nicht unterschätzen sollen. Das war ihm zum Verhängnis geworden. Es hatte nicht gereicht, dass Archiaon beim Wettkampf verletzt worden war. Er hatte sich einfach zu sicher gefühlt.

„Nehmt ihn fest.“ Telemachos übernahm wie selbstverständlich die Führung und niemand sagte etwas dagegen. Alle sahen zu Erikles, als er von den Wachen abgeführt wurde. Als die Türen sich hinter ihm wieder schlossen, hob der ehemalige Senator wieder die Arme, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. „Freunde, wir müssen etwas unternehmen und zwar schnell. Anscheinend haben wir uns zu sicher gefühlt. Wir müssen den Gottgleichen Einhalt gebieten. Sie dürfen nicht wieder an Macht gewinnen. Wir konnten sie einmal verbannen, aber ich fürchte, ein zweites Mal wird es nicht funktionieren.“

„Was schlägst du vor. Ich weiß nicht, wem ich noch trauen kann. Der offensichtliche Verräter war keiner, dafür ein anderer. Die Spiele waren teils manipuliert und...“, der junge Mann brach ab, denn allmählich wurde ihm einiges bewusster. Der einzige, der wusste wie die tickten, gegen die sie kämpfen mussten, hatten sie vertrieben. Sie waren in der Kuppel, sie hatten sich unter das Volk gemischt.

„Ich weiß, aber uns geht es allen so.“ Telemachos ließ sich in seinen Sessel fallen. Seine Beine vertrugen das lange Stehen nicht mehr sehr gut. „Wir können nur hoffen, dass Archiaon, wenn wir mit ihm Kontakt aufnehmen können, zurück kommt und uns hilft.“

„Wir müssen den Kontakt suchen. Ganz einfach. Zur Not müssen wir schwimmen. Das kann so schwer nicht sein. Idya sagte doch, sie waren so gut wie da, als sie Meodin gerettet haben. Es geht!“ Eratos hatte sich erhoben. Er wollte nicht herum sitzen und sein Schicksal beweinen. Demona hatte ihm die Chance gegeben, über das Schicksal der Kuppel zu entscheiden und das wollte er tun. Sie vor allen anderen setzte Hoffnung in ihn, die er nicht enttäuschen wollte.

Endlich einer der anfing, seinen Kopf zu gebrauchen und der bereit war etwas zu tun. Telemachos sah zufrieden auf den jungen Mann. „Wir werden Archiaon kontaktieren und er wird entscheiden, ob er zurückkehren will.“

„Machen wir das gleich“, sagte Eratos, doch Telemachos schüttelte den Kopf. „Gib ihm ein paar Tage. Nach dem, wie er hier behandelt worden ist, wäre es besser, er kann das eine oder andere hinter sich lassen.“ Er konnte ja schlecht zugeben, dass er Angst davor hatte, dass es Archiaon da oben gut gefiel und er ihnen nur eine lange Nase drehte und sagte: werdet mit eurem Problem selber fertig. Er wusste, dass Archiaon so nicht war, doch bisher hatte er geglaubt für ein loyales Volk zu kämpfen. Was die Schmach in ihm ausgelöst haben könnte, wollte sich Telemachos nicht ausmalen.

Eratos nickte. Telemachos kannte Archiaon am besten. „Treffen wir uns morgen früh, um zu beraten, was wir unternehmen können. Archiaon soll stolz auf uns sein, wenn er wieder nach Hause kommt.“ Eratos sah auffordernd in die Runde und immer mehr Köpfe nickten. „Wir werden kämpfen.“

„Na, und ob wir kämpfen werden!“, rief ein anderer und stand auf. Einer nach dem anderen erhob sich und Telemachos atmete auf. Er musste das Archiaon nachher unbedingt berichten, wenn er sich meldete und dass er sich meldete war ihm klar.

„Ruht euch jetzt aus. Lasst sacken, was ihr gehört habt. Wir treffen uns morgen mit neuer Kraft und vielleicht mit neuen Erkenntnissen“, sagte der Mentor und erhob sich ebenfalls.

„Danke für eure Hilfe. Ich weiß nicht, was ich gemacht hätte, wenn sie Archiaon wirklich weiter verdächtigt hätten“, sagte Idya leise. Sie hatte jetzt wieder Hoffnung, dass alles wieder gut werden konnte. Aber erst einmal mussten sie zusehen, dass Elaios und Archiaon zurückkamen.




23

„Archiaon, kannst du auf die Brücke kommen?“ Leander klopfte an die Tür, hinter der die beiden Atlanter schliefen. Sie hatten fast Neo New York erreicht und ihm war es lieber, der Senator war dabei, wenn sie andockten. Man wusste ja nie. Mit Erdogan war noch nicht viel anzufangen, denn Meodin schlief immer noch. Daniel hatte ihm ein Mittel gegeben, damit er sich im Schlaf erholen konnte und sich nicht unnötig aufregte. Eigentlich sollte Daniel nur noch ein rauchendes Aschehäufchen sein, weil Erdogans Blicke ihn verbrannt hatten, aber zum Glück konnten die Blicke des Prinzen nicht wirklich töten.

Noch verschlafen öffnete Archiaon die Tür und gähnte. „Wir sind bald da, oder?“, fragte er und schloss die Tür, damit Elaios weiterschlafen konnte.

„Ja, und mir wäre es lieber, jemand der Ahnung hat, steht neben mir. Nicht dass wir gegen irgendetwas donnern und etwas kaputt machen, was wir vielleicht besser nicht hätten kaputt machen sollen, weil wir es noch zum Überleben brauchen.“ Leander kratzte sich am Kopf. Eigentlich war er nicht so ängstlich. Doch er war auch noch nie in einem Boot unter Wasser gewesen. Genaugenommen hatte er noch nie die Kuppel verlassen.

„Das Boot macht alles alleine, aber ich leiste dir gerne Gesellschaft.“ Archiaon folgte Leander auf die Brücke. „Wie wird es sein, wenn wir in Neo New York sind? Müssen wir damit rechnen, dort genauso begrüßt zu werden, wie wir von meinem Volk verabschiedet wurden?“, fragte er. Diese Frage beschäftigte ihn, seit sie das Boot betreten hatten.

„Nein“, sagte Leander und war sich sicher. „Unser Einsatzzentrum ist eine Kuppel unweit der Hauptkuppel. Keiner, ausgenommen der Fürst, hat Zutritt ohne unsere Erlaubnis. Ihr seid also völlig sicher. Die Moles werden euch nichts tun, ihr bringt ihnen Meodin zurück. Auch sie hängen sehr an ihm. Außerdem seid ihr unsere Gäste und werdet auch wie diese behandelt. Allerdings ist unser Lager eher spartanisch und wenn unser Geologe heraus bekommt, wer ihr seid und was ihr alles wisst, wird er dir auf dem Schoß sitzen – im übertragenen Sinne.“ Er grinste, weil ihm klar war, wer der junge Mann war, der Archiaon begleitete.

Archiaon ließ sich nicht anmerken, wie froh er über diese Versicherung war, aber er lächelte. „Ich werde schon mit ihm fertig“, lachte Archiaon leise. „Ich habe versprochen, dass ich euch helfe, so weit es mir möglich ist. Ich habe ein paar Dinge aus Atlantis Nord 035 mitgebracht, die ihn und euch vielleicht interessieren könnten.“

„Du weißt, wie man sich das Wohlwollen der Eingeborenen sichert“, lachte Leander und schlug Archiaon auf die Schulter. Auch wenn es grausam war, dass er aus seinem Volk gerissen wurde, so war er für ihn und seine Leute wieder ein kleiner Hoffnungsschimmer, um die Gottgleichen einzuholen. Und wenn es nur ein paar kleine Geheimnisse waren, die sie lüften konnten, so war das doch ein Anfang.

Auf der Kommandobrücke nahmen beide Platz und beobachteten, wie geschickt das riesige Boot sich durch das flacher werdende Wasser manövrierte. Vorbei an den Rettungskuppeln der Atlanter.

„Es ist schon erstaunlich, wie nahe unsere Völker zusammen gelebt haben, ohne etwas voneinander zu wissen. Oder besser, ohne dass wir etwas von euch wussten.“ Leander besah sich die Kuppeln genau. Er hatte sie schon auf dem Weg hierher bemerkt und Archiaon erklärte ihm gerne, was es mit ihnen auf sich hatte. „Dort haben wir Meodin nach seiner Befreiung hingebracht. Wusstet ihr, dass es eine weitere Bonder Kuppel gibt. Dort haben die Gottgleichen ihn hingebracht.“

„Wie bitte?“ Leander, der eben interessiert aus dem Fenster gesehen hatte, blickte Archiaon an. „Eine weitere?“, fragte er und wusste nicht, ob er die Antwort wirklich hören wollte.

„Es gibt sogar drei“, sagte Archiaon leise und grinste schief, weil Leander die Augen verdrehte. „Eine ist nicht mehr in Benutzung, eine habt ihr gefunden und die dritte ist winzig und nur für Eingriffe gedacht. Dort hatten sie Meodin hin gebracht, um ihn zu untersuchen.“

„Oh man.“ Leander strich sich über das Gesicht. „Weißt du, wie wir dort hinkommen? Ich will mir das zumindest einmal ansehen.“ Archiaon nickte. „Ich kann euch dort hin bringen. Möchtest du schwimmen, oder lieber nicht nass werden?“

„Wovon redest du?“, fragte Leander. Es war nicht so, dass er nicht schwimmen konnte, aber so viel Ausdauer, dass er zu einer weiteren Kuppel schwimmen konnte, die man von Bonder 482 aus nicht sehen konnte, hatte er beileibe nicht.

„Es ist nicht so weit wie du glauben magst. Man hat Bonder 481 einfach hinter künstlichen Hindernissen getarnt. Eine Pumpe wirbelt Sand auf, der das Wasser trübt. Man sieht Bonder 481 nur, wenn in den falschen Räumen Licht brennt und man genau weiß, wo man hin gucken muss.“

„Ich fass es nicht. Sie waren also die ganze Zeit in unserer Nähe und wir haben es nicht gemerkt?“ Leander gefiel der Gedanke überhaupt nicht. „Da gibt es bestimmt noch mehr, was wir nicht wissen, oder?“ Der Soldat war nicht wirklich überrascht, dass Archiaon nickte. „Ich werde mir erst einmal einen Überblick verschaffen und dann werden wir eure Lücken füllen, soweit ich das kann.“

„Guter Plan, vielleicht gelingt es uns eines Tages, diesen Wahnsinnigen das Handwerk zu legen“, seufzte Leander und sah wieder nach draußen. Irgendwo dort lag vielleicht Bonder 481, doch er sah wirklich nichts.

„Kennst du Moles“, fragte er Archiaon, sah aber weiter nach draußen. Im Spiegel des Glases sah er sein müdes Gesicht.

„Nein, ich kenne sie nicht, aber ich bin schon sehr gespannt sie zu treffen. Meodin hat uns von ihnen erzählt und auch, wie ihr sie getroffen habt und ich hoffe wirklich, dass ihr es schafft sie von den Drogen zu befreien.“ Archiaon beobachtete die Anzeigen des Schiffes und war zufrieden, alles arbeitete so, wie es sein sollte. „Die Gottgleichen sind skrupellos. Sie haben auch bei uns eine Rasse geschaffen. Die Sharker. Mischwesen aus Mensch und Hai.“

„Nichts anderes hatte ich erwartet“, knurrte Leander, die Kerle hinterließen aber auch wirklich überall ihre Fußabdrücke und das so nachhaltig, dass diese nicht mehr zu beseitigen waren.

„Warst du schon auf Bonder 482?“, fragte Leander, erinnerte sich dann aber daran, dass der Senator genau gewusst hatte, welche Knöpfe man drücken musste. Die Frage beantwortete sich also von selbst.

„Ja, ich war fast ein Jahr dort, als ich angeworben wurde. Sie betrieben es damals als eine Art Trainingslager. Dort haben sie alle Neuen hin gebracht und geschult. Da habe ich dann gemerkt, was sie wirklich sind und mich entschlossen, mein Volk von ihnen zu befreien.“ Archiaon dachte nicht gerne an diese Zeit zurück, aber jetzt würde er das müssen, wenn er seinen neuen Verbündeten zeigte, was er wusste.

„Eigentlich schade, dass so viele helle Köpfe ihre Fähigkeiten in den Dienst der falschen Sache stecken“, sagte Leander leise, „Odin hat uns erklärt, dass die Gottgleichen ihre Rekruten nur in der Elite suchen. Einen Verräter haben wir selbst in unseren Reihen enttarnt. Stimmt es, dass jeder seinen Namen als Tattoo trägt oder gibt es noch andere Erkennungszeichen?“ Vielleicht hatten sie ja nur die Hälfte gelöst und es arbeiteten weitere Läuse im Pelz? Wer wusste das schon?

„Ja, das stimmt. Jeder trägt ein Tattoo. Man bekommt es, wenn man offiziell aufgenommen wurde.“ Archiaon hielt nichts zurück. Er hatte sein Wort gegeben zu helfen und das nahm er sehr ernst. „Da die Tattoos aber immer an versteckten Stellen gestochen wurden und man nicht jeden kennen kann, der zu ihnen gehört, gibt es noch Codewörter und Gesten, an denen wir uns erkennen konnten.“

„Ah – okay. Aber ich kann davon ausgehen, dass die, die keine Tattoos haben auch keine Gottgleichen sind. Was freilich nicht ausschließt, dass Sympathisanten unter uns sind.“ Leander raufte sich die Haare. Das war doch alles zum verzweifeln.

Das Boot näherte sich langsam einer Felswand, die sich öffnete, als sie dicht genug heran gefahren waren. Lautlos glitt der Koloss in das Loch und somit in die Schleuse.

„Das macht es ja so schwer, sie los zu werden. Wir waren auch zu blauäugig, als wir sie verbannt haben. Sie haben im Hintergrund immer noch mitgemischt und wahrscheinlich viele unserer Entscheidungen beeinflusst.“ Archiaon seufzte leise, denn es war auch zu einem großen Teil sein Verschulden. Er hatte geglaubt, sie zu verbannen hätte gereicht.

Sie fuhren durch die Schleuse und vor ihnen öffnete sich ein weiteres Tor, dass sie in den Hafen einlaufen ließ, als sich der Wasserstand genügend abgesenkt hatte.

„Home, sweet home“, murmelte Leander und atmete tief durch. Erst jetzt fiel ein Teil der Anspannung von ihm ab. Das Boot hatte sie sicher und unbeschadet zurück gebracht. Was für eine technische Meisterleistung und einmal mehr tat es Leander in der Seele weh, dass die Menschheit davon nichts hatte, weil es gegen sie verwandt wurde.

„Meine Assoziationen zu diesem Ort sind nicht so positiv“, murmelte Archiaon und grinste schief. „Aber ich denke, das wird sich ändern, denn die Hausherren haben gewechselt.“ Es brachte nichts, in der Vergangenheit zu leben. Sie mussten nach vorne schauen. „Ich wecke Elaios, damit wir gleich los können.“

„Und ich gucke mal, ob das Seepferdchen Heimatluft schnuppert und wieder zu sich kommt.“ Auch Leander machte sich auf zu den Kabinen. Die Soldaten waren bereits ausgestiegen und Erdogan kam ihm gerade mit Meodin auf dem Arm entgegen.

„Bring ihn gleich rüber“, schlug er dem Prinzen vor und Erdogan knurrte leise, doch er nickte. Es war das Beste für Meodin. „Und sag Diego und Dylan Bescheid“, rief Leander ihm noch hinterher, auch wenn er wusste, dass Erdogan sein Seepferdchen im Augenblick eigentlich lieber für sich allein haben wollte. Nur verständlich. Aber die Moles vermissten ihn ebenfalls.

„Er liebt ihn sehr.“ Archiaon sah dem Prinzen hinterher, der Meodin nicht aus den Händen gab, als Soldaten ihm seine Last abnehmen wollten. Arme legten sich von hinten um ihn und der Senator lehnte sich etwas an und sah Elaios lächelnd an. „Du bist ja schon wach, Liebling.“

„Das Bett neben mir war sträflich leer, Schatz. Hast du so schnell die Nase voll von mir gehabt?“, knurrte Elaios und leckte Archiaon verspielt über den Hals, wurde aber rot als sich Daniel hinter ihnen räusperte. Sie standen dem Mediziner im Weg. Eilig huschte er an ihnen vorbei, denn die Situation war wohl für alle etwas peinlich.

„Ganz bestimmt nicht.“ Archiaon drehte sich zu seinem Schatz um und küsste ihn auf die roten Wangen. „Komm sehen wir uns unsere neue Heimat an.“ Er griff Elaios‘ Hand und ging vom Schiff. Sie waren die letzten und Leander wartete auf sie.

„Ich glaube, ihr braucht endlich wirklich euren Schlaf. Soll ich euch gleich rüber in ein Quartier bringen? Oder wollt ihr mit durch die Anlage?“, wollte der Soldat wissen, als sie langsam zum Fahrstuhl gingen. Sie mussten warten, denn der Fahrstuhl brachte gerade Erdogan und die anderen nach oben in die Ebene, auf der sich die Menschen gewöhnlich aufhielten und von der aus sie zu ihrer eigenen Kuppel kamen.

„Machen wir das mit dem Rundgang später. Nicht nur wir können Schlaf gebrauchen.“ Leander sah nicht weniger müde aus, als sie selber. „Ihr schlaft also nicht hier? Warum nicht? So weit ich mich erinnern kann, sind die Quartiere hier ziemlich bequem.“

„Aber das, was hier passiert ist und was hier gemacht wurde, lässt keinen von uns ruhig schlafen. Woher wissen wir, dass sie nicht eines Tages, wenn wir ihnen zu nahe kommen, die ganze Anlage mit Nervengas füllen, während wir schlafen? Nein, nein.“ Leander schüttelte den Kopf. Sie mochten paranoid sein, doch sie waren noch am Leben. So falsch konnte ihre Paranoia also gar nicht sein.

Der Fahrstuhl kam und sie stiegen ein.

Elaios nickte. Er konnte die Befürchtungen der Menschen hier verstehen. „Ich war noch nie auf dem Festland. Ich bin schon gespannt, die Sonne einmal ohne Wasser dazwischen zu sehen.“ Der Aufzug brachte sie nach oben und Elaios sah sich neugierig um. Es war so anders als Zuhause. Viel heller und er kniff immer wieder die Augen zusammen.

„Wir können es dimmen, wenn es für dich zu hell ist oder wir geben dir wie den Moles eine Sonnenbrille, die dunkelt das Sichtfeld etwas ab und schützt deine lichtempfindlichen Augen“, sagte Leander und reichte seine Brille weiter. Er trug auch immer eine bei sich, man wusste ja nie. Archiaon schien weniger Probleme damit zu haben.

„Hier entlang“, sagte er und schlug den Weg zum Ausgang ein. „Wir fahren rüber, das geht schneller als laufen.“

Elaios setzte die Brille auf und fühlte sich gleich etwas wohler. „Danke.“ So war es viel angenehmer. Seine Finger griffen Archiaons Hand fester, als sie durch die Gänge liefen. Die Vorstellung, dass sie sich gerade in einer Anlage der Gottgleichen befanden, ließ ihn sich unwohl fühlen. Es war alles so anders hier und neugierig betrachtete er den Wagen, der auf sie wartete und sie zur Kuppel bringen sollte.

„Steigt ein.“ Leander schwang sich hinter das Steuer. „Sightseeing verkneife ich mir. Das machen wir, wenn ihr wieder wach seid. Jetzt gibt es nur das nötigste.“ Er fuhr und erklärte kurz das Prinzip ihrer Kuppel und den Aufbau ihrer Anlage. „Ihr werdet in unserem Trakt Zimmer beziehen, das wird das Beste sein. Sicherlich werden wir diejenigen sein, die euch am häufigsten belästigen und besuchen werden, weil wir Hilfe brauchen. Das spart Wege.“ Er zwinkerte in den Spiegel und lachte.

„Solange ihr uns ein paar ungestörte Stunden lasst, ist das in Ordnung.“ Archion zwinkerte Leander zu, denn der konnte sich sicher denken, warum er auf ein wenig Privatsphäre bestand. „Wohnt Meodin auch in diesem Trakt“, fragte Archiaon. Elaios und er wollten gerne nach ihrem Freund sehen können.

„Ja, er wohnt auch in diesem Trakt, aber ihn zu besuchen dürfte schwierig sein. Er wohnt bei Erdogan und dessen Gemächer sind gesichert. Die Schlösser reagieren auf die implantierten Chips des Prinzen und von ein paar wenigen Auserwählten. Das war ein Zugeständnis an den Fürsten, der in Sorge um seinen Thronfolger ist.“ Sie fuhren aus dem Tunnel und Leander nickte seinen Soldaten zu, die gerade damit beschäftigt waren, ein weiteres Vorratslager zu errichten.

„Diese Männer sind unser Schutz“, dabei deutete er auf seine Jungs, „dort hinten liegt der Ausgang der Kuppel“, wieder deutete er auf etwas, „und dort ist das Lag... wah!“ Leander trat auf die Bremse und der Wagen stoppte ruckartig. „Diego!“, brüllte er und der junge Mole zog sofort den Kopf ein. Er war einfach aus dem kleinen Wäldchen geschossen gekommen und wäre fast überfahren worden.

„Tschuldigung“, rief er und wollte gleich wieder durchstarten, denn er wollte zu Meodin. Endlich war sein Freund wieder da, aber da sah er Leanders Begleiter. Die Gesichter kannte er noch nicht und kam neugierig näher. „Hallo“, sagte er lächelnd.

„Du bist ein Mole“, stellte Archiaon fest und besah sich Diego genau. „Meodin hat uns von euch erzählt.“

„Ja, bin ich!“ Stolz schlug sich der Junge gegen die Brust, dass es staubte, denn er hatte sich gerade ein Staubbad gegönnt im warmen Sand hinter dem Wäldchen. Elaios musste lachen und versuchte es zu verbergen, nicht dass der Kleine noch dachte, man würde ihn auslachen. „Schön euch kennen gelernt zu haben und jetzt muss ich zu Meo!“ Und dann sah man nur noch eine kleine Staubwolke und Diego war weg.

„Schön uns kennen gelernt zu haben? Er kennt doch nicht mal unsere Namen?“ Elaios war etwas irritiert.

„Das wird nicht mehr lange so sein. Diego ist neugierig und wenn er Meodin gesehen hat und sich keine Sorgen mehr um ihn machen muss, wird er euch auf die Pelle rücken und Löcher in den Bauch fragen. Was waren das nur für ruhige Zeiten, als er noch schüchtern war.“ Leander lachte und fuhr wieder an.

„Kinder sind erst dann Kinder, wenn sie die Welt in Atem halten. Lebhaft und neugierig, so müssen sie sein – egal welcher Rasse sie angehören.“ Archiaon lehnte sich wieder zurück und sah sich weiter um. Einiges kam ihm noch bekannt vor, vor allem die Pflanzen und Minerale. Doch er kannte ihre Namen nicht mehr, zu lange war es her gewesen. Für Elaios hingegen wechselte ein kleines Wunder das nächste ab.

Er wusste gar nicht, wo er zuerst hinsehen sollte. Alles war so anders. Die Gebäude, die Pflanzen, aber am meisten faszinierte ihn der Himmel. Strahlend blau, mit vereinzelten weißen Wolken und mitten darin die gleißende Sonne. Er hatte in den alten Geschichten davon gehört, aber es wirklich zu sehen war atemberaubend.

Eines Tages musste Idya das auch sehen. Vielleicht gelang es ihnen ja ihre Völker zu einen im Kampf gegen die Gottgleichen zu vereinen, vielleicht würde irgendwann ein Austausch stattfinden können und die Atlanter konnten sehen, dass nicht jeder, der hier oben lebte, der Teufel persönlich war.

„So, da sind wir“, sagte Leander, als er vor einem der Häuser hielt und lachte schallend, als aus einem Fenster gerade eine Ratte laut fiepsend flüchtete, ein Stück Futter in der Schnauze. Erdogan hatte sicher nur Augen für sein Seepferdchen und so war Sal gezwungen, sich anderswo Futter zu besorgen. Das ausgerechnet bei Allan machen zu wollen, war lebensmüde, denn er war schnell und hatte Sal gerade am Schwanz gepackt. Die kleine Ratte wurde nun mit dem Tode bedroht.

„Lass den kleinen Dieb leben. Erdogan hängt an ihm“, rief Leander hoch und der Kopf seines Freundes ruckte herum.

„Leander, du bist wieder da!“, rief Allan und ließ Sal los, der machte, dass er sich in Sicherheit brachte. „Was fällt dir ein, einfach zu verschwinden und mir nicht Bescheid zu sagen“, schimpfte der Wissenschaftler und der Soldat zog den Kopf zwischen die Schultern.

„Oh, oh“, kicherte Elaios und amüsierte sich köstlich. So verschieden waren ihre Völker anscheinend gar nicht.

„Notfall?“, versuchte es Leander vorsichtig und stieg aus, den Kopf immer noch zwischen den Schultern, denn sein Schatz konnte gut zielen – leider! „Meodin retten?“, schlug er noch einen Grund vor, doch Allans Gesicht machte klar, dass selbst das kein Grund war, nicht wenigstens eine kurze Nachricht zu hinterlassen. „Blöd gewesen und vergessen?“, fragte Leander in seiner Verzweiflung.

Allan schnaubte laut, aber sein finsterer Blick wurde etwas weicher. „Soldat“, knurrte er. „Darüber reden wir noch.“ Er verschwand wieder ins Innere und Leander entspannte sich ein wenig. „Ich zeige euch eure Zimmer und dann muss ich wohl Schadensbegrenzung betreiben.“ Er grinste schief zu den beiden Atlantern und führte sie ins Haus.

„Es wäre ratsam“, lachte Elaios und griff sich seine Tasche wieder. Archiaon tat es ihm gleich. So gingen sie ins Haus.

„Allan ist einer unserer Wissenschaftler. Zusammen mit Bill und ein paar anderen versuchen sie, das Serum so herzustellen, dass die Moles allmählich von der Droge weg kommen. Gleichzeitig forschen sie an dem drogenfreien Serum. Die Versuche laufen gerade, deswegen ist Jack auch noch nicht an euren Fersen.“ Leander öffnete eine Tür und trat ein. „Das wird euer Reich sein. Nicht groß, aber wir sind selten in den Zimmern. Zum Schlafen reicht es.“

„Es wird reichen, solange ich ein Bett habe.“ Allein der Gedanke, sich endlich hinlegen und schlafen zu können, ließ ihn gähnen. Darum verabschiedete sich Leander auch gleich. „Ihr könnt euch hier in der Kuppel frei bewegen, wenn ihr wollt. Schlaft gut“, verabschiedete er sich und ging hoch zu Erdogans Räumen. Er wollte noch einmal nach Meodin sehen, bevor er sich Allan stellte.

„Na, du Dieb?“, lachte er als er die oberen Flure betrat, wo sich Sal die Zeit mit klettern vertrieb. Er wusste, dass Erdogan in seinen eigenen Räumen nichts passieren konnte und so wagte er es ab und an auf Streifzüge zu gehen. Sal fiepste grüßend, dann war er auch schon durch das kleine Loch, dass er sich in die Tür genagt hatte. Ob Thom das schon gesehen hatte? Wohl nicht, Sal hatte noch beide Ohren.

„Hallo“, rief Leander, als er die Räume des Prinzen betrat. Sein erster Weg brachte ihn ins Schlafzimmer, wo er auch Erdogan fand. Er saß auf dem Bett neben Meodin, der immer noch schlief und hielt dessen Hand. „Geht es ihm besser?“, fragte er leise und legte seinem Freund eine Hand auf die Schulter.

„Zumindest behauptet Daniel das. Allerdings weiß ich nicht, ob das stimmt oder ob er nur sein Leben retten wollte“, knurrte Erdogan leise. Er hatte das strickte Verbot, Meodin zu wecken. Es hing viel davon ab, dass sein Körper sich erholen konnte. So blieb Erdogan nichts anderes übrig als zu warten. „Diego war auch schon da und informiert jetzt alle. Ich habe keine Lust, dass meine Räume jetzt zur Wallfahrtsstätte werden.“

„Wenn Daniel das sagt, wird das schon so sein.“ Leander sah auf das Seepferdchen und seiner Meinung nach sah er schon besser aus, aber er war da kein Experte. „Ich werde eine Wache vor deiner Tür postieren, damit keiner mehr rein kommt“, versprach er und verabschiedete sich. Erdogan wollte alleine sein und das respektierte er.

Und nun hatte er keine Vorwände mehr und holte tief Luft. Es stand noch eine Diskussion mit seinem Liebling an über das Abmelden und das Nachrichten hinterlassen. So klopfte er vorsichtig, ehe er eintrat und suchte Allan mit den Augen. So groß war das Zimmer ja eigentlich nicht.

 

24 

Erdogan, oben in seinem Zimmer würde einiges darum geben, sich endlich wieder mit seinem Seepferdchen streiten zu können. Immer wider strich er über die Finger in seinen und hob sie zu einem Kuss an seine Lippen. Er war fast verrückt vor Sorge gewesen, als er bemerkt hatte, dass Meodin verschwunden war. Er hatte jeden Stein in Neo New York umgedreht. Nicht einmal sein Vater hatte ihn davon abhalten können und den Streit, der daraufhin folgte, hatte man noch auf dem Flur gehört.

In dem festen Glauben, Meodin wäre weggelaufen, weil der Fürst ihn wie einen Gegenstand behandelt hatte, hatte Erdogan seinem Vater die Leviten gelesen. Eigentlich stand das nicht einmal dem Prinzen zu, doch als die Fürstin ebenfalls hinzugekommen war und bemerkte, um was es ging, stellte sie sich auf die Seite ihres Jungen. Nur das hinderte den Fürsten daran, Erdogan zu degradieren. Eleonore hatte ihrem Mann den Kopf gewaschen das niemand, der Gefühle hatte, wie ein Experiment zu behandeln war.

Danach hatte der Fürst seinen Sohn machen lassen, weil er gehofft hatte, dass Erdogan bald einsah, dass Meodin tot war, was er wohlweißlich aber nie laut ausgesprochen hatte.

Erdogan strich Meodin durch die Haare und beugte sich zu einem Kuss vor. Er durfte ihn nicht wecken, aber von küssen war nicht die Rede gewesen. „Werd wach, mein Herz, bitte“, murmelte er dabei.

Sanft strichen seine Finger über das geliebte Gesicht. „Ich hatte schon geglaubt, ich würde dich nie wieder sehen. Es war Schicksal, dass wir uns wieder haben, Meodin.“ Erdogan hatte bereits begriffen, dass er von Meodin nicht lassen konnte. Es war zu spät für ihn. Sie hatten eine zweite Chance bekommen und dieses Mal wollte er alles richtig machen. Nie wieder sollte der Fürst zwischen ihm und seinem Seepferdchen stehen – nie wieder.

Erdogan rückte näher, so das er sich vorsichtig an Meodin lehnen konnte. Er konnte immer noch nicht richtig glauben, dass er sein Seepferdchen wieder hatte und brauchte den Kontakt, um sich sicher zu sein.

Die Stunden nach seinem Verschwinden und der Augenblick als der blutige Chip gefunden worden war, waren die Hölle gewesen. Er hätte nicht gedacht, dass er zu solch innigen Gefühlen fähig wäre, doch er hatte schmerzlich lernen müssen, dass er es doch war. „Wirst du mich jemals lieben?“, flüsterte er leise und schloss die Augen. Sie brannten. Er hatte die letzten Tage zu wenig geschlafen, viel zu wenig.

Erdogan wusste, dass er sich nicht mehr nur damit zufrieden geben wollte, mit Meodin befreundet zu sein und mit ihm zu schlafen, weil es seinem Seepferdchen Spaß machte. Er wollte, dass Meodin genauso fühlte wie er und nicht zu wissen, ob das jemals passieren würde, schmerzte. Seine Lippen strichen über die weiche Haut und der Prinz seufzte.

Er hatte sich schon einen wirklich harten Brocken ausgesucht, denn Meodin hatte keine Ahnung, was Liebe eigentlich bedeutete. Er war zu jung dazu und Erdogan konnte nur hoffen, dass er in der Lage war, es seinem Seepferdchen beizubringen. „Hm“, knurrte es unleidlich neben ihm und Meodin drehte sich auf die Seite.

Ihre Gesichter waren sich jetzt zugewandt und einer von Meodins Armen legte sich auf Erdogans Hüfte. Der Prinz wagte kaum zu atmen und hoffte, dass er Meodin nicht geweckt hatte. Daniel würde ihn häuten, wenn er davon erfuhr. Was ihn aber nicht daran hinderte einmal, kurz an den verlockenden Lippen zu nippen. Er hatte diese Nähe so sehr vermisst.

Er wusste selbst, wie erbärmlich er gerade war, doch er war auch nur ein Mensch. Er konnte nicht funktionieren wie eine Maschine, so wie man das von Soldaten erwartete. Er konnte es nicht, das hatte er gesehen, als Meodin weg gewesen war. Er war zu nichts zu gebrauchen gewesen, hatte seine Leute in Gefahr gebracht und Leander hatte ihm Zwangsurlaub erteilt.

„Hm“, machte Meodin noch einmal, seine Lippen bewegten sich langsam.

Es schien so, als wenn er schnüffelte und rückte langsam näher. Erdogan erschauderte, als sich Meodins Nase in seine Halsbeuge drückte. Vorsichtig legte er einen Arm um Meodin und streichelte ihn sanft am Flossenansatz. Seit ihrem Unfall hatte sein Freund das nicht mehr zugelassen, aber noch schlief Meodin und Erdogan nutzte das aus.

Er mochte das Gefühl der weichen Haut unter seinen Fingern. Die Schuppen waren hier unglaublich weich und zart. Erdogan konnte einfach nicht widerstehen und so wie sich Meodin instinktiv gegen ihn drückte, schien er es nicht unangenehm zu finden. Erdogan legte seine Stirn an die seines Seepferdchens und stellte zufrieden fest, dass das Fieber wirklich gesunken war. Das war ein gutes Zeichen.

„Ich liebe dich“, murmelte er sanft, denn er wollte es wenigstens einmal sagen, auch wenn Meodin es nicht hören konnte. Er würde es nicht mehr sagen, bis er sich sicher sein konnte, dass Meodin verstand, was es bedeutete.

Wieder murmelte Meodin vor sich hin und langsam öffneten sich die Augen. Sie waren verschleiert und Meodin hatte das Gefühl, ein Fels ruhte auf seinem Körper. Er fühlte sich schwer und erschlagen und das atmen fiel ihm schwer. „Erdogan?“, flüsterte er und glaubte zu träumen, denn dort wo er jetzt war, konnte Erdogan gar nicht sein. Er wusste ja nicht einmal wo Atlantis lag.

„Ich bin hier.“ Erdogan strich Meodin vorsichtig ein paar helle Strähnen aus dem Gesicht und küsste ihn vorsichtig. Er sollte Daniel holen, aber er wollte diesen Augenblick genießen. Er hatte es so sehr vermisst, in diese schönen Augen zu sehen und diesen Moment wollte er mit niemandem teilen. „Schlaf noch ein wenig, damit du schnell wieder gesund wirst.“

„Erdogan?“, fragte Meodin völlig irritiert, denn der hier schien echt zu sein. Wo kam er her? „Wie kommst du hier her?“, flüsterte Meodin und war verwirrter denn je. Vorsichtig sah er sich um. Er kannte den Raum – das war nicht das Gästezimmer. Sein Schädel hämmerte und die Lunge rasselte, als er tief Luft holte. Dann musste er husten.

Sofort richtete sich Erdogan auf und zog Meodin so an sich, dass er leichter husten und atmen konnte. „Ich hab dich nach Hause geholt. Hier kannst du wieder gesund werden“, beantwortete er Meodins Frage. Seine Hand strich über den zuckenden Rücken und er fühlte sich ein wenig hilflos, weil er seinem Seepferdchen nicht helfen konnte.

Meodin hustete und als er endlich freier atmen konnte, sank er wieder in sich zusammen. „Du hast... mich geholt?“, fragte er und konnte nicht vermeiden, dass seine Stimme verwundert klang. Das überforderte ihn gerade und so schloss er wieder die Augen. Was Erdogan sagte, passte nicht in sein Bild. Das klang ja gerade so, als hätte er doch nach Meodin gesucht.

„Was dachtest du denn? Dass ich es einfach hinnehme, dass du weg bist und mir keine Sorgen mache.“ Erdogan konnte nicht verhindern, dass er verletzt klang, denn die Worte schmerzten ihn sehr. Meodin hatte nicht geglaubt, dass er ihn suchen würde, aber er riss sich zusammen. Er wollte Meodin keine Vorwürfe machen. Darum klang seine Stimme wieder freundlich und sanft, als er weiterredete. „Ich bin bald verrückt geworden vor Sorge und habe dich überall gesucht.“

„Das ist schön“, nuschelte Meodin und wirkte ein kleines bisschen zufriedener. Seine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln und er robbte noch etwas dichter an Erdogan, als er sich wieder hinlegte. Sein ganzer Körper fühlte sich taub an und nur allmählich kam Leben in ihn. Er begriff, dass er wieder daheim war, dort wo er hin gehörte.

„Schlaf noch ein wenig, damit du schnell wieder gesund wirst.“ Erdogan streichelte Meodin vorsichtig und küsste ihn auf die Schläfe. „Wir reden, wenn du dich besser fühlst.“ Seine Finger strichen wieder um die Flosse, weil es Meodin beruhigte und er schloss selber die Augen.

Nach einer Weile kam Michael zurück. Er war im Lager gewesen, um zu helfen. Er brauchte eben auch eine Aufgabe. „Alles okay?“, fragte er, als er Erdogan neben seinem Seepferdchen sah. „Braucht ihr etwas?“ Er stellte nur den Tee auf den Nachtschrank und zog sich vorerst wieder zurück, um nicht zu stören.

„Nein, danke“, murmelte Erdogan, ohne die Augen zu öffnen. „Geht es unseren Gästen gut?“, fragte er noch. Er musste sich später bei Archiaon und Elaios entschuldigen. Er hatte sie bisher vollkommen ignoriert und sich noch nicht einmal dafür bedankt, dass sie Meodin gerettet hatten. Das ziemte sich nicht für einen Prinzen.

Das ziemte sich eigentlich für niemanden, aber er war sich sicher, sie würden ihn und seine Sorge verstehen. Erst jetzt fiel ihm auf, dass einer der Soldaten, die sie bis hier hoch begleitet hatte, etwas Plüschiges mitgebracht hatte und er beguckte sich das grün-gelbe Ding. Was war das? Rückenflosse, Ringelschwanz, spitze Schnauze, schwarze Augen, eine Naht auf dem Bauch – ein Seepferdchen. Erdogan grinste und machte die Augen wieder zu, hielt das Ding aber weiter in der Hand.

Es war so schön weich, dass er damit einmal über seine Wange strich. Das fühlte sich gut an, darum legte er das Plüschtier so, dass es halb zwischen ihnen lag. „Schlaf gut, mein Herz“, murmelte er leise, dann konnte auch Erdogan endlich schlafen.

Er wurde wach, weil es leise an der Tür klopfte. Michael hatte den Arzt noch einmal eingelassen, der davon ausging, dass Meodin langsam wach sein musste, und so wollte er sehen, wie es seinem Patienten ging. „Erdogan“, fragte er leise, weil er die beiden nicht wecken wollte. Wenn sie fest schliefen, dann ging er eben wieder.

„Ja?“ Erdogan rieb sich über die Augen und sah neben sich. Meodin schlief noch. „Was gibt es?“, flüsterte er und sah zur Tür. Er machte keine Anstalten aufzustehen, denn das würde sein Seepferdchen wecken, der sich förmlich um ihn gewickelt hatte. Es war ein schönes Gefühl, dass sich daran nichts geändert hatte.

„Ich wollte nach ihm sehen, aber wenn er so nach dir greifen kann, dann wird das Schlafmittel aufgehört haben zu wirken. War er schon mal wach?“ Daniel kam näher. Er hatte eine Verantwortung und zumindest die Werte wie Temperatur und Herzschlag wollte er messen.

„Ganz kurz. Er bekam erst etwas schlecht Luft, aber nachdem er gehustet hat, wurde es besser und er ist wieder eingeschlafen.“ Ganz automatisch strichen die Finger des Prinzen durch das weiche Haar und er lächelte, weil Meodin leise grummelte.

„Okay, dann hab weiter ein Auge auf ihn. Michael wird euch etwas zu essen und zu trinken bringen. Wenn er wach wird, soll er etwas zu sich nehmen und dir könnte das auch nicht schaden. Bei größeren Komplikationen ruf mich an. Ich habe den Kommunikator immer dabei.“ Daniel packte sein Zeug wieder zusammen, sah auf das grün-gelbe Plüschding, doch dann war er auch schon wieder weg. Er wollte sehen, wie es den Gästen unter ihren Bedingungen ging, nicht dass denen das gleiche drohte wie Meodin.

Erdogan brummte nur zustimmend und schloss wieder die Augen. Er war immer noch müde. Sein Körper bestand nun auf die Erholung, die der Prinz ihm seit Tagen versagt hatte. Er rückte näher an Meodin heran und strich, kleine Küsse verteilend, über die weiche Haut.

 

„Langsam wird es wieder mit ihm“, sagte Daniel, als er von Michael zur Tür begleitet wurde und damit meinte er nicht nur Meodin. Auch der Prinz war wieder ansprechbar und ging nicht gleich an die Decke, sobald man ihn störte. Langsam ging er ein paar Etagen tiefer, wich geschickt Diego aus, der drei Rüben im Lager geklaut hatte und nun mit seiner Beute ungesehen zu entkommen versuchte.

Daniel tat so, als wenn er das nicht bemerkt hätte und grinste. Es würde turbulent werden, wenn Meodin wieder auf dem Posten war und die drei die Gegend unsicher machten. Er klopfte an die Tür von Archiaons Zimmer und wartete darauf, dass er herein gerufen wurde.

„Hm“, war das erste, was er hörte, doch er reagierte erst mal nicht. „Ja-ha!“, kam es also etwas lauter, als sich an der Tür nichts regte. Und so steckte Daniel den Kopf vorsichtig rein. „Alles klar? Geht es euch gut? Merkt ihr irgendwas wegen Druck oder Übelkeit oder so was?“, fragte er gleich von der Tür aus und vermied es genau hinzusehen. Nicht dass er noch etwas sah, was er vielleicht nicht sehen sollte.

„Komm rein, alles ist züchtig bedeckt“, lachte Archiaon leise und hustete. Er fühlte sich ein wenig schwindelig und er hatte das Gefühl, dass die Luft stickig und heiß war, obwohl sie das Fenster geöffnet hatten. „Mir ist ein wenig schwindelig und heiß. Ob es an dem Druck liegt, weiß ich nicht, aber ich nehme es an.“

„Wie kann ich euch helfen? Ich weiß nicht, wie ihr das vertragt, was ich euch geben kann.“ Daniel hatte es befürchtet und kratzte sich über den Nacken. „Würde eine Druckkammer helfen?“ So groß war der Unterschied sicherlich nicht, aber man wusste ja nie. „Wie macht ihr das in den Rescue-Kuppeln, von denen Leander erzählt hat. Haben die auch Überdruck?“ Dabei untersuchte er Archiaon, hörte Herz und Lunge ab.

Elaios schlug sich gegen die Stirn und sprang aus dem Bett. Dabei war es ihm vollkommen egal, dass er nackt war. „Wir sind doch doof“, murmelte er und wühlte in seiner Tasche. Er hatte seine Schwimmausrüstung mitgenommen und darum hatte er auch das Mittel dabei, dass sie zum Druckausgleich benutzten. Das müsste doch an Land auch funktionieren. Mit dem Mittel kam er wider zum Bett und erklärte Daniel, was das war. „Meinst du, das würde funktionieren?“

„Zumindest vertragt ihr es und es wird nicht schaden“, sagte er und nickte. „Versucht es und meldet euch in einer Stunde noch einmal. Ich will wissen, wie es euch geht. Nicht dass der nächste fast eingeht und gerettet werden muss.“ Er grinste und zwinkerte, dann machte er, dass er vom Acker kam und ließ die beiden allein.

„Ist der jetzt geflüchtet?“, fragte Elaios und sah der geschlossenen Tür noch etwas zu. Während Archiaon dezent auf Elaios’ Nacktheit deutete.

„Mir gefällt ja sehr, was ich sehe, aber ich glaube, Daniel weiß deine Vorzüge nicht zu schätzen.“ Archiaon zog seinen Schatz zu sich und küsste ihn. Er ließ sich etwas des Mittels verabreichen und jetzt mussten sie abwarten, ob es funktionierte. „Lass uns noch ein wenig liegen bleiben“, sagte er mit einem spitzbübischen Lächeln. Warum nicht das Nützliche mit etwas sehr Angenehmen verbinden?

„Lüstling“, lachte Elaios, ließ sich aber wieder in Archiaons Arme sinken. Er schloss die Augen und holte tief Luft. „Was Idya jetzt wohl macht? Können wir sie kontaktieren? Wo wird sie rauskommen, wenn sie den Code anwählt, den ich ihr gebeben habe? Nicht, dass wir sie verpassen?“ Es ließ ihn einfach nicht los. Die Sorge, dass seiner Freundin etwas passiert sein könnte, nagte an ihm.

„Sie wird auf jeden Fall oben im Observatorium ankommen. Dort wird man sie hören und uns benachrichtigen.“ Achiaon beugte sich über Elaios und küsste sich von dessen Schulter über das Schlüsselbein, höher zum Hals und schließlich zu den Lippen. Noch immer waren sie nicht weiter bei ihren Zärtlichkeiten, aber langsam weiteten sie die Küsse aus. Wagten sich in bisher unbekannte Zonen vor.

Archiaon hatte sich geschworen Elaios nicht zu drängen. Er sollte das Tempo bestimmen und ihn bremsen, wenn er doch zu forsch wurde und so testete er immer einmal aus und wartete die Reaktion ab. Seine Finger liebkosten den festen Bauch und so brachte er Elaios dazu, sich wieder auf den Rücken zu legen und genießend die Augen zu schließen. „Entspann dich, mein Liebling“, murmelte Archiaon und genoss die noch schlaffeuchte Haut.

Immer wieder neckten seine Lippen das andere Paar und gleichzeitig streichelte seine Hand. Elaios so berühren zu dürfen, war herrlich und da sein Schatz es zu genießen schien, machte er weiter. Ab und zu verirrten sich seine Finger zu den Brustwarzen und reizten sie sanft.

Er bemerkte zufrieden wie der schlanke Leib sich bog und Archiaon küsste sich langsam tiefer, die Kinnlinie entlang zum Hals, bis er seine Lippen um eine der zarten Knospen legen konnte. Elaios seufzte angespannt. Es presste sich aus seinen Lungen. Was auch immer gerade mit ihm geschah, es war berauschend. Ob das an den Medikamenten lag oder am Druck, ihm war es egal, wenn es nur nicht aufhörte.

Archiaon spielte ein wenig mit den mittlerweile harten Knospen und als Elaios‘ Seufzen lauter wurde, küsste er sich tiefer. Er konnte einfach nicht widerstehen. Dieser herrliche Körper lockte ihn und er wollte, dass Elaios sich vor Lust in den Laken wand und er wollte dafür verantwortlich sein.

Es war zu verlockend ihn zu berühren und es wäre schwer sich jetzt noch zurück zu halten, sollte Elaios es verlangen. Doch der war dazu nicht mehr in der Lage. Er hatte den Kopf voller Zuckerwatte die jeden noch so kleinen Gedanken, der aufkeimen wollte, verkleisterte. Er ließ es nach ein paar Versuchen bleiben und fühlte nur noch. Fühlte die Hitze und die Gier, die er nicht beschreiben konnte. Gier nach Nähe, nach Berührungen, nach Archiaon.

Immer wieder hob er sich den Lippen entgegen. Ihm war heiß und seine Finger verkrallten sich in den Laken. Beruhigend strich Archiaon über den bebenden Leib, aber er erreichte genau das Gegenteil. Elaios stöhnte leise und wand sich auf den Laken. Er wollte mehr, so viel mehr.

Er hatte das Gefühl, etwas staute sich in ihm und konnte nicht abfließen. Immer drängender. Seine Beine öffneten sich und zogen sich langsam Richtung Bauch. Er wusste nicht warum, er wusste nur, dass er von Archiaon berührt werden wollte. Es war nicht dasselbe, als wenn er sich selbst verwöhnte und als die kräftigen Finger tiefer strichen, stöhnte Elaios ungehalten auf.

Er zog Archiaon zu sich hoch, denn er brauchte etwas um seine gestaute Energie abzulenken und dazu waren die Küsse seines Freundes wunderbar geeignet. Hungrig stürzte er sich auf Archiaon und plünderte dessen Lippen. Er konnte sich einfach nicht mehr beherrschen.

Sein Freund registrierte das mit wachsender Zufriedenheit und wagte sich nun etwas tiefer mit seinen Fingern. Elaios bot sich ihm so intensiv an, dass er einfach nicht nein sagen konnte. Er lenkte seinen Liebling also mit einem harschen Kuss ab und legte ihm eine seiner Hände in den heißen Schoß. Grinsend stellte er fest, dass er schon hart erwartet wurde.

Elaios riss sich aus dem Kuss, als die Finger sich um sein Glied schlossen und er stöhnte auf. „Ja“, stöhnte er langgezogen und drängte sich näher an Archiaon. Das war gut! So gut! besonders als die Hand sich bewegte und Archiaon ihn geschickt immer höher trieb.

Es war nicht das erste Mal, dass das jemand tat, doch es war das erste Mal, dass es nicht Elaios selbst war. Er konnte die Hand, die ihn liebkoste, nicht steuern, konnte nur genießen und lauernd darauf warten, dass sie ihn nicht verließ. Der Atem ging immer schneller, er konnte den Kuss kaum noch erwidern, keuchte ungehemmt – das war besser als jemals zuvor.

„Ich liebe dich“, flüsterte Archiaon, der den Kuss gelöst hatte, damit Elaios besser Luft bekam. So konnte er seinen Freund ansehen und sich an dem Anblick, den Elaios bot, erfreuen. Sein Liebling sollte es genießen darum bot er all sein Können auf, um so viel Lust wie möglich zu bereiten.

Seine geschickten Finger rieben den Schaft, verwöhnten die Hoden und trieben Elaios so ziemlich schnell vor sich her. Sein Atem floh nur noch, er keuchte, verdrehte die Augen – sein feuchter Leib wand sich in den Laken, die an ihm klebten. Noch ein bisschen – ein bisschen! Elaios spürte deutlich wie weit er war.

Seine Finger verkrallten sich in Archiaons Schultern und der konnte die Zeichen deuten. „Komm, Liebling. Lass dich gehen“, flüsterte er Elaios ins Ohr und küsste ihn wieder harsch. Zu wissen, dass er es war, der Elaios dazu brachte zu stöhnen und sich zu winden, war berauschender, als er sich vorgestellt hatte.

Eine letzte Berührung und Elaios verlor die Kontrolle, sein Leib wand sich in Archiaons Armen und matt sank er in die Kissen zurück. Er grinste schief und wirkte sichtlich zufrieden, doch sein Atem ging so schnell, dass er nicht reden konnte. So konnte er seinem Liebling nur durch die Haare streichen und die Augen schließen. Er spürte den Nachwellen hinterher, die langsam abebbten.

Archiaon hielt ihn fest und verteilte kleine Küsse auf dem ganzen Gesicht. Er fühlte sich gut und der leichte Schwindel hatte sich verflüchtigt. Grinsend fragte er sich, ob es an dem Mittel oder an dem lag, was sie gerade getan hatten und nahm sich vor, dass bald noch einmal auszutesten.

„D-das... war... gut“, murmelte Elaios, die Augen immer noch geschlossen. „D-definitiv... gut.“ Er blinzelte und grinste über das ganze Gesicht. Er bemerkte das offene Fenster und holte tief Luft. Er konnte nur hoffen, dass sie nicht all zu viele gehört hatten. Aber zumindest hatte niemand versucht etwas ins Fenster zu werfen um ihn zum Schweigen zu bringen.

Grinsend drückte Archiaon ihn an sich und strich ihm liebevoll über die Wange. „So hatte ich mir das gedacht“, schmunzelte er und schmiegte sich an Elaios. Sie sollten bald aufstehen, aber ein paar Minuten wollte er noch liegen bleiben.

„Ich kann nur hoffen, dass uns da draußen keiner gehört hat. Sonst haben wir gleich den richtigen Einstieg hinterlassen“, sagte Elaios und atmete mehrfach tief durch. Er fühlte sich besser, definitiv. Der Druck im Kopf war weg, das Schwindelgefühl ebenfalls und auch der Druck war von der Lunge verschwunden. „Aber lass uns dann mal nach Meodin sehen. Und dann gucken wir, ob wir Idya erreichen“, schlug er vor.

„Machen wir.“ Archiaon küsste Elaios sanft. „Solange du bei mir bist, kann ich es ertragen, dass Atlantis mich verbannt hat. Ich hoffe, dass wir eines Tages wieder zurück können.“ Archiaon holte tief Luft und grinste. „Aber jetzt erkunden wir diese neue Welt. Es gibt hier so viel, was wir nicht kennen.“

„Eben“, entgegnete Elaios und setzte sich auf. „Und vielleicht lernen wir etwas, was wir mitnehmen können. Unsere Völker sind gar nicht so verschieden. Wir haben eigentlich den gleichen Feind.“ Langsam erhob er sich, denn er wollte ins Bad um sich sauber zu machen. Das konnte er unmöglich in die Bettwäsche schmieren!

Archiaon folgte ihm, aber sie duschten nur schnell und tauschten ein paar Küsse. Leander hatte ihnen gesagt, wenn sie mit ihm Kontakt aufnehmen wollten, sollten sie einen der Soldaten ansprechen. Darum verließen sie ihr Zimmer und auch das Gebäude, bis sie auf jemanden trafen und ihn baten Leander zu kontaktieren.

„Klar, Moment... Lean!“, rief er in seinen Kommunikator und  zeigte den beiden den Daumen, als er seinen Kommandanten hörte. „Die beiden Neuen suchen dich, wo schwirrst du rum? ... Alles klar, ich bring sie rüber.“ Der Soldat steckte das Gerät weg und deutete auf einen der Wagen vor der Tür. „Er ist im Observatorium. Wollt ihr hin?“

„Ja, gerne.“ Sie folgten dem Soldaten zum Wagen und ließen sich zum Schott bringen, wo Leander sie schon erwartete.

„Scheint noch alles dran zu sein, soweit ich sehen kann“, flüsterte Elaios grinsend, aber so laut, dass Leander ihn hören konnte und musterte ihn von oben bis unten.

„Das liegt daran, dass ich als Krieger in sieben Verteidigungsstrategien ausgebildet worden bin und sie sehr gut beherrsche“, erklärte Leander und zwinkerte. Und außerdem beherrschte er noch eine Technik sehr gut, die hatte ihm mehr geholfen als alles, was er einmal in taktischer Kriegsführung gelernt hatte. Aber das behielt er für sich, ging keinen was an außer Allan, der aber schon wieder im Labor herum flitzte und mit Adrian tüftelte.

„Dann sind wir beruhigt“, grinste Archiaon und sie folgten Leander tiefer in die Anlage. Erst fühlte der Senator sich unwohl, aber das verflog schnell, als er sich klar machte, warum er hier war. Er blieb in der Tür zum Observatorium stehen und sah sich um, bis eine nörgelnde Stimme ihn aus seinen Betrachtungen holte. „Ist das der Kerl, der weiß, wie das Mistding hier funktioniert? Schick ihn rüber Lean, ich komm hier nicht weiter.“ Jack hatte schlechte Laune, seit er wusste, dass man die Kuppel einfach ohne ihn verlassen hatte.

Das war doch eine ganz groß angelegt Intrige gegen ihn gewesen, ihn erst zu einem Versuch ins alte Labor zu schicken und sich dann mit einem Tauchboot aus dem Staub zu machen.

„Hoppla“, sagte Elaios der mit einer solchen Begrüßung nicht gerechnet hätte, doch Leander ließ das so nicht im Raum stehen. „Wenn er dir helfen soll, würde ich dir raten, etwas höflicher zu sein“, schlug Leander vor und deutete Archiaon an, sich daran auch zu halten. Jack musste in seinem Alter erst noch erzogen werden, denn dieses Benehmen Gästen gegenüber duldete er nicht. Wie er mit ihnen umging, war egal – sie kannten ihn. Aber auf Fremde – das zeigte Elaios gerade deutlich – wirkte das nicht nur befremdlich sondern abstoßend.

Jack blitzte Leander wütend an, aber als der sich unnachgiebig zeigte, brummte er immer noch schlecht gelaunt. „Würdest du mir bitte weiterhelfen?“, wandte er sich an Archiaon. „Aber sicher gerne. Wobei kann ich dir helfen?“ Archiaon hatte beschlossen ihren schlechten Start einfach zu ignorieren.

„Leander hat mir ein paar Knöpfe gezeigt. Zum Beispiel wie man den Grundriss der Anlage aufruft, oder wie man Wegweiser aktiviert. Hat jeder der Steine im Rondell eine Bedeutung? Die kommt aber nicht beim einfach drücken, oder? Wir haben schon auf alles gedrückt, was wir finden konnten und waren keinen Schritt weiter. Und dann sind da noch die Farben und die tieferen Bereiche. Wozu waren die da?“ Jack fand, dass das für den Anfang reichte.

„Ich glaube Archiaon bereut es grade, so wie er guckt“, flüsterte Leander Elaios grinsend zu, denn der Senator wirkte etwas überfahren.

„Äh, ja. So ziemlich jeder Stein hat eine Funktion. Manche muss man drücken, manche drehen und bei manchen muss man eine Kombination drücken.“ Archiaon sah auf den Globus und kam näher. „Die Farben sind ein Code, damit man gleich weiß, wo man hingehen kann und wohin nicht.“

„Er hat es angeboten, jetzt muss er durch“, flüsterte Elaios zurück und guckte zu, wie Jack den Senator dichter an den Globus zog. „Was bedeuten die Farben? Sag schon – warum sind wir zur Hälfte blau und zur Hälfte grün? Hm?“ Er sah Archiaon auffordernd an.

„Grün bedeutet, erfolgreiche Experimente und blau die erfolgreiche Züchtung von Mischwesen. Das wären dann wohl die Moles.“ Archiaon fragte sich, was das andere geglückte Experiment war, aber da musste er erst forschen. „Schwarze Kuppeln wurden aufgegeben, rot bedeutet, dass es dort Krankheiten und Seuchen gibt, an den gelben haben sie kein Interesse und violett, dass ihre Experimente dort alle gescheitert sind, weil die Bewohner dagegen resistent sind.“

„Halt, halt, halt“ Jack glaubte gerade sich verhört zu haben. „Geglückte Experimente? Was soll das denn bitte heißen, hm?“ Eindringlich sah er den Senator an. Wusste der etwas und wollte es nicht sagen oder wusste der Kerl es wirklich nicht? Er versuchte ihn zu lesen, doch der Kerl war gut.

„Das frage ich mich auch und ich befürchte die Antwort darauf, egal wie sie ausfällt, wird euch nicht gefallen. Ich werde versuchen es herauszufinden, aber versprechen kann ich nichts.“ Archiaon ging um die Kugel und kurz blieb sein Blick auf Atlantis Nord 035 hängen. „Hier bin ich Zuhause“, sagte er leise, aber er riss sich von dem blauen Punkt wieder los. „Komm, ich zeig dir eine weitere Funktion.“ Archiaon drückte zwei Steine und wieder fuhr ein Terminal aus dem Boden vor das er sich setzte. Nur dass dort, wo der Globus vorher war, jetzt ein großer Bildschirm angezeigt wurde.

„Was ist das?“, fragte Leander und kam etwas näher. Jack hingegen schien immer noch darüber nachzudenken, was für ein geglücktes Experiment es in ihrer Kuppel hätte geben können. War das wieder etwas, auf das sie dann unvorbereitet stießen? So wie die Moles? Doch für deren Existenz stand die grüne Farbe. Es musste etwas anderes sein. Elaios war hinter seinen Freund getreten, er wollte auch wissen, was das war. „Das blau steht für die Sharker – oder?“, fragte er leise.

„Ja, in jeder blauen Kuppel, haben sie Mischwesen geschaffen und es zeigt leider auch, dass wir nicht sehr erfolgreich waren, sie zu vertreiben, denn sonst wäre unsere Kuppel nicht mehr blau.“ Archiaon weitete das jetzt aber nicht aus, denn eigentlich hatten sie das ja schon gewusst. „Na, dann wollen wir mal sehen, ob wir in den Zentralrechner kommen und ob wir dort etwas finden.“

„Dann versuch das mal“, sagte Jack, der sich das fast nicht vorstellen konnte. Doch er beobachtete Archiaon, wie er auf den Knöpfen herum drückte, als hätte er sein Leben lang nichts anderes gemacht.

„Glaubst du wirklich, sie hätten noch Zugänge ungesichert, nachdem wir alles auf den Kopf gestellt haben?“, fragte Leander der ebenfalls neugierig dabei zusah, wie Archiaon sich auf die Suche machte.

„Ich weiß es nicht, aber ein Versuch schadet nicht. Vielleicht haben sie Informationen nicht geschützt, weil sie ihnen unwichtig erschienen, aber die uns helfen können.“ Archiaon ließ sich nicht aus der Ruhe bringen und versuchte der Reihe nach, alle Passwörter die ihm noch im Gedächtnis waren. Manchmal musste man einfach auf Glück bauen.

Doch schnell musste er merken, dass die Gottgleichen besser vorgesorgt hatten, als ihm lieb war. Nicht nur, dass die Passwörter alle abgelehnt wurden, nach dem dritten Versuch hatte er gar nicht mehr die Chance, ein Passwort einzugeben. „Ich glaube nicht, dass man uns entgegen kommen will, hm?“, sagte Jack, keinesfalls überheblich sondern mitfiebernd. Leander grinste wie schnell Jack anhänglich wurde, wenn man nur den richtigen Köder hatte.

„Tja, sieht so aus.“ Archiaon war nicht sehr zufrieden, aber er hatte damit gerechnet, dass es nicht klappte. „Also werden wir wohl nicht so schnell erfahren, was für ein Experiment sie mit euch gemacht haben.“ Archiaon stand wieder auf und ließ wieder den Globus in der Mitte erscheinen.

Alle versammelten sich um ihn und betrachteten noch einmal das Gebilde. „Wie war das noch mal mit den Roten?“, fragte Leander und Jack antwortete ihm. „Da herrschen Seuchen und Krankheiten. Ist die Frage, ob die Mistkerle sie infiziert haben oder sie dort gar nicht erst hingehen, weil die Seuche tobt. Aber was war gelb.“

„Uninteressant für die Forschung, aus welchem Grund auch immer“, sagte Archiaon. Er hatte nie begriffen, welche Faktoren alle mit hinein spielten, um eine Stadt interessant zu machen oder eben nicht.

 „Das mit den Seuchen, kann beides sein. Sie haben mehr als eine verseucht, wie ich bei meinen Recherchen festgestellt habe. Schade, dass wir nicht mehr in den Rechner kommen. Dort wurde penibel alles dokumentiert. Das würde euch bestimmt einiges einfacher machen.“ Archiaon sah noch einmal auf seine Heimatkuppel, aber er wollte sich davon nicht runterziehen lassen.

„Die sind doch krank im Kopf“, knurrte Jack und streckte den Rücken durch. „Irgendwas müssen wir mit dem Wissen, das wir haben, anfangen können, um sie zu stoppen. Wir können nicht hier sitzen und die Hände in den Schoß legen.“

„Das hat auch keiner vor“, knurrte Leander und sah Jack fest an. „Aber überstützt zu handeln, schießt uns selber ins Knie, jeder Fehler kann bei diesem Gegner tödlich sein. Ich glaube, das hat uns Odins Tod ja wohl gelehrt.“

„Sie werden eh nicht gut auf mich zu sprechen sein, weil sie wissen werden, dass ich Meodin befreit habe. Auch wenn ich keinen von ihnen gesehen habe, wird alles videoüberwacht.“ Eigentlich hatte Archiaon sich schon gewundert, dass er bisher noch nichts gehört hatte, denn er hatte eindeutig gegen ihre Abmachung verstoßen.

Sie hatten ihn nur nicht auffliegen lassen, weil er Wohlwollen signalisiert hatte. Den Nichtangriffspakt hatte er jetzt gebrochen und er war Freiwild. Das beste Beispiel war Odin. So lange wie er in seiner kleinen Welt gewerkelt und allein versucht hatte, die Moles zu retten, war er keine Gefahr gewesen. Doch als er an die Bewohner der Kuppel sein Wissen weiter gegeben hatte, hatte auch er den Pakt gebrochen und teuer dafür bezahlt. Archiaon rechnete mit dem gleichen. Doch er sprach es nicht aus. Es reichte, dass er sich sorgte.

Elaios hatte die letzten Tage schon zu viel mitmachen müssen, da wollte Archiaon ihn nicht noch mehr belasten. Darum sah er kurz lächelnd zu seinem Freund. „Was habt ihr alles an Aufzeichnungen gefunden? Wenn ihr möchtet kann ich da ja mal drüber gucken. Kann sein, dass ich ein paar eurer Fragen beantworten kann.“

„Guter Plan, fangen wir gleich an“, schlug Jack vor und zerrte seinen Laptop zu sich. Zusammen mit dem Massenspeicher hatte er immer eine Kopie der Unterlagen, die sie gefunden hatten, bei sich und so konnten sie drüber gucken, gleichzeitig die Kugel weiter erforschen und der Geologe wirkte sichtlich zufrieden. Leander stand etwas abseits, Elaios ebenso. Er kam sich etwas überflüssig vor.

„Soll ich mal Erdogan fragen, ob wir Meo besuchen dürfen? Oder sollen wir mal nach den Moles sehen?“, schlug Leander deswegen vor.

„Oh ja!“ Elaios strahlte, sah aber kurz zu Archiaon. Da dieser aber bereits die Köpfe mit Jack zusammen gesteckt hatte, wurde er wohl nicht unbedingt vermisst. „Ich würde gerne wissen, wie es Meo geht und ich bin auch neugierig, die Moles kennen zu lernen. Meodin hat uns viel von ihnen erzählt, besonders von Dylan und Diego, mit denen er befreundet ist."

„Ja, ja, das Trio infernale. Es werden harte Zeiten, wenn die drei wieder zusammen unterwegs sind“, seufzte Leander, grinste aber, damit Elaios seine Worte einzuordnen wusste. Also setzten sie sich ab, denn hier konnten sie nicht helfen. Über den Kommunikator holte sich Leander das Einverständnis, nach Meodin zu sehen. Erdogan wirkt nicht mehr ganz so abweisend.