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Zyklus IV - San Francisco GX - Teil 1 - 3

Hinweise:

1. Dieser Zyklus ist eine in sich geschlossene Handlung, die mit der eigentlichen Geschichte um Erdogan und seine Kuppel nichts zu tun hat - eine Art Sidestory.

2. Diese Geschichte nimmt kein gutes Ende! Wer sowas nicht lesen mag, bitte Finger weg - und das meine ich ernst.



Zyklus IV - San Francisco GX
 

Prolog 

„Kann spät werden, Schatz“, sagte Dimitri und umarmte seine Frau von hinten. Sie stand an der großen Fensterfront ihres Apartments und blickte auf die Stadt zu ihren Füßen.

„Jeden Abend bist du unterwegs. Wir leben jetzt seit zwei Jahren hier und wir waren erst dreimal gemeinsam essen“, knurrte Wanja leise, doch sie suchte seinen Blick im Spiegelbild der Scheibe.

„Schatz, ich bin hier nicht zum Vergnügen. Las Vegas sieben hat mich als ständigen Diplomaten nach San Francisco GX geschickt. Es ist meine Aufgabe, die Interessen unserer Heimat im West-Verbund zu vertreten, so gut es geht.“ Er lächelte und küsste seine Gattin auf das Haar. Auch ihm schmeckte es nicht, ständig unterwegs zu sein, doch heute Abend traf er ein paar Industrielle aus San Diego 009. Das versprach Spaß, denn die verstanden es zu feiern.

„Ich weiß, Schatz.“ Wanja seufzte und drehte sich in seinen Armen. „Gregory und Olga sehen dich nur noch so selten. Sie verstehen nicht, warum ihr Vater nie da ist.“ Sie sah ihren Mann entschuldigend an und küsste ihn. Sie machte sich Sorgen um ihre Zwillinge, die noch zu klein waren, um zu verstehen, dass ihr Vater viel arbeiten musste.

„Schatz, dieses Apartment über den Dächern der Stadt bezahlt sich nicht von allein. Das hätten wir nicht, wenn ich nicht als Diplomat tätig wäre. Den Privatlehrer für die Süßen könnten wir uns ohne mein Diplomatengehalt nicht leisten und die eine oder andere Vergünstigung bringt mein Job ja auch noch mit sich. Und deswegen muss ich jetzt los.“ Er küsste sie sanft und lächelte, während sie ihm liebevoll durch die braunen, kurzen Haare strich.

Als er aus dem Haus trat, wartete der Wagen schon auf ihn, um ihn zu der Party zu bringen. Er freute sich schon auf seine Freunde, die ebenfalls auf der Party sein würden. Viele der Gäste kannte er noch nicht und so hatte er die Möglichkeit das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden und neue Kontakte zu knüpfen.

„Dimitri, mein Freund“, wurde der Diplomat schon begrüßt, als er aus dem Wagen stieg. Dwight stand – wie immer in einem zu engen Hemd, das über dem Bauch spannte – vor der Tür des alten Anwesens und grinste. „dass du dir den Abend nicht entgehen lässt, war mir klar.“ Dimitri grinste, so kannte er Dwight, wen er noch nicht kannte, war der junge, blonde Mann neben ihm, der zurückhaltend lächelte.

„Hallo Dwight“, gegrüßte er seinen Bekannten und hielt dann dem jungen Mann die Hand hin. „Guten Abend, mein Name ist Dimitri Carson, ich bin der Botschafter von Las Vegas. Freut mich sie kennen zu lernen.“

Unsicher blickte der junge Mann zu Dwight und der nickte auffordernd zu der gereichten Hand. So griff er zu und lächelte wieder gewinnend. „Mein Name ist Lazarus“, erklärte er sich und schwieg dann wieder. Dimitri musterte ihn, sah Dwight fragend an. Was war das denn für einer? War er ein Angestellter des Fischzüchters? Denn Dwight Summers hatte neben den beiden Hauptkuppeln, die durch die alte und mehrfach restaurierte – heute komplett verglaste – Golden Gate Bridge verbunden waren, Unmengen kleiner, überkuppelter Aquakulturen angelegt und züchtete dort alles, was schwimmen konnte oder was grün war. Er war stinkreich.

Dwight lachte aber nur und schlug Dimitri auf die Schulter. „Später“, sagte er und deutete ins Haus. „Komm erst einmal rein, du wirst schon erwartet.“ Er zog Lazarus an sich und küsste ihn. Somit war klar, in welcher Beziehung sie zueinander standen.

Dimitri hob die Brauen und lachte leise, wer hätte das gedacht. Doch er ließ sich von seinem Freund geleiten und machte brav die Pfötchenrunde. Ein paar Gesichter kannte er schon und machte ein bisschen Smalltalk. Andere kannte er noch nicht und so wurden ein paar Daten ausgetauscht. Dafür hatte man seine Palms die automatisch alle gesendeten Informationen einsammelten, ihre eigenen Informationen sendeten. Man schüttelte nur die Hände, wer der andere wirklich war, konnte man dann nachlesen.

Dimitri holte sich etwas zu trinken und sah sich um. Er sah Dwight am anderen Ende des Raumes stehen. Lazarus stand neben ihm und da erinnerte er sich wieder, dass er mehr über diesen jungen Mann erfahren wollte. Er war nicht einfach nur Dwights Geliebter. Also schlenderte er zu seinem Freund rüber und stellte sich zu ihm.

Dabei gönnte er sich ein paar von den Lachshäppchen, denn er mochte Fisch sehr gern – am liebsten roh und mit Reis, in kleinen Rollen. Vor vielen Jahren, als die Welt noch halbwegs in Ordnung gewesen war, hatten es Menschen vom anderen Ende der Welt mitgebracht. Die Kulturen sind fremd geworden, doch ihre Speisen waren geblieben.

Immer wieder blickte er Dwight an, doch dieser unterhielt sich gerade mit einem Hotelbesitzer, der gern zukünftig von der Aquakultur direkt beliefert werden wollte, um nicht den teuren Zwischenweg über den Händler nehmen zu müssen.

Das war ziemlich langweilig, darum sah Dimitri zu Lazarus. Er stand dicht neben Dwight und wirkte ein wenig unsicher. Der junge Mann fühlte sich hier nicht wohl, das merkte man deutlich. Darum lächelte Dimitri ihn an und beugte sich zu ihm. „Langweilig, diese Geschäftsgespräche auf einer Party, oder?“

„Sie gehören zu Dwight“, erklärte der schlanke junge Mann mit überraschend dunkler Stimme. Seine grünen Augen strahlten. Dimitri grinste, der Kerl hatte aber auch gar keine Ecken, oder bildete er sich das nur ein? Seine Auskünfte waren knapp, gereichten Dwight grundsätzlich zur Ehre und so war Dimitri überzeugt, dass Lazarus sehr verliebt sein musste. Warum ein solch schöner Mann sich allerdings ausgerechnet an Dwight band, der nun beileibe nur Durchschnitt war, blieb wohl deren Geheimnis.

„Wenn sie das so sehen, kann man Dwight nur gratulieren.“ Dimitri nahm einen Schluck von seinem Getränk und besah sich den jungen Mann genauer. Er hatte das Gesicht eines Engels und er musste sich eingestehen, dass er ihn anziehend fand. Wie es wohl war, diese Lippen zu küssen? Sie wirkten weich und einladend.

Selbst wenn sie sich um einen Garnelenschwanz schlossen, den Dwight seinem Freund auf einer Gabel hinhielt, um ihn die neue Soße kosten zu lassen. Dimitri wendete sich ab und schüttelte den Kopf. Es wäre ihm völlig neu, dass er an Männerlippen Gefallen finden würde. Doch das schien wohl nur so, wenn sie Männern wie Dwight gehören würden, Lazarus hingegen war anziehend, einladend – um nicht zu sagen erregend.

Dimitri wurde immer neugieriger darauf, wer dieser Lazarus war und wo Dwight ihn kennen gelernt hatte. Aber sein Freund unterhielt sich noch immer mit dem Hotelbesitzer und Lazarus wollte er nicht direkt fragen, wer er war und wo er herkam. So blieb er bei Dwight stehen und hoffte, dass bald die Fischlieferungen geklärt waren.

Und weil Lazarus aus Dimitris und Dwights Interesse gerutscht war, sah er sich selbst auch etwas um. Er schien hier nicht ganz unbekannt zu sein, denn von ein paar jungen Leuten, die ihm ähnlich sahen, wurde er freundlich begrüßt. Sie alle waren etwa gleich alt und hatten das Antlitz eines Engels. Dimitri fiel auf, dass er sie noch nie zuvor gesehen hatte. Zumindest konnte er sich an keines der jungen Gesichter erinnern. Ihn ärgerte es viel mehr, dass der junge Mann ihn so durcheinander gebracht hatte, dass er lieber zuhörte, wie Dwight Fisch verkaufte, als ein paar Bekanntschaften zu machen.

Er wollte sich schon abwenden, aber dann blieb er doch stehen, weil er einfach zu neugierig war. Wenn er jetzt ging, riskierte er, dass Dwight in ein neues Gespräch gezogen wurde. Also blieb er doch stehen und hörte mit einem Ohr zu, während er sich die anderen jungen Leute ansah.

Auf den ersten Blick sahen sie sehr gleich aus, doch auf den zweiten Blick nicht mehr. Ihr Stil war unterschiedlich, selbst die Haare und die Frisuren. Ihre Ausstrahlung. Und doch wirkten sie alle wie aus einem Guss. Aber nicht nur die jungen Männer, auch die jungen Damen. Warum war ihm diese Clique noch nie aufgefallen? Sie bewegten sich sehr sicher in diesen Kreisen, sie waren keine Neuen. Das sah Dimitri mit einem Blick.

Er wurde immer neugieriger und als Dwight sein Gespräch beendet hatte, zog er ihn einfach in eine ruhige Ecke. „Wer ist Lazarus und wo kommt er auf einmal her, genauso wie die anderen?“, fragte er gleich direkt, denn auf Spielchen hatte er keine Lust.

Doch Dwight lachte nur und griff sich von einem Tablett, dass ein Kellner an ihnen vorbei trug, einen Whisky. Er mochte das altmodische Zeug. „Nicht hier“, sagte er und ging kurz zu seinem Liebling, küsste ihn kurz und flüsterte ihm etwas ins Ohr, was Lazarus lächeln ließ. Dann zog er Dimitri mit sich in eine andere Etage. Hier waren Separées hergerichtet für Geschäftsleute, die sich zu intensiveren Gesprächen ohne Publikum zurückziehen wollten. Auf eine der Couchen ließ Dwight sich sinken. „Er ist ein Sangriel, ein Blutengel – und er gehört mir.“

„Er gehört dir?“, fragte Dwight perplex und sah seinen Freund fragend an. „Blutengel, das habe ich noch nie gehört. Was bedeutet es und warum habe ich bisher nie etwas von diesen Sangriel gehört?“ Jetzt hatte er die Informationen, nach denen er gefragt hatte, aber war immer noch nicht weiter.

„Hast du schon einmal was von einer Institution namens 'The same like the Lord’ gehört?“, fragte Dwight leise und grinste. „Sie züchten und vertreiben diese Süßen. Alle mit denen Lazarus dort zusammen steht, gehören einem der Anwesenden. Sie haben alle einen anämischen Gendefekt, mit dem sie nur überleben können, wenn sie regelmäßig von ihrem Herrn Blut trinken.“ Ein paar Kleinigkeiten ließ Dwight aus, wenn Dimitri Interesse hatte, konnte er ihm das immer noch erklären. Zum Beispiel, dass man selbst ein Medikament nahm, was der Blutengel über das Blut zu sich nimmt. Der Master selbst nahm weder Schaden noch Nutzen davon, doch über die Konzentration bestimmte er, wie oft der Engel zu ihm kommen musste. Das Gefühl der Macht war unbeschreiblich.

„Du meintest das wirklich ernst? Er gehört dir? Du hast ihn gekauft?“ Dimitri wunderte sich kurz über sich selbst, dass er so etwas nicht abstoßend fand, sondern einfach so hinnahm. „Wie bekommt man einen? Wendet man sich direkt an diese Institution, oder geht das über Mittelsmänner?“ Der Botschafter hatte Blut geleckt und musste kurz schmunzeln, als er feststellte wie passend dieser Spruch gerade zutraf.

„Mr. Carson, ich bin entsetzt“, sagte Dwight und sah seinen Freund grinsend an. „Was glaubst du wird deine Frau dazu sagen, hm?“, wollte er wissen. „Ich glaube du bist nicht der Typ Mann für ein Doppelleben, mein Lieber, bleib mal lieber bei deinem Frauchen.“ Er schlug seinem Freund lachend auf die Schulter und schüttete seinen Whisky hinter.

Dimitri schüttelte die Hand auf seiner Schulter ab und sah Dwight ein wenig ärgerlich an. „Das lass mal meine Sorge sein, ob ich dafür geeignet bin. Ich habe nicht gesagt, dass ich einen haben möchte. Sie sind faszinierend und außergewöhnlich. Wie teuer sind sie?“

„Sorry, mein Freund. Aber du kannst nicht in den Supermarkt gehen und dir einen holen. Entweder willst du einen. Dann stelle ich den Kontakt her oder du lässt es bleiben, dann reden wir jetzt über was anderes.“ Dwight stellte sein leeres Glas ab und sah seinen Freund ernst an. „Sie sind kein Spielzeug und keine Haustiere, du wirst die Verantwortung für sie oder ihn haben und sein Leben wird in deiner Hand liegen. Brich das nicht übers Knie“, sagte er eindringlich. Nur weil er Lazarus für Geld erworben hatte, hieß das noch nicht, dass er ihn nicht liebte.

„Um zu wissen, ob ich einen will, muss ich mehr über sie wissen.“ Dimitri holte tief Luft und grinste schief. Seit er wusste, dass man diese Sangriel kaufen konnte, wollte er einen haben, aber nicht zu jedem Preis. „Du sagtest sie haben einen Gendefekt. Sind sie krankheitsanfällig? Und wie geht das mit dieser Bluttrinkerei? Sind sie Vampire, oder was?“

Dwight lehnte sich zurück und sah sich um. Die Minibar war gefüllt und so schüttete er sich noch einmal nach, ehe er Dimitri seine Fragen beantwortete. „Wenn du so willst, kannst du sie Vampire nennen. Aber keines der Klischees kommt zum tragen, vom Blut trinken einmal abgesehen. Sie vertragen Sonnenlicht, sie haben ein Spiegelbild und Lazarus kocht unwahrscheinlich gern mit Knoblauch.“ Der Fischer lachte und prostete seinem Freund zu, der sich gegen ein Getränk entschieden hatte. „Und was den Gendefekt angeht, den haben sie, damit sie dir nicht weglaufen. Krankheitsanfällig sind sie nicht, eher im Gegenteil. Lazarus ist ziemlich robust und Techniken hat er drauf, ich...“ Dwight schwieg und wurde doch tatsächlich ein bisschen rot.

„Das ist absolut unglaublich“, murmelte Dimitri. Jetzt konnte er auch etwas zu Trinken gebrauchen, darum schüttete er sich ebenfalls einen Whisky ein und setzte sich. „Verstehe ich das richtig, sie sind so eine Art Sexsklave, die ohne das Blut sterben würden?“ Dimitri war völlig fasziniert von dieser Vorstellung und das sah man ihm auch an.

„Manche mögen sie als diese benutzen, das will ich nicht abstreiten. Aber ich bevorzuge Lazarus als meinen Gefährten“, sagte Dwight mit fester Stimme und so war es auch. Der junge Mann war mehr für ihn als nur fleischgewordene Lust und er hatte ein Problem damit, dass Dimitri den Eindruck machte, sich eine Hure besorgen zu wollen. „Ich glaube wir sollten das Gespräch hier beenden.“

„Warum? Habe ich etwas Falsches gefragt oder gesagt?“ Dimitri wusste nicht, was los war. „Ich wollte dich oder Lazarus nicht beleidigen, denn ich habe durchaus mitgekriegt, dass du Gefühle für ihn hast und er für dich. Ich wollte nur wissen, was mich erwartet, wenn ich mir einen zulegen würde.“

„Dimitri, den Rat gebe ich dir als Freund: Wenn du etwas zu vögeln suchst und deine Frau satt hast, such dir eine Hure. Diese Engel sind zu stolz. Du wirst keine Freude haben, wenn du versuchst ihn oder sie zu brechen. Hattest du schon einmal einen Mann oder ist das reine Neugier?“ Das wäre Dwight nämlich völlig neu gewesen.

„Nein, es ist nicht so, dass ich meine Frau satt habe. Ich liebe Wanja und ich habe nicht vor sie zu ersetzen.“ Dimitri rieb sich über die Stirn und versuchte in Worte zu fassen, was in ihm vorging. „Männer waren für mich nie interessant, aber Lazarus hat mich sofort fasziniert. Ich habe ihn angesehen und wollte ihn küssen. Das hatte ich bisher nur bei einer Frau.“

„Lass die Finger von Lazarus, sage ich dir, denn ich könnte dir aus Versehen die Finger brechen und die Zunge rausreißen, solltest du dich nicht benehmen können“, grinste Dwight, „oder mein Liebling ist schneller. Unterschätze ihn nicht. Er vertreibt sich die Zeit mit Kampfkunst. Sobald er ein Schwert anpackt, lauf.“ Er entspannte sich wieder, denn Dimitri war eben sehr ehrlich gewesen. Das schätzte er.

„Nein, nein, keine Sorge.“ Dimitri wedelte gespielt ängstlich mit den Händen und grinste. „Lazarus gehört ganz allein dir. Ich respektiere eine Beziehung.“ Wenn er darüber erstaunt war, dass dieser blonde Engel mit einem Schwert umgehen konnte, so zeigte er es nicht. „Wie hast du Lazarus gefunden? Hast du ihn gesehen und ihn ausgewählt, oder wie läuft das ab?“

Dwight sah sich um, dann rückte er näher. „Ja, sie führen Kataloge. Du suchst dir aus, wen du willst, zahlst und sie liefern. Sie erklären dir auch noch einmal eindringlich, wie das mit dem Blut läuft und dass du damit nicht hausieren gehen sollst. Dass ich mir dir darüber rede, ist eigentlich schon zu viel. Ruf da an“, sagte er, drückte Dimitri eine Visitenkarte in die Hand und verschwand.

Verwirrt sah Dimitri auf die Karte. Kein Name, keine Adresse. Altmodisch auf Papier und nur eine Zahlenfolge. Was sollte er damit?

 

01 

Zwei Jahre später

Vorsichtig richtete Dimitri sich auf, ohne die Matratze zu bewegen. Er musste gleich weg und Gero sollte nicht wach werden. Sein Engel brauchte seinen Schlaf. Vorsichtig strich er durch die dunklen, kurzen Haare und bedauerte es ein wenig, dass er jetzt die hellbraunen Augen nicht sehen konnte, die ihn immer noch faszinierten.

Es hatte eine Weile gedauert, bis er begriffen hatte, was die Zahlenfolge auf der Visitenkarte bedeuten sollte, die Dwight ihm gegeben hatte. Altmodisch hatte er sich telefonisch an ein Institut gewandt und war in seinem Büro besucht worden und man war sich schnell einig geworden. Das Finanzielle war nicht das Problem gewesen, beide Leben parallel laufen zu lassen, war schon schwerer. Das Apartment, in dem Gero lebte, konnte Dimitri locker finanzieren und seine Frau hatte keinen Schimmer. Die Stunden, die er hier verbrachte, konnte er ebenfalls verschleiern. Es gefiel ihm nicht, seine Frau zu belügen, doch es ging nicht anders. Gero konnte er nicht gehen lassen – Dwight nannte es besessen, doch Dimitri sah das anders.

Gero war sein Schatz, den er hütete wie seinen Augapfel. Der Engel gehörte ihm und seinem Eigentum durfte nichts passieren. Dimitri hatte aber gelernt, dass er Gero Freiräume geben musste. Ihn nur hier einzusperren, wo er nichts zu tun hatte, außer auf ihn zu warten, hatte den Sangriel fast verrückt gemacht und ihre Beziehung hatte darunter gelitten. Ziemlich schnell hatte Dimitri lernen müssen, was es hieß, die Würde und den Stolz des Engels einengen zu wollen. Gero wäre fast gestorben, denn er hatte die Aufnahme von Blut verweigert. Dimitri hatte einsehen müssen, dass es so nicht weiter ging. Seit über einem Jahr nun besuchte Gero die Hochschule, er studierte Geschichte der alten Kulturen und wenn Dimitri wenig Zeit hatte, arbeitete er als Haussitter, weil er das spannend fand, wie er sagte.

Er liebte es zu sehen, wie andere Leute lebten und eine Weile in diese Welt einzutauchen. Er ging dabei allerdings nie so weit, dass er in persönlichen Sachen schnüffelte. Das war für ihn vollkommen indiskutabel. Dimitri hatte sich erst daran gewöhnen müssen, seinen Engel in fremden Wohnungen zu treffen.

Doch er musste zugeben, dass es seinen Reiz hatte. Grinsend lehnte er sich noch einmal für fünf Minuten an das Kopfteil des großen Bettes und strich seinem Engel durch die Haare. Die Bisse an seinem Puls sah man kaum, glichen eher Hautunebenheiten. Sie hatten sich für diese Stelle entschieden, weil die unter den Hemdaufschlägen am wenigsten auffiel.

Morgen hatte Gero einen Termin für einen neuen Haussitter-Job und das Anwesen hatte sich Dimitri schon angesehen. Sehr edel.

Der Mann, dem es gehörte, hatte Geld und vor allen Dingen Geschmack. Gero würde es da gefallen, da war er sich sicher. Dimitri beugte sich noch einmal runter und küsste Gero auf die Schläfe. Er musste los und konnte das jetzt nicht mehr aufschieben. Darum stand er nun endgültig auf und verließ das Schlafzimmer, um sich fertig zu machen.

Wenn er heim kam, schlief seine Frau sicherlich schon, das war besser. Dimitri sah ihr ungern in die Augen, wenn er aus Geros Armen in ihre sank. „Pass auf dich auf und ruf mich an, wenn du den Job hast“, flüsterte er, als er noch einmal ins Schlafzimmer sah, doch er wusste, dass Gero sich rar machte. Auch er trennte strickt zwischen dem Botschafter und dem Privatmann und meldete sich während der Geschäftszeiten oder in Dimitris Privatleben nur, wenn es wirklich nicht anders ging. Manchmal fehlte Gero die Anhänglichkeit, die Dimitri von Lazarus kannte, doch ihre Situation war eben eine völlig andere.

Dwight und Lazarus wohnten zusammen und konnten ihre Liebe auch in der Öffentlichkeit zeigen. Dimitri musste immer Rücksicht auf seine Familie nehmen. Darum war die Zeit, die sie zusammen verbringen konnten, eng bemessen und wurde dafür umso intensiver genutzt.

Leise schloss Dimitri die Tür und atmete noch einmal tief durch. Geros Parfum lag noch in der Luft des Flures. „Mein Engel“, murmelte er berauscht, als er hinter sich die Tür zu zog.

 

+++

 

Gero schlief die ganze Nacht ruhig durch, wie es immer war, wenn er seine Ration Blut erhalten hatte. Morgens fühlte er sich frisch und ausgeruht und hatte das Gefühl Bäume ausreißen zu können. Das ging ein paar Tage so, aber so nach drei, vier Tagen, wurde er matter. Er bekam schlechter Luft und schlief mehr, weil er ständig müde war.

Das gab sich erst wieder, wenn er erneut getrunken hatte. Doch das war ein Schicksal mit dem er leben konnte. Nicht zu vergleichen mit seiner Zeit vor Dimitri.

„Schatz?“, murmelte er leise und kämpfte sich aus dem Kissen, doch er ahnte schon, dass er keine Antwort bekommen würde. Die Seite neben ihm war kalt und leer und Gero sank wieder in die Laken, den langen Pony weit ins Gesicht gefallen. „Blödmann“, nuschelte er leise und auch wenn er wusste, warum Dimitri nicht da war, gönnte er sich ab und an den Luxus, sauer zu sein.

Erst ein einziges Mal war er morgens in Dimitris Armen aufgewacht. Seine Frau war mit den Kindern Verwandte besuchen gefahren und so hatte der Botschafter die ganze Nacht bei ihm verbracht. Gero wollte das öfter haben. Er brummte in sein Kissen und drehte sich in die Decke. Er konnte noch ein wenig liegen bleiben.

Es war Sonntag und der gehörte traditionell der Familie, während die Samstage oft von Dimitri genutzt wurden, um Kontakte zu pflegen – ein Kontakt war auch Gero. Sie sahen sich auch unter der Woche, aber zusammen weggehen, wie es Dwight und Lazarus taten, konnten sie nicht. Zu groß war die Gefahr, dass jemand den bekannten Botschafter erkannte.

Nur gut, dass er heute noch einen Termin hatte, sonst würde Gero wie viele Sonntage einfach im Bett abgammeln, bis Lazarus ihn rauswarf und in die Sporthalle schleifte. Er hätte seinem besten Freund keinen Schlüssel für das Apartment geben dürfen! Das rächte sich.

Aber eigentlich freute er sich immer darauf, Zeit mit Lazarus zu verbringen. Er lenkte ihn immer von seiner Langeweile ab, die sich einstellte, wenn Dimitri gegangen war. Damit er nicht wieder in Selbstmitleid versank, stand Gero auf und ging duschen. Ein Blick auf die Uhr sagte ihm, dass es noch Zeit für einen Brunch war, am besten suchte er sich alles zusammen, auf was er heute Lust hatte, und warf sich in die Sitzecke am großen Erker, um auf die Stadt hinaus zu blicken. Dort saß er gern und las oder widmete sich seinen Studien, denn so oft war er auch nicht hier. Meistens lebte er mit kleinem Gepäck in fremden Domizilen.

Er ließ sich sein Frühstück schmecken und versuchte sich vorzustellen, wie seine Bleibe für die nächsten Wochen aussehen würde. Er bekam immer ziemlich spärliche Informationen. Meist nur, ob er bei einer Einzelperson oder eine Familie einzog und ob es ein Haus oder eine Wohnung war. Es war jedes Mal spannend seine Fantasie mit der Wirklichkeit zu vergleichen.

Sie stimmten selten überein, doch er musste sagen, dass er noch nie enttäuscht gewesen war. Vielleicht war eine Immobilie mal nicht so luxuriös wie erwartet, doch auf den zweiten Blick mit viel Liebe zum Detail gestaltet. Spannend war es auch, sich aus dem Quartier ein Bild der Besitzer zu machen. Meistens traf man sich vorher ein- oder zweimal, doch das war oberflächlich. Die Besitzer stellten Fragen, Gero antwortete – ein Bewerbungsgespräch eben. Erst später, wenn man kurz telefonierte oder die Besitzer vorbei kamen, die Kleider wechselten und dann auch schon wieder aufbrachen, weil die Arbeit in einer anderen Kuppel rief, hatte man mehr Zeit für einander. Gero liebte es. Er war gern unter Menschen und das fehlte ihm.

Deswegen fühlte er sich auch an der Uni so wohl. Dort hatte er Freunde, eine Aufgabe und Unterhaltung. Gero musste einfach lächeln, wenn er daran dachte. Gero räumte die Reste seines Frühstücks zusammen und zog sich an. Lazarus hatte versprochen sich mit ihm bei seinem neuen Objekt zu treffen, damit sie es sich gemeinsam ansehen konnten.

Also beeilte er sich. Die Villa lag gar nicht so weit von seinem Apartment entfernt und so entschloss er sich, zu Fuß zu gehen. Er hatte schließlich noch reichlich Zeit. Mit seiner Tasche über der Schulter schlüpfte er noch in die Schuhe und war mit einer Jacke aus der Tür.

Er war noch keine zehn Schritte gegangen, da piepste sein Palm. >>Läufst du etwa, oder warum bewegst du dich so langsam?<< wollte jemand wissen und Gero knurrte leise. Bespitzelte ihn Lazarus schon wieder über GPS?

„Ich bin nicht so faul wie du“, knurrte er in das Headset und musste schmunzeln, weil sein Freund hörbar nach Luft schnappte. „Faul! Sagtest du faul, du dicke Made?“, regte Lazarus sich auch gleich auf, denn er trainierte mehrere Stunden jeden Tag und sein Körper war wunderbar definiert.

Er konnte sich also den Luxus leisten, den Wagen zu fahren, den sein Freund ihm gekauft hatte. Er war klein, lief mit wenig Strom und er kam schnell von einem Ende der Kuppel zum anderen. Wenn er die Kuppeln von Las Vegas oder LA2 bereisen wollte, musste er sowieso auf die Tunnelbahnen umsteigen. Privatwagen waren in den sensiblen Verbindungsstrecken gar nicht zugelassen.

„Ich und dick? Ich bin perfekt, mein Lieber. Das habe ich die halbe Nacht hindurch gehört. Langsam glaube ich es sogar“, lachte Gero und bog um einen Block.

„Ach Dimitri ist doch so verliebt, dass er gar nicht weiß, was er sagt“, neckte Lazarus ihn und hörte ihn lachen. „Die halbe Nacht nur, hm?“, fragte er. „Ich habe es die ganze Nacht gehört.“

„Blödmann, du weißt warum“, knurrte Gero, der es gar nicht schätzte, wenn er Lazarus’ Glück so intensiv unter die Nase gerieben bekam. Er hätte auch nichts dagegen, wenn Dimitri nur ihm gehören würde, doch er musste seinen Geliebten leider teilen. Das hatte er sich nicht ausgesucht, doch er musste es hinnehmen.

„Sorry, Süßer, war nicht so gemeint. Bleib wo du bist, ich hol dich ab. Bin gleich um die Ecke.“ Lazarus trennte die Verbindung und Gero sah um sich. Er musste lächeln, als er den Wagen seines Freundes auf sich zukommen sah und winkte.

Der hielt neben ihm und die Tür der Beifahrerseite ging auf. „Steig ein“, lachte Lazarus und strich sich die langen Haare aus dem Gesicht. Seine Augen blitzten spitzbübisch.

Gero tat wie geheißen und begrüßte seinen Freund, ehe er ihn eindringlich tadelte, dass er seine Spitzelei endlich zu unterlassen hätte. Vielleicht stöße er dabei mal auf etwas, was er vielleicht lieber nicht wissen wollte und guckte geheimnisvoll.

„Du hast Geheimnisse vor mir?“, schmollte Lazarus, musste aber gleich wieder grinsen. „Was erwartet uns heute überhaupt? Single oder Familie? Haus oder Wohnung?“ Dwights Freund war mindestens genauso neugierig wie Gero und Lazarus hatte eine Weile überlegt, ebenfalls Haussitter zu werden.

Dwight hätte es ihm auch gestattet, doch Lazarus hatte die traurigen Augen gesehen, als sein Freund es ihm gestattet hatte und begriffen, dass Dwight das nur ihm zu liebe zu ließ und selber ein Problem damit hatte. So blieb er lieber zu Hause und besuchte ab und an Gero in seinen Domizilen.

„Single, Ende dreißig, Verwaltungsangestellter und lebt in einer Villa und außerdem habe ich doch gar nicht die Chance, Geheimnisse vor dir zu haben“, knurrte Gero gutmütig, doch Lazarus wusste, wie er das zu nehmen hatte.

„Das ist auch gut so.“ Lazarus lachte und lenkte den Wagen sicher durch die Straßen. „Das hört sich doch gar nicht schlecht an. Ich bin schon neugierig auf den Mann, der dir seine Wohnung überlässt. Ich hoffe, er sieht gut aus, auch wenn er wohl kaum anwesend sein wird.“

„Sage mal!“ Gero stieß seinen Freund an und grinste. „Was hält Dwight denn davon, dass du mich nur begleitest, weil du wissen willst, ob mein neuer Chef ein Leckerchen ist. Ich bin entsetzt, Lazarus. Siehst du wie entsetzt ich bin?“ Lachend sah Gero seinen Freund an.

„Einer muss doch auf dich aufpassen. Dwight hat da Verständnis für.“ Lazarus parkte den Wagen und stupste Gero in die Seite. Sie standen vor dem Anwesen und er pfiff leise. „Nicht schlecht, der Specht“, murmelte er leise und sah sich um. Das Anwesen wirkte von außen ziemlich luxuriös.

Dazu gönnte es sich den Luxus eines kleinen Parks, was in der Kuppel nicht alltäglich war, denn der Platz war rar und so nutzte man jede freie Stelle, um Wohnraum zu schaffen.

„Ja, auf den ersten Blick nicht übel“, musste auch Gero zugeben, als er ausgestiegen war. Doch er wusste, dass man oft mehr erwartete, weil die Verpackung so viel versprach. Außen hui – innen Pfui. Mal sehen, was ihn hier erwartete.

„Komm, nicht trödeln“, lachte Lazarus und hatte schon den Klingelknopf gedrückt. Er meldete sie an und das Tor öffnete sich. „Nobel, Nobel“, murmelte Lazarus und sah sich mit leuchtenden Augen um.

„Du bist echt unmöglich“, knurrte Gero, doch er beeilte sich. Wie sah das denn aus, wenn seinem eventuell neuen Chef als erstes sein Begleiter in die Arme lief und alles mit einer Verwechslung begann. Das war doch völlig unprofessionell. Er hob allerdings eine Braue, als sich die Tür öffnete und ein Mann im Rahmen erschien. Er wirkte kühl, das blonde Haar fransig kurz, die blauen Augen aber stachen, als er etwas verwirrt auf die beiden Männer sah. „Herr Sykora?“, fragte er, weil er nicht wusste, wer sein Ansprechpartner war.

„Das bin ich.“ Gero ging lächelnd schneller und reichte dem Mann die Hand. „Herr Middelton nehme ich an“, begrüßte er den Mann und musterte ihn unauffällig. Er sah gut aus. „Mein Freund, Herr Forlang, hat mich zu diesem Termin begleitet.“

Alaster nickte und reichte seinem Haussitter die Hand und auch dessen Freund. „Kommen sie erst einmal herein. Ich würde sie gern mit den Örtlichkeiten vertraut machen und sie ein wenig kennen lernen“, sagte er neutral. Er ging vor und die Tür schloss sich, als niemand mehr im Eingangsbereich war. Gero nickte. Wieder so ein Technik-Freak, er ahnte, was ihn noch erwartete.

Hier wurde wahrscheinlich alles elektronisch geregelt und Gero war gespannt, welcher Schnick Schnack ihn erwartete. Er folgte seinem Arbeitgeber durch das Haus und musste feststellen, dass das Haus von innen hielt, was es von außen versprach.

Edel aber nicht überladen und unglaublich aufgeräumt. Man fühlte sich wie in einem Museum und Gero verspürte das dringende Bedürfnis, sich Handschuhe und Schutzschuhe überzustreifen. „Die unteren Räume dienen meist der Repräsentation. Ich nutze sie für Feste und Empfänge“, erklärte Alaster und sah über die Schulter zu seinen Gästen zurück. Lazarus schluckte und selbst Gero musste zugeben, dass der Kerl etwas Anziehendes an sich hatte. Zum Glück war der nur selten da, wenn Gero den Job annahm.

„Ah, verstehe“, murmelte Gero, weil er das Gefühl hatte, etwas sagen zu müssen, weil dieser Alaster es erwartete. Er fragte sich, wofür eine einzelne Person so viel Platz brauchte. Sein Apartment war zwar auch nicht klein, aber hier konnte man sich ja verlaufen.

Und wenn es in der Kuppel regnete, konnte er hier drinnen joggen. „Sie können die Mediathek im Nebenzimmer gern nutzen. Musik, Filme, Spiel – was immer sie möchten. Die Kommunikationswege stehen ihnen ebenfalls uneingeschränkt zur Verfügung, ebenso wie alle Bäder und Gästezimmer. Nur mein eigenes Schlafzimmer, bitte ich außen vor zu lassen.“ Alaster, der gerade vor der schwarzen Marmortheke in der großen Edelstahlküche stehen geblieben war, sah seine Gäste erneut eindringlich an. Lazarus wurde etwas kleiner, denn die stechenden Augen gingen durch und durch. Dieser Mann hatte etwas an sich, was ihm Angst machte.

„Das ist selbstverständlich. Ich werde nur die von ihnen autorisierten Räume betreten. Und falls es doch einmal aus irgendwelchen Gründen notwendig sein sollte, werde ich sie kontaktieren“, versicherte Gero und Alaster nickte.

Er konnte sich zwar noch nicht vorstellen, warum das einmal nötig sein sollte, doch er nahm dies erst einmal so hin. „Den Kühler werde ich noch einmal füllen, ich möchte sie bitten, immer ein bisschen was im Hause zu haben. Ich werde versuchen sie nicht zu überraschen, sondern mich vorher anzumelden, wenn ich kurz vorbei kommen sollte, doch dann wäre ich erfreut, wenn ich nicht erst noch Besorgungen machen lasen müsste.“ Doch er war eigentlich ziemlich spartanisch, es mussten keine Spezialitäten sein.

„Ja sicher, das mache ich natürlich.“ Gero nickte. Alaster konnte nicht wissen, dass er das immer so machte. „Gibt es sonst noch etwas, was ich beachten sollte? Und wie sieht es mit Besuch aus?“ Manche seiner Arbeitgeber mochten es gar nicht, wenn er Freunde zu sich einlud.

„Ich möchte nicht, dass sie ihr soziales Leben vernachlässigen“, sagte Alaster und betrachtete Gero und Lazarus. Man konnte an seinem Gesicht nicht ablesen, was er dabei dachte, denn er verzog keine Miene. Langsam wurde Lazarus der Kerl unheimlich. „Sollten sie feiern wollen, nutzen sie bitte nur die unteren Räume. Was sie verbrauchen, füllen sie bitte auf und was zu Bruch geht, wird ersetzt.“ Das Aufräumen war für Alaster selbstverständlich, er erwartete sein Haus so vorzufinden, wie er es übergeben hatte.

„Nein, keine Partys, nur ab und zu ein paar Personen zu Besuch. Das ist alles.“ Gero war erleichtert, dass er Dimitri hier empfangen konnte. Das machte es für ihn leichter. „Wie lange ungefähr, werden sie meine Dienste benötigen?“, fragte er noch. Es spielte eigentlich keine Rolle, aber er wusste es ganz gerne.

„Ich werde erst einmal die nächsten vier Wochen ständig pendeln. Ich muss in die Außenstellen nach LA2 und San Diego 012. Das Haus könnte ich allein lassen, aber... wie sieht es aus mit Allergien? Ängste? Irgendetwas was sie davon abhalten würde, ihn zu versorgen und ab und an zu bespaßen?“, fragte Alaster und blickte zu Boden. „Na komm!“, lockte er und im gleichen Augenblick sprang etwas auf die Theke und Lazarus schreckte zurück.

„Was ist das?“, fragte er erschrocken und sah auf das Tier, das auf der Theke saß und sich von Alaster streicheln ließ. Es gab kaum noch Tiere in ihrer Kuppel und wenn, dann nur für die Fleischproduktion. „Das ist eine Katze, ich habe sie in einem der alten Bücher gesehen“, sagte Gero und kam neugierig näher.

„Sie ist ein Er und wenn er mal hört, dann auf den Namen Prince. Diva würde es eher treffen“, lachte Alaster und Lazarus war fasziniert, wie verändert der Mann mit einem Mal wirkte. Unglaublich. Der Kater schmiegte sich an seinen Herrn und schnurrte laut und zufrieden, weil er gekrault wurde, das schien Prince zu mögen. Er war hauptsächlich grau mit andersfarbigen Streifen, die Pfoten weiß und die Augen unglaublich grün.

„Wow“, murmelte Gero leise und sein Arm bewegte sich von ganz alleine. Das Fell sah so weich aus und er wollte es einfach nur berühren. Er stoppte aber sofort in der Bewegung, als die grünen Augen ihn ansahen. „Hallo mein Hübscher, ich bin Gero“, sagte er weich und lächelte. „Darf ich dich streicheln?“

Als müsste er erst einmal darüber nachdenken, legte Prince den Kopf schief und schnüffelte an der ausgestreckten Hand. Das dauerte eine Weile und Lazarus hatte schon die Sorge, dass sein Freund gleich ein paar Finger weniger hatte. Er hatte ein paar spitze Zähne in dem Maul blitzen sehen und gerade klein war das Tier auch nicht!

Doch dann kam der Kater einen kleinen Schritt näher, das war alles an Entgegenkommen. Den Rest musste Gero schon selber überwinden und Alaster senkte den Kopf. Typisch Diva.

Gero sah das als Einladung und seine Finger fuhren durch das weiche Fell. Seine Augen leuchteten auf, denn es fühlte sich einfach nur toll an. Darum nahm er auch noch seine zweite Hand und kraulte den Kater so, wie er es gerade bei Alaster gesehen hatte. „Du bist ja süß“, rief er entzückt und hatte scheinbar alles um sich herum vergessen.

Auch seinen neuen Arbeitgeber und der lehnte an der Theke und beobachtete das eine Weile. „Die beiden scheinen sich zu mögen, ich sollte ihn einstellen, hm?“, sagte er zu Lazarus, der immer noch etwas abseits stand und nur schief grinsen konnte. „Liebe auf den ersten Blick, hä?“, lachte der Sangriel leise und schüttelte über Gero den Kopf. Es war eigentlich nicht seine Art, so unprofessionell zu sein, doch Prince faszinierte ihn.

Dieses leise Schnurren, das immer lauter wurde, wenn seine Finger hinter den Ohren kraulten. Es dauerte ein paar Augenblicke, bis er sich wieder erinnerte, wo er war. Er strich noch einmal über das Köpfchen der Katze und richtete sich auf. „Entschuldigung“, murmelte er verlegen, aber seine Augen leuchteten noch immer.

Alaster räusperte sich und sah Prince strafend an. „Und wehe du tanzt ihm auf der Nase herum“, erklärte er dem Kater, doch der wandte sich nur ab. Mit solchen Drohungen schüchterte man doch alten, pelzigen Adel nicht ein!

„Ich würde ihnen gern noch ihre Räume zeigen und dann können sie sich entscheiden, ob sie den Job annehmen oder nicht und ab wann. Spätestens morgen muss ich los. Es würde mich aber nicht stören, wenn sie sich heute schon mit allem vertraut machen wollen.“ Alaster blickte wieder stoisch und ging langsam aus der Küche durch den Mehrzweckraum zur breiten Treppe.

„Ja sicher, gerne.“ Gero straffte sich wieder und folgte Alaster, auch wenn seine Augen noch einmal Prince suchten, der sich auf die Theke gelegt hatte. „Ich könnte sofort anfangen. Meine Sachen sind schnell gepackt. Ich müsste dann nur noch wissen, was ich bei Prince beachten muss.“

Alaster blickte über die Schulter zurück auf Gero und nickte. „Das soll mir recht sein. Bei der Diva gibt es allerdings nicht viel zu beachten. Nicht überfüttern ist das wichtigste. Ein Becher von seinem Futter am Tag reicht völlig, auch wenn er ständig anderer Meinung ist. Er wird es ihnen nicht leicht machen, aber ich würde es schätzen, wenn sie standhaft bleiben könnten und er nicht zu fett wird. Das ist nicht gut für ihn.“

Während des Redens war Alaster weiter gegangen und öffnete jetzt eine Tür.

„Wow“, murmelte Gero, als er das Zimmer betrat. Der Raum war groß und hell. Eine Wand bestand komplett aus Glas und gab den Blick auf einen Balkon und den dahinter liegenden Park frei. Dieses Haus war einfach fantastisch und Gero freute sich schon darauf eine Weile hier zu leben.

Alaster war vorgegangen und deutete auf zwei Türen. „Dort finden sie ihr Bad und dort einen kleinen Arbeitsraum, mit allem was dafür benötigt wird. Es gibt drei von diesen Arrangements hier im Haus, ihre Freunde dürfen also gern bleiben.“ Dabei sah er Lazarus an, der schon wieder zusammen zuckte. Der Kerl war unberechenbar.

In seinem Gesicht konnte man nichts lesen. Nur als er mit dem Kater gespielt hatte, hatte er Emotionen gezeigt. Lazarus war dieser Mann unheimlich, aber Gero schien das nicht so zu sehen. Er wirkte vollkommen unbefangen in der Nähe dieses Mannes. „Das ist wirklich sehr freundlich von ihnen“, sagte er gerade und lächelte Alaster an.

„Niemand sollte allein sein“, sagte er und wandte sich wieder um. „Den Preis, den ich zu zahlen bereit bin, kennen sie, für Unkosten wie Strom komme ich natürlich auf und auch wenn sie für mich den Kühlschrank füllen. Das wird nicht zu ihren Lasten gehen. Wann kann ich mit ihnen rechnen?“ Alaster suchte Geros Blick und musterte den jungen Mann noch einmal. Das Gesicht war schön, die Augen liebevoll und warm. Kurz lächelte er.

Gero blinzelte, denn das anziehende Gesicht veränderte sich dadurch total, aber vor allen Dingen wurden die sonst eher stechenden Augen warm und weich. „Äh... ja“, stammelte er kurz abgelenkt und riss sich aber schnell wieder zusammen. „Ich muss nur kurz nach Hause, packen. Das dauert ungefähr zwei Stunden, dann kann ich wieder da sein.“

„Guten, dann werde ich mit dem Essen warten.“ Alaster nickte. Das passte ihm ganz gut. Er hatte auch noch ein paar Dinge zu erledigen, ehe er morgen die Stadt verließ.

„Gern“, nickte Gero und ließ sich nach unten geleiten. Erst vor der Tür sah er Lazarus wieder an, der ihn mindestens so verwirt anguckte, wie Gero seinen Freund.


02 

Sie liefen zum Wagen und stiegen ein. Erst dort drehte sich Lazarus zu Gero. „Was war das denn gerade?“, fragte er. Sie waren nicht einmal eine halbe Stunde in dem Haus gewesen und dieser Alaster hatte kaum Fragen gestellt, wie es sonst immer üblich war. So war bisher noch keine Besichtigung gelaufen.

„Keine Ahnung“, murmelte Gero, sah sich aber noch einmal nach dem Haus um. Er konnte nicht erklären warum, doch es zog ihn zurück. „Echt! Keine Ahnung“, wiederholte er und wandte sich wieder seinem Freund zu. Dann grinste er. „Aber heißer Typ!“ Lachend klopfte sich Gero aufs Knie, er musste die Anspannung abbauen.

„Der ist unheimlich, aber heiß, das stimmt“, lachte Lazarus und kicherte. „Aber du wirst ihn ja nicht oft sehen und kannst in diesem tollen Haus leben. Scheint so, als wenn du gerade das große Los gezogen hast.“ Lazarus fuhr los. Er wollte Gero noch helfen zu packen und ihn dann wieder hierher fahren.

„Die Hütte ist allerdings wirklich der Hammer“, musste auch Gero zugeben. Er wusste, dass diese Häuser Nachbildungen aus früheren Jahrhunderten waren und wenn der Kerl es schaffte, so viel Platz für nur eine einzige Person zu beanspruchen, während sich in anderen Ecken der Kuppel die Leute in Häusern stapelten, die bis kurz unter das Kuppeldach reichten, dann konnte sich Gero gut vorstellen, was der Kerl auf dem Konto hatte. Doch das spielte für ihn keine Rolle – er hatte einen neuen Job, das allein zählte.

„Du kannst davon ausgehen, dass ich dich öfter besuchen komme. Ich will sehen, was dieses Haus noch alles zu bieten hat. Bisher haben wir ja noch nicht sehr viel gesehen.“ Lazarus piekste Gero in die Seite und kicherte. Er freute sich schon auf die nächsten Wochen.

„Du hast den Boss gehört, keine Schäden und das Schlafzimmer ist tabu und die Katze nicht überfüttern“, stellte Gero gleich Regeln auf und lachte. Die nächsten Wochen versprachen wirklich Spaß. Mal sehen, was Dimitri dazu sagte, dass er seinen Freund die nächste Zeit in der nobelsten Wohngegend der Stadt besuchen durfte.

„Los, mach. Ich will nicht zum Essen zu spät kommen.“

Lazarus lachte und gab Gas. Sie packten Geros Sachen zusammen und waren schon eher fertig, als sie gedacht hatten. Dadurch, dass Gero so oft packte, hatte er alles immer griffbereit, weil er es hasste ständig etwas suchen zu müssen. Mit zwei großen Taschen und seinem Laptop kam er wieder bei der Villa an und er schellte. Er winkte noch einmal Lazarus, der ihn hergebracht hatte und nun wieder losfuhr. Sie telefonierten nachher bestimmt noch.

Denn Lazarus musste grundsätzlich alles ganz genau wissen.

„Da sind sie ja wieder“, begrüßte Alaster seinen Gast und lächelte kurz. Wer hätte gedacht, dass sein Haussitter so schnell wieder da war. Die Verabschiedung von seinem Fahrer war auch relativ unspektakulär gewesen und so ging Alaster davon aus, dass der junge Mann Single war. Vielleicht der Begleiter einer Society-Lady oder einfach Single, weil er sich nicht binden wollte. Und warum machte er sich bereits an der Tür darüber Gedanken?

Reiß dich zusammen, er ist nur ein Angestellter für ein paar Wochen und du morgen früh weg!, ermahnte er sich selbst und nahm Gero eine der Taschen ab.

„Ja, es ging schneller, als ich gedacht hatte.“ Gero lächelte dankbar, als ihm eine der Taschen abgenommen wurde und seine Augen suchten unauffällig Prince, aber er konnte den Kater nicht sehen. Er folgte Alaster die Treppe hinauf zu seinem Zimmer und wollte seine Tasche auf das Bett stellen, als er dort eine Bewegung sah. „Hallo mein Schöner“, lachte er und strahlte die Katze an, die es sich auf seinem Bett gemütlich gemacht hatte.

„Das Haus hat so viele Zimmer und du musstest deine losen Haare ausgerechnet in dem unseres Gastes verlieren. Ja, du hast wirklich Manieren“, knurrte Alaster. Bildete er sich das nur ein, oder war der Kater dabei, ihm die Show zu stehlen. Er löste seine Krawatte ein wenig, denn er trug auch in seinen eigenen vier Wänden mindestens Hemd, Weste und Anzughose. Korrekte Kleidung ging ihm über alles.

„Ist doch nicht schlimm“, wehrte Gero gleich ab und kraulte Prince kurz hinter den Ohren. „Ich bin doch froh, dass er mich mag, schließlich werden wir eine Weile zusammen wohnen.“ Er drehte sich wieder zu Alaster und legte den Kopf ein wenig schief. Der Mann sah mit der gelösten Krawatte nicht mehr so steif aus und das machte ihn gleich sympathischer.

„Das Essen ist leider noch nicht ganz fertig. Ich hatte erst in einer halben Stunde mit ihnen gerechnet. Ich werde in die Küche gehen, sie können sich ja einrichten.“ Alaster sah noch einmal auf die beiden Taschen und dann auf Prince, der sich gerade auf dem Rücken liegend aalte. „Kommst du mit, du treulose Tomate?“

Der kurze Blick aus den grünen Augen machte klar, dass Prince das jetzt nicht vorhatte und Alaster verdrehte die Augen kurz.

„Du bist mir ja einer“, lachte Gero und legte sich neben Prince, damit er ihn kraulen konnte. Das Gefühl durch die weichen Haare zu streichen war einfach schön und so konnte er einfach nicht widerstehen.

„Klar, dass die Diva wieder meine Autorität untergräbt“, knurrte Alaster, ging aber wirklich zurück in die Küche, denn er hatte einen Auflauf im Ofen und der Salat war auch noch nicht fertig. Das Display im Kühlschrank erklärte ihm, dass jemand versuchte ihn zu erreichen und so nahm er das Gespräch an. „Omar, was gibt es“, fragte er, als er seinen Sekretär erkannte.

„Kleine Planänderung“, sagte der und sah betreten zu Boden. Alaster wusste dass ihm nicht gefallen würde, was jetzt kam, wenn Omar so drauf war.

„Und warum?“, wollte Alaster also gereizt wissen. Er hasste unprofessionelle Arbeit.

„Bauarbeiten am Express-Train. Heute Nacht geht für die nächsten sieben Tage der letzte Zug. Danach ist der Tunnel dicht für Sanierungsarbeiten.“

Alaster zog die Augenbrauen zusammen, ein untrügliches Zeichen dafür, dass er verärgert war. Omar zog den Kopf ein, auch wenn er selber nichts dafür konnte. „Hol mich in drei Stunden ab, dann bin ich fertig“, gab Alaster knapp Anweisungen und trennte die Verbindung. Er hatte alles gepackt, aber er wollte sich noch ein wenig mit Gero unterhalten, damit er ihn besser kennen lernte. Das machte es ihm leichter ihm sein Haus zu überlassen.

Wer ihn genauer kannte, nannte ihn paranoid. Alaster überließ nichts dem Zufall und dass er jetzt noch weniger Zeit hatte, noch einmal zu prüfen, ob der junge Mann der richtige war, machte es nicht leichter. Es war das erste Mal, dass Alaster überhaupt die Dienste eines Haussitters in Anspruch nahm. Und das auch nur, weil er keinem in seinem Umfeld so vertraute, dass er ihm den Schlüssel zu seinem Haus geben würde, um Prince zu füttern. Den Kater mitzunehmen war auch nicht möglich gewesen. Alaster glitt gerade die Planung aus der Hand, nicht gut!

Er ballte kurz die Fäuste, mehr ließ er sich äußerlich nicht anmerken. Er hatte sich stets unter Kontrolle.

„Kann ich helfen?“, hörte er hinter sich und er drehte sich um. Gero stand lächelnd mit Prince auf dem Arm in der Küchentür. Er hatte nicht gleich ausgepackt, das konnte er auch später. Alaster kennen zu lernen, war ihm jetzt wichtiger.

Irritiert, weil er jetzt an zwei Fronten kämpfen musste, sah Alaster immer wieder zwischen Omar und Gero hin und her. „Moment“, sagte er zu Gero und hob kurz den Finger, ehe er Omar verabschiedete, denn der guckte ihm gerade etwas zu neugierig, wer hinter dem Chef stand. Das Display wurde wieder grau und Alaster kam näher. „Suchen sie uns doch einen Platz. Wenn ihnen die Theke reicht, essen wir hier. Aber ich habe da drüben auch einen großen Esstisch, der wäre vielleicht bequemer. Suchen sie sich doch ein Eckchen.“ Alaster musste jetzt kurz allein sein und sich wieder fassen.

„Okay.“ Gero setzte Prince auf dem Boden ab und sah sich um. Die Theke gefiel ihm. Er mochte es daran zu sitzen. Darum deckte er dort auf und setzte sich auch schon. Von hier aus konnte er Alaster beobachten. „Was arbeiten sie eigentlich, wenn ich das fragen darf?“, fing er ein Gespräch an, denn er war neugierig.

„Natürlich dürfen sie das“, entgegnete Alaster ruhiger, als er für möglich gehalten hätte. Denn Blicke in seinem Rücken mochte er gar nicht. Noch weniger, wenn jemand hinter ihm saß und ihn offen beobachtete. Um zu antworten wandte er sich um, so fühlte er sich gleich wieder etwas besser. Der Kühlschrank im Rücken bedeutete schließlich keine Gefahr. „Ich arbeite als leitender Angestellter in einem Handelsunternehmen. Deswegen bin ich auch die nächsten Wochen unterwegs“, begann er, und das war noch nicht einmal gelogen, nur etwas verbogen.

Gero nickte. „Ich studiere noch altertümliche Geschichte und ich überlege noch, ob ich später als Lehrer arbeiten soll. Es würde mir schon Spaß machen, aber noch muss ich mich ja nicht entscheiden.“ Er wusste, dass seine Arbeitgeber gerne etwas über ihn erfuhren, darum war er großzügig mit seinen Infos.

Alaster hatte den Auflauf aus dem Ofen geholt und knurrte Prince an, der ihm grundsätzlich im falschen Moment zwischen den Beinen herum sprang. Nicht dass es etwas nutzen würde, Prince hatte eben seinen eigenen Kopf und wollte nur daran erinnern, das man ihn auch füttern durfte, wenn man wollte.

„Der junge Mann, der sie gebracht hat, war einer ihrer Freunde?“, hakte Alaster noch etwas privater nach, denn derartiges kannte er nicht. Niemand war für ihn so eng, dass er ihn irgendwo mit hin nehmen würde.

„Ja, er ist mein bester Freund. Wir sehen uns oft, manchmal ist auch Dwight dabei, Lazarus’ Partner, aber das eher selten. Dwight hat eine eigene Aquakulturfirma und arbeitet sehr viel.“ Gero musste schmunzeln, weil Alaster immer wieder versuchte Prince auszuweichen, was aber nicht klappte.

Doch dann wurde es Alaster zu viel und er griff sich den übermütigen Pelzträger am Kragen, um ihn beiseite zu setzen, was Prince aufgebracht fauchen ließ. „Bleib wo du bist, ich warne dich!“, knurrte Alaster, als er zurück kam und richtete sich die Weste. „Aqua Di gehört dem Partner deines Freundes? Nicht schlecht.“ Alaster kannte die Firma und vor allem die viel gerühmte Qualität. Billig war die Ware nicht, aber ihr Geld wirklich wert. Er ließ sich auch ab und an von denen beliefern, wenn er einmal Gäste hatte.

„Ja genau, die Firma gehört Dwight. Der Fisch ist sehr lecker. Ich persönlich esse ja am liebsten die Garnelen, die er züchtet. Ab und zu bringt Lazarus welche mit, wenn wir uns treffen und dann kochen wir zusammen.“ Gero bekam einen genießenden Gesichtsausdruck, als er an seine Lieblingsspeise dachte.

Alaster nickte, wirkte aber beiläufig und so zuckte Gero die Schultern, als der Mann sich wieder umwandte. Doch er guckte nicht schlecht, als der aus dem Tiefkühlfach in seinem Kühlschrank eine Tüte zauberte, die Gero nur zu gut kannte. „Sie waren für das Abendessen gedacht, aber ich muss leider früher weg. Lassen sie sich die kleinen Köstlichkeiten schmecken“, sagte Alaster und seine Augen glitzerten.

Gero wusste gar nicht, was er sagen sollte, so überrascht war er. Die Garnelen waren teuer und Alaster überließ sie ihm einfach. „Danke“, sagte er, aber dann legte er den Kopf schief und lächelte. „Was halten sie davon, wenn wir sie zusammen essen, wenn sie wieder da sind? Solche Köstlichkeiten sollte man einfach nicht alleine essen.“

„Man sollte sie auch nicht ewig aufbewahren, denn ich weiß nicht, wann ich das nächste mal hier sein werde. Ich muss früher weg, weil der Tunnel dann für Sanierungsarbeiten gesperrt sein wird. Ich lasse ihnen etwas Geld da und melde mich vorher brav an. Lassen sie uns dann einfach welche besorgen. Sie sitzen doch an der Quelle.“ Er zwinkerte kurz, als er die Auflaufform endlich auf der Theke abstellte und die Flasche Wein, die er bereits geöffnet hatte.

„Ja, das können wir machen. Ich werde Dwight sagen, dass wir besonders leckere haben möchten.“ Gero strahlte, denn Alaster schien wirklich nett zu sein. Eigentlich war es schade, dass sein Arbeitgeber schon so bald wieder weg musste. „Lassen sie uns essen. Es riecht lecker und Prince guckt schon so komisch, als wenn er sich gleich drauf stürzen will.“

„Er ist verfressen, aber leider nicht blöd“, sagte Alaster und guckte auf seinen Liebling. Er setzte sich neben seinen Gast und schenkte Wein ein, während Gero jedem etwas vom Auflauf und vom Salat auf die Teller gab. „An Grünfutter geht er nicht ran und an dieser Auflaufform hat er sich mal dermaßen die Pfoten verbrannt, dass wir zum Arzt mussten, weil er Blasen hatte. So blöd ist er nicht noch einmal. Und wenn doch hat er nichts anderes verdient. Nicht wahr?“ Er sah Prince noch einmal an. Eigentlich hatte er nie ein Tier haben wollen, doch sein Arzt hatte ihm dazu geraten, denn er war sehr angespannt gewesen und sein Blutdruck beängstigend. Alaster würde zwar behaupten, dass der Kater keinerlei blutdrucksendende Wirkung hätte, doch sein Arzt war wieder zufrieden. Schon komisch, wie sehr er sich bereits an das Tier gewöhnt hatte.

Schließlich war er ja auch der Grund, warum er einen Haussitter benötigte, denn dass Prince etwas passierte, wollte er auf keinen Fall. „Ich werde darauf achten, dass er nicht zu dick wird.“ Gero nahm eine Gabel voll Auflauf und probierte. „Das ist lecker“, sagte er anerkennend. „Kochen sie oft? Ich nicht, denn ich habe nicht wirklich Talent dazu.“

„Kochen kann man lernen. Man muss nur die richtigen Mengen von den richtigen Sachen zusammen tun“, sagte Alaster und merkte zu spät, dass es etwas barsch klang, für jemanden, der sich dabei nicht sehr geschickt anstellte. „Ich habe lange geübt, weil ich keinen Koch anstellen wollte. Circa drei Jahre habe ich hauptsächlich von Fertiggerichten gelebt, ehe mich der Ehrgeiz packte, weil mein Arzt mir davon abgeraten hatte. Wenn sie aber selber nicht kochen, kocht ihre Freundin?“ Alaster schoss ins Blaue, doch er war neugierig.

„Keine Freundin. Ich befinde mich noch in dem Fertiggerichtestadium und da werde ich wohl auch noch länger bleiben. Wer mich ab und zu da raus holt, ist Lazarus. Er kann wirklich sehr gut kochen.“ Gero hätte Alaster gerne von Dimitri erzählt, aber sein Freund wollte das nicht. Er war ziemlich bekannt in der Stadt und ihr Verhältnis musste ein Geheimnis bleiben. Es hing zu viel davon ab, wer ihn kannte und wer ein gutes Bild von ihm hatte. Da passte es nicht, dass er seine Frau betrog, noch weniger, wenn er das mit einem Mann tat.

„Das harte Schicksal der Singles, hm? Aber dafür, dass sie vom Fertigfutter leben, sind sie gut in Form. Ich war aufgegangen wie ein Hefekloß, bis mein Arzt mir das Zeug regelrecht verboten hat.“ Alaster seufzte und wenn Doktor Fisher es nicht merkte, gönnte er sich heute noch fettige, heiße Kartoffelstäbchen mit einer dicken, fettigen Soße.

„Ich trainiere sehr viel, das hält mein Gewicht in Grenzen.“ Gero grinste Alaster an. „Also ihnen haben das Kochen und Prince wirklich gut getan“, sagte er lachend. „Ich sollte das doch auch einmal probieren. Vielleicht kriege ich davon einmal Muskeln, wenn tägliches Training das schon nicht schafft. Bei ihnen hat es auf jeden Fall geklappt.“

Etwas irritiert über das offensichtliche Kompliment sah Alaster seinen Gast an. „Danke“, entgegnete schon wieder etwas gefasster. „Doch das Kompliment kann ich nur zurück geben. Ich glaube nicht, dass sie muskulöser sein müssten“, erklärte er offen und wunderte sich über sich selbst. Seit wann machte er sich über derartiges Gedanken? Er war den privaten Umgang mit Fremden wohl doch nicht gewohnt.

„Finden sie?“ Gero sah auf seinen Arm, der keine nennenswerten Muskeln aufwies. Er lachte leise und zuckte mit den Schultern. „Na dann, bleib ich bei Fertigfutter.“ Er nahm sein Glas und prostete Alaster zu. „Möchten sie noch etwas über mich wissen?“

„Bestimmt, aber ich möchte sie nicht ausfragen. Vielleicht möchte ich sie abends einmal anrufen und sehen wie es ihnen mit Prince erging.“ Schon wieder wunderte sich Alaster über sich selbst. Es war wirklich nicht sein Ding, Smalltalk zu halten. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass dann sein Hirn aussetzte. Wie konnte das denn passieren?

„Und sie studieren?“, lenkte er also ab.

„Ja, altertümliche Geschichte. Das macht wirklich Spaß, obwohl Lazarus mich ständig damit aufzieht, dass das ja mal überhaupt nicht spannend wäre. Alle, über die ich was lerne, wären ja schon tot.“ Gero kicherte, denn diese Diskussion hatten sie schon nächtelang geführt. „Ich würde mich wirklich freuen, wenn sie ab und zu anrufen würden.“

Langsam verlor Alaster die Fassung. Es war immer schwerer seine kühle Fassade aufrecht zu erhalten. Gero war so natürlich und ungezwungen, dass es schwer war, ihm unterkühlt zu begegnen. „Letztendlich muss es ja ihnen Spaß machen und nicht ihrem Freund, nicht wahr?“, sagte er also unverfänglich und hob sein Glas. Ein kurzer Blick auf die Uhr über dem Herd, dann widmete er sich wieder seinem Gast.

„Ja, das sage ich auch immer, aber Lazarus ärgert mich viel zu gerne. Ich zahle es ihm aber immer heim.“ Gero fühlte sich langsam richtig wohl in Alasters Gegenwart, jetzt wo er nicht mehr so steif war und auch manchmal lächelte.

„So macht man das wohl unter Freunden“, sagte Alaster und aß weiter, damit der Auflauf nicht kalt wurde. Außerdem hatte er Hunger und würde eine ganze Weile nichts zwischen die Zähne bekommen, solange er unterwegs war. „DU! Kriegst! Nichts!“, erklärte er Prince, der schon wieder näher geschlichen war, als würde das keiner merken.

Der Kater maunzte beleidigt und drehte sich weg. Gero konnte nicht anders, als zu kichern. Prince war einfach zu niedlich. „Ich merke schon, bei dem Kater muss man auf sein Essen aufpassen. Ich habe vorher noch nie eine Katze gesehen und ich würde mir wohl auch eine anschaffen, wenn ich könnte.“

Doch da gab es gleich mehrere Probleme. Die Tiere waren nicht preiswert. Es gab im ganzen Kuppelverbund nur zwei Züchter und die Jungen waren schon auf Jahre im Voraus verkauft, ohne dass sie überhaupt auf der Welt waren. Außerdem war er ständig unterwegs, lebte in fremden Wohnungen, was wenn er dort keine Katze halten durfte? Nein, für ihn kam eine Katze nicht in Frage, doch Prince fand er süß, vor allem als er meckernd abzog, um sich einen neuen Plan zu überlegen.

Gero aß seinen Teller leer und rieb sich danach über den Bauch. Er war satt. „Das war lecker“, sagte er und lehnte sich zurück. Dabei fiel sein Blick auf die Kaffeemaschine. Dwight und Lazarus hatten auch so eine und darum kannte er sich damit aus. „Soll ich uns schnell noch einen Kaffee zum Abschluss des Essens machen?“, fragte er, denn er selber machte das sehr oft.

„Machen sie sich ruhig einen“, sagte Alaster und schob seinen leeren Teller ebenfalls von sich, nahm aber dann doch noch einen Löffel voll aus der Form und stellte den Teller dann etwas weiter weg. Er konnte eben auch nicht aus seiner Haut und Prince da so meckern zu sehen ertrug er nicht. „Ich trinke keinen Kaffee, aber meine Gäste mögen ihn. Deswegen habe ich den Automaten dort stehen.“

„Oh danke. Möchten sie etwas anderes?“ Gero hopste von dem Barhocker und lief zu der Maschine. Er machte sich einen Kaffee und kam zu Alaster zurück. Erst da fiel ihm auf, wie unhöflich er war. „Möchten sie auch etwas trinken? Einen Tee vielleicht? Ich mache ihnen gerne etwas.“

„Nein, setzen sie sich bitte wieder. Sie sind der Haussitter, nicht mein Butler“, sagte Alaster mit sichtlich schlechtem Gewissen. Gero sollte ihn nicht bedienen, das gehörte nicht mit zum Job. Und um nicht eventuell noch etwas zu sagen, was er eigentlich gar nicht sagen wollte und Gero vielleicht damit verletzte, nahm er den Teller und hielt ihn auf Princes Augenhöhe. „Frieden?“, bot er grinsend an.

Der Kater sah erst den Teller und dann Alaster an. Langsam kam er näher und schnüffelte an dem Auflauf. Er maunzte geringschätzig, probierte dann aber doch gnädigerweise, was ihm angeboten wurde. „Ich glaube, so schnell ist er nicht wieder gnädig zu stimmen“, kicherte Gero, der halb auf der Theke lag, um etwas sehen zu können.

„Ich sag’s ja, Diva“, knurrte Alaster leise, weil Prince ihn schon wieder so wissend anguckte. „Soll ich den Teller jetzt so lange halten, wie du überlegst, ob du es frisst oder nicht?“

„Ich glaube, genau das sollen sie“, sagte Gero und kam noch etwas näher, kam so aber in Princes Toleranzbereich und war schlagartig ein Konkurrent ums Futter. So schnappte er sich seine Beute und verschwand, noch ehe Alaster „Nicht auf die weiße Cou...“, brüllen konnte, im Kissenberg auf der Couchlandschaft.

Alaster senkte den Kopf und stellte den Teller auf den Tisch.

Da war Gero schon unterwegs, um zu retten, was zu retten war, aber er blieb respektvoll auf Abstand, als er laut angefaucht wurde. „Oh ha“, murmelte er leise, denn die Zähne, die ihm entgegen blitzten waren ganz schön spitz. „Du bist ja ein richtiges Raubtier“, murmelte er leise. Das hatte er gar nicht erwartet.

„Wenn er Futter hat, weg bleiben. Er verteidigt das gegen jeden. Nicht das er sie noch beißt“, sagte Alaster und erhob sich. Er machte das nicht zum ersten Mal und so hatte er alles, was er brauchte griffbereit. Ein Fleckenmittel und eine Bürste. Dazu genügend Mut, um Prince zu scheuchen.

„Okay, das werde ich mir merken.“ Gero sah Alaster entgegen und lächelte. „Passiert das öfter?“, fragte er, denn es sah schon ziemlich routiniert aus, wie Alaster den Kater mit der Bürste verscheuchte und sich dann daran machte, die Couch zu säubern. Gero half ihm, indem er die Kissen nach Flecken absuchte und die schmutzigen weitergab.

„Japp“, sagte Alaster nur und funkelte den Kater an. „Du hast Glück, dass ich gleich weg muss, sonst würde ich dich zur Strafe noch baden!“ Er sah Gero entschuldigend an. „Aber so haben sie gleich gemerkt, was alles passieren kann. Wie gesagt, wenn er frisst, nicht nähern. Das sieht er als Angriff. Entweder beißt er oder es sieht aus wie eben.“ Blieb zu hoffen, dass Prince sich benahm und Gero nicht biss.

„Okay.“ Gero nickte und überlegte, was er noch alles wissen sollte. „Darf er raus in den Garten?“ Gero würde den bestimmt nutzen, denn wann hatte er schon einmal die Gelegenheit dazu. „Und lassen Sie mir eine Nummer da, unter der ich sie im Notfall erreichen kann?“

Alaster zog aus der Westentasche eine kleine Karte, altmodisch aber praktisch. „Das ist die Nummer meines Palms. Rufen sie mich an, wenn es Probleme gibt.“ Den Nachsatz, dass Gero auch anrufen durfte, wenn es keine Probleme gab, verkniff er sich lieber. Er war doch wirklich nicht mehr zu retten.

Die Couch war wieder sauber und Prince hatte sich verzogen, da fiel Alaster ein, dass Gero ja auch noch etwas hatte wissen wollen. „In den Garten darf er schon, er ist nur meistens zu faul. Und wenn es geregnet hat, geht er gar nicht, nasses Gras ist wohl tödlich für ihn.“ Er zuckte mit den Schultern und lachte leise.

„Oh ja, davon habe ich gehört“, kicherte Gero und sah Alaster spitzbübisch an. Es war richtig schade, dass der Mann bald abreisen musste, denn Gero mochte es, sich mit ihm zu unterhalten. „Mal sehen, vielleicht bekomme ich ihn ja fit, dann darf er auch etwas mehr naschen.“

„Viel Spaß wünsche ich ihnen dabei“, sagte Alaster. Er kannte seinen Kater zu gut. Es mochte ja sein, dass Gero einen Stein bei ihm im Brett hatte, aber so viele Steine gab es in der ganzen Kuppel nicht, um Prince dazu zu bringen, freiwillig nasse Pfoten zu kriegen. „Aber so langweilen sie sich wenigstens nicht. Ist doch auch schön.“

„Ja, das stimmt auch.“ Gero lachte und half Alaster die Reinigungsutensilien wieder zu verstauen. Die Karte hatte er in seine Hosentasche gesteckt, damit er sie nicht verlor. „Wir werden uns schon zusammenraufen.“

„Ja, im Raufen ist er gut.“ Alaster sah Prince noch mal durchs Bild laufen doch dann war der Kater vorerst verschwunden. Wer mit Bürsten gescheucht wurde, war wohl unerwünscht und so wurde das rüpelhafte Herrchen mit Entzug bestraft. „In einer halben Stunde muss ich los. Dann gehört das Haus ihnen.“

„Schade“, rutschte es Gero raus und er wurde ein wenig rot. Er räusperte sich und senkte den Kopf. Was musste Alaster jetzt nur von ihm denken. Darum sah er auf den Boden und suchte nach einem unverfänglichen Thema. Ihm fiel aber nichts auf die Schnelle ein, darum nahm er seine Kaffeetasse und trank einen Schluck. Was war denn nur mit ihm los. So benahm er sich doch sonst nicht.

„Find ich auch, aber ich muss wirklich weg, sonst komme ich die nächsten Tage nicht nach San Diego 012“, entgegnete Alaster und hatte gerade das Gefühl, sie würden einen Eiertanz aufführen, ohne dass sie wussten warum. Das war doch verrückt. Wenn sie wieder Abstand hatten, würde sich das gewiss normalisieren. „Ich lasse sie jetzt allein, ich muss noch ein paar Dinge vorbereiten“, sagte Alaster, wissend dass es gelogen war, denn seine Tasche war fertig gepackt. Er brauchte nur ein paar Minuten, um einen klaren Kopf zu bekommen. Er erkannte sich nicht wieder.

„Ja sicher, sie fahren ja nicht zum Spaß auf Geschäftsreise.“ Gero stellte seine Tasse weg und lächelte Alaster kurz an. Er sah dem Mann nach, als er die Treppe hoch ging. „Ich sollte auspacken. Irgendwann muss ich das ja mal tun“, murmelte er und lief ebenfalls die Treppe hoch zu seinem Zimmer.

 

***

 

„Herr Sykora, ich bin dann weg. Ich melde mich, wenn ich angekommen bin“, sagte Alaster, als er auf dem Weg nach unten war. Er rief ziemlich laut, denn er wusste nicht genau, wo sein Haussitter gerade war. Vor der Tür war der Wagen vorgefahren und so zog sich Alaster noch die Jacke über, ehe er zur Tür ging.

„Moment“, rief Gero aus seinem Zimmer und kam herausgelaufen. Er wollte sich richtig verabschieden. Er stoppte vor Alaster und lächelte. „Ich wünsche ihnen eine gute Fahrt und rufen sie ruhig an, ich würde mich freuen.“ Er hatte die Nummer seines Palms auf einen Zettel geschrieben und reichte ihn dem anderen Mann. „Falls ich nicht Zuhause sein sollte.“

„Danke... und du zeig dich zur Abwechslung mal von deiner besten Seite. Kann nicht schaden“, erklärte er Prince, der neugierig gucken kam, was im Flur für Aufruhr herrschte. Da kriegte man ja kein Auge zu. Also ließ er sich zum Abschied noch einmal streicheln und verzog sich wieder.

„So, ich muss – sonst ist der Express-Train weg und du hast... Entschuldigung, sie haben mich dann die ganze Zeit auf dem Hals. Das wollen wir doch nicht.“

„Nein, bleiben wir doch beim du“, bat Gero. Er mochte es nicht wirklich, gesiezt zu werden, aber er hatte sich nicht getraut etwas zu sagen. „Ich passe gut auf das Haus und Prince auf.“

Alaster lächelte kurz und hatte die Tür schon geöffnet. Doch er blickte noch einmal zurück und hob kurz die Hand zum Gruß. „Mach das“, sagte er, dann war er aus der Tür und Gero blieb alleine im Flur zurück. Suchend sah er sich um. Der Kater strolchte noch etwas gelangweilt durch das untere Wohnzimmer und schien einen bequemen Platz u suchen.

„Prince“, rief er in den Raum und lief durch das Wohnzimmer. Er fand den Kater in einem Sessel und musste lächeln, weil der Kater verschlafen zu ihm aufsah und gähnte. „Du willst schlafen“, murmelte Gero leise und strich Prince über das Köpfchen.

„Du kannst auch bei mir oben schlafen, dann sind wir beide nicht so allein“, schlug er vor, denn er hatte ja versprochen, sofort Lazarus anzurufen und als Prince leise maunzte, nahm Gero ihn auf die Arme und ging wieder nach oben. Weil er nicht wusste, wie er sich die Zeit vertreiben sollte. Und so warf er sich aufs Bett und ließ den Kommunikator Lazarus’ Nummer wählen. Dabei kraulte er den Kater.

„Hallo Süßer“, grüßte sein Freund ihn und wischte sich mit einem Handtuch über das Gesicht. Lazarus hatte wohl gerade trainiert. „Alles klar bei dir. Ist dieser Alaster weg?“ Geros Freund setzte sich hin und nahm einen tiefen Schluck aus einer Flasche.

„Fuchtelst du schon wieder mit Küchenmessern herum? Ich kann’s nicht glauben. Leg dir mal ein Hobby zu, Engelchen“, neckte Gero und drückte sich sichtlich zufrieden in seinen Berg aus Kissen. Für ihn kam nach dem guten Essen heute kein Training mehr in Frage, er fühlte sich viel zu wohl und zu faul. Vielleicht kroch er noch in die Badewanne um es sich dort gut gehen zu lassen, doch das war auch schon das höchste der Gefühle. Schließlich hatte er von Dimitri heute nichts mehr zu erwarten.

„Ja, er ist weg.“

„Sag nicht immer Küchenmesser zu meinen Schwertern“, brummte Lazarus, aber er lächelte. „Und, was machst du jetzt? Guckst du dir das restliche Haus an, oder habt ihr es euch noch gemeinsam angesehen?“ Lazarus war neugierig, aber er konnte jetzt nicht zu Gero, denn er war nachher mit Dwight zu einer Party eingeladen.

„Eigentlich haben wir gegessen und geredet. Ich werde vielleicht nach einem entspannenden Bad noch ein bisschen herum streichen. Vielleicht zeigt mir Prince noch ein paar Ecken, hm, Süßer?“, fragte er den Kater, doch der gab sich unbeteiligt. „Er ruft an, wenn er angekommen ist.“ Warum Gero das jetzt gesagt hatte, wusste er nicht und so wie Lazarus guckte, bereute er es gerade zutiefst.

„Er ruft an?“ Lazarus hob eine Augenbraue.

„Ja, er ist sehr nett und da ich ihn mag, bin ich froh, dass er sich meldet.“ Gero wirkte ein wenig trotzig, aber dann lachte er. „Ich liebe Dimitri, aber das heißt ja nicht, dass ich niemanden sonst mögen darf.“

„Na, wenn du das sagst“, entgegnete Lazarus und blickte intensiver in die Kamera und auf Geros Bild. Er wollte wissen, was in seinem Freund vorging. Er wusste doch ganz genau, dass er ohne Dimitri zum Tode verurteilt war. Er sollte also aufpassen, wen er mochte und was er sagte, wenn er seinen Botschafter nicht verärgern wollte. „Gewöhn dich nicht allzu sehr an den Kerl.“

„Wie denn, wenn er nicht da ist?“, fragte Gero ein wenig spöttisch. „Er wird nur ab und zu kurz vorbeikommen zwischen seinen Geschäftsreisen. So alle paar Wochen.“ Gero verstand gar nicht, warum Lazarus so einen Aufstand machte. „Da ist Prince schon gefährlicher für Dimitri. Der Kleine hat sich jetzt schon in mein Herz geschlichen.“

„Dann hoffe mal, dass dein Botschafter keine Allergie hat. Hab gelesen, dass es so was gegeben hat, dass man gegen die Viecher allergisch war“, sagte Lazarus und äußerte sich zu diesem Anzug-Fuzi lieber erst mal nicht mehr. Das hatte nämlich gerade so geklungen, als wäre Gero enttäuscht darüber, dass der Kerl nur selten daheim wäre. Das waren ja völlig neue Töne. Das musste er im Auge behalten und gegen lenken.

„Ach, das Haus ist groß und wenn es gar nicht anders geht, werde ich mich mit Dimitri bei mir treffen.“ Gero sah das ziemlich locker, denn er musste ja nicht ständig im Haus sein. „Wann kommst du denn vorbei, damit wir uns alles zusammen ansehen können? Außerdem habe ich eine Tüte von Dwights Garnelen hier, die ich aufessen soll.“

„Die du aufessen sollst?“, fragte Lazarus nach, denn er wusste um die Sucht seines Freundes nach diesen vierbeinigen Tierchen. Dwights Firma züchtete ein paar spezielle Arten, die Gero noch gar nicht kannte. „Hat er sie dir dagelassen, oder was?“ Lazarus schüttelte vorsichtig den Kopf, weil er wusste, dass man Gero mit diesen Dingern kaufen konnte.

„Alaster wollte sie eigentlich zum Abendessen machen, aber er musste früher los, weil ab morgen die Express-Strecke gesperrt ist. Ich soll sie essen, weil man sie ja nicht so lange aufbewahren soll.“ Gero kicherte, denn dieser Aufforderung kam er nur zu gerne nach.

„Du bist kein guter Wachhund, Gero. Eine Garnele und du vergisst alles um dich herum.“ Lazarus wischte sich über die Stirn und rollte die Schultern. Er sollte für heute auch Schluss machen. Dwight schätzte es nicht, wenn er außer Atem zu einem Termin kam. „Was machst du morgen nach der Uni?“, wollte er noch wissen, denn er musste Gero doch noch einmal vorsichtig auf den Zahn fühlen, denn dessen Begeisterung für seinen neuen Chef war intensiver als sonst.

„Ich habe nichts weiter vor. Ich wollte mich etwas in den Garten legen und lernen. Ich schreibe bald eine Klausur und da sollte ich etwas tun.“ Gero verzog das Gesicht, denn Klausuren mochte er gar nicht. Er war vorher immer unheimlich nervös und machte sich Sorgen, dass er sie versaute. Zwar hatte er das noch nie, aber gegen die Angst konnte er nichts tun.

„Dimitri hat auch erst am Mittwoch wieder Zeit“, sagte er mit leichtem Bedauern in der Stimme, was Lazarus dann schon wieder ruhiger werden ließ.

„Wird er dich besuchen kommen? Weiß er schon, wo du bist?“ Dass Gero seinen Freund nicht anrufen durfte, wusste Lazarus, umso interessierter war er daran, wie aufmerksam Dimitri war, wenn es um Gero ging.

„Er wollte hierher kommen. Wahrscheinlich wird er anrufen und nachfragen, wo ich bin. Ich freue mich schon darauf ihn zu sehen.“ Gero blickte kurz traurig. Er vermisste Dimitri und wäre gern öfter mit ihm zusammen. Zwar hatte er eingesehen, warum das nicht ging, aber trotzdem schmerzte es ihn.

Manchmal wünschte er sich, jemand anders hätte ihn erwählt, jemand wie Dwight, der Tag und Nacht für seinen Engel da war. Doch dann fühlte er sich wieder undankbar, denn er hing an Dimitri, er liebte ihn. Doch reichte das? Gehörte da nicht irgendwie auch mehr dazu?

„Hey, Engelchen!“, knurrte Lazarus. Er stellte seine Frage jetzt schon zum dritten Mal. „Kann ich nun morgen lang kommen oder nicht? Stör ich beim Lernen?“

„Nein, Süßer, ich freue mich doch immer, wenn du mich besuchen kommst.“ Gero lächelte, aber seine Augen blickten immer noch traurig. „Bring Wein mit, den wir zu den Garnelen trinken können.“

„Na, das mach ich doch gern“, sagte Lazarus. Er freute sich jetzt schon auf das Essen, auch wenn er stillschweigend davon ausging, dass er es zubereiten würde. Doch das machte er gern, vor allem in einer fremden Küche. „Dann pass auf dich auf. Lass dich nicht klauen und pass auf das Pelzding auf.“

„Mache ich alles.“ Gero lachte und zwinkerte seinem Freund zu. „Grüß Dwight und viel Spaß heute Abend.“ Er trennte die Verbindung und sah auf Prince, der in seinem Arm eingeschlafen war und wohlig schnurrte. „Du bist so ein Süßer“, wisperte er leise, um den Kater nicht zu wecken.

Vorsichtig strich er dem Tier durch das Fell, weil er davon einfach nicht genug bekommen konnte. So konnte er sich also nicht erheben und in die Wanne sinken. Da musste er jetzt seine Prioritäten setzen. Und um sich ein wenig abzulenken, schaltete er leise das Entertainment an. Irgendwo war doch bestimmt ein bisschen seichte Unterhaltung für den Abend zu finden.

 

03

„Rama, ich kümmere mich um die Bewilligung der Mittel für das Hades-Projekt“, sagte Alaster und lehnte sich in seinem Sessel zurück, damit er sein Gegenüber besser sehen konnte. „Alles klar, Thoth, sag mir Bescheid, wann ich loslegen kann“, sagte der Mann, der vor dem Schreibtisch saß und sich jetzt erhob. „Ich will endlich anfangen.“ Er winkte noch einmal und verließ das Büro. Alaster rieb sich über die Augen und rollte die Schultern. Acht Stunden Meeting hatten ihn geschafft. Er brauchte etwas Ablenkung, darum aktivierte er seinen PC und wählte sich in das Überwachungsnetz seines Hauses ein, wie er es bisher jeden Abend seit er abgefahren war, gemacht hatte.

Anfangs war es gar nicht deswegen gewesen, weil er Gero überwachen wollte sondern eigentlich nur, weil er das erste Mal sein Haus einem Fremden überlassen hatte und er nur gucken wollte, ob es überhaupt noch stand. Er wusste, dass er paranoid war, das sagte ihm sogar sein behandelnder Arzt ab und an im Scherz. Doch so war das nun einmal, er war es gewohnt, allein zu leben und sich nur auf sich selbst zu verlassen. Jetzt musste er einem Wildfremden blindlings vertrauen. Das war schwerer als er geglaubt hatte.

Früher hatte er die Kameras in jedem Zimmer gehabt, um checken zu können, ob alles in Ordnung war. Doch seit ein paar Tagen war es ihm herzlich egal, ob das Haus noch stand, solange nur Gero vor irgendeiner Kamera auftauchte.

Der junge Mann schaffte es immer wieder, ihm gute Laune zu machen und sich besser zu fühlen, egal wie stressig sein Tag war. So wie jetzt, wo Gero durch das Bild lief und lachend Prince kraulte. Sofort erschien ein Lächeln auf Alasters Gesicht. Aber trotzdem machte er sich Sorgen. An dem Tag, wo sie sich kennen gelernt hatten, war sein Haussitter quirlig und aufgedreht gewesen, seit zwei Tagen wirkte er aber matt und müde. Er sah schlecht aus und schlief viel. Alaster hatte schon Angst, dass er krank wurde.

Gero wirkte auch blass und kurzatmig, überspielte es mit viel Anstrengung, wenn er Besuch von Lazarus hatte. Was sie sprachen konnte Alaster nicht verstehen denn er hatte keine Mikrofone installiert. Für seine eigentlichen Kontrollen war das nie nötig gewesen. Jetzt verfluchte er sich dafür, denn er hatte deutlich gesehen, wie dessen Freund auf Gero eingeredet hatte, sehr intensiv. Es hatte ihn interessiert, um was es gegangen war, auch wenn er sich aus den Blicken hatte zusammen reimen können, dass auch Lazarus aufgefallen war, wie Gero abbaute. Warum ging der nicht zum Arzt, verdammt?

So ging das nicht weiter, nur was sollte er unternehmen? Alaster überlegte, wie er unauffällig dafür sorgen konnte, dass Gero sich untersuchen ließ, als der auf einmal aus seinem Sessel aufsprang und loslief. Alaster folgte ihm mit den Kameras und beobachtete Gero dabei, wie er zur Haustür lief und sie freudig aufriss.

Ein Mann trat herein und sah sich kurz interessiert um, er wirkte aber nicht sehr neugierig. Sicherlich war es einer von Geros Freunden. „Hoppla“, sagte Alaster leise, als Gero dem Mann um den Hals fiel, die Tür zuwarf und den Fremden sofort dagegen drückte. „So ein Freund also.“ Das erklärte natürlich, warum Gero keine Freundin hatte. Eigentlich war es Alaster unangenehm, die beiden zu beobachten. Er war kein Stalker und noch weniger war er ein Spanner, doch irgendwie hatte er das Gefühl, dass der Kerl der Grund war, warum es Gero nicht gut gegangen war. Nur warum, das konnte Alaster nicht herausfinden. Dafür kam ihm das Gesicht des Mannes bekannt vor. Nur woher?

Er kramte in seinem Gedächtnis, während Gero und der Fremde sich leidenschaftlich küssten. Anscheinend hatten sie sich vermisst, denn mit einem Schmunzeln beobachte Alaster, wie Hände unter Kleidung geschoben wurden. Es war ein absolut heißes Bild, das die beiden abgaben, und Alaster lockerte seine Krawatte.

Er erkannte sich kaum wieder, eigentlich interessierte ihn so was gar nicht. Er lehnte sich zurück, rutschte aber gleich wieder näher an den Monitor. Lief da gerade Blut am Hals des Fremden hinunter? Doch dann schüttelte Alaster den Kopf. Er musste sich verguckt haben. Da war nichts.

Er zuckte hoch, als es an seiner Tür klopfte.

„Ja?“, sagte er schnell und klappte den Laptop zu. Er war gar nicht begeistert als Rama noch einmal seinen Kopf zur Tür herein steckte. „Thoth, kannst du, wenn du die Mittel bestellst, auch daran denken, dass wir auch ein neues Elektronenmikroskop brauchen?“ Alaster runzelte die Stirn, aber nickte dann. „Sonst noch was?“, fragte er und an seinem Ton merkte man, dass er über die Störung nicht sehr erfreut war.

„Wenn du mich schon in der charmant liebenswürdigen Art fragst, ja. In einer halben Stunde hat Krishna zu einem Meeting gebeten. Es gibt da ein aufsteigendes Projekt, das jede Menge Erfolg verspricht. Allerdings ist der Etat dafür nicht hoch genug. Es war nur ein Versuch gewesen, angesetzt für zwei Jahre. Das Experiment geht jetzt in die Projektphase und wird weiter laufen.“ Rama kannte seinen Kollegen gut genug, um zu wissen, dass man bei ihm immer das Gefühl hatte zu stören. Das brachte ihn nicht mehr aus der Fassung. Aber er war gewissenhaft, intelligent genug, die Projekte bewerten zu können und vor allem fiel er nicht um. Bei ihm war ein Nein auch ein Nein – oder ein Ja auch ein Ja, wenn man Glück hatte.

„Ich werde da sein.“ Alaster war verstimmt, aber sein Gesicht blieb ausdruckslos. „Okay“, Rama hob noch einmal die Hand und schloss die Tür wieder. Kaum dass sie zu war, öffnete Alaster wieder den Laptop, aber an der Tür war niemand mehr. „Wo seid ihr?“, murmelte er leise und schaltete auf einen andere Kamera.

Die Küche war ebenso leer wie der Flur oder die Räume im unteren Flur. So blieb nur noch Geros Schlafzimmer und Alaster war sich nicht sicher, ob er das wirklich wagen sollte. Dieses Tabu hatte er in den letzten Tagen noch nicht gebrochen. Wenn Gero sich zurückgezogen hatte, hatte Alaster das akzeptiert und sich ausgeklinkt. Es juckte in den Fingern und auf der Flurkamera sah er Prince, der vor Geros Tür maulte. Die Indizien waren eindeutig.

Prince machte so ein Theater nur, wenn man ihn irgendwo aussperrte. Sein Finger kreiste über der Taste für die Kamera in Geros Zimmer und während Alaster noch haderte, machte der Finger sich selbstständig und drückte sie. „Hoppla“, murmelte er wieder bei dem Anblick, der sich ihm bot.

Er schloss die Augen, denn er fühlte sich dreckig dabei, Gero so hinterher zu spionieren. Nicht nur, dass er ihm etwas nahm, was nur Gero allein gehörte, Alaster sah Dinge, die ihn einfach nichts angingen. Und doch konnte er die Augen nicht zu lassen. Er wusste, dass er Gero nie wieder in die Augen sehen konnte, wenn er jetzt nicht den Laptop zu klappte.

Alaster kam sich schäbig vor, dass er es nicht schaffte, seinen Blick von den beiden Gestalten auf dem Bett abzuwenden. „Jetzt ist genug“, knurrte er und griff nach dem Bildschirm. Er hatte ihn ein paar Zentimeter zugeklappt, als er anhielt. „Was machen die da?“, fragte er sich verwirrt, als er sah, wie Gero das Handgelenk des Fremden nahm und hineinbiss.

Nein, er hatte das nicht geträumt – Gero biss zu. Die spitzen Zähne brachen durch die blasse Haut seines Freundes und Blut trat hervor. Alaster schüttelte den Kopf. Was trieben die denn für Spielchen? Dabei hatte er Gero für einen anständigen jungen Mann gehalten. Und solch einem Verrückten vertraute er sein Haus an? War er noch zu retten?

Nur um die Bestätigung zu haben, dass er als erstes Gero entlassen musste, wenn er wieder Zuhause war, sah Alaster weiter zu, wie sein Haussitter ein paar Schlucke Blut trank. Allein die Vorstellung ließ ihn sich schütteln. Das war doch pervers.

Er war so sehr in seine Gedanken vertieft, dass er die Zeit vergaß und so schreckte er hoch, als sein Kommunikator sich bemerkbar machte. Unwillig nahm er das Gespräch an.

„Thoth, wir warten auf sie, schon vergessen?“, hörte er Rama und schlagartig fiel ihm ein, dass er noch einen Termin hatte. Es kam ihm ganz gelegen, dass er den Laptop jetzt zu klappen musste. Das konnte er sich nicht mehr weiter mit angucken. So erhob sich Alaster und verließ sein Büro.

Er nickte allen Anwesenden zu, als er den Konferenzraum betrat und setzte sich auf seinen Platz. „Entschuldigen sie die Verspätung, ich war in meinen Berechnungen vertieft“, entschuldigte er sich. Man sah ihm nicht an, dass er nicht bei der Sache war. Das, was er gerade gesehen hatte, ging ihm einfach nicht aus dem Kopf.

Blut – wie konnte man nur mit einem solchen Genuss im Blick dieses Zeug schlucken? Alaster begriff es noch immer nicht, doch er musste den Umstand, dass gerade ein Irrer sein Heiligstes hüten sollte und lieber finstere Orgien zu feiern schien, beiseite schieben. Hier ging es um große Summen, die nicht leichtfertig verschwendet werden sollten.

„Jetzt, wo alle da sind, würde ich Krishna bitten, das Projekt Sangriel vorzustellen. Ich glaube, wenn wir das richtig anstellen, kann es eine lukrative Einnahmequelle sein und wir könnten ein paar andere Versuche damit refinanzieren. Hör es dir mal an, Thoth, und entscheide in Ruhe.“ Rama setzte sich neben seinen Kollegen, um ihn beraten zu können falls nötig.

„Sangriel?“ Alaster sah Krishna fragend an. Davon hatte er noch nichts gehört. Das war ungewöhnlich, wenn es schon seit zwei Jahren lief. Wie war dieses Projekt finanziert worden? Normalerweise ging die Planung über seinen Tisch.

„Sangriel ist ein Projekt aus dem alten Europa“, stieg Krishna gleich ein und erhob sich. Er hatte Bilder zur Untermalung seiner Worte vorbereitet und so zeigte das erste Bild eine Satellitenaufnahme der Kuppel. „Sangriel ist von einem der Unseren privatfinanziert. Das ist sein Sitz.“ Krishna deutete kurz auf das Bild, dann ging es weiter. „Er züchtet Wesen mit einem Gendefekt. Sie sind anämisch und ein spezielles Medikament kann sie am Leben halten.“

„Und?“, wollte Alaster wissen, der sich gerade fragte, warum er sich das hier anhören musste und warum er das finanzieren lassen sollte. Und wie war das mit der Refinanzierung?

„Nicht so voreilig, Thoth, Sangriel sind nicht einfach kranke Menschen, sie sind Blutengel, wie ihr Name schon sagt. Klassisch schön kann man sie erwerben und mit dem richtigen Medikament, das man selber nimmt, kann man sie an sich binden. Man kauft sich also einen Partner, eine Partnerin, was auch immer man gerade möchte und sie wird einen niemals verlassen, weil sie mit dem Blut des Käufers das Medikament aufnehmen. Genial, oder?“

Das Bild an der Wand zeigte die biologische Erklärung des Defekts und seine Folgen.

Alaster sah Krishna an und nickte. „Sehr interessantes Projekt. Ich benötige die Bilanzen und eine Liste der verkauften Sangriel und die Berichte über die Käufer, ebenso den Bericht über dieses Medikament.“ Er wirkte kühl und geschäftsmäßig wie immer, aber in seinem Kopf schlugen die Gedanken Purzelbäume. War Gero ein Sangriel? Alles, was er gehört hatte, passte zu dem jungen Mann.

Das war verrückt – denn er glaubte nicht an Zufälle. Und doch konnte er das Gesehene und das Gehörte, was so perfekt übereinander passte, nicht ignorieren. Die Fakten waren da und er musste das unbedingt weiter beobachten.

„Die Bilanzen überspiele ich ihnen gerade“, sagte Krishna, zufrieden darüber, dass nicht gleich ein kategorisches Nein gekommen war. Wenn Thoth mehr Informationen wollte, hieß das meistens, dass man auch seinen Nerv – vor allem aber sein Interesse – getroffen hatte. „Auch die Listen sind kein Problem. Ich kann sie anfordern und die Wirkung des Medikaments ist den Bilanzen angehängt, denn dies ist das Alpha und Omega.“

„Gut, ich werde mich in die Materie einlesen und Berechnungen anstellen, inwieweit wir andere Projekte damit refinanzieren können und wie eventuell auch mehr aus dem Sangriel Projekt heraus zu holen ist.“ Dass Gero vielleicht einer dieser Sangriel war, änderte nichts daran, dass Alaster seinen Job sehr ernst nahm. Wenn dieses Projekt optimiert werden konnte, dann war er derjenige, der es herausfand.

Und wenn er wusste, wie dieses Medikament wirkte, konnte er Gero vielleicht davor bewahren, wieder die halbe Woche platt herum zu liegen. Aber noch wusste er zu wenig darüber und das bedeutete, dass seine Nacht daraus bestehen würde, das Projekt zu verinnerlichen. Mit Gero Mitleid zu haben, hatte wenig Sinn. Da war Alaster sehr pragmatisch. Aber der junge Mann war ihm sympathisch und wenn er dessen Not lindern konnte, so tat er das, wenn er auch noch nicht genau wusste warum. Genau wie er nicht wusste, warum er ein Tabu gebrochen und Gero beim Sex bespannt hatte oder warum er ihn ständig beobachtete, sobald er Zeit hatte.

„Wann können wir uns noch einmal treffen, um das weitere Vorgehen zu besprechen oder dann via Videokonferenz?“

„Machen wir eine Videokonferenz. Ich muss morgen abreisen und es ist nicht ganz klar, wie lange ich weg bleiben werde.“ Krishna sah in die Runde, ob alle damit einverstanden waren und da keine Einwände kamen, war es beschlossen. Die Sitzung war damit aufgehoben und Alaster ging zurück in sein Büro. Kaum, dass er an seinem Schreibtisch saß, stellte er wieder die Verbindung zu seiner Wohnung her.

Er wusste nicht, was er erwartet hatte und auch nicht, warum er als erstes ohne zu zögern die Kamera in Geros Zimmer aktivierte, doch das Bett war leer. Es wirkte zerwühlt, aber niemand war mehr im Raum. Alaster runzelte die Stirn. Wo trieben es die beiden denn jetzt?

Etwas lustlos suchte er das Haus ab.

Er fand sie küssend auf dem Sofa im Wohnzimmer und dieser Anblick passte ihm überhaupt nicht. Dieser Fremde hatte Gero gekauft und dieser wusste das wahrscheinlich noch nicht einmal. Denn normalerweise wurden Tarngeschichten erfunden, um zu verhindern, dass Fragen gestellt wurden und sich die Experimente gegen ihr Schicksal auflehnten.

So wie er Gero bisher kennen gelernt hatte, war er sehr selbstständig, musste er wohl auch, wenn sein Käufer sich so selten blicken ließ. Alaster biss die Zähne zusammen und schnickte kindisch gegen den Bildschirm, dort wo der Fremde gerade seine Hand auf Geros Hindern legte.

Doch es half nichts, daran konnte er im Augenblick nicht viel ändern – also rief er auf einem großen Monitor an der Wand die Fakten über das Medikament auf, er musste mehr wissen. Arbeitete man hier mit Drogen?

Er war ziemlich erstaunt, dass es sich lediglich um eine leichte Abwandlung eines frei erhältlichen Medikaments zur Anregung der Produktion von roten Blutkörperchen handelte. Es war so modifiziert worden, dass es nur bei den Sangriel wirkte. Menschen ohne den Gendefekt, schieden es nach einer Weile aus, ohne dass es etwas bewirkte. Das war ein wirklicher Geniestreich.

„Und über die Dosierung, die der Käufer nimmt, regelt er, wie oft der Sangriel ihn sehen muss, wenn er nicht sterben will. Verdammt genial in seiner Einfachheit.“ Alaster blickte vom Bildschirm wieder zu seinem Monitor, wo sich der Fremde gerade erhob und Gero auf ihn einredete. Doch der Fremde schüttelte immer wieder den Kopf und hatte einen Blick drauf, als würde er etwas beteuern.

„Der Arsch will doch jetzt nicht etwa gehen, oder?“, knurrte Alaster. „Kommt nur zum Vögeln, oder wie? Was bist du denn für ein Versager?“

Seine Augen zogen sich wütend zusammen, als er mit ansehen musste, wie Gero sich dem Fremden praktisch an den Hals warf, um ihn daran zu hindern zu gehen. Er wurde aber sehr bestimmt weggeschoben und Alaster konnte Tränen auf Geros Wangen sehen, als der Mann sich abwandte und ging. „Du Arsch“, zischte er und konnte nicht glauben, was er sah.

„Ich krieg dich“, knurrte er und hatte von einer der Szenen einen Schnappschuss gemacht. Er ließ das Gesicht des Mannes durch die Datenbank laufen. Wäre doch gelacht, wenn man nicht herausfinden könnte, was für ein armes Würstchen sich einen Liebhaber kaufen musste, der ihm nicht weglaufen konnte. Und dann konnte man sich immer noch mit dem armseligen Wurm näher befassen.

Es dauerte nicht lange, bis sein PC ihm anzeigte, dass er eine Übereinstimmung gefunden hatte. „Dimitri Carson, Botschafter von Las Vegas 007“, las er leise die Beschreibung vor und wusste dann auch, woher ihm der Kerl bekannt war. Sie hatten sich einmal auf irgendeinem Empfang gesehen. „So, so, der Herr Botschafter führt also ein Doppelleben. Was wohl die Gattin und die Kinder dazu sagen würden, dass du dir einen Lustsklaven hältst?“

Doch so platt war Alaster nicht. Er nutzte Wissen dieser Art lieber anders. Das Opfer sollte sich langsam selber in die Schlinge hängen. Alaster genoss den Augenblick, wenn er entschied, dass die Schlinge zugezogen wurde und dieser Mistkerl hatte gerade sein Todesurteil gesprochen, als er die Tür hinter sich zugemacht hatte.

Mit einem Druck auf den Kommunikator erreichte er das Sekretariat der Abteilung. „Freya, egal was es kostet: Buch mir für heute Nacht einen Platz im Express. Ich muss dringend nach Hause.“ Dann trennte er die Verbindung wieder. Er war nicht der Mann, der sich erklärte. Er handelte.

Und erst einmal musste er sich davon überzeugen, dass es Gero gut ging. Er sah so verzweifelt aus, dass es einem schon bei seinem Anblick schwer ums Herz wurde. Sein Blick streifte noch einmal das Bild von Dimitri und Alaster lächelte grimmig, dann schaltete er den PC aus. Er musste noch einiges vorbereiten, damit er heute Nacht nach Hause fahren konnte.

Er musste noch zwei Projekte fertig bewerten. Es waren kleinere Sachen hier in LA2, die darauf abzielten, die Ernährung der Bevölkerung zu verbessern. Die Ärzte diagnostizierten immer häufiger Mangelerscheinungen, denen vorgebeugt werden musste. Doch das war für Alaster keine große Sache. Die Versuche waren fundiert und vielversprechend. Es fiel ihm nicht schwer, die Gelder zu bewilligen. Er musste das nur noch schriftlich fixieren und signieren.

Das ging schnell. Er hatte diese Berichte schon so oft geschrieben, dass er sich nicht groß darauf konzentrieren musste. Seine Gedanken waren dabei schon Zuhause und was er dort vorfinden würde. Wahrscheinlich blieb er aber nicht lange dort, denn es war kein Haussitter nötig, wenn er länger als eine Nacht blieb und er wollte auf keinen Fall, dass Gero wieder in seine Wohnung ging.

Dort war er dann wieder tagelang allein und wartete lauernd darauf, dass der Botschafter ihm sein Medikament brachte. So konnte das unmöglich weiter gehen und Alaster machte sich nicht einmal die Mühe zu grübeln, warum ihn das interessierte. Ihm reichte es, dass Prince den jungen Mann akzeptiert hatte. So musste sich Alaster keine andere Ausrede ausdenken.

Schnell waren die Berichte getippt und versandt. Dann klappte er seinen Laptop zu und packte ihn ein. Über eine andere Leitung orderte er bei Aqua Di für morgen noch eine Kiste Garnelen und dann war er auch schon auf dem Weg nach unten. Freya die Zauberin der Abteilung hatte wirklich noch ein Ticket ergaunern können, wie sie ihm kichernd berichtet hatte. Doch er musste sich sputen, denn der Zug ging in einer Stunde – und das aus einer der anderen Kuppeln. Die Station des Express Trains lag in LA4. Und der Zubringer war längst nicht so schnell.

Es kam ihm zu gute, dass die Bahnstation unter dem Gebäude lag. So musste er nicht erst durch die Straßen hetzen. Er stieg in den Zubringer, der ihn rechtzeitig zum Express Train brachte. Er atmete aber erst auf, als der Zug sich in Bewegung setzte und er von ihm nach San Francisco gebracht wurde.

Alaster sank in sein Polster. Er hatte jetzt zwei Stunden Zeit sich zu entspannen und weil er günstig saß und ihm keiner über die Schulter gucken konnte, holte er seinen Palm heraus, auf dem ebenfalls die Software der Überwachung lief. Er wollte wissen, ob Gero immer noch so niedergeschlagen war, oder sich schon wieder etwas gefasst hatte.

Der junge Mann lag in seinem Bett und hatte sich klein zusammen gerollt. Er schien immer noch sehr niedergeschlagen zu sein. Die Bettdecke hatte er um sich gewickelt. Prince war bei ihm und ließ sich kraulen. Wenigstens war Gero nicht alleine und Alaster wusste, wie gut der Kater Trost spenden konnte, wenn man deprimiert war.

Er mochte ja eine Diva sein, doch er spürte auch, wenn das Gegenüber nicht die Kraft hatte, geärgert zu werden.

Alaster sah auf die Uhr. Es würde Mitternacht sein, wenn er ankam. Dann schlief Gero sicherlich schon. Ob er sich anmelden sollte? Vielleicht brachte das den jungen Mann auf andere Gedanken. Und vielleicht wäre es auch fair, weil er bestimmt nicht wollte, dass sein Arbeitgeber ihn so niedergeschlagen fand.

Er wählte also Geros Kommunikator an, hinterließ aber nur eine Nachricht, dass er etwa gegen Mitternacht wieder Zuhause sein würde. Er wollte Gero nicht zumuten, sich ihm jetzt in seiner Verfassung zeigen zu müssen.

Und doch sah er neugierig zu, wie Gero aufhorchte. Er hatte die Nachricht bereits registriert und so erhob er sich. Prince wurde hastig vom Bett verscheucht, was Alaster schon leicht amüsierte. Er kannte seine Diva und ihn zu scheuchen war fast unmöglich. Aber Gero schien andere Sorgen zu haben. Hastig zog er das Bett ab und Alaster konnte sich das Grinsen nicht verkneifen, noch weniger als auch noch die Fenster aufgerissen wurden. Es schien als wollte jemand keine Spuren hinterlassen.

Das Bett wurde neu bezogen, was immer wieder von Prince gestört wurde, der auf das Bett sprang und von Gero jedes Mal wieder auf den Boden gesetzt wurde. So dauerte das Betten beziehen etwas länger und danach folgte Alaster Gero, der ins Wohnzimmer lief und dort kontrollierte, ob ihn auch nichts verriet. Kurz ließ er sich auf das Sofa fallen, sprang aber sofort wieder auf und sah an sich hinunter. Nun musste Alaster doch leise lachen, bei dem hektischen Gesichtsausdruck seines Haussitters.

Er konnte sich in etwa denken wie dieser gerade roch und so war es vielleicht das beste, eben noch einmal im Bad zu verschwinden, denn sonst konnte er so viel lüften wie er wollte, das brachte auch nichts, wenn der Puma noch im Käfig war. Wie es schien, hielt Gero ein kurzes Zwiegespräch mit Prince, das damit endete, dass Prince beschloss, selbst der Dusche fern zu bleiben und sich auf der Couch zu aalen, während Gero versuchte, die Spuren zu beseitigen. Alaster beschloss, nichts zu bemerken.

Er beobachtete Prince und Gero noch einen Weile, die es sich im Wohnzimmer zusammen gemütlich gemacht hatten, nachdem Gero aus der Dusche gekommen war. Alaster freute sich heute richtig auf Zuhause, was sonst eher weniger der Fall war.

Er könnte sich daran gewöhnen heim zu kommen und Gero mit Prince spielen zu sehen.