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Zyklus IV - San Francisco GX - Teil 4 - 6

04

Erst kurz vor der Tür des Anwesens beendete er seine Beobachtung und klingelte, ehe er sich die Tür öffnete. Er wollte nicht, dass sein Gast glaubte, man würde seine Privatsphäre nicht achten. „Bin da“, rief er aus dem Flur und streifte die Schuhe von den Füßen. Er war geschlaucht und hatte Hunger.

Schnell kamen Schritte näher und ein lächelnder Gero kam mit Prince im Arm in den Flur gelaufen. „Hallo, schön, dass du wieder da bist“, grüßte ihn sein Haussitter und kam näher. „Wie war deine Woche?“, fragte Gero neugierig, denn es interessierte ihn wirklich.

„Frag nicht“, murmelte Alaster und zog endlich die Anzugjacke aus. Krawatte und Weste blieben aber, wo sie waren. „Ich weiß auch nicht, warum ich mir ständig diesen Stress antue.“ Doch er grinste, damit Gero wusste, dass er das nicht so hart meinte, wie er es sagte, denn eigentlich mochte er seinen Job. Außerdem fiel es ihm schwer, Gero ins Gesicht zu blicken, nachdem er ihn so bespannt hatte. Alaster wirkte dabei unsicher.

„Du Ärmster.“ Gero kam ein wenig näher, denn Prince wurde unruhig und wollte zu Alaster. Darum gab er den Kater weiter und wusste plötzlich nicht, was er mit seinen Händen anfangen sollte. „Möchtest du etwas trinken? Ich mache dir gerne etwas fertig, du musst nur sagen, was du gerne hättest.“, sagte er darum und machte sich schon einmal auf den Weg in die Küche.

„Ich hätte gern einen Haussitter und keinen Butler“, sagte Alaster und folgte Gero. Er mochte es gar nicht, dass der junge Mann schon wieder in das Verhaltensmuster verfiel und anfing, ihn bedienen zu wollen. „Setz dich ruhig wieder, ich finde schon etwas.“ Alaster hoffte, dass er seinem Gast jetzt nicht mit seiner Ablehnung auf die Füße getreten war. Der Umgang mit Leuten, die ihm wichtig waren, war er einfach nicht gewohnt. Das rächte sich jetzt. Vor allem weil er nicht wusste, warum ihm Gero so wichtig war.

Gero drehte sich zu Alaster um und lächelte. Er war nicht beleidigt, aber er wollte nicht, dass Alaster dachte, dass er sich vielleicht verpflichtet fühlte ihn zu bedienen. „Mach dir keine Gedanken. Ich mache das gerne und ich fühle mich nicht wie dein Butler. Du bist gerade erst nach Hause gekommen und bist bestimmt müde. Sieh es einfach als einen Gefallen unter Freunden.“

„Danke“, sagte Alaster etwas verlegen und ließ sich auf einen der Hocker vor der Theke sinken. Prince hatte vom Gehaltenwerden bereits die Nase voll und machte sich frei, flitzte über die Theke und verschwand dann. Doch weit kam er nicht, denn er hockte neben seinem Napf. Wenn Leben in der Küche war, standen die Chancen nämlich gut, dass für ihn auch noch etwas abfiel. „Verfressener Kater“, knurrte Alaster leise, denn er hatte gesehen, dass die Diva heute schon zweimal Futter bekommen hatte.

„Nix da“, sagte auch Gero, aber Prince ignorierte beide Einwände und maunzte auffordernd, was aber keinen Erfolg hatte, denn die beiden Männer beachteten ihn gar nicht. Gero stand Alaster gegenüber und sah ihn lächelnd an. „Was möchtest du denn? Einen Tee, oder lieber was Kaltes: Kochen kann ich nicht, aber ich kann supertolle Sandwiches machen, wenn du Hunger hast.“

Alaster nickte. „Gegen belegte Brote habe ich nichts einzuwenden. Ich hoffe, ich habe dich nicht zu sehr überfallen, ich hätte mich früher anmelden sollen, eigentlich hatte ich von LA2 gleich weiter reisen wollen nach San Diego 012, doch es hat sich ergeben, dass ich etwas Zeit hatte. Ich werde übermorgen früh erst aufbrechen.“ Dass er einen Termin dafür verschoben hatte, gab er freilich nicht preis! Das war ihm zu peinlich. „Und du halt endlich mal die Klappe“, knurrte er die Diva liebevoll an, denn Prince lag vor seinem Napf und jammerte weiter. Wäre doch gelacht, wenn man nicht doch noch Erfolg hätte.

Gero grinste vor sich hin, als er Alasters Worte hörte und machte sich gleich daran ein leckeres Sandwich zuzubereiten. Er belegte es großzügig mit Käse und Schinken und alles, was man dazu brauchte. Es machte ihm Spaß, darum dekorierte er es noch liebevoll und brühte einen Früchtetee auf. Dabei erzählte er Alaster von seiner Woche mit Prince.

Sein Chef hörte zu und sah immer wieder auf Prince, der langsam eingesehen hatte, dass er heute zwei besonders schwere Nüsse zu knacken hatte. Er trollte sich auf die Couch. „Es wundert mich, dass er sich so bereitwillig unterordnet. Er ist auch gar nicht fett geworden“, sagte Alaster und zwinkerte, damit Gero sich nicht verarscht fühlte. Aber er war wirklich überrascht, dass Gero noch keine Kratzer hatte. Wenn Alaster sonst Besuch hatte, musste er Prince wegsperren, weil er jeden zu Schaschlik verarbeitete, der ihn ohne Autorisierung anpackte.

„Ich weiß auch nicht, ich habe gar nichts Besonderes gemacht. An unserem ersten Abend, lag er bei mir im Bett und seit dem hat er jede Nacht dort geschlafen. Ich mag sein Schnurren, dabei kann ich wunderbar schlafen.“ Gero stellte den Teller und eine Tasse Tee vor Alaster ab und setzte sich neben ihn. „Mit Lazarus hat er sich nach und nach auch angefreundet, obwohl er sich von ihm nicht so gerne streicheln lässt.“

„Ja, das erinnert schon eher an Prince“, lachte Alaster und sah noch einmal nach seinem Kater, ehe er sich hungrig über das Sandwich her machte. „Lecker!“, sagte er nach dem ersten Bissen und aß hastig weiter. Es fiel ihm schwer noch die Augen offen zu halten, doch er zwang sich dazu. Er war hier, um Gero abzulenken, da konnte er doch nicht kommen, essen und ins Bett gehen. Dann hing Gero wieder alleine da und er war keinen Deut besser als dieser dahergelaufene Las-Vegas-Botschafter. Nein, mit dem wollte sich Alaster nicht vergleichen lassen.

Gero freute sich, dass es Alaster schmeckte und nippte an seinem Tee. „Ist auch nicht schlimm. Lazarus hat ein wenig Angst vor dem kleinen Monster. Was man kaum glauben kann, denn er ist perfekt im Kampfsport, aber vor so einer kleinen Samtpfote kapituliert er.“ Gero lachte, als er daran dachte, wie sein Freund vor Prince geflüchtet war.

„Wenn die Diva nicht will, dann nutzt ihm auch sein Kampfsport nichts. Er wird gekratzt und gebissen, so schnell kann er gar nicht gucken und deswegen kann ich deinen Freund sehr gut verstehen“, baute Alaster einen kleinen Konflikt auf und grinste. Er konnte sich noch an seine ersten Tage mit Prince erinnern. Er hatte reichlich Pflaster gebraucht und sich schlussendlich mit Futter frei gekauft. Er glaubte ja sowieso, Prince hielt ihn sich nur noch im Haus, weil Alaster wusste, wie der Kühlschrank auf ging und wie man das Futter aus der Verpackung bekam. Das war sein Glück, sonst wäre er wohl schon rausgeflogen.

„Ich weiß gar nicht, was ihr habt. Prince ist doch lammfromm. Er hat mich noch nie gekratzt. Man muss ihn nur richtig ernst nehmen und mit ihm reden“, nahm Gero die Herausforderung an. Es tat ihm gut, mit jemandem reden zu können. Seit Alaster wieder da war, hatte er kaum an Dimitri gedacht und wie wütend und traurig er darüber war, dass sein Geliebter so schnell wieder gegangen war.

„Natürlich, was habe ich auch erwartet“, sagte Alaster gespielt entsetzt. „Du musst das kleine Raubtier auch noch verteidigen und behaupten, wir würden ihn nicht ernst nehmen. Er will doch gar nicht ernst genommen werden – er will Futter. Oder?“ Er sah zu Prince, der sich auf seinem Kissen zusammen gerollt hatte und seinen Herrn mit Leidenschaft und Hingabe ignorierte. So weit kam es noch, dass er reagierte, nur weil der Dosenöffner auf ihn einredete. Er konnte kein Futter riechen, da wollte er sich auch nicht bewegen.

„Nein, nicht nur, obwohl Futter einen großen Teil seines Denkens einnimmt. Der andere Teil ist dafür reserviert, so viel beschmust zu werden wie möglich.“ Gero lachte und seine Augen leuchteten schalkhaft. Alaster war ganz anders, als er beim ersten Eindruck gedacht hatte. Gar nicht so steif und unterkühlt.

„Warum werde ich das Gefühl nicht los, ich müsste jetzt ein schlechtes Gewissen bekommen“, sagte Alaster und meinte das völlig ernst. Er fühlte sich wirklich gerade so, als würde er sein Haustier gar nicht richtig verstehen. Und dass der ihm immer noch den Rücken zukehrte und mit dem Schwanz wedelte, weil er sich durch die beobachtenden Blicke belästigt fühlte, machte es nicht leichter. Er war mal gespannt, in wessen Bett die Diva heute Nacht kroch. Und wo kam jetzt eigentlich der Gedanke her, dass man das alles in einem Bett erledigen könnte und sich so keiner zurückgesetzt fühlen würde?

„Nein, musst du nicht. Deine Diva hat es gut bei dir. Ich hab ihn wohl ein wenig verwöhnt, was das Kraulen angeht.“ Gero gestikulierte wild mit den Händen, weil er nicht wollte, dass Alaster sich schlecht fühlte. „Aber jetzt bist du ja da und kannst das ab jetzt übernehmen.“ Bei seinen Worten grinste er frech, denn eigentlich konnte er sich Alaster nicht vorstellen, wie er den ganzen Tag Prince kraulte.

„Na so weit kommt es noch, dann hat er ja gewonnen!“ Alaster verzog das Gesicht, grinste dann aber. Ab und an saß er abends vor dem Bildschirm und ließ sich berieseln. Dabei hatte er Prince auf dem Schoß, der die Nähe gnadenlos ausnutzte. Lieber aß er auf und lehnte sich zufrieden etwas zurück. Der Blick auf die Uhr zeigte fast Mitternacht. „Wie war eigentlich deine Woche?“, wollte er wissen, denn Gero wusste ja nicht, dass Alaster ihn die ganze Woche beobachtet hatte.

„Oh, die war ganz gut. Lazarus hat mit mir zusammen die Garnelen aufgegessen. Auf der Uni läuft es ganz gut, ich habe für ein Referat gelernt und ansonsten habe ich mir mit Prince die Zeit vertrieben. Meine Woche war also gar nichts Besonderes.“ Kurz hatte Gero überlegt Alaster von Dimitri zu erzählen, aber es dann doch lieber gelassen.

Wie sollte er auch wissen, dass der bereits wusste, was Gero ihm verschwieg. Doch das war okay. Es ging Alaster auch nichts an. Das einzige, was ihn wirklich interessierte, war die Tatsache, ob Gero einer dieser Blutengel war. War er darauf angewiesen, dass der Botschafter ihm sein Medikament gab? Und wenn ja – wie viel bekam Gero davon, wann kam der Kerl also wieder?

„Das hört sich doch gut an. Eine Woche ohne Ärger, so wie man sich das wünscht.“ Alaster versuchte es zu unterdrücken, doch er musste gähnen.

„Ja, mein Leben ist recht langweilig gegen deins, aber eigentlich ist das ganz gut so. Aber jetzt solltest du schlafen gehen. Du hattest einen langen Tag.“ Gero war eigentlich nicht müde, denn nachdem er sein Blut bekommen hatte, war er immer ziemlich aufgedreht.

„Es fällt mir schwer dich allein zu lassen. Ich sitze gern mit dir zusammen und ich möchte etwas von deiner Lebendigkeit tanken, ehe ich übermorgen weiter muss“, sagte Alaster und das war noch nicht einmal gelogen, denn er genoss diesen Abend wirklich. Auch wenn er lieber nicht Preis gab, was ihm alles im Kopf herum ging.

„Ich mag es auch, mich mit dir zu unterhalten, aber du kannst ja kaum noch die Augen offen halten. Verschieben wir das auf morgen, wenn du Zeit hast. Ich würde mich freuen.“ Gero lächelte. So war es am besten, auch wenn er es schade fand.

„Warum nicht. Wie wäre es, wenn wir morgen zum Brunch in mein Lieblingslokal fahren? ich würde dich einladen. Für das Abendessen habe ich Garnelen bestellt. Sie müssten im Laufe des Tages geliefert werden. Aber nur wenn du Zeit hast. Vielleicht mag dein Freund ja auch kommen. Ich kann etwas Ablenkung gebrauchen“, sagte Alaster eilig und mit schneller Stimme, ehe ihn wieder der Mut verließ. Dann sah er in seinen Tee.

Geros Augen leuchteten auf, als er hörte, was Alaster mit ihm unternehmen wollte. „Gern“, rief er lachend und auf einmal war das Leben gar nicht mehr so grau wie noch vor ein paar Stunden. „Lazarus hat morgen keine Zeit, aber das macht nichts, ich finde es auch schön, wenn wir zwei etwas Zeit zusammen verbringen. Dann können wir uns mal so richtig kennen lernen.“

„Soll mir auch recht sein“, lächelte Alaster und wirkte erleichtert darüber, dass er nicht plump oder gar aufdringlich auf Gero wirkte. Er betätigte ein Touchpad an der Seite der Theke und rief die Kontaktdaten seines Lieblingslokals auf. Aus der Fläche der Theke wurde ein Bildschirm und so lockte er Gero zu sich. „Wo wollen wir sitzen? Auf der Terrasse oder lieben drinnen?“ Noch waren nur wenige Tische reserviert.

„Draußen bitte!“ Gero kam näher und sah auf den Bildschirm, dabei stützte er sich mit einer Hand auf Alasters Schulter ab, damit er besser sehen konnte. „Das Restaurant ist wirklich schön.“ Er kannte es nicht, aber das war nicht ungewöhnlich, denn er ging selten aus.

Wenn er unterwegs war, dann meistens mit Lazarus und dann verschwanden sie in Little Asia, wo sein Freund trainierte, wo er Freunde hatte und wo er gern essen ging. Der Name des Viertels hatte sich seit Jahrhunderten gehalten, auch wenn die Bevölkerung schon lange gewechselt hatte. Seit die Kuppeln so stark isoliert waren und die Kontinente hinter dem Wasser so gut wie unerreichbar, hatte sich der Genpool nicht mehr aufgefrischt.

„Setzen wir uns hier drüben hin. Dort wird es schön hell sein, aber nicht zu sonnig. So können wir in Ruhe essen. Ist zehn Uhr zu früh?“ Eigentlich frühstückte Alaster im vorbeigehen, wenn er das Haus verließ, das war gegen sieben.

„Perfekt, was die Zeit und den Tisch betrifft. Reservier ihn für uns bitte.“ Gero beobachtete Alaster dabei, wie er reservierte und drückte dessen Schulter leicht vor Freude. Er konnte gar nicht aufhören zu lächeln. „Morgen werde ich ja richtig verwöhnt. Erst ein schickes Restaurant und abends noch Garnelen. Womit hab ich das denn verdient?“

„Ganz einfach, nach all den anstrengenden Idioten im Büro und den nervenaufreibenden Spinnern, aus denen diese Welt besteht, ist deine Anwesenheit geradezu eine Verwöhnkur. Und Menschen, die einem so gut tun wie du, denen sollte man auch etwas Gutes tun. Lassen wir Prince für ein paar Stunden allein oder sollen wir die Diva mitschleifen?“ Allerdings wusste Alaster schon von den Besuchen beim Arzt, dass Prince weder Geschirr noch Leine wirklich schätzte.

„Lassen wir ihn hier.“ Gero sah zu Prince, weil er etwas verlegen wegen des Kompliments war. „Er war übrigens doch im Garten. Wenn auch nur kurz. Man muss nur sein Futter raus stellen, dann flitzt er raus.“

„Und eben so schnell wieder rein und dann ist er angepisst und knurrt einen an, wenn man versucht ihm zu nahe zu kommen. Ja, ja.“ Alaster konnte sich das bildlich vorstellen, wie Prince Anlauf nahm, so wenig Bodenkontakt wie nur möglich verursachte und dann mit der Beute wieder auf dem heimeligen Parkett verschwand.

„Du kennst ihn ziemlich gut.“ Gero musste lachen, als er sich daran erinnerte. „Er hat mich den Rest des Tages ignoriert und ich musste mir sein Wohlwollen zurückkaufen. Ich gebe es zu, du hattest Recht. Bei ihm nimmt den größten Teil seines Denkens Fressen ein.“

Alaster sah seinen Haussitter grinsend an und unterdrückte das Gähnen. „Was hab ich dir gesagt? Verfressene Diva.“ Eigentlich war er ganz froh, dass Prince sich auch bei Gero von seiner schlechten Seite zeigte und nicht nur bei ihm. Nicht auszudenken, wo sein Ego hin sinken würde, wenn der Kater den Fremden so gut annahm, während er Alaster seit seinem Einzug hier eigentlich nur duldete, weil er ihn benötigte.

„Er ist wirklich sehr eigenwillig und auch eine Herausforderung. Das macht ihn so liebenswert. Er hat Prinzipien und lässt sich davon auch nicht abbringen. Man muss sich anstrengen, damit er einen akzeptiert.“ Gero kam richtig ins schwärmen, als er von Prince redete.

Und so merkte er noch nicht einmal, wie Alaster langsam die Brauen hob. Das klang ja gerade wie die ganz große Liebe. „Dann nimm ihn am besten wieder mit ins Bett, zu mir wird er sowieso nicht wollen, ich habe ihm Futter verweigert.“ Er lachte leise und gähnte wieder. Er konnte sich langsam wirklich nicht mehr konzentrieren, auch wenn er sich zwang. Er verfluchte seinen langen Tag und erhob sich nun doch.

„Nein, nein“, wehrte Gero gleich ab und wurde wieder rot. „Prince ist dein Kater und du hast ihn so lange nicht gesehen. Entweder nimmst du ihn mit, oder wir lassen ihn entscheiden, wo er schlafen will. Ich will ihn dir auf keinen Fall wegnehmen.“

„Entweder nimmst du hin jetzt mit, oder er wird nachher an deiner Tür kratzen. Such es dir aus.“ Alaster zuckte die Schultern, grinste aber, als er sich streckte und dabei herzhaft gähnte. Er löste endlich die Krawatte und die Knöpfe der Weste. „Von dir hat er heute schon Futter bekommen, du hast dir also seine Gunst erkauft. Du bist mir einen ganzen Schritt voraus.“ Er klopfte Gero auf die Schulter und seine Augen – wenn auch müde – strahlten ihn an. „Gute Nacht.“

„Gute Nacht, Alaster.“ Gero sah ihm hinterher und musste lächeln, als Prince noch einmal kurz gekrault wurde, auch wenn der Kater sich unwillig zeigte. Er ging zur Couch rüber und hob Prince auf. „Sei nicht so zu ihm. Er ist dein Herrchen und hat das nicht verdient“, schimpfte er leise, aber es wirkte nicht sehr glaubwürdig, weil Gero dabei seine Nase durch das weiche Fell streichen ließ.

„Ja, ja“, knurrte Alaster gutmütig und löste die Krawatte ganz. Auf dem Weg nach oben zog er sich die Weste aus und verschwand in seinem Bad. Es war schon krankhaft, wie er glaubte, dass er den Drang verspürte, den Monitor zu aktivieren und Gero weiter zu beobachten – in seinem eigenen Haus! Er musste das Verhalten unterdrücken, denn langsam erkannte er sich selbst nicht mehr wieder. Er fixierte sich auf den jungen Mann.

Er nahm sich vor, nicht mehr an den Monitor zu gehen, aber in seinem Zimmer konnte er nicht dagegen ankämpfen und schaltete ihn ein. Gerade wurde die Tür geöffnet und Gero kam mit Prince auf dem Arm in sein Zimmer und wusste nicht, in welche Gewissenskonflikte er seinen neuen Freund schickte.

 

Gero setzte Prince auf seinem Bett ab und zog sich aus. Dabei erst wurde ihm bewusst, dass er kaum an Dimitri gedacht hatte, seit Alaster da war und er sich auch nicht mehr so deprimiert und wütend fühlte. Was hatte dieser Mann nur an sich, dass er es schaffte ihn so zu fesseln?

Es war, als hätte Alaster seine kleine Welt ein bisschen aus den Angeln gehoben, denn er war all das, was Dimitri nicht war – vor allem war Alaster einfach nur da. Sie redeten, sie lachten, sie verabredeten sich zu banalen Dingen wie einem Essen. Das hatte Gero von Anfang an gefehlt, seit er hier her gekommen war. Lazarus mit seinem Dwight zu sehen, zu erleben, zu hören, was sie unternahmen deprimierte Gero an manchen Tagen so sehr, dass er dann gemeinsame Abende doch absagte, weil er deren Glück kaum ertragen konnte.

Gero putzte sich die Zähne und legte sich zu Prince, der sich schon auf seinem Kissen zusammengerollt hatte. „Er ist nett und er mag mich“, erzählte er dem Kater und lächelte. „Wir verbringen den Tag morgen zusammen, das wird bestimmt lustig.“

Prince öffnete noch einmal ein Auge, als wollte er fragen ob Gero das nicht jemand anderem erzählen konnte, doch dann schlief er auch schon wieder. Und während Gero ebenfalls langsam weg dämmerte, betrachtete Alaster mit vor Müdigkeit brennenden Augen noch etwas das sanfte Lächeln auf Geros Lippen.

 

05

„Kaffee, Kaffee“, murmelte eine verschlafene und verstrubbelte Gestalt am nächsten Morgen und tapste in die Küche. Gähnend bediente er die Maschine und schnupperte genießend, als der Geruch von frisch gebrühtem Kaffee in seine Nase stieg. Gero hatte gut geschlafen, aber trotzdem war es ihm noch ein wenig früh, denn die Nacht war kurz gewesen.

Und hätte Prince nicht seinen Herrn in der Küche hantieren hören und anschließend Terror verbreitend an der Tür gekratzt, wäre Gero noch nicht auf den Beinen. Schließlich hatte er heute ausschlafen können.

„Guten Morgen“, wünschte Alaster, der die Show genossen hatte. Prince saß auf der Theke und guckte mit ihm etwas auf dem Bildschirm, es liefen Nachrichten und Gesellschaftsinformationen. Nicht dass dies den Kater interessiert hätte, aber hier direkt neben Herrchens Teetasse standen die Chancen gut, beim Stöbern in den Börsendaten gestreichelt zu werden.

„Moment.“ Gero hob eine Hand und nahm einen Schluck Kaffee. Erst dann straffte sich seine Gestalt und er nahm die Welt um sich wahr. „Guten Morgen“, wünschte er zurück und setzte sich neben Alaster an die Theke. „Morgen Terrortier“, grüßte er Prince und kraulte ihn zwischen den Ohren. „Wie kannst du nur schon so munter sein?“, fragte er Alaster und gähnte.

„Macht der Gewohnheit, wenn es hell wird, kann ich nicht mehr schlafen - außerdem bin ich um diese Zeit schon im Büro. Tage wie heute sind eher selten, weil ich eigentlich mit solchen nichts anzufangen weiß. Wenn du nicht da wärst, wäre ich jetzt im Büro“, musste er zugeben und betrachtete mit Argwohn, wie Prince für sein ungebührliches Verhalten vom Morgen auch noch mit Streicheln belohnt wurde. Konsequent ging irgendwie anders.

„Irks“ Gero verzog das Gesicht. „Workaholic. Heute wirst du nicht arbeiten gehen, heute wirst du dich amüsieren und wenn ich diesen Kaffee getrunken habe und den zweiten auch, kann es losgehen.“ Er grinste, denn das war sein morgendliches Ritual. Ohne Kaffee kam er nicht in die Gänge.

„Workaholic“, knurrte Alaster und sah Gero missbilligend an. „Das sagt mir ausgerechnet ein Koffein-Junkie.“ Dann lachte er leise und blickte kurz an sich herab. Er sollte sich heute amüsieren. Das ging bestimmt auch einmal ohne Krawatte. Er band sie also vorsichtig locker und legte sie beiseite. Zwar fühlte er sich jetzt etwas nackt, aber er hatte heute frei, das sollte man auch sehen.

Gero brummelte in seine Tasse und musste dann doch mitlachen. „Ich brauch das Zeug eben, um wach zu werden.“ Er knuffte Alaster in die Seite und trank seine Tasse leer, nur um sie gleich noch einmal zu füllen. „Was für ein Laster hast du denn?“

Alaster sah Gero nach, der über die Theke lehnte und auf seinen Kaffee wartete. Wäre er jetzt ehrlich, müsste er zugeben, das er seit einer Woche ein Laster hatte, doch das war ihm peinlich. Gero durfte das niemals erfahren und so lächelte er nur und drehte den Kopf leicht auf die Seite. „Ich habe keine Laster, ich bin perfekt.“

„Häh?“ Gero brauchte ein wenig um zu verstehen, was Alaster gesagt hatte, aber dann prustete er los. „Ja klar“, kicherte er. „Obwohl...“ Er legte den Kopf schief und besah sich sein Gegenüber genau. So wie Alaster aussah und dort saß, war er wirklich perfekt. Ohne darüber nachzudenken hob er eine Hand und brachte die blonden Haare ein wenig durcheinander. „Jetzt nicht mehr“, kicherte er.

„Wie kannst du es wagen!“ Alaster war völlig aus der Fassung und guckte in die leicht spiegelnde Fläche des Kühlschrankes. Wie sah er denn jetzt aus, doch er wandte sich nur ab, damit Gero sein Grinsen nicht sah. Was war denn nur mit ihm los. So albern war er schon lange nicht mehr gewesen. Schlimmer noch – er genoss es! „Meine schöne Perfektion restlos zerstört. Prince, fass den Unwürdigen, damit ich ihn züchtigen kann!“ Doch der Kater tat nichts dergleichen. Er war angeödet, weil keiner ihn kraulte.

Gero streckte Alaster die Zunge raus und lachte immer noch. Er kraulte Prince kurz, weil er nicht auf sein Herrchen gehört hatte und nahm sich seine frisch gefüllte Tasse. „Steht dir gut“, gluckste er und das fand er wirklich. Alaster wirkte so nicht mehr so streng.

„Hm“, machte Alaster noch etwas unwirsch, doch wenn es Gero gefiel, dann blieb er heute so. Schließlich hatte er sich schon von seiner Krawatte befreit. Da fiel das auch nicht mehr auf und außerdem hatte er heute frei. Das erste Mal seit Jahren, wenn er es recht bedachte denn selbst wenn er Urlaub hatte, war er eigentlich ständig damit beschäftigt, urlaubsuntypische Dinge zu tun wie Inspektionen oder Berichte lesen.

„Bist du dann so weit oder brauchst du noch Zeit?“, fragte Alaster. Er wollte gern los, auch wenn es eigentlich noch viel zu früh war.

„Zehn Minuten“, nuschelte Gero und grinste entschuldigend. Er war zwar schon geduscht und angezogen, aber noch nicht ganz wach. Er wollte Alaster aber nicht warten lassen, darum flitzte er hoch in sein Zimmer, wuschelte sich seine Haare in eine akzeptable Form und war auch schon wieder in der Küche und trank seinen Kaffee aus. „Fertig“, rief er lachend und sah Alaster auffordernd an.

„Erst schwächeln und dann hetzen, hm“, machte Alaster, grinste aber, als er sich erhob. Er bürstete sich noch einmal ein paar Katzenhaare von der Weste und scheuchte Prince von der Theke. „Los, geh spielen“, sagte er und der Kater trollte sich. Nicht weil Alaster es befohlen hatte, sondern weil er es wollte, nur damit das mal klar war.

So verließen beide das Haus und steuerten Alasters Wagen an. Er war etwas größer als der von Lazarus.

„Schick“, murmelte Gero, nachdem er sich in dem Wagen umgesehen hatte. Er selber konnte nicht fahren, aber das war nicht wirklich schlimm. Er kam auch so mit den Bahnen überall hin, wo er hin musste. „Fahren wir lange bis zu dem Restaurant?“, fragte er neugierig.

„Nicht lange, wir hätten auch laufen können, doch dazu bin ich heute zu faul. Vielleicht wollen wir ja hinterher noch wo anders hin, da ist es besser, motorisiert zu sein“, war Alaster der Meinung und startete. Wie jeder Wagen zog er seinen Strom aus Kreisen unter der Straße und so setzte sich der Wagen in Bewegung. Weil sie Zeit hatten, schlug Alaster den Weg zum Rand der Kuppel ein, von dort konnte man auf das Wasser sehen. Das mochte er.

Er stellte sich oft vor, wie es wäre, ohne diese Kuppeln zu leben, den Wind und die Sonne auf der Haut zu spüren. Zwar wusste er, dass es ein Serum gab, damit das möglich wäre, denn er hatte das Projekt genehmigt und er käme auch an das unverseuchte Serum heran, das einige der Gottgleichen benutzen. Allerdings konnte Alaster sich nicht mit dem Gedanken anfreunden, es zu benutzen. Warum wusste er selber nicht, wahrscheinlich war es einfach nur Angst, aber das wollte er gar nicht genau wissen.

Vor ein paar Wochen war im Gespräch gewesen, die Kuppel zu wechseln. Man hatte ihn an die Ostküste versetzen wollen, eventuell sogar ins alte Europa. Doch er war zu bequem gewesen, sein Leben noch einmal von vorn zu beginnen. Es war ja nicht so, als hätte er Freunde zurückgelassen, doch er hatte seine lieb gewonnenen Gewohnheiten, die er ungern aufgab.

„Ich bin gern hier“, sagte Alaster irgendwann, als der Wagen langsamer wurde. Er wollte hinaus aufs Meer blicken. Irgendwo dort draußen in einer der schwimmenden Kuppeln lebte sein Bruder, doch er hatte von Gerald lange nichts gehört.

„Ich auch. Da vorne kannst du anhalten.“ Gero strahlte regelrecht, als er Alaster die Parkbucht zeigte. Sie hatten ja noch Zeit, da konnten sie etwas hier bleiben. Er nötigte Lazarus ab und zu mit ihm ans Meer zu fahren, weil es ihn beruhigte, auf die Wellen zu schauen. Es war doch einfach ein unglaublicher Zufall, dass Alaster es auch mochte.

„Ich weiß“, murmelte Alaster überrascht. Er hätte nicht gedacht, dass Gero den Ort kannte. War er doch kein Sangriel? So lange lief das Projekt nämlich noch nicht. Oder lief es schon länger und er hatte nur die Hälfte an Fakten bekommen? Und warum machte er sich darüber Gedanken? Er hatte frei und war mit einem netten, jungen Mann an einem der schönsten Orte der Kuppel. Das sollte er genießen.

Gero kicherte, bei dem Gesichtsausdruck, den Alaster machte. „Du bist also auch ab und zu hier?“, fragte er. „Gesehen habe ich dich bisher aber noch nie. Du wärst mir bestimmt aufgefallen. Na ja, so lange ist es auch noch nicht her, dass ich diesen Platz entdeckt habe.“

„Ich kenne ihn, seit ich denken kann“, sagte Alaster leise und blickte wieder hinaus. Er öffnete die Wagentür und schloss kurz die Augen. Als Kind hatte er mit Gerald hier gestanden und sie hatten zusammen hinaus gesehen – doch eines Tages hatten sich ihre Wege getrennt, an dem Tag, als aus Alaster Thoth geworden war. Ob er heute noch einmal so fanatisch folgen würde, wusste Alaster nicht, doch das änderte nichts. Sein einziger lebender Verwandter hatte ihm den Rücken zugekehrt.

„So lange schon?“ Gero lehnte seine Hände gegen die Kuppel und sah auf das Wasser. Er hatte keine Erinnerung an sein Leben bevor er hier in einem Krankenhaus aufgewacht war. Er beneidete Alaster ein wenig darum, dass er sich an seine Kindheit erinnern konnte. „Ich bin erst seit gut einem Jahr hier und kurz danach habe ich diesen Platz gefunden.“

„Wo warst du vorher?“, fragte Alaster und öffnete die Augen. Er stieg noch nicht aus, sondern sah Gero fragend an. Wieder hatte er das Bild vor Augen, wie Gero seine spitzen Zähne in Dimitris Puls geschlagen hatte. Er hatte gelesen, dass die Blutengel nach den Wünschen der Kunden gezüchtet wurden und dann mit einer Amnesie dort aufwachten, wohin sie verkauft worden waren.

„Das weiß ich nicht.“ Gero lehnte seinen Kopf an die Kuppel. „Die Ärzte meinten, dass ich mein Gedächtnis wohl bei einem Unfall verloren habe, bei dem ich mir eine schwere Gehirnerschütterung zugezogen habe.“ Er erinnerte sich nicht gerne an diese Zeit, wo er sich vollkommen verloren und hilflos gefühlt hatte. Erst Dimitri hatte ihn aus seiner Verzweiflung geholt. Er war zu ihm gekommen und hatte ihm erzählt, dass sie zusammen gehörten.

Gern würde er sich daran erinnern, wie sie sich kennen gelernt hatten, doch das konnte er nicht. Nicht einmal, wenn Dimitri ihm die Geschichte von dem Empfang in der Botschaft immer wieder erzählte. Vom Unfall selbst wusste Dimitri auch nichts, weil er nicht dabei gewesen war und so bestand seine Erinnerung nur aus einem schwarzen Loch.

„Das tut mir leid“, sagte Alaster und lehnte sich neben Gero an das meterdicke Plexiglas. Er fühlte sich in seiner Vermutung wieder bestätigt und so beschloss er, sich noch intensiver mit dem Projekt zu befassen. Vielleicht konnte er Gero helfen. Doch wollte der die Hilfe auch? Alaster musste das nach und nach behutsam erfragen.

„Ist nicht zu ändern.“ Gero sah zu Alaster rüber und lächelte. „Mir fehlen ein paar Jahre, aber ich lebe und das ist doch die Hauptsache.“ Er hatte es sich abgewöhnt darüber zu grübeln und genoss sein Leben einfach so, wie es war.

„Da hast du Recht“, stimmt ihm Alaster zu und blickte wieder nach draußen. Letzte Woche hatte er Kuppel AX 351 mal wieder orten lassen. Gerald war irgendwo vor der Küste des alten Kontinentes Afrika unterwegs. Von hier aus könnte er ihn nur sehen, wenn er einmal um die Welt blicken könnte. Doch er lächelte. „Komm, lass uns etwas essen. Hinterher können wir immer noch zurückkommen und etwas spazieren gehen.“

„Ja, machen wir das.“ Aus einem Impuls heraus umarmte Gero Alaster kurz und lachte dann ausgelassen. Er fühlte sich einfach nur gut an diesem Morgen. Der andere Mann verhinderte dunkle Gedanken und hinderte ihn daran zu grübeln. Er hörte ihm zu und das war einfach nur schön, weil er ihn ganz für sich alleine hatte.

„Na komm, Kaffee wartet.“ Ohne zu wissen warum und ohne sich die Zeit zu geben es zu hinterfragen, griff sich Alaster Geros Hand und führte ihn zurück zum Wagen. Sie lagen gut in der Zeit, ihr Tisch dürfte noch nicht vergeben sein, wenn sie kamen. Er war ein guter Kunde und auch wenn er eigentlich immer pünktlich kam, ging er davon aus, dass ein paar Minuten später ihn nicht den Platz auf der Terrasse kosteten.

„Ja, Kaffee“, kicherte Gero und leckte sich über die Lippen. Er zog seine Hand nicht weg und löste die Verbindung erst, als er in den Wagen stieg. Sie schwiegen auf dem Weg zum Restaurant, aber die Stille war nicht unangenehm. Gero sah sich um, als Alaster den Wagen geparkt hatte. „Schön hier. Ich kann verstehen, dass es dein Lieblingsrestaurant ist.“

„Es kann auch deines werden. Sie haben Kaffee und Garnelen auf der Speisekarte“, konnte sich Alaster nicht verkneifen zu sticheln und lächelte, als Gero tief Luft holte. „Komm, spar deine Energie. Es gilt ein Buffet zu bezwingen.“ Dann ging er langsam vor. Vorhin war es ihm leicht gefallen, Geros Hand zu greifen, doch jetzt überschlugen sich seine Gedanken und ehe er handeln konnte, war es auch schon wieder zu spät.

Aber Gero löste sein Dilemma, indem er sich einfach bei ihm einhängte und ihn fast schon zum Restaurant zog. „Trödel doch nicht so. Du hast gesagt, sie haben Garnelen“, lachte er dabei und grinste frech. Er wusste selber nicht warum, aber bei Alaster hatte er das Gefühl, als wenn er ihn schon ewig kennen würde, darum war er auch nicht mehr so zurückhaltend, wie er es sonst war, wenn er jemanden neu kennen lernte.

„Du hast Ähnlichkeiten mit meinem Kater. Den kann man mit dem richtigen Futter ja sogar in das feuchte Gras im Garten locken“, lachte Alaster und ließ sich ziehen, grüßte den Pagen am Eingang und nickte den Kellnern zu, die etwas irritiert auf den krawattenlosen Alaster mit dem quirligen Bündel an seinem Arm blickten. Sie glaubten wohl an eine Erscheinung, denn das war ihnen völlig neu.

„Mau“ machte Gero und kicherte. Unrecht hatte Alaster nicht. Für Garnelen machte Gero fast alles. Lazarus zog ihn immer damit auf, aber was sollte er machen? Die Tierchen waren einfach zu lecker. Allein schon bei dem Gedanken daran, lief ihm das Wasser im Munde zusammen.

Doch erst einmal setzten sie sich und genossen die Aussicht auf die alten Häuser. Sie waren nicht alt, erst kürzlich errichtet, doch man hatte sich dabei an alten Bildern der Stadt orientiert und versucht, das alte Flair wieder aufleben zu lassen. „Herr Middelton, herzlich willkommen. Wie üblich das Buffet oder à la carte?“, wollte ein Kellner wissen und verneigte sich angedeutet. „Hallo Igor, wir bedienen uns vom Buffet. Ich hätte nur zwei Bitten. Reichlich Kaffee für meine Begleitung und reichlich Garnelen auf dem Buffet. Mir reicht vorerst ein Tee.“

Der Kellner deutete wieder eine Verbeugung an. „Aber selbstverständlich, Herr Middelton, es gibt reichlich Garnelen.“ Igor schmunzelte leicht, als Geros Augen bei seinen Worten aufleuchteten. „Ich werde die Getränke sofort bringen.“ Er nickte noch einmal und ging los, das Gewünschte zu holen.

„Du hast es gehört. Du kannst dich also mit Garnelen voll stopfen. Aber verdirb dir nicht den Appetit für den Abend.“ Alaster wirkte sehr zufrieden und lehnte sich in seinem Stuhl etwas zurück. „Na los, lauf schon“, grinste er, als er merkte, wie Gero den Hals lang machte und auf das Buffet zu starren versuchte.

„Soll ich dir etwas mitbringen?“ Gero war schon aufgesprungen, aber er lief noch nicht los, weil er es unhöflich fand, Alaster alleine sitzen zu lassen, auch wenn dieser ihm die Erlaubnis gegeben hatte.

„Nein, nein. Ich warte erst einmal auf meinen Tee und dann werde ich mir etwas suchen, worauf ich Lust habe. Ich weiß noch nicht, was ich will.“ Alaster lächelte und knöpfte sich die Weste auf, er fühlte sich heute leger. So sah er Gero nur nach und blickte dann wieder nach draußen. Er saß gern hier und blickte auf die alten Villen. Er hätte gern auch hier ein Haus bezogen, doch die Häuser waren schon verkauft gewesen, noch ehe man sie errichtet hatte. Und eigentlich war er mit seinem Anwesen sehr zufrieden. Der einzige Vorteil wäre die direkte Nähe zum Lokal gelesen. Aber wenn er es recht bedachte, hätte er dann weniger Gelegenheiten, ans Meer zu fahren.

Er war so versunken, dass er nicht mitbekam, wie Gero mit einem gefüllten Teller und sichtlich zufrieden wieder zum Tisch zurückkam. Erst als er sich setzte, merkte er auf. „Das Buffet ist unglaublich“, schwärmte Gero und besah sich seine Beute noch einmal. Rührei mit Krabben, Shrimps Cocktail und gegrillte Garnelen am Spieß hatte er sich geholt und da gab es noch viel mehr leckere Sachen, die er probieren wollte.

„Wir haben Zeit. Prince wird uns schon nicht die Bude abfackeln. Und falls doch, wird es dort oben auf der Videowand zu sehen sein. Also, kein Grund zur Eile“, lachte Alaster, sichtlich zufrieden damit, Geros Geschmack getroffen zu haben. Der junge Mann sah viel gesünder aus, wenn er lächelte, als wenn er deprimiert den unwilligen Prince an sich drückte.

„Das ist gut.“ Gero probierte einen Happen von dem Cocktail und schloss genießend die Augen. Es war einfach köstlich. „Danke, dass du mich hierhin eingeladen hast. Du könntest Recht haben, dass es auch mein Lieblingsrestaurant wird.“

„Sag ich doch“, entgegnete Alaster und erhob sich ebenfalls, um zu sehen, was das Buffet hergab. So kam er nach einer Weile mit einem Würstchen in Teig wieder und ein paar Dingen, von denen er nicht wusste, was es war, die aber lustig aussahen. Alaster war nicht mäklig, er aß so gut wie alles und probierte gern neues. Auch wenn der Laden von außen gediegen wirkte, so war er unter Insidern dafür bekannt, die Gäste immer wieder zu überraschen. Nur seinem morgendlichen Müsli blieb er auch heute treu – allerdings einmal eine herzhafte Variante.

Neugierig sah Gero von seinem Teller auf, als Alaster sich wieder zu ihm setzte. Er verschaffte sich einen Überblick und grinste. „Ich biete dir einen Garnelenspieß im Tausch für das da, was immer das auch ist“, sagte er und zeigte auf eine kleine Pastete, die nicht preisgab, was in ihr war.

„Einen Garnelenspieß und diese Krabbe mit Soße da!“, deutete Alaster auf das, was ihn noch reizen würde und schacherte ein bisschen. Es wäre für sie beide das leichteste, noch einmal nach vorn zu gehen und sich das zu holen, was der andere hatte, doch das machte nur halb so viel spaß. „Deal?“ Er wackelte frech mit den Augenbrauen.

„Wucher“, empörte sich Gero. „Dann möchte ich aber auch noch etwas von dem Würstchen im Teigmantel.“ Er grinste breit und sah Alaster direkt in die Augen. Wenn der Herr feilschen wollte, dann nur zu. Gero machte da gerne mit.

„Das ist ein schlechter Wechselkurs, mein Lieber. Da mache ich Verluste“, entgegnete Alaster und sah sich weiter mit seiner Gabel auf Geros Beuteteller um. Sie amüsierten schon ein paar andere Gäste, doch das entging ihnen. „Okay, ich bekomme den Garnelenspieß, die Krabbe mit Soße und drei Gabeln voll Ei gegen die Pastete und ein drittel vom Teigwürstchen. Hm?“

„Ich weiß nicht, ob dieses Ding das wert ist“, entgegnete Gero und verhinderte mit seiner Gabel, dass Alaster sich Rührei klaute. Dabei musste er grinsen. Sie benahmen sich albern, aber es gefiel ihm. „Aber gut, wir haben einen Deal.“

„Okay!“

Gero konnte gar nicht so schnell gucken, wie er seine Beute los war und dafür die geschacherte Ware erhielt, dann sank Alaster wieder zurück und zog seinen Teller zu sich. „Kannst ja kosten, ob es den Deal wert war“, grinste er und aß selbst eines der kleinen Teigkunstwerke. Er hatte Gero das mit herzhafter Füllung gegeben, er selbst hatte noch eine süße Variante.

Gero probierte und nickte dann begeistert. Die Pastete war wirklich lecker. Nicht so lecker wie Garnelen, aber das war sowieso unmöglich. „Ja, ich denke, es war ein guter Deal. Möchtest du auch einmal kosten?“, fragte er und hielt Alaster einen Gabel voll hin.

Eigentlich wusste Alaster ja wie die kleinen Kunstwerke schmeckten, doch wenn er so liebevoll gebeten wurde, sagte er doch nicht nein und so beugte er sich über den Tisch und ließ sich die Gabel in den Mund schieben. Er hörte, was man an den Tischen um sie herum leise tuschelte, doch ihm war das egal. Solange er nicht aus den Augen verlor, wer Gero war, solange war alles gut.

Sie aßen ihre Teller leer und zufrieden lehnte Gero sich zurück. Er war noch nicht satt, aber der erste Hunger war gestillt. „Was hältst du davon, wenn wir nachher schwimmen gehen, Al?“, fragte er und sah Alaster mit schief gelegtem Kopf an.

Erst stutzte Alaster über den neuen Namen, doch er ließ es geschehen. Jeder andere, der es je gewagt hatte, aus vorgetäuschter Vertrautheit heraus seinen Namen abkürzen zu wollen, war gnadenlos korrigiert worden. Doch aus Geros Mund klang es angenehm. So nickte er. „Warum nicht. Kennst du ein lauschiges Plätzchen? Ich war noch nie schwimmen – nur im Keller im Pool meines Hauses.“

„Lass dich überraschen“, lachte Gero und zwinkerte Alaster zu. Er wusste da genau den richtigen Platz. Lazarus hatte ihm den vor einiger Zeit gezeigt. Er ging ab und zu mit Dwight dort hin, wenn sie einmal entspannen wollten und er wusste, wo der Schlüssel dazu war.

„Muss ich Angst haben?“, wollte Alaster wissen, doch das meinte er nicht so. Er mochte es einfach, Gero aus der Reserve zu locken. Schade, dass er morgen schon wieder weg musste. An ein paar unbeschwerte Tage mit ihm könnte Alaster sich gewöhnen. „Allerdings sollten wir zwischen drinnen mal nach der Diva sehen und ehe ich heute nichts mehr kriege, verschwinde ich noch mal am Buffet.“

„Warte, ich komm mit.“ Gero sprang auf und griff sich Alasters Hand. „Wir suchen zusammen aus und teilen dann“, bestimmt er lachend und zog Alaster zum Buffet. So konnten sie viel mehr probieren.

„Soll mir recht sein, aber wehe du verkaufst deine Anteile dann wieder so teuer“, sagte Alaster und ließ sich ziehen. Die fremde Hand in seiner fühlte sich weich an und auf unbekannte Art vertraut. Unglaublich, was Gero in ihm auslöste. Doch Alaster kam nicht dazu, dem nachzuspüren, denn er wurde schon mit einem Teller bewaffnet, den Gero anfing zu belegen.

Es war aber nicht so, dass er kein Mitspracherecht hatte, er durfte auch Wünsche äußern und nach kurzer Zeit hatten sie zwei gut gefüllte Teller mit Köstlichkeiten. Gero stellte sie zwischen ihnen ab und strahlte. Sie hatten vieles ausgesucht, was sie noch nicht kannten und das fand Gero spannend.

„Wenn wir das alles gegessen haben, werden wir gnadenlos untergehen“, sagte Alaster, doch auch er musste zugeben, dass sie eine sehr verlockende Auswahl getroffen hatten und ihm schon wieder das Wasser im Munde zusammen lief, obwohl er gerade erst einen Teller voll Köstlichkeiten verdrückt hatte. Aber das hielt ihn nicht davon ab, seine Gabel zu greifen und sie über dem ersten Teller kreisen zu lassen – unentschlossen wegen der großen Auswahl.

„Ach, das werden wir schon nicht.“ Gero kicherte, denn Alaster wusste ja nicht, was er ausgesucht hatte. Dwight und Lazarus hatten sich auf dem Dach von Aqua Di eine kleine Oase eingerichtet, dort konnte man nicht nur schwimmen, sondern auch entspannen oder ein wenig trainieren. Dort konnte man den ganzen Tag verbringen ohne sich zu langweilen.

Und vor allen Dingen hatte man dort seine Ruhe vor neugierigen Blicken. Zwar mochte Gero den Trubel, doch er schätzte es ebenso, nur für sich zu sein, mit ein paar Freunden und ein bisschen Tratsch. Wer den Kühlschrank leerte, füllte ihn auf – das war die einzige Regel, die dort herrschte.

„Gut, wenn du das sagst.“ Alaster wirkte beruhigt und suchte sich einen gefüllten Pilz vom Teller, den er sich in den Mund schieben wollte, doch Gero war schneller, griff sich Alasters Handgelenk und dirigierte sich die Gabel selbst in den Mund.

Er grinste Alaster mit vollem Mund an und amüsierte sich köstlich über dessen verdutztes Gesicht. Damit sein Freund sich aber nicht bestohlen fühlte, bot Gero ihm etwas anderes an. Seinen guten Willen zeigte er damit, dass er eine seiner Lieblingsgarnelen anbot, die er normalerweise gegen jeden verteidigte.

Dementsprechend verdutzt war Alaster, doch er nahm die Wiedergutmachung an und kaute genüsslich. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal so zufrieden gewesen war wie heute. So teilten sie sich nach und nach die beiden Teller und lehnten sich mit vollen Bäuchen zufrieden zurück. Alaster hatte noch einen Tee bestellt und genoss ihn nun.

Gero sah ihm dabei zu und rutschte auf seinem Stuhl hin und her. Seit er wusste, was sie noch machen wollten, war er ungeduldig, aber er wollte es Alaster auch nicht zeigen. Schließlich hatte der ihn eingeladen und sollte seinen Tee noch genießen.

„Was ist los?“, fragte Alaster, weil Geros Verhalten auf ihn irritierend wirkte. „Wenn du noch Hunger hast, dann hol dir was. Ich halte dich nicht auf“, bot er an und nippte an seinem Glas. „Oder möchtest du noch einen Kaffee?“

„Nein, nein, ich bin satt und möchte auch keinen Kaffee mehr“, beeilte Gero sich zu versichern. Er wurde verlegen, weil er so ungeduldig war. „Tut mir leid“, murmelte er und grinste schief. „Ich will dich nicht hetzen.“

„Also, wenn du keinen Kaffee mehr willst, dann steht die Erde kurz vor ihrem Untergang“, sagte Alaster und winkte dem Kellner. Er sollte die Kosten wie immer von seinem Konto buchen, so wie sie es seit Jahren machten. Dann leerte er sein Glas. „Na los, lass uns gehen, ehe du mir noch vom Stuhl fällst und wir dann anstatt zum Baden zum Arzt fahren müssen.“

Gero sprang auf und griff sich wie selbstverständlich wieder Alasters Hand, damit der ihm auf den letzten Metern nicht doch noch verloren ging. „Ich sage dir, wo du lang fahren musst. Ist auch nicht sehr weit“, erklärte er dabei, damit Alaster wusste, wie es weiterging.

„Gut, dann begebe ich mich in deine Hände“, sagte sein Freund und ließ sich zum Wagen ziehen und hinter das Steuer drücken. Er folgte den Anweisungen, die Gero ihm gab und guckte nicht schlecht, als er vor den Toren von Aqua Di zum stehen kam. Er sah Gero fragend an. „Du willst mit Garnelen schwimmen?“, wollte er verwirrt wissen.


06

Gero lachte laut und hängte sich wieder bei Alaster ein, als er neben ihm stand. „Nein, so gern ich diese kleinen Biester auch esse, lebendig find ich sie eklig.“ Er schüttelte sich und zog Alaster zum Tor und gab die Kombination ein, um es zu öffnen. Er war schon gespannt, was sein Freund zu der kleinen Oase sagte, zu der sie jetzt wollten.

Alaster beobachtete Gero und versuchte zu verstehen, doch er konnte sich noch keinen Reim machen. Auch nicht, als Gero mit ihm in einem Lift verschwand, der sie ein paar Meter weiter nach oben brachte. Als die Türen sich öffneten, verschlug es ihm allerdings wirklich die Sprache und er ließ sich von einem völlig aufgedrehten Gero einfach mitzerren. Unter seinen Füßen spürte er weiches Gras, ein großer, blauer Pool lag in der Mitte der Fläche. Realistisch betrachtet waren sie auf einer der klimatisierten Hallen, in denen Aqua Di ihre Tiere züchtete. Doch hier oben standen Palmen und geflochtene Sofas, teils überspannt von Schattendächern aus Stroh.

„Na, wie gefällt es dir?“ fragte Gero aufgeregt. Er konnte gar nicht stillstehen und so hibbelte er vor Alaster hin und her. „Das haben sich Dwight und Lazarus gebaut, aber ich darf jederzeit hierher und auch jemanden mitbringen.“

„Nicht übel, die beiden verstehen es zu leben“, musste Alaster zugeben und beobachtete, wie Gero sich die Schuhe von den Füßen streifte. Erst haderte er mit sich selbst, doch dann folgte er dem Beispiel seines Freundes und musste erkennen, dass das kühle Gras unter seinen nackten Füßen eine völlig neue Erfahrung war.

Langsam ging er weiter und sah sich dabei um.

Gero war schon dabei sich das Shirt auszuziehen. Er wollte ins Wasser. „Kommst du auch schwimmen?“, rief er Alaster zu und kam zu ihm rüber. „Dort drüben in der Hütte findest du Badehosen, wenn du eine haben möchtest, aber wenn du lieber nackt schwimmst, ist das auch okay.“

„Bitte?“, fragte Alaster und konnte gar nicht vermeiden, dass er irritiert klang. Das war er heute häufig, wie er unrühmlich zugeben musste. Gero brachte ihn immer wieder aufs Neue aus der Fassung. Was glaubte der junge Mann denn, was passierte, wenn er hier nackt durch die Gegend sprang? Das ging auf gar keinen Fall! „Äh, ja“, machte er aber, als er sah, wie Gero ihn anblickte.

„Du kannst es dir ja noch überlegen.“ Gero war es egal. Alaster sollte sich wohlfühlen. „Ich will auf jeden Fall ins Wasser.“ Er lief los zu der Hütte und zog sich aus, holte zwei große Handtücher aus dem Schrank und kam wieder zu Alaster. „Nu los“, neckte er seinen Freund und zupfte an dem Hemd.

Doch der konnte nur auf den nackten Körper starren. Es war ja nicht so, als hätte er noch nie einen nackten Mann gesehen – das tat er jeden Morgen im Badezimmerspiegel. Doch das da war nicht sein Körper, das war ein fremder Mann und warum zog ihn das an? Alaster erkannte sich einmal mehr selbst nicht wieder und erst das ständige Zupfen an seinem Hemd holte ihn zurück. Er sah Gero an. „Was?“

„Zieh dich um, damit wir schwimmen können. Du willst doch nicht so ins Wasser, oder?“, grinste er frech und zupfte weiter. Weil sich Alaster aber immer noch nicht bewegte, nahm Gero ihn am Arm und führte ihn zur Hütte. „Zieh dich um.“

„Und was, wenn ich so baden wollte? Ich bin immer perfekt gekleidet, das werde ich im Wasser doch nicht ändern“, versuchte er sich zu retten, doch Gero schüttelte den Kopf. So ergab sich Alaster in sein Schicksal und begann langsam, sich auszuziehen. Die Weste, das Hemd, dann öffnet er langsam die Hose.

Er wusste, dass Gero ihn beobachtete und das machte ihn nervös. Langsam zog er die Hose aus und stand nun nur in seiner Shorts vor Gero. „Also ehrlich, Al, das ist fies, selbst ohne Kleider bist du perfekt“, schmollte Gero und sah an sich runter. „Ich bin so mickrig gegen dich.“

Ohne es zu merken brachte ihn Gero damit in absolute Verlegenheit. „Stimmt doch gar nicht“, entgegnete Alaster hastig, denn so war es. Gero sah gut aus. Was hatte er auch erwartet? Der junge Mann war nach Wunsch gezüchtet und er hätte auch Alasters Wünschen entsprochen. Er war hübsch, athletisch und schlank, aber nicht übermäßig muskulös. Er war schmaler und etwas kleiner als Alaster, doch den störte das gar nicht – im Gegenteil. Schon wieder starrte er auf Gero, ohne es zu merken.

„Ja, ja“, Gero konnte nicht lange schmollen und lachte schon wieder. „Soll ich dir eine Badehose holen?“, fragte er und lief auch schon los. Er war vollkommen aufgedreht und das lag nicht an dem ganzen Kaffee, den er getrunken hatte.

„Ja, wäre vielleicht besser“, murmelte Alaster, denn er wagte es nicht, sich gänzlich nackt zu zeigen. Er wusste selbst nicht warum. So nahm er dankend entgegen, was Gero ihm reichte und beeilte sich, die Hose zu wechseln, merkte aber nicht, wie sein weißer Hintern dabei beäugt wurde.

„Nett“, grinste Gero. „Ein bisschen blass, aber gut geformt“, kicherte er frech. Er selber war nahtlos gebräunt, denn er liebte es, nackt zu schwimmen und war auch sonst nicht sehr schamhaft.

Hastig zog Alaster die Hose über den Hintern und wandte sich wieder um, sah Gero dabei strafend an, doch dann grinste er schief. „Ich bevorzuge eben die vornehme Blässe“, erklärte er und sah an sich hinab. So hatte er sich seit vielen Jahren nicht mehr vor anderen Menschen präsentiert. Gerade mal in seinem Pool zeigte er sich so. Nackt wie Gero würde er sich nicht einmal sich selbst im Pool präsentieren.

Gero lachte und schob Alaster zum Pool. „Kann es jetzt endlich losgehen?“ Das Wasser lockte und so nahm er kurz Anlauf und sprang dann mit einem lauten Schrei ins Wasser. Prustend tauchte er wieder auf und winkte Alaster zu. „Komm rein, das Wasser ist gar nicht kalt.“

„Ich habe auch nicht gesagt, dass ich Angst vor kaltem Wasser habe“, knurrte Alaster. Er fühlte sich gerade in seiner Ehre als Mann angekratzt und so sprang er todesmutig hinterher und schüttelte sich, als er wieder auftauchte. Doch es stimmte. Das Wasser war angenehm erfrischend aber nicht kalt. So legte er sich auf den Rücken und ruderte ein bisschen herum.

Gero kam zu ihm geschwommen. „So kann man es aushalten, nicht?“ Er schwamm um Alaster herum und tauchte ab und zu unter ihm durch. Er musste sich einfach bewegen. So war das immer, wenn er Blut bekommen hatte, dann strotzte er vor Energie und musste sie irgendwie abbauen. Normalerweise tat er das mit Dimitri im Bett, aber der war ja gleich wieder gegangen.

Gero konnte auch nicht aus seiner Haut und so war Alaster eine willkommene Abwechslung. Doch es wäre ungerecht zu behaupten, Alaster wäre der Ersatz für Dimitri, weil er gerade greifbar gewesen war. So war das nämlich nicht. Mit Alaster war der Tag schon etwas Besonderes, auch wenn Gero nicht genau fest machen konnte, was es war. So viel war mit ihm anders als mit Dimitri. Bei seinem Freund lief vieles auf der körperlichen Ebene ab, bei Alaster mehr auf der Geistigen und der Genussebene.

Er tobte sich ein wenig aus und ließ sich dann neben Alaster treiben. „Manchmal stelle ich mir vor, dass ich im Meer schwimme“, sagte er leise. Das hatte er noch niemandem erzählt. Nicht einmal Dimitri oder Lazarus. Dimitri hätte ihn nur ausgelacht und gemeint er wäre ein Träumer und Lazarus hatte Angst vor der Welt außerhalb der Kuppel.

„Ich auch. Ich möchte auf einem Floß liegen, in die hellen Strahlen der Sonne blicken und deren Wärme spüren – nicht gefiltert durch dieses Glas sondern pur.“ Doch Alaster wusste, dass er dabei nicht viel Spaß haben würde. Die Menschen waren seit Hunderten von Jahren nicht mehr draußen gewesen und die plötzliche Konfrontation mit ihrer Strahlung würde ihnen gar nicht gut tun. Doch das hinderte ihn nicht daran, manchmal dort draußen seine Ruhe suchen zu wollen.

„Eine schöne Vorstellung.“ Gero schloss die Augen und versuchte sich das vorzustellen. „Wo wollen wir denn hin, oder haben wir gar kein Ziel und lassen uns einfach treiben?“, fragte er leise, denn er wollte die Atmosphäre nicht zerstören.

„Vor Afrika soll es um diese Zeit traumhaft sein“, hatte Alaster gesagt, noch ehe er in seinem Kopf die Worte hätte zensieren können. Die meisten wussten nicht einmal was Afrika war und die Gedanken an Gerald hatten ihn einmal mehr redselig gemacht. Nicht nur dass Gero ihn völlig aus der Bahn schmiss, jetzt wurde er auch noch nachlässig. Er war wirklich nicht mehr der Alte.

„Afrika? Hab ich schon mal gehört, aber ich weiß gar nicht, wo das liegt. Vielleicht wusste ich das mal, aber wenn dann hat der Unfall das wieder ausgelöscht“ Gero drehte sich auf den Bauch, damit er Alaster ansehen konnte.

Und damit er nicht unter ging, legte er seine Hände auf Alasters Bauch, der sich am Poolrand festhielt. Er hatte es befürchtet, doch er wollte Gero auch nicht abspeisen. „Afrika war – oder besser: ist - einer von sechs Kontinenten, aus denen die Erde besteht. Irgendwo in die Richtung.“ Er deutete irgendwo hin, weil er es auch nicht genau wusste und schloss wieder die Augen.

„Ah so“, Gero folgte dem Arm mit dem Blick, aber da er nichts sehen konnte, sah er wieder zu Alaster und somit auf seine Hände. Erst jetzt wurde ihm bewusst, wo sie lagen und wollte sie schon erschrocken wegziehen, aber er tat es nicht, weil es seinen Freund wohl nicht zu stören schien. Es fühlte sich gut an, die weiche Haut unter seinen Fingern zu spüren.

Die Erfahrung war auch für ihn neu, sich zu berühren ohne Sex zu haben, sich einfach nur nahe zu sein. Sollte er diese Erfahrung nicht mit Dimitri machen?

Alaster aber redete weiter, es tat gut einmal wirklich reden zu können. „Ich hab einen Bruder, weißt du? Aber er lebt auf einer der schwimmenden Kuppeln. Nach der letzten Ortung trieb sie gerade vor Afrika“, sagte er leise und ohne es zu merken griff er Geros Hand. Er fühlte sich schwach.

Gero verschränkte ihre Finger und legte seinen Kopf auf Alasters Schulter. Es fühlte sich einfach gut an, hier im Wasser zu liegen und zu reden. „Das ist doch bestimmt sehr weit weg.“, fragte er und streichelte mit seinem Daumen über Alasters Hand. Sein Freund hatte traurig geklungen.

„Ja, schon. Aber auch wenn er nicht weit weg wäre, würden wir uns nicht sehen. Wir haben uns fürchterlich gestritten und sind dann getrennte Wege gegangen“, sagte Alaster leise und einmal mehr fragte er sich, ob seine Entscheidung richtig gewesen war. Wären sie heute enger verbunden, hätte er sich damals anders entschieden?

„Das tut mir leid.“ Gero hob den Kopf und strich Alaster über die Wange. „Hast du versucht, dich wieder mit ihm zu versöhnen?“, fragte er und zuckte zusammen, als sein Kommunikator sich meldete. Er verlor den Halt und ging unter. Prustend kam er wieder hoch und guckte grimmig. „Wenn das jetzt nicht wichtig ist“, brummte er und stemmte sich aus dem Wasser.

Alaster lächelte und war froh, denn so musste er eine sehr peinliche Frage nicht beantworten: Hatte er versucht, sich mit Gerald zu versöhnen. Nein, das hatte er niemals. Er hatte es als persönliche Beleidigung aufgefasst, dass sein Bruder ihm den Rücken zugekehrt hatte und sein Stolz hatte ihn davon abgehalten, es zu versuchen. Aber vielleicht war ja noch nichts verloren? Vielleicht konnte er es versuchen?

Es war schon erstaunlich, wie Gero anfing ihn zu verändern. Er drehte sich im Wasser und beobachte den Mann, der sein Leben vollkommen durcheinander gebracht hatte. „Lazarus, das ist jetzt nicht dein Ernst?“, hörte er seinen Freund empört sagen. „Kannst du mal aufhören, mich ständig über GPS zu bespannen? Hast du nichts Besseres zu tun?“

„Im Augenblick eigentlich nicht. Aber viel interessanter finde ich doch die Frage, was du in der Oase machst, während du eigentlich einen Job hast? Soll ich das mal deinem Chef stecken, dass du dich in der Gegend herum treibst, anstatt auf das Haus und die Katze aufzupassen?“ Lazarus kannte diese Art der Begrüßung schon und ließ sich nicht einschüchtern. Dazu war er viel zu neugierig.

„Das bringst du fertig, aber das kannst du dir sparen, er weiß, wo ich bin“, knurrte Gero und ließ sich neben Alaster am Beckenrand nieder. Er war seinem Freund aber nicht böse und musste schon wieder grinsen. Er hielt Alaster den Kommunikator hin. „Sag Hallo zu Lazarus, und lass dir von ihm petzen, dass dein Haussitter blau macht.“

Kurz nur musste Alaster blinzeln, doch dann spielte er mit. Er nahm das kleine Gerät entgegen. „Guten Tag, Herr Forlang, hier spricht Alaster Middelton. Wie ich höre, haben sie mir eine wichtige Mitteilung meinen Haussitter betreffend zu machen?“, fragte er und Lazarus fühlte sich auf der ganzen Linie verarscht.

„Was soll das? Gib mir den Blödmann wieder, ich hol ihn mir jetzt durchs Telefon!“, knurrte Lazarus und Alaster sah das kleine Gerät an, ehe er es Gero zurück gab.

„Er möchte einen Herrn Blödmann sprechen, kannst du ihm weiter helfen?“

Gero kicherte und konnte sich vorstellen, wie Lazarus gerade geguckt haben musste. Er stieß Alaster immer noch grinsend an und zwinkerte ihm zu „Ich glaub schon.“ Er nahm den Kommunikator an sich und grinste seinen wütenden Freund an. „Was ist denn los, mein Hübscher?“

„Was los ist? Du hast allen Ernstes noch den Schneid zu fragen, was lost ist?“, ereiferte sich Lazarus und man sah deutlich, wie rot er im Gesicht war. „Du liegst... bist du etwa nackt?“ Lazarus verschlug es kurz die Sprache, doch dann legte er erst richtig los. „Du liegst mit deinem Chef in meinem Pool und fragst mich, was lost ist? Ich glaube, ich spinne!“

„Wow-wow, jetzt aber mal halblang.“ Gero zog die Augenbrauen zusammen und sein Grinsen verlosch. „Was soll das heißen?“, fragte er. „Ich schwimme immer nackt und wenn du oder Dwight dabei sind, stört es dich gar nicht. Warum also regst du dich so auf, nur weil Al bei mir ist?“

„Das fragst du allen Ernstes, Gero?“, fragte Lazarus. Er wirkte wirklich entsetzt. „Dir ist nicht zu helfen“, sagte er leise und legte einfach auf.

Gero starrte auf den dunklen Bildschirm und war sprachlos. So etwas hatte Lazarus noch nie gemacht und er konnte nicht verstehen, was los war. Das änderte aber nichts daran, dass sich etwas schmerzhaft in ihm zusammenzog. Warum war Lazarus wütend auf ihn und warum hatte er so enttäuscht gewirkt? Hilflos sah er Alaster an.

„Was ist los, Gero?“, fragte Alaster und rückte etwas näher. Irgendetwas war hier vorgefallen, was er nicht ganz mitbekommen hatte. Aber Gero musste es verletzt haben. „Hätten wir doch nicht hier sein sollen? Er war böse, oder?“ Alaster kam sich hilflos vor. Was machte man in Augenblicken wie diesen?

„Ich weiß nicht, was los ist, ehrlich. Was ist denn so schlimm daran, dass wir zwei hier sind, um zu schwimmen?“ Er sah hilflos auf seinen Kommunikator und hoffte irgendwie, dass Lazarus noch einmal anrief und ihm lachend erklärte, dass es nur ein Scherz gewesen war, aber es klingelte nicht.

„Ruf ihn an und frag ihn. Es wird dich doch nicht loslassen und er wirkte auch etwas aufgebracht. Ich verschwinde so lange mal in dem kleinen Bad da hinten.“ Alaster hatte einen Verdacht, weswegen der andere Blutengel so aufgebracht war und war sich sicher, dass der das nicht vor einem Fremden diskutieren wollte. Mehr schockierte ihn, dass Gero so unbedarft war. Ging er nicht davon aus, dass man das, was sie hier taten – nackt – auch gern falsch verstehen konnte?

Alaster hievte sich aus dem Wasser und Gero hatte das Gefühl, ihn vertrieben zu haben. Aber er kam nicht dazu etwas zu sagen, denn sein Freund deutete auf den Kommunikator und lächelte. „Ruf an“, sagte er noch einmal und ging ins Bad.

Geros Finger zitterten, als er die Verbindung zu Lazarus herstellte und war nervös, weil er nicht wusste, was ihn erwartete. So hatte sein Freund noch nie reagiert und darum wusste er auch nicht so wirklich, was er sagen sollte. „Hallo Lazarus, sag mir, was ich gemacht habe, ich verstehe es nicht“, sagte er darum nur.

Erst einmal war Ruhe am anderen Ende und Lazarus überlegte, wie er Gero am besten begreiflich machte, dass er gerade mit seinem Leben spielte. „Du bist zu leichtfertig, Engelchen“, sagte er also. „Ich glaube dir sogar, dass du Alaster als einen Freund siehst und nicht mehr. Wenn Dimitri erfährt, was da gerade abgeht, kann das dein Todesurteil sein.“ Lazarus holte tief Luft, denn Gero wäre nicht der erste, der das verletzte Ego seines Käufers mit dem Tode bezahlen würde. „Du weißt ganz genau, was passiert, wenn er dir kein Blut mehr gibt. Und das wird er, wenn er raus bekommt, dass du mit einem anderen als ihm rummachst.“

„Ich...“, setzte Gero an und wurde blass. Was sagte Lazarus denn da? Er war doch nicht fremdgegangen. „Ich mache doch nicht rum“, murmelte er darum, verstand aber, warum sein Freund vorhin so reagiert hatte. Dimitri würde es sicher nicht gefallen, dass Alaster ihn nackt gesehen hatte. Dimitri hatte ihm schon einmal Blut verweigert, um ihn zu bestrafen. „Er ist doch nur ein Freund. Wir haben uns unterhalten und weil er einen Tag frei hat, haben wir beschlossen, ihn zusammen zu verbringen, schließlich arbeite ich für ihn und wir wollten uns besser kennen lernen.“

„Das weiß ich, Engelchen“, sagte Lazarus und wunderte sich einmal mehr darüber, wie naiv Gero war. Doch das machte ihn ja auch so liebenswert und ihn dann leiden zu sehen, konnte Lazarus nicht ertragen. „Aber du kennst Dimitri. Du weißt, dass er den Anspruch hat, der einzige für dich zu sein. Dass du mit mir etwas unternehmen darfst, liegt nur daran, dass er Dwight sehr schätzt und er weiß, wie sehr ich meinen Schatz liebe. Ich mache mir wirklich Sorgen um dich.“ Und das waren keine leeren Worte, denn er traute Dimitri nicht, mit seinem Doppelleben und seiner angeblich heilen Familie.

Gero öffnete den Mund, um zu protestieren, aber er konnte nicht. Alles, was Lazarus gesagt hatte, war wahr. Dimitri war eifersüchtig und besitzergreifend. Er würde toben, wenn er erfuhr, was Gero heute gemacht hatte. Er nickte. „Ja, ich kenne ihn. Es wird nicht noch einmal passieren“, versicherte er und sackte in sich zusammen. Er fühlte sich furchtbar, denn er hatte alle Menschen, die ihm etwas bedeuteten enttäuscht.

„Engelchen“, sagte Lazarus weich. „Ich weiß, dass du jemanden suchst, der dir das gibt, was Dimitri dir nicht geben kann. Ich weiß, dass du nach geistiger Stimulation und Aufmerksamkeit suchst und es ist nicht fair, dass du sie nicht dort findest, wo du sie finden sollst, weil davon dein Leben abhängt. Aber...“ Lazarus schwieg, er merkte gerade, dass er es Gero noch schwerer machte als notwendig. „Es tut mir leid.“

„Du kannst doch nichts für mein Leben.“ Gero hatte resigniert und saß wie ein Häufchen Elend am Poolrand. „Ich werde wieder zurückfahren. Danke“, murmelte er leise und trennte die Verbindung. Er blieb einen Moment sitzen und starrte vor sich hin, aber dann sprang er auf und suchte seine Klamotten zusammen. Er trocknete sich flüchtig ab und zog sich an. Er fühlte sich furchtbar. Gleich musste er Alaster sagen, dass er wieder nach Hause wollte und konnte ihm noch nicht einmal erklären, warum.

„Na, alles – huch!“ Alaster kam gerade zurück und fand Gero komplett bekleidet vor. Sein Gesicht sprach Bände und Alaster konnte sich in etwa vorstellen, was Lazarus seinem Freund klar gemacht hatte. Schlagartig wurde auch ihm bewusst, was er Gero angetan hatte, als er ihm diesen Tag schenkte. Doch das durfte er sich nicht anmerken lassen, denn offiziell wusste er doch gar nichts über Gero. „Was ist passiert?“, wollte er also wissen, suchte aber ebenfalls seine Kleider.

„Es tut mir leid, Al, aber können wir wieder zurück zu dir fahren.“ Gero traute sich nicht Alaster anzusehen, denn er wollte nicht sehen, wie enttäuscht sein neuer Freund über ihn war. „Ich würde dir gern erzählen, was passiert ist, aber das kann ich nicht. Es tut mir so leid.“ Gero hob den Blick und sah Alaster nun doch an. „Ich habe einen Fehler gemacht.“

„Dann muss ich akzeptieren, dass du mir nicht sagen willst, was falsch gelaufen ist. Aber sicher können wir umgehend zurück fahren.“ Alaster nickte und zog sich an. Dann waren sie auch schon auf dem Weg zum Wagen. Er musste sich unbedingt kundig machen über das Projekt. Vor allem über den Käufer. Er hatte das ungute Gefühl, dass die Blutengel so unter Druck standen, ihr Medikament zu bekommen, dass sie kein eigenes Leben führen konnten. Es wäre Alaster sogar egal, dass dies passierte, wenn er nicht Gero kennen gelernt hätte. Er wäre niemals tiefer in das Projekt eingetaucht als die kommerziellen Zahlen. Aber jetzt steckte er drinnen und jetzt musste er wissen, wie er Gero das Leben schenken konnte, das er verdiente.

Gero lief mit gesenktem Kopf neben Alaster zum Wagen, kurz bevor sie bei ihm ankamen, hielt er Alaster am Arm fest und sah ihn an. „Al, ich hatte heute einen wunderschönen Tag und das ist dein Verdienst. So viel Spaß hatte ich schon lange nicht mehr und ich danke dir dafür. Du hast nichts verkehrt gemacht, sondern ich und es tut mir unendlich leid, dass ich dir deinen freien Tag verdorben habe.“

Alaster nickte nur. Gero wurde gerade melodramatisch und damit konnte er nun gar nicht umgehen. Was sagte man in solchen Augenblicken? Er hatte keine Ahnung. „Es war wirklich schön und es tut mir leid, wenn ich dir damit Ärger gemacht haben sollte.“ Dann stieg er ein und wartete, bis auch Gero die Tür geschlossen hatte. Dann fuhr er an. Die Stimmung war gedrückt und Alaster wusste, was er als nächstes zu tun hatte.

Sie schwiegen auf dem Weg zurück und auch als sie Alasters Haus betraten. Was sollte Gero auch sagen? Er hatte im Wagen überlegt, ob er Alaster erzählen sollte, warum er nicht mit ihm ausgehen konnte, aber das ging nicht, ohne Dimitri in ein schlechtes Licht zu rücken und das wollte er nicht, denn er liebte diesen Mann. Dimitri hatte ihm das Leben gerettet und gab ihm sein Blut, damit er auch weiterhin überleben konnte. „Ich gehe in mein Zimmer“, murmelte er leise und trat so die Flucht an.

„Mach das. Mach dir zum Abendessen die Garnelen. Ich muss noch mal weg“, erklärte Alaster ohne Gero hinterher zu sehen. Er fühlte sich plötzlich, als wäre der ganze Tag nicht passiert. Er spürte seine Fassade wieder auferstehen und sein erster Griff ging in der Küche zu seiner Krawatte. Er warf sich noch die Anzugjacke über und verließ fluchtartig das Haus. Er musste Informationen besorgen.

Gero zuckte zusammen, als er die Haustür hörte und rollte sich auf seinem Bett noch kleiner zusammen. Nichts erinnerte mehr an das quirlige Energiebündel, es war, als hätte ihn alle Energie verlassen. In seinem Kopf stritten Wut und Trauer miteinander. Wut darüber, dass Dimitri nicht bei ihm sein konnte und Trauer darüber, dass er Alaster den Tag verdorben hatte.

Das durfte nicht noch einmal passieren. Alaster war sein Chef, er bezahlte ihn dafür, dass er auf das Haus und den Kater aufpasste und nicht dafür, dass er sich am Buffet den Bauch voll schlug. Es würde einfacher, wenn Alaster morgen wieder unterwegs war und Gero in seinen Alltag zurück finden konnte. Das war nicht nur besser für ihn selbst sondern auch für Al und vielleicht sollte er aufhören, ihn beim Vornamen zu nennen. Wenn ihm das vor Dimitri rausrutschte, hatte er wirklich ein Problem.

„Na, komm her“, lockte er Prince leise, der in der offenen Tür stand. Kurz blitzte Alasters lächelndes Gesicht vor seinem geistigen Auge auf, als Prince zu ihm auf das Bett sprang, aber er verdrängte es schnell wieder. Wahrscheinlich legte sein Chef eh keinen Wert mehr darauf, mit ihm befreundet zu sein, nach dem heutigen Tag. Er konnte ja nicht wissen, dass es genau andersherum war.

 

+++

 

Alaster fuhr zu seinem Büro, weil er nicht wollte, dass Gero vielleicht herausbekam, dass er über ihn Bescheid wusste. Noch nicht, denn erst einmal musste er alles über die Blutengel erfahren, was die Datenbanken hergaben.

Nicht ohne Eigennutz hatte er alle Berichte angefordert, die im Augenblick zu diesem Projekt verfügbar waren und so saß er in seinem Büro in der Innenstadt und hatte mittlerweile vier holographische Fenster mit Informationen rings um sich herum geöffnet. In jedem wühlte er und suchte, wenn er über Stichworte stolperte, die er anderswo schon gelesen hatte, suchte er dort weiter. Er war förmlich besessen davon zu erfahren, was es mit diesem Blut auf sich hatte. Er wusste bereits, dass das Medikament nur auf die Sangriel wirkte, auch dass derjenige, der es nahm, keinen Schaden erlitt. Doch warum waren die Sangriel auf nur einen Menschen fixiert? Hatte der etwas in seinem Blut, was das Medikament wirksamer machte?

Alaster blätterte durch die Aufzeichnungen, aber bis jetzt hatte er keine Antwort gefunden. Frustriert seufzte er auf und lehnte sich in seinem Sessel zurück. Es konnte doch kein Zufall sein, dass die Sangriel sich ausgerechnet in die Person verliebten, die sie bestellt hatten. Es musste da etwas geben, das diese Verliebtheit auslöste.

Doch dann zuckte Alaster hoch. Es war schon eine Weile her, da hatte er eine Abhandlung über die menschliche Psyche gelesen. Es ging damals um ein winziges Projekt, das in einer Kuppel in Europa laufen sollte. Man wollte sehen ob innige Liebe dadurch ausgelöst werden konnte, dass man jemandem gar nicht die Chance gab, sich auf andere Menschen zu fixieren. Sollte die Lösung so einfach sein?

Nach und nach kamen die Passagen des Berichtes zurück und Alaster schloss die Augen, um sich besser konzentrieren zu können. Man hatte in dem Artikel auch nicht davon gesprochen, dass die Menschen sich tatsächlich verliebten, sondern sich in eine Abhängigkeit begaben, die sie aber mit Verliebtheit gleich setzten.

Das würde passen. Die Käufer wurden den Sangriel als ihre Lebensretter präsentiert, da nur ihr Blut verhinderte, dass sie starben. Die Blutengel wurden ohne es zu wissen in eine Abhängigkeit gedrängt und so hatten die Käufer die Kontrolle über sie. „Einfach und genial“, musste Alaster anerkennen, auch wenn er dies in einem ganz speziellen Fall anders sah.

Denn Gero war durch seine Freundlichkeit heute, durch seine Aufmerksamkeit und seine Gegenwart in einen Gewissenskonflikt gedrängt worden, der nicht bestanden hätte, hinge er nicht in der Abhängigkeit zu seinem Käufer. Dieser Diplomat war das eigentliche Problem. Um Gero zu befreien und für sich haben zu können, müsste er den Botschafter beseitigen – und dann bekam Gero kein Blut mehr und starb. Es ging also nicht ohne diesen Bastard. Doch wie?

Alaster tippte die Fingerspitzen gegeneinander und überlegte. Gero brauchte dieses Medikament um zu überleben, aber brauchte er dazu auch das Blut, oder war es nur dazu da, um die Abhängigkeit zu erzeugen? Das musste er unbedingt herausfinden. Er musste mit diesem Wissenschaftler sprechen, der die Sangriel erschaffen hatte. Dort konnte er die Informationen bekommen, die er brauchte. Und weil er grundsätzlich ungeduldig war, wählte er als erstes die Nummer von Krishna. Er war mit dem Projekt vertraut und konnte ihm entweder weiter helfen oder den Kontakt zum Schöpfer herstellen. So oder so kam er schon noch an seine Informationen, denn er hatte die Hand auf dem Geld.

„Hallo Thoth, was kann ich für dich tun?“, meldete sich Krishna. Er ließ sich nicht anmerken, dass er sich über den Anruf wunderte, denn das war bisher noch nie vorgekommen, außer sie hatten eine Besprechung.

„Ich bräuchte zum Projekt Sangriel noch eine Auskunft. Ich arbeite mich durch die Unterlagen. Das klingt alles ziemlich gut, muss ich sagen. Doch wie läuft das nun speziell mit dem Medikament?“, fragte Alaster. Er wollte nicht mit der Tür ins Haus fallen, denn er hatte keine Lust darauf, dass jemand auf Gero kam. Also musste er sich kreisend wie ein Hai seinem Ziel nähern.

„Das Medikament?“ Krishna hob kurz verwirrt die Augenbrauen, aber gab bereitwillig Auskunft, denn Thoth zu sagen, dass das in dem Bericht doch erklärt wurde, war definitiv ein Fehler. „Die Käufer nehmen das Medikament ein und legen mit der Dosierung fest, wie oft ihr Blutengel ihr Blut benötigt. Für den Käufer ist es ungefährlich.“

„Das weiß ich, aber was hindert den Blutengel daran, nicht bei dem Käufer eines anderen Sangriels zu trinken? Was zwingt ihn zu seinem Herrn, wenn man das so nennen will“, fragte Alaster. „Sie müssen sich doch nur erkundigen, wer so was nimmt.“ Alaster fixierte den Bildschirm und seinen Kollegen.

„Ach das.“ Krishna lachte und seine Augen blitzten. „Das ist einer von unseren Geniestreichen. Eigentlich wäre es egal, welches Blut der Blutengel bekommt, solange das Medikament darin enthalten ist, aber da sie für einen bestimmten Käufer gezüchtet werden, wird ihre DNA auf seine abgestimmt und sie bekommen mit dem Blut noch einen Extrakick, der sie in ein Abhängigkeitsverhältnis bringt, somit können wir sicherstellen, dass sie sich in ihren Käufer verlieben und gar nicht von jemand anderem trinken wollen.“

Alaster merkte auf, so einfach war das also doch nicht gewesen. Aber damit Krishna keinen Verdacht schöpfte, nickte er nur und grinste. „Nicht schlecht“, musste er loben und legte wieder die Fingerspitzen aneinander. „Wenn er keinen Kick sucht, kann er also auch bei einem anderen unterkriechen?“

„Und warum ist das wichtig?“, wollte Krishna wissen, denn die intensiven Fragen waren ungewöhnlich für Thoth. Er ging selten so tief ins Detail bei den Projekten. Er prüfte die Bilanzen und gab sie frei oder auch nicht.

„Weil ich das finanzielle Risiko und somit die Klagen abschätzen möchte, wenn ihm sein kleiner Liebling stiften geht. So einfach.“

Krishna nickte. Das war logisch, denn Thoth musste alle Risiken kennen.

„Hm, das ist bisher noch nie passiert. Durch diese DNA-Abstimmung können sie gar nicht anders, als bei ihrem Käufer zu bleiben. Das würde nur aufhören, wenn er das Medikament ohne Blut bekommen würde. Die Fixierung würde sich auflösen. Nur einmal mussten wir das machen, weil einer der Käufer einen Unfall hatte und der Sangriel nicht von ihm trinken konnte. Er bekam sein Medikament dann als Tablette, das geht ohne weiteres, um ihn am Leben zu erhalten. Wir haben es als vorübergehende Notfalllösung deklariert, die nur über eine kurze Zeit anwendbar ist.“

„Moment.“ Alaster war es, als hätte er gerade das gehört, was er suchte. Es ging also rein theoretisch ohne den Botschafter. Das allein zählte. „Was heißt für kurze Zeit. Wenn ein Käufer stirbt, verlieren wir auch den Blutengel, ist das richtig? Oder kann er auch allein mit den Tabletten weiter leben?“ Alaster zwang sich zur Ruhe, auch wenn es in ihm schrie. Lag hier die Lösung?

„Er könnte mit den Tabletten hundert Jahre alt werden und ein ganz normales Leben führen, aber wenn der Käufer stirbt, lassen wir den Sangriel ebenfalls sterben, denn wir können ihn nicht auf einen anderen Menschen fixieren und es wäre ziemlich unglaubwürdig, dass er das Blut auf einmal nicht mehr braucht.“ Krishna zuckte mit den Schultern. Das war zwar in einer Art Verschwendung, aber das war nicht ihr Problem, denn mit dem Verkauf war die Transaktion abgeschlossen.

„Ah, ich verstehe das Modell“, nickte Alaster, doch er würde den Teufel tun und zugeben, dass er ganz bestimmt nicht zulassen würde, dass Gero auch umkam, wenn er mit dem Botschafter erst einmal fertig war. Er brauchte nur noch einen Grund, wie er an die Tabletten kam. Er brauchte das Mittel. „Das Medikament wird ja sicher immer noch in Europa hergestellt. Wie versorgen sich die Käufer damit? Im Abo? Oder kaufen sie regelmäßig selber nach? Gibt es Bezugsquellen? Oder müssen wir eine Vertriebsstruktur im Land aufbauen?“ Das war nicht uninteressant, wenn man das im großen Stil aufziehen wollte.

„Der Nachschub erfolgt nicht automatisch. Es gibt in jeder Stadt, in der Blutengel leben, Versorgungsstellen. Die Käufer haben einen Chip implantiert, auf dem die Daten seiner Medikamentendosierung gespeichert sind. Er kann damit über einen Kommunikator bestellen. Möchtest du zur Überprüfung ein Exemplar zugeschickt bekommen?“ Krishna wusste, dass Thoth gerne etwas in der Hand hatte, wenn er ein Projekt begutachtete. So hatte er schon oft Vertriebsmöglichkeiten oder andere Dinge optimiert.

Alaster tat, als müsste er darüber noch nachdenken, doch dann nickte er zögerlich. „Ja, schick mir mal so ein Teil. Ich will mir die Beschaffungswege selber mal ansehen. Hat jeder Blutengel seine spezielle Mischung oder gibt es auch wie bei den Blutgruppen Zusammensetzungen, die jeder vertragen kann?“ Er fühlte sich seinem Ziel gerade so nah wie niemals zuvor. Das war ja fast zu leicht!

„Ich schicke dir die Tabellen. Das Medikament ist immer gleich, es wird in verschiedenen Dosen angeboten, damit der Käufer bestimmen kann, wie oft sein Blutengel trinken muss.“ Krishna gab die Daten in seinen PC ein und schickte die Tabellen zu Alaster und gleichzeitig schickte er den Chip los. „So der Chip wird in zwei Stunden geliefert und die Daten sind bereits auf deinem PC.“

„Perfekt. Nichts anderes habe ich von dir erwartet, Krishna. In spätestens zwei Tagen werde ich meinen Bericht und meine Entscheidung veröffentlichen. Doch ich glaube nicht, dass ich mich dem Modell in den Weg stellen werde.“ Dann verabschiedete sich Alaster und grinste zufrieden. Er hatte gehört, was er hören wollte und irgendwie hatte er es sich schwieriger vorgestellt. Doch nun hatte er noch Unmengen an Zeit, ehe morgen sein Express Train nach San Diego 012 ging und zu Gero wollte er vorerst nicht. Er hatte den armen Kerl wirklich genug durcheinander gebracht.

Aber allein, dass er das geschafft hatte, machte ihm Hoffnung. So wie es aussah, war Gero mit seinem Leben nicht besonders zufrieden und das gab ihm die Chance, die er brauchte, um Gero für sich zu gewinnen. Aber erst einmal musste er Erkundigungen über diesen Botschafter einholen, damit er ihn einschätzen konnte. Es war immer hilfreich den Gegner zu kennen.

Und sobald Alaster wusste, was er wissen musste, ging er auf Tuchfühlung. Doch so weit war es noch nicht. Erst einmal suchte er sich auf seinen holographischen Fenstern Informationen und Bilder des Mannes heraus, der Gero an der kurzen Leine hielt und somit dafür sorgte, dass er sich Alaster entzog. Noch nie hatte jemand in Alasters Denkstruktur so viel Raum und Zeit eingenommen wie Gero. Er konnte ihn unmöglich wieder gehen lassen. Und so gönnte er sich auf einem der Bildschirme auch einen kurzen Blick auf seinen Haussitter.

Der saß auf seinem Bett und beschmuste Prince, der sich auf dem Bett aalte, damit die Finger auch jeden Zentimeter seines Körpers kraulten. Zwar fehlte das Lächeln auf dem schönen Gesicht, aber wenigstens wirkte er nicht mehr so deprimiert wie vorher. Alaster musste sich von dem Bild losreißen um weiter zu arbeiten.

„So, so“, murmelte er als er einen Bericht über den Botschafter auf einer der lokalen Informationsseiten fand. Der Herr war also aufstrebend und umgab sich nur mit den wichtigsten Leuten aus Politik und Wirtschaft. Wenn sich da nichts drehen ließ? Es war auch immer wieder zu lesen, wie sehr er seine Familie liebte und was er ihr alles zu verdanken hatte, doch dass er sich nebenbei noch einen jungen Mann fürs Bett hielt, stand komischerweise nirgends. Mit der Wahrheit hielt es der Botschafter wohl eher weniger.

„Verlogener Bastard“, knurrte Alaster. Sollte der Botschafter sich ruhig in Sicherheit wiegen. Er fühlte sich unangreifbar, dadurch dass niemand von Geros Existenz wusste. Das musste auch unbedingt so bleiben, denn alle würden sich auf ihn stürzen, wenn seine Beziehung zu dem Botschafter ans Licht kam und Dimitri hatte genug Macht und Einfluss, um sich vor der Öffentlichkeit als Opfer hinzustellen.

Schlimmer noch, um alle Spuren zu beseitigen, ließ er eventuell Gero beseitigen, das war absolut keine Option für Alaster. Er musste Gero auf seine Seite bringen, das war das wichtigste und dafür musste er begreifen, dass das Blut alles war, was sie beide verband und dass er auch ohne dieses Blut überleben konnte. Doch damit konnte Alaster nicht anfangen. Er musste warten bis Gero von allein erzählte. Vorher hatte er keine Chance.

Damit Gero das tat, musste Alaster sein Vertrauen gewinnen. Der Anfang war ja schon gemacht, aber dann war Lazarus dazwischen gekommen. Und das machte sein Unterfangen nicht gerade leichter. Zwar hatte Geros Freund die besten Absichten, da war sich Alaster sicher, nur musste verhindert werden, dass so etwas noch einmal passierte.

Die beiden Freunde trennen konnte er nicht. Aber konnte er Lazarus vielleicht einweihen? Bliebe also heraus zu bekommen, was Lazarus über Dimitri dachte und welche Seite er wählen würde, wenn eine Entscheidung notwendig war. Doch auch da musste er vorfühlen und so war es vielleicht das Beste, die Kameras in seinem Haus mit Mikrofonen auszustatten. Dann erfuhr er vielleicht, ob Lazarus ihm helfen oder schaden konnte. Dann musste Alaster weiter entscheiden.

Er musste das erledigen lassen, wenn Gero an der Uni war, damit sein Haussitter davon nichts mitbekam. Durch seine Beobachtungen der letzten Woche, wusste er, wann der günstigste Zeitpunkt war und bestellte die Techniker. Er wollte das schnell erledigt haben.

Und sobald er wusste, ob er mit oder gegen Lazarus arbeiten musste, konnte er Gero vornehmen. Sie hatten einen Vertrag und wenn er ihm verbot, Leute mit ins Haus zu bringen, dann waren die Kontakte sicherlich begrenzter als jetzt. Sicher, er wusste dann nicht, was außerhalb seiner vier Wände passierte, doch Gero war so zuverlässig, dass er das Haus nur selten allein lassen würde. Vor allem weil er ja so eine enge Bindung zu Prince aufgebaut hatte. Doch so lange er nicht wusste, wie Geros Freund zu dessen Käufer stand, so lange konnte er auch nicht weiter planen. Aber das würde sich bald geben – gleich morgen, sobald die Mikrofone installiert waren.

Er sah noch einmal nach Gero und strich sanft mit einem Finger über dessen Abbild auf dem Bildschirm. Ihm kam wieder der Augenblick im Pool, kurz bevor Lazarus angerufen hatte, in den Sinn. Die weichen Haare hatten ihn an der Nase gekitzelt, als Gero den Kopf auf seine Schulter gelegt hatte. Er wusste gar nicht mehr, wann er einen Menschen das letzte Mal so nah an sich heran gelassen hatte, aber jetzt wollte er es wieder haben.

Nein, er wollte nicht einen Menschen so nah an sich heran lassen – er wollte Gero so nah an sich heran lassen und wer ihm dabei im Weg stand, hatte den Fehler seines Lebens gemacht und den würde derjenige noch zu tiefst bereuen. Ein kaltes Lächeln lag auf seinen Lippen, als er in Dimitris Portrait blickte. Der würde nicht die Chance bekommen, Gero seine Freiheit zu nehmen.