Du befindest Dich hier: Geschichten > Geschichten frei bis 16 > Britta & Fich > Terra 3.0 > Zyklus IV - San Francisco GX - Teil 7 - 9

Zyklus IV - San Francisco GX - Teil 7 - 9

 

07

„Prince, raus aus der Tasche. Ich kann dich nicht mitnehmen, das habe ich dir doch erklärt.“ Gero hob das Tier hoch und vergrub seine Nase in dem dichten Fell. „Ach Süßer“, murmelte er leise und setzte sich auf das Bett. „Ich will doch auch gar nicht hier weg, aber ich muss. Dein Herrchen kommt gleich wieder und dann werde ich hier nicht mehr gebraucht.“ Er sah auf die Tasche, die neben ihm stand und jetzt, wo er Prince da raus genommen hatte, noch vollkommen leer war. So ging das schon seit Stunden. Er packte etwas hinein, nahm es aber wieder heraus, weil er sich um entschieden hatte und sich nicht entscheiden konnte, was er mitnehmen wollte.

Drei Wochen war es jetzt her, dass er mit Alaster Essen gewesen war, sie sich im Pool amüsiert hatten und Lazarus ihm anschließend die Augen hatte öffnen müssen. Er war kurz davor gewesen, in ganz große Probleme zu rutschen. Immer wieder hatte er mit Lazarus darüber gesprochen, wenn er hier gewesen war, und immer waren sie zum gleichen Entschluss gekommen: Gero konnte unmöglich hier bleiben, wenn Alaster da war. Zum einen konnte er das Dimitri nicht erklären und zum anderen war die Anziehung zwischen Gero und Alaster viel zu groß, als dass Lazarus da ruhigen Gewissens zusehen konnte. Er sah Geros Augen, wenn er von seinem Chef sprach.

„Warum muss er auch so nett sein?“ murmelte Gero und lächelte traurig. Es hatte ihn unwahrscheinlich geschmerzt, aber er war nach diesem schicksalhaften Tag auf Abstand gegangen. Er hatte nur das notwendigste mit Alaster geredet, wenn sie sich sahen und das fiel ihm unwahrscheinlich schwer, weil er gerne mit ihm geredet hätte. Meist hatte Prince als Ersatz herhalten müssen, aber die Gespräche waren immer recht einseitig und nicht sehr befriedigend verlaufen. Er fühlte sich zerrissen und das wirkte sich auch auf seine Beziehung zu Dimitri aus, der langsam misstrauisch wurde.

Ständig wollte er wissen, was jetzt schon wieder wäre, wenn Gero nicht ganz bei der Sache war, oder an wen er denken würde, doch bisher hatte Gero immer die Kurve bekommen und sich nicht verraten. Aber mittlerweile waren die Mengen, die Gero bekam immer enger bemessen, mittlerweile tauchte Dimitri jeden zweiten Tag auf, immer nur kurz für ein paar Schlucke und eine schnelle Nummer und ließ Gero zurück wie immer. Und seit Gero wusste, wie erfüllend Reden sein konnte, wollte er es. Er wollte nichts drängender als ein erfüllendes Gespräch. Er stand vor dem Spiegel und sprach mit sich selbst, denn Dimitri hatte keine Zeit, mit Lazarus konnte er nicht über Alaster sprechen und mit Alaster durfte Gero keinen Kontakt mehr haben, der über das Berufliche hinaus ging. Es zeriss ihn innerlich.

„Warum kann es bei uns nicht so sein wie bei Dwight und Lazarus?“, fragte er verzweifelt und wischte sich über die Augen, denn wieder einmal bahnten sich Tränen ihren Weg. Es war ja nicht so, dass Gero es nicht versucht hatte, aber Dimitri wollte nicht mit ihm reden, er war sogar einmal wütend geworden und einfach gegangen ohne ihm Blut zu geben, als Gero versucht hatte ein Gespräch zu führen. Immer mehr fühlte er sich benutzt, aber das änderte nichts daran, dass er Dimitri liebte.

Er brauchte ihn, er konnte nicht leben ohne ihn und Gero weigerte sich zu glauben, dass das nur am Blut lag. Nein, so war es nicht. Er liebte Dimitri wirklich.

„Prince, lass das doch“, knurrte Gero halbherzig, als der Kater anfing, sich gelangweilt durch einen kleinen Berg Shirts zu rollen und sie auseinander zu ziehen. Das wäre nicht passiert, wenn Gero sie entschlossen in seine Tasche geräumt hätte, doch abgesehen von ein paar Socken war die Tasche noch immer leer. Allein die Vorstellung, in seine leere Wohnung zu gehen und dort nur darauf zu warten, dass Lazarus etwas Zeit hatte oder Dimitri sich blicken ließ, riss ihm das Herz heraus. Er wollte hier nicht weg – und er wollte nicht bleiben.

Was sollte er nur tun. Das war kein Leben, das er führte. Er vegetierte vor sich hin.

Manchmal wollte er sich einfach nur schlafen legen und nicht mehr aufwachen. Er war dieses Leben so leid, denn es machte ihn kaputt. Über kurz oder lang würde er verrückt werden und dann kam Dimitri nicht mehr zu ihm.

Und dann hatte Lazarus Recht, denn es wäre Geros Tod. Ein langsamer, qualvoller Tod. Mit der Zunge strich er über seine spitzen Zähne und sank wieder in sich zusammen. Warum war er nur so, wie er war? Wäre er gesund, er könnte gehen. Er konnte seine Tasche packen und einfach verschwinden, ohne darauf angewiesen zu sein, dass Dimitri ihm sein Blut gab. Wenn er es recht bedachte, war er nichts anderes als ein Gefangener, verdammt dazu, dem Botschafter im Schatten nicht von der Seite zu weichen. Das war so erbärmlich.

Langsam ließ sich Gero nach hinten auf das Bett sinken. Alaster müsste jeden Augenblick kommen und er hatte noch nicht einmal die Kraft, seine Sachen zu packen und zu gehen.

Die letzten Wochen hatten ihn zermürbt und er fühlte sich ausgelaugt. Früher hatte ihn das Blut, das er bekommen hatte, in Hochstimmung versetzt, aber das war schon lange vorbei. Dieses Kribbeln und Prickeln, das er sonst gespürt hatte, stellte sich nicht mehr ein.

„Oh nein“, Gero schoss hoch, als er die Haustür hörte. Das konnte nur bedeuten, dass Alaster da war. Er musste weg! Eilig schmiss er alles, was er greifen konnte in seine Tasche und lief aus seinem Zimmer. Vielleicht schaffte er es ja das Haus zu verlassen, ohne das Alaster ihn sah.

Er wusste selber, dass das nicht die nette Art war, doch er hatte seinem Chef gesagt, dass es gut sein konnte, dass er schon weg war, wenn Alaster heim kam. Der rechnete also bestimmt nicht mehr mit Gero. Womit andererseits Gero nicht gerechnet hatte, war der gelangweilte Prince, der seinem Freund immer um die Beine strich und ihn so auf der Treppe zum Straucheln brachte.

Natürlich machte es ziemlich viel Krach, als Gero die letzten Stufen mehr fiel als lief und Alaster kam schnell angerannt, um ihn aufzufangen. „Hoppla“, sagte er und stellte Gero wieder auf die Füße. „Danke“, stammelte Gero und blickte auf den Boden. Er wusste, dass Alaster ihn anlächelte und das wäre jetzt einfach zu viel für ihn. Darum machte er sich frei und griff seine Tasche. „Tut mir leid, dass ich dir Umstände gemacht habe. Ich bin dann weg.“

„Gero?“, fragte Alaster, der nicht genau gewusst hatte, was ihn erwarten würde, wenn er aus LA2 wieder kam. Im Stillen war er davon ausgegangen, dass Gero wirklich schon weg war, doch nun stolperte er auf der Treppe herum, versuchte Prince loszuwerden und so hielt Alaster ihn vorsichtig am Arm fest. Fest genug, um ihn zu bremsen, aber locker genug, dass Gero entkommen konnte, wenn er das wirklich wollte.

„Ich muss gehen“, flüsterte Gero fast schon verzweifelt. Warum musste das passieren? Ohne es zu wollen, sah er zu Alaster hoch und das, was er sah, traf ihn wie ein Faustschlag. Der Mann, den fast nichts aus der Ruhe bringen konnte, war offensichtlich ziemlich verstört und wusste nicht was los war. „Es tut mir so leid“, stammelte er erstickt, denn ein dicker Kloß in seinem Hals machte es ihm schwer zu reden.

„Musst du wirklich gehen? Wenn ja, werde ich dich nicht aufhalten, aber ich werde dich auch nicht rauswerfen. Du weißt, dass ich dich gern um mich habe.“ Alaster ließ sich nicht beirren, er wusste, dass er jetzt nichts Falsches sagen durfte. Es war wie ein Minenfeld, denn er wusste nicht, was das Falsche war, was Gero dann entgültig abziehen ließ.

„Ich...“ Gero war hin und her gerissen. Er sah von der Hand an seinem Arm in Alasters Gesicht und die Tasche glitt aus seiner schlaffen Hand. Er konnte es nicht! Er konnte nicht gehen. „Ich will nicht gehen, aber ich kann nicht hierbleiben“, murmelte er beschämt und senkte den Kopf. Er war so erbärmlich und die Tränen, die ihm in die Augen schossen, machten es noch schlimmer.

Doch Alaster lachte nicht über ihn, sondern zog ihn stumm an sich. Zu viele Tränen hatte Gero in den letzten Wochen schon vergossen. Das konnte so nicht weiter gehen. „Wer hindert dich daran, hier zu bleiben? Ich doch ganz bestimmt nicht“, flüsterte er leise und zog die Arme um Gero fester. Endlich hatte er ihn wieder bei sich, den jungen Mann, den er seit Wochen schmerzlich vermisst hatte und es war kein schönes Gefühl zu wissen, dass eigentlich er selbst der Grund war, warum Gero fast auf dem Zahnfleisch ging.

„Das ist kompliziert“, schluchzte Gero und ganz von alleine legten sich seine Arme um Alasters Mitte. Es tat so gut gehalten zu werden und endlich nicht mehr Distanz wahren zu müssen. Es war ein Fehler, aber Gero konnte nicht mehr. Er brauchte das Gefühl, dass er jemandem wichtig war.

„Wie wäre es mit einem Kaffee, einer Sofaecke, zwei Armen, die dich halten, und zwei Ohren, die dir zuhören. Ich habe Zeit“, sagte Alaster leise und schloss die Augen fest. Er lehnte mit dem Rücken an der Wand, hörte irgendwo Prince schnurren und grinste. Wenn das mal nicht Absicht gewesen war, denn auch die Diva ließ ihren Lieblingsdosenöffner nur ungern gehen.

„Komm“, sagte Alaster leise, doch er überließ Gero die Entscheidung.

Der nickte, den Kopf immer noch an Alasters Brust vergraben. „Kaffee muss nicht sein, denn dann musst du mich loslassen“, murmelte Gero und drängte sich noch ein wenig fester an Alaster. Es war, als wenn auf einmal alle Dämme gebrochen wären und Gero wollte verhindern, dass er wieder verlassen wurde.

„Ich glaub, ich kriege das hin, dich dabei nur ein bisschen loszulassen“, lächelte Alaster und führte Gero, den er rückwärts vor sich her schob, ganz vorsichtig erst in die Küche, drückte auf den Knopf der Kaffeemaschine und wartete ein paar Augenblicke, bis das Heißgetränk bereitet war. Dann drückte er es Gero in die Hand und ging weiter zur Couch. Erst da mussten sie sich lösen und neu sortieren.

Der Kaffee landete auf dem Tisch und Gero ließ sich von Alaster umarmen. Es tat so unendlich gut, nicht mehr alleine zu sein. Er zog die Füße auf die Couch und atmete tief durch. Seine Hand löste sich langsam aus Alasters Jackett und strich es vorsichtig glatt. „Entschuldige.“

„Es gibt schlimmeres und ich habe noch sieben von der Sorte im Schrank hängen“, wiegelte Alaster ab, doch er hinderte Gero nicht daran, den Stoff glatt zu streichen, denn so strich er ihm auch über die Brust und das war angenehm. „Möchtest du reden oder bleiben wir einfach ein bisschen hier sitzen? Da hätte ich auch nichts gegen.“ Er wollte Gero auf keinen Fall drängen, er war so sensibel.

„Einfach hier zu sitzen, klingt verlockend, aber ich finde du hast eine Erklärung verdient, warum ich mich seit unserem Essen so merkwürdig verhalte habe.“ Gero fing aber nicht gleich an zu reden, sondern holte sich seinen Kaffee und lehnte seinen Kopf dann an Alasters Schulter. „Ich bin ein Sangriel, ein Blutengel, aber das wird dir wahrscheinlich nichts sagen.“

„Es klingt mysteriös, Blutengel“, spielte Alaster mit, denn wer wusste als Normalsterblicher  schon, was ein Blutengel war. „Was hat das zu bedeuten?“ Alaster sah Gero fragend an und versuchte ihn dazu zu bringen, weiter zu sprechen.

„Da ist leider nichts Mysteriöses oder Mystisches dran.“ Gero lächelte traurig, denn in den letzten Wochen hatte er oft verflucht, was er war. „Es ist eher ein Fluch und er bestimmt mein Leben. Es ist ein Gendefekt. Mein Körper bildet keine roten Blutkörperchen. Ich brauche also etwas, das meinen Körper dazu bringt, sie doch zu produzieren. Nur ist es kein Medikament, sondern Blut. Ganz bestimmtes Blut, das nur ein Mensch auf dieser Welt hat.“

„Wie soll das denn gehen“, stellte sich Alaster dumm, denn er war gerade entsetzt darüber, wie wenig man Gero über sich selbst erzählt hatte. Man hielt die Sangriel absichtlich dumm, damit sie nicht wegliefen – raffiniert. „Von wem bekommst du Blut?“ Alaster wollte endlich den Namen hören, Gero sollte ihm sagen, wer der Bastard war, auch wenn Alaster das schon lange wusste.

„Sein Name ist Dimitri Carson. Er ist der Botschafter von Las Vegas und das ist der Grund, warum alles so kompliziert ist.“ Gero seufzte und drehte sich ein wenig, damit er Alaster ansehen konnte. „Ich habe dir doch erzählt, dass ich einen Unfall hatte. Dimitri kam zu mir ins Krankenhaus und hat mir erzählt, wer ich bin. Er ist der Mann, der mir jedes Mal das Leben rettet, wenn er mir sein Blut gibt und der Mann, den ich liebe.“

„Den du liebst“, wiederholte Alaster und schluckte. Dabei senkte er den Blick, er konnte nicht anders, denn dieses Geständnis zog ihm die Füße weg. Er konnte mit der ganzen Geschichte leben, er hatte für alles eine Lösung – doch damit hatte er nicht gerechnet und es traf ihn wie ein Blitz. „Dann sollte ich dich nicht aufhalten. Du hast Recht, du solltest zu ihm gehen“, sagt er mit einem Lächeln auf den Lippen, auch wenn es schwer war. „Ich möchte nicht, dass dir etwas passiert.“

„Ich werde nicht gehen. Ich liebe Dimitri, aber ich hasse ihn auch.“ Gero sah zu Alaster hoch und lächelte traurig. „Er gibt mir sein Blut, damit ich nicht sterbe, aber der Preis, den ich dafür bezahlen muss, ist zu hoch, ich kann ihn nicht mehr zahlen. Immer war ich der heimliche Geliebte, weil er Frau und Kinder hat. Das hätte ich ja noch ertragen, aber er hält mich wie einen Sklaven. Wenn er wüsste, dass wir uns angefreundet haben, dann würde er mich bestrafen und versuchen dir zu schaden. Ich habe dich gemieden, weil ich das nicht ertragen würde. Lieber sterbe ich.“

„Gero“, sagte Alaster streng und griff sich dessen Gesicht vorsichtig, sodass sein Freund ihn ansehen musste. „So was sagt man nicht mal im Scherz. Du wirst nicht sterben, nur weil wir befreundet sind. Er wird nichts erfahren, wenn wir hier bleiben. Wir müssen nicht essen gehen, wir holen das Essen ins Haus und wir müssen nicht in die Oase, wir gehen im Keller in den Pool.“ Alaster hatte gerade das Gefühl, sich lächerlich zu machen so wie er schacherte, doch er konnte Gero nicht aufgeben, nicht wenn der selbst so unsicher war.

Gero sah Alaster an und seine Augen füllten sich mit Tränen. „Warum?“, fragte er leise. „Warum setzt du alles, was du hast, wegen mir aufs Spiel? Ich weiß nicht, wie lange ich das vor Dimitri geheim halten kann. Er ist schon misstrauisch und kommt alle zwei Tage her und er gibt mir weniger Blut. Wenn er erfährt, dass ich ihn hintergangen habe, wird er mir keins mehr geben und ich werde sterben und dich wird er vernichten.“

„Gero, du warst fair zu mir, jetzt muss ich auch fair zu dir sein“, sagte Alaster. Er konnte den gequälten Blick in Geros Gesicht einfach nicht ertragen. Er musste Hoffnung bekommen, dass es ein Leben ohne diesen Wahnsinnigen geben konnte. Wenn Alaster das schon hörte, er bekam weniger Blut. Was waren das denn für Methoden.

„Ich kenne deine Krankheit, ich habe schon davon gelesen.“ Alaster bog die Wahrheit ein wenig, doch wichtig war doch eigentlich nur eines. „Es ist nicht wahr, dass nur sein Blut dich retten kann. Das erzählt er dir, damit du bei ihm bleibst.“

„Was?“ Gero zuckte hoch und wischte sich über die Augen. Er wollte Alasters Gesicht nicht verschwommen sehen. Er wollte wissen, ob sein Freund die Wahrheit sagte. „Was meinst du damit, dass ich sein Blut nicht brauche? Die Ärzte haben mir gesagt, dass ich nur damit überleben kann.“ Seine Hände krallten sich, ohne dass er es merkte, in das Revers von Alasters Jackett.

Und der ließ es geschehen. Er konnte Gero nur zu gut verstehen, denn er stellte gerade dessen Weltbild auf den Kopf, ohne es beweisen zu können. „Es ist nicht sein Blut, was dir hilft. Er nimmt ein Medikament, was ihm nicht schadet, aber dir nutzt. Ist dir noch nie aufgefallen, dass du mal fünf Tage ohne das Blut auskommst und manchmal schon nach zweien nicht mehr weiter weißt? Er steuert über die Dosis des Medikamentes, wie lange du ohne ihn und sein Blut sein kannst.“ So, nun war die Katze aus dem Sack und Alaster holte tief Luft.

„Aber...aber“, stammelte Gero und seine Gedanken überschlugen sich. „Ist das wahr?“, fragte er ängstlich, denn er fürchtete sich vor dem, was es bedeutete. Seine Finger schlossen sich so fest um den Stoff, dass dieser leise knirschte. „Er hat mich die ganze Zeit belogen?“

„Er hat es getan, weil er dich liebt und dich braucht“, sagte Alaster hastig, denn Gero sah gerade so aus, als wäre er bereit ganz großen Unsinn zu machen. „Ich habe vor kurzem erst davon gehört und vielleicht kann ich das Medikament besorgen. Aber mach dich nicht unglücklich und konfrontiere ihn damit. Ich habe Angst um dich.“ Und das war die volle Wahrheit, er konnte nicht sagen, was passierte, wenn Dimitri die Macht über sein Spielzeug verlor.

„Weil er mich liebt?“ Gero sah Alaster nicht verstehend an. „Was ist das für eine Liebe, wenn man jemanden belügt und benutzt?“ Gero wusste gar nicht, was er fühlen sollte. Er fühlte sich taub, so als wenn es gar nicht sein Leben wäre, über das sie redeten. Er lehnte seinen Kopf an Alasters Brust und dann brach es aus ihm heraus. All die Ängste, die Sorgen und die Wut der letzten Wochen brachen sich Bahn, ließen ihn zusammenbrechen. Er fing an zu zittern und er schluchzte auf. „Halt mich fest, bitte! Halt mich fest.“

„Es ist seine Form von Liebe“, flüsterte Alaster, „aber das heißt nicht, dass sie richtig ist.“ Sein Kinn strich vorsichtig durch Geros Haare und er zog ihn fest an sich, dann etwas auf sich, damit sie es beide bequemer hatten. Auch Prince kam näher und kuschelte sich an sie, gerade so als wollte auch er Gero seinen Trost spenden. „Und ich werde nicht zulassen, dass er dir wehtun kann.“ Hoffentlich waren die Medikamente bald da, die Krishna ihm schicken wollte. Aufgrund der Sicherheitsstufen hatte das länger gedauert als erwartet. Das war ein Anfang, um Gero zu befreien.

Es dauerte eine Weile, bis Gero sich wieder etwas beruhigte und wieder wahrnahm, was um ihn herum passierte. Er lehnte sich an Alaster und wischte sich über die Augen. Er fühlte sich wie erschlagen und traurig. Seine ganze Welt lag in Scherben. Es tat unwahrscheinlich weh und er wollte sich eigentlich nur noch verkriechen.

Alaster konnte nur dabei bleiben und ihm den Halt geben, den er brauchte. Er wollte Gero zu keiner Entscheidung drängen und wenn er sich dazu entschied, bei Dimitri zu bleiben, weil das das einzige war, was er kannte, so würde er ihn auch dabei unterstützen. Doch er wollte zumindest erreichen, dass Gero hier wohnen blieb, damit er besser auf ihn acht geben konnte.

Er hielt Gero fest und der war dankbar, dass er nicht alleine war. Er brauchte jetzt genau das, was Alaster ihm gab, eine Schulter zum anlehnen und das Gefühl nicht allein zu sein, aber es löste nicht sein Problem. „Dimitri kommt morgen und ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich brauche sein Blut, aber ich kann das nicht. Er wird mit mir schlafen wollen“, murmelte er leise und wurde ein wenig rot. Es war ihm peinlich darüber zu reden, aber er war im Moment so durcheinander, dass er jemanden brauchte, der ihm half darüber klar zu werden, was er tun sollte.

„Die Entscheidung kann ich dir nicht abnehmen, Gero. Ich erwarte eine Lieferung Medikamente, weil ich an einem Bericht über das Phänomen arbeite. Aber ob es morgen schon da sein wird, kann ich nicht versprechen und wie du dich ihm gegenüber verhalten sollst, kann ich dir erst recht nicht raten.“ Auch Alaster fühlte sich hilflos. Er war bereit, Gero zu schützen, ihn zu verstecken und ihm den Rücken zu stärken, wenn er das wollte, doch die Entscheidung musste sein Freund allein treffen. Er durfte ihn nicht drängen. „Aber egal was du machst, ich stehe hinter dir“, erklärte er deswegen.

„Ich bin so durcheinander. Dimitri und sein Blut haben mein Leben bestimmt. Ich kann meine Liebe nicht einfach abstellen, obwohl ich weiß, dass er mich wohl die ganze Zeit belogen und benutzt hat.“ Gero musste einfach aussprechen, was ihn bewegte. „Ich kann ihn morgen einfach nicht treffen. Ich kann ein paar Tage ohne sein Blut überleben, auch wenn ich dann sehr schwach und krank werde.“ Gero wusste, dass er Dimitri nicht ewig ausweichen konnte, aber morgen war einfach zu früh.

„Ich möchte dich ungern hier allein lassen“, sagte Alaster leise und in seinem Kopf spannen sich Szenarien. „Allerdings muss ich morgen früh weg. Ich habe ein paar Termine in San Diego 012 und 015 wahrzunehmen.“ Er war kurz davor, Gero mitzunehmen. „Kann er dich orten? Lazarus findet dich ja immer, kann er das auch?“

„Lazarus ortet den GPS-Empfänger in meinem Kommunikator. Dimitri kann das auch. Ansonsten wüsste ich nicht, dass er mich orten kann.“ Gero setzte sich ein wenig anders, damit er Alaster ansehen konnte und dabei fiel sein Blick auf den feuchten Fleck auf der Jacke, den seine Tränen hinterlassen hatten. „Tut mir leid“, murmelte er beschämt und strich darüber. Jetzt hatte er den Anzug wohl vollkommen ruiniert.

„Es gibt schlimmeres.“ Alaster sah nachlässig an sich hinab, der Anzug war nun wirklich sein kleinstes Problem. Er musste wissen, wann das Mittel kam.

„Warst du schon mal in San Diego? Es ist schön um diese Zeit“, fragte er nach einer Weile. Er würde nachher einfach mal den Boten ein paar Beine mehr machen, wenn sie an ihrem Job hingen. So weit war der Weg von LA2 nach San Francisco GX beileibe nicht. „Und lass den Kommunikator daheim, dann entspannt es sich besser.“ Er grinste.

„Du meinst, ich soll mit dir fahren?“ Gero riss die Augen auf und sein Herz klopfte schneller. „Geht das denn? Nicht das du wegen mir Ärger bekommst.“ Es tat so gut, dass sich jemand um ihn sorgte und er musste Alaster einfach umarmen. Er legte ihm die Arme um den Hals und schmiegte sich an ihn. „Danke, Al! Danke, dass du für mich da bist.“

„Dafür musst du mir nicht danken. Als ich sagte, jemand wie du hat meinen Dank wirklich verdient, meinte ich das ernst. Du bist etwas Besonderes und das nicht nur, weil du der erste bist, den Prince nicht gleich zerfleischt.“ Alaster lächelte und legte seine Arme ebenfalls um Gero, damit der nicht gleich wieder abrückte. „Allerdings habe ich einige Termine, ich werde dich auch allein lassen müssen. Aber das Hotel hat einen großen Fitness- und Wellnessbereich. Wenn du willst, kannst du dich mit meiner Zimmerkarte dort austoben. Ob in meiner Suite eine oder zwei Personen wohnen, ist preislich kein Unterschied und zur Not kommt die Diva eben auch noch mit.“ Denn dem traute Alaster wirklich nicht zu, dass man ihn eine Woche ohne Aufsicht lassen konnte.

„Ich war noch nie in einer anderen Kuppel“, murmelte Gero und seine Augen wirkten nicht mehr ganz so traurig. Alaster bemühte sich um ihn und wollte, dass es ihm gut ging. „Du musst arbeiten, ich werde mich schon mit Prince beschäftigen, da ist mir bestimmt nicht langweilig.“ Dass er morgen wahrscheinlich eh ziemlich schlapp sein würde, sagte er lieber nicht, dann machte Alaster sich nur Sorgen. Dimitri hatte die Dosis reduziert und so brauchte er alle zwei Tage Blut und das letzte, hatte er gestern bekommen.

„Dann wird es Zeit, dass du mal andere Luft schnupperst und einen Teil der Arbeit kann ich auch vom Hotel aus erledigen. Allerdings muss ich sehen, wo das Medikament gerade ist und ob es noch ankommt, ehe wir abreisen. Machst du mir einen Tee? Dann guck ich schnell mal nach“, sagte Alaster, denn er war gern auf alles vorbereitet. Zur Not musste ihm das Päckchen hinterher geschickt werden. Aber wenn er es morgen nicht hatte, rollten Köpfe.

„Natürlich.“ Gero drückte Alaster noch einmal an sich und machte sich dann los. Er lief in die Küche und stellte den Wasserkocher an. Dann huschte er ins Bad und wusch sich das Gesicht. Er sah furchtbar aus. Seine Augen waren rot und verquollen. Er streckte sich die Zunge raus und ging zurück in die Küche um den Tee fertig zu machen. Alaster war noch nicht wieder da, darum stellte er die Tasse auf den Tisch und setzte sich wieder auf die Couch.

Prince kam näher gerückt, denn er fühlte sich doch etwas vernachlässigt. Er war es nicht gewohnt, dass sein Herrchen an seiner Stelle beschmust wurde.

Derweil hatte Alaster in seinem Arbeitszimmer den Bildschirm geöffnet und verfolgte die Sendung mit seiner Kennung. Sie hatte den Tunnel verlassen und befand sich auf dem Weg zu ihm. In zwanzig Minuten sollte sie da sein. Das sah doch gut aus!

Außerdem meldete er gleich noch einen weiteren Gast und ein Haustier in seinem Hotel an, damit es beim Check-In keine Probleme gab.

„Komm her, Süßer.“ Prince hatte es verdient verwöhnt zu werden, denn er hatte die letzten Wochen immer wieder als Tröster herhalten müssen. Der Kater schnurrte begeistert, als die Finger durch sein Fell kraulten. „Wir machen einen Ausflug“, erzählte Gero dabei, auch wenn es eigentlich unsinnig war, weil Prince ihn doch nicht verstehen konnte.

„Allerdings muss die Plage dann an die Leine. Das wird Spaß für alle Beteiligten“, sagte Alaster, als er wieder kam und sich neben die beiden setzte. „Danke“, lächelte er und griff sich seinen Tee. Den konnte er jetzt gut vertragen, denn er selbst musste sich auch ein wenig beruhigen. Das ging alles schneller, als er geplant hatte und so musste er umkoordinieren. Doch das war kein Problem.

„Das müssen wir hinkriegen, denn sonst kann ich nicht mitfahren.“ Gero lehnte sich wieder vorsichtig bei Alaster an. Er wollte auf dessen Nähe nicht verzichten, jetzt wo er wusste, wie gut es tat, nicht alleine zu sein. „Und hast du was erfahren?“

„Wenn nichts Unvorhergesehenes mehr passiert, müsste das Medikament in zwanzig Minuten hier sein. Wir packen es ein und versuchen es morgen, sobald du das Gefühl hast, es geht nicht mehr. Wir fangen klein an“, sagte Alaster, dem es gar nicht schmeckte, mit Gero experimentieren zu müssen. Sollte sein Freund einen Schaden nehmen, hatte der Entwickler ein Problem, ein massives. „Aber so lange können wir uns ja noch etwas berieseln lassen“, sagte Alaster und aktivierte den Bildschirm für das Unterhaltungsprogramm. Aber nur leise, denn sich nebenbei unterhalten wollte er auch. Er hatte sich daran gewöhnt und wollte es nicht mehr missen.

„Oh, heute noch?“ Gero konnte nicht verhindern, dass er nervös wurde. Seine Finger griffen ein wenig zu fest zu und Prince fauchte leise. „Entschuldigung“, murmelte Gero schnell und küsste den Kater aufs Köpfchen. Der hatte aber genug und trollte sich. „Wie lange werden wir weg sein“, fragte er Alaster und legte einen Arm um seinen Freund.

„Eingeplant für mich war eine Woche. Wenn du früher zurück willst, lässt sich das einrichten. Kein Problem“, beeilte sich Alaster zu beteuern, denn er wollte nicht, dass Gero sich eingesperrt fühlte. „Wenn du zurück willst, weil du mit Lazarus reden willst oder mit Dimitri, ist das alles kein Problem. Aber wenn du eine Woche Abstand brauchst, kannst du so lange bleiben.“

„Ich weiß noch nicht. Im Moment bin ich total durcheinander, aber ich sollte zumindest Lazarus morgen früh eine Nachricht schicken, damit er sich nicht zu sehr sorgt.“ Gero legte seinen Kopf wieder auf Alasters Schulter und strich ihm gedankenverloren über den Bauch.

Und Alaster ließ es geschehen, Gero hatte angenehme Hände. „Kein Problem, hoffen wir nur, dass dein Dimitri nicht allzu sauer wird“, sagte er leise und schloss nachdenklich die Augen. Er selbst hielt nichts davon, Lazarus zu informieren, was wenn der sich verquatschte. Doch er riet Gero nicht davon ab, denn der hing sehr an seinem Freund, das hatte Alaster schon gemerkt.

„Mein Dimitri.“ Gero horchte in sich hinein und er fühlte gar nichts bei den Worten. Sonst hatte er immer ein Prickeln gefühlt bei diesem Gedanken, aber jetzt war da nichts mehr, außer Schmerz und Wut. „Ich weiß nicht, ob er noch mein Dimitri ist. Ich weiß im Moment gar nichts mehr. Nur, dass ich wirklich froh bin, dass ich dich habe.“

„Äh – danke“, murmelte Alaster und bekam doch glatt rote Schatten unter den Augen. Nur gut, dass Gero das nicht sehen konnte. Es war seit vielen Jahren das erste Kompliment, was er bekommen hatte und es fühlte sich merkwürdig an. Er konnte mit so viel privater Aufmerksamkeit nicht richtig umgehen. „Du bist jetzt nur wütend auf ihn, weil er dir nicht die ganze Wahrheit gesagt hat. Aber vielleicht kommen deine Gefühle auch wieder, wenn du darüber nachgedacht hast.“ Nicht dass Alaster das wollte, doch er durfte auch nicht ausnutzen, dass Gero jetzt so wütend auf seinen Käufer war. Und dabei wusste der arme Sangriel noch nicht einmal alles.

„Vielleicht.“ Gero konnte es wirklich nicht sagen. Er wusste nur, dass er sich gerade fühlte, als wenn ihm jemand das Herz herausgerissen hatte und nur Alaster machte das etwas erträglicher. Darum reckte er sich etwas und sah seinen Freund an. „Danke, Al“, murmelte er leise und küsste ihn vorsichtig auf die Wange. „Egal, wie es wird, ich werde mir nicht verbieten lassen mit dir befreundet zu sein.“

„Und ich werde darauf achten, dass dir das nicht zum Verhängnis wird“, sagte Alaster und lächelte Gero an. „Was hältst du von einer Pizzaorgie im Pool? Ich kann was bestellen und wir lassen es uns gut gehen. Dann kommst du auf andere Gedanken, hm?“ Nicht dass es nicht schön gewesen wäre, hier mit Gero zu sitzen, doch der war Alaster etwas zu sehr angeschlagen. Er sollte wieder lächeln, das stand ihm viel besser als die traurigen Augen.

„Gibt es auch Cocktails?“, fragte Gero und ein leichtes Lächeln schlich sich auf sein Gesicht. Alaster gab sich so viel Mühe, da wollte er ihn nicht enttäuschen, auch wenn er nicht viel Hunger hatte. Ein wenig Ablenkung war bestimmt nicht schlecht und im Pool schwimmen machte eigentlich immer Spaß.

„Für den einen oder anderen dürfte ich die Zutaten noch in der Bar haben“, überlegte Alaster und grinste, als er Prince dabei beobachtete, wie der sich absetzte. Pool war gar nicht sein Ding. Er war einmal hinein gefallen in seiner unbändigen Neugier und dann fast ertrunken, seit dem mied er das blöde, nasse, blaue Ding ohne Balken. „Auf was hättest du denn Lust? Was Herbes oder eher was Fruchtiges.“ Langsam erhob sich Alaster und zog Gero hoch.

 

„Was Fruchtiges“, kam es auch sofort. Gero lehnte sich gleich wieder an Alaster, denn er wollte die Nähe nicht missen. Darum war auch klar, dass er mitkam, wenn die Cocktails gemixt wurden.

„Na, mal gucken, was wir für dich noch haben“, sagte Alaster und sah Prince auffordernd an. Doch der hüpfte nur auf die Couch in die Ecke, die sein Herrchen so schön angewärmt hatte. Er drehte sich zweimal um sich selbst und ließ sich dann entspannt fallen.



08 

Alaster ging mit seinem Gast zur Bar in einer der Räumlichkeiten, die zum Feiern gedacht waren. Deswegen war sie gut sortiert. „Da drüben an der Wand ist ein Touchpad mit allen Lieferadressen, die ich bevorzuge. Such uns doch was zu essen und ich suche zusammen, was wir gebrauchen können“, schlug er vor.

„Gut, mach ich.“ Gero tippte gleich auf dem Bildschirm herum und suchte sich aus dem Angebot etwas aus, was er gerne mochte und von dem er wusste, dass Alaster es auch gerne aß. „Bin soweit“, rief er schließlich und guckte Alaster über die Schulter, weil er wissen wollte, was sein Freund machte.

„Fangen wir mit einem Klassiker an. Der hat schon ein paar Jahrhunderte auf dem Buckel, aber ich trinke ihn immer wieder gern“, sagte Alaster und suchte sich zusammen, was er brauchte. Er mischte Rum und Cointreau, schüttete Limettensaft und ein paar Sirupe dazu. Dann wurde geschüttelt.

Neugierig sah Gero ihm dabei zu. Er trank Cocktails zwar gerne, aber er hatte keine Ahnung, wie sie gemacht wurden. „Was wird das“, fragte er und hibbelte herum, weil er es kaum erwarten konnte, zu probieren, was Alaster da mixte.

„Ein Mai Thai, nicht besonders fruchtig, aber ich mag ihn. Deswegen mach ich für dich noch einen Brasil Tropical“, sagte Alaster und suchten die nächsten Flaschen zusammen. Nur gut, dass die Chemiker fast jeden Geschmack synthetisch erzeugen konnten, denn tropische Früchte waren schwer zu kriegen. Es gab zwar in Südamerika große Plantagen unter Kuppeln, die allein für den Export produzierten, doch die Ware war trotzdem schwer zu bekommen.

„Uih!“ Gero sah zu, wie Alaster seinen Cocktail in ein Glas schüttete. „Darf ich ihn dekorieren?“, fragte er, denn das konnte er sicher. Er wollte nicht, dass Alaster alles alleine machen musste. Er wollte auch endlich etwas für Alaster tun. Bisher war es immer umgekehrt gewesen.

„Jetzt hast du mich eiskalt erwischt“, kratzte sich Alaster am Ohr. Eigentlich wurden die Cocktails mit Früchten und Minze garniert, doch er hatte beides nicht im Haus. Nur ein paar altmodische Schirmchen und Strohhalme. Die legte er auf den Tisch und grinste schief. „Das ist alles, was ich habe!“ Das war ihm sichtlich peinlich.

„Das macht doch nichts. Ich find die Dinger toll.“ Gero schnappte sich die Schirmchen und spannte einen auf. Er wurde liebevoll mit einem Strohhalm zusammen in den Cocktail gesteckt und dann steckte er sich lachend einen hinter das Ohr. „Du auch?“, fragte er grinsend und drehte ein Schirmchen zwischen den Fingern.

„Du kannst das tragen, ich begnüge mich mit dem da“, sagte Alaster und machte lachend eine abwehrende Geste, doch wenn Gero ihn schmücken wollte, dann würde er sich nicht wehren. Schließlich ging es darum, Gero aufzuheitern, wenn es half, dann ließ er sich auch beschirmen. Lieber warf er die Zutaten für Geros Cocktail in den Shaker, damit der noch mehr dekorieren konnte.

„Dir würde er auch stehen. Du weißt doch einen schönen Mann kann nichts entstellen“, lachte Gero und reckte sich ein wenig, damit er Alaster einen blauen Schirm hinter das Ohr stecken konnte. „Der passt gut zu deinen Augen“, murmelte er dabei und lächelte.

Alaster konnte sich nicht dagegen wehren, denn er war viel zu sehr damit beschäftigt zu begreifen, dass Gero ihm gerade mehrere Komplimente gemacht hatte. Ohne es wirklich zu wollen, entflammte er immer mehr für Gero. Konnte das ein gutes Ende nehmen? Doch dann lächelte er nur – warum denn nicht? Sie waren beide ihres Glückes Schmied, da konnte doch nur etwas Gutes dabei raus kommen. So stellte er Gero seinen Cocktail hin, während er sich noch einmal das Schirmchen zurecht rückte, damit es nicht runter fiel. „Danke“, sagte er ziemlich zeitverzögert.

„Ich sage nur die Wahrheit“, schmunzelte Gero, Sein Freund bekam wohl nicht oft Komplimente, so verlegen, wie er jetzt war. Das musste er unbedingt ändern, denn Alaster hatte es seiner Meinung nach verdient. Jetzt konnte er sich gar nicht mehr erklären, warum er Alaster am Anfang unheimlich gefunden hatte. Er hielt sein Glas hoch, damit sie sich zuprosten konnten. „Auf einen Neuanfang.“

„Auf einen neuen Anfang“, entgegnete auch Alaster und bemerkte mit Wohlwollen, dass etwas in den Speicher gelegt worden war. Und gleich noch mal. „Ich glaube, das Essen ist da und deine Medikamente“, sagte er und drückte einen Knopf. Somit wusste das Transportsystem, wo er war und wohin geliefert werden musste. Das Geld für das Essen wurde sowieso automatisch eingezogen. Er mochte diese gesichtslosen Lieferungen, anonym und unverbindlich.

„Die Medikamente?“ Gero sah Alaster mit großen Augen an und plötzlich zitterte seine Hand so, dass er das Glas abstellen musste, damit er nichts verschüttete. Er war nervös und biss sich auf die Lippe. „Kann ich sie sehen?“

„Komm mit“, sagte Alaster und ging zu einer Luke, verborgen in der Wand. Die meisten Wände in seinem Haus waren hohl und durch ein Labyrinth von Leitungen liefen Versorgungsschächte. Eine kleine Raffinesse, die er sehr zu schätzen wusste. Er öffnete also die Tür und holte die Pizzen und die Kühlbox heraus. Die Tabletten mussten nicht wirklich gekühlt werden, doch es schadete ihnen auch nicht. Und die Box schützte sie vor Hitze, Nässe oder Schlägen.

„Da“, sagte Alaster und öffnete die Box.

Gero wusste nicht so genau, was er erwartet hatte, aber irgendwie war er enttäuscht, als er die kleinen, weißen Tabletten sah. Er holte eines der kleinen Röhrchen heraus und sah sie sich an. „Diese hier hat er genommen, damit ich den Wirkstoff über sein Blut bekomme?“, fragte er noch einmal, denn das war so unwirklich.

„Ja, das ist Sangrol“, sagte Alaster und beobachtete Gero. Er konnte gut verstehen, dass er nicht so richtig begreifen konnte, dass das schon alles gewesen sein sollte. Er hatte das Marketing-Konzept gelesen und wusste, welches Brimborium man um das Blut und den Defekt machte. Wenn Gero wüsste, dass man ihm das angezüchtet hatte, damit er Dimitri nicht wegrannte. Doch Alaster beschloss, das für sich zu behalten. Gero war schon gestraft genug.

Gero sah ein paar Herzschläge auf das Röhrchen in seiner Hand und dann schloss er seine Finger fest darum. Erst jetzt wurde ihm richtig bewusst, wie sehr Dimitri ihn belogen und hintergangen hatte. Wie sollte er ihm jetzt noch seine Liebesschwüre glauben? Wenn man jemanden liebt, dann belügt man ihn nicht. „Ich kann und will nicht zu ihm zurück“, sagte er leise und ließ die Tabletten wieder in die Kiste fallen.

Alaster konnte ihn ja verstehen, doch hatte Gero schon eine Vorstellung, wie es weiter gehen sollte? Dimitri würde ihn nicht einfach laufen lassen. Wer sich einen Geliebten kaufte, sah nicht zu, wie ihm sein Geld weglief. Wollte er sich ein Leben lang verstecken? „Ich werde dich unterstützen, keine Frage, aber du wirst ihm nicht ewig ausweichen können. Er wird dich finden und zur Rede stellen. Rechne damit, Gero.“

„Ich weiß.“ Gero ließ die Schultern hängen. „Ich habe Angst davor, aber er soll wissen, wie sehr er mich verletzt hat. Er hat mich nicht wie seinen Geliebten behandelt, sondern wie sein Eigentum und das kann ich ihm nicht verzeihen.“

Gero hatte keinen Schimmer, wie nah er der Wahrheit auf der Spur war. Er war Dimitris Eigentum, er wusste es nur nicht und Alaster würde ihm das lieber nicht sagen. „Erst mal bist du jetzt eine Woche nicht da. Dann sehen wir immer noch weiter“, sagte er also und stellte die Kiste bei Seite, denn das Eis in ihren Cocktails schmolz langsam und die Pizza wurde kalt. „Wir wollten uns doch einen schönen Abend machen. Lass uns unsere Beute in den Keller schaffen und dann lungern wir dort herum.“ Alaster lächelte.

Gero nickte und lächelte tapfer zurück, auch wenn ihm eher zum Heulen war. „Gib mir die Pizzen, ich verschütte die Cocktails nur und das wäre schade.“ Er ließ sich die Kiste reichen und ging vor in den Keller. Er war nicht mehr im Pool gewesen, seit die Stimmung zwischen ihnen so angespannt war. Es war ihm einfach nicht danach gewesen, allein zu schwimmen.

Alaster sah ihm nach und grinste. Er stellte die Cocktails und die Zutaten für weitere Drinks in den Lift in der Wand und drückte die Koordinaten für den Barbereich des Pools. So musste er nichts verschütten, denn das System lief reibungslos und ohne zu ruckeln. So kam er unbeschwert unten an und grinste, weil Gero die Brauen verzog. Da vermisste wohl jemand sein Leckerchen.

„Wo...?“ fing er an, wurde aber von dem Geräusch des Aufzugs unterbrochen. „Boah“ rief Gero grinsend, als er sehen konnte, was in dem Aufzug war. „Du bist mir ja einer.“ Er stellte seine Kiste ab und holte die Drinks. „Wir sollten sie jetzt endlich probieren.“

„Du warst so schnell weg mit den Kisten, da wollte ich dich nicht noch einmal zurück rufen“, sagte Alaster unschuldig, griff aber die Gläser und reichte Gero seinen Fruchtcocktail. Vorsichtig stieß er sein eigenes Glas gegen Geros und prostete ihm zu, ehe er an dem Strohhalm zog. Dabei fiel sein Blick wieder auf den Schirm, den Gero immer noch hinter dem Ohr stecken hatte. Sein eigener hing auch noch.

Sie sahen bestimmt ziemlich lächerlich aus, aber das war ihm egal. Solange er Gero damit eine Freude machen konnte. „Der ist lecker“, rief Gero und nahm gleich noch einen Schluck. Alaster hatte genau seinen Geschmack getroffen. Er grinste zu Alaster hoch und piekste ihm in die Seite. „So Klamotten runter und ab ins Wasser. Wir essen die Pizza da.“

„Du scheinst ja ziemlich heiß darauf zu sein, mich nackt zu sehen“, konnte sich Alaster nicht verkneifen, denn er musste seine Schüchternheit überspielen. Doch heute war es egal – Gero wollte ihn sehen, so bekam sein Gast seinen Willen. Sollte er entscheiden, ob ihm dann noch nach Pizza essen war oder ob er lieber angewidert den Karton im Wasser treiben ließ. So streifte er die Kleider ab, warf sie nachlässig auf einen Haufen und schlürfte immer wieder an seinem Glas.

Gero beobachtete ihn über den Rand seines Glases und grinste. Er wusste gar nicht, was Alaster hatte. Er hatte einen gut proportionierten und knackigen Körper und es lohnte sich wirklich, Alaster anzusehen. Darum pfiff er anerkennend. „Jetzt bin ich neidisch. Wie willst du das wieder gut machen?“

Etwas verwirrt wandte Alaster sich um und sah Gero offen an, deutete dann aber grinsend auf die Flaschen im Aufzug. „Pizza und Alkohol?“, bot er an, was er noch hatte, „oder hast du an etwas anderes gedacht?“ Er ging zum Angriff über, wenn Gero das wollte, ließ ihm aber die Chance, ihn misszuverstehen.

Gero wiegte unentschlossen den Kopf, dabei sah er zwischen Alaster und den Flaschen hin und her. „Das ist fies. Leckerer Mann oder nicht verhungern und verdursten.“ Gero ging auf die unausgesprochene Frage ein, auch wenn es für ihn eigentlich nicht normal war, aber bei Alaster war sowieso alles anders. „Kann ich alles haben?“, fragte er mit leuchtenden Augen und sah seinen Freund bittend an.

Doch so leicht war Alaster nicht zu haben, auch nicht für Gero. „Du wirst dich schon entscheiden müssen und wenn ich weniger wert bin als eine lauwarme Pizza und Alkohol, dann weiß ich ja, wo ich stehe.“ Er hob eine Braue und lehnte sich mit der Hüfte gegen die Bar, auf der mittlerweile die Flaschen aus dem Aufzug standen. Die Pizzen stellte er im Karton in einen kleinen Warmhalteofen im unteren Teil der Bar.

Gero zog einen Schmollmund und kam zu Alaster rüber. „Ich muss mich entscheiden?“, fragte er noch einmal nach und linste unter seinem Pony zu seinem Freund hoch. Er hatte sich schon längst entschieden, darum lehnte er sich an Alaster. „Ohne dich wäre ich verloren. Essen und Trinken können nie so wichtig sein wie du.“

Alaster legte die Arme um seinen Freund und drückte Gero fest an sich. Er konnte sich allmählich auch nicht mehr zurück halten. Das war gefährlich, was sie taten – war Gero überhaupt bereit dafür oder suchte er nur ein Äquivalent für Dimitri. Er wurde unsicher und seufzte leise. „Ich werde dich nicht allein lassen, wenn du das nicht möchtest. Das verspreche ich dir“, flüsterte er und grub die Nase in Geros Haare. So standen sie eine Weile und Alasters Hände spielten mit dem Saum von Geros Shirt.

„Danke.“ Gero kuschelte sich an Alaster und fühlte sich vollkommen sicher und geborgen. Es war so anders als das, was er in Dimitris Armen gefühlt hatte. Es war bei ihnen vorrangig immer um das Körperliche gegangen. Die Befriedigung ihrer Lust. Alles andere war davon erschlagen worden. Es war nicht so, dass Alaster ihn nicht anzog, auch bei ihm verspürte er dieses altbekannte Kribbeln, aber es war nicht das alles Beherrschende. Lust war hier nur ein Gefühl unter vielen und dieses Zusammenspiel war einfach nur herrlich. Endlich hatte Gero nicht mehr das Gefühl, das etwas fehlte und wischte seine Traurigkeit weg. Er stemmte sich ein wenig von Alaster weg und grinste. „Ich hab den Wink schon verstanden“, lachte er und hob sein Shirt an. „Du magst nicht mehr als einziger nackt hier rum stehen.“

„Ich kann mir ja auch wieder was anziehen? Dann haben wir auch Chancengleichheit“, schlug Alaster vor, wagte es aber seine Finger fest in Geros Shirtsaum zu schlagen und den Stoff höher zu ziehen. Es war lange her, dass er einen anderen Körper so nahe gewesen war.

„Nee.“ Gero hob die Arme, damit Alaster ihm das Shirt ausziehen konnte und beschloss dann einfach faul zu sein. Darum legte er seine Arme auf die Schulter seines Freundes und sah ihn auffordernd an. Jetzt hatte Alaster einmal angefangen, da konnte er auch weitermachen.

„Das glaub ich ja nicht“, knurrte Alaster gespielt sauer und sah Gero strafend an. „Kaum reicht man dir den kleinen Finger, nimmst du die ganze Hand und nimmt man dir Arbeit ab, dann muss man den Rest auch noch selber machen. Ich weiß nicht, ob ich das durchgehen lassen kann.“ Er dachte ja gar nicht daran, Gero gleich auf den Leim zu gehen. Dafür machte das Spiel viel zu viel Spaß.

„Tja, du solltest besser aufpassen, wen du einstellst, aber jetzt ist es zu spät. Nun hast du mich am Hals.“ Gero grinste breit und wackelte mit den Hüften, um anzuzeigen, wo Alaster weitermachen sollte.

„Ich hab wirklich kein glückliches Händchen für Angestellte“, murmelte Alaster, aber noch laut genug, damit Gero ihn hörte. Dann grinste er. „Aber gut, wenn ich dich schon so verwöhnt habe, muss ich das eben ausbaden.“ Doch so souverän, wie seine Worte wirkten, war er beileibe nicht. Ganz im Gegenteil – er war ziemlich nervös, als er seine Hände auf Geros Hüfte legte und langsam darüber strich, bis er vorn angekommen war, um den Knopf zu öffnen.

Gero schmunzelte bei den Worten und schloss die Augen. Es war ein angenehmes Gefühl, die Hände an seiner Hüfte zu spüren. Er spürte, wie erst der Knopf geöffnet wurde und dann der Reißverschluss. Es war schon lange her, dass er so langsam und bedächtig ausgezogen worden war und es gefiel ihm, genauso wie das Kribbeln, das durch seinen Körper zog, immer wenn Alasters Finger ihn berührten.

Alaster hingegen musste sich ziemlich zusammen reißen. Immer wieder erwischte er sich dabei, wie er auf Geros Lippen starrte, auf den schlanken Hals und wie er daran dachte, die Haut zu kosten, sie zu liebkosen. Bisher hatte es noch kein Mensch geschafft, ihn so anzuziehen wie Gero es gelang. So strichen seine Hände vorsichtig tiefer und zogen den Reißverschluss auf. Es war Absicht, dass eine seiner Hände vorsichtig hinein glitt.

Gero zeigte keine Anzeichen von Unwillen, eher im Gegenteil. Er seufzte leise und ganz von alleine fingen seine Finger an, mit den Haaren in Alasters Nacken zu spielen und zu streicheln. Er fühlte sich wohl. Er öffnete seine Augen und sah seinen Freund lächelnd an.

„Du bist der erste Mensch, der es schafft, mich nervös zu machen“, sagte Alaster leise und wieder lag sein Blick auf Geros Lippen und so schloss er die Augen. Aber seine Finger forschten weiter, dabei streifte er die Hose langsam tiefer über Geros Hüfte. Vergessen waren die Cocktails und die Pizzen. Die Luft um sie herum fing langsam an zu wabern.

„Unangenehm oder angenehm nervös?“, fragte Gero leise. Alaster versuchte ihm die Hose auszuziehen und seine Hände fuhren dabei auf Geros Hintern. Die Spannung zwischen ihnen wurde immer greifbarer und darum rückte er etwas näher.

„Ich weiß noch nicht, ich bin so selten nervös“, murmelte Alaster leise, schob aber noch „unangenehm ist es jedenfalls nicht“, hinterher. Nicht dass Gero ihn noch falsch verstand und sich zurückzog, nur weil Alaster selbst zu blöd war, die Situation zu meistern.

Die Muskeln unter seinem Fingern fühlten sich unglaublich an und so massierte er weiter, seine Nase dabei in Geros Halsbeuge vergrabend.

„Da kann ich nur zustimmen.“ Gero schlang seine Arme enger um Alasters Nacken. Die sanften Finger waren unwahrscheinlich angenehm und so schloss er seine Augen und drängte sich näher. „Mach weiter“, murmelte er leise.

Und so ließ es Alaster geschehen. Er musste sich nicht wiedersetzen, Gero würde sich schon wehren, wenn er nicht wollte. So küsste sich Alaster langsam über Geros Hals und seine Finger strichen die Hose tiefer, bis sie zu Boden sank. Dann widmeten sich seine Finger wieder dem festen Hintern und der störenden Unterhose.

Gero stieg aus dem störenden Stoff der Hose und drängte Alaster so näher an die Theke. Die Wärme der anderen Haut an seiner war einfach fantastisch. Gero musste sie einfach berühren, darum löste er seine Hände aus Alasters Nacken und streichelte über dessen Oberkörper.

Und so machte er auch Alaster mutiger. Der drehte sich in einer schnellen Bewegung und hob Gero an. Er setzte ihn auf die Theke und auch wenn er sich jetzt etwas strecken musste, wagte er den letzten Schritt und legte seine Lippen auf die seines Freundes. Erst vorsichtig, weil er nicht wusste, ob er Gero überrumpelt hatte, doch als er dessen Beine um seine Schenkel spürte, intensivierte er die Berührung – es war unglaublich.

Gero ging es nicht anders. Er sog die vorsichtigen Liebkosungen in sich auf. Das war auch etwas, das er vermisst hatte, wie er jetzt wusste. Dimitri und er hatten Sex - guten und befriedigenden Sex, aber Zärtlichkeiten waren dabei meist auf der Strecke geblieben.

Es war nie vorgekommen, dass sie sich allein mit Küssen um den Verstand gebracht hatten oder sich einfach nur streichelten oder liebkosten. Erst nach und nach merkte Gero, was er eigentlich bisher alles verpasst hatte und wie wenig er über zwischenmenschliche Berührungen wusste. Es war berauschend wie Alaster ihn anfasste, wie er seine Hände zart über Geros Haut streichen ließ, wie seine Zunge ihn um den Verstand zu bringen suchte.

Gero hielt eine Weile so gut er konnte dagegen, aber dann ließ er sich erobern und wurde Wachs in Alasters Händen. Sie küssten sich eine ganze Weile, dann löste sich Gero vorsichtig. Er sah lächelnd in die blauen Augen und strich zärtlich über Alasters geschwollene Lippen. „Du magst Pech mit deinen Angestellten haben, aber ich habe noch nie so viel Glück mit meinem Arbeitgeber gehabt.“

„Mittlerweile kann ich mich auch nicht mehr beschweren. Du hast ein paar ungeahnte Talente, die ich wohl etwas zu lange habe brach liegen lassen. Ein Frevel der mir nicht noch einmal passieren wird“, flüsterte Alaster und spürte die Finger auf seinen Lippen, als er sprach. Seine Hände lagen auf Geros Hüften und strichen allmählich auf die Schenkel und er legte seine Stirn gegen die seines Freundes. Was taten sie nur?

Gero lachte leise und küsste Alaster sanft. „Das freut mich. Es hätte mich schwer getroffen, wenn du immer noch unzufrieden mit mir wärst.“ Wieder strichen seine Lippen über das andere Paar und verweilten kurz zu einem sanften Kuss. Gero wollte diese Nähe nicht mehr missen.

Und so zog Alaster die Arme wieder fester um ihn und tankte die Nähe. Merkwürdig, wie vertraut sich das anfühlte. Wie hatte er so lange ohne menschliche Nähe leben können? Es war verrückt.

 

09 

„Ich bin sehr zufrieden mit dir, aber wie wäre es mit ein bisschen Pizza. Mein Tag war lang“, sagte er entschuldigend, denn langsam schmerzte der Magen. Das passierte ihm immer, wenn er Hunger hatte.

„Aber natürlich.“ Gero sah Alaster entschuldigend an, denn sein Freund hatte ja nur wegen ihm bisher noch nichts gegessen. „Steig schon mal ins Wasser, ich schneide die Pizza in Stücke und bringe alles zu dir.“ Sanft schob er Alaster von sich, und küsste ihn noch einmal.

„Ich habe dir schon einmal gesagt, ich bezahle einen Haussitter und keinen Butler“, sagte Alaster, doch er ließ sich von Gero so lange schieben, bis er vor dem Pool stand und sprang hinein. Er musste sich abkühlen – definitiv! Doch es war herrlich. Sein Kopf fühlte sich an wie Watte und so hatte Alaster ein Lächeln auf den Lippen, als er prustend auftauchte.

Er musste nicht lange auf seinen Freund warten. Gero kam mit zwei dampfenden Tellern zum Pool und war gleich wieder los, um ihre Cocktails zu holen, Sie waren zwar nicht mehr richtig kalt, aber bestimmt noch lecker. Als alles bereit war, kletterte er vorsichtig in den Pool und gleich in Alasters wartende Arme. „Ich mache das gerne für dich, Al, das habe ich auch schon einmal gesagt“, sagte er sanft und küsste Alaster.

„Vielleicht wollte ich das auch einfach noch einmal hören“, murmelte Alaster. Er saß auf einer eingelassenen Bank am Rand und machte es sich bequem. Er hatte ein paar massierende Düsen im Rücken und zog Gero fester an sich, ehe er nach dem ersten Pizzastück griff. Er hatte wirklich Hunger und stöhnte leise, als seine Zähne endlich etwas zu tun bekamen.

Gero ließ ihn erst einmal seinen größten Hunger stillen und nahm sich auch etwas. Er beobachtete Alaster, während er aß und jetzt fielen ihm die kleinen, feinen Fältchen um die Augen auf. Er wusste so wenig über den Mann, der sich so aufopfernd um ihn kümmerte. Das musste er unbedingt ändern, aber nicht jetzt, erst sollte Alaster etwas essen.

„Was“, nuschelte Alaster mit vollem Mund, als er bemerkte, wie er beobachtet wurde. Das machte ihn etwas nervös. Eigentlich war er es gewohnt angesehen und beobachtet zu werden, dafür trieb er sich ausreichend in Meetings herum, doch das hier war etwas anderes. Hier war er nicht souverän, hier konnte er nicht seine Stellung und seine Position ausnutzen. Hier war er nur Alaster.

„Nichts Schlimmes. Ich sehe dich nur gerne an.“ Gero legte seinen Kopf auf Alasters Schulter und streichelte sanft über die gut trainierte Brust. „Ich weiß so wenig über dich. Wie alt bist du eigentlich?“, fragte er, was ihm gerade so einfiel. Nicht dass es wichtig war, aber es interessierte ihn schon.

„Ich bin fünfunddreißig“, sagte Alaster und wusste eigentlich nicht, was das für eine Rolle spielte. Er hatte sich noch nie dafür interessiert, wie alt jemand war. Für ihn war es wichtig, was er geistig zu bieten hatte, ob er ein Gegner war oder nur ein Opfer. „Bin ich nicht schon etwas alt, um gern angesehen zu werden?“ Wieder schob er sich ein Stück Pizza in den Mund, er konnte eben einfach nicht widerstehen.

„Nein, ganz bestimmt nicht.“ Gero lachte und kuschelte sich näher. „Gewöhn dich dran, dass ich das öfter machen werde.“ Er stibitze Alaster einen Bissen Pizza und besänftigte ihn mit einem Kuss.

„Dann mach das, ich werde dich nicht davon abhalten. Du wirst es schon irgendwann überdrüssig werden.“ Alaster klang gleichgültig, doch das war er nicht und das merkte Gero auch, weil die großen Hände wieder anfingen ihn sanft zu berühren. Durch das warme Wasser war die Wirkung noch eine völlig andere. Und weil Alaster selbst gerade satt und zufrieden war, lehnte er sich nach hinten und zog Gero auf sich.

„Das ist schön“, murmelte Gero und ließ es zu, dass die Finger ihn eine Weile erkundeten, aber dann konnte er nicht länger einfach nur stillsitzen und genießen. Alaster sollte wissen, wie er sich gerade fühlte. Darum beugte er sich vor und verteilte kleine Küsse auf dem Gesicht seines Freundes, dabei begann er ihn zu streicheln, wo er ihn erreichen konnte.

Vorsichtig strichen seine Hände  über Hals und Schultern und seine Lippen näherten sich immer wieder denen von Alaster, bis der sich auch nicht mehr zurückhielt und wieder der innigen Liebkosung verfiel. Die Augen geschlossen lagen seine Finger immer noch genießend auf Geros Hüften. Die festen Rundungen waren einfach zu verlockend. Warum auch sollte er sich zurückhalten? Gero hatte nichts dagegen, im Gegenteil.

Immer wieder entfleuchten ihm kleine, genießende Seufzer, wenn die kräftigen Finger seinen Hintern kneteten und langsam drängte sich Gero näher und sein Atem beschleunigte sich. Er konnte gar nichts dagegen tun, dass sich nach und nach Lust in ihm aufbaute. Alaster berührte ihn an den genau richtigen Stellen.

„Wolltest du nicht ein bisschen schwimmen?“, flüsterte Alaster ihm ins Ohr und küsste sich weiter über die Stirn und die Nase, denn auch ihm entging nicht, dass Gero auf dem besten Wege war, sich in seiner Lust zu verlieren. Er sollte die Chance bekommen, sich noch einmal zu fassen und die Entscheidung bewusst zu fällen. Nicht das er es hinterher vielleicht bereute.

„Hm“, machte Gero und öffnete die Augen, die er schon seit einer Weile genießend geschlossen hatte. Das Denken fiel ihm schwer und so dauerte es ein paar Augenblicke, bis die Worte so richtig bei ihm angekommen waren. „Nur wenn du mitschwimmst und mich dabei nicht loslässt“, murmelte er und grinste.

„Wir werden beide untergehen und sterben“, sagte Alaster trocken, grinste aber dabei. Er erkannte seinen Haussitter ja nicht wieder. Doch er hielt seine Hände still und wartete nur darauf, wie Gero reagierte, als er keine Hände und keine Lippen mehr spüren konnte. Nun war es an Alaster zu beobachten.

Erst einmal blieb Gero ruhig sitzen und lehnte sich an Alaster, aber das hielt er nicht lange durch. Er bewegte sich, damit Alasters Hände wieder über seinen Körper strichen. „Wenn das nicht geht, dann will ich nicht schwimmen“, murmelte er und sah Alaster in die Augen.

„Es ist erstaunlich, wie schnell du alles vergisst“, sagte Alaster leise und seine Augen lächelten. Es gab ihm ein unglaublich erhebendes Gefühl, dass Gero sich weigerte, von ihm zu lassen. Auch wenn Alaster ihn auf Distanz brachte, kam Gero zurück und das zeigte Alaster, dass der junge Mann wusste, was er tat. So lehnte er sich wieder zurück und strich Gero weiter über die Haut, wartete darauf, dass ihre Lippen sich wieder trafen.

Er musste nicht lange warten, bis die weichen Lippen sich wieder mit seinen vereinten und diesmal hielt Gero sein Gesicht zwischen den Händen, damit Alaster sich nicht zurückziehen konnte. Er drehte den Spieß um und eroberte nun das fremde Terrain, plünderte und forderte seinen Freund zu einem kleinen Krieg heraus.

Und in Alaster hatte er den richtigen Gegner bereits gefunden, denn der ließ sich nicht einfach erobern. Er war es nicht gewohnt das Heft aus der Hand zu geben und so war es auch jetzt. Seine Hände griffen wieder fester um Geros Körper und langsam rutschten seine Finger über den Rücken, den Hintern und vorsichtig zwischen die Beine seines Freundes. Das war neu für ihn – völlig.

Er konnte spüren, dass er Gero damit überrascht hatte, denn der stöhnte in ihren Kuss und drängte sich erzitternd näher an die ihn liebkosende Hand. Das war einfach nur herrlich. „Al“, seufzte Gero leise und löste den Kuss. Dabei schlossen sich seine Augen voller Genuss.

Und Alaster begriff, was Gero wollte, was er brauchte. Unsicher ließ er seine Finger suchen und griff dann die Hoden fester. Er selbst wusste, was das auslösen konnte, doch es war das erste Mal, dass er die Hoden eines fremden Mannes in seinen Händen hielt. Um sich selbst abzulenken und den Kopf auszuschalten, küsste er Gero intensiver.

Geros Finger krallten sich kurz in seine Schultern und er wurde weich in den ihn haltenden Armen. Ohne es zu wissen, hatte Alaster ihn genau an der Stelle berührt, die ihn vollkommen willenlos machte und sein Denken ausschaltete. Seine Beine öffneten sich weiter, um den Fingern mehr Platz zu bieten und Alaster zu ermutigen, weiterzumachen.

Erleichtert darüber, dass er erst einmal nichts verkehrt zu machen schien, fühlte sich Alaster angespornt. Er massierte weiter und wurde sicherer dabei. Der heiße Atem am seinem Hals spornte ihn zusätzlich an. Allmählich spürte Alaster, dass auch ihn diese intimen Berührungen nicht kalt ließen. Das Wasser um sie herum fing an zu kochen.

Gero stöhnte immer wieder leise vor Lust und wand sich auf Alaster. Er wollte nicht nur nehmen, sondern auch seinen Freund berühren, nur ging das im Wasser nicht so, wie er das wollte. „Lass uns woanders hingehen“, bat er leise und sah Alaster aus lustverschleierten Augen an.

„Wenn du das möchtest. Aber dazu müssen wir uns lösen“, sagte Alaster, denn so sehr er selbst auch danach gierte, weiter zu machen – pitschnass einmal quer durchs Haus kam nicht in Frage. Nicht nur weil die Nässe dem Boden nicht gut tat, auch weil sie selbst nass schnell auskühlten und sich eventuell noch erkälteten. Das konnten sie beide nicht gebrauchen.

„Wenn es sein muss.“ Gero stibitzte sich noch einen intensiven Kuss und machte sich dann los. Er hievte sich aus dem Wasser und nahm die Handtücher auf, die bereitlagen. Dass man nur zu deutlich sehen konnte, wie sehr ihn ihre Wasserspielchen erregt hatten störte ihn nicht. Alaster konnte ruhig sehen, wie sehr ihm das gefallen hatte, was er gemacht hatte.

Und er war ja auch nicht der einzige, dem es so ging, wie Gero mit Genugtuung sehen konnte, als auch Alaster aus dem Wasser kam. „Ja, es muss sein“, grinste sein Freund und küsste ihn kurz, als er sich ebenfalls eines der Handtücher reichen ließ. Geschickt band er sich eines um die Hüfte und griff sich ein zweites, um sich nachlässige Oberkörper und Haare zu trocknen. Sein Blick fiel auf die sicherlich jetzt warmen Drinks.

Aber er fühlte kein Bedauern, dass sie sie nicht getrunken hatten, denn das, was sie stattdessen geteilt hatten, war um einiges schöner gewesen. Er sah zu Gero, der es ihm gleich getan hatte und nun das Handtuch weglegte. „Komm.“ Gero nahm seine Hand und ließ seinen Blick noch einmal genießend über Alaster streifen. Alaster folgte ihm und ließ sich erst die Treppen nach oben ziehen und dann durch den Flur gleich weiter nach oben, wo die privaten Räume lagen. Als Gero ihn in seine Räume entführen wollte, zog Alaster seinen Freund zurück und drückte ihn sanft neben der Tür an die Wand, um ihn zu küssen. „Wie wäre es, wir verschwinden in meinem Schlafzimmer.“

„Dein Zimmer?“, wisperte Gero und riss die Augen auf. Er hatte Alasters Schlafzimmer bisher noch nie betreten und auch noch nie hineingesehen, weil er wusste, dass sein Freund das nicht wollte, aber er war neugierig. „Wunderbare Idee“, lachte er leise und zog Alaster näher zu sich. Dabei löste er ihre Handtücher und ließ sie zu Boden gleiten. Sie störten nur.

„Was stehen wir dann hier noch so sinnlos herum?“, murmelte Alaster, doch er drückte Gero lieber mit seinem Gewicht wieder gegen die Wand, um sich mit seinen Lippen über dessen Halsbeuge zu knabbern. Seine Finger aber schoben sich schon wieder auf den festen Hintern seines Freundes. Er liebte das Muskelspiel unter seinen suchenden Händen und konnte nicht genug davon bekommen.

„Hm.“ Vorsichtig dirigierte Gero Alaster von der Wand weg, ohne sich von ihm zu lösen. So war es zwar nicht einfach zu laufen, aber es ging und wirklich weit mussten sie auch nicht gehen. Das war auch gut so, denn die frechen Finger brachten ihn schon wieder um den Verstand. Darum schubste er Alaster nur sanft auf das Bett und kam ihm sofort hinterher.

Er nahm sich nicht die Zeit, sich in dem Zimmer umzusehen, das lief ihm schon nicht weg – im Gegensatz zu seinem Freund, der sich wohl schon zu langweilen begann. Alaster grinste, wie verrückt Gero im Augenblick nach ihm war und er wusste, wie er ihm das Hirn frei machen konnte. Er zog seinen Freund also wieder auf sich und rutschte mit seinen Fingern zwischen die schlanken Beine, die sich bereitwillig für ihn öffneten.

Gero presste sich fest an Alaster und begann sich reibend auf ihm zu bewegen. Er konnte nicht einfach nur liegen bleiben und genießen. Er musste die Energie, die durch ihn floss, loswerden und gleichzeitig wollte er, dass Alaster die gleiche Lust wie er selbst verspürte.

„Biest“, flüsterte Alaster keuchend seinem Freund ins Ohr und griff fester zu. Er konnte nicht leugnen, dass ihn die Macht, die er gerade über Gero ausüben konnte, erregte. Doch es war nicht die Vorstellung, dass Gero ihm hörig war, die ihn wild machte, sondern die Vorstellung, wie sich Gero in den Laken wand und das alles nur, weil Alaster ihn berührte. Seine eigene Hitze trieb ihn.

Ihm antwortete nur ein dunkles, raues Lachen und dann spürte er spitze Zähne, die an seinem Hals knabberten. Ganz zart und vorsichtig, um ihn nicht zu verletzen, aber doch fest genug, dass Alaster Schauer über den Rücken liefen. Das war definitiv auch eine vollkommen neue Erfahrung.

Das waren also die Zähne, die man den Sangriel angezüchtet hatte, damit sie lustvoll das Blut ihrer Käufer fordern konnten und eines musste Alaster zugeben: Sie auf der Haut zu spüren, war erregend, er konnte verstehen, dass Männer und Frauen verrückt nach diesen Blutengeln waren, er war es doch selbst auch.

Lustverhangen blickte er Gero an, doch seine Finger umfingen das Geschlecht seines Freundes und trieben ihn.

Der Körper auf ihm bäumte sich stöhnend auf und Gero bot sich ihm dar. Er öffnete sich und hielt sich nicht zurück, denn Alaster sollte wissen, wie sehr er ihr Zusammensein genoss. Immer wieder flüsterte er den Namen seines Freundes und gab ihm all die Zärtlichkeiten zurück, mit denen er selbst bedacht wurde.

So trieb er auch in Alaster das Feuer immer höher und es hielt ihn nicht mehr auf dem Laken. Mit Schwung brachte Alaster sich über Gero und drückte ihn in die Matratze, kam dann aber auf die Knie um ihm langsam zwischen die Beine zu rutschen. Er wollte sehen, was er bisher nur gespürt hatte, wollte ihre Lust riechen, sie in sich aufnehmen, auch wenn er sich so Geros geschickten Händen selbst entzog.

Geros Finger glitten ruhelos über den Stoff des Lakens, als sie auf einmal nichts mehr zu tun hatten, aber schnell verwob er sie in den hellen Haaren seines Freundes. Er musste Alaster einfach berühren und sich versichern, dass er nicht träumte. Er hob sich seinem Freund entgegen, denn alles in ihm gierte nach den Liebkosungen.

Er konnte sich nicht daran erinnern, schon einmal so lange nach einem Höhepunkt gegiert zu haben. Ihr Liebesspiel hatte nichts mit dem gemein, was er mit Dimitri geteilt hatte. Das hier war intensiver, ging tiefer unter die Haut und trieb Lava durch seine Andern.

Aber auch Alaster hatte seine Freude daran, den schön gewachsenen Leib unter sich zu spielen wie eine Violine von Meisterhand. Bald waren seine Hände ihm selbst nicht mehr genug, seine Lippen strichen die Innenseite der Schenkel hinauf.

Mit Genugtuung bemerkte er das Beben, das durch Gero lief, und das überraschte Keuchen. Er konnte ja nicht wissen, dass er Gero gerade einen seiner geheimsten Wünsche erfüllte. Nie hatte Dimitri ihn auf diese Weise berührt oder liebkost, auch wenn er es immer genossen hatte, wenn Gero ihn auf diese Art und Weise stimuliert hatte.

Doch er selbst hatte Gero nie mehr als nötig berührt.

„Scht“, machte Alaster leise und ließ seine Lippen und seine Zunge weiter wandern, bis er endlich die Haut der Hoden spüren konnte. Er nahm sie fest zwischen die Lippen und liebkoste Gero noch intensiver. Er konnte spüren, wie schwer es dem jungen Mann fiel, sich noch auf dem Laken zu halten. Der Leib spannte sich und bog sich, vibrierte unter jedem Atemzug.

„Al, bitte“, bettelte Gero. Er brannte lichterloh und wusste nicht, wie er all die Energie loswerden sollte, die sich in ihm staute und ihn fast wahnsinnig vor Lust erbeben ließ. Seine Finger in den hellen Haaren zuckten, immer wieder. Er hielt es kaum noch aus. „Liebe mich“, bettelte er leise und versuchte seinen Freund auf sich zu ziehen. Er wollte Alaster spüren und sich mit ihm vereinen.

Allerdings hatte er Alaster da auf dem völlig falschen Fuß erwischt, denn einen Mann zu lieben war völlig neu für ihn. Er wusste zwar wie das theoretisch funktionierte, doch er hatte es noch nie getan. Ihm blieb nur eines, um Gero glücklich zu machen. Er musste den Kopf ausschalten. Und so ließ er seinen Körper entscheiden, wie er Gero am besten an die Grenzen des Wahnsinns treiben konnte.

Gero bemerkte das Zögern und erst da wurde ihm klar, dass er seinen Freund in eine ziemliche Zwickmühle gebracht hatte. Er richtete sich auf und zog Alaster wieder über sich. Immer wieder nippte er an dessen Lippen und rieb sich an ihm. „Entschuldige, wir haben gar nichts da und ich will nicht aufstehen und etwas holen“, flüsterte er atemlos zwischen den Küssen und lächelte. Er beugte sich zu Alasters Ohr und raunte leise: „Das mache ich vor der nächsten Runde.“

Alaster lachte dunkel und streckte sich neben Gero aus, so konnte er den heißen Schoß berühren und mit flinken Strichen trieb er Gero die letzten Meter. „Das machen wir“, versicherte er und küsste Gero, bis auch ihm selbst schummerig vor Augen wurde. Die Gefühle mit seinem Freund waren unglaublich intensiv. Er hatte nicht gewusst, dass er selbst zu derartigen Empfindungen fähig war.

Gero hatte gar keine andere Chance als sich zu ergeben und einfach nur zu genießen, was Alaster ihm gab. All die neuen Empfindungen waren zu berauschend und überwältigend. Er war ein Sklave seiner Lust und wahrscheinlich war es gut, dass er zu keinem klaren Gedanken mehr fähig war, denn so bekam er kein schlechtes Gewissen und genoss einfach, was passierte. Alaster trieb ihn immer weiter und als Gero glaubte, es nicht mehr aushalten zu können, explodierte die Welt um ihn herum und er stöhnte seine Lust laut heraus.

Noch ein paar Augenblicke reizte Alaster ihn weiter und liebkoste die vibrierende Kehle – ein unglaubliches Gefühl, wie die Schwingungen zu ihm herüber glitten. „Du bist herrlich“, murmelte er leise und war froh, dass Gero ihn nicht hören konnte, denn er schämte sich dafür, dass er so primitiv und animalisch wurde. Doch es schien genau das zu sein, was ihm seit Jahren gefehlt hatte.

Erst jetzt wurde ihm klar, dass sein Leben nur ein billiger Abklatsch gewesen war, mit Fesseln, die er sich selbst auferlegt hatte. Aber dieser junge Mann hatte ihn davon befreit und nie wieder würde Alaster sich wieder dahin zurückdrängen lassen.

Immer noch mit geschlossenen Augen und heftig atmend lag Gero neben Alaster und ein liebevolles Lächeln lag auf seinem Gesicht. Er drehte den Kopf und öffnete seine Augen, damit er Alaster ansehen konnte. „Danke, Liebling“, murmelte er leise und küsste Alaster zärtlich.

„Für dich immer wieder gern“, erklärte Alaster und schloss die Augen. Er fühlte sich wie ein anderer Mensch. Wenn er auf sich zurück blickte hatte sich viel verändert, seit er einen Haussitter engagiert hatte und plötzlich hatte Leben wieder einen Wert außerhalb der Berichte und Zahlen. Es war, als würde er endlich wieder anfangen in Farbe zu sehen. So legte er einen Arm um Gero und zog ihn dichter, er wollte den heißen Atem an seinem Hals noch etwas spüren. Er mochte die kleinen Schauer.

Gero kuschelte sich dichter und beruhigte sich langsam wieder. Er fühlte sich ausgeglichen und geborgen und das nicht nur wegen dem, was er gerade erlebt hatte. Alaster machte ihn glücklich und er spürte, wie er begann sich in ihn zu verlieben. Die Erkenntnis ließ ihn die Augen aufreißen und glücklich lachend umarmte er Alaster fest.

„Was ist denn jetzt passiert“, fragte Alaster, dem der plötzliche Überschwung doch etwas zu schnell kam. Eben lag Gero noch halb tot in den Laken und japste wie ein Hund und jetzt lachte er glockenhell und klammerte sich an ihn. Nein, langweilig wurde es mit ihm nicht und so legte Alaster auch den zweiten Arm um den auskühlenden Körper. Die Glut der Lust ebbte langsam ab.

Gero krabbelte auf Alaster und küsste ihn sanft. „Ich habe gerade gemerkt, dass du mich sehr glücklich machst und ich dich nie wieder hergeben möchte“, flüsterte er leise in den Kuss. Er traute sich nicht Alaster direkt zu sagen, dass er sich in ihn verliebte, weil er nicht wusste, ob sein Freund das überhaupt wollte.

„Wenn du das nicht möchtest, dann werde ich dich auch nicht dazu zwingen“, sagte Alaster leise und schloss wieder die Augen. Das ging für seine Verhältnisse alles ziemlich schnell – schlimmer noch: es lief völlig ungeplant! Und doch war er eigentlich sehr zufrieden mit dem aktuellen Zustand. Träge zerrte er die Decke unter sich hervor und zog den Stoff nachlässig über sie. Es war kühl im Raum.

 

Gero blieb auf Alaster liegen und merkte sehr schnell, dass er selber zwar sehr befriedigt war, sein Freund aber nicht. „Was haben wir denn da?“, fragte er grinsend und griff zwischen sie. „Ich glaube, das muss ich mir mal näher ansehen“, murmelte er und grinste frech. Dabei rutschte er an dem kräftigen Körper tiefer, um sich bei einem sträflich vernachlässigten Körperteil zu entschuldigen und es zu verwöhnen. Und das nicht nur einmal, wie er sich fest vornahm.