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Zyklus IV - San Francisco GX - Teil 13-15

13 

„Wie sehe ich aus?“ Nervös strich sich Gero durch die Haare und besah sich im Spiegel vor ihm. Jetzt war es soweit. Sie standen vor der Botschaft und mussten eigentlich nur noch aus dem Wagen aussteigen. Immer wieder zupfte Gero an seinen Haaren und langsam bekam er Angst vor seiner eigenen Courage, auch wenn er versuchte es sich nicht anmerken zu lassen.

So zog ihn Alaster vorsichtig zu sich und küsste ihn sanft. „Schatz, du bist wie immer eine Augenweide und wenn dieses Scheiß Treffen nicht so wichtig für ein paar Geldgeber wäre, würde ich jetzt wieder mit dir dort verschwinden, wo uns keiner stört. Nicht mal die Plüschkugel“, nuschelte er gegen Geros Lippen und so war es wirklich. Er hatte kein gutes Gefühl bei der Sache, doch es war Geros Entscheidung gewesen und wer war er, ihm das zu untersagen?

„Wenn der kleine Schatz wüsste, dass du ihm etwas vorenthalten willst“, lachte Gero leise und strich Alaster sanft über die Wange. Er hatte schon wieder den Drang die hellen Haare durcheinander zu bringen, aber das musste er sich jetzt verkneifen. Alaster hatte ihm noch einmal angeboten Zuhause zu bleiben, aber Gero wollte das nicht. darum hatte er seinem Schatz erklärt, dass er Dimitri nicht länger sein Leben bestimmen lassen wollte.

„Na los, lass uns gehen – um so schnell er können wir wieder verschwinden“, schlug Alaster vor und stieg aus. Ein Portier kümmerte sich um den Wagen und Alaster griff die Hand seines Freundes, damit der sich nicht allein fühlte. So schritten sie die Stufen zur offenen Tür hinauf und Stimmengewirr schlug ihnen bereits entgegen.

Gero sah sich mit großen Augen um. Es war das erste mal, dass er auf einem Empfang war und die Pracht, die ihm entgegenschlug, machte ihn erst einmal sprachlos. „Wow“, murmelte er leise und griff Alasters Hand fester, denn es war unwahrscheinlich voll in dem Foyer und er hatte Angst abgedrängt zu werden.

Ein paar der Anwesenden hatte Alaster gleich erkannt und kam auf ihn zu gestürmt doch der hob abwehrend die Hand und machte eine Geste, dass man ihn erst einmal ankommen lassen sollte. So ergaunerte er sich noch ein paar Minuten um Gero die zeit zu geben die er brauchte. „Komm, ein Gläschen macht es erträglicher“, schlug er vor und lächelte seinen Liebling an.

Gero zwinkerte Alaster zu und hakte sich bei ihm ein. So konnte er nicht so leicht abgedrängt werden und er konnte noch etwas Nähe tanken. „Da vorne.“ Er deutete nach links, wo eine Bar aufgebaut war. Noch konnte er Lazarus und Dwight nicht entdecken, aber er war sich sicher, dass sie sich finden würden.

Eigentlich hatte Lazarus auf den Abend im steifen Anzug keine Lust gehabt und Dwight allein der Meute vorwerfen wollen doch als er erfahren hatte, dass Gero auch kommen wollte, war er sofort umgeschwenkt, denn wie Alaster war auch er in Sorge was passierte, wenn Dimitri davon Wind bekam. „Einen Saft oder lieber einen Cocktail?“, wollte Alaster wissen, er selbst würde dafür sorgen, dass er klar im Kopf bleib. Seine Augen suchten bereits nach dem Hausherren.

„Lieber was ohne Alkohol.“ Gero lächelte Alaster an. Er wollte auch lieber nüchtern bleiben. „Wenn wir wieder Zuhause sind, gönnen wir uns einen leckeren Cocktail Schatz. Was hältst du davon?“ Vielleicht noch ein wenig im Pool liegen dabei und alles war perfekt.

„Das klingt so verlockend, das sich gleich wieder umkehren möchte“, lachte Alaster und küsste Gero kurz auf die Schläfe. Er war sich der fragenden Blicke um sie herum bewusst, doch es war keiner dabei der Alaster so wichtig gewesen wäre, dass dessen Urteil ihn interessiert hätte.

„Dann nehmt mich mit, ich will einen Mhai Tai“, hörte es Gero neben sich.

„Laz.“ Gero wirbelte lachend herum und legte seinen freien Arm um seinen Freund. „Da bist du ja. Wo ist denn Dwight?“ Gero machte einen langen Hals, als er konnte den Partner seines Freundes nicht entdecken. „Bist du schon lange da?“

„Ja, und ich war kurz davor zu gehen. Dwight hat schon wieder einen anderen Züchter an der backe. Es geht nur um Larven und Laich und Futter. Ich krieg noch Schuppen, wenn das so weiter geht. Also war ich auf der Suche nach Aufregung und siehe da – ich stolpere über euch beide. Wenn das mal nicht Zufall und Schicksal war.“ Lazarus grinste denn sie wussten alle, dass er nur darauf gelauert hatte, endlich jemanden zu finden der auch nur halberwege normal war.

„Ja, was für ein Glück du hast.“ Gero kicherte und begrüßte seinen Freund mit dem obligatorischen Kuss auf die Wange. „Dann komm mit uns. Nachher sollten wir Dwight vielleicht mal loseisen.“ Mit Alaster und Lazarus an seiner Seite fühlte er sich sicherer. Sie schlenderten zur Bar und Alaster bestellte die Drinks.

„Pah – Safttrinker“ Lazarus sah nur spöttisch auf die unspektakulären Gläser, während er zwar länger auf sein Glas mit Schirmchen wartete doch das machte dafür auch was her. „Los, da drüben ist Platz!“ Er deutete auf eine Sitzgruppe auf einer kleinen Empore, von dort hatten sie einen guten Blick auf den Großteil des Raumes und sie konnten schnell genug flüchten, wenn jemand auf sie zu kam, den sie nicht sehen wollten.

„Dann los.“ Gero griff Alasters Hand fester und zog ihn mit sich zu der Sitzgruppe. Es war eigentlich ein Wunder, dass sie dort ankamen, ohne ihr Getränk verschüttet  zu haben, aber sie schafften es und Gero machte es sich bequem und küsste Alaster kurz, weil die Gelegenheit grad so günstig war. „Ist das voll hier“, murmelte er leise und wusste jetzt schon, dass diese Empfänge nicht sein Ding waren.

„Und das schlimme dabei, die Hälfte davon, nämlich die die schon die ganze Zeit zu uns starrt, will noch mit mir reden und ich habe keinen Bock“, knurrte Alaster leise. Sein Gesicht wirkte stoisch, als er sich im Saal umsah. Keiner sollte sich durch ein falsch verstandenes Lächeln angelockt oder aufgefordert fühlen. Sie sollten ihm fern bleiben, solange es nur ging.

„Ich werde jeden verbeißen, wenn es sein muss, damit sie dich nicht nerven.“ Gero lehnte sich an Alaster und drückte seine Hand. Er war sich langsam wirklich nicht mehr sicher, ob es eine gute Idee gewesen war, hierher zu kommen. Er behinderte Alaster doch nur. Schließlich war sein Freund nicht zum Spaß hier.

„Bloß nicht. Wenn die erst mal deine Vorzüge erkennen, werde ich kaum noch an dich heran... Ach du scheiße“, knurrte Alaster leise und biss sich auf die Zunge. Das hatte er jetzt eigentlich nicht laut sagen wollen, denn so sah sich Gero gleich suchend um. Es würde nicht lange dauern, dann dürfte auch er Dimitri entdeckt haben, der sie mit vernichtenden Blicken von einer der Säulen her musterte. Er schien dort schon eine weile zu stehen. Warum war ihm der Kerl nicht vorher aufgefallen, verdammt? Alaster merkte schnell, dass er nachlässig wurde.

Das Gero ihn auch entdeckt hatte, merkte er daran, dass sein Freund sich an seiner Seite versteifte. „Dimitri“, flüsterte Gero erstickt und er zuckte zusammen, als der stechende Blick ihn traf. Das war der Moment vor dem er sich gefürchtet hatte.

Die kalten Augen, die ihn zu sezieren schienen, er spürte sie auf seiner haut und konnte sich ihnen nicht wiedersetzen, nicht einmal entziehen. Wie das sprichwörtliche Kaninchen vor der Schlange saß er da und starrte seinen ex an. Und der war wütend – unglaublich wütend. Gero wusste das versteinerte Gesicht sehr wohl zu deuten. „Guck nicht hin“, versuchte Lazarus ihm zu raten, wissend dass das wirklich leichter gesagt war als getan.

Gero schien ihn noch nicht einmal gehört zu haben, darum drehte er das Gesicht seines Freundes zu sich. Es dauerte ein wenig, bis Gero die Veränderung bemerkte und blinzelte. „Was mach ich denn jetzt?“, fragte er und stellte seinGlas auf den Tisch, weil er sonst noch etwas verschütten würde, so wie seine Hände zitterten.

„Du wendest dich von dem Ekel ab, verschwendest weder einen Gedanken noch eine Sekunde an diesen Spinner und hoffst, dass er es nicht wagen wird, dir auch nur nahe zu kommen“, schlug Lazarus vor und strich seinem Freund über die Wange. So wie Alaster den Botschafter fixierte, war klar, dass er immer zwischen den beiden stehen würde, um Gero zu beschützen.

„Wenn das so leicht wäre.“ Gero seufzte und wollte sich schon wieder umwenden, aber Lazarus hinderte ihn daran. „Lass ihn nicht wieder Macht über dich bekommen. Alaster ist bei dir und ich auch. Er wird keine Chance haben, an dich heran zu kommen.“

„Eben, Schatz“, sagte auch Alaster und setzte sich so, dass Gero nicht mehr neben ihm saß sondern schräg gegenüber so konnte Gero ihn ansehen und musste sich nicht auf Dimitri fixieren. Er musste ihn ablenken, nur wie? Er setzte sich also so, dass er den Botschafter verdeckte und sah Gero an. „Wage es nicht, an mir vorbei zu sehen Schatz.“

Gero riss die Augen auf, weil er nicht damit gerechnet hatte, dass es so offensichtlich war, was er gerade vorgehabt hatte. „Ich wollte doch gar nicht...“, fing er an und senkte den Kopf. „Tut mir leid“, murmelte er und sah Alaster entschuldigend an. „Ich will das nicht, aber es ist so schwer.“

Alaster konnte Gero gut verstehen, doch er wollte das so nicht hinnehmen. „Ist er also interessanter als ich, das du dich lieber mit ihm beschäftigst als mit mir?“, provozierte er absichtlich. Gero sollte aufhören, sich auf seinen Ex zu fixieren.

„Nein!“ Gero setzte sich wieder gerade hin und griff sich Alasters Hand. „Das stimmt nicht. Ich will ihn gar nicht sehen und ich wäre wirklich froh, wenn er verschwinden würde.“ Gero fühlte sich miserabel. Das war zwar nicht das, was Alaster hatte erreichen wollen, aber es half, Gero abzulenken.

„Ich weiß Schatz“, sagte Alaster und küsste die Hand in seiner. Es ärgerte ihn, wie viel macht Dimitri noch immer über Gero hatten doch er hatte eigentlich nichts anderes erwartet. „Vielleicht sollten wir etwas verschwinden. Vielleicht ans Buffet oder in einen der anderen Räume. Ich glaube nicht, dass der uns folgen würde. Gerade versucht jemand ihn in ein Gespräch zu verwickeln. Er wird nicht immer ablehnen können“, berichtete Lazarus, was er sah.

Gero drehte sich kurz zu ihm um und lächelte. „Gleich, einen Moment noch.“ Er drehte sich wieder zu Alaster und beugte sich für einen zärtlichen Kuss zu ihm. „Danke Liebling. Ich habe wirklich ein Glück, dass du auf mich aufpasst.“

„Immer wieder gern, mein Herz, das weißt du“, sagte Alaster und wirkte zufriedener. Er lächelte als er sich erhob. Er nutzte die Drehung, um die Lage zu peilen – Dimitri war weg. Das kam ihm nicht gerade gelegen denn der Kerl konnte jetzt überall sein. Sein Blick schweifte also durch den Saal, doch weit und breit war der Botschafter nicht zu sehen. Aber er wollte Gero nicht verunsichern, also reichte er ihm wieder die Hand und suchte Lazarus’ Blick. Der schien die gleiche Beobachtung gemacht zu haben. Denn der blonde Sangriel hatte die Augen zusammengezogen und wirkte angespannt.

Gero fühlte sich sicher zwischen seinen Freunden und jetzt, wo er Dimitri nicht mehr sehen konnte, beruhigte er sich ein wenig und das Zittern ließ nach. Er ärgerte sich nur, dass er die Furcht vor seinem ehemaligen Liebhaber nicht abstellen konnte.

Was sollte ihm denn schon passieren? Lazarus und Alaster passten auf ihn auf und mehr als ein paar Beleidigungen, die unter die Gürtellinie gingen, würden doch sowieso nicht folgen. Es waren nur Worte, die konnten ihm nichts anhaben, weil er wusste, was Dimitri für ein armseliger Kerl war. Wer darauf zurück greifen musste, dass man sich einen Geliebten kaufte, der musste schon ein sehr winziges Ego haben. So gringen die drei Freunde auf eine der Teerassen und stöberten über das Buffet.

Es ließ Alaster und Lazarus schmunzeln, dass Gero sich erst einmal bei den Garnelen umsah und es nicht lassen konnte sich gleich einige auf seinen Teller zu packen. „Das hätte mich jetzt auch gewundert“, lachte Lazarus und Gero streckte ihm die Zunge raus. „Wer frech ist, bekommt keine ab“, legte er fest und bot Alaster etwas von seiner Beute an.

Lazarus zuckte nur die Schultern. „Mein kleiner Liebling vergisst, dass ich an der Quelle sitze“, erklärte er, griff aber so schnell zu, dass Gero nicht den Teller geziehen konnte, ohne die Garnelen vom Teller zu greifen und Alaster biss sich von innen auf die Lippen um jetzt bloß nicht zu lachen. Doch er knurrte, als sein Telefon sich meldete. Man ließ ihn wohl doch nicht in ruhe und erinnerte daran, warum er eigentlich hier war.

Deswegen wirkte er auch ein wenig knurrig, als er sich meldete. „Was?“, fragte er knapp und beobachtete weiter Lazarus und Gero, die sich ein wenig kabbelten. Er hörte dem Anrufer zu und seine Miene verdunkelte sich immer mehr. „Muss das sein?“, fragte er schließlich und legte den Arm um Gero, der nach dem frechen Raub seiner Garnelen zu ihm geflüchtet war.

„Feigling!“, formte Lazarus tonlos mit den Lippen und holte sich dann einen eigenen Teller mit ein paar Garnelen, nur um Gero zu ärgern, aber auch, weil er langsam Hunger bekam. Gero derweil sah zu Alaster hoch, der immer noch ein wütendes Gesicht zog und mit mehr Schwung als nötig sein Telefon wegsteckte. „Ein paar Trottel wollen mit mir sprechen“, erklärte er das unerfreuliche und da horchte auch Lazarus auf.

„Du musst weg?“, fragte er und gab seinen Teller an Gero weiter. So konnte er sich besser mit Alaster unterhalten. „Läßt sich wohl nicht aufschieben, oder?“ Er biss sich auf die Lippe und war nicht überrascht, als Alaster nickte. „Okay, ich bleib bei ihm. Wir suchen Dwight und bleiben bei ihm.“

„Soll ich euch noch helfen Dwight zu finden? So viel zeit habe ich noch. Wer was von mir will kann gefälligst auch auf mich warten“, sagte Alaster entschlossen und hasste sich gerade dafür, dass er nicht bei Gero bleiben konnte. Er würde seinen Liebling gern mit nehmen, doch worüber sie jetzt zu reden hatten, war streng geheim.

„Gern.“ Lazarus grinste, weil Gero gar nicht extra sagen musste, dass er sich darüber freute. „Wie kann ich dich erreichen, wenn nötig?“ Lazarus holte seinen Kommunikator raus, damit er ihn mit dem von Alaster synchronisieren konnte. Er hoffte zwar, dass das nicht nötig war, aber es war besser vorbereitet zu sein.

„Ruf einfach an – egal wo ich gerade bin, ich werde dich finden.“ Alaster veränderte die Einstellungen so, dass er Lazarus – genauso wie Gero – aus allen Anrufen herausfilterte und sie ungehindert durchstellte. Nichts war so dringend, als dass sein Schatz auf Platz zwei zurück rutschen würde. Sie stellten also die Teller beiseite und machten sich auf die Suche. Lazarus ahnte schon, wo er seinen Liebling finden würde.

„Mach dir keine Gedanken. Du musst arbeiten, das ist okay.“ Gero hatte sich wieder bei Alaster eingehakt und nutzte die Gelegenheit sich noch ein wenig umzusehen. Manchmal musste er kichern, wenn sie an einer besonders aufgetakelten älteren Dame vorbeikamen. Nett anzusehen, ging wirklich anders.

Doch er verteilte nicht nur blickte, er fuhr sie auch ein, denn jeder sah dem merkwürdigen Trio hinterher. Aber davon ließ sich keiner stören. Sie bahnten sich eilig ihren Weg zurück in den Saal und dann gleich eine Seitentreppe nach oben. „Da hinten ist es“, sagte Lazarus und ohne es zu merken wurde er schneller, ließ Gero kichern.

„Ihm geht es bei Dwight genauso wie mir bei dir. Er liebt ihn über alles.“ Gero winkte Dwight zu, der zu ihnen rüber sah, nachdem er seinen Schatz begrüßt hatte. „Hallo, das ist Alaster“, stellte er die beiden Männer sich vor und Dwight bekam seinen Begrüßungskuss.

„Hallo“, sagte Dwight und drückte Alasters Hand. „Wir passen schon auf ihn auf“, versicherte er, denn er wusste von Lazarus, dass Gero sich hier nicht ganz wohl fühlte. Und er konnte es verstehen, denn er kannte Dimitri schon ein paar Jahre länger als Gero und er musste zugeben, auch wenn er ihn schätzte, war er kein Mensch, mit dem er gern seinen Urlaub verbrachte, nicht einmal ein freies Wochenende.

„Ich beeile mich.“ Alaster nickte Dwight dankend zu und Gero küsste ihn noch einmal ausgiebig, damit sein Schatz auch behielt, warum er wiederkommen sollte. „Ab mit dir. Die Arbeit wartet“, lachte er leise und schob Alaster ein wenig.

Lächelnd wandte sich Alaster um und ging, nicht aber ohne sich noch einmal umzusehen. Er wirkte zuversichtlich doch das war er nicht. Zwar traute er Dwight und Lazarus zu, dass sie auf Gero aufpassten, doch er traute Dimitri noch weit mehr zu.

„Bleib bitte bei uns Gero, auch aufs Klo gehst du bitte nicht alleine.“ Dwight war die Anspannung anzumerken.

„Ich bleibe in der Nähe.“ Gero wollte auf keinen Fall, dass seine Freunde sich Sorgen um ihn machen mussten. Es war ihm schon unangenehm genug, dass er bewacht werden musste, wie ein kleines Kind. Er musste die Sache mit Dimitri wirklich bald klären, damit er endlich so leben konnte, wie er wollte.

Er sah Lazarus nachdenklich an und der schien zu merken was Gero überlegte. „Denk nicht mal dran, dich auf die suche nach ihm zu machen. Wir stehen den Abend durch und müssen dem Mistkerl dann nie wieder über den weg laufen.“ So weit kam es noch dass Gero sich in Gefahr begab.

Gero seufzte und war mal wieder erstaunt, wie gut sein Freund ihn kannte. „Ich werde mich mit ihm noch einmal treffen müssen. Er hat mich zwar sehr mies behandelt, aber ich muss für mich mit ihm abschließen. Wenn ich das nicht tue, werde ich ein Problem haben.“ Er wusste, dass Lazarus das nicht unbedingt verstand, aber er hatte das mit Alaster schon besprochen.

„Aber nicht heute und nicht morgen und jetzt wird auf den Putz gehauen bis Al wieder da ist“, wechselte Lazarus also das Thema und Dwight grinste. Das war typisch für seinen Schatz, er verdrängte gern mal. Und so griff er Gero an der Hand und zerrte ihn einfach hinter sich her auf der suche nach etwas Ablenkung.

Gero ließ sich lachend ziehen. Sie holten sich noch etwas zu trinken, dann verzogen sie sich in eine Ecke, von der aus sie den Saal gut im Blick hatten und fingen an, die Kleidung und die Frisuren der anderen Ballbesucher zu kommentieren. Das machten sie zu gerne und mit Leidenschaft. Dwight setzte sich dann meistens so dass nicht auffiel, dass er zu den Lästermäulern gehörte aber die meisten wussten ja sowieso, dass Lazarus sein ein und alles war. Leugnen hatte da nicht viel Sinn.

„Ich glaube ich brauche 'ne pause“, murmelte Lazarus gerade, las er sein Glas wegstellte. Was rein geschüttet wurde, wollte auch wieder raus. Aber gerade kam eine Horde älterer Damen, was auch immer sie waren – sie boten Unmengen Potential zum lästern. Da konnte er unmöglich gehen.

„Was wollen die denn darstellen?“ Gero kicherte denn so viel modisches Unverständnis hatte er noch nicht auf einem Haufen gesehen. Die grellen Farben taten in den Augen weh und die Schnitte waren nicht sehr schmeichelhaft für die Figur. „Mann, da tränen einem ja die Augen. Das kann man sich ja nicht mit ansehen. Wie kann man sich nur so auf die Straße wagen?“

„Banausen“, knurrte Dwight und schüttelte den Kopf. „Aber was erwartet man von Jungs, die ständig nur mit ihren Kommunikatoren spielen und Garnelen in sich rein stopfen. Das ist der Damenchor aus las Vegas, er ist berühmt. Ach was versuche ich denn euch Kultur beizubringen.“ Es war ja nicht so dass Dwight diese Art der Musik schätzte, aber er schätzte Gelegenheiten, seinen Liebling zu ärgern. Doch der streckte ihm nur die Zunge raus und stand mittlerweile ziemlich verklemmt da.

„Wenn die so singen, wie sie sich kleiden, dann muss ich die nicht kennen“, lachte Gero und sah auf Lazarus. Normalerweise ließ sein Freund sich das nicht einfach so gefallen geärgert zu werden, aber als er das leidende Gesicht sah, wusste er Bescheid. „Dwight, ich geh mal mit deinem Schatz für kleine Jungs, sonst schwappt er noch über.“

„Soll ich...“

„Nein!“ Lazarus holte tief Luft, die drei Meter um die Ecke und zur Toilette schafften sie gerade noch selbst. Er glaubte nämlich nicht, dass der Gastgeber auf dem Klo herum lungerte und auf Gero wartete. Die Botschaft hatte hundert Waschräume, darauf zu hoffen dass er im richtigen wartete, war einfach bescheuert. „Wenn wir in zehn Minuten nicht wieder da sind, kannst du uns suchen – aber wir müssen echt nicht im Rudel auf dem Klo verschwinden. Wer und beobachtet denkt doch wir machen da Gott weiß was!“

„Also gegen Gott weiß was, hätte ich nichts einzuwenden“, grinste Dwight und schob Lazarus nach einem Kuss in Richtung der Waschräume. „Na los, ich warte hier auf euch.“ Er sah den beiden jungen Männern hinterher, als sie um die Ecke verschwanden.

„Och nee“, brummte Lazarus, als sie sich den Toiletten näherten. Es gab eine Schlange bis auf den Flur und das hielt er nicht mehr so lange aus. „Komm, nehmen wir die nächste.“

„Aber nur weil du es bist. Ich würde mich da jetzt lieber anstellen“, stichelte Gero und lief seinem freund davon, als der ihm doch allen ernstes den Ellenbogen in die Seite rammen wollte. Das tat doch weh!

„Du Blödm...“ weiter kam Lazarus nicht, dann spürte er einen mörderischen Schmerz, ehe es schwarz vor Augen wurde.

+++ 

Verwundert dreht Gero sich um und mit Schreck geweiteten Augen, sah er seinen Freund in sich zusammensacken. „Laz“, rief er erschrocken und wollte zu ihm eilen, als sich plötzlich eine Hand auf seinen Mund legte und er brutal an einen anderen Körper gepresst wurde. „Hallo Liebling“, flüsterte einen nur zu bekannte Stimme hinter ihm und ließ Gero erstarren.

Dimitri!

Dimitri hatte ihn gefunden und er war wütend.


14 

Langsam öffnete Lazarus die Augen. Sein Schädel schmerzte und er musste sich an der Wand abstützten, an der er lehnte. Was war... Lazarus schoss hoch. Gero!

Doch sein Körper fand, dass das keine gute Idee gewesen war. Ihm wurde schwummerig und so musste er sich erneut abfangen. „Gero!“, schrie er und versuchte etwas zu erkennen. Vor seinen Augen verschwammen noch immer die Bilder.

„Gero!“, brüllte er wieder und kniff die Augen zusammen. Das durfte doch nicht wahr sein. Sie hatten doch nur... sie wollten doch nur... „Gero!“

Blind griff er seinen Kommunikator. Er musste Alaster benachrichtigen! Noch war nichts zu spät.

Er kniff kurz die Augen zusammen, weil er noch immer etwas verschwommen sah und rappelte sich auf, während er die Verbindung zu Alaster herstellte. „Gero ist weg. Jemand hat mich niedergeschlagen“, sagte er sofort, als Alaster sich meldete. „Ich suche ihn über GPS.“

Es kam keine Antwort, doch daran, dass Alaster schlagartig wieder auflegte merkte er, dass auch Geros Freund alarmiert war. Er würde also die gleiche Taktik anwenden und seinen Liebling suchen. Lazarus verfluchte sich selbst. Wie hatte er nur so blöd sein können! Hätten sie sich angestellt und in der Masse gewartet, dann wäre nichts passiert. Da war er sich sicher und jetzt war Gero weg und keiner wusste, wie es ihm ging und wo er war.

„Verdammter Scheiß!“, fluchte er und schüttelte den Kopf, konnte dieser beschissene Schwindel nicht langsam mal aufhören, damit er seinen Fehler endlich wieder gut machen und Gero retten könnte? Scheiß Körper!

Mit geschlossenen Augen lehnte er sich kurz an die Wand und atmete tief durch. Als er sie wieder öffnete, sah er wieder klar und so machte er sich erst langsam auf den Weg, immer dem Signal von Geros Kommunikator folgend. Dabei fragte er sich immer wieder, wie lange er ohne Bewusstsein gewesen war. Er mochte sich gar nicht ausmalen, was Dimitri in der Zwischenzeit mit seinem Freund angestellt hatte.

Diesem Mann war doch alles zuzutrauen!

Lazarus lief immer schneller, als er merkte, dass sich Geros Signal nicht mehr bewegte. War das jetzt ein gutes oder ein ganz schlechtes Zeichen? Verdammt, er musste aufhören sich diese Horrorszenarien auszumalen! Doch das ging nicht, seit er wusste, was Dimitri für ein Mistkerl war. Und so hastete Lazarus immer schneller, Treppen rauf, Treppen hinab, denn er konnte Gero auf dem Grundriss zwar orten, doch die Etage ließ sich nicht genau bestimmen. Er hatte das Gebäude der Botschaft nicht als 3D in seinem Speicher.

„Verdammt, wo steckst du?“ Lazarus hastete eine Treppe rauf, weil er Geros Signal auf dieser Ebene verloren hatte. Er hörte Schritte hinter sich und war erleichtert, als er Alaster erblickte, der auf ihn zugeeilt kam. „Al, wir müssen ihn finden“, rief er panisch. Noch nie in seinem Leben hatte er eine solche Angst verspürt.

 

+++

 

Gero zitterte, er spürte die Waffe in seinem Bauch und starrte Dimitri an. Der Botschafter hatte ihn brutal an den Haaren hinter sich her geschleift und es war ihm egal, dass Gero Blut über die Schläfen lief, weil er ihm ein Büschel Haare ausgerissen hatte. Er war außer sich vor Wut und seine kalten Augen bohrten sich in die ängstlichen seines Spielzeugs, das gedacht hatte, ihn einfach so verlassen zu können. Gero schluckte und wusste, dass er keine Chance hatte, zu entkommen. Er war zu sorglos gewesen und musste nun dafür büßen. Dieses Büro würde er nicht mehr lebend verlassen, da war er sich sicher. Tränen schossen ihm in die Augen. Er hatte doch nur glücklich sein wollen, mit dem Mann, den er liebte. War das denn zuviel verlangt? Anscheinend ja, denn Dimitri lachte kalt und der Lauf der Pistole drückte sich fester in seinen Leib.

„Du kleine Hure glaubst, das mach ich nicht, hm? Falsch geraten.“ Dimitri lehnte mit einer Hand an der Wand neben Gero und leckte ihm aufreizend langsam über den Hals. „Ich habe dich gekauft. Du gehörst mir, für mich wurdest du erschaffen und für mich wirst du sterben.“ Er flüsterte nur noch und schob die Waffe langsam höher – bis er das Herz erreicht hatte.

Seine Lippen legten sich ein letztes Mal auf Geros.

Dann drückte er ab.

Vor Geros Augen wurde es schwarz, als der brennende Schmerz durch seinen Körper fuhr. Sein letzter Gedanke war bei Alaster.

Langsam rutschte Geros toter Körper in sich zusammen, fiel aber nicht hin, weil er immer noch von Dimitri gestützt wurde. Erst als Dimitri einen Schritt beiseite trat, fiel Gero auf den Boden und genau in diesem Moment riss Alaster die Tür auf und sah seine toten Liebling fallen. Die gebrochenen Augen schienen ihn anklagend anzusehen, weil er sein Versprechen nicht gehalten hatte, Gero zu beschützen. Als der tote Körper auf dem Boden aufschlug, war es für Alaster so laut wie ein Kanonenschlag und er zuckte zusammen. (doppelt)

„Nein“, rief er laut und schubste Lazarus von der Tür weg, als er mit einem „Dimitri, du Mörder“, in den Raum stürmte. Er rannte auf den Botschafter zu, der sich kurzzeitig erschrocken hatte, sich aber schnell wieder fing.

„Du wirst deinem Flittchen folgen“, sagte Dimitri leise und richtete die Waffe auf Alaster. „Man betrügt mich nicht ungestraft“, zischte er kalt und Lazarus, der verwirrt auf dem Boden saß, hörte einen Schuss und dann etwas Schweres auf den Boden fallen.

Er kniete auf dem Flur und starrte auf den Teppich vor sich. Das war alles nicht wahr!

Er war sich ganz sicher, dass er sich dermaßen fest den Kopf angeschlagen hatte, dass er immer noch träumte. Er wachte gleich auf und dann kam Gero vom Klo wieder.

Lazarus kniff sich, zuckte vor Schmerz, keuchte leise und kniff sich immer wieder in die Haut auf seinem Handrücken. Er merkte noch nicht einmal, dass er sie blutig gekniffen hatte. Ein dumpfes Poltern lenkte ihn ab. Doch er war wie gelähmt. Er konnte sich nicht erheben.

Ohne dass er es merkte, liefen Tränen über sein Gesicht und er hielt seinen Kommunikator fest umklammert. Erst, als er erneut ein Poltern hörte, kam wieder Leben in ihn und Lazarus sprang auf. Er wich vor der Tür zurück, hinter der Alaster verschwunden war und sein Körper zitterte unkontrolliert.

Er drückte sich in eine Nische und beobachtete die Tür, doch nichts regte sich. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals, sein Mund wurde trocken und seine Augen brannten – doch er konnte sie nicht schließen aus Angst, er würde etwas verpassen, etwas das ihn vielleicht auch das Leben kosten könnte.

DasLleben.

Langsam begriff Lazarus, was passiert war – der Irre hatte Gero und Alaster erschossen.

Erschossen!

Sein bester Freund lebte nicht mehr. Das war so irreal, dass Lazarus es einfach nicht glauben konnte und wollte. Gero gehörte zu seinem Leben, wie Dwight. Er konnte nicht einfach tot sein. Sie wollten doch nächste Woche zu viert etwas unternehmen. Sie wollten in der Oase grillen und sich die Sonne auf den vollen Bauch scheinen lassen. Sie... „Schatz?“, hörte er es irritiert neben sich und Dwight kam langsam näher. Irgendwas stimmte hier nicht – irgendwas stimmte ganz gewaltig nicht! Außerdem fehlte hier wer. „Wo ist Gero?“, fragte er also und kam näher. Lazarus sah schrecklich aus. So zog er ihn gleich an sich.

„Dwight“, schluchzte Lazarus und klammerte sich an seinen Freund. „Gero ist... Dimitri hat... sie sind tot.“ Lazarus stammelte nur leise vor sich hin, immer wieder von Schluchzern unterbrochen.

„Was erzählst du denn da?“, fragte Dwight und sah Lazarus forschend an. Das konnte sein Schatz unmöglich ernst meinen – doch so wie er aussah, trieb er keine Scherze und so zog er ihn wieder an sich. Gero und Alaster waren tot? Das konnte er nicht glauben. „Wie kommst du darauf?“, wollte er leise wissen und hielt Lazarus fest. Er zitterte wie Espenlaub.

Leise und immer wieder von Weinen unterbrochen, erzählte Gero stockend, was sich zugetragen hatte. „Du meinst, sie sind dort drüben? Das ist Dimitris Büro.“ Dwight lief es bei dem Gedanken kalt den Rücken runter.

Auch ihm war klar, dass der Botschafter nicht der Saubermann war, für den er sich gern ausgab. Auch ihm war völlig bewusst, dass die Gerüchte um Leichen ja irgendwo ihren Ursprung genommen haben mussten. Ein Kloß formte sich in seinem Hals bei der Vorstellung, jetzt dort rein zu gehen und zu sehen, was Lazarus berichtet hatte. Es wunderte ihn sowieso, dass hier noch niemand aufgetaucht war.

Er drückte Lazarus fest an sich und küsste ihn auf die Wange. Gero fehlte ihm jetzt schon und er war nicht so eng mit ihm befreundet gewesen wie sein Schatz. Dwight konnte kaum ahnen, wie Lazarus sich gerade fühlen musste. „Ist Dimitri immer noch da drin?“

„Ich weiß es nicht. Raus gekommen ist er nicht, also gehe ich mal davon aus. Ich hab mich nicht getraut zu gucken“, schluchzte Lazarus gegen Dwights Schulter. Seine Stimme klang so sehr gedämpft und Dwight konnte ihn kaum verstehen. „Vielleicht war Gero noch am Leben und ich hab einfach nicht geguckt, ich Feigling.“ Sein Körper zitterte noch immer, mehr noch als ihm nach und nach bewusst wurde, was er da sagte. Vielleicht hätte er Gero retten können!

„Nein, Schatz!“, rief Dwight entsetzt und strich Lazarus beruhigend über den Rücken. „Du hättest Gero und Alaster nicht retten können, und du wärst jetzt auch tot.“ Er schob seinen Liebling ein wenig von sich und strich ihm vorsichtig die Tränen von den Wangen. „Warte hier, Schatz, ich gucke nach.“

Lazarus’ Augen wurden immer größer. „Nicht!“, zischte er und versuchte Dwight wieder zu sich zu ziehen. Jeder der in diesem Raum verschwunden war, war jetzt tot. Dwight durfte ihn nicht alleine lassen! Doch er war nicht schnell genug, Dwight war schon um die Ecke und so hastete Lazarus hinterher und blieb in der Tür entsetzt stehen – das Zimmer war leer.

Dwight stand vor einer Blutlache, doch es erinnerte nichts an das, was passiert war. Völlig verstört fragte Gero: „Wo sind sie?“

„Ich weiß es nicht, Schatz.“ Dwight zog Lazarus wieder an sich und sah sich im Zimmer um. Vor der Wand gab es eine zweite Blutlache und bestätigte das, was sein Liebling ihm berichtet hatte. Das Blut vor dem sie standen, musste das von Alaster sein und das vor der Wand von Gero. „Es wird in diesem Büro mehr als einen Ausgang geben“, murmelte er schaudernd und trat mit Lazarus ein wenig zur Seite.

„Er hat sie bestimmt weggeschafft, um sie zu entsorgen. Das dürfen wir nicht zulassen. Sie sind kein Abfall!“ Lazarus war wie von Sinnen bei dem Gedanken, dass Dimitri die beiden einfach verschwinden ließ und sich keiner mehr an sie erinnern würde. Lazarus wusste nur zu gut, dass Dimitri seine diplomatische Immunität ausnutzte und schaltete und waltete und niemand ihn stoppen konnte. Die, die es könnten, taten es nicht, aus welchem Grund auch immer.

„Du hast Recht, das dürfen wir nicht.“ Dwight küsste Lazarus sanft, um ihn etwas zu beruhigen und lächelte traurig. „Wir lassen Gero und Alaster nicht einfach entsorgen.“ Entschlossen holte er seinen Kommunikator aus der Tasche und suchte Geros GPS-Signal. Diesen letzten Dienst waren sie ihren Freunden noch schuldig.

Lazarus schlug sich gegen die Stirn. So wie das knallte dürfte es ziemlich wehgetan haben. Warum war er nicht darauf gekommen Gero zu suchen? Sonst hatte er ihn wegen jeder lumpigen Kleinigkeit bespannt und jetzt kam er nicht auf das simpelste? Doch Dwight war schneller und er blickte auf den kleinen Monitor.

„Mist“, fluchte er, weil er kaum was erkannte und drückte einen Knopf, der ein 3D-Modell des Hauses zeigte. Es blinkten zwei Punkte – einer im vierten Stock, das waren er und Lazarus und dann einer 4 Etagen tiefer. Das musste Gero sein.

„Komm, Schatz.“ Dwight griff sich Lazarus an der Hand und zog ihn mit sich. Er kannte sich in der Botschaft ein wenig aus, weil er oft mit Dimitri hier gewesen war zu geschäftlichen Verhandlungen. Sie liefen die Treppen runter und nach einer Weile hatte Dwight eine Ahnung, wo sie fündig wurden. „Sie sind wohl in der Tiefgarage“, murmelte er.

„Bitte was?“ Lazarus hatte sich wie eine Puppe ziehen lassen. Die häufigen Richtungswechsel hatten ihn verwirrt und er wusste sowieso nicht mehr, wo er eigentlich war. „Was sollen sie in der... ah!“ Doch dann fiel der Groschen, und er klimperte laut. Dimitri, der Mistkerl, hatte also schon Vorkehrungen getroffen, um sie wegzuschaffen! Das durfte doch nicht wahr sein. Dieser Mistkerl durfte doch nicht damit durchkommen. Das ging doch nicht.

Er folgte Dwight in die Garage und holte ebenfalls seinen Kommunikator raus, um Gero zu finden. Er hatte Angst, dass er weggeschafft wurde, bevor sie ihn gefunden hatten, darum rannte er los. Dwight würde ihm schon folgen. Wie ein Hase auf der Flucht schlug er Haken, wendete, wenn das Signal stärker oder schwächer wurde. Hier unten funktionierte die Ortung nur eingeschränkt. Das Stahlgerüst des Hauses schluckte noch immer zu viele Signale.

Doch plötzlich stieß er wieder auf Dwight, der auf den gleichen Wagen zu lief wie er auch – eine Art Transporter und Lazarus wagte nicht zu atmen. Waren seine Freunde da drinnen?

„Warte dort“, rief Dwight. Er wollte nicht, dass Lazarus mit ihm zusammen in den Wagen guckte. Er sollte die Leichen nicht sehen, wenn sie dort drinnen waren. Seine Hände zitterten, als er die hintere Tür des Wagens öffnete und einen schnellen Blick hinein warf. Was er dort sah, ließ ihn blass werden und die Tür wieder schließen. „Sie sind dort drin“, murmelte er und lehnte sich zitternd an den Wagen. Er begriff wohl erst jetzt richtig, was überhaupt geschehen war.

Und selbst der kurze Blick hatte gereicht, ihm Bilder in den Kopf zu pflanzen, die sich allmählich mit Farben und Einzelheiten füllten. Die blutigen Kleider, die verdrehten Körper, die blassen Gesichter. So hatte er seine Freunde nicht sehen wollen – niemals. Er hatte geahnt, dass Dimitri einmal Geros Tod sein würde, denn seine Besessenheit und der Genuss, mit dem er Gero an der kurzen Leine seine Macht hatte spüren lassen, waren nicht normal gewesen. Er bereute heute mehr denn je, dass er Dimitri an die Gottgleichen vermittelt hatte. Vielleicht wären die beiden noch am Leben.

Er sah auf, als er Lazarus neben sich schluchzen hörte und zog ihn an sich. „Wir bringen sie von hier weg“, murmelte er leise. Er hatte einen Entschluss gefasst. „Wir bringen sie erst einmal zu unserem Kühlhaus und später dann suchen wir ihnen ein schönes Plätzchen, wo wir sie begraben können.“

Lazarus nickte nur. Allmählich fühlte er sich wie betäubt. „So sollten wir das machen“, stimmte er also zu und hatte kein Problem damit, den Wagen mit seinen toten Freunden zu stehlen. Das dürfte das kleinste Problem sein, das sie im Augenblick hatten. Dwight setzte sich hinter das Steuer.

Sie konnten die Botschaft unbehelligt verlassen, da niemand die rausfahrenden Fahrzeuge kontrollierte und Dwight war ziemlich erleichtert, als sie auf die Straße bogen. „Du wartest im Wagen und ich bringe sie ins Kühlhaus“, legte Dwight ihre Vorgehensweise fest. Er wollte nicht, dass sein Schatz Gero so sehen musste. Er sollte ihn so in Erinnerung behalten, wie er ihn gekannt hatte.

„Aber“, wollte Lazarus einwerfen, dass die Körper doch sicherlich schwer waren, doch Dwights Blick machte ihm klar, dass es das Beste war und so wiedersprach er nicht mehr. Er starrte einfach vor sich hin und so bemerkte er auch nicht den Wagen, der ihnen folgte.

Immer wieder sah er Gero vor sich, wie er die letzten Tage gewesen war. Seine strahlenden Augen, wenn er von Alaster erzählt hatte und das verliebte Lächeln, wenn sein Schatz bei ihm gewesen war. Gero war das erste Mal in seinem Leben glücklich gewesen und jetzt...? Lazarus schloss gequält die Augen, weil ihm schon wieder die Tränen kamen.

Dwight legte ihm die Hand aufs Knie, das war alles, was er für seinen Liebling im Augenblick tun konnte. Erst einmal mussten sie verschwinden.

„Und wieder einmal wird Dimitri einfach damit durchkommen, dass er getötet hat“, flüsterte Lazarus mit einem Hass in seiner Stimme, den Dwight noch nie gehört hatte. Er kannte seinen Schatz schon eine Weile, doch niemand hatte ihm je so weh getan wie Dimitri. Er hatte ihm etwas genommen, was nicht ersetzt werden konnte - seinen besten Freund.

„Glaub mir, Schatz, wenn ich es könnte, würde ich dafür sorgen, dass er seine Strafe für die Morde erhält, aber leider ginge das nur, wenn dieses verdammte Las Vegas seine Immunität aufheben würde.“ Dwight fühlte sich hilflos und am meisten nagte an ihm, dass er nichts für seinen Schatz tun konnte. Es war wirklich zum verzweifeln. Als Botschafter war Dimitri nicht beizukommen und das wusste der Mistkerl genau. Wie sonst würde er in einem vollen Haus zwei Männer erschießen und dann einfach abtauchen. Dwight war sich sicher, der Kerl stromerte wieder über den Empfang als wäre nichts gewesen und würde in einem unbeobachteten Augenblick die Drecksarbeit erledigen lassen. Er würde wohl ziemlich blöd gucken, wenn der Wagen mit den beiden weg war.

„Wir werden es versuchen, Schatz, wir werden es versuchen“, versprach Dwight leise. Ihnen würde schon etwas einfallen, auch wenn er jetzt noch keine Ahnung hatte, was. Erleichtert öffnete er das Tor zu seiner Aquafarm und fuhr vor die Halle. Erst jetzt bemerkte er den schwarzen Wagen, der an ihm vorbei schoss, noch ehe das Tor sich hinter ihnen wieder schließen konnte. Schlagartig stellte sich der Wagen Dwight und seinem Transporter in den Weg und Lazarus quietschte erschrocken. Waren das Dimitris Häscher? Waren sie jetzt selbst des Todes, weil sie dem Botschafter in die Quere gekommen waren? Sein Puls schlug so hart, dass es schmerzte. Er bekam kaum noch Luft und der Hals schnürte sich langsam zu. Lazarus wurde schwindelig.

So konnte er sich auch nicht wehren, als er aus dem Auto gezerrt, und gleich gefesselt und geknebelt wurde. Er sah nur noch, dass es Dwight ebenso erging wie ihm selber, auch wenn sein Freund sich heftig wehrte. War es nun soweit, dass sie Gero und Alaster folgen sollten? Er spürte einen Stich im Oberarm und ihm wurde schwarz vor Augen, bevor er sich darüber wundern konnte.

„Halt!“ Dwight sah einen der Angreifer wütend an. „Wenn ich schon sterbe, will ich wissen, warum und durch wen“, forderte er. „Wenn ihr Ehrenmänner seid, dann…“

„Halt die Luft an, alter Mann!“, knurrte einer der beiden in Schwarz. Er nahm noch nicht einmal die Sonnenbrille ab, als er sich Lazarus über die Schulter warf und zurück zu Dwight sah. „Mörder sollten sich nicht darüber beschweren, wenn sie ihrem Opfer folgen sollen“, erklärte er lapidar.

„Mörder?“ Dwight sah den Mann mit großen Augen an. Was meinte der Kerl damit? Es dauerte einige Herzschläge, bis ihm aufging, was er meinte. „Wir haben niemanden umgebracht“, rief er eindringlich. „Wir wollen nur unsere Freunde würdig begraben. Wenn ihr den Mörder haben wollt, dann holt euch Dimitri Carson.“

„Was?“, fragte der, der sich Lazarus über die Schulter geworfen hatte und wandte sich ganz zu Dwight um. Es schien fast, als würde er den Namen kennen und das nicht nur, weil er der Botschafter war. „Was soll die Anspielung. Die Leichen habt doch ihr im Wagen – den Botschafter sehe ich hier nicht“, sagte er und ließ Lazarus wieder zu Boden. Nachlässig legte er ihn ab und knurrte als Dwight sich ihm nähern wollte.

„Verdammt noch mal. Al und Gero waren unsere Freunde. Warum sollten wir sie umbringen. Dimitri war rasend vor Eifersucht, er hatte einen Grund, wir nicht.“ Dwight versuchte sich zu befreien, aber es gelang ihm nicht. „Er hat die Leichen in den Wagen bringen lassen und wir haben ihn gestohlen, weil wir nicht wollten, dass sie einfach irgendwo verscharrt werden.“

„Halt, Kimi“, sagte der, der Lazarus neben sich abgelegt hatte und sah seinen Kollegen an. So hielt er ihn davon ab, Dwight den Arm zu verdrehen und ihn auf die Knie zu zwingen. „Ich habe Krishnas Berichte gelesen. Mir kommen die Namen bekannt vor. Thoth hat sich intensiv um das Projekt Sangriel bemüht, was ich mit betreue. Das da ist einer“ er deutete auf Lazarus „ und dieser Gero war auch einer. Er wurde vom Botschafter persönlich angefordert. Lass ihn ausreden. Ich will wissen, was passiert ist.“

„Nicht hier, wir nehmen sie mit“, bestimmte der, der Dwight festhielt und verpasste ihm ebenfalls eine Betäubungsspritze. So bekamen sie die beiden leichter zum Hauptquartier. „Krishna wird sich mit ihnen unterhalten wollen.“

So luden sie die beiden in den schwarzen Wagen. Kimi steuerte den Transporter und sein Begleiter, der sich Ares nannte, folgte ihm in seinem Wagen. „Krishna, egal wie – in einer Stunde will ich deinen Arsch im Hauptquartier sehen. Wir haben ein Scheißproblem!“ Mehr bellte er nicht in sein Headset, denn Ares war es gewohnt, dass man ihm nicht widersprach.

Es hatte wie eine Bombe eingeschlagen, als sie das Signal bekommen hatten, dass Thoth tot war und Ares, als Leiter der der Sicherheitsabteilung, hatte sich gleich auf den Weg gemacht, um das zu überprüfen. Thoth war schließlich nicht irgendwer, sondern ein Mitglied der Dreifaltigkeit, das die Geschicke des Geheimbundes lenkte.

Der konnte nicht einfach so tot sein. Doch die Signale waren leider unmissverständlich gewesen. Jeder Gottgleiche trug einen Chip und dieser Chip funkte die Vitalfunktionen und den Aufenthaltsort sekundengenau an das Hauptquartier. Somit wusste der Bund immer, wo jedes seiner Mitglieder war und sollte es zu Unregelmäßigkeiten kommen, ging die Sicherheit dem nach, denn jedes einzelne Mitglied war zu wertvoll, um es zu verlieren – vor allem einen der obersten Drei.

  

15

„Alles erledigt?“ Kimi saß gerade im Labor neben einer der Liegen, auf der Dwight und Lazarus noch immer betäubt lagen. Sie müssten jeden Moment aufwachen.

„Thoth und sein Begleiter sind erst einmal in der Autopsie. Ich will wissen, was passiert ist. Dann werden sie konserviert und für die Beisetzung fertig gemacht.“ Ares setzte sich ebenfalls. Im Hauptquartier war die Hölle los, seit Thoths Tod bekannt geworden war.

„Beide? Zusammen?“ Kimi fand das merkwürdig. Es war nicht üblich, dass Angehörige oder Freunde mit dem Mitglied auf dem heiligen Platz bestattet wurden.

„Ja, zusammen. Thoth hat das bestimmt.“ Es lag nicht an ihnen das zu beurteilen oder zu kommentieren. Weiter kamen sie mit ihrem Gespräch auch nicht, denn Dwight und Lazarus begannen sich zu regen. „Kimi, hilf ihm auf, ich kümmer’ mich um den Sangriel.“

„Japp.“ Kimi erhob sich und griff Dwight von hinten, so dass er ihn festhalten konnte, als dieser sich aufrichtete. Dwight hustete und rieb sich über die Augen. Er hatte keinen Schimmer, wo er war oder was passiert war. Erst als er Lazarus noch immer auf der zweiten Liege regungslos erblickte, kam Leben in ihn, doch Kimi hinderte ihn daran, von der Liege zu springen. „Langsam, langsam. Deinem Liebling geht es gut und du wartest bitte, bis das Betäubungsmittel nachlässt. Keinem ist geholfen, wenn du dir den Kopf aufschlägst.“ Kimi war kleiner als Dwight und auch schmaler, doch er war gut trainiert.

„Laz“, rief Dwight und versuchte sich zu befreien. Er traute diesen beiden nicht, die sie hierher gebracht hatten. „Wenn ihr ihm etwas getan habt, dann bring ich euch um.“ Kimi hatte gut zu tun, ihn ruhig zu halten, aber er schaffte es. „Beruhige dich, Alter. Wenn wir euch töten wollten, währt ihr schon tot“, knurrte Ares ungehalten und half Lazarus auf, der sich gerade regte.

„Na? Besser?“, fragte er provozierend und knurrte. „Warum haben wir eigentlich immer die Irren an der Backe. Ich will mal eine Woche ohne Wahnsinnige, ist das möglich?“

„Nicht, seit du mit Demether(?) verheiratet bist“, lachte Kimi und hielt Dwight weiter fest. „Komm schon, noch fünf Minuten. Dein Geist ist zwar schon wieder hellwach, aber deine Muskeln gehorchen ihm noch nicht ganz. Mach also dich und dein Schatzi nicht unglücklich und mach was der liebe Onkel Kimi sagt.“

Dwight hörte auf sich zu wehren und ließ Ares und Lazarus nicht aus den Augen. „Wer seid ihr?“, wollte er wissen, denn das war ihm nicht klar. Zu Dimitris Männern gehörten sie nicht, dazu waren sie zu überrascht gewesen, dessen Namen zu hören.

„Wir sind Kollegen von Thoth, die es gar nicht schätzen, dass man den Verwaltungschef einfach so ins Jenseits befördert hat. Wir haben also noch ein paar Fragen an euch, denn ihr seid wohl die einzigen – vom eigentlichen Mörder einmal abgesehen – die uns weiter helfen können.“ Ares half Lazarus, sich zu orientieren. „Na? Alles klar bei dir?“, wollte er leise wissen. Schließlich brauchten sie die beiden noch.

„Nein, eigentlich nicht“, murmelte Lazarus und hielt sich den Kopf. Er hatte von dem, was gesprochen wurde, nichts verstanden. „Wer ist Thoth?“, fragte er darum, denn von dem hatte er noch nichts gehört und vor allen Dingen, was hatten sie mit ihm zu tun?

„Wer Thoth ist?“, fragte Ares etwas verwirrt. „Ihr fahrt ihn tot ihn eurem Auto spazieren und fragt wer Thoth ist?“ Er konnte das gerade nicht fassen, doch Kimi schaltete schneller, in ihrem Privatleben führten die Mitglieder nicht ihre Organisationsnamen. Also wussten die beiden gar nicht, von wem die Rede war. „Alaster“, half er also auf die Sprünge und sah Lazarus erwartungsvoll an. Fiel der Groschen?

„Sie sind Alasters Kollegen?“ Lazarus war noch immer nicht ganz bei sich, darum sagte er, was ihm gerade einfiel. „In was für einer Firma denn? Warum nennt ihr ihn Thoth? Ich verstehe das alles nicht?“ Er griff sich an die Stirn und rieb darüber.

„Kleiner, dass musst du auch nicht. Er war in der Verwaltung tätig und hat dort dafür gesorgt, dass Gelder unserer Firma gut angelegt werden. Mehr musst du auch gar nicht wissen. Thoth heißt er, weil er den Namen von uns bekommen hat. So einfach.“ Es war das maximale, was Außenstehende über die Organisation erfahren durften und da machte Ares auch bei den beiden keine Abstriche. „Allerdings haben wir auch noch ein paar Fragen.“

„Ares, lass sie zu sich kommen, einen Happen essen und ich gucke, wo Krishna bleibt“, sagte Kimi, dem das alles schon wieder zu lange dauerte. Er hatte ungern Außenstehende in seinem Sicherheitsbereich, vor allem wenn sie noch lebten und Ärger machen konnten.

„Eben. Kommt, wir bringen euch in einen etwas bequemeren Raum. Dort könnt ihr erst einmal wieder richtig zu euch kommen.“ Kimi und Ares halfen Dwight und Lazarus aufzustehen und brachten sie in einen Raum mit einer Sitzgarnitur. „Wir lassen euch kurz allein. Dort hinter der Tür ist ein Bad, falls ihr euch frisch machen wollt. Wir kommen gleich wieder.“

Lazarus wartete, bis die Tür hinter den beiden Männern im Anzug zu fiel, dann rutschte er dichter an Dwight. „Wo sind wir denn hier?“, wollte er wissen und drückte sich fest an seinen Freund. Dabei sah er sich hektisch um. Man hatte versucht, den Raum angenehm wohnlich gestalten zu wollen, doch die weißen Fliesen an den Wänden, der Decke und auf dem Boden machten es schwer, sich hier wohl zu fühlen. Auch das fehlende Fenster konnte dem Raum seinen Gefängnischarakter nicht nehmen.

„Geht es dir gut, Schatz?“ Dwight zog Lazarus an sich und küsste ihn auf die Stirn. „Ich weiß leider nicht, wo wir sind, aber ich habe eine Ahnung für wen Alaster gearbeitet hat“, und das machte ihm eine gehörige Angst. Die komischen Namen der beiden Männer und auch der, wie sie Alaster nannten, hatten ihn drauf gebracht. „Er war wohl einer der Gottgleichen.“

„Alaster?“, fragte Lazarus und blickte auf. Er wusste nicht viel über die Organisation, die ihn an Dwight verkauft hatte, doch es reichte, um ihn den Kopf noch weiter einziehen zu lassen. „Hätte ich nicht gedacht, er war doch so nett.“ Nachdenklich lehnte er sich wieder an Dwight und schloss kurz die Augen. Sein Schädel hämmerte noch immer und seine Zunge klebte.

„Ja, er war wirklich nett.“ Dwight strich seinem Liebling über den Rücken und hoffte, dass an den Gerüchten, die über die Gottgleichen kursierten, nicht alles wahr war. Er zuckte ein wenig, als die Tür sich öffnete, aber es waren nicht Ares und Kimi, die zurückkamen, sondern jemand Unbekanntes, der einen Wagen mit Essen in den Raum schob und vor ihnen abstellte.

„Nehmt euch, was ihr braucht. Ich hoffe es stört euch nicht, wenn ich bleibe“, sagte Krishna und betrachtete sich die beiden, die misstrauisch auf den Wagen blickten. Ob sie dachten, es wäre vergiftet? So nahm er sich selbst ein Glas mit Wasser und einen der belegten Teigfladen. Er liebte die Dinger und hoffte, auch bei ihren Gästen den Geschmack getroffen zu haben.

„Ich bin Krishna und ich war ein Kollege von Alaster. Sein Tod hat reichlich Unruhe gebracht und darum habe ich ein paar Fragen.“ Er füllte zwei weitere Gläser mit Wasser und reichte sie an seine Gäste weiter. „Wer ist der Sangriel , der mit ihm zusammen getötet wurde und in welcher Beziehung standen sie zueinander?“ Krishna hatte die Ringe gesehen, die die Leichen trugen und war neugierig.

„Das ist“, begann Lazarus und schüttelte den Kopf, „das war“, setzte er erneut an, schüttelte aber wieder den Kopf. „Nein, auch wenn er tot ist, ist er immer noch Gero. Er gehörte eigentlich zum Botschafter von Las Vegas. Er hat als Haussitter gearbeitet, damit er sich nicht langweilte, denn dieser Dimitri hatte nie Zeit für Gero. So hat er Alaster kennen gelernt, der ihn irgendwie ganz anders behandelt hat, als Dimitri es immer tat. Und so sind sie wohl für einander entbrannt.“ Lazarus schmerzte es, über Gero zu reden und zu wissen, dass er nie mehr zurückkam. Er würde sein Lächeln nie wieder sehen, die funkelnden Augen.

„Sie hatten was miteinander?“, fragte Krishna nach und Lazarus schüttelte energisch den Kopf. „Sie liebten sich! Sie wollten ihr Leben zusammen verbringen. Gero war so glücklich, als Al ihm gestern den Ring angesteckt hat.“ Lazarus‘ Stimme versagte, als er sich daran erinnerte. „Sie wollten doch einfach nur glücklich sein.“

Krishna schwieg, weil er spürte, dass er gerade die komplett falsche Frage gestellt hatte. Doch er konnte sich Thoth einfach nicht dabei vorstellen, wie er Gefühle zeigte oder sie teilte, wie ihm ein anderer Mensch wirklich wichtig war. Das passte nicht zu Thoth. Doch so hasserfüllt, wie der junge Sangriel ihn gerade anblickte, musste er sich eines Besseren belehren lassen.

„Schatz, dass hat der Herr auch nicht gemeint, nur falsch formuliert“, sagte Dwight und zog seinen Liebling wieder zu sich, sah dabei aber Krishna an, mit der stummen Forderung, in Zukunft seine Äußerungen gewählter zu treffen.

„Entschuldigt, ich wollte die Beziehung eures Freundes nicht herabwürdigen, ich war nur erstaunt.“ Krishna nickte Dwight zu. „Wie kam es denn jetzt, dass ihr mit den Leichen im Wagen angetroffen wurdet und woher wisst ihr, dass Botschafter Carson sie umgebracht hat?“

„Lass Schatz, ich mach schon“, sagte Dwight leise und strich seinem Liebling über den Arm, der sich zitternd an ihn drückte. Er sollte sich nicht selbst erinnern müssen. Es dürfte hart genug sein, es noch einmal zu hören und so erzählte Dwight von Gero und wie er sich für Alaster entschieden hatte, als herausgekommen war, dass Dimitri ihn nur zum eigenen Spaß gekauft hatte. Er ließ auch nicht aus, welche Drohungen er Dwight gegenüber immer wieder ausgestoßen hatte und dann erzählte er vom Empfang und wie die beiden Sangriels verschwunden waren.

„Als ich Lazarus endlich gefunden hatte, waren beide schon tot. Alaster hat ihm das Leben gerettet, weil er ihn beiseite geschubst hatte, ehe er sich auf Dimitri geworfen hat. Das war sein...“ er brach ab. Krishna würde auch so verstehen.

„Alaster hat ihn gerettet?“, fragte Krishna erstaunt und besah sich den Sangriel noch einmal genau. Noch nie hatte er mitbekommen, dass Thoth sich so selbstlos für jemanden eingesetzt hatte. „Er muss dich wirklich gemocht haben, das kannst du dir hoch anrechnen. Das können nur sehr wenige von sich behaupten.“

„Das bringt sie mir auch nicht wieder zurück“, sagte Lazarus leise und schluckte wieder hart. Der Kloß in seinem Hals hatte sich noch immer nicht gelöst und so versuchte er es mit einem Schluck Wasser. Er klammerte sich weiter an Dwight und starrte wieder vor sich hin.

„Was wird jetzt eigentlich weiter passieren. Hat Alaster Angehörige, die sich um das Anwesen kümmern? Und um die Katze?“, wollte Dwight wissen.

„Es gibt einen Bruder. Wir werden ihn deswegen kontaktieren, damit er sich um Alasters persönliche Sachen kümmert. Das Anwesen fällt an uns zurück.“ Krishna überlegte kurz, was sie mit der Katze machen sollten, von der er auch nicht gewusst hatte, dass es sie gab. Thoth wurde immer unbekannter für ihn. „Ihr solltet die Sachen eures Freundes deshalb bis morgen aus der Villa geholt haben. Es wäre gut, wenn ihr die Katze erst einmal mitnehmen könntet, bis entschieden ist, ob der Bruder sie nehmen möchte.“

„Natürlich!“ Lazarus nickte gleich und hoffte heimlich, dass dieser Bruder nie gefunden wurde. Prince war das einzige, was ihn noch an Gero erinnern konnte, denn sein Freund hatte sehr an dem Tier gehangen. Er war auch der Grund gewesen, warum Alaster jemanden für das Haus gesucht hatte – Prince hatte die beiden erst zu einander gebracht. Was sie mit Geros Sachen machen sollten, wussten sie noch nicht, aber sie wurden auf jeden Fall nicht einfach entsorgt. Das war auch Dwight klar, doch sie hatten im Haus genügend Platz.

„Gut, dann wäre das auch geklärt. Da gibt es nur noch eine Kleinigkeit, die mir Sorgen macht.“ Krishna wurde ernst und Dwight schluckte, weil er ein mulmiges Gefühl bekam. „Ihr kennt nun das Geheimnis der Sangriel und ihr versteht sicherlich, dass es nicht in unserem Interesse liegt, dass dies publik wird.“

„Und das bedeutet genau – was?“, wollte Dwight wissen und legte einen Arm fest um Lazarus. Der Kerl da drüben sollte jetzt ja nicht das Falsche sagen! Also blickte er kampfeslustig. Sie würden sich nicht einfach so aus dem Weg räumen lassen.

„Nun, im Normalfall, würde es das bedeuten, was du vermutest, aber bei euch liegt der Fall etwas anders, weil ihr Freunde von Alaster wart. Wir sollten eine Übereinkunft finden, die für beide Seiten Vorteile bringt.“ Krishna sah auf seine Gäste und wartete erst einmal ab, was die beiden für ihre Verschwiegenheit verlangten.

Lazarus schien gar nicht zu begreifen, was hier gerade abging und so pokerte Dwight in der Hoffnung, dem Wunsch seines Lieblings zu entsprechen. „Wir wollen die beiden besuchen können, wann immer wir wollen“, forderte er also, weil er glaubte, dass es das war, was Lazarus am meisten wollte. Geld brauchten sie nicht. Davon hatten sie selbst genug. Auch Besitz hatten sie mehr, als sie eigentlich brauchten. Nur ihre Freunde, die konnten sie sich nicht zurück kaufen.

„Das ist alles?“ Krishna hatte ja mit vielem gerechnet, aber nicht mit so etwas einfachem. „Okay, das lässt sich arrangieren. Wir werden ein entsprechendes Schriftstück aufsetzen, das die Modalitäten regelt und euch einen Chip implantieren, der euch den Zugang zur Begräbnisstätte erlaubt. Ich weise aber auch darauf hin, dass das Bekanntwerden dieser Stätte eine Verletzung des Vertrages darstellt und Konsequenzen hätte.“

„Schon klar“, knurrte Dwight. Die Gottgleichen waren eben nüchterne Geschäftsleute, so hatte er sie immer kennen gelernt, wenn er sie getroffen hatte. „Wird das gleich passieren? Dann haben wir es hinter uns und dann will ich wissen, wie es mit unseren Freunden weiter geht. Ich gehe hier nicht weg, wenn ich das nicht weiß.“

„Ich werde sofort alles in die Wege leiten. Eure Freunde werden gerade für die Beerdigung vorbereitet und ihr könnt sicher sein, dass sie dabei mit dem größten Respekt behandelt werden. Sie werden in drei Stunden zur Begräbnisstätte gebracht. Bis dahin werden wir alles erledigt haben.“ Krishna stellte sein Glas auf den Tisch und nickte Lazarus und Dwight zu. „Entschuldigt mich darum. Ruht euch aus. Ich komme wieder, wenn es soweit ist.“

Dwight nickte nur und ließ sich nicht anmerken, wie überrascht er war. Doch dann fragte er sich, was er erwartet hatte. Was die Gottgleichen taten, taten sie richtig und so sollte es ihn eigentlich nicht wundern, dass die Maschinerie  unbeeindruckt des Todes eines ihrer ranghohen Mitglieder weiter lief.

„Sie fehlen mir – so sehr“, murmelte Lazarus leise. Jetzt musste er die Tränen nicht mehr zurück halten und er weinte. Es tat gut.

Dwight hielt ihn fest und ließ ihn weinen. „ Mir fehlen sie auch. Ich kann mir gar nicht vorstellen, Geros Lachen nicht mehr zu hören.“ Dwight wischte sich über die Augen, und versuchte auch gar nicht zu verbergen, dass ihm die Tränen kamen. „Wir werden sie nie vergessen und sie so oft wie möglich besuchen.“

Lazarus nickte nur und schloss die Augen. Stumm liefen die Tränen und das sanfte Streicheln auf seinem Rücken und seinem Arm ließ ihn eindösen. Dwight weckte ihn nicht. Er war froh, dass Lazarus etwas Ruhe fand. Er konnte noch immer nicht begreifen, was eigentlich passiert war. Noch immer bildete er sich ein, er würde aufwachen und sich schütteln, weil er einen grausigen Traum hatte – doch ein Teil von ihm wusste nur zu gut, dass er nicht erwachen würde, er war es bereits. Gefangen in einem Alptraum.

 

Krishna kam nach gut zwei Stunden wieder zu ihnen und hatte einige Papiere und ein kleines Kästchen bei sich. Dwight weckte Lazarus mit einem Kuss und sah Krishna entgegen. „Wir haben alles vorbereitet. Lest euch den Vertrag durch und wenn ihr mit den Bedingungen einverstanden seid, unterschreibt und ich werde euch die Chips implantieren.“

Wieder nickte Dwight und Lazarus sah ihn bittend an. Er wollte jetzt nichts lesen, nichts entscheiden – er wollte nur noch zu Gero, ihn noch einmal sehen und berühren, ihm sagen wie sehr es ihm leid tat. „Ich lese schon, Schatz“, murmelte Dwight leise und nahm das Papier, zog Lazarus aber wieder gegen sich. Krishna beobachtete die beiden ungerührt. Für ihn war das Paar vor ihm nur ein Studienobjekt für das Projekt Sangriel.

Dwight las sich den Vertrag durch und sah dann Lazarus an. „Wir können ihn unterschreiben, Schatz. Wir dürfen jederzeit zu Gero und Alaster. Im Gegenzug behalten wie die Sache mit dem Sangrol für uns.“

„Mehr wollte ich nicht. Das mit den Tabletten ist mir egal. Vielleicht hätten wir das irgendwann mal selber rausgefunden. Schwamm drüber. Ich will nur endlich zu Gero und Al.“ Eindringlich sah er Krishna an, doch der deutete nur auf das Papier und die beiden Chips. Lazarus verschmälerte die Augen. Hatte der Typ denn überhaupt kein Herz? Sein Kollege war tot, verdammt. Spürte er gar nichts?

Er nahm den Stift und unterschrieb. Lazarus hatte verstanden, dass er sonst nicht weiterkam. „Alles hat seine Zeit. Die Trauer und auch das Geschäft“, sagte Krishna, und öffnete das Kästchen. Er hatte den Vorwurf in Lazarus’ Augen gesehen. Thoths Tod hatte ihn nicht kalt gelassen, aber noch musste zu viel erledigt werden. „Wenn ihr so weit seid, dann bekommt ihr die Chips und ich bringe euch zu euren Freunden.“

„Mach“, forderte Lazarus und versuchte vergeblich, sich ebenfalls so unterkühlt zu geben. Doch das konnte er nicht. Er gab den Stift an Dwight weiter und fixierte nun den winzigen Chip. Er trug bereits einen, ein zweiter würde also nicht schaden. Am besten ließ er sich den zweiten gleich daneben implantieren – an der Unterseite des Oberarmes. Also hielt er seinen Arm Krishna entgegen. Er wollte nur noch weg hier.

Geschickt, fast ohne Schmerzen setzte Krishna die Chips bei Lazarus und Dwight und das erste Mal erlaubte er sich ein wenig Gefühl zu zeigen. „Ihr Mörder wird seine Strafe bekommen. Sein Status wird ihn diesmal nicht retten können. Ich habe schon alles nötige in die Wege geleitet.“

„Sicher?“, fragte Lazarus, denn das glaubte er erst, wenn er es sah. Dem Mistkerl war noch keiner beigekommen, warum sollte es ausgerechnet dieses Mal anders sein? Krishna nickte nur und Lazarus wusste nicht, wie er es werten sollte. Doch dann war es auch egal, denn Krishna verabschiedete sich und gab sie in die Obhut einer Wache. Der Mann sollte sie in die Katakomben bringen, wo Gero und Alaster warteten. Nichts hielt Lazarus noch.

Lazarus klammerte sich an Dwight fest, als die Wache die Tür öffnete, hinter der ihre Freunde aufgebahrt waren. „Gero“, schluchzte Lazarus, als er seinen Freund sehen konnte und Dwight musste ihn stützen. Bisher hatte er immer noch gehofft, dass er sich geirrt hatte und Gero noch lebte, aber jetzt musste er es glauben.

Da lag er, die Hände auf dem Bauch gefaltet, die Augen geschlossen. Er sah wirklich aus, als würde er schlafen, doch er war unnatürlich blass. „Warum war euch euer Glück nicht vergönnt?“, schluchzte Lazarus leise und kam vorsichtig näher. Die toten Körper waren bis zum Bauch abgedeckt und die Decken hingen über die Liegen bis auf den Boden. Dwight musste zugeben, dass man sich Mühe gegeben hatte, die beiden herzurichten. Sie sahen nicht mehr so aus wie im Wagen, als Dwight sich vergewissert hatte, ob es der richtige Wagen gewesen war.

„Jetzt sind sie für immer zusammen. Niemand kann sie mehr trennen“, versuchte Dwight seinen Liebling zu trösten, auch wenn er wusste, dass das nicht möglich war. Er fühlte sich unwohl, aber Lazarus zuliebe blieb er bei ihm und nahm Abschied.

Vorsichtig strich Lazarus immer wieder über die Hände seiner Freunde, die Gesichter, doch dann ging er einen Schritt zurück. „Ich werde euch nicht vergessen und ich verspreche euch hier und jetzt, dass ich nicht ruhen werde. Egal was es mich kosten wird, Dimitri soll damit nicht wieder durchkommen.“ Lazarus’ Hände ballten sich zu Fäusten und wieder liefen die Tränen. Er wusste doch gar nicht, was er machen sollte, aber er konnte nicht einfach hier stehen und nichts tun.

„Komm her, Schatz.“ Dwight zog Lazarus an sich und küsste ihn auf die Schläfe. Sanft strich er seinem Liebling über den Rücken und sah zu, wie die Leichen aus dem Raum gebracht wurden, um sie für die Beerdigung fertig zu machen. „Tu bitte nichts Unüberlegtes. Ich möchte dich nicht verlieren“, murmelte er eindringlich. „Ich denke, wenn dieser Krishna sagt, dass er sich darum kümmert, dann können wir das glauben.“

„Das glaube ich erst, wenn dieser Drecksack genau hier liegt und ich ihm ins Gesicht spucken kann“, sagte Lazarus leise, doch seine Stimme war so voller Hass, wie Dwight sie eigentlich gar nicht kannte. Deswegen drehte er den Kopf seines Freundes sacht zu sich, damit Lazarus ihn ansehen musste. „Versprich es mir, Schatz, bitte.“

Lazarus senkte die Lider, doch dann sah er Dwight fest an. „Dieser Krishna bekommt genau eine Chance.“

Die Antwort beruhigte Dwight nicht wirklich, aber er gab sich erst einmal damit zufrieden. „Danke“, sagte er leise und küsste Lazarus sanft. Genau in diesem Moment öffnete sich die Tür wieder und eine der Wachen bat sie ihm zu folgen. Man würde sie jetzt zur Begräbnisstätte bringen.

Als sie auf den Hof traten, wartete dort ein schwarzer Wagen, wenn man nicht wusste, was er transportierte, erkannte man den Leichenwagen nicht. Ein zweiter Wagen – eine schwarze Limousine – stand hinter dem Kastenwagen für Dwight und Lazarus bereit und so stiegen sie schweigend ein, um ihren Freunden das letzte Geleit zu geben.

+++

„Ja!“, bellte Dimitri in das Telefon, als es klingelte. Er war gereizt, denn noch immer wusste er nicht, was aus den Leichen von Gero und diesem anderen Typen geworden war. Ihn hatte fast der Schlag getroffen, als man ihm gesagt hatte, dass der Wagen mit den beiden verschwunden war. Eigentlich konnte ihn niemand mit ihrem Tod in Verbindung bringen, wenn sie gefunden wurden, aber, trotzdem gefiel es ihm nicht, dass nicht alles nach Plan gelaufen war. „Dimitri?“, hörte der Botschafter aus dem Telefon und besann sich wieder auf das Gespräch. Ein Bekannter aus der Regierung von Las Vegas war am Apparat. „Wer sollte sonst an mein privates Telefon gehen?“, knurrte er ungehalten, denn er mochte es nicht gestört zu werden.

„An deiner Stelle würde ich jetzt den Mund halten und nur zuhören“, erklärte die Stimme am anderen Ende. „Du hast nämlich den falschen Leuten an die Karre gepisst, Idiot!“ Iwan holte tief Luft, denn er wusste noch nicht genau, wie er dem Botschafter das begreiflich machen sollte, was ihm die Quellen zugetragen hatten.

„Bitte?“ Dimitri wollte noch etwas sagen, aber Iwan unterbrach ihn. „Sieh zu, dass du verschwindest. Mit deiner letzten Aktion auf dem Ball bist du zu weit gegangen. Präsident Orlow hat deine Immunität aufgehoben. Zwar nicht freiwillig, aber ihm blieb keine Wahl, wenn du so bescheuert bist, einen Ranghohen der Gottgleichen umzulegen. Du weißt, dass sie so etwas nicht tolerieren.“

„Was?“ Dimitri glaubte sich verhört zu haben. Dabei störte es ihn weniger, dass wohl bekannt war, was er getan hatte. Viel wesendlicher waren zwei andere Worte gewesen: Immunität aufgehoben. Das hieß jeder billige Straßenbulle konnte ihn aufgreifen und anklagen. Das konnte doch nur ein schlechter Scherz sein. „Lass den Blödsinn“, knurrte er also.

„Hörst du mir eigentlich zu?“, schnappte Iwan. „Weißt du, was ich riskiere, um dich zu warnen? Die Polizei ist auf dem Weg zu dir und deine Familie wird gerade von Mitarbeitern unserer Regierung abgeholt und zurück nach Las Vegas gebracht. Sieh zu, dass du verschwindest. Ich muss auflegen. Ich hab schon viel zu viel riskiert. Jetzt sind wir quitt.“ Es klickte in der Leitung und die Verbindung war unterbrochen.

Dimitri starrte auf das Display und begriff nur in Zeitlupe, was Iwan eigentlich gesagt hatte.

Er war vogelfrei, ein Geächteter.

Die Bullen waren auf dem Weg zu ihm und seine Familie hatten sie schon.

Plötzlich kam Leben in seinen Körper und er schoss hoch. Panisch sah er sich um. Was musste er vernichten? Hatte er noch Zeit dazu? Schweiß trat ihm auf die Stirn.

Wie hatte ihm das nur passieren können? Seine Eifersucht hatte sein Urteilsvermögen getrübt und ihn nachlässig gemacht. „Verdammt“, fluchte er laut und wühlte sich durch seine persönlichen Papiere und schmiss sie wahllos in den Aktenvernichter.

„Schneller!“, knurrte er, weil ihm das nicht schnell genug ging. Warum hatte er auch altmodisch auf Papier schwören müssen? Eine Festplatte hätte er schneller entsorgt. Die wenigen Daten, die er auf seinem PC hatte, waren schnell gelöscht und immer wieder wanderte sein Blick zwischen Tür und Uhr. Er überwachte alle Eingänge. Waren sie schon da? Der Empfang blieb ruhig. Doch das hatte nichts zu sagen – vielleicht hatten sie die Order, sich unauffällig zu benehmen!

Schneller!

Seine Augen huschten hin und her und er überlegte, was es noch wichtiges in seinem Büro gab, was vernichtet werden musste, aber ihm fiel in seiner Hektik nichts weiter ein. Warum nur hatte er keine Vorkehrungen für so einen Fall getroffen? Dimitri lachte bitter auf. Er hatte sich zu sicher gefühlt.

Nichts und niemand hatte ihm mit seiner diplomatischen Immunität etwas anhaben können – doch er hätte nicht im Traum daran gedacht, dass der Tag kommen würde, an dem diese aufgehoben wurde. Wer war dieser Blödmann gewesen, der sich ihm und Gero in den Weg gestellt hatte? Ein Gottgleicher? Der Idiot? Hätte der da nicht vorsichtiger sein müssen, als sich hirnlos in eine Waffe zu werfen? Der Wichser war doch selber dran schuld gewesen.

„Scheiß drauf, weg hier!“ Dimitri schoss ziellos durch sein Büro, als er erstarrte. Auf dem Bild der Überwachungskamera sah er, wie Polizisten das Gebäude betraten.

Sie waren hier!

Starr blickte er auf den Bildschirm und wusste, dass sie in wenigen Minuten in seinem Büro waren und er keine Chance mehr hatte zu verschwinden, selbst wenn er seinen Geheimgang nutzte. Der endete in der Tiefgarage und diese wurde auf jeden Fall ebenfalls überwacht.

So durfte das nicht enden!

Er ging nicht ins Gefängnis!

Sein hastiger Blick glitt zur Schublade mit dem doppelten Boden. Er hätte nicht gedacht, dass es einmal so weit kommen würde, doch jetzt fiel sein Leben zusammen wie ein Kartenhaus. Schwerer und schwerer wurde mit jeder Sekunde die Last, die auf ihm ruhte. Blind tastete er nach der Lade und zog sie auf, schob wertloses Papier beiseite.

Ohne hinzusehen öffnete er das geheime Fach und holte heraus, was darin verborgen war. Kalt glitzerte das Metall der Waffe, als ein Lichtstrahl auf sie traf. Dimitri bemerkte es gar nicht, denn er blickte starr auf den Bildschirm. Sie waren in seiner Etage angekommen und es blieben ihm nur noch wenige Augenblicke, um sich zu entscheiden.

Er zögerte einen Augenblick zu lange, denn schon ging die Tür auf. Es war wie ein Druck auf den richtigen Knopf und er setzte die Waffe an die Schläfe. „Lebend kriegt ihr mich nicht!“, erklärte er dem Beamten, der mit wilden Gesten versuchte, den Botschafter von seinem verrückten Vorhaben abzubringen.

Aber Dimitri sah ihn nur starr an und der Beamte wich erschrocken zurück, als sich der Schuss löste und der Botschafter tot vornüber auf seinen Schreibtisch fiel. „Verdammte Scheiße“, fluchte der Beamte und sah böse auf Dimitri. „Feiges Arschloch“, knurrte er geringschätzig und drehte sich um. Sie hatten hier nichts mehr zu erledigen. Für diese Sauerei waren jetzt andere zuständig.

 

ENDE

danke fürs lesen