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Zyklus V - Cango Caves - Teil 1 - 3

Hinweise:

1. Dieser Zyklus ist eine in sich geschlossene Handlung, die mit der eigentlichen Geschichte um Erdogan und seine Kuppel nichts zu tun hat - eine Art Sidestory.

2. Die Geschichte ist aktuell noch nicht Korrektur gelesen. Ich habe das wohl irgendwie verpennt an meine Betas zu schicken. Da ich aber für 3 Wochen in Urlaub will und euch nicht ohne Futter da sitzen lassen wollte, eben mal eine raw Fassung.



Zyklus V – Cango Caves

01

„Meine Güte, wo bleibt denn Kadisha?“ Intulo lehnte sich in seinem bequemen Sessel zurück und wippte ein wenig. Die vier Wochen waren um. Heute trafen sie sich wieder, um auszuwerten, was die letzten Wochen bei ihren Laborratten gebracht hatten, so nannten sie die Stämme der Menschen, mit denen sie Verhaltensforschung betrieben.

Bereits seit einigen Jahrhunderten wurden die fünf Stämme, die in den uralten Cango Caves im südlichen Afrika überlebt hatten, von den Gottgleichen beobachtet, doch ständig nur zu beobachten war bald langweilig geworden. Die Wege waren eingeschliffen und es fehlte die Spannung, so hatten die fünf Gottgleichen, die das Projekt betreuten, die Stämme unter sich aufgeteilt und alle vier Wochen holten sie ihr Spielbrett heraus, suchten die Würfel zusammen und überließen dem Zufall, wie sich die folgenden vier Wochen für die Laborratten gestalten würden. Es gab nur zwei Regeln: keiner durfte sterben! Und: kein Stamm durfte durch die Einmischung tödliche Schäden erleiden.

„Da bist du ja endlich“, brummte Intulo, als seine Kollegin endlich in den Raum gelaufen kam.

„Ich bin doch nur zwei Minuten zu spät“, schnappte die blonde Frau und ihr Mund verzog sich. Intulo nutzte auch jede Gelegenheit um sie schlecht zu machen. Sie setzte sich auf ihren Platz und nickte den anderen zu. „Meinetwegen, kann es los gehen.“

„Okay“ Chuku ließ seine Hände über den Tisch gleiten und in der Mitte des runden Tisches erschien ein Hologramm mit dem Protokoll der letzten Sitzung. „Fangen wir oben an. Für die Matumba war eine Dürre angesagt gewesen.“ Dabei sah er Intulo an, denn es war dessen Stamm, um den es ging. „Was kannst du uns dazu sagen?“

„Oh, das hat gut funktioniert. Ich habe die Wasserversorgung gedrosselt und ein Teil des Viehs drohte zu verdursten. Zuerst brach Panik aus und in einer ersten Reaktion wurden die schwächsten Tiere geschlachtet. Sie haben das Fleisch an die Bame gegeben und im Gegenzug dafür Wasser für das restliche Vieh bekommen. Eine völlig neue Entwicklung.“

Man merkte, dass Intulo stolz auf seinen Stammesfürsten Dayo war, der die rettende Idee gehabt hatte. Von den fünf Stämmen war nur einer dabei, der in einer außen liegenden Kuppel Tiere züchtete, um sich und seinen Stamm mit Fleisch und Milch zu versorgen. Doch schon seit Generationen versorgten sie nicht mehr nur sich selbst. Sie tauschten mit den Bauern und den Handwerkern, mit den Fischern und auch Kadishas Stamm wurde immer reichlich bedacht.

Die Sato als auch die Bame waren die beiden Stämme, die komischerweise nicht wie die anderen drei die Fähigkeit entwickelt hatten, die schützenden Höhlen für kurze Zeit zu verlassen ohne durch die Strahlung auf zellularer Ebene schaden zu nehmen. Den Gottgleichen war der Grund der teilweisen Mutation noch nicht ganz klar. Sie hatten es nur zufällig bei einem ihrer Planspiele vor vielen Generationen herausgefunden und weiter untersucht. Die Seto als auch die Bame aber waren in den Höhlen gefangen, konnten so weder Tiere züchten noch Pflanzen anbauen.

Und während die Bame geschickte Fischer und Handwerker waren, die alles bauen konnten, was rings um den unterirdischen See gebraucht wurde, hatten die Sato nur sich selbst. Ihr Kapitel war ihr Kopf und ihr Körper. Sie hatten aus ihrer Not eine Tugend gemacht und boten den anderen Stämmen Liebesdienste an. Die Bevölkerung durfte sich nicht zu sehr vermehren, also waren die Dienste der Sato wichtig. Es gab Häuser, zu denen die Bewohner der anderen Stämme kamen, um der körperlichen Liebe zu frönen. Die Frauen der Sato hatten einen festen und gleichmäßigen Zyklus, so dass Schwangerschaften vermieden werden konnten und so wurden Spannungen abgebaut.

Allein den Stammesfürsten war es gestattet, sich einen oder eine Gespielin auszusuchen und sie bei sich zu beherbergen, sofern beide Stämme damit einverstanden waren. Nicht alle Fürsten nutzten dieses Privileg.

„Alles klar.“ Chuku machte mit dem Finger einen Haken hinter die erste Zeile. „Als zweites sollten sich zwei der Nsongo verirren und vom Stamm getrennt werden für eine Weile.“ Die Nsongo waren Chukus Stamm und so berichtete er, wie das gelaufen war. Dafür hatte er Shakwe angeheuert, ein Wesen das sie von der Zentrale in Nordamerika hatten speziell für ihre Belange züchten lassen.

Shakwe war ein Nyokar, eine Mischung aus Mensch und Schlange und war der perfekte Spion und Attentäter. Er war unglaublich gelenkig, konnte extrem gut riechen, sehen, spürte Wärme und hatte Giftzähne. Er hatte alle Eigenschaften einer Schlange, die den Gottgleichen nützlich vorgekommen waren. Doch seine Erscheinung war menschlich, mit einer weichen aber schuppigen braunen Haut.

Bisher waren die Einsätze von Shakwe immer planmäßig verlaufen. Der Schlangenmensch benutzte die geheimen Tunnel der Gottgleichen, um ungesehen in die Kuppeln zu kommen. Er agierte im Verborgenen und war bisher noch nie entdeckt worden. Es gab zwar Gerüchte in allen Höhlen über einen grausamen Geist, der Seuchen, Dürren und Katastrophen brachte, aber niemand hatte von diesem Geist bisher mehr als ein Schemen gesehen.

Doch immer wenn er aufgetaucht war, wurden die Opfergaben am Heiligen Ort mehr.

„Vor vier Tagen haben die beiden den Weg zurück gefunden, aber so lange war der Stamm wie gelähmt“, berichtete Chuku völlig überrascht. Er hatte damit gerechnet, dass die Stämme – um zu überleben – schneller wieder zum Alltag übergingen. Doch stattdessen hatten sie Suchtrupps losgeschickt und das Alltagsleben der Nsongo war teilweise zusammengebrochen. Die Gottgleichen hatten also wieder etwas dazu gelernt.

Auch hinter dieser Zeile wurde ein Haken gemacht und jetzt war Kadisha dran, von ihrem Stamm der Sato zu berichten. Sie hatte beim Würfeln Glück gehabt und sie hatte ihrem Stamm keine Katastrophe oder Seuche schicken müssen. Sie hatte Shakwe den Auftrag gegeben, ihr Volk über das Wasser mit wichtigen Mineralien und Spurenelemente zu versorgen und sie berichtete, in wie weit sich ihr Volk verändert hatte. Sie waren agiler und  kräftiger geworden und auch fröhlicher und ausgelassen. Das hatte sich auch auf ihre Arbeit ausgewirkt. Die Männer und Frauen, die sich der käuflichen Liebe bedient hatten, berichteten von mehr Leidenschaft und prickelnder Lust. Sie hatten es nicht richtig beschreiben können, doch die Besuche im Freudenhaus am Heiligen Platz hatten in den letzten Wochen entschieden zugenommen.

„Reichlich Sex ist immer gut“, lachte Asasa Yaa, ihr gehörte der Stamm der Bame, die wie die Sato nicht mutiert waren und deswegen als Fischer und Handwerker der Gemeinschaft dienten. Auch von seinen Laborratten waren reichlich am Heiligen Platz gewesen, mehr als sonst. Doch es hatte sich nicht auf die Arbeitsmoral ausgewirkte, zumindest nicht negativ. „Mach einen Haken drunter, mal sehen wie lange das so bleibt.“ Denn die Nährstoffe wurden erst wieder dezimiert, wenn jemand das erwürfelte.

„So, was hätten wir noch?“ Chuku sah auf das Hologramm und dann auf Schango. „Wie ist es deinen Leuten ergangen?“ Die Oketa waren ebenfalls Farmer und sie hatten das Pech gehabt, dass man ihnen eine Insektenplage erwürfelt hatte. In ihren Weizenfeldern wüteten Schädlinge, die Shakwe dort verteilt hatte. Nicht so viele, dass die Ernte nicht gerettet werden konnte, wenn früh genug Gegenmaßnahmen unternommen wurden.

„Nicht so prickelnd“, knurrte Schango. Sein Stamm hatte die Plage relativ spät bemerkt, denn die Biester hatten sich erst vermehrt, ehe sie sichtbar geworden waren und seine Leute hatten zu tun gehabt, die Schädlinge abzusammeln. Eine andere Lösung hatte es nicht gegeben, wenn sie nicht die komplette Ernte hatten vernichten wollen. „Erst vor drei Tagen waren sie so gut wie fertig, Nachsorge muss aber noch betrieben werden, weil nicht klar ist, ob noch Eier in Boden und Pflanzen lauern.“

„Da werden sie ja noch eine Weile beschäftigt sein, mal sehen, wie die nächsten Wochen werden, je nachdem was gewürfelt wird. Bleibt nur noch einer.“ Nur hinter der Zeile der Bame war noch kein Haken und alle sahen Asasa Yaa an. Sie zuckte hoch, denn sie hatte in ihren Unterlagen gelesen. „Bin ich dran?“

„Jaaa“, intonierte Intulo gedehnt. „Manchmal hilft zuhören“. Doch Asasa Yaa ließ sich nicht ärgern, sie war eine relativ ruhige Person, aber immer besonnen und durchdacht. „Für die Bame war geplant, dass sie ein neues Werkzeug erfinden werden. Ich habe Shakwe angehalten, im Kral meiner Laborratten eine neue Form eines Handbohrers zu hinterlassen. Sie haben sich erst gewundert wo es her kam, haben es dem bösen Geist zugeschoben und es abgelehnt, aber Opane hat damit herum experimentiert und festgestellt, dass sie so schneller Löcher in Felsen bekommen als vorher. Er hat also verlangt, dass man den bösen Geist mal vergisst und die neue Technik nutzt.“ Auch sie war auf ihren Stammesfürsten sehr stolz. Er war zwar traditionell, aber er war nicht abergläubisch.

„Gut, dann sind wir durch. Alles in allem sind die Experimente erfolgreich verlaufen. Es hat uns mal wieder Stärken und Schwächen unserer Laborratten aufgezeigt und uns weiter gebracht. Wir sollten also würfeln, damit das Spiel weitergehen kann.“ Vor jedem Spieler öffnete sich eine Luke, in dem die Würfel lagen. „Wer fängt an?“

„Ich“, sagte Asasa Yaa, sie war das letzte Mal als letzte dran gewesen und hoffte, dass sie heute wieder Glück hatte. Sie nahm beide Würfel in die Hand – einer enthielt unzählige Seiten und Zahlen, der andere enthielt 5 Seiten auf dem jeweils ein Stamm stand, denn nicht immer würfelten sie für den eigenen Stamm. Wenn zum Beispiel ein Stamm, der bereits eine Katastrophe hinter sich hatte und eine zweite nicht vertragen konnte, wieder einen Tiefschlag erleiden sollte, dann wurde mit dem Stammeswürfel festgelegt, welchen anderen Stamm die Katastrophe ereilen würde.

„Die neunzehn“, sagte Asasa Yaa, nachdem sie gewürfelt hatte. Chuku griff sich die Liste, in der sie aufgeschlüsselt hatten, was eine Zahl bedeutete.

„Ein Feuer in einem der Lagerhäuser“, las Chuku vor und sah seine Kollegin ein wenig mitleidig an. Diese Aufgabe war unberechenbar und konnte schnell in einer wirklichen Katastrophe enden. Sie hatten erst überlegt, sie zu streichen, aber sich letztendlich dagegen entschieden.

„Da muss Shakwe ran und da dein Volk erst letzthin ein neues Werkzeug bekommen hat, müssen sie das jetzt selber ausbaden“, sagte Kadisha. Das war doppelt hart, weil die Bame selbst nichts anbauen konnten. Sie konnten nur versuchen, mehr Fisch zu fangen und ihn zu tauschen.

„Mist“, brummte Asasa Yaa und schmiss die Würfel wieder in die Öffnung, diesmal hatten sie ihr kein Glück gebracht. Aber die Bame waren widerstandsfähig und einfallsreich. Sie würden auch das Feuer überstehen.

„Jetzt ich!“, rief Intulo, denn er war neugierig, was sein Stammesführer Dayo als nächstes überwinden musste. Er war stolz wie ein Vater auf den obersten Matumba. Er warf den Würfel mit viel Schwung aus dem Handgelenk und der rollte quer über den Tisch. „Scheiße!“, brüllte er, als er die Zahl sah.

Jeder hasste sie, noch keiner hatte sie je gewürfelt.

Warum er?

Warum heute?

Und weil sein Stamm so erfolgreich durch die letzte Katastrophe gekommen war, musste die nächste ebenfalls auf ihn angewendet werden. „Sieben“, sagte er leise, was die anderen gesehen hatten. Sie mussten nicht gucken, was das bedeutete: Mach den Stamm für die nächsten vier Wochen kopflos.

Keiner ließ es sich anmerken, aber jeder war froh, dass es nicht ihn getroffen hatte. Kadisha konnte sich aber ein kleines Grinsen nicht verkneifen, denn sie freute sich sehr darüber, dass es Intulo getroffen hatte. „Tja, jetzt können deine Laborratten zeigen, was sie können, oder nicht“, sagte sie mit Genugtuung in der Stimme.

„Ach halt die Klappe, ich glaube nicht dass deine kleine Hure, die Dayo sich hält, in der Lage wäre, ihn zu vertreten.“ Er sah seine Kollegin feindselig an und blickte wieder auf den blöden Würfel. Wütend schleuderte er ihn mit einer Hand vom Tisch und er blieb in einer Ecke liegen. Alle sahen dem Würfel hinterher.

„Wie kann man nur so ein schlechter Verlierer sein?“ Kadisha schüttelte den Kopf. „Du weißt ganz genau, dass Katu Dayo nicht vertreten kann.“ Sie wollte noch mehr sagen, aber Chuku schnitt ihr das Wort ab, weil alle wussten, dass sie kein Ende fanden. „Wer würfelt als Nächster?“

„Ich mach’s“, sagte Schango, auch wenn ihm nicht ganz so wohl war. Seine Oketa kämpften immer noch gegen die Plage der Insekten, das war noch nicht ausgestanden. Aber das hatte den Vorteil, dass eine zweite Katastrophe ihnen nicht zugemutet werden durfte. Also griff er sich seinen Würfel und ließ ihn fallen. Er rollte über den Tisch und blieb bei der elf liegen.

„Die elf. Ja!“ Schango klatschte in die Hände und war sichtlich zufrieden. Er hatte den Joker gewürfelt und für die nächsten vier Wochen konnte sein Stamm verschnaufen, denn sie wurden nicht behelligt. Darum war er zuversichtlich, dass sie ihr Käferproblem unbeschadet überstehen würden. Ein neidischer Blick fiel auf ihn und Intulo knurrte leise. Er hatte immer noch nicht verdaut, dass er Dayo für vier Wochen außer Gefecht setzen musste. Er hatte noch keine Idee wie, ohne dass sein Stammesführer schaden nahm.

„Chuku, jetzt du“, sagte Schango und schob seinem Freund den Würfel rüber. Weil sein Stamm jetzt wieder vollzählig und deswegen auch produktiv war, machte er sich wenig Sorgen und so hob er eine Braue, als er die achtzehn sah. „Was war das noch mal?“, wollte er wissen und Asasa Yaa wälzte den Katalog. „Eine Krankheit bricht aus“, las sie vor und blickte auf.

„Och nee! Das geht nicht. Ich habe schon eine Katastrophe hinter mir. Ein anderer soll sie bekommen.“ Kadisha winkte gleich ab. „Vergiss es, ich übernehme diese Katastrophe nicht freiwillig. Dein Stamm  hat keinen Schaden erlitten, also behalte deine Krankheit mal schön selber.“

„Mist“, knurrte Chuku leise und sah zu Intulo, der an seinem Schachzug ebenfalls noch immer zu knabbern hatte. „Shakwe hat dieses Mal wieder ordentlich zu tun.“

Kadisha war noch dran mit würfeln und so rollte ein letztes mal für heute das kleine Ding über den Tisch, während Chuku schon begann, das Protokoll des heutigen Spieles zu schreiben und zu vermerken, was passieren muss.

„Die siebzehn“, verkündete die Göttin und blätterte auch gleich danach, was es bedeutete. „Das blaue Leuchten?“, las sie vor und verzog das Gesicht. Es war keine schlimme Katastrophe, aber es war lästig. Das Leuchten trat sporadisch auf und wer hinein guckte, war für eine Weile blind. Es war nichts, was schadete und es schränkte ihren Stamm nicht wirklich ein. Ganz im Gegenteil stärkte es die anderen Sinne ihrer Sato und das konnte in deren Beruf nicht von Nachteil sein.

„So, der Plan für die nächsten Wochen ist gesteckt, aber jetzt brauchen wir Shakwe, damit er weiß, was zu tun ist.“ Chuku wechselte das Protokoll der letzten Sitzung mit dem aktuellen aus, sodass der Nyokar auch lesen konnte, was ihm bevor stand.

Er schickte das Protokoll mit Anweisungen an den Nyokar. Der wusste schon, wie er seine Aufgaben erfüllen musste. Er hatte in einem gewissen Rahmen Handlungsfreiheit und er konnte selber entscheiden, wie er die Aufgaben erledigte. Dabei hatte er die Gottgleichen schon oft durch seine Kreativität überrascht.

Shakwe war aktuell der einzige Nyokar in den Cango Caves, doch er war nicht der einzige seiner Art. Chuku wusste noch von mindestens vier Exemplaren, die aus dem Experiment hervorgegangen waren und überlebt hatten. Doch ihre Dienste wurden in anderen Teilen der Welt gebraucht.

Shakwe selbst lebte ebenfalls im Höhlensystem der weitläufigen Cango Caves, doch war sein Reich nur durch einen Zugang zu erreichen, der unterhalb des Wasserspiegels des riesigen Sees führte. Anfangs hatte er mit in der Bonder-Einheit gelebt, die auf dem Grund des tiefen Sees verborgen lag, doch der Nyokar hatte sich eingeengt gefühlt. Er brauchte den Fels, das Wasser, die Nähe zu den Menschen. Es hatte sich einmal mehr gezeigt, dass er kein reiner Mensch war.

Erst bei seiner Arbeit hier hatten sie festgestellt, dass er durch seine schuppige Haut einen gewissen Schutz gegen die Strahlung hatte, wenn auch nur für ungefähr drei Stunden. Es reichte aber aus, um ihn noch effektiver nutzen zu können. Seine Augen schützte er dabei durch spezielle Linsen, die seine Sicht nicht behinderten.

„So, Shakwe hat die Liste. Ich habe die Bestätigung, dass er verstanden hat, was von ihm erwartet wird. Wir treffen uns in vier Wochen wieder hier, wenn nichts Unvorhergesehenes dazwischen kommt“, sagte Chuku. Er, Asasa Yaa und Intulo waren die einzigen von ihnen, die ständig auf Bonder 372 lebten und arbeiteten. Kadisha und Schango forschten noch an einem zweiten Projekt weiter oben im Zentrum des Kontinents.

Alle nickten und nur Intulo wusste, dass er nicht zulassen würde, dass diese dämliche Schlange seinem Dayo etwas tat. Und wenn er ein schlechter Verlierer war – na und? Er hatte seinen Stammesfürsten zu weit gebracht, als dass er zusah wie durch ein blödes Spiel sich seine Rolle in der Höhle veränderte.

Es war nämlich schon bei anderen Stämmen vorgekommen, dass nach dieser Prüfung das Vertrauen in den Stammesfürsten gestört war und er über kurz oder lang ausgetauscht wurde. Das konnte er nicht gebrauchen, denn Dayo war ein guter Anführer und es gab im Moment niemanden, der ihn ersetzen konnte. Er musste also etwas tun, damit Dayo auch Anführer blieb.

Und er hatte da auch schon eine Idee. Intulo lächelte, als er den Raum verließ. Er musste noch ein paar Vorbereitungen treffen.

 

02  

„Das blaue Licht, was für eine bescheuerte Erfindung“, knurrte Shakwe und rollte sich auf seinem Lager hin und her. An die Decke seiner Höhle hatte er die Liste projiziert, damit er anfangen konnte darüber nachzudenken, wie er die Aufgaben am besten umsetzen konnte.

Ein Feuer zu legen war nicht das Problem, auch wie er eine Krankheit in den Stamm brachte, wusste er bereits und er hatte ein reichliches Repertoire an niedlichen Krankheiten. Vielleicht war heute mal wieder ein Fieber fällig, wirkungsvoll aber eigentlich harmlos. Das blaue Leuchten war kein Problem, das kleine Gerät trug er auch zu Verteidigungszwecken immer bei sich – aber einen Stamm kopflos machen, das war gefährlich. Es konnte passieren, dass alles außer Kontrolle geriet und die Mitglieder des Stammes sich gegenseitig umbrachten, weil jeder jeden verdächtigte, an der Katastrophe schuld zu sein.

Also, was sollte er tun?

Er drehte sich auf seinem Bett und sah sich um. Er konnte eine seiner Krankheiten einsetzen. Das wäre eine Möglichkeit.

Nur welche?

Sie musste lange genug wirken, durfte aber keine Schäden hinterlassen. Das war nicht ganz einfach. Shakwe bog sich weit zurück. Sein Kopf berührte dabei seinen Hintern doch es entspannte ihn. So konnte er besser nachdenken. Er verschlang seine Finger mit den Zehen und schloss die Augen.

Seine Arbeit gefiel ihm, aber manchmal langweilte er sich ein wenig. Darum trieb er sich oft bei den Stämmen herum und studierte sie. So konnte er effektiver arbeiten, weil er wusste, was er tun musste, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen. Ja, eine Krankheit war wohl das Beste, um einen Stamm kopflos zu machen.

Schade dass es ausgerechnet die Matumba treffen sollte. Sie waren der Stamm, der am besten organisiert war. Wenn alles andere am Rande des Chaos tänzelte, fanden sie für alle den Weg zurück in die Mitte. Wenn es schlecht lief, machten sie nicht nur den Stamm sondern die komplette Welt der Cango-Caves kopflos. Er musste vorsichtig sein. Vielleicht sollte er lieber mit einem Gift arbeiten, das lähmte. Er hatte ein paar schöne Mittelchen in seinem Vorrat. Und wenn er merkte, das alles gegen die Wand lief, konnte er immer noch das entsprechende Gegenmittel spritzen. Bei Krankheitserregern funktionierte das nicht so einfach.

„Machen wir das so“, murmelte Shakwe und ließ seinen Zehen los, um sich wieder gerade hin zu legen. Es blieb ihm überlassen, wann er anfing, aber bei so einer komplexen Aufgabe sollte er schnell beginnen.  Darum stand er auf und ging zu dem Schrank mit seinen Giften rüber, um sich etwas Passendes auszusuchen.

Er aktivierte das Licht im Schrank. Eigentlich brauchte er das nicht. Er sah im Dunkeln unglaublich gut, er spürte die Wärme, roch den Gegner, doch er liebte den Anblick, wie die farbigen Flüssigkeiten angeschienen wurden und leuchteten. Sie waren sein ganzer Stolz denn sie waren sein Hobby. Er experimentierte mit ihnen und keiner konnte sie so gut dosieren wie Shakwe. Er griff gezielt ein rotes Fläschchen, sein Lieblingsgift. Er nannte es sleeping well und so wirkte es auch. Der Betroffene schlief friedlich, und nichts konnte ihn wecken außer das Gegenmittel. Der Körper verfiel in eine Art Winterschlaf, der Stoffwechsel fuhr runter und hielt den Körper so trotz mangelnder Nahrung am Leben.

Er nahm das Fläschchen mit an den Arbeitstisch und zog sich Handschuhe an. Ihm konnte das Gift zwar nichts anhaben, aber er wollte nicht, dass vielleicht Keime mit dem Gift in den Körper des Opfers gelangten. Routiniert portionierte er das Gift und verstaute die kleinen Spritzen in der Halterung, die er am Körper trug, dort waren sie geschützt, wenn er sich durch die Höhle bewegte.

Die Matumba lebten am anderen Ufer des riesigen Sees und so war der Weg, den Shakwe zurücklegen musste, nicht gerade kurz. Doch er war trainiert, er beherrschte seinen Geist und seinen Körper und so tauchte er aus seiner Höhle, schwamm eine ganze Weile unweit des Ufers kurz unter der Wasseroberfläche und ging an einer geschützten Stelle unweit eines Krals an Land. Es war der Heilige Platz, doch das war er erst geworden, seit Shakwe hier regelmäßig an Land gegangen war und man ab und an den Schatten hatte huschen sehen. Man glaubte, dass hier der böse Wassergeist wohnte, der ihnen nur Schaden brachte.

Manchmal musste er schon darüber schmunzeln, für wen sie ihn bei den einzelnen Stämmen hielten. Mal war er ein böser Wassergeist, mal ein Windgeist, ein Erdgeist, oder die große Mutter. Über eine Bezeichnung freute er sich besonders, da war er die Heilige Schlange. Das kam der Realität – wie er fand – doch ziemlich nahe. Ungesehen huschte Shakwe hinter ein paar Felsen. Hier streifte er seine zweite Haut ab, ein Neoprenanzug der ihn vor der Kälte des Wassers schützte. Doch ohne ihn war Shakwe an Land besser unterwegs, denn das Fremde Material hinderte seine Sinne daran, voll genutzt zu werden.

Ein Blick reichte, und Shakwe wusste, wo er suchen musste. Der Kral von Dayo lag südlich des Heiligen Ortes. Also lief er los. Es war bereits spät, es sollte also bald möglich sein, den Fürsten im Schlaf zu erwischen.

Er kannte alle Verstecke und so suchte er sich einen sicheren Platz, um abzuwarten, bis in der Hütte das Licht gelöscht wurde. Es waren nur zwei Personen dort drinnen, der Fürst und sein Sato-Liebhaber. Das dürfte kein Problem geben, hinein zu huschen und wieder hinaus. Zwar war Dayo ein fähiger Mann, aber dieser Katu war mit seiner blassen Haut eher schmächtig, doch auch er war sicherlich nicht zu unterschätzen. Zumindest tat Shakwe das nicht, denn er wusste, dass der Schlüssel zum Tod der Leichtsinn war.

So wartete der Nyokar noch eine Weile, ehe er von seinem Fels glitt und sich im Schatten der Dunkelheit näher schlich. Um einen geregelten Tag- und Nacht-Zyklus zu erzielen, strahlte der See tagsüber. Und wenn in Bonder 372 das Glasdach geschlossen wurde, dann drang auch kein Licht mehr durch das Wasser in die Höhle.

Shakwe betrat die Höhle und sah sich um. Dayo und Katu lagen auf ihrem Lager und schliefen, so wie er es erwartet hatte. Darum schlich er näher und kniete sich neben den Fürsten, in dieser Bewegung griff er sich eine der kleinen Spritzen und wollte sie gerade durch die Haut stechen, als er einen Schlag gegen den Kopf bekam. Erschrocken wollte er herum wirbeln, aber ihm schwanden die Sinne. Das letzte, was er wahrnahm, war Dayo, der nicht wie erwartet im Bett lag, sondern ihn niedergeschlagen hatte.

Was passierte hier?

Er hatte doch die Wärme der Körper auf dem Lager gespürt, hatte Dayo gerochen.

„Den Sack über den Kopf, schnell. Er soll giftig sein, hat der Geist gesagt!“

Shakwe spürte noch den Stoff auf seiner Haut, dann nichts mehr.

„Wer... was ist das?“, wollte Katu wissen. Er zog sich die leichte Leinendecke fester um die Schultern und blickte auf Dayo, der gerade mit einem seiner Soldaten den Fremden zu Boden rang. Doch der bewegte sich nicht mehr. So war es nicht schwer, ihn zu fesseln.

„Das hat der Geist nicht gesagt, nur dass er gefährlich ist und wir vorsichtig sein sollen.“ Dayo sah auf das gefesselte Wesen und wusste selber nicht, was er davon halten sollte. „Bringen wir ihn an einen sicheren Ort, wo er nicht fliehen kann und wenn er wieder wach ist, werden wir schon herausbekommen, wer er ist.“

„Bring ihn weit weg, Dayo“, sagte Katu und hob die Schultern. Er fühlte sich gerade nicht sehr wohl, als Köder missbraucht worden zu sein. Doch für Dayo tat er alles.

Der kniete derweil immer noch neben dem Wesen. Er konnte noch immer nicht glauben, dass die Geister endlich zu ihm gesprochen hatten. Dann hatten sie ihn auch noch vor dem sicheren Tod bewahrt, er konnte nur ein Auserwählter sein. Anders konnte er sich das nicht erklären.

Dayo wusste schon genau, wo sie das Wesen unterbringen konnten. Sie hatten eine kleine Nische der Höhle zu einer Art Zelle abgeteilt und dort hin brachten sie das bewusstlose Wesen. Vorsichtig zog er Shakwe den Sack vom Kopf und hatte jetzt endlich Gelegenheit ihn sich näher anzusehen. Die schuppige Haut faszinierte ihn und vorsichtig strich er mit einem Finger darüber. Sie fühlte sich weich an, ganz anders als er vermutet hatte. Und ganz trocken.

Doch dann straffte er sich wieder. Das Ding hatte ihn töten wollen, er durfte keinerlei Sympathie aufkommen lassen. So erhob er sich und sah seinen Wächter fest an. „Sobald er sich regt, weck mich. Wir müssen bei dem Ding auf alles gefasst sein.“ Er hasste es, wenn er Gegner hatte, die er nicht einschätzen konnte. Ein letzter Blick auf den schuppigen Körper, dann ging er wieder hinüber zum Lager, zog Katu an sich, der immer noch zitterte. Der Sato drängte sich an ihn und klammerte sich regelrecht an ihm fest.

„Wir sollten ihn töten, wenn er so gefährlich ist, wie der Geist sagte“, murmelte er dabei und sah seinen Geliebten an. Ihm machte die Vorstellung Angst, dass so ein Wesen durch das Dorf schlich und noch niemand ihn bisher bemerkt hatte.

„Katu“, sagte Dayo und sah noch einmal zu der Nische, in der das Wesen lag. „Der Geist hat verlangt, dass wir das Ding nicht töten und ich werde seinem Willen nicht zuwider handeln. Ganz bestimmt nicht.“ Dayo hatte keine Angst, doch er hatte Respekt vor dem Geist. „Wir werden es studieren und vielleicht sagen uns die Geister, was wir mit ihm machen sollen.“

„Ich halte das nicht für gut, Dayo“, flüsterte Katu, beruhigte sich aber langsam wieder. „Warum wollte er dich überhaupt töten?“, fragte er nachdenklich, „und wer hat ihn geschickt?“ Er küsste seinen Geliebten kurz und wollte sich lieber nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn der Anführer der Matumba jetzt tot wäre.

Wer hätte einen Vorteil davon?

„Das weiß ich auch noch nicht, Katu. Aber zerbrich dir nicht deinen hübschen Kopf. Wir schlafen eine Nacht drüber und wenn das Ding wach ist, wird es uns Rede und Antwort stehen“, versicherte Dayo, um seinem Geliebten die Angst zu nehmen. Er spürte das Zittern des schmalen Körpers und zog ihn dichter zu sich, breitete dann die Decke über sie beide. Katu war um viele Tage jünger als er selbst und so weckte er immer den Beschützerinstinkt in Dayo.

Katu genoss es sichtlich dass die starken Arme sich um ihn legten und kuschelte sich näher. „Ich habe Angst, dass noch mehr wie er kommen. Was machen wir dann? Ihn haben wir nur erwischt, weil wir gewarnt wurden, aber wird der Geist das immer tun?“ Der Sato konnte einfach nicht abschalten. Er machte sich zu viele Sorgen.

„Katu, mein schöner, mach dir keine Gedanken. Wir werden schlauer sein, sobald wir ihn zum Reden gebracht haben“, sagte Dayo und merkte selbst, dass in seinem Kopf gerade ein Wandel vorgegangen war, aus dem Ding war ein er geworden – doch war er überhaupt männlich? Gab es bei denen, was er war, Männer und Frauen? Dayo schüttelte den Kopf. Das war doch irre.

„Und selbst wenn es mehr von ihnen gäbe, noch leben wir und daran wird sich auch nichts ändern. Und nun schlaf, der morgige Tag wird lang.“ Seine Hände strichen beruhigend über Katus Rücken.

„Hmm.“

Katu war mit der Antwort nicht zufrieden, aber er sah ein, dass seine Fragen jetzt nichts brachten. Nur dieses Wesen konnte ihnen die Antworten geben. darum legte er seinen Kopf auf die starke Schulter und schloss die Augen.

Anders als Dayo. Der lag auf dem Rücken und sein Kopf wandte sich im Dunkel der Nacht immer wieder zum Verlies, vor dem der Soldat Wache hielt und den Fremden nicht aus den Augen ließ. Er stellte sich die gleichen Fragen wie Katu: Wer war das und warum hatte er Dayo töten wollen? Was sollten sie machen und was geschah, wenn es noch mehr von denen gab?

Doch dann fielen auch ihm die Augen zu, denn der Tag war lang gewesen und die streichelnde Hand auf seiner Brust lullte ihn ein.

Shakwe in seinem Verlies hingegen, war hellwach. Seine Bewusstlosigkeit hatte nicht lange gedauert und nun lag er immer noch bewegungslos, um sich nicht zu verraten. Er musste erst einmal seine Lage analysieren. Er war gefesselt und eingesperrt, so viel hatte er schon herausbekommen, als er sich vorsichtig umgesehen hatte. Vor seiner Zelle stand eine Wache, also hatte er sich entschlossen, erst einmal abzuwarten und so viel heraus zu bekommen, wie möglich.

Er ließ seine Sinne streichen und versuchte auszumachen, mit wie vielen Menschen er rechnen musste. Doch es waren nur drei – Dayo und sein Gespiele und dann diese Wache. Er hörte nur drei Menschen atmen, konnte nur drei verschiedene Menschen riechen. Er war sich also sicher. Noch immer hatte er die kleinen Giftphiolen bei sich und war bereit sich zu verteidigen, sobald er die Möglichkeit hatte.

Mit drei Gegnern konnte er fertig werden, wenn es sein musste. Er musste nur seine Chance nutzen, wenn sie da war. In der Nacht bereitete er sich geistig darauf vor, dabei lockerte er seine Muskeln und spannte sie immer wieder an, damit sie warm und geschmeidig blieben. Wenn alles gut ging, war er bald wieder frei.

Ihn ärgerte es, dass die Matumba ihn instinktiv so verschnürt hatten, dass er trotz seiner Gelenkigkeit nicht aus den Stricken schlüpfen konnte. Er versuchte durch leichtes Scheuern den Strich mürbe zu machen, doch so richtete er das Interesse der Wache auf sich. Also unterließ er es wieder. Nicht dass man unnötig auf ihn aufmerksam wurde.

Er konnte nur hoffen, dass seine Auftrageber bald dafür sorgten, dass er hier wieder raus kam, schließlich hatte er noch ein bisschen was zu tun. Es lag also in deren Interesse, dass er nicht lange gefangen blieb. Allerdings war seine Arbeit jetzt wesentlich schwieriger geworden, denn nun wusste man von seiner Existenz. Aber darüber konnte er sich Gedanken machen, wenn er wieder in seiner Höhle war.

Es wurde heller und er machte sich bereit, denn bald würden sie kommen, um nach ihm zu sehen und Fragen zu stellen. Er behielt die Wache durch den Verschlag hinweg im Auge, doch er zuckte sich nicht. So war das erste, was er hörte, die Frage des Fürsten: „Was macht er, das Ding?“

„Gar nichts“, entgegnete die Wache und Shakwe hätte am liebsten verächtlich geschnaubt.

Nichts!

Wenn der Blödmann wüsste.

„Es ist immer noch bewusstlos?“, fragte Dayo ungläubig. So fest hatte er doch gar nicht zugeschlagen. hatte er das Wesen so schwer verletzt? Das konnte er sich fast nicht vorstellen. „Ich will nach ihm sehen“, sagte er und bedeutete der Wache, die Tür zu öffnen.

„Keine gute Idee, Dayo“, entgegnete die Wache, „ich trau dem Ding nicht über den Weg.“ Latif hatte das Ding immer noch im Auge. Draußen war es heller geworden und so hob das Ding sich besser vom Felsen ab. Doch auch wenn es noch genau so lag, wie sie es gestern dorthin geworfen hatten, rechnete er mit allem.

Doch als Dayo ihn aus geschlitzten Augen anblickte, wich er zurück. „Wie du willst.“

„Es ist gefesselt, was soll passieren? Von seinen Zähnen halte ich mich fern.“ Dayo nahm sich einen Speer, denn ganz ungeschützt wollte er sich nicht in die Zelle begeben. Er trat in den kleinen Raum und stieß das Wesen mit der Speerspitze an.

 

Alles was sich regte waren Shakwes Pupillen. Er fixierte den Mann vor sich und die Tür, die zwar angelehnt war, aber von der Wache versperrt wurde. Er schien bereit, seinen Fürsten zur Hilfe zu eilen falls nötig. Der Nyokar schätzte seine Chance und nickte sich dann innerlich zu. Er spannte sich an und mit einer geschickten Bewegung seines ganzen Körpers bekam er so viel Schwung, dass er auf die Füße kam und sich auf Dayo werfen konnte. Dabei rutschte der Speer über einen Teil der Fesseln, schnitt sie auf und verletzte so auch Shakwe, doch das Adrenalin ließ ihn nichts spüren. Er drückte den Fürsten an die Wand und sprang mit aller Kraft gegen die angelehnte Tür.


03 

Geistesgegenwärtig stemmte die Wache sich gegen die Tür und konnte Shakwe so daran hindern, aus der Zelle zu fliehen. Durch den Schwung prallte der Nyokar von der Tür ab und verlor das Gleichgewicht, weil seine Beine noch gefesselt waren. Das gab dem Wächter die Zeit, in die Zelle zu kommen. So konnten er und Dayo, der sich ebenfalls wieder aufgerappelt hatte, ihn wieder mit ihren Speeren an einer Wand festhalten.

Abermals verletzten die scharfen Waffen die schuppige Haut und Shakwe zischte leise. Feindselig sah er die beiden an. „Hab ich doch gesagt“, knurrte Latif und kam mit einem zweiten Seil wieder. Er fesselte Shakwe erneut, achtete auch darauf, die Stricke fest zu ziehen, bis der Gefangene stöhnte. Nicht dass der sich noch einmal befreien konnte.

Dayo sah ziemlich geschockt aus und erst als ihr Gefangener wieder verschnürt war, atmete er auf. „Wer und was bist du?“, fragte er und sah sich den blutenden Mann an. Die Schnitte mussten versorgt werden, wenn sie nicht wollten, dass er starb, darum rief er nach Katu, dass er ihm Verbandszeug bringen sollte.

Shakwe beschloss erst einmal nichts zu sagen. Sollten sie ihn für ein Tier oder ein Ding halten, man wusste nie, ob man das nicht irgendwann noch einmal ausnutzen konnte. So starrte er weiter Dayo an, der vor ihm kniete, während Latif mit einem Speer jetzt den Fremden in Schach hielt.

Katu ließ sich Zeit, denn er verstand nicht, warum man einen, der den Fürsten hatte töten wollen, jetzt retten sollte. Wer es gewagt hatte, seinen Dayo zu verletzen, sollte leiden. Unendliche Qualen. Und so dauerte es eine Weile, bis Katu die Tür öffnete und mit Kräutern und Wasser herein kam.

„Danke Katu.“ Dayo nahm seinem Geliebten die Sachen ab und begann die Wunden zu versorgen. Ihr Gefangener hatte eine Menge Schnitte abbekommen, aber sie waren zum Glück alle nicht sehr lang und sehr tief, so dass sie ohne Probleme heilen mussten. Katu hingegen sah den Fremden feindselig an. „Hat er schon etwas gesagt?“

„Nein“, entgegnete Latif und drängte Katu wieder etwas in den Hintergrund. Er traute dem Ding nicht und der zierliche junge Mann wäre die perfekte Geisel. Das musste er um jeden Preis unterbinden.

Shakwe hingegen beobachtete die Szene und versuchte sich jede noch so gering wirkende Kleinigkeit zu merken. Er wusste nie, wann er sie gebrauchen konnte. Und es lenkte ihn vom Schmerz ab, denn das Zeug, was Dayo ihm auf die Wunden schmierte, brannte wie die Hölle. Das konnte doch gar nicht helfen. Eine Entzündung war bereits vorprogrammiert. Er musste unbedingt hier raus, wenn er seine Wunden säubern und versorgen wollte. Aber so eine Chance wie gerade würde er wohl nicht mehr bekommen. Dieser Wächter war jetzt vorgewarnt und hatte gute Reflexe.

Dayo versorgte Shakwe und stand wieder auf. „Bringt ihm etwas zu essen und zu trinken, danach werden wir ihn noch einmal verhören.“

„Warum das wenige teilen mit jemandem, der dich töten wollte?“ Katu verstand beileibe nicht, warum sein Geliebter solch einen aufriss um den Fremden machte. Er selbst würde ihn einfach entsorgen, das minimierte das Risiko.

Latif schob den Sato aus dem Verlies und ließ die unqualifizierte Frage unbeantwortet. So konnte nur jemand reden, der wirklich keine Ahnung hatte. Doch er enthielt sich seines Urteils, es stand ihm nicht zu. Allerdings fühlte er sich auch nicht dazu bemüßigt, dem jungen Sato Lehrstunden in Politik zu geben.

„Schatz, der Geist hat verlangt, dass wir ihn am Leben lassen, darum werde ich ihn mit allem versorgen, was er benötigt, bis der Geist uns etwas anderes sagt.“ Dayo versuchte nicht genervt zu klingen, denn er hatte schon mehrmals erwähnt, warum der Gefangene nicht getötet werden sollte. „Wir werden ihn nachher verhören, dann werden wir vielleicht raus bekommen, wer ihn geschickt hat und warum er mich töten wollte.“

„Wenn’s sein muss“, knurrte Katu und verschwand unter dem Wasserfall. Er wollte sich frisch machen. Das gemeinsame Frühstück des Stammes im Versammlungsbau hatte bestimmt schon begonnen.

Latif sah ihm nach und kam wieder zu seinem Fürsten. „Dayo, ich kümmere mich um ihn“, sagte er und hatte eine Decke geholt, auf die der Fremde sich legen konnte. Die Order lautete, er musste überleben, so war es das Beste, wenn er mit den Wunden nicht im Staub lag.

„Danke Latif, ich schicke dir Unterstützung. Wir dürfen ihn nicht unterschätzen, wie wir gesehen haben.“ Dayo war noch immer geschockt von dem Angriff, auch wenn er sich nichts anmerken ließ. Er hatte noch nie so eine Kraft und Geschmeidigkeit gesehen. Und einmal mehr fragte er sich, um was es sich bei ihrem Gefangenen handelte. Er sah aus wie sie und doch wieder nicht, die Haut, die Augen.

Doch dann wandte sich Dayo ab und verließ seinen Wächter. „Kwame wird dir etwas zu essen mitbringen und auch für unseren Gast.“ Dann verließ er die Höhle, er musste seinen Clan informieren und sehen, ob jemand sich verdächtig verhielt. Zwar wollte er nicht glauben, dass der Angriff aus den eigenen Reihen kam, doch mal sollte alle Möglichkeiten prüfen.

Er konnte schon die aufgeregten Stimmen hören, als er  auf das Gemeinschaftshaus zuging. Die Stimmen verstummten aber sofort, als er das Haus betrat und zu seinem Platz ging. Die Augen folgten ihm, bis er saß und dann wurde er mit Fragen bestürmt. „Langsam“, bat er und hob die Hand. „Ich bin nicht verletzt und wir wissen noch nicht, wer der Fremde ist, der mich angegriffen hat“, beantwortete er die am meisten gestellten Fragen.

„Wo ist er?“

„Was hast du mit ihm vor?“

„Wer hat ihn geschickt?“

Die Fragen überschlugen sich und immer wieder mahnte Dayo seinen Stamm zur Ruhe. Er konnte ihnen auch nur das sagen, was er wusste und im Augenblick war das nicht viel. Er verweigerte aber seinen Leuten, den Fremden zu begaffen wie ein Tier. Er verschwieg auch, dass der Fremde ihnen zwar ähnlich sah, aber doch etwas anderes zu sein schien.

Katu hatte sich wie immer neben ihn gesetzt und schwieg. Er war zwar anderer Meinung als der Stammesführer, aber ihn vor seinem Volk zu kritisieren, kam nicht in Frage. Er musste sich später, wenn sie alleine waren mit Dayo unterhalten. Ihm gefiel es auch nicht, als Kwame mit dem Essen zu Latif ging. Sollte dieser Kerl doch verhungern und verdursten. Doch er vermied es auch hier, sich einzumischen. Er hatte die Zurechtweisung sehr wohl verstanden, was aber noch nicht hieß, dass er sie auch akzeptieren musste. Ihm war gleich was der Geist verlangt hatte, die Geister machten doch sowieso was sie wollten. Schickten Krankheiten und Nöte nach Gutdünken. Die waren ihnen nicht wohl gesonnen, da war sich Katu sicher.

Darum beteiligte er sich nicht an der Diskussion, aber er merkte, dass nicht alles Dayos Meinung darüber waren, dass der Attentäter nicht getötet werden sollte. Er wurde hitzig und lautstark diskutiert und das einzige Zugeständnis, das der Stammesfürst machte, war die Möglichkeit der Folter, wenn der Gefangene nicht kooperieren sollte.

„Halt ich nicht für gut“, sagte Ginga leise. Die alte Frau war extrem abergläubisch und zu hören, was der Geist verlangt hatte, war für sie Gesetz. Dem Fremden durfte nichts passieren. „Wir gaben uns unser Grab, wenn wir ihn anfassen.“

„Ach halt doch die Klappe, du und deine komischen Geschichten“, rief ein anderer. „Der Geist hat nur gesagt, er darf nicht sterben, alles andere war doch gar nicht im Gespräch!“

„Leute, bitte. Ich glaube nicht dass es Sinn macht, dass wir uns über den Fremden entzweien“, sagte Dayo. Das war das letzte, was er gebrauchen konnte.

„Es ist unsere letzte Option. Hoffen wir, dass es nicht so weit kommt.“ Dayo sah in die Runde und bis auf Ginga nickten alle. „Gut.“ Er erhob sich. Mittlerweile durfte der Gefangene versorgt worden sein und konnte befragt werden. Vielleicht war er kooperativer, wenn er merkte, dass sie ihn nicht töten wollten.

„Du hast kaum was gegessen, Dayo“, sagte Katu leise, hielt den Kopf dabei aber gesenkt, damit kein anderer sie hörte. Denn es geziemte sich nicht, dass der junge Sato es wagte, den Fürsten zu kritisieren. Er machte sich aber nur Sorgen, dass sein Geliebter über dem Fremden noch seine eigene Gesundheit vergaß.

Aber sein Geliebter lächelte und drückte kurz Katus Schulter. „Ich esse später noch etwas“, sagte er weich und Katu atmete auf. Er war zwar nicht mit der Antwort zufrieden, aber was sollte er machen. So konnte er Dayo nur hinterher sehen, wie er aus der Hütte trat. Anfänglich war Katu ihm auf Schritt und Tritt gefolgt, weil er bei dem neuen Stamm nicht gern gesehen war. Doch mittlerweile hatte man Katu akzeptiert. Er hatte sich seinen Rang im Clan erarbeitet, weil er sich auch nicht alles hatte gefallen lassen. So war es nicht selten, dass er noch sitzen blieb und sich mit ein paar anderen unterhielt, wenn Dayo schon gegangen war.

So wie jetzt und Katu wäre ihm am liebsten hinterher gelaufen, aber Dayo hatte deutlich gemacht, dass er niemanden bei dem Gefangenen haben wollte. So wollte er das Risiko minimieren, dass noch einmal jemand bei einem Ausbruchsversuch verletzt wurde.

„Und?“ Dayo betrat seine Höhle. Kwame und Latif waren beide im Verlies und während einer mit der Waffe in der Tür stand, fütterte der anderen den Fremden. Das Risiko, die Stricke zu lockern wollten sie nicht eingehen. Dayo besah sich die Szene kurz und nickte, denn Kwame als auch Latif hatten den Fremden nicht verletzt und behandelten ihn gut. „Hat er sich mal geäußert?“, wollte der Fürst wissen, als er sich neben den Fremden kniete. Die Wunden sahen für seine Begriffe gut aus.

„Nein, er hat keine unserer Fragen beantwortet.“ Latif gab Kwame die Wasserschale und behielt dabei den Gefangenen im Auge. Sein Freund musste beim Füttern nahe an die gefährlichen Zähne. Aber bisher war der Gefangene erstaunlich friedlich, was ihn ein wenig nervös machte. Dass jemand so schnell aufgab, hatte er noch nicht erlebt, also schien der Fremde etwas zu planen. So wie er sie ansah, nahm er jede Regung in sich auf und Latif fühlte sich in der Gegenwart des Fremden nicht wohl.

Gern würde er ihn wegbringen, weg vom Fürsten doch dieses Verlies war das einzige, das wirklich gut zu bewachen war, außerdem war er sich nicht sicher, was geschah, wenn nicht Dayos Autorität den Fremden beschützte.

„Wer bist du und wer hat dich geschickt? Warum solltest du mich töten?“, fragte Dayo, auch wenn er keine großen Hoffnungen hatte, dass er eine Antwort bekam. Und genauso war es auch. Zwar legte sich der Blick der gelben Augen mit den geschlitzten Pupillen auf ihn, aber der Gefangene sagte kein Wort. „Kannst du nicht reden?“, fragte Dayo deshalb, denn diese Möglichkeit war ihm gerade eingefallen.

Doch auch darauf reagierte Shakwe nicht. Wenn er den Kopf schüttelte, dann wussten die drei, dass er verstand, was sie sagten. Das brauchten die Matumba aber wirklich nicht zu wissen. Viel mehr beschäftigte ihn die Frage, warum seine Auftraggeber das hier zu ließen. Sie konnten ihn doch nicht einfach diesen Leuten ausliefern. Er hatte doch nur Befehle befolgt, dafür sterben zu müssen war nicht gerecht.

Doch dann lachte er innerlich: gerecht – seit wann waren die Gottgleichen gerecht?

Was war gerecht daran zu würfeln, was einem Stamm geschah?

Was war gerecht daran, Lebensmittel zu verknappen oder den Anführer zu töten, nur weil die Würfel gefallen waren?

Dayo sah die kurze Regung in dem Gesicht des Gefangenen, konnte sie sich nicht erklären oder deuten. Hatte das Wesen ihn verstanden? Frustriert knurrte der Stammesführer auf und Latif lachte leise. „Auch gescheitert. Wir haben auch nicht mehr erreicht. Sieht nicht so aus, als wenn er freiwillig mit uns reden möchte.“

„Ihr wisst, was das heißt, auch wenn ich eigentlich gern darauf verzichtet hätte“, sagte Dayo und sah den Fremden intensiv an. Wenn er ihn verstand und wenn er einigermaßen intelligent war, wusste auch er, was der Matumba-Fürst andeutete. Er gab ihm also noch einmal die Chance zu kooperieren und Dayo hoffte inständig, dass er doch noch umschwenkte, denn Gewalt vermied Dayo gern, wenn es nicht unumgänglich war.

Die beiden Wächter sahen sich an und Latif schüttelte den Kopf. „Bewachen ja, aber für das, musst du dir jemand anderen suchen.“ Eine andere Person zu quälen, ob notwendig oder nicht, war nicht sein Ding genauso wenig wie für Kwame. Shakwe ließ Dayo nicht aus den Augen. Er hatte verstanden, was dieser andeuten wollte, aber davon ließ er sich nicht beeindrucken und schwieg weiter.

Er konnte Schmerzen in einem gewissen Maße verdrängen. Das hatte schon mehrfach funktioniert, als er sich bei einem Einsatz verletzt hatte und auf sich selbst gestellt war.

„Mir gefällt das ja auch nicht“, zischte Dayo leise und schnaubte. „Doch was nutzt es denn, wenn er nicht reden will und ich bin mir sicher, dass er uns ganz genau versteht!“ Und genau das ärgerte Dayo. Der Kerl versuchte sie für dumm zu verkaufen. Glaubte der wirklich, Dayo würde nur drohen? Er verlor gerade sein Gesicht. Das konnte er nicht zulassen.

Jetzt blieb nur noch das Problem, wen er damit beauftragen sollte. „Befragt ihn weiter, wenn er nicht kooperiert, werde ich mich um ihn kümmern.“ Dayo verabschiedete sich von Latif und ging nachdenklich tiefer in seine Höhle, zu seinem Wohnbereich, wo schon Katu auf ihn wartete. „Was ist los Schatz?“, fragte der Sato auch gleich und kam zu ihm. Sanft legte er seine Hände auf Dayos Hüften und lehnte sich gegen dessen Brust. So begrüßten sie immer einander und beide genossen die Nähe der Berührung.

„Der Kerl sagt nichts und wenn wir etwas aus ihm heraus bekommen wollen, müssten wir schon etwas Nachdruck verwenden. Aber Latif und Kwame weigern sich und ich werde sie auch nicht dazu zwingen. Es widerstrebt mir ja selbst, Gewalt anzuwenden und der Geist hatte auch verlangt, dass der Fremde unbehelligt bleibt, aber ich muss wissen wer ihn schickt.“ Dayo war zum Ende hin immer leiser geworden.

„Ich mach es!“, sagte Katu sofort und sah Dayo an.

„Du?“, fragte der auch gleich und sah seinen Geliebten überrascht an.

„Ich kenne den Körper durch meine Ausbildung und ich denke, die Grenze zwischen Lust und Schmerz ist fließend. Wenn du mich lässt, dann werde ich das übernehmen.“

Dayo wusste nicht was er sagen sollte. Er blickte auf seinen Geliebten hinab und strich ihm durch die Haare. Er konnte sich seinen saften Katu nicht dabei vorstellen, einen sturen Attentäter zum Sprechen zu bringen. „Ich habe Sorge um dich“, sagte er und genau das war der Grund, warum er nicht gleich freudestrahlend zusagte, weil sich jemand für diesen Job meldete. „Ich habe Sorge, dass du die Sache unterschätzt und selbst dabei kaputt gehst.“ Aber vielleicht bestand die Sorge auch eher darin, dass Dayo sich ängstigte, er könnte Katu dann nicht mehr so sehen wie jetzt, weil er sich in seinen Augen veränderte.

Katu freute sich, dass Dayo sich Sorgen um ihn machte und küsste ihn sanft. „Lass es mich probieren. Ich möchte zu deiner Sicherheit beitragen. Niemand darf dir etwas tun und wir müssen verhindern, dass es noch einmal passiert.“

„Ich habe kein gutes Gefühl dabei, Katu“, sagte Dayo leise und seine Stirn legte sich gegen die seines Geliebten. Es war so verlockend, ja zu sagen und jemanden gefunden zu haben für die dreckige Aufgabe.

Doch ausgerechnet sein kleiner zerbrechlicher Katu?

Das ging nicht.

Nicht in Dayos Kopf.

Doch er hatte auch keine Alternative, auf die er zurück greifen konnte und so war es wohl auch ein gewisses Maß an Pragmatismus, als er sagte: „Aber wenn es nicht geht, steigst du aus. Ich brauche dich noch.“

„Ich brauche dich doch auch. Darum will ich ja auch alles tun, um dir zu helfen.“ Katu freute sich über Dayos Entscheidung und umarmte seinen Geliebten. Dieser Attentäter würde sich noch wundern und besser reden, oder leiden. Er hatte nicht umsonst seine Ausbildung durchlaufen, er wusste ganz genau, wo der menschliche Körper den meisten Schmerz fühlte und auch wenn dieser Kerl nicht menschlich sein sollte, schmerzunempfindlich war er bestimmt nicht.

„Du versprichst mir trotzdem, dass du aufhörst, wenn du nicht mehr kannst. Du bist wichtiger als dieser Kerl. Wir werden schon einen Weg finden, am Leben zu bleiben.“

„Mach ich.“ Katu umarmte Dayo und zog ihn lächelnd zu ihrem Lager. „Setz dich Schatz, ich hol dir etwas zu essen. Du hast ja vorhin kaum etwas zu dir genommen.“ Er drückte seinen Geliebten an den Schultern auf das Bett und machte sich gleich wieder auf den Weg. Er hatte vom Frühstück etwas für Dayo mitgenommen und das brachte er ihm.

„Danke“, lächelte der Fürst, doch er durfte sich nicht sehr lange damit aufhalten. Der Tag war lang und hatte eine Menge Aufgaben, die verteilt und erledigt werden wollten. Auch wenn die Nacht etwas aus den Fugen geraten war, war das keine Entschuldigung dafür, sich zu verstecken oder gar zu schludern. Also aß er eilig und stellte dann den Teller beiseite. „Latif und Kwame werde ich informieren. Sie werden dich jederzeit zu ihm lassen“, erklärte Dayo dem Sato. Doch ob die beiden blieben, um ihn zu beschützen, das konnte er nicht sagen. Sie hatten klar gemacht, dass sie damit nichts zu tun haben wollten und das musste der Fürst respektieren.

Zur Not übernahm er selbst die Aufsicht.

Katu allein mit dem Fremden konnte er nicht riskieren.